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Title: Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre
Author: Braun, Lily, 1865-1916
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre" ***

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Memoiren einer Sozialistin


Lehrjahre


Roman

von

Lily Braun

Albert Langen, München

1909



An meinen Sohn


Die Rosen blühen und die Linden duften. Über dunkle Wälder und saftgrüne
Matten ragen die Berge meiner Heimat zum Himmel empor, an dem die Sterne
funkeln und strahlen, ungetrübt von den Dünsten der Städte und den
Nebeln der Niederung. Die grauen Felsriesen schimmern silbern im
Mondlicht, und in ihren tausend Furchen und Spalten glänzt noch der
Schnee.

Das ist die schönste Nacht des Jahres, die Nacht, in der's in Wald und
Feld von alten Märchen raunt und flüstert, die Nacht, mein Sohn, die
dich mir geschenkt: ein Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf Jahre sind
es heute. Ist es mir doch, als wäre es erst gestern gewesen, daß du an
meiner Brust gelegen, daß du die ersten Worte lautest, zum erstenmal die
Füßchen setztest. Und nun bist du ein großer Junge! Die Kindheit
bereitet sich aufs Abschiednehmen vor.

Fast am gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte sind es her,
daß auch ich zu Füßen dieser Berge meinen elften Geburtstag feierte. Die
Tafel bog sich damals unter der Fülle der Geschenke -- auf deinem Tisch,
mein Sohn, lagen heute neben dem duftenden Kuchen unsrer alten Marie nur
ein paar Bücher! --, und Eltern, Verwandte und Freunde umgaben mich,
mit schäumendem Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind
feiernd, -- wir dagegen waren heute allein und hatten nur tiroler
Landwein in den Gläsern. Das Geburtstagskind von damals war ein blasses,
langaufgeschossenes Mädchen mit einem alten, hochmütig-sarkastischen Zug
um den Mund, dessen Lächeln der Dankbarkeit nur die Frucht guter
Erziehung war; du aber bist ein blühender Knabe, der im Überschwang
seiner Freude seine Mutter und die alte Marie abwechselnd in tollem Tanz
auf der Wiese umherwirbelte. Nur zweierlei ist sich gleich geblieben --
damals und heute --: auf deinem Tisch wie auf dem meinen lag das erste,
langersehnte Tagebuch, dessen weiße Blätter so verlockend sind für ein
elfjähriges Herz, wie der Eingang ins Zauberreich des Lebens selbst, und
vor dir wie vor mir ragten dieselben Bergesriesen, und derselbe Wald
umrauschte unsre Kinderträume.

Mich hat mein Tagebuch durch's ganze Leben begleitet, und der
Gewohnheit, mir allabendlich vor ihm Rechenschaft abzulegen über des
Tages Soll und Haben, bin ich immer treu geblieben. Am Schlusse jeden
Jahres habe ich an seiner Hand den verflossenen Lebensabschnitt überlegt
und sein Fazit gezogen. Seine lakonischen Bemerkungen -- ein bloßes
trockenes Tatsachenmaterial -- bildeten den festen Rahmen, den die
Erinnerung mit den bunten Bildern des Lebens füllte, und unverzerrt
durch jene schlechtesten Porträtisten der Welt -- Haß oder Bewunderung
--, blickte mein Ich mir daraus entgegen.

Als ich diesmal aus der Tretmühle und der Fabrikatmosphäre meines
Berliner Arbeitslebens in unsre stille Bergeinsamkeit floh, nahm ich die
zweiunddreißig Jahreshefte meines Tagebuches mit mir. Generalabrechnung
muß ich halten.

Auf steilem Felsenpfad bin ich bis hierher gestiegen, meinem wegkundigen
Blick, meiner Kraft vertrauend, weit entfernt von den Lebenssphären, die
Tradition und Sitte mit Wegweisern versah, damit auch der Gedankenlose
nicht irre gehe. Jetzt aber muß ich stille stehen, muß Atem schöpfen,
denn die große Einsamkeit um mich her läßt mich schaudern. Wohin nun?
Hinab zu Tal, zu den Wegweisern? Oder weiter auf selbstgewähltem Steige?

Die Menschen zürnen mir, und alle nennen mich fahnenflüchtig, die
irgendwann auf der Lebensreise ein Stück Weges mit mir gingen; mir aber
erscheinen sie als die Ungetreuen. Wer hat recht von uns: sie oder ich?
Um die Antwort zu finden, will ich den letzten Wurzeln meines Daseins
nachspüren, wie seinen äußersten Verästelungen; und an dich, mein Sohn,
will ich denken dabei, auf daß du, zum Manne gereift, deine Mutter
verstehen mögest.

In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in der Sonnwendnacht, in
der ringsum auf den Höhen die Feuer glühen, in der Sonnwendnacht, wo
aufersteht, was ewigen Lebens würdig war, seien die Geister der
Vergangenheit zuerst heraufbeschworen.

Obergrainau, den 24. Juni 1908



Erstes Kapitel


Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre Dünen in die Ostsee
hinauszustrecken, und das Meer auf der einen, das Haff auf der andern
Seite das Land bespült, steht das Haus meiner Großeltern, in dem ich
geboren bin. Vor Jahrhunderten haben deutsche Ordensritter es als festes
Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut; der breite,
viereckige Turm, die dicken Mauern und der Graben ringsum erinnern noch
an seinen Ursprung. Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der als einer
der ersten im Samland zur Lehre Luthers übertrat, -- nicht aus
Gewissenszwang, denn das hätte dem blonden derben Junker aus dem
thüringischen Geschlecht der Golzows wenig ähnlich gesehen, sondern aus
Liebe zu einem schönen Fräulein, die ihn das Keuschheitsgelübde brechen
hieß. Er wurde auf dem Schloß von Pirgallen der Stammvater des
preußischen Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Großvaters. Mit
dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende Liebesleidenschaft
des Ahnherrn von Generation zu Generation zu vererben. Nur selten fügte
sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es galt, sich die
Eheliebste zu wählen, und so wurden viele fremde Blumen in den
nordischen Garten verpflanzt. Manch eine mag dabei im Frost erstarrt,
vom Meersturm zerzaust worden sein, andere aber blühten, trugen Frucht
und streuten den Samen ihrer Heimaterde in das Land, wo er üppig
aufging, so daß es zwischen den gelben Dünen, den weißen Birkenstämmen
und knorrigen Eichen gar seltsam anzuschauen war.

Auch meine Großmutter war solch eine fremde Blume gewesen: ein Kind der
Liebe, dem heimlichen Bund eines Königs mit einem kleinen elsässischen
Komteßchen entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden da
oben. Sie fror immer, saß auch im Sommer gern am Kaminfeuer der Halle,
und schwere schleppende Samtkleider, mit Pelz verbrämt, trug sie am
liebsten. Sie blieb auch einsam trotz der großen Kinderschar, die sie
umgab. Das Blut der Golzows war lebenskräftiger als das ihre, denn all
die Buben und Mädeln, die sie gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder:
mit hellen blauen Augen aus rosigweißen Gesichtern blickten sie in die
Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb ihnen Lebensinhalt.

An meine Mutter, ihr jüngstes Kind, die goldblonde Ilse, hatte sie sich
mit aller Kraft ihrer Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich
selbst in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gewändern
ihrer Phantasie in zärtlicher Selbsttäuschung alles, was ihr fremd war
an ihrer Tochter. Sie half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen,
der sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant
widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen Mann würde, so meinte
sie, ihr eigentliches Wesen erst zur Entfaltung bringen, -- das Wesen,
das sich schon deutlich genug dadurch auszudrücken schien, daß ihre Wahl
unter allen ihren glänzenden Bewerbern grade auf diesen gefallen war.
Sie wußte nicht, daß nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft --
heiß und kurz, wie die Sommer Pirgallens -- Ilse beherrschte. Ihr Gatte
kannte die Tochter besser als sie, darum gab er die Hoffnung nicht auf,
statt des »heimatlosen Landsknechts«, wie er ihren Erwählten, den
Leutnant Hans von Kleve, spöttisch nannte, einen der Standesherrn des
Landes als Schwiegersohn zu begrüßen.

Kleve besaß nichts als seinen guten Namen und seinen Ehrgeiz. Nachdem
sein Vater, ein leichtsinniger Gardeleutnant, mit dem spärlichen Rest
seines rasch verjubelten Vermögens und einer lustigen kleinen Frau,
deren bürgerliche Herkunft ihn den schönen bunten Rock auszuziehen
zwang, ein Gütchen in der Nähe Berlins erworben hatte, um dort nichts zu
tun, als zu sterben, war seiner Mutter kaum das notwendigste übrig
geblieben, um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen. Wie gut, daß
sie an Arbeit gewöhnt gewesen war ihr Leben lang! Zu stolz, die reichen
Verwandten ihres Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten
anerkennen wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich in eine kleine
märkische Stadt zurück, wo sie ihre Kinder mit eiserner Strenge und in
spartanischer Einfachheit erzog. Hans war zwölf Jahre alt, als er in
diese harte Schule genommen wurde. Er empfand die Beschränktheit des
Lebens am tiefsten und litt ständig unter den Anforderungen, die seine
Mutter an seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein
Liebesbedürfnis fand wenig Verständnis bei ihr, die unter dem dauernden
Druck quälender Sorgen die Zärtlichkeit glücklicher Mütter eingebüßt
hatte. Eine Schwester, die ihm im Alter am nächsten stand, und der er
sein ganzes Herz zuwandte, wurde ihm früh durch väterliche Verwandte,
die sich plötzlich der armen Witwe und ihrer Kinder erinnert hatten,
entrissen; so blieb er ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte
all seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben zu erobern.

Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen und trat in ein
Königsberger Infanterieregiment ein. Kavallerist zu werden, was er sich
gewünscht hatte -- denn die Reiterleidenschaft saß ihm tief im Blute --,
erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die Schwester, die von ihrem
reichen Onkel wie ein eignes Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, --
um ihre persönliche Stellung besorgt, -- rundweg abgeschlagen, eine
Zulage für ihn zu erbitten. Von selbst reichte des Onkels Generosität
über das Geburtstags- und Weihnachtsgoldstück und gelegentliche
Urlaubsreisen nach dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und so
bestand des jungen Mannes Dasein in unaufhörlichen Verzichtleistungen.
Er lebte nur seinem Beruf; sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit
völlig erstickt zu sein.

Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und alles, was an
Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt hatte von klein auf, brach
ungestüm hervor. Das Weib war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die
Arbeit hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene Reinheit
der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets als gemein empfinden lassen.
So vereinte sich in der ersten Liebe des Achtundzwanzigjährigen die
volle phantastische Schwärmerei des Jünglings mit der tiefen Neigung des
reifen Mannes. Die Erfüllung alles dessen, was er in seinen stillsten
Stunden für sich an Glück erträumt hatte, erwartete er von dem Besitz
dieses holden blonden Mädchens. Daß ihm dies Glück nicht kampflos in den
Schoß fiel, erhöhte nur seinen Wert für ihn.

Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit dem Ballsaal; er
entwickelte gesellige Talente, die bisher niemand in ihm vermutet hatte,
er wurde das belebende Element aller großen und kleinen Feste. Auf dem
Wege zwischen Königsberg und Pirgallen ritt er sein Pferd fast zu
Schanden, das er sich endlich als Regimentsadjutant halten konnte, und
auf den Schnitzeljagden stellte er durch seine Reiterkunst sämtliche
Kürassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives Verständnis für die
weibliche Natur lehrte ihn, daß Mädchen, wie die schöne Ilse, durch die
Bewunderung, die man ihnen abnötigt, am sichersten zu gewinnen sind. Von
dem Vater der Geliebten aber mußte er sich eine zweimalige Ablehnung
gefallen lassen; erst als er zum drittenmal wieder kam und die Tränen
Ilsens sich mit seinen Bitten vereinigten, während ihre Mutter alle
Gründe der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten zur Geltung brachte,
hieß er ihn -- mit aller Reserviertheit des Bezwungenen, nicht des
Überzeugten -- als Schwiegersohn willkommen.

An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die Trauung des jungen
Paares in der alten Pirgallener Dorfkirche statt. Als »Burg des
Christengottes«, so erzählt die Sage, galt sie einst dem heidnischen
Volk, und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern noch heut die
aus ungefügen Steinblöcken zusammengesetzten Mauern und der viereckige
Turm mit den kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz überwucherte.
Die dämmerige Halle verstärkte diesen Eindruck: vor dem Zeichen des
Speeres, dem Wappenbilde der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes,
und statt der Bilder des Heilands und der Apostel reihte sich ein
Grabstein neben dem andern an den Wänden, mit Ritterhelmen und
Schwertern geschmückt, oder mit steinernen Bildnissen, die alle
denselben Typus ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den
regelmäßigen, etwas leblosen Zügen und den hochmütig geschürzten Lippen
nun unter dem Stechhelm oder der Allongeperücke hervorsah. Auf den
Grabsteinen der Frauen erzählten die Doppelwappen, wie selten nur die
ritterbürtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und daß sie alle zu
einem Geschlechte gehörten: diese stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und
die vielen derer von Golzow, die sich in der alten Kirche
zusammenfanden, -- das bewiesen diese schlanken Menschen mit den
schmalen Handgelenken und den langen spitzen Fingern, die an harte
Arbeit nie gewöhnt gewesen waren. Nur daß die Kraft der Ahnen sich in
lässige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit einen leisen
Schein müder Dekadenz angenommen hatte.

Auch des Bräutigams Verwandte waren vollzählig erschienen. Sie hatten
sich die Teilnahme an dem Familienfest um so weniger entgehen lassen,
als Hans Kleves Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen ließ.
Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das Blut fahrender
Landsknechte und alt-nürnberger Patrizier mischte sich in ihren Adern,
und breit, groß und stämmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und
Wadenstrümpfe ihres bayerischen Berglands ließen ihnen besser, als Frack
und Zylinder, und seltsam stach vor allem des Bräutigams üppige
rotblonde Schwester Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner
Braut.

Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als bloße Glieder einer Familie,
traten zwei Erscheinungen aus dem großen Kreise hervor: die Mütter des
jungen Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf seine Höhen
geführt und in seine Abgründe hineingerissen, sie waren von ihm
gezeichnet; die eine -- das Königskind, das Kind der Liebe --, um deren
hohe Gestalt das Samtgewand wie ein Krönungsmantel niederfloß, deren
schwermütig-dunkle Augen Geist und Güte strahlten, -- die andere --, ein
Kind des Volkes und der Arbeit, die sich nicht zu Hause fühlte in dem
schwarzen Seidenkleid, deren harte Hände von zähem Fleiße, deren
durchfurchte Züge von eiserner Willenskraft sprachen, und in deren
braunen Augen doch der kecke Humor noch lachte, der über alles Ungemach
hinweghilft.

Königsberg, die Garnison meines Vaters, als er heiratete, war mit dem
raschen Golzowschen Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden zu
erreichen. Es war daher für die Tochter kein Abschied von zu Hause, der
den Schmerz langer Trennung in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde
daheim, denn im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen Paare die
Wohnung eingerichtet.

Während es auf der Hochzeitsreise war, schmückte die Großmutter das
künftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack, all ihre Träume und
Gedanken über die Schönheit, Harmonie und Behaglichkeit einer
Familienwohnung verwirklichte sie hier. Da war der grüne Salon mit den
tiefen englischen Lehnstühlen, dem geräumigen Sofa am breiten
Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke bedeckten großen
Tisch davor, dem mächtigen roten Marmorkamin an der Längswand ihm
gegenüber; daneben, nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir mit
seinen kretonneüberzogenen Wänden und Möbeln, dem Schreibtisch voller
Familienbilder, überragt von Thorwaldsens segnendem Christus; und auf
der andern Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten
Eichenmöbeln, in deren Arabesken das Wappentier der Kleves, die gekrönte
Eule, sich vielfach wiederholte. Für das Speisezimmer hatte die
Großmutter die alten Empiremöbel ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit
Bronzebeschlägen und gelbseidnen Sesselbezügen. Hier prangte auch eine
Reihe alter Familienbilder an den Wänden: Frauen im Reifrock mit
märchenhaft dünner Taille und gepuderten Haaren, Männer in
goldstrotzender Uniform und mächtiger Lockenperücke, und mitten unter
ihnen ein rosiges, lächelndes, goldlockiges Frauenköpfchen, das die
Mutter in spätern Jahren immer in den dunkelsten Winkel zu hängen
pflegte: Alix, die Urgroßmutter, das Königsliebchen.

Ein großes, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und ein sorgfältig
abgeschlossner, von der Großmutter streng behüteter Raum -- als hätte
Blaubart seine Frauen darin -- vollendeten die Wohnung. In Ost und West,
in Süd und Nord -- wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben hat,
-- dieser Rahmen des Lebens ist sich stets gleich geblieben. Ein
Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal kamen später wohl hinzu, sie haben
mich aber immer wie etwas Fremdes angemutet. »Ihr habt keine Heimat,«
pflegte die Großmutter zu sagen, »da müßt ihr sie als Ersatz, wie die
Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.«

Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese Räume, die geschaffen
schienen, Liebe und Freude in sich zu schließen, betraten, war auf ihr
Eheglück schon ein Reif gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgehüteten
Mädchen ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe getreten.
Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich vermählt hatte, aber um so
gewaltiger war die Glut seiner Liebe und seines Begehrens, während ihre
Sinne noch schliefen und das große, tiefe Geheimnis des Geschlechts sich
ihr wie eine gräßliche Untat offenbarte. Sie hat mir oft erzählt, daß
sie in den ersten acht Tagen ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am
liebsten davongelaufen wäre, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern
geschämt hätte. Erst ganz allmählich kam ihr die Erkenntnis, daß ihr
Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal kein abnormes war. Zu den
seelischen Leiden, mit denen sie ihn, der so liebevoll, so zartfühlend
und weichherzig war, wohl noch mehr quälte als sich selbst, kamen
körperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso verständnislos
gegenüberstand. Sie suchte sie mit der ihr eignen Energie zu
beherrschen, um so mehr, als sie sich unter den ihr fremden Kleveschen
Verwandten befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit, um die
Überängstliche nicht unnötig, wie sie meinte, aufzuregen. Tapfer
beteiligte sie sich an allen Ausflügen, allen ländlichen Festen; tanzte
und ritt, obwohl es ihr oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie
zu übermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich und müde zurück,
die, ein Bild blühender Gesundheit, das Elternhaus verlassen hatte. Der
Schatten dieser ersten Schmerzen und Enttäuschungen fiel über ihr ganzes
Leben.

Der Großmutter blutete das Herz, als sie ihr Kind wiedersah. Bald aber
war sie beruhigt und zärtlicher Freude voll in dem Gedanken an das junge
Leben, das sich im Schoße der Tochter entwickelte. Nur allzu früh sollte
die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll empfunden wurde, zerstört
werden; und statt einer Wöchnerin pflegte die Großmutter eine schwer
kranke junge Frau. Erst die würzige Herbstluft von Pirgallen heilte sie,
und der Königsberger Karneval sah sie als eine der schönsten der Schönen
im fröhlichen Kreise der Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich
gern von Bewunderern umgeben, und ihr Mann war überglücklich, wenn er
sie heiter wußte.

Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoffnungen ein; mit
hellem Jubel begrüßte sie Hans Kleve, mit tiefer Rührung die Großmutter;
nur die, unter deren Herzen das neue Leben erwachte, spürte nichts von
alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr Schicksal ergab, das
Vorgefühl ernster kommender Pflichten war das einzige, was sie ihm
gegenüber aufbringen konnte.

Indessen richtete die Großmutter des Enkelkindes erstes Stübchen ein:
Alles darin war weiß und rot, einfach und freundlich, nur das Sofa war
mit braunem Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch. Du
gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die Glieder im ersten Lebensgefühl
gestreckt, auf dir bin ich umhergeklettert, als ich die Beinchen regen
konnte; in deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll
verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt, meine Märchenbücher
verschlungen und meine ersten Träume auf dir geträumt!

Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des kleinen Erdenbürgers warf
eine Lungenentzündung den alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der
häufig wiederkehrenden Überschwemmungen, die durch die wilden, alle
Dämme durchreißenden Wogen des kurischen Haffs entstanden und die Wiesen
stets auf Jahre hinaus wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die
Kniee im Wasser, mit den Knechten um die Wette die Löcher der Dämme zu
verstopfen gesucht und sich dabei eine Erkältung zugezogen. Auf die
Nachricht seiner Erkrankung siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders
nahe stand, nach Pirgallen über. Noch wochenlang sah sie dem wilden
Kampf des starken Mannes gegen den Allüberwinder zu, der ihn
schließlich sanft in seine Arme nahm.

Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr mit all dem Pomp, der
die Sprossen eines der ältesten Geschlechter des Landes von jeher zu
Grabe leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde. Vollzählig
war wieder die Familie versammelt, vollzählig war auch das Offizierkorps
des Königsberger Kürassierregiments zugegen, dem Walter, der älteste
Sohn des Verstorbenen, angehörte, und seine Trompeter bliesen die
Trauerchoräle. In langem Zuge folgten die Knechte und die Instleute dem
Sarge, den der greise Förster, des Toten Lebensgefährte, mit seinen
Jägern trug. Ehrliche Trauer blickte aus den Zügen aller der
wettergebräunten Männer der Arbeit. Werner Golzow war ihnen ein guter
Herr gewesen. Sie hatten nie seine Faust und nie seine Peitsche gespürt,
wie ihre Kollegen ringsum auf den Nachbargütern, und sie fürchteten sich
vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges hübsches Gesicht war hart und
hochmütig, auf die unbeholfenen, teilnehmenden Worte der Diener seines
Vaters antwortete er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes, die Hand,
die sie, der alten preußischen Sitte gemäß, küssen wollten, zog er
ungeduldig zurück. Als die Gutsleute nach der Beisetzung in der großen
Halle des Herrenhauses von der Großmutter empfangen wurden, spürten sie
doppelt ihre Güte, die nichts Herablassendes hatte, die den Untergebenen
niemals den Abstand zwischen Herrn und Diener fühlen ließ. Und einer
nach dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre Frau Baronin
wird uns doch nicht verlassen? Sie schüttelte nur wehmütig lächelnd den
Kopf dazu, und halb und halb beruhigt ging alles auseinander.

Sechs Wochen später wurde ich geboren. Es war ein glühheißer
Junisonntag; in voller Pracht blühten die Rosen, und in der alten
dunkeln Gespensterallee, wo die »böse Frau von Pirgallen«
nächtlicherweile mit dem Kopf unter dem Arme umging, dufteten
berauschend die Linden. Das Geläut der Glocken begleitete gerade die
heimkehrenden Kirchgänger, als ich zur Welt kam. Ich konnte das Leben
nicht erwarten, denn den Weg hinein fand ich ohne Hilfe, -- die weise
Frau kam erst, als die Großmutter mich schon in den Armen hielt und dem
Vater beim Anblick seines Kindes große Tränen der Rührung über die
Wangen liefen.

In der alten Kirche, über der Gruft der Golzows und unter ihren Speeren,
wurde ich getauft. Die Gutskinder hatten den düstern Raum in eine Laube
von Jasmin verwandelt, -- darum hab ich wohl mein Lebtag keinen
Blumenduft so geliebt wie den dieser weißen Sterne. Selbst im geweihten
Wasser des Taufsteins schwammen ihre Blätter, und als der greise Pfarrer
es mir auf die Stirn träufelte, blieb eins davon auf meinem dunkeln
Köpfchen haften. »Und wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und
hätte der Liebe nicht, ich wäre ein tönend Erz und eine klingende
Schelle« -- lautete der Text der Taufpredigt und Alix der Name, der mir
gegeben wurde. Beides hatte die Großmutter gewählt; den Namen hatte sie
gegen den Widerstand der Tochter für ihr erstes Enkelkind durchgesetzt,
-- den Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt, je mehr die
Welt sie verdammt hatte.

Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht, mich an die Brust
meiner Mutter zu legen. War es ihre innere Abneigung, die sie nur im
Gefühl, eine Pflicht erfüllen zu müssen, überwinden wollte, war es mein
früh erwachter Eigensinn, -- kurz, Mutter und Kind schienen nichts von
einander wissen zu wollen, und eine derbe Fischerfrau, die mich mit
ihrem Söhnchen zusammen nährte, wurde meine Amme. Behütet von ihr und
der Großmutter, der das schwarzhaarige, dunkeläugige Baby so ähnlich
sah, verbrachte ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein
Vater zugegeben, da er sah, daß ich hier besser aufgehoben war als in
Königsberg, wo die Freuden der Gefälligkeit meiner Mutter ganze Zeit in
Anspruch nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr, daß er Sturm
und Wetter nicht scheute und, wie einst zu der Geliebten, zu der Braut,
nun zu dem Töchterlein hinausritt, um es zu küssen, und in den Armen zu
schaukeln. Die Großmutter hat immer dabei weinen müssen, erzählte mir
die Amme später. Lange wußte ich nicht, warum.

Dann kam der Krieg, der böse deutsche Bruderkrieg. Mein Vater wurde
Kompagnieführer in einem jener Regimenter, die durch die mörderischen
Kämpfe in Böhmen fast völlig aufgerieben wurden. In den Wäldern um
Königgrätz warf ihn eine Kugel zu Boden. Wären nicht ein paar seiner
treuen Grenadiere, die ihn wie einen Vater liebten, der eignen
Erschöpfung nicht achtend, noch spät des Nachts ausgezogen, um, wie sie
meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er wäre elend verblutet.
Puckchens, unseres Affenpinschers, klägliches Winseln führte sie auf
die Spur des Verwundeten. Sobald er transportfähig war, brachte man ihn
nach Königsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau, brach zusammen
beim Anblick des entkräfteten, vollkommen entstellten Mannes. Er war es,
der sie lächelnd trösten mußte.

Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager, das ihm in seinem
Wohnzimmer errichtet worden war. Je mehr seine Genesung vorschritt,
desto eifriger beschäftigte er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann
gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.

Meine erste traumhafte Erinnerung, -- ich bin immer ausgelacht worden,
wenn ich von ihr erzählte, da ich doch damals noch nicht zwei Jahre alt
war --, führt mich in einen dunkel verhängten Raum vor ein großes
braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme entgegenstreckte.
Ich weiß, daß ich laut aufschrie, daß der Mann den Kopf müde zurücklegte
und ich mich ausatmend in meinem hellen Stübchen wiederfand. Und später
sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf seinem Schoß mit seiner
großen, dicken Uhr spielend, die, weil sie mit so zärtlichem, feinen
Stimmchen alle Viertelstunden schlug, für mich immer etwas Lebendiges
gewesen ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so seh ich
große rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten. Das war in
Potsdam, wohin mein Vater nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in
einem gartenumsäumten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum Wache hielt,
das erste Stockwerk bezogen. Neben uns, nur durch den Gartenzaun
getrennt, wohnte meiner Mutter zweiter Bruder Max, der bei den
Gardehusaren Leutnant war und eine elsässische Cousine geheiratet
hatte. Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate jünger als ich. Unter
uns aber, in die Parterrewohnung mit der großen Terrasse, auf deren
Balustrade kleine Steinengelchen saßen, die in meinen Träumen immer
lebendig wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer Übersiedlung, die
Großmutter ein.

Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten Rock mit dem schönen
himmelblauen Kragen ausgezogen und das Gut übernommen, dessen Geschäfte
die Großmutter bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters gewissenhaft
und in der alten Weise geleitet hatte. Sie versuchte dann noch eine
Zeitlang, neben dem Sohn zu wirken und zu arbeiten, wie sie es früher
gewohnt gewesen war. Aber zu hart stießen die Gegensätze aneinander: in
ihrer Milde sah Walter Schwäche, in ihrer Wohltätigkeit Verschwendung.
Es kam auch tatsächlich zuweilen vor, daß ihre Güte mißbraucht wurde,
daß man die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas Gutes sah
oder herauszulocken verstand, hinterging und betrog. Das nahm ihr Sohn
zum Vorwand, ihrem barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den
Weg zu legen. Doch dies alles hätte sie nicht so schwer getroffen, da
sie als Herrin ihres Vermögens damit machen konnte, was ihr gut schien;
unerträglich wurde ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast
fieberhafte Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und im
Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen und Neuanschaffungen,
die ein vorsichtiger, auf alle Möglichkeiten schlechter Jahre
vorbereiteter Gutsherr auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt
in wenigen Monden vor sich gehen. Die Großmutter sorgte, warnte, bat,
-- sie predigte tauben Ohren. Die Ställe füllten sich mit Luxuspferden,
die Wirtschaftsräume mit neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung
selten einer verstand, das Herrenhaus mit modernen Möbeln, vor deren
geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat aus Urväter Tagen weichen
mußte. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn,
die ihren Höhepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die Wange eines
ungeschickten Reitknechts die Peitsche niedersausen ließ, so daß der
junge Mensch blutend zu Boden sank. Wenige Tage darauf entführte der
alte breite Kutschwagen mit den wohlgenährten Braunen davor die
Großmutter von der Stätte ihrer jahrzehntelangen Wirksamkeit, von dem
erinnerungsreichen Boden ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um,
und sie weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick, das
ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.

Ich war vier Jahre, als die Großmutter nach Potsdam kam. Ein Ölbild von
Tochter und Enkelin, das damals für sie gemalt worden war, zeigt, daß
auch ich meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin: von ihrer
lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar, der durchsichtigen Haut,
den meerblauen Augen sticht das kleine Mädchen seltsam ab, um dessen
schmales gelbliches Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen
schwarze Augen fragend und verträumt ins Weite sehen. Von klein an
bewunderte ich neidvoll meiner Mutter nordische Schönheit, und wenn
meine Freunde mir Tränen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich
nur »schwarze Alix« zu rufen; sie waren selbst alle blond, und schon
bei den Unmündigen wirkt die Majorität überzeugend. Die Anführer bei
solchen Späßen, die mir den Umgang mit meinesgleichen früh verleideten,
waren meist mein Vetter Werner und Adda, das Töchterchen eines der
Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener Grausamkeit, die nur den
kleinen Menschentieren eigen ist, rächten sie sich durch ihre Neckereien
an meiner Besonderheit. Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn es
galt, unseren französischen Bonnen einen Schabernack zu spielen. Wir
konnten sie alle nicht leiden und empfanden sie nur als notwendiges
Übel, unter dem wir gemeinsam zu leiden hatten.

An jedem schönen Morgen führten sie uns in den Park von Sanssouci; kein
Wort Deutsch durften wir sprechen, und artig mußten wir nebeneinander
gehen. Wenn die drei Fräuleins aber erst häkelnd auf einer der Bänke
saßen und die Lebhaftigkeit ihres Gesprächs einen gewissen Höhepunkt
erreicht hatte, benutzten wir schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem
Gesichtskreis zu verschwinden, und dann war ich die Anführerin. Wo die
Büsche am dichtesten waren, versteckten wir uns und spielten im grünen
Dämmerlicht phantastische Märchen. Meine blühende Phantasie steckte die
beiden andern an: unter halbverwitterten steinernen Göttern gruben sie
eifrig nach den Schätzen, von denen ich ganz genau zu erzählen wußte,
oder sie umschlichen geduldig immer wieder des alten Fritzen Schloß oben
auf den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen
erwartend, die ich schon »soo« oft gesehen hatte. Wenn freilich durchaus
nichts von dem Erwarteten sich zeigen wollte, mußte ichs bitter büßen,
und wenn wir unsrer schmutzigen Hände und zerdrückten Kleider wegen von
unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal ich die
Hauptschuldige. Allmählich gewöhnte sich mein sehr robuster und
prosaischer kleiner Vetter daran, den lebhaften Ausbrüchen meiner
Einbildungskraft mit einem verächtlichen »zu dumm« zu begegnen, was mich
bis zu Tränen kränkte und mehr und mehr verstummen ließ. Spielte ich
dann artig mit Ball und Reifen, ohne in die Büsche zu kriechen, dann
lobte mich Mademoiselle: »Comme elle devient raisonable!« sagte sie.

Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten Erziehung, als
mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In unserm Garten, in dem wir
nachmittags zu spielen pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte
Kieselsteine. In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch -- zu den
weißen Blüten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse -- sammelte ich
die schönsten, die ich finden konnte. Ich war fest überzeugt, daß sie in
ihrem Innern goldne Wagen mit weißen Pferdchen davor, blitzende
Königskronen und schimmernde Schlösser bargen, und versuchte, sie mit
einem Hammer aufzuschlagen. Schließlich kamen Werner und Adda hinter
mein Geheimnis; mein Vetter, den meine glühende Begeisterung für die zu
erwartenden Herrlichkeiten anstecken mochte, bemühte sich auch
seinerseits, die Kiesel zu öffnen, und es gelang. »Bist du dumm,« rief
er ärgerlich, als er die grauen Splitter in der Hand hielt, »es sind ja
nur ganz gewöhnliche Steine!«

Noch oft hab ich später hinter dem Leblosen wundervolle Offenbarungen
vermutet und im Schweiße meines Angesichts versucht, zu ihnen
vorzudringen, aber die Enttäuschung hat mich kaum je so heftig
geschmerzt und bis zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo
ich, ein fünfjähriges Kind, weinend vor den zerschlagenen Kieseln saß.

Wenn die andern mich verhöhnten, wenn der Schmerz mich übermannte und
sie nicht verstanden, warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein
Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand: Großmama. Wie oft
flüchtete ich in ihr stilles Reich, wo sie zwischen blühenden Blumen und
dunkeln Palmen lesend, schreibend oder still vor sich hinträumend in
ihrem tiefen, grünen Lehnstuhl saß. Sie hatte immer Zeit für mich, sie
lachte mich niemals aus und antwortete nie auf meine tausend Fragen mit
jenem ein weiches Kindergemüt so verletzenden: »Das verstehst du nicht.«
Und wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit tausend Gestalten
bevölkerten, wenn die allabendlich in buntem Reigen um mein Bettchen
tanzten, so wußte ich: Großmama sah sie, wie ich; nur die andern hatten
keine Augen dafür. War ich allein bei ihr, so erschienen mir ihre Zimmer
wie ein einzig Märchenreich: Zwischen den Palmen lächelte der schöne
weiße Jünglingskopf ihres Vaters mir entgegen -- halb ein Cäsar, halb
ein Antinous --; von den Wänden sahen Männer und Frauen mich an, mir
vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag, wenn auch fremd nach Art und
Gewandung, und unter einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand
Winter und Sommer ein frischer Blumenstrauß. Das war der Dichter, zu
dessen Füßen die Großmutter gesessen hatte, als sie ein Kind, ein junges
Mädchen gewesen war, der die Geschichte vom Heideröslein gedichtet
hatte, die erste, die ich wiedererzählen konnte, und bei deren Schluß
mir immer die Stimme brach: ... »Doch es half kein Weh und Ach, mußt es
eben leiden!«

Auf dem Fußbänkchen neben Großmama, den Kopf vergraben in den weichen
Falten ihres Sammetkleids, die Augen auf die tanzenden und zuckenden
Flammen des Kaminfeuers gerichtet, während ihre leise Stimme über mir
klang, von Schneewittchen und Dornröschen erzählend oder von der kleinen
Seejungfrau, die dem Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum
Menschen wurde und dann doch wieder hinabsteigen mußte in die Fluten, --
das waren die schönsten Stunden meiner frühen Kinderjahre. Und das alles
waren Erlebnisse für mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse
des öffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug. So weiß ich vom
deutsch-französischen Kriege, obwohl ich ihn als fast Sechsjährige
erlebte, nicht allzuviel. Ich sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster
sitzen oder mein Frühstücksbrötchen mitleidig für die armen Soldaten in
die Kiste legen, die die Mutter allwöchentlich zu packen pflegte; ich
erinnere mich, daß ich mit Hurra schrie bei jeder Siegesnachricht und
die Illuminationskerzen nach dem Fall von Sedan mit in die sandgefüllten
Gläser steckte. Ich weiß auch, daß mir das bunte Schauspiel des Einzugs
der Sieger in Berlin, dem ich in einem neuen blauseidnen Kleidchen mit
meiner Mutter von irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel,
und daß mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers auf den
aufgespannten Schirm irgend einer biedern Berliner Bürgerfrau
niederfiel; aber von hochgeschwellter patriotischer Begeisterung weiß
ich nichts. Vielleicht, daß die gedrückte Stimmung zu Haus mich
beeinflußt hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf. Nicht
nur, weil Söhne und Gatten allen Wechselfällen des Krieges ausgesetzt
waren, sondern auch, weil nahe, liebe Verwandte der Großmutter im
französischen Heere dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach
Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als Jüngling unter
Napoleon I. die Sporen verdient hatte, kämpfte jetzt mit derselben
glühenden Vaterlandsliebe unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenhaß,
der den deutschen Kindern späterer Zeit eingeprägt wurde, wußten wir
infolgedessen nichts. Ich glaube, jener Hurrapatriotismus, der sich
heute breit macht, gedeiht nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in
Auge sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger tief,
wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die großen Kämpfe der
Völker lange vorüber sind, werden sie zu Mitteln, die Begeisterung auch
der Kinder anzufachen. So kam es wohl, daß meine Phantasie von dem, was
vor sich ging, ebenso unberührt blieb wie mein Gemüt. Nur der Heimkehr
meines Vaters sah ich voll jubelnder Freude entgegen.

Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit, die er mit Sorgfalt
und in der freudigen Aussicht auf die glücklichen Gesichter der
Empfänger ausgewählt und wofür er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte.
Über all das schöne Spielzeug, das ich erhielt, war mein Jubel ohne
Grenzen, und ein zierliches goldnes Kettlein, das mich noch mehr
entzückte, schlang ich mir grade vor dem Spiegel um den Kopf, so daß die
Perle, die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem Scheitel auf
die Stirne fiel -- meine schwarzen Locken erschienen mir plötzlich gar
nicht mehr so häßlich --, als das Antlitz meiner Mutter hinter mir
auftauchte. Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und
Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit zärtlich-fragenden Augen sah
der Vater sie an, und sie -- sie freute sich nicht! Worte des Vorwurfs
über die »unnützen Ausgaben« war das erste, was ich sie sagen hörte, und
mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie mir die Kette aus den Haaren,
die nun -- ich wußte das nur zu gut -- in der unergründlichen Tiefe des
Silberschranks verschwinden würde, wie so manche der schönsten Dinge,
bis »Alix groß sein wird«. Dann dankte sie dem Vater mit einer kühlen
Phrase, aus der ich das Erzwungene mit dem feinen Gefühl des
Kinderherzens herausempfand. Über unsre Festtagsfreude hatte sich ein
dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt hinaus, ich spielte
verschüchtert in einem möglichst versteckten Winkel. Freude ist eine der
sensitivsten Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewußt zum
erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Blüte steht, genügt ein kalter
Lufthauch, sie zu töten. Sie will gehütet sein und gepflegt, und nur ihr
natürliches Welken ist schmerzlos. Verschleiert blieb von da an die
Stimmung; um Liebe werbend, dankbar für jeden wärmeren Blick, bemühte
sich mein Vater um seine schöne kühle Frau. Wie oft nahm er mich auf den
Schoß, legte mein Bäckchen an seine Wange und herzte und streichelte
mich, während seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging, jedem
Staubfäserchen nach, das etwa von einem Möbelstück nicht entfernt worden
war.

Bald hieß es, die Mutter sei krank und brauche längere Zeit der
Erholung. Große Koffer wurden gepackt, und wir reisten -- Großmama, Mama
und ich, meine Mademoiselle und die Jungfer -- nach der Schweiz. Wie
schnell war da der arme, einsame Papa vergessen! Wundervolle Bilder von
weißleuchtenden Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserstürzen und
Schauerlichen Abgründen zogen an mir vorüber. Nirgends war mir meine
Bonne mit ihrem ewigen: Tiens-toi droite -- ne court pas si vite -- sois
raisonable so widerwärtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich werfen mit
ausgebreiteten Armen, laufen und springen, wie von Flügeln getragen, und
über Stock und Stein aufwärts klettern, höher, immer höher, bis zu den
silbernen Häuptern der Berge mitten in den Himmel hinein -- ach, wer das
könnte! Eines Tages hielt es mich nicht länger. Irgendwo am
Vierwaldstädter See wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur
erfüllt von dem Wonnegefühl der ungebundenen Kraft. Erst als es anfing
zu dunkeln, kam ich zum Bewußtsein meiner Verwegenheit. Da plötzlich
geschah etwas so Wundersames, daß ich alles vergaß: die weißen Berge
bekamen rotglühendes Leben. -- Männergeschrei und ängstliches Rufen
schreckten mich auf aus der Verzauberung; vom Hotel aus suchte man die
Ausreißerin. Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich für alle
Vorwürfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte hatte jede andre
Empfindung in mir ausgelöscht. Nur der Großmutter vertraute ich
flüsternd das große Geheimnis an: wie die Bergriesen vor mir lebendig
geworden waren.

Im Herbst desselben Jahres kehrte Großmama nach Potsdam zurück, Mama
und ich aber reisten nach Augsburg zu meines Vaters Schwester Klotilde.
Sie hatte sich mit Baron Artern, dem jüngeren Bruder ihrer Tante Kleve,
bei der sie erzogen worden war, vermählt gehabt und war nach kurzem
strahlendem Glück Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr
sehnsüchtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erfüllt werden würde, und es
war mein Vater, der ihr in dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen
Liebe und zarten Rücksicht, deren er fähig war, zur Seite gestanden und
sie dem Leben zurückgewonnen hatte. Er war es wohl auch gewesen, der ihr
den Gedanken nahe legte, uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine
heilendere Kraft für alle Lebenswunden als die weichen Hände, die klaren
Augen und das helle Lachen eines Kindes, -- ihr war sie versagt
geblieben; in mir, so hoffte mein Vater, sollte sie sie finden.

An einem trüben Oktoberabend kamen wir in Augsburg an. In Trauerlivree
empfing uns der Diener am Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren
die engen winkligen Straßen, und grau, wie leblos, starrten die alten
Häuser mir entgegen. In einen hallenden Torweg, den nur eine unruhig
flackernde Lampe spärlich erhellte, bog der Wagen, und vor einer
breiten, teppichbelegten Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem
Geländer stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit großem Schlüsselbund
über der schwarzseidenen Schürze begrüßte uns zuerst; oben, wie eine
Fürstin, wartete des Hauses Herrin auf uns. Der Kreppschleier verhüllte
sie fast ganz, nur das weiße Gesicht und die roten Haare leuchteten
daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre Gäste, und erschüttert von dem
Eindruck der neuen Umgebung weinte ich mit ihr. »Du gutes Kind,« sagte
sie und küßte mich zärtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.

Ein seltsames Leben begann für mich in dem grauen Hause mit seinen
langen, düstern Gängen, an deren Wänden ein dunkles Bild neben dem
andern hing, mit seinen mächtigen schwarzbraunen Schränken und den
tiefen, tiefen Teppichen, über die der Fuß unhörbar hinglitt. Die Türen
waren mit Fries eingefaßt, um jedes Geräusch zu vermeiden, und die
Klingeln hatten einen dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den
geringsten Lärm. Man hatte mir das streng eingeschärft, aber ich wäre
hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im Stübchen bei der alten
Kathrin, der Wirtschafterin, die mich schnell in ihr Herz schloß, durfte
ich lachen und toben, und draußen bei allen den vielen Verwandten und
Freunden fühlte ich mich aus dem Traumreich in die Welt zurückversetzt.
Die erste Mädcheneitelkeit ist damals von ihnen in mir großgezogen
worden. Sie umgaben mich förmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft
der Bewunderung; und wenn meine Mutter auch, sobald wir allein waren,
Worte wie Hagelschauer und Gewitterregen abkühlend hernieder brausen
ließ, so sah ich darin doch nichts weiter, als daß sie mir die Freude
eben wieder einmal nicht gönnen wolle. Hatte ich mich früher, weil ich
anders war, zurückgesetzt gefühlt, war ich mir im Vergleich zu meinen
helläugigen Gespielen häßlich vorgekommen, so wurde ich allmählich
meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewußt.

In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte -- Mademoiselle war auf
Urlaub bei ihren Eltern in der Schweiz geblieben --, stand ein
verschlossener Schrank. Ich studierte durch die Glastüren die Titel auf
den Rücken der Bücher, soweit das meine ziemlich unzureichende Kenntnis
der deutschen Buchstaben zuließ; französisch war mir bisher allein
geläufig geworden. Auf einer Reihe großer Quartbände wiederholten sich
immer dieselben Worte: »Die Geschichten aus tausend und einer Nacht.«
»Tausend und eine Nacht«, -- hieß nicht so das Buch mit den bunten
Bildern, aus dem mir Großmama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen
hatte? Niemand erzählte mir Märchen in Augsburg, die alte Kathrin wußte
nur immer dieselben Gespenstergeschichten, ach, wenn ich doch selber
lesen könnte! Heimlich versuchte ich, mit allen Schlüsseln, die mir
erreichbar waren, den Schrank zu öffnen, um zu den Schätzen zu gelangen,
die er barg. Endlich, endlich sprang er auf. Wie gut, daß ich Halsweh
hatte und Tante und Mama allein spazieren gefahren waren! Mit klopfendem
Herzen nahm ich einen Band nach dem andern heraus -- ich sehe noch ihr
gebräuntes Leder vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! -- und
betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer, Männer auf
sich bäumenden Rossen mit krummen Säbeln und hohem Turban und wunder-,
wunderschöne Frauen. Von nun an hatte ich häufig »Halsschmerzen« und
ließ mir mit rührender Geduld Einreibungen und Umschläge gefallen, trug
auch klaglos das rote Flanellläppchen, das ich sonst nicht rasch genug
hatte abreißen können. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in die
Bücher. Es waren unverkürzte Übersetzungen des herrlichen
Märchenschatzes; ich lernte lesen darin; der ganze Farbenreichtum, die
ganze Glut des Orients umgaben mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft,
wenn ich mit glühenden Wangen und heißen Augen den Heimkehrenden
entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer besorgt unter den Arm
gesteckt. Aber ich hatte kein Fieber, -- ich hatte ja auch nur mit den
Ausschneidepuppen gespielt, die in buntem Durcheinander auf meinem
Tische lagen!

Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur, weil die Mutter ganz
gewiß die Bücher verschlossen hätte, sondern weit mehr noch, weil alles,
was mich am tiefsten ergriff, auch am tiefsten verhüllt bleiben mußte.
Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn andre es sahen,
besprachen, betasteten. Großmama allein hätte ich davon erzählen können.
Niemand merkte das Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, daß ich
in den dunkeln Gängen und tiefen Nischen alle Spukgestalten meiner
Bücher leibhaftig vor mir sah, daß sie mir aus den Bildern an den Wänden
entgegentraten, daß ich eine seltsam schwüle, schwere Luft durstig
einatmete.

Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit, mir abends im
Bett Geschichten zu erzählen; das waren meine köstlichsten Stunden! Da
störte mich nie die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner
aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder, so daß ich mich oft vor
ihnen fürchtete und zitternd unter die Bettdecke kroch. Häufig genug
wartete ich mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter im
Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem sie mich einmal
meiner »dummen Aufregung« wegen arg gescholten hatte.

Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt worden. Er und die
Großmutter besorgten den Umzug, suchten die Wohnung und richteten sie
ein. Beide erwarteten uns, als wir nach einer beinahe halbjährigen
Abwesenheit endlich heimwärts reisten. Mir war der Abschied von Augsburg
sehr schwer geworden, denn mochte ich mir noch so sehr den Kopf
zerbrechen, -- meine lieben Bücher heimlich mitzunehmen, gelang mir
nicht. Papa und Großmama erschraken, als sie mich wiedersahen. »So blaß
ist mein Alixchen,« sagte sie. »So dunkle Ränder hat sie um die Augen,«
fügte er hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen Raum mit
einem einzigen breiten Fenster, sah ich eine durchsichtige, weiße
Gestalt mit gesenktem Haupt an mir vorüberschweben. Ich schrie auf und
erzählte nach vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte die
Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas von »dem Unsinn, den man
dem armen Kinde beigebracht hat«, als die Großmutter mich still beiseite
nahm und lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte, weiß ich
nicht mehr, aber es löste mir Herz und Zunge. »Ach, bleib doch bei mir,
Großmama!« rief ich, während die Angst sich in Tränen löste. Andre
jedoch bedurften ihrer noch mehr als ich; ihr jüngster Sohn, Max, zog
sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.

Es war tiefer Winter damals. Trübselig und neidvoll sah ich oft durch
die geschlossenen Fenster auf den Platz, wo die Kinder tobten,
Schneeball warfen und Schneemänner bauten. Ich durfte nur selten
hinaus. Von klein an war ich Halsentzündungen ausgesetzt gewesen, und
meine Mutter ließ mich, ebenso pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem
Wetter nur ins Freie, wenn es völlig windstill war. Aber auch dann wurde
ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die andern. Das ließ mich
noch mehr vereinsamen. Mir ist, als hätte ich die Winter stets
verschlafen, so wenig weiß ich von ihnen. Vom Frühling aber und vom
Sommer weiß ich um so mehr. Wir hatten einen großen Garten hinter dem
Hause mit alten Bäumen, blühenden Büschen und bunten Blumen. Hier war
mein Reich. Hier durfte ich ungestört umherspringen, mir Höhlen bauen,
die zu unterirdischen Schätzen führten, auf der Schaukel bis zu den
Wolken fliegen, die im Grunde gar keine Wolken, sondern Drachen und
Zaubervögel waren. Hier konnte ich mit meinen Bällen, die alle
Märchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten, so daß die
Nachbarn oft meinten, ich hätte Scharen von Gespielen im Garten. Puck,
unser alter Pinscher, dem zwei Feldzüge schon die Haare gebleicht
hatten, mußte sich hier zu jugendlichen Sprüngen bequemen, war er doch
das Flügelpferd, das mich ins Zauberland tragen sollte.

Ich war den größten Teil des Tages mir selbst überlassen. Mademoiselle
war froh, wenn sie den Mund nicht aufzutun brauchte und mit ihrer
unendlichen Häkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa war den
ganzen Vormittag auf dem Bureau des Generalkommandos tätig, nachmittags
ritt er mit Mama spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.
Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen und zu empfangen;
und was beiden an freier Zeit etwa noch übrig blieb, das verschlang die
große, zu jeder Jahreszeit äußerst lebendige Geselligkeit. Nur
vormittags zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter mich bei
schönem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. Mit dem Reifen, meinem
unzertrennlichen Gefährten, lief ich voraus durch eine jener
menschenleeren, langen, graden Straßen, die in Fächerform sämtlich am
Schloßplatz münden, und trieb mein Spiel durch die stillen Laubengänge
des Parks, bis es Zeit war, Papa vom Bureau abzuholen. Pünktlich, wenn
wir vor dem Hause standen, schloß der Kommandierende, General von
Werder, der Sieger von Wörth, die Vormittagsarbeit und kam mit Papa
hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte alle schönen Frauen
gern, meine Mutter insbesondere. Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann,
mit den Händen auf dem Rücken und den blitzenden Augen in dem scharf
geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, immer zu einem derben
Scherz bereit und stets einen Leckerbissen für mich in der Tasche.

Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann hatte der Vater mich an der
Hand, und des Fragens und Erzählens war kein Ende. Wenn er für meine
Phantasien auch nur wenig Verständnis hatte und ich mich hütete, sie ihm
anzuvertrauen, so wußte er doch wie kein anderer meine Wißbegierde zu
stillen. Er hatte eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst
schwierige Probleme meinem kindlichen Verständnis nahezubringen, mir
Naturerscheinungen, chemische oder physikalische Vorgänge zu erklären
und mich das Leben der Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die
kurzen Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller für mich machten,
als wenn ich den ganzen Vormittag in der Schule gesessen hätte. Kamen
wir nach Haus, so gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den
Pferden meinen Frühstückszucker, den ich mir täglich vom Munde absparte,
seitdem Mama mich wegen meiner Zuckerverschwendung gescholten hatte.
August, unser Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdächtig
roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen genommen,
mußte den kleinen Braunen herausführen, und ich durfte auf Mamas Sattel
im Hof umherreiten, während Puckchen steifbeinig nebenher trabte, die
Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als müßte er Sitz und Haltung ebenso
beobachten und kritisieren wie Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister,
und ich fürchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als daß ich mich
daran freute. Ja, reiten, -- das mußte herrlich sein! Frei, mit
verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, -- vor Wonne klopfte mein Herz,
wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls
im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig
angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die
Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, -- gräßlich wars! Laute,
harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die
Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner
Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck
nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen -- man
nannte das lobend »artig sein« --, aber mein Herz krampfte sich dabei
zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines
verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches
Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip
kannte: Selbstbeherrschung. »Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine
Gefühle nicht,« pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die
Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten
hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.

Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich nicht, wohl aber
geselligen Verkehr, der mich Sonntags fast immer, schön geputzt, aus dem
Hause führte. Im Schloß bei Großherzogs war ich ein häufiger Gast:
Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blühende Kinder damals, waren
lustige Gefährten, und beim Baumplündern zu Weihnachten, beim Eiersuchen
zu Ostern hallte das Schloß wieder von unserm Lachen und Lärmen, an dem
das freundliche Elternpaar stets die meiste Freude hatte. Nur das Kochen
in Vickis großer Küche, die das Ideal aller andern kleinen Mädchen war,
langweilte mich entsetzlich, -- die Fee, die dem Wickelkind die
Hausfrauentugenden in die Wiege legt, war offenbar zu meinem Tauffest
nicht geladen worden! Da wars bei Max und Marie doch schöner, den
Kindern des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Großvater ihnen aus
Rußland das kostbarste Spielzeug zu schicken pflegte: Eisenbahnen mit
richtigen Schienen, Puppen, die laufen und reden konnten, -- lauter
Dinge, die zu jener Zeit für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar waren.
Am allerbesten aber gefiel es mir in einem Hause, dessen Herrin, eine
Tochter Bettinens auch dem Geiste nach, es verstand, Märchen zu
Wirklichkeiten zu machen. Mit ihren beiden reizenden Töchtern, die um
ein paar Jahre älter waren als ich, fertigte sie aus buntem Seidenpapier
die köstlichsten Gewänder an, mit denen geschmückt wir lebende Bilder
stellten, Scharaden aufführten und uns als Helden Grimmscher Märchen in
unsre Rollen so einlebten, daß die Rückkehr in die prosaische Erdenwelt
uns hart ankam. Unsre Feste wurden bald die große Attraktion der
Gesellschaft; oft genug sah auch der Großherzog uns zu, und ich erinnere
mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor im rosa Hemdchen,
mit goldenen Sandalen und blitzenden Flügeln aus einem Strauß lebendiger
Blumen meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen lachenden
Zuruf: »Nun, schieß los!« das strenge Schweigegebot vergebend,
antwortete: »Aber das tut weh!« Bald lernte ich besser, bei solchen
Gelegenheiten die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und
Kostümfeste waren auch bei den »Großen« an der Tagesordnung, und fast
überall wirkte ich mit. In Scheffels Dichtung vom Rockertweibchen, die
unter seiner persönlichen Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines
Schwarzwaldmädchen, das sich der besonderen Gunst des Dichters erfreute.
Er hatte immer eine Düte für mich in der Tasche, und das erste Glas
Sekt, das mir warm und wohlig bis in die Fußspitzen niederrieselte,
verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodämchen war ich, mit hoch aufgetürmtem,
gepudertem Haar, und ein Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, --
was Wunder, daß ich immer unlustiger morgens vor meinem alten,
pedantischen Lehrer saß, der mich Buchstaben malen, Gesangbuchverse und
Bibelsprüche hersagen ließ. Im Strudel rauschender Freude untertauchen
oder lesen und träumen für mich ganz allein, -- was dazwischen lag: das
Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, war wie eine staubige
Straße, die ich am liebsten zu gehen vermied. »Pflichten« besonders
waren mir verhaßt; ich definierte sie schon als sechsjähriges Kind auf
eine Frage hin als das, »was immer unangenehm ist«. Alles, was Mama z. B.
tat, wenn sie ein recht unzufriedenes Gesicht dazu machte, erklärte sie
für Pflichterfüllung: die schmutzige Wäsche selber zählen, obwohl drei
Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum Kochen herausgeben, obwohl
wir eine vortreffliche französische Köchin hatten, nachmittags mit mir
spazieren fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, --
ja selbst die Dämmerstunden bei Papa, wo er zu Frau und Kind gern
zärtlich war, schienen mir, nach ihrem Ausdruck zu schließen, in dieses
Gebiet zu gehören. Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen,
schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die
Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen,
deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand
entgegensetzte. Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte daher
für meine Bedürfnisse nicht weit genug sein; darum war der Sommer so
schön, wo ich den Garten fast für mich allein hatte, wo ich auf dem
Lande bei Verwandten und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich
erfreute.

Eingebettet zwischen weiß- und rotblühenden Obstbäumen, überragt von
grünen Hügeln, zu denen schmale, nußbaumbeschattete Wege emporführten,
noch nicht erobert von dem Feinde aller verträumten Poesie, der
fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals zu Füßen der
Bergstraße. Dem Grafen Währing, dem Bruder meiner Urgroßmutter, hatte
das Schloß gehört, das mit seinen Gärten und Weinbergen das Städtchen
beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine achtzigjährige Greisin dort
oben, der niemand ihr Alter ansah, und bei der wir oft wochenlang zu
Gaste waren. Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert war sie
anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist und Leben, mit
winzigen weißen, von Juwelen bedeckten Händen, allerhand seltenes
Tierzeug -- weiße Angorakatzen, schlanke Windspiele, lockige
Zwergpinscher -- um sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu
umgeben, -- es sei genug, daß der Spiegel sie an ihr Alter erinnerte,
meinte sie. Je toller es um sie her zuging, je mehr Liebesgeschichten
sie sich entspinnen sah, desto fröhlicher war sie. Immer hatte sie
Schränke voll Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gäste -- die
schönsten am häufigsten -- damit zu beschenken, und Juwelen, Ringe und
Armbänder aller Art, mit denen sie sie schmückte. Wer harmlos irgend
etwas, was nicht niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde
es als Geschenk aufgenötigt. Und was für merkwürdige Dinge gab es in
ihren Salons mit den Louis XV. Möbeln, den hohen Spiegeln und vielen,
vielen Bildern und Bilderchen: da waren Sessel, Fußbänke, Bücher, aus
denen in tollem Durcheinander Mozartsche und Offenbachsche Melodien
ertönten, sobald sie benutzt wurden; Gemälde, die plötzlich in der Wand
verschwanden, um einem Schränkchen voll süßem Naschwerk Platz zu machen;
Tischchen, die in den Boden sanken, wenn man sie anstieß, um mit Wein
und Kuchen besetzt wieder zu erscheinen, kurz -- ein Paradies für ein
wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten mit seiner Fülle von
Beeren und Blumen, mit seinen dichten Laubengängen und lustigen
Wasserspielen -- und die Freiheit vor allem, die ungebundene!

Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante mich zuvor
sorgfältig, rückte da eine Falte zurecht, steckte mir dort eine Schleife
an, wickelte meine Locken über ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid
noch tiefer von meinen magern Schultern und holte die Puderquaste aus
ihrer kleinen goldnen Taschenbüchse, um den Rest Vormittagsübermut von
meinen Wangen zu entfernen. »Est-elle gentille, la petite?!« sagte sie
dann, mich vor dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit Kettchen
und Armbändern, mit Worten und Ratschlägen, die für die Seele einer
Siebenjährigen nichts andres waren als süßes Gift, warb sie um mich und
modelte an mir. Was sie sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß,
daß ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe sei, zu gefallen und zu
herrschen, und all die Spiegel und Büchschen und Fläschchen des
Toilettentischs, all die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als
Etappen auf dem Wege zu ihrer Erfüllung. Das Bewußtsein, hübsch zu sein,
machte mich stolz, und mit der Koketterie des kleinen Mädchens suchte
ich zum erstenmal ein männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte
Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider der arme Rudi, ihr
Enkel und mein Spielgefährte, ein gar zu ungeeignetes Objekt für meine
Künste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und ich,
die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm
leuchten ließ, verschüchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das
Stottern hat man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist doch
irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: auf der Höhe des
Lebens hat er sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, und keiner wußte,
warum.

Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen nur eine
theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir
verbrachten die Herbstwochen häufig bei französischen Verwandten auf
ihrem Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.
Gefallene Größen des napoleonischen Hofes -- männliche und weibliche --
gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser
Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des
Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, dessen kurze, dicke Hände, mit
denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, --
neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, an denen
ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her zerrten. Eine ihrer Töchter
war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefährten Werner,
den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schönere von
den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine
Haremsfrauennatur, während die andere von Geist und Leben sprudelte und
der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich
beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; »la
petite« hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die
Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote.
Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder
Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre Stelldicheins, ihr
Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen Lebens, die mir über den Rücken
fluteten, ließen mich dabei erbeben.

Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe zurückkehrten -- acht
Jahre war ich damals --, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug
merkwürdig fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war mir inzwischen
verloren gegangen. Gierig stürzte ich mich über alle Bücher, deren ich
habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte
ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten
braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett
Geschichten erzählte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den
Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heißer
Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich
selber träumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren
Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen
standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je kühler
ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde
mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern
heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden besaß, vor dem ich ihn
als Opferflamme hätte aufsteigen lassen können, -- nun mußte ich mir
selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der
erschütternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater.
Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es für mich etwas
Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die
Verkörperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in
Worte zu fassen -- undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb
gescholten --, aber meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich
eingeprägt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und
nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue
brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner würdige Heldin
welterlösender Taten.

Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht
mehr, -- er lebte nicht, und der seine Silberrüstung trug, hatte die
Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen.
Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Führung
übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! -- Bei meinen Eltern gingen
viele Gäste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit
einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir
unterhielt, -- nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte.
Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich
ernst nahm; -- daß man es immer nur drollig und kindisch findet,
erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges
Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des
Lohengrinhelden meiner Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie
Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines Königs verschollener
Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu
erobern! Die schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf
seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklärt,
wenn er morgens vorüberritt und mich grüßte.

Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe und moralische sich
darüber entrüsten. Mir ist, als wäre sie die reinste meines Lebens
gewesen.

Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal
versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich,
wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum
Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch
einmal über den Kopf. »Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein großes
Mädchen,« sagte er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal
miteinander!« Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und biß verzweifelt
in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.

Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, -- nur
daß wir ihn so leicht vergessen.

Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes
Schreibheft:

    Maiglöckchen zart und rein,
    Läut'st schon den Frühling ein?
    Nein, nein, er kommt noch nicht,
    Du gehst zu früh ans Licht.

    Werd ich dich welken sehn,
    Dann werd auch ich vergehn,
    Und in das kühle Grab
    Senkt man uns beide hinab.

Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine
getrocknete Blume -- eine Zeugin holder Stunden -- vor der Berührung
bewahrt, die sie zerstören würde.

Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich
lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August
die Wagen in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. Noch
nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur auf ein paar Tage
gewesen, ohne ihm ein Stückchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam
Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite
und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, daß Mama vor
kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit seines Todes gesprochen hatte.
Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen
von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die mich zur Eile
mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte August, der mir nachgekommen
war, beruhigend, »Puckchen findest du nicht -- --.«

»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich weinend in Augusts
Arme. Alles lief zusammen, mich zu trösten, aber fassungslos blieb mein
Schmerz. »Sieh, mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf den
Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und krank, er hätte sich mit
seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden.
Eine Wohltat wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« -- Ich
zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Tränen waren
versiegt. Von der Mutter Schoß glitt ich herunter und sah sie groß an:
»Du -- du -- hast mein Puckchen vergiftet?!«

Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend etwas war entzwei
gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupéfenster
aus, wie die Stadt allmählich vor mir verschwand.



Zweites Kapitel


Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, wo lockend in geheimnisvoll
düsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige
Chaussee verschmähend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem
zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen
Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel von alten Baumriesen
gekrönt und blühenden Büschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend
wie ein Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich
vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der Ahne, ein weißes
Kirchlein an die grauen Wände des Waxensteins. So oft ich es sah, -- mir
war immer, als lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag
auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller Goldton überzog die
Wände des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und
selbst die Heiligen und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin
oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, daß
wohl keiner, der vorüberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen
Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und
Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten
und Geländern niederschaukelte, daß das Dunkel auch hier nur da zu sein
schien, um den Glanz noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der
kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen
und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis,
um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, die
helle Stimme zu verlieren.

Vor den letzten Häusern beginnt der Wald. Als müßte er ein Kleinod
schützen, so schlingt er sich dicht um den leuchtenden Smaragd des
Badersees, der seine grüne Farbe auch unter der schönsten Himmelsbläue
nicht verliert und trotz des bösesten Unwetters durchsichtig bleibt bis
zum Grunde. Aber während eine breite Straße ihm den Strom der Menschen
zuführt und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt sein
kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer still und versteckt
zwischen den Bäumen. Selten nur verirrt sich einer auf die engen Steige,
die in seine Nähe führen, und das Riesenpaar über ihm -- der Waxenstein
und die Zugspitze -- scheint sich darum besonders wohlgefällig in seinen
stillen Wassern zu spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von
Rosen in allen Farben und Formen umkränzt ist, steht nur ein einziges
kleines Haus; von wildem Wein und Efeu ist es so dicht umsponnen, daß es
an dunkeln Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.

Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den Rosensee und baute seinem
jungen Eheglück das grüne Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglöckchen
blühten und ihr Duft süß und schwer über Wasser und Wald sich legte,
zog seine Witwe auch nach seinem Tode hierher und blieb, bis der Schnee
über die Bergspitzen hinunter ins Tal sich streckte.

Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, hatte sie uns jedes Jahr
zu sich eingeladen. Aber nur mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter
war die Schwägerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie lange
gezögert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die Sehnsucht in die Berge,
seitdem sie mir in der Schweiz Augen und Seele entzückt hatten; und wenn
der Vater von Grainau erzählte und vom Rosensee, so wünschte ich nichts
mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein Wunsch erfüllt!

Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn damals, wo das Tor des
Loisachtals sich vor mir öffnete und tief im Hintergrunde die Umrisse
der weißen Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir die Augen
übergegangen -- wie stets, wenn ein Eindruck mich überwältigte. Still
und stumm ließ ich ihn auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,
und als ich dann abends oben im Giebelstübchen des Rosenhauses stand,
den Blick auf die vom dunkelblauen Nachthimmel grausilbern sich
abhebenden Berge gerichtet, während die reine, kühle Luft mir um die
Stirne wehte, da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,
drückender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.

Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, traumlosem Schlaf,
mit jedem Abend, an dem ich mich niederlegte, müde von dem Reichtum des
Tages, steigerte sich diese Empfindung. Ein Vollgefühl des Lebens
durchströmte mich, und wenn niemand mich sah, dann warf ich mich wohl
vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten Armen in die blühende Wiese und
lag so still und atmete so leise, daß die Schmetterlinge sich ruhig auf
den blauen Glockenblumen, die über mir blühten, niederließen, oder ich
legte den Kopf ins Waldmoos, wo die Maiglöckchen am dichtesten standen,
und sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle legte meiner
Freiheit Zügel an; meine Tante fand mich zwar »schlecht erzogen«, weil
ich nicht ruhig mit meiner Handarbeit neben ihr saß, und ließ es meiner
Mutter gegenüber an Anspielungen darauf nicht fehlen, aber da sie mit
Kindern gar nichts anzufangen verstand, ließ sie mich laufen und
beschränkte ihre Erziehungskünste auf strenge Toilettenvorschriften,
wenn ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. Dann saß ich
nach guter karlsruher Gewohnheit steif und grade auf dem Rücksitz der
Equipage, wie Johann auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem »gnädigen
Fräulein« nur vertraut war, wenn es morgens in den Stall kam und -- ohne
väterliche Aufsicht! -- auf dem großen Fuchs, von allen Bauernkindern
bewundert, durch das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den
Buben und Mädeln. Alle Waldwege und Bergsteige lernte ich durch sie
kennen; die schönsten Erdbeerplätze zeigten sie mir und lehrten mich
klettern, wenn es galt, zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend
die grauen Felsen belebten.

Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands tragen das Zeichen der
Dienstbarkeit noch immer auf der Stirn: wie selbstverständlich ordnen
sie sich im Spiel mit dem »Herrschaftskind« diesem unter und sehen es
fast als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu übernehmen. Wo
die frische Luft der Berge weht, hat selbst die Sklavenmoral der
katholischen Kirche Freiheitsgefühl und Selbstbewußtsein nicht zu
unterdrücken vermocht. Der Sepp vom Bärenbauern, der am verwegensten
kletterte und am schönsten jodeln konnte, -- mein Hauptspielgefährte, --
behandelte mich ganz auf gleich und gleich, ja er sah zuweilen mit
unverhohlenem Stolz auf mich herab, und seiner urwüchstgen Kraft
gegenüber kam selbst meine sonst so ausgeprägte Empfindlichkeit nicht
auf: ich biß nur in stillem Ingrimm die Zähne zusammen, wenn er mich
verspottete, weil ich ohne seine Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab
viel zerrissene Kleider dabei; und wäre die alte Kathrin nicht gewesen,
die sie heimlich flickte und immer dafür sorgte, daß ich in möglichst
tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, -- ich hätte mich nicht
lange meiner Freiheit erfreuen dürfen.

An einem heißen Julinachmittag kam ich einmal, einen großen Buschen
Alpenrosen im Arm, eilig vom Ochsenhügel heruntergelaufen, in heller
Angst, zur Teestunde zu spät zu kommen. Ich suchte darum möglichst
schnell an dem Wagen vorbeizuschlüpfen, der vor unserem Gartentor hielt,
als eine Hand mir in die wehenden Locken griff und eine lachende Stimme
rief: »Das ist doch die Alix, das Nichtchen!« Eine große blonde Frau,
von einem kleinen Mädchen und einem halberwachsenen Knaben begleitet,
stand vor mir, und nun mußte ich Rede und Antwort stehen, während meine
Augen ängstlich an meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen
Stiefeln hingen. Kurz vor dem Haus riß ich mich unter dem Vorwand, die
Blumen ins Wasser stellen zu wollen, los, und erschien, noch glühend vor
Erregung, nach zehn Minuten im weißen Musselinkleid wieder, das mir die
alte Kathrin mit einem »Kind, Kind, was wird die Tante sagen -- das war
ja die Prinzessin Friedrich!« hastig übergeworfen hatte. Aber es kam
nicht einmal zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich in
die Arme und erzählte lachend, wie sie eben schon meine Bekanntschaft
gemacht habe. Ihre Worte überstürzten sich wie ein Wasserfall und wurden
von ebenso hastigen und burschikosen Gebärden begleitet. Eine komische
»Prinzessin«, dachte ich mir im stillen und sah mit gesteigertem
Erstaunen zu ihren Kindern herüber, die sich grade nach allen Regeln der
Kunst zu prügeln begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,
auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren durfte.

»Der Helmut sagt, die Alix wär eine Zigeunerin,« schrie das kleine
Mädchen plötzlich.

»Zigeunerinnen sind viel hübscher als semmelblonde Frauenzimmer, wie du
eins bist,« entgegnete der Knabe, und es bedurfte des Dazwischentretens
der Mutter, um mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit ein
Ende zu machen.

Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der Kuchen, in den
das Prinzeßchen mit Behagen hineinbiß, hinderte sie nicht, mir
feindselige Blicke zuzuwerfen, während ihr Bruder mir die
Aufmerksamkeiten eines vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben
Jahre älter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, mit
lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten Lippen. Die kleine
Friederike glich ihm wenig; sie war ein dürftiges Persönchen mit jenen
neidisch heruntergezogenen Mundwinkeln, die die Gesichter solcher Kinder
zu entstellen pflegen, die sich früh ihrer Reizlosigkeit bewußt werden.
Als Helmut nach dem Tee zum Badersee hinüber wollte, um dort Kahn zu
fahren, weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, daß er
dann allein gehen müsse und der Spaß ihm verdorben wäre. Ihre Mutter
aber meinte: »Um so besser werden sich Helmut und Alix amüsieren,« und
so brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern sollte.

Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem
kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen
nur wenige Touristen.

»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen Tee
herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir
lustig unsre neue Freundschaft leben ließen. Als der Diener im
Hintergrund, vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel saß,
schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung,
die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie für ihn. Er
löste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über
unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in
lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte mir von Berlin, wo er wohnte, und
wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten,
daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungsvolle Neugierde
verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war längst verstrichen, als
heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie
war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das schadenfroh lächelnde
Prinzeßchen, -- und wir wurden mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir
das Boot verlassen hatten.

»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und wandte sich mit eleganter
Verbeugung meiner Tante zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte
er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann
unausgesetzt zur Rückkehr.« Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich
Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn«
schieden wir.

Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer
Befriedigung über den »passenden Verkehr«, den ich nun endlich gefunden
hätte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern würde,
weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. Das empörte mich, und ich
nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das gründlichste zu täuschen. Schon am
nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in die Wälder und ließ
mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde
es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die
Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam häufig ins Rosenhaus. Vergebens
hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in
Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden
gegenüber zu sehr den Herren heraus, so daß sie sich fern hielten, wenn
er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung;
wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter
im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphärendruck mit
peinvoller Sicherheit.

Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide
gewöhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer
Schönheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der
unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und
Unterwürfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt;
jeder, der von ihr etwas erreichen wollte -- und wer hätte das nicht
gewollt! --, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es,
daß sie allmählich Widerspruch überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit
ihr auszukommen, mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was sie
behauptete, -- oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg
mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lächeln,
einem hochmütigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch
weit mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, die
kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Daß ihre Mutter
einer einfachen Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler
Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pöbelhaß, der stets
das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in
grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart meiner Mutter das Licht
ihres überlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre
vollendete Meisterschaft am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme
alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer tönen. Genügte
ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten
hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten
Stelle an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit
hochrotem Kopf und zusammengepreßten Lippen hinaus, wenn die Schwägerin
wieder einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische
Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem bei ihr
aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: von der reichen,
kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es
Opfer zu bringen.

Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine
wegwerfende Bemerkung über die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die
eben, eine Wolke von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;
die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, daß sie
schließlich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn
nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wäre auch seine Mutter »von
zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere,
Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit
haßfunkelnden Augen hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von
zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine Großmutter
war!«

Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht ohne daß vorher eine
konventionelle Versöhnung stattgefunden hätte. Unsre Zeit war sowieso
beinahe abgelaufen, und das kalte, trübe Wetter, das meinem
empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug für unsre
beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren längst entblättert; bis
tief ins Tal hingen die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr
meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp
gelaufen, einen Strauß von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte
zwei große weiße Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er,
auf die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus und weinte --
weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte
sich indessen allmählich auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts
sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, während die
Berge, mit der glänzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Häuptern,
stolz und siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und
ich wußte: nie wird es mir entschwinden.

Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm
neuen Heim in der Hohenzollernstraße hatte er mir einen Aufbau von
Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst gar
nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen:
»Aber Hans!« Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel
daneben: die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns
in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin
sicher zu sein.

»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, mich gerührt in die
Arme schließend. -- Großmama, wie alt wurdest du, -- hätte ich beinahe
erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug
daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar war ganz grau, und
tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch
ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte sie:
»Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, -- das Leben ist nur
selten ein Jungbrunnen!«

War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde sie noch mehr
herabgedrückt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschränkter
vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt
des großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen an der
Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht
abpflücken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall
lag jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine Enttäuschung
über diese Entfernung war groß, sie steigerte sich, als ich eintrat:
unsre Goldfüchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder
Reitknecht trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt es so schöne
Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht,« sagte Papa
lächelnd, aber ich sah recht gut, daß seine Schnurrbartenden
verräterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir
auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal
zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa -- ein Zeichen seiner tiefen
inneren Erregung -- ohne besondere Ursache heftig wurde.

Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Königin
Augustastraße, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zöglinge
hatte. Meine Großmutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer
kleinen, dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten Händen, mit
denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen tätschelte. Der erste
Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen
Langenweile. Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, wo die
Mädchen alle älter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen
meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der
ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu
fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, --
das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um
mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die
besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden,
und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewußten, da ich überdies
ihre Interessen nicht teilte, -- spielte ich doch trotz meines großen
Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den
Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, -- so
blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das
mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich
mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald
merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit
Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« stand einmal mit roter
Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel.
Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu
verteidigen.

Einmal, nach der Religionsstunde -- wir hatten grade die
Leidensgeschichte Christi durchgenommen -- sah ich sie plötzlich
inmitten der andern, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes
Zeichen gemeinsam losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt --
Judenbalg hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten sie im Kreise um sie
herum, und auf ein »Eins, Zwei, Drei« der Anführerin spieen sie alle vor
ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie.
»Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten,
»schämt ihr euch nicht: zehn gegen eine?« -- »Sie ist aber doch eine
Jüdin,« knurrte die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist -- wißt
ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« gab ich zur Antwort.
Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: »So heule doch nicht,
Edith,« flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«

Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige
Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein
pflegen als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger
Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur
Unterhaltung. Wir wohnten überdies Haus an Haus, so daß wir unsern
Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige
Wirkung meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines Tages ließ
mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du hast gesagt, Christus sei
ein Jude,« fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du
dazu?« »Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit,
»waren doch auch Juden, und -- und David doch auch, von dessen Stamm er
ist.« -- »Christus ist Gottes Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei
ihre Stimme sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die
gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft an den
aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust deine Sünde,« sagte sie
würdevoll, »so sei dir für diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände
fuhren mir übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber meine
Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen sich an mir gerächt
hatten, hielt mich fest, und ich erzählte den ganzen Zusammenhang der
Geschichte. Die Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich
sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit hochgezognen
Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner Weise deine weit größere
Sünde.«

Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religiöse Zweifel
hatten mich noch nie gequält. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von
dem Großmama mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, den
Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Daß
Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, -- das
war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama ging ich
und erzählte ihr alles.

»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, wie du das
auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie
Christus, den Willen des Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der
ist sein liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber in den
Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fühlte bald
den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was
Großmama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden für sie,
und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung übrig. Ich
lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber für mein inneres Leben, für
meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie
jede Art von Unterricht bisher.

Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen
bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander
angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne
daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem
sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte,
durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre
Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule
schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen.
Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das
ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er
sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es
unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder
Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen
Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach
einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor,
wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht
leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen
--, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen
ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das
schönste war.

Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten
meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die
Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie
warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen
Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche
Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie
wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine
Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre
bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im
sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf
die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete
Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr
und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für
Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer
lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so
empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden
konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein
Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte
ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein
Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte
das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu
verwischen vermocht.

Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel
Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er
war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich
sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade
mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch
ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und
Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.
Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche
Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir
alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber
Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu
beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und
ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ,
um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu
bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die
»wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«.
Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem
Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es
war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder
war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher,
die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich
finden würden.

Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter
die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden
pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten
ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und
spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns
besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs
zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten
stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich
tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als »unschicklich« zu
jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser
Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir
besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie
etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen
kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten
den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die
Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die
Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer
komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im
kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können:
die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer
Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen
derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht
aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder,
der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was
Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes --
das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu
treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte,
die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria,
mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir
nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen
der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm
und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war
jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen
des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen
Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit
offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden
Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere
entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des
Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen
Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum
Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht
siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine
Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden
Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als
hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein --
herrschen -- genießen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum
herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres
Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene
Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist
auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...

Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der
Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann
bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder
aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine
Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und
war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit
Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal
gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war,
hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine
besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit
bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und
Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen
Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer
Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und
Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln
seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon
an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden
offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, -- wundervoll war es! »Das
muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der
allen leuchtet« -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt
mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle
wärmt!«

Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit,
die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben
durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor!
Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend
etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter,
das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor
versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner
tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut
und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden
Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte
Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche
Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem
geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders
entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt
im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich
nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus
Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie
es schien, den Salon.

Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum
Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung:
Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel
Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.

»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines
Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte
ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend
verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und
Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht
Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, -- du solltest ohne weiteres
auskommen.«

»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.

»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt
Alixchens ganze Zukunft gefährden.«

Onkel Walter stöhnte schwer.

»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus,
mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.

Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die
schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir
das Herz schmerzhaft zusammenzog.

Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein:
irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen
Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel
Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge
schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört
worden war -- »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht
hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob
sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die
Kissen und hielt den Atem an.

»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte sie; ihr hatte
seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. »Schämst du
dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen
Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu
Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder ist es etwas andres als
Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem
schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn
du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, so wirst du dir selber helfen und
nicht verlangen, daß deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern.
Setz dich auf dein Gut und arbeite!«

Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch Onkel Walter mochte
erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los,
nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun
tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache
nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen
helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau
gefunden haben würde ...

»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.

»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« fügte sie rasch
hinzu.

»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.

Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis zu dem Mädchen.
Ich glaube, sie war anständiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie
fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bühne untergebracht:
»Talent hat sie keins, aber sie ist hübsch, damit wird sie sich schon
weiter helfen! Für das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen
sicher ist, muß gesorgt werden!«

»Und du -- du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama mit halberstickter
Stimme sagen. Hätte ich ihr nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen
können!

Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit
ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu einem völlig Fremden, setzte sie
Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner
Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre
Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für das unschuldige
Würmchen und die arme Mutter sorge ich,« schloß sie, »und nun gute
Nacht!«

Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter das Zimmer.

Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte,
waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da
trat Großmama über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. Ich
sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen Sammetfalten ihres Kleides
pressend, erzählte ich ihr, daß ich alles, alles gehört hätte.

»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von
ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne
kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine
Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit
wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch
ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn
ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld
für mich auszugeben« -- -- Großmama war noch immer still -- --
»vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal
gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch
so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich
gewiß zum Theater.«

»Du kleiner Hitzkopf du -- was für törichte Gedanken du dir machst,«
unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit
ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren
meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen
glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich
sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen
solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich
viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn
ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich
einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen
vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig
herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine
Aufgabe ans Herz legte. »Und -- das kleine Kind?« wagte ich noch einmal
schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen
schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört
hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche
es,« hauchte ich.

Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein
Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still
und in mich gekehrt folgte ich ihr.

Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich
pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hände
gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich
noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über
meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?«
Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr
erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«

Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.

Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der
Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange
nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an
genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen
wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo
er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der
Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas
Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede
Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert
wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische
Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten
backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren
Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie
früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig
unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der
Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit
derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.

Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes
Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied
nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre
ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell
erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden
worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil
sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer
Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine
Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm
im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.

Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das
sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der
Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte
eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei
Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal
zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem
Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer
besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu
spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante
Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von
Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des
Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben
kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was
er entbehrt.

Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante
uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über
die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen.
Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre
Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre
Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich
hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich
abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald
in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden,
daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein
mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und
Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz
der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur
vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in
der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen
Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern
war.

Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar
und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter,
einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich
immer häufiger zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über meine
Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte
nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den gräßlichen
Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,
dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der
gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe
predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg,
froh, eine so dankbare Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu
haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von niemandem
schwärmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte
er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem
Pathos eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte
voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein
Wunder war, daß es in dem einen an Platz für frische Kragen, in dem
andern an Interesse für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon
zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir widerwärtig, und meine
Sehnsucht nach seinen Büchern stand immer in hartem Kampf mit meiner
Antipathie gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn allein
für mich anziehend machte und gab daher seine Schätze nicht aus der
Hand. Plötzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als
ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm
nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mädchen, das
nicht nur erheblich älter, sondern auch viel hübscher war als ich. In
seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte,
während der Schweiß ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand.
Halb belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte der
Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte ich ihr nicht.
Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig
untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: »Für
dumme Göhren wie dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in
Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse der
Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewiß. Das
Schlimme war nur, daß ich kein Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte
ich in Erinnerung an Großmamas Ratschläge das Goldstück von Tante
Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon
kaufen, dieser Wunsch -- ein erstes Zeichen praktischen Verständnisses
-- war durch einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie
für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre töricht gewesen;
bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut
gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf -- es war mein Eigentum
--, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in
mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentüchern
lag. Tagelang kämpfte ich mit mir, -- aber das Verlangen wurde um so
stärker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wußte;
endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter dem Vorwand, ein
Taschentuch haben zu müssen, verschaffte ich mir den Schlüssel und nahm
mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden
unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach
Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im
Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an,
als ich ein ganzes Goldstück vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief
ich zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen
ließen mein Herz immer stürmischer schlagen. Glühende Funken tanzten
vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hüllten schwarze
Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch
gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken,
als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett,
umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst
gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts für mich
-- es fehle mir an Bewegung -- Garmisch sei zu heiß -- die Baronin
Artern müsse mich ins Rosenhaus nehmen, da würde das dumme Herzchen
schon zur Räson kommen -- hörte ich des alten Doktors freundliche Stimme
sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am
nächsten Tag sollte ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher
ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick,
wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das
verhängnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten.
Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in
der Erde; nur eins -- das letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in
meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität des
Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe für meine Sünden erwartete
mich das Rosenhaus, meiner ständigen stillen Sehnsucht Ziel!

Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch
Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte
Kathrin mich überdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante
nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der
treuste, rücksichtsvollste Kamerad. Er strahlte über das ganze braune
Gesicht vor Freude über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und
Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob
mich, das lange Mädel, das ihn an Größe beträchtlich überragte, über
jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er
mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den Wald bis zu dem
Hügel, unter dem der Badersee grün aufleuchtete und Waxenstein und
Zugspitze herübergrüßten, als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.
Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in
ungefügen Buchstaben ein »Alix« in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich
zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« war es.
Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich weiß nur, daß das
kleine Werk mich in einen Traum von Schönheit verstrickte, daß ein
Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir
selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im
Hause war, zog ich immer häufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen
hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich
niemandem hätte sagen können.

Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Großmama
nicht mehr vorzufinden, -- ich hätte ihr nicht in die Augen zu sehen
vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, wie
schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz
anders werden. Durch tägliche Opfer wollte ich gut machen, was ich
verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die
selbstgewählte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es
für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine büßende
Nonne sich geißelt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem
ich Strümpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters
Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden
nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wußte, als eine
gerechte Strafe für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und
des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des Lebens entreißen.

An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen wir zwischen
hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. Schwarz starrten die
vorhanglosen Fenster zu mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen
empfand, wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten
Morgenrock, ich -- im Vollgefühl größter Selbstentsagung -- eine
Schürze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs
die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer,
der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief präsentierte. »Aus dem
Kabinett Ihrer Majestät der Kaiserin,« sagte er mit der Miene
ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las.
»Das ist wirklich ein Glücksfall«, -- damit reichte sie den Brief meinem
Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektüre; die Adern schwollen
ihm auf der Stirn; er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal
wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender Stimme,
warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich
gleichfalls, um möglichst rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie
Papa wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist schließlich die
Hauptperson, -- mag sie entscheiden,« fügte er hinzu und reichte mir
trotz Mamas entrüstetem »Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen,
großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß »Ihre Majestät
gnädigst geruht habe, Fräulein Alix von Kleve eine Freistelle im
Augustastift zu bewilligen,« und die Bemerkung von der Kaiserin eigener
Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in
die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge
erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen
Besuchen mit Großmama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug
geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur
Gesinnung, und von den weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles
denselben Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der Ordnung. Da gab
es kein stilles Plätzchen und keine Zeit zum Träumen. Das, was mir von
klein auf das tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können mit
meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber
war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der
Buße wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drückenden
Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer
betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit
gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste für mich sein!«

»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte Papa, »aber ich geb
das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, daß ich meine
Tochter das Gnadenbrot essen ließe! -- Sie bleibt zu Hause, wo sie
hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen -- und damit basta!«

Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hörte aber noch lange
des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fühlte ich, wurde dort
drüben entschieden.

Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer
weichen Zärtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf
mich ein:

»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude.
Wenn ich dich von mir gebe, so heißt das, dich verlieren, denn fremde
Einflüsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen
entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie
ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, -- und niemand kann dich
lieber haben.« Mit feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen
armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«

Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: »Ich bleibe bei dir,
Papa.«



Drittes Kapitel


Wir saßen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der
Hängelampe mit dem grünen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich
gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen
alten, weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige
silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen duftete
sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten die brennenden Holzscheite
im Kamin die grämliche Herbststimme des Novemberregens draußen.

»Doktor Hugo Meyer,« meldete der Diener und öffnete die Tür vor dem
Erwarteten. Mein Vater stand auf. »Dein Erziehungsapparat,« flüsterte er
mir lächelnd zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander alle
ähnlich gewesen: grauhaarige Männer mit krummen Rücken und schmutzigen
Fingernägeln, ältliche, bebrillte Fräuleins mit blutleeren Lippen --
wirklich: nur gleichmäßig funktionierende »Erziehungsapparate«, aber
keine Erzieher.

Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem neuen Lehrer
vorstellte, den er nach vielem Suchen für mich gefunden hatte. »Hier ist
unsere Alix, Herr Doktor! Ein großes Mädel, nicht wahr? Sie werden sich
tüchtig anstrengen müssen, damit der Geist sich streckt, wie der
Körper.« Ich reichte ihm die Hand; sein warmer, kräftiger Händedruck
ließ mich erstaunt zu ihm aufsehen, -- meine früheren Lehrer hatten mir
immer nur die Fingerspitzen berührt, was mich von vornherein hatte
frösteln lassen.

Ein großer, breitschultriger Mann stand vor mir; ein paar gute Augen von
einem so reinen Blau, wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet war,
sahen mich forschend an. Und doch konnte ich nur schwer ein Lächeln
verbergen: wie schlecht paßte der Mann, dachte ich, in den langen
korrekten schwarzen Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer hätte ihm
besser gestanden, und unter einem Büffelhelm würde der breite
Germanenkopf mit dem gelockten rötlichen Haar und dem dichten Bart nie
den Gedanken an einen preußischen Gymnasiallehrer haben aufkommen
lassen. Er errötete unter meinem Blick und setzte sich mit einer
ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer noch in der Hand,
auf den Rand des ihm angebotenen Stuhles. Es bedurfte der ganzen
gesellschaftlichen Geschicklichkeit meiner Mutter und der jovialen
Liebenswürdigkeit meines Vaters, um eine Unterhaltung in Fluß zu
bringen. Erst als das Gespräch sich ausschließlich auf des Besuchers
eigentliches Gebiet konzentrierte, wurde er lebendig, und je mehr er den
schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation vergaß, desto
stärker trat seine Natur hervor: die eines Menschen voll Jugendkraft und
Enthusiasmus. Ich empfand sie, wie ich den schäumenden Gießbach und die
dunkeln, schattenden Bäume in dem kühlen, grünen Grund der Maxklamm
empfand, wenn ich von den sommerschwülen Wiesen Grainaus dorthin
flüchtete. Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich öffnete den
Mund nicht während des ganzen Besuchs, und er richtete nie das Wort an
mich. Daß ich seinen Händedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war
das einzige Zeichen meines Willkommens.

Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, in der mein Vater für
Wünsche am zugänglichsten, für Widerspruch am wenigsten empfindlich war.
Dann pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke seines
Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, die er, als bestes
Nervenberuhigungsmittel, wie er meinte, allabendlich zu legen pflegte.
Ich las währenddessen oder träumte vor mich hin.

»Wir hätten Alix doch in die Schule schicken sollen,« begann Mama.

»Damit sie mit fünfzig Cohns und Goldsteins in einer Klasse sitzt! Na,
Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,« antwortete er.

»Und daß er ihr keine Religionsstunde geben will, ist doch auch
bedenklich,« fuhr sie fort.

»Das ists grade, was mir paßt,« sagte er mit etwas erhobener Stimme,
»den Katechismus kann sie am Schnürchen, die Kirchenlieder auch, alles
übrige läßt sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfährt.
Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren Eltern da.«

»Ich freue mich auf die Stunden,« unterbrach ich das Gespräch, in der
Angst, es könne sich zu einer Szene steigern.

»Jedenfalls muß ich immer dabei sein,« seufzte darauf Mama.

Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen
wie vor ihr. Lähmend wirkte ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige
war ich in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger
nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.

»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf
sie gerichtet, »ich werde sicher gut aufpassen und immer fleißig sein.«

»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« Ihre Stimme wurde
schärfer: »Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!«

Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berührt, trieb
mir die Schamröte in die Wangen.

Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich
sah die Worte nicht; ich hörte auf den Regen, der eintönig gegen die
Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.

Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama saß richtig mit einer
Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu
empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel
Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich enttäuscht
voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit
altkluger Bitterkeit, daß ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut
hätte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und
schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine Eltern fast nur
zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen
folgten einander auf dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die
pflichtgemäße Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu
begrüßen, wenn er kam. Täglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene:
mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger
Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden mit Alix?«
frug Mama. »O sehr,« antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch
die Stirne küssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der
Erleichterung nahmen wir einander gegenüber Platz. Der Diener brachte
den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein
näheres Bekanntwerden von Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber
es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank
herunter und zerbröckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern,
während er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er
vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller
leuchteten seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel
eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts
als eine Anhäufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen,
so leblos und reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und
Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt mit ihm das Leben
selbst mir zu, dessen Fülle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in
herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten
Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit
und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, -- von Leonidas und
Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der
Neuzeit --, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung
entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir,
und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen
Mädchen die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch ihren Wert
noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrünstigem
Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit
den Nebelgestalten ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend
lebendigen Augen an.

Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes nicht nur
automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrücke und Gedanken
daran zu knüpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden,
und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht
schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln,
so bäumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah
es, daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte ich verzweifelt
vor dem gestürzten Heros, als wäre mir ein Freund gestorben.

Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. Ich konnte nicht
zusammenhängend sprechen, wenn ich am Tische saß oder stand; ich
bedurfte eines merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem
Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in
Mamas Gegenwart half auch der Fußschemel nichts, seitdem sie einmal
zugehört und über mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer
verstand mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, so
wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht
nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer,
wenn wir nicht allein blieben.

Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt,
als Dr. Meyer Friedrichs des Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik
unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller
Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenüber einen
scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach
meine Mutter plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst
so vornehm kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr Doktor,«
rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind
Preußen!« -- »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete er, während
das Blut ihm in Wangen und Schläfen schoß, »die objektive
Geschichtsforschung ...« -- »Was geht mich die objektive
Geschichtsforschung an,« warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser
angestammtes Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm
zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende
Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug.« Ich erwartete eine
energische Antwort. Doch der große, starke Mann schien in sich zusammen
zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch
dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit
der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast
bildete, ein paarmal über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete
tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch gestattete, und
verabschiedete sich noch unbeholfener als gewöhnlich. Mir gab es einen
Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich
verletzte, es war nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden
Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so
herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung nicht zu vertreten vermochte!
Daß Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den
er verdiente, -- das freilich wußte ich damals nicht.

Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum
erschütternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch
immer sah ich Tag für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er
war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der
Führer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er öffnete mir einen
Saal nach dem andern, aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es
auch sein höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, -- nicht
auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es
gilt, über Felsen zu klettern --, so ist doch die Seele des Kindes zu
weich, zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer
Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden über Wunden davontragen
müßte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige
in die Hände fielen.

Ich war ein frommes Kind gewesen -- mit jener Frömmigkeit, die an den
lieben Gott und an die Engel und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt,
wie an die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine
Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben ist, weil noch
kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.

Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was die Kindheit der
Völker kennzeichnet: ihre Phantasie ist das Mittel, durch das sie sich
mit dem ungeheuern Geheimnis des Lebens und des Schicksals
auseinandersetzen. Sie überwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen
durch den Glauben an die waltenden Wesen über ihnen. Schon als kleines
Kind flüchtete ich, wenn irgend ein Ereignis mich aus dem Gleichgewicht
brachte, in die Stille, um inbrünstig den Vater im Himmel um Hilfe zu
bitten. Auf meine religiösen Empfindungen blieben die Gebete, Sprüche
und Gesangbuchverse, die ich in der Schule gelernt hatte, und der
Luthersche Katechismus vor allem, der, wäre er chinesisch geschrieben,
den Kindern nicht weniger verständlich sein würde, so einflußlos wie die
nüchterne Ode der protestantischen Kirche. Die Heiligenbilder, das
geweihte Wasser, die durch rotes Glas mystisch schimmernde ewige Lampe
unter dem geheimnisvollen Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,
die die Wände in der Kammer unsrer polnischen Köchin schmückten, zogen
mich weit mehr an.

Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberührte traumdunkle
Märchenwelt meiner Religion.

In der Geschichtsstunde, zu der in spätern Jahren ein besondrer
religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, lernte ich, wie nicht nur
innerhalb des Christentums eine Kirche, eine Sekte die andre auf das
heftigste bekämpfte, wie jede im Besitz des alleinseligmachenden
Glaubens zu sein behauptete, und für jede Märtyrer geblutet hatten, ich
sah auch, daß Juden, Muhamedaner und Buddhisten nicht weniger fromm
waren als die Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie für
ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von den drei Ringen kannte
ich noch nicht, aber ich empfand schon die Schwere ihrer Fragestellung.
Mein Lehrer, der dem Mißtrauen meiner Mutter, als er sich weigerte, mir
Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet war, daß er versprochen
hatte, keinerlei Glaubenszweifel in mir zu erwecken, beschränkte sich im
wesentlichen auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich meinen
bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es aufgab, sie zu stellen. In
meinem Innern aber wurden sie zu Quadersteinen eines babylonischen
Turms, von dem auch ich über die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch zu
schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und sicher aufeinander
zu schichten, brach mein Bau frühzeitig zusammen. Nicht zu neuen Wundern
hatte er mich emporgeführt, doch meinen Kinderglauben begrub er unter
seinen Trümmern.

Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet die Phantasie
ungestört, die große Bannerträgerin allen Glaubens, und flößt den
Marmorsteinen der Götter und den Bildern der Heiligen rotes, warmes
Leben ein. Dringt aber Licht und Lärm durch zerrissene Vorhänge und
zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu toten Gebilden von
Menschenhand. Die Phantasie aber baut in stillen Winkeln neue Tempel für
die glaubensdurstigen Kinderseelen, die Denker und Dichter noch nicht
sind, oder niemals werden können.

Einmal, nach der Rückkehr von einer längeren Sommerreise, führte mich
mein Vater mit besondrer Feierlichkeit in unsre Wohnung. Hatte ich
bisher ein Zimmer neben der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich
tags über meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so öffnete er mir
jetzt die Tür zu einem bis dahin unbenutzten Raum. »Das ist dein Reich,
mein Kind,« sagte er. Ich konnte das Glück kaum fassen: ein eignes
Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbständigem Leben reifenden
Menschenkindes sollte mir so wundersam in Erfüllung gehen! Keine
rasselnde Nähmaschine durfte mich hier mehr stören, niemand konnte mir
den Platz am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte braune
Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weißen Kleides noch an die
Kinderstube. Die erste Nacht unter dem schneeigen Betthimmel und der
roten Ampel fand ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch -- das
allereigenste fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand sehen
durfte als ich allein. Ich richtete mich auf, zündete die Ampel an und
schlüpfte aus dem Bett. Bunte Seidenreste und einen großen gelben Schal
holte ich aus meinem Wäscheschränkchen und kauerte damit am Fenster
nieder, wo zwischen dem Sofa und der Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln
und Reißnägeln spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach zwischen
der hohen Seitenlehne des Sofas und der Fensterwand, fütterte die Wände
innen mit rotem Atlas und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf
dem Boden aus. Einen weißen, mit Blumen bemalten Kasten stellte ich wie
einen Altar in die Mitte, bunte Kerzen von meinem Geburtstagskuchen
befestigte ich ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit
Rosenblättern gefüllt, legte ich als Opferstein davor. Nur der Gott
fehlte noch, dem der Weihrauch duften sollte. Leise, mit angehaltnem
Atem, schlich ich zum Eßzimmer hinüber, holte vom Ofensims die kleine
Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum Heiligen meines
farbenglühenden Tempels. Tief mußt ich mich neigen, um hineinzusehen;
aber daß ich fast die Erde mit den Lippen berührte, entsprach nur meiner
feierlichen Andacht. »Baldur« nannte ich den Apollo, denn die Götterwelt
der Germanen war mir vor allem vertraut geworden, und mit einer ersten
instinktiven Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten
betete ich den blühenden Gott des steigenden Lichtes an.

Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der
Kindesseele, ich aber weiß, daß keines gläubigen Christen Frömmigkeit
inniger sein konnte als die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem
selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.

Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den Apollo »zerbrochen«
hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch
sorgfältig verhüllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der
»Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt hätte. Als aber
Weihnachten vorüber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen
geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich
kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, und eine kleine
ewige Lampe, an deren Brennen und Erlöschen sich allmählich allerlei
abergläubische Vorstellungen knüpften, und Räucherkerzchen, die
allabendlich den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. Schon
oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze Zeug« fort zu räumen;
schließlich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie
mir mit hochrotem Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das Lügen
abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war
verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter
und Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen neben
Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes
Eigentum aneignet?!« Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten
Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die
Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir
die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der
Verzweiflung offenbar für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte
sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die mich zwang,
ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, »ich will die ganze
Geschichte noch einmal als bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich
aber noch ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«

Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein äußeres Leben war das einer
korrekten Schülerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwülen
Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner
Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und
zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle
schliefen, um dann bei der trübe flackernden Kerze noch lange am
Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem
Körper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach
Liebe.

Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme
meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die
Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand
nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und
fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung
zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner
geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In
kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die
Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die
ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker
lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen
nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für
meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich
erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte
lesen, lesen -- alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen
von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen längst nicht
mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht
Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen,
und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes »Charakterbilder« --
meine Fundgrube, wie Papa sagte -- und in Gustav Freytags »Bilder aus
der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das alles die freie
Zeit doch nicht aus.

Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd
wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was
ich darum zumeist nur als unangenehme Störung empfand. Was hatte ich
gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? Ihren Schulklatsch verstand
ich nicht, und ließ ich mich hinreißen, ihnen meine Interessen zu
verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir
Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als
eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des
Vergnügens war. Mit in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,
vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank,
-- diesem Genuß glich kein andrer! Nur die ständige Angst, entdeckt zu
werden, beeinträchtigte ihn. Denn, was ich las, -- dessen war ich sicher
--, gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und doch fühlte ich
instinktiv, daß es tausendmal wertvoller war als die zuckersüßen
Backfischgeschichten von Clementine Helm, für die sich meine Freundinnen
damals begeisterten.

In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt;
hörte ich Schritte draußen, so verschwand mein gelbes Heft in dies
sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers
Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das
gute verschwiegene Möbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich
beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tänzen
durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke,
die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts
oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis
in meine Träume.

Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern
waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler
laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann
hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen -- »das ist noch nichts für
dich« war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle
sich um Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies »das ist
nichts für dich« war mir längst zum Empfehlungsbrief der Bücher
geworden. Mit »Klein-Zaches« und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam
ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir
brachte, blieb unberührt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen,
unbeachtet. -- Saß ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die
grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? Grinste mir nicht
von der Tür her das Bronzegesicht der zauberhaften Äpfelfrau entgegen?
-- Da öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im Bett?!« tönte
mir die Stimme meines Vaters entgegen. »Ich muß wohl eingeschlafen
sein,« stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. »So zieh dich
rasch aus -- ich werde Mama nichts sagen -- gute Nacht.« Damit schloß er
die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins
Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las
ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der
Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkäfer. Es
ließ mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der
Welt Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit weh tat, wie
ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir
schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;
durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; -- schon als
kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhören, wenn jemand sang oder
spielte, -- meine eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf mit
der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik
nichts hörte, wurde mir immer unerträglicher. Vergebens bat ich Mama,
mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien --
Klavierspielen gehörte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich
suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren,
oder ich entschuldigte mich mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen
zu begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.

In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 war der polnische
Stadtteil Posens, wo die Ärmsten wohnten -- die Walischei -- durch die
aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt
worden. Krankheit und Not nahmen überhand, so daß auch in den
Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem üblichen Wege der
Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte
nicht mit, wie früher in Karlsruhe, -- mit dem langen, dünnen, blassen
Mädchen war wohl kein Staat zu machen --, aber den Proben und
Aufführungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern
gehörte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der
Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut -- was wußte
ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in
den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden
Weibern von Paris zu Beginn der großen Revolution, in den
Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preußens
entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen
Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers -- jetzt gab es doch
keine Armut mehr! Daß uns gegenüber in der polnischen Kneipe Tag für Tag
Betrunkene vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in den
Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr
Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich
beschloß, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die
mich angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die Romantik
meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden
Hoffmannscher Erzählungen standen mir lockend vor Augen.

Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm,
über den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht
trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von
verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug.
Die Tapsen vieler schmutziger Füße hatten den Boden mit einer schwarzen
klebrigen Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte
das Licht bläulich in den Raum, und die Züge des Priesters, der mit
heiserem Krächzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl,
wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der
nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die
Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an Händen und Knien kleben, mühsam nur,
unter aufsteigender Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! dachte
ich, als ich durch immer engere und dunklere Straßen meinem Ziele
zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern
gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Häuser
immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den Händen zu fassen waren,
und über immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den
Übergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, daß
Flöße aus Brettern die Passanten hin und her führten. Auf den
schwarzgelben Fluten schwammen Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe,
übelriechende Kehrichthaufen, in denen dürftig gekleidete Kinder, oft
bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach
Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Kälte an mir empor, mich
umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines
Glöckchens ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der
Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben Häuschens, hinter der sie
verschwanden, drängten sich Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig,
zerlumpt; nur ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher zeugten
von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmählich zum
Gekreisch, ihre Gebärden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck
konvulsivischer Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie
zusammen, -- wie war es nur möglich, daß ihrer so viele darinnen wohnen
konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich
neben mir eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend und
schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine
Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glöckchens wieder,
und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die
betrunkenen Männer und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo
irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen
vorüber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer
breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.

Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebückt alle beide; in
wirren Strähnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen
aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den
Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein
Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein
einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, -- ein
langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen
den gefalteten Händen, schwankend beschloß. Kein Laut war mehr hörbar,
als das Plätschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der
langsam Schreitenden.

Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tür
des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mußt ich vorüber. Es
war ganz dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden hockte und
mich anstarrte mit großen, leeren Augen, -- die Armut. -- So rasch meine
zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf
ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich
niemanden mehr.

Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach
konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern,
die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am
Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm
des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; -- durch gelbe
Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und
Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen
Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und
bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den
großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.

»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte ich dazwischen meine
Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem
Lager wich.

»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?« sagte wohl
auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den
Überschwemmten begegnet war.

Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer
großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen
baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter
gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken
wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die
sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir
mehr der Wahrheit zu entsprechen.

Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der
wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig
wäre, weil ich lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit
Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, wenn ich mittags
den Schritt des Heimkehrenden hörte; Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, --
irgend etwas brachte er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die
Menschen, sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer
den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und
jetzt schickte er mir seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt
gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen gebracht
hätte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein
Krankenzimmer, um mir eine -- Puppe auf die Kissen zu legen.

»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen spielen!« sagte ich
lächelnd, als er weg war, -- denn mit dem Spielen war es für mich
endgültig vorbei.

Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben
wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff,
sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein.
Aber schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die Kissen
zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit dem kleinen Fräulein! Die
Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten.« Verständnislos sah ich die
Mutter an, der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles Nötige
werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit wandte er sich zum Gehen. »Sie
ist erst zwölf Jahre, Herr Doktor --« entgegnete sie zögernd. »Tut
nichts -- tut nichts -- so schwere Krankheiten bedeuten immer eine
große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die Hand: »Nun stehen wir
hübsch ein paar Tage später auf.«

»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit wandte Mama sich
mir wieder zu, als er fort war, und erklärte mir mit wenig Worten meinen
Zustand. Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich also wirklich
kein Kind mehr, -- und meine Träume suchten die Zukunft: so kam denn
endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!

Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, daß kein
Kleid mir mehr paßte. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa
verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was mir sehr
gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgültig gewesen war,
suchte ich wieder; und so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel
mir nicht übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken über der
weißen Stirn, die schmalen Hände mit den rosigen Fingerspitzen, -- wer
weiß, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!

Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder
gen Süden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit
durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn
leben -- leben und genießen -- wollte ich!



Viertes Kapitel


Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind,
der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde
Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte
Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der
Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein
überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet,
war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder
in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin
versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines
unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir
empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer.
Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie -- wie geht
es -- Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er
mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich
in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten
»Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch
gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen
Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres
Verfassers nicht vergessen konnte.

Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein
Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.

Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk
der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich
mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem
ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe
gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die
Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der
Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...

Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift,
die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte
oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife
Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft
widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem
findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, -- als ein
Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner
Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich
hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich
fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über
alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die
Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt
ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein
Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von
andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« --
hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben -- »das sieht man an allen
seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang
nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf
mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über
das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der
Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir
damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken
enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben,
oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der
vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich
entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß
Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« -- An einer
andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr
schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den
Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der
ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein
Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat
das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber
seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den
Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, --
daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« -- In den zahlreichen
historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer
Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen
Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen
Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin
ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt
... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene
Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften
irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit
vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit
beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den
»die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch
bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich
als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was
der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«

Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen,
die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach
rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene
Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der
Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im
allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir
lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem
scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern
Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit
eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche
Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und
Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber
reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß
das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der
Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von
irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber
Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf
mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen
über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre
Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit
»Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die
Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles
wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei
herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen
Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder
Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische
Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war
mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, --
Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm --, mit
derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und
Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen
nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen
Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten
Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz
kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; -- so schien
es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all
meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die
Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns
alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von
Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.

Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die
Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die
verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen
Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch,
als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr
Oberst, Herr Oberst --« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen
liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?«
herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster
Kaiser --« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien
zitterten ihm -- »ist -- ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen
brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er.
Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, -- das
Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen
zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und
alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen,
nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah.
Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts
erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse --
irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst --, eilten wir alle dem
Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, -- aus den Fenstern der
ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der
Garnisonkirche läuteten die Glocken --, und wir die weite Sandfläche des
in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit
einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich
in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser
lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue,
Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die
harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, -- alle Mützen flogen
von den Köpfen, alle Hände falteten sich --, »schütze unsern guten
Kaiser!«

Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im
Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend
murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle -- einen neben den andern!« Ich
aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung
dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in
Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte
ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine
Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden
zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf
einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die
Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen
Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in
aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine
Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten.
Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil
ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab
man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie
Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte,
nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner
frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die,
wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der
Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort
Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des
»interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes
blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, -- war eine
Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd
wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als
»dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen
Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie
bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde
es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten
drohten.

Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr
zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten
und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in
Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder
war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees
untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur
bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir
natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte --
die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es
nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes,
Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen
wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden
Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und
Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war
zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner
frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut.
Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern
aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein
den Ausschlag, mit allem übrigen -- dem Glanz der Geburt, dem
überragenden Geist und der Güte des Herzens -- schmückte sie meine
Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen;
alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen,
Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen
füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.

Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten
geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt.
Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert
sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:

    Einstmals blühtest du wunderbar,
    Rose, du prächtige, süße,
    Sandtest zum Himmel blau und klar
    Duftend-berauschende Grüße.

    Einstmals füllte der Liebe Macht
    Mich mit Wonnen und Schmerzen,
    Und es strahlte des Lenzes Pracht
    Wider in meinem Herzen.

    Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,
    Herbstlich umbraust mich das Wetter;
    Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
    Dornen und dürre Blätter.

       *       *       *       *       *

    Im dunklen Buchengang
    Zur schönen Frühlingszeit
    Hast du mich heiß geküßt
    Voll Liebesseligkeit.

    Im dunklen Buchengang
    Fielen die Blätter ab,
    Als ich zum Abschied dir
    Weinend die Hände gab.

    Im dunklen Buchengang
    Liegt unter Eis und Schnee,
    Begraben all mein Glück --
    Wach blieb mein Weh.

       *       *       *       *       *

    Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,
    Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
    Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
    Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!

    Ich möchte entfliehen und dich vergessen,
    Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
    Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
    Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.

       *       *       *       *       *

In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher
Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und
nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur
eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches:
Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu
der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie
kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und
körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn
sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen
brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er
sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß
sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote
Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann
erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum
erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir
alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto
mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr
verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.

Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer
engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen
und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem
unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe,
die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in
strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz
besonders empfohlen worden war. Anna -- so hieß unsre neue Hausgenossin
-- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie
hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner
Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte
Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie
eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe
irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin,
und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde
wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß
ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die
Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und
die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die
Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches,
kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte
nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte.
Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das,
was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum
versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und
nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz
meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet,
hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, --
das erzählte sie voll Stolz --, war niemals den Verführungskünsten der
Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer
nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie
servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe
und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher mußten sie ihre Dummheit
büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. -- Das
Kind! -- Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die
Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund
feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich
längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von
überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das
Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer
Heiligenschein.

Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich
zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven
blauen Frageaugen mich aufklärte! -- -- Sie war so vertieft in alle
Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen
mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das
fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude
an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd
vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« -- so
mochte sie denken -- »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens,
dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit
erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen
Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr
gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.

Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut
orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur
intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine
Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer
bezahlen ließen. »Bezahlen?!« -- ich kämpfte schon wieder mit den
Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! --« und sie verfiel
wieder in Detailschilderungen. »Pfui! -- Pfui!« schrie ich auf und
preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern
über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und
stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle
fiel.

Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr
geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg.
Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht.
Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen
ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während
der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von
der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die
alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! -- Ich wollte nicht
mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten
Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die
Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz
gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind -- so?« Welch eine Erlösung
wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein«
doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie
waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte
Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.

Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so
verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte
ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine
Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte
mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter
abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme
sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar
nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.

Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, aber nur ein Zufall
ließ mich erfahren, warum. Das Flüstern um mich her, das vielsagende
Lächeln, all die weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor mir
versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Daß Mama vielfach
leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errötete, wenn sie
dennoch antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in
einem Brief der Großmutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte,
klärte mich auf: Mama war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, -- beinahe
komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre
zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten Lippen, die sich
kaum mehr zu einem Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als schäme sie sich
ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und in Gedanken an Annas
Erzählungen errötete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran
dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst
als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom
Vater angekündigt. Seine rührende Freude wirkte ansteckend auf mich, und
es gab Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen in der Wiege
wie eine Erlösung über mich kam: hier war eine Aufgabe für mich, die
mich mir selbst entreißen konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über vor zärtlicher
Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behüten vor all der
Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches
Geschöpf, das mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an
dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um
mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube
ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und
inneren Wege.

Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den Frühstückstisch trat, --
ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen --, belehrte
mich ein Blick auf die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung
gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings
häufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn
je, -- an der kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache
ihres Streits gewesen sein mußte.

»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein längeres Schreiben mit
der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:

                                              Posen, den 6. Januar 1879
Hochverehrter Herr Oberst!

Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich als Seelsorger unsrer
Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im
Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.

Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir
zugegangenen Berichten wohlwollender Männer und Frauen schließen
können, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch
eine größere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener
echten jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder
christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des
Hochmuts zu überliefern schon begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in
Ihre Entschlüsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht
einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich eine Mitteilung gemacht
worden wäre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat
Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber
erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht
anbetungswürdig erscheine; jeder Mensch würde freudig zu sterben bereit
sein, wenn er wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. Für
einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß sei, wäre dies also
keine bewundernswürdige Tat. Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus
weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.

Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gnädiger Hilfe
gelungen, den jungen in seiner christlichen Überzeugung durch Ihre
Tochter erschütterten Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen;
nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst,
inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einfluß eines
Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des
Gotteswortes rückt, und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an
ihr nagt.

Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in persönlicher Unterredung
meinen Rat zu einer Tat werden lassen könnte.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner
ausgezeichneten Hochachtung,

                                     mit der ich verbleibe
                                             Ihr ganz ergebener
                                                           Eberhard
                                                            Pfarrer

»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit
den Fingern auf dem Tisch trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.

»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen konnte.

»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. »Ein netter
unverdorbener Jüngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine
Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die
Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige
Antwort zu zeigen!«

»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie weit Alix schuldig
ist,« warf Mama erregt ein.

»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu
sagen!« rief ich und warf trotzig den Kopf zurück.

Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen Gesicht etwas
Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte sie; »das sind die Früchte der
religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe
um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug,
übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.«

Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend auf. Mich packte die
Angst: nur keine neue Szene! Und all die Sünden fielen mir ein, deren
ich mich tatsächlich schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. »Sei
nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, »es ist
vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich
bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewiß
nichts!« Mein Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden
konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, als ich, um meiner
Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand preßte. »Und der
Bengel, das schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe ich
mit Verachtung,« lachte ich.

Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine Antwort,« sagte sie: »Sehr
geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die
rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung nötig,
als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher auf das nächste
Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der
Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen
wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
unsern elterlichen Empfindungen ...

»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz
genommen,« fügte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.

Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen
frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause.
»Meine Türe und mein Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der
Pfarrer gesagt, »Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit Euren
Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemühen, Euch zu
verstehen und Euch zu helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner
Mitschülerinnen -- Offizierstöchter wie ich, die natürlich von den
übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden -- legten mir
unwillkürlich während unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so
häufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste
Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewiß nur ein guter und
gütiger Physiologe hätte verstehen können, sprach ich ihm von den bösen
Gedanken und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes Kopfschütteln
war zunächst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die
Handflächen nervös aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb
abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des
Gekreuzigten über seinem Schreibpult und der Sammlung von
Familienphotographien auf dem Bücherbrett stehen, die er eingehend zu
betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen
erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über den Tisch hinweg
streckte er mir beide Hände entgegen, fleischige, weiche Hände, die sich
anfühlten, als hätten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische
Abneigung ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, mein Kind,«
sagte er und hob sie auffordernd, »habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger!
Wie ich jetzt Deine Hände fasse,« -- seine runden Finger legten sich um
die meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, -- »so wird
Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände deiner Seele ergreifen und dich
aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bösen, denen du
ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du
zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn überwinden.« -- Ich zog
leise meine Hände aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich
an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in
kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob ich fleißig die Bibel läse.
Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich
ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen,
beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst zu werden von meinen Qualen,
getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! Er runzelte
die Stirn, »das ist ja sehr, sehr traurig und unerhört für eine
christliche Familie!« rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu
verteidigen: »O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine
Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag!« -- »Um so
unbegreiflicher, daß ein so junges Kind, wie du, der Verführung des
Bösen erliegen konnte.« Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu
gehen, scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« frug er. Ich
erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schönsten Stunden
verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen -- es mußte sein -- mußte
sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir
aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu holen, -- einen Band nach dem
anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir
selbst: wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen
geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der
Tasche tragen zu können. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der
katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen
schützen will.

»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer meine Beichte,
und seine Stimme überschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der
Fleischeslust sprach. »Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu
bessern,« sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der ganzen
Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich von dir verlangen muß:
du rührst diese verwerflichen Bücher während der Zeit des
Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe.
Du kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde zu mir als die
andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefährdet werden.
Versprichst du mir das?« Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten
sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen
schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er
verlangt hatte.

Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse Szene: Pfarrer Eberhard
hatte meinen Eltern über meinen Besuch Bericht erstattet und sie
aufgefordert, sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah
wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich
richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat,
überließ er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein
»verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer wurden
untersucht, alle Bücher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbücher und
Backfischliteratur nicht hineinpaßten; der Schlüssel vom Bücherschrank
wurde abgezogen, -- nur die verborgenen Schätze im Sofa blieben
unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Aufregung: Der
erste Mensch, an den ich mich hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein
Inneres enthüllt hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig,
daß er mich überwachen ließ wie einen Verbrecher! Auch mit meinem Lehrer
hatte Mama an demselben Tage eine längere Unterredung, von der er sehr
rot und verschüchtert zu mir kam. Er umging von da an noch vorsichtiger
als sonst jede Berührung religiöser Fragen. Er wurde überhaupt immer
scheuer vor mir und war seltsam zerstreut.

Eine unüberwindbare Bitterkeit ließ diese erste Erfahrung mit dem
Pfarrer in mir zurück; das persönliche Vertrauen war ein für allemal
vernichtet, aber ich hoffte trotzdem, daß das, was er lehrte, mir
Befreiung bringen würde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. Ich
las in den Büchern, die er mir gab, und in der Bibel, ich klagte mich
vor mir selber an, wenn ich eine rechte Andachtsstimmung nicht
festhalten konnte und immer wieder an den Widersprüchen und
Unwahrscheinlichkeiten, die mir aufstießen, Anstoß nahm.

War die Bibel von Gott inspiriert, so mußte die Schöpfungsgeschichte
wahr sein; und war sie es, warum lehrte man uns dann die
naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der Gelehrten kennen? Bei
allen Wundern, an die ich glauben sollte, stießen mir dieselben
Bedenken auf; und ebensowenig kam ich über die Lehre hinweg, daß der
Gott der Liebe, der Vater im Himmel mit dem grausamen, rachsüchtigen
Jehova des Alten Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als
alles bedrückte mich der Zweifel an der Erlösung der Menschheit durch
Christi Leiden und Sterben. Weder die Sünden noch die Sorgen der
Menschheit waren seit seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder
büßte, -- wie schmerzvoll empfand ich es selbst --, nach wie vor seine
eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel und Bedenken offen aus -- wir
waren ja ausdrücklich dazu aufgefordert worden! -- und erwartete
sehnsüchtig, widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt
zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer nervöser, sobald ich den Mund
auftat, und die andern starrten mich an, und stießen sich kichernd mit
den Ellbogen, wenn ich eine Frage stellte. Schließlich wurde mir ein für
allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine Gedanken laut werden zu
lassen; ich benutzte zunächst die Viertelstunde des Alleinseins dazu,
für die der Pfarrer immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte
ihn schließlich außerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel mir gar keine
Ruhe mehr ließen. Er wurde von einem Mal zum anderen ungeduldiger, und
warf mir meinen »geistigen Hochmut«, der mich verführe, mit den
unzulänglichen Mitteln menschlichen Verstandes an göttliche Geheimnisse
zu rühren, in immer heftigerer Weise vor. Auf all mein Warum? war seine
Antwort: darüber darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein
versetzt Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir nicht werden
wie die Kinder, werden wir das Reich Gottes nicht schauen. -- Danach muß
geistiges Streben, Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels
sein, -- folgerte ich. Unsere Unterhaltungen -- das sah ich endlich ein
-- waren zwecklos. Ich gab sie auf. In dem Bedürfnis, mich
auszusprechen, machte ich meine Kusine, die ich schon mit meinen
Herzensgeschichten aus allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur
Vertrauten meiner religiösen Kämpfe. Es waren Monologe, die ich vor ihr
führte, und ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, daß ich gar
nicht bemerkte, wie das arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war
sie, die in der Knospe welkt, wenn sie zu früh dem Schutz des Schattens
und der Kühle entrissen wird.

Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; er, der menschlicher,
feiner dachte, und der mich so lieb hatte wie niemand sonst, hätte mir
vielleicht helfen können, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung
zwischen uns eingetreten wäre. Hatte seine aufbrausende Heftigkeit, die
zwar weniger im Verkehr mit mir, als der Dienerschaft und den
Untergebenen gegenüber hervortrat, ein inniges Verhältnis zwischen uns
schon nicht aufkommen lassen -- jedes laute Wort ließ mich erzittern --,
so machte meine allmähliche Erkenntnis unserer pekuniären Lage, als
deren Ursache ich ihn allein ansah, mich hart und unnahbar. Ich sah, wie
oft meine Mutter weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las in
den Briefen meiner Großmutter an Mama, die mir zuweilen gegeben wurden,
zwischen den Zeilen, wie die Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten.
Ich fing an zu begreifen, warum Mama sich über Geschenke ihres Mannes
nicht freute, was mir früher so herzlos erschienen war. Es kam vor, daß
ich ihr darin schon nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges
Gesicht, auf seine vor Enttäuschung zuckenden Lippen, löste meine
natürliche Freude über hübsche Dinge aus. Mitleid aber ist kein Mittel
des Vertrauens, besonders nicht bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid
erhebt über den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, muß emporsehen
können zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen gehören soll. So blieb
ich allein, auch in diesem, dem schwersten Kampf meiner Kindheit.
Niemand half mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn
auch anrief.

Um diese Zeit war es, daß meine englische Lehrerin mir von Shelley
erzählte, der mit sechzehn Jahren schon seiner antichristlichen
Ansichten wegen von der Schule entfernt worden war, später aus denselben
Gründen England verlassen mußte und, kaum dreißig Jahre alt, in den
Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. Sein Schicksal ergriff
mich tief. Der Überzeugung Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat
opfern, -- das erschien mir stets als ruhmwürdigste Tat.

Mit der Versicherung, daß ich sie doch nicht verstehen würde, gab mir
die lange, blonde Miß, die für mich bis dahin nur die Verkörperung der
Grammatik gewesen war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.

»Queen Mab« war das erste, was ich aufschlug. In einer Nacht las ich es
zweimal. Mir war, als wäre ich selbst Janthe, der Geist, dem die
Feenkönigin des Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der
Vergangenheit, das Elend der Gegenwart und das verklärte Bild der
Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen schwelgen, die Armen hungern;
die Toten sah ich auf den Schlachtfeldern, hingemordet um der Ländergier
der Könige willen, und sah, wie die Menschen einander zerfleischten wie
wilde Tiere, im Namen ihrer Götter! Und dann verklangen in weiter Ferne
all die Laute der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Stöhnen der
Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesröcheln. »Die Wirklichkeit des
Himmels, die selige Erde« zeigte sich, die Welt der Zukunft, wo niemand
vergebens mehr nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten,
wo die Menschheit sich selbst erlöst haben wird aus der Hölle irdischer
Verdammnis. »Spirit, behold thy glorious destiny!«, -- rief Mab, die
Königin, es mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Fürchte dich
nicht! Führe den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit und Not, schlag
durch die Wildnis den Pfad hinüber in die Welt, die da kommen soll!

Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fühlte nur, daß er den Gott
verleugnete, an den auch ich nicht zu glauben vermochte, und wie eine
Offenbarung wirkte auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher
Idealismus, sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein feuriger
Appell an die Macht des Willens.

In langen Nächten voll innerer Kämpfe suchte ich mir klar zu werden über
den Weg, den ich zu gehen hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein
mühselig zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. Ein heißes
Glücksgefühl erfüllte mich, als ich mein Werk vollendet sah und der
Entschluß in mir fest stand, mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis
als zu meinem eigenen zwingen zu lassen, -- koste es, was es wolle.

Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer Eberhard und erklärte
ihm, daß ich außerstande sei, das Apostolikum vor dem Altar zu
beschwören, daß er mich daher von der Einsegnung dispensieren möge.
Zugleich legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner
religiösen Ansichten vor, -- ein persönliches Glaubensbekenntnis, das
jeder der Konfirmanden niederzuschreiben verpflichtet war. Es lautet:

   »'Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der
   Erden.'

Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, daß er in sechs Tagen
die Welt geschaffen hat, daß er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich
glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern des
Alten Testaments.

   'Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern
   Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren von der
   Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben
   und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden
   ist von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten
   Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu
   richten die Lebendigen und die Toten.'

Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte es für heidnisch, an
eine Menschwerdung Gottes zu glauben. Ich glaube weder an seine
wunderbare Geburt, noch an seine Höllen-, noch an seine Himmelfahrt,
noch an seine Wunder.

   'Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche,
   die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des
   Fleisches und ein ewiges Leben.'

Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube nicht an eine
heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, verfolgt, steinigt, die
Seelen martert, die Wahrheit leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der
Sünden, weil Sünde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich glaube
nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das ist wissenschaftlich
unmöglich.

Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung
des ersten Lebens ist, die die Kraft des Werdens in das erste Atom
gelegt hat. Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.

Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, der zuerst das Gebot
der Menschenliebe predigte und danach lebte. Ich glaube, daß er in
Niedrigkeit geboren wurde, damit wir daran erkennen sollen, daß die
Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und eigenes
Streben. Christi Gebot der Menschenliebe wird die nach ihm benannte
Kirche richten.

Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem Schönen und Großen
offenbart, der nach dem Tode des Körpers in andern fortlebt, sei es auf
oder über der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für menschliche
Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht.

Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so
hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. Wenn es ein Verbrechen ist, daß
ich mich jetzt von ihr lossage, so scheint es mir ein noch größeres
Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein Herz nichts davon
weiß.«

Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mächtig. Dann aber entlud sich
sein Zorn schrankenlos über mir. Jede Selbstbeherrschung vergessend,
schlug er mit Anklagen, Vorwürfen, Drohungen auf mich ein, -- es war wie
eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch Wochen und Monate
setzte der Kampf zwischen uns sich fort, von dem niemand wußte als wir
beide. War es Rücksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage
einzugestehen, -- er weihte diesmal auch meine Eltern nicht ein.
Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich mein Rüstzeug aus meinem
verborgenen Bücherschatz, der um vieles gewachsen war, und grübelte zu
gleicher Zeit über die Ausführung abenteuerlicher Pläne. Gab der Pfarrer
nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. Um mir das nötige Geld
zu verschaffen, schickte ich Gedichte und Aufsätze an die
verschiedensten Zeitschriften -- natürlich vergebens! -- und verkaufte
in obskuren Läden ein Schmuckstück nach dem anderen. Als ich gerade im
Begriffe stand, das Kostbarste, -- eine alte Brillantbrosche, die meine
Großmutter mir einmal geschenkt hatte, -- fortzutragen, hörte ich im
Vorübergehen einen heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern.
Aufhorchend blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal um eine
unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa rief aufgeregt: »Ich brauche
mir deine Vorwürfe nicht gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche
nicht, ich rühre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten -- was
willst du eigentlich von mir?!« -- »Du hast immer zwei Pferde zu viel
im Stall --« antwortete Mama heftig, »und Alix Privaterziehung, die
Tausende verschlingt, war auch überflüssig --.« »Laß mir das Kind in
Frieden!« brauste Papa auf -- »die einzige Freude, die ich habe, laß ich
mir nicht vergällen -- --.«

Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so große Opfer gebracht --
mir, die ich das Schwerste über sie heraufbeschwor; -- ich war meines
Vaters einzige Freude -- ich, die ihm das Herz brechen wollte! -- Ich
lief davon, verkaufte mein Schmuckstück und kam hochrot und atemlos nach
Hause zurück, nur von dem Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last
abzunehmen. Sie saßen versöhnt nebeneinander und sahen mich verwundert
an, als ich Mama hastig ein paar Goldstücke in die Hand drückte. »Was
soll denn das?« frug sie, und »Woher hast du das Geld?« mein Vater. Ich
erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Möglichkeit dieser Frage
nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit sagen? Das hieße auch meine
übrigen Verkäufe verraten und meine Flucht von vornherein unmöglich
machen. Mein Blick fiel auf das »Daheim« mit dem Anfang einer neuen
Erzählung an der Spitze. »Es ist -- es ist -- das Honorar für -- diese
Geschichte,« kam es mühsam und stockend von meinen Lippen. Nun war ich
im Netz meiner eigenen Lüge gefangen, und die Furcht vor den Folgen
hinderte mich, es zu zerreißen. Die Eltern glaubten mir; mein Vater
umarmte mich voll Rührung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte,
das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfüllen versprach, so
war er doch viel zu stolz auf den Erfolg seiner Tochter, als daß er
nicht wenigstens den nächsten Freunden und Verwandten davon Mitteilung
gemacht hätte. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Eine
Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin des Romans, den ich vorgab,
geschrieben zu haben, befreundet und frug ihn brieflich nicht wenig
erstaunt nach dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam zu
einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich selbst nicht mehr.
»Mein guter Name! Mein guter Name!« stöhnte er immer wieder und lief wie
wahnsinnig im Zimmer hin und her. »Ich muß mich erschießen! Ich überlebe
die Schande nicht!« schrie er dazwischen, während Mama still vor sich
hin weinte. Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und rührte
mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, rot unterlaufenen Augen
vor mir stehen blieb und die hoch erhobene Faust klatschend auf meine
Wange niedersausen ließ.

Stumpfsinnig vor mich hinbrütend, lag ich ein paar Tage im Bett. Niemand
kümmerte sich um mich als die Anna, die mir auch mitleidig in die
Kleider half, als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. Mit
gefalteten Händen und tief bekümmerter Miene trat er ein. Daß sie keinem
echten Gefühle Ausdruck gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs,
die in seinen Augen glänzten: Endlich war der Sieg sein -- endlich! Er
hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die ich mit keiner Silbe
unterbrach. Das furchtbare Ereignis habe hoffentlich, so sagte er,
meinen Hochmut gebrochen und mich belehrt, daß Gott seiner nicht spotten
ließe. Noch sei es Zeit für mich, umzukehren vom Wege der Sünde, und
demütig dem zu folgen, der allein Wahrheit, Licht und Leben wäre. »Nach
all dem Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du ihnen die
Schande nicht antun, vom Altar des Herrn fern bleiben zu wollen.« Ich
schwieg auch jetzt, trotz der beziehungsreichen Pause, die er eintreten
ließ. »Du wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Buße, zum Gebet
verwenden.« Wieder eine Pause. »Und wie Gott im Himmel seine Hand nicht
von dir abziehen, und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von
deinen Sünden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. Ich werde mit
Gottes Hilfe die Schwergeprüften aufrichten und dich ihnen wieder
zuführen.« Ich schwieg noch immer. »Wirst du tun, was ich, der Diener
deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?« Ein mechanisches »Ja« war
meine Antwort.

Während der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte ich wie ein Automat;
ich fühlte weder Reue noch Kummer, und die Gedanken waren wie
ausgelöscht. Nur als ich zum erstenmal das lange weiße Konfirmandenkleid
anprobierte, zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch den Körper. Den
Mund kaum zu einem Lächeln verziehend, begrüßte ich die vielen
Verwandten, die zu dem feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter
aus Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der Hochzeitsreise
waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante Klotilde aus Augsburg, die
befriedigt die »würdige Stimmung« ihrer Nichte anerkannte. Als aber am
Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden Maientag, vor dem
ich mich verschüchtert in mein dämmriges Zimmer verkrochen hatte, die
Türe aufging und wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine
Großmutter in ihrem Rahmen erschien, war mir plötzlich, als fiele ein
schwerer, eiserner Panzer von mir ab, der mich eingezwängt und aufrecht
erhalten hatte. »Großmama, liebe Großmama,« rief ich und brach
aufschluchzend vor ihr zusammen. Ach, warum war ich nicht zu ihr
geflüchtet, warum kam sie erst jetzt, -- jetzt, da es zu spät war?! Tief
erschüttert schloß sie mich in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber
dann kam Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die Nacht ...

Widerstandslos ließ ich mich am nächsten Morgen schmücken, nahm den
Strauß weißer Rosen in die Hand und stieg mit den Eltern in den Wagen.
Die ganze Straße stand voll Menschen, -- wie bei einem Begräbnis, dachte
ich. Auch vor der Kirche sammelten sich die Neugierigen in ihren bunten
fröhlichen Festtagskleidern. Durch die Fenster flutete die Sonne, so daß
ich geblendet die vom Weinen heißen Augen schloß, als ich zwischen Vater
und Mutter auf rotem Teppich durch die weite, weiße Säulenhalle schritt.
Die Glocken läuteten, brausend setzte die Orgel ein, laut dröhnten über
mir die kräftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder Ton schnitt mir
messerscharf in die Seele. Es blitzte und funkelte ringsum von Uniformen
und Orden und raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. Da
schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie »Alix« an mein Ohr. Ich hob den
Kopf. Es war mein Lehrer, der mich mit einem Blick ansah, -- einem
Blick, der mir rätselhaft schien. Und dann standen wir vor dem Altar. Er
war ringsum mit einem Wald von Palmen umgeben, ohne eine einzige Blume
dazwischen. »Wie beim Begräbnis,« dachte ich noch einmal. Ich hörte
nicht, was der Pfarrer sprach; mir war plötzlich, als stünde ich dicht
vor dem Felsentor des Höllentals, und der brausende Bach drohte, mich zu
verschlingen. Mein Strauß entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer;
ich begegnete seinen Augen dabei, -- seltsam, wie er mich ansah!
Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschülerinnen sprachen schon das
Apostolikum, und ein strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine
Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, ohne zu stocken,
die drei Artikel auf. Und währenddessen fühlte ich die vielen hundert
Augen auf mich gerichtet, -- gespannt, höhnend, triumphierend. Darnach
war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder
einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm
und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er erhob die Stimme
bedeutungsvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein -- sage nein --
klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah ich um mich: auf das
gütige, verzeihende Lächeln meines Vaters fiel mein Blick, auf den
leisen liebevollen Gruß meiner Mutter -- -- --

»Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm allerheiligsten Glauben,
so antworte: Ja.« -- -- --

Irgendwo fiel ein Schirm -- ein Säbel rasselte -- jemand schluchzte auf,
-- und die vielen, vielen Augen durchstachen mich.

»Ja!« klang es laut und rauh durch die Kirche. War das wirklich meine
Stimme gewesen?! Mechanisch kniete ich nieder, wie die andern. Ob wohl
die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie
Neugierde nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben würde, regte sich
in mir.

»Darinnen freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind, sondern
daß eure Namen geschrieben sind im Himmel.«

Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name -- und im
Himmel geschrieben!! Hatte ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid
geschworen?! -- --

Unter Tränen und Glückwünschen und Schmeichelworten umdrängte mich
alles. Zu Hause empfing mich ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von
duftenden Blumen; Militärmusik spielte unter den Fenstern, und um die
geschmückte Tafel versammelte sich eine glänzende Gesellschaft. Mir
galten die Reden und Toaste, und immer aufs neue perlte der Sekt in
meinem Glase. In halber Betäubung kam ich abends in mein Zimmer; die
rote Ampel brannte über dem Bett; seltsam bedrückend war nach all den
wirren Geräuschen des Tages die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines
Paket, durch dessen Schnüre ein paar gelbe Rosen gezogen waren.
Verwundert öffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem Tisch der
allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt ein schmales Buch in blauem
Einband -- »Deutsche Liebe« von Max Müller, und einen Brief:

»Gnädiges Fräulein!

Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, und vor Ihrer
Abreise nicht zurück sein kann, gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich
Lebewohl zu sagen und beifolgendes Buch als Andenken zu überreichen.
Seien Sie recht, recht glücklich!

                             In aufrichtiger Freundschaft
                                                   Ihr
                                                     Hugo Meyer.«

Ich strich mir über die Stirn, -- träumte ich denn? Aber nein, das Buch,
das ich las, bestätigte mir, was mich plötzlich seinen Blick in der
Kirche hatte verstehen lassen. Und ich -- ich war blind neben ihm
hergegangen, hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die mir aus dem
Abgrund herausgeholfen hätte, in den ich versank! Schwarz,
unergründlich, unüberbrückbar sah ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen
Meineid geschworen, -- und mein Freund, mein einziger Freund hatte mich
verlassen!



Fünftes Kapitel


Wenn der Sommer im Samland Einzug hält, dann kommt er nicht als ein
züchtig Werbender, der sich die Erde in zäher Treue allmählich erobert;
er kommt vielmehr, ein stürmischer junger Held, der dem Freiwerber
Frühling gar nicht Zeit läßt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, die
eben noch umsonst mit den Winternebelwolken kämpfte, schießt, wenn er
naht, plötzlich mit glühenden Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf
einmal erwacht Wald und Feld und Wiese und gibt sich schrankenlos dem
ungestümen Liebhaber hin. Die Blumen, die das Jahr, als ein karger
Weiser, sonst über viele Monde verteilt, blühen hier zu gleicher Zeit in
verschwenderischer Fülle; das Schneeglöckchen begrüßt noch das Veilchen
und die gelbe Butterblume; üppig und grade im prangenden Schmuck ihrer
leuchtenden Farben stehen Malven und Georginen im Garten, während weiße
und gelbe und rote Rosen ihnen den Preis der Schönheit streitig machen.
Mit dem herben Duft des Hollunders eint sich der süße, zarte der Linden,
der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende,
liebeskranke des Jasmins.

Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des Kurischen Haffs
dehnen sich saftgrüne Wiesen und gelbe Kornfelder; wenn der Wind darüber
streicht, ist es wie ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da
die Strohdächer dürftiger Häuser hervorlugen. Aber auch ihr Elend hat
der Sommer, als könnte er nichts Trauriges sehen, mit rasch wucherndem
Schlingkraut verschleiert, so daß ihre trüben Scheiben wie verschlafene
Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig hier wie im
Dornröschenzauber; nur hie und da unterbricht das klägliche Weinen eines
verlassenen Säuglings die tiefe Stille. Was Füße und Arme regen kann,
ist hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder oder Fischnetz.
Der heiße Sommer weckte jung und alt aus dem langen, dumpfen
Winterschlaf, und von früh bis spät gilt es schaffen, um seiner Gaben
Reichtum rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle lebendig
geworden sind, diese schwerblütigen Menschen: sie gehen nicht -- sie
springen --, sie lachen nicht -- sie kreischen, und der Haffwind, des
Samlandsommers treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, daß sie
rings von den breiten Schädeln abstehen, wie Blätter der Sonnenblume um
den Kelch, und bläht die roten Röcke der Weiber, daß die nackten Beine
bei jeder Bewegung darunter hervorleuchten. Sie sind mit der Natur noch
eins, diese Männer und Frauen: sie schlafen auch den Winterschlaf mit
ihr; denn nach der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch die
helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt zwischen den Garben, es
atmet heiß und schwer in den Geißblattlauben. Vom Dorfkrug aber lärmt
und tobt es herüber: da sitzen sie hinter schwälender Lampe, vertrinken
und verspielen ihre Habe, und wenn sie glühend vom Branntwein
heimkehren, mischt sich wohl auch wilder Wehlaut aus Weiberkehlen in all
die vielen wirren Töne der Nacht.

In solch eines Sommers heißes Leben kam das blasse Stadtkind mit den
trüben Augen und dem matten Lächeln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm
es wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor dem Fenster grün
verschleierte Licht des Tages erblickt hatte. »Hier soll mein Alixchen
wieder rund und rosig werden,« sagte die Großmama bei der Begrüßung, das
Enkelkind bekümmert musternd. »Und all die Gelehrsamkeit soll sie
vergessen,« fügte Onkel Walter lachend hinzu. »Und trinken und tanzen
soll sie, bis sie schwindlig wird,« rief Tante Emmy, seine Frau, während
in ihren lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein Feuerwerk
entzündeten. Seit sie vor kaum einem halben Jahr hier Einzug gehalten
hatte, mochte das alte Schloß sich selbst kaum wieder erkennen: Die
Gäste kamen und gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so
einsamen Gänge, die Mauern hallten wider von Lachen und Scherzen.

Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem Schloß bis zum Wasser
herunterführt, unter Tauperlen und Sonnenstrahlen glänzte und glitzerte
wie ein Riesensmaragd, dann gingen die Gäste von der breiten Terrasse
die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park und Wald; die
einen träumten still in der Hängematte, die andern lockte das Haff,
dessen weiße Schaumköpfchen vom Horizont herüberglänzten, zum Bad und
zur Segelfahrt; die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln zu suchen;
die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und Reitknechten um die Wette,
junge Pferde hinter Zaum und Zügel zwingen. Freiheit der Bewegung war
Gesetz für alle. Nur wenn laut der Gong durch Schloß und Hof und Garten
gellte, fanden sie sich allmählich wieder zusammen.

Allabendlich füllte sich der dunkle Speisesaal, in dem so lange nur
Mutter und Sohn einander schweigsam gegenübergesessen hatten, mit
lebenslustiger Jugend, und die kulinarischen Genüsse, die der
französische Koch zu bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden
Sekt, den der alte Haushofmeister unermüdlich in die Gläser schenkte,
die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter den Flügeltüren die
zärtlich-lockende Weise des Donauwalzers klang, gab es ein heftiges
Stühlerücken, und gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weißen
Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefaßt und von
musizierenden Amoretten bekrönt, warfen das Bild immer wilder tobender
Tänzer zurück, während so manche durch das Alter blind gewordene
Scheiben heimlich die Erinnerung an graziös und feierlich im Menuett
sich schlängelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren schienen. Mit
leisem Klirren schlugen die Kristallprismen des Kronleuchters
aneinander, und die Lichter flackerten im Takt, als hätte die Tanzweise
auch ihnen Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und her,
wenn die duftende Schwüle der Sommernacht die Tanzenden durch weit
offene Türen in den dämmernden Park gelockt hatte. Da gab es
verschnittene Laubengänge und weiße Bänke im Jasmingesträuch, und auf
stillen Weihern kleine Kähne. Spät erst, wenn feuchte Nebel vom Haff
herüber die nackten Schultern der Frauen unter den Spitzengeweben
zittern ließen, gingen Pirgallens Bewohner zur Ruhe.

Unaufhaltsam riß mich das Leben in seinen Strudel. Geistig müde und
stumpf, getrieben von dem Wunsch, nur nicht zu mir selbst kommen zu
können, war es mir zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann
siegte Jugend und Lebenslust, und der Genuß wurde zum Selbstzweck.
Niemand dachte angesichts des großen reifen Mädchens an ihre vierzehn
Jahre; ich galt allen als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses
überdies, und was an männlicher Jugend ins Schloß kam, das teilte seine
Huldigungen zwischen der lustigen Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen,
das merkte ich wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt
der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann begann jener stille
Frauenkampf um den ersten Platz, der, mit allen Waffen der Koketterie
geführt, nicht minder aufregend ist als der der Männer im Fechtsaal oder
beim Hasard. Triumphierte meine Jugend über ihre Grazie und ihren Witz,
so behandelte sie mich plötzlich als das Kind, das zur Strafe nicht
mitgenommen wird, wenn die Großen sich amüsieren; doch »das Kind«
durchkreuzte nur zu rasch ihre pädagogischen Einfälle. So wurde ich
einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen -- aus Mangel an Platz,
sagte sie --; im Augenblick aber, als die Jacht den Hafen
verließ, erschien ich hoch zu Roß in Begleitung des feschesten
Kürassierleutnants, den meine Tante -- ich wußte es genau! -- von allen
Gästen am meisten entbehrte. Und ein andermal, als ihre neuste Pariser
Toilette mich ausstechen sollte, zog ich durch einen rasch
zusammengestellten phantastischen Schmuck von Vogelbeeren auf meinem
weißen Kleid und in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich.
Es war gerade von der großen Dampferfahrt die Rede, die der konservative
Verein des Kreises mit seinen Damen durch den Friedrichskanal zum
Moorbruch unternehmen wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stück
altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.

»Schade, daß Alix zu Hause bleiben muß,« hörte ich plötzlich die hohe
scharfe Stimme der Tante sagen; »nur persönlich Geladene haben Zutritt.«
Mir stiegen Tränen der Enttäuschung und des Zorns in die Augen. Onkel
Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich an und rief über
den Tisch hinüber: »Beruhige dich, Alix, das ist eine bloße Formalität,
die ich rasch erledigen werde.«

Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am nächsten Morgen, daß es
zwischen dem Ehepaar noch eine Szene gegeben hatte und der Sieg nicht
auf ihrer Seite gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit
einer gewissen Absichtlichkeit überreicht, und ich konnte das leise
Lächeln nicht unterdrücken, mit dem ich die Tante dabei ansah.

Am frühen Morgen des großen Tages fuhren wir in zwei Vierspännern gen
Labiau, die Kreisstadt. Als die Wagen über das holprige Pflaster
rollten, flogen links und rechts die Fenster auf, und neugierige
Gesichter starrten den berühmten Gespannen Pirgallens nach. Auf der
Straße blieben die Leute stehen, zogen die Mützen oder knixten
respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der Dampfer schon fauchte und
prustete, wartete die Menge der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den
größten Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des Kreises
aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau wurden umringt, ich stand
abseits und musterte mit heimlichem Naserümpfen die Gesellschaft: Die
Frauen, fast alle groß und hager, in seidene Staatskleider gezwängt,
über den kantigen Gesichtern und den glatten Scheiteln kleine
Kapotthütchen, mit allen Zeichen jener nicht zu überwindenden
Verlegenheit, die ungewohnte, mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare
Kleidung hervorruft; die Mädchen, hochrot vor Erregung, in
steifgestärkten Kattunfähnchen, Zwirnhandschuhe über den Händen,
klirrende Armbänder über den breiten Gelenken, in einem dichten Haufen
ängstlich zusammengeschart, als gelte es, sich gegenseitig vor den
Angriffen der Männer zu schützen. Die hatten sich schwarz und dicht
gegenüber postiert, nur hier und da von einer Reserveleutnantsuniform
irgend eines hundertsten Infanterieregiments unterbrochen. Sonst lauter
Bratenröcke und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte ich mir die
Sache gedacht, und beinahe wäre ich rasch wieder in unseren Wagen
gesprungen, als Onkel Walter sich nach mir umdrehte: »Erlaube, daß ich
dir einige der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, v.
Warren-Laukischken.« So alte Namen und solche Bauern! dachte ich,
während mein Blick auf ihren roten Händen sekundenlang haften blieb.

»Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,« hörte ich meinen Onkel
lachend sagen, »trauen Sie sich wirklich einmal in Damengesellschaft?!«
Ich wandte mich rasch nach dem Angeredeten um: das also war der
Frauenfeind, von dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der
einzige, der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den
wunderlichen Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche Beziehungen
anzuknüpfen. Ich dachte nicht mehr daran, davon zu fahren, sondern
folgte dem Menschenstrom, der über den Schiffssteg zum Dampfer flutete.
Die Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als hätten alle verstimmten
Flöten und Trompeten sich hier ein Stelldichein gegeben, und zwischen
den Eichenlaubgewinden knisterten die grellbunten Papierblumen. Das
kleine Schiff schien die Geladenen kaum fassen zu können. Nur die
Honoratioren, darunter auch meine Verwandten, wurden an einen gedeckten
Tisch genötigt, auf dem ein kreisrunder Strauß in weißer
Papiermanschette prangte. Alle anderen suchten sich eilig einen Platz;
wie aufgescheuchte Vögel liefen die Mädchen umher, bis sie glücklich
wieder eng gedrängt in einer Ecke beieinander saßen. Ich blieb ruhig
stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, und aufs
Geradewohl mich irgendwo einklemmen, vollends. Das Schiff setzte sich
schon in Bewegung, als ich Herrn von Rapp in meiner Nähe sah, sichtlich
unschlüssig, in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft
flüchten sollte. »Wir sind Leidensgefährten,« sprach ich ihn an, »ich
glaube, in der Kajüte sind Sessel, wollen Sie so gut sein, mir einen
bringen?« Mit zweien kam er zurück, -- ich wußte, als höflicher Mann
konnte er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst gequält
und konventionell, dann immer lebhafter. Der kleine Mann mit dem
frühzeitig kahlen Schädel hatte seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war
belesen, und -- was in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien -- er
hatte selbständig über Welt und Menschen nachgedacht. Was ich geplant
hatte, um die Tante zu ärgern und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch
vergessen, -- so sehr fesselte mich unser Gespräch. Inzwischen fuhren
wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal entlang, durch das
dunkelgrüne Moosbruch, an niedrigen Häuschen vorbei, um die verkrüppelte
Obstbäumchen blühten, vorüber an Agilla und Juwendt, uralten litauer
Ansiedlungen, wo die Strohdächer fast zur Erde reichten und die kleinen
struppigen Pferdchen, denen des Litauers zärtlichste Sorgfalt gilt,
lustig zwischen den Scharen schmutziger Blondköpfchen umhersprangen.
Mein Nachbar kannte Land und Leute gut; er wußte von den hartnäckigen
Kämpfen gegen die Ordensritter zu erzählen, die mit einer -- was die
Religion betrifft, freilich nur scheinbaren -- Unterwerfung der Litauer
erst dann endeten, als die Zahl ihrer Männer auf das äußerste dezimiert
war, und kannte all ihre seltsamen Gebräuche, die sich noch aus der Zeit
des Heidentums erhalten hatten.

Ein heftiger Stoß, der unseren Dampfer erzittern ließ, unterbrach seine
Schilderungen: wir saßen fest, vergebens arbeitete die Maschine, der
Kapitän, der gestand, hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und
alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken als die Kinder.

»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« damit wandte sich mein
Onkel an den Kapitän. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht
verständigen zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte
ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der
mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch
entschlossen verständigte er sich mit dem Kapitän, und ebenso
rasch folgte ich den Männern in den Kahn, begleitet von dem
erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer angelangt,
traten wir in eines der ersten Häuser und stießen die Türe auf, als uns
auf unser Klopfen niemand antwortete.

Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch hinderte uns überdies, die
Augen zu öffnen; ein paar Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen
tönte uns aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen
Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerückt, dann
näherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare
wirr und tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die
Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre
einzige Bekleidung bildete, und küßte mit einer Gebärde demütiger
Unterwürfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die
Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der
ihr ein Lächeln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern
und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke
gehüllt, schnarchend lag.

»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht
stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig
und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Türe
hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen --
graublau wie das Haff -- spielten feindselige Lichter; und je heftiger
Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten
Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast
streifte. »Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und wich
scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten
und hatte den Kessel aus Licht gerückt. »Rehbraten!« rief er. »Dacht'
ichs mir doch! Also ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu
Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lärm vom Lager
gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie
gefügig zu machen. Kaum zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein
merkwürdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne umringten
ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder kräftig
stoßend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: groß, schlank,
helläugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei
aufwies, ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. Sie
wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewässern wie der beste
Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser
den voranrudernden Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl immer
kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin blieb übrig, um uns
den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu
zeigen. Schließlich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte,
nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten wir noch das
Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefährtinnen
empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht -- für
die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser Schiff
enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger
der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige
Gesprächsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und
Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen
Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem
Sehbereich ihrer teuren Ehehälften zu entgehen, zogen sie sich, soweit
es der Raum erlaubte, in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende
Pfropfen, ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der Tiefe
auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie es dort unten aussah. Die
Frauen, bei denen die drei berühmten Gesprächsthemen -- Klatsch, Küche
und Kleider -- zwar etwas länger vorhielten, waren bald übel daran.
Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Häkelarbeit aus der
Tasche, die jungen Mädchen, zu denen ein paar unternehmende Jünglinge
sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den
Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit
Mäntelpolstern unter den Köpfen.

Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern durch die traumhafte
Stille endloser gleichmäßig grüner Einsamkeit.

Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen können, wie der Begriff
der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein
Unbeschäftigtsein der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit
Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grün
der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstieß und sich in
schimmerndem Silberglanz aufzulösen schien. Ich träumte von andern
Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit
verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher
Gegenstand ihres Genießens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist.
Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich
lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel war gewiß unter diesen
der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der
Menschenkultur gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.

Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom,
dessen Wellen so weich und melodisch fließen wie sein Name. Wir
erreichten das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot versank der
Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine
lange goldene Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« sagte
Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. »Zwei
Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Straße
davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und wollten
zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder -- ob sie ihn wohl gefunden
haben?!« Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die
alten Wunden aufriß! -- »Ich glaube es nicht,« antwortete ich mit
zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die
Sterne glänzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen
auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht
vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte mich sorglich in seinen Mantel
und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte
ich, daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. Ich hatte
mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.

Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr müde
und fühlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte.
Schweigsam fuhren wir nach Hause.

Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner »Eroberung«,
während Tante Emmy behauptete, ich hätte mich kompromittiert.
Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem
Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah
in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen
folgenden Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch auf
einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er mich einzuholen, und
schließlich ließ ich mir seine Nähe mit einer gewissen Herablassung
gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand
ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte
um mich angehalten. Soll ich leugnen, daß meine erste Empfindung die
geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag -- und kaum
fünfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen Mann, der
sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine
so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften
meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen
Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir des armen Abgewiesenen
Zustand in so düsteren Farben aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn
zu »retten«, -- ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich
verloben, ihm ewige Treue schwören.

In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« satteln und ritt
durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinüber. Vor der
Stalltür sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt
herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich
die Glocke an dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam
ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke
Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit
offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde
zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In äußerster
Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O
gnädiges Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, daß
die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste Türe steckte, es
hören konnte, »ich werde sofort für eine Erfrischung sorgen.« Er holte
ein Glas Wein und flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme
zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube
zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, statt mit Menschen!«
Langsam und müde ritt ich nach Pirgallen zurück.

Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar
Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn
gar keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. Großmama suchte
mich zu schützen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so
sehr als einen Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin,
mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen
heraufbeschwören könnte, die ich so tief als möglich vergrub, daß ich
jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige
Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.

Ich atmete auf, als wir Pirgallen verließen und der alte Turm, um den
die gelben Blätter im Herbstwind tanzten, meinen Blicken entschwand. Und
ohne ein anderes Gefühl als das der Erleichterung schied ich kurze Zeit
darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester in Augsburg erwartete
mich; sie hatte schon längst mit den Eltern abgemacht, daß ich ihr zum
letzten »Erziehungsschliff« anvertraut werden sollte. Mir war es ganz
gleichgültig, wohin ich ging.



Sechstes Kapitel


Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun Jahren, als ich in Augsburg
ankam. Aber diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof.
Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, volle Gestalt; unter
dem großen gleichfarbigen Federhut quollen die roten Locken üppig
hervor, stahlblau glänzten ihre Augen in dem weißen Gesicht. Noch nie
war ich mir der Schönheit dieser reifen Frau so bewußt geworden. Als
unser Wagen den Königsplatz erreichte, den ich einst als öde Sandwüste
gesehen hatte, spielten die letzten Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem
bunten Laub seiner Bäume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen.
Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten düsteren Hause ging es, -- vor
einem Park, dessen Blumenpracht dem Herbst zu spotten schien, öffneten
sich vielmehr die breiten Flügel des Torwegs, und zwischen den alten
Linden lugten die hellen Mauern eines Gebäudes hervor, das in seiner
lichten Vornehmheit an altitalienische Villen erinnerte. Ich hatte es
noch nicht gesehen, aber genug davon gehört, denn mein Vater war gar
nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Schwester das alte
Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie viele seiner Art vor den
Stadttoren ein Sommeraufenthalt augsburger Patrizier gewesen war, mit
großen Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphäre von Schönheit
und Reichtum gleich beim ersten Eintritt wie ein weicher, wohliger
Mantel. Das strahlend erleuchtete Treppenhaus glich mit seiner Fülle von
exotischen Pflanzen einem Palmengarten, und der süße Duft, der die
vielen Räume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender Traum auf
die Stirne. Ich wurde in den zweiten Stock in meine Zimmer geführt: auch
hier Blumen und viel Licht und fröhliche Farben. Viel weiter noch als
von der Warthe bis zum Lech fühlte ich mich fern von all den Sorgen des
Elternhauses und all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich
niedergedrückt hatten. Zufrieden und dankbar, in der Erwartung lauter
schöner Dinge, schmiegte ich mich abends in die weichen Kissen meines
Betts.

Es dämmerte, als ich geweckt wurde. »Frau Baronin wünschen, daß das
gnädige Fräulein früh aufsteht,« sagte die Jungfer. Nicht wenig
erstaunt, erhob ich mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen
trieb mich schließlich herunter; ich holte mir ein Brötchen aus der
Küche, da ich noch eine Stunde bis zum Frühstück zu warten hatte.
Endlich kam der Diener mit dem Teewasser, und das Klappern hoher Absätze
und Rauschen seidener Röcke kündigte die Tante an. Statt eines
Morgengrußes lachte sie mir hell ins Gesicht: »Ja wie schaust du denn
aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich wie eine junge Frau auf der
Hochzeitsreise.« Tief gekränkt biß ich mir auf die Lippen; ich war so
stolz auf den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein Vater
geschenkt hatte! »Daß du mir diese Theatertoilette nicht mehr
anziehst!« sagte die Tante stirnrunzelnd, während sie sich setzte und
die Spitzenflut ihres Kleides sich um ihren Stuhl ausbreitete.

»Hast du deine Zimmer gemacht?« mit dieser verblüffenden Frage begann
sie aufs neue ein Gespräch, in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen
hatte. »Meine Zimmer?!« Ich glaubte mich verhört zu haben. In diesem
eleganten Haushalt, angesichts einer zahlreichen Dienerschaft männlichen
und weiblichen Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! »Es ist doch
selbstverständlich, daß ich für dich keine Kammerjungfer halten werde.
Außer der groben Arbeit hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar muß
vor dem Frühstück alles fix und fertig sein.« Die Bissen blieben mir im
Halse stecken, -- so etwas hätte ich mir niemals träumen lassen! Aber es
kam noch besser: aus Schränken und Schubladen wurden meine Sachen
herausgezogen; kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade vor den Augen der
Tante; und meine Art, die Dinge einzuräumen, erklärte sie für skandalös.
Dann forderte sie den Schlüssel zum Schreibtisch -- »ein Kind hat nichts
zu verschließen« -- und geriet in helle Empörung über meine poetischen
Manuskripte, die sie durchstöberte, und meine Lieblingsbücher, von denen
ich mich nicht hatte trennen wollen.

»Eine nette Erziehung!« rief sie, »und ich kann meine Zeit und meine
Kräfte opfern, um so ein von Grund aus verdorbenes Geschöpf wie dich zu
einem anständigen Menschen zu machen!« Ich zitterte vor Aufregung, aber
kein Wort kam über meine Lippen, -- das einzige, was ich durch die
Erziehung meiner Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die
Selbstbeherrschung. Erst abends im Bett, nach einem Tag, an dem ich
nicht einen Augenblick mir selbst gehört hatte, kam die Verzweiflung
über mich und fassungslos schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die
Möglichkeit, mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah ich
morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle Ränder um meine Augen, so
erregte das den heftigsten Zorn der Tante, -- »ein junges Ding hat
frisch und rosig auszusehen«, erklärte sie; und da der bloße Befehl
nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett war, wiederholt
in mein Zimmer, um zu kontrollieren, ob ich schlief. So gewöhnte ich
mich rasch an die große Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte
ich dazu. Es verging kein Tag, ohne daß ich gescholten worden wäre: wenn
an ihrem behandschuhten Finger, mit dem sie über jede Leiste in meinem
Zimmer fuhr, Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht richtig
gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfältig ausgereckt in der
Schublade lagen, wenn ihre scharfen Augen einen Fleck auf dem Kleide
entdeckten, oder wenn ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich
Strümpfe stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der Eltern
aufwiesen, wurden von ihr zuerst geöffnet und gelesen. Dadurch erfuhr
sie, daß ich meiner Kusine Mathilde mein Leid geklagt hatte. »Es ist
sehr traurig, daß Deine geistigen Bedürfnisse so wenig berücksichtigt
werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,« hatte sie mir
daraufhin geschrieben; höhnend las die Tante mir die Stelle vor und
erklärte dann: »Ich verbiete dir jede Korrespondenz, außer der mit
deinen Angehörigen. Das fehlte mir noch, daß dein dummer Hochmut
heimlich unterstützt wird, statt daß du endlich einsiehst, wie viel dir
noch fehlt, um nur den guten Durchschnitt zu erreichen.« Sie unterließ
nichts, um mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete
möglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: die
musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. Stundenlang quälte
ich mich täglich am Klavier; englische und französische
Konversationsstunden wechselten daneben mit Koch- und Nähunterricht ab.
Ein paar Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir des guten
Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. Sie konnten alles in der
Perfektion, was ich nicht konnte, sie sangen und spielten, stickten und
schneiderten, und immer war ihre Toilette tadellos. Natürlich fand ich
sie gräßlich und träumte mich immer mehr in die tragische Rolle einer
verwunschenen Prinzessin.

Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die Triebkraft der
Handlungsweise meiner Tante mir gegenüber war: eine grenzenlose, von
allen Menschen, die sich ihr näherten, sorgfältig genährte Eitelkeit.
Wie ihr Haus und ihr Park die schönsten, ihre Equipage und ihre
Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, so sollte ihre Nichte -- am
Maßstab Augsburgs gemessen -- die vollendetste junge Dame sein. Es
gehörte eine intensive geistige und körperliche Umwandlung hierzu, um
dieses Ziel zu erreichen.

Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch den
alten ritterbürtigen Adel repräsentiert mit seiner Auffassung
von Ebenbürtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen und
politisch-konservativen Gesinnungen, seiner damals noch ausgesprochenen
Geringschätzung jeden Berufs, der außerhalb der Laufbahn des
Gutsbesitzers, des Offiziers oder des höheren Staats- und Hofbeamten
lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus dem alten und
dem neuen Patriziertum zusammen, das mit wenigen Ausnahmen nach wie vor
bürgerlichen Berufssphären angehörte. Zur Zeit, da die Ahnherren der
preußischen Junker wider Heiden und Türken kämpften, handelte der
Stammvater der Fugger mit Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der
Welfer nach Westindien, saßen die ersten Stettens in der
Goldschmiedzunft. Ihre Nachkommen betrachteten die Fröhlich und Forster
und Schätzler -- Industriebarone des neunzehnten Jahrhunderts -- als zu
sich gehörig, während der Offizier als solcher ebensowenig eine
gesellschaftliche Stellung besaß wie der Landsknecht des Mittelalters.

So groß wie der Gegensatz der Herkunft war der der wirtschaftlichen
Interessen, die in meinem bisherigen Lebenskreise wesentlich agrarische
gewesen waren und hier ausschließlich großindustrielle. Die
verschiedenartige politische Stellung folgte daraus: die gute
Gesellschaft Augsburgs war nationalliberal, und lehnte mit der
politischen auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse
für Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, und wurde von der
Allgemeinen Zeitung und den Männern, die durch sie nach Augsburg kamen,
stets rege erhalten. Unterhielt man sich in den Schlössern Ostpreußens
von Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem Gesichtswinkel
des größeren oder geringeren Amüsements; in Augsburg gehörte es zum
guten Ton, Neues zu kennen und vom künstlerischen Standpunkt aus
darüber zu urteilen.

Die breite Mittelstraße, auf der sich von rechts und links immer die
Leute zusammenfinden, die den Mut nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten
Anschauung die entgegengesetzte Grenze zu überschreiten, und die zu
ihrer eigenen Beruhigung jene Straße die »goldene« tauften, war das
Symbol des ganzen geistigen Lebens. In Preußen vermied man es, über
ernstere Fragen zu sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen
könnten und das nicht zum guten Ton gehört, hier war man soweit, alles
zum Gegenstand bloßer Konversation zu machen.

Wurde es mir sehr schwer, bürgerliche Hausfrauentugenden zu lernen, und
noch schwerer, jenen tief gewurzelten Hochmut nieder zu drücken, der
sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen
Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische und
religiöse Richtung der Umgebung im Einklang mit meiner Entwicklung. Und
von dieser Seite aus eroberte mich Augsburg und machte mich schließlich
zum gefügigen Zögling meiner Tante.

Kaum hatte sie mich äußerlich ausreichend umgemodelt -- eine kunstvolle
Frisur und ein Pariser Korsett waren ebenso das Attribut süddeutscher
Vornehmheit, wie der glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der
norddeutschen waren --, als ich in den Kreis ihrer Verwandten und
Freunde eingeführt wurde. Was mich zunächst in Erstaunen setzte, war,
bei anerkanntem Reichtum, die große Einfachheit des äußeren Lebens. In
dem alten hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch
gescheuerte Dielen und servierende Dienstmädchen. In der Zeit der
Renaissancemöbel und verdunkelnden Gobelinvorhänge behauptete hier die
weiße Mullgardine neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im
Hause der Schätzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem Königsschloß zur
Ehre gereichen würde, buk die Hausfrau selbst den Weihnachtskuchen und
machte das Obst ein. Ich verlernte allmählich, über dergleichen die Nase
zu rümpfen; die Vereinigung von Fleiß, Einfachheit und Reichtum hatte
etwas imponierendes, und die Erkenntnis, daß es außerhalb der Welt
meiner bisherigen Umgebung noch Menschen gab, mit denen »man« verkehren
konnte, war epochemachend für mich. Aber noch überraschender war der
Eindruck, den das geistige Leben auf mich machte. Zu den Intimsten im
Hause meiner Tante gehörte der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung,
Dr. Otto Braun, der Oberbürgermeister von Augsburg, Ludwig Fischer, und
der Pfarrer von St. Anna, Julius Haberland. Mit einem kleinen Kreis
anderer Gäste -- aus dem die männliche Jugend streng ausgeschlossen war
-- kamen sie regelmäßig einmal in der Woche bei uns zusammen. Der
Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten und rotseidenen Möbeln dem
brutalen Prachtgeschmack des bayrischen Königs zu huldigen schien, war
dem Wagner-Kultus geweiht. Im grünen Rokokoboudoir trafen sich die
Plaudernden; in der ernsten dunkeln Bibliothek unter der zimmerhohen
Fächerpalme pflegte Otto Braun vorzulesen.

Er war ein außerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner Mann, dessen
Interessen wesentlich literarische waren, und dessen jugendliche
Begeisterung für seine Lieblingsdichter ansteckend wirken mußte. Trotz
des Gegengewichts der Tante, die meine Lektüre auf das notwendigste und
kindlichste beschränken wollte, verstand er es, meine zerfahrenen
Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und erschloß mir Gebiete der
Literatur, die mir, und damals wohl auch der Mehrzahl des lesenden
Publikums, noch vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher die
Bücher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder Ebers, andächtig
verschlungen, so wurden mir jetzt die von Gottfried Keller, von Conrad
Ferdinand Meyer und Marie von Ebner-Eschenbach zu künstlerischen
Offenbarungen. Daß Braun den Allerjüngsten verständnislos
gegenüberstand, sich gegen radikale Ausländer, wie Zola, Ibsen und
manche der großen Russen ablehnend verhielt, vermochte auf mich um so
weniger nachteilig zu wirken, als der Eintritt in seine Interessensphäre
schon einen großen Schritt vorwärts bedeutete.

Für das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe wie für das
der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als einflußreiches Mitglied der
nationalliberalen Partei auf der Höhe seines parlamentarischen Ruhmes
stand, seine Ansichten entwickelte, so erschienen sie mir, der die
konservative Politik stets als die eines anständigen Menschen allein
würdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionär. Die Erinnerung
an den revolutionären Liberalismus von 1848, der mich in der
Geschichtsstunde einmal begeistert hatte, verstärkte diesen Eindruck;
von Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also von dem
Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener Schutzzollperiode Bismarcks
keinen Begriff, sondern empfand, was ich hörte, wie eine innere
Befreiung: es gab Menschen, es gab eine große Partei, die die Ideale
der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich konnte mich zu
ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, bei den Meinigen auf heftigen
Widerstand zu stoßen. »Konservativ kann ich nicht sein,« schrieb ich im
Frühjahr 1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die Tante befriedigt
die guten Resultate ihrer Erziehung konstatierte, wieder korrespondieren
durfte, »das wäre dasselbe, als wenn ich für die Prügelstrafe und die
Unterdrückung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten wollte.
Der Nationalliberalismus, der nicht eine Kaste und ihre veralteten
Privilegien, sondern die Interessen des ganzen Volkes vertritt, der die
wissenschaftliche Erkenntnis stets zu fördern bereit ist, und daher auch
der religiösen Orthodoxie energisch gegenüber steht, entspricht meinen
Ansichten.«

Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen mir noch interessanter
war, und der in Augsburg allgemein vorherrschte, wurde im Kreise meiner
Tante durch den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste
vertreten. Der sonntägliche Kirchgang -- hier ebenso eine
selbstverständliche Pflicht wie zu Hause -- hatte darum nichts
abschreckendes mehr für mich. Wenn Julius Haberlands schöne
Apostelgestalt auf der Kanzel erschien und seine sonore Stimme die
Kirche mit Wohlklang erfüllte, war ich vom ersten Augenblick an
gefesselt: hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verständnis und
Milde fand ich hier für menschliche Fehler und Irrtümer, wo mir in Posen
nichts als Verurteilung und Härte begegnet war.

Alle Wunden öffneten sich wieder, die die religiösen Kämpfe mir
geschlagen hatten; sie waren nur mühselig überklebt, aber nicht geheilt
worden, und ich sehnte mich mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen
dringenden Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten
Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und so ging ich
denn allwöchentlich ein paarmal in das stille Haus an der Fuggerstraße.
In seiner sonnigen Studierstube saß ich dem gleichmäßig gütigen Mann mit
den seinen, von blondem Vollbart umrahmten Zügen und den weißen,
schmalen, gepflegten Händen viele Stunden gegenüber, und ganz, ganz
langsam gelang es ihm, aus meinem ängstlich verschlossenen Inneren all
meine Zweifel und Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das
den religiösen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, statt in dem
des Für-wahr-haltens, auffaßte, wirkte zunächst auf mich, wie der
Eintritt in die freie Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den
Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.

Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und ich war doch ein
Christ. Ich brauchte nicht an die göttliche Inspiration der Bibel, an
die Wunder des Alten Testaments, an die Jungfräulichkeit der Mutter des
Heilands zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoßene. Als
heiliges Symbol konnte aufgefaßt werden, was ich wörtlich für wahr zu
halten verpflichtet worden war, -- demnach hatte ich vor dem Altar
keinen Meineid geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich hatte
auch hier die »goldene« Mittelstraße erreicht, auf der so viele, selbst
alte Leute gehen, die keine Heuchler zu sein brauchen, die aber,
beherrscht von jener gefährlichsten Eigenschaft unserer Denkkraft -- der
Bequemlichkeit -- da einen Punkt machen, wo die eigentliche Arbeit erst
anfangen sollte.

Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die Dauer über den
Hunger des Gemüts nicht hinwegtäuschen. Es blieb leer in mir, viel
leerer als zu der Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche
sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln fast
verschwindenden väterlichen Greis verwandelt hatte. In kalte Schauer des
Entsetzens hüllte mich diese trostlose Öde, je länger ich in dem
glänzenden Blumenhaus am Königsplatz wohnte, je mehr ich mich unter den
rastlos formenden Händen der Tante der Idealgestalt, die ihr
vorschwebte, näherte. Nie ließ sie mir Zeit für mich selbst; mein Tag
war, was das Arbeitpensum und die Art der Erholung betrifft, so genau
eingeteilt, daß für meine persönlichen Neigungen kein Platz übrig blieb.
Wenn mich aber einmal in den langen Stunden, die ich bei irgend einer
Handarbeit saß, die Gestalten meiner Träume überwältigten und ich mich
ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als daß ich heimlich nachts
darauf zu Feder und Tinte griff, um mit klopfenden Pulsen in Worte und
Reime zu fassen, was mich erfüllte, so konnte ich sicher sein, daß die
Tante oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. »Unnütze
Phantasien« hatte ich zu beherrschen; mußte durchaus gedichtet werden,
so boten Familienfeste Gelegenheit genug dazu.

Einmal, im Frühjahr wars, als die Tante zu einer ärztlichen Konsultation
nach München hatte fahren müssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines
Besuchs bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der Stadt
umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedürfnis folgend, das sich aus
künstlerischen und religiösen Motiven merkwürdig zusammensetzte, war es
mir schon zur Gewohnheit geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine der
alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden Dämmer
wenigstens zu Augenblicken stiller Sammlung kam. Heute durfte ich mir
ein paar Stunden gönnen, nachdem ich den Besuch möglichst abgekürzt
hatte. Das Portal des Doms stand offen, als ich näher trat, und Scharen
kleiner Kinder trugen lange Girlanden bunter Frühlingsblumen hinein, um
die vielhundertjährigen Säulen und Altäre zu den Maiandachten der
heiligen Jungfrau zu schmücken. Königlich und liebreich zugleich schien
sie vom Pfeiler des großen Tores auf all die jungen Gläubigen
herabzulächeln. Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich,
und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, von der Entwicklung
deutscher Kunst erzählen, verklangen die vielen trippelnden Füßchen, und
es war ganz still. Die helle Nachmittagssonne glänzte durch die alten
gemalten Fenster, so daß Daniel und Jonas, Moses und David von neuem
Leben durchglüht erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren die
schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so tiefer, und wie hinter
grauen Florschleiern schimmerten die Grabsteine in den Seitenschiffen.
Dumpfkalte Winterluft schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang
schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir gerade entgegenströmten;
sie hatten ihm schon sein frisches Festkleid angetan, und es trieb mich,
zu sehen, wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frühlingsgöttin die
Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da stockte mein Fuß vor einem
steinernen Grabmal: ein Totenschädel mit breitem Mund und leeren Augen
grinste mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedörrte Leib auf dem
Sarkophag, von Kröten und Schlangen ringsum gräßlich benagt. Entsetzt
floh ich hinaus; aber in der Erinnerung verstärkte sich nur noch der
Eindruck: die steinerne Maria am Portal, die blumentragenden Kinder aus
Fleisch und Blut, und der tote Peter von Schaumburg, der lebenslustige
Kardinal, der sich selbst, da er noch im Golde wühlte und Augsburgs
schönsten Töchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal gesetzt
hatte, gingen neben mir her, traten mir in den Weg, oder folgten mit
leisen Sohlen meinen Schritten. Oben in meinem Zimmer angekommen, warf
ich hastig Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch und
schrieb -- schrieb -- schrieb, ohne die wiederholte Mahnung zum
Abendessen zu berücksichtigen, eine phantastische Geschichte, in der der
Kirchenfürst zu der holdseligsten Jungfrau der Stadt in sündiger Liebe
entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum Steinbild auf dem
Pfeiler verwandelt wurde, während er in ihrer Nähe sich bußfertig dieses
dauernde memento mori schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich hörte
nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als sie sich über mich
beugte und ihr warmer Atem meine Stirne streifte, fuhr ich erschrocken
aus meinem wachen Traum.

»Also nur den Rücken zu kehren brauche ich, und die alte Geschichte
fängt von neuem an,« rief sie empört und nahm die beschriebenen Blätter
vom Schreibtisch. »Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst
du Narrenspossen.« Damit zerriß sie meine Kardinalsnovelle in tausend
Stücke. Ich fühlte, wie alles Blut mir aus den Wangen wich; mit der
Selbstbeherrschung war es vorbei. »Du willst mich umbringen -- langsam
zu Tode martern« -- stieß ich hervor; »tue ich nicht alles, was du
willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, wie einen
Verbrecher? Gönne mir doch mein bischen eigenes Leben -- schenk mir ein
paar Stunden am Tag --. Gefällt Dir nicht, was ich schreibe, so laß es
mir wenigstens. Ich werde ja niemanden damit quälen. --« »Das wäre auch
noch schöner, wenn du mich mit dem eiteln Herumzeigen solchen
Geschreibsels blamieren wolltest!« entgegnete sie. »Ich kann
tintenklexende Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich
soll dir noch extra Freistunden dafür ansetzen! Eine Frau hat überhaupt
nicht für sich zu leben, sondern für andere.« Gequält lachte ich auf --
ich dachte daran, wie die Tante »für andere« lebte! »Ich halte es aber
nicht aus, ich muß los werden, was mich gepackt hat. Andere denken auch
nicht wie du. Großmama ist immer dafür gewesen, daß ich dem inneren
Zwang gehorche.«

»Deine Großmama!« -- höhnisch schürzte die Tante die vollen Lippen; »ich
will ja gewiß der alten Dame nicht zu nahe treten, aber du solltest doch
besseres tun, als sie zum Kronzeugen anzurufen!«

Empört fuhr ich auf: »Großmama ist die beste Frau, die ich kenne, der
einzige Mensch, der mich lieb hat und mich versteht!«

»Mag sein, daß sie dich versteht!« rief die Tante. »Sie ist gerade so
überspannt wie du. Kein Wunder -- bei der problematischen Herkunft!«
Ich ballte unwillkürlich die Fäuste, daß mir die Nägel ins Fleisch
drangen und warf hochmütig den Kopf zurück: »Mit deinen Augsburgern
Krämern kann sie sich freilich nicht messen!« Kochender Zorn verzerrte
die Züge der Tante. »Wirst du sofort wegen dieser unerhörten Frechheit
um Verzeihung bitten?!« schrie sie mich an. Mit einem kurzen »Nein«
wandte ich mich ab und ging in mein Schlafzimmer.

Ich warf mich aufs Bett und biß die Zähne zusammen, um nicht laut auf zu
schreien: krampfhafte Schmerzen in der Seite ließen mich die seelischen
Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte ich schon in
Pirgallen beim Reiten gespürt; jetzt, in Augsburg waren sie immer
stärker geworden, und steigerten sich nach jeder großen Erregung zu
einem heftigen Anfall. Schließlich hatte ich mich entschlossen gehabt,
der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum Anlaß genommen, mir zu
erklären, daß ein gut erzogenes junges Mädchen nicht krank zu sein
hätte, und ihr Hausarzt hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein
blasses Gesicht »Beefsteak und Rotwein« empfohlen. Daraufhin sagte ich
nichts mehr, auch wenn ich mich vor Schmerzen krümmte. So wie diese
Nacht war es freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.

Am nächsten Morgen wurde mir mitgeteilt, daß ich oben zu bleiben hätte.
Auch vor den Dienstboten sollte ich gedemütigt und so zur Abbitte
gezwungen werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne daß ich dazu
Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er sprach mir viel von
Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge um mich, den Opfern an persönlichem
Behagen, die sie mir ständig brächte, ihrem Alter und meiner zur
Unterordnung verpflichteten Jugend. »Zeigen Sie, daß Sie jetzt wirklich
eine Christin sind!« sagte er. »Demütigen Sie sich, auch wenn Ihnen
wirklich Unrecht geschehen wäre! Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer
selbst -- Sie werden reichen Lohn davon haben!« »Vielleicht hat er
wirklich recht«, dachte ich; und in dem stolzen Bewußtsein, einen Sieg
über mein böses Ich errungen zu haben, ging ich mit ihm herunter, und es
gab eine rührende Versöhnungsszene mit viel Tränen, Küssen und
Segenswünschen. Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. Als eine Art
Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich nunmehr mit Feuereifer alle mir
unangenehmen Arbeiten übernahm: ich stickte »altdeutsche« Deckchen, als
ob ich es bezahlt bekäme, kämpfte stundenlang am Klavier mit meiner
Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strümpfe für die Negerkinder,
während die Tante nach dem Abendbrot spielte und sang. Aber die Leere im
Innern blieb, und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern
flöteten und der Duft der weißen Akaziendolden hereinströmte, dann
erfaßte mich eine Sehnsucht, eine tiefe, heiße -- wonach, ach wonach?!

Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute mich kindisch darauf, aber
durch die strenge Abgeschlossenheit des Lebens wurde mir der Aufenthalt
sehr verbittert. Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm,
und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein flotter Gardeleutnant
geworden war, und seinen Urlaub in Partenkirchen bei der Mutter
verlebte, nahm ihn die Tante allein an; sie mußte ihm wohl bedeutet
haben, daß sie den Verkehr mit »dem Kinde« nicht wünsche, denn er kam
nicht wieder.

Wir fuhren täglich spazieren, -- wie ich von meinem Wagen aus die
Touristen beneidete, die mit dem Rucksack auf dem Buckel frisch und
fröhlich in die Welt hineinmarschierten!

Nach Augsburg zurückgekehrt -- ich war inzwischen sechzehn Jahre alt
geworden -- eröffnete mir die Tante, daß ich mich nunmehr, nachdem sie
einen Rückfall nicht wieder beobachtet habe, freier bewegen dürfe. Da
ich aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlüssel bekam,
beschränkte sich die »Freiheit« nur auf ein geringeres Maß von
Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, die nicht ausschließlich
aus Damen und alten Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei
Logenplätze uns jeden Abend zur Verfügung standen. Die Konferenz und
Energie meiner Tante, ihre unablässigen, in den verschiedensten Formen
sich wiederholenden, und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen
Auseinandersetzungen über die Pflichten eines jungen Mädchens von
vornehmer Geburt, hatten überdies allmählich auf mich gewirkt wie ein
Opiat, das die Seele stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in
mir, so hielt ich es selbst schon für ein Unrecht, und beeilte mich, es
wieder einzuschläfern. An meine Kusine schrieb ich damals: »Du fragst,
ob ich irgend etwas schreibe? Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen,
aber ich finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein wunder
Punkt in meinem Leben. In mir kocht und glüht es, und ich glaube wohl,
daß ich Talent habe, und daß es hinausstürmen will. Da muß ich denn
doppelt hohe Barrieren bauen. Ich muß soviel Prosaisches tun, -- und
wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel abnehmen muß, wird meine
Zeit vollends ganz ausgefüllt sein. Es mag Menschen geben, die für die
Prosa des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewöhnlichen Pflichten
nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein armer Pegasus
hat zuerst daran glauben und am Altar der Pflicht verbluten müssen! ...
Es ist am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mädel mit ihm anfangen?
Die Phantasie war das Unglück meines Lebens; sie aus mir
herauszuschneiden war eine gräßlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie
gelungen ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus und Leben
damit zu schmücken, meinen Eltern und einmal meinem Mann zu dienen.«

Ich war wirklich eine »junge Dame« geworden; ich fühlte nicht einmal
mehr, daß die hoffnungsvollen Triebe meines Lebensbodens
niedergetrampelt waren. »Man beurteilt ein junges Mädchen nach seinem
Aussehen, weniger nach seinem Wissen«, schrieb ich, mir die Ansichten
der Tante zu eigen machend, »sie wird mit Recht für arrogant gehalten,
wenn sie schon eine eigne Meinung haben will«. Mein Tagebuch, das ich
seit dem Augsburger Aufenthalt nicht berührt hatte, weil ich es nicht
durfte, blieb auch jetzt unausgefüllt, obwohl mich niemand mehr daran
hinderte. Großmama frug einmal brieflich danach, und ich antwortete mit
schnippischem Selbstbewußtsein: »Ich schreibe keins, weil ich finde, daß
man sich in meinem Alter darin Dinge vorlügt, die man nicht denkt, und
aus Ereignissen wichtige macht, die man besser vergißt. Mein Leben
brauche ich nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht
kümmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein Streben ist darauf
gerichtet, mein eignes Ich und die Welt um mich so poetisch wie möglich
zu gestalten« -- durch bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen
und ein mißhandeltes Klavier! -- »damit ich einmal meinem Mann eine
hübsche Häuslichkeit schaffen kann.«

Mein Mann! -- Die Tante sorgte dafür, daß meine Träume sich mehr und
mehr um ihn drehten und meine Phantasie, die wir so tief eingesargt
wähnten, nach dieser Richtung üppigste Blüten trieb. War nicht das Ziel
all ihrer Erziehungskünste der Mann? War es nicht wie ein glattes
Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, warum und wann und wen
ich heiraten sollte? »Da ich kinderlos bin, wird für dich reichlich
gesorgt sein,« sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald spazieren
gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft wie stets auf dem meinen
ruhte, »aber natürlich erst nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei
der schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf eine Zulage
rechnen. Mach also keine Dummheiten. Sorgen treiben gewöhnlich die Liebe
zum Hause hinaus. Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem
Wolkenkuckucksheim in die nüchterne Alltäglichkeit zurückzuführen, so
doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen Leidenschaft
verplemperst. Du kannst jetzt die größten Ansprüche machen -- verscherze
dir das nicht!« Ich hörte ruhig zu, ich war so gut erzogen, daß mir das
alles selbstverständlich klang.

Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang vor meinen Augen, und
ich sah plötzlich, wie eine Vision, die tiefe, dunkle, kalte Leere
meines Herzens. Ich suchte spät Abends im Park nach einem Tuch, das
ich irgend wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng
aneinandergeschmiegt, zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, das
Stubenmädchen, und Johann, den Kutscher. Von Zeit zu Zeit blieben sie
stehen und küßten sich -- endlos verzehrend. »Maria und Josef«, schrie
die Lina als sie mich sah, »das gnä Fräuln!« Mit Wangen, die glühten und
Augen, die glänzten, mehr vor Glück als vor Scham, streckte sie die
Hände nach mir aus: »Gnä Fräuln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel
ja?« bat sie schmeichelnd, »de Liab is ja koan Unrecht nöt. Wers freili
so noblich haben kann wie das gnä Fräuln, der ka ruhig aufn Prinzen
warten, der glei mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini
führt. Aber mir --« sie lächelte den verlegen daneben stehenden Johann
zärtlich an, »mir haben nix als das bissel Liab -- und dös -- dös müssen
wir haben ... So red doch auch was, Hannsl!« Sie stieß ihn aufmunternd
in die Seite. »Recht hast!« stotterte er, »a Freud muß der Mensch haben,
so a rechte herzklopfete Freud!« Es dunkelte mir vor den Augen, laut
aufgeschluchzt hätte ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war
ich! Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich denn das Paar
meiner Verschwiegenheit und kehrte in meine »nobliche« Gefangenschaft
zurück.

Während der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch
die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft
der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der
verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst hilfsbereit. Mir
waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, wenn arme Leute, deren
Unglück sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des
glänzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus
irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine Tante wußte so viel
von der Großartigkeit der augsburger Armenfürsorge -- sowohl der
kommunalen, als der privaten -- zu erzählen, daß ich meine Bedenken
zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glänzendsten
Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines
Krippenvereins ließ mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen
lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine
einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der
Türe, -- und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur
Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden
könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte
meine Tante über all die damit verbundenen Mühen und Scherereien, über
ein neues Kleid, das ich -- als Verkäuferin -- notwendig dafür haben
müßte, über einen neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, --
kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob nicht die Kosten
erheblich geringer sein würden, wenn jede der Damen durch Zahlung von
fünfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da kam
ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert«
sagte sie, »wenn du meinst, wir könnten alle Augenblicke solche Summen
einfach hergeben. Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist unsere
Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze Bevölkerung herangezogen
werden.«

Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da
selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die
Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu
ernähren bemühte und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch einen
engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine
Schar blasser, kleiner Buben und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten
sich alle mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug.
»Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte ein blasser Junge mit einem
ernsthaften Altmännergesicht, und die Schwester, deren Züge auch vom
Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein,
führte mich hinauf.

Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den
Gesichtern all der Menschen einprägt, die den Kampf ums tägliche Brot
jeden Morgen in gleicher Schärfe aufs neue beginnen müssen, sah die arme
Frau mir entgegen. Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen
Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer füllten, und
dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der
dunkeln Küche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach
schlechtem Fett sich allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir
ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der
Schwindsucht gestorben, -- »ka Wunder nöt bei dera Fabrik am Stadtbach
draußen« --, die Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von
hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel tausendmal« fügte sie
tief gerührt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Fleiß konnte sie
aber doch nicht das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder
herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert in einer
Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder is halt a Kreuz,« sagte die Mutter
seufzend, »eins -- das ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht aus
noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste stolperte in diesem
Augenblick über seine eignen dünnen rachitischen Beinchen und fiel auf
einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die
Händchen, zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« stünden
und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, dort ganz still zu
sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen
Geschöpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit
brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. Fast war ich schon
fertig mit meinem Urteil über die Hartherzigkeit der armen Näherin, als
sie mir weinend erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein
Jahr lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr Jüngstes aus dem
Fenster gestürzt, während sie abwesend war, und seitdem könne sie die
Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier
sogar mit, wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch eins
da nunter fiele!«

Ich verlor alle Selbstbeherrschung, -- nie hatte ich auch nur im
entferntesten von solch einem Elend gewußt --, die Tränen strömten mir
aus den Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten Züge
der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und streichelte mir tröstend die
Hände: »So a guts Herzerl sans -- das hat mir gwiß der liebe Herrgott
geschickt!« -- mich durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war es
denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die
Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, daß sie so leiden mußten?
Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und
wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errötend sah ich an
meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach
geflickten dürftigen Röckchen der Kinder hinüber, die sich wieder der
Türe genähert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich die
Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, -- hatten nicht am Ende
ebenso arme durchstochene Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir?
O, wie ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt und hätten
mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, hätte die Mutter
sich mit meinem Mantel bekleidet, -- ich hätte es in diesem Augenblick
ganz natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit
keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter
pries überschwenglich mein »gutes Herz«.

Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste
einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« --
»Sechsundzwanzig.« -- Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige
Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene Blick, --
und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah plötzlich meine Tante vor mir, die
vierzigjährige -- und ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie
lange arbeiten Sie am Tage?« -- »I steh halt um fünfe auf und leg mich
um zwölfen nieder!« -- Und das alles nur um das elende Leben am nächsten
Tag weiter zu fristen!

»Was verdienen Sie in der Woche?« -- »Sechs Mark, und wanns arg gut
geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fünf
-- sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar.« -- Also hatte sie für sich
und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, -- und ich
gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum
Leben hatte!

Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine
Farben flossen zusammen, so daß nichts als ein schmutziges Grau übrig
blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was
für mich weit beschämender war, als für die arme Frau, schüttete ich ihr
den Inhalt meiner Börse in den Schoß und lief, so rasch ich konnte,
davon. Als ich, trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und
erregt von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich für
»überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus
bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewöhnt, und wenn für das
Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig zu bedauern
heißt, sie zu Sozialdemokraten machen.«

Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter
Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, die er erhielt, reichte zu
seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur
wenig erübrigen zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen
Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen,
rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken
umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu öffnen, widerstand er heftig.
»I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter
Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte sich lebhaft
über die Tochter, die »a schön's Stück Geld« verdiene, aber »alleweil
mehr an Putz denkt als an den alten Vater,« und lieber auf »die
Tanzböden umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte Ding
doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« Grade ging die Türe und »d' Resi«
kam nach Haus, ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf
den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. »Kannst nit a
bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach einer verlegnen Begrüßung, »wenn
man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab
nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen Kinder -- »zu
meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nöt bei die Madl. Heut zu Täg is
aus mit'n schuldigen Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem
Fragebogen in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster auf, und ein
Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß ihr vor Anstrengung die
Schweißtropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie,
die eben erst achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren
Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium
der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in
der Woche, wovon sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's gewiß
nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen hinzu, »i brauch a bissel
was für's Gewand, und dann, -- schauen's, wie's mi grad gepackt hat --
dös kommt alle Tag' a paar Mal -- der Herr Doktor hat gesagt, i soll
viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag« -- aus
dem Winkel des Schränkchens suchte sie ein Töpfchen hervor, dabei
ängstlich nach der Türe schielend, ob auch der Vater nichts merken
könne. »Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch nötig«
-- ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen -- »Sie merkend ja selber,
wie's hier damit steht, und schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's
aber in der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, -- da schluckt einer
weiter nix wie Baumwolle.«

Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte käme ins Spital. Die
Tante war empört über meine Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen
Eltern,« sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und krank
sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« Untersuchung wurde
festgestellt, daß die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu
finden sei und für bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. Diese
Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrüstung mitgeteilt, die
ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch
in Gesellschaften -- noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu
haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und
krank -- laßt ihr doch das bißchen Lebensfreude.«

Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten
durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen.
In einem langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit
geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, ein
paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln bedeckt; ein dürftig
geschmückter Baum streckte seine großen Zweige wie lauter wehklagend
erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern -- gar nicht
nach Weihnachten -- sah es aus, und ich mußte der Großmutter denken, die
selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« bereitete, denn »les
choses superflus sont des choses très nécessaires« Pflegte sie mit ihrem
gütigsten Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich die Frauen
und Kinder eng zusammen, auf der anderen saßen die Damen des Vorstands,
und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt.
Er war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom »Vater im
Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« von »den wahrhaft
christlichen Seelen der gütigen Geberinnen,« von der gebotenen
»Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden.« Dann wurde gesungen
und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer wieder ermahnten
»vergelts Gott« zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht
recht wußte, warum. -- Über eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten
sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen
Nützlichkeiten.

Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden später
hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle
Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch
nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, meinte
die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch genug war. Nachts
darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und
wußte bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche Leid oder um
die Zerrissenheit meines Innern flossen.

Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir
dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen,
nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle,
in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!

Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr
die natürliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genährt wurde,
desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und
ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug
der heimkehrenden Arbeiter, so schloß ich am liebsten die Augen, nachdem
meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt
geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die müden
Schritte hörte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir,
als ginge ich mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem in
die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber rollen. Und dann packte mich
eine Wut -- eine Wut, daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen
und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert hätte!

Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein
Blick nur auf gleichgültige oder bewundernde Mienen -- es gab sogar
Männer, die die Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.

Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von überströmender
Freude und Zärtlichkeit, die ich gerührt und dankbar empfand. Seine
Schwester rühmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer
Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern
nicht fehlen ließ, die mich in so »verwahrlostem« Zustand ihr übergeben
hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles
gefallen ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er
schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben,
die Freiheit, die ich genießen sollte, auf die Pflichten, von deren
Erfüllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den
Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine
Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.

Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dämmernden Park auf und
nieder ging, kam es über mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor
sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen,
die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme
Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. -- Ich warf
mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der
Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner tränenfeuchten
Augen, gerührt über so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.

»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied mit Betonung.



Siebentes Kapitel


Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein
Vater und ich. Über das holprige Pflaster rasselte die große alte
Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus
warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Straße, und in dem
grünen Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter
der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, der zur Dominsel hinüber führt,
breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder
Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie
flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.

Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel
und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor,
das den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, aus deren
tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit
seinem Schatten zu erdrücken schien. Nur das größte der Gebäude, das
breit und massig an der andren Seite den Hof abschloß, war wach: helles
Licht strömte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit
offene Tor über der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter
Frühlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die
größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber getroffen zu
nächtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweißes Geschöpfchen,
Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen warm
meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es ein Menschlein war, das
mich willkommen hieß: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit
begrüßte mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« aus
dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, küßte mir der Vater die Stirn,
und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich
schon lange weich und wohlig umfingen.

Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus.
Still und verträumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine
der Mauern erzählten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz
mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben
haben, als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und Land überließ
und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, dem Christengott zu Ehren
verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des
Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben und
Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten
auf dem Raum zu seinen Füßen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an
Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden
Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße Tauben die Körnlein
auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen
verloren hatten.

In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den
blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des
Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter
unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot blühten, reichte bis
hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das
die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich
außen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest
umschlossen, lag ein kleiner, pausbäckiger Liebesgott aus grauem
Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein
und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe richten!
Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt
des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir
wars, als lachte er -- ein helles, zwitscherndes Lachen --, vielleicht
warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind,
der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir
lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein
Herz stürmisch entgegenschlug!

Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und
mit einemmal ward es lebendig: die späten Nachfolger der Mönche im
Stiftshaus gegenüber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine
Ritterakademie verwandelt hatte, stürmten über den Hof, -- lauter kecke
brandenburgische Junker, deren harte Schädel der Weisheit der Magister
trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Bürgern Trotz
geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, -- die neue
Nachbarin, -- und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer,
ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der
anderen lachend einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß die
blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen blieben. Noch ehe ich eine
Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg
tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment.
Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glück und Liebe,
die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die
Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen
Rausch seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grüßte!

Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das Sonnenlicht trüber,
sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn
Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?

Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie
erstaunt und gläubig die blauen Augen aufriß, wenn ich ihr die
schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem
Blütenkelch nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was strahlte
und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weiße
Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die
die Zimmer schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der
Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe
aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her.
Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel
im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von
ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht
zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia ließ ihn noch immer nicht
los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar
nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und
Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; und zum Fenster
hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener
Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage
Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den
Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. Die Junker von
drüben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen
Hingabe seines treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich
ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig hütete
er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig
kletterte er über die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen,
die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder,
um Kornblumen zu pflücken, die er, von seidenem Band umwunden,
frühmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den
Havelschwänen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben
Mummeln so gern in die Haare steckte. Den köstlichen Genuß heimlich
gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen für sein
Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.

Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur
Verfügung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange
Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon
rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir unter den
Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal.
Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend
einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst
angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm
heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft
absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt
sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene
wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor,
daß seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen
will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause
zu reiten.

Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute,
glaube ich; vielleicht daß sie sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden
Tag grämlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in unserem
Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In meines Vaters Regiment war ich
die einzige meiner Art, und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein
huldigten, war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist berliner
Kaufmannssöhne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz
reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht
zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen
hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch
seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu
übertrumpfen. Das Offizierkorps der weiß-blauen Kürassiere dagegen
setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und
zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie
keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den
Rittergütern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie
verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der
Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, als meine Eltern
nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das
bürgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreußische
Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber hinweg,
und er setzte alles daran, diese Idee auch in den äußeren Fragen des
Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz
ist oft so hartnäckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte
es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines
Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft
entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters
Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle
Bewunderung des Bürgerlichen für den Aristokraten, die oft die Maske des
Hochmuts trägt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter
demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu
finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und
verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Söhnen im
Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung der
Erziehungsprinzipien meines Vaters.

Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus
ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem
Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer
häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der
aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich hinter der tadellosen
gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade
die vollendete Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant
von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den
Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, -- dieselbe
Höflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre kühle Glätte
keinerlei Angriffsfläche gewährt.

Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso
freundlich entgegen zukommen, wie den andern: »Daß sie Müller und
Schultze heißen, muß dich nicht stören; sie tragen alle denselben Rock,
und heiraten brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der bloße
Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten --! Der Vornehmste und Schönste
war mir dafür in meinen Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch
ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies
Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos ließ ich mich von den
schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glühenden Blick
und heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen
lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu
verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete
freudig den aus, der mir am meisten huldigte.

Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der Ritterakademie sich
im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz,
wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß;
weiche süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende
Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die
des schwarzäugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers.
Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern,
wenn meine braune Stute mich früh im Morgennebel über den Exerzierplatz
trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Kürassiere blitzten
und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß mehr
bedeutete als bloße Höflichkeit.

Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, der uns alle, eine
große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten und buntbewimpelten
Wagen hinausführte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns
geladen hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten waren Tische
gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen
standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte
Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die
Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jüngster
Leutnant, begrüßte mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er
wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber --
war's Absicht oder Zufall -- man ließ uns immer wieder allein; niemand,
so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen.
Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und Spiel lagerten wir unter
den Bäumen und schöpften aus großen Kupferkesseln kühle, duftende
Erdbeerbowle, die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, es
vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. Eine halbwelke gelbe
Rose löste sich mir vom Gürtel, -- der Mann zu meinen Füßen griff
danach, und ich sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen
drückte.

Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen
und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene,
zuckend heiße Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und
sehnsüchtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt;
selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen,
den heißen Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich
in halbem Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich wurde,
sah ich auf -- in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten.
Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war,
als versänke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich
glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand nur halb, als
Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr
tönten und die Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es
wetterleuchtete am Horizont.

Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am
anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung lagerte über Haus und Garten,
und mich fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags
kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Räuspern, sein
schwerer Tritt kündigten nichts Gutes an.

»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum daß er eingetreten war
»hinter dem Rücken deiner Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und
setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!«
Verständnislos starrte ich ihn an. »Tu doch nicht so naiv,« schrie er
wütend. »Du weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde
meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!«
Ich erschrak -- war das möglich: der Fredy hatte um mich angehalten!
»Aber ich will ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte
über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, was bildet
sich denn dann der Kerl ein --, er versichert hoch und teuer, deiner
Zustimmung gewiß zu sein!«

Es half nichts -- nun mußt' ich beichten. Und als ich so im grauen
Tageslicht den süßen, heißen Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit
Messern zerschneiden mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den Mann,
dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Kuß in der Julinacht, --
und früh tritt er an mit Helm und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für
ein ganzes langes Leben!

»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« sagte meine Mutter
kopfschüttelnd, als der Sturm des väterlichen Zorns sich etwas gelegt
hatte.

»Heiraten -- so einen fremden Mann!« kam es darauf zögernd über meine
Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte --
lachte, bis ihm die dicken Tränen über die Backen liefen. Und abends
schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange
gewünscht hatte.

Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem
abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen müsse, als sei nichts
geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das
Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein
finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben
uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen
weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wäre. »Du hast dem
Fredy einen Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend
vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Mit
jenem Solidaritätsgefühl, das den preußischen Offizier charakterisiert
und sich selbst stärker erweist als die Subordination gegenüber dem
Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen
nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie
mit ihr, so waren es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, --
diese geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen getrotzt
haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende Empörung erfüllte
mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern
weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein
Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.

Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem der Offiziere des
väterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch geführt worden war und
mich tödlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein
besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.

»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das Kokettieren ist
nun mal eine böse Sache und straft sich immer.«

»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief ich in dem
Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, »ich hab' ihn gern
gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau
zu werden.«

»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen lassen --«

»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den braven Mann lachend,
dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. »O ich kenne die
Weise, und weiß daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch!
Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben,
wenn sie Einen freundlicher anlächelt als den andern? Warum soll der ein
Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal von
Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die
manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer
Gefühle glauben lassen?!«

»Aber -- mein gnädigstes Fräulein --« unterbrach der Major mit einer
verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß und richtete sich steif und
gerade auf, so daß sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte.
Seine kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches
Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich das Lachen nicht
unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott« -- damit
streckte ich ihm begütigend die Hand entgegen -- »wenn ich mal so alt
bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« Aber er nahm
meine Hand nicht --

Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten spielen! Mein Vater
irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die
Kürassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch
fröhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, -- dem einzigen, das
ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich
schloß, und je höher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit
gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie über den grünen
lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, mich
empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wäre;
aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun
lauerte sie hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte
mich ihr unterwerfen.

Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt
mußte es werden bis zum Fiebertempo, oder übertönt von Fanfaren der
Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre
langweilige Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte,
so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend,
sondern führte vor ihr meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein
kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein wogender,
leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung daraus werden. Und eine
Stunde zu Pferde in der Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach
wilden Ritten über Stock und Stein.

Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst,
die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir
nachzugeben, als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon früh
am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die
Stute wieder satteln lassen, oder den großen Braunen mit der
sternzackigen weißen Blässe auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich
auf jeden leisen Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem
sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil über
Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt,
jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so
gesteigert hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. Im
Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine Füße nicht den Staub der
Straße berührten, so war meine Seele fern von allem, was grau und
schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fühlen
vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab,
so daß das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder
sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn für einen
langen Galopp, -- dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr
und träumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.

