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Title: Der Moloch
Author: Wassermann, Jakob, 1873-1934
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                         Der Moloch

                            Roman
                             von

                      Jakob Wassermann


                  Dritte und vierte Auflage
                       neu bearbeitet


                 S. Fischer, Verlag, Berlin
                            1908



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.



Frau Ansorge


Erstes Kapitel


Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde
zu einem unscheinbaren Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das
Wohngebäude lehnte mit der Rückseite gegen die wilden Hecken, die den
weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den
weißgekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum
Tor führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die
Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das
überhängende Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige Kapuze brennend rot
über die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn
unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein
schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden Fluß zwingt, ihm in
weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter
abfallenden Seite des Hügels, ist aber gegen Süden bis hart an den Fluß
herangebaut, so daß die Hauptstraße des Dorfs nahezu die Gestalt eines
#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu
reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.

Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein häuserloser,
öder Erdstrich. Nur ein großer Zimmerplatz lag am Flußufer und von ihm
strömte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstämme aus.

Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an
welchem Frau Ansorge in einer altertümlichen vierschrötigen Kutsche von
der Ostrauer Straße her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer
Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold auf den Knien hielt. Der
damalige Bürgermeister hatte die Frau hinüber geführt auf den Hof, der
seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde
gegangenen Bauerngeschlecht gehört hatte. Bald begann eine ruhige, doch
unablässige Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu
verändern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zäune
aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der
Viehstand verbessert, neue Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft
und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.

Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche noch andern Lebenszielen
gegolten, als in der mährischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen.
Sie hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene Freuden
geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred
Ansorge war einer der großen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers
gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, einen großen
Teil des Jahres in der traurigen, rußigen Stadt zuzubringen, aber desto
schöner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf
Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie,
Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die
Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei
Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein
falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien
kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem
entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum
Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter
eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt
zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen
zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verließ gelegen, das
Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewiß, ungewiß auch was mit dem
Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden
und zu hören. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr
aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des
Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der
Eisdecke des Stromes fließt, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form
des Lebens zu.

Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die
Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den
Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und äußerlich
ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschäften zu befassen und
bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte
Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle
liegenden Gründe veräußert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu
übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr
beeinflußt hatte.

Ihr Fuß wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat
keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie
haßte alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tänzeln. Was auf
Rädern lief und nur entfernt einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren
Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern
mußten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder
den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Straße
ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand
oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp über den Dielen.

In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines
schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die
beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine
unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und
unablässig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner
Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts
von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eifersüchtige
Geselligkeit entsteht.

Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches und mürrisches
Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen
stapfte er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich die Leute
auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula äffte Arnolds Gebaren nicht
ohne Bosheit nach. Das empörte den Knaben zu unbändigem Zorn; denn für
die Neckereien der Erwachsenen besaß er damals und auch später nicht
das geringste Verständnis; sie erschienen ihm als ein durchaus
unrechtmäßiger Eingriff in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem
Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen
Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte,
zog er die Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei Fäuste, die
er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den
Plagegeist los und biß und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich
mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine
verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewußtsein der
Körperkraft entsprang und gar possierlich wirkte.

Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang.
Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die
Militärpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. Sie
selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin
unterrichten zu können, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und
so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den
niederen Fächern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu
lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besaß
er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte
keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergnügen an körperlicher
Arbeit. Die Mutter wünschte ihn mittelmäßig und so am meisten geschützt
gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie.

In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an
ihm eine unruhige Überschwänglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur
im Innersten fremd war. Da kam es vor, daß er während einer ganzen
Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in
die Erde hinein horchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang der
Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Früh und kam erst
am zweiten Tag zurück. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren,
was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne lag, und traurig hatte
er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen,
dieselben unansehnlichen Häuschen an derselben Straße erschienen waren.

Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein
Gegenteil, so daß Arnold den Eindruck eines mürrischen und
phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung,
ja sogar ohne Frohsinn, ließ er Sommer und Winter und wieder Sommer und
Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der
Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der
Zeit, das er mit trockener Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und
schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen
ihnen kein gefühlvolles Streben nach Annäherung, auch keine
geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land,
nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der
Beschäftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhältnisses. Arnold war
nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für ihn mehr
eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. Später zeigte er in den
kurzen Gesprächen mit ihr gern eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm
nicht übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum
ein wenig ängstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen
geistiger Überlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, daß
Arnold nicht mehr ausschließlich die Mutter, sondern auch die Frau in
ihr erblickte, die er, in komischem Männlichkeitswahn, sich
untergeordnet glaubte.

Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwüles Mysterium
für ihn gewesen. Seine früh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch
körperliche Arbeit, hatte keinen Anlaß zu dunklen Träumereien gefunden.
Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit
ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem
Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam für
dergleichen Schauspiele abstumpfte, so vergaß er doch niemals den
herrlichen Anblick des sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes
Maul, die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, die
schweißbedeckte dampfende Haut.

Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches
Drängen und Wühlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es,
als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen schrecklichen Überschwang
zielloser Kräfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen
Körper, in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden trachteten.

Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die
neuankommende war in ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie,
frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hieß Salscha. Als
Arnold sie gewahrte – sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre
Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes – da besann er sich
lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelände und blinzelte mit den
Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel
Umstände; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben
wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus,
als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte und unrechtmäßig
vorenthalten war. Die Magd lachte und ließ ihn stehen. Aber zwölf
Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und
Überlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr
nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter
der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung
zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm,
verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm
nichts mehr denn ein leeres Gefäß, dessen Inhalt er hatte trinken
müssen, um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde
wieder ruhig.



Zweites Kapitel


Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn
und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände
glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam
entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise
sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem
Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und
plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen
den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit
zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.

An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den
Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich
langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen
leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob
sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
flammenden Himmel.

Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen
bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen.
Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und
verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute,
kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
die Richtung nach dem Dorf ein.

Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau
Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte
wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig,
»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des
verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt.
Hanka heißen sie.«

Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.
Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter
durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer
Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und
Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu
Gesicht bekam.

Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim
Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt
und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er
lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker
hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu
beobachten fähig ist und sich dessen freut.

Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist
sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die
Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er.

»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?«
Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu
allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel
reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits
betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm
zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und
zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.

Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen
fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer
leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte
sich galant und wünschte gute Nacht.



Drittes Kapitel


Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet
war und in den Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er
liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und
-frische. Die Waldränder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder
wurden zur Tränke geführt, und sie blökten freundlich.

Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer
Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken.
Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der
Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch
sonstige Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen.

Elasser begrüßte Arnold knixend, während er Stirn und Glatze, die trotz
des kühlen Morgens schon schweißbedeckt waren, mit einem blauen Tuch
trocknete. Sein langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck
eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing,
mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte
seinen ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüßte ehrerbietig und ging.

Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich geh’ jetzt ins Dorf.«

Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt
atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich
gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege
lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluß,
dessen mühselig hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels
wiedergab.

Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig,
entfernten sich nur an einer Stelle von der Straße und bildeten, den
Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das
Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar
wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den
jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen
Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die
Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und
Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein
bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn
hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob
beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche.

»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« sagte der Hausierer, »werd’
ich Ihnen verklagen bei Gericht.«

Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weißen
Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl ich Hund,« sagte er und warf einen
beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.

Elasser wurde erregt. »Ich fürcht’ mich nicht vor Ihrem Hund,«
antwortete er. »Ich fürcht’ mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich
mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach’ hat
sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen
kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an
Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz
herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte
Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn
gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um
seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen krachten und
zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur
Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt und blickte
Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den
Blick mit solcher Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf
duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos
zusammenschrumpfte.

Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der Herr wird dafür zu büßen
haben,« sagte er, auf Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem
Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind
da die Gerichte.« Er nickte Arnold zu und verließ den Laden.

Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold
auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die
blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als
sei der Sonnenschein trüber geworden.

Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus
entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf
Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, sehr gut.
Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine
Lektion erhalten.« Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein
wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein
Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere
Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er
darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich
zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold
betraf.

»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?« fragte
er. »Was tun Sie denn den ganzen Tag über?«

Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.

»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?«
meinte Specht. »Und wird Ihnen das nicht langweilig?«

»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!«

»Waren Sie nie in der Stadt?«

»Nein.«

»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äußern nach sind Sie doch ein
Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei
einem Städter. Sehr merkwürdig!«

»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« erkundigte sich Arnold.

