Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Der Todesgruß der Legionen, 1. Band
Author: Meding, Johann Ferdinand Martin Oskar, 1829-1903
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Todesgruß der Legionen, 1. Band" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



Der Todesgruß der Legionen.



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Erster Band.



Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.



Erstes Capitel.


Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der
Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht
die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu
zerschneiden — außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von
Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz
seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
bedeutende Wohlhabenheit erreicht.

Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden
Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt
eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte
Frankreichs zusammenhängen.

Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les
bragars — eine Zusammenziehung aus les braves gars — und die bragars von
Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie
hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit
verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.

Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier
macht das Wort Franz I.: „tout est perdu fors l'honneur“ zu seiner
Devise.

Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und
Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von
den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers
die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt.

Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.

Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die
Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den
Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende
Gegend.

Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner
von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
Männer auf und nieder.

Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht
vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben
jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der
Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des
französischen Arbeiterstandes war.

Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und
Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich
ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine
gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig
Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen,
insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist.

Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre
1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei;
der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das
Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in
Saint-Dizier stationirt waren.

„Ich sage Euch noch einmal, Cappei,“ sprach der Unterofficier, „überlegt
wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst — ich habe den Herrn
Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration
auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
gegeben — er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen, — glaubt mir nur, ich
täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und
dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann.“

„Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier,“ rief Cappei, indem er
stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; „es ist
unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und
Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
sich um ihr Schicksal zu kümmern. — Ich werde das nicht eher glauben, als
bis es wirklich geschieht — wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
steht mein Entschluß ganz fest — ich gehe nach Hannover in die Heimath
zurück, mag daraus entstehen was da wolle. — Die Preußen können uns doch
nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz.
Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
Familie gründen können.“

„Ihr sprecht so,“ erwiderte der Unterofficier, „weil Ihr verliebt seid
und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu
heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
recht von einem ordentlichen Soldaten — denkt doch daran, daß Ihr noch
militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr
zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen
Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen
und nach preußischem Commando exerciren?“

„Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt,“ rief Cappei, „was habe
ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich
der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich
verliebt sei — das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
Euch — Gott ist mein Zeuge — daß der König und seine Sache mir höher steht
als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld
zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu
werden sollte — wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein
einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde
ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
Heimath aufzugeben.

„Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu
tragen“ — sprach er seufzend, — „aber was geht es im Grunde mich an?
Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch
meine Liebe bestimmen lassen.“

„Nun,“ sagte der Unterofficier, „Gott gebe, daß es nicht dazu kommen
möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin
zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat
uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen — wenn es dahin
kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen
Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
und meine Gedanken frei aussprechen kann — Ihr werdet's Euch auch noch
überlegen, hoffe ich. — Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten
immer die Liebe mitspricht —“

Ungeduldig erwiderte Cappei:

„Ich sage Ihnen nochmals,“ Herr Unterofficier, „daß es nicht die Liebe
ist, welche mich bestimmt — wenn der König uns nach Algier schickte und
uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde
hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen
Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König
uns aufgiebt, so bin ich frei — ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt
und kann als ehrlicher Mann thun was ich will.“

Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
spärlich erleuchtet war. — — —

Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten
Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche,
welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von
etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon
unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber
doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den
französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen
dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten
sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund
sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand.

Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas
gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen
sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht.

„Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise,“ rief er, seine Worte mit
lebhaften Gesticulationen begleitend, „es ist unrecht von Ihnen, daß Sie
für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben.
Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört; — meine
Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
gegen meine Bewerbung — warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück,
mir Ihre Hand zu reichen? — Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
Schicksal mit dem meinigen zu verbinden.“

„Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier,“ erwiderte das junge
Mädchen, „daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
lassen — das ist doch in der That keine unbillige Bitte — oder fürchten
Sie, daß ich Ihnen zu alt werde,“ fügte sie lächelnd hinzu, indem sie
ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.

„Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht
ertragen kann,“ sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
die Haare fuhr; „es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß
Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten.“

„Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht,“ erwiderte Luise, „und
lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre
Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
dieser Frist Ihnen ein bestimmtes ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zu sagen. — Warum
drängen Sie mich fortwährend?“

„Weil ich,“ rief Herr Vergier lebhaft, „täglich deutlicher sehe, daß es
nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr
entfremdet. Oh!“ sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit
unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, „früher
war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und
widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige
Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst — und machte mich so
glücklich; aber jetzt,“ fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit
Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend — „jetzt ist das Alles
anders — seit —“

„Seit?“ fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem
kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen
musternd, „seit —?“

„Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist,“ rief Herr Vergier mit
brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen
Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, „jener heimathlose Flüchtling,
von dem man nicht weiß woher er kommt — seit dieser Mensch, der nur ein
gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat — seit jener
Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen — haben Sie
Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin
Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
mehr als einmal verwüsteten. — Ich hasse die Deutschen,“ fuhr er mit
grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, „ich habe sie gehaßt so lange ich
die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt — mehr als je,
seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück
meines Lebens geraubt hat.“

Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre
Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
festgeschlossenen Mund.

„Ich erinnere mich nicht,“ sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
mühsam zu ruhigem Ton zwang — „ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu
andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über
Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu
antworten.

„Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer
Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
unwiderruflichen ‚Nein‘ beantworte.“

Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen
Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
freundlichen Lächeln.

„Verzeihung, Fräulein Luise!“ sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte — „Verzeihung, ich habe
mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung
sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist.“

Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte
unbeweglich in die Kaminglut.

Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon. —

Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der
Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders
erinnerte.

Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.

„Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen,“ sagte er, „es sind so
bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir
alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen
Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse
bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
Friedensversicherungen enthalten.“

„Ich glaube an diese Versicherungen wenig,“ sagte Herr Vergier, welcher
sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet
berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte — „wir haben es
schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen
Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche
und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
wenig mißtrauisch.

„Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder
große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes
erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich,“ fuhr er
lebhafter fort, „als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch
sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit
empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
erschüttert und immer tiefer untergraben wird.“

Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf.

„Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl,“ sagte er,
„und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung
gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der
Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen.

„Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die
allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die
Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum
zu verantworten sein.“

„Aber glauben Sie denn,“ rief Herr Vergier lebhaft, „daß der Kaiser sich
auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen
und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
rathen. — Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht — ich habe nie ein Hehl
daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich
würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung
ansehen, der wir jetzt unterworfen sind —“

„Sie thun Unrecht,“ fiel Herr Challier ernst und entschieden ein — „die
Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich
bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft — die
Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren
in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist
und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige
gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath
berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen.“

„Das Vertrauen des Volkes?“ rief Herr Vergier. „Besitzt dieser Herr
Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so
laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat — besitzt
dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
Volkes? — Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen
Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die
Satelliten der römischen Kaiser.“

„Nun,“ sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, „ich hoffe, daß die
kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß
man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
militairischen Ruhm vorziehen wird.“

Er blickte auf seine Uhr.

„Ist unser Diner bereit?“ fragte er seine Tochter, welche fortwährend
still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters
mit Herrn Vergier zu achten.

Luise erhob sich.

„Sogleich,“ sagte sie, „Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat
versprochen heute bei uns zu essen,“ fügte sie hinzu, indem ihr Blick
sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
zusammenbiß und sich abwendete.

Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.

Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
Vergier streifte:

„Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre
Abwesenheit sehr bedauert haben.“

Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
Lippen führen — dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen
Verneigung Herrn Vergier.

Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen
Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein
Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem
Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den
einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um
ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei.

Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen
aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der
Gesellschaft.

Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen
und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
hinübersah.

Das Diner verlief schweigsam.

Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner
schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.

Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.

Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
Lampe erleuchteten Salon zurück.

Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte,
die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um
seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick „nachzudenken“, wie er sagte,
das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
machen.

Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.

„Meine süße Luise,“ sagte er mit jenem fremden Accent, den die
französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, „ich
fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen
Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir
für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt.“

„Kannst Du daran zweifeln?“ erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
„ich habe Muth und Festigkeit — ich stamme,“ fügte sie lächelnd hinzu,
„von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen
wissen. Der Kampf dafür,“ fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken
betrachtend fort, „wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines
so ritterlichen unglücklichen Königs. — Er liebt mich und ich sehe nicht
ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte —“

„Dein Vater,“ sagte Cappei ernst, „ist aber ein Mann des sichern,
ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner
Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
geben im Stande bin — ich bin ein heimathloser Flüchtling —“

„Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden,“ rief Luise lebhaft,
„genügt Dir diese Heimath nicht?“ —

Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:

„Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige,
die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen
Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
je —“

„Doch,“ unterbrach sie ihn, „warum sprachst Du davon, daß wir uns
trennen sollen? Glaubst Du,“ fuhr sie fort, „daß der Augenblick naht, in
welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt? — Glaube mir, die
Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden
Dich mir erhalten — Deine Sache wird siegen und dann — dann wird unserm
Glück Nichts mehr im Wege stehen.“

Er blickte düster vor sich hin.

„Wäre es so wie Du sagst,“ sprach er, „so würde ich mit froher
Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte
ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion
aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
bin Dir eine Zukunft zu schaffen.“

„Das wäre traurig,“ sagte Luise — „doch warum willst Du in solchem Fall
in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,“
fügte sie rasch hinzu, „ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
gründen —“

„Nein!“ rief er sich stolz aufrichtend, „ich kann ein heimathloser
Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene — der Sache des
Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so
kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
Existenz schaffen lassen.

Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines
Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch
ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie
wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch
während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst.“

Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
blickte ihm tief in die Augen.

„Kannst Du daran zweifeln?“ sagte sie. „Was Du beschließest, was Du thun
wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die
deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe — ich will Dir
beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen
bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind.“

Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen
zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar! —

Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
sich in ihren Sessel zurück.

Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.

Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen
Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung
bewegten Stimme.

„Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß
in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier
eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.

„Nun,“ rief er mit bitterm Tone, „ich weiß, wohin ich gehen werde, um
auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über
Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen — aber das kommt —“

Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf
den Schnurrbart und schwieg.

„Die Entscheidung naht,“ sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
Geliebte anblickend.

„Und die Liebe und Treue wird sich bewähren,“ erwiderte diese leise.

„Ich bin gekommen, um Euch abzuholen,“ sagte der
Unterofficier — „verzeihen Sie, mein Fräulein,“ schaltete er mit einer
gewissen mürrischen Höflichkeit ein — „unsere Abtheilung ist bei mir
beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen.“

Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.

Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig
erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den
Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen
würde.



Zweites Capitel.


Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
den Tuilerien.

Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck
tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des
Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
convulsivischen Zuckungen.

Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
liegenden Souverain.

An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton
beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er
doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
dem Zustande seines Patienten beschäftigt.

Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
aufmerksam dem Pulsschlag folgend.

„Der Puls geht ruhig und gleichmäßig,“ sagte er sich zu Nélaton wendend;
„es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät
gern einige Tropfen Aethergeist einflößen.“

„Ich halte das nicht für nöthig“ erwiderte Dr. Nélaton. „Die Sondirung
hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist
ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den
Kaiser Ihrer Sorgfalt,“ fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, „und
hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es
sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen.“

Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer. — Dr. Conneau blieb ruhig an
seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.

Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen,
seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge — dann schlug er die
Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.

„Ist Nélaton fort?“ fragte er. — „Was hat er gesagt? Werden diese
entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?“

„Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire,“ erwiederte Dr.
Conneau, „und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben
werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können.“

„Oh, mein alter Freund,“ sagte der Kaiser mit traurigem Ton, „Sie
glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden
kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine
Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und
zu handeln.“

„Ich bitte Ew. Majestät inständigst,“ erwiderte Dr. Conneau, „sich in
diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen.
Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
Ew. Majestät,“ sprach er ernst mit volltönender Stimme, „sind mehr als
andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden
überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und
je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung.“

Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. „Die großen Aufgaben
meiner Stellung!“ sprach er mit matter Stimme — „das ist es ja eben, was
mich so niederdrückt und lähmt — daß die Maschine den Dienst versagt, um
das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft
die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre
ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen
können — oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht — fast möchte ich ihn
zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für
mich — beendet; aber, mein Gott,“ rief er händeringend, „ich darf ja
nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die
nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen
Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für
welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens
angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft
aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze
Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet
habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige
Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein.“

„Aber, mein Gott, Sire,“ sagte Dr. Conneau, „warum diese schwarzen
Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und
hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten
legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn
der kaiserliche Prinz — was Gott noch lange verhüten möge, dereinst
berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen
natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die
Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die
Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der
Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht.“

Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.

„Auch Sie, mein alter Freund,“ sagte er, „täuscht der Schein — oder Sie
wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
das ich immer mehr verliere.

„Ich selbst,“ sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte — „ich selbst kann
besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das
ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.

„Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da? — Und dennoch
wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
Bevölkerung — ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
öffentlichen Lebens.“

Dr. Conneau lächelte.

„Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung,“ sagte er. „Die stets
unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse
der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer
hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät
geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten
Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des
Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden
niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an
Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern.“

„Sie kennen Frankreich nicht wie ich,“ sagte der Kaiser traurig — „ich
weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus
dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
Gewalt — eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer
Schwäche der Regierung — bei meinem Tode vielleicht,“ fügte er seufzend
hinzu, „wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
möchte. —

„Und nach Außen,“ fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
Conneau sprechend — „hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle
es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
bewegen konnte.

„Niel ist todt,“ sagte er mit dumpfem Ton — „Alle sind todt, die mich
einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben — Morny,
Walewsky — selbst Felix und mein treuer Nero — ich bin allein.

„Ich habe nur noch Sie,“ sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
reichte; „aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht
helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern — Sie könnten mir nur
helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
einzuflößen vermöchten.