Freiheits- und Herrschaftsgefühl, -- das ists, was nur der Reiter kennt,
darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweiße seines Angesichts,
wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der
Radler sein Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag
der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der
Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle
Tier unter ihm den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt ihn
die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, um seinem Mute vor sich
selbst ein Zeugnis abzulegen, so genügt ein Druck der Sporen, und er
spottet aller Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, --
arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von ihrer Maschine, ihr
untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle
Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz
Sekt und Morphium von keinem der Schüler je übertroffen wurde, oder
westwärts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen
uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf
Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der
vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein
Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit
Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die
Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identität von Reiter und Ritter
ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert
vielleicht irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und
Quitzows, die den Haß steigern hilft.

Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die
Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glänzen und die dunkeln
Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein
paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich,
vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn,
und kein Hindernis im Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im
Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.

»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend einer der
Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete ich, den Kopf
in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den
schlanken Hals. »Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom
Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem
Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, -- aber schon
flog ich voraus, eine halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines
Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff.
Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, die das Gehöft eines
armen Käthners umschloß. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im
Vollgefühl nahen Sieges -- aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken
--, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich
fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. Überrascht von der
unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in
die Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace vorwärts zu jagen.
Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen,
-- ich hing nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah ich eine
große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte
stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Roß, trag' mich
hinein -- daß die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, als
schlügen die Wellen über mir zusammen.

Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten
Vetters verängstigtes Gesicht, das sich dicht über mich beugte. Tränen
standen in seinen Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine
Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob -- du lebst!« Als mein Vater
kam, stand ich schon auf den Füßen und machte krampfhafte Anstrengungen,
ihm möglichst sorglos entgegenzulächeln.

Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach Hause, und der rasch
geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.

Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein
Lieblingsplatz war draußen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht
hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer
noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten nicht
mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefärbt. Darunter lag
ich und sah in den Himmel und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war
fast immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, -- er hatte das Lernen
nun wohl ganz aufgegeben.

Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen
trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und süße, traumhafte Stunden waren
es, wenn der Körper schwer und schwerer und der Geist immer leichter
wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn wachsen, und Kräfte
durchströmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu
bestehen. Panzerumgürtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur
Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte mich des tatenlosen,
bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Träume kamen,
die mich streichelten oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann
ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine Hände küßte und von
der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.

»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir sagen kann --« flehte
er -- »bald werde ich dich nicht mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und
ferner wirst du mir sein, -- eine Balldame, und ich -- ein Schuljunge!«
Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf
mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: »Aber lieben -- lieben werd'
ich dich immer!«

»Immer?!« -- Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott
wieder vom Sockel werfen? -- Ich lächelte wehmütig. Kühl wehte der
Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, und
fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.



Achtes Kapitel


»Nun wird sie schlafen -- --« hörte ich in halbem Traum den Arzt zu
meiner Mutter sagen, während sich leise die Türe hinter ihnen schloß.
Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, die selbst der
Morphiumspritze stand hielten. Heute war ich chloroformiert worden.
Durstig hatte ich unter der Gazemaske den süßen Duft wachsender
Betäubung eingesogen. Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, auf
dem Bett, -- schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig flackerndes Licht
ging von dem Nachtlämpchen neben mir aus. Die gelben Blätter auf der
Tapete zuckten hin und her -- zuerst langsam, dann immer schneller,
schneller --, mir wurde schwindlig dabei. Ich schloß die Augen. Gott,
war ich müde! -- Plötzlich sprang die Türe auf, und es schwebte herein,
groß, weiß und kalt; Augen sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter,
-- und andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, --
in schmerzverzerrten Gesichtern, -- hungrige, die gierig nach Beute
suchten, -- lüsterne, in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei
rauschte es wie von vielen Gewändern, und tappte und klapperte, wie von
zahllosen Tritten ... Die Wände rückten auseinander vor der schiebenden
drängenden Masse gräßlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz,
ganz dicht, die Weiße mit den Mondaugen, und eine Hand, wie von Eis und
zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. »Queen Mab« schrie ich auf --
jetzt saß sie schon auf meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in
meine Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte sie nicht von
mir stoßen.

Wir kämpften miteinander -- Tage -- Wochen. Meine Jugend besiegte sie.
Es kamen ganz stille Zeiten, wo die Schneeflocken leise vor meinen
Fenstern niederfielen und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an
mein Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der Schlag der
Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.

Nun wußten die Arzte endlich, woran ich litt: die Nierenentzündung, die
mich so überwältigt hatte, ließ keinen Zweifel mehr daran. Ich mußte
bewegungslos, grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die
Weiße mit den Mondaugen mich längst verlassen hatte. Statt ihrer spitzen
Eisfinger in meinem Körper bohrten sich viele kalte Gedanken in mein
Hirn.

Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns alles Gute,
Starke in mir eingeschläfert? War ich nicht meinen großen
Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder: sie mir?! Tanzen, reiten,
lachen, mit Herzen spielen, wie mit Federbällen -- das Schwesterchen ein
bißchen hätscheln, das Haus ein bißchen schmücken --, sollte das des
Lebens einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht reicher
gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans träumte, als heute, nach
einem Jahrzehnt? Und viel reicher damals, da ich mir den Baldurtempel
baute? Ich grub -- grub rastlos im verschütteten Schacht meines Innern.
Halb verhungert im dunkelsten Winkel, saß sie in sich versunken und
grau, meine arme Seele. Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel für
mich, des Ringens wert? Wo eine große Flamme, um des Lebens dunkle Asche
wieder anzufachen?!

Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen umschlossen, beugte
sich über mich. »Großmama,« flüsterte ich, und es war, als ob die
Hoffnung eine Türe öffnete, die ins Helle führte. »Nur still, mein
Liebling, ganz still --« sagte sie lächelnd, und eine Träne fiel mir auf
die Stirn, eine Freudenträne.

Mit einer Pflichttreue, die keine Schwäche aufkommen ließ, hatte meine
Mutter mich Tag und Nacht gepflegt. Großmama war gekommen, sie
abzulösen. Sie war es auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer
Kinder und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die ich gesund
werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader Kur verordnete, wußte
ich wohl, warum Mama die Lippen zusammenpreßte und Papa sich unruhig
räusperte: was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger Aufwand.

So fuhr ich denn mit Großmama, sobald ich transportfähig war, nach
Karlsbad, wo sie selbst so oft schon Heilung gefunden hatte. Ihr alter
Arzt, zu dem sie mich brachte, schüttelte den Kopf über mich, einen
dicken kahlen Mönchskopf, der auf einem dünnbeinigen Zwergenkörper saß.
»Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter ist, führt zu solchen
Körperkatastrophen« -- ein fragender Blick aus kleinen blitzenden
Äuglein richtete sich auf mich. »Wie alt ist denn das Fräulein?«

»Siebzehn Jahr!«

»Siebzehn Jahr!« Er sprang auf vom Stuhl und durchmaß das Zimmer mit
kleinen hastigen Schritten, wobei der runde Kopf sich immer von einer
Schulter zur andern neigte.

»Liebesschmerzen?!« -- Dabei bohrte sich sein Blick in den meinen. Ich
lachte verneinend und schwieg. Hätte er andere Schmerzen verstanden,
auch wenn ich sie ihm erklärt haben würde?

Mit jener taktvollen Zurückhaltung, die jeden Zwang auf das Vertrauen
eines Menschen, -- auch des Nächsten, -- sorgfältig vermeidet, forschte
auch Großmama nicht weiter, und ich, so gar nicht gewöhnt, mich
auszusprechen, fürchtete mich fast davor. Aber wenn wir im
Morgensonnenschein unsre Spaziergänge machten, auf bequemen Wegen durch
duftenden Tannenwald, der grade seine grünen Frühlingskerzchen
aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft geschwungenen Höhenzüge
erreichten, die dem Kranken Kraftleistungen so freundlich vortäuschen,
dann durchströmte mich linde, lösende Lenzluft, und schüchtern tastend
wagten sich Fragen hervor und Geständnisse.

»Ich kann nicht glauben, Großmama,« sagte ich einmal, als sie von dem
inneren Frieden durch den Glauben gesprochen hatte. Wir saßen grade vor
der großen, alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild daran,
die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den ganzen Wald zu beherrschen
scheint.

»So laß alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und handle nur im Geiste
Christi, erfülle deine Pflichten, diene den Menschen, unterdrücke die
bösen Triebe in dir und pflege die guten, dann wird der Glaube von
selbst kommen, und es wird stille werden in dir.«

Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise in den Sand. War
der Baum vor mir nicht auf Kosten derer, die er besiegte, denen er die
Sonne nahm, so gewaltig emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien
er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im Herzen, das sich in
seine Rinde grub. Etwas in mir empörte sich gegen die gütige alte Frau
neben mir. Meine Kraft täglich in kleinen Opfern verbluten lassen, hieß
das nicht schließlich mich selber morden? Und ich begehrte ja gar nicht
des Ziels, ich wollte nicht stille werden, ich wollte den Kampf und das
laute, sprühende Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich
dachte. Darum frug ich nur leise: »Und das Glück, Großmama?«

Sie lächelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien zwischen ihren
Brauen.

»Das Glück! -- Wir sitzen, wenn wir jung sind, immer wie vor einem
Vorhang und starren gebannt darauf hin und erwarten ein Zaubermärchen
von dem Augenblick, wo er aufgeht. Indessen versäumen wir all die echten
Gaben des Glücks, die es um uns ausstreut: die Liebe der Unseren, die
Gaben des Geistes, die Frühlingsblumen und den Sommerhimmel. Mache nur
die Augen auf und strecke die Hände aus, dann hast du sie.«

»Ist das alles?!«

»Nein, mein Kind,« entgegnete die Großmutter, und ein feierlicher Ernst
legte sich über ihre Züge. »Du wirst Weib werden und Mutter, und Liebe
empfangen und tausendfältige Sorgen. Und dann wirst du wissen, daß sie
auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir gegeben wurde, das Glück
ist.«

Wir gingen weiter; ich kämpfte mit den Tränen. Meine Mutter fiel mir
ein: sie erfüllte bis zur Erschöpfung ihre Pflicht, aber ihre Lippen
preßten sich immer enger aufeinander, als müßten sie krampfhaft die Qual
zurückdrängen, die nach Ausdruck verlangte. Und an Onkel Walter dachte
ich und an jenen unvergessenen Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und
an all die leisen Zurücksetzungen und Kränkungen, die sie, die immer
Gute, von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wußte: auch sie hatte
gelebt und geliebt und nach schwindelnden Höhen gestrebt, und dies war
das Ende, das von ihr gepriesene, von all dem Sehnen, all den heißen
Hoffnungen, die einzige Frucht, die aus dem blühenden Leben so vieler
Talente, so vieler Kräfte hervorging? Mich überliefs, wenn ich mein
Leben an diesem maß. Ich fühlte schmerzhaft die große Kluft zwischen
ihrem abgeklärten Alter und meiner gährenden Jugend. Liebe und Verehrung
kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes Verständnis, und
starke Wirkungen können ausgehen von einem zum anderen, aber jene
magnetischen Ströme fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig
vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu schwindelnden
Bergeshöhen kann der Greis nicht mehr Schritt halten mit dem Jüngling,
und grausam ist es, wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel
grausamer gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend, sich
freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung -- auch wenn sie Wunden reißt
-- ist eine Bedingung des Lebens.

Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz meiner -- und
aller -- Erziehung gewesen. Darum schämte ich mich meines inneren
Widerstandes, sprach nicht von ihm und versuchte, ihn unter der reifen
Weisheit, die mir zufloß, zu ersticken. Großmama verlangte es freilich
nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts als das eine Bedürfnis
hatte, mit dem Besten, was sie besaß, andere zu überschütten. Aber ein
junges Pflänzlein ertrinkt nur zu leicht unter der warmen Fülle des
Frühlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle üppigen Lebens wird.

Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die Nähe der Menschen
allmählich immer weniger, und ein großer Kreis von Bekannten und
Verwandten fand sich allmählich zusammen, aber nur wenige wurden zu
unserm ständigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen Spaziergänge.
Einen von ihnen hatte ich in Augsburg kennen gelernt: es war Baron Franz
Stauffenberg, der gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen
Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in unsern Kreisen
berüchtigte und gemiedene Persönlichkeit war. Daß er, der
Großgrundbesitzer, Freihändler war und blieb, daß er, der Aristokrat,
sich der Fortschrittspartei näherte, machte ihn »unmöglich«.

Großmama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und Bildung zog sie
an, gleichgültig, wer ihr Träger auch sein mochte, und Stauffenberg
gehörte zu jenen immer seltener werdenden Menschen, die sie an ihre
Jugend in Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen noch nicht
mit Haut und Haaren auffraß und die Vielseitigkeit lebendiger Interessen
einen geselligen Verkehr höherer Art möglich machte. Stauffenberg
vermied es sogar, über Politik zu sprechen, während er auf jedem
anderen Gebiet, das berührt wurde, zu Hause zu sein schien. Noch nie
war ich mir so klein und unwissend vorgekommen wie im Verkehr mit ihm.
In seiner Vorliebe für englische Literatur traf er sich mit Großmama;
dabei schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Strömungen war die
Rede, von denen ich noch nie gehört hatte: Robert Browning -- Ruskin --
William Morris.

Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren außerhalb der
Museen nicht zu suchen; die Beziehung zu ihr war für die meisten
dieselbe, wie die zur Religion: sie hörte auf, sobald die Türen der
Galerien und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Daß Leben und
Kunst eins sein können, fiel in unseren Kreisen niemandem ein. Eine
gewisse Leichtigkeit der Existenz, ein durch Generationen sich
fortpflanzender Wohlstand ermöglichen erst ihr Ineinanderfließen;
Preußen hatte keine künstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und
besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder in mir
hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz der Mediceer. Die
Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit und Häßlichkeit, die
Großmama demgegenüber heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen
Träumen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um für die Masse
der Menschen nur das nackte Leben möglich zu machen, sagte sie, daß es
ihr vermessen erschiene, Bedürfnisse nach Schönheit zu wecken, wo die
vorhandenen Bedürfnisse nach Nahrung und Obdach nicht im entferntesten
gestillt wären. Und meine Phantasie zerflatterte vor den Empfindungen
meines Herzens, die Großmama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch
dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt aus Bismarcks
Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere Erregung, Stauffenbergs
Einwendungen gegenüber, sich in der leichten Röte kund gab, die das
feine Elfenbeinweiß ihrer Wangen färbte. Warum, wie Stauffenberg sagte,
die Schutzpolitik die möglichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung
illusorisch machen würde, darüber grübelte ich um so vergeblicher nach,
als national-ökonomische Terminologie für mich Hieroglyphen bedeutete.
Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es gehört echte Bildung dazu,
Unwissenheit einzugestehen. Mein Bedürfnis nach Heldenverehrung war
überdies zu groß, als daß ich Verlangen nach Mitteln getragen hätte, die
Bismarck hätten entgöttern können. Von Politik wurde von jener
Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.

Irgend eine naturwissenschaftliche Broschüre, wie sie damals, wenige
Monate nach Darwins Tod zahlreich erschienen, brachte die Rede auf den
großen Forscher. Nichts hätte mich mehr verblüffen können, als daß ein
ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte, ihn nicht
nur verteidigte, sondern die Ergebnisse seiner Untersuchungen ernst
nahm. Bei Erwähnung seines Namens hatte man doch sonst immer nur
spöttisch gelacht, und daß wir, nach ihm, vom Affen abstammen sollten,
hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen den Anlaß
gegeben. Für mich persönlich kam hinzu, daß meine naturwissenschaftliche
Bildung gleich Null war, mir also zu selbständigem Nachdenken alles
geistige Rüstzeug fehlte. Großmama ging es nicht viel besser: zu ihrer
wie zu meiner Zeit war die Bildung der Frauen eine rein schöngeistige
gewesen. Stauffenberg hielt uns daher förmliche kleine Vorträge zur
Einführung in die Ideenwelt Darwins, -- im Ton des geistvollen
Plauderers, wie immer, und doch so klar und durchdacht in der
Gedankenfolge, daß kein Buch aufklärender hätte wirken können. Großmama
war auffallend still und nachdenklich nach solchen Gesprächen und warf
nur immer wieder die Frage auf, mit welchen Gründen die Gegner Darwins
seinen Anschauungen entgegenzutreten pflegten. Erst allmählich hellten
sich ihre Züge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr eignen, das
ganze Antlitz durchleuchtenden Lächeln:

»Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege förmlich taumeln
lassen, lieber Baron. Aber nun gehe ich dafür um so sichrer. Ich empfand
in allem, was Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und wohl
auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner Ansicht nach, der
Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre Gegnerschaft zum Christentum. Daß
Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, daß die Sünde die Ursache
alles menschlichen Elends ist und es keine Erlösung daraus gibt, als
durch die göttliche Gnade, -- daß es unsre höchste Aufgabe ist, zu leben
wie Jesus, den Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten
beizustehen, und daß der rohe Kampf ums Dasein überwunden werden wird
durch die Liebe, -- widerspricht das nicht bis ins Kleinste den Lehren
Darwins? Der Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung
dessen, was es verlangt, hat mich nach den Kämpfen meiner Jugend zu
innerem Frieden geführt, und die Überzeugung lebt unerschüttert in mir,
daß die tragischsten Probleme der Welt, Armut und Unglück, gelöst wären,
wenn nur alle Menschen echte Christen wären. Soll ich mir am Ende
meines Lebens diesen Glauben nehmen lassen? Eine Anerkennung Darwinscher
Theorien bedeutet doch für uns, die wir Laien sind, auch nichts anderes
als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst, daß Koryphäen der Wissenschaft
ihn mit wissenschaftlichen Gründen bekämpfen. Wäre es nicht heller
Wahnsinn, wenn ich, wie ein ungeübter Schwimmer, mich vom sicheren Port
erprobten Glaubens in die brandenden Wogen fremder Ideen stürzen wollte,
nur weil vielleicht -- vielleicht! -- irgendwo in weiter Ferne ein neues
festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt dazu -- --«

Statt aller Antwort küßte Stauffenberg Großmama stumm die Hand. Meine
Erregung war aber so stark, daß sie nach Ausdruck verlangte.

»Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen sollte, -- ich würde
lieber im Meere untergehen, als immer nur sehnsüchtig vom sicheren Port
aus zusehen, wie es tobt und schäumt«, sagte ich, und meine Stimme
zitterte dabei.

Ein Schatten flog über Großmamas Züge. Sie legte ihre schmale kühle Hand
auf meine heißen Finger. »Das Leben wird schon dafür sorgen, daß es beim
bloßen Wünschen nicht bleibt, mein Kind«, dann sich wieder zu
Stauffenberg wendend, fügte sie hinzu: »Sie sehen, wie wenig unsere
Lebenserfahrungen unseren Enkeln nützen. Jeder fängt von vorn an, und
wir können schließlich nur Tränen trocknen und Wunden verbinden.«

Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer trat mehr und mehr an
seine Stelle. Es war Karl von Gersdorff, ein Neffe meiner Großmutter,
der auch zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen gehörte, die
aristokratische Familien sich gern von den Rockschößen abschütteln. Wie
oft hatte ich in Pirgallen über ihn spotten hören, der »wie ein
Schulmeister« aussah, ein »Fräulein so und so« geheiratet hatte, und mit
»Kreti und Pleti« befreundet war, wie geringschätzig zuckten sie die
Achseln, wenn Großmama ihn verteidigte. Er war ein begeisterter Freund
Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar einmal, zum Entsetzen der
Verwandtschaft, sein Gut zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von
Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen beiden eingetreten,
denn Gersdorff wurde ein um so leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr
sich der Meister zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in
Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr tot, und sein Wesen,
seine Werke, seine Weltanschauung bildeten den Inhalt fast aller
Gespräche. Hatte seine Musik mich in jenen Zustand höchster Ekstase
versetzt, der das ganze Ich in Andacht und Entzücken auflöst, so
erschienen mir seine Gedanken überraschend und doch vertraut. Sein Groll
gegen die bestehende Zivilisation mit ihrem Inhalt an materieller und
geistiger Not, sein Glaube an die Möglichkeit einer künftigen
Regeneration, seine Kritik des gegenwärtigen Christentums, mit dem
wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine Erhebung der Kunst
zur Höhe lebendig dargestellter Religion, -- hatte nicht irgendwo, tief
verborgen, all das auch in mir geschlummert? Ich begrüßte es jetzt mit
der freudigen Überraschung, wie wir längst vergessene alte Freunde, die
plötzlich aus dem Gewühl der Gleichgültigen vor uns auftauchen, zu
begrüßen pflegen. Im stillen verurteilte ich Nietzsche, -- dessen Namen
ich übrigens zum elften Male hörte, -- der dem großen Freunde hatte
untreu werden können, und begriff nicht Gersdorffs Anhänglichkeit an
ihn.

Eines schönen Maienmorgens saßen wir in großer Gesellschaft eben
eingetroffner Verwandter auf der »alten Wiese« vor dem »Elefanten«;
Großmama war mit ihnen in die Besprechung alter und neuer
Familiengeschichten vertieft, die mich immer sehr langweilten; Gersdorff
las in einem der vielen Bücher, ohne die er das Haus nicht zu verlassen
pflegte. Ich machte mich im stillen über die bademäßig herausgeputzte,
mit rosa Brottüten bewaffnete, rührig, wie zum ernstesten Geschäft,
ihrem Ziel, dem lockenden Frühstück, zustrebende Menge lustig, die an
uns vorüberflutete. Mir war sehr wohl, sehr behaglich zumute, wie nur
einem jungen Gesundgewordnen sein kann, der die gekräftigten Glieder in
der warmen Frühlingssonne dehnt. Da fiel mein Blick auf die »Fröhliche
Wissenschaft«, Nietzsches jüngstes Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag.
Er hatte Großmama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, von
denen mir die Empfindung des unheimlich Fremden zurückgeblieben war.
Mechanisch fing ich an, darin zu blättern, bis ein Satz mir ins Auge
sprang: »Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; -- sondern dir! sondern
dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und Heuchelei, Ehrlichsein,
selbst im Bösen, besser, als sich an die Sittlichkeit des Herkommens
verlieren ...«

Wenn ein eisiger Luftstrom durch plötzlich weit aufgerißne Fenster den
im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so schauert er zuerst frierend und
angstvoll zusammen, um im nächsten Augenblick mit tiefen durstigen
Zügen den reinen Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schwüle
ringsum erst zum Bewußtsein bringt. Wie solch einem war mir zumute.
Kämpfte ich nicht ständig, um mich dem Leben und dem Herkommen
unterzuordnen? Versuchte ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg über
meine innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend? Und hatte doch
stets ein schlechtes Gewissen dabei!

Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:

»Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...«

»Gehst du zur Reunion heut abend? ...«

»Wir gehen ins Theater ...«

Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.

»Alix hat Tagesträume,« hörte ich Großmama sagen; verwirrt schlug ich
das Buch zu. Abends vor dem Schlafengehen trug ich den Satz aus dem
Gedächtnis in mein Notizbuch ein -- zwischen lauter Adressen, Gedichten
und Rezepten. Mit Großmama wechselte ich kein Wort darüber; ich
fürchtete mich; wie ein Dieb kam ich mir vor, der ängstlich den
gestohlenen Brillanten hütet, und instinktiv fühlte ich, daß es keinen
größeren Gegensatz geben könne, als den zwischen diesen Worten und der
Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Großmama sich bekannte. Ein
Schleier war zwischen uns niedergefallen, der nicht trennt, aber die
Klarheit der Züge verwischt.

Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.

»Na also!« sagte er zufrieden, »da wären die roten Backen wieder! Aber
nun gilts brav sein und gehorchen und das Herzchen festhalten! ...«

Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben hatte, hielt er zögernd
inne. »Und nun das Schlimmste für so ein junges, hübsches Fräulein: für
die nächsten sechs -- acht Monate ist jede Art starker Bewegung
verboten. Also kein Reiten -- kein Tanzen --«

Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch und sah mich auf
mein freimütiges »Gewiß, Herr Doktor« mit unverhohlenem Erstaunen an.

»Du bist ein tapfres Kind!« sagte Großmama, als wir die Treppe
hinuntergingen.

»Gar nicht, Großmama!« erwiderte ich. »Denn nur eins wünsch ich mir,
Ruhe zum Lernen, zum Lesen und Arbeiten.«

Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der dem langen Aufenthalt
in Pirgallen vorausgehen sollte, erschien mir zunächst nur wie eine
Störung. Aber je mehr wir uns der Stadt Goethes näherten, desto mehr
freute ich mich darauf. Während Großmama versuchte, das Enkelkind mit
dem, was ihrer an Menschen und Dingen dort wartete, vertraut zu machen,
verlor sie sich in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie vor
mir, die Männer mit den feinen glatten Gesichtern über den hohen
Vatermördern, die Frauen mit den kunstvoll frisierten Köpfchen und den
schlichten Mullfähnchen, wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh
spielten und zierlich-gravitätisch im Schloßsaal die Gavotte tanzten;
ich hörte, wie sie mit Lamartine und mit Byron weinten und schwärmten,
ich fühlte, wie ihre Gemüter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie
ihre Herzen schlugen in Liebesglück und Leid. Zu Goethes Füßen sah ich
die Großmutter sitzen, stumm, ehrfurchtsvoll -- ein Lauschen, ein
Empfangen. Zur ärmsten Zeit Deutschlands, -- wie reich war sie gewesen!
Und eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer Seele noch
heute Lebenskräfte sogen.

Ich saß am Kupeefenster im Abenddämmerlicht; Großmama schlummerte mir
gegenüber, noch ein Lächeln der Erinnerung auf den Zügen. Wälder und
Felder, Häuser und Gärten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben,
dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum daß ichs betrachten konnte;
nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir Verse ein, die ich hastig in mein
Notizbuch kritzelte:

    Ein Vagabund bin ich genannt,
    Will niemand von mir wissen;
    Die Sohlen hab ich durchgerannt,
    Mein Wams ist längst zerschlissen.

    Zur Arbeit ruft man mich umsunst,
    Trag nicht danach Verlangen,
    Steh bei der Lerche hoch in Gunst,
    Die läßt sich auch nicht fangen;

    Die singt ihr Lied auf freiem Feld
    Mit freier, lustger Kehle,
    Die schmettert hoch in alle Welt,
    Und hörts auch seine Seele.

    Doch eines ist, das wurmt mich schwer:
    Sie hat ein Nest, ein kleines; --
    Ich zog die Lande hin und her --
    Wo aber, sagt, ist meines?!

In Weimar wohnten wir bei Großmamas Bruder an der Ackerwand, dicht
neben dem Hause der Frau von Stein, wo die Lorbeerbäume in ihren großen
Kübeln noch ebenso auf dem Vorplatz standen, wie zu der klassischen
Zeit, da die »liebe Lotte« unter ihnen zum Nachmittagtee ihre Freunde
empfing. Aus unseren Fenstern sah man weit hinein in den Park.

Am ersten Morgen, als die Sonnenstrahlen nur gerade die Wipfel der alten
Bäume trafen, schlüpfte ich hinaus. Zauberhaft still und einsam war es;
nur ein heimliches Vogelzwitschern, ein fernes Flüstern der Ilm verriet
das Leben. Auf dem grünen Wiesenplan vor dem Hochmeisterhaus funkelten
die Tautropfen an den Zittergräsern; die roten und weißen, die gelben
und blauen Blüten an den Büschen strahlten im Glanze eben entfalteter
Pracht. Weiter unten, wo im Felsen die steile Treppe abwärts führt zum
Ilmtal, stieg feuchter würziger Erdgeruch zu mir empor. Die
geschlossenen Fensteraugen der Einsiedelei sahen aus wie die eines
Schlafenden, minutenlang stand ich davor, traumbefangen, und wartete auf
den geheimnisvollen Bewohner, der sie öffnen sollte. Aber die Ilm
plätscherte, als lachte sie mich aus.

Über der Brücke, hinter den dunkeln Büschen und Bäumen, lag die Erde
noch eingehüllt in ein durchsichtig-weißes Nebeltuch, das kecke
Sonnenstrahlen zu zerreißen sich bemühten. Und ein helles Häuschen
schimmerte lockend vom jenseitigen Hügel, das mir vertraut entgegensah,
als wäre ich drüben daheim. War es nicht aus dem Rahmen getreten, der in
Pirgallen in Großmamas Zimmer hing? Dort hatte ich es gesehen von klein
auf, und wenn ich vom Zuckerhäuschen im Walde hatte erzählen hören,
konnte ich mirs nie anders vorstellen. Ob ich mich wohl hinüber wagen
könnte durch den Nebel? Erlkönigs Töchter tanzten hier, wie einst, da
sie den hellsehenden Augen des Dichters erschienen.

Und nun war ich drüben. Aber die weiße Tür zwischen den grünen Hecken
verschloß das stille Reich hinter ihr. Scheu sah ich mich um; niemand
weit und breit! Der niedrige Holzzaun hinter der zweiten breiteren
Pforte war kein unüberwindliches Hindernis -- ein paar Risse im Rock,
eine Schramme am Arm --, und in Goethes Garten stand ich. Der Ton
knarrender Wagenräder trieb mich den langen, Unkraut bewachsenen Weg
hinunter bis hinter das Haus. Grünes Dämmerlicht nahm mich auf, kein
Blättchen rührte sich über mir; auf der Lehne der morschen Bank saß
regungslos mit hochgestellten Flügeln ein großer blauschwarzer
Schmetterling. Die Stille herrschte -- eine Stille, als wäre die Erde
versunken --, und nur dieser Raum mit dem toten Hause davor schwebte in
der ungeheueren Weite des Weltraums. Ich preßte meine Hände auf das
wildklopfende Herz, und große Tränen tropften unaufhaltsam aus meinen
Augen. Aber dann schämte ich mich: wie konnte ich -- ich! mit meinem
unnennbaren Weh diesen heiligen Ort entweihen! Leise auf den
Zehenspitzen, das Kleid gerafft, damit sein Rascheln nicht störe,
schlich ich davon.

Auf den mächtigen Würfel aus Granit mit der Kugel darauf lehnte ich mich
und vergrub, bitterlich weinend, das Gesicht in den Händen. Da stimmte
ein Vöglein über mir sein Morgenlied an, und aus dem nächsten Baum
antwortete ihm ein anderes, bis es zwitschernd, tirlierend und flötend
von allen Zweigen klang, -- ein jubelnder Gruß an die siegende Sonne.
Tief aufatmend streckte ich die Arme und dehnte die Brust, und plötzlich
freute ich mich, daß ich gar nichts war als ein junges Menschenkind mit
dem ganzen reichen großen Leben vor mir. In schwärmerischer Verzückung
sank ich vor dem Altar des guten Glücks in die Kniee und betete den
Unsterblichen an, dessen Atem ich zu fühlen meinte.

Noch am selben Tage ging ich mit Großmama nach dem Frauenplan, um in
Goethes Stadthaus den letzten seines Namens zu besuchen, der ihr
Jugendfreund war. Still und zurückgezogen, sich ängstlich vor der
Berührung mit der Welt hütend, lebte Walter Goethe oben in den
Giebelzimmern seiner verstorbenen Mutter. Ein großes Bild des Dichters
hing im Empfangsraum; es erdrückte die kleine Stube und noch mehr den
kleinen, armen Nachkömmling darin. Ich konnt es nicht fassen, daß dies
ein Goethe war! Erst als die beiden Freunde miteinander sprachen, fühlte
ich die andere Welt, aus der sie stammten. Wie warm und echt waren die
Empfindungen, denen sie Worte liehen, wie lebendig die Interessen, an
denen sie Anteil nahmen, -- so sprach man heute nicht mehr miteinander,
wo Gefühl ein Spott und Blasiertheit Trumpf war.

Je länger wir in Weimar blieben, desto mehr empfand ich seinen Geist.
Freilich, die Menschen, mit denen Großmama verkehrte, waren alle alt,
alles ihre Zeitgenossen, und doch, weil sie treu ihrer Jugend waren,
seelenjung. Da war der Onkel, bei dem wir wohnten, ein Mann von jener
schlichten Vornehmheit, die allein das Zeichen echter Kultur ist; da
war der Großherzog mit seiner leidenschaftlichen Liebe für Weimars
Tradition, der er bescheiden sich selbst unterordnete, überall nach
geistigen Werten Umschau haltend und sich der Funde freuend, wie ein
Sammler an seinen Schätzen; da waren Frauen, die begeistert und
begeisternd nicht Namen und Titel und bunte Uniformen zu Gaste luden,
sondern führende Geister, werdende und gewordene. Ich taute allmählich
auf in dieser Umgebung und lernte, ohne Scheu vor dem Ausgelachtwerden
oder dem erstaunten Verstummen der andern, von dem reden, was mich
interessierte, und fragen nach dem, was ich zu wissen begehrte. Der
Vorsatz befestigte sich in mir: ich wollte nicht mehr zurück in die Welt
der Konvention und der kühlen Phrase, wo feste Schlösser vor Herz und
Mund Bedingung guter Erziehung sind.

Großmama sprach von einem künftigen Hofdamenposten für mich. So ganz
nach meinem Geschmack war das allerdings nicht; von all den Tanten und
Kusinen, die ihn inne hatten, wußte ich, wie viel drückende
Dienstbarkeit er mit sich brachte. Aber viel besser erschien es mir
immerhin, in Weimar abhängig zu sein, als von einer Garnison zur andern
stets in derselben Leutnantsatmosphäre leben. Meine heimlich gehegten
Dichterträume würden hier vielleicht reifen können, und ganz im
Verborgenen tauchte dazu eine romantische Hoffnung auf: ihn hier zu
finden, den märchenhaften Schwanenritter, dem mein Herz gehören sollte!

Gegen Ende unseres Aufenthalts ging ich noch einmal mit Großmama zu
Walter Goethe. Er war ungewöhnlich freundlich zu mir und erfüllte ohne
weiteres meinen Wunsch, allein in Goethes Zimmer gehen zu dürfen. Ich
schloß sie mir auf und öffnete die kleinen Läden und stand dann still
und stumm mit gefalteten Händen vor dem Stuhl, in dem er gestorben war,
an seinem Bett. Wie einem, der auszieht zum Kampf und Abschied nimmt,
unsicher, ob er jemals wiederkehrt, war mir zumute. Goethes Gebet kam
mir unwillkürlich auf die Lippen: Gib mir große Gedanken und ein reines
Herz.

Ich mochte blaß und verweint genug aussehen, als wir abreisten;
sorgenvoll sah mich Großmama an: »Bist du nicht wohl, mein Kind?«

Da kam mir zum Bewußtsein, was ich ihr alles verdankte: Zu dem heißen
Wunderquell hatte sie mich geführt, der meinen Körper heilte, und
erschlossen hatte sie die Quellen, die meine Seele nährten. Mit beiden
Händen griff ich nach ihrer Hand und preßte die Lippen darauf: »Ich bin
ganz, ganz gesund, Großmama!«



Neuntes Kapitel


Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei einer Reihe von Verwandten
Station. Ich kam mir vor, als wäre ich von luftiger Bergeshöhe in
schwüle Niederung geschleudert worden. »Wir haben eine Vetternreise
hinter uns: in Sachsen, in der Mark, in Pommern -- überall derselbe
Schlag Krautjunker, je nach der Größe der Geldbeutel echt oder unecht
überfirnißt, bei allen dieselbe souveräne Verachtung geistiger Werte --«
schrieb ich an meine Kusine Mathilde. »Meine Vettern in Ingershausen --
übrigens ein pompöses Schloß, das August dem Starken, seinem Erbauer,
alle Ehre macht --, die früher an beängstigender Wasserscheu litten,
sind Gigerl par excellence geworden, gardereif. Ihre Schwester, eine
Venus von Milo, hat schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein
Kind nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, den ich noch bei
jeder jungen Frau entdeckt habe: ich glaube, es ist der der
Enttäuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, die ich wiedersah, und die
mir vor Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes -- sie hatten mich
ja im Rennen um den Mann um ein paar Pferdelängen geschlagen! -- ihre
Verlobung mitgeteilt hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen
entgegen: blaß, mißmutig. Ich hätte nun gern meinerseits triumphiert,
aber das Mitleid mit den armen Würmern, die sie mit solcher Giftlaune
unter dem Herzen tragen, überwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet,
sollte sein wie eine Siegerin!«

Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, wo ich hoffte, mich
meinen Studien und Arbeiten ganz überlassen zu können. Dort hatte sich
inzwischen mancherlei verändert. Mein Onkel hatte sich in den Reichstag
wählen lassen, -- auf vieles Zureden seiner Parteigenossen, denn in ihm
selbst regte sich zu stark das alte Herrengefühl des ostdeutschen
Junkers, als daß es ihm nicht widerstrebt hätte, die durch das
allgemeine Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen Herr
und Knecht auch nur äußerlich anzuerkennen. Daß er, dessen Verkehr mit
den Untergebenen nur im Befehlen, Tadeln und Strafen bestand, von ihrer
Gunst abhängig war, ja sogar um sie werben mußte, erschien ihm als eine
Entwürdigung. Er war dabei ein so ehrlich überzeugter Konservativer, so
durchdrungen davon, daß jede Erweiterung der Freiheit und der Rechte der
unteren Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen würde, daß
er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch durch ungesetzliche Mittel
den Einfluß liberaler oder gar sozialdemokratischer Strömungen zu
bekämpfen. Seinen ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Säufer, der
sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil »der Herr Baron dem Krugwirt
verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas Schnaps zu geben,« pflegte er
seiner Mutter gegenüber immer wieder zu zitieren, wenn sie das »Recht
auf die persönliche Überzeugung« verteidigte. »Gar nichts wußte der
Kerl sonst von der Sozialdemokratie,« sagte er, »er konnte weder lesen
noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel gibt, dessen 'Überzeugung' hat er.
Stellt Euch vor, alle Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kämen
zur Macht, -- eine nette Wirtschaft würde das.« Und als Großmama
einwarf: »So gebt dem Volk eine bessere Bildung,« antwortete er: »Damit
jeder Instmannsjunge Professor werden und keiner mehr arbeiten will!
Dann sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen und uns
hinter den Pflug stellen?«

»Vielleicht entspräche solch ein Wechsel der göttlichen Gerechtigkeit,«
meinte Großmama lächelnd, »seit Jahrhunderten gingen sie hinter dem
Pfluge -- am Ende ist jetzt die Reihe an Euch!« Mit hochgeschwollener
Stirnader sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Türe hinter sich zu.
Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte die neue Zeit an das
schwere Burgtor von Pirgallen, und er selbst hatte die Zugbrücke, die
unliebsamen Gästen den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne
verwandelt. Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einfluß daran
gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, der Hafen am
Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut werde. Nun konnten seine
Steine zu fernen Bauten über die Ostsee entführt werden, und die
Erträgnisse seines Gutes fanden in Berlin zahlungskräftige Käufer, --
aber neue Gedanken waren mit den fremden Ingenieuren und Arbeitern
eingeführt worden. Er selbst strebte danach, sein Besitztum, das seine
Väter schlecht und recht ernährt hatte, in eine kapitalistische
Unternehmung zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. Aber mit den
Maschinen, mit den Kanälen, den Wiesenmeliorationen, den neuen
Bebauungsweisen, der ganzen intensiven Art der Bewirtschaftung kamen
Scharen neuer Arbeitskräfte ins Land, von denen die Alteingesessenen
Ansichten und Bedürfnisse rasch, Handfertigkeit und Verständnis aber um
so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit wucherte wie Unkraut, und am
üppigsten in den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit
Generationen im Dienste der Golzows standen.

In einer der ältesten hauste die alte Maruschka mit Kindern und Enkeln,
ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. Wie braune Fichtenrinden waren
ihre Wangen und ihre Stirn, die Augen eingesunken, weiß und gelb wie
versteckte Harzlöcher. Nur wenn sie Großmama sah, verzog sie die dünnen
Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren hatte ich sie, die seit ihrer
frühsten Mädchenzeit in der Burg diente, noch in einem der dunkelsten
Räume, dicht über dem Wassergraben, von morgens bis abends vor dem alten
mächtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mägde trugen die Stoffe, die sie
wob: feste harte, aus groben blauen und roten Fäden. Die »junge Frau
Baronin« hatte sie aufs Altenteil gesetzt, -- sie brauchte das Zimmer,
und die hübschen Dienstmädchen trugen das altmodische Zeug nicht mehr.
Nun haßte die Alte die neue Zeit und alles, was sie mit sich führte. An
ihrem schwälenden Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen
schmierigen Lehmboden, wo Hühner, Gänse, Ferkel und Kinder durcheinander
gackerten, quiekten und schrieen, war die Freistatt aller Murrenden. Sie
hetzte die Schüchternen auf, die noch in blinder Unterwürfigkeit an der
Herrschaft hingen, sie lobte die Unbotmäßigen und hatte trotz all ihrer
Armseligkeit stets den Schnaps bereit für die, die im Krug mit den
»Neuen«, den »Städtischen« nicht zusammen sitzen mochten.

Ihr Jüngster, der Franz, war Stallknecht, dem mein Onkel seiner
Gewandtheit wegen häufig die wertvollsten Pferde überließ. Eines abends
sah er, daß die »Delilah«, die der Franz hatte bewegen sollen,
schweißtriefend und ohne Decke in ihrer Box stand, während er auf seinem
Bett daneben seinen Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es
verhindern konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm quer übers
Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen Onkel mit blöden Augen an
und fiel ihm heulend zu Füßen. Ich wollte mich schon empört abwenden, --
empörter noch über den Feigling, der vor mir winselte, als über den
Onkel --, als mich aus dem Augenwinkel des auf dem Boden Kauernden ein
Blick traf, wie der eines wilden Tieres. Am nächsten Morgen lag eine der
Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns zweifelte, daß Franz der
Täter war, ich, die ich hartnäckig schwieg, am wenigsten. All seine
Arbeitskollegen jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht
auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war nichts. Onkel Walter entließ
den Knecht und verbot ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens
wieder zu betreten. Wir saßen gerade in der Halle beim Frühstück, als
die alte Maruschken unangemeldet auf der Freitreppe erschien, die
verschrumpelten braunen Hände über ihrem Krückstock gefaltet, im
selbstgewebten Sonntagsstaat, den eisgrauen Kopf von einem schwarzen
Tuch umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf uns gerichtet,
wie die Waldhexe aus dem Märchen.

»Verzeihen die gnädige Herrschaft«, hob sie mit stockender Stimme an --

»Was willst du, Maruschken?« frug Großmama, ihr gütig die Hand
entgegenstreckend, während Onkel sich ungeduldig räusperte.

»O mai allerkutestes gnädiges Frauchen«, -- schluchzend stürzte die Alte
vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demütig ihren Rock an die
Lippen, »mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich
erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Großvater,
mai Ahne -- alle, alle haben der gnädigen Herrschaft gedient mit Leib
und Leben -- schickens uns nich fort!« Ihre Stimme wurde krächzend wie
Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.

»Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,« antwortete Großmama.
»Nur den einen von deinen Kindern, und -- wenn er sich draußen gut führt
--« bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber -- »darf er gewiß
wieder nach Hause kommen.«

Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.

»Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?« kam es leise und
zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.

»Nein!« Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte Onkel Walters heftige
Antwort. »Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!«

Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen Rücken und hob
den Kopf, daß die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke
hervortraten.

»Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, -- geht weit -- weit
weg und nimmt mehr mit, viel mehr, als bloß ein Perdchen! -- -- Auf
diesen alten Armchen trug ich den jungen Herrn -- gab ihm die Brust,
statt dem eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig Jahr
auf Pirgallen -- und Söhne und Töchter hab ich geboren und aufgezogen in
Gehorsam vor der Herrschaft und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf
Pirgallen, für die gnädige Herrschaft« -- --

Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redefluß. »Ich bin der letzte, der
deine treue Arbeit nicht anerkannt und redlich belohnt hat. Aber einen
widerhaarigen Trunkenbold -- und wenn er zehnmal dein Sohn ist -- kann
ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschöpft -- hüte dich, Alte, mich
noch zu reizen. Ich weiß recht gut, wo die Stänker und Hetzer zu Hause
sind!«

»Gar nichts weiß der Herr Baron, gar nichts« eiferte sie. »Im Krug, wo
die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen Inspektor, wo die fainen Herren aus
der Stadt morgens und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die
vornehmen Diener mit die Stadtmächens schäkern, da sind die Stänker; --
bei der alten Maruschken nich! Wir halten noch auf alte Art und Zucht,
wir lieben das liebe Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate.
Aber die anderen, das sind Ausländsche, die blos aufs Geld sind und
keinen Glauben nich haben. Warum holt sie der Herr Baron und unsere
Jungchens schickt er weg, daß sie auch so werden wie die Fremden? -- --
Zu Haus wollen wir bleiben --« ihre Stimme kreischte -- »mit die
Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg is, geht auch die Ehrfurcht und
der Gehorsam ... Die Peitsche ins Gesicht, -- das haben der alten
Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft --«

Wütend erhob sich der Onkel: »Nun hab ich die Komödie satt, scher dich
zum Teufel.«

Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Großmama
gar nicht, die begütigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.

»Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich!« schrie sie, »der
Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, -- alle bösen Geister gehen um,
-- im Turm krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in
Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf -- die alte
Maruschken geht -- das liebe Herrgottche suchen --«

Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte
sie hinab -- sie wandte den Kopf nicht mehr -- sie war jetzt ganz klein
und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, -- bei
Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen,
ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute
flüsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den
Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhörlich
vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder
Hütte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern
zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.

Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins
Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten,
einsilbigen Menschen kennen, die für unaufhörliche Arbeit ein
spärliches freudloses Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch hin wie
etwas Selbstverständliches, aber schon zuckte in ihren Augen hie und da
dieselbe Flamme auf, die in dem Blick der alten Maruschken gebrannt
hatte. Die Zeit, da sie sich vor dem Herren fühlten wie stumme Sklaven
oder wie willenlose Kinder, war vorüber. Es gingen wirklich böse Geister
um, auch in der alten Ordensburg.

Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, den
Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht gewachsen. »Man
müßte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher sein, um nicht von jedem Hans
Narren übersehen und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins nur
Leutnant gelernt,« sagte er einmal bitter. Er entschloß sich sogar zum
Verkehr mit einem alten Gegner aus der Nachbarschaft, einem
Freisinnigen, der der beste Landwirt im Lande war. Ich begleitete die
Herren zu Pferde bei ihren Inspektionsritten und hörte oft, wie der alte
Mann das Neue, das der junge schuf und plante, rückhaltlos gut hieß.
»Nur eins kann ich Ihnen nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst
würde ichs kriegen, wenn ich Sie nicht für einen bedachtsamen Mann
hielte, der weiß, daß er Hunderttausende hier hineinstecken muß, ehe die
Millionen herausspringen.« Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein
blasser wurde, und erschrak mit ihm.

Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. Sein fröhlicher
Leichtsinn brach nur dann immer wieder hervor, wenn seine Frau ihn
umschmeichelte -- wegen neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden
-- und sein Söhnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt hatte, auf
seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter war der Mittelpunkt des Lebens.
Er besaß schon seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei
Miniaturpferdchen -- Shetland-Ponies, die der Vater direkt hatte kommen
lassen -- spürten bereits, wenn er in seinem winzigen Wagen durch den
Park fuhr, die Peitsche des kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; für
mein Schwesterchen, das selbst gewöhnt war, daß die anderen sich ihr
unterordneten, war er der gefürchtetste Quälgeist, und vor ihm
flüchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich an mich an. Mein
liebebedürftiges Herz empfand das sehr wohltätig, und mein, eingedenk
der eigenen Kinderqualen, leicht erregtes Mitleid kam ihren Wünschen
rasch entgegen. Schon früh morgens pflegte ich mit ihr in den
verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand die
phantastischsten Spiele und die buntesten Märchen, und der halbe Tag
ging vorüber, ehe ich zu mir selbst kam. Dann geschah es wohl, daß mich
heftiger Groll gegen die kleine Tyrannin erfaßte, die mich so in
Anspruch nahm; aber ein bittender Blick ihrer großen Blauaugen, ein
zärtlicher Druck ihrer runden Ärmchen um meinen Hals machte mich wieder
gefügig. Nein, sie sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt
hatte! Allmählich lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen
nannten mich einen »Blaustrumpf« -- »überspannt« -- »verdreht«, dem
süßen sechsjährigen Blondkopf aber konnte ich gar nicht phantastisch
genug sein. Sie wollte immer neue Märchen hören -- »ganz neue, die noch
kein Kind gehört hat« --, und unsere ganze Umgebung wurde zum
Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die ich Götter- und Heldensagen
verflocht. Sie glaubte an mich -- felsenfest: wenn wir auf dem Haff
segelten, warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, -- für
Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, -- zwischen die Steine der
Parkmauer schob sie Töpfchen mit Milch, -- für die Wichtelmännchen, die
dort ihr Wesen treiben.

Ließ sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. Unter dem
Vorwand, die Bücher ordnen zu wollen, hatte ich mir dieses Asyl, das nur
selten jemand betrat, gesichert. Es war dunkel und roch nach moderndem
Papier; aber was kümmerte das mich, die ich tief im Ledersessel kauerte
und über dem Lesen alles vergaß! Eine kuriose Sammlung enthielten die
Schränke: alte landwirtschaftliche Broschüren und Zeitschriften,
Reichstagsprotokolle der jüngsten Zeit, Modeblätter, die sich seit
Jahrzehnten angesammelt hatten, französische Romane verfänglicher Art,
-- Zolas »Nana« und »Assommoir« mitten darunter, -- deutsche moderne
Familienromane und schließlich in billigen, schlecht gebundenen Ausgaben
die deutschen Klassiker. Mit der Hast einer Heißhungrigen verschlang ich
alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu Wieland und Herder. Ich
muß aber wohl in jener Zeit weder für die Schlüpfrigkeit noch für den
Realismus sehr empfänglich gewesen sein; was ich von dieser Art las,
interessierte mich kaum, es rief höchstens ein Gefühl des Ekels in mir
wach. Noch weniger fesselten mich die deutschen Romane. »Unsere
Unterhaltungsliteratur ist flach, kraft- und saftlos,« schrieb ich an
meine Kusine, »sentimental und nüchtern, weil die Schriftsteller sich
nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum richten. Männer
lesen keine Romane mehr, weil sie zu weibisch geschrieben sind, und
Frauen werden immer weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren
geistigen Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch Frauen
die Romane schreiben: mit der gestohlenen Gloriole der Poesie verklärte
Klatschgeschichten. Ein neuer Grund für meine Antipathie gegen die
Frauen. Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich --
oder hat man uns so gemacht?«

Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in
Goethe. Auch das, was ich schon längst kannte, war voll neuer
Offenbarungen für mich. In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir
trug -- sorgfältig in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt --, schrieb
ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf,
wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich
Satz für Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an
der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate
gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmühen;« -- -- und:
»Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen,
Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.« Der eine
sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung,
das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste
Richtung zu geben, -- der andere ein Tröster in Zeiten der Mutlosigkeit,
wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu
berauben versuchten. Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen
Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche
Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit und den Wert der Freude
betonten; »Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre
gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht
wandeln;« -- »Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden;« -- »ein
glücklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das
Endziel der Schöpfung.«

Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben,
daß ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht
immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen
mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch
die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen können. »Ich suche
Menschen, wie Diogenes,« schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus
demselben inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und sehe
dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung uns um das Beste
im Leben betrogen hat. Das bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns
nur gelehrt, damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein Teil
unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Büchern wie die
Religion in der Kirche. Hätten wir den rechten Ernst, das tiefe
Verständnis für sie, -- Geist und Herz würden so sehr davon erfüllt
sein, daß sie am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude
empfänden.«

Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu
sagen pflegte, beim »Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren,« so
streckte ich vorsichtig die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist
begegnete ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, und
meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch zuweilen zuhörte,
sagte mir einmal:

»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, daß
sie alle taub sind.«

»Ich glaubs aber nicht -- ich will es nicht glauben,« antwortete ich,
»mein eigene Existenz bürgt mir dafür, daß es noch andere meiner Art
geben muß!« Mama kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist
gemein -- die Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger sie ihrer
tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto empörter lehnte ich
mich dagegen auf, desto übertriebener wurde mein Triumphgefühl, wenn
irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen
begann.

Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herübergeritten kam.
Tiefere Bildung besaß er nicht, aber das einsame, durch keine
Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte
ihn nachdenklich gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff fehlte.
Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages
beiseite und erklärte mir, daß der Brandenstein keine »Partie« für mich
wäre.

»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« rief ich.

»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und
er selbst muß sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm
allein abgibst,« entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges Mädchen
benimmt sich also unpassend, wenn es länger als fünf Minuten mit einem
und demselben Herrn redet. -- »Die lieben Nächsten drücken nur dann ein
Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in einem
Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine
faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die
Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!«

Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte
meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine
»Haberei« energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama
über mich sprach.

»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte
Schraube werden,« sagte er. »Oder willst du am Ende nicht heiraten?«
Damit wandte er sich an mich.

»Gewiß will ich -- sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!« lachte
ich.

Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, daß ich dich nicht zwingen
werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel
glücklicher, wenn sie nicht heiratet.«

»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf Onkel Walter ärgerlich
dazwischen. »Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten,
oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen.
Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, -- das
allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit
Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst
nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.«

Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch: »Beruhige dich,
lieber Onkel, ich kriege noch zehn für einen. Ich werde dir den Kummer
nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.«

Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, -- nicht allein, weil
ich ihm beweisen wollte, daß ich recht hatte, sondern auch, weil die
Tante mich ärgerte, die -- wie ich herausfühlte -- aus reinem Egoismus
das Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. »Laß sie doch,
wenn es ihr kein Vergnügen macht, -- wir werden auch ohne sie fertig!«
hatte sie erst kürzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus
mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. Außerdem -- wer
weiß?! -- konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich
träumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!

Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr
getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manöverdiners und
häuslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein
paar lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu erreichen,
meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren schlugen; wenn abends am
Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren,
prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir
folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, -- dann schlürfte ich
mit wonnigem Wohlgefühl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die
kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister im
Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, und so war
meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. »Die
Gesellschaft ists gar nicht, die mich amüsiert, sondern die Rolle, die
ich in ihr spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie
tödlich langweilig und leer -- leer -- leer wie ein ausgeblasenes Ei.
Damit es was taugt, muß ich es erst mit meinen Farben bemalen.«

Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr
von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon
auf den Königsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir
abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas,
Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saßen, war er der
Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem
unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in
Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. Das allein hätte genügt,
um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis
war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, daß er mit uns
heimwärts fuhr.

Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des großen leeren Saals und
entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zärtliche und
sehnsüchtige Töne. Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde
Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen
zu atmen, und die Blätter der Linden draußen bebten im Takt. Ich saß vor
der offnen Türe, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz
wogender Rhythmen umspann mir dichter -- immer dichter Herz und Sinne.
Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn
er schließlich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn
morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit den wässerigen
Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hörte ich seine rauhe
Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, --
eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in
den Körper eines Dekadenten verirrt hatte.

Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah zugleich an der
Selbstverständlichkeit, mit der man mich mit ihm allein ließ, was alle
erwarteten. Ich fürchtete die Aussprache -- aber nicht weniger die
Trennung. Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr
ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik
mich gefangen genommen hatte.

Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als
möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schönen
Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn
zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von
Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten
gelbe Blätter auf seinen dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut
des Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich
starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein »Fräulein von
Kleve«, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoßen, ließ mich
zusammenfahren. »Wollen Sie meine Frau werden?« -- -- Ich antwortete
nicht. »Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer Pause leise
fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als --« er zögerte, und eine
flüchtige Röte stieg ihm heiß in die Stirn -- »meinen Namen, mein
Vermögen und -- meine Liebe.« Wieder eine lange Pause -- ich brachte
keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich will
keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins
sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?«

»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge
leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand.
»Dann will ich warten, und -- hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß
ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise
morgen früh -- in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte
Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn -- wenn Sie für
mich entschieden haben; -- ists recht so?«

»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir
beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, -- ein Blick so
voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die
Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ
seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht
Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu
verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen
hörte.

Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien.
Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während
widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich
mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie
über ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so
warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner
Sinne -- nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von Mitleid über,
das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der
Mann soll dich küssen, soll von dir Besitz ergreifen -- körperlich! --,
dann haßte ich ihn beinahe.

Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf.
»Brigade in Schwerin« -- nichts weiter stand darin. Die Freude war
allgemein und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg
zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine Entscheidung Ollech
gegenüber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und
Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter
lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge
saßen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech
benachrichtigen?« bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch
kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« hatte schwanken
können.

Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter
kannte keine größere Freude, als ohne Haushaltungs- und
Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich
von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung
durchwanderte, die Läden von innen und außen betrachtete, verschwanden
die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen
Genießens Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze und
nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht
»schickten«.

Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein
deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht
daneben eine riesige Holzbaracke -- das Interims-Theater --, enge,
holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren
Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. Aber schon unser neues Heim
veränderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem
Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend hervorlugte. Und ich hatte
zwei Zimmer darin: das Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der
kleine Salon in mattem Grün, -- eine Überraschung meines Vaters.
Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein stiller,
abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bücher
in die zierlichen Etageren räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern
schmücken. Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus
Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten
verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fünf Sinne in großen
Photographien, Böcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an
der glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die
Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der
leuchtenden Ferne auf Böcklins vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem
Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder
einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin von Makart,
versammelte sich auf meinem Bücherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen
sentimentale Sinnlichkeit mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller
und Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Heldengeschichten meiner
alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur,
die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und
Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische
Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen
Reclambänden, moderne Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.

Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, überzeugt, daß niemand
mich stören würde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk
höher befanden, als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief
sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf
Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dergleichen
dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines
Verrückten?«

Mir stieg das Blut zu Kopf. »Das ist mein Zimmer, so viel ich weiß,«
sprudelte ich hervor, meine Worte überstürzend, wie stets, wenn die
Erregung mir den Mut zur Rede gegeben hatte, »und ich bin alt genug,
meinem Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, der
Germanen malt wie Salonhelden, und dessen Frauen aussehen wie lauter
wohl erzogne und gut toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag
ich nicht, -- sie ist schamloser, als nackte Schönheit. Es ist mir auch
ganz gleichgültig, ob die Leute Böcklin für verrückt halten. Ich finde,
es wäre zum davonlaufen in der Welt, wenn nicht die paar Verrückten sie
noch erträglich machten.«

»Das magst du halten, wie du willst«, antwortete Mama, und nur ihre
heißen Wangen verrieten ihren Zorn. »Solange du im Elternhause bist,
hast du dich mir zu fügen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was
meinst du wohl, was man von dir sagen würde, wenn man solche Dinge auf
deinem Schreibtisch sähe?!« Damit ging sie hinaus, und ich nahm tief
verletzt meine Bilder, um sie im Schlafzimmer aufzustellen, -- hier
sollte sie mir niemand verekeln dürfen.

Früh am Morgen weckte mich Papa:

»Du, Alixchen -- wie wärs mit einem Ritt? Die kleine Braune wartet!« Mit
einem Sprung war ich aus dem Bett und in wenigen Minuten in den
Kleidern. Vergessen hatte ich den Ärger, noch mehr die Vorschrift des
Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem geheimnisvoll blauen
Dunst zwischen den Bäumen und jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener
Blätter darin. Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen
Laubengängen und verwitterten Götterbildern vorbei, vorüber an einem
kleinen Gartenhäuschen, das zwischen welkenden Rosen träumte, und hinein
in den Dom gewaltiger grauer Buchenstämme, durch deren hohe gelbgrüne
Wölbung nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. Wir ritten
langsam und sprachen kein Wort, selbst der Hufschlag der Pferde klang
gedämpft, als ob sie auf tiefen Teppichen gingen. Plötzlich, wo der Weg
sich jäh zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom flimmernden
Lichts: Vergißmeinnichtblau dehnte sich der See bis zum nebelgrauen
Horizont, und aus ihm empor stieg mit Türmen und Zinnen, Erkern und
Balkonen, funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein
Märchenschloß.

Uns heimwärts wendend, verfolgten wir die Uferstraße bis zur Stadt. Das
Wasser, die feierlich breite Brücke darüber; ein öder, sandiger Platz
trennte sie vom Palast des Herrschers. Demütig und zusammengeduckt, in
nüchternem Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen Fenstern
hinüberblinzelnd, lag sie zu seinen Füßen.

»Das ist Mecklenburg!« sagte mein Vater.

Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefüllt mit offiziellen Besuchen
und Gegenbesuchen, die für mich lauter Enttäuschungen waren. Die
Menschen entsprachen der Stadt, ob es nun Hofmarschälle, Minister oder
Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat »guter« Erziehung sprang
in die Augen: vollkommene Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der
Bildung; unerschütterlicher Gleichmut, selbstverständliche Kirchlichkeit
-- eine Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder Extravaganz,
äußerlich und innerlich vollkommen farblos machte. Und die Frauen! Glatt
gescheitelt, streng und kühl die Verheirateten; eine Schar alternder
Mädchen -- das Kennzeichen jeder kleinen Residenz -- mit dem bitteren
Zug enttäuschter Erwartungen um blutleere Lippen; wenige junge, und auch
die sich zu vorschriftsmäßigem Gleichmaß zwingend. Der Hoftrauer wegen
-- im Frühjahr war der alte, sehr geliebte Großherzog gestorben, sein
kränklicher Nachfolger war noch im Süden -- gab es keine großen
Gesellschaften, dagegen zahllose Nachmittagstees von gähnender
Langerweile und steife Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben.
Kleine Diners bei der alten Großherzogin-Mutter, der Schwester Kaiser
Wilhelms, bildeten eine wohltätige Ausnahme. Die originelle alte Dame
liebte die Jugend und war, bei allem strengen Urteil über Manieren, die
ihr nicht vollkommen schienen, ihr gegenüber nachsichtig und
freundlich, dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen »Palais«,
einem baufälligen Häuschen, das sie zu verlassen sich standhaft
weigerte, klang an einem Nachmittag oft mehr frohes Lachen, als an zehn
geselligen Abenden bei den übrigen Würdenträgern der Stadt. Was den
Verkehr noch besonders erschwerte, war die Abneigung der eingesessenen
Mecklenburger Familien gegen die Preußen und die strenge Scheidung der
Gesellschaft nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffähig; mühsam hatte
Preußen es durchgesetzt, daß wenigstens der Offizier, auch wenn er
unadlig war, empfangen wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die
nicht adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.

Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der Öde dieser Gesellschaft
hielt ich nicht lange aus. Mich ganz zurückziehen, was ich am liebsten
getan hätte, war bei der Stellung meines Vaters, mit der die
Verpflichtung, »ein Haus auszumachen«, unweigerlich verbunden war, nur
soweit möglich, als die Rücksicht auf meine Gesundheit es verlangte.
Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir kein Vorwand; nur hie und da,
wenn ich in ein Buch besonders vertieft war, oder eine Phantasie
unbedingt zu Papier bringen mußte, schützte ich Schmerzen vor, legte
mich zu Bett, und stand, im köstlichen Besitz ungestörter Freiheit,
wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen hatten.

Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Träume, und viele blaue
Hefte füllten sich allmählich mit Gedichten und Betrachtungen, Märchen
und Geschichten.

Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, um der Langenweile
Herr zu werden. Zum Kampf gegen sie zettelte ich unter meinen wenigen
Altersgenossinnen eine förmliche Verschwörung an: wir »schnitten« die
Alten und Grämlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die
Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das Essen vorüber war,
wir spielten Theater und stellten lebende Bilder, wozu ich die
verbindenden Texte zu dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte
allmählich; meine geselligen Künste fanden Anerkennung, und ich mußte
sie überall glänzen lassen. Aber solche Erfolge genügten mir nicht. Ich
»suchte Menschen« -- verlangender und sehnsüchtiger denn je --, und wenn
ich mich scheinbar am besten amüsiert hatte, kam ich oft heim, um
verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.

»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?«
schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine
Zerfahrenheit nicht begriff.

Ich antwortete ihr:

»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, daß ich nur darum
die hiesige Gesellschaft so abfällig beurteile, weil ich noch niemanden
fand, der mich persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!

Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, die sich
nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie
du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von
dem du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches 'Auf
Wiedersehen' flöten und schon am nächsten Tag an deiner Leiche
gleichgültig vorübergehen würden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch
weiter und sagst entrüstet, ich wäre wieder einmal reif, mein Herz
wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein
Interesse, so muß das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg
ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone,
und der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun gilts, ihm das
Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn überhaupt genießbar zu
machen. Deine Moralpauke schließt mit den Worten: nicht wieder
'sträflich' mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf
das intensivste mit dem Schüren der Flamme beschäftigt. Und _wie_ sie
brennt!! 'Er' ist hübsch, elegant, leichtsinnig, oberflächlich, --
kurz, ganz was ich brauche! 'Er' ist Löwe, Herzensbrecher, -- kurz, ein
Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! Du hast natürlich
wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. _Warum hat
denn niemand Mitleid mit mir_?! Oder ist es nicht vielleicht
mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise mit dem
Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! Ich lechze nach Licht,
flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden
sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«

Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild
aufwallende Gefühle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in
tausend Flämmchen, heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und
feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir über
die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an
das meine stieß. Ich galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von
mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.

In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen
Hefte:

»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt
die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von
Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen
über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl
gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!« Und an anderer
Stelle heißt es: »O über das trostreiche Verweisen auf häusliche
Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste
Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, Deckchen sticken,
Strümpfe stopfen, -- soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?!
Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens.
Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben,
das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas
leisten, das Wunden kostet ...«

Einmal -- ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute
ihr aus Goldpapier ein »Walhall« auf, dessen göttliche Bewohner aus
Perlen und bunten Knöpfen bestanden -- ließ mich Papa zu sich herunter
rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.

»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« wandte er sich
an mich. »Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des
Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein
einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«

Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die Bühne dichten!
Sollte von einem großen Publikum gehört werden! Trotzdem kamen mir
Bedenken:

»Ich kenne den Großherzog nicht. Und ihn anhimmeln, bloß weil er der
Großherzog ist, -- das widerstrebt mir.«

»Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, daß er krank,
fern seinem Lande im Süden ist, daß seine Abwesenheit schwer auf Handel
und Wandel, Leben und Geselligkeit drückt, daß wir ihm und uns seine
Genesung wünschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu dichterischer
Gestaltung!« Mir leuchtete ein, was er sagte; die Gelegenheit, zum
erstenmal öffentlich hervorzutreten, war auch viel zu verlockend, als
daß mein Widerstand sich hätte aufrecht erhalten lassen.

Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, das von den Seen und
Wäldern Mecklenburgs, von den guten heimischen Göttern und dem
trügerischen Zauber des Südens mehr enthielt als von dem Landesfürsten,
den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie man glaubte, unnötig langen
Abwesenheit wegen nicht allzu hoch schätzte, so entsprach meine Dichtung
den Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem Kreise, las
ich sie vor und erntete von den anwesenden Schauspielern einen
geräuschvollen Beifall, der um so größeren Eindruck auf mich machte, als
ich noch nicht wußte, daß es bei ihnen ebenso üblich ist, den Gefühlen
übertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei uns guter Ton ist, sie
bis auf ein Mindestmaß zu unterdrücken.

Hier, -- das schien der eine Augenblick mir zu enthüllen --, fand ich
die Menschen, die mich verstanden, denen die Kunst Lebensinhalt war.
Ich nahm an den Proben teil und wurde allmählich ein immer häufigerer
Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend würdige Frau
verhätschelte mich; er selber -- wie selten war mir das begegnet! --
nahm mich ernst und gab mir derlei gute Ratschläge, um mein Talent zu
fördern. Die Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, die
junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog sprechen sollte. Aus
Begeisterung für die Kunst hatte sie das warme Nest ihres Elternhauses
verlassen und war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not,
Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg gestellt, -- ihr
Enthusiasmus war stärker gewesen als alles. Landsberg, der es wie wenige
verstand, Begabungen zu entdecken und die häßliche Bretterbude am
Bahnhof infolgedessen über viele kostbare Theater Deutschlands erhob,
hatte sie erst kürzlich engagiert. Sie war ein ausgezeichnetes
»Gretchen«, eine rührende »Ophelia«, ein hinreißendes »Käthchen von
Heilbronn«, und selbst der blutleeren »Thekla« verhalf sie zu lieblichem
Leben. Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich wie ein
Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tränen vergoß ich seinetwegen!

Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; es schmeichelte
seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt zu sehen, aber seine
hochmütige Mißachtung des Publikums war zu groß, als daß er ihm ein
Urteil über mich hätte gestatten können. Mein Name durfte nicht genannt
werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.

»Damit unser guter Name durch die schmutzigen Mäuler aller Menschen
gezogen wird?!« herrschte er mich an, »und jeder Federfuchser sich
erlauben kann, dich herunterzureißen?!« Als der große Abend hereinbrach,
flüsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel der
Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das Theater durchbrauste,
klang wie eine Fanfare bis ins Innerste meiner Seele, und alte
Kinderträume wachten auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flügel aus,
um mich weit in die Zukunft zu tragen, -- dahin, wo der Ruhm auf ehernen
Stühlen thront und immergrüner Lorbeer im Glanze der nie untergehenden
Sonne eichenstark gen Himmel wächst.

Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs des Nachts aus dem
Bett an den Schreibtisch. Mit Lisbeth Karstens verband mich eine immer
innigere Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, leicht
begeisterte, fast immer kritiklose Zuhörerin meiner Dichtungen. Im
Theater, das ich fast täglich besuchte, denn in der Loge des Intendanten
war Platz für mich, sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich
immer neue Anregung, der Künstlerkreis im Landsbergschen Haus, der für
nichts Sinn hatte als für das Theater, fachte die Glut meines Innern zur
Fieberhitze an. Noch waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu
fassen vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der alte
Wagnerfänger Hill am Flügel stand und seine machtvolle Stimme den Raum
erfüllte; wenn Alois Schmitt -- einer der künstlerischsten Menschen, die
ich kannte -- am Dirigentenpult saß und sein geschultes Orchester die
Fidelio-Ouvertüre intonierte; und sie wurden mir sichtbar, wie
Geistererscheinungen, wenn ich einsam durch den Wald ritt und droben auf
dem Götterhügel fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters
Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander flüsterten.

Es war Sigrun, König Högnis Tochter, die ich sah, -- Sigrun, die
Schildjungfrau, die in heißem Freiheitsdrang und starker Liebe den
Todfeind ihres Vaters, Helgi, den Hundingstöter, vor seinen Mördern
schützte und sich ihm als Gattin verband, -- Sigrun, die Treueste der
Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi Walhalls Wonnen
verschmähte. Zu einem Drama wollt' ich ihre Geschichte gestalten; der
Konflikt zwischen kindlichem Gehorsam und Mannesliebe war sein
Mittelpunkt, seine Lösung der freiwillige Tod der Heldin.

Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage fürchtete ich zu sehr die Störung,
die mich aus allen meinen Himmeln riß. Die Friseuse, die Schneiderin,
die Wäsche, die Besuche, -- nichts durft ich versäumen. »Wäre ich ein
Mann, es würde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit abzurufen!« rief
ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt Mama entgegen.

»Gewiß nicht!« antwortete sie mit herbem Lächeln, »da du aber ein Weib
bist, mußt du frühzeitig lernen, daß wir nie uns selbst gehören.«

Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas ähnliches gesagt
hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfüllte mich.

Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trüber. Ich
fühlte, daß ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich
dunkel empfand, nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall
machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie für alles
schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens bei Landsbergs, der mir
früher ersehnte Offenbarung natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir
weh, je mehr ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten
schließlich alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch
lärmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks,
die mir am besten gelungen schienen. »Bringen Sies mir, wenn es
vollendet ist, vielleicht läßt es sich aufführen,« sagte er nach der
Lektüre, -- nichts weiter. Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich
hatte schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!

Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und übertrug das
ursprünglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fünffüßige
Jamben. Alle Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich
umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kämpfte, desto
nüchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schließlich
kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern
saß, und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein
steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata
Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine
leere, dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner Träume noch
eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.

»Ganz oder gar nicht,« -- das war mir allmählich zum Wahlspruch
geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner
Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnürte und versiegelte
das Übriggebliebene -- darunter auch mein verunglücktes jüngstes Werk
-- und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte,
zum Fenster hinaus.

Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so
unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause und überall sonst in der
Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen,
antwortete Tante Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei,
die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit
ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch
zwei Puppen an, -- Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch
Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als
höhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.



Zehntes Kapitel


Allein in Grainau! -- Noch lag der Schnee bis zum Tal hinunter, und die
Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr als ein paar
Stunden am Tage das Dörflein wieder zu grüßen, vor dem sie sich im
Winter monatelang hinter den steilen Wänden des Waxensteins versteckte.
Nur im Rosensee spiegelte sie schon länger ihr strahlendes Antlitz, als
wollte sie sich überzeugen, ob sie würdig des kommenden Frühlings wäre.
Der riß hie und da keck an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem
hellen blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde herunter.
Seltsam, wie wohl mir war, kaum daß die Loisach, voll und gelb von
Schneewasser, mich lärmend, wie ein übermütiger Bub, willkommen hieß.
Mich störten der Regen nicht und der Sturm, die mir kühlend um Stirn und
Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, ging ich all die
vertrauten Wege, und niemand zankte mich, wenn ich zerzaust und
beschmutzt nach Hause kam, oder gar die Mahlzeit versäumte. Die gute
Kathrin schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf, streichelte mir
mit einem zärtlichen: »Ach die liebe Jugend« die heißen Wangen und ließ
es sich nicht nehmen, mir die gewärmten Strümpfe und Schuhe selbst über
die Füße zu ziehen.

War das eine Wonne, allein zu sein! Über mein Tun und Lassen selbständig
zu entscheiden! Ein Schmetterling, der aus dem Puppenpanzer kriecht,
konnte nicht froher sein als ich! Plötzlich -- ich saß grade unter
tropfenden Bäumen auf der nassen Bank, die der Sepp mir gezimmert hatte
-- fielen mir meine achtzehn Jahre ein; -- Himmel, war ich jung! Ganz
überwältigt von dieser Erkenntnis, lief ich in großen Sprüngen den Berg
hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich der Länge nach im
Moose lag.

Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche zur andern. Wenn
sie den Schnupfen hatte und das Wetter schlecht war, zitterte sie um
ihre Stimme, und vor der Rücksicht auf deren Gefährdung mußte alles
andere zurückstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, in denen sie
genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen dürfe -- eine Viertelstunde
im Umkreis wars höchstens --, und schärfte der Kathrin ein, gut auf mich
aufzupassen.

Indessen kam der Frühling, und die Bäume steckten ihm zu Ehren ihre
ersten grünen Blätterfähnchen aus. Ich saß schon stundenlang auf der
Veranda in Tantens Schaukelstuhl -- ohne Handarbeit, ohne Buch -- und
sonnte mich. Außer mir und der Kathrin waren nur der alte Gärtner und
sein uralter Pudel im Haus, der im Stoizismus seines Greisentums das
Bellen sogar schon aufgegeben hatte. Es war daher mäuschenstill bei uns.
Um so mehr erstaunte ich, als eine kräftige Männerstimme eines Morgens
an mein Ohr schlug.

»Machen Sie mir doch nichts weiß,« rief sie, »ich hab doch meine Augen
im Kopf, -- und wette zehn gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.«

»Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau Baronin sind noch nicht
hier!« greinte die Kathrin. Ein helles Gelächter war die Antwort.

»Da könnten Sie am Ende recht haben -- aber in der ganzen Welt gibt es
nur einen so schwarzen Lockenkopf, wie der Alix ihrer, und den sah ich
vom Ufer drüben. Gespenster sind nicht so hübsch.«

Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide Hände entgegen. Die
paar Jahre seit unserem letzten Zusammensein waren wie ausgewischt, und
erst als ich sah, daß ein hochgewachsener Mann mit gebräuntem Gesicht
und keckem Schnurrbärtchen über den vollen Lippen vor mir stand,
errötete ich unwillkürlich.

»Wollen -- Sie nicht näher treten!« sagte ich zögernd.

»Aber Alix -- 'Sie!' Wir sind doch alte Freunde,« damit faßte er meine
Hand mit kräftigem Druck und ging mit mir an den eben verlassenen
Frühstückstisch, während Kathrin uns ganz blaß und geistesabwesend
nachstarrte.

Das Ungewöhnliche der Situation machte uns verlegen. Schweigend holte
ich eine Tasse aus dem Schrank und goß ihm Tee ein, während ich fühlte,
wie sein Blick auf mir ruhte.

»Wie schön bist du geworden!« -- flüsterte er wie zu sich selbst. In dem
Augenblick trat die Kathrin herein und rumorte mit eifriger
Geschäftigkeit im Zimmer. Das zwang uns zur Konversation, die, zuerst
steif und gezwungen, allmählich immer natürlicher wurde. Nach dem Wie
und Warum unseres Hierseins frugen wir einander, und ich erfuhr, daß ihn
auf dem Wege nach Oberitalien in München plötzlich die Lust gepackt
habe, die Berge von Garmisch wieder zu sehen. »Unserem Verwalter in
Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen,« lachte er, »der hatte
Gesellschaft in Mamas Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der
Bedingung gnädig verziehen, daß er über meine Anwesenheit gegen jeden
den Mund halten soll.«

»Dann sind wir beide inkognito,« rief ich fröhlich, »die Tante findet
nämlich im Grunde mein Alleinsein so kompromittierend, daß ich
versprechen mußte, mich in Garmisch nicht sehen zu lassen.«

Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin warnende Blicke, die ich
zuweilen auffing, nahmen mir den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am
nächsten Morgen aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine
»feierliche Abschiedsvisite« zu machen.

»Wenn das die Frau Baronin wüßte!« sagte die Kathrin seufzend, als er
weg war.

Es regnete in Strömen, als ich am folgenden Tage erwachte »Nun kommt er
sicher nicht,« war mein erster Gedanke, und mißmutig zog ich die Decke
wieder über die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich
darnach auf und zwang mich, statt des alltäglichen Lodenrocks ein
hübsches, helles Hauskleid aus dem Schrank zu holen. Kaum saß ich am
summenden Teekessel, als ich draußen sein fröhliches »Grüß Gott,
Fräulein Kathrin« hörte. »Naß bin ich wie 'ne Katze, aber pudelwohl, --
Sie sehen, die Viecher vertragen sich auch im Menschen,« fügte er hinzu,
und selbst die wohlerzogene Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie ließ
uns sogar allein -- es war ja das letztemal, mochte sie sich zur eigenen
Beruhigung sagen.

Wie war es behaglich im Zimmer, während draußen der Regen an den
Fenstern niedertroff! Wir frühstückten und plauderten miteinander, ganz
wie alte Vertraute, und setzten uns schließlich vor den kleinen Kamin,
der eine wohlige Wärme ausstrahlte. »Wie wärs mit einer Zigarette? frug
er und hielt mir die gefüllte Dose hin.

»In diesen heiligen Hallen?« antwortete ich, halb erschrocken.

»Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. -- -- Ich muß dir was
erzählen, Alix, und das geht nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut,
weißt du!« Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.

»Du mußt mich nicht so ansehen,« fing er schließlich wieder an, »sonst
kommts mir gar zu komisch vor, daß ich dir Geständnisse mache, wie einem
Kameraden.« Ich rückte lächelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus ins
Feuer. »Ists recht so?«

»Fein! -- Wenn du nur nicht ein so verdammt hübsches Profil hättest! --«
Er schwieg aufs neue. Nach ein paar Minuten aber begann er: »Ich habe --
Dummheiten gemacht in Berlin. Es hat der armen Mama, die so nicht auf
Rosen gebettet ist, einen tüchtigen Happen Geld gekostet, die Sache in
Ordnung zu bringen --.« Ein bißchen erschrocken wandte ich den Kopf nach
ihm -- »es war nichts Gemeines, Alix -- Kind, gewiß nicht. Du kannst ja
nicht wissen, wies unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein -- die
jungen Mädels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie
Holzpuppen, -- und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglück.« Ich fuhr
zusammen. -- »Kannst am Ende selbst ein Lied davon singen, was?! -- Kurz
und gut, siehst du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte
-- einen süßen, kleinen Käfer, sag ich dir --«, zu dumm, daß ich mich in
diesem Augenblick bis zu Tränen ärgerte -- »aber gräßlich ungebildet.
Ich habe sie eigentlich nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars
Gewohnheit, Mitleid, -- was weiß ich« -- er war aufgestanden und ging
unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette zwischen den Fingern
zerdrückend. »Ich konnte schließlich nicht länger -- ich mußte frei
sein! Ihr Vater lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von
zerstörtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenüber hatte er bis
dahin den untertänig-dankbarsten Diener gemimt. Das übrige kannst du dir
am Ende vorstellen!«

Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke gepackt, der mich
nicht minder los ließ. »Hat sie -- ein -- Kind?« stieß ich mit aller
Anstrengung hervor. Verblüfft blieb er vor mir stehen. »Du bist wirklich
aus der Art geschlagen, Alix,« damit streckte er mir die Hand entgegen.
»Meine Hand drauf: nein! Wäre das Unglück geschehen, ich hätte anders
gesprochen! -- Aber wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf Urlaub
geschickt -- nach Italien, wie du siehst! --, und wenn die Galgenfrist
zu Ende ist, soll ich -- heiraten!« Mit komischem Entsetzen rang er die
Hände.

»Wen?« frug ich, während mir das Herz hörbar schlug.

»Wen?! Ein kleines Prinzeßchen natürlich, semmelblond -- du weißt, wie
ich so was liebe! --, bleichsüchtig, eine Figur wie ein wohlgehobeltes
Brett.« Ich spürte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der zu mir
herüberzog. »Die Ebenbürtigen mit dem nötigen Mammon laufen nicht zu
Dutzenden in der Welt herum. Und eine Ebenbürtige muß es sein, Mama
träumt doch ständig, daß ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines
schönen Tages auf den Dickkopf fällt! Eine Reiche natürlich auch, -- du
weißt ja, in wie schmerzlichen Widerspruch unser Portemonnaie zu dem
Glanz unseres Namens steht!«

»Und du?«

»Ich wünsche ihm ein langes Leben, eine tüchtige Frau und ein Dutzend
Jungens! Zum Regieren hab ich kein Talent, und zum Heiraten am
allerwenigsten. Das weiß ich eigentlich erst seit gestern. In der
Stickluft Berlins, angesichts des versammelten Familienrats war ich ganz
klein. Aber wie ich gestern von dir ging, bin ich noch bis in die Nacht
hinein in den Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen
Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute weiß ich: es geht nicht
-- mögen sie mich meinetwegen zu den Insterkosaken versetzen, ich kann
die Ebenbürtige nicht heiraten.«

Er wandte mir den Rücken und sah in den Regen hinaus.

»Ich kann nicht« -- wiederholte er leise, »ich muß Eine haben, die ich
liebe --«

Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte laut und heftig.

»Ich möchte hier bleiben, Alix,« sagte er nach einer Weile mit ruhigem
Ernst. »Ich brauche die Einsamkeit und -- dich. Du mußt mir helfen
überlegen, was aus mir werden soll!«

»So bleibe, Hellmut,« antwortete ich rasch, aber im selben Augenblick
fiel mir die Kathrin ein, und die Tante, und das Gerede der Leute; und
schon kam sie selbst, meine getreue Wächterin, und sagte, nachdem sie
das Geschirr möglichst langsam abgeräumt hatte:

»Soll der Christoph für Durchlaucht einen Wagen bestellen? Er geht gerad
ins Dorf hinunter.«

Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand. »Nein,« sagte er, »ich
gehe zu Fuß. Es ist nicht nötig, daß noch mehr Leute von meinem Hiersein
wissen.« Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. »Fürchten Sie nichts für Ihr
gnädiges Fräulein, Kathrin,« fuhr er fort, »ich bin ihr bester Freund
und werde nicht dulden, daß ihr auch nur ein Härchen gekrümmt wird.« Als
sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er sich zu mir:

»O über die verdammten Rücksichten auf die Gemeinheit der anderen! Ists
nicht das natürlichste von der Welt, daß wir hier zusammen sitzen? Und
nun --! Ich kann nicht wiederkommen, -- deinetwegen nicht!«

Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Zugleich kam mirs
feige und erbärmlich vor, ihn so gehen zu lassen.

»Ich bin viel draußen,« sagte ich zögernd und verlegen, »wenn du mich
brauchst, wie du sagst, dann -- dann könnten wir uns irgendwo treffen.«

»Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht die Sache nicht besser.
-- Uns ein heimliches Rendezvous geben, wie -- wie ... nein, das kann
ich dir nicht antun. Machen wirs kurz: Lebwohl.« Er zog meine Hand an
die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, rasch zur
Türe.

In mir kochte es. Ah, wer diesen Götzen der Konvention zerschmettern
könnte, auf dessen Altar unsere besten Gefühle und schönsten Stunden
verbluteten, dem zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen.
Gegen Abend, als ich aus der Gartentür trat, sprang mir ein kleiner Bub
in den Weg und hielt mir einen Strauß Schneeglöckchen entgegen. Schon
zog ich die Börse, um sie zu kaufen, da drückte der Überbringer ihn mir
schelmisch lachend in die Hand und rannte davon. Jetzt entdeckte ich
erst den Brief, der um die Stiele gewickelt war.

»Im Begriff, abzureisen,« schrieb Hellmut »sende ich meiner lieben
Freundin diese Blümchen, die einzigen, die ich auftreiben konnte. Ich
fahre direkt nach Berlin. So leid es mir Mamas wegen tut, -- mein
Entschluß steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den Adler auf
dem Helm opfern muß. Ich werde mich zu den Ludwigsluster Dragonern
versetzen lassen und scheide von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes
Wiedersehen in Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer
unterbrochenen Gespräche.

               Dein alter Freund
                            Hellmut.«

Meine Freude war so groß, daß ich sie allein gar nicht tragen konnte.
Die alte Kathrin mußte, so sehr sie sich auch zierte, beim Abendessen
neben mir sitzen und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus
dem Keller geholt hatte. Schließlich rief ich den Pudel herein und
trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise umher, bis vergessene
Jugenderinnerungen in ihm aufdämmerten und er, fröhlich mit dem Schwanze
wedelnd, in ein heiseres Bellen ausbrach.

       *       *       *       *       *

Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In vier Wochen stand der Einzug
des Großherzogs bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten aller Art
folgen sollte. Unmöglich konnte ich meiner Mutter alle Toilettensorgen
allein überlassen, und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise in
Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter Rührung über meine
Pflichttreue ein rosaseidenes Kleid, von weißem, goldgesticktem Tüll
überrieselt. Nun saß ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der
Schneiderstube. »Das sind ja ganz neue Talente, die du entwickelst,«
sagte sie, während ich unermüdlich anprobierte, steckte und heftete, nur
die mechanische Vollendung der Arbeit der Näherin überlassend. Niemand
sollt' es merken, daß unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet worden
waren. Es war mir beinahe störend, daß ein paar unentwegte Verehrer vom
vorigen Winter zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten,
die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten würde. Schließlich
aber amüsierte ich mich dabei köstlich und ließ mir vergnügter denn je
den Hof machen. Wir lagerten gerade unter den Buchen und ließen die
Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am Vormittag nicht
hatte abkommen können, und eine himmelblaue Uniform neben ihm
auftauchte.

»Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut gleich mit, der uns
heute seinen Besuch hat machen wollen,« sagte Papa. Alle waren
aufgesprungen und verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in
jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause hervor.
Hellmut verbeugte sich und trat dann rasch zu mir, die ich mich allein
von meinem Rasenplatz nicht gerührt hatte. »Diesen Tag habe ich mir zu
meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter Freund meine
ergebensten Glückwünsche zu Füßen zu legen.« Bei der förmlichen Anrede
sah ich erstaunt zu ihm auf.

»Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie sich meiner erinnern,« antwortete
ich mit kaum verhülltem Spott.

Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander saßen, -- die anderen
hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller Entfernung --,
erklärte er mir sein Verhalten. Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem
»Du« unserer Kindheit Abstand zu nehmen, »Sie kennen die Klatschmäuler
kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch mißzuverstehen,« hatte er
hinzugefügt. Er war ein schlechter Psychologe, der gute Papa! Er hätte
wissen müssen, daß dieses Verbot unseren Beziehungen die Harmlosigkeit
nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit aufdrückte. Wir kehrten ohne
Verabredung zum Du zurück, sobald wir allein waren, und redeten uns vor
anderen, belustigt über die Komödie, die wir den Dummen vorspielten,
»Durchlaucht« und »gnädigstes Fräulein« an.

Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in der wir geboren wurden,
hat eine geheimnisvolle Bedeutung für unser Leben. Nie fühle ich das
Dasein mit seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und Seligkeiten
so stark und tief, als wenn dem Himmel und der Erde Glutwellen
entströmen. Wie die Rosenknospe sich öffnet und sich bis zur Tiefe ihres
goldenen Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so öffnet sich dann
mein Herz.

An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel und wehenden Fahnen
Friedrich Franz II. und Anastasia, seine Gemahlin, durch die Straßen von
Schwerin zum Schloß. Am Abend desselben Tages, während der Mond hoch am
Himmel stand und das Märchenschloß in silberne Schleier hüllte, war der
ganze See von großen und kleinen, mit tausenden bunter Lampen
geschmückten Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten schwangen sich die
Lichterketten, und Blumengirlanden schleiften im schimmernden Wasser.

Nur wenige Würdenträger waren an diesem Abend ins Schloß geladen, um von
den Terrassen des Burggartens aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir
gehörten dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten Gastes,
des Königs von Griechenland, attachiert worden war.

Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine Stimme hinter mir
flüsterte: »Komm mit.« Ich nahm den Arm, der sich mir bot, und fühlte
bebend den Druck, mit der er den meinen an sich preßte.

Versteckt zwischen den Rotdornbüschen lag drunten ein Boot. Es trug
keine Lichter, nur Kissen und Decken und zu Füßen der Sitze in hellen
Körben eine Fülle von Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang
und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer wurde. Wie ein Heer
von Glühwürmchen erschienen von hier aus die Lichter der Schiffe,
während der Mond groß und majestätisch zu uns hernieder sah.

»Frierst du, Alix?« -- Er zog die Ruder ein und hüllte mich knieend
fester in die Decken. Seine Hand, die meinen bloßen Arm berührte, war
heiß und zitterte, und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz,
der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, -- tief
und fest.

Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf.

»Durchlaucht verzeihen -- die Herrschaften brechen auf --, darf ich
meine Hilfe anbieten?« Graf Waldburg wars, ein Regimentskamerad des
Prinzen, der rasch entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die
bunten Schiffe hineinruderte, wo wir -- zu dritt! -- von allen Seiten
gesehen wurden und mit unseren Rosen in die Blumenschlacht eingriffen;
zusammen erschienen wir im Burggarten in der Gesellschaft und erzählten
so harmlos als möglich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt.

»Ich danke Ihnen, Waldburg,« flüsterte Hellmut. Noch ein
Zusammenschlagen der Sporen, ein höflich-kühles Kopfneigen als Antwort
von mir, und ich schritt hinter den Eltern dem Wagen zu, der uns heim
brachte.

Wie lauter Träume folgten einander die Sommertage. Krachende, kurze
Gewitter schienen die sonst so schwere Luft Mecklenburgs immer wieder zu
zerstreuen; die Jugend wagte es plötzlich, jung zu sein, und die Alten
lächelten nachsichtig darüber.

Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten auf glattem
Rasen zwischen buntbewimpelten Masten; wir spielten alte traute
Kinderspiele unter dem Schatten der Bäume; und, müde geworden, verloren
wir uns in den geschnittenen Buchengängen, vorbei an springenden
Wasserkünsten und verwitterten Götterbildern. Blind und taub für die
Welt um uns her, und doch wie gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des
Jahres, bewegten wir uns unter den Menschen.

Oft ging es in bekränzten Wagen weiter hinaus in die Wälder, oder an
einen der ferneren Seen, von denen jeder uns schöner dünkte als der
andere: der eine, weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte,
von freundlichen Dörfern rings umgeben, der andere, weil er einsam und
dunkel zwischen bewaldeten Hügeln lag. Oder wir ritten am taufrischen
Morgen mit verhängten Zügeln querfeldein, wo oft meilenweit kein Mensch
uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein stattlicher Gutshof
auftauchte, die ärmlichen Taglöhnerhäuser überragend, -- ein
verkleinertes Abbild von Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon
von weitem Kehrt zu machen.

»Sie fürchten sich wohl vor den Dorfkötern?« meinte bei solcher
Gelegenheit eine schnippische Freundin. »Das traut mir wohl keiner zu,«
antwortete ich, »aber ich schäme mich vor den armen Leuten.« Alles
lachte; nur Hellmut wandte sich mir zu und sagte: »Das würden die armen
Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube, daß sie für uns nichts
empfinden als Neugierde und Bewunderung.«

»Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie mit Steinen nach uns
werfen,« entgegnete ich laut und drückte meiner Stute die Peitsche in
die Flanke, so daß sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber
blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten kräftig in meine Zügel
und sagte, während seine hellen Augen mich übermütig anblitzten: »Wirst
du mir nicht davongehen, du Süße, Wilde!« Mein Groll war verflogen, --
daß ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, -- welch tiefe
Seligkeit war das!

Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hinüber gerudert, dem stillen
Witwensitz der alten Großherzogin. Mit dem Dampfschiff war uns eine
große Gesellschaft vorausgefahren, lauter ältere und gesetzte
Angehörige, die zuweilen die Verpflichtung fühlten, uns Jugend zu
beschützen. Ich hielt das nie lange aus und war stets die erste, die
Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis zu verschwinden. Hellmut
benahm sich korrekter und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt
stand ich mit einem lachenden: »Wer kein Philister ist, folgt mir,« vom
Teetisch auf und ging hinunter an das Seeufer. Ein paar junge Herren
kamen mir nach, und empört über Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit
ihnen in erzwungner Lustigkeit.

Als wir in der Abenddämmerung zu Fuß heimkehrten, gesellte er sich
endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen,
die seinem sonst so guten Gesicht einen bösen Ausdruck verlieh. »Das
darfst du mir nicht wieder antun -- hörst du,« zischte er mich an und
eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk. »Verzeih mir --,«
flüsterte ich, »aber warum hast du mich allein gelassen?« -- »Weißt du
nicht, daß ich alles nur um deinetwillen tue?« -- Ganz weich war seine
Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander, die Worte waren
zu arm für die Fülle unseres Gefühls.

An einem anderen glühheißen Sommertag gab das Grenadier-Regiment ein
Fest im Jagdschloß von Friedrichstal. Heiß und ermattet vom Tanz und vom
Spiel, gingen wir alle zum Neumühler See herunter, wo die Buchen und
Birken über dem Uferweg dichte Lauben bilden. Allmählich zerstreute sich
die Menge hier- und dorthin; wir blieben nur zu fünfen beieinander, --
zwei Mädchen und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten Bucht
lagerten wir, und die Lust packte mich, die Füße im Wasser zu kühlen.
Meine Gefährtin errötete dunkel bei meiner Aufforderung, es mir nach zu
tun. »Du, das ist unpassend,« flüsterte sie mir leise zu. »Unpassend?«
wiederholte ich laut, »zeigst du vielleicht nicht deine Hände, deine
Arme, deinen Hals, -- warum nicht deine Füße?« -- »Bravo, bravo,«
applaudierte einer der Herren. Das stachelte mich auf, und keck von
einem zum anderen blickend, fuhr ich fort: »Soll ich euch sagen, was wir
alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? -- Wir schämen uns
nur unserer Häßlichkeit --« Damit hatte ich rasch Schuhe und Strümpfe
abgestreift.

Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht, mich umzusehen, mein
Blick haftete auf meinen nackten Füßen, als sähe ich sie zum erstenmal,
-- sie waren so weiß, so schrecklich weiß! -- mir stieg das Blut bis in
die Stirne. Ich berührte scheu das Wasser mit den Zehen. »Es -- es ist
-- zu kalt,« brachte ich mühsam hervor und zog die Füße rasch unter die
Kleider. Ein Geräusch verriet mir, daß die Herren sich entfernten; die
Kleine neben mir, noch röter und verlegener als ich, half mir rasch beim
Anziehen und lief dann auch davon. Langsam erhob ich mich, -- die
Glieder waren mir schwer, -- da stand Hellmut vor mir -- ein paar
Schweißtropfen auf der Stirn und doch ganz blaß.

»Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich, damit nichts und niemand
dir zu nahe treten kann, und du -- du gibst dich diesen -- diesen
Schurken preis,« kam es stockend über seine Lippen. Mir stürzten die
Tränen aus den Augen, -- doch schon hatten seine Arme mich umschlungen,
und sein Mund preßte sich auf den meinen, und die heißen, lang
zurückgedämmten Wogen der Leidenschaft schlugen über uns zusammen.

Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, -- ich weiß nichts mehr
davon. Ich weiß nur, daß ich am weit geöffneten Fenster saß und die
linde Nachtluft tief und langsam einsog, als hätte ich nie vorher die
Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, -- ein fester
Tritt, ein schleppender Säbel unterbrachen die Stille, ein lichtes Blau
schimmerte durch die Büsche des Gartens. »Alix --« klang es sehnsüchtig.
-- Und ich nahm die Rose, die mir noch zerdrückt im Gürtel hing und warf
sie in zwei geöffnete Hände.

Alles Denken war ausgelöscht in meinem Hirn, ich fühlte nur mit
gesteigerter Intensität. Morgens am Kaffeetisch umarmte ich zärtlich den
Vater, -- es fiel mir plötzlich schwer aufs Herz, daß ich seiner
rührenden Liebe stets so kühl begegnet war --. »Du hast ja schon in
aller Frühe illuminiert,« sagte er und streichelte mir halb erstaunt,
halb beglückt die Wangen. Schüchtern und schuldbewußt küßte ich der
Mutter die Hände, -- wie schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt!
-- ach, und wie ernst und verhärmt sah sie aus! Als aber das
Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf den Schoß und flüsterte in
ihr rosiges, von lauter Goldlöckchen umspieltes Ohr: »Du -- ich weiß was
ganz Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem grauen
Schloßzwerg, bis er vor lauter Atemnot auf den Rasen plumpste. Ich
glaub' immer, da liegt er noch und schnarcht, und die Nixen haben vor
Lachen den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell hinaus, -- am Ende
sehn wir sie noch!« Sie jubelte hell auf vor Freude, und richtig, --
zehn Minuten später waren wir unten am See.

Klein-Ilschen suchte -- ich aber war still und ernst geworden und sah
hinüber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte das Glück, das mir dort
begegnet war, auch nur ein nächtlicher Spuk gewesen sein? -- Wir fanden
die Nixen nicht -- Klein-Ilschen war böse. Wie wir langsam heimwärts
gingen, kam ein Reiter uns entgegen, -- ich wagte kaum aufzusehen. Doch
schon war er neben mir und hielt den Fuchs am Zügel. »Willst du reiten,
Kleine?« sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft Pferde
waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter, unsere Augen aber
versenkten sich ineinander, tief, immer tiefer, -- bis sie Gewißheit
hatten und auch im fernsten Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden
als nur das eigene Bild.

»Die Nixen waren weg,« sagte das Schwesterchen zu Hause zu Mama, »aber
Prinz Hellmut ließ mich reiten!«

»Prinz Hellmut?!« Ein rascher mißtrauischer Blick streifte mich. Ich
wandte mich zu den Fenstern und ordnete eifrig die vielen kleinen
Lichter zur abendlichen Illumination.

Der Großherzogin Geburtstag war heute; mit dem prächtigsten und zugleich
dem letzten Fest dieses Sommers sollte er gefeiert werden. Verwandte und
Freunde des Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze Adel
Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt. Stundenlang rollten auch vor
unserem Hause die Wagen, und die Besucher kamen und gingen;
Staatsvisiten waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter.
Im weißen Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im Gürtel, stand ich im
Salon, neigte mich vorschriftsmäßig über die Hände der Damen und senkte
den Kopf vor den Herren. Was mich sonst ermüdete, machte mich heute
froh, denn mit geschärften Augen sah ich die Menge der bewundernden
Blicke. Wie ich mich dann am späten Nachmittag vor der Abfahrt zum
Schloß im Spiegel sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton
gedämpft durch goldgestickten Tüll schimmerte, -- Rosen auf der langen
Schleppe verstreut und Rosen in den dunkeln Locken --, da war ich
zufrieden.

Dicht gedrängt standen die Menschen auf der Schloßbrücke, wo die Wagen
nur Schritt vor Schritt vorwärts kamen. »Alix von Kleve« -- »Alix von
Kleve« ging es flüsternd von Mund zu Mund. Dankbar lächelnd neigte ich
mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster. Auf den schwarzen
Marmorstufen der großen Treppe, in deren tiefem Dunkel das Gold des
Geländers und der Säulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten
Rock und die Läufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumenstrauß über den
Stirnen. Und droben in den Vorzimmern gleißte und glänzte es von
goldgestickten Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen.
Wir wurden zu unseren Plätzen gewiesen. In der Ahnengalerie stand die
Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster über den See hinaus und rührte
mich nicht. Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war ich hier,
als allein seinetwegen? Worauf wartete ich, als auf ihn? Die Musik im
Thronsaal neben uns intonierte den »Einzug der Gäste« auf der Wartburg,
drei schwere Schläge mit dem Hofmarschallstab kündigten das Nahen der
Herrschaften an. Ich erwachte aus meinen Träumen. Ein Rauschen ab und
auf: wir versanken in unseren Kleidern und tauchten wieder auf -- wie
eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick haftete sekundenlang auf dem
Herrscherpaar, das langsam durch unsere Reihen schritt: der schlanke
Mann mit dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten
Schädel, darunter ein Antlitz von jener blaß-grauen Farbe, die das
Morphium allmählich auf die Haut seiner Opfer malt, zwei fiebrig
glänzende Augen darin und zwei Lippen, zu jenem wehmütig-freundlichem
Lächeln verzogen, mit dem die früh vom Tode Gezeichneten die Jugend
grüßen. Neben ihm das Weib: um den üppig-schlanken Leib schmiegte sich
ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut, auf dem hoch erhobenen dunkeln
Kopf trug sie stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot wölbten sich die
Lippen über den kleinen weißen Raubtierzähnen, und ein gieriges Leuchten
wie von heißem Lebenshunger tauchte in ihren wunderschönen Augen auf.
Über uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, -- sie war
mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber wallte das Mitleid auf -- mit
dem Mann und mit der Frau.

Dann kam der König von Griechenland, -- wie die meisten Könige: kein
König. Und dann die Königin, -- weich und licht und holdselig, wie die
guten Feen aus den Märchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. --
Aber ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus war Hellmut zu mir
getreten.