»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie
die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor.
Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich
sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine große Stadt. Theater,
Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale
Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht
vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie
mir.«

Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiß wurde, zog er
seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend
und verständnislos anschaute.

Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Straße lag eine
Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und
neu umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine
Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den
Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet
hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und
ging dem Lehrer entgegen.



Viertes Kapitel


Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und schaute ruhig nach der
Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht
das kleinste Fischlein wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß
kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den
schlesischen Wäldern lag ein Wetter.

Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn,
was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel
auf ihn.

Arnold brummte etwas vor sich hin.

Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde
er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können.

»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf.

Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh
und zu Ostern schlachten sie Christenkinder.

»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der Jud ist arm, hat neun
Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht
bekommen.«

»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wäre!« höhnte
Salscha.

Arnold zuckte die Achseln und schwieg.

Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den
Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit
war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwünscht.
Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie
nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr
gleichmäßiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen.

Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den
Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er
schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau
Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie
fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.

Aber die Wolken verzogen sich wieder.

Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit
allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt
vorgeschwärmt habe.

Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der Windbeutel«, sagte sie;
»er soll seine frischgebackene Weisheit für sich behalten.«

Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein
Regenbogen stand.

»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie.

Arnold trat an ihre Seite.

»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und groß vor dir.
Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm
übrig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe
verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine
Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
sie sind leer wie gedroschenes Stroh.«



Fünftes Kapitel


Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von
Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage
bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate
kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen
Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen
böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in
Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und
Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt.
Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib,
innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich,
für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte.
Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese
gleichmütige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht,
ist wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn sie wußte, was
sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.

Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen.
Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain
weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung auf den städtischen
Ankömmling.

Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, daß seine Schwester
beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden,
setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die überaus
langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der große Himmel,
dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn seine
anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug vergessen.

Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu
dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter
ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine
ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer
miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt
aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben,
erzählte Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold Ansorge
begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten hätten.

»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« platzte Beate lachend
heraus.

»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, »sondern wie er
zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht
dumm.«

»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht
sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester
begrüßten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und
spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter
Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig,
aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer Furcht, denjenigen
allzusehr zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt.

Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein
Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, und seine Empfindlichkeit, daß
Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht
gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka
bei Beate nach dem Lehrer.

Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter
Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß
vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht
zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas
Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald
wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,«
fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag’ ich dir nur im Vertrauen, es
soll Geheimnis bleiben.«

Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den
Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte
die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines
langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum
erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm,
besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über
den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild,
denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte
er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere
Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir
haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht’s
dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich
fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?«

Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte
Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,«
log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich
sehr viel.«

»Hm–m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich
sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
flinken Benehmen.

Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe
brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand.
Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom
Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob
Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei
Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette
und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.

Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei
entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen
können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich
in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine
Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm
leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es
lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.

Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine
ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die
Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie
von den Tschechinnen gelernt hatte.

    #Kudy, kudy, vede cestička
    Pro mého Jenička ...#

Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine
Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu
lieben.



Sechstes Kapitel


Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am
Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug
das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch
und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu
machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm
hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas
Blicken. Die Polin wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück und
stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch
schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen
Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoß
und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung
gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu
schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden
Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und
leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die
Freude über den, der solche starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand
auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der
Magd und sagte: »Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere für
dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk’ dir
einen neuen Unterrock.«

Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stieß er mit dem Fuß
das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen
Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher
kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte
der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor
Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er
kurz, trotz der süßen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß
es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit
kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das
Elasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt
und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn fast. »Sag dem Herrn
Dank, Jutta,« murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die
Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen
Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas
schwärmerischen Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der
Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt
verhindert hatten.

Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom
Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern
zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu
unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die
überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen
und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die
Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlüpften
wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten
Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten
Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im
Gedränge kaum vorwärts schieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten
sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend.
Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des »goldenen
Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt,
seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in
Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied.
Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu.
Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die
Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich
blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt,
das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefaßt prüfenden
Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, was
er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit
niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken
schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer
fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn
Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie
manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich
genug, daß Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als
ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene
Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im
Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt und
Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate.
Specht faßte ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall
gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf
die Füße der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und
wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade
hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt.
Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit,
aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und
fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt
starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie
redete, hatten etwas Unerklärliches. »O ja,« antwortete Arnold gelassen,
»aber ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war ein Jahr eine
unübersehbare Spanne Zeit.

Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der
heiße Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald
schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er
stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen
Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate
vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen,
und seine großen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn
nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefaßt und knirschte etwas
durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate
antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig,
verliebt, unentschieden und von äußerster Wildheit war. Ihre Haare
klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot,
das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten,
verdeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich
zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich
vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und
höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die
Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von
der Anstrengung des Nachlaufens.

»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht wiederum. »Ich möchte nicht
gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch
einen Spaziergang machen.«

Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den
Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der
Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse.



Siebentes Kapitel


»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend
gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und
Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu
schaffen hatte, irgendwohin.

Arnold schwieg.

»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer
verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier?
Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem
man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.«

Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte
Arnold, was macht er solches Wesen davon.

»Ich wundre mich nur, daß Sie’s hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind
doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine
Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer
heutzutage.«

»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort.

Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand
entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft.
Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;
über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.

»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener
Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die
Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die
etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen
durchaus reifen Charakter.

Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend
und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er
hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den
Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor
ihm floß ein Strom der Einsamkeit.

Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte
sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als
Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das
ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner
Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf
und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn
auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem
Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht
erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern,
als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,
den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts
Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem
Lehrer mit Interesse.

Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu
gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er
hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er
Beziehungen und wünschte Sympathien.



Achtes Kapitel


Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam
Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden
Elasser zu sich ins Kloster gebracht.

»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte
sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.«

»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold.

»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster
gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.«

»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch.

Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und
an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein
Mädchen rauben,« sagte er verwundert.

»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula.

Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das
Vorgefallene.

»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu
seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?«

Frau Ansorge zuckte die Achseln.

»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.«

»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,
braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.«

»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?«

Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden
Leute an,« entgegnete sie gleichgültig.

Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem
Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider
Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,
Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen
dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein
alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen
Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt
sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.
Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch
das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit
einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte
mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der
Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen,
alle Judenkinder zu taufen.

Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach
der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden.

Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend,
hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte
Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern
des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung
abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls
offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als
trauriger Anblick bot.



Neuntes Kapitel


Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust
emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden
Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, daß darunter nur der braune
Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes
Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem
abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die
kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb
spielend, halb winselnd über die Dielen und ein Neugeborenes lag
eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel
zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau
stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den
Oberkörper. Außer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne
Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum
Trocknen und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften
Teil des Raumes ein.

Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat
er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel
zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen und blickte den
Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt über die
gepreßte Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte
der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: »Ist sie noch nicht zurück
aus dem Kloster?«

Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden,
ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß
der Herr nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins
Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge,
obwohl alt und häßlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
jeder Form zu erteilen vermag.

Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« erwiderte er, »aber das
ist doch gegen das Recht.«

»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den
Kopf, »wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibt’s
kein Recht, für arme Juden gibt’s gar kein Recht. Und mit was kann ich
dienen? Mit wem hab ich das Vergnügen?«

»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser auf, mit einer
Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten
konnte. »Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern
Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir
haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta.
Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der
Gehilf vom Uravar und klopft da draußen und meint, wir sollen doch
einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
’s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu den Nonnen,
denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon
bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der ’s Fleisch bringt ins Kloster,
kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr meine Tochter ist eine gute
Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war
Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein
freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen
die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen
kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister
sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, daß wir
kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin
ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu
sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind.
Und gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie
sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt
haben wird an die neue Umgebung.«

Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. »Un so bin ich
fortgegangen,« schloß er und atmete tief.

»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt
hatte.

»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt,
leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muß warten. So wart ich.«

Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis
die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges
Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende
Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit
dem Bein einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde lag, rollte
sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen hin und her. Das Kind lachte,
während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in
Schlaf schüttelte.

Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte und
blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. »Was
soll ich tun, lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall
wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. »Kann ich mir helfen,
sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ ein Auge, kann ich mir
helfen, lieber Herr?« Er ging auf und ab.

Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts.
Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich.

»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit,
»hör auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.«

»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein
Kind gegeben haben!« rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und
wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn ich hungern un
dürsten muß.«

»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« fragte die Frau mit
streng zusammengezogenen Brauen.

»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und blickte verdrießlich von
einem zum andern, »gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen
das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.«

Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische Männer betraten den Raum,
wobei sie Gebete murmelten.

Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm
Specht begegnete. Der Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb
aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und
meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade gestern Abend vor dem
Kloster geweilt hätten. »Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht
fabelhaft, daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll fügte
er hinzu: »Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten
wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
Wirtshaus.«

Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm
schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor
ihn hinstellte.

Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben
Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter.
Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: »Heute ist
es mir schlimm ergangen; heute hab’ ich was Schlimmes erfahren. Hören
Sie nur ... Vielleicht bereu’ ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber
der Teufel kann ewig schweigen.«

Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des
Lehrers.

»Sie kennen doch Beate?«

Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine
Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich
übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte
Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten
habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn
mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt
Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und
das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe
hervor, als er sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die
Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum
Wahnsinn treiben.« Er lächelte und zupfte an seinem schmalen, blonden
Schnurrbart.

Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besaß, hatte
zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines
Wortes wert. Er schämte sich für Specht.

Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte
die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: »Wann
wird man denn befehlen, das Mädchen frei zu lassen?«

»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. »Die Elasser meinen
Sie? Ich weiß nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer so
fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts,
persönlich nahen. »Wer, glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?«
fragte er ironisch.

»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer
völlig zu.

»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?«
Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im
Bunde sei.

Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: »Es
handelt sich um ein Unrecht.«

Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies?
Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?«

»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum
Narren halten,« erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und
schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus
dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold
an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube
verließ.

Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich
auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum
Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann
melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst
versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein
warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er
Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier
kommen?

Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme rief: »Specht!
Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!«

Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saßen bei Tisch und
schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate
blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich,
lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas
Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der
Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und
deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört
den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und
sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben
Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig bist –« ... mit
einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riß sie das Blatt mitten
entzwei.

»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse,« rief Specht, zu
Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den
Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge um ihren
Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so
schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen.

Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.

Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka
»trieb«. »Nichts,« erwiderte sie endlich scheu.

Der Lehrer lächelte sarkastisch.

»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. »Er ist reich
genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?«

»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« antwortete
Specht.

Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie
über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem
Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen
Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.



Zehntes Kapitel


Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß ihr Bruder Borromeo
sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin
zeigte eine üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen herrischen
und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut nichts Gutes in seinem
Schwabenalter,« sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen
Frau mit Vergnügen betrachtete.

An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung.
Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser.
Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine
Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und
Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden.

Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen Sie mich morgen früh um
sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen
Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von
mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster
seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung
erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind
verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist,
die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn
Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die väterliche
Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe steht
kein Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder
nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin
dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und
dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die
Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit,
sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.«

Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur,
sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn
schließlich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte er nichts
Rechtes anzufangen.

In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen
Landstraße an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. Beide Tiere sahen
aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und
Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus
der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide
Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig
und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin.
Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das größere Pferd
erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem
Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen,
daß er in der größten Eile über die Landstraße Reißaus nahm. Als er
aufwachte und den Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor;
dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Straße, die schwermütige
Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug
etwas Unvergeßliches in sich.

Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch
halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein
Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam.

Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frührot
glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig
davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der
Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete
gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon.
Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende
ein Windlicht brannte, welches nur mühsam die Finsternis verringerte.
Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte
schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken
befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen
Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer
langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein
ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein
dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen Stäben bestehendes Gitter
befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie
starrten vor sich nieder.

Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der
Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen
traten herein. Elasser reckte den Kopf auf – Arnold gedachte seines
Traumpferds, welches sprechen wollte – und blickte nach der Tür, die
sich indes wieder schloß, ohne daß seine Tochter eingetreten wäre.
Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die
erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren
Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden
Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und
Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich
geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu
leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen
erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde
ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe ließ
sich von neuem hören; Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern,
und mit einem Schlag war es wieder still.

Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte und
seine Stirn glänzte von Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen
Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm
mußten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter
finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang
hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die
frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und
befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem
verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht.
Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben
Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen
oder wachten.

Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat
ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig.
Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und
richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht
rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne
Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem
Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine
Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.«

Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und
schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle
Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu
zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern,
die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor
ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz
der Oberin zu rühren.

»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit
feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen
zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer
Spitze den Raum.

Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte
gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen
schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen.
Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung
haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte
und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen
durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt –!«

Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich
verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach
Arnold um und wartete, bis er herankam.



