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Title: Die Organisation der Rohstoffversorgung
Author: Rathenau, Walther, 1867-1922
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                         Die Organisation der
                          Rohstoffversorgung



                      _Vortrag_, gehalten in der
                      Deutschen Gesellschaft 1914
                       _am_ 20. _Dezember_ 1915



                                  von

                           Walther Rathenau



Stenogramm: H. Geitner
Als Manuskript gedruckt



Meine Herren!


Über einen Abschnitt unserer wirtschaftlichen Kriegführung möchte ich
Ihnen berichten, der ohne geschichtliches Vorbild ist, der auf den
Verlauf und Erfolg des Krieges von hohem Einfluß sein wird, und der
voraussichtlich hinüberwirken wird in fernere Zeiten. Es ist ein
wirtschaftliches Geschehnis, das eng an die Methoden des Sozialismus und
Kommunismus streift, und dennoch nicht in dem Sinne, wie radikale
Theorien es vorausgesagt und gefordert haben. Nicht den theoretischen
Aufbau eines starren Systems möchte ich Ihnen geben, sondern ein Stück
erlebten Lebens, das zuerst in Verborgenheit sich abspielte, dann
größere und größere Kreise zog, schließlich zu einer gesamten Umstellung
unseres Wirtschaftslebens führte und eine Behörde entstehen ließ, die
aus den Mauern des alten Preußischen Kriegsministeriums hervorwuchs, um
die deutsche Wirtschaft dem Kriege dienstbar zu machen.

Nicht von dem Werk allein möchte ich einen Begriff Ihnen geben, sondern
auch von der Romantik, die sein Werden und Wachsen umkleidete, die sich
entspann aus dem Zusammenwirken einer Anzahl von Menschen, die durch
nichts verbunden waren als durch die Gemeinschaft der Gesinnung und der
Arbeit. Männer fanden sich zusammen aus allen Gauen und Berufen, um ohne
Verpflichtung und ohne Bedingung in freier Arbeit für das Beste ihres
Landes zu wirken, und herzugeben, was sie an Erfahrung, an Arbeitskraft
und an Erfindergabe besaßen.

Rohstoff-Wirtschaft! Ein abstraktes, bildloses Wort, abstrakt und
farblos wie so viele Namen unserer Zeit, deren Sprache nicht die
schöpfende Kraft hat, um für handfeste Begriffe bildhafte Worte zu
schaffen; ein lebloses Wort, und dennoch ein Begriff von großer
Schwerkraft, wenn man ihn ganz sich vergegenwärtigt. Blicken Sie um
sich: Was uns umgibt: Gerät und Bauwerk, Mittel der Bekleidung und
Ernährung, der Rüstung und des Verkehrs, alle enthalten fremdländische
Beimengung. Denn die Wirtschaft der Völker ist unauflöslich verquickt;
auf eisernen und auf wässernen Straßen strömt der Reichtum aller Zonen
zusammen und vereinigt sich zum Dienst des Lebens.

So bekommt der Begriff der Rohstoffversorgung seine Farbe, und diese
Farbe tritt um so ernster hervor, wenn es sich um das Problem der
Rüstung und der Verteidigung handelt. Eine weitere Vertiefung des
Begriffes findet statt, wenn diese Verteidigung geboten ist in einem
abgeschlossenen, blockierten Lande.

Täglich hören wir sprechen von Schwierigkeiten der Volksernährung. Und
dennoch: diese Volksernährung beruht auf einer Produktionskraft, die
mehr als 80 Hundertstel des Bedarfes ausmacht. Eine Abschließung kann
uns beschränken, sie kann uns nicht vernichten. Anders mit jenen anderen
Stoffen, die für unsere Kriegführung unentbehrlich sind; ihre Sperrung
kann Vernichtung bedeuten.

Überblicken Sie die Karte Europas und die Lage der Zentralmächte
inmitten; es ist, als ob eine dämonische Hand die Umrisse so gezogen
hätte, daß mit der Besetzung von wenigen Punkten diese Riesenfläche von
Ländern abgeschlossen läge. Ja, wir grenzen freilich an drei Meere, wir
mit unseren Verbündeten; aber was sind sie? Binnenseen. Die Ostsee,
durch eine Meerenge nur geöffnet; die Nordsee abgesperrt durch den
Kanal, durch die Orkney- und Shetlands-Inseln; das Mittelmeer verriegelt
durch die beiden Stützpunkte im Osten und Westen. Und hinter diesen
Binnenseen dehnt sich aus im Norden ein bedürftiges Land mit geringer
Versorgung unentbehrlicher Stoffe; im Süden hinter dem Mittelmeerkessel
ein Wüstenrand, durch den keine Bahnen und Verkehrsstraßen nach den
Produktionszentren der Welt führen.

Am 4. August des letzten Jahres, als England den Krieg erklärte, geschah
das Ungeheuerliche und nie Gewesene: unser Land wurde zur belagerten
Festung. Geschlossen zu Lande und geschlossen zur See war es nun
angewiesen auf sich selbst; und der Krieg lag vor uns, unübersehbar in
Zeit und Aufwand, in Gefahr und Opfer.

Drei Tage nach der Kriegserklärung trug ich die Ungewißheit unserer Lage
nicht länger, ich ließ mich melden bei dem Chef des Allgemeinen
Kriegsdepartements, dem Oberst Scheüch und wurde am 8. August abends
freundlich von ihm aufgenommen. Ihm legte ich dar, daß unser Land
vermutlich nur auf eine beschränkte Reihe von Monaten mit den
unentbehrlichen Stoffen der Kriegswirtschaft versorgt sein könne. Die
Kriegsdauer schätzte er nicht geringer ein als ich selbst, und so mußte
ich an ihn die Frage richten: Was ist geschehen, was kann geschehen, um
die Gefahr der Erwürgung von Deutschland abzuwenden?

Es war sehr wenig geschehen, und es geschah dennoch viel; denn das
Interesse des Kriegsministeriums war geweckt. Als ich bekümmert und
sorgenvoll heimkehrte, fand ich ein Telegramm des Kriegsministers von
Falkenhayn, das mich auf den nächsten Vormittag in sein Amtszimmer
bestellte.

Es war Sonntag der 9. August. Ich dankte dem Minister und sagte ihm: ich
bewunderte, daß er in dieser Mobilmachungszeit in der Lage sei, seine
Zeit zu opfern, um sich mit fremden Gedanken zu befassen. Er antwortete,
indem er auf seinen Schreibtisch wies: Sie sehen, dieser Tisch ist
leer.

Die große Arbeit ist getan, die Mobilmachung ist vorüber; es ist nicht
eine Reklamation gekommen, und ich habe Zeit Besuche zu empfangen.

Die Unterhaltung währte einen Teil des Vormittags, und als sie endete,
war der Beschluß des Kriegsministers gefaßt, eine Organisation zu
schaffen, gleichviel wie groß, gleichviel mit welchen Mitteln; sie mußte
wirksam sein und mußte die Aufgabe lösen, die uns auferlegt war. In
diesem entscheidenden Augenblick brachte der kühne, verantwortungsvolle
Entschluß des Preußischen Kriegsministeriums den Wendepunkt auf dem
Gebiet, von dem ich zu Ihnen sprechen darf.

Ich wollte mich verabschieden; der Kriegsminister behielt mich dort,
indem er mir die unerwartete Zumutung stellte, ich sollte die
Organisation dieser Arbeit übernehmen. Vorbereitet war ich nicht;
Bedenkzeit wollte ich mir ausbitten, das wurde nicht zugelassen, meine
Zustimmung hatte ich zu geben und so sah ich mich wenige Tage darauf im
Kriegsministerium untergebracht.

Die »Kriegs-Rohstoff-Abteilung« war durch Ministerialerlaß errichtet;
sie hatte einen zweiköpfigen Vorstand, bestehend aus einem Obersten
a. D., einem erfahrenen Mann, der gewißermaßen die militärische Deckung
darstellte und die Erfahrungen des Kriegsministeriums in unserer jungen
Abteilung verkörperte, und mir, dem die Aufgabe gestellt war, die
Organisation zu schaffen. So saßen wir in vier kleinen Zimmern zu dritt
mit einem Geheimen expedierenden Sekretär, der uns beigegeben war, und
dessen praktische Erfahrungen wir in den Fährnissen der Geschäftsordnung
schätzen lernten.