In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern saßen wir zu vier um den
rosengeschmückten Tisch: Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut,
die kleine Komteß Lantheim. Wir aßen nicht viel, aber unsere Gläser
klangen immer wieder aneinander, und prickelnd floß der eisige Sekt
durch unsere Kehlen. Leise und schmeichelnd tönte von fern die Musik.

Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut des Abendhimmels
hineinströmte, während viele hunderte flammender Kerzen alle Wände und
Pfeiler aufleuchten ließen wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch
fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem Rhythmus klang die
süße Walzerweise der »Schönen blauen Donau« von der Estrade.

Ich lag in seinem Arm, und die Töne schienen uns zu tragen. »Alix -- ich
liebe dich,« hauchte mir im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins
Ohr -- »verzehrend lieb ich dich -- ich laß dich nicht los -- nie --
nimmermehr --« Sein heißer Atem berührte mich wie ein zärtlich kosender
Kuß, und meine Haare wehten um seine Wangen.

»Durchlaucht -- Galopp -- wenn ich bitten darf!« hörten wir plötzlich
neben uns sagen. Aufatmend standen wir still, -- wir hatten wirklich das
strenge höfische Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat
der Kammerherr der Großherzogin auf uns zu: »Ihre Königliche Hoheit
befehlen --«

»Mich auch?« frug Hellmut. Er senkte bejahend den Kopf, während ein
leises malitiöses Lächeln seine Lippen kräuselte. Sollte die schöne
Fürstin so konventionell sein und unser Vergehen gar noch persönlich
rügen wollen?

»Sie tanzen bezaubernd, -- ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein von
Kleve!« sagte sie laut, als ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die
Lippen zog. »Die mecklenburger Damen können sich ein Beispiel nehmen!«
Die Umstehenden horchten hoch auf.

»Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber Prinz, den man offenbar
nur verbietet, weil man ihn zu tanzen nicht versteht.«

Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um uns. Und wir tanzten.
Aber ich fühlte die vielen musternden, neidischen, feindseligen Blicke,
die mich betasteten, wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten, wie
mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich -- fester, immer fester
lehnte ich mich in Hellmuts Arm -- er trug mich mehr, als daß ich
tanzte.

»Führen Sie Ihre Tänzerin auf die Terrasse, -- das wird ihr gut tun --«
sagte die Großherzogin, als ich mich blaß und zitternd wieder verbeugte.
Ein Ton war in ihrer Stimme, der mich auffahren ließ, -- hatte sie unser
Geheimnis erraten?

Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten die Terrasse und den
Burggarten, plaudernde Gruppen standen ringsumher. Wir aber suchten die
Nacht und die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von weißen Blüten
übersäter Strauch an die dunkle Mauer, und ein schwerer süßer Duft
breitete sich rings um ihn. Jasmin -- meine Blume!

Weißt du noch, Hellmut, wie du übermütig in die Zweige griffst und ein
Regen schneeiger Blätter mir auf Schultern und Haare fiel? und wie sie
matt zu Boden taumelten vor dem heißen Hauch deines Mundes? Du preßtest
mich wild an dein Herz, daß der Atem mir stockte, -- du hättest mich
morden können in jener Nacht, -- mit einem Liebesblick hätt ich es dir
vergolten. »Warum sagst du mir nicht, daß du mich liebst -- warum bist
du so still?« frugst du, und ich seufzte, den Arm fest um deinen Hals:
»Ich kann dirs nicht sagen -- ich kann nicht -- ich liebe dich viel --
viel zu sehr!«

Droben tanzten sie wieder -- wir sahen die Paare hinter den hellen
Fenstern vorüberschweben --, und eine Melodie verirrte sich zuweilen bis
zu uns. Wie mit kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die
plätschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen Baumwipfeln des
Parks klang hie und da ein verträumtes Vogelzwitschern. Immer
verzehrender glühten unsere Augen ineinander, verlangender,
sehnsüchtiger wurden unsere Küsse.

Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck machte dich zittern.
»Wir müssen hinauf« -- sagtest du heiser und fuhrst dann hastig fort,
während wir die Treppe zur Terrasse emporstiegen: »Wir müssen uns
trennen -- mein Dienst ist morgen zu Ende --«

»Und in der nächsten Woche reisen wir,« flüsterte ich mühsam, -- es
würgte mir am Halse.

»Im Herbst erst sehen wir uns wieder --«

»Das ertrag ich nicht -- --«

»Ich sterbe vor Sehnsucht --« Und noch einmal zogst du mich an dich, und
aufschluchzend barg ich meinen Kopf an deiner Brust.

»Weine nicht, Liebling, weine nicht, -- für ein ganzes Leben voll Liebe,
das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser nächsten Wochen am Ende nicht
zu groß,« versuchtest du uns Beide zu trösten, dabei fielen heiße
Tropfen aus deinen Augen mir auf die Stirn. --

       *       *       *       *       *

Wir fuhren nach Karlsbad, -- Mama, Klein-Ilschen und ich. Wir trafen mit
einem großen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. »Wir« sage ich, --
aber im Grunde war ich gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild.
Automatisch geschah alles, was ich tat: mein Reden und noch mehr mein
Lachen. Ich selbst saß still im dunkeln Chorgestühl eines hochragenden
Doms, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in
mystischen Farben glühenden Fenstern, unbeweglich horchend auf den
Gesang süßer Engelsstimmen, die Stirn umweht von Wolken duftenden
Weihrauchs ...

Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, sprach ich wohl mit ihm
von alledem, was mein Interesse sonst erregt hatte; aber eine ganz
andere, eine fremde Alix war es. Ich selbst, ich lachte über sie und
ihren komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was gingen mich
Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens,
das mir begegnet war, verblaßte alles zu blutleeren Schemen.

       *       *       *       *       *

Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im Dunkel der
Intendantenloge im Theater. »Hoffmanns Erzählungen«, -- jenes geniale
Werk Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom Geiste des
Zauberers, dem es galt, -- gelangte zum erstenmal, und ungekürzt, zur
Aufführung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Ränge -- ich
war ja nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden --, als die
ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die
Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden
worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer im
ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht
nur ein Automat, der schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines
einfältigen Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, -- ein
Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen
Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer und Tänzerinnen bewegten sich wie
nichts vollkommen Irdisches.

Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der
Bogenvorhang sich teilte, -- ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der
erste Ton der Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester -- ein Stuhl
wurde zur Seite gerückt -- »Alix!« hörte ich Hellmuts Stimme hinter
mir, und sein Mund brannte auf meinem Nacken.

»Schöne Nacht -- o Liebesnacht -- o stille mein Verlangen!« tönte es von
der Bühne dicht vor uns; ausgestreckt auf Decken und Fellen lag die
schöne Guiletta vor ihren Anbetern; ihre nackten Arme und ihre bloßen
Schultern leuchteten im Glanz der roten Ampeln. Das Blut strömte mir zum
Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von einer Melodie
durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbetörender nicht zum zweitenmal
vorkommt, wurde die Luft immer schwüler um uns. Kaum daß wir uns im
hellen Licht des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um
konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln. Hellmuts Uniform
verriet seine Anwesenheit auch im Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und
Operngläser richteten sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die Köpfe
zueinander.

Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein. »Sie entfloh --
die Taube so minnig« sang der blassen Antonia weiche Stimme. Seltsam --
kein Zweifel -- sie sah mir ähnlich: der gelbliche Ton der Haut, die
dunkeln Locken. Mich fröstelte. O -- und als dann der gespenstische Arzt
erschien mit der hageren Gestalt, dem glatten Totenschädel und den
klirrenden Flaschen in den Händen -- -- »Mir ist nicht ganz wohl!«
flüsterte ich und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt
meinen vorzeitigen Aufbruch nur für einen Vorwand. Während er mir den
Mantel um die Schultern legte, flüsterte er mir zu: »Ich war bei Mama --
ein bißchen Tränen hats ihr gekostet --, aber schließlich fand sie sich
ins Unabänderliche. Wir dürfen hoffen, Liebling! -- Hier alles Nähere,«
er drückte mir ein Papier in die Hand und führte mich bis zum Wagen;
schon zogen die Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite
noch einmal öffnete, -- mit einem raschen Sprung war er neben mir und
ich in seinen Armen, -- einen Augenblick nur, einen kurzen,
glückseligen. An der nächsten Straßenbiegung verschwand er ebenso, wie
er gekommen war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer, öffnete
ich seinen Brief.

»Mein süßer Liebling,« schrieb er, »die Wochen ohne Dich waren eine
gräßliche Fastenzeit. Zum zweitenmal ertrage ich so etwas nicht. Das
habe ich auch Mama gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert --
begreifst Du solche Anhänglichkeit, Du Einzigste?! --, so hat sie meine
Drohung toternst genommen. Sie wird in den nächsten Tagen Tante Brigitte
Sonderburg, ihre verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie
bei ihr das nötige Kleingeld zusammenscharren kann; bei Vetter Georg,
dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas eigne Kasse ist völlig
schwindsüchtig. Ich schäme mich, Dir so was schreiben zu müssen, meine
holde, kleine Göttin Du, und doch mußt Du wissen, warum ich immer noch
nicht in Helm und Schärpe antrete. Meine Zulage reicht kaum für mich,
der ich das Unglück habe, ein Prinz zu sein, und diese Würde täglich mit
barer Münze bezahlen muß. Aber trotz alledem muß es werden, und ich
träume schon jede Nacht von dem weichen Nest, das ich für mein
Prinzeßchen -- viel, viel mehr Prinzeßchen, als alle Ebenbürtigen
zusammengenommen! -- erobern werde!

Verlobte schicken einander immer briefliche Küsse. Das finde ich fad.
Aber holen tu ich sie mir bei allernächster Gelegenheit für die langen
sechs Wochen, die Du sie mir schuldig bliebst. Hüte Dich beizeiten, daß
Du nicht daran erstickst ...«

Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner Reifen um meine
Stirn. »Der Weg zur Ehe geht durch die Kirche« pflegte Mama zu sagen, --
aber stand nicht ein goldener Götze am Altar, statt des Priesters?

Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende Sehnsucht
durchwühlte mich wie eine Krankheit. Jeder Händedruck schien mir die
Haut zu versengen. Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu
heimlichen Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball bei der
Großherzogin-Mutter eröffnete ihn endlich. Sie hatte es allen Warnungen
zum Trotz durchgesetzt, daß er in ihrem Palais stattfand, dessen
Tanzsaal erst vor jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mußte.
Diesmal, so erzählte man sich, habe sie schon recht bedenklich den Kopf
geschüttelt. Als wir kamen, fiel mein erster Blick auf Hellmut, der mit
zusammengezognen Brauen, blaß und finster, allein in einer Fensternische
stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen und Begrüßungen und
stereotypen Phrasen erledigt hatte und meine Hand in der seinen ruhte.

»Ich habe Nachricht von Mama,« preßte er mühsam hervor, »Tante Brigitte
hat rundweg abgelehnt. Für dumme Streiche hätte sie kein Geld!«

Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe Leuchten über seine Züge,
gepaart mit einem neuen Ausdruck starker Energie: »Sei nicht furchtsam,
Liebling; du weißt: und wenn ich mich dafür dem Teufel verschreiben
sollte, -- du wirst mein!«

Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an Wunder; und sie
ist sich selbst genug und vergißt darüber die Welt. Es war eine
stürmische Saison damals, -- kaum ein Tag verging ohne ein Diner, einen
Ball, eine Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht anders
ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust zurück. Er verlor
allmählich die gesunde Farbe, aber wenn ich ihn angstvoll um sein
Ergehen frug, lachte er. Wir wurden immer kühner und immer
erfinderischer, um uns allein sehen zu können, und die fremdesten
Menschen halfen uns dabei: sie zogen sich zurück, wenn wir ins Zimmer
traten, sie vertieften sich in ein Gespräch, wenn wir am gleichen Tische
saßen, sie mäßigten das Tempo ihres Laufs, wenn sie auf der weiten
Eisfläche des Schweriner Sees in unsere Nähe kamen. Daß die Mädchen mich
mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und da freilich fing ich ein
hämisches Lächeln auf, ein vieldeutiges Augenzwinkern, oder hörte mit
halbem Ohr, wie es um mich her raunte und flüsterte. Aber ich dachte
darüber nicht nach. Ich vegetierte überhaupt nur noch, und lebte allein,
wenn er um mich war.

In diesem Winter wußte ich erst, was Tanzen ist: keine Bewegung, in der
wir nach Vorschrift die Füße so oder so setzen, kein harmlos-kindliches
Vergnügen aus reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, -- Liebe
ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei Menschen zu
Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht, um die Sehnsucht zu steigern
und sie um so glühender wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und
kokettiert -- sich demütig neigt und siegesbewußt aufrichtet -- die mit
den anderen lächelt, sich ihnen vorübergehend hingibt, nur um des einen,
des Geliebten Glut zu loderndem Feuer zu entfachen.

Die »Barkarole« beherrschte den Tanz in jenem Karneval. Ich hörte sie
bis in meine Träume.

Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, -- der Tanz, in dem sich
die ganze graziöse Sündhaftigkeit und künstlerisch verklärte Erotik
seiner Zeit widerspiegelt. Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand,
sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend über den Hüften, zum
Umspannen schmal in der Taille, mit langen höfischen Schleppen. Rosen
und Lorbeer rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen
meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnüre schlangen sich mir
um Hals und Nacken. Hoch gepudert die Haare, ein Schönpflästerchen am
Mundwinkel und eins auf der Brust, -- so traf ich im Vorzimmer am Abend
des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir staunten einander an, -- so hatte
ich die ebenmäßige Schönheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie
jetzt, wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. Aber sein
Gesicht blieb ernst.

»Mir paßt der Narrentrödel nicht!« sagte er, während wir uns nach
Mozarts unvergänglichem Don Juan-Menuett neigten und drehten. »Ist nicht
die gleißende Pracht ein Hohn auf unsere Armut?«

»Ich fühle nur, daß wir reich sind, die Reichsten der Welt!« antwortete
ich und lehnte den Kopf zurück, um über die Schulter hinweg ihn selig
anzulächeln, wie die Figur des Tanzes es grade befahl.

»Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein bist!« gab er zurück
und beugte das Knie in bittender Gebärde zu dem lang gezognen
Sehnsuchtston der Musik.

Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit verschränkten Armen an
einem Pfeiler, und jedesmal, wenn ich vorüberkam, fühlte ich seinen
Blick.

»Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,« redete er mich an, als mein
Tänzer mich verlassen hatte, -- er vermochte seiner Erregung kaum Herr
zu werden. Vergebens suchte ich ihm das Unmögliche seines Verlangens
klar zu machen; »ich verlasse das Schloß, wenn du nicht tust, um was ich
dich bitte, -- ich halts einfach nicht aus, daß jeder Schmutzfink dich
im Arm hält und seine frechen Blicke sich an deiner Schönheit weiden.«
Ich fügte mich beglückt von der Stärke seiner Leidenschaft, und um
keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, bat ich meine Mutter, mir
in der Garderobe eine aus Taschentüchern improvisierte Bandage um den
»verstauchten« Fuß zu legen, der mich am Tanzen hindern sollte.

Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht mehr. Im Ballsaal
drängte sich die Jugend, in den Nebenzimmern saßen die Älteren an den
Whisttischen. Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten,
phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer spärlicher brannten. Wir
standen eng aneinander geschmiegt vor Tristan und Isoldens Liebesmär,
die hier im Schloß der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den
Wänden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und Leanders Marmorbilder
im rosigen Schein gedämpften Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu
atmen, an den sein Haupt sich zärtlich lehnte.

Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... »Schöne Nacht -- o
Liebesnacht -- o stille das Verlangen --« klang es leise -- sehnsüchtig.

Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, immer dichter aneinander
geschmiegt, flogen wir durch den halbdunklen Raum. Mir war, als hörte
ich ein unterdrücktes Gelächter, -- aber im nächsten Augenblick vergaß
ich es wieder.

Wir tanzten, -- waren wir nicht allein auf mondheller Wiese, von Palmen
umrauscht und großen, weißen Blumen umgeben, aus deren Goldkelch
betäubende Düfte strömten? Wir tanzten, -- wars nicht ein Schaukeln auf
kristallhellen Fluten, -- sahen wir nicht bis zum Grund, wo die
blendenden Leiber nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder
tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr gehört, ihren roten
Lippen entströmten? -- Mein Herzschlag stockte -- auf den nächsten Stuhl
sank ich schwindelnd zurück, zu meinen Füßen brach der Geliebte
zusammen, den blonden Kopf vergraben in meinem Schoß ...

    »Oh, la marquise Pompadour,
    Elle connait l'amour
    Et toutes ses tendresses,
    La plus belle des maitresses« --

sang plötzlich eine krähende Sopranstimme hinter uns. Hellmut sprang auf
und griff instinktiv an den zierlichen Galanteriedegen, der ihm an der
Seite hing.

»Verdammt --« knirschte er, -- es war eine leere Scheide, die er in der
Hand hielt. Wir hörten noch ein Rascheln und Raunen und das ferne
Schlagen einer Tür, dann wars still.

»Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und, wenns nicht anders
ist, zu Georg. Ich muß ein Ende machen -- so oder so!« flüsterte er mir
zu, ehe wir den Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; --
wir verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die meisten Menschen
zusammendrängten, trat Hellmut an meinen Vater heran: »Darf ich mich
gleich heute für die nächsten Wochen verabschieden, Herr General,« --
sagte er sehr laut und förmlich -- »mein Vetter, Herzog Georg, wünscht
meine Anwesenheit bei den Hofbällen.« -- »Reisen Sie glücklich,«
antwortete mein Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei
aufatmete. »Amüsieren Sie sich gut« -- brachte ich mühsam hervor und
legte meine kalten Finger flüchtig in die seinen.

Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in den nächsten Wochen
aufrecht zu halten. Ich fehlte in keiner Gesellschaft, auf keinem Ball;
keine tanzte so unermüdlich wie ich, an keinem andern Tisch wurde so
viel Sekt getrunken wie an dem meinen.

Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater. Er machte in den Pausen
mit großem Eifer Propaganda für eine Schlittenpartie, die mit einem
Diner im Hotel enden sollte. »Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet Sie
um die Ehre, Sie fahren zu dürfen,« wandte er sich an mich. Als ich
fragend zu ihm aufsah, zuckte er die Achseln und sagte, nur für mich
hörbar: »Durchlaucht haben mir nichts weiter mitgeteilt, als daß ich
rasch für eine Gelegenheit zu längerer Aussprache sorgen möchte.«

Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung steigerte sich bis
zum Unerträglichen. Inzwischen fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau
bedeckte die Straßen der Stadt, und dichte Nebel hingen über den Seen.
Mit hellem Schellengeläut erschien trotzdem am festgesetzten Tage
Hellmuts Schlitten vor unserer Tür, -- eine winzige mit Pelzen dicht
ausgefütterte Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig den Boden
stampfte. Mein Vater führte mich hinunter. Hellmuts erster Blick sagte
mir alles -- ich schwankte, als Papa mir in den Schlitten half. »Also um
fünf Uhr pünktlich im Hotel!« rief er noch freundlich, dann flogen wir
davon.

»Georg hat mich ausgelacht -- Tante Brigitte war zynisch genug, mir zu
versichern: für ein vernünftiges Verhältnis hätte sie Geld -- für eine
dumme Ehe nicht!« Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. »Was meinst du,
wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloßplatz direkt auf den See
führen, -- der hält uns nicht lange!«

Ich packte ihn entsetzt am Arm. »Nein, Hellmut, nein,« flehte ich, »wir
haben ja noch gar nicht gelebt!« Der Fanatismus des Daseins durchglühte
mich -- so sterben -- so -- nein! Und wie eine Erleuchtung kam es über
mich: Tante Klotilde, -- sie mußte und konnte helfen. Mit schmetternden
Fanfaren begrüßte die Musik die Ankommenden, als wir beide, die Herzen
von neuer Hoffnung geschwellt, auf den Schloßplatz einbogen und uns
fröhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. War das eine Fahrt
durch den Wald, wo der tauende Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte!
Wie wir den Nebel nicht spürten, obwohl er unsere Pelze mit Millionen
winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden wir keinen Zweifel mehr an
der wieder erwachten Sonne unseres Glücks.

Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen Fahrt ins Hotel,
uns, die wir ihnen weit voran gewesen waren und doch als letzte
zurückkehrten, war glühheiß. Noch lange saßen wir zusammen; die vielen
Gänge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer einsilbiger wurden, das
langsame Servieren, das jeden Nichtmecklenburger immer ungeduldiger
machte, -- wir merkten es nicht. Für uns wars viel zu früh, als es galt,
Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg, im rieselnden Regen,
umschloß eine kräftige Hand noch einmal die meine, und spitze Nägel
gruben sich mir ins Fleisch.

Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde. Mein ganzes Herz
schüttete ich ihr aus; mit all meiner Hoffnung klammerte ich mich an
sie; jede Seite ihres Wesens suchte ich zu rühren.

Wenige Tage später wurde ich zu ungewohnter Stunde zu meinem Vater
gerufen. Hochrot im Gesicht, mit meinem Brief in der Hand, trat er mir
entgegen. Mama saß vor Schrecken totenblaß im Lehnstuhl. Es gab eine
unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir seine Zärtlichkeit nie
genug zeigen konnte, war jetzt kein Wort zu verletzend, um mich zu
beschimpfen. Ich stand vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut
einen Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen gegen ihn
ausstieß, kam ich zu mir. »Das duld' ich nicht, daß du seine Ehre
angreifst,« rief ich und trat ihm dicht unter die Augen, »schlag doch
mit Fäusten auf mich, wenn du willst, aber ihn -- ihn darfst du nicht
anrühren.« Papa sah mich groß an, wandte sich ab und stöhnte qualvoll.
Das ertrug ich nicht mehr. Weinend warf ich mich ihm zu Füßen. »Papachen
-- hab' doch Mitleid mit mir -- mein Unglück ist doch schon groß genug«,
schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die mich fast geschlagen hätte, hob
mich empor. »Mein armes, armes Kind,« sagte er, und mit dem Ausdruck
eines zu Tode Verwundeten sah er mich an.

Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt hörte ich ihre ruhige kühle
Stimme wie von weit, weit her. Sie las den Brief der Tante vor, ich
verstand ihn kaum, nur die Worte »Pflicht«, »Opfer«, »Ehrgefühl«
wiederholten sich, wie es schien, häufig. »Alix wird,« so schloß er
ungefähr, »durch diese Erfahrung klug werden und ihre zügellosen
Leidenschaften bändigen lernen. Unser ganzes Leben ist Entsagung und
Pflichterfüllung ...« Ich lachte gellend auf bei dieser schönen Tirade,
um gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen. Papa trug
mich in mein Bett. Meine Mutter verließ mich von da an keine Minute.
Gegen Abend ließ sie mich aufstehen. Kaum auf den Füßen konnt ich mich
halten, und vor Schmerzen hätte ich am liebsten geschrien, aber meine
Willenskraft war stärker als alles. Ich vermochte es sogar, meinen Vater
dankbar anzulächeln, als er mir mitteilte, er habe »die schwere Aufgabe
auf sich genommen, den Prinzen über den Ausgang der traurigen
Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.«

Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete, hörte ich,
mit meinen fieberhaft geschärften Sinnen, Mama zu ihm sagen: »Ich kenne
Alix genug, um keine ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen
sind, -- es gab immer irgend eine mehr oder weniger fatale
Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit mitspricht, sieht
die Sache erheblicher aus.« »Aber du sahst sie doch! -- Eine solche
Verzweiflung läßt das Äußerste fürchten!« wandte mein Vater ein.
»Vertraue mir, lieber Hans -- du siehst sie immer wie in einem goldnen
Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr nüchternen und klaren Augen
behalten,« antwortete Mama, »wir haben jetzt nichts zu tun, als zu
verhüten, daß sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert --
alles andre überlasse ruhig der Zeit und --,« fügte sie mit einem halben
Lachen hinzu -- »dem nächsten Mann!«

Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich benahm mich, ihren Worten
entsprechend, während ich zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die
Ausführung eines Planes ging, der vom ersten Augenblick an, da ich von
der Ablehnung der Tante erfahren hatte, für mich fest stand. Ich ließ
mir zur Gutenacht die Stirn küssen und legte mich ruhig nieder; daß Mama
noch einmal kommen und nach mir sehen würde, wußte ich, und wartete, bis
sie zurück in ihr Schlafzimmer ging und jeder Ton im Hause erstorben
war. Dann stand ich auf, zog mich sorgfältig an, packte das Nötigste in
eine bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem Atem die
Treppe hinunter. Die Haustür knarrte nicht einmal, als ich sie
aufschloß. Es regnete in Strömen, kein Mensch war zu hören, noch zu
sehen. Ich wartete in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt
mir entgegen klang, ein schleppender Säbel auf das Pflaster taktmäßig
aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom Fenster aus ein verabredetes
Zeichen erwartend, in den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er fuhr
zurück, als er mich vor sich sah. Es bedurfte nicht vieler Worte
zwischen uns. Aber was ich gleichgültig, mit einer ganz fremden ruhigen
Stimme erzählte, das erschütterte ihn so, daß er sich schwer auf meine
Schulter lehnen mußte. »Ich kann dich nicht lassen, Alix!« stöhnte er
immer wieder. »Das sollst du auch nicht, Hellmut!« antwortete ich fest.
»Da uns zum Ehebund der Goldsegen fehlt, schließen wir ihn unter dem
Segen der Liebe.« Mit weit geöffneten Augen sah er mich an. »Du wolltest
--?« klang es fragend, zögernd. »Deine Geliebte werden -- ja.
Selbstverständlich muß ich Schwerin sofort verlassen -- -- --«

»Alix, du fieberst -- du weißt ja gar nicht, was du sagst, -- das ist ja
heller Wahnsinn!« rief er. Ich fühlte plötzlich, wie die feuchte Kälte
der Nacht von den Fußsohlen an langsam an mir emporkroch. »Ich bin nicht
wahnsinnig, Liebster --« sagte ich weich und drückte seine Hand zärtlich
an meine Wange, »ganz im Gegenteil: ich will die wahnsinnige Weltordnung
für mein Teil vernünftig machen! -- Nun laß uns nicht länger hier
stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend eine kleine Station
wird sich mit deinem Wagen doch noch erreichen lassen, wo ich den ersten
Morgenzug erwarten kann --.« Er trat einen Schritt zurück, -- »Mach mich
doch nicht zum Schurken -- Alix« -- er packte mich am Arm und schüttelte
mich, als wolle er mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich --
während der Regen mir ins Antlitz peitschte -- und die letzten Laternen
erloschen, kam es mit grausamer Klarheit über mich. »Hellmut!« rief ich
noch einmal und breitete die Arme aus. Er stürzte auf mich zu, bedeckte
mir Mund und Augen und Wangen und Hände mit wilden Küssen -- und
verschwand, wie von Furien gepeitscht, in der dunkeln Allee.

Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann strich ich mechanisch
mit den Händen über den nassen Mantel. Ich mußte mich vergewissern, wer
das eigentlich war, der hier draußen im Regen stand. Auch an die Stelle
griff ich, wo mir das Herz noch eben wild geschlagen hatte. Es war wohl
nicht mehr da -- es war wohl tot -- oder am Ende in den Schmutz
gefallen. Ganz ängstlich sah ich in die schwarzen Pfützen zu meinen
Füßen. Jetzt müßt ich eigentlich schlafen gehn -- fuhr es mir durch den
Kopf. -- Gott, war das Täschchen schwer und der nasse Mantel. -- Ob ich
mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! -- Nach ein paar Schritten
stockte mein Fuß: nein, das ging nicht, ringsumher standen schrecklich
viele Menschen und starrten mich an. Und dann rissen sie alle den Mund
weit auf, und von allen Ecken dröhnte und kreischte es --

    Oh, la marquise Pompadour --
    Elle connait l'amour --
    Et toutes ces tendresses --
    La plus belle des maîtresses -- --

Ich floh die Stufen empor, -- riß die Türe auf und setzte mich erschöpft
auf die Treppe. Aber sie krochen mir nach -- auf Händen und Füßen -- wie
Würmer. Mit den letzten Kräften schlich ich in mein Zimmer. Und
plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich -- Alix Kleve -- hier in
triefenden Kleidern auf dem Bette saß. Ein Grauen überfiel mich, als
wäre ich mein eigenes Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen
Weltraum. Die Sinne vergingen mir.

Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald
darauf ins Theater. Man gab »Hoffmanns Erzählungen« -- selbst bei der
Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden
gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte.



Elftes Kapitel


»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem
Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille
einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf
ein Jahr beurlauben lassen,« -- dabei lächelte sie, halb triumphierend,
halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.

»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit
vollkommener Ruhe.

An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein
liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße
auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am
offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit
einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels
das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von
mir.

»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich
hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als
ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort!

Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich
verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen
Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu
frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte
schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz
einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang,
fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich
in Empfang nahm.

»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich
überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier
behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller
Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich
zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten
Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu
machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach
Königsberg saß.

Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die
das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie
mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern,
hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme
gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden.
Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von
Mama zuerst -- ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen.

»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es
für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen.
Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem
Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so
hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die
höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest
Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und
Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern
zugrunde richten willst ...«

Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er lautete:

»Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an den
Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am
eignen Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter für die
Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion
in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine
ehrenrührige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch
beantworten würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter zu dienen, um
meine Familie zu erhalten ...«

Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich Großmama die Briefe zu
lesen gab. Mit ihrer schmalen kühlen Hand strich sie mir über die heiße
Stirn und sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung gern
ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so schlimm, wie es ihm
erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen
helfen.« Aber ich ließ mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte
förmlich im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir doch
nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte.

»Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück zu bringen --«
so formulierte ich eines Tages Großmama gegenüber das Resultat meiner
Grübeleien. »Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle
Kräfte lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen
solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch als Kunstwerke
nichts taugen.«

Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel später
klar wurde, lenkte sie mich von der Beschäftigung mit mir selber ab.

Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht
schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe
spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden.
Großmama brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu und saß, wie
eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf
erhöhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend,
während sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen
erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zöpfe, oder
putzte ein triefendes Näslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige
Pfötchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel
Selbstüberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale
Auffassung von der blühenden ländlichen Jugend Lügen. Nur wenige waren
rund und pausbäckig und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten
mühsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an Kopf und Körper, an
triefenden Augen litten viele, selbst Krüppel fehlten nicht, und mit
Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen
stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen stundenlang auf
demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. Andere, laute und lärmende,
führten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir
die Schamröte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas
nutzen konnte, daß sie hier während ein paar Kinderjahren vom inneren
und äußeren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und
wurde in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen Mütter immer
wieder über die gesundheitsschädliche Anwendung zu vielen Wassers
beklagen kamen.

»Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar fröhliche
Stunden schaffen und für ihr ganzes späteres Leben die wohlige
Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug,« sagte Großmama.

Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher
Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen
uns, oft kaum dreißigjährig und schon mit grauen Haaren, schlaffen
Brüsten und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend
Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blühende junge Mädchen.
Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und
brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, die die alten
Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. Immer warens dieselben
Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn
vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter
obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause Küchenmeister war.

Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gäste
streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und
Menschenschweiß, der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel den Atem
stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der
Stickluft der Häuser, zwischen lärmenden Kindern und keifenden Frauen.
Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu
verstehen. Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn die Einrichtung von
Leseabenden, die Einführung guter Bücher für Pirgallens Bewohner zu
erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. »Das
hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht treiben,« war
seine Antwort gewesen.

Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam am Haffstrand lagen
und die grauen Wellen jetzt im März noch Eisschollen auf ihrem Rücken
trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die
kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau
saß am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte
aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und ein
Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als
im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der
Unterordnung der Kinder unter den Willen der Väter. Jeder Wunsch in die
Ferne wurde erstickt, zerprügelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn
sie hier in die Türe trat.

Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war immer ein
überschwenglicher, der nicht im Verhältnis zur Gabe stand. Mochte er nun
von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich.
Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte.

»Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn ich der armen Lene
eine Suppe bringe, so schäme ich mich, daß ich mich am liebsten vor ihr
verstecken möchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!«

»Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« entgegnete
sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rätsel des
Elends in der Welt und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor
mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten
sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rüttelnd
vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besaß den Schlüssel, und der
Glaube, der über sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger
Vergeltung, war mir verloren gegangen.

Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. Die stenographischen
Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn
regelmäßig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich
langweilten sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das
ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten,
sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht
seiner Persönlichkeit für etwas, meiner Empfindung nach so
Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir
komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März die Frage der
Verlängerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs
mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.

Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze
gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten
richten. »Sie schaffen nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von
Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen oder
Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die Umstürzler energisch genug
war, darüber auseinander zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir
selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten
Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie über sie
nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische
Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverständliches
eingeprägt hatten, ohne daß mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger
gewesen wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren
ungeschriebenen Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind
gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster Genüsse zum Ziel alles
Strebens machen; sie sind Volksverführer und Betrüger, die, wo es ihren
Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde
führen, -- nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie war mir ein
Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die
kalte Atmosphäre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis
erstarrte, und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich lebte,
ließ mich immer stärker frösteln, je älter ich wurde, und steigerte
meine Sehnsucht nach einem heißen Sonnenland des inneren Lebens, wo
Hoffnungsblumen noch wachsen können. Die Sozialdemokratie, die auf
unseren alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das Vaterland
ständig beschimpfte, die Familie zerstören, die Frauen zum Gemeingut
machen wollte, erschien mir wie die letzte Entwicklungsphase der
Vereisung. Es gab daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem
Onkel mehr beipflichtete als meiner Großmutter und deren Wunsch, »die
infamen Kerls an den Laternenpfählen aufzuknüpfen«, mich nicht empörte.

Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. Als der Minister von
Puttkamer, -- der mir als kirchlicher Reaktionär schon unangenehm genug
war, -- die gegen die Übermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot
kämpfenden belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse voll
war, als Beispiel jener »sozialrevolutionären Bewegung« hinstellte, der
die deutsche Regierung »mit niederschmetterndem Widerstand begegnen«
würde, frappierte mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter
mit den deutschen Sozialdemokraten außerordentlich, und als Bebel
antwortete, vergaß ich über alledem, was er sagte, die Person des
Redners. Daß der Übermut der durch die Arbeit der Armen reich gewordenen
belgischen Fabrikanten und die Unterstützung, die die Regierung ihnen
angedeihen ließ, indem sie mit militärischer Gewalt wie gegen
Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, die revolutionäre
Bewegung hervorgerufen hätte, -- hervorrufen mußte, weil Menschen auf
die Dauer keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft
der Knute in Rußland notwendig den Meuchelmord zeugte, -- das alles
wirkte auf mich mit der Selbstverständlichkeit eigenster Gedankengänge,
und mich empörte die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die
Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen Gegner ihm immer
wieder unterstellten, er habe den Mord verherrlicht. Ich fiel erst
wieder -- und recht empfindlich -- aus den Himmeln meiner Begeisterung,
als Stöcker von den elenden Löhnen Berliner Mäntelnäherinnen sprach, und
Singer, der Parteigänger Bebels, der sich mir eben als Vertreter aller
Unterdrückten offenbart hatte, dem persönlichen Vorwurf, daß er selbst
durch solche Löhne reich geworden sei, nur mit lahmen Ausreden
begegnete.

»Es ist wie bei den Predigern des Christentums,« sagte ich, wie immer
rasch verbittert durch eine Enttäuschung, zu Großmama, »richtet euch
nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten.« Und erheblich
ernüchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten später schlug meine
Empfindung abermals um, -- es war eben nur Empfindung, die sich wie
Sommerfäden vom Winde hin und her treiben ließ, weil sie nicht zwischen
die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen war. Ein konservativer
Redner verlas ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, wonach die
Weibergemeinschaft eines der Postulate der Sozialdemokratie wäre. Aus
Liebknechts Erwiderung ergab sich, daß es sich auch diesmal um eine
gegnerische Fälschung handelte. Seinem ganzen Inhalt nach gab er das
Manifest wieder. Ich faßte nur auf, was mich am tiefsten traf: die
Forderung einer von ökonomischen Rücksichten vollkommen losgelösten Ehe.
Wurde nicht hier die Standarte eines Ideals aufgerichtet, das die ganze
christliche Zivilisation nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und
mehr in den Staub getreten hatte?!

Ich sprach mit Großmama darüber.

»Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,« sagte sie, »über das man
manche ihrer Sünden vergessen könnte, daß sie alte wahrhaft christliche
Ideale in ein neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben läßt, es
handle sich auch um neue Körper. Aber eine Verwirklichung kann sie
trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte einer christlichen Erziehung
und Gesetzgebung gehören dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen
an. Schon die Verwirklichung einer uns so geläufigen Forderung, wie die
des allgemeinen Stimmrechts, erscheint angesichts ihrer verfrüht. Oder
meinst du, daß es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, d. h.
heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, an ihrer Spitze
stehen?« Ich verstummte vor diesem Argument: unsere betrunkenen
Instleute -- entscheidende Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das
war zweifellos absurd.

Von Disraelis »Sybil« und Zolas »Germinal« hatte Liebknecht in derselben
Rede gesprochen. Wir lasen daraufhin beides: das schwächliche Werk des
Engländers, das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister sich
so offen auf die Seite der »schwarzen Arbeiter« hatte stellen können,
und den Roman des Franzosen, der mir täglich neue Schauer des Entsetzens
über den Rücken jagte, dessen fürchterliche Bilder mich bis in meine
Träume verfolgten. Ich sah die Maheude auf dem Schlachtplatz vor dem
Schacht neben dem toten Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine
und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd das Wasser höher und
höher an ihnen emporstieg, und der Hunger mit kalten Knochenfingern
ihren Leib zusammen schnürte, während der gedunsene Leichnam des
gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen zu ihnen empor
getragen wurde; -- aber fürchterlicher, als all diese Bilder, haftete
ein anderes unauslöschlich in meinem Gedächtnis: jener grauende Morgen,
an dem sich vor dem wieder geöffneten Schacht scheu und gebückt, still
und demütig all die zusammen fanden, die eben noch für ihre Freiheit
Leib und Leben eingesetzt hatten. »Was willst du -- ich hab ein Weib!«
sagten sie müde, »ich habe Kinder -- eine Mutter -- mich hungert;« und
die Maheude, die Furie des Aufstands, zählte schon die Jahre ihrer
Jüngsten, bis auch sie reif wären zur Einfahrt, -- »sie tragen alle ihre
Haut zu Markte, die Reihe kommt auch an sie!« -- Daß es Hunger und Not
und Elend gab, -- entsetzlich war es; entsetzlicher noch, daß die
Menschen es ertrugen.

Inzwischen war über Nacht mit all seiner Herrlichkeit der Mai ins Land
gezogen, und vorbei wars mit der Stille in Großmamas grünem Zimmer. Ihr
Sohn und die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs neue das
alte Schloß von Pirgallen. Ich wars zufrieden; ein Netz von Schwermut
schnürte mir den Atem ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das
Leben, und alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.

»Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen Grübelstunden
gelitten und war so am Ende alles Denkens angelangt,« schrieb ich an
meine Kusine, »daß der Trubel der Gefälligkeit gerade zur rechten Zeit
kam; ich muß in diesem betäubenden Meer des Vergebens wieder
untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.« Und ein paar Wochen
später: »Wenn man mit sich und der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist
es das Beste, nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genieße das Leben, so
lange ich jung bin und man mir huldigt, und betäube die warnenden
Stimmen im Innern. Ich reite, ich rauche, ich bin kokett, ich mache
extravagante Toiletten und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen
pflegt, -- aber ich würde mir auch nichts daraus machen, wenn ein Sturz
vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns dem dummen Spaß ein Ende machen
würde.«

Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich meine steigende
Anziehungskraft auf die Männer. Ihre Huldigungen wurden mir mehr und
mehr zum Bedürfnis; von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinüber,
die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortäuschten.

An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten und durchspielten
Tag, an dem ich mir aus lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu
müssen, keinen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, schrieb ich an Mathilde,
die sich gerade im Harz befand und mich dringend in die »Stille der
Bergwelt« eingeladen hatte: »Die Stille mag gut sein für den, der sich
gern erinnert, unsereins braucht die ewig knarrende Tretmühle des
Amüsements. Aber grüß mir immerhin den Harz; seine Berge sind freilich
Kinderspielzeug, seine Felsen eines nichtsnutzigen Engels schlechte
Kopien von Gottvaters Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe
Beziehung zur Hölle, nach der ich ein unbändiges Verlangen trage. Wenn
der Teufel auf dem Brocken seinen Repräsentationsball gibt, sag ihm, er
soll mich nicht vergessen. Er wird dir dankbar sein für deine
Kupplerdienste, -- ich bin momentan geradezu eine Delikatesse für ihn.«

Wir siedelten bald darauf nach Kranz über, wo mein Onkel eine geräumige
Villa dicht am Strand gemietet hatte. Das reizende Seebad
war überschwemmt mit dem Adel Ostpreußens, und mit jener
Selbstverständlichkeit aller Bevorrechteten, die sich unbewußt immer als
Mittelpunkt des Weltganzen fühlen und die übrige Menschheit nicht anders
ansehen als ihre Kammerdiener, vor denen man sich auch ungeniert gehen
lassen kann, dominierte unser großer lustiger Kreis überall: wir nahmen
die besten Plätze ein, die besten Schiffe beanspruchten wir, und wir
dachten nicht im entferntesten an die Ruhebedürftigkeit anderer
Badegäste, wenn wir bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und
vom Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen ließen. Unsere
alten Herren saßen bei Regen und Sonnenschein beim Skat und kümmerten
sich wenig um uns, so daß die Jugend sich doppelt des Lebens freute. Ein
kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten Ähnlichkeit mit den
dünnen Spieläffchen aus Seide, den Chenille-Grafen getauft hatten, gab
den Ton an. Er war häßlich, aber ungemein gewandt und graziös, seine
Schlagfertigkeit, sein beißender Witz, der nicht frei von Zynismus war,
seine chevalreske Art Damen gegenüber, die einen Stich von Impertinenz
besaß, seine vielseitige künstlerische Begabung, die überall im
leichtfertigen Dilettantismus stecken geblieben war, machten ihn in
diesem Kreis zu einer nicht alltäglichen Erscheinung. Eine »Partie« war
er nicht; er konnte sich daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und für
mich, die ich, wie er, nichts suchte als Amüsement, war er der gegebene
Kavalier.

Eines abends -- wir saßen wie gewöhnlich im Sande und spielten
Pfänderspiele -- mischte sich ein neuer Gefährte in unseren Kreis: Graf
Göhren. Er erschien mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes
Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt sogar,
ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein guter, treuer Pinscher sah er
aus, mit runden erstaunten Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich
wußte nicht recht, warum. Es fügte sich in den folgenden Tagen, daß wir
uns näher kennen lernten, und als wir einmal auf einem Spaziergang in
den Dünen vor einem Gewitter die Flucht ergriffen und, von der übrigen
Gesellschaft getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz suchten,
legte er mit ungewöhnlich sorglicher Gebärde seinen Mantel um meine
Schultern. Ich wurde bis ins Innerste warm dabei, -- es tat so wohl,
sich unter gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich nicht recht
bei der Sache und horchte erst auf, als der Chenille-Graf mit einer
Gitarre unter dem Arm auf mich zu trat. »Nun hab ich für Ihr Lied die
Melodie gefunden, Gnädigste,« sagte er, »wenn wir das anstimmen, kriegen
die Kranzer eine Gänsehaut vor Entsetzen.« Mein Lied?! Ach so! -- vor
ein paar Tagen hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war,
zum Lohn ein Gedicht begehrt, daß er darin entdeckt hatte. »Darf ich es
sehen?« frug Graf Göhren. Seine Stirn runzelte sich, als er es las. »Sie
werden es nicht singen lassen« -- sagte er darnach mit scharfer Betonung
zu mir gewandt. »Erlauben Sie, lieber Graf,« warf der andere lächelnd
ein: »Fräulein von Kleve hat sich des Rechts darüber schon begeben.« --
»Es bleibt trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, daß es
niemand anders hören wird --«. Graf Göhrens Stimme nahm einen drohenden
Klang an, die Situation wurde kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, --
mit welchem Recht verfügte dieser Mann über mich?! Da sah der
Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lächeln und einem kecken
Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen an: »Ich beuge mich
selbstverständlich, wie immer, dem Willen der Dame«, -- und
herausfordernd griffen seine schmalen gebräunten Finger in die Seiten
der Gitarre. »Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt zu
sein; Graf Göhren,« spottete ich, »wenn mein Lied Sie chokiert, steht es
Ihnen frei, nicht zuzuhören!« Mit kurzer Verbeugung reichte er mir das
Papier. Es hatte zu dämmern angefangen, und unsere Gefährten strömten
von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, ein paar Torten, das
Ergebnis einer verlorenen Wette, wurden von der Strandkonditorei
herunter getragen, -- »und nun kommt das Beste!« rief der Chenille-Graf,
»unser künftiges Bundeslied:«

    »Stoßt an mit mir! Füllt wieder die Pokale,
    Es schäumt der Wein, schäumt wie des Lebens Lust;
    Ein heitrer Sinn ziemt diesem Göttermahle.
    Im Fieber schlägt das Herz uns in der Brust,
    Laßt uns, damit die Sorgen uns versinken,
                    Trinken!«

Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die Damen schwiegen.

    »Lind ist die Nacht, es duften süß die Rosen,
    Heiß ist der Mund, der sich auf deinen preßt;
    Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,
    Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.
    Laßt uns, so lang die Sommerblumen sprießen
                    Genießen!«

Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das Publikum. Von einer
flackernden Laterne matt erhellt, sah ich Göhrens Gesicht mitten
darunter, und ihm zum Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen
Mädchen, deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr röteten, in
den Refrain ein.

    »Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,
    Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum,
    Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder
    Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum --
    Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? --
                    Stranden!«

Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen
Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schloß der Sänger.
Man drängte sich um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das
meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den mißgünstigen Zuschauer,
der unter der Menge verschwand.

»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« sagte Onkel
Walter am Morgen ärgerlich zu mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich
zuckte gleichgültig die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn
überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit
--.«

»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt zu lassen,«
unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre ich dir: lieber gehe ich
betteln, als daß ich mich verkaufe.«

Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja?« herrschte er mich an,
dann zuckte ein bitteres Lächeln über seine sonst so gemessen
beherrschten Züge: »Glaubst du, daß irgend einer von uns seinem Herzen
hat folgen können?!« Überrascht sah ich auf -- welch Licht fiel
plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!

Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar Tage, um dann zu
meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. Die letzten Monate
krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom
Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten Blätter entreißt. Sonst,
wenn michs fröstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue
Gefährtin Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, und
meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. Jetzt sah ich mich
vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben
war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.

»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam für mich selbst
halten könnt?!« schrieb ich an meine Kusine, »oder meinst Du, ich lebte,
nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt
zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden
habe als das ewige Einerlei der Wogen! -- -- -- Nur um eine Einsicht bin
ich inzwischen reicher geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so
unbändiges Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube durch
Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine Überlegung,
betäube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und
leibliches, betäube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an
gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst
'glücklich' sein. Je jünger man ist, desto leichter gehts; es ist aber
leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger
wirkt es ...«

       *       *       *       *       *

Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete mich. Vor Papas übler
Laune, vor der Öde der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich
angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzählte mir
schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung
nicht nur eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der
anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine höchst
interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine
schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es gibt welche, die erfüllt sind
von Tradition; die Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern
erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir träumen und
phantasieren schließlich so gern mit ihnen, daß wir die Welt draußen
beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an
breiter schützender Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen
zu Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes
Spielzeug aus, -- auch da ist gut sein für arme heimatlose Wanderer;
aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen,
die Wälder rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und
gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und Fabriken baute, da
ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Daß
der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der
Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen Bäumen umpflanzen
ließ, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, -- diese
einzige Schönheit des Orts machte es allein möglich, hier und da frei
aufzuatmen.

Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung anpassen, so
nehmen die Menschen allmählich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein
schweres Grau lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst die
Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man
unermüdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das
Vergnügen schließlich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon.
Der Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch mehr, -- womit
hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen sollen?! Es wimmelte von
Uniformen aller Art; aber selbst die schönste kavalleristische
Farbenpracht vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg zu
täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den
jungen Mädchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben
allein widert mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, ein
bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter dieser Maske der
guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von
Romantik und unterdrückten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl,
nie ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm wäret!« Die
Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre
Häuslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie
nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust
heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an am
Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen »Mädchen für Alles« als
Hülfe, und wuschen abends heimlich bei verhängten Fenstern die
Kinderwäsche selbst. Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben
sie zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und
nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten eine große Wohnung aus
demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten
Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden Männer über
die Straßen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat
die Naivität der Kinder, die sich den König nur in Purpur und Krone, den
Bettler nur im durchlöcherten Kleide denken können.

Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier -- einem
männlichen Seitenstück zu dem neidischen Haß, mit dem die meisten Frauen
jede schön Gekleidete betrachten -- war wohl noch nie so stark zutage
getreten als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen
geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kämpfen
um das Septennat lebhaften Anteil nahm.

Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil polnischen
Arbeiterbevölkerung. Was Uniform trug, vermied die Nähe der Fabriken.
Als ich einmal mit meinem Vater spazieren ritt, flog über eine Mauer weg
ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen die Beine. Sie
stiegen erschrocken und sausten dann in Karriere über die Landstraße, so
daß mir Hut und Schleier davonflog und es ein Stück Arbeit kostete, sich
im Sattel zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zügel hielt, war
indessen vergebens den heimtückischen Angreifern auf der Spur gewesen;
er konnte sich nicht fassen vor Wut, und ich hörte tagelang nichts
anderes als sein maßloses Schimpfen auf diese »Satansbrut von
Sozialdemokraten.« Niemand als sie waren die Attentäter gewesen, sie,
die sich im Reichstag durch ihre Haltung gegenüber der Militärvorlage
als Vaterlandsverräter dokumentiert hatten, -- sie, die nichts anders
verdienten, als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu werden.

Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. Daß sie nur in
der Phantasie Bismarks lebten, als willkommenes Mittel, seine
Forderungen durchzusetzen, -- das glaubten wir hier, dicht an der
russischen Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung bemächtigte
sich unser: die jungen Offiziere strahlten in der Erwartung, daß ihr
Leben endlich zum Ereignis werden könnte; mein Vater, der die Schrecken
des Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die Situation
betrachtete, doch in gehobener Stimmung. »Soldat sein und nur Krieg
spielen und Rekruten drillen, ist dasselbe wie Künstler sein und nichts
als Malstunden geben,« pflegte er zu sagen. In unserer nächsten Nähe an
der Grenze standen die Kosaken, und Woche um Woche wurden die russischen
Garnisonen verstärkt. Mein Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach
seiner Rückkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. In aller
Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten für rasche
Entfernung ihrer Familien zu sorgen; kam es zur Kriegserklärung, so
konnten die russischen Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg
sein. Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten der wichtigsten,
weil der feindlichen Grenze am nächsten liegenden Festung Thorn bestimmt
war, bereitete seine Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir
verpackten Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn
möglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die Stadt zu verlassen.

Da der Kriegslärm auch an der Westgrenze des Reichs immer lauter wurde,
konnte darüber kein Zweifel sein: kam es zur Explosion dieses massenhaft
angesammelten Zündstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle
wir standen.

Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott
fürchteten und sonst nichts in der Welt, -- die Ablehnung des Septennats
und die Auflösung des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, in
der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit brennendem
Interesse die Wahlkämpfe und begrüßte freudig den Sieg der
Vaterlandsfreunde über die Sozialdemokraten, die uns wehrlos den Feinden
hatten überliefern wollen.

Als aber dann der Kriegslärm so merkwürdig plötzlich verstummte und all
das glühende Feuer patriotischer Begeisterung nur da zu sein schien, um
die Gerichte gar zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war
ich rasch ernüchtert.

»Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche Berge von Sand.
Sie wandern. Und immer wieder pflanzen die Menschen junge Bäumchen in
den Boden, und so oft auch der gelbe Mörder über Nacht wieder kommt und
das grünende Leben verschlingt, -- sie hoffen stets aufs neue, daß die
Wurzeln ihrer Pflänzlein die Erde umklammern und festigen werden. --
Unser Zeitalter ist wie die Dünen auf der Nehrung: es duldet nichts
Grünes. Vernünftige Leute werden darum meine Dummheit verlachen, die
mich zwingt, Hoffnungsbäume hineinzusetzen und sie noch dazu mit der
Treibhausluft meiner Begeisterung zu umgeben ... Man will nivellieren,
und es ist, als ob man nach dem Maßstab des kleinsten Baumes einen
ganzen Wald zurechtstutzen wollte. Die alten Ideale hat man zerstört --
schon das Wort 'ideal' entlockt den meisten ein mitleidiges Lächeln --
und hüllt sich nur hinein, wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um
dem Pöbel weiß zu machen, man wäre ein echter Volkstribun.

Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, auf Reisen, in der
Lektüre, nicht um Kopf, Herz und Seele zu weiten, sondern um seinen
kritischen Witz vor den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns
Genußfähigkeit und gab uns Spottsucht dafür, wie man den Kindern aus
'Anstandsgefühl' Götterbilder verhüllt und ihnen die Trikotnacktheit des
Ballets statt dessen zeigt. Und dabei verhungern wir im stillen nach
dem, was die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: nach
geistigem Genuß, nach dem Glauben an ideale Güter. Noch schämen wir uns
dieses Gefühls, noch haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn
ich auch in einem Käfig lebe, so spüre ich doch die Luft, die draußen
weht, und mir ahnt in jenen lichtesten Momenten des Lebens, die die
vernünftigen Leute phantastische Nachtstunden nennen, daß junge kräftige
Bäume den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brüder an ihm
rächen werden.«

Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von der Empfängerin,
meiner Kusine, ein; sie gehörte auch zu den 'vernünftigen' Leuten, und
schon längst hatte unsere Korrespondenz den Charakter des
Gedankenaustausches vollkommen eingebüßt. Daß ich jemanden hatte, dem
gegenüber ich mich rückhaltlos aussprechen konnte, war aber für mich
Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. Auf meiner Reise nach
Süddeutschland, die ich, der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon
im Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg eine Woche
bei Mathilde auf. Ich wäre am liebsten schon nach dem ersten Tage
abgereist: eine Häuslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken
schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit kämpfte,
die verschüchtert durch die Räume schlich; ein von des Lebens Not
gezeichneter, in der muffigen Luft der Bureaus ständig mit seiner
Sehnsucht nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem Haß
alles verfolgte, was reich, was glücklich war; die Mutter, die trotz
ihrer drei Kinder alle bösen Zeichen vergrämter Altjungfernschaft an
sich trug; die Söhne, geistig verkümmert, durch die Schultyrannei um
jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, meine Freundin,
blaß, müde, mit Mädchenfreundschaften, Gesangvereinen, und
Sonntagsschularbeit mühselig ihren Lebenshunger stillend, -- daß es
dergleichen gab, daß sich solch ein Dasein ertragen ließ!

In München traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen nach Augsburg,
einem schweren Augenblick entgegen. Sein Bruder Arthur, mit dem er sich
seit vielen Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tänzerin, überworfen
hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner Frau, zu seiner Schwester
gezogen, und diese wünschte eine Versöhnung der Brüder. Mit jener
Bereitwilligkeit, die mein sonst so starrköpfiger Vater seiner Schwester
gegenüber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem Willen gefügt. Wie
schwer es ihm wurde, merkte ich an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu
einer konventionellen Verkleisterung des Bruchs, einem höflichen
Händedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. Ich wäre über diesen
von mir nicht erwarteten friedlichen Ausgang der Dinge sehr erfreut
gewesen, wenn der Zorn über die Art, wie meine Tante meinen Vater
behandelte, und wie er sich von ihr behandeln ließ, mich nicht immer
wieder übermannt hätte. Wie an einem Schulbuben nörgelte sie den ganzen
Tag an ihm herum, und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. Das
Zivil meines Vaters mißfiel ihr -- man sah ihm immer an, wie unbehaglich
ihm darin zumute war --, wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz!
Sie spottete über seine zunehmende Körperfülle, -- welch jugendliche
Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfügte rücksichtslos über seine
Zeit, ordnete sich selbst dagegen immer den Wünschen Arthurs unter. Sie
hatte ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Möbel ausgeräumt,
um den seinen Platz zu machen, und mit einem liebenswürdigen Egoismus,
der ihren brutalen übertrumpfte, spielte er den Herrn im Hause. Hatte
sich mein Vater den ganzen Tag ihren Launen gefügt, so hörte ich durch
die Tür, wie er sich nachts stöhnend im Bett hin und her warf. Eines
Morgens saß ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem
Wortwechsel, mit der Tante draußen vorüber ging. »Ich bin nicht dazu da,
euren Aufwand zu bestreiten,« sagte sie, »es sollte dir wahrhaftig
ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter so bevorzuge.« -- »Wenn
ich mich nur darauf verlassen könnte,« stieß er hervor. »Ich breche mein
Versprechen nicht -- Gott soll mich vor der Sünde bewahren,« antwortete
sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie
denselben Weg zurück. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders
gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. »So werd' ich
einmal ruhig sterben können,« sagte mein Vater mit weicher Stimme, »bis
übers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!«

Milder und gefügiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines
Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer
Freude sie die Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen
Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, so daß er
mich oft verwundert ansah und lächelnd sagte: »Ja, was ist denn das mit
dir? So was hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar nicht
erlebt?!« Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante haßte ich fast.

Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die
Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau
unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der
in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel
beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert in die Hand. »Ich weiß,
Hans braucht Geld,« sagte er beinahe schüchtern, »von mir nimmt ers
nicht. Schick ihm das -- zur Verwahrung -- als mein Geburtstagsgeschenk
an dich.« Er wartete meinen Dank nicht ab; ich schickte noch in
derselben Stunde die braunen Scheine nach Bromberg; das Eis zwischen mir
und Onkel Arthur war gebrochen.

Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante verwandelte sich unter
seinem Einfluß zu einer mehr als nachsichtigen. Er erreichte alles, was
mir Vergnügen machte, vorausgesetzt, daß es auch seinen Wünschen
entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge hinauf, -- zu dem
jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er war ein ebenso leidenschaftlicher
wie tollkühner Bergsteiger, der Führer und gebahnte Wege verschmähte.
Auf dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und gerade wie ein
Kirchtum gen Himmel steigt, mußte ich erst Probe klettern, ehe er mich
überall hin mitnahm -- auf die Berge der Gegend zuerst und dann weiter,
immer weiter. Eine Sportausrüstung eigener Erfindung ließ er mir machen:
kurze Hosen und Gamaschen -- etwas Unerhörtes zu damaliger Zeit. Aber
auch das ließ die Tante geschehen, sie sträubte sich nur im Namen des
Anstands ein bißchen, als er den »Panzer« verbot. »Ich faß dich jedesmal
um die Taille und laß dich unweigerlich sitzen, wenn du das
Marterinstrument trägst,« sagte er, und ich fühlte mit Wonne die
Freiheit starker Atemzüge.

Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals nur einen
Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine Hütte mit einfachem
Heulager. Wir zündeten zum Zeichen unserer Ankunft auf der Spitze ein
mächtiges Feuer an und sahen schweigsam zu, bis es verglühte und das Tal
schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender strahlten jetzt die
Sterne, und weiß und gespenstisch glänzten von fern im Mondlicht die
Schneegipfel zu uns herüber. Mit einem tiefen, erlösenden Aufatmen
breitete mein Begleiter die Arme aus. »Ich lebe!« flüsterte er. Wie weh
mir der Jubel tat, der in seiner Stimme lag! -- Ich vergaß seine Nähe,
lehnte den Kopf an den Felsen und weinte -- seit langer, langer Zeit zum
erstenmal! Unten in der Hütte, in dem starken Heuduft fand ich keine
Ruhe und saß die ganze Nacht auf der Altane, während die Geister der
Vergangenheit aus der Tiefe zu mir aufstiegen, wie Nebel aus
Fiebersümpfen. Die Felsengesichter schnitten mir höhnische Fratzen, und
still und hoheitsvoll sahen weiße Riesenhäupter auf mich herab.

Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit seine
grauen Haare vergessen ließ, dabei voll rührender Sorgfalt für mich.
Einmal saßen wir im Sonnenschein vor der Sennhütte zur schwarzen Tenne.
Über dem offnen Feuer an einem primitiven Spieß briet er uns ein
Hühnchen; »Frauenzimmer sind zu dumm dazu,« sagte er, und ich überließ
ihm nur zu gern die Arbeit, um, an die braunen Balken der Hütte gelehnt,
durch dunkelgrüne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. Nach dem Mahl,
das die nie vergessene Flasche Moselwein würzte, streckte er sich mir zu
Füßen ins Gras und pfiff eine Tanzweise träumerisch vor sich hin.
»Komisch,« sagte ich halb zu mir selber, »du bist im Grunde ein Primaner
oder bestenfalls ein Sekondeleutnant.« Er lachte. »Das bin ich auch;
die Jahre, die zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.«

»Aber ...« ich stockte.

»Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner Wahl gelebt! Niemand
weiß bis heute, daß diese zwei Jahrzehnte die Hölle waren. Mein Stolz
hieß mich schweigen. Ich wollte nicht, daß Mutter und Geschwister Recht
behielten. Endlich kam die Erlösung: sie starb -- seit vielen Monden
eine arme Irre, die nichts dafür konnte, daß sie mich quälte,« -- ganz
alt sah der Onkel plötzlich aus, -- dann sprang er auf, schüttelte sich
wie ein nasser Jagdhund und fügte lächelnd hinzu: »die Liebe ist Humbug,
weißt du, echt ist allein die Natur, die Kunst, die Wissenschaft. Ich
freue mich auf das Leben wie ein Student!«

Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender als unsere
Wanderungen. Von früh bis spät wimmelte es von Gästen; wenn der Onkel
irgendwo jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so lud er
ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen. Es war eine bunte
Gesellschaft, die sich auf die Weise bei uns zusammenfand, denn
Tegernsee selbst schien eine Art neutraler Boden zu sein, wo die
heterogensten Elemente ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten. Da
gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter exotischer Art;
Finanzgrößen dunkelster Herkunft; alte Diplomaten, die bei irgend einem
Hofskandal Schiffbruch gelitten hatten; französische Marquisen, deren
Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem Antlitz die
bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie so siegessicher auf
Eroberungen ausgingen; deutsche Gräfinnen, deren graziöse Pirouetten
noch vor kurzem die Balletthabitués der Großstädte entzückt hatten; und
um die Galerie moderner Typen der 'guten' Gesellschaft voll zu machen,
fehlte es nicht an österreichischen Erzherzogen, sogar nicht an einem
König, -- wenn es auch nur einer a. D. war, der von Neapel, -- einem
alten Roué, und seiner wunderschönen extravaganten Königin. Dazwischen
bewegte sich das Künstlervolk -- ein wenig geniert die einen, ängstlich
bestrebt, es den Vornehmen möglichst gleich zu tun, die anderen,
Menschen von genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar
Auserwählte mit jener seltenen angeborenen Größe, die sich überall mit
gleicher Selbstverständlichkeit zu bewegen vermag. Von mancher schönen
österreichischen Komteß flüsterte man sich zu, daß sie an der Entstehung
Makartscher Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und noch heut
ließ sie es gern geschehen, wenn die Maler sich an ihr begeisterten; ein
Hauch von Romantik, der die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den
rotblonden Kopf einer graziösen Baronin, von deren Beziehungen zum
Kronprinzen von Österreich Frau Fama vernehmlich flüsterte. All das
flirtete und rauschte in knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel
am hellen Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in
klösterlicher Einsamkeit der fromme Mönch Werinher der allerseligsten
Jungfrau süße Weisen gesungen hatte, oder stieg in kokettem Jagdkostüm
auf bequemen Wegen zu den Sennhütten hinauf, deren Gäste noch vor kurzem
nur Dirndeln, Jäger und Wilddiebe gewesen waren. Am späten Nachmittag
rollten die Equipagen ins kreuther Tal, wo hoch oben, von Bergen eng
umschlossen, auf grünem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch
quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, ließ seine Toiletten
bewundern, trank seinen Kaffee mit österreichischer Betonung und von
österreichischer Güte und ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu
den sieben Hütten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstrümpfen, die
Madeln im Silbergeschnür und weitbauschendem kurzem Gewand sich im Tanze
drehten. Wenn die Dämmerung kam und lustige bunte Lampions sich wie
leuchtende Girlanden von Hütte zu Hütte zogen, dann änderte sich das
Bild: weiße Schleppen wirbelten zwischen den bunten Röcken, und
Lackschuhe glitten zwischen den Nagelstiefeln. Droben auf der
Hohensteinalp die blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese
wußten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den Weg nicht nach Hause
fand -- ach, und kleinwinzige Buberln gabs im Tal und Mäderln,
vaterlose, mit feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam
anzuschaun!

Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der eine zum Bad, der andere
nach dem Achensee führt, lag in einem weiten schattigen Park ein Haus,
nicht viel anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien ringsum und
buntbemalten Läden. Auf den grünen Rasenflächen davor, auf den
Spielplätzen zu beiden Seiten herrschte alltäglich ein frohes Leben und
Treiben. Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu jeder
Tageszeit ward man freudig begrüßt und reichlich bewirtet. Mich lockte
dies Haus schon lange; die ersten Künstler, das wußte ich, gingen dort
aus und ein. Aber meine Tante rümpfte die Nase, wenn ich seiner
Erwähnung tat, und mit tadelndem Kopfschütteln wurden diejenigen aus
unsern Kreisen betrachtet, die den Bann gebrochen hatten und sichs wohl
sein ließen in Schwarzeck. Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war
der Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr als sein
Name, so daß sich ihm gegenüber jener ästhetische Antisemitismus geltend
machte, den auch Vorurteilslose oft nicht abstreifen können. Der Magnet
des Hauses waren seine vier Töchter, von denen eine immer hübscher war
als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, daß selbst der Herzog Karl
Theodor bei ihnen verkehrte, überwand Onkel Arthur den Widerstand der
Tante, und eines Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte
zu machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines Kreises von
münchner Künstlern und Schriftstellern öffneten mir Ausblicke in eine
neue Welt: Fragen des Lebens und der Kunst wurden mit so rückhaltloser
Offenheit besprochen, daß ich es zunächst fast peinlich empfand und,
ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, außerstande war, mich daran
zu beteiligen. Um so aufmerksamer hörte ich zu: war dies ein Abglanz der
Welt, die ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen Idealen
erfüllt, auszog, um sie zu erobern?!

Ich wurde einer der häufigsten Gäste in Schwarzeck. Ich trotzte selbst
dem Befehl der Tante, die mich glaubte zurückhalten zu können, wenn sie
für mich nicht anspannen ließ, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fuß.

Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in heftigster Debatte
begriffen. Irgend ein Artikel aus M. G. Conrads »Gesellschaft« schien der
Anlaß gewesen zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser
»sittenlosen,« »die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden«
Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen Presse -- der
einzigen, die ich zu Gesicht bekam -- zuweilen gelesen zu haben.

»Und ich sage Ihnen, daß er recht hat -- tausendmal recht,« rief ein
junger blonder Dichter, das gelbe Heft wie eine Fahne schwingend,
»Wahrheit, hüllenlose Wahrheit ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur
indem wir sie ohne Rücksicht auf hyperästhetische Altjungfernnerven,
auch in ihrer Häßlichkeit, auch mit ihren Schwären und Wunden vor die
Menschheit hinstellen, schaffen wir Kunstwerke, Kulturwerte.«

»Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,« warf ein Maler Pilotyscher
Richtung ein, »sie soll uns erheben, uns auf Momente wenigstens über das
Elend des Daseins hinweghelfen --«

»Hinwegtäuschen, sagen Sie lieber,« mischte sich die junge Frau eines
münchener Redakteurs ins Gespräch, die, wie man munkelte, unter anderem
Namen Geschichten schrieb, die junge Mädchen nicht lesen durften, »sie
soll den großen Kindern Märchen erzählen, statt sie zu lehren, mit der
brutalen Wahrheit des Lebens fertig zu werden.«

»Wenn das ihre Aufgabe sein soll,« entgegnete der Maler, »dann werden
wir glücklich dahin gelangen, Operationssäle und Wochenstuben auf der
Bühne zu sehen. Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang
gemacht.«

Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem letzten Winter, wo
der Herzog von Meiningen den unerhörten Schritt gewagt hatte, die
»Gespenster« auf seine Bühne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt
war und ein Kreis junger Heißsporne den Dichter auf den Schild erhob,
las und hörte ich oft von ihm, als von einem halb Verrückten, einem, der
mit Wollust im Schmutze wühle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein
Verlangen getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen konnte er
unmöglich ein Wegweiser sein.

»Ibsen ist größer als Zola,« übertönte eine rauhe Männerstimme wie ein
ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, »Zola ist der
Zustandsschilderer par excellence, Ibsen aber legt die kritische Sonde
an die tiefsten Übel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so aufregen,
meine Herrschaften, so zeigt das nur, daß es irgendwo einen Punkt gibt,
wo auch Sie unter seiner Berührung schmerzhaft zusammenzucken. Daß wir
vor lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den großen und
kleinen Stricken und Ketten, die uns formen und einschnüren, unser Ich
verloren haben und als Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als
lebendige Menschen, -- das ist es, was jeden trifft, und was Ibsen
zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis uns schließlich zu
Kettenbrechern machen wird, oder ob irgend welche vorsorglichen
Menschheitswärter nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen --«

Das allgemeine Gespräch verlief sich allmählich in die Rinnsale der
Einzelunterhaltung und versickerte schließlich im Sande der
Alltagsfragen. Während die anderen sich im Park zerstreuten, sprach ich
den mit der rauhen Stimme an, einen echten vierschrötigen Bajuvaren.
»Können Sie mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher Sprache
erschienen sind?« Er musterte mich augenblinzelnd.

»Hm« -- machte er -- »obs der gnädigen Frau Tante auch recht sein
wird?!«

»Darauf dürfte es kaum ankommen, da ich sie lesen will,« entgegnete ich
scharf, geärgert über die spöttische Art seiner Antwort. Er lachte
dröhnend.

»Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut in den Adern!«
Mit großen, ungefügen Buchstaben schrieb er mir die Titel der Bücher auf
eine Ecke Zeitungspapier, zerdrückte mir mit seiner Riesenfaust fast die
Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte zum Parktor
hinaus.

»Wer war das?« frug ich eine der Töchter.

»Ach -- der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. Wie er heißt,
habe ich nicht verstanden. Ein ungehobelter Gesell, nicht wahr?«

Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rückweg gab ich eine Karte an eine
münchener Buchhandlung auf und sah von nun an jedem Postboten
erwartungsvoll entgegen, heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines
ungewohnten häuslichen Lebens vorschützend.

Und endlich kamen die Bücher! Ich las sie nicht, -- ich trank sie, wie
ein Durstender in der Wüste das frische Wasser. Nicht das Kunstwerk
genoß ich in ihnen, und nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir
war vielmehr, als hätte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll vor einem
dichten Vorhang gestanden, den plötzlich ein Sturmwind auseinanderriß,
um mir den blendenden, kristallhellen Spiegel dahinter zu enthüllen, der
scharf und klar mein eigenes Bild zurückwarf, und das der Vielen um mich
her.

Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen: von den wenigen
Menschen, die auf Vorposten stehen und für die Wahrheiten kämpfen, die
noch zu neugeboren sind, als daß sie die Mehrheit für sich haben
könnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer bunten Gewänder
entkleidet als nackte Lügen vor mir, und mit einem einzigen Blick
erkannte ich des Weibes Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, daß
ich den anderen Kunststücke vormachte?! »Ich habe Pflichten, die ebenso
heilig sind -- Pflichten gegen mich selbst --;« »ich muß nachdenken, ob
das, was mir gelehrt wurde, richtig ist, oder vielmehr, ob es für mich
richtig ist --« sagte Nora, und verließ das Puppenheim, um sich selbst
zu finden. »Irgend wie und wann werde ich handeln müssen, wie Nora,«
heißt es in meinem Tagebuch von Sommer 1887, »viele Fesseln, -- feine,
die ich kaum fühlte, und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, --
umschnüren mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, daß ich jedes Jahr
einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit den letzten fertig
werden?« Und an meine Kusine, die mir über meine Ibsenbegeisterung
erschrockene Vorhaltungen machte, schrieb ich: »Wer, wie Ibsen, den Mut
hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote niederzureißen, der
ist kein Pessimist, wie die Leute ihn schelten, die zu feige und zu
bequem sind, um die Augen zu öffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine
Zukunft, für deren helle Tempel Platz geschaffen werden muß, gibt die
Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstörung ... Du warnst mich vor
'unüberlegten Handlungen'; daraus sehe ich, wie wenig du mich verstehst.
Denn gerade damit hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich muß die
Aufgabe lösen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgendwo Hand anlegen
kann, wo es für mich etwas zu tun gibt.«

Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich mich zur Heimkehr
rüstete. Beim Abschied hielt der Onkel meine Hand lange in der seinen.
»Schade, daß du den Bergen untreu wurdest,« sagte er.

Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang in die Höhe. Tief unten
lächelte der See mit seinem großen Vergißmeinnichtauge; freundliche rote
Dächer und spitze Kirchtürme grüßten von seinen Ufern, und hinter ihm
bauten sich Ketten um Ketten weißglänzender Firnen auf. Nein, ich war
den Bergen nicht untreu geworden, und Höhenluft wars, die ich mit mir
nahm.



Zwölftes Kapitel


Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein Gipfel des Vergnügens,
besonders wenn Onkel Walter der Führer war. Niemand wußte wie er, in
welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem Zirkus am
schneidigsten geritten wird, und wo man am besten ißt und trinkt. Die
acht Tage, die ich diesmal auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm
verbrachte, waren aber mehr eine Qual als ein Genuß für mich, obwohl wir
vor lauter »Amüsement« gar nicht zu Atem kamen und meine lustige Tante
sich über meine »blasierte Miene«, mit der ich wohl »die neueste Mode
mitmachte«, nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll im
»Mikado«, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei Renz, wir saßen auf der
Estrade im Wintergarten, soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer
in derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen
Parlamentariern, aber von dem modernen künstlerischen und literarischen
Leben, dem mein ganzes Interesse galt, war nur insofern etwas zu spüren,
als die einen es verhöhnten, die anderen nach dem Staatsanwalt schrieen
und der Rest heimlich und voll zynischer Lüsternheit mit ihm
liebäugelte, wie ein alter Roué mit der Straßendirne. Familien-, Hof-
und politischer Klatsch stand im übrigen im Mittelpunkt der
Unterhaltung, und dem Ärger und der Verstimmung gab man, wie gewöhnlich,
wenn man unter sich war, den kräftigsten Ausdruck. Des armen kranken
Kronprinzen wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht, die Empörung
über den Einfluß der Kronprinzessin, über die von ihr eingefädelte
Battenberg-Affäre, deren Schlußeffekt der Sturz Bismarcks hätte sein
sollen, über die ganze allmählich zu Macht und Ansehen gelangende
Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen zusammen gesetzt sei,
war viel zu groß.

Die von Bismarck kopulierte unnatürliche Ehe zwischen dem
Nationalliberalismus und den Konservativen wurde hier, wo man sich
keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchte, drastisch genug beleuchtet.

»Hab ichs nicht immer gesagt,« rief bei einer solchen Unterhaltung eines
der ältesten Mitglieder des Herrenhauses, der Typus eines echten
Feudalherrn vom guten Schlag, »daß wir uns nicht stärker blamieren
konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern. Nichts, gar
nichts Gemeinsames haben wir mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die
der Bienenkönigin, die ihre werten Gatten töten läßt, wenn sie ihre
Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter uns so dämlich, uns für
-- die Königin zu halten?!«

»Na, hören Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch nicht behaupten wollen
--« unterbrach ihn mein Onkel.

»Gewiß behaupte ich --,« polterte der alte Herr »laßt mal erst das
Gesindel hoffähig werden -- ein 'von' und ein 'Baron' ist heut schon
eine Spielerei für den, ders Geld hat --, dann wirds bei uns wie in
England und in Frankreich: unsere Jungens reißen sich um ihre Mädels,
und von dem ganzen guten preußischen Adel bleibt nichts übrig als der
Name.«

»Nur daß die Voraussetzung für Ihre Folgerungen fehlen wird: der
Kronprinz wird kaum zur Regierung kommen, und mit seinem Tod haben die
Ambitionen der Herren Liberalen ihr Ende erreicht.«

Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich auf die
Schulter: »Sie sind ein guter Kerl, Golzow, aber das Pulvererfinden ist
ihre Sache nicht! Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn
würde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist heute konservativ
-- aus Opposition, natürlich! Er bleibts vielleicht auch -- dem Namen
nach. Aber ist er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen Größen
rechnen müssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht erleben, aber Sie, meine
Herren, werden in zwanzig Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben,
wenn er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert, und nicht
die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen mehr den Wert des
Mannes, sondern das gute Geschäft.«

»Es würde uns heute schon nichts schaden, wenn wir geschäftskundiger
wären,« mischte sich Baron Minckwitz ins Gespräch, der wegen seiner
Teilnahme an allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anrüchig
war, »man muß mit den Wölfen heulen, will man nicht zugrunde gehen.«

Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser
klirrten. »Ich gehe lieber zugrunde!« brüllte er. Ein peinliches
Schweigen entstand. Mir gefiel die unverfälschte Echtheit des Alten. Er
schien mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir über den Tisch hinweg
die Hand.

»Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein,« sagte er lächelnd, »ich bin
wirklich ein alter Mummelgreis, daß ich in Anwesenheit junger Damen so
ein Zeug schwätze! Übrigens -- ich wills gleich wieder gut machen --
richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment aus. Ich traf ihn vor vier
Wochen in Stettin bei Ihrer Majestät, er lief mir aber davon, ehe ich
ihm selber sagen konnte, wie glänzend seine Führung im Manöver war. In
der Umgebung Seiner Majestät herrschte nur eine Stimme darüber.«

Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaisermanöver, bei dem mein Vater
das Ostkorps, den »markierten Feind«, zu kommandieren gehabt hatte, nur
wenig gehört. »Der Kaiser war außerordentlich gnädig,« hatte er mir
geschrieben, »die Ernennung zum Divisionskommandeur kann jeden Tag
erfolgen,« hatte Mama hinzugefügt. Ich freute mich nun doppelt, Näheres
zu erfahren. »Sie wünschen am Ende eine Kriegsberichterstattung mit
allen Schikanen?« frug Graf Lehnsburg und baute aus Brotkrümeln und
Papierschnitzeln ein ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort
abzuwarten.

»Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin; die Papierschnitzel davor,
das ist das Dorf Brunn, und hier die Semmeln, das sind die Höhen, die
der General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen des 14. September
besetzt hielt. Er gehört noch zu der alten Sorte, wissen Sie, die von
Anno 70 her weiß, daß der, der am frühsten aufsteht, dem Siege am
nächsten ist. Dort drüben von der Ostsee her -- der Rotweinklexs reicht
gerade für den Tümpel -- kommt das feindliche Korps auf Stettin zu
marschiert, das es, nach dem Ratschluß der obersten Götter, erobern
soll. Der Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen zu
werden und den Ruhm des Gegners zu erhöhen. Natürlich war dieser Gegner
-- wie das die Götter mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen -- noch
mal so stark als er und hatte überdies in seiner Mitte so was wie einen
Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke reißen, immer noch seine
Gläubigen heraushaut.« Er legte dabei ein dickes Stück Schwarzbrot in
die Mitte der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten auf,
lachten und rückten näher zusammen. »Nun war aber ein Hundewetter an dem
Tag, es regnete Bauernjungens, darum entdeckte das Westkorps den
General, der schon eine ganze Weile mit allem nötigen Klimbim auf seinen
sieben Hügeln thronte, erst nach einigem unruhigen Hin- und Herfackeln.
Nachdem es die Situation glücklich erfaßt hatte, ging es marsch, marsch
im Sturm voran. Prinz Wilhelm -- der Schutzheilige, wissen Sie! --
führte dabei das Pommersche Grenadierregiment, und ich glaube, jeder
einzelne Kerl darin hatte schon nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich
den Lorbeer zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln
kroch. Aber Ihr Herr Vater hält offenbar nichts von Heiligen, -- er ist
ein ausgemachter Ketzer, für den schon irgendwo die Dienstbeflissenen
den Scheiterhaufen zusammentragen, -- er empfing den Feind mit einem
mörderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze blieb, das hätte
er, weiß Gott, noch gefangen genommen, wenn nicht ein weiser
Hoherpriester ihn beizeiten davon abgeraten hätte. Der hat freilich zum
Dank dafür ein paar faustdicke Grobheiten einstecken müssen! Es gab dann
noch eine formidable Reiterattacke -- ein théâtre paré für die Fremden!
--, wobei ein paar tausend arme Gäule sich einbilden sollten, das
Vaterland retten zu müssen; aber auch die Vierfüßler im Ostkorps zeigen
sich als die stärkeren. Ein schauerliches Abschlachten wärs im Ernstfall
gewesen. Sie sehen, Stettin konnte ruhig sein, -- und der alte Herr hat
in der Kritik den General von Kleve über den grünen Klee gelobt.
Trotzdem wars eine hanebüchene Dummheit, wie sie den Tapfersten immer
zustößt, daß er -- hm! -- daß er den -- den Schutzheiligen nicht besser
respektierte.«

Mein Onkel, der schon die ganze Zeit ungeduldig mit den Fingern auf der
Stuhllehne getrommelt hatte, schien für den Humor der Sache keinen Sinn
zu haben. »Schon Wochen vorher habe ich meinen Schwager gewarnt,« sagte
er, »wer den Prinzen kennt, weiß, daß er alles kann, nur nicht
vergessen.«

Angriffe auf meinen Vater konnte ich nie vertragen. Mir stieg auch jetzt
das Blut zu Kopf, und meine Verteidigung fiel heftiger aus, als es nötig
gewesen wäre.

»Ich finde, eine Rücksicht, wie du sie verlangtest, wäre eine
Pflichtverletzung gewesen. Wenn der Prinz, der noch nie eine Kugel hat
pfeifen hören, mit lauter servilen Leuten zu tun bekäme, so würde es
Deutschland mal büßen müssen.«

»Bravo!« sagte Graf Lehnsburg. »Großspuriges Geschwätz!« brummte der
Onkel.

Am frühen Morgen des nächsten Tages kam ein Telegramm: »Division in
Münster.« Mit beiden Füßen zugleich sprang ich aus dem Bett. Westfalen:
Das nordische Rom -- die Wiedertäufer -- Annette Droste -- der
Westfälische Friede -- die Hermannsschlacht, -- es war eine verwirrende
Vielheit bunter Bilder, die bei diesem Namen vor mir aufstiegen. Ich
fuhr noch am Nachmittag nach Bromberg. Merkwürdig ernst empfing mich
mein Vater. Kaum daß ich eine Frage an ihn zu richten wagte. Und auch zu
Hause blieb er still, während mein Schwesterchen voll Freude über den
Wechsel im Zimmer umhersprang und Mama die nächsten Pläne erwog. Erst
spät am Abend, als er seine gewohnte Patience gelegt hatte und sich
befriedigt, weil sie mit Mamas Hilfe richtig aufgegangen war, in den
Stuhl zurücklehnte, fing er an, sich über die Zukunft auszusprechen. Wir
orientierten uns mit Hilfe der Rangliste über die Verhältnisse seiner
Division; bis nach Aachen und Paderborn dehnte sie sich aus; lauter
Städte voll historischer Bedeutung gehörten zu ihren Garnisonen. In
Münster erwartete uns eine geräumige Dienstwohnung, eine glänzende
Geselligkeit; der Kommandierende war meinem Vater als liebenswürdiger
Vorgesetzter bekannt.

»Und trotzdem --?« Ich stockte vor dem finsteren Blick, der mich traf.
Gleich darauf lächelte er ein wenig gezwungen und strich sich halb
nachdenklich, halb verlegen den Bart. »Ihr merkt eben nichts, gar
nichts,« sagte er, »mit der Nase muß man euch darauf stoßen;« damit wies
er mit dem Finger in die Rangliste: »Die 13. Division« stand dort, fett
gedruckt. Die 13 aber war rot unterstrichen.

Mein Vater verließ die Gesellschaft, wenn dreizehn bei Tische waren, er
drehte um, wenn eine Katze ihm über den Weg lief, und machte drei
Kreuze, wenn ihm beim Morgenritt als Erste ein altes Weib begegnete. Ich
lächelte leise und drückte schmeichelnd meine Wange an die seine. »Den
Spuk werden wir bannen, Papachen -- auf immer.«

»Glaubst du?!« meinte er zweifelnd und starrte mit großen Augen an mir
vorbei ins Leere.

Wir blieben nur noch wenige Tage. Der alte Packer aus Berlin, der jedes
Stück unserer Einrichtung kannte und seine Kisten stets so wiederfand,
wie er sie beim letzten Umzug verlassen hatte, pflegte uns, wenn er kam,
ebenso entschieden wie freundlich hinaus zu komplimentieren. »For ne
Exzellenz is der Dreck nu jar nischt,« sagte er diesmal, als er mit
seinem Zeitungspaket unter dem Arme eintrat. In Berlin hielten wir uns
noch auf der Durchreise auf. Während Papa sich meldete, machten wir
Besorgungen. Die Größe der künftigen Wohnung hatte eine erhebliche
Vermehrung unserer Einrichtung notwendig erscheinen lassen, und die
alten Möbel waren schon lange eines neuen Gewandes bedürftig. Auch an
Toiletten für den nächsten Karneval fehlte es uns. Unter dem Eindruck,
nun nicht mehr mit jedem Groschen rechnen, nicht mehr an allen
verlockenden Auslagen als bloße Zuschauerin vorbeigehen zu müssen,
verjüngte sich meine Mutter förmlich; ich entdeckte zum erstenmal und
nicht ohne Beschämung, daß sie mit ihren dreiundvierzig Jahren noch
immer eine schöne Frau war, und eine Ahnung davon durchzuckte mich, daß
sie im Grunde ein ärmliches Leben geführt hatte und noch Ansprüche daran
zu stellen berechtigt war.

       *       *       *       *       *

Es war ein Spätherbstabend, als wir uns Münster näherten; ein Wald von
Türmen stand schwarz am dunkelvioletten Himmel. Durch dämmernde Straßen,
über die nur hie und da graue Gestalten huschten, erreichten wir
den Gasthof mit seiner gewölbten Eingangshalle und den von
jahrhundertelangen Tritten ausgehöhlten Steinstufen der Treppe.

Früh am Morgen weckte mich ein tiefer Ton, wie fernes Donnerrollen;
allmählich schwoll er stärker und stärker an, und ein Chor heller
Stimmen mischte sich hinein: die Glocken Münsters, die zur Frühmesse
riefen. Noch lange, nachdem sie verhallt waren, schien die ganze Luft in
geheimnisvoll klingende Schwingung versetzt.

Ich lugte neugierig zum schmalen Erkerfenster hinaus. Eine breite Straße
sah ich, eingefaßt von hochgegiebelten Häusern mit reichen Zieraten,
Erkern, Blätterwerk und Zinkenkronen; jedes in sich abgeschlossen, die
Trennung vom Nachbarn durch die ragende Spitze betonend; unten aber
verbanden gewölbte Arkaden, deren breite Bogen auf trutzig-kräftigen
Pfeilern ruhten, alle Gebäude miteinander. Mir war, als sei mir durch
einen Blick der tiefe Sinn alten deutschen Bürgertums aufgegangen: wie
es auf breitem Boden der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Schutzes
festbegründet ruhte und die Einheit und Selbständigkeit der Familie klar
und scharf sich daraus emporhob. Wie reich war doch jenes viel
gelästerte »finstere« Mittelalter gewesen, das für Inhalt und Bedeutung
des Lebens so wundervoll-harmonische Ausdrucksformen fand!

Eine Kirche, über die der ganze glaubensselige Reichtum der Gotik
ausgegossen schien, schloß mit schlankem Turm, durch dessen Maßwerk hoch
oben des Himmels lichte Bläue strahlte, und kraftvoll aufwärts
wachsenden Strebepfeilern die Straße gen Norden ab. Mußten sich nun
nicht rings die Tore öffnen, um fromme Beter zur Frühmesse zu entlassen,
-- Frauen in langen, reichen Gewändern, mit perlengestickten Gürteln,
das Haupt züchtig umhüllt, das Gebetbuch mit kunstvoll-geschmiedeter
Silberschließe in den Händen, -- Männer mit bunten geschlitzten Wämsen
und der nickenden Feder auf dem Barett? Ich wartete vergebens. Nur ein
paar Weiber in jenen tonlosen Kleidern, die das Ende des neunzehnten
Jahrhunderts, passend zum monotonen Stil seiner Kasernenstädte, erfunden
hat, verschwanden hinter den Kirchentüren. Schon wollte ich mich,
unmutig über den zerstörten Zauber zurück ins Zimmer wenden, als mein
Blick noch einmal gefesselt ward: aus der engen Gasse gegenüber wand
sich lautlos ein Zug grauer Nonnen; die Zipfel ihrer Hauben wehten im
Morgenwind, eng aneinander gedrückt, bewegten sie sich unhörbaren
Schrittes vorwärts, -- eine Kette verflogener Nachtvögel, die lichtscheu
über den Boden strich, bis sie das dunkle Kirchentor jenseits
verschlang. Und einsam wie vorher lag nun die Straße.

Unser erster Gang an demselben Morgen galt unserem künftigen Heim: dem
ehemaligen Kloster der Augustinerinnen, das fast vierhundert Jahre lang
dem strengen Orden der büßenden Nonnen gehört hatte, ehe es der
pietätlosen, säbelrasselnden Preußenpolitik zum Opfer fiel. Vor dem
langgestreckten grauen Haus mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern stand hinter ein paar mächtigen Linden halb versteckt die
uralte dunkle Servatiikirche; die hohen Gartenmauern des Erbdrostenhofes
-- eines jener zahlreichen prunkvollen Stadtschlösser westfälischer
Adelsgeschlechter -- umschlossen hinter ihr den engen Platz. Nur zögernd
betrat ich den breiten, fliesengedeckten Flur unseres Hauses; die laute
erklärende Stimme des Intendanturbeamten, der uns führte, machte mir
denselben schmerzhaften Eindruck wie die Stimmen all jener Kirchen-,
Gallerie- und Schloßdiener, die eigens dazu berufen zu sein scheinen,
den Besucher vor der Tiefe irgend eines Eindrucks zu bewahren. Ich ließ
ihn vorangehen und blieb allein. Es war ein heller Herbsttag draußen,
die Sonne überflutete das große Treppenhaus, aber in die Zimmer hinein
drang sie nicht; hier wehte jene schwere kühle Luft der Grüfte, die nie
ein Sonnenstrahl berührt. Alle Wohnräume lagen nach Norden, -- kein
warmer Gruß lockenden Lebens durfte die Nonnen berühren, deren Zellen
hier gewesen waren. Eine davon mochte wohl den frömmsten zur Wohnung
gedient haben: auf einen winzigen Hof sah sie hinaus; gerade gegenüber,
zum Greifen nah, fiel der Blick auf das hohe gotische Fenster der
Klosterkapelle, aus dessen zerbrochenem Glasgemälde die
schmerzverzerrten Züge eines heiligen Märtyrers noch zu erkennen waren.
»Hier ist der Zugang zur Kapelle vermauert,« hatte ich von ferne den
Beamten sagen hören; »die Leute erzählen sich noch immer, daß die Nonnen
nächtlicherweile hier umgehen und klagend an den Wänden kratzen, weil
ihnen der Weg versperrt wurde.«

Unten im Garten trafen wir uns wieder. Das Wahrzeichen Münsters -- die
Linde -- schmückte auch ihn, aber jetzt, da sie kahl war, verstärkte sie
nur den Eindruck lebloser Stille, den die Mauern ringsum hervorriefen:
die der Kürassierkaserne auf der einen, die des Proviantmagazins, in das
ein Flügel des Klosters umgewandelt worden war, auf der anderen Seite.

»Hier war der Kirchhof des Klosters,« sagte unser Führer. »Als vor ein
paar Jahren Exzellenz Melchior durch das Tor dort hereinfuhr, senkte
sich der Boden, und die Räder wühlten vermorschte Särge auf.« -- »Eine
gemütliche Dienstwohnung, -- das muß ich sagen,« versuchte mein Vater zu
scherzen. Ich fühlte, daß es auch ihm schwer wie ein Alb auf der Seele
lag. »Mir gefällt sie ausnehmend,« sagte meine Mutter lächelnd, »die
armen Toten schrecken mich nicht, und die Wohnung ist prachtvoll.«

Die Handwerker brachten von nun an Lärm und Leben hinein. Wir blieben
noch ein paar Wochen im Hotel, und ich benutzte die Zeit, um in allen
Gassen und Kirchen umherzustreichen. Nie hatte ich solch eine Stadt
gesehen: in Augsburg, in Nürnberg hatte die neue Zeit unter der Führung
der rücksichtslosen Eroberer Industrie und Technik die alte mehr und
mehr zurückgedrängt, überflutet, vernichtet, -- hier stand das Leben
still, kein Fabrikschlot erhob sich mit all seiner barbarischen
Protzenhaftigkeit neben den Kirchentürmen; hinter hohen Eisengittern,
in vornehmer Zurückgezogenheit prangten die Renaissance- und
Rokokoschlösser der Ketteler, der Heereman, der Droste-Vischering, der
Romberg, der Zwickel der Bevernförde, der Schmising, der Galen, der
Fürstenberg; zwischen hundertjährigen Linden standen Kirchen und
Kapellen, erfüllt von der Pracht und Schönheit romanischer und gotischer
Kunst; in abgelegenen Winkeln tauchten alte Klöster auf, deren
grasüberwucherte Höfe von Kreuzgängen wie von schützenden Armen umgeben
waren; manch alte Festungsmauer lugte draußen vor der Stadt zwischen
dickem Efeu und dichtem Gebüsch hervor, und heimlich verträumte
Plätzchen gab es neben plätschernden Brunnen, unter Weinlaub umsponnenen
Bogen, wohin kein anderer Laut des Lebens drang.

Daß die blaue Blume der Romantik hier Wurzel gefaßt hatte, als draußen
in der Welt die Aufklärung umging und sie mit Stumpf und Stiel
auszurotten trachtete, daß Freiheitsschwärmer, wie die Brüder Stolberg,
sich hier zu Füßen der Fürstin Galitzin in die Fesseln der katholischen
Kirche schlagen ließen und Hamann, der Magus des Nordens, hier seinen
frommen Phantasien lebte, -- wer verstünde es nicht, dem Münster seinen
Zauber enthüllte?

Mit der Fertigstellung unserer Wohnung hatte die genußvolle Zeit
täglicher Entdeckungsreisen ein Ende. Die häuslichen und außerhäuslichen
Pflichten nahmen mich wieder in Anspruch. »Wir feierten den gestrigen
Einzug in unser Kloster mit dem ersten Besuch der Garnisonkirche und
hörten in einem kahlen, kalten, nüchternen Raum eine ebensolche
Predigt,« schrieb ich an meine Kusine. »Dann kamen Besuche über Besuche,
-- leider nur solche, bei denen es einem geht, wie dem erwachsenen
Menschen vor dem Marionettentheater: alles Interesse hört auf, sobald
der Unternehmer die Puppen wieder in den Kasten legt. Am liebsten möchte
ich jetzt still in der Fensternische meiner Zelle sitzen und lesen,
lesen, lesen. Ich habe eine Bibliothek entdeckt -- im Verein für
Wissenschaft und Kunst --, die mir um so mehr zur Verfügung steht, als
sie niemand sonst zu benutzen scheint. Ein junger Beamter mit einem
strengen Asketengesicht, der mich zuerst sehr abweisend behandelte, ist
jetzt mein bester Berater. Du hättest sehen sollen, wie seine sonst halb
geschlossenen Augen aufleuchteten, als ich die Schönheit Münsters pries!
'Wenn Sie erst ganz Westfalen kennen würden!' meinte er, und dabei
huschte ein heller Schein kindlicher Schwärmerei ihm über die Züge. Er
gab mir Stöße von Büchern mit, aus denen ich Natur und Kunst seiner
geliebten roten Erde kennen lernen soll. Was mich aber noch weit mehr
anzieht, sind die zahlreichen Werke allgemeinen kulturgeschichtlichen
Inhalts, die der Katalog der Bibliothek aufweist. Mein Berater erklärte
freilich mit aller Bestimmtheit, das wäre nichts für mich, es seien
Bücher darunter, die die Ruhe der Seele gefährdeten; er wurde blaß und
rot, als ich ihm versicherte, daß mir nichts wünschenswerter sei; und
als ich von dem alten Bibliotheksdiener Leckys Geschichte der Aufklärung
und Tylors Anfänge der Kultur verlangte, starrte er mich an wie eine
Erscheinung und stotterte schließlich: »Aber -- aber es sind nicht
einmal Bilder drin!« Nächtlicherweile habe ich sie verschlungen, mein
Verstand hat zu ihnen ja und zehnmal ja gesagt; -- meine Sinne aber
schwelgten im weihrauchgeschwängerten Dämmerdunkel des Doms. Unter
diesem scheinbaren Widerspruch habe ich gelitten, bis mir klar wurde,
daß es gar keiner ist: alle Seiten unserer Natur bedürfen der Nahrung,
und die Kunst ist die Nahrung der Sinne. Religion aber ist im Grunde
nichts als Kunst und gestaltende Phantasie. Mir war der Protestantismus
nie sympatisch; daß er im Grunde nicht nur eine Vergewaltigung deutschen
Geistes und Wesens, sondern ausgesprochen areligiös ist, wurde mir von
diesem Standpunkt aus erst völlig klar.

Leider muß ich mir zum Denken und Lernen jede Stunde erkämpfen. Vor
Räumen, Toilettenkrimskrams, Leute einarbeiten, Besuche machen und
empfangen komme ich am Tage kaum zu mir selbst. Dabei haben sich wieder
ein paar landläufige Weisheitssprüche als fadenscheiniger Plunder
erwiesen: 'Nach getaner Arbeit ist gut ruhn,' -- 'Gut Gewissen, sanftes
Ruhekissen' -- 'Pflichterfüllung beglückt', -- lauter faustdicke Lügen,
die man uns wie Binden um die Augen legt, damit wir die Wahrheit nicht
mehr sehen können, -- die Wahrheit, die uns zeigt: Tue Deine Arbeit,
dann erst findest Du Befriedigung, -- erfülle Deine Bestimmung, dann
erst wirst Du glücklich sein.«

Mit steigender Virtuosität führte ich ein Doppelleben: ich vergrub mich
stundenweise in meine Bücher, ich lebte mit meinen Gedanken in ihnen,
während ich Hüte garnierte, schneiderte, oder mit den Vorbereitungen zu
den immer zahlreicheren Gesellschaften, Diners und Bällen beschäftigt
war. Aber mit dem Augenblick, wo ich im Festkleid in den Wagen stieg
oder die ersten Gäste bei uns erschienen, zog ich den Schlüssel zu dem
Geheimfach meines Innern ab, und nichts blieb von mir übrig als die
Salondame.

Pünktlich mit dem Dreikönigstag öffneten sich die Adelshöfe Münsters.
Der Karneval zog ein. Keiner von denen, die weise Maß halten und Hygiene
und Moral zu Hofmarschällen ernennen, damit die braven Menschenkinder
sich auch den Magen nicht verderben -- sondern ein ungestümer, ein
wilder, zügelloser, der jung und alt in seine Dienste zwingt, der uns
überkommt wie ein Rausch und uns selig-müde zurück läßt.

Eine alte Legende, die im Volke Westfalens noch immer lebendig ist,
erzählt, daß der Teufel einmal die Junker der ganzen Welt in seinen Sack
gesteckt habe, um sie der Hölle zu überliefern. Als er just über
Westfalen flog, zerriß der Sack, und es regnete Ritter. Darum gibt es
noch heut auf der roten Erde eine so große Menge von ihnen, und kein
Königshof könnte eine vornehmere Gesellschaft um sich versammeln als
Münster zur Karnevalszeit. Was aber ihrem alten Adel, dessen Ursprung
sich oft bis in die dunkeln Zeiten Wittekinds des Sachsenherzogs
verliert, den Glanz verleiht, ist der gesicherte Reichtum vieler
Generationen. Der preußische, der schlesische, der märkische Edelmann
mit seinen großen Händen, seiner breiten Statur, seinem dicken Schädel
verrät noch oft, daß sein Vorfahr wie ein Bauer arbeiten und leben
mußte, und sein derber Witz, seine Verständnislosigkeit für die feineren
künstlerischen Reize des Lebens lassen nicht vergessen, daß neben Axt
und Pflug sein einziges Handwerkszeug das Schwert gewesen ist. Seines
westfälischen Standesgenossen rassige Schlankheit, seine der harten
Arbeit seit Jahrhunderten entwöhnten Hände verdankt er dagegen der
Freigebigkeit des üppigen Bodens, den Scharen der Hörigen, die ihn
bebauen mußten; und die Grazie seiner gesellschaftlichen Formen, die
Schönheit seiner Umgebung erinnert an die prunkvollen Höfe der
Kirchenfürsten von Köln, von Paderborn, von Münster, wo seine Ahnen
erzogen wurden, und an die künstlerische Kultur, die die katholische
Kirche um sich verbreitete. Mit einem angeborenen Sinn für Stoffe und
Farben kleiden sich seine schön gewachsenen, ein wenig steifen Frauen
und Töchter mit den feinen, regelmäßigen, ein wenig leeren Gesichtern;
Perlen und Edelsteine in herrlicher alter Fassung schmücken ihre vollen
blonden Haare, ihre schneeweißen Nacken und Arme. Die Möbel, die
Schaustücke, das reiche Silbergerät in ihren Häusern ist ererbter
Familienbesitz aus den Glanzzeiten der Gotik, der Renaissance, des
Rokoko; von den farbensatten Gobelins, die die Wände der Säle decken,
sieht die ganze Vergangenheit herab auf das junge Geschlecht, das ihr
auch geistig nicht untreu geworden ist.