„Oh,“ rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, „ich wollte
allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr
werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
die Kraft der Jugend wiedergeben könnte. — Le Boeuf,“ fuhr er nach einer
augenblicklichen Pause fort, „er ist der Schüler von Niel, er hat ihm
nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen
gewesen — aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht
fortsetzen. —

„Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das
Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über
meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.

„Vielleicht,“ fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort — „habe ich
einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte.
Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und
sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu
sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
Tode aufhört.

„Das ist der Ursprung meiner Herrschaft — und man sagt, die Regierungen
fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.

„Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil
er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?

„Aber, mein Gott,“ rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein
unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien — „mein Gott, ich
habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn — ich liebe ihn sehr, Conneau
und mag es ein Fehler sein oder nicht — meine ganzen Gedanken, meine
ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn.“

In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
dessen Hand und führte sie an seine Lippen.

„Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire,“ sagte er mit zitternder
Stimme — „ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den
kaiserlichen Prinzen hinzugeben.“ —

„Geben Sie mir lieber,“ sagte Napoleon sanft lächelnd, „durch Ihre Kunst
die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
meinem Sohn den höchsten Dienst leisten.“

Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem
Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
Glase Wasser.

„Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken,“ sagte er dem Kaiser das Glas
reichend; „ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät
die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung
hervorgerufen hatte.“

Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne
opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner
Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere
Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und
der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.

Er stand langsam auf.

„Ich danke Ihnen, Conneau,“ sagte er, „das hat mir wohlgethan. Wollte
Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten
Unfähigkeit herabstimmen.“

„Nicht so leicht,“ erwiderte Dr. Conneau, „wenn die Willenskraft meinem
Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor
und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl.“

„Der Willen?“ sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd — „um zu wollen, dazu
gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der
Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
herumbewegt? — Doch,“ fuhr er fort, „für den Augenblick habe ich den
Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse,
denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse.“

Er reichte Conneau die Hand, — der Arzt führte dieselbe an seine Lippen
und verließ das Schlafgemach seines Herrn.

Der Kaiser klingelte.

„Es ist nicht mehr mein treuer Felix,“ sprach er seufzend, „der alle
Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
eine so liebe Gewohnheit geworden war.“

Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die
Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur
sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte
von seiner gebrochenen Kraft.

„Ist Herr Duvernois da?“ fragte er mit einem letzten Blick in den
Spiegel.

„Zu Befehl, Sire.“

„Man soll ihn eintreten lassen,“ sagte Napoleon, indem er in sein
Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer
erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz
gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den
Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den
Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.

Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der
Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.

Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des
Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt.
Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in
seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit
langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
ließ, — die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
von einer dunkeln Gluth durchschimmert.

Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.

„Nun mein lieber Duvernois,“ sagte Napoleon mit freundlicher
Herzlichkeit, „— wie geht es Ihnen, — ich habe Sie bitten lassen zu mir
zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt, — es gährt und
bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
Rath überschüttet, — daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung
Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind.“

„Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
sein,“ erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton, — „fast möchte ich
sagen — ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut
ausspreche.“

„Und gehören Sie auch zu Denen,“ fragte Napoleon, „welche meinen, daß
diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig
abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft? — Sie haben es
gelernt,“ fuhr er fort, „die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet, — und der vor den Tiefen
des Abgrundes nicht zurückschaudert, — was sehen Sie auf der Höhe, — was
sehen Sie in den Tiefen, — sprechen Sie frei und offen — Sie wissen, daß
ich zu hören und zu lernen verstehe,“ fügte er mit freundlichem Lächeln
und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.

„Ich habe Eurer Majestät,“ erwiderte Clément Duvernois, „meine
Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den
Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
wahren und unverhüllten Ueberzeugung, — diese Ergebenheit werde ich
Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät
werden das wirklich Richtige zu erkennen.“

„Sie halten also die Situation für ernst?“ fragte der Kaiser, indem er
sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois
einen Sessel neben sich bezeichnete.

Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
gerichtete Frage zu antworten:

„Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß
gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
Höhen hinauf zu blicken, — nun wohl, Sire, — ich habe nach beiden
Richtungen scharf beobachtet — und werde Eurer Majestät frei sagen, was
ich gesehen.“

Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den
Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
spielend, aufmerksam zu.

„In den Tiefen, Sire,“ sagte Clément Duvernois, „sehe ich die finstern
Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt
hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten, — da sie fühlen, daß
der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
früher.“

Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen, — doch
blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.

„Die friedlichen Bürger, Sire,“ sprach der geistvolle Publicist weiter,
„wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der
Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird.
Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig, — die Repräsentanten der Nation
berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit
freut sich der Ruhe und Ordnung.

„Was aber, Sire,“ fuhr er mit erhöhter Stimme fort, — „was birgt die
Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich
versammeln sich vier bis fünftausend Individuen — Feinde des Besitzes,
Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht — diese Individuen
versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten
Linken, — von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen.
Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu
zerstören.

„Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht
scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: ‚wir wollen keine Banditen,
keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am
Hute tragen.‘“

Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer — sein Blick verhüllte sich völlig
unter den Augenlidern.

„Flourens,“ fuhr Herr Duvernois fort, „sprach dann von den Vorgängen in
Creusot und rief: ‚es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
wollen.‘ Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat
man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde.“

Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach
mit ruhigem Lächeln:

„Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie
mir nicht bestimmt — so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
keine Gefahr bringen.“

„Ich weiß,“ erwiderte Duvernois, „daß Eure Majestät keine Gefahr scheut
und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich
erzähle, was man dort gesprochen hat — Diejenigen, welche so laut reden,
sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man
ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie
das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift.“

„Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber,“
fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
Gesicht Duvernois' ruhte — „was haben Sie auf den Höhen gesehen?“

Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.

Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete,
dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.

„Auf der Höhe,“ sprach er dann mit tief eindringender Stimme, „sehe ich,
Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner
Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen
nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten
undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch
über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge
faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung
geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm
aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben — der
aber —“

„Der aber?“ fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit
gespannter Erwartung aufblickend.

„Der aber,“ fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, „mit der Krönung des
Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern
Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch
untergraben.“

„Ich vergesse das nicht,“ sagte Napoleon, „im Gegentheil arbeite ich
daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und
sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die
persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der
Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige
rufen kann: Der Kaiser ist todt — es lebe der Kaiser.“

„Die edle Absicht Eurer Majestät,“ erwiderte Clément Duvernois, „erkenne
ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät
bezwecken will, wenn — diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen
Händen lägen.“

Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ
den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:

„Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
kann? — Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten — sie
sind todt. — Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des
Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe.“

Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.

„Doch,“ sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, „sprechen Sie offen,
Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen
habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
besitzen?“

„Mißtrauen?“ sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, „ist ein hartes
und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer
Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir
Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
sprechen.

„Ich sehe vor mir — und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur
von oben herab blicken — ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache,
daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem
Kaiserreich feindlichsten Princips befindet — in den Händen des
Orleanismus —“

„Sie glauben,“ fuhr der Kaiser heftig auf, „daß Graf Daru, daß Buffet
mich verrathen könnten — daß sie mit den Orléans conspiriren?“

„Nein, Sire,“ antwortete Clément Duvernois, „das glaube ich nicht. Graf
Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber,
Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille
angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der
constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet
sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät
Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die
Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen
befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des
Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen
zieht.

„Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
Propaganda; — nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's
wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es
kommen — nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den
Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein
dastehen werden.

„Ich habe diese Frage,“ fuhr er fort, „eingehend studirt; die Macht der
Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von
Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit,
das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern.“

Der Kaiser stand auf — in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.

„Was wollen sie,“ rief er, „diese Orleans, die fortwährend dahin
gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie
verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten? — Glauben sie mit ihren
schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer
eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?“

„Gewiß würden sie nicht fähig sein,“ erwiderte Duvernois, „die
Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen
sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
gegen dieselbe gerichtet werden und — verzeihen Eure Majestät meine
Offenheit — in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an
den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers — sollte dieselbe
reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten
Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen.“

Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
vor sich nieder.

Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so
brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
Seele lesen.

„Und was kann ich thun?“ fragte er. „Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung
geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den
Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände — in die Hände meiner
Freunde zu legen?“

„Nach meiner Meinung,“ erwiderte Duvernois, „ist der Weg dazu einfach.
Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem
Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.

„Ich meine damit,“ fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, „daß
in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den
Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der
Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk
giebt, — ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige
Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren
hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle
Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche
Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
Boden des realen Volkslebens loszulösen.

„Das Kaiserreich steht,“ fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte — „das
Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf
den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der
orleanistischen Agitation.

„Wenn Eure Majestät,“ sprach er nach einer kurzen Pause weiter, „sich
fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die
Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen
wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen,
ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
Dynastie sind.“

„Ich verstehe vollkommen,“ sagte der Kaiser, „und finde in Ihren
Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie
bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie
glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden
können.

„Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht,
welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin,
Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
Fragen lösen zu können glauben.“

„Gewiß,“ erwiderte Clément Duvernois, „habe ich auch darüber meine
Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise
Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
beseitigen können. Der Fehler dieser Situation,“ fuhr er fort, während
der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
zuhörte — „der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt
des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die
parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen
Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich
befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst.

„Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein
solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das
ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
verschwinden.“

Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit
und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.

„Sie haben Recht, mein Freund,“ sagte er mit leuchtendem Blick — „Sie
haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe
neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für
den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat
und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
Ich danke Ihnen,“ fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu,
„Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben
Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die
Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.

„Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des
Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen.“

„Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun,“ sprach Clément Duvernois, „so
wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich
unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt
bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten
wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
werden verschwinden.

„Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn,“
fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, „Eure Majestät Ihre
alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der
richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
erstehen werden.“

Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
und sprach:

„Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung
und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die
Wahrheit gesagt.

„Doch,“ fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „ich möchte noch über
einen Punkt Ihre Meinung hören.

„Sie wissen,“ sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, „daß das
nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die
Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief
verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer
Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des
großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von
Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
kann — die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen
Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen
Frankreichs wieder herzustellen.“

„Man räth Eurer Majestät,“ fiel Clément Duvernois ein, „ganz einfach den
Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in
seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne
Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht
Europa's sich vollziehen können; man räth,“ fuhr er mit erhöhter Stimme
fort, „um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun,
was Sie — verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire — unmittelbar nach der
Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen.“

Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:

„Und was meinen Sie zu diesem Rath?“

„Sire,“ erwiderte Duvernois, „ich bin Franzose und bin ein treuer
Anhänger der napoleonischen Dynastie — Eure Majestät können also darüber
nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer
Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde
aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich
freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß
ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in
den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde — aber —“

„Aber?“ fragte der Kaiser gespannt.

„Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren
Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu
können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und
die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf
bestimmen zu können?

„Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann
ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht
besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage
beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht
vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so
geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte
Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes, — ein
unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in
Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln.“

„Da liegt es,“ sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. „Wäre ich mein Oheim,
vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
Frankreichs zu lenken — ich würde mich wahrlich keinen Augenblick
besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen — aber
kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber
gestanden haben? — Niel ist todt,“ fuhr er fort, halb zu sich selbst
sprechend, „ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee
übergeben können. — Habe ich einen Niel? — Lebt sein Geist noch in den
Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit
ist — man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber
ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge — es wäre das
Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich — um Frankreich — ein va
banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
kann.

„Der Oberst Stoffel,“ fuhr er fort, „schreibt mir vortreffliche Berichte
über die preußische Armee-Organisation — es ist nicht genug, daß die
französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und
Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König
Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens
geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in
diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa
Franca möglich sein.“

„Mir genügt,“ sagte Clément Duvernois, „was Eure Majestät mir so eben
gesagt haben; wenn in Ihrer Seele,“ fuhr er fort, „nur der geringste
Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel
des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen
bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und
für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der
gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
sicher, Sire — deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie
langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor,
denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste
geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder
später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann.“

Der Kaiser stand auf.

„Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois,“ sagte er, „Sie sind auch in
diesem Punkte meinen Ideen begegnet — Sie werden sich überzeugen, daß ich
diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer
so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden.

„Ich wünsche und hoffe,“ fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er
Duvernois auf die Schulter klopfte, „daß Sie mir dereinst noch näher
treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden.“

Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
stolzer Befriedigung:

„Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden,
meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören.“

Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief
vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und
verließ das Cabinet.

„Er hat Recht,“ sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend — „er
hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich
darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und
zu dem ich,“ sagte er mit düsterer Traurigkeit, „nicht mehr die Kraft in
mir fühle.“

Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief:

„Ihre Majestät die Kaiserin!“

Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.



Drittes Capitel.


Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
in das Cabinet.

Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer
edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden.
Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.

Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
seine Lippen führte.

„Ich habe so eben,“ sagte der Kaiser, „recht schmerzlich die Macht der
Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
können Sie,“ fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, „Ihr
Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses
unruhigen Frankreichs.“

„Ich hoffe,“ rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
sich in einen Lehnstuhl warf, „daß Sie jene Jugend und Energie
wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen,“ fuhr sie immer lebhafter
fort, „daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere
Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
Stadt stattgefunden?

„Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer
gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den
Haß gegen die Regierung zu schüren.“

„Ich habe gehört,“ erwiderte der Kaiser ruhig, „daß einige Unruhen
stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten.“

„Schlimm genug,“ rief die Kaiserin, „daß man Ihnen das noch nicht
erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.

„Statt Rochefort,“ fuhr sie fort, „in aller Stille abzuführen, statt ihn
einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu
spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr
bedenkliche Aufregung.“

Der Kaiser lächelte.

„Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie,“ sagte er, „daß man mir
die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint
bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man
kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu
lassen.

„Doch hören wir,“ sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
„den genauen Bericht.“

Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines
Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.

Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
des Kaisers erwartend.

„Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und
der Verhaftung Rocheforts eingegangen?“ fragte Napoleon.