Es war Mitte August. Vor meinem Fenster breitete ein wundervoller Ahorn
seine Äste aus und überschattete das Dach. Unten lag der schöne Garten
des Kriegsministeriums, darin schritt eine Wache langsam auf und ab;
zwei alte Kanonen standen auf dem Rasen in der Sonne. Und hinter dieser
friedlichen Stille ein hoher Schornstein; der deutete auf das
Riesengebiet der deutschen Wirtschaft, das sich jenseits ausbreitete bis
zu unseren flammenden Grenzen. Dieses Gebiet der donnernden Bahnen, der
rauchenden Essen, der glühenden Hochöfen, der sausenden Spindeln, dieses
unermeßliche Wirtschaftsgebiet dehnte sich vor dem geistigen Auge, und
uns war die Aufgabe gestellt, diese Welt, diese webende und strebende
Welt zusammenzufassen, sie dem Kriege dienstbar zu machen, ihr einen
einheitlichen Willen aufzuzwingen und ihre titanischen Kräfte zur Abwehr
zu wecken.

Das erste, was geschehen mußte, war, Menschen zu finden. Ich trat an
Freunde heran, und gewann als stellvertretendes Vorstandsmitglied meinen
Kollegen von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft, Professor
Klingenberg. Es gelang mir ferner, meinen Freund von Moellendorff als
Mitarbeiter zu gewinnen, der zuerst in freundschaftlichen Unterhaltungen
den Finger auf diese ernste Wunde unserer Wirtschaft gelegt hatte. Nun
waren wir zu fünft, die Arbeit konnte beginnen.

Die erste Frage, die uns entgegentrat, war die Frage der Deckung. Wir
mußten wissen, auf wieviel Monate das Land mit unentbehrlichen Stoffen
versorgt war; davon hing jede Maßnahme ab. Die Meinungen der
Industriellen widersprachen sich und gingen manchmal um das zehnfache
auseinander.

Eine maßgebliche Stelle fragte ich: Wie ist es, kann man eine Statistik
über diese Sachen bekommen? »Jawohl«, sagte man mir, »diese Statistik
ist zu schaffen«. Wann? »Etwa in sechs Monaten«. Und wenn ich sie in
vierzehn Tagen haben muß, weil die Sache drängt? Da antwortete man mir:
»Da gibt es keine«. Ich mußte sie aber haben, und hatte sie in vierzehn
Tagen.

Erforderlich war ein gewagter Griff, eine Hypothese; und diese Hypothese
hat sich bewährt. Angenommen wurde, daß das Deckungsverhältnis im
Durchschnitt der deutschen Wirtschaft annähernd das gleiche sein müßte,
wie bei einer größeren, beliebig herausgegriffenen Gruppe. 900 bis 1000
Lieferanten hatte das Kriegsministerium. Wenn wir eine Rundfrage
veranstalteten bei diesen Lieferanten und uns nach ihrem
Deckungsverhältnis in den verschiedenen Stoffen erkundigten, so konnten
wir mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, die Größenordnung der
Deckung des Landes zu bekommen. Auf Bruchteile kam es nicht an, es
handelte sich um große Züge. Das Experiment gelang. Nach vierzehn Tagen
lichtete sich das Dunkel, nach drei Wochen wußten wir Bescheid. Bei
wenigen Stoffen überschritt die Deckung des damals vorhandenen, seither
weit überschrittenen Kriegsbedarfs die Frist eines Jahres; fast durchweg
war sie erheblich geringer.

Der Kreis der Stoffe, die wir zu bewirtschaften hatten, schien
ursprünglich klein; ausgeschlossen war das Gebiet der Nahrungsmittel und
der flüssigen Brennstoffe, eingeschlossen war alles, was Kriegsrohstoff
genannt wurde. Die amtliche Definition lautete: »solche Stoffe, die der
Landesverteidigung dienen und die nicht dauernd oder ausreichend im
Inlande gewonnen werden können«. Als unzulänglich erkannt waren zu
Anfang wenig mehr als ein Dutzend, später stieg die Zahl von Woche zu
Woche und am Schluß war es ein reichliches Hundert.

Was wir jetzt besaßen, war noch wenig, aber es bot eine Grundlage. Wir
wußten jetzt: so und so sieht die Deckung im Lande aus, und allmählich
trat die Aufgabe in ihrem ganzen Umrisse, freilich noch nicht ihre
Lösung hervor.

Vier Wege waren möglich und mußten beschritten werden, um die Wirtschaft
im Lande umzugestalten, um das Verteidigungsverhältnis zu erzwingen.

Erstens: alle Rohstoffe des Landes mußten zwangsläufig werden, nichts
mehr durfte eigenem Willen und eigener Willkür folgen. Jeder Stoff,
jedes Halbprodukt mußte so fließen, daß nichts in die Wege des Luxus
oder des nebensächlichen Bedarfes gelangte; ihr Weg mußte gewaltsam
eingedämmt werden, so daß sie selbsttätig in diejenigen Endprodukte und
Verwendungsformen mündeten, die das Heer brauchte. Das war die erste und
schwerste Aufgabe.

Zweitens: wir mußten alle verfügbaren Stoffe jenseits der Grenzen ins
Land hineinzwingen, soweit sie zu zwingen waren, sei es durch Kauf im
neutralen, sei es durch Beitreibung im okkupierten Ausland. Durch Kauf
ist manches hereingeflossen; späterhin, durch Beitreibung im okkupierten
Auslande sehr viel und unentbehrliches; davon werde ich später reden.

Die dritte Möglichkeit, die sich uns erschloß, war die Fabrikation. Wir
mußten Bedacht darauf nehmen, daß alles das im Inland erzeugt wurde, was
unentbehrlich und unerhältlich war. Wir mußten auch darauf Bedacht
nehmen, daß neue Erzeugungsmethoden gefunden und entwickelt wurden, wo
die alte Technik nicht ausreichte.

Und nun der vierte Weg: es mußten schwer erhältliche Stoffe durch
andere, leichter beschaffbare ersetzt werden. Wo steht es geschrieben,
daß diese oder jene Sache aus Kupfer oder Aluminium gemacht werden muß;
sie kann auch aus etwas anderem gemacht werden. Surrogate müssen
herhalten, altgewohnte Fabrikate müssen aus neuen Stoffen geschaffen
werden. Wenn die alten sich störrisch zeigen hinsichtlich ihres
Stoffverbrauches, so muß dieser Eigensinn gebrochen werden, und es
müssen solche Fabrikate erstehen, die weniger wählerisch sind
hinsichtlich ihrer Erzeugungsmittel.

Das waren die Methoden, die sich unserem Blick erschlossen hatten; nicht
die Lösungen zwar, doch die Wege, die Möglichkeiten, die Hoffnungen.

Auf der anderen Seite aber lagen unübersehbar die Widerstände.

Die kriegswirtschaftliche Gesetzgebung stand etwa auf der Stufe
friderizianischer Wirtschaft. Was das Kriegsleistungsgesetz uns
freistellte, war, wenn man es seines theoretischen Ausdrucks entkleidet,
ungefähr soviel, wie wenn ich sage: Kommt ein Rittmeister in ein Dorf,
so kann er sich vom Ortsvorsteher Hafer geben lassen, und macht ihm der
Ortsvorsteher Schwierigkeiten durch Säumigkeit, so darf er in gewissen
Ausnahmefällen sich den Hafer selbst nehmen. Das war ungefähr der
Inbegriff der Gesetzgebung, wie wir sie fanden.

Es gab aber noch andere Schwierigkeiten.

Zur Lösung der Aufgabe, die uns auferlegt war, bedurften wir der
Mitarbeit vieler Behörden. In den ersten Tagen war es gelungen, die
drei außerpreußischen Kriegsministerien zu einer sehr entgegenkommenden
Erklärung zu bewegen, daß sie nämlich Preußen es überlassen würden, die
Organisation zu schaffen. Das hat eine große Vereinfachung
herbeigeführt. Aber mit vielen anderen Behörden war daneben zu
verhandeln und zu arbeiten.

