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Title: Über das Aussterben der Naturvölker
Author: Gerland, Georg
Language: German
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ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER

VON

DR. GEORG GERLAND,

LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.


LEIPZIG,

VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.

1868.

SEINER EXCELLENZ

DEM HERRN GEHEIMEN RATH

H.C. VON DER GABELENTZ.



Vorwort.


Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur
gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die
Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186;
aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was
von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig,
die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und
möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische
Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt;
sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden
müssen.

Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll,
findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und
andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich
seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es
möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den
Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete
Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer
Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?

Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern
gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben.


Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.

Australia felix. Berlin 1849.

Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).

Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
Band). Berlin 1793.

Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.

Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.

Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.

v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding.
Hamburg 1823.

Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.

Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842.

Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
1833.

Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.

Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme.
Leipzig 1849.

v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
(1815-18). Weimar 1821.

Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
1852.

Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.

Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach,
Braunschw. 1844.

Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.

Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.

Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
Pole Sud. Paris 1841.

Ellis, Polynesian Researches. London 1831.

Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
London 1853.

Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.

Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.

P. Mathias G***, Lettres sur les îles Marquises. Pasis 1843.

Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.

le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.

Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
1841.

Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.

Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
Philadelphia 1846.

Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.

v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.

Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
Australien. Berlin 1856.

A. v. Humboldt, a) Versuch über den politischen Zustand des Königreichs
                   Neuspanien. Tübingen 1809.

                b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
                   deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.

                c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.

Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.

v. Kittlitz, Denkwürdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.

v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringsstrasse
(1815-18). Weimar 1821.

Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.

v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
Frankfurt 1812.

La Pérouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
Berlin 1799 f.

v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
4. Berlin 1791.

Lichtenstein, Reise in Südafrika (1803-6). Berlin 1812.

Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,

Mariner, Tonga Islands. London 1818.

Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.

          b) Die Südseevölker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.

          c) Australien in Wappäus Handbuch der Geographie und
             Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.

Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
the present state of Australia. London 1851.

Moerenhont, Voyage aux îles du grand Ocean. Paris 1837.

Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
Ind. Commiss. Amst. 1862.

Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.

Novara, Reise der österr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.

Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.

Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.

Pöppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.

Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
1862.

Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
benedettina. Roma 1851.

Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.

Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
1784.

Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
1828.

Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.

Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.

Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
Berlin 1792.

v. Tschudi, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866.

Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
Berlin 1806.

Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.

Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.

Vankouver, Reisen nach d. nördl. Theile der Südsee (1790-95). Magaz. v.
Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.

Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), übers. v. Etzel.
Berlin 1856.

Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.

Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
London 1837.

Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.

Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.

Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge.



Inhalt.


      Vorwort. Quellen
§  1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
§  2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
      spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen
§  3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
§  4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern
§  5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl
§  6. Charakter der Naturvölker
§  7. Ausschweifungen der Naturvölker
§  8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord
§  9. Krieg und Kannibalismus
§ 10. Menschenopfer
§ 11. Verfassung und Recht
§ 12. Natureinflüsse
§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker
§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
      anzueignen
§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika
§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
      der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht
§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
      Lebenskraft
§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker
§ 21. Die afrikanischen Neger
§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur
      behandelt sind
§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben
§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
      Schluss



§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.


Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch
langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse
Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die
Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet
hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur
anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige
Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten,
höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen
zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.

Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies
Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein
scheinen.

Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen
Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem
Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe
stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden
hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur
Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen
haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft
verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich
wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten,
dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur
ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und
Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische,
semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der
Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern
der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit
dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die
sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte,
nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die
Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war
auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der
Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten
ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen,
und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert
durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich
viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins
Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch
Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung
Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch
sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen.
Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden
arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt
(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die
indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal
hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren
Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit
Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318).

Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne
es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun
fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche
Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss
beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft
sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien
bei Cook, findet u. dergl.

Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende
Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben
betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen
haben.

In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La
Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen
selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht
ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von
Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die
Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und
für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn
wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für
1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817
dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind,
mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig
findet, ist nur eine scheinbare.

Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch
294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten,
155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den
von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer
zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei
Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug
allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385
Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an
(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich
den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die
Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie
die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf
4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür
v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
höher als auf einige über dreissig gestiegen.

In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer
Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das
Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua
und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist.
Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria
hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie
betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
Eingeborene.

Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo
an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich,
Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und
daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die,
welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst
die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland
und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine
Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber
berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten
reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten,
jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.

Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach
D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum
1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine
Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.

In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch
100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich
ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
nur noch 700 Menschen (Gulick 245).

In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770)
etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für
1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen
auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche
indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher
begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der
früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln
war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt
scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
81).

Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822
mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der
ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt
(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout
(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281).

Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine
Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme
aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267
hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).

Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115)
22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt
die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325),
welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und
56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336
Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und
Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.

Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen,
gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
vorgeschritten sein (eb. 60).

Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer
Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach
Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl
vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).



§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.


Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden
aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die
Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von
Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe
verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische
Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch
machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel
macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu
nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in
den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines
ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen,
und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals
begriffen (?) und tief empfunden werden.«

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen
Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner;
seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen
Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer
geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die
Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem
Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der
Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in
Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht
seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender
Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.

Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in
Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt,
dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel
der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen
Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.«

Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden.

Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele
natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte
Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe
Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast
bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von
Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit
der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen
alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der
Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch
die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch
Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe
Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich
erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an
welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf
Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem
Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden
Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame
Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber
heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf
Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche
mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den
Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt
haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung
mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren
Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti
erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden
Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang
(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch
ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie
sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel.
Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise
während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge«
nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die
sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).

Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen,
sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese
weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern
fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).

Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche
Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien
plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte
lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen
physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens
ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei
einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen
Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt
Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück.

Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender
Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire
gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in
einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären
(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
durch die Erfahrung bestätigt wird.

Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim
Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit
beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe
leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird
nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu
kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama
und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die
Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung:
eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und
verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der
schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass
man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es
scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein
Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen
Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand
gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester.
Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch
die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden
müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen
ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder
einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die
Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von
einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige
Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend
mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen
ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der
freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von
Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen
solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und
namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht
nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa
längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine
Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach
seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit
der weissen Raçe haben.

Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die
Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und
empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung
haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich
entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So
erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)

Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden
Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe
gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten
Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der
schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt
oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen
Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können.

So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und
seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor,
sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze
erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den
Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der
Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene
Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys
Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender
und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich
meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
Anfall der verheerendste.

Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der
Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die
Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen
solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.



§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.


Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den
Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber
gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen
haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa
nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und
andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch
von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen
für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und
Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr;
und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so
wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen.
Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern
(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und
so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich
verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt,
doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt
(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr
durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).

Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In
Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist
(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel
venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon
heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis
ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331)
und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so
noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also
keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit
der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die
Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche
auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er
schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit
und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war,
hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug
die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und
neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch
Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291;
Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo
Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
Formen nach und nach angenommen zu haben.

Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch
beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch
neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob
sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich
nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den
Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern,
mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.

Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet,
die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von
Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch
sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen
nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen,
Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161).
Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern
von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie
aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder
ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.

In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der
Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie
wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach
ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit
flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit
sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür,
dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel
der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.

Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der
Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so
verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren),
welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).

Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz
Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von
Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
Menschen (Waitz 1, 176).

Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind
wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).

Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter
den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher
verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).

Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren.
Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland
wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische
Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit
Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige
Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten
unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete,
geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien
1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer,
vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn
anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt,
welche sie früher nicht hatten.

Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er
a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen
aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
eingeschleppt werden.«



§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern.


Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene
Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die
Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils
gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet
werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die
Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen
unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu
benehmen pflegen.

Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung
der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den
versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen
Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst
misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche
rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
262).

So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker
zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für
böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere
schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit
Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux
îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet
werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit
verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).

Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte,
so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man
Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für
sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und
der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland
(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in
Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben.
Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen
(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher
für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten
gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen
gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1,
161).

In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz
4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des
Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur,
ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist
Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der
Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und
tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville
130) u.s.w.

Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi
(Schomburgk 2, 333) und sonst.

Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
der Aleuten.

Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des
Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte
sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen
Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus
(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon
der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die
Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
(Sparmann 273).

Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt,
in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder
getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren
eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann
198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den
Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt
als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.



§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl.


Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand
nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden
bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können.
Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und,
wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung;
und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten
und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung
und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die
Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe,
an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich
gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der
Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern
aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil
alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2,
189.

Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes
Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern
mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch,
während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen
Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege,
sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für
sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196).
Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche
Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen,
was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker
thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.

In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia)
werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels
durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf
Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit
der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die
Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
Remy XLII Hunde und Schweine.

In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes
Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben
einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder
gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst
geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe;
als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
und arbeitete fort (eb. 63).

Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein
Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten
Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der
Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,
wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu
vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,
dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,
279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist
gewiss oft genug selten.

Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das
Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod
nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
zu unterschätzender Abbruch gethan.

Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das
leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe
schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch
mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,
folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt
besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,
und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was
diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für
Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend
besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur
Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren
beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft
bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,
die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit
Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.

Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt
Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,
wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste
misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den
Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter
ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die
Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie
gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie
gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch
andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes
übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es
gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von
ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde
ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).
Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser
(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout
2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster
Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut
wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr
gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch
später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der
ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,
ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die
Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die
Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen
Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den
Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen
Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der
Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige
Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt
es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt
(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von
11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).

Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in
Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter
mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte
(Schomburgk 2, 239. 315).

Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken
lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch
vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei
oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher
Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,
in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein
so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige
Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den
Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner
und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung
verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,
die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht
Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,
dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die
Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert
sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche
die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch
werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was
Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre
Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war
Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die
Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten
sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr
günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne
dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.

Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch
von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren
Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.
Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu
wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,
Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte
Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält
Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist
es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
Wurzel gemischt.

In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).

Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.

Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
Polynesien später vielfach aufgekommen ist.

Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
noch mancherlei sammeln.

Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.



§ 6. Charakter der Naturvölker.


Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.

So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.

Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.

Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
wird.

Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.



§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.


Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
allen in geschlechtlicher Beziehung.

Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
gegen derartiges verhängten, sprechen.

In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
Parallele erwähnt.

Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).

Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für
uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der
Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
haben, ist eine traurige Wahrheit.

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von
Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen
hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,
waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem
Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn
bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und
indogermanischen, religiöse Motive wirksam.

Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern
durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste
(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen
berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die
Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker
schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese
Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von
Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die
Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein
dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den
Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den
Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst
beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie
der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem
Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens
einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen
oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben
Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese
Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich
hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
geschadet.

Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf
die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir
bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders
finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,
einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität
gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die
Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend
sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann
sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten
sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so
behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe
Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu
günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl
erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
Zügellosigkeit gesteigert sein.

Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,
unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste
gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches
Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das
Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,
Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade
diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst
gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn
trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter
bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So
hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für
Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und
gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug
waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden
Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen
Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)
nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu
Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in
Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen
den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich
auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.

Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch
nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher
betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man
die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt
dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook
und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas
Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die
Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft
abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,
Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.
256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,
vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem
Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu
erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11
Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle
anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen
Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche
Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren
sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust
(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die
Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die
Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre
Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt
werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen
Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam
(Remy XLIII).

Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le
Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen
waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor
verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere
Sittenstrenge.

Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche
Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen
Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter
erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor
der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in
Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe
waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
zusammenstellen müssen.

Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung
untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten
Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen
mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
verbreiten und gefährlich erweisen musste.



§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.


Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf
diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe
Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.

Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere
Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die
Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele
zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich
abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,
wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der
Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,
unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker
nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben
Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer
Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).

Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der
Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele
Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so
spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei
Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der
Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer
als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass
in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren
Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute
verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von
25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er
selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«
(Waitz 3, 103).

Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren
gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders
erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen
rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,
was man für manche amerikanische Völker als Grund für die
Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das
weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,
Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
Folgen sicher ist.

Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht
hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?

Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
Verhältniss eintritt.

Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.

Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
die Quellen).

Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).

Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
lieber sah als Mädchen.

Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).

Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
»ausgestossene« getödtet werden.

Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
haben.

Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).

Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).

Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.

Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
zärtliche Eltern (Browne 39).

Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem
abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden
Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet
gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.
Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50
Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln
eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes
oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas
häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen
tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage
geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr
Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen
(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben
unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.

Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,
wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen
(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für
Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der
Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche
historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu
Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,
fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,
ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen
Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben
werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die
Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen
gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch
die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder
übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen
Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht
wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams
Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und
nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.

Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,
und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in
Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in
Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für
Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams
sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum
hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für
besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern
und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten
Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse
Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man
(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben
ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt
finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der
so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so
auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen
Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich
ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich
geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,
so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren
Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.
die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von
einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
schon ausser Gebrauch gekommen war.

Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen
ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus
ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich
weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an
älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche
Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in
Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den
Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig
Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen
(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel
bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und
als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot
unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das
portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches
und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.



§ 9. Krieg und Kannibalismus.


Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern
geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit
der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?

Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen
mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets
das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der
Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass
erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares
Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete
und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste
Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer
getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker
verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben
grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat
Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die
Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer
früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen
haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein
schienen als die Nulkas und Chinooks.

Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus
ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.
den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit
verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und
Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende
Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,
159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den
Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,
anzueignen (Waitz 3, 159).

In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu
erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre
eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im
nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich
gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,
denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne
Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können
(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein
mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
Katarakten des Orinoko, wo

  ihres Stammes letzte Spuren
  birgt des Uferschilfes Grün,

hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana.
Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die
Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen
Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche
alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander
sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert
seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem
Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
unfehlbar tödtet.

Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen
Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407),
aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie
nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte,
blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach
und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4,
374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.

Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser
im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann
beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind
(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich
die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern
gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl
und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine
der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier
bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
wurde (Nixon 26).

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an
Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen
der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein
Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer
zu frei von Kannibalismus dargestellt.

Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel
der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt
werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme
unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in
nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall
eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste
von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst
roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen
des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten
Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).

Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens
auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein
wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher
Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen
(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu
Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten,
sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so
sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei
Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen
nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem
Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.

Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends
sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange«
Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest
muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden
von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in
einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen
zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440).
Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er
tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben,
gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen
(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um
die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und
Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle
anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
bestimmtem Rythmus

   |  |\ |  _  |   |     |  |\ |  _  |   |
   |  |  |  /  |   |     |  |  |  /  |   |
  *  *  *     * ' * ' , *  *  *     * ' * ' ,

der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei
ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten
(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis
ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung
nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den
Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm
200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie
selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die
verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre
gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des
Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt,
welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es,
welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich
wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei
einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit
durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt
haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall
geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und
trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei
Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder
Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die
tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen
Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem
besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter
Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von
denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte,
alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände
fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten
Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger
verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis
l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen,
wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt
(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womöglich
ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär
Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und
ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser
Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die
Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln,
hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet
wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169).
Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35).

Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den
Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man
in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb
man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung
bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und
wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
allzusehr gerechtfertigt.

Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in
Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die
Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva
Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die
weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich
Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19;
1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine
Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer
Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und
durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten
sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen
Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man
in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner
194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie
die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf
Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei
ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine
Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
eine Widerlegung verdient.



§ 10. Menschenopfer.


In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den
gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine
Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker
forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht
(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen,
denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in
Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz
vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem
fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die
letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung
soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in
der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des
Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl.
ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada
(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von
väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine
grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden
zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist
die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so
forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).

Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
(279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
und in Mexiko (4, 309).

In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466)
und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern
dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).

In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und
Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer
krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum
Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir
auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren,
besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich
freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten,
welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
trugen.

Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode
preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig
war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).

Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr
Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst
im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein
anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch
begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben
(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden
entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese
Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben
(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich
nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebräuche fanden sich auch
sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier:
namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
stirbt, was uns berichtet wird.

Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna
(nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während
seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden
sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der
Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn
eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger
waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf
einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves
47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der
Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in
Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor
97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber
geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere
Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst
eiferten, schliessen lässt.

Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den
Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern
den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs
Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste
religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454).

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über
die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u.
dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den
Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und
Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden;
jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer,
denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien
verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf
Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe
Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit
abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt
worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des
Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein
Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4,
360).

Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das
Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die
Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen,
wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass
aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern
furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn
sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
eines Volkes beigetragen haben.



§ 11. Verfassung und Recht.


Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen
Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die
Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen
Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt,
dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner
ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es
auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne
verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich
erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die
Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo
sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie
wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers
vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser
Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen
einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch
fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).

In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt
hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit
geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn
namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen
und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des
Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die
Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des
Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft
gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Ländern--fast
unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die
Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und
ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der
unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist
es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse
zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze
Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht
geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als
Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere
Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht
genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über.

Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar
höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen
(während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze
minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1,
60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt
sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand
es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen
Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder
Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den
Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder
deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305).
Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und
Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese
Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge
namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung
mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen
der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache
seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien.



§ 12. Natureinflüsse.


Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen
Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen
oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten
Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die
menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere
Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken
sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder
besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die
einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder
Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen
entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den
Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die
roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die
geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die
erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,
239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in
Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und
allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine
Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an
(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen
gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie
zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch
finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die
zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu
sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung
ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die
ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch
nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden,
wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte
Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher
Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist
Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil
und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt
werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist
üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der
Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären,
doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und
gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser
dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen
Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh
geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder
geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um
hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland
(natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die
Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren
Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im
östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen
kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B.
in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den
Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten
Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach
sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,
Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,
dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,
den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,
kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig
vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich
vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter
als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche
Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist
so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und
auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die
Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie
Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland
durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss
nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus
schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen
Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum
Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im
Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum
Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).

Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche
Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von
Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz
trefflich gehandelt hat.

Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche
Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das
Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,
die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht
treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B.
die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den
Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so
leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse
von doppelter Gefahr sein mussten.



§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker.


Wir können nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und
Lebensweise dieser Völker selbst einen frühen Untergang Begründendes
liegt, die Einflüsse genauer erwägen, welche ihre Berührung mit anderen
meist höher kultivirten Völkern und namentlich mit den Kulturvölkern
Europas und Amerikas hervorgebracht hat.

Es sind hier zunächst Einflüsse zu erwähnen, welche obwohl durchaus
nicht feindselig, ja häufig nur gut gemeint dennoch physisch wie
psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und
haben.

Zunächst ist es die Umänderung des äusseren Lebens der Naturvölker,
welche uns, wie sie durch jene Berührung unvermeidlich war, beschäftigen
muss.--Die ganze Lebensart dieser Völker war durch lange fast
instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhältnissen, ihrer ganzen
äusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Völker
hatte sich durch lange Gewöhnung so mit dieser Lebensart assimilirt,
dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie plötzlich kam, wenn
sie sich über mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss
zeitweilig durchgeführt wurde, die grössten Revolutionen in ihrem
gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
unendliche Macht einer sich stets verstärkenden Vererbung hinzuweisen,
wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewöhnung, durch überaus
allmähliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungünstige
Einflüsse gewöhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen für den
Augenblick nur schädlich zu wirken scheint.

So finden wir das körperliche Leben der Naturvölker im engsten Einklang
mit den Naturumgebungen und ihren Einflüssen. Vor der Bekanntschaft mit
den Europäern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein möge,
mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europäern und
ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvölker durchaus
gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen
vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kränklichkeit kultivirter
Nationen.

So war es mit der Kleidung. Die Neuseeländer trugen Kleider von
Mattenzeug, welches aus den Blättern der neuseeländischen Flachslilie
(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch
schlief--und seltener und nur die Fürsten einen Mantel aus
zusammengenähten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kühlen,
die Haut nur schützenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (für
Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorübergehend,
regnet) die Nässe nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,
die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht
sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel
stärkeren Wechsel in der Temperatur des Körpers hervorbringen. Denn wie
die Maoris früher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder
sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz
ohne Rücksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken
jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz ähnlich schildert das Jarves 370 von
Hawaii. Fürsten und Volk, sehr begierig auf jeden ausländischen Stoff,
gleich viel ob es Matrosentuch oder das dünnste chinesische Gewebe war,
trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer
alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
derselbe, der längere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann
wieder viele Tage lang nackt. Je schöner das Wetter war, um so
reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter
aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der
ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie
Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veränderung und in
dieser Art der Neuerung eine äusserst wirksame Ursache für den Verfall
der Gesundheit dieser Völker. Diese Ursache aber wirkt überall, wo
Natur- und Kulturvölker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil
schon die Missionäre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten
Naturvölker kannten, verlangen mussten.

Auch eingeführte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren
den Naturvölkern schädlich: so nach Dieffenbach a.a.O. für die
Neuseeländer die Einführung des Maises, den sie halb gegohren verbacken
und durch dies äusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,
was sie früher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht
mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,
abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss überhaupt schädlich
ist, wirkte noch dadurch ungünstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die
sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,
ohne die Männer nur zu irgend welcher Thätigkeit anzuregen. Was wir hier
an dem einen Beispiel zeigten, gilt natürlich wiederum für einen ganzen
Kreis dieser Völker.

Auch der Hausbau hat sich vielfach geändert, wenigstens in Polynesien,
da hier fast allein ein annähernd freundliches Verkehren der Europäer
mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man früher an
sehr luftige, reinliche Häuser, die fast nur aus einem sehr tief
herabreichenden Dache bestanden, gewöhnt. Jetzt aber kommen mehr und
mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Häuser oder Baracken auf,
die nach europäischer Art gebaut der für jene Gegenden so nöthigen
Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte
viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch
den grellen Gegensatz gegen das von früherher Gewohnte den schlimmsten
Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).

Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
vornehmlich, da er mit den Europäern in genauere Berührung kam und
grössere Mittel hatte, bei sich einführte: gerade aber der Adel ist vom
Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich
in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklären, dass man
beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer
sähe: denn hiergegen sprechen die Verhältnisszahlen so wie der Umstand,
dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.
heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das
um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste
überhaupt, was vorzüglich in älteren Reisebeschreibungen von Polynesien
gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so
hervorragenden Fremdlingen, als die Europäer waren, zu verkehren nach
polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese
Völker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und für
immer die europäischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
annehmen, da bleiben sie weit ungefährdeter, wie dies Dieffenbach a. a.
O. von den Neuseeländern nachweist. Den skrophulösen Habitus so vieler
Maorikinder an der Küste erklärt er dagegen nur durch die ungeeignete
und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.

Auch die Ausbreitung der Weissen beschränkt und beschädigt natürlich,
schon durch sich selbst und ohne böswillige Absicht der sich
Ausbreitenden, die Naturvölker in hohem Grade. Auf den kleinen
polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und überall sind die
Lebensmittel bei so riesig durch die Europäer gesteigertem Verkehr viel
werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies
Beispiel aus Polynesien auszuführen, was alle die Schiffe brauchen,
welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu
verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grössere
Bedürfniss ein Sporn für die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in
der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwäge man, dass jetzt kaum
ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
den Inseln, welche früher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in
einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die
Eingeborenen einstürmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln
konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspräche; und dass
zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,
erdrücken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,
aber die Resultate bleiben gleich.

Die Neuholländer freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europäer
niederliessen, sie wünschten es und forderten sie dazu an vielen Orten
auf. Allein die nächste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage
geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir später besprechen) ihre
Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
verdrängt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein
Australier sehr richtig zu einem Europäer: »Ihr solltet uns Schwarzen
Milch, Kühe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die
Opossums and Känguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind
hungrig« (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und
Weidestrecken nahmen die Europäer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in
Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Küstenstriche,
sonst der gewöhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und
gar inne, das Land erklären sie für ihr Eigenthum, und da sie sich man
kann wohl sagen täglich mehr und mehr ausbreiten, so drängen sie schon
durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wälder, die Berge,
die Wildniss zurück; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von einem giftigen Hauche
berührt« (oder wie die Phrase lautet) verkommen. »Als der weisse Mann,
so sagte der Cherokeehäuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewärmt
hatte am Feuer des Indianers, und sich gesättigt an seinem Maisbrei, da
wurde er sehr gross, er reichte über die Berggipfel hinweg und seine
Füsse bedeckten die Ebenen und die Thäler. Seine Hände streckte er aus
bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er
liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr müsst ein wenig
aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefähr auf euch trete. Mit dem
einen Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee und mit dem
anderen trat er die Gräber seiner Väter nieder. Aber unser grosser Vater
liebte doch seine rothen Kinder und änderte bald seine Sprache gegen
sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig
aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem
grossen Vater gehört und alle begannen und endeten ebenso« (Waitz 3,
144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland für die
Stellung jener Völker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden
Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist
bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender
gegeben werden.

Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genügenden Landbesitz und Jagd
und Lebensmittel genug sichern könnte, wir wiederholen es: die totale
Umwälzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,
sich nach jeder Richtung hin ändern musste durch die plötzlich
hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,
Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich
als möglich eingerichtet wäre, den gefahrvollsten Einfluss auf die
Naturvölker haben und je mehr, je plötzlicher sie kommt. Denn je länger
physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so
gefährlicher ist es für die menschliche Natur, wenn sie plötzlich
gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze
unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flüssigkeit,
welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe
immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
zusammenschäumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin
zwingen will, bis sie sich endlich und allmählich diesem Neuen gewöhnt:
so musste das natürliche Leben dieser Völker in Aufregung und Unordnung
kommen, als es so plötzlich von der übermächtigen Kultur unterbrochen
wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmählich gewöhnen wird. So
werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und plötzlich
sich eine so totale Umänderung, wie hier nöthig, und käme sie unter den
günstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen
können. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin
Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseeländer, wo sie vollkommen
europäisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwägen
bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also
über zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.
Allein man könnte sagen: und doch haben andere Völker dasselbe
plötzliche Hereinbrechen einer übermächtigen Kultur durchgemacht und
überwunden. Man könnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen
nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn
erstens war die griechischrömische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,
unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvölker annehmen
sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer
leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trägern bei weitem
näher als die Naturvölker den Europäern; drittens brach dieselbe nicht
so unaufhaltsam, so plötzlich, so rücksichtlos über die Germanen herein,
wie über jene Völker, sondern ganz allmählich, durch Jahrhunderte langes
Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine
unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in
solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur über die sogenannten
Wilden.