„Zu Befehl, Sire,“ erwiderte Herr Pietri „Die Ruhestörungen sind nicht
ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
beendet.“

„Wie hat man Rochefort verhaftet?“ fragte der Kaiser, indem er sich
neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.

„Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire,“ sprach Herr Pietri, „in der
Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des
Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu
heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
Präfectur gebracht — auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der
Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen
ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die
Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
beendet.“

„Sie sehen,“ sagte die Kaiserin, „daß die Sache ernst ist; wenn man erst
den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern,
wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen
Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
solche Bewegung annehmen kann.“

Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf.

„Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung
Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige
Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an
Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach
meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?“

Pietri verneigte sich.

„Ich bedaure sehr,“ sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
„daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht.
Schon das Verbot der ‚Laterne‘ war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man
sich nicht darum gekümmert hätte.“

„So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen,“ rief die Kaiserin mit
flammenden Augen, „daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der
Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es
wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
Macht der kaiserlichen Regierung glauben?

„Und in der That,“ fügte sie bitter hinzu, „man fängt bereits an, diesen
Glauben zu verlieren.“

Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:

„Haben Sie die Güte,“ sagte er, „den Brief an Ollivier sogleich abgehen
zu lassen.“

Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.

„Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis,“ sagte die Kaiserin.
„Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine
Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen
und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
wird.“

„Aber Sie sehen ja,“ sagte der Kaiser, „daß mit aller Energie
vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben.“

„Sie ist es heute geblieben,“ sagte die Kaiserin, „sie wird es morgen
noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme
Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem
Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester
und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser
Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt —“

— „Und dieser Schlüssel liegt?“ fragte Napoleon, mit der Hand über
seinen Knebelbart streichend.

„Er liegt in dem tiefen Gefühl,“ rief die Kaiserin, „welches ganz
Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr
persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von
Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende
preußische Macht.“

Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:

„Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche“ — fügte er mit
einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu — „es so vortrefflich
verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen, — glauben sie denn, daß ich de
but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären
könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische
Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß.“ —

„Zu den militairischen Vorbereitungen,“ sagte die Kaiserin, „sollten
Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel
gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere
Armee für vollkommen schlagfertig —“

„Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen,“ fiel der Kaiser
ruhig ein, „und in diesem Zeitraum hat sich,“ sagte er seufzend, „die
Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden.“ —

„Und was den Kriegsgrund betrifft,“ sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, „so liegt Ihnen derselbe
ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die
Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr
Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich
werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von
1866 wieder zu zertrümmern.“

„Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?“
fragte der Kaiser. „Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
Beistand, den wir dort finden können.“

„Die ganze katholische Kirche in Bayern,“ sprach die Kaiserin weiter,
„ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die
genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle
jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen.“

Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
ansah.

„Ich verkenne nicht,“ sagte er dann, „daß eine geschickte Behandlung der
Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt
das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem
vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des
Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
nicht der geeignete Augenblick.“

„So wollen Sie warten,“ rief die Kaiserin, „bis die Wogen der inneren
Unruhen immer übermächtiger heranschwellen? — bis endlich die ganze Welt
sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?“ —

„Um den Krieg vorzubereiten,“ sagte Napoleon, seinem inneren
Gedankengange folgend — „muß ich mit Männern umgeben sein, welche den
Krieg wollen. — Glauben Sie,“ fragte er, die Augen groß aufschlagend und
seine Gemahlin fest anblickend — „glauben Sie, daß Daru der geeignete
Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu
machen — diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren
Lebensbedingung der Friede quand même ist?“ —

„Daru?“ rief die Kaiserin. „Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister?
Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen
von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
Frankreichs erfüllen müssen.

„Und Ollivier,“ sprach sie mit einem feinen Lächeln von
unbeschreiblichem Ausdruck — „nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn
nur richtig zu nehmen wissen — oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen,
und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt — so wird sich doch
ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist.“

„Und wenn Graf Daru abträte?“ sagte der Kaiser — „wen habe ich, um an
seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat,
eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
um Frankreich mit sich fortzureißen?“

„Ich glaube,“ sagte die Kaiserin, „daß ein solcher Mann nicht zu schwer
zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir
im Sinne liegt —“

Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber.

„Grammont,“ sagte diese, „ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont
kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen
Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und
unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist.
Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter — warum lassen Sie
Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
sich von selbst machen.“

„Sie könnten Recht haben,“ sagte Napoleon, indem er seinen Blick
vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte — „lassen
Sie mich darüber nachdenken —“

„Nur darf dieses Nachdenken,“ rief die Kaiserin aufstehend, „nicht zu
lange dauern. Ich bitte Sie Louis,“ rief sie, nahe an ihn herantretend,
indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen
Blicken ansah — „ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur
um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft
unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht. — Die Armee,
diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst
die seinige sein wird — und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über
die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das
militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist
der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen
Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.

„Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen
Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich
verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,“ — rief sie, indem
ihr Auge begeistert aufleuchtete, „dann wird keine Bewegung im Innern,
kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
haben.“

Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner
Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches,
goldschimmerndes Haar. —

„Ich danke Ihnen, Eugenie,“ sagte er sanft und innig, „daß Sie in meine
alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie
mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben
Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht
erlöschen wird.“

Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige
Augenblicke schweigend neben ihm stehen.

„Ich will jetzt,“ sagte Napoleon dann, „ein wenig ausfahren und die
Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt
habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten — ich will festen
Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß
ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe.“

„Ich weiß es, Louis,“ sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, „daß
die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es
mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen.“

Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf
die Stirn.

„Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
scheint,“ sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
langsam auf- und niederschreitend. „Sie hat bereits diesen Ollivier, der
eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den
Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm
Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
Grammont. — Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der
Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen,
das ist wahr. — Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den
Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen?
Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand
zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten? —

„Nein, nein,“ sagte er mit fest entschlossener Stimme, „noch sehe ich
die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
ein. — Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten,“ sprach er
seufzend, „und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll
wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
Händen liegen. —

„Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen. — Er hat auch gewisse
Beziehungen zwischen den Orleans,“ sprach er leise in tiefen Gedanken,
„aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
versteht das durchzuführen, was er beginnt — Eugenie liebt ihn nicht, ich
weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend.“

Er bewegte die Glocke.

„Ich will ausfahren,“ sprach er zu dem eintretenden
Kammerdiener. — „Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé
da?“

„Der General wartet im Vorzimmer.“

„Führen Sie ihn herein!“

Der Kammerdiener öffnete die Thür.

Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.

Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug
reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.

Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
nieder.

General Favé nahm zu seiner Seite Platz. — Die Piqueurs sprengten voran
und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
Tuilerien.

Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
gekommen war, befahl er langsam zu fahren.

Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während
die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden
blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die
sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
die Herandrängenden zurückweisen.

„Laissez approcher!“ sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.

Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
lautem: „Vive l'Empereur!“ auf diesen Gruß.

Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
schallendem Ton:

„Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
Meuterern!“

Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.

Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.

„Sehen Sie,“ sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, „alle
diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen
mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß
diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen.“

Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.

„Nach Belleville!“ rief Napoleon.

Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes „Vive l'Empereur!“
aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.

„Fürchten Eure Majestät nicht,“ sagte der General Favé, „daß in jenem
unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre?
Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns,“ fügte er mit
etwas ängstlicher Miene hinzu.

„Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen,“ antwortete der Kaiser,
stolz den Kopf erhebend. „Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß
ich mich noch als seinen Herrn fühle.“

Man war in Belleville angekommen.

Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen
meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit
dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein
Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.

Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu
räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.

Der Kaiser ließ halten.

An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene
düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden
Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster
hinschweifen.

Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben.
Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete
ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
sich hin.

„Vorwärts!“ befahl Napoleon.

Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch
nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.

Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend
eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.

„Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
vor dem Richterstuhl der Geschichte!“

Der Kaiser zuckte zusammen.

„Halt!“ rief er.

Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr
und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so
schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick
seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.

Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.

„Man soll keine Nachforschungen anstellen,“ sagte Napoleon kalt und
ruhig.

Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die
Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an
der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
fahren.

Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern
Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An
der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé
seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde
an.

Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.

„Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?“ fragte der Kaiser.

„Zu Befehl, Sire.“

Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch
das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das
Innere des Hotels führte.

In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere
langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator
und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein
kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck
und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
Augenbrauen hervor.

Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser
und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:

„Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am
Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
eilen.“

„Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys,“ sagte
der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser
ehrerbietig ergriff. „Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß
ich wohl zu Ihnen kommen.“

Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.

Sie traten in den großen Empfangssalon.

„Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät
zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt.“

„Ich bitte Sie,“ sagte der Kaiser, „Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen
plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten.“

Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines
Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von
dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze
Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen
Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön
gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.

Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd
zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.

Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.

„Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys,“ sagte Napoleon
endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den
Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte, — „die Lage ist
ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn,“ fügte er
halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, „die Zeit respectirt die Kronen
und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus
diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und
mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in
dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
bei Ihnen.“

Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige
Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine
Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.

„Sie haben,“ sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit
überwindend, „Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den
Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen
Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten,
auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten.“

Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.

„Ich erinnere mich, Sire,“ sagte er, „daß jene Ansicht, welche auch
heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät
Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick
unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
Ansicht,“ fuhr er mit fester Stimme fort, „daß damals eine wirklich
militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die
französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare
Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der
Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat.“

„Sie sind damals,“ sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, „von
den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht — vielleicht habe ich
damals Unrecht gehabt.“ —

„Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen,“ erwiderte
Drouyn de L'huys, „und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil
Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät
wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich
damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen
Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und
mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen.“

„Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist,“ sagte Napoleon,
„sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
Rath zu hören, — den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines
der wenigen Freunde, die mir noch bleiben,“ sagte er tief
seufzend — „denn ich habe viel verloren.“

„Mein Rath, Sire,“ erwiderte Drouyn de L'huys, „wenn Eure Majestät auf
denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält,
sagen, als es Ihr Minister gethan hat.“

„Irgend ein großer Staatsmann,“ sagte der Kaiser, immerfort in die
Flammen des Kamins blickend, „ich glaube Metternich — sagt, einen Fehler
machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
verbessern. Nun wohl,“ fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu
Drouyn de L'huys wendend, „wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath
zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich
laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,“
fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, „um die Zukunft des
Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen
Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß
die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich
den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals
garnicht hätte entstehen lassen sollen. — Um aber den Krieg zu machen,
bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem
Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während
der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee
sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die
Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann
aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von
erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die
europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische
Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber
Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden,
jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?“

Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
langsam, jedes Wort scharf betonend:

„Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
nicht leicht ist kurz zu beantworten. — Es ist wahr, Sire,“ fuhr er fort,
„daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht
hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig
befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
oder in naher Zeit gut zu machen ist — daran, Sire, muß ich ernstlich
zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit.
Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine
Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem
Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum
Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg
von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über
den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein
Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des
Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können. —

„Ich sage nicht, Sire,“ fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
verwundert anblickte, „ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem
sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich
ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem
Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich
selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache
Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg
Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit
gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann
Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als
Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen
Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche
Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner
Cabinets uns gegenüberstellt. — Davon, Sire,“ fuhr er fort, „sind wir
noch sehr weit entfernt. Ich habe,“ sagte er lächelnd, „obgleich ich
mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen.“

„Doch werden dort,“ fiel der Kaiser ein, „namentlich in den katholischen
Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns
Hülfe und Beistand.“

„Um Hülfe und Beistand zu erwarten,“ erwiderte Drouyn de L'huys, „muß
man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug
wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin
liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart
statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und
frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem
Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
wieder aufzunehmen.“

„Ich habe keinen Grund,“ sagte der Kaiser, „daran zu zweifeln, daß
Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen
und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche
Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas
Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert.“

„Ich bin nicht in der Lage, Sire,“ erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
kalt, „das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder
verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre
vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?“

„Das nicht,“ erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
„indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz
Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer
activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur,“ fuhr er fort,
„scheint man dort — ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
aussprachen — dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer
deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde,
in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu
finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland
eingewilligt hat.“

Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de
L'huys' ernste Züge.

„Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
der österreichischen Politik nichts Neues ist,“ sagte er. „Das ist der
vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne
Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große
Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen. — Nein, Sire,“
rief er lebhaft, „auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke
Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen
Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß
sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber
niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich
eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene
preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den
Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung
Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß
auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung
die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
bietet.“

„Und würden Sie geneigt sein,“ fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen
tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, „die französische Politik
nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
die alte Höhe zurückführen soll?“

„Ich werde, Sire,“ erwiderte Drouyn de L'huys, „meine Dienste Eurer
Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die
Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich
muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge
jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die
bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen, — die unzufriedenen
Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
Aeußerste zu wagen.“

„Aber die Nation,“ sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
der Stimme, „empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg
will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen.“

„Ich glaube,“ sagte Drouyn de L'huys, „daß Diejenigen, die dies Eurer
Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den
Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse
ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der
großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz
Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der
Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen
ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie
aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät
meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das
Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen,
würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde
Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen
Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines
Krieges stürzen — dann, Sire — ich spreche meine innigste und festeste
Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches
Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des
Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen
Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
preisgegeben sehen.“

Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
Schnurrbart.

„Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer
Action nach Außen vorhergehen müsse?“ fragte er.

„Ebenso gewiß,“ erwiderte Drouyn de L'huys fest, „als man bei jedem
Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,“
sagte er mit leiser durchdringender Stimme, — „verzeihen Sie meine kühne
Aufrichtigkeit — daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch
Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können.“

Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender
Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm
die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.

„Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich
im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
geziemt, — doch,“ fuhr er fort, „wenn Sie der Meinung sind, daß die in's
Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden
müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in
welcher Weise dies geschehen könnte. — Sie haben mir selbst,“ fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, „früher den Rath gegeben, den
kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen
werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen,
daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber,“ sagte er seufzend, „statt
Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
hervorgerufen.“

„Weil,“ fiel Drouyn de L'huys ein, „Eure Majestät hierbei einen Fehler
gemacht haben. Das heißt,“ schaltete er, sich verneigend ein, „nach
meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
befohlen haben — einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen
Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
Folgen gehabt hat.“

„Und welchen,“ fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend
und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.

„Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen
einführen lassen,“ erwiderte Drouyn de L'huys, „und zwar durch Personen,
welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung
in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber,“ fuhr er
fort, „eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen
immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch
Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert, — ebenso wie es
auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu
lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das
öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
nicht, wie Eurer Majestät bekannt,“ sprach er weiter, „dennoch glaube
ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu
inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben
wollen. — Ebenso wie Herr Ollivier,“ fügte er mit leichtem Lächeln hinzu,
„ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln
durch ihn durchführen zu lassen.“

Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.

„Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht,“ sagte er. „Ich habe auch
darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um
dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu
stemmen. — Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der
Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.

„Sie meinen also,“ fuhr er fort, „daß um die freieren Grundsätze ohne
Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu
lassen —“

„Andere Männer nöthig sind,“ fiel Drouyn de L'huys ein, „und zwar
Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
folgen.“

„Was meinen Sie,“ sagte der Kaiser schnell, „zu dem Plebiscit, um den
neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit
einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen
Lebens geworden ist.“

Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge
des Kaisers.

„Und Sire,“ fragte er, „wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr
Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?“

„Das weiß ich nicht,“ sagte der Kaiser. „Doch,“ fuhr er achselzuckend
fort, „liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr
als an Daru und Buffet.“

Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.

„Und Ollivier?“ fragte er dann.

„Ich werde ihm einen Brief schreiben,“ sagte der Kaiser, „ich werde die
ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen
Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen.“

„Ich glaube,“ sagte Drouyn de L'huys, „aus den Andeutungen Eurer
Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen
anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so
ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und
ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere
und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so
unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen
militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des
Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte.“

Der Kaiser erhob sich.

„Und dann,“ sagte er, „dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre
Unterstützung nicht fehlen wird.“

„Ich werde dann, Sire,“ erwiderte Drouyn de L'huys, „jeden Augenblick
bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich
nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
dieselben acceptiren, auszuführen.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. „Ich
verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
guten Gedanken und Entschlüssen. — Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um
meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
Ausführung zu bringen.“

Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen. — Napoleon stieg
mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den
Tuilerien zurück.



Viertes Capitel.


In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße
saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten
Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren
in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe
Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.

Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt,
und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den
preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten
scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade
aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
hielt.

Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit
einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen
Vermögen und seiner Pension lebte.

Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer
Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus
zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
bewegte.

Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige
Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung
verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne
Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er
sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ
Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob
seine Gedanken anderswo weilten.

Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne
desselben.

„Die Kammern sind ja jetzt geschlossen,“ sagte der Oberstlieutenant mit
einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. „Ihr habt Euer Werk für dies
Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen,“ fügte er seufzend
hinzu. „Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir
überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit
der Zeit zu steif und schwerfällig geworden.“

„Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund,“ erwiderte der
Baron von Rantow. „Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken.“

„Du bleibst noch hier?“ fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
„Das ist mir unendlich erfreulich,“ fügte er hinzu, „doch begreife ich
nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
Wirthschaft entziehst.“

„Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter,“ erwiderte der Baron von
Rantow, — „und dann,“ fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
in die Ferne zu richten schien, „Du weißt, mein Sohn ist in seinem
Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann
gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle
bewerben möge; — wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es
sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht
die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen.“

„Du bist glücklich, alter Freund,“ sagte der Oberstlieutenant mit etwas
wehmüthigem Ton, „daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen
kannst. Ich kann leider,“ fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
hinblasend, „meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche
Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein
Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben
geblieben, — vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß
unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,“ — sagte er, leicht mit der
Hand über die Augen fahrend, „sie ist lange dahingegangen, und der Junge
hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den
Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen
dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß
den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf
demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist.“

„Mein lieber Freund,“ sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht
einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, „Du darfst
nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist,“ fügte
er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, „sich zuletzt sagen zu
können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat.“

„Ja, ja,“ erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
„das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung
und Entbehrung gebracht hat?“

„Der Nutzen?“ fragte Baron von Rantow lebhaft. „Du wirst den Nutzen
nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines
Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im
militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette
für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den
entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für
alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt
hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte
anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt
und gearbeitet hast.“

„Nun, nun,“ sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den
Schnurrbart strich, „ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum
Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt.
Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich
haben möge.“

„Dazu hat es kaum den Anschein,“ sagte der Baron von Rantow mit einem
leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. „Man schwebt ja
in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in
den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle
Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum
Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr,“ fügte er hinzu,
„ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen
vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen
auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber,“ fügte er lächelnd
hinzu, „kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten.“

Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb
verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.

„Du willst Consortien gründen?“ fragte er. „Du willst Dich mit diesen
Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
Deinen alten Besitzungen einzuführen? — Nimm es mir nicht übel, alter
Freund,“ fuhr er fort, „mir scheint das nicht recht mit der Stellung
eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und
in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende
Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich
nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen.
Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt — verzeihe meine
Aufrichtigkeit, — Du hast ja zu thun, was Dir beliebt, — aber meine
Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe.“

„Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht,“ erwiderte der Baron von
Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
hinüberneigte. „Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den
ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen.
Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe
geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer
Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden
Besitzes zu erhalten im Stande ist.“

Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.

„Der Besitz ist eine schöne Sache,“ sagte er, „aber er macht doch nicht
allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast
der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
erhält, als der Reichthum, — wie denn auch die alten geistlichen Orden
zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen
mußten.“

„Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten,“ sagte der Baron von Rantow
lächelnd. Dann fügte er hinzu. „Die geistlichen Herren hatten keine
Kinder, für die sie sorgen mußten. — Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte
nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich
besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
haben. Und ich möchte doch gern,“ fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
den Kopf emporrichtend, „daß auch später Jeder, der den Namen Rantow
führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben,
ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten
muß?“

„Wir werden uns nicht darüber verständigen,“ sagte der Oberstlieutenant.
„Ich meinerseits,“ sprach er bestimmt und energisch, „würde mich niemals
mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen.“

Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
früherer großer Schönheit zeigte.

Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem
breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.

„Die Wagen fangen bereits an vorzufahren,“ sagte Frau von Rantow, „es
wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn
Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint,“ fuhr sie mit einem
leichten Lächeln fort, „daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht
großartiges Fest zu geben.“

„Wir werden die Nacht recht gestört werden,“ sagte der Baron, „von dem
Lärm über unsern Köpfen. Nun,“ fügte er achselzuckend hinzu, „das ist
immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen
ganzen Tag,“ fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, „zu Hause
geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich
nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen
heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet.“

„Und darum,“ fragte der Oberstlieutenant erstaunt, „legtest Du Dir einen
Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu
nehmen.“

„Doch, mein lieber Freund,“ erwiderte Herr von Rantow, „ich habe sogar
recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf
ihn, — doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,“
fuhr er lächelnd fort, „daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof
macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr
gut erzogen und sehr fein gebildet.“

„Um Gottes Willen,“ rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, „wenn
nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte.“

„Nun,“ sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
Sessels trommelnd, „das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr
Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er
wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der
Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
Heirathen zu großem Glanz gebracht, — die Sache würde sich vielleicht
arrangiren lassen.“

„Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen,“ sagte der
Oberstlieutenant. „Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch
wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine
Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes
Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes
Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen
Kreisen meine Familie zu verbinden! — — Nein,“ rief er lebhaft, „dazu
würde ich niemals meine Zustimmung geben.“

„Nun, lieber Büchenfeld,“ sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd,
indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, „beunruhigen Sie
sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber,“ fuhr sie leicht mit
dem Finger drohend fort, „daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht
in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier
zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute
hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des
Fräulein Cohnheim.“

„Ich freue mich,“ sagte der Oberstlieutenant, „wenn mein Sohn sich
amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte
Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen
habe, vollkommen mit mir theilt.“

Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die
Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu
behandeln.

Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der
Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das
dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören.

Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der
Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet
waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der
ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den
Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst
beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der
Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große
Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines
Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben
zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und
einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.

Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden
Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um
seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus
gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl
zusammengesetzt war.

Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine
goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.

Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon
seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit
ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen.

Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit
ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem
mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln.

In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste
Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man
gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit
findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen
eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
von bläulichem Phosphorschimmer übergossen. — Ihre großen dunklen Augen
blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
Lächeln.

Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern — es kamen Geheimräthe trocken,
steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen
im Knopfloch.

Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die
Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe,
indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen
gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der
Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge
doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
Damen erhebe.

Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends
feststellten.

Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang
seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit
die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau
abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte
er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
der Neueintretenden zurückzuwenden.

Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt,
deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer
Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt;
mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch
vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
die Hand.

Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften
zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er
diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche
Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.

Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen,
welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen
läßt erfüllte die Räume.

Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.

Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der
Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
Hauses am Theetisch seines Freundes saß.

Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben
lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene
Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm
berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und
höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths
mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein
hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
gebe, als empfange.

In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld.

Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf
geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und
Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest
zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder
Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus
ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in
einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.

Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem
jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher
Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.

„Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr
Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest,“ fügte er hinzu,
indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck
zwang, „Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen.“

„Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid,“ sagte Herr von Rantow mit
leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg
nach dem andern Salon hinschweifte, „daß sie Ihrer Einladung nicht
haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine
Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen.“

„Nun,“ sagte der Commerzienrath, „ich freue mich wenigstens, daß Sie
gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
sehe. Eilen Sie, eilen Sie,“ fügte er hinzu, indem er den jungen Mann
nach dem Tanzsaal hinführte — „der Tanz wird sogleich beginnen und die
Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch
einen Tanz aufgehoben,“ fügte er dem jungen Mann auf die Schulter
klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld
weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
Tanzsaal eintrat.

Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter
gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen
begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.

Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche
sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen
Moment auf — dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal,
indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer,
in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand.

Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim.

„Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er.
„Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß
Sie noch einen Tanz für mich frei haben?“

„Ich bedauere sehr,“ erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die
Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die
Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; „Alle meine Tänze
sind besetzt.“

„Das ist ja ein wahres Unglück!“ rief der junge Herr von Rantow, während
er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht
verschwinden zu lassen. — „ein Unglück,“ fügte er hinzu, „auf das ich
übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu
reserviren.“

Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.

„Soviel ich bemerkt,“ sagte sie, „hast Du noch kein Engagement für den
Cotillon angenommen.“

„Ah“ rief Herr von Rantow freudig, „sollten Sie mir vielleicht diese
glückliche Ueberraschung gemacht haben?“

„Ich bin für den Cotillon versagt,“ erwiderte Fräulein Cohnheim ernst
und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
Officier hinüberflog.

Dieser trat rasch heran und sprach:

„Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?“

„Was ich versprochen halte ich stets,“ erwiderte die junge Dame mit
freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. „Sie sehen,“ fuhr
sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, „Ihr Name steht bereits beim
Cotillon notirt.“

Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant
von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und
wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow
mit leichter Verbeugung zurücktrat.

Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die
junge Dame in die Reihen.

Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen
Augenblick neben einander stehen.

„Du hast mir die Kleine weggekapert,“ sagte der Referendarius, indem
sein Blick über den Saal hinschweifte. „Das ist nicht hübsch von Dir,
nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen,
was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist
sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble
Partie.“

Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe
stehende Paare.

Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick
seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
ihm vorbeischwebte.

Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die
ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den
unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in
mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare
ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren
Herren.

Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen
Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und
gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche
ihm aufmerksam zuhörten.

„Ich sage Ihnen, meine Herren,“ rief er, „unser Norddeutscher Reichstag
mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und
Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
jetzt weiter entfernt als je vorher.“

„Warum das, Herr Director,“ fragte ein langer, fast ängstlich magerer
Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche
ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet.
„Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen
Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem
mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders
begünstigt wird. Wir haben darüber,“ fügte er mit einer etwas gedämpften
Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, „sehr befriedigende
Berichte.“

„Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,“
erwiderte der Bankdirector Huber, „die Wirklichkeit ist es nicht, denn
gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den
Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich
hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit
gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß
auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht.“

„Ich kann,“ sagte der Geheimrath Fintelmann, „kaum glauben, daß die
ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen.
Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse
haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht
schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich
im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen.“

„Die Stellung der Katholiken,“ erwiderte der Bankdirector, „ist eine
vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen
es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt
voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber
in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden
müssen.“

„Mein Gott,“ sagte der Geheimrath achselzuckend, „ich glaube, daß man
dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für
unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder
menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen.“

„Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei,“ erwiderte der
Bankdirector. „Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der
Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer,“ fuhr er fort,
„ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer
deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht,
mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen
lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in
welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
Deutschland sehr wenig genehm sein möchten.“

„Nun,“ sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, „ich
glaube, wir können es ruhig abwarten.“

„Ich wollte,“ rief der Bankdirector lebhaft, „Sie warteten es nicht ab,
sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict
entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
dürsten die Consequenzen sehr fatal werden.“

„Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht,“ sagte der Professor
Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen
Brille bedeckt waren. „Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit
solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der
Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man
zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen
Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische
Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die
Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat
die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das
von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen
die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen,
und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom
herstellen. Man sollte,“ fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, „man sollte in dieser Angelegenheit
energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten
Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt
hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe
jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe
kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer
sein, sie wieder von Rom zu trennen.“

„Mein lieber Professor,“ sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
Belehrung, „Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir
haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten
Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht.“

„Rücksichten? Rücksichten?“ rief der Bankdirector. „Mit Rücksichten ist
noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein.“

Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.