Schon dadurch mußten Schwierigkeiten erstehen, daß das Problem nirgends
bekannt war. Noch heute ist ja das deutsche Volk der Ansicht, daß die
Rohstoffversorgung ganz von selbst geht. Über Nahrungsmittel wird den
ganzen Tag gesprochen, das Problem der Rohstoffe, das geht so nebenher.
Aber wie es am Anfang des Krieges lag, das müssen wir uns jetzt erst
wieder mühsam vergegenwärtigen. Die ersten sechs Monate hatte niemand
eine Ahnung davon, wofür wir eigentlich da waren. Der Reichstag, der im
November 1914 zusammentrat, betrachtete uns als eine Art Handelsstelle,
die dafür zu sorgen hatte, daß das Sohlenleder und die Wolle billiger
würden; daß es sich um Fragen handelte, von denen Krieg und Frieden,
Sieg und Niederlage abhingen, war niemandem geläufig und ist es bis zum
heutigen Tage noch nicht allen. Unter diesen Verhältnissen hatten wir
zu leiden. Um die Requisitionen in Belgien mußten wir kämpfen, denn es
gab eine Auffassung, die theoretische Bedenken geltend machte. Unsere
Umfragen bei der Industrie wurden an manchen Stellen als eine
unzulässige Beunruhigung der Wirtschaft empfunden. Noch entschiedener
wurde die Störung einzelner Friedensindustrien uns verübelt.

Schritt für Schritt hatten wir unseren Weg zu bahnen. Doch kann ich
sagen: in letzter Linie haben alle Behörden uns unterstützt, in letzter
Linie haben wir doch überall Verständnis errungen und gesehen, daß
unsere öffentliche Organisation geeignet ist, auf jedes noch so
schwierige Problem einzugehen und es mit neuen Mitteln zu lösen. Aber
die Anfänge waren schwer.

Nun kommen die Schwierigkeiten, die in uns selbst lagen.

Zu fünft hatten wir angefangen. Menschen wurden gesucht; die
Personalbestände der Wirtschaft waren ausgeleert. Alles war an der
Front, ging an die Front. Fabriken und Banken habe ich bestürmt: gebt
mir Menschen. Ja, es wurden mir manchmal Menschen gegeben, die liefen
nach zwei Tagen weg, denen paßte es nicht, von morgens 9 bis abends 12
zu arbeiten, und zwar umsonst und in einer Sache, von der sie nicht
genau wußten, wozu sie diente, wohin sie führte. Andere blieben und
fanden Gefallen, und so hat doch schließlich ein Kreis sich gebildet,
eine Freischar sich zusammengefunden, die in ihrem Zusammenwirken
vorbildlich war, und die ich mit schwerem Herzen verlassen habe.
Kernhafte Menschen, begeisterungsfähig, freudig und arbeitskräftig, die
aus den verschiedensten Berufen stammten, und schließlich alle zum
gleichen Ziel hinstrebten. Da war es merkwürdig, wie wir alle fiskalisch
wurden; denn das ist eine Eigenschaft des Deutschen, daß da, wo man ihn
hinstellt, er mit seiner Aufgabe verwächst und sein ganzes früheres
Dasein vergißt. Unsere Industriellen in diesen Stellungen waren bald so
fiskalisch geworden, daß wir manches vorwurfsvolle Wort von unseren
eigenen Industrien zu hören bekamen.

Da war ein Elektrotechniker, der hatte das ganze Lederwesen unter seiner
Obhut, da war ein Metallurge, der hatte die chemischen Industrien, da
war ein Nationalökonom, der hatte Textilien; nur der Kautschukindustrie
war als Verweser ein Fachgenosse beschieden.

Fast jeden Tag mußten neue Kräfte eingestellt werden. Denn unter jedem
Dezernat wuchs nach abwärts eine hierarchische Pyramide;
Zweigorganisationen entstanden, Einzelaufgaben wuchsen zu mächtigen
Arbeitsgebieten aus; in wenig Monaten war der Umfang einer normalen
Behörde überschritten und noch immer dehnte sich der Kreis der
Verantwortungen.

Alle diese Menschen mußten geworben und angelernt werden. Es verging
Zeit und kostete Arbeit, bis diese Kaufleute und Techniker zu Beamten
umgeschaffen waren, bis sie die Gewohnheiten des behördlichen Verkehrs,
der klippenreichen Geschäftsordnung, des amtlichen Schriftwesens, und
vor allem die Aufgaben ihres eigenen, neugeschaffenen Wirkungskreises
sich angeeignet hatten.

Die größten Schwierigkeiten aber lagen in Raum und Zeit.

Im Raum. Vier Zimmer hatte das Kriegsministerium uns anfänglich zur
Verfügung gestellt, und das war nichts geringes, denn das
Kriegsministerium war in härtester Arbeitsanspannung. Wir verlangten 20
Räume; sie wurden bewilligt. Da gab es schon Umzüge, die schwierig
waren und Wochen dauerten. Dann brauchten wir 60 Räume. Da mußten
Abteilungen das Feld räumen, die seit Jahrzehnten unbewegt geblieben
waren, und die mit 60 000 Aktenstücken aufbrachen. Das war eine Sache
von Monaten. Während dieser Zeit waren unsere Korridore schwarz von
Menschen, die Vormittage lang auf Abfertigung warteten. Die Einstellung
neuer Kräfte war vorübergehend gehemmt; es entstanden Verzögerungen in
der Abwicklung der Geschäfte, die uns zu ersticken drohten. Zuletzt
blieb uns nichts anderes übrig: wir mußten unter eigener Verantwortung
Wohnungen in der Wilhelmstraße mieten, einrichten und besetzen, die
nachträglich als Amtsräume des Ministeriums genehmigt wurden. Heute hat
die Abteilung eine ganze Straßenfront in der Verlängerten Hedemannstraße
und wird die nächste vielleicht bald dazu haben.

Und nun die Zeit.

Es galt, Organisationen täglich und stündlich neu zu schaffen,
Verfügungen zu entwerfen, umzuarbeiten und anzupassen, Verhandlungen mit
Industriellen zu führen, Versammlungen einzuberufen, eine Korrespondenz
von zweitausend täglichen Nummern zu bewältigen, daneben mit den
Behörden die Fühlung aufrecht zu erhalten, die neu eingetretenen
Menschen anzulernen, dem Strom der Besucher, den Fragenden und
Wünschenden standzuhalten – das verlangte einen Tag von 48 Stunden. Eins
aber kam uns zugute. Ich habe von der allgemeinen Verkennung unserer
Aufgabe gesprochen, als von einem Nachteil. Sie war aber auch von
Nutzen, denn die öffentliche Kritik, die heute in das Ernährungsproblem
eingreift, ließ uns ziemlich ungestört. Was wir machten, wurde zwar als
eine Art von unliebsamer und unnötiger Behelligung der Industrie
angesehen, aber man machte uns doch schließlich wenig Schwierigkeiten.

Es kamen ab und zu Professoren, die sagten, es wäre alles falsch, wir
müßten alles von vorn anfangen. Es kamen auch Abgeordnete, die sagten,
es wäre allerdings falsch, und was die Professoren gesagt hätten, wäre
auch falsch; es müßte nochmals geändert werden. Abgesehen von einer
grauenhaften Schreibarbeit hat es uns nichts geschadet.

Nun kommen wir zu der Lösung.