§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.


Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den
Naturvölkern so verhängnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden
Eindruck, den die Kultur auf die Naturvölker macht. Die Germanen fanden
Gelegenheit selbständig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
aufzutreten: sie behielten stets das gegründete Bewusstsein eigenes
Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie
standen den Römern gegenüber wie der Schüler dem Lehrer, der des
Schülers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhöht, aber nicht verletzt,
vernichtet, verhöhnt.

Ganz anders aber die Naturvölker. Ihr Geistesleben, alles, was sie
dachten, fühlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den
Europäern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der
boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden
selbstverständlich je gebildeter die Völker waren, sie um so härter
betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die
rohesten Stämme Südamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.

Zunächst die Religion. Die meisten Naturvölker sind von sehr reiner und
inniger Religiosität, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositäten
ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)
war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren
Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrüglichster Schwur (Waitz 4,
154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion
schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit ächter
und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,
154) ausgeführt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon
sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten über
alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die
Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfürchtig sind die
Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,
die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der
grössten Gewissenhaftigkeit vollführen. Und so haben alle diese Völker
überall zähe an ihren Religionen gehalten.

Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
polynesischen Völker nicht von gleich tiefer Religiosität wären; was
z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der
grösste Theil der Südseemission ist. Aber die ganze Bevölkerung war
sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit
der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch
des geistigen Verfalls. Daher erklärt sich die auffallende Erscheinung,
dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, über
ihren früheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch
auch sie fügen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem
Gehorsam den beschränkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den
Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstände aller Art
heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gänzlich entzogen werden,
sowie der übergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da
haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie
durch die Mission wirklichen religiösen Ersatz bekamen. Gegen
feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur
zufällig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt
und eine Menge Ueberfälle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch
solche Verletzungen ihrer Tempelplätze oder sonstigen Heiligthümer
hervorgerufen.

Aber selbstverständlich war es gerade die Religion, gegen welche sich
die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvölker richteten. Das
brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer
Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten
Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Südsee zu
geschehen: auch die edelsten der Europäer mussten sich gegen diese
Religionen wenden, um sie zu zerstören, und so sahen die Eingeborenen
ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswürdig
verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend
dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.

Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier müssen
wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische
Verfassung, das strenge Adelsregiment der Südsee (um bei den Polynesiern
zunächst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel
sich noch so hoch über das Volk stellen, das Volk aufs ärgste
unterdrücken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer
Verehrung an, man brachte in den meisten Fällen sein Gut und Blut mit
aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem
besseren oder überhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls
beruhte auf diesem Verhältniss des Adels, der naturgemäss die stolzeste
Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europäischen Grossen
untergeordnet fühlte, und des Volkes das gesammte öffentliche Leben
Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzüglich der Marianen.

Durch den Einfluss der Europäer änderte sich das alles und so sehr auch
das Volk nachher dadurch gewann: für den Augenblick musste es die
Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwürdig waren,
aufgeben und die, welche es vordem gleich Göttern geachtet hatte, von
den Europäern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung
oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf
den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
war noch schlimmer dran. Er war, bei völliger Unumschränktheit, der
festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine
Volk, er stellte sich ganz den höchsten Europäern gleich und wusste
sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt
unter der englischen höchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
äusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von
den Europäern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht göttlich
verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und
jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der
Gesellschaft in den meisten Fällen (wo sich eine wirklich europäische
Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur
geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der
englischen Raçe einer farbigen Bevölkerung gegenüber--so, seit der
gloriosen französischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte
früher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kämpfen ganz zu
Grunde ging.

Noch viel schlimmer, weil die Zerstörung gründlicher war, wirkten diese
Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande
grosser Anhänglichkeit und Religiosität verknüpft. Der Herrscher, der
aus dem hohen Adel gewählt wurde, und mit ihm der höchste Adel war, wie
wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
unumschränkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,
die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die
man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach
Waitz 4,68 »zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was von den
Azteken noch übrig ist«, sondern überhaupt zu dem Schönsten und
Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Königen gesagt hat. Die
Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen
Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und
schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gründen
sehr übertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lücke ermessen
lassen, welche im Gemüth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden
entstand. »Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
Volk hauptsächlich dadurch ins äusserste Elend gerieth, dass alle
Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von
den Siegern zerstört wurden. Vom mexikanischen Adel überlebten nur
wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch
Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie
der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
zurückgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist
im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte
äussere Leben, die ganze glänzende Kultur des Volkes, die reiche
Hauptstadt, die blühenden Gärten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
zerstört und oft aufs grausamste und verächtlichste zerstört wurde: und
man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des
besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht
in noch höherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. »Mit
einem Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee, und mit dem
anderen trat er die Gräber unserer Väter nieder«, hiess es in der oben
erwähnten Rede. Und leider waren es die persönlichsten und heiligsten
Empfindungen, die man allzu oft und mit der grössten Rücksichtslosigkeit
verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Träger
schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstörung und
Plünderung der alten Indianergräber, die Preisgebung der Leichen mit
Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der
Schätze wegen, die sie enthalten könnten, für gut, ihre Durchsuchung zu
erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrückte Volk
ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass
sie, die sonst schon aufs fürchterlichste bedrückt waren, sich wehren
konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst
noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder
starben, nicht die mindeste Rücksicht nahm, dass man also durch
Verletzung der theuersten und heiligsten Gefühle auch nach dieser Seite
hin den Indianern das äusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein
Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer öffentlichen und viel
erwähnten Rede: »ich hätte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu
leben, hätte nicht ein Mann mir Böses gethan. Oberst Cresap ermordete im
letzten Frühjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle
meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.
Kein Tropfen von meinem Blut läuft mehr in den Adern eines lebenden
Wesens.« Dies eine Zeugniss genüge.

Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvölker ist ihr Stolz.
Die Amerikaner halten sich für die ersten aller Menschen; Geschickt wie
ein Indianer und dumm wie ein Europäer sind bei ihnen Sprichwörter
(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Härteste, was sie
unter sich einander zufügten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
Europäer kämen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und
an ihrer Glückseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.
Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefühl ist unter ihnen gar nicht
so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121
ff.); ihre eigenen Thaten läugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).

Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefühl aller dieser Völker,
welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hörte, ganz wie
jenen Friesenfürsten zu dem Ausrufe zwang: »wäre ich dabei gewesen, ich
würde ihn gerächt und die Juden skalpirt haben« (Waitz 3, 169). Und
diese Empfindungen, für welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge
Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso
wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den
roheren Völkern, den Südamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon
das stete Streben, welches diese Völker nach Rache haben, beweist es.
Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvölker gar bald
einsahen, wie sie gegen die Europäer nichts wären und nichts vermöchten,
lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europäer
die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser
Völker absichtlich mit Füssen getreten, sie haben, da sie die
Naturvölker kaum für Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches
Selbstbewusstsein ihnen lassen mögen, sondern auch dieses, und oft von
Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie
die Engländer in Australien, mit Füssen getreten; und man tritt es durch
den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Völker von aller
Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen
häufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Füssen. Und
selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Völker den Europäern
gegenüber so ohnmächtig, gegen welche höchstens einmal ein vereinzelter
Racheakt Einzelner glücklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,
wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefühl der Indianer sei durch den
harten Druck der Weissen weiter und schärfer entwickelt worden, als es
wohl sonst geschehen sei; so fährt er doch ebenso richtig fort:
»freilich war davon die nächste Folge für sie selbst nur diese, dass sie
ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
empfanden.«

Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der
Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gründe für
ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als
freudige Achtung vor sich selbst und fröhliches Gelingen des von ihm
Erstrebten, so drückt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefühl der
eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefühl aber der äussersten
Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hülflosen
Ingrimms finden wir alle diese Völker, Amerikaner, Aleuten und
Kamtschadalen, Neuholländer, Polynesier und Hottentotten verdammt. »Jede
Raçe, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
Unterdrückung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.« Und nun hatten,
wie wir gesehen, die meisten Naturvölker schon von Haus aus einen
entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale
natürlich aufs ärgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man
denke sich nur, wenn wir Europäer mit allen unseren Kulturmitteln, mit
unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
Naturvölkern gegenüber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa
eine Generation, zu ertragen hätten, was aus uns werden sollte! Man
denke, wie der dreissigjährige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei
weitem durch das, was die Naturvölker zu leiden hatten, überboten
werden: und man wird sich mehr über die zähe Ausdauer, als über das
Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grössere Härte und
Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Völkern gegenüber, die sie
anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuholländer, für
Götter hielten!