„Die Herren sprechen ja so ernsthaft,“ sagte er, „als wären sie im
Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?“ fügte er hinzu, „dort im
letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich,“ fügte er hinzu,
„welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
gute Cigarre erschwingen können.“

„Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath,“ sprach der
Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, „was sollen wir dann sagen,
die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
können.“

„Dafür aber,“ erwiderte der Commerzienrath, „haben Sie die Hand an der
Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!“

Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für
die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.

„Ich habe ein vortreffliches Project,“ sagte der Commerzienrath zu dem
Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins
der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, „ein Freund von mir, der Baron
von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große
Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große
Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit,
ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen. — Ich
glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich
dabei zu betheiligen.“

Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke
des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres
und eingehenderes Gespräch.

Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die
Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden
des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und
theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor
ihnen.

Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die
Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.

Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des
Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast
traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur
zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter
des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.

Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin-
und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine
Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder
einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
besonders empfohlenen Weins zu serviren.

Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger
Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden
Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht,
sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen
Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.

Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
begaben sich in den Tanzsalon.

Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des
Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter
einer Decoration von grünen Gewächsen standen.

Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.

„Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,“
sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. „Was fehlt
Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie —“ fügte sie, die
Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, „mir irgend
Etwas übel genommen?“

„Wie könnte ich das,“ erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick
tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die
leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen
ließ. „Aber Sie haben Recht,“ fuhr er seufzend fort, „ich bin
verstimmt — und mehr als verstimmt — ich bin traurig, ernsthaft
traurig — und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein.“

„Und warum das?“ fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig
zu ihm aufschlagend. „Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte
übrigens nichts,“ fuhr sie in scherzendem Ton fort, „was Sie traurig
machen könnte.“

„Wenn Sie es nicht wissen,“ sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest
und grade in die Augen sah, „so muß mich das eigentlich noch trauriger
machen. Ich bin hierher gekommen,“ fuhr er fort, „mit leichtem
fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele
Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
eingezogen wären.“

Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige
Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.

„Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen?
Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung
sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil
werden kann.“

Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.

„Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna,“ sagte er mit lebhafter
Bewegung, „sollten mich überglücklich machen und dennoch — dennoch —“
fuhr er mit tief traurigem Tone fort, „kann ich an die Erfüllung meiner
Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben.“

Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.

„Fräulein Anna,“ sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, „es
muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn
die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?“

Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein
rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte
mit herzlichem Ton:

„Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?“

„Nun, Fräulein Anna,“ sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend,
„Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes
Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen
bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger
mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt
habe.“

„Ich habe es bemerkt,“ flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht
schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene
Frage ausdrückte, „und ist das denn ein so großes Unglück?“

Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen
Blick und verstand die stumme Frage.

„Sie haben Recht,“ sprach er, „eine solche Liebe wäre das höchste Glück,
wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden —“

Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.

Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge — er fuhr fort:

— „und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft
unmöglich machten, Fräulein Anna,“ — sie sah ihn ganz erstaunt an, als
begriff sie seine Worte nicht — „ich bin ein armer Officier, meine
Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen
mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das
ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich,“ fuhr er mit einem
brennenden Blick fort, „von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für
mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu
erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt — ich allein könnte eine
zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde
vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und
Glück. Darum ist es besser,“ fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, „darum
ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen
los und verfolge meinen eigenen Weg. — Sie werden mich vergessen,“ sprach
er seufzend, „und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich
machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären.“

Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr
Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser
Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.

„Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen — ich
kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an,“ fuhr sie, ihn fast
befehlend anblickend, fort, „von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht
allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
Glanz verloren haben.“

„Fräulein Anna,“ sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, „solche
Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber
mein Gott,“ sagte er, die Hände in einander faltend, „es ist ja nicht
möglich.“

„Nicht möglich,“ sagte sie sanft, „warum nicht möglich? Haben wir
nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen,“
fuhr sie fort, „aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen. — Aber in diesem
Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind
wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe
abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen.“

Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen
mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.

„Und würden Sie,“ sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter
Stimme, „würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie
einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine
Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet? — Ich,“ fuhr
er, die Lippen zusammenpressend fort, — „ich würde eine solche Stellung
nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes.“

„Soll die Liebe,“ fragte sie leise, „welche die Herzen und die Seelen
_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens
_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im
Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
Andern gehören? Muß ich Sie bitten,“ fügte sie mit einem wunderbar
weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, „muß ich
Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?“

„Mein Gott, Fräulein Anna,“ rief er, „welche Qual macht mir das sonnige
Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch,“ fügte er dumpf
hinzu, —  — „nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
darf. — Glauben Sie,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
fort, „daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben
Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,“
sagte er bitter, „wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons
benutzt — als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?“

„Und glauben Sie,“ erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
Blick hell aufleuchtete, „daß ich nicht die Kraft und den Muth haben
würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?“

Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren
Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die
Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons
hinblickten.

Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.

Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach
der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die
tanzenden Paare verfolgt hatte:

„Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie,“ fuhr er leise
fort, „werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten,
welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen
den Vergleich nicht aushalten kann.“

Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte
sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.

„Wie schlecht kennen Sie mich,“ sagte sie, „wie ich Ihnen diese Blumen
gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu
benutzen, um Ihnen Freude zu machen.“

Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine
Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte
Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges
Gespräch nicht mehr möglich war.

Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein
Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen
waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen
Druck ihrer Hand zurück.

Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und
indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter
Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
seinigen tauchten.

„Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld.
Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie
nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
ausgesprochen haben, — nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht
ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man
einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
Zukunft zu haben.“

Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig
zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.

Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und
als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich
bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:

„Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig
gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen,“
fügte er schmunzelnd hinzu, „und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron,
wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren.“

Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
Frau und zu seiner Tochter.

„Ein sehr gelungenes Fest,“ sagte er, sich vergnügt die Hände reibend,
„sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe,“ fügte er
vergnügt lächelnd hinzu, „ein gutes Geschäft gemacht. — Der Baron von
Rantow wird ein sehr reicher Mann werden — ein feiner Mann, eine sehr
gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause
zusammen wohnen — ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt
werden,“ fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.

„Ich begreife nicht, Anna,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie die
schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, „ich begreife
nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um
ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
mit diesem Herrn — ich habe seinen Namen vergessen,“ sagte sie im
zerstreuten Ton.

„Herr von Büchenfeld,“ sagte ihre Tochter fest und bestimmt. „Ich hatte
ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen,“ fügte sie in
demselben Ton hinzu.

„Du hättest eine kleine Ausrede machen können,“ sagte ihre Mutter. „Du
hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung
und unsere Beziehungen nimmst.“

Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren
Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.

Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener
Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen
hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die
verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in
den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.



Fünftes Capitel.


Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und
ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken
Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein
bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur
das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen
Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.

Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche
Schrift welche das Papier bedeckte.

„Die Katastrophe,“ sagte er, an einem der großen Fenster stehen
bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher
einzelne Schneeflocken umherwirbelten, „die Katastrophe, welche seit
fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich
dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen. — Merkwürdig,“ fuhr er fort,
„alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten
mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens,
und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich
bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde
zusammenbrechen. Mein Werk — meine Stellung“ — fügte er seufzend hinzu,
„würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und
selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte
desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die
Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände
Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern,
würden die Forderungen dort sehr weit gehen. — Es bereitet sich Etwas in
Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus
den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
Factoren treiben dort ihr Spiel —

— „da ist wieder,“ fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
durchblätternd fort, „dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im
Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche
seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht. — Diese unzünftigen
Politiker,“ sagte er, tief aufseufzend, „welche es nicht unterlassen
können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der
politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre
Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie
können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken.“

Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den
einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.

„Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam
sein soll, Italien mit aufzunehmen. — Oesterreich könnte einer solchen
Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht
glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und
will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's
Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles
das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866
noch übrig geblieben ist.“

Er blickte abermals auf den Bericht.

„Wohlwollende Neutralität Italiens,“ sprach er, „militairische
Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse
eingreifen sollte. — Und dafür die italienisch redenden Districte
Tyrols. — Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die
Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist.
Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan. — Aber was
bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in
Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
unterzeichnet — wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das
italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt
dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders
gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht —“

„Nein,“ rief er, „niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht
zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es
in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine
innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist, — wenn ich des
Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer
militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs — das Ende
meines Werkes sein.“

Er warf den Bericht auf den Tisch.

„Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt,“ fuhr er fort — „ich habe
es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu
stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn
niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder
Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man
aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde,
dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen.“

Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
Schlußworte:

„Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der
Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer
Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische
Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph
das Band der Unterthanentreue annehmen würde.“

„Diese Zeilen Kossuth's,“ sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
stützend, „sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen
für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und
unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den
König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den
Kaiser von Oesterreich! — — Für den Augenblick beherrscht die Partei des
Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des
Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem
solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht. — Und diese russische
Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die
Vergangenheit — für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
Oesterreich unschuldig sind! — Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
Beistand Italiens? — Nein!“ rief er mit entschlossenem Ton, „niemals
werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen
österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle
meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.

„Wenn dann,“ fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
fort, „wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig
ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich
geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte
hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden
so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die
unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte.“

Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.

Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
Sectionschef, Baron Hoffmann.

Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.

Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen
Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
Reichskanzlers Platz.

Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
Schreibtisch gelegt und sagte.

„Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der
unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die
äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die
Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich,
Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb,“ fuhr er
fort, „wenn diese Negotiation — doch in möglichst unbestimmter Form sich
lange hinzöge. — Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für
unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch
für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte
doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde,
dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche
ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde. — Der Fürst
Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr
formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst
muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es
dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein,
zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden
Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor
Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm
persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte.“

„Ich glaube kaum,“ sagte Baron Hoffmann, „daß eine wirklich aktive
Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen
Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß
man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht
hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man
nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen
Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die
Stimme der öffentlichen Meinung,“ fuhr er fort, „läßt darüber keinen
Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das
italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer
europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge
geschehen ist.“

„Ich bedaure,“ sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
Nachdenken, „daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen,
niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft
Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne
des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen
österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber
acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran
denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel
passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des
Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also
noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
mitzutheilen. — Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit
unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt
werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er
ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter
Umständen viel schaden.“

Herr von Hoffmann verneigte sich.

„Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen.“

Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.

„Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München
berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
Ingelheim,“ fuhr er fort, „hat gerade an dem Tage, an welchem der König
Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel
befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die
Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
von Thüngen lebhaft besprochen haben.“

„Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf
die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
Demonstratives. — Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält. —

„Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines
Vertrauens giebt.“

Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
Unmuths.

„Wie schwer,“ rief er, „wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt
man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont
verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht
verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam
aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in
Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des
offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
mich verantwortlich zu machen. — Ich habe lange Bedenken gehabt,“ fuhr er
fort, „Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann,
aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
er vollständig in den Händen der Ultramontanen. — Doch,“ fuhr er fort,
„die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die
Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste
verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade
in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu
verlieren; — bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig
entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin
aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
Arme treiben.

„Die Sache ist um so unangenehmer,“ fuhr er fort, indem er einen kleinen
eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über
denselben gleiten ließ, „als — — ich habe da eine merkwürdige Mittheilung
auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie. —

„Sie wissen,“ sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere
Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist,
demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu
sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein
Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen
Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne
politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile
bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu
verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache
eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen
gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine
königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
dispensirt. —

„Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft,“ sprach er weiter,
„auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die
Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in
intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition
sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen
darauf denken,“ fuhr er fort, „die Sache unter jeder Bedingung wieder
gut zu machen —

„Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
darüber nachdenken. — Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München
nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof
klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit
beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die
Entwickelung des Staatslebens zu brechen.“

Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.

Graf Beust erhob sich.

„Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?“ sagte er.
„Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
nachdem ich mit Grammont gesprochen habe.“

Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
verlassen, trat der französische Botschafter ein.

Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines,
fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts
gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit
und Höflichkeit. — In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der
ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem
Schreibtisch nieder.

„Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog,“ sagte Graf Beust, „daß ich
Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen
Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner
Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen, — wie ich allerdings
schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte — schnell wieder
vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit
welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und
ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und
geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht.“

„Diese kleinen Bewegungen,“ erwiderte der Herzog von Grammont mit
leichter Neigung des Kopfes, „haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß
von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser,“ fuhr er fort, „ist vollkommen
Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne
Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben
gerufen hat.“

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

„Sie werden unterrichtet sein,“ sprach er dann, indem er den Herzog
grade anblickte, — „daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen — mehr
persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine
Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm
gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz
gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
wissen,“ fuhr er fort, „wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien
wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische
Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen
Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können,
dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser
zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht
hat.“

Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn
gerichteten Blick des Grafen Beust aus.

„Ich habe,“ erwiderte er, „ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über
die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach
angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die
Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber
gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die
Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im
Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth
erscheinen möchten.“

Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
Decke des Schreibtisches.

„Wie mir der Fürst Metternich mittheilt,“ sagte er dann im ruhigen
Conversationston, „beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber
eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen
Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber
geworden.“

„Bei den eigentümlichen Verhältnissen,“ erwiderte der Herzog, „welche
zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß
eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit
bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
direkten Verkehr hergestellt werden könne. — Auch giebt es Propositionen,
die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir
eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende
Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine
solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden. — Jedenfalls
glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche
Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen
Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre.“ —

„Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache,“ fragte Graf
Beust rasch und bestimmt.

„Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf,“ erwiderte
der Herzog mit vollkommener Ruhe, „daß ich Instructionen habe, mich über
die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer
Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
berührt hat. — Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich
auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube.“

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine
Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
Aufmerksamkeit auf den Herzog.