Bei der Lösung handelte es sich zunächst darum, Rechtsbegriffe neu zu
schaffen. Von der Unvollständigkeit und Unvollkommenheit unserer
juristischen Grundlage habe ich Ihnen schon erzählt. Es mußte der
Grundbegriff gefunden werden, der es uns ermöglichte, den
wirtschaftlichen Kreislauf umzugestalten. Wir schufen einen neuen
Begriff der Beschlagnahme; mit etwas Willkür zwar, aber das
Belagerungsgesetz stand uns zur Seite, und später ist alles auch
unabhängig vom Belagerungszustand gesetzlich sanktioniert worden. Dieser
Begriff der Beschlagnahme bedeutet nicht, daß eine Ware in
Staatseigentum übergeht, sondern nur, daß ihr eine Beschränkung
anhaftet, daß sie nicht mehr machen kann, was sie oder ihr Besitzer,
sondern was eine höhere Kraft will. Diese Ware darf nur noch für
Kriegszwecke verwendet werden; man darf sie verkaufen, verarbeiten,
transportieren, in jede beliebige Form bringen, aber was sie auch
erlebt: immer bleibt sie mit dem Gesetz behaftet, daß sie nur der
Kriegführung dienen kann.

Zu Anfang hat man sich schwer mit diesem Begriff abgefunden und uns oft
gesagt, das wäre nicht richtig gewesen, wir hätten alles konfiszieren
sollen. Ich erwähne das nicht, um nochmals zu widerlegen, denn die
Behauptung fällt in sich zusammen. Hätten wir die Güter auch nur eines
einzigen Wirtschaftskreises, etwa der Metalle, requiriert, also alles
Kupfer, Zinn, Nickel, Aluminium, Antimon, Wolfram, Chrom, so wären wir
Besitzer geworden von Millionen einzelner Warenposten, und jeden Tag
wären ungezählte Anfragen gekommen: Was soll mit diesem und jenem
Warenposten gemacht werden? Darf er gewalzt, gezogen, gegossen werden?
Wer soll ihn bekommen? Er wird dringend gebraucht. Und auf der anderen
Seite hätte die ganze Verarbeitung stillgestanden, bis eine neue
Verteilung vorgenommen war. Und die Überwachung und Verrechnung von
Milliardenwerten unbekannter Posten wäre uns zur Last gefallen.

Der Begriff der Beschlagnahme hat sich bewährt, und wird aus unserem
Kriegswirtschaftsleben nicht mehr verschwinden. Aber die neue Rechtsform
hat uns durch schwere Gefahren geführt. Denn in dem Augenblick, wo eine
Ware beschlagnahmt war, hörte die Friedenswirtschaft auf. Wenn bei einem
Metallindustriellen die Metalle beschlagnahmt waren, durfte er nicht
mehr Friedensarbeit leisten, er war auf Kriegsaufträge angewiesen; er
mußte seine Anlagen und Maschinen, seine Arbeitsmethoden und Produkte
auf Kriegsarbeit umstellen, er mußte ein neues wirtschaftliches Leben
anfangen. Es war eine furchtbare Belastungsprobe für die Industrien, vor
allem der metallurgischen, der chemischen und der Textilproduktion.

In jenen schweren Wochen Ende letzten Jahres, als die Verfügungen
erlassen waren, kamen meine Kollegen von der AEG zu mir und sagten:
»Wissen Sie, was Sie gemacht haben? Das kann für uns 60 000 brotlose
Arbeiter bedeuten.«

Es ist gegangen. Zwei Monate lang haben wir der Industrie noch gewisse
Freigaben zugestanden, wenn auch schweren Herzens; denn wer konnte
wissen, ob nicht die Tonne Salpeter, die hier freigegeben wurde, bei
einer belagerten Festung oder bei einer Schlacht einen Ausschlag geben
würde. Irgendwo muß man Verantwortungen übernehmen, und wir haben es
getan.

Nach zwei Monaten war die Umstellung unserer Industrie vollzogen. Die
deutsche Industrie hat diese Neugestaltung bewirkt, ohne davon zu reden,
ohne einen Zusammenbruch, schweigend, großzügig, selbstbewußt, mit
höchster Tatkraft und Schaffenslust. Das, meine Herren, ist ein
Ruhmesblatt der deutschen Industrie, das niemals vergessen werden darf!
Weder Frankreich, noch England, noch die Vereinigten Staaten, noch
irgendeine der feindlichen und halbfeindlichen Nationen macht das nach.

Das war der Begriff der Beschlagnahme; ihre Wirkung war die
wirtschaftliche Umstellung. Und nun komme ich zum zweiten Werkzeug.

Wir wußten, daß diese Wirtschaft neu geboren werden mußte, wir wußten,
daß sie nun in irgendwelcher neuen Form ihr Material verteilen und
bereit halten mußte. Wie sollte das geschehen?

Der Heeres- und Marineverwaltung mußte die volle Freiheit gewahrt
werden, ihre Aufträge dahin zu geben, wo sie wollten; wir konnten keiner
Behörde sagen: wir schreiben euch vor, wo ihr eure Bestellungen zu
machen habt. Auf der anderen Seite mußte derjenige, der nun der
Beauftragte der Behörde geworden war, das Material bekommen, das er
brauchte. Es mußten Organismen geschaffen werden zum Aufsaugen,
Aufspeichern und zum Verteilen dieses Warenstromes, der in einer neuen
Bewegungsform und mit neuen Zufuhren durch die Adern des deutschen
Verkehrs rollte. Da mußte abermals ein neuer Begriff entstehen, der
Begriff der _Kriegswirtschafts-Gesellschaften_. Heute ist das eine
Sache, von der man wie von einer altererbten spricht. Viele dieser
Kriegsgesellschaften sind in aller Munde; man kennt sie und empfindet
sie als ein längst Gegebenes. Aber das Paradox ihres Wesens schien so
groß, daß selbst in unserem engsten Kreise, der sonst in großer
Einhelligkeit unsere Maßnahmen durchdachte, eine Spaltung über die
Möglichkeit und Durchführbarkeit dieser Schöpfung entstand.

Auf der einen Seite war ein entschiedener Schritt zum Staatssozialismus
geschehen; der Güterverkehr gehorchte nicht mehr dem freien Spiel der
Kräfte, sondern war zwangsläufig geworden. Auf der anderen Seite wurde
eine Selbstverwaltung der Industrie, und zwar in größtem Umfang durch
die neuen Organisationen angestrebt; wie sollten die gegenläufigen
Grundsätze sich vertragen?

Man hat denn auch hinterdrein mit größerem oder geringerem Wohlwollen
uns gesagt, wie man es anders hätte machen sollen: wir hätten nicht die
Gesellschaften gründen, sondern den behördlichen Apparat vergrößern
sollen. Heute sind die Stimmen der Kritik verstummt. Wer indessen noch
zweifelt, dem empfehle ich einen Besuch in der Kriegsmetall- oder
Kriegschemikalien-Gesellschaft. Wenn er dort Tausende von Menschen an
der Arbeit sieht, diesen Bienenkorb vor Augen hat, den Strom von
Besuchern, Korrespondenzen, Transporten und Zahlungen verfolgt, so wird
er sich sagen, in den Behördenrahmen war diese Aufgabe nicht mehr
hineinzupressen, sie mußte den wirtschaftlichen Berufskräften und der
Selbstverwaltung überlassen werden.

So entstand der Begriff der Kriegsgesellschaft aus dem Wesen der
Selbstverwaltung und dennoch nicht der schrankenlosen Freiheit. Die
Kriegsrohstoffgesellschaften wurden gegründet mit straffer behördlicher
Aufsicht. Kommissare der Reichsbehörden und der Ministerien haben das
unbeschränkte Veto; die Gesellschaften sind gemeinnützig, weder
Dividenden noch Liquidationsgewinne dürfen sie verteilen; sie haben
neben den gewöhnlichen Organen der Aktiengesellschaften, Vorstand und
Aufsichtsrat, noch ein weiteres Organ, eine unabhängige Kommission, die
von Handelskammermitgliedern oder Beamten geleitet wird, die
Schätzungs- und Verteilungskommission. Auf diese Weise stehen sie da
als ein Mittelglied zwischen der Aktiengesellschaft, welche die freie
wirtschaftlich-kapitalistische Form verkörpert, und einem behördlichen
Organismus; eine Wirtschaftsform, die vielleicht in kommende Zeiten
hinüberdeutet.

Ihre Aufgabe ist es, den Zufluß der Rohstoffe in einer Hand
zusammenzufassen und seine Bewegung so zu leiten, daß jede
Produktionsstätte nach Maßgabe ihrer behördlichen Aufträge zu
festgesetzten Preisen und Bedingungen mit Material versorgt wird.