Musste alles dieses auf das geistige Leben der Völker und damit auch auf
das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausüben, so übte es den auch
noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten
war natürlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben
bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze
von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie überall in höchster
Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch
manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stürzte nun das Alles
zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so ärgere Demoralisation
eintreten, je höher früher die Kultur des zerstörten Staates gestanden
hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer
so allgemeinen Zerstörung, wo für die Unterliegenden weder leiblich noch
geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen für ihr ganzes
Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn
auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zügellosigkeit
zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persönlich vernichtender die
Angriffe waren, um so mehr natürlich demoralisirten sie die Völker: was
sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst
in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst
achten, die von jenen ankommenden Göttern so in Staub getreten wurden?
Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur
Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches
Sinken unter den Naturvölkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet
wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
nothwendige Folge.



§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
anzueignen.


Aber wenn auch die europäische Kultur den Naturvölkern mit vollkommener
Freundlichkeit und Schonung zugeführt worden wäre: diese Kultur bot auch
noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grössten
Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten müssen.

War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Völker fast alle ihre seit
Jahrhunderten eigenthümlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,
so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europäer
brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf
besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen
Kokosinseln, die nun plötzlich sich hineinfinden müssen in die ganze
europäische Lebensart, in den europäischen Handel, das europäische
Recht, die Religion und so vieles andere--und sie müssen mehr als nur
oberflächliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um
wie viel glücklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmählich
eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie
lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich
assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies
erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des
Alterthums ganz geschehen sei?

Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in
dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--müssen
wir noch besonders berücksichtigen. Zunächst die Bewaffnung. Die
Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
römischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die
Weissen zuerst als Götter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung
weit übernatürlicher scheint, als die der römischen Waffen.--Ferner die
Sprache. Uns Europäern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;
und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und
Verbindung der Gedanken so wie in der Fülle der Anschauung weit weniger
vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und
zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und
ausserdem durch eine Menge von Hülfsmitteln eine viel grössere Kraft,
als jene Völker, die doch hinaufsteigen müssen, wenn sie eine
europäische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,
das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit
verschieden ist, müssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer
Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen früher aber auch ganz
unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche
strenges, logisches Verknüpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
unterstützt.

Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der
Religionen dieser Völker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten
tiefer stehen, nicht grösser sein, als der des germanischen Heidenthums
von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt
wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionäre, wenigstens
die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die
Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was
die Propaganda z.B. in der Südsee gepredigt hat, an vielen Orten
überhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Völker schon
wussten: die katholischen Missionäre haben getauft und das Heidenthum
gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss für die
ganz sinnlichen Naturvölker eine so abstrakte Lehre sein, wie die
evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,
welche jene Völker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum
predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Männer annehmen
sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefügt hatten, der Weissen! Ja
hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit
dogmatischen Streitigkeiten beglückt? In der ganzen Missionsgeschichte
der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das
Auftreten der Propaganda in der Südsee, wo eben die protestantische
Mission festen Fuss zu fassen und Früchte ihrer mühevollen Arbeit zu
sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lügen aller Art
verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den
eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,
den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemüht, hat dies scharf und
schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss
entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133
von Südamerika erzählt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in
der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte
bekehrt waren, durchaus nicht übermässig zart gewesen. An manchen Orten
(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des
Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste
das auf die eben gewonnenen Naturvölker und deren Charakter machen!
Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fällen sich
der Mission die Europäer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da
sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt
gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,
fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so
in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in
Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, überall. Man sieht, unsere
Kultur verlangt von den Naturvölkern eine geistige Anstrengung von so
enormer Grösse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar
nicht überwunden werden kann. Während aber nun die Europäer immer
frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen
stärken, während auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen
Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, übernehmend
ausführte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen
Kopfzahl der Naturvölker an solcher kraftgebenden und aushelfenden
Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung
sich leichter und allgemeiner vollziehen könnte. Daher wird der lebenden
Generation eine um so grössere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist
schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei
Generationen ihr nicht genügen können. Die Grösse der Aufgabe, die
enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche
Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir
auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen müssen. Und zweitens müssen
wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche
Ueberanstrengung, wo in den meisten Fällen nur allzubald sich zeigt,
dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen
ist, immer vergrössert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Völker
werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.
Tschudi 2, 286 erzählt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie
in Bahia sorgfältig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die
Universität geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, übte auch
eine Zeitlang die Praxis selbständig, bis er verschwand. »Eine tiefe
Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.« Später erfuhr
man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,
auch der Kleider, entledigt, als Jäger durch die Wälder streife. Einen
ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,
hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben
wurde, erzählt Waitz b, 71-72. Diese Fälle zu erklären, reicht es nicht
aus, bloss an die »schiefe Stellung« zu erinnern, in welche solche
Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da
in Südamerika das Verhältniss der Farbigen zu den Weissen kein
ungünstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und ähnlichen, wie
wir sie bei Individuen und ganzen Völkern finden, die ewige Demüthigung
auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.



§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika.


Wir kommen nun zu dem düstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu
der düstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der
Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvölker behandelt haben.
Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen beförderten, brauchen
wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwähnten,
nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
Südafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten
Bekanntwerden als ein Volk, das früher eine viel grössere Macht und
Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von
den umwohnenden afrikanischen Völkerschaften waren sie überall
verdrängt, namentlich von Norden nach Süden geschoben und nicht nur sehr
vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
wesentlich beschädigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber
brachten ihnen die Holländer, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen
und natürlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als
sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach
liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus
dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel
Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,
machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,
viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich
die Engländer 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empört über das Benehmen der
Holländer; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).
Wie man mit »dem schwarzen Vieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich
z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzählt. Ein Holländer hatte einen
hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch
eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr
verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu
trösten: allein jener fuhr auf: er kümmere sich den Teufel um den
Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenführer, um
seine Butter zu verkaufen, fände (Sparmann 273). Dies war aber kein
vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns über
die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche
1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern können. Der Bericht eines
Offiziers über solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):

»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmänner getödtet, 21
gefangen.

15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getödtet, 23 gefangen.

20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getödtet, 3 gefangen.«

»Man wird einigermassen, fährt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen
können, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmänner betrieben
wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen
Mann erzählen hörte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen
3200 Buschmänner getödtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,
dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmännern das
Leben gekostet hätten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30
Jahren 32 solcher Raubzüge mitgemacht hatte, auf deren einem 200
Buschmänner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft
am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhören sollen, aber die Boers
waren so sehr an dasselbe gewöhnt, dass es unmöglich war, es auf einmal
zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der
Buschmänner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist
unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder
in voller Blüthe war und es scheint den Buschmännern unter der
englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der
holländischen. Dass die Hottentottenbevölkerung der Capkolonie unter
der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hälfte zugenommen
habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
scheinbar.« Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen
nicht gehorchen zu müssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo
sie ihre scheussliche Willkürherrschaft, ihre Commandos und Knechtung
der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).

Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem
Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so
gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht
unmöglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die
Hottentotten jetzt sehr viel roher, träger und sittlich schlechter sind
als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch über
manchen Kirchen der Holländer: »kein Hund und kein Hottentotte darf
eintreten« (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kräften die
Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie
verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei
Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.
Die holländische Compagnie selbst war es, welche die mährischen Brüder
aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu
grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat
River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionäre zu einer
gewissen Blüthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der
Zerstörung dieser Colonie mit Gewalt zurückzuhalten (Waitz 2, 336).

Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon über 200 Jahr
und sind noch nicht ausgerottet!

Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
Europäern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen
waren es, welche das Verhältniss trübten. Zunächst vernichteten sie
wegen verhältnissmässig geringfügiger Veranlassung das Volk der Pequots;
an 700 wurden bei einem plötzlichen Ueberfall getödtet, die übrigen
zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,
244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Engländer und Spanier
waren ganz gewöhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren für
jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wüthete (Waitz 3,
242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
göttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen göttlichen
Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).
Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns
das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der
Regierung der Vereinigten Staaten ein förmliches Projekt zur Vertilgung
der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Engländer,
versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)
und später viel Zweifel darüber, ob es sich mit dem Christenthum und der
Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen.« Die Weissen
haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst überall, oft sogar
mit dem grössten Rühmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft
noch viel ärgerer Grausamkeit geführt, als die Indianer selbst (ebd.
258. 260); noch 1830 haben sie, wie früher öfter, unter den Pani das
Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Völker um ihr Land
geprellt, wie man sie später immer weiter nach Westen und schliesslich
über den Missisippi hinübergedrängt hat, ohne Rücksicht auf die
bedeutend aufblühende Kultur der Cherokees, welche durch diese
Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis
299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die
Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,
Kaskaskias und andere einst mächtige Völker von den Weissen vernichtet
oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).