„Sie wissen, mein lieber Graf,“ sagte dieser, „daß die Verhältnisse in
Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine
energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen
läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige
Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und
Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen
sind. — Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet. — Von diesen
Prämissen ausgehend,“ fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend
zuhörte, „würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für
mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
großen Gewinn betrachten müssen. — Der König Victor Emanuel ist zu einer
solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die
vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
würde ein solcher Gewinn sein — um dieses Gewinns willen würde das
italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen
Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist. — Wir können in diesem
Augenblick Rom nicht Preis geben. — Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
erscheint. — Nach meiner persönlichen Auffassung,“ fuhr er fort, „würde
dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer
erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln
sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und
durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach
anderer Richtung hin ersetzen lassen. — Frankreich hat dasselbe Interesse
wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie
ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den
eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht
unterlassen könnte.“

„Eine Coalition auf der Basis,“ erwiderte Herr von Beust in einem
beinahe gleichgültigen Ton, „wie sie in diesem Augenblick in Paris
discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre
Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage,“ fuhr er fort,
„ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man
sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und
nothwendig — und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich
meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen
Verhältnisse eingetreten. — Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht
anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten — oder möglicher Weise
zu schaffenden — vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten
täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind
schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in
Oesterreich — Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen
schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
Rußland, dem wir nicht gewachsen sind —“

„Dem Sie aber doch,“ fiel der Herzog von Grammont ein, „zweifellos die
Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen
Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active
militairische Hülfe verspricht.“

„Wenn ich auch,“ sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, „wenn
ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
wirklich gehalten würden, wofür — ich muß es wiederholen — immer schwer
eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch
nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens
einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche
Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall,
daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
siegreich hervorgehen sollte —“

„Siegreich hervorgehen?“ rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
emporkräuselte, — „siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
Frankreich!? — ich bin zu sehr Franzose,“ fuhr er fort, „um an eine
solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben.“

„Sie müssen mir verzeihen,“ sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, „wenn ich mich in diesem
Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende. — Eine kluge Politik
muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen
bestimmen lassen. — Doch,“ fuhr er abbrechend fort, „diese Discussion
führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben
Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe,
eine Frage zu beantworten: — Glauben Sie, daß es aus irgend welchem
Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer
Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?“

Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
und bestimmte Frage.

„Ich glaube,“ sagte er, „daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten. — Indessen hat er auch
die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer
bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser
hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im
Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche
und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
Volkswillens erhalten haben werden —“

Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit
welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.

„— dann wird es,“ fuhr der Herzog fort, „nach meiner Ueberzeugung die
Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs
wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die
Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne
Frankreichs Genehmigung zu lenken.“

„Aber,“ sprach Graf Beust, „dazu würde immer ein stichhaltiger und
völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
nicht ein —“

„Mein Gott,“ rief der Herzog, „der Prager Frieden wird ja täglich
verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich
begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten
Kriegsfall zu finden —“

„So,“ fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, „so sollte also
Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?“

„Sie werden nicht verkennen,“ sagte der Herzog, — „ich spreche hier
natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus, — daß der mächtigste
Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme,
uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am
sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der
süddeutschen Staaten einzutreten.“

„Herr Herzog,“ sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war,
vollständig aufgab — „da die Unterhaltung, welche wir in diesem
Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere
persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren
oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen
könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer
maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich,“ fuhr er fort, „bedarf
absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren
Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die
Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn — wie Sie
vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten
nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu
erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit
größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation
blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt
habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen
mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich
trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
Verhältnisse einzugreifen. — Ich vermöchte mir heute keine Eventualität
zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im
_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte. — In dieser Anschauung
liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben
scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der
gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen
Staatsmann ein Verbrechen — und vor Allem würde ich wenigstens niemals
die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der
Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus
irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für
meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche
natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse
Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten
erscheint.“

„Sie müssen natürlich,“ sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in
dem höflichen Ton seiner Stimme, „Sie müssen dies natürlich besser
beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie
dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik
dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte,
daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung
könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz
unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden.“

„Ich habe,“ erwiderte Herr von Beust, „nicht im Entferntesten an die
Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich
sich jemals von Oesterreich trennen könne. — Eine solche Trennung,“ fuhr
er mit feiner und scharfer Betonung fort, „könnte jedenfalls nur dann
möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten
sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung
bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
würde — ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls,“ fügte er
im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, „tauschen wir ja in
diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle
aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte.“

Der Herzog erhob sich.

„Es scheint,“ sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, „daß der
König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris
gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig
bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große
Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen
persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem
bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun,
immer schwieriger zu machen.“

„Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein,“ sagte Graf Beust, „daß
diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe
werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen
Charakter zu nehmen.“

„Ich bin dieser Ansicht nicht,“ sagte der Herzog, „die wenigen
Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns
nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von
1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen,
wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland
zu seiner Sache verhalten wird. — Was Frankreich betrifft, so stehe ich
auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz
ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden
werden,“ fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.

Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann
nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.

„Es geht Etwas vor,“ sagte er. „Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden,
schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut.
Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich
darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte
für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun,“ rief er,
„wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den
Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen.“

Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.

Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.

„Klindworth hier?“ rief er, „sollte er sich hier wieder für möglich
halten? — Lassen Sie den Staatsrath eintreten,“ sprach er nach kurzem
Besinnen.

Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
weißes Haar war kurz geschnitten, — sein eckiger Kopf, mit den großen
abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der
großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte
zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.

Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.

„Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath,“ sagte er, indem er Herrn
Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. „Ich
glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,“
fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
Staatsraths fort, „vielleicht wäre das besser gewesen. — Sie wissen, daß
nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier
Rücksichten zu nehmen sind —“

„Ich bin,“ sagte der Staatsrath ruhig, „nur auf einen Augenblick
herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch
habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen,
was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören
wollen.“

„Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören,“ sagte Graf
Beust lächelnd — „und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben.“

„Ich habe wahrgenommen,“ sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen
Binde verschwand, „ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge
ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von
1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will.“

Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.

„Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort,“ sagte dieser, „was
hat er Ihnen gesagt?“ fragte er, — mit seinen kleinen Augen scharf von
unten heraufblickend, — „ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese
eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen
ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
und exerciren läßt. — Eine eigenthümliche Zeit,“ sprach er, sich
unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
Oberfläche der linken trommelte, „eine eigenthümliche Zeit, Alles wird
auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen
Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
kühn — oder plump genug ist,“ fügte er achselzuckend hinzu, „das
unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen. — Was würde der große
Metternich sagen,“ sprach er seufzend, „wenn er diesen Wirrwarr in der
politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit
so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
Willen so richtig und exact spielte!“

„Nun,“ sprach Herr von Beust lächelnd, „die Aufgabe eines Staatsmannes
ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
behaupten. Grammont,“ fuhr er dann fort, „hat mir allerdings nur — ganz
persönlich — die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch
auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht. — Findet man sie
nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt
hat.“

Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des
Staatsraths.

„Daß man Alliancen sucht, ist richtig,“ sagte er, „daß man sich
beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
nicht theile.“

„Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste
Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung,
wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da
doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die
auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
Kaisers abhängt.“

„Der Kaiser ist krank,“ sagte Klindworth, „das ist richtig. Die
auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
fast willenlosen Mannes ab? — Von der Kaiserin,“ sagte er, „welche keinen
andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
das jugendliche Haupt zu winden, — und während dieser Lorbeer an den
Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für
die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
fangen an, Ihre Majestät zu langweilen,“ sprach er im höhnischen Ton,
„die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir,“ fuhr er fort, „im Geheimen
Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort
die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende
Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
Schwäche kämpft.“

„Glauben Sie,“ fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit
dichtem Kopfschütteln fort, „glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie
wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den
äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen
Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können.
Und,“ fuhr er fort, „welche Organe würde die Kaiserin finden, um die
Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru —“

„Graf Daru,“ sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, „ist
ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten.“

„Ein Plebiscit,“ rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
den Staatsrath Klindworth groß ansah, „ein Plebiscit und warum das?“ —

„Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper
angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!“ sagte der
Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
auf den Reichskanzler richtete. „Ein Plebiscit, das ist das persönliche
Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über
allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung
als Spielwerk hinwirft.“

„Sind Sie sicher,“ fragte Graf Beust, „daß das Plebiscit eine
beschlossene Sache ist?“

„Vollkommen,“ erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß
ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
vollkommen gewiß bin.“

„Ein Plebiscit,“ sagte Graf Beust nachsinnend, „das ist allerdings
ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor
hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten —“

„Le coup d'Etat européen,“ fiel der Staatsrath ein, „das ist der Name,
den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät
der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_.“

„Wer aber,“ sagte Graf Beust, — „ich muß meine Frage von vorhin
wiederholen, — wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
ausführen wollen?“

„Ihre Majestät,“ erwiderte der Staatsrath, „ist sehr geschickt darin,
Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß
und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
Ollivier —“

„Ollivier,“ rief Graf Beust, „der Freund der Gothaer — der Mann des
Frieden? Doch, allerdings,“ fuhr er fort, „bei dem ist jede Wandlung
möglich.“

„Dann,“ fuhr Klindworth fort, „ist da dieser Herzog von Grammont, der
soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
habe.“

Graf Beust neigte sinnend das Haupt.

„Grammont,“ fragte er. „Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer
solchen Aufgabe gewachsen hält?“

„Der Kaiser will ihn nicht,“ sagte der Staatsrath, „dennoch wird er zur
Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes
altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der
Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und,“ fügte
er hinzu, „dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat.“

Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
versunken.

„Aber,“ fuhr er dann fort, „wenn ich annehme, daß sich Personen finden,
welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall. — In
Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?“ —

„Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet,“ erwiderte der Staatsrath
kaltblütig. „Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man
demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird.“

Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.

„Eure Excellenz wissen,“ sagte der Staatsrath, „daß die spanischen
Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des
Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt
und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick
ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee
suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und
erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame
gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt, — der Prinz ist ein
Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde
ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder
sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien
ist.“

Graf Beust lachte.

„Ich habe früher von diesem Gedanken gehört,“ sagte er, „man hat darüber
gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen
gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der
Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
verschwinden.“

„Es ist möglich,“ erwiderte der Staatsrath, „daß diese Blase auch
diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch
ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen.“

„Einen Kriegsfall?“ fragte Graf Beust ganz erstaunt.

„Ganz gewiß,“ sagte der Staatsrath, „Seine arme, kranke Majestät
Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine
Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen
kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den
definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt. — Vielleicht wird er auch gar
nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar
machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron —“

„Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz,“
warf Graf Beust ein.

„Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im
nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz
Frankreich dafür halten lassen. — Man wird also,“ fuhr er fort, „dem
Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen
Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation
glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen
versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen
Kriegsfall haben.“

Herr von Beust lächelte abermals.

„Mein lieber Staatsrath,“ sagte er, „Sie wissen, daß ich das größte
Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß
ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die
Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare
Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
Grenzen des Möglichen überschreiten.“

Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander,
richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
scharfer Betonung:

„Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt
convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
stellt.“

Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts
weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.

„Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu
rathen. — Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath
bitten?“

„Darf ich,“ sagte Klindworth, „eine kleine Erinnerung aus vergangener
Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch
des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie
in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage
mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche
Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet
seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige
Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle
Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich
sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen. — Es war
nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden
deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren
Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere
Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und
Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich
nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen
haben — den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung
in die Ereignisse hineintreiben zu lassen.“

„Sie meinen also?“ fragte Graf Beust. —

„Ich meine,“ sagte der Staatsrath, „daß der Augenblick gekommen ist, um
einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester
Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen
und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann — allerdings
unter veränderten Verhältnissen — jene alte Tripelallianz wieder
hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa
beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches;
wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine
vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im
ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde.
Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich
mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die
unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
nachdenken — vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn
Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen
Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische
Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer
aufgegeben werden müssen.“

Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.

„Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?“ fragte er.

„Die Erinnerungen an die große Zeit,“ erwiderte der Staatsrath, „in
welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des
großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem
spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an
Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,“
fuhr er fort, „auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der
Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort
seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit
der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten
preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird.
Doch,“ fuhr er fort, „das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz
reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur
dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern
geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich
vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser
Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein
hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber,“ fügte er hinzu, indem
sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
hinüberblitzte, „vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht
nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden.“

„Und von wem denn,“ fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.

„Von Demjenigen,“ sagte der Staatsrath aufstehend, „der bereits hinter
Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von
innen her verhindert würde — wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig
nach Pesth zu verlegen — vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
Collegen.“

Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
sprach:

„Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen
für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
hoffe — Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen — ?“ fügte er
mit einem fragenden Blick hinzu.

„Ich werde morgen Wien wieder verlassen,“ sagte der Staatsrath, „und
mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die
Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten.“

„Ich bitte Sie also,“ fuhr Graf Beust fort, „mich dann über Ihre
Beobachtungen weiter au courant zu halten.“

Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.

„Der alte Klindworth,“ sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
Stuhl zurücklehnend, „scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich! — Er ist zwar sonst gut
unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
seiner Kenntniß kommen. — Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber
nachforschen lassen. — Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg
zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen
für zweifellos halten. — Ich habe es übernommen,“ sprach er ernst, den
Blick gedankenvoll emporrichtend, „das kranke und gebrochene Oesterreich
zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir
vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche
Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig
richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde
ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
den Frieden erhalten, selbst um den Preis,“ fügte er leise hinzu, „daß
diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge
mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch
unüberlegtes Handeln gefährde.“

Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.



Sechstes Capitel.


In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der
König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter
rother Decke überhangenen Tisch.

Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und
rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.

Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem
Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die
Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.

Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter
geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die
scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als
sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht
einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.

Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde
und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen
Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr
einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle
Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen,
durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen
Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.

Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien,
und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor
sich hinblies.