Auch von den Industriellen wurden die neuen Rohstoff-Gesellschaften
nicht durchweg willkommen geheißen.

Die Metallindustriellen waren einigermaßen willig. Sie fragten zwar:
Wozu soll das, eine Aktiengesellschaft, die nichts verdient, was sollen
wir damit anfangen? Wir haben bisher unsere Wirtschaft besorgt und
können es auch weiter. Dennoch willigten sie ein, vielleicht zum Teil
mir zu Gefallen, vielleicht auch, weil sie sich sagten, es ist nicht
viel dabei verloren.

Schon anders war es mit den Chemikern. Das sind ganz große Herren aus
dem Rheinland, selbstbewußt, Träger großer Verantwortungen, Chefs
ungezählter Arbeiterbataillone; denen war das neue Wesen anfangs nicht
ganz geheuer. Ein einflußreicher Herr fuhr im Rheinland herum und
warnte vor den neuen Experimenten. Aber schließlich kam es doch im
Hofmannhaus zu einer konstituierenden Versammlung; die verlief anfangs
friedlich, gegen Ende aber wurde sie leidenschaftlich bewegt. Als die
Herren sahen, den Salpeter kann man ihnen nicht unbeschränkt lassen, da
wurden sie unzufrieden, und es gab eine Szene, die von ferne an das
Ballhaus in Paris im Jahre 1789 erinnerte. Trotzdem kam die Gründung
zustande, und heute müssen wir ebenso tief und freudig den Chemikern
danken für ihr Zusammenwirken wie für ihre Leistungen. Denn diese
vorbildliche deutsche Industrie hat zwar mit den ersten Maßnahmen
vielleicht sich etwas schwerer abgefunden, dafür hat sie an Initiative
und Erfindungskraft, an Kühnheit und Nachhaltigkeit vielleicht die
höchste Stelle unserer wirtschaftlichen Kriegsführung erreicht.

Fast jede Woche brachte neue Gründungen. Mit Metall fing es an, dann
kamen Chemikalien, dann kam Jute, Wolle, Kammwolle, Kautschuk,
Baumwolle, Leder, Häute, Flachs, Leinen, Roßhaar; teils
Aktiengesellschaften, teils Abrechnungsstellen. Alle diese Schöpfungen
verlangten wochenlange Vorverhandlungen, Einigung unter den
Industriellen, Verständigungen über die Bedingungen, Beschaffung von
neuen Kräften, Direktoren, Prokuristen und Geschäftsräumen, und alles
das innerhalb einer Wirtschaft, in der verantwortliche Kräfte immer
spärlicher zur Verfügung standen.

Heute zählt das Beamtenpersonal der Gesellschaften, Untergesellschaften
und Zweigorganisationen nach Tausenden, ihr Umsatz nach Hunderten von
Millionen.

So saßen wir in tiefster Arbeit. Auf der einen Seite schwoll der Berg
der beschlagnahmten Waren und machte dauernde Verhandlungen mit den
Wirtschaftsleitern erforderlich; auf der anderen Seite entstanden unsere
Organisationen und verlangten Einarbeitung, Aufsicht, Mitwirkung;
zwischen beiden Aufgaben kämpften wir um den Ausbau unserer Abteilung,
um Raum, Menschen, Ordnung und Geschäftsgang – und schon trat eine neue
Aufgabe gewaltigen Umfangs, heiß ersehnt und hochwillkommen an uns
heran.

Unsere siegreichen Heere waren vorgedrungen, Belgien und ein Teil von
Frankreich war unterworfen, und auch in Rußland wurde es heller.

Nun handelte es sich darum, den Rohstoffbesitz dieser drei Landgebiete
auszuschütten über das vierte. Durch Kauf in neutralen Staaten hatten
wir manches ins Land bekommen; doch bald sorgten die Engländer durch
ihre Gegenorganisationen, durch ihren Terrorismus zu Lande und zur See
dafür, daß die Zufuhr nachließ. Nun hatte die Gewalt der deutschen
Waffen drei reiche Provinzen unserer Wirtschaft erschlossen; ein
geographischer Glücksfall fügte es, daß fast zu gleicher Zeit die
gesamten Zentren des kontinentalen Wollhandels in unsere Hand fielen;
beträchtliche Vorräte an Kautschuk und Salpeter traten hinzu. Nun hieß
es, diese Schätze heben und nutzbar machen und dabei doch Recht und
Gesetz wahren, Übersicht behalten und die Wirtschaft der Länder nicht
mit einem Schlage vernichten.

Das war eine Aufgabe, die materiell umfassend und dennoch nicht so
schwierig war wie die vorausgegangenen, denn sie lehnte sich an
vorhandene Erfahrung an: ein Land mit Organisationen zu durchdringen,
Filialen zu schaffen, und diese mit Zweiganstalten zu umgeben, Läger
durchforschen und aufnehmen zu lassen, Beschlagnahmen zu erwirken,
Vereinbarungen über Umladeplätze, Verzollungswesen, einzuräumende
Eisenbahngleise zu treffen, alles das waren Dinge, die Zeit und Menschen
erforderten, die aber nicht mehr auf dem schwankenden Grunde
unerforschter Wirtschafts- und Rechtsverhältnisse sich abspielten. Mit
gewissen Ausnahmen; denn auch in Belgien war die Frage der Übereignung
eine nicht ganz einfache. Über die Frage der Entschädigung stritten sich
die Geister noch nach Monaten, nachdem wir die Substanz schon in unseren
Besitz gebracht hatten. Aber immerhin: diese Aufgabe war im wesentlichen
mit gegebenen Erfahrungen zu lösen und sie wurde gelöst.

Jetzt war ein gewaltiges Warengeschäft unserer Abteilung angegliedert,
die schon damals auf den Umfang eines merkantilen Weltunternehmens
angewachsen war; da traten von neuem schwere Gefahren auf. Und um diese
Gefahren zu schildern, will ich gleich in das tiefste Fabrikationsproblem
greifen und will etwas erzählen – Zahlen werde ich nicht nennen – von
der Stickstoffaufgabe, die sich uns bot.

Sie wissen, daß die unentbehrlichen Explosivstoffe der Kriegsführung auf
der Grundlage der Salpeterverbindungen ruhen, daß Salpeter eine
Stickstoffverbindung ist, und daß somit die Kriegsführung in gewissem
Sinne ein Stickstoffproblem darstellt.

Unsere Stickstoffrechnung am Anfang des Krieges war nicht ungünstig. Ich
will Zahlen fingieren, die falsch sind, aber Verhältnisse geben. Nehmen
Sie an, es seien 90 Tonnen Stickstoff im Lande gewesen, und nehmen Sie
an, 50 Tonnen hätten wir mit Sicherheit erwartet in Ostende und
Antwerpen, das wären zusammen 140 Tonnen. Bei einem monatlichen
Verbrauch von 10 Tonnen hätte das 14 Monate gelangt. Ich betone, es sind
nur Verhältniszahlen.

Das Deckungsverhältnis sah somit ganz gut aus. Es wurde Anfang September
und der Krieg entwickelte sich. Wir machten uns immer wieder unsere
Rechnungen, verglichen immer wieder mit den Unterlagen, die uns die
verbrauchenden Stellen boten. Immer wieder ergab sich die Antwort: diese
Deckung stimmt.

Da dämmerte plötzlich die Besorgnis auf: Wie ist das, wenn nun der Krieg
im Osten die gleichen Dimensionen annimmt wie im Westen? Wenn der Krieg
noch hartnäckiger und umfangreicher wird, als wir ihn uns vorstellen
können? Wie ist es dann mit der Stickstoffdeckung? Darauf war keine
Antwort.

Es war ein beklommener Vormittag, als ich dem Stellvertretenden
Kriegsminister diese Erwägung unterbreitete, und ihn um die Erlaubnis
bat, eine beliebige Zahl von chemischen Fabriken bauen zu lassen, und
nämlich so viele, als die Chemie leisten könne.

Der Kriegsminister, Exzellenz von Wandel, in seiner großzügigen, ruhigen
und entschlossenen Art gab sofort die Autorisation, mit der chemischen
Industrie zu verhandeln.