In Südamerika traten die Europäer womöglich noch scheusslicher auf.
»Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als
Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in
diesen Ländern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,
Sklaven zu halten. Die gewöhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt
wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten dürfen die von den
eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft
werden. Das gewöhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft
zur Ausführung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen
Häuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner
Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so
gewonnenen Sklaven dann von der Behörde für rechtmässig erklären liess.
Unterwarf sich aber ein Häuptling freiwillig, so fiel man mit ihm über
seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm
selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewöhnliche und nicht
selten ausgeführte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich
ungefügig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu
überbürden, damit sie sich reichlich vermehren könnten, diente auch dies
als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
Nächst der Minenarbeit und persönlichen Dienstbarkeit überhaupt hat
vorzüglich auch die Entführung vieler Weiber ihre Zahl verringert.
Natürlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres
anthun und man kann denken, welche fürchterlichen Kämpfe eine solche
Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kämpfe selbst, obwohl zum
Theil glücklich für sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien
wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit
zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man
Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete
und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Höhe, dass in den
3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus
Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natürlich auch
wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europäer und
Indianer gleichmässig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten
sich die Missionäre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die
Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit
so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens
ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also
portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),
wie die Portugiesen wohl diejenigen Europäer sind, welche am
unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie
mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hören, was hierüber
v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:
»Das Verhältniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern
war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrübtes. Bekanntlich
trachteten die Ansiedler so viel als nur möglich, die Eingeborenen für
die Feldbestellung und für den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im
ganzen wenig Freude an solchen ihren natürlichen Neigungen mehr oder
weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein
Dienstverhältniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische
Nothwendigkeit, Arbeitskräfte zu besitzen, führte die Portugiesen
allmählich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemächtigen und sie zu
unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich
eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden
kühner Abenteurer zogen nach den Urwäldern auf Menschenjagd und
verkauften nach der Rückkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen
sie stets willige Abnehmer fanden. Königliche Verordnungen autorisirten
gewissermassen dieses empörende Verfahren und nur an der Gesellschaft
Jesu fanden die hartbedrängten Urbewohner Vertheidiger und Beschützer.
Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Küste,
verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,
besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber
entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein förmlicher
Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der
Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....
deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche
Verwüstungen unter den Gegnern anrichteten.

Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfährten abgerichtet
waren, halfen den nicht weniger blutdürstigen Menschenjägern die
feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die
besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio
Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets
bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einführung der weit
arbeitsfähigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so
handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu
fangen, sondern nur eine möglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen
Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu
erreichen, griffen die Portugiesen zu den niederträchtigsten Mitteln.
Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
verstorben waren, in der Absicht in die Wälder, dass Indianer sich diese
aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und
grässliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten.« Also ganz wie es
die Engländer in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,
dass die Spanier zu solchen schändlichen Mitteln nie gegriffen hätten,
fährt er fort: »trotz der schönen aber leider so mangelhaft ausgeführten
Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der
Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch
(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der höchste Genuss
ist und die noch sorgfältig Schweiss- und Spürhunde zu diesem Zwecke
pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich
brasilianischer Militärcommandant als Repressalien für einen von den
Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) überfiel und als
Siegestrophäe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern
in den Flecken St. Matheus, südlich vom Mukury brachte! Selbst der
kaiserliche Commissionär ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
unterthan zu machen....

Ottoni führt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die
Indianer auch in neuerer Zeit geführt wurde. Der Schauplatz dieser
elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des
Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mörderexpeditionen waren zwei
indianische Soldaten Cré und Crahy, denen sich als dritter würdiger
Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf
höheren Militärbefehl. »Eine Aldea umbringen« war ihr Losungswort, der
Zauber, der sie für ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hülfe kaiserlich
brasilianischer Soldaten und »Liebhaber« (oft den besten Ständen
angehörend) umringten sie während der Nacht die dem Untergang geweihte
Aldea und stürmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die
aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grässlich verstümmelte Leichname
beschien. Die arglosen Indianer hatten gewöhnlich keine Idee von dem
ihnen drohenden Verhängniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
überrascht. Die Soldaten bemächtigten sich immer zuerst der in einer
Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefährdet die
wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden
verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel
für 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der
aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,
um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen
Brasilien gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes! Am Rio
Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlächtereien vorgekommen. Vier
Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und
Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr
1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige
Menschenschlächterei ausgeführt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2
Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mündung des Mukury, der
Tribus des Häuptlings Shiporok fast gänzlich vernichtet. Sechzehn
Schädel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an
ein pariser Museum.«

Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung übersteigen, bei
einem so glaubwürdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie
zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem
fast 200jährigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre
Unabhängigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europäer, welche
die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner
begingen, welche letztern aber auch, wie es natürlich war, in einem
solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen
die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie
die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus
folgender, von einem Augenzeugen erzählten Geschichte hervor, welche den
portugiesischen Schandthaten würdig zur Seite steht: »von einem
Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen
entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und
ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten
nichts über sie, um sie zur Verrätherei zu bewegen. Da liess man den
Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und
Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste
niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck
ihres Vaters und ihrer Brüder zu verrathen. Die Mutter stürzte wüthend
über sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind
und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, während
sie die Tochter mit den härtesten Vorwürfen wegen ihrer Feigheit und
Entartung überhäufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen
und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mördern fluchend
bei diesem Anblicke ihren Geist auf« (Waitz 3, 526). Solche Beispiele
viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer
besonderen Scheusslichkeit merkwürdige Fälle da: sie sind in diesen
Kriegen das ganz Gewöhnliche.

v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden
hätten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen für
die Unterdrückten erhoben, so war das keineswegs überall oder immer der
Fall; ja die Geistlichen wurden sehr häufig nur eine neue Plage für die
Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer für die Taufe
gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann
tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was
freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,
mit Hülfe anderer Indianer, ausgeführt wurde. Nur allzubekannt ist jene
fürchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren
Kindern gefangen worden war und von der

  Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
  Erzählet jener Stein mit stummem Munde
  Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.

Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus
dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso
Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo
es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen
Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende,
wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:
denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische
Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese
letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess
ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,
das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und
suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).
Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die
sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein
schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu
machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären
dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser
Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der
anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen
sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die
Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;
1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als
nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens
verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden
oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne
Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie
sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess
sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).

Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden
Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen
lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero
bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer
des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die
Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei
durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für
Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den
Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch
derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr,
während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez
vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die
spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines
Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie,
überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz
unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige
oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden
als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und
Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung,
andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen
Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten
Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren
die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend:
denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187).
Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,
von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun
auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf
einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die
unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk
sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein
Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen
Tag nicht ausgerottet sind.

Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua
(280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren
Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte
gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die
Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die
Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung
wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen
geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl
Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade
missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der
Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).

Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in
Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro.
Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer
dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich
angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen
Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern
einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen
unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene
aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und
Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der
Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch
das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch
der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem
sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,
und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so
wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können;
diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen
gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,
wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung
noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass
jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas
von der Urbevölkerung existirt.



§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.


Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von
Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die
Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,
171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt
hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die
Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem
Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin
friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen
Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch
ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut
gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die
Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731
ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten
kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben
sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter
unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen.
Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,
mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die
Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über
die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von
kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle
Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach
Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch
einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder
mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste
festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das
Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen
hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der
Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft
gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen
Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so
mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,
einzelne Aufstände abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie
die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen
betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt
haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später
volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu
schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung,
welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die
mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie
hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene
ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben,
nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so
erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,
die wir schon geschildert haben.

Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich
geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der
amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande
umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein
völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen
für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von
Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die
Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der
Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt
sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem
Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines
Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen
ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei
gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen
Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies
scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen
gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die
sie haufenweise wegraffen, befördert wird.«

Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf
den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen
zusammengeschmolzen.

Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig
gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks,
welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich
durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen
dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel
ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem
Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine
Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische
Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten
werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der
gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,
295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das
milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach
den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz
übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes
und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des
unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie
die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort
ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177).

Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europäer zuerst in
dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht
übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste
Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich
Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte,
zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen
Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott«
(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit
verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung
der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche
Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten
also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden
Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder
machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch
entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der
Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation
seien, den Weissen erlägen.

Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins
später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des
Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten,
der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B.
Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner
verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den
Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der
protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten
Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der
Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär
der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn
auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf
das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten.

Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger
abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist
Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen
Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich
gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).

Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die
Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und
sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen
nach anderer Seite hin schadete.

Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch
sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii
allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000
an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue
Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der
oben die Rede war, zu.

Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit,
welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen
Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der
Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter
verübten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen
Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz
Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem
man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre
guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die
französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder
Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich
niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen
gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten
namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen
die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen
(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.

In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische
oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu
ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im
Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen
umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der
Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne).

Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut
unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich.
Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein
erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden
ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten
(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer
Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das
ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum
Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis
1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als
der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere
Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich
zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2,
217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat
man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch
dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so
werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
(Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in
den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang.
Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik
geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt.

Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen,
wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und
der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die
englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts
nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch
grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu
behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter
Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder
zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder.
Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst,

  Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?

Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er
verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey.

Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie
seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die
Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.

Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt
folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er
eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so
würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der
Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die
friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit
1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren
Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10
Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein
uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in
Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind.



§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht.


Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr
leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit,
theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht
alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern
sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.

In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen
Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch,
die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden
sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos
das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
überstanden hat.

Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von
verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland
in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen
Bedrückung erlagen.

Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber
keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
fallen könnten.

Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in
derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist,
nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und
Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt
wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich
eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon
vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu
kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge
der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.

Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung
Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr
verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten
Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung
ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns
geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch
sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des
Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende
Melancholie oder Apathie eintritt.

Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird
durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein
Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt
nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man
das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte--so würden
auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man
nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die
südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche
man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und
ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die
Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und
absichtlich vergeudet.

Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen
Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war,
wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern
gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben
mächtig.

Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
zum Widerstand nicht mehr stark genug.

Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche
die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens
durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
und diese hat nur--einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf
sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr
Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein
schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
schnelleren Verlauf gebracht.

Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig
gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre
physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der
Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer,
trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte
Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der
Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die,
welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.

Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für
die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten
Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die
Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und
nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen.

Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe
Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des
Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee
und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.

Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern
herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch
nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten.
Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker,
welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte,
nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen
fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie
sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart
der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig
geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk
hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit
allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann
wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.

Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr
wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen
Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür
wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung
der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde
Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten
Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal
waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher
betrachten werden.

Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine
Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der
massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie
bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
zu ertragen im Stande sind.

Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das
Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie
sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller
Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen
Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn
wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit
der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier
der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz
veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass
uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht
gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche
stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese
erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend
welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
sich mit genügender Consequenz vor Augen führt.

Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser
härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint;
dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem
Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser
Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im
Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie
die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das
müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in
ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie
umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten
hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach
praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber
im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche
Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so
war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so
ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und
Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet.



§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
Lebenskraft.


Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der
Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit
schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum
Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker.
Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten.
Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
Erfolg derselben sehen.

Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die
grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls,
alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in
nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die
Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien
etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden
wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen
Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch
bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische
Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner.

Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht,
welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres
Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch
bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.

Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den
Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost
gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so
manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf
uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und
eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit
gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel
empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt
uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche
Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn
wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen
Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben
müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt
haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was
die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen
Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene
Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen
Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil,
welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir
würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine
grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen
Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und
geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens,
die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des
besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das
Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen
Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet
sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.

Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere
Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und
während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die
Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die
Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben
(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere
Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker)
zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren
Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität
oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von
Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
vorfinden.



§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker.


Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig
wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden
gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das
findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die
Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen
Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen
Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker
sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu
vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus
Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen,
der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität
ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker
erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker
gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht.

In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem
deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und
zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste
Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und
allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb.
253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für
die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die
Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
Menschen (vergl. W. 2, 341).

In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend
fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten
überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren
im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3,
291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war
ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).

Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige
Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte
und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz
3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine
Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem
hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es
herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben
glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man
nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso
verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern,
über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt.

Ebenso in Südamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb.
163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
(eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche«
Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere
Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
195).

Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt
sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung
unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem
Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert
sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute
Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig
abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung.
Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk
erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu
entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich;
Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die
Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.«
Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen.
Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.

Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000
(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf
10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu
(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander
gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine
Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische
Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember
1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und
Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und
nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten
Hoffnungen berechtigt.

Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau,
der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich
thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu
Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar
Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe
die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B.
wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden;
Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig
und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen
theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen
regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori
vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu
verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war
klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung,
namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig
zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der
Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die
Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist
besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so
vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg
geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und
mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch
Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge,
bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das
Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr
emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser
Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der
neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als
Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur
erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der
Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten.

In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
die Einführung des Christenthums und die Befestigung der
Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im
Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
160-61).

Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die
grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte
Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie
abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch
waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher
geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der
Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)

Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln
nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester
Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der
Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).

Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange
bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich
emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins,
das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz
der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem
Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat,
aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich
wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich
von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu
betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen
werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die
Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von
Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz
4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die
Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen
u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die
althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
eingewachsene Lebensart zu ändern.



§ 21. Die afrikanischen Neger.


Wir müssen, um einem möglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
einen Umstand zurückkommen, den wir schon vorhin wenigstens berührten.
Wie ist es zu erklären, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
geplagt, gedrückt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewürdigt--und sie gedeihen doch.
Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefährlich ihre
Kriege, die sie untereinander führen, für die Besiegten sind, wird nur
zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
Menschenleben vergeuden auch sie ganz rücksichtslos, wofür schon der
eine Name Dahomey als Beweis genügt. Und doch waren das dieselben
Gründe, welche wir als das Aussterben der Naturvölker veranlassend
annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
nicht doch also zu jenen Gründen noch einen hinzufügen und welcher
könnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
organisirten Menschen, und es wäre doch seltsam, wenn höher stehende
Völker mindere Lebenskraft hätten als sie.

Allein diese Annahme ist auch durchaus unnöthig. Die grössere Ausdauer
des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunächst
nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mächtig, dass der
folgende den vorhergehenden sofort auslöscht, und so vergessen sie
dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gänzlich,
wenn irgend eine plötzliche Anregung zur Lust über sie kommt. So zwingen
sie die Sklavenhändler, um sie über ihr oft tödtliches Heimweh
hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglück
vergessen lässt (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemüthslage hilft
ihnen über vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
steht ebenso zu dem zähen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
Melancholie dieser Völker. Auch die sinnlichen Genüsse wirken auf den
Neger viel befriedigender, als auf die anderen Völker; seine grosse
geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum für die Fruchtbarkeit seiner
Raçe von grosser Bedeutung und so massenhafte und übertriebene
Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwähnt werden, denn auch er
dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
Trägheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
Schmerzlichsten den Neger beschützt: er wird sich fast nie moralisch
vernichtet und dadurch in seiner innersten Persönlichkeit verwundet
fühlen. Auch ist seine grosse Gutmüthigkeit und seine innige
Religiosität hierbei nicht ausser Acht zu lassen.

Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfänglich
und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Völker. Sei es,
dass er durch allmähliche Gewöhnung, durch das Klima seines Landes oder
durch ursprüngliche Anlage härter ist: er verträgt es, in ganz andere
Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hält sogar die Luft der
Malariagegenden und noch dazu bei täglicher oft sehr grosser Anstrengung
ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Völker regelmässig
erliegen. Er ist also schon durch seinen Körper gesicherter.

Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit
diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner
und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten.

Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte,
als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das
Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit,
Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand,
»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung
der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den
nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des
Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht
wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme
begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist,
wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir
betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen
die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede
Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich
und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in
ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt
und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose
Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die
Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie
nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung
noch erheischen könnte.



§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern
behandelt sind.


Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick
auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung
kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf
dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die
Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die
Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die
Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch
unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus,
durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan
haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V.
verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle;
im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn
gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen
gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch
jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die
Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann,
Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug.

Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den
civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja
gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches
Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28,
22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und
bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier
theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte
und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt
hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen
werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky«
(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur
sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren
Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas
herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die
besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's

  »Wir Wilden sind doch bessre Menschen«

hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern
verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt
und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
dass sie auch jetzt überall getadelt würden.

Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über
seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch
auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in
Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
16. Jahrhundert.

Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären
des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen
Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
zu weit führen würde.

Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu
ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen
Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten
Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie
Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände
oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit
in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen
der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die
Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die
Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur
allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die
sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert
umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht
zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch
eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.



§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben.


Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind
nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur
Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
den meisten unwiederbringlich verloren.

Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben,
so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst
auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir
nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die
weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den
katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im
Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat
sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern
Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer
tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie
unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind,
vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen
(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein
wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft
ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den
protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in
Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte
und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare
Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt,
die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la
propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen
einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch
allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern
sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele
Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für
das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe
genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
handelt.

Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das
Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es
der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des
eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das
Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie
den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den
Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und
aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu,
die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so
heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.

Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ,
indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen,
untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen
Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie
Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste
Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch
in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für
Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei
allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also
vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten,
viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur
das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen,
bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird,
wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber
liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor
der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf
dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun
Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine
Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen
und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem
Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde,
was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah
es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an
und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise
zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte
und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten
Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so
gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem
Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede
Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit
und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die
Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen,
weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die
Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als
die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«,
denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
zugesteht.

Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie
es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben,
müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene
wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht
unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen
wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens
geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut.



§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
Schluss.


Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den
civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker
zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je
n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des
Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen
Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine
wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher
wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem
Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut,
aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die
gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle,
nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der
menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen
Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können!
Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem
philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen
(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche
Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die
Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes
überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation
auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist,
als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken
in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene
Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme
civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder
doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden
selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten
Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker,
keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu
sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die
materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich
doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und
ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger
allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten
Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe
intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich
bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm
Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre
es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der
Naturvölker durchaus.

Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
sie umgebenden Natur wäre, was sie als nützliche Dankesgabe für eine
ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben könnten. Hatten doch einige von
ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstörung ein
unersetzlicher Verlust für die Menschheit ist. Zunächst ist es die Höhe
und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
zurückbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fähigkeit hoch entwickelt,
und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
Kultur geleistet haben würde, wenn sie durch freundliches und
allmähliches Bekanntwerden mit der europäischen erhöht worden wäre,
darüber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
der Kultur für die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
unschätzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
Entwickelung der Völker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
originale Verschiedenheit solcher selbständiger Kulturen zu legen; durch
ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbständiges Schaffen wird mehr und
allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
gleiche Kultur.

Möge denn von diesen Völkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
retten möglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der »Kampf ums
Dasein«, in welchem es der Stärkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
vollsten Maasse; die erstarkten Raçen breiten sich aus, gewaltsam und
zum Unterschied von der unvernünftigen Natur mit Lust und ohne
Bedürfniss zerstörend, und ihnen erliegen die schwächeren. Allein der
Mensch ist der Vernunft und der Liebe fähig und gerade darin sollte der
stärkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
schwächeres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
würde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
Gesamtheit hätte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
äusseren Natur.



Fußnoten:


[A] Hale sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
die Angabe von Punchard, einem Engländer, der mehrere Jahre auf der
Insel gelebt hatte.

[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhärtung seiner
Hypothese von dem schädlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklären, ebenso das
Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.

[C] Diese Frühreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
will, Raçencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
mancherlei Beispiele von später Entwicklung auch unter den
Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvölkern die
Mannbarkeit so früh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen überall
gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
den Kamtschadalen und anderen Völkern in so hohen Breitengraden finden
wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 führt die animalische Nahrung und die
hohe Temperatur in den Hütten vieler dieser Völker als Grund an. Allein
auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frühen
Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gänzlichen Schrankenlosigkeit
der Naturvölker die Wünsche früher erregt und ferner die Mädchen zu
frühe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
seine Wirkung zeigen. Die Gewöhnung vererbte sich immer mehr, setzte
sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
Geschlechtsfunktionen wirklich früher, als es der menschlichen Natur
eigentlich normal ist. So würde sich diese Erscheinung bei allen
Naturvölkern gleich gut erklären: und man lernt täglich Gewöhnung und
Vererbung mehr in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit
schätzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
damit nicht abgeläugnet werden; nur sind sie bei den Naturvölkern von
untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewöhnung und Vererbung
ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
Wünsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
Verhältniss.

[D] Spuren von ihr finden sich auch in Südamerika, so bei Azara 248, der
von den Mbayas erzählt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kühen und Affen
essen; doch, da ihre Mädchen überhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
Fische und zur Zeit der Periode nur Gemüse und Obst geniessen, so könnte
man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklären. Dagegen ist es gewiss
eine dem nordamerikanischen Totem ursprünglich verwandte jetzt nicht
mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
die Ameisenbären als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
nur nothgedrungen essen würden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
in Südamerika als die Stammväter und Schutzgeister mancher Völker. Und
nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stämme
unveränderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
besitzen. »Diese Thiere werden von den Völkern, die sich nach ihnen
nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
die Frage »was tanzt ihr« nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.«
So gibts Männer des Löwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr«? ist
merkwürdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
amerikanischer und australischer Völker, und es liegt nahe anzunehmen,
dass die heiligen Tänze zuerst das Leben der Schutzgeister
versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Götter
tanzten. Später erblasste die Bedeutung solcher Tänze vielfach.

[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Völkern. Heilige
Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebräuchlich, vergl.
Grimm D.M. 633. Tödtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versöhnende und abbittende
Gebetsformeln üblich, eb. 618.

[F] Wenn hier Kadu nicht irrthümlich einen rohen melanesischen Stamm
meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzählen, absichtlich oder
selbst getäuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe für die
Palaus nicht.

[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvölkern getödtet: auch von den
Negern (Waitz 2, 124).

[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.

[I] Dass übrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
getödtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Füsse
legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
der späteren attischen Komödie so vielfach erwähnt wird. Namentlich
Töchter wurden umgebracht. Diese Tödtung geschah durch Aussetzung
zumeist (Schömann griech. Alterthümer 1, 562). Bei den alten Deutschen
herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
zunächst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
Molochdienst der Phönicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
wurde (Winer, bibl. Realwörterbuch unter Moloch) so wie an die der
Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phön. 2, 2, 69). Allerdings ist
der semitische Gebrauch ein religiöser, also zum Kinderopfern gehörig.
Doch liesse sich auch für blosses Aussetzen der Kinder manches
Semitische beibringen.

[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den »Mysterien des Botuto«, einer
Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzählt, gehört hierher: »um in
die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
Fasten und anderen angreifenden Andachtsübungen.« Durch die Trompete
theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
also mit den Göttern in näherem Verkehr als andere Menschen und das war
auch der Grundgedanke der Areois. Ganz ähnlich wird von Haiti berichtet.
»Die Caziken nämlich standen«, erzählt Waitz 4, 329 nach Herrera,
Torquemada und Petr. Martyr, »ohne selbst Priester zu sein, doch an der
Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplätze, wo die Gottesverehrung
stattfand, waren entweder ihre Häuser selbst oder Hütten, die als ihnen
gehörig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
Schnupftabak und führten die heilige Handlung allein aus, von der
natürlich das Volk ausgeschlossen blieb.« Auch Tänze gehörten zu diesen
religiösen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
den Areois.

[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
eine Menge Völker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
Germanen verschiedener Stämme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
Merkwürdig ist, dass auch bei Heiligen-Schädeln der Gebrauch vorkommt,
so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
war wohl zunächst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
dass Aventin sagt, Niemand hätte aus einem solchen Schädel trinken
dürfen, wer nicht einen Feind erschlagen hätte, da auch dieser Zug an
manches Aehnliche unter den Naturvölkern erinnert. Doch können wir diese
höchst merkwürdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.

[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
epean andri apothanê patêr, hoi prosêchontes pantes prosagousi
probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneôta gonea, anamixantes de
panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tödteten noch im 16. Jahrhundert
ihre arbeitsuntüchtigen Väter unter besonderen Ceremonien (Kühn,
märkische Sagen und Mährchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
berühren, nicht abhandeln können. Vgl. was etwas weiter unten über Mare
und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Römern, Griechen,
Phöniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Völkern siehe Merklin
in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrüggen
in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
Sprichwort (Schleicher lit. Mährchen 179) »wie das Söhnchen heranwächst,
hat es auch den Vater erwürgt«, könnte auf eine ähnliche, jetzt längst
abgekommene Sitte hinweisen.

[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
Fähigkeit zu fliegen. In einem sehr ähnlichen indischen Mährchen bei
Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
Zusammenhang beider Erzählungen wäre nicht undenkbar.

[N] Die Menschenschädel, welche am Eingange des Palastes, an den
Stadtthoren und allen wichtigen Plätzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
der Gebrauch verbreitet: die phönicischen Städte wurden dadurch fest
gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
Phönizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
beweisen; so wird z.B. am Südharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mährchen und Sagen zeigt
(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
Kelten wird er gleichfalls erwähnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
erzählt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
geschah), vertreten nur die früheren geopferten Menschen. In Albanien
herrscht auch, um das zu § 4 nachzutragen, ein ganz ähnliches
Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
etwas Festem aus dem Körper entfernt und dieses letztere dann
eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
die Krankheit über (ebend, 159).

[O] Der getödtete Engländer hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhändler (und
Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
Völker sehr häufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lässt. So
schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und »höchst verrätherisch« und
war selbst häufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzählt er von _allen_
Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen dürfe. Er steht also selbst auf
dem Standpunkt der Sandelholzhändler und beachtet nicht, was die
Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
leiden hatten. Nach der Lektüre seines Buches wundert man sich nicht,
dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
fällt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgänge in Koror,
sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
Kriegsschiffes.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Über das Aussterben der Naturvölker" ***

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