Sie sind alle gläubige Katholiken; sie versäumen die Messe nicht, auch
wenn sie die Nächte durchtanzen; barhäuptig, Gebetbuch und Rosenkranz in
den Händen, schreiten die vornehmsten mit in der großen Prozession am
Montag nach dem Reliquienfeste und am Tage Mariä Heimsuchung; die Kirche
ist ihr eigentliches Vaterland; in den Jahren des Kulturkampfes
behandelte der westfälische Adel die preußischen Beamten und Offiziere
wie Feinde, und eine gewisse mißtrauische Zurückhaltung zeigte sich hier
und da auch jetzt. Aber sie galt weniger dem preußischen Protestanten im
allgemeinen, als dem einzelnen, der mit taktloser Großspurigkeit
auftrat, oder -- dessen Adelsdiplom nicht ganz reinlich erschien. Hier
herrschte noch vollkommenste Exklusivität, -- ein Bürgerlicher, ein
Neugeadelter war nicht gesellschaftsfähig, und dies ungeschriebene
Gesetz wurde den Einheimischen gegenüber am strengsten gehandhabt. Eine
Organisation westfälischer Damen, die angesichts des Gleichheitstaumels
der französischen Revolutionsepoche gegründet worden war, konnte über
Sein und Nichtsein entscheiden. Ihre Feste waren unter dem Namen der
Bälle des Damenklubs weit und breit berühmt und -- gefürchtet. Wer dazu
nicht geladen wurde, war einfür allemal boykottiert; rückhaltlos
gesellschaftlich anerkannt war nur, wer auch bei den intimen
Veranstaltungen nicht fehlte. Der Klub hatte die Macht, Mitglieder des
westfälischen Adels, die sich irgend etwas hatten zuschulden kommen
lassen, durch geheime Abstimmung auf Monate oder Jahre von allem Verkehr
mit seinen Standesgenossen auszuschließen.

Die Rücksicht auf diese tiefwurzelnden Auffassungen -- spukte nicht hier
sogar die Erinnerung an die Vehme? -- führte zu merkwürdigen
Konsequenzen: man hatte zwar durchgesetzt, daß auch die nicht adeligen
Offiziere nicht völlig von der Geselligkeit ausgeschlossen wurden, aber
sie wurden nur zu großen Bällen gebeten und hätten es auch dort kaum
wagen dürfen, eine westfälische Dame zum Tanz zu führen. Die vierten
Kürassiere und die sogenannten Papst-Husaren aus Paderborn, --
Regimenter, so vornehm wie nur irgend eins der Garde, in die nicht
einmal ein unadliger Einjähriger Aufnahme fand, -- waren die allein
'hoffähigen'. Und so war es denn auch nicht die Stellung meines Vaters,
sondern sein Name und der Stammbaum meiner Mutter, die uns rasch alle
Türen öffneten. Geistige Ansprüche an unsere Gesellschaft zu stellen,
hatte ich aufgegeben; die Alix Kleve, die mit heißen Wangen und
brennender Lebenslust zum Klang süßer Walzerweisen von einem Arm in den
anderen flog, war nicht dieselbe, die daheim mit klopfendem Herzen und
unstillbarem Geistesdurst über den Büchern saß.

Die Atmosphäre der Vornehmheit und des Reichtums, die Eleganz der
Tänzer, die Schönheit der Menschen und der Räume befriedigte meine
Sinne; es gab Tage und Stunden, wo die prickelnde, fiebernde Lust des
Karnevals mich ganz und gar gefangen nahm, wo eine Tanzmelodie mich wie
ein elektrischer Schlag bis in die Fußspitzen durchzuckte und alle
übrigen Lebenstöne erschlug. Wir tanzten täglich; in den Fastnachtstagen
fielen sogar die Schranken zwischen den Gesellschaftsklassen und unter
Papierschlangengeschossen und Konfettiregen wagten wir uns unter die
maskierte Menge der Straße. Alle Höfe und Häuser standen offen; überall
konnten die Masken sich selbst zu Gaste laden, und doch artete die
sprudelnde Lustigkeit nie in rohe Späße aus.

Am Fastnachtsdienstag gab es ein Frühstück im Kürassierkasino, wo die
Sektpfropfen knatterten wie Salven, und darauf einen ausgelassenen Tanz
im Sande der Reitbahn, wo die Herren um die Wette über Hürden und Gräben
sprangen. Abends war der letzte Ball des Damenklubs; noch einmal wurde
getanzt wie rasend, alte Graubärte machten den Jüngsten den Rang dabei
streitig, und die Fülle der Blumen, die uns gespendet wurden, ließ sich
kaum fassen. Mir stoben Funken vor den Augen, und ich fühlte nichts
mehr als die wiegende, schleifende Bewegung und den heißen, keuchenden
Atem meiner Tänzer. Plötzlich, mitten im wilden Abschiedsgalopp, stand
alles still, wie von einem Zauber gebannt, die Musik brach ab, mit
kurzem Gruß huschten die Damen hinaus, rasch warfen die Herren den
Mantel über die Schultern -- zwölf schlug die tiefe Glocke vom Domturm,
Aschermittwoch klingelte das schrille Glöcklein von der
Liebfrauenkirche.

Mit einem Schlag schien das Leben erloschen. Still, mit verhängten
Fenstern lagen von nun an wieder die Adelshöfe. Nur drüben im
Erbdrostenhof regte sichs noch: gestern hatte die schlanke Tochter des
Hauses mit uns getanzt, heute nahm sie im Kloster der Ursulinerinnen den
Schleier. Wie eine glückliche Braut ward sie von all den Ihren geleitet,
und sie selbst lächelte wie eine solche. Mit einem Glanz verklärter
Freude auf den Zügen leisteten ihre Brüder -- die übermütigsten Tänzer
sonst -- die Ministrantendienste bei der heiligen Handlung. Und doch
wußten alle, daß es ein Abschied für immer war, denn in strenger Klausur
verbringen die Ursulinerinnen ihr nur dem Gebet und der Buße geweihtes
Leben.

Während der Fastenzeit kamen Kapuzinermönche nach Münster, die besten
Kirchenredner ihres Ordens. Sie Sprachen von vier Kanzeln dreimal des
Tags, und Kopf an Kopf drängte sich jedesmal die Menge und hielt
geduldig stundenlang stehend aus. Ich ging wiederholt in den Dom; die
fanatische Beredsamkeit dieser blassen Männer in ihren braunen Kutten
war überwältigend. Sie sprachen rücksichtslos und griffen mitten ins
Leben, und eine Wirkung ging von ihnen aus, die nicht nur in dem
wachsenden Andrang zu ihren Beichtstühlen zum Ausdruck kam, sondern auch
in den Handlungen der Einwohner Münsters. Wir hörten häufig, daß
gestohlenes Gut zurückgegeben wurde, Verleumder den Verleumdeten um
Verzeihung baten, Treulose zu den verführten Mädchen zurückkehrten. »Es
geht ein Zug nach Wahrheit und Befreiung durch die Welt, dem, ihrer
selbst nicht bewußt, auch die asketischen Diener der Kirche folgen
müssen. Zuweilen, wenn sie mit überwältigender Kraft das Elend armer
Arbeiter schilderten, und den Reihen, die nicht sehen und hören wollen,
mit den Schrecken auch der irdischen Sorgen drohten, schien es wirklich
Christi lebendiger Atem zu sein, der sie beseelte. Mir träumte dabei von
einer fernen Zukunft, wo in heiligen Hallen, wie diese, Missionsprediger
der Freiheit zu den Tausenden sprechen werden.« So schrieb ich an
Mathilde. In Münster aber verstand man meine häufigen Kirchenbesuche
anders. Zufall -- Absicht? -- führten mich mit katholischen Priestern
zusammen, und ich merkte bald, welch lebhaftes Interesse sie an mir
nahmen. Sie boten sich mir zu Führern in Kirchen und Kapellen an und
verwickelten mich, wenn ich kam, in religiöse Gespräche. Aus meiner
Stellung zum Protestantismus machte ich kein Hehl, und als ich einmal
freimütig erklärte, daß der Katholizismus mir weit anziehender sei,
meinte mein Begleiter vorsichtig: »Sie sollten sich mit unserer Kirche
näher vertraut machen, wenn sie Ihnen, wie es den Anschein hat, die Idee
des Christentums deutlicher repräsentiert.« -- »Die Idee des
Christentums?!« erwiderte ich lächelnd. »Nein, Hochwürden, mit ihr hat
die katholische Kirche nichts zu tun! Und gerade das ist es, was ich an
ihr liebe und bewundere.« Sprachlos starrte der Priester mich an. »Ich
begreife nicht --« brachte er schließlich hervor. »Darf ich es Ihnen
erklären?« Er nickte zustimmend.

»Meiner Ansicht nach ist die ursprüngliche Lehre Christi mit ihrem
Asketismus, ihrer Verachtung des Lebens, der Freude, der Schönheit,
ihrer Menschenfeindschaft, -- bei aller Betonung der Menschenliebe, --
der Natur der abendländischen Völker so widersprechend, daß sie sich in
ihrer Reinheit gar nicht durchsetzen konnte. Wir sind Heiden, sind
Sonnenanbeter; mit den Geschöpfen unserer Träume beleben wir Feld und
Wald, Berg und Tal. Karl der Große hat das rasch begriffen, und seine
Missionare mit ihm. Sie hatten häufig genug selbst Sachsenblut in den
Adern. Darum bauten sie an Stelle der Heiligtümer Wotans, Donars,
Baldurs und Freyas die Tempel Ihrer vielen Heiligen; darum erhoben sie
nicht den Gekreuzigten, sondern die Mutter Gottes, das Symbol
schaffenden Lebens, auf den Thron des Himmels. Darum schmücken die
Diener des Mannes, der nicht hatte, da er sein Haupt hätte hinlegen
können, ihre Gewänder, ihre Altäre und ihre Kirchen mit Gold und
Edelsteinen und zogen die Kunst in ihren Dienst. Vom Standpunkt Christi
aus hatten Ihre Wiedertäufer Recht, die die Bilder zerstörten, aber die
lebensstarke Natur ihrer Volksgenossen hat sie ins Unrecht gesetzt. Und
wissen Sie, was mich in meiner Auffassung vom heidnischen Charakter des
Katholizismus und seiner Lebensfähigkeit infolgedessen bestärkte: der
eben verflossene Karneval! In keinem protestantischen Lande ist
dergleichen möglich, auch wenn es auf denselben Breitengraden liegt, wie
Münster, wie Köln, wie Düsseldorf, wie München. Vor lauter
Verständigkeit und Nüchternheit haben wir die Freude verlernt, die ein
Bestandteil heidnischer Religiösität ist.«

Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, überlegen zu lächeln.

»Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren sogenannter
wissenschaftlicher Aufklärung, Heidentum nennen, was christ-katholisch
ist, das dürfte zunächst von geringem Belang sein, sofern Sie nur an die
Lehren der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen nicht die
Gedanken- und Gefühlstiefe des erprobten Bekenners.«

»Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich ihre Existenz auch
verstehe!« Der Priester schüttelte den grauen Kopf. »Wir werden einander
nie näher kommen, Hochwürden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst, und
Ihr Gott und Ihre Heiligen sind für mich nicht überirdische Wesen, die
ich anbeten muß, sondern Gebilde, die unsere Phantasie erschuf, wie die
Hand des Malers die heilige Jungfrau drüben. Daß Ihre Kirche diese
Schöpferkraft nicht unterband, sondern schützte, nährte, anfeuerte, ist
ein Verdienst, das sie mir ehrwürdig macht. Sie werden aber nun selbst
einsehen, daß sich aus solchem Material keine Proselyten machen lassen.«

Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich wurde in der
Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse und Aufmerksamkeit behandelt
als sonst ein junges Mädchen und war viel zu eitel, um die Vorteile
dieser Ausnahmestellung nicht angenehm zu empfinden. Daß ich mich im
stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis meiner Umgebung
entfernte, bemerkte niemand. Mit wem hätte ich mich auch ehrlich
aussprechen können? Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch
konservativen Anschauungen immer schroffer geworden, und je höher die
Stellung war, die er einnahm, je mehr er nichts anderes um sich hatte
als Untergebene, desto selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete
er Widerspruch. Meine Mutter wurde von steigender Antipathie gegen meine
Studien beherrscht, jeden Büchertitel musterte sie mit größtem
Mißtrauen, und ich konnte sicher sein, mit irgend einer »wichtigen«
häuslichen Aufgabe, wie Wäsche flicken, Staub wischen oder dergleichen,
immer dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt war. Unter
unseren vielen Bekannten war niemand, den ich für würdig und fähig
gehalten hätte, an meinen Interessen teil zu nehmen. Es gab schon
verblüffte Gesichter genug um mich her, wenn ich etwa über politische
Tagesereignisse mitzureden den Mut faßte.

So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und hochmütiger. Nichts
als meine pessimistischen Ansichten über die Menschen hatte ich
ausgesprochen, wenn ich auf einem Maskenfest des letzten Winters an die
Rosen, die ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet
hatte:

    Die Menschen tragen im Leben
    Eine Maske vor dem Gesicht;
    Wünsch' nicht, sie zu demaskieren,
    Denn, wisse, es lohnt sich nicht!

       *       *       *       *       *

    Und fürchtest du die Rose,
    Weil stets ihr Dorn dich sticht, --
    So pflücke dir Gänseblümchen,
    Die, Teuerster, stechen nicht!

       *       *       *       *       *

    Du träumst vom Feuer der Liebe,
    Das hoch ein jeder preist?
    Wisse, in unserm Jahrhundert
    Ist es ein Irrlicht meist.

       *       *       *       *       *

    Traue keinem hier von allen,
    Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;
    Niemals wird die zweite Maske fallen,
    Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.

       *       *       *       *       *

    »Im Münster ist's finster,«
    Wer wüßte das nicht?
    Doch sag mir, wo in der Welt
    Ist es licht?

Licht war für mich nur die Welt der Bücher; Erkenntnisse, die ich
gewann, erfüllten mich mit tiefer heißer Freude, und die Sehnsucht wuchs
hinaus aus der Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die
leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von Idealen erfüllt, mit
den reichsten Waffen des Geistes ausgestattet, eine dunkel geahnte
andere Welt zu erobern ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an
Mathilde waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen Lebens.

»Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte beim fünften großen
Werke angelangt,« schrieb ich damals, »mein Interesse dafür ist immer
im Wachsen, und immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit an --
damals noch wie eine Ahnung -- erfüllte: daß wir uns trotz allem, was
den Blick momentan verdunkeln mag, unaufhaltsam vorwärts bewegen. Wehe
denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, der
Religion, oder der Politik! -- Nur eins schmerzt mich oft bis zur
Verzweiflung: daß ich nur Zuschauer bin und weder beim Niederreißen des
Alten, noch beim Aufbauen des Neuen tatkräftig eingreifen kann.«

An anderer Stelle heißt es: »Auf dem Wege meiner stillen Studien bin ich
zu der Erkenntnis gelangt, daß unsere Entwicklung wie auf einer
Wendeltreppe vorwärts schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu
verstehen, dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken,
und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der persönliche Mensch und
fängt nun scheinbar von vorn an: er lernt, er versteht, er denkt -- oder
er entzündet das trocken aufgehäufte Pulver des Verstandes mit dem
elektrischen Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die starren
Formelmauern, um nun selbst Licht und Wärme zu verbreiten. Auf jeder
Stufe bleiben viele Menschen stehen; darum wird man mit dem
Vorwärtsschreiten immer einsamer und läßt viele hinter sich zurück, die
nicht gleichen Schritt mit uns hielten.«

Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einließ, trat sie mir
entgegen. Sie verteidigte z. B. die Heroengeschichte gegenüber der
Kulturgeschichte; sie suchte mir zu beweisen, daß die Könige,
Staatsmänner und Feldherrn die Geschichte »machen,« während ich
erklärte, »daß der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus dem Volk
herauswächst und die Großen der Erde oft nichts sind als Marionetten in
der Hand der ungeheuern namenlosen Masse.« Ich hatte viel zu sehr das
Bedürfnis, mich irgend jemandem gegenüber auszusprechen, und ihr Urteil
war mir überdies viel zu wenig maßgebend, als daß ich mich von ihren
Gegengründen hätte abschrecken lassen. »Meine letzte Entdeckung muß ich
Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein weiß, daß Du über meine
'umstürzlerischen' Ansichten wieder empört sein wirst. Je mehr ich die
Geschichte der Völker studiere, desto klarer wird mir, daß der große,
viel zu wenig anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der völlig
veränderten Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der Vergangenheit hat
die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles betrachtet. Im Gegenteil: nur
der Sklave, der Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose
arbeitete. Die Arbeit war eines freien Mannes unwürdig. Das war die
durchgängige Ansicht der antiken Völker, das war auch die der Germanen.
Und zu jenen Ehrlosen, die zur Arbeit gewissermaßen verdammt waren,
gehörten charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den
Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit eine Ehre -- das
Nichtstun ein Laster, -- dahin fangen wir erst an, uns zu entwickeln,
und zu ihrer vollen Bedeutung wird diese Erkenntnis erst in später
Zukunft gelangen. -- Für mich persönlich ist sie nicht eine bloße
verstandsmäßige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich erschütterte.
Wird der Wert des Menschen an seiner Leistung gemessen, -- wie bestehe
ich vor dieser Prüfung?! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an
Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite
nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt!«

Wie sich der Heißhungrige über jeden Bissen stürzt, so warf ich mich
über jede Möglichkeit des Erlebens und der Arbeit.

Zu jener Zeit starb der alte Kaiser, und im Märtyrerschicksal seines
Nachfolgers begann der Tragödie letzter Akt. Mit jener steigenden
Erregbarkeit meiner Nerven, die auch die Ereignisse außerhalb des
eigenen Schicksals zum persönlichen Erlebnis werden ließ, verfolgte ich
die Berichte der Presse, dachte des »neuen Herrn,« der nun kam, dessen
verkümmerter Arm mich vor Jahrzehnten schreckte, und der, seit jenem
Gespräch mit Graf Lehnsburg, seltsam drohend sich meinem Vater
entgegenzustrecken schien. Die alte Welt versank, -- der Todeskampf
Friedrichs III. war auch der ihre. Und mit wilder Zerstörungslust
schienen die Elemente ihn zu begleiten. Unaufhörlich strömte der Regen,
aus ihren Ufern traten die Flüsse, die Dämme brachen -- tausende stiller
Heimstätten wurden vernichtet, hunderttausenden armer Menschen drohte
Hunger und Elend. Und ich saß hier im gesicherten Schutz unseres Hauses
mit gebundenen Händen! -- In fieberhaftem Eifer schrieb ich die Märchen
nieder, die ich meinem Schwesterchen im Laufe der Jahre erzählt hatte.
Ich schickte sie aufs geratewohl einem Königsberger Verleger, mit der
Bestimmung, den etwaigen Erlös den Überschwemmten zuzuführen.
»Veröffentlichungen dieser Art liegen außerhalb unseres Gebiets,«
schrieb er, und rasch entmutigt warf ich sie ins Feuer. Kurz darauf
wurde ein Dilettantenkonzert zum Besten der Notleidenden arrangiert,
und ich, deren Karnevalsverse in Erinnerung geblieben waren, sollte
einen Prolog dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer,
ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und als ich am Tage der
Aufführung im schwarzem Trauerkleid auf hohem Podium stand, eine stumme
dunkle Menge vor mir, und fühlte, wie meine Stimme den Saal erfüllte, --
da war mirs, als sprengte mein eigenes klopfendes Herz die Eisenreifen,
die es umschnürt hatten. Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach
man mir, nachdem die einen mir stumm die Hand geschüttelt, die anderen,
voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besaß ich die Macht, die Menschen
zu erschüttern, sie zum Großen und Guten aus ihrer Stumpfheit
aufzurütteln? Eröffnete sich hier irgend ein Weg für mich, auf dem ich
endlich, endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? »O daß ich die
Kräfte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten einsetzen
dürfte, die durch die Wüste der Welt neue Wege bahnen!« schrieb ich noch
in der Nacht darnach an meine Kusine.

Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend Exemplaren verkauft.
Aber dem Hochgefühl folgte bald die Ernüchterung. Ein Tropfen auf den
heißen Stein war, was ich für die Überschwemmten erreicht hatte; in die
Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zurück; in das
Alltagsleben mußte ich aufs neue. Ich befand mich in einer förmlichen
Krisis, die mich schüttelte wie ein Fieber, mir allen Schlaf und alle
Selbstbeherrschung raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug,
warum ich so stumm und stocksteif dasäße, antwortete ich mit einer
Leidenschaft, die sich nicht mehr zurückdämmen ließ: »Weil das Leben
mir zum Ekel wurde -- weil ich mich selbst nicht länger ertragen kann.
--«

»Ja um Himmels willen, was ist denn geschehen? Wieder so 'ne verdammte
Liebesgeschichte?« Papa schwollen vor Schreck die Adern auf der Stirn.
Mama dagegen sah mich flüchtig forschend an und lächelte dann ihr feines
malitiöses Lächeln.

»Das Gegenteil dürfte richtig sein, -- ihr fehlt momentan die
Liebesgeschichte,« sagte sie, und sekundenlang fuhr es mir blitzartig
durchs Gehirn, ob sie am Ende recht haben könnte. Dann aber antwortete
ich rasch, um den Gedanken in mir selbst zu erlöschen:

»Arbeiten möcht ich, -- irgend etwas leisten, das mich ganz und gar in
Anspruch nimmt. Ich beneide den Steinklopfer an der Straße, der abends
wenigstens arbeitgesättigt totmüde auf seinen Strohsack sinkt.«

»Du hast doch genug zu tun, wie ich bemerke,« meinte Papa nach einem
kleinen zögernden Nachdenken, »du liest, du malst, du schneiderst, du
beschäftigst dich mit deiner Schwester, du bist der unersetzliche
Arrangeur unserer Feste --«

Mama unterbrach ihn: »Das genügt natürlich Alix' Ehrgeiz nicht.
Häusliche Pflichten sind ein überwundner Standpunkt. Aber du hast ja
Auswahl genug, wenn du ihrer überdrüssig wurdest,« damit wandte sie sich
an mich; ihr ganzes Gesicht war rot, und ihre schmalen Lippen bebten,
»du kannst Gesellschafterin -- Gouvernante -- Hofdame werden. Sieh dann
selber zu, wie das harte Brod der Fremde schmeckt!«

Mir stürzten die Tränen aus den Augen. Mir ahnte längst, daß mir kein
Ausweg blieb, und doch erschütterte mich die trockne Aufzählung dieser
einzigen Möglichkeiten, die für mich Unmöglichkeiten waren. Mein Vater
konnte niemanden weinen sehen, am wenigsten seine Töchter. Er sprang auf
und zog mich in die Arme, mir mit einem leisen: »Armes Kind, armes
Kind!« die Wangen streichelnd. Es blieb dann eine Weile ganz still
zwischen uns. Und dann sprach er mit derselben weichen Stimme auf mich
ein, wie auf eine Kranke, -- mit langen Pausen dazwischen, als wollte er
mir zum Antworten Zeit lassen. »Sei still, mein Kind -- bitte weine
nicht mehr. -- Wie ein Vorwurf ist das für mich -- daß ich nicht besser
für dich sorgte! Wärst du ein Mann, so hätte ich dich schon auf Wege
geführt, die einen Lebensinhalt gewährleisten, aber so -- -- du bist nur
ein Mädchen -- nur für einen einzigen Beruf bestimmt, -- alle anderen
wären doch nichts als traurige Lückenbüßer. Du sollst diesem einzigen
nicht so krampfhaft -- oder leichtsinnig -- aus dem Wege gehen! Ich bin
ein alter Mann und werde nicht ruhig sterben können, wenn ich dich nicht
im Hafen weiß!«

»Papa -- lieber Papa!« schluchzte ich auf; dann lief ich hinaus und
schloß mein Schlafzimmer hinter mir zu und saß auf dem Bett stundenlang
mit brennenden Augen und wundem Herzen. Nun hatte ich ein Buch nach dem
anderen heißhungrig verschlungen, und dunkel und leer gähnte mein
Inneres mich trotzdem an, -- hatte Erkenntnisse gewonnen, die mich
berauschten, und wenn ich zum nüchternen Tageslicht erwachte, war ich
elender als zuvor. So ist das Glück geistigen Werdens und Wachsens denn
auch nichts weiter als Betäubung? Ist wirklich das Schicksal des Weibes
nur der Mann? Und hat es kein Recht auf ein eigenes Leben? -- Der Mann!
Ich dachte derer, die mir im letzten Winter gehuldigt hatten, -- gute
Tänzer, lustige Kurmacher, zu einem flüchtigen Flirt wie geschaffen --
aber an sie gekettet, ihnen unterworfen sein -- ein ganzes Leben lang --
entsetzlich! Plötzlich aber fühlte ich mich wie eingehüllt von einem
Feuerstrom, so daß im ersten Schreck das Herz mir stockte: ein Kind! ein
Kind! -- das war des Lebens Zweck und Inhalt. Ein Kind wollt ich haben,
gleichgültig von wem, ein lebendiges Teil meiner Selbst, einen Sohn, --
das Geschöpf meines Körpers und meines Geistes --, der meine Träume
erfüllen, der werden sollte, was ich zu werden vergebens hoffte! Was
galt mir der Mann: mochte er sein, was er wollte, -- nur den Vater
meines Sohnes brauchte ich!

Und als wir am nächsten Abend wieder um den runden Tisch zusammen saßen,
sagte ich: »Du sollst dich nicht weiter um mich grämen, Papachen, -- paß
auf, über kurz oder lang hast du einen Schwiegersohn und bist die böse
Tochter los!« Worauf ich lachend einen zärtlichen Kuß bekam. Mama nahm
keine Notiz von meiner Bemerkung; erst am folgenden Tag kam sie darauf
zurück. »Ich habe dir niemals zur Ehe zugeredet,« sagte sie, »und hüte
mich auch jetzt davor. Das Glück, das ein Mädchen von ihr erwartet,
findet sie nie.« -- »Ich will auch kein Glück -- eine Lebensaufgabe will
ich -- ein Kind,« stieß ich widerwillig hervor, denn mich meiner Mutter
anzuvertrauen, kostete mir die größte Überwindung. »Ein Kind?!«
wiederholte sie, »um dich vollends mit Sorgen zu beladen?!«

Sie hatte mich offenbar nie so wenig verstanden wie heute.

Mein Vater dagegen war noch nie so liebevoll zu mir gewesen. Was er mir
an den Augen absehen konnte, das tat er. Lange Morgenritte machten wir
wieder zusammen, hinaus in die weite Heide, vorbei an all den stolz in
sich abgeschlossenen einsamen Bauernhöfen und an manch uraltem Schloß
mit festen Türmen und tiefen Gräben ringsum. Und wenn er weiter ins Land
Inspektionsreisen machte -- nach Minden, nach Soest, nach Paderborn --,
nahm er mich mit; während er seinen Dienst erledigte, lernte ich all die
Schätze alter Kunst, all die Wahrzeichen alter Geschichte kennen, an
denen Westfalen so reich ist.

In der ersten Hälfte des Monats Juni fuhren wir nach Aachen, der
Garnison des 53. Infanterieregiments, dessen Chef Kaiser Friedrich war.
Das Wetter war so schön, die Stadt und ihre Umgebung so unerschöpflich,
daß wir länger blieben, als es der Dienst meines Vaters erfordert hätte.

Am Mittag des 15. Juni 1888 -- wir kehrten gerade von einem Spaziergang
in unser Hotel zurück -- kam ein junger Leutnant atemlos von der Kaserne
und bat uns, ihm so rasch wie möglich dorthin zu folgen. Was er
erzählte, war so seltsam, daß wir, wäre es nicht heller Tag gewesen, an
seiner Nüchternheit hätten zweifeln dürfen. Ein Zug Soldaten habe, so
berichtete er, auf dem Kasernenhof exerziert; kaum sei er abgetreten,
als einem der Offiziere von seinem Fenster aus große lateinische
Schriftzeichen im Sande aufgefallen seien, die offenbar von den
regelmäßig sich wiederholenden Fußtritten herrühren mußten. Man habe
inzwischen rasch zu einem Photographen geschickt, um das merkwürdige
Phänomen auf der Platte festzuhalten, und »Exzellenz müssen es
unbedingt auch in Augenschein nehmen --« fügte er eifrig hinzu. »Zum
Donnerwetter, was ist es denn?« sauste mein Vater ihn an. »Es heißt für
jeden deutlich --.«

»Extrablatt! Extrablatt!« unterbrachen den ängstlich stotternden
Leutnant in diesem Augenblick viele Stimmen. »Heute Morgen elf Uhr ist
Kaiser Friedrich gestorben!«

Der junge Offizier wurde leichenblaß. »Elf Uhr?!« wiederholte er
langsam. »Um diese Stunde entstand die Schrift!«

Wir traten in den Kasernenhof. Das ganze Regiment schien versammelt und
starrte wie gebannt auf den regenfeuchten Platz. Mitten darauf stand in
riesigen Lettern:

                               W W II.



Dreizehntes Kapitel


                                                  Münster, 29. Dez. 1888
Liebe Mathilde!

Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel versprochen hatte, geht zu
Ende. Es ist nicht süß, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und sein
einziges greifbares Resultat ist, daß ich meine hochfliegenden Wünsche
und Hoffnungen sauber verpackt zu anderem Urväterhausrat in die alte
Truhe legte, wo ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens
hie und da herausnehmen und mit wehmütiger Resignation betrachten werde,
wie die Großmütter die Liebesbriefe ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst
mir zum neuen Jahr kein Glück zu wünschen; ich weiß von vorn herein, was
es bringt: das landläufige Mädchenschicksal einer Vernunftheirat. Ich
kenne den Glücklichen noch nicht, der sich an den Resten meines Ich
entflammen wird -- aber ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt
schon zur Kühle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten Ort das Herz
durchgeht.

Heut nacht hab ich beim müden Schimmer meiner Rosa-Ampel lange wach
gesessen und geträumt, -- gegrübelt wohl eher, denn träumen tut man kaum
mehr, wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem Ende zu
neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben -- schlechte Träume. Im
Kamin prasselte das Feuer, und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem
Spiegel ein Gesicht entgegen, das das einer Toten hätte sein können,
wenn nicht die Augen von verhaltenen Tränen geschimmert und die Lippen
wie eine klaffende Wunde blutrot geleuchtet hätten. Ein Kindergesicht
wars nie, -- bin ich denn überhaupt ein Kind gewesen? Ein glückliches
Kind? Es muß sehr lange her sein, denn ich besinne mich nicht darauf.
Ich mag auch nicht die Tafeln der Erinnerung aufdecken. Häßliche Bilder
zeigen sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt in
schillernden Farben, aber sieh dir den Höllenspuk nur genauer an: war
nicht das Schicksal ein wahnwitziger Maler, daß es so kostbares Material
an solchen Schund verwandte?

Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe etwa? Armes Menschenkind!
Sie ging an dir vorüber und du sahst nur so viel von ihr, um die
Sehnsucht darnach, die fiebernde, heiße, ewig zu spüren! Und der Glanz?
Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, daß er nichts war als
Flittergold, -- Raketen, die prasseln und strahlen; wenn sie verglimmt
sind, ist es viel dunkler noch als zuvor! --

Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene Liebschaft, --
die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt, schüchtern nur und von
ferne, um die Hehre nicht mit meiner Pfuscherei zu besudeln, -- die
bleibt mir. Das mag jenen Luxustieren unter den Menschen genügen, die
vom Leben nichts wollen als Genuß, -- jenen, die so hohl sind, daß sie
immer empfangen können. Ich aber wollte schaffen!! -- Wozu lebe ich denn
überhaupt? Würde mich jemand vermissen, würde eine Lücke bleiben, wenn
ich nicht wäre? Meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde würden
trauern. Wie lange? Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird
denn nur wahrhaft vermißt? Ein guter Vater, -- eine treue, sorgende
Mutter! --

Pfui, du hast geweint, -- schnell, lache, setze die Maske auf, -- wer
zeigt denn heutzutage sein Gesicht? Es wären der Falten, der Tränen zu
viele!

Verzeih -- ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel. Im nächsten Brief
sollst Du hören, wie herrlich ich mich amüsiere!

Prost Neujahr! -- Übrigens eine prachtvolle Phrase, mit der man sich um
das 'Glück' wünschen herumdrücken kann.

                                                Deine Alix.


                                                     Münster, 30. 1. 89
Liebe Mathilde!

Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen läßt, ist die Ursache meines
langen Schweigens. Ich will ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz
genießen, weil es unweigerlich der letzte für mich ist. So oder so: ich
verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf der Höhe des Triumphs.
Alle bösen Geister haben wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen
mich vorwärts auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger
Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden -- dem einst allmächtigen und
gefürchteten Chef des Militärkabinetts, der die Vorsehung seiner
Vettern bis ins zwanzigste Glied gewesen ist -- scheinen die Löwinnen
des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer Tätigkeit hierher verlegt
zu haben. Eine komische Gesellschaft: vornehm, blasiert, elegant,
hochnasig, mit einem starken Stich ins Burschikose, nicht ohne
'Vergangenheit'. Diese beiden letztgenannten Eigenschaften sind die
Ursache ihrer nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man im
Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun ist Münster aber auch
nicht der Ort, wo Leutnants den jungen Damen kameradschaftlich auf die
Schultern klopfen und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln
zum Damenfrühstück erscheinen können. Kurz -- wir werden die fremden
Vögel schon ausräuchern, und ich tue dazu, was ich an Koketterie, an
Geist und Toiletten aufbringen kann. Mit dem glänzendsten Kavalier
dieses Karnevals, Herrn von Hessenstein, der kürzlich hier
Schwadronschef geworden ist, schloß ich ein Schutz- und Trutzbündnis zu
diesem Zweck. Du brauchst keine Kassandrarufe auszustoßen -- wir
gefallen einander -- nichts weiter!

Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und Weib, die mit Geist und
Herz gar nichts zu tun hat; ich möchte sie körperlichen Magnetismus
nennen. Man ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt
der Natur nicht gemein sein kann. Zum Unglück wird sie nur, weil das
sentimentale Liebesgewinsel unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere
verlogene Erziehung uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit
falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden Sinne werden oft
von Menschen angezogen, von denen Geist und Herz sich abgestoßen
fühlen. Und umgekehrt sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel
empfinden. Würde ich mich des Instinktes schämen und ihn infolgedessen
mit dem Feigenblatt verlogener Schwärmerei bedecken, -- in welch
unselige Ehen hätte ich mich schon fesseln lassen! Vielleicht ist die
wahre, dauernde Liebe erst möglich unter den Gatten, die sich ganz
kennen, sich ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser äußerer Zwang
zusammenhält. Alles übrige ist Flirt -- Sport, oder sonst ein Fremdwort
... Wenn ich nur nicht die fatale Eigenschaft hätte, gegen alle Art
bürgerlich ehrbarer, staatlich sanktionierter, zu lebenslänglichem
Gebrauch auf Flaschen gezogener Gefühle einen unüberwindlichen Abscheu
zu haben ...«

Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen, unser Oberpräsident, -- ein
gescheiter, feiner, alter Herr, der einzige fast, mit dem ich eine
ernstere Unterhaltung führen mochte, -- ein Diner, zu dem er mich,
entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge Mädchen waren ja
nur zum Tanzen da; man schloß sie daher überall von den Gelegenheiten
aus, wo Ansprüche an den Geist, statt an die Füße gemacht werden
konnten.

»Sie sollen heute diesen Böotier bekehren,« sagte mir unser Gastgeber
lächelnd, indem er mir Herrn von Syburg, den neuen Hammer Landrat
vorstellte, »er hat Ansichten über die Frauen, -- na, Sie werden ja
sehen!«

Ein großer schmächtiger Mann machte mir eine steife Verbeugung, und ein
paar helle, weit vorstehende Augen musterten mich ernsthaft. Der erste
Eindruck, den ich empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber
ins Gespräch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine Kenntnisse, seine
vielseitigen Interessen erhoben ihn über den Durchschnitt. Er war
konservativ bis in die Fingerspitzen, und unsere Ansichten platzten
ständig aufeinander. Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte
Überzeugung, so daß mir meine eigene Unklarheit peinlich zum Bewußtsein
kam. Im Grunde war ich nur sicher in der Negation; diese Schwäche meines
Standpunkts schien Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm
ein Übergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr stets peinlich
fühlbar blieb.

Er besuchte uns am nächsten Tage und fehlte dann in keiner Gesellschaft.
Er machte mir auf seine Art den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir
und war stets mein Tischherr.

»Nun hast du glücklich wieder eine neue 'Briefmarke',« meinte mein
Vater; aber während er sonst an dieselbe Bemerkung ärgerliche Vorwürfe
knüpfte, lächelte er diesmal dazu. Er neckte mich, weil ich
fahnenflüchtig zum Zivil überginge, und erzählte wohl auch gelegentlich
von dem großen Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von dem
Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich in der Tasche
trüge. Seine Stimmung machte mich weich, -- der Gedanke, daß es
vielleicht in meiner Hand liegen sollte, ihn glücklich zu machen, lähmte
meine Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegenüber immer scheuer
und büßte immer mehr von meiner Lustigkeit ein, weil ich mich ständig
von ihm beobachtet wußte.

»Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen,« sagte Hessenstein
eines Tages zu mir, der der einzige war, dem die Entwicklung der Dinge
mißfiel, und der kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht.
Er unterwirft mich wirklich einer förmlichen Prüfung, dachte ich bitter.
Häufig nahm er einen dozierenden Ton an, der mich wild machen konnte.
Und doch wuchs seine Macht über mich. Es imponierte mir, daß er nie den
girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen Wünschen fügte, ja, sich
manchen leisen Tadel gestattete, dessen Berechtigung ich anerkennen
mußte. Schon vor Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben: »Ich
bedarf der Bewunderung, sagst du, -- gewiß! Und doch sehne ich mich nach
einem Menschen, den nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft,
der mir nicht demütig die Hände küßt, sondern mich sanft und mitleidig
an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh dich aus, du armes, müdes Kind!«

Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten konstruieren
künstlich eine Weibesliebe, die den Gleichen begehrt. Den Höherstehenden
will sie; denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedürftigkeit ist
ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, meiner Sehnsucht Erfüllung
vorzutäuschen, und wenn ich auch oft entsetzt gewahr wurde, daß der
Instinkt der Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen uns
lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine Wünsche immer
wieder die Brücken hinüber. Nur des Nachts rächte sich die unterjochte
Natur an mir. Stundenlang lag ich wach und kämpfte mit den warnenden
Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dämmerte, fiel ich in unruhigen
Schlaf. Von der Servatiikirche hörte ich die Stunden schlagen; die
gleichmäßigen Schritte zählte ich, mit denen der Posten vor dem Hause
unaufhörlich auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter die
Decke, wenn die Mäuse, die unvertilgbar schienen, piepsend über die
Diele raschelten. Von Kindheit an brach mir der Angstschweiß aus, sobald
eins der zierlichen grauen Geschöpfchen in meine Nähe geriet.

Ich wurde immer schmaler und blasser, und müde -- immer müder. Die
weiche Frühlingsluft, die merkwürdig früh in diesem Jahr Blätter und
Blüten hervorlockte, erschlaffte mich vollends.

Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit für weibliche Sanftmut zu
halten; das verstärkte in seinen Augen meine Anziehungskraft. Ich ließ
es geschehen, daß er mich fast schon wie sein Eigentum behandelte.
Hessenstein versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach zu rufen.
»Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück,« sagte er einmal, »niemals
passen Feuer und Wasser zusammen.« »Aber das Wasser löscht das Feuer
aus,« antwortete ich mit trübem Lächeln, »und gerade das ists, was ich
brauche.«

Es war schon Ende März, als Prinz Sayn, der Kommandeur der Kürassiere
und unermüdliche liebenswürdige Arrangeur aller Feste, zum Polterabend
einer bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in Vorschlag
brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg war selbstverständlich mein
Partner. Bei einer der vorbereitenden Zusammenkünfte wurde die
Kostümfrage besprochen, und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, der
Aufführung den Charakter eines Schäferspiels zu geben, als meine Mutter
das Hofkostüm der Rokokozeit für angemessener hielt. Der Prinz und seine
Frau, die mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewändern schon
Anstoß genommen hatten, stimmten ihr zu; da niemand einen Einwand erhob,
schien die Angelegenheit erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst
den Grund, der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. »Dein
schweriner Pompadourkostüm hast du nur das eine Mal angehabt,« sagte
sie, sichtlich befriedigt, »wir sparen nun, Gott Lob, jede
Neuanschaffung.«

»Mein Pompadourkostüm!« Ich erschrak und rief heftig: »Lieber verbrenn'
ichs!«

»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!« antwortete Mama ärgerlich. Meine
Blässe erst machte sie aufmerksam. »Ach -- darum!« sagte sie gedehnt,
»solch eine Sentimentalität hätte ich dir nicht zugetraut.« Ich schwieg.

Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen mit Hessensteins
Hilfe die Jugend auf meine Seite. Die Herren erklärten, daß die
Hofkostüme ihnen zu kostspielig seien, die jungen Mädchen, daß sie die
langen Schleppen nicht leiden könnten. Es war eine förmliche Revolte.
Syburg allein war auf Seite der älteren Mitwirkenden und der Mütter.
»Ich kenne die Gründe Ihrer Frau Mutter,« sagte er mir leise, »und ich
begreife nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an diesem
kindischen Tumult teilnehmen kann.« Ich ärgerte mich über die
Bevormundung und mehr noch über das gute Einvernehmen zwischen Syburg
und meiner Mutter, aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen;
wir wurden überstimmt.

Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. Ein leiser Duft von
Jasmin stieg aus den Falten, und seine Bänder und Schleifen, seine
grünen Blätter und roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig
gewordene Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte die Seide: »O la
marquise Pompadour -- Elle connait l'amour --«. Durch das Mieder, das
sich eng um meinen Körper schmiegte, spürte ich den Arm, der mich einst
so zärtlich an sich gezogen hatte.

»Hellmut!« stöhnte ich leise und brach in Tränen aus. Der Felsen, den
ich vor die Grabkammer meines Innern gewälzt hatte, war zersprengt; und
wo ich nur Totes wähnte, stürzte wild wie ein Gießbach das Leben hervor.

»Du weinst?!« Mein Vater stand vor mir. »Es ist nichts -- Papachen --
nichts!« versuchte ich ihn zu beruhigen und trocknete hastig Augen und
Wangen. Er lächelte liebevoll: »Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen --
alles -- alles wird gut werden!« Und als ich, meiner selbst nicht
mächtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, zog er mir die Hände vom
Gesicht und sagte leise: »Syburg war längst bei mir und hat -- als ein
ehrenwerter Mann durch und durch -- zuerst deine Eltern gefragt, ob er
um dich werben dürfe ...« Ich fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins
Gesicht. »Das darf dich nicht kränken, mein Kind, -- du solltest
selbstverständlich nichts davon wissen -- die Freiheit der Entschließung
sollte dir allein vorbehalten bleiben --« Er schloß mich gerührt in die
Arme, -- er war überzeugt, mich ganz getröstet zu haben -- der gute
Vater!

Er führte mich zum Wagen hinunter -- meine Schleppe raschelte über die
breiten Stufen -- draußen, rechts und links, standen die Menschen, um
mich anzustaunen; -- hatte ich diesen Augenblick nicht schon einmal
erlebt? Damals -- im weißen Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche
fuhr, um ein Gelübde abzulegen, von dem mein Herz nichts wußte!

Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. Hessenstein sprang
zu und stützte mich. In demselben Augenblick war Syburg neben mir. »Ihre
Dame erwartet Sie,« sagte er scharf und kühl zu meinem Begleiter, und
gehorsam legte ich meine Hand in seinen dargebotenen Arm.

Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, daß meine Füße sich im Takt
bewegten, während meine Seele weit, weit fort war -- oder war ich die
kleine Seejungfrau, die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, den sie
tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mußte?! -- Wie fest schlossen
sich heute die Finger meines Tänzers um meine Hand -- wie
Teufelskrallen, die mich nicht mehr los lassen wollten --; und so
sengend heiß wehte sein Atem mir in den Nacken! Ängstlich vermied ich
es, ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, wie auf
Draht gezogen bewegte er sich, -- ach, und heute -- heute tanzte
spukhaft eine andere Gestalt neben mir --

Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mußte ihn ansehen, über die
Schulter hinweg, fächerschlagend, mit einem koketten Lächeln. Und da
traf mich sein Auge, und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides
haften -- mit schwüler, begehrlicher Lüsternheit --

Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich an den Fingerspitzen
haltend, verließen die Paare den Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat
Syburg, meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fühlte und nach Haus
fahren müßte. Ohne Rücksicht auf all die erstaunten Blicke, die mich
trafen, nahm ich den Mantel um und stand schon auf der Treppe, als meine
Eltern mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich zu Hause
aufs Bett. Mama fühlte mir den Puls und schickte nach dem Arzt. »Die
übliche Frühlingskrankheit junger Damen,« sagte er, »schicken Sie ihr
Fräulein Tochter aufs Land.« Mit einem Gefühl der Befreiung ergriff ich
den guten Rat und stellte mich kränker, als ich war, nur um ihm folgen
zu dürfen.

Es war Ende April damals. Die kleine Fürstin Limburg fiel mir ein, die
mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen hatte. Sie war ein
reizendes Frauchen, das jedoch seiner nicht ganz ebenbürtigen Herkunft
wegen von der Gesellschaft Münsters schlecht behandelt worden war.
Zuerst aus bloßem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte ich mich
ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft erworben. »Kommen Sie
sofort, freue mich riesig« war ihre telegraphische Antwort auf meine
Anfrage, ob mein Besuch ihr recht wäre.

       *       *       *       *       *

Der Frühling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien gerecht werden
zu wollen. In reinem Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag über die
Erde, und es sproßte und blühte überall; keinen kahlen Winkel duldete
der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. Am ersten Mai fuhr ich über
die Haar hinunter ins Lennetal; leuchtend wie flüssiges Silber,
schlängelte sich der Fluß zwischen den Bergen, die ihn links und rechts,
von grüngoldigem Glanz übergossen, in weichen Linien begrenzten. So weit
das Auge blickte: Wald und Berg, und hoch oben die Burg mit Türmen und
Zinnen, wie ein starker, trutzig gewappneter Schützer dieses stillen
Friedens. Aber je näher ich kam, desto mehr verschob sich das Bild:
breit und massig dehnte sich die Stadt unten am Ufer aus, als hätte sie
sich mit Ellbogen und Fäusten Platz geschaffen; und verletzt von der
Roheit des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten zu ihr
hinauf drohte, zog sich die Burg hinter ihren dunklen Bäumen zurück.

Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr helles Lachen und
Schwatzen begleitete unsere ganze Fahrt hinauf, so daß ich Muße hatte,
die Augen wandern zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe;
je höher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: dort der Kegel
des Raffenbergs, der Weißenstein mit seinen zackigen Spitzen, das
Felsentor der Hünenpforte, und fern am Horizont die blauen Höhen der
Ruhr. O, wer doch immer hoch oben bleiben könnte, wohin kein Lärm und
kein Ruß zu dringen vermag!

Durch den langen gewölbten Torweg ratterte der Wagen in den Burghof, den
hohe Mauern, Türme und Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?«
lächelte Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer
Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann
um den Hals, der eben auf uns zu trat.

Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer träumte ich
stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen,
knospenden Linden saß ich, wo vier alte Geschütze an die Zeit
erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und
Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir
die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit
lindenumgrünten Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, von
den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall aber dröhnten die
Eisenhämmer, kreischten die Sägen und klapperten die Mühlen; und wer die
Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch
tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele Stätten erinnerten
durch Namen und Sage an die Götter der Alten, an Wodan und Donar, an die
Kämpfe der Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds
vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter
Kreuz und Krone, -- aber schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue
Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein
empor, wo der Burgturm langsam zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick
und wäre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der
Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte Märchenreich,
aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten
Spinnenfäden.

Mein Vater schrieb mir fast täglich, und selten nur blieb Syburgs Name
unerwähnt in seinen Briefen. »Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in
Hamm,« hieß es zuletzt, »er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach Deinem
Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. Er hofft Dich in Brake bei
Bodenbergs zu sehen; Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjährigen
Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.«

Daß er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrängte und die Erwägungen
der Vernunft, die Gefühle der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt
und Zweck des Daseins seine Wünsche unterstützten! Jene geheimnisvolle
Gewalt des Instinkts, die mich in Münster von seiner Seite gerissen
hatte, schien mich auch jetzt unter ihren Willen zwingen zu wollen. »Geh
ihm aus dem Wege --« flüsterte sie mir zu. Aber von jeher hielt ich sie
für meinen bösen Engel, mit dem ich glaubte ringen zu müssen. Zu tief
hatte sich mir der Mutter einziges Erziehungsprinzip eingeprägt, das
Selbstbeherrschung mit Selbstentäußerung gleich setzte.

So saß ich denn am nächsten Morgen zur Abfahrt gerüstet am
Frühstückstisch -- »ohne Mailaune,« wie Anna neckend bemerkte, -- als
der Diener die Post brachte: »Revolution im Kohlenrevier« stand in
fetten Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater schrieb:
»In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme Bengels mausig gemacht, und
die Kohlenfritzen flehen nun mit schlotternden Knien um militärischen
Schutz. Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prügel den Protzen,
die die armen Leute zum Besten ihres Geldsacks in die Gruben schicken,
ganz gesund wäre, mußte ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach
Gelsenkirchen schicken, denen die Kürassiere morgen folgen werden. Ich
finde solche Aktionen eines Soldaten unwürdig ...«

»Zu dumm!« rief Anna ärgerlich. »Nun ists mit der ganzen Stimmung
vorbei. Statt lustig zu sein, werden uns die Herren mit Politik anöden!«

»Am besten wärs, wir blieben zu Hause,« meinte ihr Mann. Davon aber
wollte sie nichts wissen. Sie weinte fast vor Erregung.

»Angsthase, der du bist! Wenns in Münster brennt, wirst du in Limburg
noch nach der Feuerspritze laufen!« Der Fürst lachte und streichelte der
kleinen Frau begütigend die Wangen.

»Sei ruhig, Kindchen -- natürlich fahren wir! Brake ist, Gottlob, weit
vom Schuß, und im dortmunder Kreis scheint alles ruhig zu sein.«

Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grünen Bergtälern entfernten,
und je zahlreicher die zum Himmel starrenden Essen wurden, desto stärker
sprach ihr Anblick für ungewöhnliche Vorgänge: das Leben, das ihnen
sonst in grauen Wölkchen, in schwarzen Schwaden, in tollem Funkensprühen
vielgestaltig entquoll, war erloschen. Ungehindert strahlte die
Maiensonne vom wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.

Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem Wassergraben umgeben, mit
seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern düster ins weite ebene Land
hinaussah, wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten
Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen Herren für die
tanzlustigen Mädchen, sie waren entweder mit ihrer Truppe im
Streikgebiet um Gelsenkirchen oder mußten in ihren Garnisonen aller
Befehle gewärtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen -- mit einem so
freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen Zügen, daß es mir
unwillkürlich warm ums Herz ward -- und Hessenstein, der mit seiner
Schwadron in Dortmund in Quartier lag und herübergeritten war. »Am
liebsten hätte ich alle meine Kerls mitgenommen,« sagte er. »Man schämt
sich förmlich seines Säbelrasselns inmitten völliger Kirchenruhe.«

»Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit bekommen!« meinte
Syburg. »Eine Rotte Betrunkener, -- und das Unglück ist geschehen.«

Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmückten Tafel, der
feurigen Weine und der launigen Toaste auf den Hausherrn und das
Geburtstagskind wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles war
voll von den Ereignissen, und jeder wußte andere Details zu erzählen.
Der Ortspfarrer war eben von Castrop zurückgekehrt. Er hatte die
Streikenden der Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. »Ihr
Verhalten ist ein so würdiges,« sagte er, »daß die Aufregung der
Zechenbeamten dem gegenüber einen peinlichen Eindruck macht.«

»Dasselbe habe ich eben vom Oberpräsidenten gehört, den ich in Witten
traf,« meinte Graf Recke. »Er kam aus Gelsenkirchen, wo er mit den
Arbeitern der Hibernia verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich
zunächst in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse wegen der
Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so weiß sie eben nicht, was uns
alten Westfalen von Jugend an bekannt ist: daß nach unseren
Bergordnungen vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstündig
war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, wie mit so vielen guten
alten Bestimmungen, auch damit aufräumte. Die Knappschaften verlangen
nichts anderes als das Recht ihrer Väter.«

Baron Bodenberg bestätigte Reckes Behauptung.

»Und mit ihren übrigen Wünschen steht es im Grunde nicht anders,« fügte
er hinzu, »in meiner Jugend hatten die Grubenbesitzer den Knappen
gegenüber keine freie Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter,
Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die
Entscheidung damals ausschließlich der königlichen Bergbehörde zu.
Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der
sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase
hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute,
so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das
hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach
erst gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe
stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne war und ein Knappe vom guten alten
Schlage ist. 'Wir wollen gar nicht randalieren,' meinte der, 'und hauen
unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um
den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir
haben und anständige Behandlung.' Und solche Leute werden wie Aufrührer
mit Pulver und Blei bedroht!«

»Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der
Tradition,« mischte sich Fürst Limburg ins Gespräch. »Alte Bestimmungen
und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten
Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen
sicher ganz genau. Mir scheint daher, daß die eigentliche Triebkraft der
ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der 'guten alten Zeit' zu
suchen ist.«

»Und worin sonst, wenn ich fragen darf?« warf der alte Bodenberg, der so
sehr das Orakel der Gegend war, daß er Widerspruch selten erfuhr,
gereizt ein.

»In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie groß zieht: dem
zwischen den ungeheueren Reichtümern auf der Seite der Unternehmer und
der Besitzlosigkeit, um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite der
Arbeiter --«

»Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche Neigung zu starken
Worten!« polterte Bodenberg; »als ob unsere Bergleute von Armut auch nur
'ne Ahnung hätten! Haben alle ihr Häuschen, ihren Gemüsegarten und
mästen sich ein Schwein --«

»Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf manche Ehefrau, die schon
mitverdienen muß, und die Kinder schicken sie gewiß auch nicht aus
Vergnügen so früh als möglich -- mit gefälschten Geburtsscheinen, wenns
nicht anders geht -- in die Grube,« ließ sich der Pfarrer vernehmen.

»Von der verdammten Genußsucht kommt das, und von nichts anderem!«
unterbrach ihn der alte Baron, »zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen
noch in Kopftüchern und Schürzen in die Kirche -- heute muß jede einen
Federhut tragen und die Röcke auf dem Tanzboden schwenken --«

»Wenn die Leute sehen, daß die Herren Direktoren mit vierzig- und
fünfzigtausend Mark Gehalt auf Gummirädern fahren und Sektgelage geben
und die Aktionäre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so ists doch
kein Wunder, daß sies ihnen auf der einen Seite nachmachen möchten und
auf der anderen vor Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist
dadurch entstanden -- ich komme damit auf meinen Ausgangspunkt zurück
--, daß die glänzende Konjunktur der letzten Jahre ausschließlich den
Besitzern und Aktionären, nicht aber den Bergleuten zugute kam. Hier
hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation ein.«

»Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber Limburg,« sagte
Graf Recke, »jedenfalls, soweit unser hörder Kreis in Frage kommt.
Unsere frommen, königstreuen Bergleute -- und Sozialdemokraten! Selbst
ihre Versammlungen schließen sie mit einem Hoch auf den Kaiser!«

Hessenstein räusperte sich vernehmlich: »Und doch haben mir heute morgen
ein paar Kameraden von den Dreizehnern erzählt, daß die Direktoren der
Zeche Schleswig gleichfalls um militärischen Schutz gebeten haben. Man
fürchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, hieß es.«

Bodelschwing lachte, daß ihm die Tränen in den weißen Bart liefen: »Das
ist wirklich kostbar! -- Die Furcht ist schon die ansteckendste
Krankheit! -- Viel eher möcht' ich glauben, daß unsere Dorfschönen sich
auf diese ungewöhnliche Weise für den morgigen Feiertag die Tänzer
bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso fehlen wie uns!«

Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehört. Sein kühler,
hochmütig-wissender Ausdruck -- der typische des altpreußischen Beamten
-- reizte mich.

»Ihre landrätliche Würde verbietet Ihnen wohl, sich auszusprechen?«
wandte ich mich spottend an ihn, und als er, unangenehm überrascht,
aufsah, fügte ich rasch hinzu: »Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu
verbergen haben?«

»Ketzerische Gedanken?!« -- er warf mir einen tadelnden Blick zu --
»vielleicht! Aber andere, als Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die
Herren hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach meiner
Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische Agitation die gut
bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch verführt, und es ist unsere
Pflicht, sie, wenn es sein muß, mit Gewalt auf den Weg des Rechts
zurückzuführen. Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind überall der
Anfang vom Ende.«

»Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!« antwortete ich, während mir das
Blut heiß in die Schläfen stieg. »Es kommt nur darauf an, auf welcher
Seite Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn die
Grubenbesitzer, die in der glücklichen Lage sind, eine Havanna rauchend
vor dem Tischlein-deck-dich zu sitzen, den Arbeitern nicht so viel
geben, daß sie anständig leben können, so ist das Pflichtvergessenheit;
und wenn sie, die zu allen Vergnügungen der Welt Zeit haben, ihnen das
althergebrachte Recht auf eine geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so
ist das Wortbruch!«

Syburg preßte die Lippen zusammen, -- er zwang sich offenbar zu einer
ruhigen Antwort.

»Sie sprechen aus der Gefühlsperspektive der Frau. Das ist
verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese aufrührerische, mit
sozialdemokratischen Phrasen vollgefütterte Bande nicht, die jetzt auf
den Gruben und in den Fabriken das große Wort führt und an allem
rüttelt, was uns heilig ist.«

Wie eine Vision sah ich plötzlich all die Gestalten des Elends wieder,
die mir im Leben begegnet waren: aus den Vorstädten Posens und
Augsburgs, aus den Dörfern des Samlands.

»Sie mögen recht haben,« sagte ich nachdenklich, »die kenn' ich nicht --
aber andere kenn' ich. Und das Eine weiß ich gewiß --« meine Stimme
zitterte vor Erregung -- »wäre ich eine von denen, meine Geduld wäre
erschöpft, und ich würde mich um Treue und Pflicht nicht kümmern.«

Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Röte überzogen; doch die
Herrin des Hauses hob die Tafel auf, und er unterdrückte noch rasch eine
scharfe Antwort, die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Während des
ganzen warmen Frühlingsabends, der uns alle in den Park hinauslockte,
mied er mich. Nur beim Abschied hielt er meine Hand fest in der seinen
und flüsterte: »Ich möchte, daß wir uns versöhnen -- ganz und auf immer
--, darf ich darauf hoffen, wenn ich nach Hohenlimburg komme?« Ich
nickte nur.

Wir blieben über Nacht in Brake, um den bequemen Frühzug benutzen zu
können. Aber als wir am nächsten Morgen herunterkamen, trat uns der alte
Bodenberg mit ernstem Gesicht entgegen. »In Witten und Annen hat das
Militär scharf geschossen,« sagte er, »in Dortmund soll die Haltung der
Arbeiter eine drohende sein -- nach Hörde sind, wie mein Verwalter eben
berichtet, die Kürassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung der Leute in
unserer nächsten Nachbarschaft vollkommen friedlich ist, so möchte ich
Sie doch bitten, diesen Tag noch abzuwarten -- oder wenigstens Ihre
Damen hier zu lassen --« So sehr wir uns sträubten -- Anna, weil die
Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, ich, weil mir nichts
erwünschter gewesen wäre, als den Aufstand der Arbeiter in der Nähe zu
sehen, -- wir mußten uns fügen.

Ich lief in den Park, -- vielleicht, daß sich von hier aus irgend etwas
erspähen ließ. Das Abenteuerfieber der Jugend packte mich, dasselbe
Fieber, durch das Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und
schwärmerische Byron-Seelen in phantastische Freiheitskämpfe gerissen
werden, das Fieber, das überall ausbricht, wo ein Gluthauch plötzlich
die Normaltemperatur des Alltags vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den
Ausblick. Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt da
draußen trennen?

Ich trat auf den Gutshof. Feiertägige Stille herrschte auch hier. Aber
drüben, wo zwei mächtige Linden am Ausgang zur Straße Wache standen, sah
ich einen Haufen lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit
der Bergmannsmütze auf den kurzgeschorenen Haaren ragte aus ihrer Mitte
hervor. »Ich, ich bin dabei gewesen!« hörte ich ihn schreien, als ich
näher hinzutrat, -- »ein Wunder, daß ich mit heilen Gliedern davon kam!
Sie haben geschossen, wie verrückt.«

»So erzählt doch, Mann, erzählt!« -- »Wo -- wo ists denn gewesen?«
bestürmten ihn die Umstehenden. »In Bochum -- gestern abend. Ein
blutjunger Leutnant kommandierte Feuer -- grad, als die Menschen aus dem
Bahnhof strömten. Wie die Hunde die Hammelherde, so umschlossen die
Soldaten die Leute -- lauter harmloses Volk -- kaum einer von uns
darunter, -- und dann lag der Platz voller Toten --«

Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Bergmann schwieg, riß die
Mütze vom Kopf und schlug mit der harten rissigen Hand das Kreuz über
Stirn und Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub schien
sich in die Falten unter den Augen eingebrannt zu haben, so daß sie
aussahen wie die großen runden Augenhöhlen der Totenschädel. Farblos
fahl waren die Züge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei
Hälften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich zum Gehen, und
die Menge drängte ihm nach. Die gerade schwarze Straße, mit den kahlen
Pappeln zu jeder Seite und dem schweren Grau trübdunstigen
Frühlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend wie ein Galgen
ragten in der Ferne die Glockenstühle in die Luft, und die
Sonnenstrahlen scheuten sich vor der Berührung dieser Öde ...

Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder dem Schlosse zu. Die
Hausbewohner waren zur Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf
hohem Stuhl saß der Hausherr und las aus der alten Bibel: »Kommet her zu
mir alle, die ihr mühselig und beladen seid ...«

Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf die Mühseligen und
Beladenen! dachte ich bitter.

»Es läßt mir keine Ruhe,« sagte der alte Bodenberg, nachdem der letzte
Ton auf dem Harmonium verklungen war und die Dienerschaft sich entfernt
hatte. »Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stück Weges zur Zeche
hinunter --«

Entsetzt schrie Anna auf: »Das darfst du mir nicht antun, Fritz!« Aber
begütigend legte die alte Baronin ihre feine Greisenhand auf den Arm der
Erregten: »Fürchten Sie nichts, kleine Frau, -- die Leute hier krümmen
unseren Männern kein Härchen.« Wir blieben trotzdem in kaum zu
bemeisternder Unruhe zurück. Wir horchten auf jeden Ton, während einer
den anderen durch eine möglichst harmlos-heitere Unterhaltung über die
Erregung hinwegzutäuschen suchte, und sprangen gleichzeitig erleichtert
auf, als nach einer Stunde Bodenbergs kräftige Stimme vom Hof herauf
durch das Fenster klang.

»Hab' ichs euch nicht gesagt?« lachte er uns entgegen. »Sie freuen sich
drunten ihres Feiertags, wie nur je. Die Kinder spielen auf den Straßen,
die Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Türen und schwatzen mit den
Nachbarn.«

»Und doch heißt es, daß Soldaten kommen,« unterbrach ihn Limburg mit
einem Ausdruck schwerer Besorgnis in den Zügen.

»Mögen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon in der Vorfreude
hurraschreiend ihre Fähnchen schwingen, werden sie kaum zu Felde ziehen.
Sahen Sie nicht den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefährtin, ein
süßes Mädelchen mit Haaren wie rote Flammen, den Platz an der Spitze der
kleinen Gesellschaft streitig machte? Gefährliche Aufrührer sind das,
nicht wahr?!«

»Gewiß sah ich sie -- aber ich sah auch die Gesichter der Männer hinter
den Fenstern der Kneipe ...«

Ein Geräusch -- wie ein fernes Prasseln von Hagelkörnern auf
Glasscheiben -- unterbrach das Gespräch. Bodenberg wurde aschfahl --
»Gewehrsalven« -- murmelte Limburg. Wir standen, wie an den Boden
gebannt, -- in atemloser Erwartung. Unten auf dem Hof liefen die Leute
zusammen. »Sie schießen,« schrie einer. Wir stürzten hinunter bis ans
Tor, keiner sprach mehr ein Wort, aber von einer Angst erfüllt starrten
wir alle die lange, öde, schwarze Straße hinab. Die Zeit schien still zu
stehen, Ewigkeiten dünkten uns die Minuten. Endlich erhob sich in der
Ferne eine Wolke Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wäre der
Teufel ihnen auf den Fersen. Näher und näher kamen sie: Weiber mit
wehenden Haaren und verzerrten Zügen -- schreiende Kinder mit rot
verquollenen Augen -- ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen Ruß
der Straße. »Sie morden uns --« stöhnte eine weißhaarige Alte, warf die
hageren Arme verzweifelt um den Kopf und brach vor uns zusammen ...

Tröstend und helfend gingen Brakes Bewohner von einem zu anderen, und
endlich gelang es, aus dem wirren Durcheinander des allgemeinen
Erzählens ein Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.

Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf die Dorfstraße gelockt.
Den Großen voran waren die Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten
entgegengelaufen, als ein barsches »Platz da« ihres Führers, eines
jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt hatte. Die Kinder
hatten sich hinter den Großen verkrochen, die Männer eine drohende
Haltung angenommen.

»Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten auf die Straße,«
sagte die Alte, die noch auf dem Boden hockte.

»Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus unserem Zaun riß und
damit wild herumfuchtelte,« berichtete zungenfertig eine andere. »'Platz
da' -- rief der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten trieben uns
alle gegen die Häuser. Da drängte sich die Mutter vom Franz mit dem
Kleinsten an der Brust durch die Reihen -- der Junge ist ihr Ältester,
ihren Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube --; sie hatte
ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch mal losschrie --«

»'Immer die Augen auf den Feind halten,' sagte er. Ich hab' es ganz
genau gehört,« ergänzte ein blasses Ding mit fanatisch funkelnden Augen
die Worte der Erzählerin.

»Den Feind, -- damit meinte er uns!« riefen sie alle durcheinander und
selbst auf den Wangen der Müdesten und Stillsten erschienen rote
Flecken.

»Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen -- sie drohten mit den
Fäusten, sie schimpften, auch ein paar Steine flogen ...« Die Erzählerin
schluchzte auf.

»Dann schossen sie auf uns --« sagte mit tonloser Stimme die Alte. Und
nun schwiegen sie alle -- nur verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.

Ich griff mir an den Kopf, -- es war doch wohl nur ein böser Traum, der
mich narrte?! Es brauste mir in den Ohren, das Entsetzen schnürte mir
die Kehle zusammen.

»Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel --« wie aus weiter Ferne
schlugen die Worte wieder an mein Ohr. »Ich sah sie dicht vor mir -- die
Haare ganz voll Blut, -- das Jüngste an die Brust gepreßt -- und den
Stock noch in der Hand, den sie dem Franz entrissen hatte ...«

War ich es, die qualvoll aufstöhnte -- oder war es _ein_ Ton, der sich
uns allen entriß?!

»... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der Straße -- sie guckte
grade in den Himmel mit den toten Augen ...«

»Das süße Mädelchen mit den Flammenhaaren ...« flüsterte der alte
Bodenberg mit erstickter Stimme.

       *       *       *       *       *

Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem großen Umweg zurück. Dicht
hinter Unna wies der Fürst aus dem Fenster. »Wir passieren hier den
historischen Boden der Zukunft,« sagte er, »dort drüben auf der Heide
stand noch zu meines Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene
Birkenbaum, und jenseits, von den Schlückinger Höhen, sahen die Bauern,
wie die blutige Schlacht um ihn tobte.«

»Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,« antwortete ich.

Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nächsten Tagen die
Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen erfuhren wir durch Briefe
und durch die Erzählungen der Augenzeugen.

Kaum eine Stimme war, die für die Zechendirektoren Partei ergriffen
hätte, und die Empörung war allgemein, je häufiger sie den Bergleuten,
die im Vertrauen auf ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen
hatten, ihr Wort brachen.

»Habt ihr endlich Hunger genug?!« Damit empfingen die Zechenbeamten von
Gelsenkirchen die wieder einfahrenden Knappen, und in Hörde trieben sie
kranke Weiber und Kinder aus den Zechenhäusern, wenn die Männer im
Ausstand beharrten.

»Ich glaube, daß wir vor einer großen Umwälzung stehen,« schrieb ich an
meine Kusine, »die Macht des Kapitals muß gebrochen werden. Vor hundert
Jahren hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus gestürzt,
-- sie waren dessen wert! --, eine künftige Revolution wird den
Kapitalismus vernichten, und wir werden das wunderbare Schauspiel
erleben, daß der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.«

Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der Auftakt des
großen Schauspiels, das ich erwartete. Und die ersten Nachrichten von
ihrem Empfang, von der Anerkennung ihrer Wünsche durch den Monarchen
bestätigten meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere
Gerüchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs befriedigt
zurückgekommen; kaum zehn Minuten hatte er Zeit gehabt, sie anzuhören,
mit einer Drohung gegen alle, die sich den Anordnungen der Behörden
widersetzen würden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was folgte,
schien die Wahrheit der Gerüchte zu bestätigen: das ganze Streikkomitee
wurde verhaftet, der Oberpräsident, der stets zu vermitteln gesucht
hatte, mußte einem Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers
voran ging. »Studt ist ein glatter Höfling,« schrieb mir mein Vater,
»der mir neulich mit dem verbindlichsten Lächeln erklärte, daß meine
offenbare Verkennung so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten,
höheren Orts unliebsam empfunden würde. Mich solls nicht wundern, wenn
wir in Preußen noch mal so weit kommen, vor jedem Geldsack auf dem
Bauche zu rutschen.«

Unter den Enttäuschungen litt ich, als beträfen sie mich selbst. Mit der
Märtyrergloriole hatte ich das Haupt der erschossenen Bergmannsfrau und
das rote Köpfchen des Proletarierkindes umwoben und den gräßlichen
Eindruck in der eigenen Erinnerung verklärt; nun waren sie umsonst
gestorben, und nichts als der schwarze Straßenruß umgab sie.

Ich war in wehmütig weicher Stimmung, als Syburg kam. Am Morgen
desselben Tages hatte mir Anna mit einem selig-verschämten Lächeln von
ihrer Mutterhoffnung erzählt, hatte mich in das weiße Zimmer geführt,
das den jungen Erdenbürger erwartete, und all die weichen, duftigen
Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch die Finger geglitten.
Meine Hände waren heiß geworden dabei, und die Tränen waren mir in die
Augen gestiegen. Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich
mit einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu küssen.

Nun ließ sie all die Kupplerkünste spielen, in denen junge, glückliche
Frauen Meisterinnen sind. Sie pries neckend meine Schönheit und meine
Tugenden, erzählte allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern
und ließ uns schließlich, Müdigkeit vorschützend, im Park allein. Syburg
schien nur darauf gewartet zu haben.

»Ich möchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, Fräulein Alix,«
begann er, zum erstenmal vertraulich meinen Namen nennend. Ich fuhr
unwillkürlich erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, war
nicht die erwartete -- gefürchtete. »Man hat mir erzählt, Sie hätten
sich neulich nach dem Aufstand auf der Zeche Schleswig mit größter
Schärfe für die Streikenden ausgesprochen.«

Ich bezwang meinen Zorn über diese Art, mich auf Herz und Nieren zu
prüfen.

»Und wenn ich es getan hätte,« sagte ich rasch und abwehrend, »ist es
nicht eine der ersten Forderungen Ihres Christentums, den Unschuldigen
beizustehen? -- Gebietet es nicht Ihre Religion, sich opfermütig
zwischen die Kinder und ihre Mörder zu werfen?«

»Mein Christentum?! Meine Religion?!« Er sah mich groß an. »Sie haben
sich falsch ausgedrückt, wie ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche --
nicht wahr, Fräulein Alix?«

»Sie spielen ein männliches Gretchen, Herr von Syburg!« fuhr ich auf,
»mit welchem Recht behandeln Sie mich wie ihr Beichtkind?!«

»Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer Eltern erhielt!« Er
griff nach meiner Hand, die ich ihm heftig entriß.

»So erfahren Sie denn, daß ich dies Recht nicht anerkenne! Niemand hat
über mich zu verfügen -- niemand -- als ich, ich ganz allein. Und ich --
ich werfe Ihnen ihr Jawort vor die Füße!«

Ich wandte ihm den Rücken, schritt ruhig durch die Lindenallee, über den
Burghof, die Treppen hinauf in mein Zimmer -- warf die Tür ins Schloß,
riegelte zu -- reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!

Anna ließ ich vergebens klopfen -- fragen -- bitten. Ich wäre
außerstande gewesen, irgend jemandem Rede und Antwort zu stehen. Ich
mußte allein sein.

Noch stand ich mit einem Gefühl des Schreckens vor dem Abgrund, der
zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. Unter den Speerwürfen
blendenden Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst
belügend, so lange für eine Brücke gehalten hatte. Ich stand auf
fremdem Boden, -- zurecht finden mußt ich mich, meine Gedanken sammeln,
über meine Zukunft entscheiden.

Am nächsten Morgen, in aller Frühe schrieb ich an meine Eltern und trug
den Brief selbst zur Stadt hinunter. Schneidend pfiff der Wind über die
Höhen, als ich abwärts schritt. In grauen Wolken verschwanden die Türme
der Burg, und aus der Tiefe grüßten mich sieghaft die schwarzen Schlote.



Vierzehntes Kapitel


Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. Die Mutterhoffnung hatte
Anna völlig verändert. Sie lernte die Einsamkeit lieben und überließ
mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen fürchtete ich mich vor
jedem Postwagen, der ankam. Die Briefe, die er brachte, waren fast noch
schlimmer, als die Ankunft des Vaters gewesen wäre, die ich erwartet
hatte. Die Gründe, die mich bewogen hatten, Syburgs Werbung abzulehnen,
hatte dieser natürlich in einer Weise dargestellt, die mich
kompromittieren sollte. Über meine Sympathie mit den Bergarbeitern
wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, wahre Räubergeschichten
verbreitet, denen mein Vater zunächst Glauben schenkte. Und derselbe
Mann, der eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel sich
jetzt in wilden Übertreibungen und beschuldigte mich, sein Unglück zu
sein. »Daß ich, ein königstreuer Edelmann und Offizier, es erleben
mußte, daß meine Tochter mit diesen wortbrüchigen Hallunken
sympathisiert!« schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen er mich
in der ersten Aufregung überhäufte, trafen mich weit weniger als der
tiefe Schmerz über mein Schicksal, der in seinen späteren, ruhigeren
Briefen zum Ausdruck kam. »Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt zu
sehen, ehe ich sterbe --« dies Wort tat mir bitter weh. Meiner Mutter
Briefe dagegen mit ihrem: »ich habe es vorausgesehen«, -- »ich wußte,
daß du dich nie in geregelten Bahnen bewegen würdest« -- »deine Romane
sind nur um ein Kapitel reicher geworden« empörten mich.

Auch meine Tante schrieb mir. »Deine Ablehnung einer, wie mir Hans
mitteilte, so ungewöhnlich guten Partie ist ein Schaden, den du dir
selbst zugefügt hast, und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst
wie die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...«

Schweigend ließ ich alle Vorwürfe über mich ergehen. Ich machte weite
Spaziergänge, auf denen mir der schwarze Cäsar, der treue Hofhund, nicht
von der Seite wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich
nachzuspüren: Was war es gewesen -- was wollte es von mir? Und wenn es
Abend wurde, schrieb ich nieder, was mir durch den Kopf gegangen war,
und meine Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.

»Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen Marmorblock, er behaut
es, er glättet es, er sucht die weichen Formen einer Venus aus dem
harten Material herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst
genügt; nicht das lebende Modell will er kopieren, er will ein
Schönheitsideal, das ihm beständig vorschwebt, verwirklichen. Anders der
Handwerker, der rasch ein effektvolles Dekorationsstück schaffen will:
er fertigt ein Holzgerüst, drapiert es mit Sackleinwand, wirft Gyps
darüber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbüste darauf. Aus
einiger Entfernung wirkt seine Arbeit nicht übel, dem Rohen täuscht sie
dauernd ein Kunstwerk vor, -- nur in der Nähe schau sie nicht an und
hüte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerüst möchte sonst allzu
schnell zum Vorschein kommen! -- Hat ein Künstler oder ein Handwerker
mich geschaffen? Habe ich die Nähe zu fürchten und das Wetter? Oder
stürzt mich kein Sturm? Bin ich, oder scheine ich nur?« -- --

Bald ließ es mir keine Ruhe mehr, -- kaum daß ich den nötigsten Schlaf
mir gönnte --, ich schrieb und nannte das kleine schwarze Buch, über
dessen Seiten meine Feder fiebernd flog: Wider die Lüge. Seine ersten
Seiten lauteten:

»Die Lüge ist der Anfang alles Verderbens, ist das Verderben selbst.
Alle Schäden, an denen unsere Zeit, an denen wir selber kranken,
entspringen aus diesem Grundübel. Wir sprechen in volltönenden Phrasen
von Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. Denn die
Wahrheit der Vergangenheit wird zur Lüge der Gegenwart. Wie ein
Verbrechen verstecken wir, was in die alten Formen und Formeln nicht
passen will, und sehen nicht, daß es vielmehr Verbrechen ist, diese
Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir beugen uns unter Gesetze,
gegen die wir uns innerlich empören, und triumphieren, wenn wir
schließlich selbst das Gefühl der Empörung unterdrückt haben. Und die
Diener der Kirche und des Staates lehren uns, daß wir damit den Himmel
erwerben.

»Was ist Wahrheit? -- Zweifelnd und verzweifelnd, schüchtern und wild
flog diese Frage durch die Jahrtausende. Oft glich die Antwort einem
Achselzucken, noch öfter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden
Widerspruch mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner schwört auf
den Koran, der Jude auf den Talmud, der Christ auf die Bibel. Und jeder,
der ein neues Gedankengebäude gen Himmel türmt, sagt: das ist Wahrheit.

»Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstößliche, an der kein Steinchen sich
lockert? Eine unbedingt gültige für alle Zeiten, alle Kreaturen, alle
Welten?

»Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang leuchtet sie, und
langsam, Schritt für Schritt, dringt die Erkenntnis erobernd vor und
raubt dem Glauben einen Fußbreit Boden nach dem anderen. Der Weg wird
heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende aller Dinge fällt zusammen
mit seiner Enthüllung. Wir aber leben, und darum haben wir die reine
Wahrheit nicht.

»Wir müssen wählen zwischen fremder Wahrheit und unserer Wahrheit. Wir
werden zu Lügnern, wenn wir bequem und gedankenlos nach den fertigen
Wahrheiten der anderen greifen.

»Wer wahr sein will, muß frei sein. Frei von den Ketten, in die
Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet haben, frei von den
Zauberbrillen, mit denen die Priester unser Augenlicht verdunkelten,
frei von der Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die
Abhängigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, nicht selbst bist, das
ist Lüge und Sklaverei.

»Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen
Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein,
zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet
das 'Warum?' die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum
daß es die Glieder regt. Das Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den
Begabten und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den Nüchternen. Es
stopft die Gehirne voll mit Namen, Zahlen und Regeln, und der beste
Schüler ist, der rasch aufnimmt, der schlechteste, der sich grübelnd das
Gehörte zu eigen machen will. Darüber stirbt das 'Warum', das Gehirn
trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an Stelle selbständigen
Denkens, lebendiger Begeisterung für das Gute, Wahre und Schöne treten
Geschichtstabellen, Bibelsprüche, Urteile über Welt und Menschen.

»Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken führt auf Abwege, Zweifeln
schafft Ketzer und Aufrührer.

»Verschling ihn getrost, den weichen süßen Brei, den man dir mundgerecht
vorsetzt, du Päppelkind, du verlernst dabei selbst den Gebrauch deiner
Zähne!

»Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden werden dem Kinde uralte
Urkunden der Menschheit vorgetragen, als Wahrheit vielmehr, daran zu
zweifeln Sünde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrügen, -- das
Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, unter seinem Schutz, und
demselben Kinde, das diesen Gott anbeten, seine Auserwählten verehren
soll, wird die Religion der Liebe gepredigt.

»Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: Rüttelst du nur mit
einem eigenen Gedanken daran, so fällt das ganze Haus in Trümmer. Bringe
deinen Verstand hübsch zum Schweigen, werde wie alle, die es in der
Welt zu Geld und Ansehen bringen: eine lebendige Lüge.

»Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. Herrlich! Wenn es
wahr wäre. Bilden heißt den gegebenen Stoff zur höchsten
Vollkommenheit entwickeln, -- nicht aus Gips Marmorsäulen, aus Holz
Eisenkonstruktionen, aus Glas Diamanten machen. Aber an Stelle des Seins
die Täuschung setzen, ist das Zeichen unserer Bildung. Wer über alles
mitredet, stets mit einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten
bewundert, gilt als gebildet. Urteilsfähigkeit ist Kriterium der
Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein eigenes ist. Zu dieser
Bildung aber ist der Weg lang und steil, und mißtrauisch sollte stets
fertiges Urteil machen.

»Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht ist; er belügt andere,
oft auch sich selbst; er begeht geistigen Diebstahl, indem er fremde
Weisheit als eigene ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten
Lebensfreude, indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung
hochmütig über alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes zu genießen,
was Natur und Kunst geschaffen haben. Vergiftet ward uns der frische
sprudelnde Quell der Bildung, ertötend rinnt er nun durch die Adern des
Volks und trübt seinen Blick, so daß es den Vieles-Wissenden an Stelle
des Selbst-Seienden zum Götzen erhebt.

»Wer wider die Lüge streiten will, muß die neue Wahrheit verkünden.
Welches ist sie?

»Die Wahrheit von den Kindern zunächst:

»Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein freier Mensch.
Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu dem Zweck, das Leben
reich, den Menschen stark zu machen. Töte kein 'Warum', locke es
vielmehr hervor, wie der Gärtner durch sorgsame Pflege die jungen Triebe
hervorlockt. Leite, -- meistere nicht. Wisse, daß deine Wahrheit nicht
die des Kindes ist, daß du es lügen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst.
Märchenglaube ist Kindeswahrheit. Laß sie ihm. Erzähle ihm darum die
Mythen der Völker wie Märchen: von Isis und Osiris zu Odin und Baldur,
von Jehova zu Jupiter bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm,
wie die Menschen unter tausend Namen und Formen vor dem heiligen
Geheimnis schaffenden Lebens anbetend knieten. Lehre es ihn schauen und
bewundern in jeder duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem
Gesetz der Natur.

»Und dann führe es ein in die Geschichte der Menschen. Schaffe keine
Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit -- aber störe das Kind
nicht, wenn es sich eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurück mit
deinem eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. Was er nicht
selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. Es ist
Sentimentalität, durch unsere Erfahrungen dem Kinde die eigenen ersparen
zu wollen. Denn eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der
Entwicklung. Führt sie das Kind fort von dir, so jammere nicht, denn
nicht dein Eigentum ist es, sondern sein eigenes und das der Menschheit.
Präge ihm nicht Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um seines
Lebens eigene Regeln zu finden.

»Und seines Herzens eigene Religion.

»Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang der Menschheit
ist vom ersten Ursprung an ein stetig fortschreitender. Kindlicher
Märchenglaube ist der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das
zu erobernde.

»In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Fluß strebt dem Meere zu,
der Baum wächst empor, zum Menschen wird das Kind. Dies 'Vorwärts' ist
ein Gesetz, das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu schwinden
drohte, so oft brach es auch machtvoll durch alle Schranken, die
menschliche Torheit mühsam aufrichtete. Die Überzeugung von der
Unumstößlichkeit dieses Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist.
Wir werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, von denen die
Geschichte der Völker und der Menschen erzählt, heraus erkennen, wenn es
unser eigenes Lebensprinzip geworden ist. Wir werden es auch dann
bejahen, wenn es tötet, weil wir wissen, daß welke Blätter fallen
müssen, um jungen Trieben Platz zu machen, daß die Blüte sterben muß,
wenn die Frucht reifen soll.

»Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glück; der Pietismus versichert: Die
Erde ist ein Jammertal. Aber die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glück,
das über alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede Eichel
am Baum, jeder Säugling am Mutterherzen zeugt davon. Sein Gesetz ist:
Wachse! Werde! Soll es allein für die Religion nicht gelten?

»Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht vor dem Unerkannten,
Nichtzuerkennenden. Sollte sie unwandelbar feststehen, weil sie sonst
kein Halt, keine Stütze wäre für so viele? Was ist denn das Feststehende
an ihr? Etwa der Glaube, daß Gott Eins und doch Drei, oder daß Christus
einer Jungfrau Sohn ist? Oder der Glaube an die Speisung der Tausende,
an die feurigen Zünglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste
Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion finden. Was
ihn zu dem macht, was er ist, ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum
Ertragen, das ist nichts anderes als die Überzeugung von der
Unendlichkeit des Werdens, -- theologisch ausgedrückt: der
Unsterblichkeitsglaube. Für ihn mag er in der Form des persönlichen
Fortlebens, der Auferstehung des Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er
zur Wahrheit im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Stoß
fortwirkt ohne Aufhören, wirkt die Tat fort und der Gedanke ohne Ende.

»Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor achtzehnhundert
Jahren. Was die Apostel, einfache Männer des Volks, in orientalischer
Phantasie und kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt
und Leben erzählten, soll uns noch Wahrheit sein. Was aber bleibt für
uns, wenn wir hinter den Mythen die Wahrheit suchen? Die göttliche
Geburt Christi? Des Menschen Geist ist göttlichen Ursprungs, und wer
seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, -- der ist Gottes Sohn. Wir aber,
die wir uns nennen nach dem Namen des Nazareners, der, wie wenige vor
und nach ihm, der alten Lüge die neue Wahrheit entgegensetzte und sich
ans Kreuz schlagen ließ von den Frommen seiner Zeit, -- wir verleugnen
das größte, was uns ward: den Geist. Wir stempeln seine göttliche Kraft
zur Sünde und lehren im Namen des Gekreuzigten, daß wir nicht zweifeln,
das heißt: nicht denken dürfen. Aber die neue Wahrheit von der Religion
predigt die Pflicht des Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit
gebiert und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.

»Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reiße nieder, was deinem Denken
im Wege steht; selbst das Heiligste, das Unantastbare ist unheilig und
ein Frevel, wenn es dem Gedanken zur Schranke ward. Denke, -- und du
wirst reich, denke, -- und du wirst stark und froh. Wer, und ob er
gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens ein Ende finden? Darum,
statt Christi wundersame Geburt zu verkünden, verkündet die Heiligkeit
unseres Lebens! -- Und sein Opfertod? Wer an ewige Höllenstrafen glaubt,
den lehrt die Angst, daß die eigene Schuld von einem anderen gesühnt
werden könnte. Jesus aber starb nicht für andere, sondern für seine
Überzeugung, -- er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und seine
Auferstehung? Wer vermöchte an ihr zu zweifeln? Lebt nicht sein Geist --
und wird er nicht ewig leben, auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit
an sich ist, sondern nur eine Stufe zu ihr? --

»Nun aber bleibt mir noch die Rätselfrage nach der neuen Wahrheit vom
Leben! Warum all die Qual und Not, all das Elend und die Verzweiflung?
Im Kampf ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, um höheren
Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.

Ȇber Tote geht alle Entwicklung.

»Die rohe Kraft wich den feineren Kräften des Geistes, und die Kräfte
des Geistes warten ihrer Ergänzung durch die der Seele. Ohne Qualen gäbe
es keine Kraft, die an ihnen wächst und sich bewährt.

»Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht wert gewesen.

»Wächst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der Riese, der ihn
überwinden wird? Schafft die Not nicht die Einigkeit und den Kampf,
grünt nicht heimlich unter Blutlachen und Tränen die junge Saat der
kommenden Menschen?

»Nur Eins ist not: daß wir in dem ungeheuern Triebrade der Entwicklung
kein Staubkorn sind, das hindert, bis es zermalmt wird, kein Rostfleck,
der den Mechanismus anfrißt, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil
der motorischen Kraft sein können, seien wir wenigstens ein Tröpflein
Öls, ein winziges Zähnchen.

»Das ist die neue Wahrheit vom Leben.«

       *       *       *       *       *

Mir war, als hätte ich mir ein Rüstzeug geschmiedet, das mich
unüberwindlich machte. Glückselig sah ich jedem jungen Tage entgegen und
wanderte mit frischen Kräften tief in den Wald, die Lenzluft einatmend,
die starke, würzige, -- den echten Jugendborn für Geist und Körper.

Es war hoher Sommer, als ich mich entschloß, meines Vaters Wunsch Folge
zu leisten und zum Kaisermanöver nach Münster zurückkehren.

Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in vollem Schmuck: Fahnen
und Wimpel in bunter Farbenpracht flatterten im Winde, aus den Fenstern
hingen Teppiche, über die Straßen zogen sich grüne Girlanden, mit roten
und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte Volksmenge füllte die
Straßen. Alte Trachten tauchten auf: Frauen mit schweren,
goldgestickten Hauben, Männer mit weißen Strümpfen und roten Westen, auf
denen dicke Silberknöpfe glänzten. Als am nächsten Morgen in glühendem
Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, schien die ganze Luft erfüllt
von dem gewaltigen Konzert der Glocken, und der Donner der Geschütze
klang nur wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und allen
Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; in altertümlichen
Kaleschen, gemalt und goldverziert, gepuderte Kutscher und Lakaien in
roten, blauen, gelben und weißen Röcken auf Bock und Trittbrett, fuhren
seine Vertreter mittags zum Empfang ins Schloß.

Kein Prunkzelt der Medizeer konnte üppiger sein als das auf dem
Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den Landesherrn zum
Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer Palast konnte größeren
Glanz entfalten als das Haus des Damenklubs, das am Abend die
kaiserlichen Gäste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jäger
der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, der Fürsten
Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, alten Venetianer Spiegeln,
Waffen aller Länder und Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefäßen
waren die Säle geschmückt, aber die Fülle der Edelsteine auf den Köpfen,
den Schultern, und den Armen all der schönen, rassigen Frauen
überstrahlte alles. Mit schimmernden Seidenkleidern und bunten Uniformen
füllten sich die Räume; eine Fanfare, -- und unter dem Bogen der Türe
erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den Dolman über dem kurzen,
linken Arm der Kaiser, in weißem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah
ich ihn wieder seit meiner Kinderzeit: das gebräunte Gesicht war noch
finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart konnte über die
herabgezogenen Mundwinkel nicht täuschen, und das gleichmäßig
verbindliche Lächeln der blonden Frau neben ihm war zu konventionell,
ihr helles Antlitz zu ausdruckslos, als daß es den Blick von ihm hätte
ablenken, die Empfindung von Eiseskälte, die uns alle überkam, hätte
vertreiben können.

Der Ball begann. Ich fühlte, wie die jungen Damen mehr als sonst von mir
abrückten, wie man, trotz der Erregung des Augenblicks, Zeit fand, über
mich zu tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein riesiger
Wächter neben mir. Er war es auch, der mir zuflüsterte, noch ehe eine
»gute Freundin« mich schadenfroh davon unterrichten konnte, daß Syburg
sich verlobt habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, als der
erste Walzer seine Schmeichelweise ertönen ließ. Unten, dicht vor der
Estrade, wo die Kaiserin Cercle hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des
Tanzes bemerkte ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn
streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und lächelte, während
mir mit einem Gefühl des Triumphes durch den Sinn schoß, daß kein Tänzer
im Saal so schön war wie der meine und keine Dame so gut tanzte wie ich.
So sollte es sein: nicht allmählich, wie die alternden Mauerblümchen,
wollte ich mich losreißen vom Jugendleben, -- auf der Höhe vielmehr
wollte ich Abschied feiern! In den Pausen drängten sich die jungen
Mädchen in die Nähe der Kaiserin und kehrten mit verklärten Gesichtern
zurück, wenn es ihnen gelungen war, vorgestellt zu werden. »Wollen Sie
nicht auch --?« meinte Hessenstein bedenklich. »Wozu?« antwortete ich
lachend »um eines Handkusses und einer Phrase willen meine Spitzen in
Gefahr bringen!«

Im Speisesaal war auf erhöhtem Platz die Kaisertafel gedeckt; aus Gold
waren Bestecke, Schüsseln und Schalen, phantastische Orchideen nickten
aus hohen Kristallkelchen, Kränze von gelben Rosen hoben sich leuchtend
von der mattvioletten Seide der Wände. Tisch an Tisch reihte sich in dem
weiten Raum darunter, und den Dreihundert, die sich hier zusammenfanden,
wurde von silbernen Schüsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich saß in
einem fröhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten
großblätteriger Palmen; zwischen ihren Stämmen hindurch konnte ich
hinauf zur Kaisertafel blicken. Das Profil Wilhelms II. stand scharf
gegen den hellen Hintergrund. Ich sah, wie er das Sektglas wieder und
wieder zum Munde hob und wie er lachte, -- der kleine dicke Herzog von
Croy, der ihm gegenüber saß, liebte derbe Späße, -- aber es war das
Lachen eines Ausgelassenen, das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die
starke rechte Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da das
Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und zum Munde zu führen.
Kraftlos, bewegungslos wie ein fremdes Glied hing die behandschuhte
Linke an dem kurzen Kinderarm.

Sommerschwüle brütete in den Straßen, als wir heimwärts fuhren, und ein
Sommernachtsmärchentraum hielt die alte Stadt umfangen. Exotische
Glühwürmchen schienen um die Pfeiler der Laubengänge zu tanzen, sich,
allen Linien des Maßwerks folgend, bis hoch in die Spitzen der
Kirchtürme zu schwingen. Die grauen Steine verschwanden; aus Licht und
Farben waren die spitzen Giebel, die schlanken Säulen, die hohen
Fensterbogen gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden
schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des Lichtgotts.

Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, Ballblumen im Haar, und
die Menge jubelte uns zu, wo wir vorüberkamen. Aus den offenen Fenstern
und den Gärten tönte Gesang und Musik.

Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um uns, jenes Heidentum,
das die katholische Kirche klug zu erhalten verstand. Wo der
Protestantismus mit seiner kunstfeindlichen Nüchternheit einzog, entfloh
es; wo der Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen
Trauerkleid Platz machen mußte, wo die lustigen rotröckigen Chorknaben
verschwanden und in das mystische, weihrauchgeschwängerte Dunkel der
Kirchen grelles Tageslicht eindrang und duftloser Alltag, da verlor das
Volk allmählich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk und
bunten Spielen äußert.

Zu Füßen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage später die
Kaisermanöver. Mit einer Parade vor den Toren von Minden wurden sie
eröffnet. Es war dasselbe Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten:
schwarze Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte
Tribünen, von Fremden und Einheimischen dicht besetzt; auf dem Felde
davor, wohin das Auge reichte, blitzende Uniformen, wehende Helmbüsche,
stampfende Pferde. In der Ferne die blauen Höhenzüge des Wesergebirges,
-- ein ruhig-ernster Abschluß des lebendigen Bildes.

Wenn ein altes Roß, das schon lang vor dem Lastwagen keucht, die
Trompete hört, so spitzt es die Ohren, hebt den müden Kopf und versucht
mit den lahmen Beinen graziös zu tänzeln; und wenn der Mensch, der die
Soldatenspielerei der Völker schon längst für frevelhaft hält, die alten
Kriegsmärsche hört, so muß er an sich halten, um nicht mit zu
marschieren; tauchen aber die Truppen selbst vor seinen Augen auf, --
all die Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fuß und zu Pferde, im
silber- und goldverschnürten Rock, im glänzenden Küraß und die Sonne
spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweißen wehenden Fähnchen, den
rasselnden Säbel zur Seite, oder mit dem dröhnenden Gleichmaß des Tritts
zahlloser Bataillone, -- so pocht das Herz ihm höher, so fest ers auch
halten möchte.

Ich stand in der Mittelloge der Tribüne. Dicht vor mir die Suite des
Kaisers, die fremdländischen Fürsten, er selbst, und an ihnen vorüber
ein glänzender Strom von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder
Fanfaren zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht staunen,
nicht bewundern, aber die Worte des Spottes erstarben mir auf den
Lippen. Wecken jene Klänge verlorene Erinnerungen aus barbarischer
Vorzeit? Peitscht der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes
auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und Leben war, noch in
unseren Adern rollt? Oder ist es nicht bloß die Suggestion der Masse,
der Musik, der Farben, die unsere Sinne berauscht? Würde es uns nicht in
dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten Männer der Arbeit
wären, ihre Waffen blanke Werkzeuge, ihre Uniformen Festgewänder, das
ganze strahlendbunte Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?

Ich grübelte noch darüber nach, als ein brausendes »Hurrah« mich
aufsehen ließ. Der Kaiser hatte sich an die Spitze der 53er gesetzt und
führte das Regiment seines Vaters an den Tribünen vorüber. Als spontane
Gefühlsäußerung wurde jubelnd begrüßt, was nur eine Ausübung
höfisch-militärischer Sitte war.

»Wird ihm diesmal schwer geworden sein,« meinte Fürst Limburg leise, der
neben mir stand. »Warum?« frug ich verwundert. »Der Spuk im aachener
Kasernenhof soll ihn nicht wenig erregt haben!«

Am nächsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter Führung eines
Korps-Gendarmen ins Manövergelände. Mit trüben Gedanken, die der
regnerische Tag nicht heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen
Vater hatte ich seit meiner Rückkehr so wortkarg und finster gefunden,
wie nie vorher; in diesen Tagen aber war er von haltloser Heftigkeit, so
daß alles vor ihm zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche
Kaisermanöver vom Jahre 87 dachte?! -- In einem Gehöft fanden wir Verdy,
den Kriegsminister, dessen sarkastischer Witz mich immer ebenso anzog,
wie sein vernachlässigtes Äußere mich abstieß. »Sauwetter!« brummte er,
mir die Hand schüttelnd »Sie hätten sich auch was Besseres aussuchen
können, als diesem Manöver beizuwohnen.«

»Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?« frug ich unruhig.

»Na, Sie sehen doch, -- es regnet,« wich er aus, »und dann -- all das
Hofgeschmeiß, über das man stolpert! Wissen Sie übrigens, -- Majestät
hat Herrn von Wittich in letzter Stunde die Führung des markierten
Feindes übertragen.« Ich erschrak. Wittich, der Generaladjutant und
Günstling des Kaisers, ein Mann, dessen militärische Leistungen mein
Vater zu verhöhnen pflegte, -- stand ihm heute als Gegner gegenüber!

Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein Ordonanzoffizier vom
Stabe meines Vaters. Er strahlte.

»Das war ein Bravourstück,« rief er mir schon von weitem entgegen. »Die
dreizehnte Division hat einen Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen
setzte. Natürlich kam die feindliche Kavallerie zu spät und wurde
glänzend abgewiesen.«

Ich atmete auf. Vor der Mühle Habichtshorst wehte die Kaiserstandarte.
Wir ritten so nah heran wie möglich.

Im nächsten Augenblick brauste und dröhnte es dicht vor uns: unter
tausenden von Pferdehufen bebte die Erde, die ganze Kavallerie-Division
stürmte zum Angriff, -- ein Anblick, der den Herzschlag stocken ließ und
jenes Fieber gespannter Erregung auslöste, das den Hazardspieler packt,
wenn er die Elfenbeinkugel rollen sieht. Ich vergaß meine Unruhe -- den
Vater -- den peitschenden Regen --, meine Hand, die den Feldstecher vor
die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das Antlitz des Kaisers in
mein Gesichtsfeld: seine Augen glühten, und seine Lippen zuckten. Ich
begriff plötzlich seine Leidenschaft für solch ein Schauspiel.

Gleich darauf hörte ich Trommeln und Pfeifen: im Sturmschritt rückte die
Infanterie von der anderen Seite vor, -- sie kam in unzählbaren Massen,
wie aus der Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. Ich
sah den Fuchs meines Vaters, -- da plötzlich ein Signal: Das Ganze
Halt!, und still stand der Kampf.

Merkwürdig scheu wichen mir auf dem Heimweg unsere Offiziere aus. Kurz
vor Minden traf ich Hessenstein, den ich anrief. »Was ist geschehen?«
frug ich verängstigt.

»Es soll einen bösen Auftritt gegeben haben,« antwortete er. »Auf die
Mitteilung, daß er geschlagen sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut
geraten. 'Sie sind wohl des Teufels', soll er geschrien haben, 'ihre
ganze Kavallerie ist ja vernichtet'. Alle, die ich sprach, geben ihm
übrigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern und Holzhausen hätte
zweifellos seinen Sieg gesichert, wenn er nicht abgebrochen worden
wäre.«

Wir reisten noch an demselben Tage nach Münster zurück und erwarteten
dort meinen Vater. Er war ruhiger, als ich gefürchtet hatte, und erwog
mit solcher Sicherheit die Aussichten auf ein Armeekorps, daß wir selbst
kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.

Als der nahende Karneval uns grade wieder an die geselligen »Pflichten«
zu erinnern begann, starb die alte Kaiserin Augusta, und es war für
diesen Winter mit Spiel und Tanz vorbei. Nichts hätte mich mehr
befriedigen können. Nun konnte ich mich ungestört der Aufgabe widmen,
deren Erfüllung ein neues Leben einleiten sollte.

Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben begonnen hatte,
enthielt die Skizzen, aus denen ich ein Gemälde schaffen wollte, so
stark an Farben, so lebendig an Gestalten, daß in Zukunft niemand daran
würde vorübergehen können. Aber so rasch jener erste Entwurf entstanden
war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. Ich entdeckte Lücken in
meiner Bildung, die durch die mir zu Gebote stehenden Mittel
unausfüllbar blieben. Meine Unwissenheit auf den Gebieten der
Philosophie und der Naturwissenschaften stürzte mich oft in die tiefste
Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir dann wertlos,
die Zukunft, wie ich sie erträumte, auf immer gefährdet. Oft saß ich bis
in die Nacht hinein grübelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das letzte
Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger in der Winterkälte
erstarrten, huschte ich fröstelnd in mein Schlafzimmer.

Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß
ich mich automatenhaft in meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages
meines Vaters klanglose Stimme auffiel. »Bist du krank, Papachen?« frug
ich besorgt. Er lachte gequält: »Ich sollte es sein!« Als ich am
nächsten Morgen zum Frühstück in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl,
leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen. Ich stürzte neben ihm in die
Kniee und griff nach seiner schlaff herabhängenden Hand. In dem
Augenblick kam er zur Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an
sich hatte, drang aus seiner Kehle, -- er sprang auf, schlug wild
aufschluchzend die Hände vors Gesicht, um in der nächsten Minute wieder
zurückzusinken. Da fiel mein Blick auf einen weißen Bogen, aus einem
blauen Umschlag halb herausgerissen, -- ich griff danach und las mit
verdunkeltem Blick nur die drei Worte: »... der Abschied bewilligt ...«

»Die dreizehnte Division!« murmelte mein Vater.

Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt auflösen. Mein Vater
vertauschte noch an demselben Tage die geliebte Uniform mit dem
schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage nicht auf die Straße;
sein Gesicht färbte sich dunkelrot bei jedem Soldaten, der ohne Gruß an
ihm vorüberging. Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer,
dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hörte er zu, wenn meine
Mutter Zukunftspläne schmiedete; wenn sie aber in der Aussicht auf ein
ruhiges Leben förmlich froh zu werden vermochte, erhob er sich
schwerfällig und ging hinaus. Er kümmerte sich um nichts, äußerte keinen
Wunsch, ließ alles geschehen.

Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Möbel -- er merkte es nicht;
sein Adjutant verhandelte mit Hilfe des Reitknechts mit den
Pferdehändlern, -- er betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der
Morgen kam, wo die Pferde fortgeführt werden sollten und wir alle
versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, lief er plötzlich auf den
Flur hinaus, -- hell hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert,
auf dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar glänzte im
Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor dem Morgenritt, sprang ihm
Percy, der weiße Terrier, an die Nase. Gegen die Scheibe preßte mein
Vater die Stirn, ein Beben erschütterte seinen starken Körper, und
schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Fuchs verschwand im
Torweg; nur der Hund blieb noch unschlüssig stehen, kniff den Schwanz,
sah fragend zu uns hinauf und trottete dann erst nach -- langsam, ganz
langsam.



Fünfzehntes Kapitel


Märzsturm im Harz. Er schüttelte auf den Höhen die schweren Schneemassen
von den Bäumen und peitschte durch die Täler feuchtkalten, rieselnden
Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gießbach rauschte die sonst so
bescheiden flüsternde Radau durch das Städtchen. Unter den kahlen,
schwarzbraunen Eichen stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es
hing in hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den Balken des
Musikpavillons und im dürren Weinlaubgerank um die muffig riechenden
Wandelhallen. Mit geschlossenen Fensterläden schliefen Häuser und
Gasthöfe noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wälder hatten
Regen und Schnee all die vielen Fußspuren des vergangenen Sommers
verwischt.

Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall -- das einzig
Lebendige zu dieser Stunde -- sieben schlug, trat aus dem kleinen
Häuschen gegenüber ein Mann heraus: mit zwei müden, blauen Augen unter
finster gefalteter Stirn sah er kühl und gleichgültig zum ewig grauen
Himmel auf; die vollen Lippen, die ein dichter blonder Bart beschattete,
preßten sich fest aufeinander, und die eine Faust auf dem Rücken, die
andere um den Krückstock gespannt, ging er rasch die Chaussee hinauf.
Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte irgendwo ein Mensch auf,
so bog er seitwärts in die Wälder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig
spähend ein junges blasses Mädchen, dem die schwarzen Locken im Wind
wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht weit, -- sie hätte
schließlich laufen müssen, um ihn im Auge zu behalten, und das Herz
klopfte ihr zu stark. So ging sie denn aufseufzend, mit einem
sorgenvollen Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, in die
Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmöbeln, den bunten Öldrucken
an der großblumigen Tapete, dem unbehaglich dürftigen Pensionsfrühstück
auf dem runden Tisch. Sie schluckte den dünnen Kaffee, aß widerwillig
ein winziges Brötchen und sprang mit nervöser Hast auf, als nebenan
Stimmen laut wurden. »Schwester!« rief die eine halb verschlafen --
»Alix!« klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tür. Vor dem
kleinen Mädchen knieend, das sich die goldenen Löckchen wohlgefällig
über die rosigen Fingerchen wickelte, zog sie ihm Strümpfe und Schuhe
an, um gleich darnach zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der
geschickten Hände ihrer Ältesten wartete.

»Papa war heute wieder sehr böse über den schlechten Kaffee,« sagte sie,
während sie mit dem Kamm durch die noch immer vollen blonden Haare ihrer
Mutter fuhr, »und der Ofen will auch nicht brennen, -- wir sollten doch
lieber umziehen!«

»Du weißt, daß alle anderen Pensionen erheblich teurer sind,« antwortete
die Mutter gereizt, »Hans muß sich eben an Einschränkung gewöhnen.«

Kam der Vater gegen Mittag zurück, mißmutig und müde, so saß seine
Älteste schon seit ein paar Stunden neben dem Schwesterchen und spielte
Lehrerin. Des Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts
der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren Kühle der
Mutter und einer Natur, die von der weißglänzenden Winterpracht und der
grünschimmernden Frühlingshoffnung gleich weit entfernt war, verstummte
selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges Geplauder. Im stillen
atmete jeder auf, wenn der Familienausflug ein Ende nahm, und doch
versicherte einer dem anderen, daß er »herrlich« gewesen wäre.

Große Schmerzen bedürfen der Einsamkeit. Schwül und schwer lasten sie
wie Gewitterluft, wenn sie sich nicht entladen können; und die Qualen
des anderen mit ansehen, heißt die eigenen verdoppeln. Aber Tradition
und Sitte predigen in verlogener Sentimentalität, daß sie gemeinsam
getragen werden müssen; und ihnen beugten sich die drei Menschen, so
sehr sie auch auseinander verlangten.

Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, Blassen noch lange die
Lampe. Aus den Schulbüchern der Schwester bereitete sie sich auf das
Pensum des nächsten Tages vor, -- sie hatte ja nie gelernt, zu lehren,
und mühsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei war auch noch stets
der Arbeitskorb voll, geflickt mußte werden und genäht, -- niemand
durfte merken, daß die Verhältnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr
entsprachen. Sehnsüchtig schweiften die dunkeln Augen der Arbeitenden
oft genug zu den Büchern, die erwartungsvoll mit blanken Goldlettern auf
dem Rücken von dem kleinen Regal zu ihr herübersahen. Stahlen sich dann
aber gar Tränen zwischen den Wimpern hervor, so zog sie einen
zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen Schriftzügen dicht
bedeckt, und las ihn, den sie schon fast auswendig wußte, wieder und
wieder. Er lautete:

                                              Pirgallen, 10. März 1890
»Mein geliebtes Enkelkind!

Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst Du Dich in die neue
Lage gefunden hast, und wie treulich Du all die Pflichten, die sie Dir
auferlegt, erfüllst, so daß ich Dich nun ganz besonders meiner
zärtlichen Liebe und freudigen Anerkennung versichern möchte. Ich habe
oft gefürchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit möchten von meiner Alix
reinem Herzen schließlich Besitz ergreifen; vielleicht hat die Führung
Gottes, die uns kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch für
Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres Selbst sich voll
entfalten kann. Ich habe, wie Du weißt, von Anfang an den Abschied
Deines Vaters nicht so tragisch genommen als alle anderen, als vor allem
er selbst. Je älter wir werden, desto gleichgültiger erscheinen uns
solch äußerliche Begebenheiten. Daß es freilich eine harte Schule gerade
für Hans ist, der an seiner empfindlichsten Stelle, -- seinem
Selbstbewußtsein, seinem Ehrgeiz, -- getroffen wurde, weiß ich nur zu
wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schließlich bestehen zu
können, wenn Ihr alle, Du besonders, mein Kind, an der er mit all seiner
Zärtlichkeit hängt, ihm in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen
werdet und er für seine ungebrochene Kraft eine Tätigkeit findet, die
ihr entspricht.

Aber noch eine andere, und für Dich vielleicht schwerer zu erfüllende
Aufgabe muß ich Dir, meine Alix, übertragen. Ich hoffe, Du wirst daran
den Grad meines Vertrauens zu Dir ermessen können und es nicht als
Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen Schultern diese
Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt und kann jeden Tag abberufen
werden. Es ist mir möglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter,
durch regelmäßige pekuniäre Zuwendungen, durch Geschenke, Badereisen und
dergleichen, vor quälenden Sorgen zu bewahren. Nichts konnte mich mehr
freuen, als daß ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu
unterstützen, was man entbehren kann, ist niemals ein Opfer. Deine
Mutter hat es um so selbstverständlicher angenommen, als sie stets zu
dem Glauben berechtigt war, daß ihr künftiges Erbteil noch unangetastet
in meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe nicht zu stören,
habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. Sterbe ich, so wird sie
erfahren, daß Hans auf Grund dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im
Laufe der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein beträchtliches
übersteigen. Das wird für Deine Mutter nicht nur eine große Enttäuschung
sein, es wird auch Einschränkungen aller Art nach sich ziehen, und auch
an bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es nicht fehlen.
Dir, meine Alix, teile ich das schon heute mit, damit Du bereits jetzt
Deinen Einfluß dahin geltend machst, daß Euer neues Leben sich möglichst
einfach gestalte, und Du fortfährst, ein fleißiges Hausmütterchen zu
sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, Deiner Zukunft, einer
möglichen Heirat alle Rücksicht schuldig zu sein, sie werden sich gewiß
einen Aufenthaltsort aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden
und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke zu hoch von
meiner Enkelin, als daß ich nicht wüßte, daß Du höhere Werte zu schätzen
und höheren Zielen zu folgen weißt. Eine Ehe ist nur selten ein Glück,
am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen wird, und Dich hat
Gott mit so vielen guten Gaben bedacht, daß Du auch außerhalb der
natürlichen weiblichen Lebenssphäre einen Dich und Andere befriedigenden
Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, nicht nur um Deiner
selbst willen, sondern auch, um Deinen Eltern die Sorge um Dich von der
Seele zu nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in diesen
Dingen, rechnet für seine Töchter mit den Millionen der augsburger
Tante. Deine alte Großmutter, mein Kind, die stets in dem Rufe stand,
schwarz zu sehen, weiß aber aus Erfahrung, daß es mehr als töricht ist,
auf den wankelmütigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu bauen.
Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und ihrer Eitelkeit zu
schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht verstanden. Darum ist der
Rat, der letzte vielleicht, den ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf
Deine eigenen Füße. Über das »Wie« zu entscheiden, wird freilich Deine
Sache sein. Nur an ein paar Beispiele möchte ich Dich erinnern: an Frau
v. W., die ein schönes, gefeiertes Mädchen, eine verwöhnte Frau gewesen
ist. Ihr Mann verjubelte, was sie besaß, und mußte, als unheilbar
Gelähmter, den Abschied nehmen, so daß ihr allein die Erhaltung der
ganzen Familie zufiel. Sie setzte sich an den Schreibtisch, schrieb
Romane und erwarb, was nötig war, um zu leben und ihre Kinder zu
erziehen. Oder denke an die kleine Gräfin B., deren Eltern starben, als
ihre fünf Geschwister noch unmündige Kinder waren. Mit den Künsten,
durch die sie bisher nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von
da an die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten Wappen und
gepunzten Ledereinbände findest Du jetzt in den Auslagen großer Berliner
Geschäfte.

Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fühle, daß Du mich recht
verstehst, und weiß zuversichtlich, daß ich im Vertrauen auf Dich ruhig
meine Augen werde schließen können. Ich drücke Dich an mein Herz, als

                                      Deine treue, sehr alte
                                                       Großmama.«

Viele schlaflose Nächte hatte mich dieser Brief gekostet, und noch war
keine Stunde am Tage vergangen, die mich nicht an ihn erinnert hätte. Im
ersten Überschwang des Gefühls hatte ich Großmama alles versprochen, was
sie von mir erwartete, und freudigen Herzens hatte ich mich in meine
Aufgabe gestürzt. Aber der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts
übrig als nüchterne, eiskalte Pflichterfüllung. Ich mußte Großmamas
Wünschen folgen, weil die Verhältnisse mir unweigerlich ihre Erfüllung
aufzwangen, und ich konnte es, soweit die häuslichen Pflichten in
Betracht kamen. Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich »auf eigene
Füße zu stellen«?! Nach Selbständigkeit hatte ich mich gesehnt mein
Leben lang, -- nach Selbständigkeit und nach Freiheit --, aber das wars
ja gar nicht, was Großmama unter ihren eigenen Worten verstand, und was
ich zu erreichen genötigt werden würde. Nicht meiner Überzeugung leben,
mein geistiges Ich befreien sollte ich, sondern im Dienst der Familie
meine Begabungen in blanke Münze umsetzen.

Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich mir einst im
Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, der wertlos für mich wurde
und entweiht durch den ersten fremden Blick, der hineinfiel, -- und nun
sollte ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums
preisgeben, sollte für den Verkauf denken und träumen, wie man Spitzen
klöppelt, um sie nach dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte
gehofft, mit jenem kleinen schwarzen Büchlein einmal öffentlich wider
die Lüge zu kämpfen, -- aber nur um des Kampfes willen! In den Schmutz
ziehen hieß es die ganze große Sache, wenn auch nur ein Gedanke an
»Verdienen« sich mit ihr verband. Nein -- tief in den Koffer und noch
tiefer in den Hintergrund meines Herzens mußte ich das schwarze Büchlein
bannen, solange ich an »Verdienen« denken mußte. Ob ich wohl auch, wie
Frau v. W., Romane schreiben könnte? -- Eine tiefe Ehrfurcht vor dem
Schaffen der Dichter erfüllte mich von je her. Als höhere Wesen
erschienen sie mir, Gott ähnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie
wurden geboren durch ein höheres Naturgesetz und nur durch ein solches
zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am Heiligtum, wer sich zu ihnen
erhob, um mit Phantasien und Versen zu schachern, -- lieber Hemden
nähen, oder Strümpfe stricken!

Flüchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider zu machen und Hüte
zu garnieren, -- doch: ein Fräulein von Kleve eine Schneiderin, eine
Putzmacherin -- unmöglich! Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht
schon gemalt, wie viel Stühle und Tische und Kasten und Rahmen gebrannt,
-- hier war vielleicht ein Weg, der sich betreten ließ. Von nun an
benutzte ich jede freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift
Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.

»Komisch,« meinte Papa eines Abends, »daß du plötzlich mit solchem Eifer
Dilettantenkünste treibst. Es ist doch noch lange Zeit bis Weihnachten.«
-- »An Alix' Geistessprünge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,«
spottete Mama. Heiß stieg mir das Blut in die Schläfen; eine heftige
Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, als ein für Hamburgs Stille
ungewohnter Lärm auf der Straße uns alle ans Fenster trieb.

»Extrablatt -- Extrablatt!« Mein Schwesterchen stürmte die Treppe hinab,
-- endlich ein Ereignis in diesem einförmigen Leben! --, und mein Vater
ihr nach, der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich seit
seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen gefiel.

»Bismarck ist entlassen --« atemlos rief er es uns von der Straße herauf
zu und stieg mit jugendlicher Elastizität die hohen Stufen wieder
hinauf. Hochrot war er im Gesicht, die Schweißtropfen standen ihm auf
der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen Augen.
Erstaunt sah ich zu ihm auf.

»Er auch!« sagte er wie zu sich selbst und lächelte. Nun verstand ich
ihn: ein Größerer war gefallen, von demselben Schützen getroffen, --
nicht mehr als der Gedemütigte stand er da, sondern als der Gefährte
dessen, der das Reich gegründet hatte und von des Reiches drittem
Kaiser aus dem Wege geräumt worden war. Von dem Tage an lebte er auf,
wurde gesprächig wie früher, verfolgte mit steigendem Interesse die
politischen Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum »neuen
Kurs« wurde eine immer schroffere.

»Wir werden nach Berlin übersiedeln,« sagte er mit einer Bestimmtheit,
die jeden Widerspruch ausschloß. »Dort eröffnen sich mir alle
Möglichkeiten zu literarischer und politischer Tätigkeit.« Er begann für
die konservative Presse schärfster Observanz zu schreiben, die damals
der Ära Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.

Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die Mutter: auf Theater,
Konzerte, Ausstellungen freute sie sich wie ein Kind. Ein unterdrückter,
ungestillter Hunger schien plötzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen.
Auch ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort würde es mir
leichter werden als anderswo, meine Arbeiten anzubringen, und die trübe
Nebelstimmung meines von der Pflicht und dem Erwerb ausgefüllten Daseins
würde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl aus der Welt
geistigen Lebens -- der für mich unerreichbar fernen! -- durchbrochen
werden. Daß meine Freude eine so gedämpfte war, begriffen die Eltern
nicht. Mein Vater bemühte sich immer wieder, der Ursache nachzuspüren.

»Du wirst mit Mama die Hofbälle besuchen -- auch wenn ich nicht mittun
kann,« sagte er eines Tages mit gütigem Lächeln. »Nein, Papachen!«
antwortete ich, ihm dankbar die Wange küssend. »Ich bin lange genug
ausgegangen -- ich mache mir nicht das mindeste daraus.«

Er schüttelte bekümmert den Kopf, -- nun war er vollends ratlos. Wie
gut, dachte ich, daß seine Jüngste, Tischen mit dem Goldhaar, die
allzeit Fröhliche, ihm immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne
lachte und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich ihn in
trüben Gedanken wußte. Sie verstand es, wie Sonnenschein, alle
Regentropfen glitzern zu machen. Und jeden Abend trieb sie die bösen
Geister, die sich am Tage heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren
Wirbeltänzen zu Türen und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in den
Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen Bewegung. Unermüdlich
pfiff der Vater, und auf und nieder, hin und her flog sie, ein
flatternder Irrwisch -- mit Feuerfunken in den Augen und glühenden Rosen
auf den Wangen. Ganz verängstigt flackerte die kleine Petroleumlampe, --
aufgestört aus ihrer würdevollen Ruhe, mit der sie sonst nur fleißige
Hände und stille Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich saß indessen am
Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die Arbeit; oft schlich ich
still hinaus, -- ich wußte nur zu gut, daß mich niemand vermissen würde.

Ich wurde blaß und schmal, und blaue Ringe umschatteten meine Augen.

Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: »Mama im Sterben.
Walter«. Mir lähmte der Schreck die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu,
wie meine Mutter in Tränen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom
Hörensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, die mir die
liebsten waren. Erst als ich sah, wie meine Mutter hastig den Koffer
packte, kam ich zu mir.

»Ich komme mit«, sagte ich rasch und riß ein paar Sachen aus dem Schrank
und aus der Kommode. »Du?!« Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf.
»Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Entweder wir reisen alle
-- und das ist zu kostspielig --, oder du mußt bei Haus und Ilse
bleiben. Die Kleine kann nicht allein sein.« Ich zitterte vor Aufregung:
Plötzlich ward mir klar, daß der einzige Mensch, der mich verstand, der
mich liebte -- mich selbst, so wie ich wirklich war --, mit dem Tode
rang; daß ich ihn verlieren sollte, ohne daß ich ihn je ganz besaß, ohne
in das kostbare offene Gefäß seines großen Herzens all mein Leid, all
meine Zweifel ausgegossen zu haben und Kraft und Klarheit und
Verständnis von ihm zu empfangen.

»Ilse ist groß genug -- und Papa sorgt für sie -- besser als ich. Ich
bitte dich -- laß mich mit! --« rief ich verzweifelt.

»Du weißt, daß es unmöglich ist --« Mamas Stimme wurde scharf, »oder
hast du vielleicht das Geld für die Reise?«

Tränen des Zorns, der Empörung, der Scham stürzten mir aus den Augen:
Großmama starb, -- und von Geld konnte gesprochen werden! --

Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: in der Nacht vor
ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.

Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich
mehr und mehr der Angst. Ich beobachtete Papa: er vermochte seiner
Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein
Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer
und schloß sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen
Wand: ein Stuhl fiel zu Boden -- ein unterdrücktes Stöhnen -- ein
bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich
zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa
nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so zerfallen
und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt
worden war.

Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen waren grau geworden,
und noch fester als sonst preßten sich die schmalen Lippen aufeinander.
Mit einem kühlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns
flüchtig die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen Kuß. Zu
Hause übergab sie mir ein großes Packet. »Ihren schriftlichen Nachlaß
hat Mamachen dir hinterlassen,« sagte sie, »du kannst damit machen, was
du willst.« Mir traten die Tränen in die Augen. Die liebe, gute
Großmama! Nun würde sie doch für mich eine Lebendige bleiben! So rasch
wie möglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber
ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, als ein
heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. »Hinter meinem Rücken hast du
mein Erbteil verbraucht,« sagte Mama, »und daß auch meine Mutter mir
verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, -- das verbittert mir
noch die Erinnerung an die Tote ...«

»Habe ichs etwa für mich gebraucht?!« brauste Papa auf, »oder nicht
vielmehr für dich, deinen Haushalt, deine Toiletten, und für die Kinder
--«

»Und für deine Pferde, und die überflüssigen Geschenke, und dein ganzes
großspuriges Auftreten!« setzte sie heftig hinzu. »Warum hast du mich
behandelt wie ein unmündiges Kind, und mir nicht gesagt, daß wir von
deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich hätte mich, weiß Gott, auch an
größere Einschränkung gewöhnt -- wie an so vieles andere!«

»Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben schaffen wollte! --
Aber beruhige dich, liebe Ilse -- beruhige dich. Ich hatte zwar gerade
gehofft, daß wir nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben
miteinander führen würden, -- aber du erinnerst mich beizeiten daran,
daß ich auch jetzt nichts weiter bin, als dein Portemonnaie....«

»Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, -- sie täuschen mich über die
Tatsache nicht hinweg, daß es doch nur mein Geldbeutel war, den du --
angeblich in meinem Interesse! -- geleert hast.«

Ich erwartete zitternd eine wütende Antwort, -- statt dessen hörte ich,
wie des Vaters Stimme umschlug und weich und flehend wurde.

»Ilschen -- sei doch nicht so grausam -- siehst du denn nicht, wie mich
die Selbstvorwürfe schon gemartert haben? -- Im Grunde hast du ja recht
-- ganz recht -- aber es war doch nur meine große Liebe zu dir -- die
stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all das verschweigen
ließ, die immer wieder -- in jeder Form -- um deine Gunst werben mußte,
-- ich würde auch Millionen für dich ausgegeben haben, wenn ich sie
gehabt hätte...«

Das konnt ich nicht mehr mit anhören, -- wie gejagt lief ich in den
Garten hinunter.

Und böse war die Zeit, die folgte: der Vater in der gedrücktesten
Stimmung, jeder Blick, den er auf seine Frau warf, ein Betteln um Liebe,
während sie kaum die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit
peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit predigte, -- das
Schwesterchen dazwischen, das sich um so leidenschaftlicher an mich
anklammerte, je unheimlicher es ihm bei den Eltern zumute wurde, -- und
schließlich ich selbst, müde und herzenswund, und dabei krampfhaft
bemüht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad zugleich zu sein und dem
Vater Frohsinn vorzutäuschen, um ihn zu erheitern.

Draußen glühte und glänzte der Sommer. Ein einziger grüner Dom war der
Wald, die grauen Stämme der Buchen seine gewaltigen Säulen, der Duft der
Tannen sein würziger Weihrauch. Und doch floh ich vergebens hinaus, um
hier zu finden, was ich einst im Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und
Weihe. Menschenmassen überfluteten jetzt Berge und Täler; ihre niedrigen
Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den Frieden und die
Andacht aus den Wäldern. Und die Natur hatte sich ihnen allmählich
angepaßt: mit ihren geebneten Parkwegen, ihren umzäunten Rasenflächen
und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein Salon im Freien.

Alte Freunde aus Münster, die zur Reitschule nach Hannover kommandiert
worden waren, besuchten uns um diese Zeit, und ihr Entsetzen über mein
Aussehen machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.

»Was fehlt dir bloß?« rief mein Vater besorgt.

»Ein bißchen Leben, Exzellenz,« schnitt Rittmeister von Behr mir die
Antwort ab. »Bäume, Berge und Wasserfälle sind keine rechte Gesellschaft
für Ihr Fräulein Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover; hat sie
mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und ein paar Gäule kaput
geritten, dann wird das Blut ihr schon wieder in die Wangen schießen.«

Ich lehnte die Einladung ab: »Wir sind in tiefer Trauer, Herr von Behr,
und mein schwarzes Kleid paßt kaum in Ihre Gesellschaft.« Als wir allein
waren, sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Zögern: »Wenn das
schwarze Kleid allein dich zurückhält, so kannst du es ruhig mit einem
weißen vertauschen. Hier ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie
den Wunsch ausspricht, daß ihre Enkel keine Trauer anlegen sollen.« --
»Und das sagst du mir jetzt erst?!« entfuhr es mir, -- hatte ich es doch
die ganze Zeit über wie eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer
um sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben. Meine
Mutter verstand mich falsch.

»Ich hätte nicht geglaubt, daß du so wenig Herz hast,« meinte sie
gekränkt, »dann wirf nur den Krepp beiseite und geh deinem Vergnügen
nach.«

In der nächsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen, aber bei meiner
Weigerung Herrn von Behrs Einladung gegenüber blieb ich. Erst Papas
Bitten, seinen Vorwürfen und seinen sorgenvollen Blicken, die ich stets
auf mir ruhen fühlte, gab ich schließlich nach.

Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener Zeit Leiter der
Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere hatte gerade eine große
Zahl der besten Reiter nach Hannover geführt. Kraft und Kühnheit,
Lebenslust und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretmühle des
Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie entfernt, die mehr als
alles andere an die schmerzvolle Würde des Alterns erinnerte, feierten
all diese reifen Männer ein stürmisches Wiedersehen mit der Jugend. Sie
tranken und spielten die Nächte durch und saßen beim Morgengrauen wieder
im Sattel; sie fanden sich strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen
Haare spottend, zur üppigen Mittagstafel ein und tanzten abends
ausdauernder als die jüngsten Leutnants. Ich war das einzige junge
Mädchen in diesem Kreis, und der Verkehr inmitten dieser bunten
Gesellschaft, die die Kavallerie ganz Deutschlands vertrat, war um so
ungezwungener, als der Gedanke, der sich sonst störend und trennend
zwischen die männliche und die weibliche Jugend schiebt, -- »Kann er
mich heiraten?« -- »Ist sie eine Partie?« -- hier nicht aufkam, wo jeder
Mann -- wenigstens solange er in unserer Gesellschaft war -- den
Trauring am Finger trug.

Ah, wie gut tat es doch, wieder fröhlich zu sein! Zu vergessen -- im
Lebensrausch der Stunde!

Einmal war ein kleiner sächsischer Husar mein Tischnachbar -- »Herr von
Egidy«, hatte man ihn mir vorgestellt, -- und ich hatte die gedrungene
Gestalt mit dem runden Schädel kaum im Gedächtnis behalten. Jetzt fielen
mir plötzlich ein paar große blaue Augen auf, die mich mit einem so
reinen Ausdruck anstrahlten, wie er mir bei einem Manne selten begegnet
war. Wir kamen in ein Gespräch, das mich, je überraschender sein Inhalt
wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor hatte andere Gedanken
hinter seiner breiten Stirn als die über Schwadronsexerzieren und
Jagdreiten. Man hatte sich gerade über die jüngsten Verordnungen des
Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller Wahrung der Form war
doch der Ausdruck des Unmuts ein allgemeiner.

»Mich haben die Worte Sr. Majestät geradezu beglückt,« sagte Egidy. »Wir
nennen uns Christen, und verleugnen die Lehre Christi fast täglich.«

Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen Austern und
Mocturtle-Suppe über die Lehre Christi mit mir gesprochen. War das ein
schlechter Witz? Ich begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung
Lügen strafte.

»Wir sollen doch Christen sein, nicht heißen!« fuhr er fort »und der
Heiland saß mit den Zöllnern bei Tisch. -- Verzeihen Sie, gnädiges
Fräulein -- ich vergaß -- das ist kaum ein Dinergespräch mit einer
jungen Dame -- aber meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben Punkt
--«

»Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von Egidy,« antwortete ich,
»Sie warfen meine ganze gesellschaftliche Erfahrung über den Haufen, --
und das verblüffte mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken,
besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, für uns zu behalten. Ich
wenigstens --«

»So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!« Er lächelte -- sein
ganzes Gesicht leuchtete auf dabei, »Meinen Sie denn nicht auch, daß
nur einer öffentlich auszusprechen braucht, was alle an -- wie Sie sagen
-- ketzerischen Gedanken in sich tragen, um jedem die Zunge zu lösen?!
Wie ein großes befreiendes Aufatmen würde es durch die Menschheit gehen
--«

In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: »Das höchste Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde, und am Herzen des Weibes -- --« Es gab
ein allgemeines Stühlerücken -- Anstoßen -- Gelächter. Alles umringte
mich und forderte von mir eine Antwort. Ohne viel Überlegung brachte ich
auf die lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover wieder zu
Leutnants geworden wären, einen Trinkspruch aus. Und wieder klangen die
gefüllten Gläser aneinander, und alle Rosen, die die Tafel geschmückt
hatten, häuften sich vor mir. Aber ich lächelte nur mechanisch über die
Huldigung. »Wie ein großes befreiendes Aufatmen wird es durch die
Menschheit gehen, wenn nur einer auszusprechen wagt, was alle an
ketzerischen Gedanken in sich tragen,« -- das ließ mich nicht los. In
meinem Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, -- war es wirklich meine
höhere Pflicht, das Schwesterchen zu unterrichten, der Mutter die Haare
zu kämmen und mit schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu
verdienen -- statt das erlösende Wort in die Welt zu rufen? Denn
felsenfest glaubte ich daran, daß es ein erlösendes Wort sein würde.

Am nächsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte ein Manuskript bei
sich, mit den klaren, großen Schriftzügen des Soldaten bedeckt, wie ich
sie bei meinem Vater gewohnt war. »Ernste Gedanken« nannte er es. Wir
waren ungestört, und er begann mir daraus vorzulesen, -- eine Kritik
der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis zu einem Christentum Christi
ohne Dogmen, ohne Wunder, in einfachen lapidaren Sätzen geschrieben,
durchglüht von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, an
ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war das alles vertraut, und
ich konnte mich einer leisen Enttäuschung, daß es nicht mehr war, nicht
erwehren. Er schien meine Gedanken zu erraten.

»Ihnen ist das nichts Neues,« sagte er, »das freut mich. Neu daran ist
doch nur, daß es jemand ausspricht.«

»Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,« wandte ich ein, »Strauß,
Renan, die Protestantenvereinler --«

»Ich kenne die Leute nicht,« antwortet er brüsk, »und das beweist, das
sie nichts taugten, -- sonst hätten ihre Schriften wirken _müssen_ --«

»Sie denken an eine Veröffentlichung?!«

»An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die Masse! Ich muß
handeln, weil kein anderer es getan hat!« Seine blauen Augen funkelten
dabei.

»Und -- die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht?« Mit aufrichtiger
Bewunderung sah ich zu dem Mann in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt
erregt, straff aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er lächelte
wieder sein vertrauendes Kinderlächeln.

»Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverständige werden
räsonnieren, die wenigen, wirklich noch vorhandenen Altgläubigen werden
Zeter-Mordio schreien, aber die Masse des Volkes -- wir alle sind
'Volk', wissen Sie -- wird in Bewegung gesetzt werden. Und der Kaiser
--«

»Der Kaiser?!« rief ich, auf das äußerste überrascht.

»Ja der Kaiser!« wiederholte er mit fester Stimme. »Ihm vertraue ich vor
allem. All dein Tun ist von wahrhaft christlichem Geiste erfüllt: seine
Erlasse, seine Arbeiterpolitik -- denken Sie nur an die
Arbeiterschutz-Konferenz!«

»Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von Egidy, und Ihr Vertrauen
ist mir viel zu wertvoll, als daß ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig
wäre,« antwortete ich in tiefer Bewegung. »Sie sollen Ihre Schrift
erscheinen lassen -- gewiß --, aber die Bewegung, die Sie erwarten, wird
ausbleiben. Denn was heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern
eine Überwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen, weil auch
Ihr Werk Steine abbröckelt vom Bau der Kirche. -- Sie lächeln?! Nun --
ich gebe zu, daß in meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, --
vielleicht irre ich mich, vielleicht haben Sie recht, aber eins weiß ich
ganz gewiß: der Kaiser wird Sie nicht unterstützen -- doch den schönen
bunten Rock ausziehen, -- das wird er Ihnen!«

Ungläubig erstaunt sah mich Egidy an: »So jung und so pessimistisch!
Dieser Rock und dies Buch sind einander doch nicht unwürdig. Und wenn
ich als Soldat und als Christ meine Pflicht erfülle, -- wie könnte mein
Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!«

Ich schwieg. Wie eine Entweihung wäre mirs vorgekommen, dieses Mannes
rührenden Kinderglauben noch einmal anzutasten.

Der nächste Tag war der letzte meines Aufenthalts in Hannover, und mit
einer Schleppjagd sollte an demselben Morgen der Kursus der
Stabsoffiziere abgeschlossen werden. Schon früh um fünf Uhr fuhren wir,
Frau von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum Rendezvous.
Taufrisch lag die weite Heide vor uns, von Gräben und Hecken und von dem
im Sonnenlicht glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten.
Zwischen Weidenstämmen und gelbem Ginster hatte sich eine große
Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere der Reitschule, Mädchen
und Frauen der Gesellschaft in hellen Sommerkleidern, Burschen und
Ordonnanzen mit Decken und Mänteln und der Koch des Kasinos mit seinem
weißbeschürzten Stab vor dem mit Kisten und Fässern hochgetürmten
Kremperwagen. Mit Feldstechern und Opernguckern bewaffnet, warteten wir
alle der Reiter. Und plötzlich brauste es heran, wie ein
farbensprühendes Märchen aus Tausend und einer Nacht: blau, grün, gelb,
rot, weiß, -- hatte ein Regenbogen sich dicht über die Erde gespannt?!
Näher kam es und näher -- das Schnauben der Rosse, das Sausen der
Gerten, der vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich zu
einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden Ton. Da flog ein
Brauner, den schlanken Leib lang gestreckt dicht vor mir über das
Flüßchen, hinter ihm ein Fuchs -- ein Schimmel mit wehendem Schweif kaum
eine Nasenlänge weiter, und nun -- zehn, zwanzig, hundert rassige Tiere,
Schaum vor dem Maul, mit bebenden Nüstern, -- mir klopfte das
Herz, und noch minutenlang nachher fühlte ich nichts als die
wundervoll-leidenschaftliche Erregung dieses Augenblicks. Dann lagerten
wir auf dem grünen Rasen, duftige Erdbeerbowle kredenzten die
Ordonnanzen, und mitten in der Schar dieser durch die eigene Leistung
froh bewegten Männer kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. Da fiel
mein Blick auf einen, der mit verschränkten Armen und gefurchter Stirne
abseits stand: Egidy, -- und ich erwachte aus der Betäubung. Nein --
hier war meinesgleichen nicht mehr, -- ich erhob mich hastig aus dem
lustigen Kreise und trat auf ihn zu.

»Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn« -- sagte er, »ich ging nach
Hannover in der Meinung, noch einmal fröhlich sein zu können, und
überzeugte mich für immer, daß der Frohsinn gebannt ist und, -- bleiben
die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch --, nimmer wiederkehren
würde. Und nun empfind' ich, daß die Veröffentlichung dem Frohsinn erst
recht den Weg sperren wird.« Seine Stimme sank. Mit einer raschen
Bewegung legte er die Hand vor die Augen: »Und es ist doch so schön
gewesen!«

Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog über die Haide, den schimmernden
Fluß, die lachenden Kameraden. Mir wurden die Augen feucht. Ich griff
nach seiner Hand. »Gehen wir,« sagte ich leise, »losreißen müssen wir
uns doch -- ehe die anderen uns verleugnen.« Und stumm, schweren
Herzens, zögernd, als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach,
schritten wir durch den Wald zur nächsten Station.

Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der Nacht nahm ich mein
schwarzes Büchlein aus dem Koffer, schrieb ein paar Zeilen dazu und
sandte es frühmorgens an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, daß er doch
vielleicht der Befreier -- auch mein Befreier -- werden könnte, ließ mir
das Herz dabei höher schlagen. Wenige Tage später bekam ich seine
Antwort. »Wir sind Bundesgenossen,« schrieb er, »denn nicht darauf kommt
es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns
nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu
wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem
Wirken.

                          In wahrster respektvoller Ergebenheit
                                                     M. von Egidy.«

Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; aber ihr trübes
Grau war wie Frühlingsnebel, der die Sonne ahnen läßt, und meine träge
gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu
malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin würde der
große Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen,
das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen würde aufhören,
und »das Wunderbare« würde vielleicht doch noch erlösend in mein Dasein
treten.

Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von
Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief
erhielt. Er hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter
gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß an den großen
Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen.
Ob ich für seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, --
ich staunte: wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! Die
Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den Weg des Erwerbs
gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir
möglich sein sollte, ihn zu betreten!

Gewiß, mit Freuden würd' ich den Aufsatz schreiben, antwortete ich;
viele wertvolle Erinnerungsblätter von der Hand der Verstorbenen seien
in meinem Besitz, die ich zu veröffentlichen die Absicht hätte, und
überaus dankbar würde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe
rechnen könne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, worin mir der
Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich strahlte: das war ein Anfang,
-- der erste Schritt zur Unabhängigkeit, und vielleicht -- zum Ruhm!

An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie nur im Norden
Deutschlands vorkommen, näherten wir uns Berlin. In hellem Violett, das
hie und da ins Rosenrote überging, lag der Dunst der Großstadt über den
Häusern, verwischte ihre Häßlichkeit und verlieh ihnen einen Schimmer
phantastischen Lebens. Feuchtglänzende Schienenstränge liefen vor uns
her und dehnten sich nach allen Seiten, -- zahllose Polypenarme, die
sich verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten,
das mit roten, grünen und weißen grell-glotzenden Augen gierig Ausschau
hielt nach neuer Beute. Ein schwarzer Rachen, öffnete sich die Halle des
Bahnhofs. Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein --
Rauchschwaden stiegen auf -- ein letztes Ausatmen seiner Maschine -- ein
kurzer, harter Stoß noch -- und Berlin hatte ihn verschlungen.
Aufgeregt, rücksichtslos, erwartungsvoll schoben und drängten sich die
Menschen. Mir aber war, als müßten meine Füße den grauschwarzen Asphalt
sanft und schmeichelnd berühren: Neuland war es, das ich betreten hatte.



Sechzehntes Kapitel


                                                    Berlin, 28. 12. 90
Liebe Mathilde!

Du beklagst Dich über mein monatelanges Schweigen, und solltest doch
froh sein, daß ich Dich während einer Zeit innerer und äußerer
Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit ich nicht behaupten will,
daß ich Dir jetzt das Bild abgeklärter Weisheit geben könnte. Aber ich
habe zum mindesten den Taumel überwunden und sehe das Verwirrende,
Vielgestaltige des neuen Lebens. -- Doch Du willst zunächst seinen
Rahmen kennen lernen. Er ist -- um ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen
-- bronzierter Gips, den der Fremde für vergoldete Holzschnitzerei zu
halten verpflichtet ist. Wir wohnen -- natürlich! -- im 'vornehmen'
Westen, aber an jener Grenzscheide, wo die neuesten Mietskasernen mit
ihren dunkeln Höfen und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern
begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang 'nur für Herrschaften' und
ist selbstverständlich 'hochherrschaftlich': über den Türen tanzen
Stuckamoretten mit verrenkten Armen und Beinen, die Öfen sind
Prachtgebäude aus den buntesten Kacheln, das Eßzimmer -- ein wahrer
Tanzsaal -- hat Holzpaneele und eine Holzdecke aus Papier, der Salon
weist gar eine imitierte Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz
besonders 'vornehm' anpries, und das Herrenzimmer prunkt im papierenem
Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen von acht Zimmern an die
Fenster und Türen dieser drei Räume gehängt, so daß die Üppigkeit eine
geradezu überwältigende ist und unsere verschossenen Möbel und
zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht Glanz und Reichtum
vortäuschen. Die nüchterne Wahrheit beginnt erst mit dem langen dunkeln
Korridor, an den sich drei Kammern -- Schlafzimmer genannt -- anlehnen.
Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen, sie mittelst
Kretonnevorhängen in zwei Räume zu verwandeln, die sich freilich beide
mit einem Fenster begnügen müssen und von der Existenz des Himmels keine
Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.

Und doch muß zwischen meiner Seele und der Sonne irgendein
geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein Denken und Fühlen friert ein
ohne sie. Wenn ich arbeiten will, muß ich darum immer zuerst über Felder
und Sturzäcker laufen, wo kein Haus und kein Baum Schatten werfen.
Trotzdem will meine Arbeit nicht so recht hell und warm werden ...

Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor Fiedler. Mein Artikel
über Großmamas Goethe-Erinnerungen gefiel ihm -- unter uns gesagt: mir
gar nicht! --, und für alles, was ich sonst noch von ihr habe, war er
aufs höchste interessiert. Er empfahl mich an Rodenberg, an Lindau, an
Westermanns Monatshefte, und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre
hinaus zu tun, ohne daß der Eintritt in die Literatur mir irgendwelche
Schwierigkeiten gekostet hätte. Auch sonst bin ich vom 'Glück'
begünstigt: Meine Brennarbeiten hat der Offizierverein zum Verkauf
angenommen, und meine Erfindung -- die Vereinigung von Brennen und Malen
auf Sammet und Tuch -- hat eine Frauenzeitung geschildert und mich dabei
als Verfertigerin empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das
Taschengeld schon 'kündigen' können, und dieser erste Schritt zur
Selbständigkeit ersetzt mir etwas den Mangel an seelischer und geistiger
Befriedigung. Da ich den Eltern überdies durch Schneidern, Putzmachen
und Gouvernantenspielen bei Ilse ein Mädchen für alles und ein Fräulein
erspare, so kann ich mir einbilden, mich bereits selbst zu erhalten. Nur
daß dies bloße Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.

Ich sehe dich heimlich lächeln. 'Ihr fehlt einmal wieder der Mann,'
sagst Du. Du irrst: ich komme mir mit meinen 25 Jahren so alt vor, daß
ich bereits großmütterlich mitleidig lächle, wenn andere von Liebe
reden. Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg? Du warst damals
sittlich entrüstet, daß ich dem guten Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem
er in den letzten acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen
hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, -- noch immer derselbe
kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform. Mit Blumen und
Blicken wirbt er um mich, und seine Treue rührt mich oft so, daß ich
mich frage, ob es nicht das Beste wäre, seine Frau zu werden. Dann hätte
die liebe Seele Ruhe, und allen Ambitionen und Befreiungsgelüsten wäre
ein für allemal ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie -- die
durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen und ihre Kinder und
Enkel erschreckende Dimensionen angenommen hat -- unterstützt natürlich
im stillen die Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.

Na, überhaupt die Familie! Die Familiensonntage vor allem, wo man sich
mittags und abends genießt, meist fünfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur
eins ist für mich dabei wohltuend: daß ich mich wieder einmal so recht
intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.

Seit Stöckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu epidemisch
geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks -- wenigstens in den
Kreisen meiner lieben Verwandtschaft -- erst nach seinem Sturz ins Kraut
schoß. Und ein Staatsanwalt würde Karriere machen, wenn er das
Geschimpfe auf S. M. mit anhören könnte, -- vorausgesetzt, daß die
Delinquenten nicht preußische Edelleute, sondern internationale Sozis
wären! Der adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten der
Nation aufgenommen werden und Papa und die Enkels täglich verkehren, ist
der Mittelpunkt der Fronde; Ströme von Skandalosa fließen aus seinen
Türen in die Welt, und ich könnte aus lauter Widerspruchsgeist -- der
zuweilen zur Objektivität erzieht -- fast zur Verteidigerin des 'neuen
Herrn' werden, wenn er nicht selbst der sich kaum schüchtern
entwickelnden Anerkennung immer wieder einen Fußtritt gäbe, so daß sie
zusammenknickt wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du kannst Dir
denken, wie es mich z. B. begeisterte, als er in der Schulreform die
Initiative ergriff, und welche Hoffnungen ich an die Konferenz knüpfte.
Und dann stellte ihr S. M. keine andere Aufgabe, als die Schule in ein
Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln und blindwütigen
Hurrapatriotismus noch mehr als bisher zu verbreiten. Natürlich bestand
die Antwort der zusammengerufenen 'Führer der Jugend' in devotester
Verbeugung vor dem allerhöchsten Willen, und befriedigt von dem 'Erfolg'
des 'offenen' Gedankenaustausches schloß S. M. die Versammlung mit einer
Verbeugung seinerseits vor der Kirche.

Für Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam, wohl der größte
Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel, und so sehr ich mich im
Gegensatz zu vielen seiner Grundanschauungen befinde, genieße ich diese
lebens- und glaubensstarke Individualität, wie ein Durstiger frisches
Quellwasser. 'So schwer auch die Gegenwart mich belastet,' schrieb er
mir kürzlich, 'so kraftvoll ich auch ringen muß, um die Erinnerung
niederzukämpfen, die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da
das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen der Ernsten Gedanken
das meine werden sollte, sein Jubiläum feiert, -- so beseelt mich doch
die Hoffnung, daß ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und daß
das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf den Kaiser ist meine
Hoffnung unzerstörbar, -- es gilt nur sein Ohr zu erreichen....'

Doch ich sehe, daß mein Brief sich zu einem Buch auszuwachsen beginnt,
-- hoffentlich ein Beweis für die künftige Regsamkeit unseres
Briefwechsels.

Was soll ich Dir nun ohne Phrase und ohne Komödie zum neuen Jahre
wünschen? Glück? Wer glaubt daran? Befriedigung? Wer findet sie, solange
das Blut noch heiß durch die Adern rollt! Soll ich auf ewige Seligkeit
vertrösten? Ein schwacher Trost für den, der die irdische noch nicht
durchkostet hat. Lerne dich bescheiden, werde so rasch wie möglich alt
und kühl, -- ist das nicht am Ende der beste Wunsch?!

                       In treuer Freundschaft
                                       Deine Alix.«


                                                       Berlin, 20. 2. 91
Liebe Mathilde!

Seit meinem letzten Brief und Deiner Antwort -- die meiner Erwartung
vollkommen entsprach, alldieweil Du meine Arbeitswut nur als Intermezzo
zwischen zwei Romankapiteln betrachtest -- sind wieder einige
inhaltreiche Wochen vergangen. Ich fange allmählich an, den Pulsschlag
des Weltlebens zu empfinden und den meinen auf denselben Takt
einzustellen, wobei ich allerdings immer deutlicher den Gegensatz
zwischen mir und der lieben Verwandtschaft empfinde, deren Blut so träge
fließt, daß es eigentlich Anno 70 noch kaum überwunden hat. Der jüngste
Familienzuwachs ist nach der Richtung besonders charakteristisch. Du
entsinnst Dich, daß Papa einen jüngeren Bruder hatte, der Geistlicher
war und im Irrenhaus starb. Er hinterließ eine Wittwe mit fünf Kindern
in bedrängtester Lage, und Tante Klotilde mußte sich wohl oder übel
entschließen, das Ihre zur Erhaltung der Familie beizutragen, was sie
natürlich von vornherein gegen sie einnahm. Die mütterlichen Verwandten
taten desgleichen; Papa verschaffte den Söhnen ein Unterkommen im
Kadettenkorps, Mama erreichte, daß eine der Töchter die mir zugedachte
Freistelle im Augustastift bekam, so daß Tante Marie schließlich nur
für ein Kind zu sorgen hatte. Jetzt wills das Unglück, daß die Mädchen
erwachsen sind und die Söhne in die Armee eintreten, und was das Malheur
voll macht: die ganze Gesellschaft ist aus der Art der Kleves
geschlagen. Tante Klotilde entrüstet sich darüber, und Papa schimpft wie
ein Rohrspatz, daß die mütterliche Verwandtschaft das Blut verdorben hat
und er nun genötigt ist, die Jungens weiter zu bringen. Er war ja von je
der hilfreiche Geist, wenn irgendein Vetter durch das Einjährige
bugsiert werden oder in ein anständiges Regiment Aufnahme finden sollte.
So hat er denn für Erich, den ältesten dieser mißratenen Kleves, sein
altes Regiment gefügig gemacht und ihm -- in der goldenen Zeit der
eigenen Korpshoffnungen! -- die nötige Zulage versprochen. Das Einlösen
dieses Versprechens wird ihm jetzt gewaltig sauer, und es macht mir eine
Riesenfreude, daß ich bald imstande sein werde, einen Teil davon auf
mich zu nehmen.

Tante Marie lebt mit ihren Töchtern in Potsdam, die Söhne sind in
Lichterfelde und Frankfurt, und diese Nähe verschafft uns das Glück
ihrer Sonntagsbesuche. Ich sitze dabei immer wie auf Nadeln in Erwartung
von Papas sarkastischen Bemerkungen und überbiete mich in
Liebenswürdigkeit, wenn mir auch gar nicht darnach zumute ist. Alle
miteinander sind kaiserlich bis in die Knochen, ist doch Tante Marie mit
der neuen Hofclique verschwägert, mit den Eulenburgs vor allem, die nahe
daran sind, das Hausmeiertum an sich zu reißen. Infolgedessen sind sie
natürlich auch kirchlich-orthodox; -- darnach kannst Du Dir die
Harmonie unserer Beziehungen ungefähr vorstellen! Mama, mit ihrem oft
ganz fanatischen Gerechtigkeitsgefühl ist die einzige, die sie aus
Überzeugung verteidigt und es sogar unternahm, Tante Klotilde, die jede
persönliche Zusammenkunft mit ihren Neffen und Nichten bisher vermieden
hat, freundlicher zu stimmen. Sie wirft mir Herzlosigkeit vor, weil ich
sie darin nicht unterstützen mag, und zankt sogar mit ihrem
Lieblingsbruder, der sie warnte, sich 'kein Kuckucksei ins Nest zu
legen'. Die Gefahr ist, scheint mir, sehr gering, denn um bei Tante
Klotilde etwas zu erreichen, müßte Mama ungefähr das Gegenteil von dem
verlangen, was sie erreichen will. Außerdem würde ich den armen Würmern
einen tüchtigen Anteil an Tante Klotildes Reichtümern von Herzen gönnen.

In schroffem Gegensatz zu diesem Zwangsverkehr steht ein anderer, den
ich mir erkämpft habe, -- obwohl Du mich bereits vorher vor meinen
'jüdischen Beziehungen' warntest: der im Hause Fiedlers und Rodenbergs.
Papa war zuerst entrüstet, als ich ihn um die Erlaubnis bat, den
freundlichen Einladungen der beiden, meine literarische Tätigkeit so
lebhaft unterstützenden, folgen zu dürfen. Nach einigem Brummen,
Räuspern und Toben -- wobei ich verängstigt wie immer aus dem Zimmer
floh, während Ilschen lachte und den Papa zu meinen Gunsten
umschmeichelte -- entschloß er sich freiwillig zu offiziellen
Familienvisiten und gestattete mir dann, die Gesellschaften allein zu
besuchen. Nun genieße ich den geistig anregenden Verkehr ungeheuer und
fange an, meine Schüchternheit angesichts dieser mir doch sehr neuen
Menschen und fremden Verkehrsformen zu überwinden. Ich bin seit langem
daran gewöhnt, meine Ansichten nur im höchsten Affekt auszusprechen, so
daß ich erst eine gewisse Schwerfälligkeit niederkämpfen, ja sogar mit
dem Ausdruck ringen muß. Das steigert sich, wenn Namen genannt und
Ereignisse lebhaft erörtert werden, von denen ich keine Ahnung habe.

Im Mittelpunkt des Interesses steht auf der einen Seite die neue
literarische Bewegung, die sich in der Freien Bühne ein eigenes Theater
schuf, und deren Vertreter stark realistische und sozialistische
Tendenzen haben, und auf der anderen der neu aufsteigende Stern am
Dichterhimmel -- Sudermann --, dessen Dramen, wie Du sicher aus den
Zeitungen weißt, wahre Stürme für und wider hervorrufen. Ich kenne von
alledem noch nichts. Onkel Walter erklärt, daß 'ein junges Mädchen'
Sudermanns Werke unmöglich sehen könne, -- aber ins Residenztheater und
in den Wintergarten werde ich ohne Bedenken mitgenommen! --, und im
Kreise meiner literarischen Bekannten sieht man den Jungen von
Friedrichshagen -- einem Vorort von Berlin, wo sie, wie man munkelt, ein
gemeinsames Leben führen, das das kommunistische Prinzip sogar auf --
die Frauen ausdehnt! -- skeptisch gegenüber. Ich bin zwar sehr geneigt,
mich, wenn auch nicht der Autorität Onkel Walters, so doch dem reifen
Urteil meiner neuen Freunde von vornherein anzuschließen, um so mehr,
als Dr. Friedrich, der hervorragendste Kritiker Berlins und ein tiefer
Goethe-Kenner, an ihrer Spitze steht, aber mich interessiert jede
moderne Erscheinung viel zu sehr, als daß ich sie nicht aus eigner
Anschauung kennen lernen wollte.

Wegen Vetter Fritz sei ganz ruhig. Ich habe besseres zu tun, als zu
kokettieren. Meine Haltung ihm gegenüber ist eine ganz passive: ich
empfinde mit wohligem Behagen die Atmosphäre seiner Zuneigung, und
vielleicht ist solch ein sich lieben lassen für mich ein
Lebensbedürfnis, ebenso wie das sich bescheinen lassen von der Sonne.

                            Von Herzen
                                  Deine Alix.«

       *       *       *       *       *

Meine Mutter pflegte sich Onkel Walters Ansichten fast immer zu
unterwerfen, weil es im Grunde stets die ihren waren. Aber in Bezug auf
meine Theaterbesuche geriet sie in einen Zwiespalt mit ihrer eigenen
Neigung und mit ihrem Pflichtgefühl. Das Theater wurde mehr und mehr
ihre Leidenschaft, -- es war, als suche diese kühle, harte Frau das
Leben, weil sie selbst nicht gelebt hatte --, aber für sich allein und
ihr persönliches Vergnügen Geld auszugeben, wäre ihr nie in den Sinn
gekommen. Also nahm sie mich mit, beruhigte ihr Gewissen damit, daß »uns
doch niemand sehen wird«, und schärfte mir ein, nicht darüber zu
sprechen. So sahen wir »Die Ehre« und »Sodoms Ende«, dessen
ursprüngliches Verbot auf des Kaisers direkten Eingriff zurückgeführt
wurde und den Erfolg des Werks von vornherein gesichert hatte. Der tiefe
Eindruck, den wir empfingen, setzte sich aus Verblüffung, Entsetzen und
Ergriffenheit zusammen. Aber während er sich bei meiner Mutter durch den
befreienden Gedanken auslöste, daß hier der verdorbenen Bourgeoisie und
den verhaßten Parvenüs ein gräßliches Spiegelbild vorgehalten werde,
das sie im Grunde nichts anging, wirkte er in mir schmerzhaft nach. Ich
sah in meinen Träumen Alma, das verdorbene Mädchen aus dem Hinterhaus,
und Frau Adah, die arme Reiche, die nach Glück und Liebe lechzte,
während ihr Mann sich mit Straßendirnen umhertrieb. Sie waren nichts als
Typen der modernen Gesellschaft, und ihre Wahrhaftigkeit erschütterte
mich.

Und dann las ich mit demselben Feuereifer, mit dem ich einst in Posen
meine heimlich erworbenen Reklambändchen verschlang, die Werke der
»Jungen«. Jedes Buch riß mir einen neuen Schleier von den Augen.
Kretzers »Meister Timpe«, Holz-Schlafs »Familie Selicke«, Gerhart
Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«, -- mit welcher Grausamkeit enthüllten
sie ungeahnte Tiefen des Elends! Dazwischen fielen mir in bunter Reihe
Bücher in die Hände -- von Strindberg, von Garborg, von Przybyszewski
--, die mit demselben brutalen Wahrheitsfanatismus blutende Herzen und
zuckende Sinne bloßlegten. Und in diesem grellen Licht, das nur tiefe
Schatten und blendende Helle schuf und milde, zart verschwimmende
Dämmerung nicht duldete, enthüllte sich nun auch die Welt in mir. Hatte
ich die zehrende Glut meines Innern, all die Qualen meiner jungen Sinne
doch nur vergebens mit den Feuerlöscheimern des Verstandes und der
Pflichterfüllung zu ersticken gesucht.

Das Leben hatte in tausend und abertausend bunten Farbenflecken unruhig,
blendend, vor meinen Augen geflirrt; jetzt erst entdeckte ich, daß sie
alle notwendig zueinander gehörten und zu einem einzigen, riesigen
Gemälde zusammenschossen. Es galt nur, die Blicke fest und mutig darauf
zu richten, nicht zu schaudern vor der Wahrheit, die im zerschlissenen,
blutbefleckten Gewande der Not der schier endlosen Schar der Hungernden
und Blinden, der Lahmen und Verkrüppelten, der Irren und der
Kettenträger voranschritt. Wer sehend war, erkannte unter ihrem
Bettlermantel das Königskleid, und ihm wandelte sich die Geißel, die sie
trug, zur Fahne des Sieges.

Das Grauen verschwand, ein Gefühl unbezwinglicher Kraft überkam mich. O,
ich war stark genug, um, Seite an Seite mit den anderen, Ruinen
einzureißen und Felsen aufeinander zu türmen!

War ich es wirklich?! Beugte ich mich nicht ängstlich jenem pedantischen
Schulmeister, dem Alltag, der mich jeden Morgen aus meinen Träumen
weckte, mich zwang, zwanzig alte, muffig riechende Bücher zu
durchstöbern, um über irgend einen vergessenen Zeitgenossen Goethes
einen kleinen Artikel zu schreiben, oder meinem Schwesterchen beim
Rechnen beizustehen, oder Mamas Winterhut neu zu garnieren, oder für ein
Dutzend überraschender Abendgäste den Tisch zu decken?!

In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine Aufsätze erschienen,
und von den weimarer Freunden und Verwandten meiner Großmutter wurde mir
eitel Anerkennung zu Teil. Auch der Großherzog ließ mir sagen, wie sehr
ihn interessiere, was ich schreibe, und legte mir nahe, nach Weimar zu
kommen, wo ich zu neuen Studien und Arbeiten alle Türen offen und alle
Menschen hilfsbereit finden würde. Mein Vater strahlte über diesen
Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment zögern könne,
der Anregung Folge zu leisten.

»Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen,« meinte er, »nun
kannst du es wenigstens auf eine standesgemäße Weise sein.«

Ich schwieg. Sollte ich ihm den Schmerz bereiten und ihm sagen, daß die
Fesseln des »Standesgemäßen« mir schon jetzt schmerzhaft genug ins
Fleisch schnitten?

Auch im Kreise der Goethe-Zeitschrift verstand man mich nicht.

»Der Großherzog selbst fordert Sie auf und bietet Ihnen seine Hilfe an,
und Sie haben noch Bedenken, nach Weimar zu gehen?!« sagte Professor
Fiedler, als ich einmal wieder zu einer größeren Abendgesellschaft bei
ihm war. »Nur Ihre schriftstellerische Jugend bietet mir eine Erklärung
dafür! Was viele Gelehrte vergebens wünschten -- Zugang zu den
verschlossenen Schätzen Weimars --, wird Ihnen hier entgegen getragen,
und Sie greifen nicht mit beiden Händen zu! Das bedeutet doch nichts
anderes, als eine Sicherstellung Ihrer literarischen Zukunft, als den
Beginn einer großen Karriere.« Ich hatte ihm und seiner Unterstützung
schon zu viel zu verdanken, als daß sein Zureden ohne Eindruck hätte
bleiben können.

»Sie haben persönliche Beziehungen zum Großherzog von Sachsen-Weimar?«
mischte sich ein anderer Gast ins Gespräch, der mich bisher von der Höhe
seiner Berühmtheit und seiner vielbewunderten Ähnlichkeit mit Goethe
kaum eines flüchtigen Grußes gewürdigt hatte. Ich erzählte von Großmamas
Freundschaft mit Karl Alexander. Der Kreis um mich vergrößerte sich. Man
erging sich in Lobeserhebungen des Fürsten, über den ich in meinen
Kreisen immer nur hatte lachen und spotten hören.

»Wenn Sie sich seiner Gunst weiter erfreuen, -- welche Dienste können
Sie dann der Wissenschaft leisten!« sagte der Mann mit dem Goethe-Kopf.
Seltsam, wie er plötzlich von meiner Leistungskraft überzeugt schien,
obwohl er alle Zusendungen meiner Artikel mit Stillschweigen übergangen
hatte! Er führte mich zu Tisch, und ich, die ich bis jetzt eine
bescheiden abseits Stehende gewesen war, sah mich auf einmal im
Mittelpunkt der Gesellschaft. Das verletzte mich aufs tiefste: waren das
die freien, geistig hoch stehenden Menschen, zu denen ich bewundernd
aufgesehen hatte, deren Verkehr mich in den Strom geistigen Fortschritts
reißen sollte?

Auf das angenehmste überrascht wandte ich mich daher meinem Nachbarn zur
Rechten zu, der meinen Aufsatz in der Goethe-Zeitschrift gelesen zu
haben schien und ein paar kritische Bemerkungen darüber machte. Er war
ein bekannter österreichischer Dichter, dessen tapfere Bücher, aus denen
das ganze Leid des jahrhundertelang verfolgten und unterdrückten
Judentums herausschrie, mich ihn schon lange bewundern ließen.

»Wie stolz müssen Sie sein, so wertvolle Andenken an Goethe Ihr eigen zu
nennen, wie die Gedichte an Ihre Frau Großmutter, wie den Ring aus der
Hand des Olympiers,« meinte er.

Ich zog den schmalen Goldreif vom Finger. Er machte die Runde um den
Tisch. Alles schien entzückt, dankbar, voll Bewunderung.

»Muß man das dem Fräulein glauben?!« rief plötzlich eine helle Stimme
von der anderen Seite der Tafel. Halb verletzt, halb erstaunt, suchte
ich mit den Augen die Sprecherin, -- sie hatte offenbar nicht den
mindesten Respekt vor meinen fürstlichen Beziehungen.

»Juliane Déry« -- flüsterte mir mein Tischherr zu, »ein überspanntes,
hypermodernes Frauenzimmer. Sie kennen doch ihre Novellen?«

Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aber ihre Unart gefiel mir. Nach
dem Souper sprach ich sie an.

Sie saß hingekauert zu Füßen des österreichischen Dichters und maß mich
mit einem feindseligen Blick, während sie ungeduldig den tief
herabgesunkenen Ärmel ihres ausgeschnittenen nilgrünen Kleides auf die
Schulter zurückschob.

»Ich habe kein Interesse für Goethe und nicht das mindeste für die
Goethe-Philologie,« sagte sie gereizt.

»Fräulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus, als ob sie mit Haut
und Haaren der Philologie verfallen wäre,« lachte der Dichter, ein wenig
verlegen ob der Ungezogenheit seiner Gefährtin.

»Ich danke Ihnen für die gute Meinung,« antwortete ich und setzte mich
auf einen geraden Holzstuhl, der mit ein paar anderen seinesgleichen,
einigen von Zeitschriften beladenen Tischen und schlichten Bücherregalen
die Einrichtung des Raumes bildete. Es schien als sei diese Einfachheit
wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger und beherrschender traten
die Goethe-Bilder hervor, die die Wände schmückten. »Tatsächlich habe
ich gar keine Neigung zur Philologie, -- sehen Sie nur, wie all der
aufgehäufte papierne Wissenskram schon vor dem bloßen Abbild des
lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es widerstrebt mir geradezu, ihn zu
vermehren.«

»Warum tun Sie's denn?!« rief die junge Schriftstellerin, spöttisch
lachend. Ich schwieg. Ich hatte die Empfindung, schon viel zu viel von
mir selbst verraten zu haben. Der Dichter, bemüht, zwischen mir und dem
Mädchen zu seinen Füßen eine Brücke zu bauen, lenkte ein: »Seien Sie ihr
nicht böse. Sie ist viel besser, als sie sich gibt, und mit der
borstigen Außenseite will sie nur das allzu Weiche ihres Inneren
verstecken.«

»Sie will?!« Juliane Déry sprang auf und wühlte mit nervösen schmalen
Fingern, die merkwürdig wenig zu der kurzen breiten Hand und dem
vulgären Handgelenk paßten, in ihrem wirren Haarschopf. »Sie will gar
nicht. Aber zuweilen muß sie. Und das Müssen widert sie an. Nicht
verbergen, bloßlegen, was ihr im Innern lebt -- ganz nackt und bloß --,
daß Ihr guten anständigen Leute eine Gänsehaut kriegt, das will sie, --
das wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben dienen, -- und
keinem toten Götzen.« Mir stieg das Blut in die Schläfen. Das Zimmer
hatte sich gefüllt. Wie konnte man vor all diesen fremden Menschen die
Pforten seiner Seele aufreißen, dachte ich, und doch beneidete ich sie,
weil sie es konnte.

Sie hatte einen Funken ins Pulverfaß geschleudert. Eine allgemeine
Unterhaltung über das Wollen und Können der Jungen entspann sich, bei
der die scheinbar ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung
gerieten, -- jene Erregung, die immer verrät, daß der Kampf aufhört,
objektiv geführt zu werden. Ich hörte mit steigendem Erstaunen zu.
Verteidigten sie nicht im Grunde ihre persönliche Ruhe, wenn sie mit
Keulen auf alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben
verkündigten?

»Der Pöbelruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu Kopfe gestiegen,«
eiferte Dr. Friedrich, der von vielen als zweiter Lessing gepriesen
wurde, und sein schmales bartloses Gesicht rötete sich. »Man spekuliert
auf die ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit natürlich die
Masse auf seiner Seite. Was würde der Große hier sagen« -- er wies mit
einer theatralischen Gebärde auf die Bilder an den Wänden -- »wenn er
diese Entartung der deutschen Literatur hätte erleben müssen!«

Eine Pause trat ein. Juliane Déry stampfte mit dem Fuß und biß sich die
vollen Lippen wund, aber auch sie schwieg. Die Autorität des
gefürchteten Mannes wirkte lähmend auf alle. Ich allein war noch viel zu
naiv, um von seiner Macht eine Ahnung zu haben.

»Ich glaube, niemand würde die Jungen besser verstehen und würdigen als
er,« begann ich leise und stockend, während ängstliche, warnende und
spöttische Blicke sich auf mich richteten. »Sein Werther, sein Meister,
sein Faust und sein Gretchen vor allem mögen die meisten seiner
Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit nicht minder verletzt haben als
die Enthüllungen des äußeren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute
verletzen. Mir scheint, Dichter und Künstler müssen uns die Wahrheit
zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den Mut haben, sie aus
eigener Kraft zu sehen.«

Man unterbrach mich; Rufe der Entrüstung wurden laut, ich wollte schon
verschüchtert schweigen, als ein kühler, herausfordernder Blick Dr.
Friedrichs mich traf, der jetzt dicht vor mir stand.

»Reden Sie nur weiter, gnädiges Fräulein, reden Sie! Es ist
psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die Dinge auf Menschen
wirken, die, wie Sie, dem Leben so fern stehen.«

»Ich stehe ihm näher, viel näher, als Sie glauben --« nun flossen mir
die Worte rasch und klar von den Lippen -- »und ich weiß, daß wir nicht
weiter kommen -- der Einzelne nicht und die Gesamtheit nicht --, solange
wir uns scheuen, das Böse und Widerwärtige, das Häßliche und
Schmerzhafte zu sehen, wie es ist. Erst daran erprobt sich die
Lebenskraft. Kein größeres Zeichen der Dekadenz gibt es als die Furcht
vor dem Schmerz. Sie ist unsere Krankheit, und an ihr geht unsere Welt
zugrunde, wenn sie sich von den Ibsen und Zola und Nietzsche und denen,
die ihresgleichen sind, nicht heilen läßt.« Ich atmete tief auf. Jetzt
erst sah ich wieder, wer um mich war: man lächelte, halb verlegen, halb
mitleidig, man zuckte die Achseln.

»Wenn nichts anderes, so haben Sie doch eins bewiesen, meine Gnädigste,«
spöttelte Dr. Friedrich, »Sie haben Ihren Beruf verfehlt: eine Rednerin
ist an Ihnen verloren gegangen.«

Ich fühlte mich gedrückt und verlegen und mochte den Mund nicht mehr
auftun.

Auf dem Nachhausewege schloß sich mir plötzlich Juliane Déry an und
schob ihren Arm in den meinen.

»Sie sind eine tapfere kleine Person,« sagte sie, »aber furchtbar dumm
sind Sie auch! -- Das vergißt Ihnen der Friedrich nie!«

»Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, -- die Folgen will ich auf
mich nehmen.«

»Na -- allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! -- Aber -- da wir zwei die
Wahrheit zu vertragen scheinen, so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit
ist noch nicht erschöpft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem
Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische Motive angedichtet. Die
Kunst ist Kunst, -- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie hat eine
neue Schönheit entdeckt, die der Wahrheit -- der Häßlichkeit meinetwegen
--, die muß sie darstellen. Im Wort, im Bild, im Ton. Aber nützen und
bessern will sie nicht, soll sie nicht.«

»Mag sein, daß das nicht ihre Absicht ist. Auch die Blume blüht und
duftet und ist schön und vollendet, selbst wenn sie nicht zur Frucht
werden wollte. Aber die Frucht kommt ohne ihre Absicht.«

Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin. »Ihr Vergleich
hinkt. Die Blume muß sterben, soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst
aber blüht und ist immer Frucht und Blume zugleich.«

Wir waren über kaum angelegte Straßen, an Kartoffelfeldern vorbei bis zu
der alten Linde gelangt, die mitten in der Straßenkreuzung des
Kurfürstendamms und der Tauenzienstraße stand, ein letzter Zeuge jener
Vergangenheit, wo die lauernde Schlange der Großstadt die Natur noch
nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt hatte.

Wir trennten uns mit einem Händedruck und doch eben so fremd wie vorher.
Nicht zu jenen gehörte ich, deren Gast ich eben gewesen war, und nicht
zu ihr. Wohin denn?...

       *       *       *       *       *

Am nächsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten nach Weimar und
kündigte meinen Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich stürzen, das
würde wieder das Beste sein.

Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollzählig bei uns
zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau, die Potsdamer Kleves, Vetter
Fritz und Vetter Hermann Wolkenstein, der als Offizier auf keine
Karriere zu rechnen hatte und daher zur Diplomatie übergegangen war.
Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war gekommen, sehr alt, sehr
gebrechlich, aber mit ihren scharfen klugen Augen doch noch alles
sehend, alles beobachtend, und in ihrem Urteil härter denn je. Ihr Kopf
schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein. Sie kannte die
Schicksale der entferntesten Verwandten. Mich mochte sie nicht: daß ich
als Kind auch nur wochenlang eine jüdische Schulfreundin gehabt hatte,
war ein unauslöschlicher Makel in meiner Erziehung. Heute jedoch ließ
sie sich meinen Handkuß auf das gnädigste gefallen.

»Es freut mich, freut mich sehr, daß du nach Weimar gehst,« sagte sie,
»für verschrobene Köpfe wie deinen ist das gut -- sehr gut. Literarisch
angehauchte Frauenzimmer haben dort Aussicht auf Hofkarriere.« Ich
lächelte unwillkürlich: Professor Fiedler hatte auch von der »Karriere«
gesprochen!

Die Unterhaltung drehte sich zunächst um Familienereignisse. Von den
Vettern, die um die Ecke gegangen waren, und die, statt wie früher nach
Amerika, jetzt nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als
Kulturträger aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die
Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich doch nicht
schickten, war die Rede. »Besser sich die Finger mit Blut als mit Tinte
beschmutzen,« krähte die hohe Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann
wurde das unerhörte Ereignis kräftig glossiert, daß ein Golzow die
Tochter eines Großindustriellen geheiratet hatte. Die erste Unadelige in
der Familie, und noch dazu der Sprößling eines »Kohlenfritzen!«

»Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit gehabt, mir seine
Verlobungsanzeige zu schicken.« Auf Tante Jettchens runzligen Wangen
brannten rote Flecke. »Aber freilich, wenn von oben das Beispiel gegeben
wird! -- Wenn Se. Majestät selbst mit dem Kanonen-Krupp und den
Hamburger Kaffeesäcken fraternisiert! -- Und amerikanische
Milliardärstöchter, deren Väter noch mit dem Bündel auf dem Rücken
durchs Land zogen, hoffähig werden!« -- Ihre Stimme überschlug sich, der
stockende Atem zwang sie zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte
Stimmung Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum noch
möglich schien: Jeder wußte einen neuen Hofklatsch, eine neue Variation
einer der vielen Kaiserreden oder flüsterte dem Zunächstsitzenden -- aus
Rücksicht auf die anwesenden jungen Mädchen -- einen neuen derben Spaß
zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel die Lachlust Sr. Majestät
gereizt und sich eine neue Gunstbezeugung errungen hatte.

»Für das Modell des Doms, mit seiner überladenen Pracht, hat er selbst
die Zeichnungen entworfen,« sagte der eine, »dem Darsteller des großen
Kurfürsten in Wildenbruchs neuem Spektakelstück, dem 'neuen Herrn' --
das übrigens ein unglaublich taktloser Angriff auf Bismarck ist -- hat
er persönlich gezeigt, wie ein Hohenzoller sich bewegen und benehmen
muß,« -- fügte ein anderer hinzu, »kurz, der liebe Gott kann alles, aber
der Kaiser kann alles besser,« lachte Onkel Walter. Und die alte Tante
schüttelte sich vor Vergnügen: »Als roi soleil hat er sich ja auch schon
malen lassen!«

Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa hatte sich mit
bezeichnenden Blicken auf die jungen Offiziere schon oft vernehmbar
geräuspert.

»Nun aber genug des grausamen Spiels,« unterbrach er schließlich den
allgemeinen Redefluß. »Ich komme gewiß nicht in den Verdacht, ein
Sachwalter des neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, daß wir
doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen. Schien er im
Überschwang jugendlicher Gefühle den Herren Sozialdemokraten
Konzessionen zu machen und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so
hat er doch beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen -- --«

Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des Angriffs.
Merkwürdig, welche Reizbarkeit alle Menschen befallen hatte, wie es fast
unmöglich schien, eine ruhige Unterhaltung zu führen.

»Du siehst die Dinge wirklich nur von außen, lieber Hans,« rief Onkel
Walter, der sich als Reichstagsmitglied fühlte und sich gern das Ansehen
gab, als wäre er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht;
»tatsächlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, und das um so
rascher, je mehr man uns, die einzigen Stützen der Monarchie, vor den
Kopf stößt. Ist es erhört, daß von einem preußischen Könige Ausdrücke
wie der von der Rebellion der Junker kolportiert werden können, daß
Reden gehalten werden, wie auf dem brandenburgischen Provinziallandtag,
die nichts anderes sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!«

Meine Mutter stimmte eifrig zu. »Der Geist der Unzufriedenheit, von dem
der Kaiser sprach, und der die Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo
zu suchen!« sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne
Literatur. Seitdem sie »Die Ehre« und »Sodoms Ende« gesehen hatte,
schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht zu sein und schwankte
zwischen der Empörung, die die traditionelle Auffassung von dem, was
sich schickt, ihr auspreßte, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr
Gerechtigkeitsgefühl sie zwang. Sie wünschte sichtlich ihre Empörung zu
stärken, aber unsere Gäste hielten dies Thema nicht für der Mühe wert,
um sich deswegen zu erhitzen. »Wie kannst du dergleichen ernsthaft
nehmen,« meinte Onkel Walter achselzuckend; »eine neue Form amüsanter
Schweinereien -- nichts weiter.« Nur Tante Jettchen ereiferte sich:
»Anständige Leute gehen in solche Stücke nicht.« Und erleichtert über
die Wendung des Gesprächs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.

Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele gespielt hatte, saß
ich in steigender Erregung. Plötzlich trafen mich die scharfen Augen des
Familienorakels. »Ich glaube gar, das Küken möchte mitreden, wo sie
nicht einmal hinhören sollte.« Ich wurde rot. Auf der faltigen Stirn der
alten Frau erschienen hundert neue Runzeln. »Du erlaubst dir am Ende,
eine andere Meinung zu haben?!« forderte sie mich heraus. Verlegenheit
vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, Angst vor dem Skandal,
den ich erregen würde, ließen mich schweigen. Aber als wir Jugend beim
Abendessen, getrennt von den anderen, zusammensaßen und Hermann
Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die mir in seinem Munde
doppelt lächerlich vorkam, verteidigte ich die moderne Richtung in Kunst
und Literatur, und zwar um so schärfer, je mehr mich die Beschränktheit
und der dumme Hochmut der anderen empörte.

»Weiß Tante Klotilde um deine Ansichten?« frug unvermittelt eine der
Potsdamer Kleves und streifte mich mit einem schiefen, lauernden Blick.

»Ich würde vor ihr am wenigsten Anstoß nehmen, sie zu entwickeln,«
antwortete ich und warf den Kopf zurück.

»Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,« meinte Hermann
naserümpfend. »Wer sich mit jüdischen Literaten intimiert ...«

»Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im Grabe --« spottete ich.

Er warf mir einen bösen Blick zu. Die anderen, ihrer tadellosen
Ahnenreihe bewußt, lächelten leise. Das reizte ihn noch mehr. Er hieb
mit der riesigen, weißen, gepflegten Hand auf den Tisch, daß sein
Kettenarmband klirrend unter der Manschette hervorsprang.

»Und du spiel' dich nicht auf,« zischte er zwischen den Zähnen hervor;
»mit deiner Vergangenheit hast du am wenigsten Grund dazu.« Ein
unartikulierter Laut ließ mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden,
Fritz hatte ihn ausgestoßen. Er saß da, kreideweiß im Gesicht, mit
zuckenden Lippen.

»Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten, Baron Wolkenstein,«
herrschte er Hermann an. »Habe gar keine Ursache, Herr von
Langenscheid,« antwortete dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurück
und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig die
heißen Finger meines Verteidigers. »Mach doch keine Geschichten, Fritz
--, Hermann ist taktlos wie immer -- bitte, mir zuliebe, beruhige dich!
-- das ist ja gräßlich -- hier, im Hause meiner Eltern!«

In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer an, sich zu
verabschieden. Fritz zog mich beiseite. Er zitterte vor Erregung.

»Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche Gemeinheit,«
flüsterte er mit erstickter Stimme.

»Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll ich ihm vielleicht
eingestehen, daß ich einmal im Leben liebte, -- mit ganzer Seele und mit
vollem Herzen?! Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung
fähig sind, mein Inneres entblößen, was ich vor mir selbst zu tun kaum
den Mut habe?«

»Alix!« von weit her schien jemand meinen Namen zu rufen, mit einem
Ausdruck, der mir in die Seele schnitt.

Im nächsten Moment beugte ich mich zum Abschied über die welke Hand
Tante Jettchens, hörte mit halbem Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und
fühlte schließlich noch Papas Lippen auf meiner Stirn.

»Gott Lob,« murmelte er, »den Abend hätten wir hinter uns!«

Verträumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage später in
Weimar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe
helle Maienabend wie damals empfing mich. Und in dasselbe alte Haus an
der Ackerwand führte mich die Hofequipage, wie einst, als die Großmutter
ihr Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war nicht mehr
da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hinauf
rauschte. Auch ihr Bruder war lange tot, und doch schien's, als wäre der
schöne, tief brünette Mann mit den schmalen Händen und dem leicht
gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer als er.

Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen über dem graziösen Sofa und den
verblaßten Pastellbildern an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus
dem goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild und
streckte mir mit einem süß-zärtlichen Lächeln ein weißes Händchen
entgegen. War das wirklich die Gräfin Wendland -- meine Tante --, oder
war es nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem Nebenhaus
hierher verirrt hatte?! Dann kamen die Kinder und begrüßten mich, --
lauter kleine Elfen mit allzu schweren Haaren auf den feinen Köpfchen
und allzu großen Blauaugen über den schmalen Wangen.

Draußen vor meinem Zimmer plätscherte der Brunnen, wie vor uralten
Zeiten, und die Bäume rauschten feierlich, als träfe ihre Kronen niemals
ein Wirbelsturm.

Am nächsten Morgen besuchte mich der Großherzog. Er kam zu Fuß und
unangemeldet, mit den raschen elastischen Schritten eines jungen
Mannes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen.
Und dann saß er mir im Rokokosalon gegenüber, und je länger er sprach --
mit heller Stimme und in dem eleganten Französisch des ancien régime --,
desto tiefer versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel stieg
die Vergangenheit empor. Von der Großmutter erzählte er mir zuerst, wie
schön und wie gut und wie klug sie gewesen wäre, wie sie Weimars Geist
in sich verkörpert habe, wie er nie habe verstehen können, daß sie
anderswo als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande gewesen war.
Zuweilen legte er die Hand über die Augen, eine gelbliche, blutleere
muskellose Hand, die gewiß niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und
lehnte sich, als käme plötzlich die Erinnerung an das eigene Alter über
ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich darauf reckte sich sein
schmaler Oberkörper krampfhaft auf, die Hände umschlossen die
Seitenlehnen, die Augen weiteten sich, und mit dem stereotypen
angelernten Fürstenlächeln, das über jede Empfindung hinweg täuschen
soll, begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkelkind
der Freundin seiner Jugend, sondern die Schriftstellerin, von der er die
Erfüllung eines langgehegten Wunsches erwartete. Die Geschichte der
Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, die seit
Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts »getreu ihrer Tradition,
Künstler und Dichter als gleichberechtigte aufgenommen und ihnen den Weg
zum Ruhm gebahnt hat.« Und von den Vielen erzählte er, denen Weimar ein
Sprungbrett ins Leben gewesen war, die hier zuerst die Anerkennung
fanden, die die Welt draußen ihnen versagte. Er begeisterte sich an
seinem eigenen Gedankengang, sein farbloses Gesicht überzog sich mit
einer ganz feinen bläulichen Röte, und in seinen verschleierten Augen
entzündete sich ein stilles Licht.

»Sie sind prädestiniert, dies Werk zu schaffen: Getränkt mit Weimars
Erinnerungen, erzogen in Weimars Geist, geleitet von dem unfehlbaren
Takt der Aristokratin,« sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand
reichte. »Von Ihnen brauche ich keine jener widerwärtigen Enthüllungen
zu fürchten, die die Kunst beschmutzen, das Leben vergiften. Meine
Archive stehen Ihnen offen; dasselbe glaube ich auch im Namen der
Großherzogin versprechen zu dürfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen -- --«

Zu einer Antwort ließ er mir keine Zeit mehr, -- daß ich nicht nein
sagen könnte und dürfte, war ihm selbstverständlich. Ich hatte mich nur
noch tief und dankbar zu verneigen.

Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir um Geist und Sinne.
Mit offenen Armen, wie eine Heimkehrende, ward ich überall aufgenommen.
Während langer Audienzen besprach die Großherzogin meine Arbeit im
Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewegung
die unnahbare Fürstin, und doch lag ein mütterlicher Ausdruck auf ihren
Zügen, wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroßherzog, in allen
Stücken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm mir gegenüber in der
Freundlichkeit, die durch seinen breiten Weimarer Dialekt und seine mit
einer gewissen Absichtlichkeit übertriebene Verachtung aller Form noch
um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke Frau, die gewiß
eine prächtige Landpastorin abgegeben hätte, unterstützte ihn darin.
Mit der halben Hofgesellschaft verbanden mich verwandtschaftliche
Beziehungen; Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten
einander hier in dem festgeschlossenen Kreise wie nahe Blutsverwandte.
Wir waren in großer Gesellschaft, wenn kaum einer unter uns nicht »Du«
zu dem anderen sagte.

Wie ein süßer Duft verlöschter Wachskerzen schwebte die Erinnerung an
das achtzehnte Jahrhundert über all diesen Menschen und ihrer Umgebung.
Alles war verblaßt, was damals in Farben und Gefühlen gejauchzt und
geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, -- die gemalten Wangen, -- die
Liebe. Und die raschelnden bauschenden Gewänder, die Schönpflästerchen,
die bunten Westen, die weißen Perücken und Galanteriedegen hatten die
Damen und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht dürftig und
ungeschickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüster brannten und das blanke
Parkett und die hohen Spiegel ihr Licht tausendfältig wiedergaben,
schienen sie sich des alten Lebens bewußt zu werden. Sie tanzten und
lachten und neigten sich und nippten vom süßen Weine, und ich selbst
mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: ein Schatten der
Vergangenheit.

Auch in die Bürgerhäuser kam ich, wo Erinnerungen alter Zeiten in
vergilbten Briefen, zärtlich-himmelblauen Stammbüchern, Ringen aus den
Haaren der Liebsten, Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen
verwahrt wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale, ein wenig enge
Geist der dreißiger Jahre herrschte hier. Keine moderne Renaissance
hatte die gradlinigen Biedermeiermöbel und die hellen Mullgardinen
verdrängt, und trotzdem der Rausch der Farben und der Töne eines
Böcklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr getroffen hatte,
standen sie inmitten der weichen Märchenträume Schwindscher Wälder, und
in ihrem Inneren klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.

Ich arbeitete jeden Vormittag in den Räumen des Goethe-Archivs, hoch
oben im linken Schloßflügel, durch dessen Fenster der Blick weit über
den Park hinweg schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das
leise Geschwätz zwischen der plätschernden Ilm und den grünen
Baumblättern über ihr. Die gelehrten Herren, die mit mir arbeiteten,
behandelten mich mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die Mauern
aufrichtet zwischen den Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie
brachten mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir, als
es nötig gewesen wäre, aber ich fühlte trotzdem die Geringschätzung des
deutschen Gelehrten vor dem Weibe, das in seine Kreise dringt. Doch je
länger ich in Weimar war, desto dichter umhüllte mich eine Atmosphäre
des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern auch unnahbar
hochmütig machte. Nur einer, der Direktor, ein geistvoller Sonderling,
begegnete mir wie ein Mensch dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, daß
ich seine väterlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschläge, seine
sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht nur die Eitelkeit, die
in der Treibhausluft der Salons so üppig gedieh, auch die Ungeduld, die
mich oft mitten in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.

»Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser ewigen
Papierkorbarbeit,« rief ich einmal empört, als ich eine Notiz, die mir
fehlte, durchaus nicht finden konnte.

Der Direktor, der mir während der letzten Stunden geholfen hatte, sah
mich stirnrunzelnd an.

»Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gnädiges Fräulein,« sagte er
scharf. »Wer zur Vollendung eines Mosaikbildes ein einziges Steinchen
braucht und Kisten und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht,
der leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein ganzes Gemälde
in zwei Stunden hinpatzt. 'Beschränkung ist überall unser Loos,' sagt
unser Meister, und mit vollem Bewußtsein einseitig werden, ist der
Ausgangspunkt tüchtiger Leistung.«

»Beschränkung ist überall unser Loos«, -- das bohrte sich in mein Gehirn
-- ich suchte von da an meine Steinchen und unterdrückte mein Murren.

An einem Lenztag, der so reich war, als hätten alle Lieder der Sänger
Weimars sich in Duft und Glanz und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf
nach Belvedere. Der Großherzog hatte uns zum Frühlingsfest in sein
Schlößchen geladen. In eine Laube von Maiglöckchen und Rosen war der
runde Gartensaal verwandelt; durch die weit geöffneten Türbogen lachte
der blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen
Kristallen der Tafel glänzte die Sonne, die Zahl der Tischgäste
überstieg nicht die der Musen, und ein heiteres Gespräch, das wie der
Wiesenbach alle Ecken und Kanten meidet und selbst die Steine
streichelt, die ihm im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine
Gedanken zuweilen den Faden verloren, und der Märchenwald am grünen
Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien und kühler Bergwind mir die
Stirn umstrich? -- der Duft der Maiglöckchen war es wohl, der den Zauber
hervorrief.

In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem Diner. Er zeigte mir
das Labyrinth und die Naturbühne und wies mit liebevoller Bewunderung
auf die sanften waldigen Hügelketten, die sich weit bis in die Ferne
dehnten. »Das ist Schönheit,« sagte er, »ruhig-vornehme Schönheit, ein
reiner Rahmen für echte Kunst, wie wir sie in Weimar gepflegt haben und
pflegen werden. Ich freue mich, daß Sie uns helfen wollen. -- Sie werden
in Weimar bleiben, nicht wahr?« Ich antwortete ausweichend. Er verstand
mich falsch: »Eine Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, dürfen Sie
mir überlassen,« und mit einem freundlichen Händedruck wandte er sich
anderen zu. Auf dem Heimweg gratulierten mir meine Verwandten. Graf
Wendland, der hinter den Allüren eines tadellosen Hofmannes einen
klugen, merkwürdig freien Menschen verbarg, meinte mit einem feinen
Lächeln: »Der weiße Falke wird der Hofhistoriographin nicht fehlen. Ein
Ziel, aufs innigste zu wünschen, nicht wahr?!«

An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen Tanten zum Souper.
Aber es war eine, die nicht wie die vielen war, -- ein Original, über
das die Familie die Achseln zuckte und die Köpfe schüttelte. Sie hatte
sich schon in ihrer frühen Mädchenzeit Weimar zum Trotz ihr eigenes
Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde unter den Künstlern
und Dichtern, die sonst in Goethes Stadt doch nur zu wirksamen
Dekorationsstücken der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie
allmählich zur mütterlichen Freundin all der jungen Menschen geworden,
die hier auf der steilen Leiter zum Ruhm die ersten Schritte taten oder
künstlerische Offenbarungen suchten. Und wem der Zwang des Hofes lästig
wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies Wort auf der Zunge
brannte, der kam zu ihr.

Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die Alten und Jungen:
Lassens jovialer Künstlerkopf tauchte neben dem schönen Schillerprofil
Alexander von Gleichens auf; ein paar auswärtige Freunde, Schriftsteller
und Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag
schon angekommen waren, fanden sich ein; Richard Strauß stand schüchtern
in einer Ecke, der blasse junge Kapellmeister, den die meisten
verlachten, und der hier bei der gütigen Frau, die ihn eben in schwerer
Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und schmal und blaß wie
er, in altmodischem Sammetkleid und glattgescheiteltem Haar tauchte ein
Mädchen -- nicht jung, nicht alt -- in der Türe auf, das mir die Tante
schon oft als großes dichterisches Talent gepriesen hatte: Gabriele
Reuter. Und eine junge Sängerin kam, eine bayerische Oberstentochter,
die trotz ihrer schönen Stimme auf der Bühne nicht heimisch werden
konnte und ängstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen suchte, die
sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte wie ein Feldherr die bunte
Gesellschaft und das Gespräch, -- und warf ein geistvolles Wort hinein,
wenn es auf die Landstraße allgemeinen Klatsches zu geraten drohte.
Schließlich stritt man sich hitzig über Weimars Bedeutung für das
geistige Leben der Gegenwart.

»Künstler bedürfen der Ruhe,« sagte Gleichen, »aber sie verkommen und
versauern, wenn sie nicht immer wieder mit einer Ladung von Ideen aus
der Welt draußen hierher zurückkehren.«

Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger Historiker, der im
großherzoglichen Hausarchiv tätig war. »Für den Mann der Wissenschaft
gibt es nichts Besseres, als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo
nichts ihn von seinen Studien ablenkt.«

Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. »Alten Leuten mag das
entsprechen. Euch Jungen aber muß der Sturm erst tüchtig um die Nase
blasen,« sagte sie. »Ausgegangen sind viele von hier, mit Schaffenskraft
gesättigt, aber etwas geworden sind sie erst außerhalb unserer milden
Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, -- hinaustreiben möcht ich Euch
alle miteinander,« und damit nickte sie dem schmalbrüstigen Musiker und
der schüchternen kleinen Schriftstellerin zu, um sich gleich darauf an
mich und an Eberstein zu wenden, der neben mir saß und ihr Neffe war:

»Ihr seid beide schon in Vorschußlorbeeren eingewickelt bis an den Hals,
aber trotzdem gebe ich euch noch nicht auf. Habt die Selbstverleugnung,
sie abzureißen! Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der
Hinterhausstuben.«

»Sie sind ganz blaß und still geworden, liebes Fräulein,« sagte
Gleichen, als er mich spät in der Nacht nach Hause begleitete. »Glauben
Sie, ich hätte meine verrückten Krautgärten malen können, wenn ich die
Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen hätte als hier?!«

Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich ihm zum erstenmal
begegnet war.

»Aber vielleicht bedeutet Weimar für mich, was für Sie die übrige Welt
bedeutet: Leben -- Befreiung?!« antwortete ich.

»Nein,« sagte er energisch und drückte mir die Hand. »Nein -- Sie
brauchen größeren Spielraum für Ihre Freiheit.«

Ich wurde müder von Tag zu Tag. War es die tägliche stundenlange
Morgenarbeit in den Archiven, war es die ununterbrochene Geselligkeit am
Mittag und am Abend, die mich allmählich erschlafften? Ich wurde mir
nicht klar darüber. Aber ich sehnte mich in die Stille der Berge, wo ich
mit Hilfe der aufgehäuften Materialien mein Buch zu beginnen die Absicht
hatte. Nur die Goethe-Tage wollte ich noch abwarten. Sie fielen in
diesem Jahre mit dem Jubiläum des alten Theaters zusammen und zogen
Berühmtheiten aus aller Herren Ländern nach Weimar. Auch meine Berliner
Freunde fehlten nicht.

»Habe ich ihnen nicht gut geraten?« meinte Professor Fiedler mit
ehrlicher Freude, als er mich im Mittelpunkt der Gesellschaft, von
Anerkennung und Schmeichelei umgeben, wiedersah.

»Welch eine Ehre für mich, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Mann mit
dem Goethekopf, als er bei einem Diner neben mir saß.

Und ich sah mit wachsendem Mißvergnügen, wie tief all die Männer der
Kunst und Wissenschaft die grauen Köpfe vor den Fürsten neigten, wie sie
erwartungsvoll, stumm und aufgeregt in Reih und Glied standen und ein
Ausdruck von Beglückung das Gesicht jedes Einzelnen belebte, wenn der
Großherzog ein paar nichtssagende Worte an ihn richtete. Ich wurde
mißtrauisch gegen jeden, der mich zuvorkommend behandelte. Selbst die
Freude an den Versen, die der greise Bodenstedt an mich richtete,
verbitterte mir der Gedanke, daß nur der Glanz der Krone, in deren
hellem Umkreis ich stand, mich dem Dichter als das erscheinen ließ, was
er besang.

Mit mir selbst zerfallen, saß ich am Vorabend meiner Abreise im dunklen
Hintergrund der kleinen Hofloge des Theaters und sah den Faust. Wie
seltsam geschah mir: Acht Wochen hatte ich in Goethes Stadt gelebt,
hatte täglich die Luft geatmet, die droben im Archiv sein Lebenswerk in
seinen Schriften umgab, und nun plötzlich sprach er selbst, und -- ich
kannte ihn nicht! Als hätte ich sie niemals gelesen, niemals auswendig
gewußt, trafen seine Worte mein Ohr; lauter grelle Blitze, die das
Dunkel erhellten, lauter Donnerschläge, die mich erbeben ließen.

Das war des Menschen Schicksal, das an mir vorüber rollte; mein eigen
kleines Leben sah ich darin verflochten mit seinen Kämpfen und
Niederlagen. Und vor einer Niederlage stand ich wieder. »Nur der
verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß«
dröhnte es mir in den Ohren.

Am Ausgang des Theaters traf ich Gleichen. Ich drückte ihm die Hand.
»Leben Sie wohl«, sagte ich. »Sie reisen?« Er sah mich forschend an.
»Ja, -- und ich werde nicht wiederkommen.«

Auf dem Frühstückstisch fand ich am nächsten Morgen zwei Briefe: vom
Großherzog, der mich aufforderte, den Hof nach Wilhelmstal zu begleiten,
von Tante Klotilde, die mir mitteilte, daß sie mich in diesem Sommer in
Grainau nicht erwarten könne, weil sie, dem Rate meiner Mutter folgend,
eine der Potsdamer Nichten zu sich gebeten habe. Ich zuckte
unwillkürlich zusammen, als habe mir jemand hinterrücks einen Schlag ins
Genick versetzt. »Also werd' ich nach Pirgallen gehen,« sagte ich laut,
wie zu mir selbst.

»Nach Pirgallen?!« frug die kleine Rokokogräfin erstaunt. »Man rechnet
doch auf dich für Wilhelmstal!« »Ich werde ablehnen müssen, -- mein Buch
soll zum Herbst fertig werden, -- ich brauche den Sommer zur Arbeit,«
antwortete ich ein wenig zögernd. Es war ein paar Augenblicke still in
dem weißen, von der Morgensonne hell durchfluteten Speisesaal. Nur der
Teekessel sang, und draußen über das holprige Pflaster rasselte eine
Hofequipage.

»Überlege es dir reiflich,« begann Graf Wendland langsam und sah mit
gerunzelter Stirn auf seine blanken Fingernägel. »Es ist vielleicht eine
Lebensentscheidung, die du triffst«, -- ein langer prüfender Blick traf
mich, -- »du weißt wohl noch nicht -- Prinz Hellmut hat am Mariental das
Schloß seiner eben verstorbenen Tante übernommen ...«

Wieder war es still. Ich hörte das Summen einer Biene am Fenster und
sah, wie schwarz und schwer das alte eichene Buffet sich von der weißen
Wand abhob. Mein Herzschlag setzte aus, um im nächsten Moment atemlos zu
toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut -- --! Er hatte mich gehen
heißen, als ich mich ihm geben wollte -- --! Aber hatte er nicht, wie
ich, unter dem Zwang großer, selbstverleugnender Liebe gehandelt -- --?
Doch warum kam er nicht wieder -- jetzt, da er ein freier Mann war? --
Ich strich mir mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der
Stirn:

»Mein Entschluß steht fest, -- ich gehe nach Pirgallen!«

Und nun saß ich in Großmamas stillem, grünem Zimmer unter dem weißen
Marmorbild ihres Vaters, und aus dem Garten grüßten die Jasminsträucher
mit großen, süß duftenden Blüten. Niemand störte mich in dieser
Einsamkeit. Onkel Walter fürchtete die Räume der Toten, als ginge ihr
Geist darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der Vater ritt mit dem
Schwesterchen durch die Wälder, wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten
wollen. Bücher und Notizen lagen in großen Stößen auf dem Tisch der
Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften mir alle Gedanken
ein. Tot und leer waren all die vielen Papiere, -- wie sollte je etwas
Lebendiges aus ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde die
fremden Dinge und Menschen an? Was würde die Welt davon haben, wenn ich
des langen und breiten von denen erzählte, die im Dunkel geblieben
wären, wenn nicht ein ganz Großer sie in seine Nähe gezogen hätte?

In Großmamas Bücherschrank standen Goethes Werke in langer Reihe mit
grünen Einbänden und weißen runden Schildern auf dem Rücken. Ich begann
zu lesen -- stundenlang, tagelang, wochenlang --. Und je mehr ich las,
desto mehr zog ich mich in die Räume zurück, die eine stille Insel waren
mitten im Weltgetriebe. Täglich schmückte ich sie mit frischen Blumen,
wie Großmama es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln
Sammetportieren vor Türen und Fenster und steckte die Ampel an mit der
großen Flamme unter dem sonnengoldnen Seidenschirm. Wenn ich dann halb
die Augen schloß, sah ich das Zimmer erfüllt wie von einem flimmernden
Nebel, aus dem die Statue Goethes immer größer und lebendiger
hervorwuchs.

»Rede zu mir, Meister!« flehte meine Seele. Und er redete.

»Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem Werke gleich,« zürnte
er.

»Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?!« schrie meine Seele.

»Bleibe nicht am Boden haften -- frisch gewagt und frisch hinaus,« hörte
ich die Stimme des Mahners, »dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm,
-- tätig zu sein, ist seine Bestimmung!«

»So zeige meiner Kraft eine Tat --«, und sehnsüchtig streckte meine
Seele die gefalteten Hände empor zu ihm.

»Ein edler Held ists, der fürs Vaterland, ein edlerer, der für des
Landes Wohl, der edelste, der für die Menschheit kämpft....«

Zu einem Tempel weitete sich das Zimmer, und von den Marmorwänden
klangen dröhnend die Worte seines Hohenpriesters wider.

Der Boden leuchtete wie ein einziger Rubin, -- tränkte ihn der
Menschheit ganzes, blutrotes Leiden?

Hingestreckt lag meine Seele vor dem Altar.

»Nenne mir Ziel und Maßstab meines Strebens!« flüsterte sie.

»... Solch ein Gewimmel möcht ich sehn -- auf freiem Grund mit freiem
Volke stehn....«

Nicht mehr der eine war es, der also sprach, es war ein Chor von
Millionen Stimmen, und alle Hoffnung der Verlassenen, alle Sehnsucht
deren, die zu leben begehren, tönte darin.

Ein Brief von Egidy, erfüllt von den Ereignissen der Gegenwart und
seinen Plänen für die Zukunft, gab mich der Wirklichkeit zurück, und in
unsicheren Umrissen sah auch ich ein Feld der Betätigung vor mir. »Ihre
Übersiedelung nach Berlin freut mich außerordentlich,« antwortete ich
ihm, »und wenn ich Ihnen heute auch noch mit keinem Ja auf die Frage, ob
ich Ihre Mitkämpferin werden kann, zu antworten vermag, so steht das
Eine für mich fest: ich werde meine Kraft nicht im Durchstöbern alter
Folianten verzehren und die Luft nicht durch Aufwirbeln ruhenden Staubes
verdunkeln. Ich weiß, daß dem Christentum des Wortes das der Gesinnung
und der Tat folgen muß, -- nur zweifle ich noch, ob wir dann auf den
Namen Christentum noch ein Recht haben.

Mein Entschluß, Weimar endgültig aufzugeben, hat in meiner Familie viel
Entrüstung hervorgerufen. Meine Mutter sieht darin einen neuen Beweis
für meine Charakterschwäche. 'Alix ist noch niemals konsequent bei der
Sache geblieben, -- sie wechselt ihre Neigungen für Menschen und Dinge
wie alte Handschuhe,' meinte sie. Ich selbst aber fange an zu glauben,
daß in dieser Inkonsequenz die einzige Konsequenz meines Lebens liegt.
Alles und Alle sind Stufen, und ich bin noch keine rückwärts gegangen.
Papa war traurig --, was mir immer am meisten weh tut. Mein Onkel
dagegen hat mir eine Rede gehalten, deren Quintessenz war, daß ich
lieber heiraten solle, statt modernen Schwarmgeistern zu verfallen.

Wir reisen nächste Woche nach Haus.

Ich gehe noch einmal alle alten Wege, und oft steigen mir plötzlich die
Tränen in die Augen, wenn ich den breiten efeuumsponnenen Turm von
Pirgallen vor mir sehe. Er war etwas Lebendiges für mich; ein treuer,
starker Freund, ein Wahrzeichen vieler Kinderjahre, die zu seinen Füßen
wuchsen und in seinem Schutz. Nun hat er die Seele verloren, seit
Großmama ihn verließ. Es ist auch für mich Zeit, zu gehen. Aber soviel
Stärke auch die Erkenntnis verleiht und der Entschluß, -- der Abschied
von den Toten tut weh. Und mir ist, als sähe ich sie nie wieder ....«



Siebzehntes Kapitel


Septembersonne! In mattem Blaugrün spannt sich der Himmel über Berlin;
alles Licht ist gedämpft, und die Schatten haben einen silbernen Ton.
Auf den Anlagen der großen Plätze und in den Vorgärten der Häuser, die
die Kultur mühsam dem spröden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt
ihre größten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis zum dunkeln Rot
der Blutbuchen leuchten alle Farben des Herbstes; aus dem grünen
Rasenteppich glänzen Astern in sanftem Violett und müdem Blau, während
sich in wehmütigem Sterben blasse Rosen an die weißen Steinstufen der
Estraden schmiegen. Goldene Blätter tanzen in lind bewegter Luft, und
unter den Bäumen sitzen auf weißen Bänken jene modernen Frauen der
Großstadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefühle und Kleider
tragen, die aussehen, als wären sie in der Sommersonne verblichen.