Technisch im höchsten Maße wertvolle Vorarbeiten waren geleistet worden.
Exzellenz Fischer und Geheimrat Haber hatten in sehr dankenswerter Weise
das Problem der Salpetergewinnung größten Umfangs bearbeitet, und die
chemische Industrie war durchaus nicht überrascht, als sie vor die Frage
gestellt wurde, diese Unternehmungen zu schaffen.

Der Bau einer größeren Zahl von Fabriken wurde vereinbart, und die
Chemiker, kühn, selbstbewußt und vertrauensvoll, gingen auf die
Bedingung ein, daß die Fabriken unter Dach sein mußten, bevor ich in der
Lage war, ihnen den Vertrag vom Reichsschatzamt genehmigt zuzuschicken.
Die Fabriken waren unter Dach, noch bevor der Vertrag unterschrieben
war; das war ungefähr zu Weihnachten. Die Stickstoffabrikation war eine
deutsche Produktion geworden, ein Weltproblem war gelöst, die schwerste
technische Gefahr des Krieges war abgewendet.

Aber während diese Fabriken aufstiegen, kamen die Nachrichten von der
Front: wir brauchen nicht mehr 10 Tonnen, sondern 16, nicht mehr 16,
sondern 21, nicht mehr 21, sondern 27, und hier will ich, um auch nicht
Proportionen erkennen zu lassen, nicht sagen, bis zu welchem Vielfachen
die Forderungen der Front sich steigerten. So viel aber darf angedeutet
werden: daß die ursprüngliche Deckung sich auf einen Bruchteil
vermindert hatte. Hätten wir erst dann mit dem Bau begonnen, als diese
Verhältnisse greifbar geworden waren, also zwei oder drei Monate später,
so wäre eine bedenkliche Zwischenzeit eingetreten, und zwar gerade
damals, als der galizische Durchbruch einen gewaltigen Munitionsaufwand
forderte.

Waren und blieben auch die chemischen Fabrikationen, insbesondere die
Salpetersäureanlagen, die wichtigsten unserer neugeschaffenen
Gütererzeugungen, so haben doch noch eine Anzahl umfangreicher
Produktionsstätten sich ihnen zur Seite gestellt. Metallraffinationen
und Wiedergewinnungsanlagen wurden errichtet, die bergbauliche
Produktion wurde gehoben, elektrolytische und elektrothermische
Werke wurden erstellt und erweitert, teils durch unmittelbares
Eingreifen der Kriegsrohstoffabteilung, teils durch Vermittelung der
Rohstoffgesellschaften.

Inmitten dieser Tätigkeit wurde uns eine weitere Aufgabe zuteil, die
eigentlich mit der Wehrbarmachung des Landes nur mittelbar zu tun hatte,
die aber aus allgemein wirtschaftlichen Gründen sich nicht abweisen ließ
und die kaum anders als durch uns gelöst werden konnte.

Ich habe erwähnt, daß der Reichstag im November von uns etwa die
Vorstellung hatte, wir seien eine Stelle für Verbilligung der
Marktpreise, und eine Sitzung der großen gemischten Kommission war für
den beteiligten Zuhörer, der sich nicht verteidigen durfte, nicht sehr
angenehm. Mit Recht waren die Herren ungehalten über einzelne stark
gesteigerte Rohstoffpreise, die auch uns zu denken gaben. Man wußte
jedoch nicht, daß uns zunächst die weit dringendere Sorge obgelegen
hatte, die Gefahr des Mangels abzuwenden, bevor wir an die wichtige und
dennoch sekundäre Frage der Kosten herantreten konnten. Sofortige
Abhilfe wurde gefordert.

Wir hatten indessen bereits Mittel und Wege gefunden und waren mit der
Lösung fast zu Ende. Angefangen hatten wir mit der Festsetzung der
Höchstpreise für Metalle. Sie war nicht einfach, denn nicht nur die
Mehrzahl der wichtigeren Metalle war zu bedenken, sondern auch ihre
Legierungen, die Altmetalle und die vorverarbeiteten Produkte. Nach
langen Verhandlungen war eine Tabelle zustande gekommen, die zwar nicht
in allen Positionen der Industrie und vor allem dem Handel gefiel, gegen
die aber schließlich nicht mehr viel einzuwenden war, und die vom
Bundesrat angenommen wurde. Sodann wurden die Höchstpreise für eine
Gruppe bewältigt, die bei den Fachleuten als unüberwindlich galt, die
Wollen und Wollprodukte.

Hier handelte es sich um die Vielfältigkeit der Herkunft, multipliziert
mit der Zahl der Qualitäten; das Produkt dieser Größen abermals
multipliziert mit der Zahl der Verarbeitungsstadien. Das ergab eine
Mannigfaltigkeit, die nach Hunderten von Positionen zählte; aber zuletzt
kam auch hier ein Merkblatt zustande, das für die Besitzer nicht
allzugroße Härten enthielt und den Erfordernissen der Kriegswirtschaft
entsprach.

Näherte sich die Festsetzung von Höchstpreisen schon mehr einem Ausflug
auf allgemeinwirtschaftliches Gebiet, so war die Beschaffung und
Einführung von Ersatzstoffen und Surrogaten ein Teil unserer eigensten
Aufgaben.

Die preußische Uniformierung mußte in ihrer stofflichen Zusammensetzung
geändert werden. Die Gewebe wurden durch Verwendung von Kammgarn und
anderen Erzeugnissen gestreckt; Helmbeschläge, Knöpfe und andere Zutaten
lernten auf die Verwendung von Sparmetallen verzichten. Im
Munitionswesen wurde manches seltnere Metall durch Zink und Stahl
ersetzt; die Elektrotechnik mußte einen Teil ihrer Leitungen und
Fassungen aus ungewohnten Metallen erstellen und erreichte es, daß
manches Erzeugnis sich verbilligte. In der chemischen Industrie
entstanden große Anlagen, die teils bekannte, teils neuerprobte
Ersatzstoffe lieferten. Selbst auf die Textilindustrie erstreckte sich
das System der Wiedergewinnung und Auswechselung. Nur wenige
Industriezweige können sagen, daß sie heute noch durchweg mit dem
Urmaterial arbeiten, dessen sie vor dem Kriege gewohnt waren, und viele
haben auch aus dieser Form der Umstellung Nutzen gezogen.

In kurzen Zügen möchte ich Ihnen jetzt ein Bild der
Kriegs-Rohstoff-Abteilung geben, wie sie ungefähr zu Beginn dieses
Jahres ausgesehen hat. Eine Zentralsektion sorgte für die Gesamtpolitik
und Initiative der Abteilung. Sie führte die Verhandlungen mit den
Behörden, bearbeitete jede neue organisatorische Maßnahme und Verfügung,
bereitete die Vorträge beim Minister vor, verhandelte mit industriellen
Gruppen, Abgeordneten und Interessenten, prüfte wirtschaftliche und
juristische Fragen, ergänzte den Personalbestand, faßte den Briefwechsel
der Abteilung zusammen, verfaßte die Vierteljahrsberichte und trug die
Verantwortung für den Organismus.

Daneben erstreckte sich das Gebiet der verschiedenen Referate. Die
Referate bewältigten teils zusammenfassend, teils gesondert die Gebiete
der Einzelstoffe, und hinter ihnen standen ausführend und mitwirkend die
Meldestellen und Rohstoffgesellschaften mit ihren Hilfsorganisationen
und Tochterinstituten.

Es gab Referate für Metalle, Chemikalien, Baumwolle, Wolle, Jute,
Kautschuk, Leder, Häute, Hölzer, für organische Produkte. Dieses
Referatengebiet machte den eigentlichen Wirtschaftskörper unserer
Abteilung aus.