„Von allen schweren Schicksalsschlägen,“ sagte der König, „die mich in
diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß — daß
Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu
geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,“
fuhr er fort, „daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten.“

„Aber Papa,“ sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, „weißt Du denn
gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
erscheint — und wie vielleicht Manche,“ fügte sie ein wenig zögernd
hinzu, „ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von
ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das
Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen.“

„Ich auch nicht,“ rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner
rechten Hand auf den Tisch schlagend. „Ich kann es auch nicht glauben,
ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor
mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der
Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die
Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines
General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner
Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle
auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben
habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination — das
höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?“

„Aber,“ sagte die Prinzessin, „Herr von Düring, wie auch Herr von
Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig
unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière
aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch,
wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten
finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch,“ fügte
sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, „selbst nur nach langem
Kampf gegeben hast — wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben — sollte man
dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen
Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man
aufklären müßte.“

„Oh mein Gott, mein Gott ja!“ rief der König, schmerzlich aufseufzend,
indem er den Kopf in die Hand stützte. „Das habe ich mir auch schon oft
gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die
bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
meiner Sache zu schaden.“

„Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
Officiere,“ sagte die Prinzessin, „auch er warnt vor der Auflösung der
Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für
ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,“
fuhr sie mit dringendem Ton fort, „die Sache doch recht genau zu prüfen
und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden.“

„Gott weiß es,“ rief der König, „wie schwer es mir wird, überhaupt die
Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders
sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
berührt mich der Widerstand, dem ich begegne. — Ich werde,“ rief er nach
kurzem Nachdenken, „sie Alle noch einmal hören, — ich will die ganze
Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und
die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung.“

„Und wenn die Legion aufgelöst wird,“ sagte die Prinzessin, „würde es
dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose
Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken? — Windthorst
hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten.“

„Niemals,“ rief der König lebhaft, „niemals werde ich meine Autorisation
zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines
Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht
habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit
zu bestrafen. — Und das werde ich nie zugestehen.“

Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms
in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
Seiner Majestät Befehl.

„Er soll kommen,“ rief der König lebhaft. „Auf Wiedersehen, mein
Töchterchen,“ sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.

„Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath,“ sagte er dann
zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt
hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete.
Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den
sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.

Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten
des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten
Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung
wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas
langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war
sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und
abgespannt.

Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte
die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der
großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem
Herrn.

„Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen,“ sagte er, „daß die
Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für
unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es
haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn
Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz
zwei Millionen Gulden davonkommen werden.“

Der König seufzte tief auf.

„Sie wissen, mein lieber Graf,“ sagte er, „wie geringen Werth das Geld
an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In
diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten
Zweck zu verfolgen, den ich kenne — die Wiedererlangung meines Rechts und
die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser
an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
sind ja ohnehin schon beschränkt genug.“

„Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist,“ sagte Graf
Platen, „werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch,“ fuhr
er fort, „wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr
dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt,
so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen,
Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade
oder Ungnade zu ergeben.“

„Traurig, traurig!“ rief der König, „daß es dahin gekommen ist! Mein
Gott,“ fuhr er fort, „wenn man die nach England geretteten Papiere
damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie
verhinderte, — oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der
letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären,
was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die
traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
ungewissen Schicksal überlassen zu müssen.“

Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's
Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.

Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in
ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät
machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der
Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern
verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase
und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen,
war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines
Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich
seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die
liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.

Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich
zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.

Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann
setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der
Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.

„Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf,“ sagte Georg V., sich an den
Minister wendend, „mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln
auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der
Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen,
durchzuführen.“

„Majestät,“ sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
zusammenschmiegte, „ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen,
genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung
stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem
Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher
Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre
Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
schaffen kann.“

„Es wird eine große Summe werden,“ sagte der Kronprinz, indem er mit den
Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.

„Diese einmalige Ausgabe,“ sagte Graf Platen, sich halb gegen den
Prinzen wendend, „ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu
schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
verläßt.“

„Und ich hoffe,“ rief der König lebhaft, „daß die Summe genügend
bemessen ist.“

„Vollkommen genügend, Majestät,“ sagte Graf Platen, „um so mehr, da für
Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das
freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber,“ fuhr er fort, „hat sich
herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich
nicht begreifen kann,“ fügte er achselzuckend hinzu, „sich der Auslösung
der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
entsprechenden Weise widersetzen.“

Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.

„Eure Majestät,“ fuhr Graf Platen fort, „haben das Commando an Herrn von
Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich
halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren
Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene
Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen
werde. Es scheint,“ sprach er weiter, „daß die Officiere die Absicht
haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung
herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten.“

„Die Idee wäre durchaus nicht übel,“ sagte der König. „Nach den
Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten
dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken
nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr
unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in
ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im
Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen.“

„Es möchte ja vielleicht,“ fiel der Kronprinz ein, „eine Colonisation in
Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein
können. Aber — so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze
Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
wieder zur Last zu fallen.“

„Das ist nicht mein Gesichtspunkt,“ rief der König, das Haupt erhebend.
„Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem
habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der
Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen.“

„Jedenfalls,“ sagte Graf Platen, „werden Eure Majestät nach reiflicher
Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine
Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber
nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April
Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von
Adelebsen dorthin zu senden, so —“

Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit
schweigend nach.

„Wäre es nicht,“ sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
Kronprinzen hinwandte, „wäre es nicht am besten, um die Sache am
einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere
hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und
die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache
bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht
erklären kann, den man mir entgegensetzt.“

Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen
Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:

„Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie
Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über
die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer
Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure
Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß
dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also
ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige
Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit
bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens,“ fuhr er mit
einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber,
„der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich
der Wille und Befehl Eurer Majestät sei.“

„Sie haben den Feldwebel gesprochen?“ fragte der König schnell.

„Nur flüchtig, einen Augenblick,“ erwiderte der Graf Platen mit einem
leichten Anflug von Verlegenheit. „Ich wollte Eurer Majestät nicht
vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn
selbst anhörten.“

„Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe,“
rief der König lebhaft, „das geht nicht. Ich glaube,“ sagte er nach
einem augenblicklichen Nachsinnen, „daß es am besten sein wird, vor
Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die
Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von
mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben.“

Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne
indeß etwas zu sagen.

„Aber Papa,“ sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
Worte hervorbringend, „Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten
Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch —“

Ein Schlag an der Thür ertönte.

„Wer ist da?“ fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme.

Der Kammerdiener trat ein und sprach:

„Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß,
Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen.“

„Er soll kommen,“ rief der König etwas verwundert.

Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich
in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu
gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät
und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.

Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern
hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im
Ton dienstlicher Meldung:

„Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer
sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz.“

Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
freudiger Schimmer flog über seine Züge.

„Und was haben sie mir zu melden?“ fragte er.

„Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch
hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß,
denselben Eurer Majestät mitzutheilen.“

„Sprechen Sie,“ sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz
und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.

„Eure Majestät,“ fuhr der Major von Adelebsen fort, „haben durch Ihren
letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu
betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen
der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten.“

„Ganz Recht,“ sagte der König.

„Die Officiere erklären nun,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß sie es für
ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht
schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für
verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht
glauben,“ fuhr er mit lebhafterem Ton fort, „daß der Befehl, welcher
ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei,
von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts
unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift
auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants
von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken
vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen.“

Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er
biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals
den Athem aus seinen Lippen.

Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf
die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.

„Dahin ist es also gekommen,“ rief der König mir lauter Stimme, „daß die
Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten
Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen,
welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben
war. Welcher Geist,“ sprach er in dumpfem Ton, „muß in jenen Kreisen
herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt
über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu
treten.“

„Es ist allerdings,“ sagte der Major von Adelebsen, „ein höchst
unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
abzubringen. Aber,“ fügte er achselzuckend hinzu, „es ist vergeblich
gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
nicht für gültig erkennen können.“

„Sagen Sie den Herren,“ rief der König mit zitternder Stimme, „daß ich
sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen,“ fügte er mit mühsam
unterdrückter Erregung hinzu, „meinen Willen in einer Form kundgeben, an
welcher sie keinen Zweifel werden hegen können.“

Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der
Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.

„Graf Platen,“ rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
niedersetzte, „Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen
ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort
übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
Auflösung der Legion durchzuführen.“

„Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät,“ sagte Graf Platen, „bei dem Geist
des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen.
Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant
von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
bestimmen lassen.“

„Gewiß,“ sagte der König, „lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
meine weiteren Bestimmungen abwarten.“

Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das
Gesicht mit den Händen.

„Würde es aber nicht zweckmäßig sein,“ sagte der Geheime Cabinetsrath
mit seiner feinen und hohen Stimme, „da nun die Auflösung der Legion in
Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu
tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät
auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung
desselben für immer aufgeben?“

„Ich glaube kaum,“ sagte Graf Platen, „daß man die Sache so ansehen
könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind,
und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer
solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen.“

„Doch, doch,“ rief Georg V., „der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze,
ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt
hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich
durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals
aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes
Recht zu kämpfen.“

Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und
sagte:

„Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein.“

Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der
Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.

Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in
dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche
seine Brust bewegten.

„Welch ein hartes, schweres Schicksal,“ rief er dann. — „Ich habe meinen
Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück
theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
wenden. So hat,“ rief er schmerzlich aus, „diese Zeit alle Begriffe
verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die
Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und
opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
gegen mich auflehnen!“

Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
ihn umgab.

„Wer zeigt mir,“ rief er, „wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht
hielt, — und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden
an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
mich hier mit Rath umgeben —“

Er seufzte tief auf.

„Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen
ist. — Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie
von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst
ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen
ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht —

„Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel — oh, daß ich nur einmal die
Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich
würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt.“

Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände
und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.

Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm
stand. Der Kammerdiener trat ein.

„Ist Graf Platen noch im Hause,“ fragte der König rasch.

„Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem
Kronprinzen.“

„Rufen Sie ihn und den Kronprinzen.“

Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
Platen abermals in dem Cabinet des Königs.

„Sie sprachen mir vorhin,“ sagte Georg V., „von dem Feldwebel Stürmann.
Ist er hier? Ich will ihn sprechen.“

Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
dann:

„Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen
Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten
erstattet.“

„Bringen Sie ihn her,“ sagte der König kurz.

Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen
Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.

Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße,
sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige
Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen
Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
in militairisch dienstlicher Haltung stehen.

„Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel,“ sagte der
König in kurzem, fast strengem Ton. „Ihre Kameraden haben Sie hierher
gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
denselben vorgeht.“

Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem
er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.

„Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren,
was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich,
noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind.“

„Und warum nicht,“ fragte der König kurz.

„Die Herren Officiere,“ sagte der Feldwebel, „welche mit uns nach
Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten,
haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei,
für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine
neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre,
für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.

„Weiter,“ sprach der König.

„Wir haben uns Alle bereit erklärt,“ fuhr der Feldwebel fort, „dorthin
zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber
für Eure Majestät und für unsere heilige Sache,“ fuhr er fort, indem er
die Hand auf die Brust legte, „würden wir ja bis an's Ende der Welt
gehen.

„Nun aber,“ sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, „hat uns vor vier Wochen der
Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die
Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät
die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire
entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu
gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere,“ sagte er dann, „haben uns
nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien
nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns
aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich
sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung
die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel
hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die
Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen
wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer
Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um
womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen.“

„Der Unterofficier Stürmann, Majestät,“ fiel Graf Platen ein, „und
seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur
Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine
Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben
deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration
befindlichen Soldaten.“

„Ich glaube,“ sagte der Kronprinz, „daß Du das gewiß anerkennen wirst,
Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
müssen, als die große Masse der Emigranten.“

„Gewiß,“ rief der König lebhaft, „diejenigen gedienten Soldaten, welche
eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
Meine Kasse,“ sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, „wird diese
Verpflichtung erfüllen können?“

„Ganz gewiß, Majestät,“ erwiderte der Minister.

„Dann,“ sagte der Feldwebel Stürmann, „kann ich Eurer Majestät
versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer
Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein,
ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und
wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von
abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten.“

„Am besten wäre es,“ sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, „wenn sie
nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein
Unterkommen finden.“

„Zu Befehl, Königliche Hoheit,“ sagte der Feldwebel.

„Dann wären sie aber für mich für immer verloren,“ sprach der König halb
leise zu sich. „Nein, nein,“ rief er dann laut, „man soll keinen Einfluß
in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch,“ fuhr er
abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, „haben denn die
Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine
Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß
im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen
dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde
gehen?“

Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
sprach er:

„Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt
worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei, — ich habe,“
fuhr er fort, „immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
Manches gehört — daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr
wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
hat sich so Manches erzählt.“

Er schwieg abbrechend.

„Was hat man sich erzählt?“ fragte der König.

„Nun,“ sagte der Feldwebel, „man spricht so Allerlei, was ich Eurer
Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte.“

„Ich will Alles wissen,“ sagte der König. „Was spricht man?“

„Majestät,“ sagte der Feldwebel, „das Algerien soll ein schönes und
fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
da, um es zu bebauen. — Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu
cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht
gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden.
Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
verschiedenen Seiten hört.“

Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
Kronprinzen.

„Ernst,“ rief er, „Ernst, jetzt sehe ich klar. — Darum also dieser Plan,
darum dieser Widerstand gegen meinen Willen.“

Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen.
Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
zum König gewendet:

„Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den
Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer
zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin
beleuchten läßt. — Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der
Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät
aufklärt.“

„Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel,“ sagte der König, „ich gebe
Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der
Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll.“

Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.

„Ich erwarte also,“ sagte Georg V. mit matter Stimme, „daß Sie sogleich
die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den
Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion
bewirke. — Ernst,“ fuhr er fort, „Du sollst mich begleiten, ich will
einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen.“

Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
gestützt, schritt er in den Park hinaus.