Täglich, am frühen Nachmittag, gingen wir vier in den nahen Zoologischen
Garten, wo sich die Bewohner des Westens am Neptunteich unter den
Musikkapellen ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der behäbige
Spießbürger mit Freunden und Verwandten, im stillen beglückt, nach der
vorschriftsmäßigen Sommerreise wieder ruhig am rotgedeckten Tisch zu
sitzen, statt schwitzend und prustend Ausflüge abzuklappern. Hier
erschien in schäbiger Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um ihre
schon stark angejahrten, interessant verschleierten Töchter vor
Männeraugen spazieren zu führen. Hier ließen sich mit der Stickerei und
dem mitgebrachten Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die Überflüssigen
nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist. Droben aber vor
dem Restaurant, wo die weißen Tischtücher weithin sichtbar die Klassen
schieden, tauchten elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und
Rücken an Rücken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft saß im Glanz
ihrer Brillanten und schwarzen Augen die schöne Otero und ihresgleichen.
Jenseits jedoch, auf dem Hügel hinter dem Neptun, fanden die Stillen
sich ein, die Musik- und die Naturschwärmer, die Nebenabsichtslosen mit
ihren Büchern und ihren Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der
Lästerallee den bunten Strom kokettierender Jugend an sich
vorüberfluten: bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit, kurzröckige
Mädchen mit heißen Augen; greisenhafte Jünglinge, lüstern nach Beute um
sich schauend; korrekte junge Damen, glatt gescheitelt, mit kühlen,
bleichen Wangen.

Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich nicht gern hierher;
es kam mir wie Zeitverschwendung vor, und überdies sah ich mit leiser
Angst mein reizendes Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und
Gymnasiasten. Aber mein Vater liebte den Verkehr mit alten Freunden, die
hier immer zu finden waren, und meine Mutter amüsierte der
großstädtische Trubel. Bald hatten auch wir unseren Stammtisch unter
der großen Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster
Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames Gefühl aneinander zu
fesseln schien: die Unzufriedenheit. Das Leben hatte ihnen allen nicht
gehalten, was sie sich von ihm versprochen hatten, und sie gaben nicht
sich die Schuld, und nicht den Verhältnissen, -- wodurch Unzufriedenheit
zum Hebel der Tatkraft werden kann, -- sondern den heimlichen Feinden im
Militär- und Zivilkabinett und den Intriganten am neuen Kaiserhof.

Es waren Männer darunter, die, um die magere Pension zu erhöhen und
ihren Frauen und Töchtern standesgemäße Toiletten, ihren Söhnen die
Leutnantszulage zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten
Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp ab liefen, und nachmittags
im Zoologischen den Junker spielten, der von seinen Renten lebt. Andere,
die für ihre ungebrochene Kraft eine Beschäftigung, für ihre leere Zeit
eine Ausfüllung brauchten, griffen zu den seltsamsten Hilfsmitteln. Der
eine vergrub sich in heraldische Studien, ein zweiter sammelte
Briefmarken, ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken dem
Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus auf und hatte täglich
andere Geistererscheinungen. Aus Langerweile ließ ich mich mit diesem
seltsamen Kauz, einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste
Erscheinung mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher
erinnerte, oftmals in Gespräche ein und amüsierte mich im stillen
darüber, auf welch vertrautem Fuß er mit dem lieben Gott stand, und wie
glühend er zu gleicher Zeit die Kirche und ihre Diener haßte. Dankbar
für mein vermeintliches Interesse brachte er mir täglich andere Bücher
und Broschüren und lief geduldig die Lästerallee mit mir auf und ab,
wenn ich es in der von Ärger und Mißgunst geschwängerten Atmosphäre
unserer Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.

So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle zur anderen,
als der Oberst plötzlich stehen blieb.

»Wie gehts dir, Vetter?« hörte ich ihn sagen; mein Blick fiel durch den
Schwarm Vorübergehender hindurch auf ein schmales Gesicht, von dichtem
braunem Bart umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen
herausleuchteten, wie von großer innerer Freude erhellt. »Gut -- sehr
gut,« antwortete eine Stimme, die wie ein voller Geigenton klang. Welch
glücklicher Mensch muß das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem
Augenblick schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, -- ich
sah einen Rollstuhl, -- eine dunkle Pelzdecke, -- zwei ganz schmale,
weiße Hände, deren blaues Geäder wie mit einem feinen Pinsel gezogen
war, -- einen schmächtigen Oberkörper -- -- unmöglich! -- das konnte
doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen! Aber schon
richteten sie sich auf mich -- verwirrt sah ich zu Boden. »Entschuldigen
Sie ...« sagte mein Begleiter im Weitergehen. »Wer war das?« frug ich
hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.

»Professor von Glyzcinski -- mein Vetter,« lautete die lakonische
Antwort.

»Können Sie mich mit ihm bekannt machen?« Mein rasch entstandener Wunsch
formte sich ebenso rasch zur Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.

»Er ist Atheist und Sozialist,« kam es mit harter Betonung über seine
Lippen.

Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht wehren, der mir
zitternd über den Rücken lief. Aber mein Wunsch wurde nur noch stärker.

»Stellen Sie mich vor,« bat ich dringend. Er sah mich von der Seite an:
»Aber die Verantwortung tragen Sie allein!«

Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: »Fräulein von Kleve möchte dich
kennen lernen, Georg, -- sie ist Schriftstellerin.«

Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. »Dann freue
ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,« sagte er, und seine Hand umfaßte
die meine mit einer kräftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut
hätte. »Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft.«

»Auch ein Gewinn für die Kunst und die Wissenschaft?« meinte ich
zweifelnd.

»Gewiß! Sobald alle Universitäten und Akademien ihnen offen stehen, wie
den Männern!« Ich sah ihn verwundert an. Nur aus Witzblättern hatte ich
bisher vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir eine russische
Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem Rock und kurz
geschorenen Haaren begegnet, die meine tiefe Abneigung gegen die
Verleugnung der Weiblichkeit nur steigerte. Zögernd äußerte ich meine
Ansicht. Der Professor lächelte. Die Witwe mit den angejahrten Töchtern
ging gerade vorüber.

»Sind diese armen alten Mädchen, die nun schon seit Jahren hier auf den
Heiratsmarkt geführt werden, vielleicht würdigere Vertreter der
Weiblichkeit?« sagte er, »die russische Studentin ziehe ich ihnen
jedenfalls vor; und so arm sie sein mag, -- sie selbst würde keinenfalls
mit ihnen tauschen mögen. Denn sie hat ihre Freiheit, ihre Arbeit und
ist tausendmal reicher als jene.« Er schwieg, aber da ich nicht
antwortete -- das was er sagte war mir in seiner einfachen
Selbstverständlichkeit doppelt überraschend --, fuhr er nach einer Pause
fort: »Stellen Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, -- wie unglücklich
müßte sie sich fühlen, weil sie nicht nur von vielen Freuden des Lebens
ausgeschlossen, sondern vor allem, weil sie nutzlos, weil sie
überflüssig ist. Ich aber bin vollkommen glücklich!«

Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zurück, legte die Hände
übereinander auf die schwarze Pelzdecke und sah mit einem Ausdruck der
Verklärung über die Menschen hinweg in die gelben tanzenden Blätter, in
die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich
war keines Wortes mächtig und dankbar, daß die Eltern, die mich suchten,
mich jeder Antwort überhoben.

Von nun an war ich es, die die Nachmittage nicht erwarten konnte, die,
als es immer herbstlicher wurde, und kälter und trüber, oft allein den
gewohnten Weg ging, um in dem stiller und stiller werdenden Garten den
Mann zu suchen, dessen durchsichtige Krankenhand mich auf steile Höhen
mit endlosen Fernsichten und in dunkle Tiefen voll überquellender
Schätze führte. Ohne daß er eine Frage stellte, lockte der warme Strahl
seiner Augen meine verborgensten Gedanken ans Tageslicht, und wo sie
wirr auseinanderfielen, wie vom Sturm zerrissene Telegraphendrähte,
knüpfte er sie wieder vorsichtig zusammen. Er brachte mir Bücher,
Zeitungen und Zeitschriften mit und wenn ich damit beladen nach Hause
kam, wurde es mir schwer, mich von ihnen zu trennen und zu meiner Arbeit
zurückzukehren. Ich hatte mancherlei Versprochenes und Begonnenes zu
vollenden und tat es widerwillig, nur von dem Gedanken erfüllt, mich auf
eigene Füße zu stellen.

Aber der Professor verstand es, mir selbst diese Arbeit wieder wertvoll
zu machen. »Wie viele große, gute und gefährlich umstürzlerische Ideen
können Sie einschmuggeln, wenn Sie nur Ihren Goethe tüchtig ausnutzen,«
meinte er, »und die vielen kleinen Flämmchen, die Sie entzünden,
schlagen schließlich zu einer großen Flamme zusammen.«

Daß diese Arbeit nicht die meine bleiben dürfe, -- davon war er freilich
auch überzeugt, doch er lachte mich aus, -- mit einem hellen frohen
Gelächter, das von Spott nichts weiß --, als ich sagte, für mich gebe es
nichts zu tun. »Die Fülle der Aufgaben müßte Sie vielmehr erdrücken,
wenn Sie nicht so stark wären, alle auf sich zu nehmen,« versicherte er
mir.

Ich vertiefte mich auf seinen Rat in die Literatur der amerikanischen
und englischen Frauenbewegung. Ihre Ideen erschienen mir nur als die
notwendige Konferenz meiner eigenen. Unter der Unfreiheit hatte ich
gelitten, die Unmöglichkeit, meine geistigen Fähigkeiten auszubilden und
zu betätigen, hatte mich fast erdrückt. Ich las Condorcet und John
Stuart Mill und lernte die Heldenkämpfe der Amerikanerinnen um die
Befreiung der Sklaven kennen. »Sie alle haben ein Recht, sich den
Männern gleich zu stellen,« sagte ich zum Professor, »denn wie sie
opferten diese Frauen Gut und Blut für die Freiheit. Aber wir?!«

»Die Verleihung politischer Rechte ist doch auch beim Mann nicht die
Konsequenz heroischer Taten!« antwortete er. »Und wenn sie überhaupt an
irgend eine Bedingung geknüpft wäre, so würde mir nur eine gerecht
erscheinen: das Maß des Leidens. Wer am meisten leidet, sollte die
weitestgehenden Rechte haben, um die Ursachen seiner Leiden zu
beseitigen. Meinen Sie nicht, daß die Frauen in diesem Fall in erster
Linie stünden?!«

Ich dachte an die Arbeiterinnen Augsburgs und konnte ihm nur zustimmen.
Am nächsten Tage brachte er mir ein Paket Zeitungen mit. Rote und blaue
Striche an den Rändern zeugten von der sorgfältigen Lektüre. Aber als
ich sie auseinanderfaltete, erschrak ich: »Die Volkstribüne,
Sozialistische Wochenschrift« stand als Titel groß darüber. Jetzt zuckte
es doch wie ein ganz leiser Spott um die Lippen des Professors:

»Also auch Sie fürchten sich vor den Sozis!« meinte er lächelnd. »Lesen
Sie nur dies Blatt, -- ich habe mehr daraus gelernt, als aus manch
dickleibigem Buch gelehrter Kollegen!«

Und ich nahm mir die Blätter mit und las sie und war so vertieft, daß
ich erst merkte, wie spät es war, als mein Vater draußen die Entreetür
aufschloß. Er kam aus Brandenburg zurück, wo er an dem Jubiläumsfest
seines alten Regiments teilgenommen hatte.

»Wie, du bist noch auf?« rief er. »Da kann ich dir ja noch Egidys Grüße
bestellen!« Damit trat er ein. »Ich wußte gar nicht, daß er
Fünfunddreißiger gewesen ist, ehe er zur Kavallerie ging. Übrigens ein
famoser Kerl, tapfer und ehrlich. Und, -- stell dir vor! -- die
Rasselbande hat ihn geschnitten! Kannst dir denken, daß ich ihm um so
deutlicher meine Anerkennung für seine Überzeugungstreue aussprach. Er
wäre mir beinahe um den Hals gefallen vor Dankbarkeit.«

In diesem Augenblick entdeckte mein Vater die »Volkstribüne«, die offen
vor mir lag. Die Ader schwoll ihm auf der Stirn, und blaurot färbten
sich seine Züge. »Was für ein Schuft hat dir diese Zeitung in die Hände
geschmuggelt?« schrie er, »vor meine Pistole mit dem infamen Patron!«

»Ich habe sie mir gekauft,« log ich, »man muß auch seine Gegner aus
ihren eigenen Schriften kennen lernen.«

Mein Vater nahm wütend die Blätter vom Tisch und zerriß sie. »Bring mir
solche Schweinereien nicht wieder ins Haus!« drohte er mit erhobener
Faust. »Von Leuten, die das Vaterland verraten, den Meineid predigen und
den Fürstenmord, darf meine Tochter nicht einmal einen Fetzen Papier in
Händen haben!« Und wütend warf er die Tür ins Schloß.

Am nächsten Vormittag besuchte uns Egidy. Den Zylinder in der Hand, in
militärisch strammer Haltung wie zu einer dienstlichen Meldung stand er
vor meinem Vater.

»Die Wohltat, die Eure Exzellenz mir in Brandenburg erwiesen, rechne ich
zu den höchsten Empfindungen inneren Glücks, die mich bisher in meinem
Leben beseelten. Euer Exzellenz Worte sind -- ich sage nichts, als was
ich fühle, -- die größten, die an mich heranklangen, seit ich tat, was
mir Pflicht schien.« Scharf und bestimmt sprach er, und dann erst wandte
er sich zu meiner Mutter und mir.

»Darf ich Ihnen meine Töchter bringen?« frug er mich. »Es sind brave
Kinder, die alles tapfer mit mir getragen haben und doch wehmütig
empfinden, wie sie aus ihrer Bahn gerissen wurden.« Ich reichte ihm die
Hand.

»Selbstverständlich, Herr von Egidy! Was ich den Ihren sein kann, will
ich mit Freuden sein,« antwortete ich.

»Und darf ich nicht nur auf Ihre Freundschaft, sondern auch auf Ihre
Mitarbeit rechnen?« Er streckte mir noch einmal die Hand entgegen.

Ich legte die meine zögernd hinein: »Auf meine Freundschaft, ja! Meine
Mitarbeit aber kann ich Ihnen noch nicht versprechen!«

Sein Blick verfinsterte sich. »Ihr Herr Vater ehrt die
Überzeugungstreue ...« sagte er mit Betonung.

»Und ich werde meiner Überzeugung zu folgen wissen!« entgegnete ich
gereizt.

Am Nachmittag erzählte ich dem Professor von Egidy und meinen
Beziehungen zu ihm. Ich war noch verärgert, und mein Urteil über die
Halbheit, die ihn zwang, an dem Namen »Christentum« festzuhalten, mochte
nicht gerade milde klingen. Der Professor schüttelte den Kopf, -- ein
deutliches Zeichen seines Mißfallens. »Sie verlangen wirklich ein
bißchen viel, gnädiges Fräulein! Ist es nicht schon einzig und unerhört
und höchst erfreulich, daß ein Mann, wie er, in dieser Weise den Kampf
gegen das traditionelle Christentum aufnimmt? -- Zahllose Menschen, die
für die Worte ausgesprochener Freidenker nur taube Ohren haben, werden
ihn hören, und ihr erster Schritt auf der schiefen Ebene wird dann nicht
ihr letzter sein!«

Ich dachte meiner eigenen Erfahrungen und gab ihm Recht. Hatte unser
Gespräch sich bisher wesentlich um die Frauenfrage gedreht, so kamen wir
heute zum erstenmal auf religiöse Fragen zu sprechen. Ich erzählte ihm
von meiner Entwicklung. Er hörte mit sichtlichem Interesse zu und sprach
mir dann von der seinen.

»Religiöse Gewissenskämpfe sind mir fremd geblieben,« begann er. »Bis
ich in die Schule kam, wußte ich nichts von Religion. Als meine Mutter
mich zu meinem Klassenlehrer brachte und er mich frug, was ich vom
lieben Heiland wüßte, gab ich erstaunt zur Antwort, daß ich von dem Land
noch nie etwas gehört hätte. Der Schulreligionsunterricht bestand dann
eigentlich nur im mechanischen Auswendiglernen, was ich ebenso
gedankenlos absolvierte, wie irgend welche Tabellen oder grammatische
Regeln. Was dem Gemüt vieler Kinder die Religion bieten mag, das bot mir
die Natur; und da ich von klein an schwächlich war und meinen
Altersgenossen und ihren Spielen infolgedessen ziemlich fern blieb,
unterstützten meine Eltern meine Passionen. Mein Zimmer war immer ein
wahres Aquarium, und das Leben der Tiere und der Pflanzen mit all seinen
Wundern lernte ich mit steigendem Entzücken zuerst aus eigenen
Beobachtungen kennen. Jetzt habe ich nur noch ein paar Vögel und ein
Blumenfenster,« -- er lächelte wehmütig, »seit meine Mutter im vorigen
Jahre starb und ich bewegungslos bin, würde doch keiner für meinen
Privat-Zoo sorgen können!« Mit der ihm charakteristischen Gebärde reckte
er den Oberkörper, als wollte er eine peinliche Erinnerung energisch
abstoßen -- »und allmählich sind mir denn doch die Menschen
interessanter geworden als die Tiere. Ich studierte Philosophie, weil es
das einzige ist, was ein Mann wie ich zu seinem Lebensberuf machen kann.
Aber meine unglückliche Liebe zu den Naturwissenschaften ist doch gleich
in meiner Doktordissertation zum Ausdruck gekommen, in der ich die
philosophischen Konsequenzen der Darwinschen Evolutionstheorie
behandelte. -- Sie müssens mal lesen, gnädiges Fräulein, -- ich habe
noch heute meine Freude dran, obwohl der liebe Gott noch bedenklich
zwischen den Zeilen spukt! Dann hab ich mich hier habilitiert. -- Ich
wohnte bei meiner guten Mutter, einer blitzgescheiten Frau -- schade,
daß Sie sie nicht mehr kannten! --, die mit dem lieben Gott auf
besonders gespanntem Fuße stand, weil er ihren Jungen zum Krüppel hatte
werden lassen. Und ein bißchen mag das auch bei mir dazu beigetragen
haben, an seiner Existenz allmählich zu zweifeln. Bei näherem Nachdenken
konnte ich die geistigen Kapriolen der frommen Leute nicht mitmachen,
die nötig sind, wenn man das unverschuldete Elend in der Welt, wenn man
Unrecht und Verbrechen mit dem allgütigen und allmächtigen Himmelsvater
in Einklang bringen will. Wäre er, so müßte er entweder ein herzloses
Scheusal oder das unglückseligste aller Wesen sein, das gezwungen ist,
untätig zuzusehen, wie seine Geschöpfe sich zerfleischen!« Die Stimme
des Professors hatte sich gehoben, seine Augen funkelten, sein ganzer
zarter Körper schien von starker Energie gespannt.

»Und doch sind Sie ein glücklicher Mensch geworden!« sagte ich mehr zu
mir selbst als zu ihm.

»Das habe ich wieder den Naturwissenschaften und meinen vielen lieben
Freunden zu verdanken.«

»Ihren Freunden?!«

»Denen, die immer um mich sind und nur reden, wenn ich sie brauche: den
Büchern. Darwins Entwicklungsgesetz war es, das mich zuerst mit einem
unbeschreiblichen, unzerstörbaren Glücksgefühl erfüllte, denn es
festigte meinen Glauben an die unendliche sittliche und intellektuelle
Vervollkommnungsfähigkeit der Menschennatur, und er trat an die Stelle
des Glaubens an einen unbeweisbaren Gott.«

Das Herz klopfte mir vor Freude; ich umfaßte unwillkürlich mit meiner
heißen Hand seine kühlen Finger: »Ich danke Ihnen -- danke Ihnen
tausendmal,« kam es vor Erregung bebend über meine Lippen, »so bin ich
doch nicht mehr allein mit dem, was ich dachte und fühlte, und was mir
fast schon zu entschwinden drohte. Einmal, in einer glücklichen Stunde,
schrieb ichs auf, -- darf ich es Ihnen bringen?«

»Ich bitte Sie darum!« Ein warmer Blick traf mich, -- er schien mich
ganz und gar zu umfassen. »Sollte ich doch am Ende wieder an den lieben
Gott glauben müssen -- der mir eine Frau wie Sie in den Weg geschickt
hat?!«

Die Eltern kamen und holten mich ab. Mein Vater war merkmürdig kurz
angebunden. »Du wirst deinen Verkehr mit dem Professor beschränken
müssen,« sagte er auf dem Nachhausewege, »Walter sagte mir, daß er im
Rufe steht, einer der gefährlichen Kathedersozialisten zu sein.« --
»Daß er Gott verleugnet, hat er neulich mit zynischer Frivolität selbst
zugestanden,« fügte Mama mit hochrotem Gesicht hinzu.

»Wenn er es tat, so ist es weder zynisch noch frivol, sondern ein Beweis
derselben tapferen Überzeugungstreue, die Ihr an Egidy zu rühmen
pflegt,« antwortete ich.

»Ein Atheist ist ein Verbrecher,« stieß Mama aufgeregt hervor; dann
schwiegen wir alle, in dem gemeinsamen Gefühl, auf der Straße keine
Szene provozieren zu wollen.

Als am nächsten Tage der Herbst mit Sturm und Regen durch die Straßen
fegte und die Bäume arm und kahl zurückließ, die eben noch im Glanz
ihres bunten Kleides geprangt hatten, atmete Mama förmlich erleichtert
auf: »Nun haben die Zoo-Nachmittage ein Ende!«

Ich aber nahm mein altes Glaubensbekenntnis und mein kleines schwarzes
Buch und verließ das Haus zur gewöhnlichen Stunde.

Über den öden Wittenbergplatz führte mein Weg an einer Reihe von
Neubauten vorbei, aus denen ein feuchter Kellergeruch mir
entgegenströmte, der mich frösteln machte. Die Kleiststraße ging ich
entlang, deren neue Häuser, wie lauter Parvenüs, sich durch überladenen
Schmuck gegenseitig zu überbieten suchten, und bog dann in die stille
dunkle Nettelbeckstraße ein. Schüchterne Sonnenstrahlen, die gerade die
Wolken durchbrachen, trafen nur noch die Dächer der Häuser. In eins
davon trat ich.

»Professor von Glyzcinski?« Die Portierfrau musterte mich von oben bis
unten. »Gartenhaus -- parterre!« Der Hof war noch enger und lichtloser
als bei uns, und die Treppe war vollkommen finster. Auf mein Klingeln
öffnete der Diener. Im Flur konnte ich die Hand nicht vor Augen sehen.
Im nächsten Moment aber schloß ich sie geblendet. Aus der Tür, durch die
ich ins Zimmer trat, strömte ein Meer von rotgoldenem Licht.

»Willkommen, mein liebes, gnädiges Fräulein!« hörte ich des Professors
weiche Stimme sagen.

Und nun erst sah ich ihn: am Fenster saß er, das dicht von wildem Wein
umsponnen, den Blick in lauter Gärten schweifen ließ. Auf die Bücher und
Papiere, die den Schreibtisch vor ihm bedeckten, malte die Sonne lauter
runde blinkende Silberflecken und streichelte an der Wand gegenüber die
vielen, schön aneinander gereihten Bücher. Zwei Vögel mit
buntschillernden Flügeln flatterten, durch meinen Eintritt
aufgescheucht, durch den Raum und ließen langgezogene Flötentöne hören.

Auf den breiten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch deutete einladend die
weiße Hand Glyzcinskis, der mir mit seinen Kinderaugen und dem
wesenlosen, unter Decken verborgenen Körper wie ein Zauberer inmitten
seines Märchenreichs erschien. Flüchtig tauchte mein dunkles Zimmer vor
meinem inneren Auge auf, -- hatte meine Sehnsucht nicht dieses
Märchenreich längst gesucht?

»Wissen Sie, daß ich Sie mit Bestimmtheit erwartet habe?!« sagte er,
»darum gibt es auch heute Kuchen zum Kaffee, wie an einem Festtag!« Er
versuchte von dem Tischchen aus, das der Diener hereingetragen hatte
mich zu bedienen. »Das ist Frauensache!« lachte ich und nahm ihm die
Kaffeekanne ab. Wie alte Freunde saßen wir beieinander.

Und dann las ich ihm »Wider die Lüge« vor.

»Daß Sie mir nichts Gewöhnliches bringen würden, wußte ich,« bemerkte er
langsam nach einer kurzen Pause, die mich schon ganz ängstlich gemacht
hatte. »Von keinem meiner Studenten dürfte ich so viel Geist und Kraft
und Selbständigkeit erwarten ... Ich habe lange über Sie nachgedacht,
aber das Resultat dieses Nachdenkens hätte ich noch für mich behalten,
wenn Sie mir nicht diesen Einblick in Ihr Geistesleben gewährt haben
würden. Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, dessen
selbstsüchtige Beweggründe mein Gewissen freilich arg belasten: Sie
haben keinen Bruder, ich keine Schwester, -- lassen Sie mich Ihren
Bruder sein, und gestatten Sie mir dann als solchem, mich Ihrer
anzunehmen. All die guten Freunde drüben --« er zeigte auf den
Bücherschrank -- »will ich Ihnen vorstellen; Sie werden rasch nachholen,
was Ihnen an philosophischen Kenntnissen fehlt, -- und dann -- --,« er
stockte.

»Dann?!« frug ich gespannt.

»Dann werden Sie tun, was mir versagt ist: unsere Ideen unter die Massen
tragen.«

»Werde ich es können -- -- dürfen?! Meine Eltern sind schon jetzt....«

Er unterbrach mich. Ein harter Zug grub sich um seine Mundwinkel. »Wer
den Pflug anfaßt und siehet zurück, der ist unserer Sache nicht
wert ...«

»So lehren Sie mich Ihre Sache kennen, -- ich glaube freilich schon von
vorn herein, daß es auch die meine sein wird!«

»Sie sollen nichts glauben, woran Sie zu glauben noch gar kein Recht
haben! Das ist die Lehre der neuen Tugend, der intellektuellen
Redlichkeit! -- nehmen Sie die Bücher dort mit dem dunkelblauen Rücken,
-- lesen Sie sie in aller Ruhe, und dann sagen Sie mir, was Sie darüber
und was Sie über meinen Vorschlag denken.«

Ich erhob mich. Es wurde mir sehr schwer, diesen stillen Raum zu
verlassen, der von dem hellen Geist starker Freudigkeit erfüllt schien,
wie von der glänzenden Oktobersonne.

»Haben Sie Dank, vielen Dank,« sagte ich noch und wandte mich zum Gehen.
Ich stand schon an der Tür, als ich noch einmal seine Stimme hörte:

»Nicht wahr -- Sie kommen bald, recht bald -- -- morgen schon?« Ich
nickte. Und dann verschlang mich der dunkle Flur, der finstere Hof, die
kühle Straße.

»Woher kommst du?« Mit dieser von einem mißtrauischen Blick begleiteten
Frage, empfing mich zu Hause mein Vater. Sie saßen alle drei beim
Abendessen. Ich hatte schon irgend eine billige Ausrede auf der Zunge --
aber plötzlich wurde mir klar, daß jede verlogene Heimlichkeit mein
Erlebnis beschmutzen würde.

»Von Herrn Professor von Glyzcinski ...« Mein Vater hieb mit der Faust
auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

»Unerhört!« rief er »und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen, nachdem
du meine Meinung über diesen Verkehr erst gestern deutlich genug gehört
hast?! -- Und rennst wie ein Frauenzimmer einem unverheirateten Mann in
die Wohnung?! -- Willst du mich denn durchaus ins Grab bringen, mit all
der Schande, die du mir machst?« Er lief aufgeregt im Zimmer umher,
während helle Schweißtropfen auf seiner Stirne standen.

Ich zwang mich zur Ruhe: »Du weißt wohl nicht, was du sagst, Papa! Herr
von Glyzcinski ist ein Schwerkranker, meinen Besuch kann niemand
mißdeuten!«

Aber die Wut, in die er sich hineingeredet hatte, steigerte sich nur
noch mehr. Ich versuchte das Zimmer zu verlassen, während Mama und
Klein-Ilschen, vor Schrecken stumm, sich nicht zu rühren wagten.

»Du bleibst!« schrie mein Vater und packte mein Handgelenk. »Versprich
mir, daß dieser Besuch der erste und der letzte war, und ich will ihn
vergessen!« Und gleich darauf ruhten seine Blicke mit einem Ausdruck
liebevoll besorgter Bitte auf mir. Mein Herz krampfte sich zusammen:
Sinnlosem Zorn konnte ich die Stirne bieten, -- aber der Liebe?! Ich
schloß eine Sekunde lang die Augen: Wer den Pflug anfaßt ...!

»Ich kann dir diesen Wunsch nicht erfüllen, Papa!« Mit weit
aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dann brach der Sturm von neuem
los. Auch meine Mutter mischte sich hinein, -- von den teuflischen
Verführungskünsten des Gottesleugners hörte ich sie etwas sagen, auch
von Weimar sprach sie und versuchte, mich zu bestimmen, meinen für das
nächste Frühjahr beabsichtigten Besuch auf die allernächsten Tage
festzusetzen. An meinen Ehrgeiz, an meine Eitelkeit appellierte sie,
während meines Vaters Stimmung, wie stets nach einem solchen Ausbruch
der Leidenschaft, immer weicher wurde. »Wir sind an allem Schuld, wir
allein,« sagte er, »wir haben dir keinen Verkehr verschafft, wie du ihn
zu fordern ein Recht hast. Aber das soll anders -- ganz anders werden.
Wir werden an den Hof gehen, wo wir hingehören. Und du wirst nun auch
mein gutes Kind sein und gehorchen!«

»Nein, Papa! -- Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt. Wäre ich Euer Sohn,
statt Eure Tochter, ihr würdet es selbstverständlich finden, wenn ich
meine eigenen Wege ginge. Ich kann nicht denken wie ihr, und ich bin
außerstande, nichts als eine Haustochter zu sein. Paßt Euch der Verkehr
nicht, der mir notwendig ist, wollt Ihr Euch nicht mit mir
identifizieren, -- so laßt mich in Frieden meiner Wege gehen, -- gebt
mir freiwillig die Freiheit!«

Meine Worte wirkten verblüffend. Die Eltern waren plötzlich ganz ruhig
geworden. Sie schienen auf das tiefste verletzt. »Daß wir über solchen
Wahnwitz mit dir verhandeln, wirst du selbst nicht erwarten können,«
sagte Papa kalt. »Geh in dein Zimmer. Bis morgen früh dürftest du wohl
zur Vernunft gekommen sein.«

Aber der Morgen kam und fand mich entschlossen, eher das Haus zu
verlassen, als auf meine Besuche bei Herrn von Glyzcinski zu verzichten.
Und die Eltern, die zwischen dem Skandal einer davonlaufenden Tochter
und dem Eingehen auf ihre Wünsche zu wählen hatten, gaben mir nach. Eine
drückende Stimmung, wie geladen von Mißtrauen und Feindseligkeit, blieb
zurück. Nur Papa gab sich alle Mühe, meine Interessen auf andere Wege zu
leiten. Meine Teilnahme an den Bestrebungen Egidys schien ihm sogar
erwünscht, um die Einflüsse von der anderen Seite zu paralysieren. Er
selbst hielt sich davon zurück. »Es widerstrebt mir, mich als
preußischer General in irgendeine öffentliche Bewegung zu mischen. Ich
bin Soldat, -- nichts weiter,« sagte er zu Egidy bei unserem
Gegenbesuch, der der erste und letzte war, den er bei ihm machte. Um so
häufiger geleitete mich meine Mutter in die Spenerstraße, zuerst mit
mißmutig aufeinander gepreßten Lippen, nur aus Pflichtgefühl, -- den
Standesgenossen gegenüber mußte doch die Form gewahrt werden, die einem
jungen Mädchen nicht gestattete, allein in Gesellschaft zu gehen! --
Dann mit steigender persönlicher Neigung. Diese bunte Welt, die sich
jeden Dienstag Abend in dem gastfreien Hause zusammenfand, war eine
völlig neue für sie, und mit einer fast kindlichen Neugierde
beschäftigte sie sich mit jedem Besucher, während bei mir das Interesse
an dem bloß Neuen und Fremdartigen um so mehr erlahmte, je
leidenschaftlicher ich nach Gesinnungsgenossen suchte.

Eigenbrödler aller Art füllten die Salons der Familie Egidy, bis zu
solchen herab, deren armer enger Geist durch die unablässige
Beschäftigung mit einem einzigen Gedanken mehr und mehr in Verwirrung
geraten war. Da gab es Menschen, die von der Rückkehr zur Natur das Heil
der Welt erwarteten, barfuß gingen im Gewande des Nazareners, von
Körnern lebten, die sie in der Tasche trugen; andere mit fahlen,
asketischen Zügen, die mit der ganzen mühselig zurückgedämmten
Leidenschaftlichkeit ihres Inneren die Selbstvernichtung der Menschheit
predigten, und, als ihr Gegensatz, fanatische Anarchisten, die die
Freiheit ihrer eigenen kleinen Gelüste mit dem Schlagwort vom
schrankenlosen Ausleben der Persönlichkeit zu rechtfertigen suchten.
Studenten und Studentinnen aller Nationen fanden sich ein, deren
jugendlicher Überschwang in Egidy einen neuen Heiland verehrte, und
eine Menge ältliche Damen, die aus dem stillen Winkel ihres leeren
Lebens hervorgekrochen schienen wie Maulwürfe, die die Sonne suchen, und
mit dem Rest ihrer unterdrückten Gefühle verschwärmt zu Egidys Füßen
saßen; verschämte Arme, die hier nichts wollten als den reich gedeckten
Tisch, an dem sie einmal in der Woche satt werden konnten; mitten darin
Abenteurer aller Art, die den reichen, nur allzu vertrauensseligen Mann
für ihre Zwecke zu gewinnen suchten, und dazwischen -- vereinzelt --
ernste aufrichtige Anhänger, junge Literaten und Theologen zumeist, die
sich vergebens bemühten, Egidy vor sich selbst zu schützen. Er hatte für
Alle Zeit, für jeden Herzenskummer, der ihm anvertraut wurde, ein
freundliches Interesse; und warnte man ihn vor diesem und jenem seiner
Gäste, der ein notorischer Hochstapler war, so sagte er mit fester
Überzeugung: »Wer zu mir kommt, der beweist dadurch, daß er gewillt ist,
ein Anderer zu werden. Und ich sollte ihm mein Haus verschließen?«

Aber auch ernste, reife Menschen erschienen, Männer und Frauen mit
berühmten Namen, die auf irgend einem reformbedürftigen Gebiet des
öffentlichen Lebens tätig waren und alle versuchten, Egidy auf ihre
Seite zu ziehen: Abstinenzler, Friedensfreunde und Bodenreformer,
moderne Pädagogen und Frauenrechtlerinnen. Warteten sie nicht alle, die
ihre Kräfte in dramatischen Gesten oder in der Kleinarbeit winziger
Reförmchen erschöpften, ihrer selbst unbewußt, auf irgend ein
Zauberwort, das ihre eigenen Fesseln sprengen und sie zu gemeinsamer
großer Leistung vereinigen würde? War Egidy der Mann, der es
aussprechen sollte?

Ich hatte inzwischen die Bücher Glyzcinskis gelesen: seine eigene
Moralphilosophie und die Schriften der Gründer und Leiter der Ethischen
Gesellschaften Amerikas und Englands. Sie vertraten die Einheit der
Moral gegenüber der Vielheit der Religionen, sie waren überzeugt, daß
alle Menschen, die ernstlich das Gute wollen, sich, unabhängig von ihren
verschiedenartigen transzendenten Anschauungen, auf dem Boden allgemein
gültiger Ethik zu dem großen Werk sittlicher und sozialer Reform
vereinigen könnten. Über Gott und den Göttern stand für sie das
Absolute, die Moral; denn nicht darum ist das Gute gut, sagten sie, weil
Gott es seinen Gläubigen zu tun befiehlt, er befiehlt es vielmehr, weil
es gut ist, also muß auch für die Gottgläubigen das Gute das
Allumfassende sein. Sie selbst stellten für das sittliche Handeln keine
Einzelvorschriften auf, sie erkannten vielmehr als dessen Richtschnur
und Prüfstein das größtmögliche Glück der größten Mehrzahl.

Auf mich wirkten diese Werke wie eine Offenbarung: hier war das
erlösende Wort, das nicht nur all die auf Seitenwegen Umherirrenden
zusammen rufen und dem gemeinsamen Ziel entgegenführen würde, hier war
der Zauberstab, der aus den Felsenherzen der Menschen lebendige Brunnen
tatkräftigen Wirkens hervorlocken könnte; hier breitete sich vor meinen
inneren Augen jungfräulicher Boden aus, den ich mit zu roden und zu
bebauen bestimmt schien. Eine Ethische Gesellschaft in Deutschland zu
gründen, die das öffentliche Gewissen der Nation werden sollte, --
darauf richteten sich alle meine Gedanken.

Ich ging täglich zum Professor. Schon lange hegte er denselben Wunsch
wie ich, ohne, seiner eigenen Gebrechlichkeit wegen, an die Möglichkeit
naher Erfüllung zu glauben.

»Hatte ich nicht recht,« sagte er einmal, »wenn ich meinte, ich müsse
eigentlich dem lieben Gott dankbar sein für die merkwürdige Begegnung
mit Ihnen? Durch Sie wird der Lieblingstraum meines Lebens in Erfüllung
gehen!«

Wir arbeiteten unseren Plan in allen Einzelheiten aus: Mitglieder der
verschiedensten religiösen und politischen Richtungen sollten den ersten
Aufruf zur Gründung der Ethischen Gesellschaft unterzeichnen. Ihr Zweck
sollte sein, einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem alle Menschen
ihre Gedanken freimütig über alle brennenden Fragen der Gegenwart
auszutauschen vermöchten, von dem aus gemeinsam geschaffene
Gesetzesvorschläge den Regierungen unterbreitet und zu den Ereignissen
des öffentlichen Lebens Stellung genommen werden sollte. Niemand dürfe
um seines Glaubens oder seinen politischen Anschauungen wegen bekämpft
oder ausgeschlossen werden, es sei denn, daß er dadurch gegen das
Grundprinzip der Gesellschaft verstoße: das größte Glück der größten
Anzahl zu fördern.

Mein Gedankengang geriet bei diesem Punkt ins Stocken. »Wenn ichs mir
recht überlege,« sagte ich nachdenklich, »kann ein echter Christ sich
unserem Bunde nicht anschließen. Toleranz gegen Andersgläubige kann bei
denjenigen kaum erwartet werden, die überzeugt sind, daß ihr Glaube der
allein selig machende sei; und das größte Glück als Ziel unseres
Strebens aufstellen, ist vollends ganz und gar unchristlich.«

Glyzcinski lachte: »Sie haben einen hellen Kopf, liebe Freundin, darum
lassen Sie mich ihnen noch eins verraten. Niemand, der von Herzen an
einen lebendigen Gott glaubt, kann auf unsere Seite treten; oder dürfte
er zugeben, daß Gott selbst sich der Moral unterordnet?! Die Religion
als vager metaphysischer Glaube, als flüchtig berauschendes Genußmittel
schwacher Seelen kann innerhalb unserer Reihen Anhänger haben, nicht
aber die Religion als Grundlage der Sittlichkeit, -- und damit wird ihr
Halt und Inhalt zugleich entzogen. Der Kaiser und die Junker haben von
ihrem Standpunkt aus vollkommen recht, wenn sie dem Volke die Religion
erhalten und die Schule der Kirche mit Haut und Haar ausliefern möchten:
nichts hindert die Verbreitung wahrer ethischer Kultur mehr als die
Religion. Die Dankbarkeit für alles, was wir haben und sind, körperlich
und geistig, wird in sentimentalen Gefühlen auf Gott gelenkt, statt daß
sie sich in Taten auslöst für die Menschheit, der wir in Wirklichkeit
alles verdanken. Aller Widerstand gegen das Böse, alle Kampfeslust gegen
das Unglück wird dadurch gelähmt, daß man den Menschen lehrt, sich
demütig vor Gottes Willen zu neigen, und ihnen den Glauben an die ewige
Seligkeit einflößt. Und alle Tapferkeit, alle Menschenliebe, alle Kraft
zur Selbstbefreiung und zur Befreiung der Menschheit aus Elend und
Knechtschaft wird im Keime erstickt, wenn die Verantwortlichkeit für das
Leiden auf die Gottheit abgewälzt werden kann.«

»Ich verstehe Sie nicht, -- Sie scheinen gegen den eigenen Plan zu
sprechen, -- nach Ihnen müßte keine ethische, sondern eine atheistische
Gemeinschaft gegründet werden,« wandte ich ein.

»Sie irren, -- atheistische Pfaffen, die wir in diesem Fall züchten
würden, schaden unserer Sache mindestens ebenso viel wie kirchliche.
Ethik wollen wir verbreiten, und in dieser Ethik ruht die Kraft der
Wahrhaftigkeit, die allmählich alle alten Gespenster austreiben wird.
Für mich -- wir beide sprechen offen miteinander! -- ist die
Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die, für Gerade und Krumme
ein gleichmäßig passendes moralisches Mäntelchen zuzuschneiden, sondern
im Dienst der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum
und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!«

Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten Gefahren hatte mich
erfaßt. Der Sozialismus! -- Männer mit niedrigen Stirnen und
schwieligen Fäusten sah ich, schwindsüchtige Frauen und Kinder mit
Greisengesichtern, ein Zug von Gestalten, haßerfüllt die Züge, die
Fäuste drohend erhoben wider alles, was unser Leben schön und reich
machte, eingehüllt in einen Geruch von Schweiß und Blut. Helfen wollte
ich ihnen, -- einen Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres Elends,
ich fürchtete nicht die Dornen, die mir die Hände zerreißen, die
fallenden Äste, die mich verwunden würden, -- aber mich ihrem Zuge
einreihen --, mich schauderte.

»Wie sind Sie blaß und still geworden!« hörte ich Glyzcinskis warme
Stimme. »Verzeihen Sie mir -- ich habe mich schon so daran gewöhnt, vor
Ihnen laut zu denken, daß mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch
erschrecken könnte!«

»Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht, und ich bedarf ihrer
Verzeihung, -- nicht umgekehrt,« antwortete ich. »Sie müssen Geduld mit
mir haben, -- ich muß mich erst an die Neuheit des Gedankens gewöhnen.
Ich weiß ja auch im Grunde gar nichts vom Wesen des Sozialismus. Vieles,
was ich hörte, stimmte wohl mit meinen eigenen Ansichten überein, vieles
aber hat mich immer abgestoßen --.«

»Ich werde wieder meine stummen Freunde für mich sprechen lassen!« Und
Glyzcinski bezeichnete mir die Bücher und Broschüren, die ich aus seinem
Bücherschrank nehmen sollte. »Nur eins möchte ich Ihnen gleich heute
sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen Studiums bin ich zu meinen
ethischen Überzeugungen gelangt, auf demselben Wege habe ich erkannt,
daß die Entwicklung zum Sozialismus eine gesetzmäßige, unabänderliche
ist, gleichgültig, ob unser Gefühl sich dagegen sträubt oder nicht.
Nachdem ich das aber einmal erkannt habe, kann es für mich von meinem
ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl geben, als die, mich in den
Dienst der Entwicklung zu stellen und mit allen Kräften dahin zu wirken,
daß sie eine möglichst friedliche, das Glück der Menschen möglichst
wenig gefährdende sei. Andere denselben Weg der Erkenntnis zu führen,
den ich gegangen bin, -- das ist daher meine Aufgabe --, das ist die
Aufgabe, die die Ethischen Gesellschaften haben sollten.«

»Und Sie glauben, daß die Menschen sich dahin führen lassen werden?!«

Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden Ausdruck an, der
mich immer an gotische Heiligenbilder erinnerte.

»Ich glaube daran! Sonst müßte ich mich selbst für eine Ausnahme aller
Regel halten!«

Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch ein Gläubiger; bei ihm
soll das Einige Christentum vollenden, was der Professor von der
Ethischen Kultur erwartet.

Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei jedem Umschlagen einer
Seite erwartete ich das Gräßliche zu finden, das so vielen Menschen das
Recht gab, den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln zu
bekämpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte mich, und wenn ich
überrascht war, so nur über die Selbstverständlichkeit jeder Kritik am
Bestehenden und jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im
stillen vor Freude, wenn ich eigene, längst vertraute Ideen wiederfand;
und wo meine Gedanken nicht Schritt halten konnten, sagte mein Gefühl ja
und tausendmal ja. Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; Freiheit
der Überzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Völker; Kunst,
Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle;
freie Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste,
der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens --: wie konnte irgend jemand,
der auch nur über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der
Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!

Eugen Richters famose Broschüre, die ich im Sommer gelesen hatte, und
die Onkel Walter in Pirgallen gratis unter die Arbeiter verteilte, fiel
mir ein. Sollte der Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es
Lüge, nichts als Lüge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten? Daß
der Professor mir irgend etwas vorenthalten haben konnte, war doch
unmöglich!

Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung und meine Zweifel
und Bedenken. Der erfurter Parteitag war eben geschlossen worden, das
neue Programm lag vor, und Glyzcinski erklärte es mir in allen seinen
Einzelheiten. Ich sah, daß die vielverlästerte und mir immer lächerlich
erschienene Forderung nach der Verteilung allen Besitzes in Wirklichkeit
nicht vorhanden war, daß nur der Grund und Boden, der seine privaten
Besitzer reich machte, ohne daß sie arbeiteten, und die
Produktionsmittel der Industrie, durch die ihre Eigentümer zu
Millionären wurden und ihre Arbeiter zu abhängigen Sklaven, in den
Besitz der Allgemeinheit übergehen sollten. Dabei konnten wir alle nur
gewinnen, -- wir vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren!
-- Warum sträubten wir uns dann?

»Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind die Gegner der
Sozialdemokratie, die Lüge ihre Waffe,« sagte der Professor, »und wir
sollten sie zu besiegen nicht imstande sein?!«

Die Zeit damals war geladen mit Elektrizität. Überall schien die alte
Erde von unterirdischen Donnern erschüttert, und hie und da klaffte ein
dunkelgähnender Abgrund, wo noch eben grüne Wiesen gelacht hatten.
Schmutzige Geldgeschichten in preußischen Ministerhotels,
Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung im Ausland;
Unterschlagungen von Kirchengeldern und wohltätigen Stiftungen durch
christliche, vom Hof protegierte Bankhäuser erschütterten das noch
vorhandene Vertrauen in die Unantastbarkeit preußischen Beamtentums und
christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von den Tiefen menschlichen
Elends und menschlicher Verworfenheit noch wenig wußte, dem riß der
Prozeß Heintze die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame
Enthüllung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen wollten, zum
Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten, das großen Umwälzungen
vorhergeht.

Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener fern blieb, als ich
gerade hier die erfolgreichste Propaganda für die Ideen der Ethischen
Kultur glaubte machen zu können, trat die durch die öffentlichen
Ereignisse hervorgerufene Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte kurze
Vorträge zu halten, in denen Tagesfragen stets berührt wurden; selten
nur begegnete ihm ein Widerspruch, fast immer konnte er der jubelnden
Zustimmung seiner Gäste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen,
halb herrischen Weise alle Fragen spielend löste. »Wir brauchen nur
Christen zu sein, ganz und gar Christen, und wir haben keine Rasse-,
keine Geschlechts- und keine sozialen Probleme mehr,« erklärte er, und
mit unerschütterlichem Optimismus hoffte er auf den Kaiser: »Nach einem
Führer unserer Bewegung, die das ganze Volk ohne Ausnahme umfassen wird,
braucht ein Land nicht zu suchen, dem Fürsten _geboren_ werden.« Ich war
fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern alles daran
setzte, die große Persönlichkeit dieses Mannes, die mir wie geschaffen
zu sein schien, Hunderttausende mit sich zu reißen, den Ideen der
Ethischen Bewegung zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und
setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.

»Wir wollen beide dasselbe,« sagte er einmal, »und auf diesen ernsten
Willen kommt es an.«

»Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken dieselben, so
haben Sie so wenig das Recht wie ich, sich für neuen Wein alter
Schläuche zu bedienen!« antwortete ich.

»Das Christentum -- mein Christentum Jesu ist aber nicht der alte
Schlauch, den die Kirche gemacht hat, mit der ich ganz und gar nichts zu
tun habe,« beharrte er.

»Ich will überhaupt nur, daß etwas wird,« schrieb er bald darauf: »Wir
wollen die Religion _leben_; setzen Sie für das Wort: Religion -- Ethik,
so ist's mir recht, aber für das Wort: leben sollen Sie mir kein anderes
setzen. -- Wir müssen das Christentum ernst nehmen; setzen Sie für
Christentum -- Ethik, so ist's mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich
mir nicht fortstreichen. Wir haben lange genug entwickelt, -- ich will
nun Entfaltung sehen. Wieder bloß reden, bloß predigen, bloß erziehen,
derweilen die Menschen weiter hungern und die Welt aus Laune einzelner
in Waffen starrt, -- nein! Mein Streben geht darauf hin, Zustände zu
schaffen, die _verwirklichen_, was Sie predigen. Der Staat soll eine
große ethische Gesellschaft sein, jede Schule eine in Ihrem Sinne
ethische, in meinem Sinne religiöse Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie
mir: ich marschiere ganz auf realem Boden. Daß auch Fräulein von Kleve
-- traurig oder lächelnd? -- den Kopf schüttelt, tut mir furchtbar weh.
Entmutigen aber darf es mich nicht. Sie waren ja vor mir auf dem
Schlachtfelde, -- ich weiß das recht gut. Die Frage wird schließlich
einfach die sein: wer der Menschheit zumeist genützt haben wird, --
Ethische Gesellschaft oder Angewandtes Christentum. Sie beantwortet sich
allenfalls heute schon daraus: womit begründet jemand seine Ansprüche an
die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund ethischer Prinzipien --
'neuer Werte' -- fordert, oder indem er auf Grund des 'gerade von euch,
ihr Herren' gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von Nazareth
verlangt? ...«

»Auch ich will, daß etwas wird,« antwortete ich ihm, »aber ich sehe
nicht, daß wir, die wir jede gewaltsame Durchsetzung neuer Zustände
ablehnen, dieses Werden anders fördern können, als durch 'reden',
'erziehen', 'predigen', das heißt durch Verbreitung neuer Ideen. Sie tun
doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir gewiß zugeben, daß Reden --
'bloß reden' (!) -- eine mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann,
als Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, sagen Sie, und
wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. Wenn ich aber wirklich zuweilen
traurig -- niemals lächelnd! -- den Kopf schüttele, so nur deshalb, weil
ich überzeugt bin, daß die Folgen der von Ihnen ins Leben gerufenen
Bewegung größere sein würden, wenn Sie sich anderer Mittel bedienten.
Die ursprüngliche Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten übereinstimmen --
das zu entscheiden wäre Sache gelehrter theologischer Forschung --, aber
das, was heute die ganze Welt unter Christentum versteht, ist etwas im
Laufe der Jahrhunderte historisch Gewordenes, das umzustoßen viel mehr
Zeit, viel mehr Kraft erfordern würde, -- falls es überhaupt möglich
ist! --, als neue Werte unter neuem Namen in die Köpfe und Herzen zu
pflanzen ...«

Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir im Grunde mit
größerer Leidenschaft um einander, als um Ideen kämpften, blieben
fruchtlos. »Also -- ich reite allein!« schrieb mir Egidy in einem
Augenblick, wo wir, wie erschöpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm
voneinander gegangen waren, »aber -- den Glauben dürfen, richtiger:
können Sie mir nicht rauben, daß Sie und ich im kleinsten Finger
dasselbe meinen; ich habe Sie erfaßt, nur Sie mich nicht! Warum? ich
werde es Ihnen einmal sagen, -- nicht schreiben; ich habe ein ganz
klares Bewußtsein davon ...«

Glyzcinski gegenüber gab ich meinem Unmut über das Vergebliche meines
Bemühens lebhaften Ausdruck. Er selbst hatte ursprünglich auf Egidy, als
einen unserer künftigen Mitkämpfer, außerordentlichen Wert gelegt.
Allmählich grub sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen, wenn ich
von ihm erzählte. »Sie sollten Ihre Kräfte nicht länger an eine
verlorene Sache verschwenden,« meinte er dann. Aber ich konnte mich um
so weniger beruhigen, als mir ein Zusammenstoß zwischen den beiden
Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an Bedeutung gewannen.

Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas war auf
Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, seine Vorträge hatten
große Aufmerksamkeit erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte
Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich Egidy und seine
Anhänger das Auftreten des Ethikers empfanden. An den folgenden
Dienstagabenden drängten sich die Menschen mehr als sonst in den Salons
der Spenerstraße; die hektisch geröteten Wangen vieler Besucher
verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und welcher Gruppe ich
mich auch näherte: die Plaudernden verstummten oder stoben scheu
auseinander.

»Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdächtigt,« sagte
lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer Freund und ständiger Gast des
Egidyschen Hauses, den ich um Aufklärung bat. »Bande!« -- stieß ich
zwischen den Zähnen hervor. »Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, fürcht'
ich, mehr recht, als Sie ahnen,« -- des jungen Dichters Züge waren
ernst, fast traurig geworden -- »es ist ein Jammer, daß unser Freund
diese Umgebung hat und duldet. Aber es muß anders werden!« fügte er nach
einer Pause hinzu. »Ich denke an solche, die fähig und würdig sind,
Träger seiner Ideen zu sein, und die -- vielleicht unbewußt -- nach
Vertiefung und Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere jungen
Künstler und Literaten.« Egidy begann zu reden und unterbrach unser
Gespräch. Meine Gedanken waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz
recht: die Dichter der »Ehre«, der »Familie Selicke«, des »Vor
Sonnenaufgang« waren unsere geborenen Mitkämpfer. Unsere?! -- die der
Ethischen Bewegung natürlich!

»... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, daß Orthodoxe und Liberale
ihnen Beifall rauschen,« hörte ich Egidys klare, scharfe Kommandostimme,
»weil sie erklären, die allgemein menschliche Moral zu vertreten und den
religiösen Glauben des einzelnen nicht tasten. Ich aber muß es über mich
ergehen lassen, daß man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem
dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, daß ich jedem
Dogma zu Leibe gehe, -- aber mit offenem Visire, nicht so, daß man erst
gar nichts Böses hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer
entpuppe, sondern: erst Ketzer -- dann ganzer und wahrer und Nur-Mensch,
-- -- so sind noch nicht viele in die Schranken des öffentlichen Lebens
eingeritten ...« Ein langer Blick traf mich, und irgend etwas
Unbestimmtes -- wars Ärger, wars Beschämung? -- ließ mich erröten ...
»Doch im Namen wahrer Religion tue ich es. Die Ethiker haben keinen
Namen, der so alles in sich schließt, wie Religion. Hat man den Namen
bisher mißbraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: Religion
nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion! Und diese
Religion bezeichne ich mit dem Worte Christentum. Mögen die Ethiker es
doch versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! Aufs
Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, den man gegen Begriffe
und Worte hat, die achtzehnhundert Jahre lang der Deckmantel schnödester
Frevel waren. Jetzt aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht,
indem man das Banner fortwirft, und es der Menge überläßt, kopfscheu
auseinander zu rennen, sondern indem man es höher denn je erhebt und
mutig ausruft: Alle hierher! Eben entdecken wir erst, daß es noch nie
richtig entrollt war -- in den Falten, die man unseren Blicken entzog,
steht ja ganz was anderes --, die ganze Menschheit soll dies Banner
stützen, und nicht die Kirche!«

Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein für allemal jede
Beifallsäußerung streng verboten. Die Zunächststehenden sahen mich
erwartungsvoll an. Das Herz klopfte mir bis zum Halse herauf -- mir
wurde heiß und kalt --, ich fühlte, ich mußte sprechen. Es dunkelte mir
vor den Augen, die Angst schnürte mir fast die Kehle zu, -- wie sollt'
ich die Worte finden, wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke
mir entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, wo die
Gelegenheit sich bot, die große Sache zu verteidigen, -- meine Sache!
--, durfte ich feige schweigen?!

»Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es hieße: Hie
Christentum -- hie Ethik,« begann ich, die zitternden Hände krampfhaft
auf die Stuhllehne vor mir stützend, »während wir alle, deren gleiches
Ziel die Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten
unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die Einheit unserer
Aufgaben betonen sollten ...«

»Die Zerstörung der Kirche ist unsere Aufgabe!« rief eine krächzende
Stimme dazwischen. Ich suchte einen Augenblick verwirrt nach dem
zerrissenen Faden meiner Rede und fuhr dann fort. »Wir Vertreter der
Ethischen Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den größten Wert und
meinen, daß es weit richtiger ist, gegen Hunger und Not zu kämpfen, als
gegen die Kirche ...«

Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in stumpfblonden
Strähnen über die Stirne hing, reckte die dürren Hände plötzlich hoch
empor und schrie gellend: »Sie verleumdet Egidy, -- duldet das nicht,
duldet das nicht!« Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und
stand dann wieder mit verschränkten Armen, die Blicke starr auf mich
gerichtet, unter dem Türrahmen. Ich weiß, daß ich in diesem Moment, wo
die Aufregung um mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinübersah.

»Wir sind der Überzeugung, daß das Gemeinsame der Menschen --« fast
mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos -- »nicht die Religion, die
im Gegenteil die Welt in feindselige Lager teilt, wohl aber eine
allgemeine Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.« Mir wurde,
angesichts der größeren Ruhe um mich her, freier ums Herz. »Das größte
Glück der größten Anzahl -- diese sittliche Richtschnur kann von allen
anerkannt werden, ohne daß der Glaube des einzelnen verletzt zu werden
braucht.«

»Dazu sind Sie ja viel zu feige!« -- wie ein gut gezielter Pfeilschoß
flogen mir die Worte zu.

Ich sah auf Egidy -- noch rührte er sich nicht -- das Herz tat mir weh,
und zugleich kam mir blitzartig die Erkenntnis, daß er im Grunde in
seiner Rede dasselbe gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und würdigte
den Zwischenrufer keiner Antwort. »Herr von Egidy rühmte sich mit Recht,
daß er mit offenem Visir kämpfe, -- und wir und meine Freunde sind die
letzten, die seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede Überzeugung, indem
wir sie nicht antasten und über ihre Schranken hinweg den anderen die
Hände reichen ...«

Ein spöttisches Gelächter neben mir reizte meinen kaum unterdrückten
Zorn, und alle Selbstbeherrschung verlierend, stürzten mir die Worte
über die Lippen: »Sie sind feige, die Sie mich hinterrücks angreifen, --
nicht ich! Viel rücksichtsloser als bei irgend einem unter Ihnen ist
meine Gegnerschaft zur Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum
selbst, dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich ist.«

»Alix!« -- meiner Mutter Stimme war's, -- in ein fassungsloses
Schluchzen brach sie aus. Meine harte Mutter, die Empfindungen kaum zu
kennen schien, sie zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, --
meine Mutter weinte! Wir führten sie hinaus, Egidy und ich. Er sprach
ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden trocken, ihre Lippen bewegten
sich zu mühsamem Lächeln. An der Tür streckte er mir die Hand entgegen,
-- ich übersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst als ich vor
meinem Schlafzimmer ein leises »Gute Nacht« flüsterte, schien sie sich
des Geschehenen wieder zu erinnern.

»Du -- du wagst es, mir eine gute Nacht zu wünschen?!« kam es stoßweise
über ihre Lippen. »Hast du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun
muß ich noch das Fürchterliche erleben, daß du in aller Öffentlichkeit
unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... Dazu also hast du die
Freiheit benutzt, die wir törichte, mehr als rücksichtsvolle Eltern dir
gewährten, hast dir von dem Professor, der uns gegenüber die Maske des
duldsamen Ethikers trägt, den Kopf verdrehen lassen! Ein schöner Dank
für all unsere Liebe -- -- Aber das schwör' ich dir zu: keinen Fuß setzt
du mehr über die Schwelle dieses Elenden!« Ich wollte heftig erwidern,
aber schon war sie fort und schob geräuschvoll den Riegel vor ihre Türe.

Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den einen an Egidy, worin ich
mich bitter beklagte, daß er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen
seiner Anhänger schutzlos preisgegeben habe, und daß ich dafür nur eine
Antwort hätte: ihm von nun an fern zu bleiben, und einen anderen an
meine Kusine Mathilde, durch den ich sie bat, mich so rasch wie möglich
zu sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen müsse. In
aller Frühe steckte ich beide in den Kasten und ging zu Glyzcinski. Als
ich bei ihm eintrat, in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und
Frieden und Vogelgezwitscher, überfiel mich ein Schwindel, --
sekundenlang lehnte ich mit fest auf das Herz gepreßten Händen an der
Türe. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet und starrte mich an, die
Augen angstvoll aufgerissen, die Züge leichenfahl. Und dann hielt er
meine Hand in der seinen und ließ sie nicht los, so lange ich erzählte.

»Meine liebes, armes Schwesterchen!« sagte er immer wieder. »Aber es
mußte einmal so kommen, -- Sie werden sich mit dem Gedanken vertraut
machen müssen, daß schließlich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren
unvermeidlich ist.« Ich ließ mutlos den Kopf sinken. »Dann erst werden
Sie leisten können, was Sie zu leisten berufen sind.«

Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte sich wie ein
Schleier über seine Augen, und ein fast unmerkliches Zucken ging durch
seinen Körper. »Aber ich bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber
ist,« fügte ich rasch hinzu. Er lächelte gezwungen: »Mir scheint es
freilich fast unmöglich, Sie zu missen, -- aber gehen Sie -- gehen Sie
nur! Wie könnt' ich verlangen, daß Sie mir ein Opfer bringen?!« ...

Ein Opfer?! schoß es mir durch den Kopf, -- ist nicht der Gedanke für
mich selbst beinahe unerträglich, ihn zu verlassen?! -- --

Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. »Der Vorwurf, den Sie mir
machen, bekümmert mich sehr,« hieß es darin. »Ich habe nicht den
Eindruck gehabt, daß mein Schutz Ihnen nötig war. Ich fand, daß Sie sich
selbst an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrübt es mir,
daß Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. Der Gedanke, Sie missen zu
müssen, ist mir schmerzlich. Ich habe Herz und Kopf noch so voll für
Sie, -- ich habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der
Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: daß Ihnen dies Wegbleiben
gar etwa so schwer nicht würde! Ich meine: andernfalls dürften Ihnen
Vorkommnisse solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr
müßten Sie eine Befriedigung im Überwinden derartiger Dinge finden; dies
um so mehr, als Sie meiner ritterlichen Verteidigung wohl überzeugt sein
dürfen, sofern ich sehe, daß Sie derselben irgend benötigen. So
wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines Bandes, das zu
keinem anderen Zwecke besteht als zu dem: den Menschen zu dienen; -- --
ganz abgesehen von einem Gefühl wohltuender Freundschaft: 'oh reiß den
Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei -- wird sie auch wieder fest
-- ein Knoten bleibt dabei --' Wir werden uns aussprechen, -- ich bin in
wenigen Stunden bei Ihnen ...«

Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter empfing ihn; er
blieb lange bei ihr, und als er gegangen war, trat sie mir mit ganz
verändertem Ausdruck entgegen. »Egidy läßt dich grüßen,« sagte sie,
»danke es diesem prachtvollen Menschen, daß ich dir noch einmal
verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.«

Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein paar Zeilen von
ihm: »Eben verläßt mich Egidy. Sein Besuch war mir eine doppelte Freude:
Ich erfuhr, daß er Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann
kennen, wie es -- trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten -- wenige
geben mag. Nicht wahr, nun darf ich auch hoffen, daß Sie bleiben werden
und bei mir wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!«

Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: »Hab ichs recht gemacht?!«

       *       *       *       *       *

Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung sollte dem Einigen
Christentum Egidys und der Ethischen Bewegung, die bisher beide einen
verhältnismäßig kleinen Kreis Getreuer umfaßten, gewaltigen Vorschub
leisten: der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft
vertrat, oder einen auch nur gemäßigten Fortschritt, fühlte sich in
seinen Idealen persönlich verletzt und suchte nach Gleichgesinnten, um
den Mut zu gemeinsamen Protesten zu finden, den er für sich allein nicht
aufbrachte. Die sich Christen nannten, strömten Egidy zu, die Juden und
die Freidenker zeigten ein täglich wachsendes Interesse an der Ethischen
Bewegung. Egidy selbst war zuerst so gedrückt durch die Täuschung, die
sein Vertrauen auf den Kaiser gefunden hatte, -- denn daß der Entwurf
dessen persönlichstes Werk war, daran zweifelte kaum einer --, daß die
neue Anhängerschaft ihn dafür nicht zu entschädigen vermochte. Vor der
Menge zeigte er sich stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so
schien mirs, als sänke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum erstenmal
müde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, so fand ich den Gelähmten
in einer Stimmung, die strahlend aus seinem Antlitz sprach und täglich
zuversichtlicher wurde. »Denen, die das Gute wollen, müssen alle Dinge
zum Besten dienen,« rief er mir zu, kaum daß ich eintrat. »Sehen Sie
hier: --« und er schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, »nichts
als Beitritts- und Zustimmungserklärungen. Mein alter Traum geht
wirklich in Erfüllung: wir werden in Deutschland eine Ethische
Gesellschaft haben!«

Ich erzählte es Egidy, -- seit jenem bösen Dienstagabend war die
Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr erwähnt worden --, er
schüttelte langsam den Kopf: »Wenn es doch bei der bloßen Bewegung
geblieben wäre!« sagte er, »wie ganz anders flössen unsere Bestrebungen
nicht nur neben- sondern ineinander, wenn Sie die Ihrigen nicht durch
Satzungen zu einem künstlich gemauerten Kanal formen würden. Gedanken
verbreiten, -- das ist das einzig Not tuende! -- Sie werden vor lauter
Statutenberatungen und Vorstandssitzungen für diese Hauptsache gar keine
Kraft und Zeit mehr übrig haben. Ein Verein -- nun ja, -- das ist ja
ganz nett, aber -- und nun glauben Sie mir einmal! -- über kurz oder
lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke ist am mächtigsten allein!«

»Das sagen Sie!« antwortete ich, ein wenig ärgerlich, »und doch tun Sie
nichts anderes als Anhänger werben, die sich zwar nicht auf Statuten,
wohl aber auf Ihren Namen verpflichten müssen. Sogar an Bebel hat sich
Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, neulich
gewandt -- --«

»Gewiß -- und mit meiner Zustimmung,« unterbrach mich Egidy, »das
Christentum schließt, wie alles andere Entwicklungsfähige, so auch den
Sozialismus in seinen lebensfähigen und würdigen Forderungen in sich.
Und einem Führer, wie Bebel, hätte ich eine richtigere Einsicht
zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?«

Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, sondern schrieb ihn
auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen zu können. Es hieß darin: » ... Das
Bürgertum sieht die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel
gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, die seit zwölf bis
fünfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, und die Erscheinungen, die
Herrn von Egidy zu seinem Kampfe gegen die herrschende Strömung
aufreizten. Die Bürgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher
in ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten,
andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie nicht für diesen Kampf
begeistern, weil seine Ziele ihrer Natur nach nur eine Halbheit sein
können und an dem sozialen und politischen Zustande, der hauptsächlich
auf den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe ist,
nichts ändert. Sich für die Bestrebungen des Herrn von Egidy
unsererseits zu engagieren, hieße unsere Kräfte zersplittern, aber auch
zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und
ihm die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller Sympathie also
für die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende Übel
willkommen ist und den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir
doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das von Herrn von
Egidy gesteckte hinausführt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed
kommen kann, muß Mohammed eben zum Berge kommen! ...«

Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: gewiß, seine
Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte
unser nicht. Aber eines, so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem
Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen
Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die sich vielmehr auch im
Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges
aufzupflanzen imstande wäre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen
würden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy
noch Bebel. Und der Professor -- dessen war ich gewiß -- würde nicht
anders denken als ich.

Mit Bebels Brief in der Hand, überschritt ich wieder einmal den engen
Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen Flur, und stand schon vor seiner
Türe, als eine Stimme von innen meinen Fuß stocken ließ. Sie klang tief
und warm und hatte jenen österreichischen Akzent, der uns Norddeutsche,
wie alles, was vom Süden kommt, so seltsam anheimelt.

»Alle Ströme fließen in unser Meer ...« sagte sie.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung und wünschte, daß Ihre Partei uns ebenso
einschätzt: als einen Nebenfluß, der ihr reiche Schätze zuzutragen
vermag,« antwortete der Professor. Noch ein Stühlerücken, ein paar
Höflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, -- ich öffnete rasch die Türe, um
nicht als Horcherin ertappt zu werden. Ein großer, blonder Mann stand
mir gegenüber, wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, und
mit einer stummen Verbeugung ging er an mir vorbei zum Zimmer hinaus.

»Wer war das?« frug ich erstaunt und strich mir mechanisch mit der Hand
über die Stirne, -- ich mußte diesen Menschen schon irgendwo gesehen
haben.

»Dr. Brandt, -- der bekannte sozialdemokratische Schriftsteller,« sagte
Glyzcinski, er strahlte noch vor Freude über den Besuch. »Was meinen
Sie, sollen seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir Beide an
die Spitze unserer Satzungen stellen?«

»Alle Ströme fließen in unser Meer,« wiederholte ich und drückte fest
die Hand, die er mir entgegenstreckte -- »hier haben Sie mich zum
Bundesgenossen!«



Achtzehntes Kapitel


                                                       Kranz, 15. 6. 92
Verehrter Herr Professor!

Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich benutze den herrlichen
Morgen, um Ihnen gleich die erste Nachricht zu geben. Seit gestern
Abend, wo Onkel Walter, kaum daß ich den Reisestaub abgeschüttelt hatte,
mich bereits ganz gegen seine Gewohnheit in ein politisches Gespräch
verwickelte, zweifle ich nicht mehr daran, daß nicht meiner Schwester
Bleichsucht, sondern mein 'gefährlicher' Geisteszustand die Eltern
veranlaßte, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen zu schicken. Der
Onkel erzählte mir, daß die Regierung, d. h. heute kaum etwas anderes als
S. M., Egidy, diesem 'kompletten Narren', nur aus Rücksicht auf seine
Familienbeziehungen noch 'keinen Maulkorb' vorgebunden habe, man werde
dafür bei Zeiten seinen Parteigängern an den Kragen gehen, die im
Polizeipräsidium als Anarchisten wohl bekannt seien. 'Aber Dein
Professor ist viel gefährlicher', fügte er dann hinzu, 'und er wäre
längst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann wäre.' Da mir
die schlechte Gewohnheit des Schweigens inzwischen glücklich abhanden
gekommen ist, gab es eine erregte Aussprache. 'Das kommt davon, wenn
Frauen sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,' sagte der Onkel,
als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf und zur
Arbeitslosenbewegung verteidigt und als die meinige bezeichnet hatte.
Wir seien nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie,
erklärte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun war es mir nicht
nur höchst interessant, ihn seinen eigenen Standpunkt auseinandersetzen
zu hören, sondern -- lachen Sie mich bitte nicht aus! -- zum erstenmal,
seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und zu begreifen.
Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu besitzen, gesättigt von dem ganzen
Pessimismus des Christentums, alle Menschen für Sünder und die Welt für
ein Jammertal, bestenfalls für eine fegefeuerähnliche Durchgangsstation
hält, daneben aber sich der ungeheuern Vorteile alter Kultur und
angestammter Herrenrechte voll bewußt ist, der kann den Sozialismus und
alle seine Begleiterscheinungen nur für das Ende aller Dinge halten,
gegen das er sich naturgemäß wehren muß. Offen gestanden, sind mir solch
ehrliche Junker hundertmal lieber als die Richter und Konsorten, die wir
ja eben zur Genüge kennen gelernt haben. Übrigens nahm ich die
Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus hin festzunageln,
'der mir angesichts der Haltung seiner Partei gegenüber den
Handelsverträgen einigermaßen fadenscheinig vorkäme.' -- 'Unser
Monarchismus besteht nicht in hündischer Treue gegenüber dem einzelnen
Monarchen,' antwortete er 'sondern in der Hochhaltung und Verteidigung
alles dessen, was die Monarchie stützt und kräftigt, -- auch gegen den
Monarchen, wenn es sein muß!' Mich würde diese geistreiche Definition
in seinem Munde verblüfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig eingefallen
wäre, daß in letzter Zeit seine ganze geistige Nahrung in den
Apostata-Artikeln der 'Gegenwart' bestanden hat.

Hoffentlich höre ich bald von Ihnen, von Ihrem persönlichen Ergehen, von
der Entwicklung der Beratungen. Soll ich Ihnen gestehen, daß ich ohne
Bedenken auf die Teilnahme an ihnen verzichtet hätte, wenn meine Eltern
mir dafür erlaubt haben würden jeden Nachmittag bei Ihnen allein meine
Tasse Kaffee zu trinken?!

Mit herzlichen Grüßen

                                            Ihre dankbar ergebene
                                              Alix von Kleve.«


                                                      »Berlin, 18. 6. 92
Gnädigstes Fräulein!

So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, war eine aufrichtige
Freude, und Ihre Schilderung Ihres Gesprächs mit Ihrem Herrn Onkel
interessierte mich natürlich lebhaft. Daß man die Ethische Bewegung
'oben' nicht ohne Besorgnis betrachtet, weiß ich. Geheimrat Althoff ließ
sich dieser Tage von mir alles auf sie bezügliche Material kommen, und
in der Universität, wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten,
höchst liebenswürdig zu begrüßen pflegte, ging er heute stirnrunzelnd an
mir vorüber.

Ihr Urteil über die Junker teile ich nicht. Nur der krasseste Egoismus
ist es, der sie, die Jahrhunderte lang alle Vorzüge des Besitzes und der
Kultur genossen haben, den Forderungen der neuen Zeit verschließt. Mit
vollem Recht kann von ihnen verlangt werden, daß sie auf dem Wege
wissenschaftlicher -- das heißt in diesem Fall ethischer und sozialer --
Einsicht zu denselben Überzeugungen kommen, die sich die Armen und
Entrechteten nur durch die Erkenntnis ihrer ökonomischen Lage zu
erwerben vermögen. Adel verpflichtet! Und sind wir nicht auch 'Junker'?!

Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich stürmisch, und
mir kamen wieder arge Bedenken über deren Zusammensetzung. Die einen
forderten in erregtester Weise, daß die Religion innerhalb der Ethischen
Gesellschaft überhaupt nicht berührt werden dürfte, die anderen,
Professor Seefried an der Spitze, erklärten das Hineinziehen der
sozialen Frage für außerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der
Erklärung gezwungen sah, daß eine Ethische Gesellschaft, die ihr aus dem
Wege ginge, nicht wert sei, zu existieren. Die milde, versöhnliche Art
unseres Vorsitzenden goß Öl auf die Wogen unserer Erregung, aber was er
zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. Eine hiesige Zeitung
wollte aus 'bester Quelle' erfahren haben, die Haupttendenz unserer
Gesellschaft sei eine antisozialistische; im Anschluß daran hielt
Geheimrat Frommann eine höchst charakteristische kleine Rede, deren
Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. 'Ich kann nur insoweit
mit der Sozialdemokratie mitgehen, als ich die Verstaatlichung des Grund
und Bodens für notwendig und durchführbar halte,' sagte er, wobei ich
ihn mit dem Zitat 'du wirst dich weiter noch entschließen müssen,'
unterbrach. Die 'irdische Zukunftspoesie' der Sozialdemokratie erklärte
er für utopischer als den Himmel der Frommen, und den Glauben an die
Verwirklichung solcher Träume für eine gefährliche Ablenkung von ernster
Arbeit. Ich ließ es bei meiner Erwiderung natürlich wieder an dem
nötigen ethischen Maß fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: daß ich das
Emporkommen der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat im
Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen Individualismus
für das erstrebenswerteste Ziel ansähe, das sich auch ohne Zweifel
verwirklichen werde, -- in vernünftiger Weise, wenn die leitenden Kreise
vernünftig, in unvernünftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und ich
habe hinzugefügt, daß ich mich sofort von einer Bewegung lossagen würde,
welche dem Sozialismus direkt oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit
war der Anstoß zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma
Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so ungemein sympatisch
machte, enttäuschte mich bitter, indem sie all ihre Waffen gegen die
Sozis aus Eugen Richters Rüstkammer holte: 'Auflösung der Familie', --
als ob es nicht der Kapitalismus wäre, der Väter, Mütter und Kinder in
die Fabriken hetzt! -- 'Weibergemeinschaft', -- als ob nicht die heutige
Gesellschaftsordnung die armen Frauen zur käuflichen Waare machte!

Da ich mich etwas beschämt als den eigentlichen Ruhestörer empfand, bin
ich nachher still gewesen, und das endliche praktische Resultat unserer
Sitzung waren der beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden
selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen kann. Daß
unsere Aufgabe sein soll, 'der Feindseligkeit und dem Unmaß in der
Menschenwelt Schranken zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der
Erziehung und der Lebensführung zu fördern', heißt, fürchte ich, Egidys
Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus dem § 2 der Statuten die Worte
'Besitzlose' und 'Schutz vor Ausbeutung' gestrichen wurden, gab mir
ordentlich einen Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend
Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmählich in ihr
Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied
vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu
bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch jetzt noch durch
falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rücksicht auf Ihre Eltern
abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.

Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie
suchte mich zu bestimmen, meinen 'großen Einfluß' auf Sie geltend zu
machen, um Sie wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz des
weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden ab und betonte, daß
Sie zu Größerem berufen seien, und daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen
vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz
recht kühl und, wie es schien, verletzt.

Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich fürchte, daß er mehr und
mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns
-- ernstlich! -- als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner
ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, daß er doch nur, wie
wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit
Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.

Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. Auch zu
Pfingsten war ich dort und ließ die Menschen an mir vorüberfluten. Diese
Physiognomien könnten selbst mich beinahe glauben machen, daß wir vom
Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! -- Alle alten
Bekannten fanden sich um den Stammtisch ein, -- wie schrecklich
gleichgültig und langweilig sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie
gern ich auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch nur einen
einzigen Nachmittag wieder neben mir säßen!

Sie herzlichst grüßend, verbleibe ich

                  Ihr treuergebenster
                        Georg von Glyzcinski.

Allerlei Lektüre, auch der 'Vorwärts', folgt anbei!«


                                                      »Kranz, 29. 6. 92
Verehrter Herr Professor!

Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich erst heute beantworte,
weil wir inzwischen von einem sogenannten Vergnügen zum anderen hetzten
und Ilschen den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. Die
Gesellschaft, in der ich mich ständig befunden habe und die doch
eigentlich die meine ist, wird mir bis zur Verständnislosigkeit fremd.
Ihre Atmosphäre legt sich mir beklemmend aufs Herz, wie die eines
überfüllten Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu öffnen, so
schreit alles, aus Angst vor Erkältung.

Nach Ihrem letzten Bericht über die Kommissionsverhandlungen und nach
dem Empfang des Programms und der Statuten ist das glühende Feuer meiner
Hoffnung freilich durch einen recht abkühlenden Wasserstrahl getroffen
worden. Ich finde -- verzeihen Sie mir meine Ehrlichkeit! --, daß beide
stark nach Phrase schmecken. Der Ausdruck 'Unmaß in der Menschenwelt'
stört mich besonders. Zu sehr Maß halten, zu ängstlich darauf sehen, es
mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch sein, kann aber zu sehr
unethischen Konsequenzen führen. Und zu der Stellung von Professor
Seefried und Helma Kurz kann ich nur sagen: wer nicht für uns ist, der
ist wider uns.

Nach alledem ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Wahl in die
Kommission annehmen muß. Wenn ich nur nicht auch zu einer Enttäuschung
für Sie werde! Es muß wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner
Erziehung, sondern ein Teil meines Wesens sein, daß es mir so
schrecklich schwer wird, vor Fremden meine innersten Gedanken zu
entwickeln, -- als ob ich mich vor allem Volk nackt zeigen müßte! Da ich
aber einsehe, daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das die
Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre Dienste stellen, so will
ich versuchen, mich dazu zu erziehen.

Bei den Ausflügen, die wir in die Umgegend gemacht haben, bin ich durch
das, was ich sah, in meinem Vorsatz bestärkt worden: wie viel Jammer und
Elend auf dem Hintergrund des blauen Himmelsgewölbes und des unendlichen
brandenden Meeres! Fast möchte man, wie die Menschen bisher, verzweifelt
darüber die Hände untätig in den Schoß legen, oder, wie die Anarchisten,
Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht möglich erscheint.
Je mehr ich offenen Auges um mich sehe, desto mehr entwickelt sich bei
mir ein Zug zum Fanatismus, und ich muß mir immerfort das Gebot der
Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, vorhalten. Von
dem Augenblick an, daß man sich klar wird, -- es mag vielleicht paradox
klingen, aber die meisten werden sich wirklich niemals klar darüber! --,
daß jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene Fischerkind
auch ein Mensch ist, genau wie man selber, kein fremdartiges Geschöpf,
-- von dem Augenblick an beginnt man überhaupt erst zu sehen. Und wenn
mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden ihr Elend nicht, -- so
kann ich mich nicht mehr dabei beruhigen. Ich fühle vielmehr, -- und
fühls mit allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, -- daß gerade
dies, was ein Trost sein soll, das größte Unglück ist und jeder einzelne
von uns die Verantwortung dafür trägt.

Das Erwecken der Menschen zu dem Bewußtsein ihres Elends ist sicher der
erste Schritt zu ihrer Erhebung, und wenn ich jetzt den 'Vorwärts', dank
Ihrer Güte, regelmäßig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der
Sozialdemokratie darin zu bestehen, daß sie überall die Sturmglocke
läutet. Womit ich mich aber nicht befreunden kann, -- das ist die
unterschiedslose Verdammung aller Bestrebungen, die nicht von vornherein
rot abgestempelt sind. Warum entdeckt der Vorwärts nicht, wie Dr.
Brandt, die 'Ströme, die in sein Meer fließen'? So ist sein Angriff auf
die Ethische Bewegung ebenso töricht wie ungerecht. Er müßte uns
wahrhaftig von Bildungsanstalten Richterscher und Stöckerscher Art
unterscheiden können! Und warum Haß und hämischen Neid gegen die
einzelnen Mitglieder anderer Klassen groß ziehen, -- der nichts zur
Folge hat, als lähmende Bitterkeit --, statt nur den Haß gegen die
Zustände, der Mut und Kampflust auslöst? Gerade der Sozialismus lehrt
doch, daß die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch zu den eigenen
Grundprinzipien, wenn man den Haß gegen Personen verbreitet, die doch so
werden mußten, wie sie wurden.

Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren alten Streitpunkt, die
Junker betreffend, zurück. Sie erinnern mich daran und werden es
vielleicht jetzt wieder tun, daß wir beide doch auch Junker wären und
uns trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, zum
Sozialismus bekennen. Nun denn -- lachen Sie mich nur ruhig aus, ich
höre Sie so gerne lachen! --, ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir
nicht von Jugend an Abhängige gewesen, -- wir und unsere Eltern, -- von
unserem Brotgeber, dem Staat? Hätten meine Eltern sich frei bewegen
können, ohne sich den Kopf an der Mauer einzurennen, die der Staat um
sie gezogen hat? Können Sie es? Und diese Abhängigkeit -- macht sie
nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein Weib bin, gehöre von Rechts
wegen noch tausendmal mehr als Sie zu der großen, dunkeln, darbenden
Masse der Enterbten!

Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit erfüllt und mit neuer
Hoffnung; gilt doch dann dasselbe für unseresgleichen wie für das arme
Fischerkind: es bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kämpfer
gesellen sich brüderlich zu denen, die vorangingen! Wie viele gibt es,
deren ganzes Wesen nach Befreiung und Betätigung verlangt, deren
geistige Kräfte, ihnen selbst vielleicht oft kaum bewußt, schon im
Dienst der großen Menschheitssache stehen, -- denken Sie nur an all
unsere jungen Künstler und Schriftsteller!

Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, Burgen mit
Schießscharten baut und Wildenbruch und Lauff zu Hofpoeten macht, so
spricht das nicht nur für seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert,
wo andere nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er zeigt
sich abermals als unser bester Agitator, der nun auch die geistigen
Arbeiter in die Schranken ruft. Wir sollten jetzt zur Stelle sein und
das Eisen ihrer Entrüstung schmieden, solange es warm ist.

Vielleicht, daß ich demnächst nach dieser Richtung einen ersten Versuch
machen kann. Eine alte Freundin von mir, einstiges Mitglied des
Schweriner Hoftheaters, die mit einem Königsberger Professor verheiratet
ist, lud mich ein. Zuerst zögerte ich, hinzugehen: sie konnte, solange
sie Schauspielerin war, das gutbürgerliche Milieu, aus dem sie stammte,
nicht vergessen; und nun, da sie dorthin zurückkehrte, klebt ihrem Wesen
die Erinnerung an die Bühne an. Aber die Aussicht, Sindermann, einen
jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, war entscheidend, und
ich warte nur noch auf die Bestimmung des Tages, um hinzufahren. Ein
Mann, der durch seine Werke der bürgerlichen Welt das Verdammungsurteil
ins Gesicht schleudern konnte, gehört von vornherein zu uns und müßte
der Bannerträger des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter werden.

Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier niemanden, mit dem ich
mich auszusprechen vermöchte, und Sie haben mich so sehr verwöhnt!

Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich sie, nach Berlin
zurückkehren zu dürfen. Allein in unserer Wohnung zu sein, halten sie
für unpassend, und zu Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise
einluden, ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so komme ich
ohne ihre Erlaubnis.

                   Mit herzlichsten Grüßen
                          Ihre dankbar ergebene
                                        Alix von Kleve.«


                                             »Berlin, den 1. Juli 1892
Mein liebes gnädiges Fräulein!

Wundern Sie sich nicht über meine rasche Antwort: jeden Tag häuft sich
so viel an, was ich Ihnen sagen möchte, und Ihr Brief weckt überdies
solch eine Menge Empfindungen und Gedanken, daß ich nicht anders kann,
als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe. Entschuldigen Sie
nur meine häßlichen zitternden Krakelfüße, -- ich bin nicht ganz auf dem
Posten und muß ausgestreckt liegen.

Für die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz persönlich: Sie werden
unserer Sache von größtem Nutzen sein und -- was mich besonders
befriedigt! -- das weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma
Kurz und Frau Schaper haben -- infolge 'starker Arbeitslast'! -- ihre
Ämter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl von zwei Sozialdemokraten
vorgeschlagen, so daß wir uns möglicherweise sehr verbessern werden. Sie
werden dann auch Gelegenheit haben, sich mit diesen über Ihre
Erweiterung des Begriffs Proletarier auseinandersetzen, der, wie ich
glaube, durchaus im Rahmen marxistischer Entwicklungslehre liegt: der
Arbeiter, der 'mit dem Hirne pflügt' wird als Gleichberechtigter und
Gleichentrechteter neben den Handarbeiter gestellt.

Mit Ihrer Kritik des Vorwärts freilich würden Sie sich weniger in
Übereinstimmung mit den 'Genossen' befinden, -- auch mit Ihrem getreuen
'Genossen' Glyzcinski nicht! Ich kann seine Haltung uns gegenüber nicht
verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft alsbald
viele sein, welche von dessen Urteil getroffen werden und nichts als
'Harmonieduselei' treiben wollen. Wer aber bürgt dafür, daß sie nicht
schließlich herrschen und 'gefährliche' Elemente hinausdrängen?!

Suchen Sie Sindermann für uns zu gewinnen. Mein Vetter Paul, den Sie
einmal bei mir sahen, und der dem Friedrichshagener Kreis angehört, hält
zwar nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz würden ihn eher
immer weiter von uns entfernen, als ihn uns näher bringen. Er rühmte mir
dagegen den jungen Dichter des Dramas 'Vor Sonnenaufgang', den er für
den 'Kommenden' hält; aber bei der Manier dieser Art junger Leute, aus
jedem bunten Kälbchen einen Götzen zu machen, vor dem sie anbetend auf
dem Bauche liegen, bin ich vorläufig noch sehr skeptisch.

Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt worden. Alles
denkt ans Reisen, und es wird im Zoo immer stiller. Wie schön und
ungestört ließe sichs jetzt dort plaudern! Nicht wahr, Sie gönnen mir
die Vorfreude und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie erwarten darf?

Mit herzlichsten Grüßen

                             Ihr treuergebener
                                         Georg von Glyzcinski.«

Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen, nichts als leere Worte
tanzten mir vor den Augen; denn nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft
eingeprägt: »ich bin nicht auf dem Posten -- muß ausgestreckt liegen.«
Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann mit dem Apostelkopf
und dem wesenlosen Körper, wie er allein, von einem ungeschickten Diener
kaum bedient, geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag,
die weißen schmalen Hände auf der schwarzen Pelzdecke, die Kinderaugen
sehnsüchtig ins Weite gerichtet. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, und
ich wußte auf einmal, wohin ich gehörte.

Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander: von Lisbeth; --
noch heute sollte ich zu ihr kommen, Sindermann habe sich zum Abend
angesagt, schrieb sie. Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste
eilig zusammen und hinterließ meiner Mutter, die mit allen anderen auf
ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen: »Frau Professor Landmann lädt
mich soeben ein, noch heute nach Königsberg zu kommen. Da ich Eurer
Erlaubnis sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem nächsten Zug.«

Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die mich den fernen Freund
schon mit geschlossenen Augen und erblaßten Lippen auf dem Totenbette
sehen ließ. Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu
benutzen, -- aber konnte -- durfte ich den Kranken durch meine
überraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht doch vielleicht nach
einem unwürdigen Sichaufdrängen aus? Ich errötete unwillkürlich. Auf dem
Bahnhof bat ich ihn telegraphisch um Nachricht über sein Befinden und
kündigte meine Rückkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf in die stille
Tragheimer Kirchenstraße mit ihrem ausgefahrenen Pflaster und ihren
altersgrauen Häusern. Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies
Königsberg, dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an den Ernst des
Lebens erinnert und ihre Bürger zwingt, still in sich selbst Einkehr zu
halten. Wäre ich hier aufgewachsen, vielleicht hätte meine Sehnsucht nie
über ihre Wälle und Gräben hinaus verlangt!

Im phantastischen Kostüm einer Zarewna, Augen und Wangen glühend vor
Eifer, empfing mich Lisbeth. So -- gerade so hatte ich sie einmal in
Schwerin auf der Bühne gesehen. Was sie spielte, vergaß ich oder wußte
es nie. »Wie schön sie ist!« hatte ich damals bewundernd geflüstert »Du
-- du bist viel tausendmal schöner --« war mir aus dem Dunkel der Loge
heiß ins Ohr geklungen ...

Ein Wortschwall zärtlicher Begrüßung entriß mich dem Taumel der
Erinnerung. Still -- ein bißchen verlegen, die Augen in offenbarer
Bewunderung auf seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der
typische deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden Äuglein und
linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. In eine Laube von
blühenden Sommerblumen war das Wohnzimmer verwandelt, grüne Girlanden
hingen von der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen. Und
plötzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster ein weißes,
goldhaariges Geschöpfchen lächelnd auf mich zu. Lisbeths sprudelndes
Plaudern brach ab, ihr erhitztes Gesicht nahm einen Ausdruck
still-seliger Verklärung an; -- »mein Kind!« sagte sie leise und legte
die Hand auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen Tränen,
brennendheiße, in die Augen: Ihr Kind! -- Wie reich mußte sie sein!

Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen Buben; seine rosigen
Füßchen, seine runden Ärmchen, die Grübchen in den Händen und in den
Knieen mußte ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und
Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrünstig-fromme Beter,
die selbst der Ungläubigste nicht zu stören wagt. In diesem Augenblick
lag es um mich wie ungeheure Einsamkeit.

Noch war ich zerstreut und bedrückt, als Sindermann kam.

Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren Erlebens nur die
Allernächsten, und seine Erscheinung wirkte völlig fremd. Ein »bel
homme« -- es gibt keinen deutschen Ausdruck, der denselben Sinn hätte --
mit liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen
Allüren, großen breiten Händen und runden fleischigen Fingern daran.

Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung reservierter
Verschlossenheit, die zu der phantastischen Umgebung und dem
romantischen Kostüm der Hausfrau in demselben peinlich-komischen
Gegensatz stand wie die Nüchternheit aller Ostelbier zum
Karnevalstrubel. Nur einem Gegner pflegt sie allmählich zu weichen: dem
Wein. Als in Lisbeths von dem gedämpften Kerzenlicht bunter Lampions
erhellten künstlichen Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und
die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und Armen der falschen
Zarewna leuchteten und glänzten wie Perlen und Brillanten, verschwand
nach und nach jener erste Eindruck der Fremdheit.

Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von der Kunst der Moderne,
von der Frauenfrage, von der Sozialdemokratie. »Ich bin Sozialist,«
sagte Sindermann, »weil ein denkender Mensch heute nichts andres sein
kann, --« schon klopfte mir das Herz höher vor Freude -- »aber ich
glaube nicht, daß die Ideen des Sozialismus sich in absehbarer Zeit
erfüllen werden.« Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die
Zukunftshoffnungen der Ethischen Bewegung und führte all meine Gründe
ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu machen. Er lächelte; in dem
rötlichen Dämmer des Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es
das Lächeln des Spötters oder das tragisch-resignierte des Pessimisten
war. »Wir Deutschen sind vorläufig unfähig, uns zu würdigeren inneren
und äußeren Zuständen aufzuschwingen,« meinte er dann, »und so sehr ich
alle Ihre Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, daß Sie unter den
Künstlern Proselyten machen werden. Nicht viele fassen ihre Aufgabe auf
wie ich --« er schwieg und betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen.
Dann warf er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.

»Und Ihre Auffassung wäre?!« frug ich gespannt.

»Der Dichter muß das Leben wiedergeben, wie es sich ihm darstellt; das
vermag er nur dann, wenn sein Herz weit genug ist, um das ganze Leid
der Gegenwart mit zu fühlen. Während die Dichter der Vergangenheit
Tugend und Laster auf die Bühne brachten und den Zuschauer dadurch
befriedigten, daß eine vergeltende Gerechtigkeit den Schluß
herbeiführte, zeichnet der moderne Dichter das wahre Bild des Lebens und
ruft den Zuschauern zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will mein
Publikum nicht amüsieren, ich will ihm nicht die Zeit tot schlagen
helfen, ich will es aufrütteln, will es zur Erkenntnis von Wahrheiten
führen, denen es im Leben aus dem Wege geht. Heißt das nicht auch
ethisch handeln?«

Ich war entzückt. So hatte ich mir das Wirken des Künstlers vorgestellt!
Er wurde wärmer und lebhafter.

»Glauben Sie mir,« sagte er mit einer großen Geste, »wenn ich könnte,
würde ich nur vor Arbeitern meine Stücke aufführen lassen, -- die
verstehen, die würdigen mich!« Und dann erzählte er von der berliner
Gesellschaft der Kunstkenner, Ästheten und Mäcene, die wahl- und
kritiklos jeder neu auftauchenden Größe nachliefen. »Bewundert haben
mich alle als den berühmten Mann,« und wieder zeigte sich jenes
unbestimmte tragisch-resignierte Lächeln, -- ich erinnerte mich flüchtig
eines Schauspielers, dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch eines
Lächelns willen zu Füßen lagen -- »aber die meisten wußten nicht, ob
dieses notwendige Salonrequisit ein Bildhauer oder sonst was wäre.«

Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein neuestes Werk die Rede
kam, das im nächsten Winter das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich
horchte um so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr. Ein
Weib sollte die Heldin sein, deren Künstlernatur sie aus dem engen
Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb in die Welt.

Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der Dichter zu erzählen
vermochte: Ich selbst war dies Weib, das sich endlich losriß, um die
Heimat seines Wesens zu finden, -- war nicht am Ende auch der alte
Oberst, der in der Verzweiflung zur Pistole griff, -- mein Vater?! Die
Heimat, -- das ist das Schicksal, es vernichtet uns, wenn wir die
Schwächeren sind, und es ist wie die antike Tragödie, die immer Tote auf
der Wahlstatt läßt.

Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken, die des Gastes
Werk in mir ausgelöst hatte.

Draußen dämmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer hingen erschlafft die
Köpfchen; ein feiner Zigarettenrauch zog seine Kreise um die
verglimmenden Kerzen. Und plötzlich übermannte uns bleierne Müdigkeit.
Sindermann erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja wieder, vom
ersten Frühlicht beleuchtet, der »bel homme«, der Mann mit dem liebevoll
gepflegten Bart, den großen Händen und den runden fleischigen Fingern
daran. Seltsam, wie fremd, wie störend er wirkte. War er es wirklich
gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?

Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der Erschöpfung. Das
rasche Klingeln des Telegraphenboten weckte mich: »Befinden wechselnd.
Freue mich unbeschreiblich auf Ihre Rückkehr. Glyzcinski.« Ich hatte
noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines raschen Entschlusses
wegen um Entschuldigung zu bitten. »Der Professor ist krank; Ihr wißt,
sein Leben hängt nur an einem Faden; ich würde es mir nie verzeihen,
wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben müßte,« schrieb ich.

Am Abend war ich bei ihm. Er saß vor dem Schreibtisch am Fenster wie
immer, und schon wollt' ich freudig überrascht auf ihn zueilen, als
seine Augen mir entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin;
auf seinen schmalen Wangen glühten rote Flecken, und die Hand bebte, die
er mir bot. »Sie haben sich meinetwegen aus dem Bett gewagt!« rief ich
erschrocken.

»Darf ich denn dies glückliche Ereignis nicht auf meine Art feiern?!« --
sein ganzes Antlitz strahlte -- »es geht mir ja besser, viel besser --
und ich glaubte schon« -- seine Stimme senkte sich -- »ich glaubte, ich
würde Sie niemals wiedersehen!«

Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte den Kopf zurück, mit
halb geschlossenen Augen, ich sah nichts als sein Gesicht, das ein
Ausdruck seligen Friedens verklärte. Und dann hatten wir einander so
viel zu sagen, daß selbst die schlagende Uhr uns an die vorrückende
Stunde nicht zu erinnern vermochte.

Der Diener trat ein. »Es ist zehn Uhr, Herr Professor,« sagte er und sah
mich halb verwundert, halb mißbilligend an. Erschrocken sprang ich auf.
»Wie komm' ich nun ins Haus -- und wie in die Wohnung!« Ich hatte
vergessen, mich dem Mädchen anzukündigen.

»So bleiben Sie eben hier,« entschied Glyzcinski, »nebenan auf dem Sofa
hat mein Bruder oft geschlafen, -- Friedrich braucht Ihnen nur die
Betten aus dem Schrank zu geben.«

War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang das Geräusch der
Großstadt durch die offenen Fenster. Wie geborgen kam ich mir vor! Am
nächsten Morgen beeilte ich mich, auf dem grünumbuschten Balkon den
Frühstückstisch zu decken und achtete wenig auf das mürrische Gebahren
des Dieners. Erst als er seinen Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich
aus zwinkerndem Augenwinkel ein hämisch-vielsagender Blick, vor dem mir
fast der Morgengruß im Munde erstickte. Gott Lob -- Glyzcinski bemerkte
nichts. Seine Augen hatten den alten, klaren Schein, seine Wangen die
gleichmäßige Färbung.

»So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!« sagte er und behielt
meine Hand in der seinen.

Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: »Papa über deine Abreise
äußerst empört, verlangt sofortige Rückkehr oder Übersiedlung zu
Egidys.« Noch am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die
Spenerstraße. Egidy selbst war verreist, und so konnte ich, ohne zu
verletzen, den Tag über abwesend sein. Fast immer war ich bei
Glyzcinski. Wenn er es auch niemals zuließ, daß ich ihn pflegte, so
konnte ich doch überwachen, ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die
verschiedenen Umschläge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt
wurden. Meiner alten Kochkünste erinnerte ich mich wieder und freute
mich wie ein Kind, wenn ich zusah, mit welch wachsendem Behagen der
liebe Kranke meine Suppen aß. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu
sprechen: »Nur der Geist hält diesen Körper aufrecht,« sagte er ernst.
»Leidet er?« frug ich und lehnte mich, um meine Angst zu verbergen, tief
in den dunkelsten Schatten der Treppe.

»Ein gewöhnlicher Mensch würde dies Dasein kaum ertragen, aber er, --
wir Gesunden könnten ihn fast um das Glücksgefühl beneiden, das ihm
unveränderlich aus den Augen strahlt.«

»Wird er genesen und -- leben?« brachte ich mühsam hervor.

Mit einem prüfenden, langen Blick sah mir der Arzt ins Auge und reichte
mir die Hand zum Abschied:

»Genesen, -- niemals! Leben?! Glück und Liebe sind Elixire, die schon
Sterbende ins Dasein zurückriefen. Verordnen können wir sie leider
nicht!«

Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. Morgens, wenn ich
kam, begrüßte er mich, als wäre ich Jahre fort gewesen, und des Abends,
wenn ich ging, zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen
wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichmaß. Der Philosophie war
der Vormittag gewidmet -- »in einem Jahr müssen Sie Ihr Doktorexamen
machen können,« hatte Glyzcinski mir versichert, und es war ein
förmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. Er wollte
dabei niemals zugeben, was ich immer deutlicher empfand: daß mir für
große Gebiete des Wissens die sprachlichen und -- noch mehr -- die
mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse fehlten. Oft
wünschte ich, mich noch auf irgendeine gymnasiale Schulbank setzen zu
können, aber dann lachte er mich aus: »Sie kennen das Leben, -- das ist
mehr wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, -- das ist
besser, als mathematische Aufgaben lösen und den Plato im Urtext
verstehen können.«

Während der Nachmittagstunden beschäftigten wir uns mit der
Tagespolitik und der modernen Literatur. Die Militärvorlage warf damals
ihre Schatten voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine
lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das schärfste das
Verhalten der Regierung, die, statt alte feierliche Versprechungen auf
dem Gebiet der Sozialpolitik einzulösen, die Lebenshaltung des Volkes
nur durch neue, ungeheure Lasten herabdrücke. Ich lernte durch dürre
Zahlen belegte Tatsachen über Löhne, Lebensmittelpreise, Arbeits- und
Existenzbedingungen kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends,
wie ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine immer
deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. Meine philosophischen
Interessen traten mehr und mehr zurück: hier war ein Gebiet, das empfand
ich instinktiv, das zu erschöpfen die ganze Kraft erforderte. Und die
Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von allen Seiten
strömten mir in Form von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln
Aufklärungen aller Art zu. Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in
den ersten Band von Marx Kapital und in die Schriften von Friedrich
Engels, wir lasen Paul Göhres »Drei Monate Fabrikarbeiter,« dessen
ungewollte agitatorische Kraft uns mit sich fortriß; und als Dr. Brandt
dem Professor eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben
gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschließlich Fragen der
Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem Eifer und sah
von da an jeder Nummer mit einer Spannung entgegen, wie der Backfisch
einer Romanfortsetzung. Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war,
erblickte nicht mehr in der Überwindung der Dogmen den Ausgangspunkt
allen Heils, sondern im Kampf gegen Not und Unterdrückung.

»Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rührt, und alles wächst, --
dem gleichen Himmel zu, ob auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden
stehen,« pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig seufzte:
»Könnten wir nur den Anfang der künftigen Ordnung der Dinge noch
erleben,« so antwortete er: »Aber wir sind ja schon mitten darin!«

Tatsächlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern magnetischen
Kraft alles an sich zu ziehen. Die Wissenschaft trat in ihre Dienste,
die Kunst schmiedete Waffen für sie. Was waren Hauptmanns »Weber«
andres, als ihr dröhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, der nichts
sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstürmt mit blutenden Füßen und
keuchendem Atem, die stillen Stege nicht kennt, die abseits von seinem
Wege auf duftende Blumenwiesen, in dämmernde Wälder und hoch auf die
Berge der weiten Ausblicke führen, den kein Ausruhen lockt im Schatten
der Dorflinde und der Kirchenpforten, -- derselbe Fanatismus, der die
ersten Christen zwang, die weißen Marmorleiber heidnischer Götter in die
pontinischen Sümpfe zu werfen, hatte von mir Besitz ergriffen.

Und meine Seele schloß leise, daß keiner es merkte, die Pforte der
Kammer zu, hinter der lebte, was zu tiefst mein Eigen war.

Fast wie eine Störung empfand ichs, als Sindermann mich zur Vorlesung
seines nunmehr vollendeten Dramas einlud. Aber war er nicht auch einer,
der mit uns kämpfte?

Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem jener stillen
melancholischen Waldwinkel der Mark, wo schwarze Kiefern sich in kleinen
tiefen Seeen spiegeln und in zerbröckelnde Klosterruinen der mattblaue
Himmel hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, und ein
fremder »Kollege«, wie er sich mit einem seltsam feinen Lächeln nannte,
war dabei: Detlev von Liliencron.

Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig wie die Natur. Sie
scheidet grausam Echtes vom Unechten, ihr Licht, das durch keine
Schleier und keine Papierlaternen gedämpft wird, beleuchtet grell, was
am Menschen ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen mit
kunstvollen Lockengebänden auf zarten Köpfchen, in modischen Kleidern
und zierlichen Hackenschuhen, die in der Stadt schön sind und im Salon
blenden, wirken, wo die Natur herrscht, plötzlich halb lächerlich, halb
gespensterhaft. Und moderne Männer mit lüstern-blasiertem Lächeln und
der »interessanten« Blässe endloser Kaffeehausnächte auf den Zügen,
richtet sie ohne Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese
Damen und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefühl, zu sein, wo
sie nicht hingehören, aber gar in Dirndlkostüme und Lodenjoppen und
setzen naiv grüne Hütchen auf ihre gebrannten Haare und müden Glatzen,
so tritt ihre gräßliche Disharmonie zur Natur in tragischer Deutlichkeit
hervor, und von den geistreichen Helden und Heldinnen großstädtischen
Lebens bleibt nichts übrig als die armselige Maske kleiner
Vorstadtkomödianten.

Aber auch große Menschen vermögen der Natur nicht immer Stand zu
halten. Wer zu sehen gelernt hat, dem enthüllen sie ihre Blößen, daß es
einem beinahe wehe tut.

Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis zu dem kleinen Wirtshaus am
See. Warum hatte nur unser Dichter solch glänzend-schwarzen Bart und so
geistreiche Augen -- so fleischige Finger und eine so starke Männerhand?
Auch hier war eine Disharmonie, die schmerzte. Wie ein Stück dieser
märkischen Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch völlig
fremde, neben uns, ein Mann aus einem Guß, bei dem alles zueinander
paßte.

Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann zu lesen begann,
und Blitz und Donner begleiteten die sich entwickelnde Katastrophe.
Rasch war ich wieder im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes
Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde wurde, in der die
Menschen eine unverständliche Sprache sprechen, wie sie sich selbst
retten muß vor den Schlingen, die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit
auswirft. Und ich war es selbst, die sprach: »Es muß klar werden
zwischen der Heimat und mir!«

Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuhörer war groß. Daß man jede
Szene stundenlang unter dem Gesichtspunkt der Bühnenwirksamkeit
besprach, verletzte mich freilich. Erst auf dem Rückweg zur Bahn fing
man an, die Tendenz des Stückes zu erörtern.

»Daß das individualistische Prinzip darin zu so starkem Ausdruck kommt,
befriedigt mich ganz besonders,« sagte einer.

»Diese Maria ist die Personifizierung der Idee Nietzsches!« fügte
enthusiastisch ein anderer hinzu, »sie hat die Umwertung aller Werte für
sich vollzogen, sie steht jenseits von gut und böse, sie ist der
Übermensch, obwohl sie ein Weib ist!«

Der Übermensch, -- diese Maria, die sich von einem Elenden hatte
verführen lassen?! dachte ich. Und die Umwertung aller Werte sollte sie
vollzogen haben, weil sie die Heimat überwand?! Wäre es möglich, daß ich
meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? -- Die Unterhaltung
wurde lebhafter. Man sprach über die Notwendigkeit, den Sozialismus
durch den Individualismus zu überwinden, die Sklavenmoral durch die
Herrenmoral.

»Wir Künstler haben inmitten der gefährlichen Nivellierungsbestrebungen
unserer Zeit die Aufgabe, das Recht der Adelsmenschen zu vertreten,«
rief ein kleiner Mann mit einem Spitzbauch, während ihm die hellen
Schweißtropfen über das runde Gesicht liefen.

»Und worin besteht dieses Recht?« frug ich neugierig, das Lachen mühsam
verbeißend.

Verblüfft sah er mich an. »In dem Recht, sich zu behaupten, seine
Persönlichkeit auszuleben,« sagte er schließlich und hieb sich mit der
flachen Hand auf den breiten Sportgürtel, daß die dicke Goldkette
klirrte, die weithin leuchtend darüber hing.

»Sofern man eine hat,« meinte Liliencron lakonisch, der bisher fast
immer geschwiegen hatte.

»Gewiß -- gewiß,« echote der erhitzte Individualist, sichtlich froh, daß
der einfahrende Zug ihn einer weiteren Erörterung überhob.

Am nächsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht aus: wir stritten
uns über Nietzsche, und zum erstenmal seit unserer Bekanntschaft
verteidigte Glyzcinski seine Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. »Wie
im Anarchismus die große Gefahr für die Verbreitung des Sozialismus in
der Arbeiterklasse zu suchen ist,« sagte er, »so kann die Ausbreitung
der Ideen Nietzsches die Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den
oberen Klassen völlig untergraben. Die Ausbildung der Persönlichkeit als
Selbstzweck steht zu unserem Ziel -- dem größten Glück der größten
Mehrheit -- in direktem Gegensatz.«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite,« antwortete ich schüchtern,
aber doch im Augenblick meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. »Mir
scheint nämlich, als ob gerade sie unser Ziel wäre. Höchstes Glück der
Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit, -- so ähnlich heißt es schon bei
Goethe. Und der Sozialismus soll eben die Möglichkeit für alle schaffen,
ein Glück sich zu erringen, das heute nur wenige genießen können.«

»Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot wäre,« lachte Glyzcinski, »so
würde ihn diese Ihre Auslegung daran mahnen, zum Weibe nicht ohne
Peitsche zu kommen! -- Sehen Sie doch um sich: sind seine lautesten
Anhänger nicht unsere ärgsten Feinde?«

»Weil sie es sind, die ihn mißverstehen, nicht ich! Sich ausleben,
bedeutet doch nichts anderes, als alle Fesseln zerreißen und
zersprengen, die uns hindern können, die Glieder im Dienst der
Menschheit zu regen!«

»Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke
Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon Fichte und Kant und viele
andere mehr ausgesprochen haben,« antwortete der Professor. »Ich
fürchtete schon, wir beide könnten uneins werden, und nun sehe ich, daß
selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis unserer
Einigkeit ist.«

Ein unbestimmter Widerspruch, über dessen Inhalt ich mir nicht klar zu
werden vermochte, regte sich zwar noch in mir, aber ich war viel zu
glücklich über die Brücke des Verständnisses, die wir betreten hatten,
als daß ich weiter darüber hätte nachdenken mögen.

       *       *       *       *       *

Die Eltern kehrten zurück. Die Stimmung des Vaters mir gegenüber
wechselte täglich: er konnte zärtlich sein und voller Interesse für
mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der nächsten Stunde schon
wandelte sich seine Liebe in rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte
Verdammungsurteile, wenn irgendein politisches Ereignis, eine
sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung der Ethischen
Bewegung in der konservativen Presse, den Aristokraten, den General, den
Monarchisten in ihm über den Vater siegen ließen. Die Mutter dagegen
blieb fast immer kühl, zurückhaltend, beobachtend. Klein-Ilschen ging
mir scheu aus dem Wege. Und als ich sie nach der Ursache frug, gestand
sie, daß der Konfirmandenunterricht ihr eine nähere Beziehung zu mir
unmöglich mache.

Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der ungern Geduldeten zu
spielen, -- an dem Tage aber, wo dies blonde Kind sich von mir wandte,
weinte ich.

Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft stand vor
der Tür. Aus allen Teilen Deutschlands strömten uns Begrüßungsschreiben,
Beitrittserklärungen, Zustimmungskundgebungen zu, -- es schien wirklich,
als hätten sich viele im stillen nach einer geistigen Vereinigung auf
dieser Basis gesehnt. Selten nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein:
Gelehrte und Ungelehrte, Leute mit berühmten Namen und mit Würden
beladen erschienen neben armen Handwerkern, und Frauen aus allen Kreisen
fanden sich ein. Es war ein anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen
war: entschiedener in seiner antireligiösen Gesinnung, von sozialem
Pflichtbewußtsein stärker durchdrungen. Und die nahende Vollendung
des lange vorbereiteten Werks gestaltete auch die letzten
Kommissionssitzungen harmonischer. Wir waren alle voll Zuversicht und
voll guten Willens, uns auf dem Boden »allgemein menschlicher Ethik«
zusammenzufinden.

Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde jeder neuen
humanitären Schöpfung begleitet und die Teilnehmer glauben läßt, der
Beginn sei schon die Vollendung, verliefen die offiziellen Gründungstage
unserer Gesellschaft. Es tat förmlich weh, zu der Nüchternheit der
Alltagsaufgaben zurückzukehren, und die meisten Menschen, die uns eben
noch zugejubelt hatten, ergriffen vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von
der Welterlösung geträumt hatte, wurde es besonders schwer, an all den
internen Beratungen und Zusammenkünften teil zu nehmen, wo über Fragen,
wie die der Versammlungslokale, der Einkassierung der Beiträge, und
dergleichen mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging regelmäßig
hin, um Glyzcinski darüber zu berichten, der nur ausnahmsweise an den
Sitzungen teilnehmen konnte, und daher auch oft den Grad meiner
Ernüchterung nicht verstand. In Rücksicht auf ihn, dessen Freundschaft
mit mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung meiner sehr geringen
Verdienste um die Gesellschaft, wurde mir, statt seiner -- der jede Wahl
von vornherein abgelehnt hatte -- der Schriftführerposten im
Hauptvorstand angeboten. Ich zögerte keinen Augenblick, ihn anzunehmen,
da ich mir wohl bewußt war, gerade durch ihn den größten Einfluß
gewinnen zu können. Zu Hause erzählte ich nicht ohne Stolz von der mir
widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade aus seinem Klub, und ich hatte
in meiner Freude auf seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche
Zeichen nicht bemerkt.

»Wie --«, fuhr er los, »ein Mensch, der meinen ehrlichen Namen trägt,
offizieller Vertreter dieser Gesellschaft internationaler Schwindler?!«
Ich wollte ihn unterbrechen, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen.
»Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich natürlich von Fremden
erfahren mußte, für die wahnwitzige Utopie ewigen Friedens demonstriert,
was nichts anderes bedeutet, als diesen Schuften, den Sozialdemokraten,
Wasser auf ihre Mühle treiben!« Seine Stimme schwoll an, als stünde er
auf dem Kasernenhof, »und die Religion wollt ihr schon den Kindern durch
euren sogenannten Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das --
wahrhaftig!« Er trat auf mich zu: »Ich verbiete dir ein- für allemal,
mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverrätern gemeinsame Sache zu
machen -- sonst --«

»Du erlaubst, daß ich mich entferne --« unterbrach ich den Tobenden und
ging hinaus.

Am nächsten Morgen kam er mir entgegen: ganz blaß, mit überwachten,
müden Augen. »Höre auf deinen alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir
meint, -- du bist auf falschem Wege, -- schneide dir nicht die Rückkehr
ab, indem du dich öffentlich engagierst!«

»Laß mir Zeit zum Überlegen, lieber Vater,« bat ich stockend, innerlich
fast schon überwunden; nur bei Glyzcinski wollte ich mir noch Rats
erholen.

»Geben Sie nach, -- für diesmal noch!« sagte er, »das geringste Maß von
Schmerz sollen wir anderen zufügen. Und am schönsten ists, wenn der
Gegner sich uns aus Überzeugung schließlich selbst ergibt.«

Meinen Vater überwältigte fast die Rührung, als ich ihm sagte, daß ich
mich seinem Wunsche fügen wolle. Er ging selbst zum Professor und
unterhielt sich ruhig und eingehend mit ihm, »wie ein vollendeter
Ethiker.« Dann mußt ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid
auszusuchen: »Ich will nicht, daß du durch die ewige Näherei in der
Arbeit gestört wirst, die dir am Herzen liegt!«

Es dauerte jedoch nicht lange, und ich fühlte, daß es nur
eines geringfügigen Anlasses bedurfte, um einen neuen Sturm
heraufzubeschwören.

Ich schwebte in ständiger Angst. Schon der Tritt meines Vaters auf der
Treppe machte mich zittern, und möglichst leise verließ ich nachmittags
das Haus, um erst dann erleichtert aufzuatmen, wenn die Tür von
Glyzcinskis Studierstube sich hinter mir schloß.

»Jetzt müßt' ich Sie pflegen können, wie Sie mich,« sagte er dann wohl,
und sein warmer Blick voll Liebe und Mitleid ruhte auf mir.

Eines Novemberabends -- ich hatte infolge eines heftigen
Erkältungsfiebers ein paar Tage das Bett hüten müssen -- kam ein Brief
vom Professor:

»Mein gnädigstes Fräulein!

Wir haben schon oft miteinander besprochen, daß die Schaffung eines
Ethischen Journals sich angesichts der Entwicklung der Gesellschaft als
eine immer stärkere Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich
innerhalb unserer literarischen Gruppe die Frage erörtert, und der
Verleger unserer Flugblätter hat sich bereit erklärt, eine Zeitschrift,
wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft mit mir ins Leben zu rufen; da ich
jedoch außerstande bin, sie allein zu leiten, -- der Redakteur eines
solchen Blattes muß persönlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen sein
können --, liegt die letzte Entscheidung der Sache in Ihrer Hand. Die
Stellung als mein Mitredakteur wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch
nehmen, und im Anfang ist der Verlag leider außerstande, Ihnen ein
höheres Honorar, als etwa fünfzehnhundert bis zweitausend Mark jährlich
zu bieten. Aber ich hoffe und glaube, daß Ihre Liebe zur Sache groß
genug ist, um über diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.

Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und herzlichen Grüßen an
Sie

                                            Ihr treuergebenster
                                           Georg von Glyzcinski.«

Das ist die Befreiung! jubelte ich -- und zitterte doch vor Angst, als
ich den Brief meinen Eltern gab. Die Szene, die folgte, war schlimmer
als je vorher. »Solange du meinen Namen trägst, niemals -- niemals!«
Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstraße und brach,
aufschluchzend, neben dem Stuhl des Freundes zusammen. Minutenlang
vermochte ich nicht zu sprechen und fühlte nur, wie der schmalen Hand,
die mir leise über die Stirne strich, wohltätige Ruhe entströmte. Und
dann erzählte ich --

»'Solange du meinen Namen trägst' -- das sagte Ihr Vater?« Glyzcinski
wandte den Kopf und sah zum Fenster hinaus, wo die roten und gelben
Blätter im Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, -- eine Mahnung zum
Aufbruch.

»Ich fürchte mich so --« murmelte ich mit neu hervorstürzenden Tränen.
Und aus dem Zwielicht und der Stille hörte ich seine leise Stimme sagen:
»Möchtest du bei mir bleiben, mein Schwesterchen?« -- »Immer -- immer
--« stöhnte ich und preßte meine Lippen, ehe ers hindern konnte, auf die
Hand, die weiß und unirdisch im Dämmer leuchtete.

Am frühen Morgen des nächsten Tages erhielt ich diesen Brief:

»Mein liebes, gnädiges Fräulein!

Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn Sie eine Anzahl Jahre
älter geworden wären, ohne das Glück gefunden zu haben, das Sie in so
reichem Maße verdienen, -- wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf Liebe und
Glück verzichten zu müssen, vertraut gemacht hätten, dann wollte ich
fragen: Liebe Freundin, wollen wir zueinander ziehen, Mann und Frau
werden, dabei aber -- wie es mir beschieden wäre -- als Bruder und
Schwester weiterleben?!

Der Umstand nun, daß sich jetzt ein Arbeitsplan für uns meldet, dessen
Verwirklichung, nach dem Standpunkt, den Ihr Herr Vater einnimmt, zu
schließen, durch jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden würde,
ist der Grund, daß ich schon heut mit dieser Frage an Sie herantrete.

Wir würden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und Arbeitsehe
führen; sie würde für Sie alles andere eher als eine 'Versorgung' sein;
wir würden wie die Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch
eigene Arbeit erhält. Ich bin ohne Vermögen und habe nur ein geringes
Einkommen. Im übrigen wissen Sie, daß mein Leben jeden Tag zu Ende sein
kann.

Und nun dürfen Sie rasch 'nein' sagen. Meine Freundschaft zu Ihnen würde
auch dann immer dieselbe bleiben. Das 'ja' würde jedenfalls eine lange
Überlegung notwendig machen. Handelt es sich doch um etwas Ähnliches,
als wenn ein Mädchen den Nonnenschleier nimmt. Sollten Sie trotz alledem
einmal 'ja' sagen, so könnte es doch eine in ihrer Art schöne Ehe
werden.

                                          Ewig
                                             Ihr treuer Freund
                                          Georg von Glyzcinski.«

Ich hatte kaum zu Ende gelesen -- mit klopfendem Herzen und tiefen
Atemzügen --, als ich schon am Schreibtisch saß und meine Feder über das
Papier flog:

»Mein lieber Freund!

Es bedarf für mich keiner Überlegung, um meine Hand mit einem
freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu legen. Und es geschieht nicht im
Gefühl, auf Glück und Liebe verzichten zu müssen: für mich gibt es nur
ein Glück, und das ist bei Ihnen; und alles was an Liebe in mir ist,
gehört Ihnen. Auch ich habe, wie die Kinder, einmal von einem Paradies
geträumt, das dem Himmel der Frommen ähnlich sah. Jetzt könnte es mir
fast wie die Hölle erscheinen, -- während Sie mir bieten, was die
Erfüllung meiner heißesten Wünsche in sich schließt.

Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, oft
undurchdringlich dicht, daß die Sonne nicht bis auf den Boden dringen
kann. Und mitten darin wir beide, eng verbunden, mit den Beilen
bewaffnet, die Du uns schmiedetest. Und aus der Nähe und aus der Ferne
tönen die Axtschläge vieler anderer Arbeiter zu uns herüber. Das ist
Musik für unser Ohr. Freilich fehlt es nicht an niederfallenden Ästen,
die uns verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. Aber solange
wir uns selber haben, solange uns das Werkzeug nicht entfällt, solange
wir offnen Auges das Licht immer mächtiger in die Tiefen des Waldes
fluten sehen, -- solange ist er uns das Paradies unseres Lebens ...«

Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf dem Fuße. Leise trat
ich ins Zimmer -- Georg bemerkte mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor
ihm lag mein Brief, die Hände hatte er darüber gefaltet und die Stirn
wie versunken darauf gepreßt.

»Georg --«

»Alix --«, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich mir zu, überströmt
von Tränen. Und er nahm meine Hände und küßte sie und zog meinen Kopf zu
sich hernieder, und ich fühlte, wie sein Mund sanft meine Augen
berührte.

Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, die nun folgen
mußten, -- daß meine Eltern gegen meine Heirat wesentliche Einwände
erheben würden, nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel --
und im übrigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung empfunden
werden, mich endlich aus dem Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor
Schreck, als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen war und
ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer atmend, mit dunkel gefärbtem
Gesicht, die Augen rot unterlaufen, saß er auf seinem Stuhl, den Rock
geöffnet, mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, als
fürchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer Stimme, die die
seine nicht war, begann er zu reden, während die Mutter, im Sofa
zusammengekauert, leise vor sich hin weinte.

»Das mir -- das mir! -- hat Gott mich nicht schon genug gestraft?! --
Dich -- dich -- auf die ich so stolz gewesen bin! -- Die du mein -- mein
Kind warst vor allem! -- Dich, um die ein König noch hätte betteln
müssen! -- Dich will dieser -- dieser -- den Gott selbst als einen
Ausgestoßenen brandmarkte --«

»Papa --!« schrie ich und taumelte bis an die Tür zurück.

Er sprang auf, um sich im nächsten Augenblick, wie von einem Schwindel
erfaßt, mit beiden Fäusten schwer auf den Tisch zu stützen. Den Kopf
weit vorgestreckt, die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er mich an:

»Du läufst mir nicht wieder davon, -- und wenn ich dich mit Gewalt
festhalten müßte! Und deinen sauberen Galan --« er lachte grell auf --
»ein Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, -- niederschießen tu ich ihn,
wie einen tollen Hund -- --.« Mit einem unartikulierten Laut fiel er in
den Stuhl zurück. Ich lief nach Wasser, -- benetzte ihm die Lippen, --
rieb ihm die Stirn, -- es war ja ein Kranker, den ich vor mir hatte!
Aber kaum war er zu sich gekommen, stieß er mich auch schon von sich.

Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. Fast die ganze Nacht saß
ich horchend vor seiner Schlafzimmertür. Wie eine Mörderin kam ich mir
vor. Als der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an Glyzcinski,
und kaum daß der graue Novembertag mit schwerfällig-langsamen Schritten
durch die Straßen geschlichen kam, hörte ich den Vater schon wieder in
seinem Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, -- die Angst
schnürte mir die Kehle zu, aber ich folgte. Wie entsetzlich sah er aus!
In einer einzigen Nacht, -- wie furchtbar gealtert!

»Fürchte dich nicht, -- ich tue dir nichts --« sagte er und verzog den
Mund mit den gesprungenen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein
sollte. »Ich will nur mit dir reden, will dir klar machen, -- was du
nicht weißt -- nicht wissen kannst, und was der Professor --« es war ihm
offenbar unmöglich, den verhaßten Namen zu nennen -- »vielleicht auch
nicht weiß. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen kann!«
Ich mußte mich neben ihn setzen, wie in früheren Jahren, und er behielt,
während er sprach, meine Hand in der seinen.

»Ich sagte dir schon, -- du bist mein Kind! Du hast meine
Leidenschaften, mein heißes Herz, mein wildes Blut. Bist du die -- die
Frau dieses Mannes, so wird -- ich weiß es genau, ganz genau! -- eine
Zeit kommen, früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen
zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit -- schreit!! -- hörst
du? -- Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben können! --
Dann wirst du unglücklich werden, totunglücklich -- oder --,« er brachte
nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor -- »eine Ehrlose,
-- eine -- eine Dirne!«

»Papa, lieber Papa!« ich streichelte ihm die Hände, »du könntest so
nicht sprechen, wenn du mich besser kennen würdest! -- Ich bin kein Kind
mehr -- ich habe viel erlebt, -- sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat
endgültig ausgetobt, mein Herz weiß von keiner anderen Liebe als von
der, die Georg mir bietet!«

»Du irrst, -- und dieser Irrtum wird dein Unglück werden. Ich kenne dich
besser, als du dich in diesem Augenblick kennst --.« Seine überwachten
Augen sahen ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, daß ich neben
ihm saß. »Auch ich liebte -- und verzehrte mich nach Liebe! Und warb ein
viertel Jahrhundert lang um sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht
begreifen, daß all meine Leidenschaft sie nicht erwärmen konnte --! Bis
ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen lernte, daß nichts --
nichts im Leben mir Wort hielt, -- auch meine Liebeshoffnung nicht! --«
Er schwieg, überwältigt von der Erinnerung.

»Verstehst du nun, daß ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich ebenso
-- nein -- noch viel unglücklicher werden zu sehen als mich? -- Du wirst
ja nicht einmal Kinder haben!«

Ich zuckte zusammen, -- aber rasch und gewaltsam hatte ich die
Empfindung auch schon niedergekämpft, die ihm Recht hätte geben können.

»Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt werden meine Kinder
sein --« antwortete ich, »für sie werde ich denken und arbeiten!«

Papa stand auf: »So habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du bist majorenn,
du bedarfst meiner Erlaubnis nicht. Nur um eins bitte ich dich, und
deine Mutter wird dieselbe Bitte dem -- dem Professor vortragen -- ich
selbst fühle mich nicht stark genug, ihn zu sehen --: Warte nur noch ein
halbes Jahr, -- prüfe dich währenddessen. Du kannst, ungehindert durch
mich, deinen Verkehr in derselben Weise fortsetzen wie bisher, -- bist
du dann noch entschlossen, -- so strecke ich die Waffen.«

Ich wollte danken, -- war doch dies Zugeständnis weit mehr, als ich nach
dem gestrigen Auftritt noch glaubte erwarten zu dürfen, -- aber er
entzog mir seine Hand und verließ hastig das Zimmer.

Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter inzwischen aufgesucht
hatte:

»... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, die mir um so
größeren Eindruck machte, als kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier
gewesen war, dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir aus
meinem Vorgehen die heftigsten Vorwürfe machte. 'Geschieht, was du in
deiner Unkenntnis der Welt und der Menschen als dein Glück ansiehst, so
geht Ihr zugrunde,' sagte er. Meine geliebte Alix, -- sind wir nicht in
einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es sollte doch keiner von uns
zugrunde gehen! Wir haben doch beide eine Mission! Es gibt so gar
wenige, die unseren Enthusiasmus für unsere Sache haben! Sollten wir uns
beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht ist es ein Verhängnis, das
der schönen Tochter der Exzellenz den alten Professor zurseite schob und
in ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden
abgeschlossenes Gelehrtenleben plötzlich eine Fee hineinversetzte.
Sollten wir dies Verhängnis nicht in ein segensreiches Schicksal
verwandeln können, wenn wir, wenn vor allem ich mich selbst
bezwinge? ...

Drei Stunden täglich Liebe und Sonnenschein? Ist das nicht viel? Die
armen Millionen, denen sie nimmer scheint, die liebe Sonne! Ich freilich
dürste nach mehr, aber dann geht einer von uns zugrunde!! -- Und lieber
lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als daß ich über das Haupt des
liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwöre!

Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, uns mit ein
wenig Glück -- für mich ist das schon überschwenglich viel! -- und viel
Arbeit zu begnügen, und bitte Deine Eltern, daß sie es Dir leicht machen
sollen ...«

Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser Verzichtleistung
Lügen. Das strahlende Licht war aus seinen Augen verschwunden, wie das
sonnige Lächeln um seine Lippen. Und verließ ich ihn des Abends, so
hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er alle Qualen
eines Abschieds auf immer. Wir sahen uns täglich. Bald aber merkte ich,
wie mein Vater durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine
Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn an sein
Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen Wünschen Widerstand
entgegen, so konnte ich sicher sein, bei der Heimkehr die Mutter
verweint, die Schwester verschüchtert, den Vater stumm und finster
wieder zu finden. Blieb ich des Abends fort -- Versammlungen und
Kommissionssitzungen, über die ich in unserer Zeitschrift berichten
mußte, machten es häufig genug notwendig --, so schlich ich mich in
zitternder Furcht nach Hause, weil der Vater mich schon oft mit den
ungerechtfertigsten Vorwürfen empfangen hatte. Jeder Artikel, den ich in
unserem Blatt unter meinem Namen schrieb -- die Anonymität war mir als
eine Feigheit verhaßt --, gab Anlaß zu den peinlichsten
Auseinandersetzungen, und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte
er, um das, was mir heilig war, maßlos zu verunglimpfen. Ich wurde
schließlich von einem so dauernden, Angstgefühl gefoltert, daß ich oft
meinte, vom Verfolgungswahn gepackt zu sein. Der täglich wiederholte
Versuch, vor Georg heiter zu sein, mißlang immer vollständiger, und
eines Tages gestanden wir einander das Unerträgliche unseres Zustands.

»So willst du wirklich -- wirklich diesen Krüppel heiraten, den man im
Mittelalter der Zauberei angeklagt, und ganz gewiß verbrannt haben
würde?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.

»Ich will!« antwortete ich fest »und wenn es sein muß, ohne den Segen
der Eltern.« Da ich wußte, daß meines Vaters Heftigkeit mich nicht würde
zu Worte kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen
Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, daß ich alt genug sei,
um nach eigener Überzeugung mein Leben zu gestalten, daß es im höheren
Sinne gewissenlos und pflichtwidrig wäre, statt der eigenen Einsicht und
dem eigenen Gefühl sklavisch dem Machtgebot anderer zu gehorchen, daß es
schlimmer sei als töten, wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur
Unmündigkeit und Unfreiheit verdamme.

Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu
ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur
entgegen.

»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. »Die sechs Monate
Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, -- aber du zwingst
mich, meine Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine Besuche
einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar
deine Seele vergiften.«

»Du brichst dein Versprechen, Papa --« stieß ich hervor und riß mich
gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten
Reiterpistole auf seinem Schreibtisch --.

»Ein Schritt noch und ich schieße --.« Aber schon lief ich die Treppe
hinunter -- über die Straße -- über den Platz, -- Menschen und Wagen und
Häuser sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.

Wie ich zu Georg kam, -- ich weiß es nicht, -- der gelle Angstschrei,
den er ausstieß, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte
mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von
ihm, die mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt
hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, daß ich
nicht mehr zu ihnen zurückkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie
erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel Walter mich
zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und
während im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte,
gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand
konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal entschied.

»Hans war bei mir, -- gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie
immer, von Verstoßen, Verfluchen und dergleichen,« begann Onkel Walter
in geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser aller
Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und daß ich -- wenn er
auf seinem Standpunkt beharren wolle -- meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter meinem Schutz
heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand,
wie der bisherige, ist für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir
aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat,
nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den höchsten Tönen pries.
Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen
meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle
Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natürlich selbst
nicht teilnehmen wird.«

Mir traten die Tränen in die Augen, -- die Erschütterung dieses neuen
plötzlichen Umschwungs war zu groß für mich!

»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel Walter schroff
jede Antwort ab, »ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre
unserer Familie. Im übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir
haben.« Damit war ich entlassen.

Ich kehrte nach Hause zurück, nachdem mein Vater abgereist war.

Mit ihrem kühlsten Gesichtsausdruck empfing mich die Mutter. »Deiner
Heirat steht nichts mehr im Wege,« sagte sie, »außer einer Kleinigkeit,
die du natürlich vergessen hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du
weißt, nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich also mit
der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung begnügen müssen.
Und was die Wohnung betrifft, so -- --«

Ich mußte wider Willen lachen: »Das sind aber doch wirklich nichts als
Kleinigkeiten, Mama!« unterbrach ich sie. »Wir haben, was wir brauchen,
-- und Georgs Wohnung ist viel zu hübsch, als daß ich sie aufgeben
möchte!«

»Eine Hofwohnung -- und nur drei Zimmer!« Mama kräuselte verächtlich die
Lippen.

»Übergenug für uns! -- du siehst: wenn das Aufgebot morgen erfolgt,
können wir in vierzehn Tagen getraut werden -- --«

»Selbstverständlich! -- Ich werde heute noch mit Euren Papieren auf das
Standesamt und womöglich auch gleich zum Geistlichen gehen.«

»Zum -- Geistlichen?!« Ich starrte sie verständnislos an. Wir
»dezidierten Nichtchristen« sollten uns geistlich trauen lassen?!

»Georg ist Atheist --«

»Schlimm genug!« rief die Mutter, »aber du heiratest unter dem Schutz
deiner gläubigen Eltern und wirst es nach unserem Glauben tun -- oder
gar nicht.«

All meine Erklärungen und Bitten prallten an ihrem unbeugsamen Willen
ab. Ich sah aufs neue die schwer erkämpfte Zukunft gefährdet. Aber als
ich Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme von der mütterlichen
Entscheidung erzählte, zog nur ein leichter Schatten über seine Züge.

»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, so lassen wir ihr
die Freude,« meinte er nach kurzem Überlegen. »Dürfen wir unser Leben
und seine Aufgabe von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte
stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht doch nicht
zustimmen können.

Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt
worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren
Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, ihre
teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich
selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir:
»Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches
Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich
schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Daß es aber soweit mit dir
kommen würde, hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine
schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung gehen! Das
ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...«

Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger ließen mich all
die Nadelstiche des täglichen Lebens.

Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche
Wohnung zurückkehrte, stockte mir schon vor der Türe der Atem, und in
den dunkeln Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz.
In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr
tickte nicht mehr; -- hatte ich -- ich, die Tochter, die er am meisten
liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saßen
Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten
das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten,
und der Teekessel summte schwermütig, -- groß und vorwurfsvoll sah mir
zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, -- die Mutter
vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der
Kehle. In mein Zimmer trieb es mich früher als sonst. Ich legte
mechanisch meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. Da
klopfte es leise -- und in den unruhigen Schein der Kerze trat
Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblüten in
der Hand und einen weißen Schleier. Sie wollte sprechen, -- sie konnte
es nicht, -- unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den Augen; -- mit
einer Bewegung, die Schmerz, Haß und Liebe zugleich zu diktieren
schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nächsten
Augenblick wieder verschwunden. Ich lächelte müde, -- einen anderen
Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; -- fort mit allem
blassen Erinnern, -- draußen stand die Arbeit, stand das Leben und
begehrte meiner!

Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:

»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von
morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe
liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, und
eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.

Nach meinem Tode kannst Du -- aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix!
-- der Welt erzählen, wie ihre Lösung gelang, -- anderen zur Warnung,
oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir:
sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns
warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, -- so
denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde
mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein Stück Papier für Dich eine
Fessel werden. In keiner Lebenslage würdest Du mich verlieren.

                                     Dein in Zeit und Ewigkeit!
                                                            Georg.«

Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glücklich
schlief ich dem Morgen entgegen.

Meine Kusine Mathilde war gekommen, -- auch sie mit einem Gesicht, als
sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen.
Zu Fuß gingen wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher --
immer rascher, als wollte einer dem anderen entlaufen. Kein Wort der
Liebe war meiner Mutter bisher über die Lippen gekommen. Vor der Haustür
blieb sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,«
stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen Raum, dessen einziges
Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz
und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle
vorn und schmückten den Altar! Da hört' ich eine zaghafte Stimme an der
Tür: »Darf ich?«, und eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und
lächelnd an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten Händen einen
bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie flüchtig: die Frau vom Tischler
nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt
täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich konnt' doch heut
nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' doch dem gnädigen Fräulein
zeigen, wie mächtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's,
daß der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, -- so heilig
schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete sie die Hände und sah
mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein
wundertätiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier
und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben
Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz darauf: »Der liebe Gott
segne Sie! --«

War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentränen mir
in den Augen standen, -- ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts
als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts
angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hörte Worte, mit denen
sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam.
Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine
Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein weißes Kreuz leuchtete auf
grünem Grund, -- es hatte einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden --
und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein
vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein paar Händedrücke fühlt' ich
noch, eine paar zeremonielle Küsse auf der Stirn -- Kleiderrauschen --
halblautes Schwatzen -- Türen schlagen -- und noch einmal den grellen
Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster Liebe bin ich bei dir
und Georg. Dein Vater.«

Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.



Neunzehntes Kapitel


In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der
Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge
mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels,
kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr
Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne
Licht war wie ein mütterliches Lächeln.

Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst -- ohne Streit,
daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft
heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es
möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade
betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend
zurückriß, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war
neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran,
ein Pfadfinder.

Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit,
aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir
allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt
wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so
war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle
unsere Wunden ...

Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein
geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der
goldenen Schätze zum anderen springt.

Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch,
der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den
mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem
Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen
konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen
Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum
Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu
begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk --
»mein« Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es
»Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten.
Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das
Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk --, stets als »die einzige
Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer
seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst
gegebene Macht, -- »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr
vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben --, verkündete er seinen
Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn
standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.

Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien
auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In
atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der
»Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von
der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der
Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der
Wahlstatt.

»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag
aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht
immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich
komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner
Wahlversammlungen begleiten.«

Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem
ersten Besuch einer Volksversammlung!

Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir
eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren
Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das
praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen
die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber,
kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen
Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft
geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von
Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten.
»Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,
deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell
erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen
warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und
die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen
Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.

»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten
Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr
Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will --
un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«

»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« -- tönte es von der
Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott
gewollte Entwicklung hemmt« -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --,
»wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« -- »Quatsch!«
schrie jemand -- »Sst -- sst!« antwortete einmütig die Menge, -- »ein
Reich des Friedens gründen, wo jeder -- Männer und Frauen -- ein Recht
an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern
schwelgen.« -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit
Hüten und Taschentüchern. -- »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns
aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen
uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues
Leben blüht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall,
wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen
rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an
der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den
zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes
Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf
gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so
daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich
sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer
Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.

»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht
üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm
eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« -- ein
paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten
sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen
zu können -- »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was
er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten
zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der
herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« -- ein
paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen --, »die Gleichheit vor
dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden
Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die
Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer
Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen
deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren
Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern
wagen.« -- »Aber -- aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und
hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch
zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. -- »Und
wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den
gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er -- zur Aufklärung für
all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen --
wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren
rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen
Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist
das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den
inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie
brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit
verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.

»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.

»Ach so -- meine Frage --« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich
ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf
das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie
dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«

Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse,
erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet --« flüsterte Polenz
neben mir.

»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, --
darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten
Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei
das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und
niedertrampelt -- --«

»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um
einen Schein blasser.

»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht
Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten
Waffen kämpft --«

Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« -- »sehr
richtig« klangs von der einen Seite -- »Pfui« -- dröhnte es langgedehnt
aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy
stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken
hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu
schaffen.

Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um
gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur
Tribüne. »Genosse Reinhard, -- Gott Lob«, die kleine Näherin streckte
ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu,
und neben ihr stand er.

»Genossen --« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der
Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie
Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne
Ruhe kehrte das Leben zurück; -- »es ist unser unwürdig, eine
Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch
weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von
Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war
seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen
Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern
wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine
ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von
Egidy, --« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm
stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen:
rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie
mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache
bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den
Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu führen gelernt haben, denen die
Maschine die Glieder zerriß, --« er hob die Krücke wie ein Trophäe --
»an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« -- er reckte den mageren
Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure
christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, --
jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht
ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie
brauchen müssen!« --

Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne,
hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden,
und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur
die eigenen Atemzüge, -- dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« --,
»Hoch die Sozialdemokratie« -- »Nieder der Militarismus«, -- und
plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem
einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die
überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose
Kraft der Jugend lag darin.

»Kommen Sie --« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf.
Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy
noch mit der kleinen Näherin.

»Lassen Sie mich --« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden
zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« -- ganz zaghaft nur sprach ich
dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz
strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« -- Und ich notierte ihre
Adresse.

Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die
Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt
hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein
feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.

»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der Welt würde ich steigen
und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden
aufrütteln ...« Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.

»So versuch es doch einmal ...«

Ich sprang auf: »Meinst du?!«

Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit draußen im
Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch
bis zu dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem
Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung führte. Das Rattern der Nähmaschine
wies mir den Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete
es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der
Arbeiterklasse selbst sein,« hörte ich durch die Türe. Ein graubärtiger
Alter öffnete mir. »Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha Bartels
aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau Professor --« Mit
ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.

Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten
lagen rotgewürfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen
Sofa mit dem sorgfältig geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen
Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen sich zeigte. Nur um
die Maschine am Fenster bauschte sich weiße Leinwand, sonst herrschte
peinlichste Ordnung überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder
von Marx und Lassalle an den Wänden.

Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und Tochter ergänzten einander
im Erzählen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und
hartnäckig den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, wie sie
-- früh mutterlos -- schon als Schulkind mit verdienen mußte und der
kleine Haushalt überdies auf sie allein angewiesen war.

»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der Alte, »an den lieben
Gott zu glauben hatte ich längst aufgehört, und oft wußt ich nicht,
sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen
dem elenden Leben ein Ende machen.«

»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen und einem Stumpfsinn,
der mir bald alles gleichgültig machte, Knopflöcher nähte, -- Tag aus,
Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher!
--« fuhr die Tochter fort »lernte ich einen Bügler kennen, der nahm mich
zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und
Flugblätter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«

Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter.
»Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren
auf einmal nicht mehr allein, und der Mühe wert wars auch für uns arme
Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir während des
Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und
draußen in der Fabrik, wo ich arbeitete -- der Meisterhochmut war mir
glücklich vergangen! --, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging,
haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.«

Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich
zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den
Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln
verstand! -- Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten
Künste erinnern müssen!«

Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie sie für ihre
Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in täglicher Kleinarbeit
für die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie
im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Büchern
und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.

»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse her?« frug ich mit
steigendem Erstaunen. »Sie müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«

»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete der Vater, »mich will
sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.«

»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest mir vor, wenn ich
nähe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat
eine bessere Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in unseren
Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der Uhr: »Seien Sie nicht böse --
aber jetzt muß ich fort, -- wir tragen heut in unserem Bezirk
Wahlflugblätter aus --«

Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Frauenverein,
von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wäre. »Sie
sollten mal hinkommen, Frau Professor!«

»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber -- bitte -- nennen Sie mich nicht
'Frau Professor', Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst
erworben sind.«

Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja -- wie soll ich Sie sonst
anreden -- ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!«

Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strömten die
Menschen zusammen, Frauen und Männer, junge und alte Leute. Sie grüßten
einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle
fröhlich waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische Blicke streiften
mich, mit spöttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mädchen
an mir vorüber. Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier
eine Fremde war.

Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. Während er im
Rollstuhl vor der Tür stand, streckten sich ihm von allen Seiten die
Hände mit den Wahlzetteln entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er laut
und lustig, »meine Frau und ich!«

Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der Diener, der ihn
schob, mußte den Gelähmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger
entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke über den armen,
schmalen Körper -- »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum
daß ich den Fuß auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkürlich die
Fäuste und schritt mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in
den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg
seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.

Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus
bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder.
Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie veröffentlicht und,
dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen
zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten
kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer
Einfachheit doppelt erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen
liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um
Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, den wir anschlügen,
und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um
durch einen öffentlichen Vortrag die politische Neutralität der
Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen
die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden
Ideen des Kollektivismus« zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer
Zeitschrift schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen
der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegensätze zwischen
Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer
Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus
Rücksicht auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.

»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, Kindchen,« mahnte er
oft; »das hieße den Frieden und die geistige Eintracht unseres
persönlichen Lebens höher stellen, als unsere Sache.«

Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit
einem Gefühl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, --
zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine
Auskunftsstelle für Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der
Sorge für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine
andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die
eigene Leidenschaft und männliche Lüsternheit in des Lebens tiefste
Abgründe riß; eine Gruppe gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek
die Bücher Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden wurden
gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender
sicherlich auf neue Wege geführt.

Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar
hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte?
Vergebens erinnerte mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer
Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer
ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den großen
starken Strom der Idee in hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren
jede grade nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.

Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere
Zeitschrift und unser Haus wurden allmählich der Mittelpunkt, um den
sich scharte, was unseres Geistes war. »Eine gefährliche
Nebenregierung!« hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln
gesagt, -- derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde
berichteten, jedem anvertraute, daß Fräulein von Kleve den Professor von
Glyzcinski nur geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.

Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs
Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gäste aus aller
Herren Ländern zu; Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch
Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen,
die heißhungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich
aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in
nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft
Leben war.

Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur auf den Zügen,
tauchte häufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schönlank.
Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu
verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhörerschaft. Auch
Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie
sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser
sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit
Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fühlung zu gewinnen.
Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger Gast, und
manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung für die neuen
Aufgaben, die der christlich-soziale Kongreß den Vertretern der Kirche
stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in
Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das
Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und über den nur engherzige
Alltagsleute lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze
Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances
Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug
gegen Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu seiner
Durchführung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne
Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum
anderen trug.

So verschiedenartig die Menschen waren, die über den dunkeln Hof und die
finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, -- zweierlei war
ihnen allen gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das
Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der
Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.

»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« sagte
Georg eines Tages, als unsere Gäste all ihre Reformpläne und
Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen
Begeisterung bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. »Von allen
Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom
Zukunftssüden trennt!« Er strahlte wieder wie ein Kind.

»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich -- eine tiefe
Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises
selbständig schaffender Menschen ergriffen --, »nicht immer bloß
nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.«
Schon längst beschäftigte mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem
berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die
notwendig zum Sozialismus führen müsse.

»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhängigkeit,
unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch ohne unser Wissen und
Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mütterlichen
Empfindungen machen uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten
wir die Frauen, -- wir hätten die Welt!« Ich lief aufgeregt im Zimmer
umher -- »das ist eine Aufgabe, die sich der Mühe lohnt -- --«

»Und die meine Alix erfüllen kann,« unterbrach mich Georg, mir beide
Hände entgegenstreckend.

Gleich am nächsten Tage ließ ich mich in die Vortragsliste der Ethischen
Gesellschaft einzeichnen. Da es immer an Rednern fehlte, wurde meine
Anmeldung mit Freuden begrüßt. Und nun ging ich an die Vorbereitung.
Durch amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich über den
Stand der Bewegung im Ausland vollkommen orientiert; der »Vorwärts,« die
Arbeiterinnenzeitung, die Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die
ich mit Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der Lage der
Proletarierinnen, ihren Wünschen und ihren Bestrebungen gegeben; nur von
der deutschen Frauenbewegung wußte ich noch nicht viel.

Seit einem halben Jahrhundert kämpfte sie um die Eröffnung bürgerlicher
Berufe, um höhere Bildung. Sie kämpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen
und Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfaßt, -- aber die Welt
außerhalb ihrer Kreise wußte nichts von ihr. Ich las die Broschüren von
Helma Kurz; ich besuchte Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt
hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen die radikalste zu
sein, sie mir sympathisch machte. Aber die Tendenzen ihres Vereins und
seines kleinen Organs waren keine anderen als die der Kurz.

»Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen stehen bleiben
können!« rief ich, als Frau Vanselow mir ihre Prinzipien
auseinandersetzte. »Und wenn wir schon Pastoren, Professoren und
Advokaten werden können, was haben wir dann besonderes, als einige
Berufsphilister und Bildungsproleten mehr! Damit ist die Frauenfrage
ebenso wenig gelöst, wie sie etwa bei den Arbeiterinnen gelöst ist, die
längst das Recht haben, zu schuften wie die Männer.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung -- ganz und gar --« nickte Frau Vanselow
eifrig und hob die schweren Lider von den berühmt schönen Augen -- »aber
wir müssen vorsichtig -- sehr vorsichtig sein, um zunächst nur einzelne
Konzessionen zu erringen. Sie sind jung, -- kämpfen Sie erst so lange
Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie werden einsehen, daß wir
Frauen nur Schritt für Schritt vorgehen dürfen. Ich besonders habe
schwer zu ringen -- niemand versteht mich -- meine Vereinsdamen sind die
Ängstlichkeit selbst --«, sie griff nach meiner Hand und behielt sie in
der ihren -- »wie froh wäre ich, in Ihnen eine frische Hilfskraft
gewinnen zu können!« Ich errötete erfreut; hier bot sich mir eine neue
Gelegenheit, um zu wirken. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,«
antwortete ich, »aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten Sie erst
abwarten, was ich leisten kann.«

Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. Ich lernte ihn
Satz für Satz auswendig. Am Abend vor der Versammlung war »Generalprobe«
vor Georg als meinem einzigen Zuhörer. »Wenn ich mich schon vor dir so
fürchte, wie soll das bloß morgen werden!« sagte ich, und das Papier
zitterte in meinen Händen. Da klingelte es, -- ich hörte eine Stimme,
die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die Tränen in die Augen
trieb: mein Vater! Ich hatte seine Rückkehr noch nicht erwartet und nun
stand er vor mir -- sehr gealtert, ganz blaß, die Hände schwer auf den
Stock stützend --, wie an den Boden gewurzelt.

»Papa!«

»Mein liebes Herzenskind!« Ich lag in seinen Armen. Und dann nahm er
meinen Kopf zwischen seine Hände und sah mich an. »Wie rosig du
aussiehst -- und wie -- wie glücklich!« Mit einer raschen Bewegung
näherte er sich Georg und reichte ihm die Hand. »Verzeiht mir, Kinder,
verzeiht! -- Und du, hab Dank, tausend Dank, daß ich meine Alix so
wiederfinde!« Er konnte sich nicht trennen; jedes Bild an der Wand,
jeder Zimmerwinkel mußte einmal und noch einmal besichtigt werden. »Wie
hübsch und friedlich es bei Euch ist!« Er legte mit einem Seufzer die
Hand über die Augen. »Da werdet Ihr mich so leicht nicht mehr los
werden!«

Von allem erzählte er, was ihn in den Monaten seit unserer Trennung
beschäftigt hatte, und vergaß in der Lebhaftigkeit rasch, wen er vor
sich sah: »Diese Rasselbande, die die Militärvorlage ablehnte, -- und
dann diese infamen Wahlen -- --.«

Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs Gesicht. Er räusperte
sich vernehmbar. Der Vater stockte. »Ach soo --« sagte er gedehnt, biß
sich heftig auf die Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An
der Türe hielt er meine Hand noch einmal fest: »Auf allen Litfaßsäulen
steht dein Name -- mich hat das nicht wenig entsetzt -- du wirst kaum
auf mich rechnen in der Versammlung -- Mama wird mir berichten. -- Gute
Nacht, mein Kind.«

       *       *       *       *       *

Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefüllten Saal des
Langenbeck-Hauses. Einen Augenblick lang schien die Erde zu schwanken,
die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und mir war, als
müßten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch hoch aufsteigenden
Bänken wie eine Lawine auf mich niederstürzen. Da fiel mein Blick auf
Georg: seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein Gefühl
sicherer Ruhe überkam mich. Ich sprach zuerst nur für ihn. Allmählich
aber strömte etwas mir entgegen wie ein lebendig gewordenes Verstehen,
-- ich fühlte die Menschen, die unter meinen Worten _ein_ Mensch
geworden waren, -- mit _einem_ klopfenden Herzen, _einem_ horchenden
Verstand.

»Jedes Stück unserer Kleidung, von der Leinwand an bis zu dem
Seidenkleid, von den Nägeln unserer Stiefel bis zu dem feinen Leder
unserer Handschuhe könnte von hohläugigen, müden Frauen, von blassen um
ihre Jugend betrogenen Mädchen qualvolle Leidensgeschichten erzählen.
Der hohe Spiegel, der das Bild der schönen, glücklichen Frau
wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben vernichtet ... Und der
Damast, der unsere Tafeln deckt, -- Leopold Jakoby singt von ihm:
'Daraus hervor grauenhaft -- das Gespenst des Hungers grinst mich an --
über den Tisch ...«

Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere Woge, die mich trug
-- mich empor hob -- hoch -- immer höher, so daß meine Stimme über alle
hinweg in die Ferne drang.

»... die Prostitution ist das einzige Privilegium der Frau ... Ein
Mädchen darf, solange es minorenn ist, ohne die Einwilligung ihres
Vaters nicht heiraten, aber es darf sich preisgeben, ohne daß sein Vater
es daran hindern kann. Die Frau darf -- bei uns in Deutschland! -- nicht
Medizin studieren, weil man für ihre Weiblichkeit so zärtlich besorgt
ist und ihre Sittlichkeit hüten will, aber sie darf sich einen
Gewerbeschein verschaffen, der sie berechtigt, sich und andere physisch
und moralisch zugrunde zu richten. Sie darf -- bei uns in Deutschland!
-- an keiner öffentlichen Wahl sich beteiligen, aber sie darf von ihrem
durch den Verkauf ihres Körpers schmählich erworbenen Geld dem Staate
Abgaben zahlen ...«

Jetzt war es der Sturm, der von drüben mir entgegenschlug, -- der Sturm
der Empörung, und mein war die Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen
einzureißen, dürre Bäume zu stürzen galt!

»... Was tun? fragen wir mit dem großen russischen Dichter, dessen Werk
nur ein Ausdruck des Gefühls von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht
mehr petitionieren, sondern fordern, uns nicht mehr hinter den
verschlossenen Türen unserer Vereine über unsere frommen Wünsche
unterhalten, sondern auf den offenen Markt hinaustreten und für ihre
Erfüllung kämpfen, gleichgültig, ob man mit Steinen nach uns wirft ...«

Brausender Beifall unterbrach mich, -- ich sah nur Georg, der weit
vorgebeugt in seinem Rollstuhl saß und die Augen nicht von mir ließ.

»... Aber was wir auch fordern mögen zugunsten unseres Geschlechts, das
die wirtschaftliche Entwicklung aus dem Frieden des Hauses hinaus in den
Kampf ums Dasein trieb, -- man wird uns mit Phrasen und kläglichen
Pflastern für unsere Wunden abspeisen, solange die politische Macht uns
fehlt ...«

Erneuter, dröhnender Beifall, -- aber von irgendwo her mischte sich ein
giftiger, zischender Laut hinein.

»... Von der geistigen Inferiorität der Frau höre ich große und kleine
Leute sprechen, die, darauf gestützt, unsere Forderung der politischen
Gleichberechtigung glauben ablehnen zu dürfen. Aber erst wenn die Frauen
ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer die Hilfe der
Wissenschaften, die Schulung des Lebens und den Sporn des Ruhmes
genossen haben werden, wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit
ihrem Verstande steht. Das weibliche Geschlecht -- so wirft man weiter
ein -- habe noch kein Genie hervorgebracht. Hat man bei den Negern
Amerikas auf das Genie gewartet, ehe man ihnen politische Rechte gab?
Hat man ihre Gewährung beim Mann von einer Prüfung seiner Geisteskräfte
abhängig gemacht?... Sie können der Wehrpflicht nicht genügen, darum
kommt den Frauen das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der
in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der Mann, der sein Leben
vor dem Feinde in die Schanze schlägt, und die Frau, die mit Gefahr
ihres Lebens dem Staate die Bürger gebiert -- haben sie nicht die
gleiche Berechtigung über das Wohl und Wehe des Vaterlands zu
entscheiden? Jede dreißigste Frau stirbt an diesem ihrem natürlichen
Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte der Wissenschaft auch dann
noch in Lebensgefahr schweben, wenn der Völkermord längst der Erinnerung
angehören wird ...«

Ich hatte geendet -- mir war, als versänke ich in einem vom Orkan
gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir vor den Augen -- ich fühlte
Händedrücke -- sah in hundert unbekannte Gesichter, -- -- vor all diesen
fremden Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur möglich
gewesen?! -- Meine Mutter stand auf einmal vor mir, mit heißem, erregten
Gesicht -- meine Schwester umarmte mich stürmisch. -- An der Tür drängte
sich Martha Bartels durch die Menge, -- ich fühlte nur, wie sich ihre
heißen Finger schmerzhaft fest um die meinen preßten. Endlich -- endlich
sah ich Georg! Was galten mir die anderen alle, -- von ihm allein
erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, -- er beugte den
Kopf über meine Hand und küßte sie.

Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt traten wir in die
stille, dunkle Ziegelstraße, und leise rollten die Räder des Fahrstuhls
über das Pflaster. An einer Straßenecke legte sich mir eine Hand auf
die Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein Vater stand vor
uns. »Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, -- und nun ließ ich all deine
Zuhörer Revue passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!« Und er
ging den ganzen langen Weg durch die Karlstraße und den nachtdunkeln
Tiergarten mit uns.

Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen Kinderträume umgaukelten
mich. Strahlte nicht auf meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans,
das Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie entfaltet, -- im
Sturme würde ich sie zum Siege führen!

Als mir Professor Tondern am nächsten Tage spöttisch von der
»Premieren-Publikums-Begeisterung« sprach, »an deren Feuer sich kaum ein
Nachtlicht anzünden läßt«, empfand ich seine Bemerkung nur als Ausfluß
seiner pessimistischen Weltanschauung. Georg bestärkte mich darin.

»Ihr Unglauben an die Menschennatur lähmt Ihre Tatkraft,« sagte er ihm.

»Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht Sie, wohl aber Ihre Frau
in einem Meer von Enttäuschung untergehen lassen,« antwortete er
ärgerlich und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durch die langen,
roten Haare.

»Warum halten Sie mich allein für gefeit?« frug Georg lächelnd.

»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten -- und Ihre
Frau mit beiden Füßen zugleich mitten in den Strudel springt --«,
Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen
gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in den dunkelsten
Winkel verkriechen -- Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid -- und sie Ihrer
Frau um so zähnefletschender an die Gurgel springen ...«

Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht sprechen, wenn Sie
nicht gewichtige Gründe hätten. -- Trotzdem: ich will -- ich darf nicht
Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine
Kraft.«

Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie an die Sache, -- das
wäre besser für Sie und uns!«

Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte
genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie
sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen
Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren
Vortrag in unserem Verein wiederholen!«

»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken.
»Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor
Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen
die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, -- wir müssen vor der
breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«

Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist
ja -- das ist ja -- sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines
kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu
gewinnen.

»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr
Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen
lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! -- Aber nicht
wahr -- meine liebe junge Freundin --, Sie werden ihre Wünsche vor
unserem Vorstand selbst vertreten?«

Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war,
mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken,
aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst
entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und
verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln
schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.

Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie
werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese
junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.«
Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war
doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit
Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an
Verdiensten reich waren, sollte ich -- ein Neuling auf allen Gebieten --
meinem Willen gefügig machen!

Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam -- und es bedurfte zahlreicher
Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen --, desto mehr
erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine
Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und
nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von
wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und
den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.

»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,«
meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen
Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das
Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum
Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer
Rechte berühren wollten!«

»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde
zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten Mitglieder
verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.

»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte
eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf.
»Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde
es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung
aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung
aufstellen würden.«

»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Märtyrertum wird nur
der großen Sache nützen!« rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln,
mißbilligendes Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der
Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.

»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen.« Ohne
jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf
gegangen war.

Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke
zugeworfen hatte, war aufgesprungen. »Helma Kurz?! -- Niemals!« rief
sie. »Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von
allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, daß der
Verein als solcher sich statutengemäß für die Stimmrechtsfrage nicht
engagieren könne, daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und die
Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung
übernehmen wolle.

Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso
der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.

Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich
zu trösten: »Das Wichtigste ist doch, daß du die Sache durchgesetzt
hast!«

»Meinst du? -- Wenn aber der Sache die Träger, die Menschen, fehlen?!«

»Bist du nicht da? -- Und bin ich nicht bei dir?« Er streichelte mir
leise den herabhängenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein
Gefühl tiefer Ruhe überkam.

Dankbar küßte ich seine Stirn, -- unter meinen Lippen stieg es auf wie
eine Flamme.

»Sag, Georg -- lieber Georg -- sag es mir ganz ehrlich --« flüsterte ich
und trat beschämt von ihm zurück, »hast dus nicht gern, wenn ich dich
küsse?«

Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu
mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, preßte das erglühende
Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden
Finger mir zärtlich die Locken von den Schläfen strichen ...

Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum daß die Feder den
einstürmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir
vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen
Zuhörerinnen aber blieben merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine
beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen die ihren.

»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, respektive fortlassen
müssen,« sagte das rundliche Fräulein Doktor und rückte die Brille
fester auf ihr viel zu kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie
nicht sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein
Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden sich ihrer
Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie die Empfangenden. Sie
schlagen damit die Besten vor den Kopf --.«

Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen
mich.

»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben und wirken in
höchstem Maße aufreizend,« meinte die Hagere.

»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies stammen all meine
Angaben aus amtlichen Quellen.« Nach einer kurzen, scharfen
Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.

»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz über die
Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere Vorstandsdame, deren
verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr
eine Art Respektstellung geschaffen hatte.

»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« widersprach ich.
»Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die für die
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.«

»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig erscheinen, wenn wir
ihre Wünsche zu den unseren machen, -- das habe ich ja schon oft betont,
ohne Gehör zu finden.«

Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran,
den ganzen Vortrag zurückzuziehen. Aber mußte ich nicht Konzessionen
machen, um nur überhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder
überstimmt, -- Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden
Achselzucken der Abstimmung.

In dem großen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstraße fand an
einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien
hinauf drängten sich die Menschen. An langen Tischen unter der
Rednertribüne saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften
die Journalisten. Mit triumphierendem Lächeln, den Kopf von einem
Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von
schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. »Helma Kurz,
-- sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger --« hatte sie mir noch
hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant saß an meiner anderen Seite,
ein weißes Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst
nichts weiter als mein Name stand.

Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die
dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte.
Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich
bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte
und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte
Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines
Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies,
um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die
Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich
aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann
verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und
werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall von
den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der
Polizeileutnant stenographierte, -- entgeistert sah Frau Vanselow mich
an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.

»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu
tun für euer Geschlecht? -- Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der
Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete,
aber dessen ungeachtet für einen 'tüchtigen und pflichttreuen Beamten'
erklärt wurde, -- und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine
Bürgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame
Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der
Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte
das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich
vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den
Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«

Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter
jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu
schaffen ...

Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, -- nur daß die Arme
der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein
Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem
Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen
berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte
Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten
Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die
große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen
aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink
gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene,
als wäre ich noch zu Haus.

»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag -- im Klub
kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich,
auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.

»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir
befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem
Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das
Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.

Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um
Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen
verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe
die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag
schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in
einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit
und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«

So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich
jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine
Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen
Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren
zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der
Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere
Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden
Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form
kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie
wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu
verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie
unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner
letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.

»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation
beiseite ließen --« sagte sie.

»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren
wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu. »Wer keine Kritik
verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten
wiedergibt, -- der soll sich nur gleich begraben lassen!«

Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen
wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis,
daß der Kongreß für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen
hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser
Forderung anzuschließen.«

»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und gab ihm freudig meine
Unterschrift.

Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: »Vorwärts
bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein
Fortschritt!«

Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch gegenüber: seine
Augenwinkel zuckten nervös, unruhig trommelten seine Finger auf der
Tischplatte, während ich, totmüde von den langen Verhandlungen,
gedankenlos in einer Zeitung blätterte.

»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes Schweigen. »Ich -- ich
bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die
geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! -- Weil er ein
'Schlagwort' ist! -- Weil seine Annahme den Verein sprengen würde! --
Weil es 'unethisch' ist, andere zu 'verletzen'! -- Was meinen Sie: ist
es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir
immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!«

Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden,
hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hände, seinen
armen gelähmten Körper. »Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er
einmal gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend 'vergiften'!« Und
dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines
Gefährten, -- er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.

»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir wollen?« kam es mir leise,
wie im Selbstgespräch über die Lippen.

»Sie haben recht -- wir müssen uns abfinden -- so oder so!« ...

Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise
schloß ich die Wohnungstür auf, -- um die Zeit war er immer in seine
Studien vertieft, dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den
Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen --

»Alix!!« -- Ein einziger Laut, -- und der Jubel, die Sehnsucht, die
Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und
brannten, -- zum erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.

»Das Leben ist kurz, Alix, viel -- viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr
verlassen!«

»Nie mehr, Georg -- nie mehr!« -- Angstvoll forschte ich in seinen
Zügen. -- »Hast du gelitten, -- mehr als sonst?«

»Sprechen wir nicht davon, -- jetzt ist es ja gut -- alles gut!« Und er
lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.



Zwanzigstes Kapitel


An einem schönen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie
berührten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber
meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön ruhig!« pflegte Mama zu
sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne
habt Ihr!« bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans
Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch das
Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher Backfisch
geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. »Papa brummt immer, --
wir gehen ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.

Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters.
Es war jedes Mal eine Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen
aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu schweigen, während
mir das Blut oft vor Zorn in den Schläfen klopfte. Man vermied zwar von
der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden,
Kathedersozialisten und Egidyaner, als den »Hilfstruppen« der
Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergnügen darin, mich
durch ihre schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.

Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine
wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann.
»Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,«
sagte er, »da gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat
sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen
Schwindler -- Wohlfahrt heißt der Kerl zum Überfluß! --, wie ich höre,
das Näheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir
die nötigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.

Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um
Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht
gegenüber zu sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger
ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und plötzlich sank sein
Kopf auf die gefalteten Hände, und seine breiten Schultern bebten, von
lautlosem Schluchzen erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der
dem Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter
Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich zu machen schien, -- er saß
hier vor mir, zusammengebrochen, als wäre ein Fels ihm auf den starken
Nacken gestürzt, -- und weinte!

»Meine Kinder -- meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen hervor --
»alles habe ich diesem Menschen geopfert, -- mein Letztes!«

Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begrüßen, aber
die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als müßte er sein Herz
ausschütten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch
verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner
Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem
er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.

»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Märtyrer
bewundern, werden Sie zeigen können, daß Sie ein Mann sind!« sagte
Georg, als er schwieg.

Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwäche
verscheuchen, strich sich Egidy über die Stirn und reichte Georg die
Hand: »Weiß Gott, -- ich werde es beweisen!« Und sich zu mir sich
wendend, fuhr er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover
sagte: 'Im schlimmsten Fall reite ich allein -- langsamen Schritt
vorwärts -- nach Zählen -- im Kugelregen.' -- Leben Sie wohl.«

Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein -- im Kugelregen!«
wiederholte ich leise und kreuzte fröstelnd die Arme unter der Brust.

»Meine Alix fürchtet sich?! -- Vergiß niemals, was der große
Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im
Bunde ist mächtiger als alle. In diesem Glauben siegte er!« Georgs
blasse Haut leuchtete im Abenddämmer.

War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte -- Gleichgesinnte? --
und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen
wähnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...

Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Sünden in seinen
Vorstand gewählt: Ich war ein »Name«, -- damit hatte Frau Vanselow die
Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren
Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames
Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche
Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fünfundzwanzig
Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr.
Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.

Es gelang mir zunächst -- nachdem ich von vornherein die Arbeit dafür
auf mich genommen hatte --, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen,
und ich hatte die Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern
Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen werden, -- eine weithin
sichtbare Fahne für unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen
Blätter für die Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die
Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete
ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, die wir damit auf
uns nehmen müßten, jammerte die eine, über die »seit Jahren
liebgewordenen« Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift
treten sollte, die andere.

»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu
entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau
Vanselow und sah mich prüfend an. Ich begriff.

»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vorsitzenden anvertraut
werden,« sagte ich rasch. »Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir
hilfreich wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow und
streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.

»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau Schwabachs scharfe
Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: »Das begreife, wer kann!«

»Unser liebes, heute leider fehlendes Fräulein Georgi hat die
Mitteilungen bisher als Schriftführerin zu unser aller Zufriedenheit und
-- unentgeltlich --« ein vielsagender Blick traf mich -- »in selbstloser
Hingabe an die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, wenn man
sie beiseite schiebt!«

Empört fuhr ich auf: »Es handelt sich hier um die Sache und nicht um die
Personen, um ein öffentliches Unternehmen und nicht um ein
Vereinsblättchen! Jeder Fortschritt verletzt irgendwen, -- und wenn Ihre
Ethik im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis und
wähle diesen!«

Ich erhob mich rasch und überließ den Vorstand sich selber.

Vier Wochen später erschien die erste Nummer der »Frauenfrage« unter
Frau Vanselows und meiner Redaktion. Georg eröffnete sie mit einem
Artikel für das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte Helma
Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, durch das sie zur
Gründung eines nationalen Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits
bestehenden in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande
anschließen sollte.

Mit einem harten »Niemals« begegnete Frau Vanselow meiner Begeisterung
für diesen Zusammenschluß. »Aufspielen will sich die Kurz, von sich
reden machen, nachdem ihr angesichts unserer Erfolge längst schon die
Galle überläuft ...« Nur schwer gelang es mir, sie zu beruhigen und zur
Teilnahme an den vorbereitenden Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von
Frauen, in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, --
war das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?! Hier würde die
Arbeiterin neben der Bourgeoisdame, die Sozialdemokratin neben der Frau
des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen würde
schließlich die lebenskräftigste siegen, -- durch die Mütter der
kommenden Generation würde leise und natürlich die Quelle in die
Menschheit gelenkt werden, die bestimmt war, als Strom die Schiffe der
Zukunft zu tragen!

»Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, -- nach unserem Plan!«
meinte Georg. Ich benutzte den nächsten freien Augenblick, um mit Martha
Bartels die Sache zu besprechen. Seltsam: sie wußte von nichts, das
Zirkular war ihr nicht zugegangen. »Und wenn ich es schon erhalten
hätte,« sagte sie, »es ist mir zweifelhaft, ob meine Genossinnen eine
Beteiligung für nützlich gehalten haben würden.«

»Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet sich Ihnen eröffnen
würde« -- eiferte ich, auf das schmerzlichste überrascht durch ihre
ablehnende Haltung, -- denn daß die Aufforderung sie nur durch irgend
einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich überzeugt, -- es war ja
im Zirkular die Rede von »allen Frauen«.

»Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, -- groß genug für
die gewaltigsten Arbeitskräfte! Eine Vereinigung mit der bürgerlichen
Frauenbewegung würde zersplitternd und verwirrend wirken. Die große
Masse unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewußt, um sich den
Damen gegenüber als Gleichberechtigte zu fühlen.«

Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekränktheit über die
Zurücksetzung als Überzeugung sprach.

»Wir reden noch darüber,« sagte ich, innerlich ordentlich froh über die
Aufgabe, die sich mir eröffnete: Ich sah sie schon erfüllt, sah in
Gedanken Martha Bartels auf der Tribüne stehen und durch ihre schlichte
Wahrhaftigkeit die Frauen gewinnen. Ich schrieb an Helma Kurz, um sie
auf das Versäumte aufmerksam zu machen, -- ich erhielt keine Antwort.
Bei dem Begrüßungsabend der deutschen Delegierten erwartete ich mit
Ungeduld das Ende des Diners, um sie persönlich zu sprechen. Ich fand es
zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk bei Wein und Rehbraten in
großer Toilette zu beginnen und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch
ehe irgend etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma Kurz; sie
wurde dunkelrot, als sie mich sah. »Hier ist nicht der Ort, prinzipielle
Fragen zu erörtern,« sagte sie heftig und drehte mir den breiten Rücken
zu.

Am nächsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich als eine der ersten
zur Debatte. Es wurden endlose Reden gehalten: über die Einigkeit aller
Frauen, über die gemeinsamen großen Ziele, -- vergebens wartete ich
Stunde um Stunde, daß mir das Wort erteilt werden würde. Ich meldete
mich noch einmal. »Sie müssen Ihren Antrag schriftlich formulieren!«
schrie Helma Kurz mich bitterböse an. Ich tat es. Ein erregtes Tuscheln
um den Vorstandstisch -- »Ihr Antrag steht außerhalb der Tagesordnung«
-- verkündete die Vorsitzende. Ich versuchte mir gewaltsam Gehör zu
verschaffen. Um mich kreischten erregte Stimmen: »Schweigen Sie!« --
»Hinaus!« -- »Wie unethisch!«

Majestätisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz hinter dem
Vorstandstisch auf: »An dieser Störung unserer schönen Harmonie sehen
Sie, meine Damen, wes Geistes Kind diejenige sein muß, die sie
hervorrief!« erklärte sie mit feierlicher Würde, jedes Wort betonend.
»Ich werde trotzdem, nicht aus Rücksicht auf die Delegierte des Vereins
Frauenrecht« -- sie lächelte spöttisch -- »sondern auf unsere hier
anwesenden bewährten Mitkämpferinnen die Erklärung abgeben, die in einer
Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen
Radauversammlungen üblich war. Sämtliche deutsche Frauenvereine
sind zu dieser Zusammenkunft aufgefordert worden, mit Ausnahme
derjenigen natürlich, die nicht auf dem Boden unserer Staats- und
Gesellschaftsordnung stehen.« -- Ein langanhaltendes Bravo-Rufen
unterbrach sie -- »Ihre Teilnahme würde die Auflösung des Verbandes zur
notwendigen Folge gehabt haben ...« Ich sprang auf und warf noch einmal
meine Karte auf den Vorstandstisch. »Im Interesse der ruhigen
Fortführung unserer Verhandlungen haben wir beschlossen, Frau von
Glyzcinski das Wort zu verweigern.« Erneuter allgemeiner Beifall --

Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschluß der
Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte die Pause zum
Sammeln von Unterschriften. Aber wem ich auch in die Nähe trat, --
schon vor meiner Person zog man sich scheu zurück. Entrüstet blitzte
mich Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an: »Und Sie sind
eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame pflegen und betonen soll!« Ich
fand in der großen Versammlung nur zwei Stimmen, die sich mir
anschlossen, unter ihnen die Frau Vanselows. »Sie schicken das an die
Presse? -- Famos! Ein empfindlicher Schlag für Helma Kurz!« sagte sie.

»Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden,« tröstete mich Georg, als
ich verstimmt und enttäuscht nach Hause kam. Es dauerte lange, ehe der
heilende Trank seines Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus
dem Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit tötete er nicht.
Was ich in unserer Zeitschrift und in der »Frauenfrage« veröffentlichte,
wurde immer schärfer im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die
Bücher, die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, -- ich
beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus: ihrer Stellung
zur sozialen Frage, zum Sozialismus.

       *       *       *       *       *

Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand damals
allmählich die Elendsschilderung, die in Hauptmanns Webern noch die
Peitsche gewesen war, die rücksichtslos blutige Striemen zog, und in
seinem »Hannele« das Bettlerkind schon in Märchenkleidern zeigte.
Künstlerische Begeisterung entzündet sich an jungen Ideen, solange sie
flackernde Flammen sind und die Gefahr des Erlöschens ihnen
phantastisch-spannenden Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu
Schwertern, die der Kämpferarme bedürfen, während das Seherauge des
Künstlers schon sehnsüchtig nach neu auftauchenden Lichtern im fernen
Dunkel Ausschau hält. Aber was Notwendigkeit ist, erschien mir wie
Treulosigkeit und Schwäche, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus
der Menschheit trat, wie ein frevelhafter Rückschritt.

Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen und Nietzsche die
Freiheit der Persönlichkeit verkündet, in jahrelangem, schmerzvollem
Ringen hatten wir sie erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige
Lampe sich von unserem Herzblut tränkte. Und nun kamen die vielen
lärmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht, und nichts als ein
neues Spielzeug war sie ihnen. Dem gebildeten Pöbel galt jeder als ein
Freier, der schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entgötterte
Menschheit suchte nach Götzen, und jeder fand eine anbetende Gemeinde,
der alte Werte mit Füßen trat.

»Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an sich!« sagte ich
einmal voller Empörung zu Polenz, der mir Hartlebens »Hanna Jagert«
gebracht hatte. »Gewiß gibt es Frauen mit denselben sinnlichen
Leidenschaften, wie Männer sie haben, aber in ihnen den 'großen freien
Weibtypus der Zukunft' zu suchen, ist ebenso frevelhaft, als wenn man
den modernen Lebemann für das Ideal der Männlichkeit erklären würde.«

»Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die zumeist aus dem
engsten Kleinbürgertum stammen und von da aus direkt der Großstadtbohême
in die Arme laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd und
bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie sollten es wagen, in
die Höhle der Löwen zu kommen,« antwortete Polenz.

Ich zögerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen war, das ihm
geeignet schien, mich heiterer zu stimmen, redete zu, und so folgte ich
eines Abends Polenz' Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft
zusammen gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde
Schriftsteller, sächsische Gesandschaftsattachés und die Blüte der
berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine unbehagliche Stimmung herrschte; die
Herren von der Feder fühlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Fräcken,
und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer Interessantes erwartet
hatten, vermochten trotz aller Mühe die genierte Steifheit der fremden
Gäste nicht zu überwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es ein
wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten Schriftsteller,
der mit einer gewissen Grazie die gewagtesten Dinge zu schildern
pflegte, saß neben mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war,
mit dunkler Brille über den lebhaften Augen, mir gegenüber. Ich ließ
alle meine oft erprobten, geselligen Künste spielen, schlug alle Saiten
an, von denen ich einen Ton erwarten konnte, -- vergebens. Wie
Backfische, die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie mit einem
Ja, einem Nein und einem verlegenen Lächeln, wenn ich glaubte, gerade
ihre Interessen berührt zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel
herauf und herunter: überall dasselbe Bild, -- und langsam legte sich
eine bleierne Langeweile über die zu krampfhaftem Höflichkeitsgrinsen
verzerrten Züge. Man atmete schließlich erleichtert auf, als das Essen
zu Ende war; und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im
Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald dröhnendes Lachen
herrüberscholl.

Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Straße stand, trat eine
kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein Spitzentuch lässig über den
dicken, blonden Schopf geworfen, auf mich zu. »Er ist wohl noch immer da
drin, der Franzl,« sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten
Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. Überrascht sah ich sie an --
»Juliane Déry! Was machen Sie denn hier?« -- »Ich warte! -- mit dem
letzten Bissen im Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber
es muß doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ...« Ich
lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten drei Stunden.
»Und Sie dachten wirklich an gedeckten Tischen, zwischen Grafen und
Baroninnen, unsere jungen Genies kennen zu lernen?!« Sie konnte sich vor
Vergnügen nicht lassen, amüsiert blieben die Vorübergehenden bereits
neben uns stehen. »Kommen Sie!« mahnte ich leise und schob meinen Arm in
den ihren.

»Richtig! -- Wir haben ja schon einmal eine nächtliche Promenade
gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden und haben --« sie stockte ein
wenig -- »geheiratet!«

»Und Sie?« Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, um irgend etwas zu
sagen.

»Ich? -- Gott -- Sie sehen: ich lebe! Was sollte unsereins auch sonst
noch tun!« Ein düsterer Schatten verdunkelte einen Augenblick lang ihre
Augen, dann lächelte sie wieder: »Wissen Sie was? Kommen Sie heute mit
mir, -- ich bin ein besserer Cicerone der Bohème als Ihre Gastgeber
eben! Überdies --« sie musterte mich unter der nächsten Laterne von
oben bis unten -- »werde ich mit Ihnen Furore machen.«

Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der Friedrichstadt,
erzählte sie mir mit der ihr eigenen sprühenden Lebhaftigkeit von all
den freien Geistern, die ich finden würde. »Der große...«, »der
geniale...«, »der einzige...«, -- mit diesen Adjektiven begleitete sie
Namen, die mir kaum bekannt waren.

Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches uns entgegen; ein
paar Lampen, ein paar Lichtpünktchen brennender Zigaretten leuchteten
hindurch. Ein Chor schwatzender Stimmen machte jedes Wort
unverständlich. Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen,
verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich und umringten uns.
Sie rochen nach Kognak, -- unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.
Man hörte meinen Namen. »Bist wohl verrückt geworden, Juliane!« brummte
eine Männerstimme, und ein Arm legte sich um ihre Taille. Ich setzte
mich abseits in eine Ecke. Nach einer Weile schien ich vergessen und
fühlte mich wie eine Zuschauerin vor der Bühne. Es war zweifellos ein
interessantes Spektakelstück, das ich sah, und Menschen eigener Art, die
darin spielten.

Zu Füßen eines großen, tiefbrünetten Mannes, um den sich allmählich die
leeren Flaschen häuften, saß eine blasse Frau mit blonder Haarkrone auf
dem vornehmen Köpfchen. Das mußte die dänische Gräfin sein, die der
»satanische« Dichter, wie die Déry ihn nannte, entführt hatte. Wenn er
redete, sah sie andächtig zu ihm auf, und die Nächststehenden schwiegen.

»Ja -- was ich sagen wollte -- --« er sprach mit einem scharfen
slawischen Akzent -- »was -- was war es doch?« Er goß sich roten Wein in
das Glas, -- ein paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen Füßen auf die
weiße Stirn, -- er vergaß zu trinken und starrte sie an: »wie schön das
ist: die Dornen deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, -- wie
ein Rubin leuchtet dein königliches Blut ...«

»Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,« brüllte er im nächsten Augenblick
und stürzte den Wein hinunter, »was geht das Euch Kanaillen an?!« Die
anderen lachten.

»Du hast uns deinen Helden schildern wollen!« sagte jemand.

»Meinen Helden!« begann er wieder, »das wird ein Kerl sein! Kein
waschlappiger Schmachtfetzen, der die Weiber anhimmelt, sondern einer,
der zupackt, wie ich!« -- seine Riesenfaust umklammerte den Arm der
blonden Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, -- »keiner, der den Lahmen
Krücken schenkt und den Blinden Brillen, sondern einer, der beiseite
stößt, was ihm im Wege steht. Oder meint ihr, das Gesindel um uns sei
was besseres wert?! Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die
Starken, die Hartherzigen, dann wird das Gewürm, das Junge wirft wie die
Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen helfen, winselt ihr mit dem
verwässerten Christenblut in den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen
den Gnadenstoß geben, damit die Starken Platz haben!«

Ich hielt mich nicht länger. »Es muß sich aber erst erweisen, wer die
Starken sind,« rief ich.

»Erweisen? Nein, schönste Frau, -- wenn wirs nur von uns selber wissen,«
antwortete er, stand auf und trat auf mich zu, -- er schwankte ein
wenig -- »Sie sind ja so Eine, die sich opfert -- der Menschheit -- der
Ethik -- pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und solcher Gestalt --« seine
große Hand streckte sich, ich wich ihr erschrocken aus -- »sich
behaupten sollten Sie, -- Glück schenken und Liebe, -- das ist mehr als
Traktätchen -- und -- und -- Kinder kriegen --«

Er fiel wie ein gefällter Baum der Länge nach zu Boden. Ich strebte
hastig der Türe zu. Juliane Déry kam mir nach und drängte ihr glühendes
Gesicht dicht an das meine.

»So bleiben Sie doch -- Schönste -- Beste,« schmeichelte sie -- ich
fühlte ihre Hand auf meiner Hüfte. »Ist er nicht groß? -- herrlich? Und
jetzt wird es erst schön -- komm! komm! -- laß uns Freundinnen sein --«
Sie versuchte mich zu küssen. Ich schüttelte sie ab. »Hochmütige Närrin
--« knirschte sie.

»Sie -- sie hat kein Herz -- kein Herz -- wie all die -- die
Tribünenweiber!« lallte der Betrunkene, der sich halb aufgerichtet
hatte.

Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den nächsten Wagen. Warum nur
brach ich schluchzend in den Kissen zusammen, -- warum?!

Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer. Zum erstenmal
verschwieg ich Georg, was ich erlebt hatte; nur von dem Abend bei Polenz
erzählte ich und von den Menschen dort, die »auch nicht die unseren
sind«.

Er hörte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem Brief, den er zwischen
den Fingern rollte und mir lächelnd reichte.

»Hier werden wir die unseren finden!« sagte er.

Es war eine Einladung zu einem Festkommers »unserem verehrten Genossen
Friedrich Engels zu Ehren«, von den Mitgliedern des Parteivorstands
unterschrieben. »Du willst hingehen?« frug ich erstaunt, »als
preußischer Universitätsprofessor?!«

»Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen, einmal im Leben dazu zu
gehören! -- und den Kragen wird es nicht kosten!«

       *       *       *       *       *

Ein großer Saal. Grüne Girlanden, mit roten Blumen besteckt, schwebten
in runden Bogen um die Galerien, von einer Säule zur anderen.
»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« leuchtete es in riesigen
Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Tribünenwand herab den
Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerbüschen glänzten die weißen Büsten
von Marx und Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon dicht
gefüllt: Männer im Festtagsrock, Frauen und Mädchen in bunten Blusen und
hellen Kleidern, die Gesichter verklärt, wie die der Kinder von
Weihnachtsvorfreude. Ein Glanz der Jugend strahlte aus allen Augen und
verwischte die Furchen, die Leidenszüge, die Kummerfalten, und gab den
früh gebleichten Wangen die Röte der Kinder des Glücks.

Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den bleichen Mann im
Rollstuhl und die junge Frau ihm zur Seite. Der alte Bartels führte uns
bis nach vorn, wo an gedeckten Tischen die Plätze für die Gäste
reserviert waren.

»Daß ich das noch erlebe -- Herr Professor -- das noch erlebe,«
wiederholte er immer wieder, mit dicken Freudentränen in den kleinen,
zwinkernden Äuglein.

Brausende Hochrufe erschütterten die Luft. -- Alles erhob sich --
schwenkte die Hüte und wehte mit den Taschentüchern -- auf die Tische
und auf die Schultern wurden die Kinder gehoben, so daß ihre Köpfchen
wie Blumen aus dichtem Wiesengrund über die Massen emporragten. Und
durch den breiten Mittelgang, an dem sich rechts und links, eine
undurchdringliche Mauer, die Menge staute, kamen sie alle, die alten
Kämpfer, deren Namen ein blutiger Schrecken für die einen, ein Symbol
künftiger Glückseligkeit für die anderen war.

Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden haften, die ich um
mich herum immer wieder flüsternd nennen hörte: Liebknecht -- Bebel --
Auer -- Engels. Groß war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn,
geistvoll sprühenden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus um den Mund,
klein der andere, mit widerspenstiger voller Haarsträhne, die ihm immer
wieder nach vorne fiel, so daß sein Blick sich noch mehr verschleierte,
-- jener merkwürdige Blick, wie ihn nur Dichter und Träumer haben. Einen
breiten, hellen Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken
Schultern, ein paar Augen, die gewiß kampflustig zu blitzen verstanden
wie die alter Häuptlinge, sahen über die Menge hinweg. Vorne aber ging
der alte gefeierte Gast mit einem Lächeln so voll gerührter Güte und
freudiger Menschenliebe, als wären das alles seine Kinder, die ihm
entgegenjauchzten.

Gesang, Musik, Begrüßungsreden wechselten miteinander ab, wie bei einem
großen Familienfest. Nichts Pathetisches, aber auch nichts, das an
Aufruhr und revolutionäre Schrecken erinnerte, störte die Stimmung. Das
Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal schien heute nur die Farbe
der Freude zu sein, nicht die des Bluts. Auch die 'Freiheit', die
auftrat, mit der phrygischen Mütze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre
Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem Boten des
Frühlings als der Revolution.

Drunten im Saal, wie oben auf der Tribüne herrschte eitel Fröhlichkeit.

Von einem Tisch zum anderen begrüßten sich die Bekannten, und er, der
Held des Tages, drängte sich mit den Freunden immer wieder durch die
Reihen und schüttelte die Hände alter Kampfgenossen aus den schweren
Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu uns und setzten sich um Georgs
Rollstuhl, und seine Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor
Bewegung. Mit einer altväterisch-chevaleresken Verbeugung schenkte mir
Engels ein paar Blumen aus der Fülle, die ihm gegeben worden war. »Ein
gefährliches Zeichen,« lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke
darunter. »Eins des Sieges, wie ich hoffe,« antwortete ich.

Wir gingen still nach Haus. Eine große Freudigkeit erfüllte uns.

       *       *       *       *       *

An einem grauen, naßkalten Dezembertag war es. Das Reichshaus sollte
eingeweiht werden. Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrücke zu sammeln
für das, was ich schreiben wollte. Man lachte -- schwatzte -- höhnte
rings um mich her: vom »Gipfel der Geschmacklosigkeit« sprach der Eine,
-- so hatte S. M. jüngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet --, von
der leeren Tafel über den Toren erzählte der andere, die auf die
Inschrift »Dem deutschen Volke« vermutlich vergebens warten würde; --
»den Junkern und Pfaffen, -- wirds statt dessen heißen,« fügte bissig
ein Dritter hinzu. »Wenn man die Umsturzvorlage det janze Dings nich
umstürzen wird,« zischelte es dicht neben mir. Der stramme
Polizeileutnant, der hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In
offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorüber: Zivilisten mit glänzenden
Zylindern auf dem Kopf und bunten Bändchen im Knopfloch, auf den Zügen
den Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen
Soutane mit runden glänzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, denen der
enge Kragen das Blut blaurot in die Stirne trieb, und deren bunter Rock
sich in Falten über Brust und Leib spannte. »Drum müssen sie doch alle
stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, -- die M. d. R.s --«
zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.

Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin und her, -- ihre
Pferde drängten die angstvoll aufkreischenden Zuschauer zur Seite.

Vom Schloß die Linden hinunter trabte eine Schwadron Garde du Korps in
glänzender Uniform mit wehenden Fähnlein. Da plötzlich ein klirrender
Stoß -- ein Schrei, -- und zwei Reiter wälzten sich unter ihren Pferden.

Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! Schweigend --
erwartungsvoll -- kaum, daß ein paar Hüte von den Köpfen flogen --
harrte die Menge, -- schwankend, mit totblassem Gesicht richtete der
eine der gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, -- dicht vor ihm
schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das Pflaster.

Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang auf -- ein einziger
kalter Blick streifte den Garde du Korps -- die feindselig-stumme Menge
hinter ihm, -- und vorüber raste der Wagen.

Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen auseinander. Das war,
so schien mir, der rechte Auftakt für das kommende Schauspiel: den Kampf
um die Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern
im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.

Unter kriegerischem Gepränge war es heute geweiht worden, --
Kriegszeiten standen bevor.

Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten war mein Plan gefaßt,
und noch ehe Georg aus der Universität zurückkam, lag meine »Erklärung«
schon auf dem Schreibtisch. »Im Namen des weiblichen Geschlechts
protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,«
begann sie, und weiter hieß es darin: »'Beschimpfende Äußerungen gegen
Ehe und Familie' gefährden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr
wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und nicht durch
'Kundgebungen' werden 'weite Bevölkerungkreise' zu dem Glauben verführt,
daß die Grundlagen unseres Lebens auf 'Unwahrheit und Ungerechtigkeit'
beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hälfte des
Menschengeschlechts, die Mütter der Staatsbürger, mit Unmündigen,
Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe stellt und durch
wirtschaftliche Zustände, die Millionen von Frauen in den Kampf ums
Dasein treiben, das Familienleben zerstören, die Ehe erschüttern ...«

Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklärung mit der Bitte um
Unterschriften an die Presse. Kaum war sie veröffentlicht, als Onkel
Walter mich mit seinem Besuch überraschte. »Ich komme, dich zu warnen,«
sagte er, »man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipräsidium
deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei, und heute im
Reichstag hat der Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, daß, wenn
die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr ähnliches Gesetz in Kraft
treten sollte, du zu den Ersten gehören wirst, die davon getroffen
werden; -- vorausgesetzt natürlich --,« er sprach langsam und betonte
jede Silbe -- »daß du nicht klug genug bist, vorher andere Wege
einzuschlagen.«

»Ich danke dir für deine Freundschaft, lieber Onkel, -- aber daß ich
deinem Rat folgen werde, wirst du von mir kaum erwarten.«

»So sind wir geschiedene Leute!« rief er, und krachend fiel hinter ihm
die Tür ins Schloß.

Seltsam, -- er hatte mir niemals nahe gestanden, und doch: in diesem
Augenblick krampfte sich mir das Herz zusammen, -- ein Stück der
Kindheitsheimat nahm er mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte
ich furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei Zeilen ohne
Anrede und Unterschrift: »Nach Deinem letzten Benehmen wirst Du Dich
nicht wundern, wenn wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu
Gott, daß er Dich wieder auf den rechten Weg leiten möge! ...«

       *       *       *       *       *

Eisig fegte der Ostwind durch die Straßen, feine, schimmernde
Eiskristalle tanzten in der Luft, und der Rauhreif wandelte den
Tiergarten in ein Wintermärchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt Georg
in die Universität. Seine Vorlesungen über soziale Ethik füllten das
Auditorium bis in den fernsten Winkel und leidenschaftlich erregte
Menschen -- alte und junge -- Männer und Frauen -- begrüßten ihn mit
heftigem Beifallsgetrampel. Hinter dem Pult war nichts von ihm zu sehen
als der bleiche, dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen.
Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er geißelte die Sünden des
Kapitalismus mit einer Schärfe, wie sie in diesen Räumen noch nie gehört
worden war, und verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter
mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort riß.

»Der Glaube, daß wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen, vor einer
Weltwende stehen, wie die Menschheit noch keine erlebt hat, ist eine
Überzeugung, die immer weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit
mehr zu beschaulichem Träumen ...« -- Seine Stimme hob sich in
ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie eine tiefe Glocke. »... Wir
müssen uns klar werden über die Lage der Dinge und wach sein für die
Nöte des Tages ... Wir müssen uns bewußt werden, wohin wir gehören ...«

»Er spricht sein Todesurteil ...« hörte ich leise flüstern. Kirchenstill
war es. Er wurde vom Katheder heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte
sich in Bewegung, mit scheuer Ehrfurcht grüßten ihn die Studenten.

Fauchend schlug ihm der Wind in das heiße Gesicht, als wir ins Freie
traten, und fröstelnd zog er sich den Pelzkragen höher. Vergebens bat
ich ihn, sich aus seinem offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen
heben zu lassen. Den ganzen langen Weg über die Linden, durch den
Tiergarten, über den Lützowplatz kämpften wir mühsam wider den
Schneesturm.

Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: groß und schlank, den
feingeschnittenen Kopf zurückgeworfen, den Bart keck in die Höhe
gewirbelt, -- »Hessenstein!« rief ich überrascht.

»Kein anderer, gnädige Frau!« sagte er und küßte mir die Hand -- »ich
warte auf Sie -- ich konnte Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen
Abschied zu nehmen --«

Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung. Seltsam fragend betrachtete
Georg den Gast, den ich so freudig willkommen hieß.

»Sie verlassen Europa?« frug ich, »und warum?«

»Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk war mir nicht
mehr wohl im bunten Rock --« antwortete er, während sein Blick
sekundenlang peinlich überrascht zwischen Georg und mir hin und her flog
-- »und die neu eröffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf Eltern und
Geschwister schießen lassen zu müssen, hat meinen militärischen Ehrgeiz
auch nicht wesentlich steigern können. -- -- Ich habe einen Bruder in
Java, -- dorthin will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel!
Aber -- was soll man tun --, wenn man den Mut nicht aufbringt, unter die
Roten zu gehen!«

»Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste,« sagte Georg mit feindseliger
Schärfe. Rote Flecken brannten ihm über den Backenknochen.

Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch, gut machen zu
wollen, was Georg verfehlt hatte, war ich doppelt herzlich.

»Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder! Möchten Sie
recht, recht glücklich werden« -- damit reichte ich ihm beide Hände. Er
senkte tief den Kopf darauf. »Ich danke Ihnen!« flüsterte er bewegt.

Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein Kopf glühte -- seine
Hände waren heiß.

»Du fieberst!« rief ich erschrocken.

»Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, -- ich wollte nur heute die
Universität nicht versäumen --« ein harter Husten ließ ihn verstummen.
»Aber es ist nichts, Kindchen, nichts, -- ein Katarrh vielleicht!«
Wieder eine Pause. -- »Komm einmal her zu mir, Liebling, -- ganz nah --«
ich kniete neben ihm -- sein rascher, heißer Atem berührte mein Gesicht
-- »du -- du -- liebtest wohl jenen Hessenstein?«

»Georg!!« Mir stieg das Blut in die Schläfen. »Wie kommst du darauf?«

»Ihr -- ihr saht euch an -- wie -- wie Menschen, die zusammen gehören!«

Lächelnd drückte ich meine Wange an seine schmalen Hände. »Nie -- Georg,
-- nie -- gehörten wir zusammen!« meine Augen richteten sich klar auf
ihn. »Und wenn es gewesen wäre, -- bin ich heute nicht dein -- nur
dein?!«

»O du -- du!« stöhnte er; seine Arme preßten sich sich um meine
Schultern, -- in meinen Haaren vergrub er sein Gesicht, -- gegen meine
Brust pochte sein Herz in wilden Schlägen.

Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich mußte ihn auf und ab
fahren; der Husten nahm zu, und jedesmal, wenn er den armen Körper
schüttelte, verzogen sich schmerzhaft die Züge. Ich schickte zum Arzt.
Er untersuchte ihn und lächelte beruhigend, als Georgs Blick in
angstvoller Frage den seinen suchte.

»Eine Erkältung. Halten Sie sich hübsch ruhig, -- dann ists bald
vorbei.«

In der Nacht stieg das Fieber. Er ließ meine Hand nicht los. Von Zeit zu
Zeit sah er mich flehend an, und flüsterte kaum hörbar: »Küsse mich!«

Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei Nächte lang.

»Sie müssen Hilfe haben,« -- sagte schließlich der Arzt. Ich schüttelte
nur den Kopf. Am Nachmittag des vierten Tages schien das Fieber zu
sinken. Die Augen wurden wieder klar.

»Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix,« begann der Kranke mit
ruhiger, fester Stimme. »Es geht zu Ende mit mir, -- weine nicht,
Kindchen, -- bitte, weine nicht! -- Ich habe, glaube ich, meine
Schuldigkeit getan --; was ich ungetan ließ, -- du, du wirst es
vollenden! -- -- Du wirst mir treu sein, -- im höchsten Sinne treu --«
fassungslos brach ich neben ihm zusammen -- seine Hände lagen auf meinem
Kopf -- »über alles in der Welt habe ich dich geliebt --.« Nur wie ein
Hauch kamen die Worte über seine Lippen -- »zum Paradiese hast du mir
das Leben gemacht, -- hab Dank, -- Dank --.« Ich verlor die Besinnung --

Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief in der Nacht, nur ein
Licht brannte im Zimmer, die Mutter war neben mir, -- so sanft und gut
und leise, wie immer, wenn sie Kranke pflegte.

»Alix --« klang es tonlos aus dem Nebenzimmer. Ich stürzte hinein.
Aufrecht auf seinem Stuhl saß Georg. Ich schlang den Arm um seine
Schulter.

»Warum -- warum läßt du mich sterben?!« flüsterte es vor meinem Ohr.
Sein Kopf sank an meine Schläfe. Tiefe, röchelnde Atemzüge kamen aus
seiner Brust.

Wie lange ich regungslos saß, -- ich weiß es nicht. -- Fahl dämmerte der
Tag durch die Scheiben. Der Arzt trat ein und umfaßte die wachsbleiche
Hand --

»Es ist vorüber --«



Einundzwanzigstes Kapitel.


Ein heißer Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus brannte die Sonne. In
üppiger Farbenpracht glänzten die bunten Blumen, ein sprühender
Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte ihre leuchtenden
Schneefelder im Rosensee. Schwül duftete um das Haus der Jasmin.

Ich lag in Decken gehüllt auf der Altane, -- ich sah das alles, und doch
sah ichs nicht. Tante Klotilde ging ab und zu. Sie war in Berlin eines
Tages in mein Zimmer getreten, hatte mich tränenüberströmt in die Arme
geschlossen und immer wieder die zwei Worte wiederholt: verzeih mir! Ich
hatte ihr versprechen müssen, im Sommer zu ihr zu kommen.

Und nun war ich hier, -- zu einer letzten, stillen Rast. Ich wußte, was
ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der unter grünem Epheu und roten Rosen
lag, treu sein wollte. Mein Entschluß war gefaßt. In meinem Schreibtisch
lag mein Abschiedswort an die Leser der Zeitschrift, die wir miteinander
geleitet hatten, -- und der Brief an meine Eltern, von dem ich wußte,
daß er sie schmerzen würde, wie nichts vorher. »Sie werden es überwinden
--« dachte ich in meinen schlaflosen Nächten, -- »ich werde ihnen von
da an eine Gestorbene sein!«

All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange ich zu Hause in
meinen einsamen Räumen war. Losgelöst fühlte ich mich schon von aller
Vergangenheit: Zu den Eltern zurückkehren sollte ich, hatten Vater und
Mutter in sorgender Liebe gemeint, -- so wenig wußten sie von mir!
Großmamas Heim im Schloß von Pirgallen hatte mir Onkel Walter als
Ruhesitz angeboten, -- so wenig ahnten sie, daß ich nicht ruhen durfte!

Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt, während sie mir in den
schwersten Tagen der ersten Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.

»Sie werden uns eine liebe Genossin sein --« hatte sie gesagt.

Eine Genossin! -- Keines Menschen Geliebte, keines Kindes Mutter, --
eine Gefährtin nur der Elenden und der Verfolgten. Es war fast ein
Gefühl von Freude gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.

Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!

O du Sommertag über den Bergen, wie wunderschön bist du!

Es liegt in der Luft wie eine große Sehnsucht, -- und jubelnde Erfüllung
zwitschern die Vögel und duften die Blumen. In den Sonnenstrahlen glüht
jedes Blatt wie Gold, blutrot färben sich zur Abendstunde die grauen
Felsen. Und ein ganzer, großer Korb blühender Alpenrosen steht vor mir.
-- Ich will die Augen schließen, will das prangende Leben nicht sehen,
-- aber dann schleicht auf unhörbar linden Sohlen die Erinnerung in
meine Träume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Glück ...

In der Morgenfrühe gleitet mein Kahn über den Badersee. Tief, tief bis
zum Grund kann ich sehen, wo um samaragdne Moose glitzernd die Forellen
streichen und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp ich
meine müden Füße heimwärts durch den Wald, wo die Orchideen blühen.

Drüben beim Bärenbauern herrscht jetzt der Sepp als Hausherr. Sein
junges blondes Weib trägt den ersten Buben an der Brust. Verlegen, die
Mütze zwischen den Händen drehend, hatte er die alte Spielgefährtin
begrüßt. Sie wußten im Dorf von mir: daß ich die »heilige Kirche«
bekämpfte und es mit den Freidenkern hielt! Warum schmerzt mich das
alles so sehr? Was konnten die Wenigen mir sein, da ich den Vielen
gehörte?

       *       *       *       *       *

»Übermorgen muß ich fort,« sagte ich entschlossen zu meiner Tante, --
»du weißt, die Arbeit wartet nicht, und ich bedarf ihrer --«

»Bleib noch, mein Kind, bleib noch, -- du bist noch so schwach --« bat
sie.

»Ich werde dir morgen beweisen, daß ich stark bin --« lächelte ich ...

       *       *       *       *       *

Es läutete gerade zur Früh