Daneben bestand die Beschlagnahmestelle, diejenige Stelle, die den Strom
der beschlagnahmten Stoffe regelte, die Gesetzgebung der Beschlagnahmen
und Belegscheine ausarbeitete, den Verkehr mit den Besitzern der Ware
führte und mit einem System von Revisoren die Befolgung der Maßnahmen
überwachte. Ursprünglich führte diese Stelle auch die Statistik, die
später abgespalten und auf eine Reihe von Meldestellen übertragen wurde.
Die Beschlagnahmestelle arbeitete mit einem erheblichen Beamtenapparat;
ihre Formulare und Drucksachen gingen auf dem Wege über die
Generalkommandos jeden Tag über ganz Deutschland hinaus.

Das Warengeschäft erforderte eine gesonderte Speditions-, Buchführungs-,
und Überwachungsabteilung. Milliardenwerte waren aus den okkupierten
Gebieten abzutransportieren. Zehntausende von Doppelladern rollten über
unsere Schienen und füllten über 200 deutsche Lager. Die Lager mußten
eingerichtet und überwacht werden, die Waren mußten verfrachtet, den
Lagern zugeführt, entladen, kontrolliert, an die Rohstoffgesellschaften
verteilt und verrechnet werden.

Ein Speditionsamt sorgte für die Transporte und bediente sich einer
eigenen Treuhandgesellschaft zur Überwachung der Frachtsätze, eine
Abrechnungsstelle – vielleicht eine der größten, die das deutsche
Warengeschäft aufwies – führte Buch über jede Warensendung, die Lille
oder Roubaix oder Antwerpen verließ, über ihr Eintreffen auf den
Umladeplätzen Haspe, Frankfurt, Mannheim, über den Eingang in die Lager,
und über den Ausgang nach den weitverzweigten Verbrauchsstellen.

Am 1. April 1915 konnte ich dem Preußischen Kriegsministerium die
Abteilung als ein gehendes, eingearbeitetes, fertiges Werk übergeben.
Ich habe die Freude, daß der größte Teil meiner Mitarbeiter bei der
Behörde geblieben ist. Unter der Leitung meines sehr verehrten
Nachfolgers, des Herrn Major Koeth, hat die Abteilung gewaltig an Umfang
gewonnen; sie hat zahlreiche neue Organisationen geschaffen, sie hat
sich behördlich vervollkommnet. An Personal, Flächenraum und
Arbeitsgebiet steht sie außer dem Kriegsministerium und
Eisenbahnministerium wohl keiner preußischen Behörde nach, obwohl sie
darin sich von allen anderen unterscheidet, daß sie in acht Monaten
entstanden ist. Das fünfte Hundert der Beamten im Hause dürfte dieser
Tage überschritten sein, und die Angestellten der Rohstoffgesellschaften
und ihrer Zweiganstalten sind auf mehrere Tausend zu schätzen.

Als Exzellenz von Falkenhayn im Frühjahr nach Berlin kam und nach dem
Stande unserer Versorgung fragte, konnte ich ihm sagen: Wir sind in
allem Wesentlichen gedeckt, der Krieg ist von der Rohstoffbeschaffung
unabhängig.

Dem Reichstage hat der Kanzler dies bestätigt. Daß es ein Produkt gibt,
mit dem wir von der Hand in den Mund leben, wissen Sie alle. Die Deckung
der übrigen ist zum Teil eine absolute: es wird so viel geschaffen, wie
verbraucht wird; bei allen anderen reicht sie aus für eine Kriegsdauer,
deren Länge im Belieben unserer Gegner steht. Auf einzelnen Gebieten
haben wir überdies die Versorgung unserer Bundesgenossen übernehmen
können.

Die englische Blockade der Rohstoffe ist wirkungslos geworden. Noch mehr
als das; ihre Wirkung hat sich gegen England selbst gewendet. Die
schwerste Sorge hat England heute durch seine schrankenlose freie
Wirtschaft. England kann kaufen und kauft, und fürchtet jeden Kauf, den
einer seiner Untertanen im Auslande tätigt. Denn jeder Kauf – ob es Tee
ist oder Salpeter – verschlechtert die Zahlungsbilanz; jeder Kauf
erfordert Zahlungsmittel, und da die Zahlung nicht voll in Ware
geleistet werden kann, weil die Exportindustrie zum Teil auf
Munitionsarbeit umgestellt ist, so treibt jeder Kauf englische
Anlagewerte ins Ausland. Unsere erzwungene Binnenwirtschaft, mit der wir
uns abgefunden haben, hat manche Sorge gekostet und manchen Nachteil
gehabt, aber die Kraft hat sie uns gegeben, daß wir nun auch den vollen
Kreislauf der Mittel für uns in Anspruch nehmen können. Unsere Güter
erzeugt das Inland und das Inland verzehrt sie; aus unseren Grenzen
kommt nur das hinaus, was unsere Kanonen hinausschleudern; das genügt,
um unser Dasein merkbar zu machen. Den Gegenwert seines Verzehrs zahlt
der Staat bar; das bare Geld kehrt zu ihm zurück als Darlehn und tritt
von neuem in den Kreislauf ein. Unsere Wirtschaft ist die geschlossene
eines geschlossenen Handelsstaates.

In die Zukunft werden unsere Methoden nach mancher Richtung wirken.
Allgemeine soziale Fragen möchte ich nicht berühren. Wieweit auf das
Gebiet der Gesamtwirtschaft, auf die Frage der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung und ihrer möglichen Reform die Arbeitsweisen
einwirken werden, die hier geschaffen worden sind, liegt außerhalb des
Rahmens dieses Vortrages. Aber eine Wirkung in die Ferne der Zeiten
werden schon wir erleben: das ist eine neue Fürsorge der
Bewirtschaftung, eine neue Auffassung vom Rohstoff. Vieles wird ersetzt
bleiben, was man für unersetzlich hielt; an vielen Stellen, wo man
fremde Metalle verwandte, wird man einheimische verwenden; von manchen
fremden Produkten, wie chilenischer Salpeter, werden wir künftig, wie
ich hoffe, verschont bleiben; fremder Schwefel wird unsere Grenze nicht
mehr zu überschreiten brauchen. Unsere Wirtschaft wird in doppeltem
Sinne unabhängiger, denn wir hängen nicht mehr ab vom Wohlwollen des
Verkäufers, noch vom Wohlwollen unseres Gläubigers, dem wir zu zahlen
haben, und der es unter Umständen in der Hand hat, durch Erhöhung seiner
Zollmauer das Zahlungsmittel unserer Ware zu entwerten.

Diese Erwägungen werden wachsende Bedeutung erlangen und zu einem neuen
Begriff im Wirtschaftsleben führen, zu dem Begriff des Rohstoff-Schutzes.
Je entschiedener fremde Wirtschaftsgebiete sich uns verschließen, sei
es durch Schutzzölle, sei es durch nationalistische Treibereien, desto
größere Aufmerksamkeit haben wir unserer Zahlungs- und Handelsbilanz
zuzuwenden. Kaufen wir zügellos und überflüssig im Ausland, so müssen
wir unfreiwillig durch Ausfuhr zahlen, und dieser unfreiwillige Export
kann dauernd verlustbringend sein, weil es unseren Nachbarn freisteht,
unsere Fertigprodukte durch Schutzzölle zu belasten und zu entwerten,
während wir ihre Rohstoffe ungehindert hereinlassen müssen. So entsteht
ein neuer Merkantilismus, nicht um die Ausfuhr ins Maßlose zu steigern,
sondern um sie nutzbringend zu erhalten. Wir kannten bisher den Schutz
des Produktes, den sogenannten Schutzzoll; eine Frage des Rohstoffschutzes
hat bis jetzt nicht bestanden. Künftig kann es dem Staat nicht mehr
gleichgültig sein, ob Salpeter aus Chile kommt, wenn er ebenso billig,
oder nahezu so billig aus deutscher Luft gewonnen werden kann. Es kann
ihm nicht gleichgültig sein, ob ein Metall gekauft und an Amerika
bezahlt wird, oder ob ein gleichwertiges anderes Metall als Ersatzstoff
verwendet und im Inland beschafft wird.

Der Begriff des Rohstoffschutzes wird uns geläufig werden und sich in
Deutschland zum Nutzen unserer Wirtschaft geltend machen.

Das sind Zukunftssorgen auf allgemeinem Wirtschaftsgebiet;
Zukunftsfragen bestehen aber auch für das Weiterwirken der Organisation,
des Baues, den ich Ihnen geschildert habe.