Siebentes Capitel.


Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig
nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als
sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und
zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
eine Zusammenrottung zu bilden.

Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken,
und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.

Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne
daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.

Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die
Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß
dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die
Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht
fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen
die Furcht keine Macht hat.

Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem
kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten
den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer
Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte,
die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen
war.

An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem
hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber
nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und
feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.

Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in
kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.

„Ich sage,“ sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend
in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
freimüthige Offenheit ausdrückte, „ich sage Euch, die Sache wird sehr
schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
rosig.“

„Das bemerkte schon jener Unterofficier,“ erwiderte Herr von
Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, „welcher bei einer
Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
Eins, — Zweitens — ad Drei — um kurz von der Sache zu sein — wir sehen einer
schaudervollen Zukunft entgegen.“

Alle lachten.

„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst
werdend, „wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch
wahrhaftig ernst genug. — Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können
noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
der Tasche in die Welt hinaus schickt.“

„Warum sollte ich den Humor verlieren,“ erwiderte Herr von Tschirschnitz
mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
hindurchklang, „ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
Legion zu commandiren — ich habe den panache. — Es ist wahrhaftig ganz wie
in der ‚Großherzogin von Gerolstein‘; ich glaube nicht, daß meine
Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
Schulmeister werden. Jetzt aber“ — er schlug die Arme untereinander,
blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend —

„Mauvais général.“

„Wenn der panache an mich kommt,“ sagte der Lieutenant Götz von
Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem
Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, „wenn der
panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen.“

„Seid ruhig,“ erwiderte Herr von Tschirschnitz, „bis er an Euch kommt,
wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch
nun,“ fuhr er ernst fort, „ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein
Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er
unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die
Sache nachdenken. — Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die
Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die
armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes
fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann
nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
aber sein Recht aufgeben — nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,“
fügte er seufzend hinzu, „wäre es bei der Art und Weise, wie sie
gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten
straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem
König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm
unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
gegen seine Befehle demonstriren.“

„Glaubt Ihr denn,“ fragte Herr von Götz, „daß dem Könige unsere
Vorstellungen zur Kenntniß kommen? — Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen
und Heyse empfangen und hören wird?“

„Das glaube ich gewiß!“ rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. „Ich
glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu
verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der
That eine zu große Nichtswürdigkeit.“

Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.

„Mir sind in der letzten Zeit,“ sagte er, „in dieser Beziehung sehr
erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich
auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach
Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren
Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich
ist.“

„So haltet Ihr es für möglich,“ rief der Lieutenant von Harling, ein
junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, „so haltet
Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
verschwiegen würde?“

„Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen,“ sagte Herr von Düring,
„ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus
Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in
einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt
werden, die ich niemals gemacht habe.“

„Es wäre doch vielleicht besser gewesen,“ sagte Herr von Harling, gegen
den Major von Düring gewendet, „wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse
unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und
Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend.“

„Ich sollte nach Hietzing gehen,“ rief Herr von Düring lebhaft, „nach
der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner
Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen
Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war,
niemals!“ rief er. „Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig
übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute
sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und
Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der
Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die
orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in
Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden.“

„Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen,“ rief
Herr von Tschirschnitz seufzend, „die man mir ganz fertig anbot, gerade
in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf
eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige
Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen.“

Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf
dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein
Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein
Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase
hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
beobachtend umher.

Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch
trat.

„Ich begreife nicht, meine Herren,“ sagte er, „wie Sie es aushalten
können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein
geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für
die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich
es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen.“

„Sie sehen so vergnügt aus,“ sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks,
Herrn Hansen, „haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager
Friedens endlich ausgeführt wird?“

Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.

„Sprechen Sie mir nicht davon,“ sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig,
„dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür
thun.“

„Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit,“ fragte Herr
von Düring, „mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren
scheint, ewig dauern wird? Ich sehe,“ fuhr er fort, „daß in
militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort
überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre
steht.“

„Bah,“ sagte Herr Hansen, „das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton
fragen.“

„Nélaton?“ fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, „macht der
Doctor Nélaton jetzt die Politik?“

„Er kann wenigstens allein wissen,“ erwiderte Herr Hansen, „ob und wann
der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die
Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
an,“ sprach er weiter, „die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des
Anstoßes findet.“

„Doch,“ fuhr abbrechend fort, „sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König
von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
wird?“

Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.

„Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig,“ sagte
Herr von Düring, „in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt
hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt.“

Herr Hansen schüttelte den Kopf.

„Die einfache Auslösung der Legion,“ sagte er, „nachdem sie so lange
gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler.
Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum
Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er
die Mittel dazu in Händen behalten.“

„Nun,“ sagte er, „wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren.“

Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer
Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn
Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene,
wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner
Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und
des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
ruhen pflegte.

Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin,
trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons
öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
hineinrief.

Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's
waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck
derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
Oelgemälden vorzüglicher Meister.

Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch
beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf
einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der
Wissenschaft Theil zu nehmen.

Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie
und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.

Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
beschäftigt.

In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem
eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte
Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.

Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den
Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das
runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten,
weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen
Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch
lächelnden Munde, — dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
begleitete, — war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
geschlossen. — Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.

Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame
Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem
leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.

Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des
Fensters mit einander unterhielten.

In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des
Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für
seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich
bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.

Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig
belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in
seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über
die neue Entwicklung des Kaiserreichs.

„Ich fürchte,“ sagte Herr Mignet, „daß die Ueberführung der so
ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung
vorübergehen kann, — nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den
Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
wesentlich widerspricht — es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders
geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System,
welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen
Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und
des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen.
Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich
aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und
Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die
Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen
oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere
Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so
weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden
Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus
ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen.“

„Eine Aufgabe,“ rief der Herzog Audiffret, „bei welcher das Ministerium
sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
klar denkenden Mannes rechnen kann —“

„Und eine Aufgabe,“ fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen
Stimme ein, „an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die
Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen
mitbringen. Auch glaube ich nicht,“ fuhr er fort, „daß die Schwierigkeit
derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß
gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der
einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das
constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen
Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am
Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger
Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in
besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
dem Nationalwohlstand. — Ich glaube nicht, daß unter einer
constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung
der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation
erstrebt und gesucht wird.“

„General Changarnier und der Herzog von Broglie,“ rief der Kammerdiener
in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten
französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
und der greise General des Julikönigthums herein.

General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache
natürliche Offenheit, — seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
ungesuchtester Natürlichkeit.

Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.

Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl
erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche
ausdrucksvolle Beweglichkeit an, — mit schnellen Schritten näherte er
sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den
Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
Complimente machten.

Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren
Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
etwas scharfen Stimme sprach:

„Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
Gesellschaft zurückzieht.“

„Ich habe nicht nöthig, alt zu werden,“ sagte der General einfach, „ich
bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit.“

„Sie haben Unrecht, mein Freund,“ erwiderte Herr Thiers, „man gehört
immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die
gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist.“

„Dazu gehören aber auch,“ sagte der General seufzend, „gesunde Nerven
und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie.“ —

„Weil Sie daran denken,“ rief Herr Thiers, „wenn man nie an die
Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser
schlimmster Feind ist die Unthätigkeit. — Ich habe mich immer durch die
Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe
Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
halte ich mich im Stande,“ fügte er lächelnd hinzu, „wenn es einmal
nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden.“

„Ein Militair,“ sagte der General achselzuckend, „kann sich seine
Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung.“

„Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen
übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller
patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
auch — und ich hoffe es — die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird.“

Der General lächelte bitter.

„Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er — Sie
scherzen.“

„Warum?“ fragte Herr Thiers, „man muß in der Politik niemals die Person
in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse;
und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch — nicht dafür
bezahlt bin, ihn zu lieben — ,“ sagte er lächelnd.

„Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?“ fragte
Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
wohlwollenden Gesicht erschien. „Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
Richtschnur seiner Handlungen macht?

„Nun,“ sagte Herr Thiers, „er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen.“

„Er hat,“ sprach der General, „Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht
wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen. —

„Er ließ mich,“ fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und
erwartungsvoll anblickte, „wenige Tage vor dem 2. December in sein
Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und
anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage
Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von
Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten,
welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der
Nationalversammlung zu beeinträchtigen. — Auf einem Tische in der Mitte
seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese
Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich
und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der
Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
in der unmittelbaren Umgebung von Paris. — Der Präsident, welcher
aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle
zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise,“ fuhr der
General fort, „nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen
Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
Truppen, die ihm blind ergeben waren. — Wenige Tage darauf wurde ich dann
in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
durchgeführt.“

Herr Thiers lächelte.

„Ich muß gestehen,“ sagte er, „daß dies nicht eins der ungeschicktesten
Manöver dieses Herrn Napoleon war. — Man hat sich überhaupt in ihm
getäuscht. — Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
er in Frankreich gut regieren — und ich werde mich nicht nach den Worten,
sondern nach den Thaten richten — so muß man ihn doch unterstützen. Für
Sie würde das übrigens viel leichter sein,“ fuhr er fort, „ein General
kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System.“

„Auf dem Schlachtfelde,“ sagte der General achselzuckend, „davon wird
wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in
wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns
das europäische Gleichgewicht veränderte.“

„Das ist richtig,“ sagte Herr Thiers ernst, „aber der Fehler, den die
Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen
Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man
ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
Regierung des Kaisers,“ fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
sprach, „die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern
Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt
Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg
ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können
nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander
geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum
Ausbruch kommen. — Wann aber? — Ich weiß es nicht und Niemand weiß
es. — Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge
heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
gedrängt werden wird. — Die einzige Macht, welche durch eine kräftige
Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist
England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr
vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.

„Freilich,“ sprach er weiter, „wird es in einem solchen Augenblicke
nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner
ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
Charakter der Nation Vertrauen einflößen.

„Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht
kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky,
welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher
stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
könnte. — Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum
Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
andere Richtung hätte nehmen müssen.“

Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
Boden.

Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach
dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.

Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger
Herzlichkeit.

„Man erzählt mir,“ sagte er, „daß Sie sich mit einem großen Werk über
die Philosophie der Geschichte beschäftigen — der Inhalt wird für jeden
Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
Etwas davon zu sehen bekommen?“

„Das wird davon abhängen,“ sagte Herr Thiers lächelnd, „wie bald ich
mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin
entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
entzogen sein werde. Denn,“ fuhr er fort, „ich will in diesem Werk über
sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das
könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
habe. Ich glaube,“ fuhr er fort, „daß die gegenwärtige Welt einen
gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über
Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte,
dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die
reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel
hat mir Kinder versagt,“ sagte er mit einem wehmüthig freundlichen
Lächeln, — „so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
leben haben.“

„Herr Graf Daru!“ rief der Kammerdiener.

Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
freundlich die Hand hinstreckte.

Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des
ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war,
mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen
Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein
philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.

Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte,
bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.

„Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen
Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?“

„Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich,“ erwiderte
der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. „Ich wollte,“
fügte er hinzu, „daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
könnte.“

Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.

„Nun,“ sagte er, „wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten
gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine
persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen
Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und
der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter
Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über
einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen.“

„Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt“, erwiderte der Graf, „und
daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen
ist.“

„Wie so?“ fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.

„Es wird ja doch morgen bekannt werden,“ sagte der Graf Daru, — „also
begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der
Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und
Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des
Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch
den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher
auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive
Zustimmung geben.“

„Und was sagt Ollivier?“ fragte Herr Thiers sehr ernst, während die
übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch
folgte.

„Ollivier,“ erwiderte Graf Daru, „hat sich vollkommen die Ideen des
Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
natürlich. Ich meinerseits,“ fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
fort, „sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche
Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die
Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu
stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die
öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach
deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
auszusetzen Lust haben werden.“

„Das ist ein eigenthümlicher Schachzug,“ sagte Herr Thiers nachdenklich.
„Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen.
Wie stehen Sie mit Preußen?“

„Kalt und mißtrauisch,“ erwiderte Graf Daru, „aber es liegt auch
durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten,
sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu
wirken, doch natürlich vergeblich — in Berlin hat man selbst die bloße
Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen.“

„Und Sie,“ fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
Daru hinaussah, „werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?“

„Wir können es nicht,“ erwiderte Graf Daru, „so lange von anderer Seite
nicht der Anfang gemacht wird.“

„Das alte Wechselspiel,“ sagte Herr Thiers, „Jeder will, daß der Andere
zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen,“ fuhr er fort, „daß mir das
Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß,
sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten
ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich
darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte —“

Er wandte sich zu dem General Changarnier — „Daß nämlich unser tapfrer
Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im
Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir,“ fuhr er fort, „ich habe
für so Etwas einen gewissen Scharfblick, — dies Plebiscit ist der
Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt,“ sprach er
weiter, „den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der
Abrüstung keinen Erfolg hat — den Schritt, dem sich schließlich ganz
Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen,
entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie
rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich —‘“

Er hielt inne und fragte abbrechend:

„Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen,
welches Ollivier bereits acceptirt hat?“

„Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen
sprechen können,“ erwiderte Graf Daru, „es ist eine schwierige
Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große
Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns
fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der
öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner
Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation
von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich
entgegentreten.“

„So machen Sie doch,“ sagte Herr Thiers, „die Bedingung, daß das
Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch
wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
zwischen den Kaiser und die Volksmasse.“

„Das ist eine vortreffliche Idee!“ rief Graf Daru, und, indem er den Arm
des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.

Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
Mißbilligung. — Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen
würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die
Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
behielt.

Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru
beendigt, — er näherte sich seiner Gemahlin, — diese gab Fräulein Dosne
einen Wink.

Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn
Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein
strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die
Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.

Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem
kleinen Hotel an der Place de St. George.



Ende des ersten Bandes.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Todesgruß der Legionen, 1. Band" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home