Die Rohstoff-Abteilung wird auch im Frieden nicht zu bestehen aufhören,
sie wird den Kern eines wirtschaftlichen Generalstabes bilden.
Vielleicht wird sie ihren Namen ändern; ich möchte wünschen, daß sie
anstatt Kriegs-Rohstoff-Abteilung in Zukunft »Kriegswirtschafts-Abteilung«
hieße, denn das ist sie schon heute in manchem Sinne. Nie wieder kann
und darf es uns geschehen, daß wir wirtschaftlich unzulänglich
vorbereitet in einen neuen Krieg hineinkommen. In höchster Anspannung
müssen alle künftigen Friedensjahre dieser Vorbereitung dienen. Wir
müssen nicht nur dauernd wissen, was wir an Unentbehrlichem im Lande
haben, sondern wir müssen auch dauernd dafür sorgen, daß wir so viel im
Lande haben, wie wir brauchen. Gewaltige Lager müssen gehalten werden;
die Gesetzgebung muß auf diese Lager eingehen, die nicht staatlich zu
sein brauchen, muß sie unterstützen, aber auch überwachen lassen. Eine
umfangreiche und andauernde statistische und Verwaltungsarbeit wird
sich hieraus ergeben. Es muß ferner dafür gesorgt werden, daß die
Umstellungen, die dieser Krieg in gewaltsamer Weise herbeigeführt hat,
in Zukunft selbsttätig und ohne Erschütterung vor sich gehen. Ein
allgemeiner wirtschaftlicher Mobilmachungsplan muß geschaffen und
dauernd erneuert werden. Wirtschaftliche Gestellungsbefehle sind
auszuarbeiten, die in Tausenden von Fällen auszugeben sind. Darin heißt
es dann etwa: Sie haben sich am zweiten Mobilmachungstage in das und das
Haus in der Behrenstraße zu begeben, dort werden Sie den Vorsitz der und
der zu gründenden Kriegswirtschaftsgesellschaft übernehmen, das Statut
wird Ihnen übergeben; Sie haben den Gründungsvorgang zu leiten und die
und die Ausschüsse zu bilden. Das gleiche gilt für Maschinenfabriken und
andere Unternehmungen. Die erhalten eine Benachrichtigung, in der es
heißt: Sie haben am dritten Tage der Mobilmachung den und den Teil der
Fabrik zu räumen, die und die Werkzeugmaschinen sind zur Verfügung zu
stellen. Sie haben gleichzeitig einen Auftrag auf so und so viel
Produkte dieser Art zu übernehmen. Das Arbeiterwesen, hinsichtlich der
Rückstellungen und Freigaben, muß ebenfalls im Frieden geregelt werden.
Jedes Werk muß wissen, die und die Personen, die ihm unentbehrlich sind,
bleiben ihm zur Verfügung gestellt, andere hat er abzugeben. Eine
handelspolitische Abteilung muß dafür sorgen, daß mit dem neutralen
Ausland solche Verständigungen getroffen werden und solche Organisationen
entstehen, die einer Vergewaltigung der Ausfuhr durch feindliche Staaten
entgegenarbeiten. Handelsstellen müssen dauernd unterhalten werden,
welche im Kriege die Ein- und Ausfuhr zentralisieren und
Austauschgeschäfte bearbeiten.

Besondere Aufmerksamkeit wird die Nachkriegsgesetzgebung erfordern, und
ich könnte mir denken, daß ein wirtschaftlicher Generalstab berufen
wäre, auch hier tätig mitzuwirken.

Es ist nicht zulässig, daß nach Beendigung des Krieges wahllos die
Tonnagen verwendet werden, um diejenigen Waren schnellstens über den
Ozean zu tragen, die der Findigste bestellt und gekauft hat; es muß
dafür gesorgt werden, daß hier Einteilungen stattfinden. Es muß dafür
gesorgt werden, daß die Rechnungen, die das Deutsche Reich draußen zu
bezahlen hat, sei es als Staat, sei es als Gesamtheit der Privaten,
unsere Zahlungsbilanz nicht in Unordnung bringen, sondern nach
durchdachtem Plan einheitlich geregelt werden.

Überblicken wir nun das Werk und stellen die Frage, wie konnte dieser
Aufbau gelingen, wieso hat Deutschland das machen können, woran England
verzagte, Lloyd George scheiterte, so komme ich auf folgende Antwort.

Das erste ist, daß frühzeitig angefangen wurde; daß mit kühner
Entschlossenheit das Kriegsministerium auf die erste Anregung hin
erklärt hat, sich mit dieser Angelegenheit bis aufs letzte zu
identifizieren, während alle übrigen Wirtschaftsfragen noch unberührt im
Schoße der Zukunft ruhten, und daß das Kriegsministerium mit der
erblichen Genialität, die dieser Behörde eigen ist, sich dieser weit
umfassenden Aufgabe hingegeben hat.

Das zweite ist, daß die Einheitlichkeit der Leitung gewahrt wurde, daß
diese Organisation nicht in die Hände von Kommissionen, Ausschüssen,
gelegentlichen Sachverständigen gekommen ist, daß sie nicht behördlicher
Zersplitterung anheimfiel, sondern daß ein einheitlicher Wille sie
geleitet hat, hinter dem die Macht stand. Kommissionen sind gut zum
Beraten, nicht zum Schaffen. Eine Beratung findet statt am Dienstag,
fängt an um 4 und ist um 7 zu Ende; dann gehen die Herren nach Hause.
Was dann nicht geschehen ist, bleibt bis zum nächsten Freitag. Damit
kann man kontrollieren, aber nicht organisieren. Das ist so einfach,
aber noch immer nicht Gemeingut.

Das dritte ist ein deutsches Produkt, nämlich der Idealismus einer
Anzahl von Menschen, die sich freudig einer gemeinsamen Führung
anvertrauten, ohne Entgelt, ohne Versprechen, ohne Verpflichtung, ohne
Vertrag, die in rastloser, begeisterter Arbeit ihre Kräfte, ihre
Erfahrung und Ideen hingaben, weil sie fühlten, daß das Land sie
braucht. In bürgerlicher, kollegialer und freundschaftlicher
Gemeinschaft, kaum mit dem Begriff eines Vorgesetzten, kaum mit dem
Begriff einer Gefolgschaft, hat diese auserwählte Freischar über
Deutschland ein neues Wirtschaftsleben und ein neues Netz industrialer
Gesetzmäßigkeiten gebreitet.

Unterstützt wurden sie von der Jugendkraft und Elastizität unserer
Industrie, die jedem Entschluß zugetan, jeder Belastungsprobe gewachsen,
das Unvergleichliche geleistet hat.

Das letzte und das höchste aber, was dieses Streben besiegelt hat und
ohne das es nicht hätte werden und wachsen können, das ist wiederum
etwas rein Menschliches, denn das Menschliche steht hoch über allem
Mechanischen, und besitzt allein die Kraft, zu schaffen und zum Licht
emporzutragen. Dieses Menschliche war Vertrauen.

Aufs tiefste muß ich drei preußischen Kriegsministern danken, die dieses
Vertrauen unverbrüchlich vom ersten bis zum letzten Tage Menschen und
Organisationen entgegenbrachten. Auch in diesem Vertrauen liegt
Genialität, und zwar sittliche Genialität. Dieses Vertrauen wäre in
einem andern Lande schwer zu finden und schwerer zu rechtfertigen.
Abermals ist es ein Ruhm des deutschen und auch des preußischen Systems,
daß ein solches menschliches Verhältnis zur Vollendung wirtschaftlicher
Evolutionen und zur Abwendung gemeinsamer Gefahren geschenkt und
empfangen werden konnte.



[Anmerkungen zur Transkription: Gegenüber dem Originaltext wurde
folgende Korrektur vorgenommen:

S. 30: wie die voraufgegangenen -> vorausgegangenen ]



[Transcriber’s Notes: The following correction has been applied to the
original text:

p. 30: wie die voraufgegangenen -> vorausgegangenen ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Organisation der Rohstoffversorgung" ***

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