Elftes Kapitel


Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich
zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so
stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann
wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab,
ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte
es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu
grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm
entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte
auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich
Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese
Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn.
Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne,
erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden
sollte, weil eine Wolke darüber zog.

Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen.
Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande.
Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,
denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im
Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.

Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er
berichtete und Arnold las:

»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und
getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner
Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt,
den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter
Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde
eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt
deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen,
entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der
Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede
Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus
einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das
Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt,
verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach
langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein
Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster
gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta
Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des
Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu
verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie
ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid
stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am
festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm
eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta
Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin
den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den
klareren und wahreren Ausdruck: entführt –? Denn das Mädchen wurde
inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.«

Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die
Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig
war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.«

Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und
bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und
geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann
erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter
seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen
prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines
raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht
kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem
seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften
Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe
verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes
erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur
Sorge.

Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse
und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu
haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch
auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu
sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die
rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht
bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.

»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft.

»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den
Sofawinkel.

»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der
Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung.

Die Frau schwieg.

»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort.

»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln.
Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold
los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte
Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher
Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und
Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die
Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei
Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat
erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten
keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum
Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta
verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach
Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach
Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und
überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde
verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty
hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern
verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch
mehr wissen?«

Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr
Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus.



Zwölftes Kapitel


Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach
Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung,
trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in
einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich;
der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer
langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur
über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.

Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der
hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine
Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch
vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar
beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in
Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber
Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da
drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald
zu viel. Endlich werd’ ich atmen können!«

Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen,
niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen
können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem
Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst
gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er
schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte
in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch
Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem
noch verborgenen Feuer.

»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in
Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu
wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll
man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab
ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er,
schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift
uns.«

Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons
Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert.

»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen
Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von
diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme
Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine
unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!«

Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage
borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.

Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als
Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein
Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art
früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar
bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses
zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte,
gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die
Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den
persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst
alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten
in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite,
brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte
nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief,
als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der
dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu
wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die
stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die
Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er
von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für
die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend
verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem
Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden
frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum
Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die
neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich
suchend danach zurück.

Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um
jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn
Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und
Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber
alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun.

Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel
draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er
hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein
Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah
er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit
dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der
»Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine
telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim
Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber,
aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend
seinen Weg fortsetzte.

Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es
Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß
Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte.

»Elasser ist beim Justizminister, – wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie
er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das
erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst
gewesen.«

»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold.

»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste
belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener
Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der
Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf
die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und
hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
wird Ihnen zurückgegeben werden.«

Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem
Bericht des Lehrers begriff er nicht.

»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort,
»aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim
Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt
ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem
Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die
Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.«

»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er
mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die
Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen.

Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie,
lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und
schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen
können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht
versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.«

Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in
diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde
blickend, schüttelte er den Kopf.

»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht
mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg.
»Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß
stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung
des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum
die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das
ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner
Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe
mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat
dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne
mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten
#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in
dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei –«

»Was heißt das?« unterbrach Arnold.

»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten
kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser
etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ...
anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache
Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das
Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder
zusammen.

»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben
wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos
schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß
diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben
sollten.

»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer
Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in
Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung
unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze
Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter
anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas
nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie
wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
beide werden es nicht erleben.«

Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen
Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme
zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.

Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein
paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.

»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte
Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme
hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu
Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst
dabei ist –? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders
von mir.«

Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.

»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die
Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen
Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen
scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging.

Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war
die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den
herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das
Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den
halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck.
Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der
Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht
unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen
Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß.

Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er
bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem
niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.



Elasser


Dreizehntes Kapitel


Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines
Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor
der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem
Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal
passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände,
tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter,
kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er
von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter
Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der
Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.

Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus
der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die
Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in
dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen,
und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:
langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter
Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine
lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit
Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.

Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort
draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine
Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er,
ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum
Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner
während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder
zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,
Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig
über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine
Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte
sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu
zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der
großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles
bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine
Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose
Natalie.

Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der
Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um
zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen,
stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den
Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als
sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den
Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war
betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren
verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie
sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie
gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich
umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung
anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.
Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine
Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er
blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche
Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich
hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie
erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu
verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch
zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um
diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit
war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein
und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan
nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune
des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit
dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne
sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem
Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine
flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch
mehr als Liebe.

Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm;
eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst
Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,
nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er
gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater
zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so
vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu
sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,
daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft
schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.

Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch
ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede
Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das
junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war
Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht
verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit
hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich
aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle
Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener
Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren
gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als
sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,
aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung
und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte
Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und
fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr
hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die
düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht
des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,
vergessen dürfe.

Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes
und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das
Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der
Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die
sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige
glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den
Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er
beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.

Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen.
Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben
nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,
als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.

Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.
Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage
ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen
machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam
sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu
entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.

Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im
Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone
Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat
ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich
überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der
Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte
schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und
verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und
warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen
stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb
gekommen?«

Arnold bejahte.

»Zu viel Umstände,« spottete Beate.

»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete
Arnold trocken.

Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von
Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes
und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte
den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.
Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim
Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte
sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.

Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie
begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr
Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das
Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.«
Damit schlug sie die Türe zu.

Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig
erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in
einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ
unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die
drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte
zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.

Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem
ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür
öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im
Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte
seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form
hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein
so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,
nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in
Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob
sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse
verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen
handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von
dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.

Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals
auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem
Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben,
gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich
zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der
gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit
zeigte.



Vierzehntes Kapitel


Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam Antworten. Hanka
befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfaßte sofort die
merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und
Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung haben Sie denn?«
fragte er.

»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.«

»Gar nichts?«

»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und
klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.

»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold erstaunt.

Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Juristerei
erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.«

Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen
konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und
schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar
für den Gruß des Lehrers. »Ein reizender Mann,« sagte sie von Specht.
»Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« Sie sprach
laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold
fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf
ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als
sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit
wohlwollendem Lächeln.

Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch
ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden
öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit
stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es
heiß und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er
die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine
Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äußerung
eines Schmerzes lag.

Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes
Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute
kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. Es
sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er
halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit
sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo,
damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben
hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die
Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und
der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr
Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.

An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel
hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und
verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen.

In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem
Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er
drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen
Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein
Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt
war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte
wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold
fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe stehen, um den
Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die
Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der
Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die
Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim
Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. Moses, war die
Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und
nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und Jutta?«
fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn nicht wiederkommen?«

»Der Herr fragt –!« erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein
gutes Deutsch zu sprechen. »Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.«

Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er
fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er
hörte ein vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen Flügel
und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreißig Menschen beisammenstehen.
Gleichgültig schloß er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf
den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat,
erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von
Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder
hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lärm herrschte. In der
kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt.
In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr
Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und
endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne.
Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit
ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer
Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war
weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung ihm gelten könne.
Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische
Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor
ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer
gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf
steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß wie der eines
Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter
der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich
eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: »Judenknecht!« und das Gemurmel
fing wieder an, dunkler und gährender.

Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem
Rufer und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann
seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein Schauer
durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.

Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das
Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte
bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die
Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen
sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte.
Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold saß mit gesenktem Kopf,
die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen
zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der
mit dem Frühschnellzug eintreffen mußte. Von der Station aus war noch
ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche
mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu
begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit
den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die
Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt
vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum
Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden
erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit
gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert
Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr
früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die
dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen in denen
sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.

Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und
Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein.
Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der
Küche. Da standen uralte Möbel, auf welchen die Zeit gleich einem
Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt
mit wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in
seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den
hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner
Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der
förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege
verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.

»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?« fragte er, in
seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.

Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem
unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann.
»Ich weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken.

Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum
die Haare berührend, als fürchtete er sie zu zerzausen. »Und hältst du
das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig.

Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er verwundert. »Hast du denn
so schlechte Erfahrungen gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und
drückte das Kinn auf die Lehne.

»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, antwortete
Borromeo mit einem Lächeln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem
Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht
klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging,
und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des
etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck,
die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der
Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,
als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel.



Fünfzehntes Kapitel


Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht
abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte.
Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter
gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten
genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst
werde er wiederkommen.

Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor
Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich
vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine
Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun
schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich
selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit
einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen
Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl
erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.
So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen
und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin.

Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das
Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden
waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte,
war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen
Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien
sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.

Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins
Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,
abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für
das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht?

Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin
und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg
und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und
Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,
und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über
die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige
Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren
riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran
herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die
Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als
Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.

Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte
der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte
sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße
hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein
Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und
schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des
Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines
Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an.
Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von
selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu
holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und
lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er
eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn
sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor
Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er
warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der
nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen
würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und
nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in
seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den
Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,
aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm
erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt
denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst
du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie!
überzeuge sie!

Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte
sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen
Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem
geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen
Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.

Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm
ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert
kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter
Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.

Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen
und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,
wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf
einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den
Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor
einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.
Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden
gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und
der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,
sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich.
Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er
war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
kleinen Kopf.

Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem
Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder
greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah
Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich
zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen
Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah
deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob
und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten
sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn
vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er
konnte nicht vergessen.

Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist
das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute
empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war
indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf.

Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem
in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die
andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der
Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust
zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich
gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe
begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute
düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und
Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds
Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den
Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf
die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der
Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten
Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu
und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?«

Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und
immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem
Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.«

Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner
Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.

»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig.

»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden
Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen
Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es
gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine
Hoffnung mehr.«

»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das
Unrecht sich ergießen lassen ganz.«

»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man
euch den Kopf abschlägt?«

Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,«
antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat
lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch.
Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und
nicht für uns.«

Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem
Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt
ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die
niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen.
Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist
nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.«

»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das
Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein
alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.«

Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster
Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.«

Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der
Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen
geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug
gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die
Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem
eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz
über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon
versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren
ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht,
obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser
eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit
auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.
Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und
er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er
mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor
den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,
hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,
daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns
anhören.«

»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt.

»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln,
»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.«

Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch
beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte
die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an
die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.
Darauf wurde ihm wohl und kühl.



Sechzehntes Kapitel


Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des
Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die
Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller
Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt
sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.

Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch
geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und
richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm
kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die
Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat
wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.

Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,
daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben
Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser
ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz
erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts.
Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,
daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den
Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten
werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an
welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser
wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,
Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war
bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von
frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte
die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog
es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt,
müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten
Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter
Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine
letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte
Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und
sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht
ein Ende.«

Das war am 5. Februar.

Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers
nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von
ihm Besitz genommen.

Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach
körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu
schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war
rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor,
als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,
von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer
dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.
»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr
Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.

Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte
den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,
schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als
Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider
senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt
der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren
Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.
Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum
bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe
Frau?«

Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg
der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen
Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den
Knien liegenden gefalteten Hände.

Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit
ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht,
Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.«

Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.

Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,
als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um
den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.

Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der
Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener
Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige
Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte
und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.

Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom
Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als
sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und
nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann
kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,
jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete
sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das
werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich
Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein
deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu
werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der
Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war
weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold
widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen
ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte
seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht
geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es
licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag
viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,
bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde
erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe
Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit
zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst
vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn
selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort
aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der
Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige
Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von
einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält?

Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein.



Siebzehntes Kapitel


Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo
trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf
vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie
neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor
Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden,
müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter,
Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den
leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen.
Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend
auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit
einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein
Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte:
»Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte
seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und
begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu
machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte
übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste
durch die Spalten der geschlossenen Türe.

Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die
flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben
müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So
verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und
ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an
Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte
gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine
tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der
Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb
triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge,
erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab
ihr zu denken.

Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig
gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in
seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an
solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um
sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte.
Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies
sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte,
wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten
und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei
nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das
beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten
Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die
Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen
wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und
mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka
allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte.
Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine
schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.

»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er
Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und
strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese
inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald
wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?«

Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte
Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte
den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den
Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich
langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes
Wort zu finden.

»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich
langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den
Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.

»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern
Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie
von ihm?«

Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und
Unwirkliches.

»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr
Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun
aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht
ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.«

»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten
Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog.

»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd.
»Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich
ist alles.«

Arnold lächelte besserwissend und erhob sich.

Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher
so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder,
als er gekommen war.

Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die
Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und
der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit
unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm
suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr,
den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch
er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem
Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten
sich.

Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und
der Assistenzarzt war abgereist.

Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen
Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg
geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken
und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.

Von Elasser hörte man nichts.

Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte
sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf
gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute
war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das
Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit
hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf
ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus,
und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen?
Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit
hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag?
Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu
schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um
Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen?
Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende
Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir
merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die
Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag
Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie
tief.



Achtzehntes Kapitel


Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von
Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt
Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den
Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen
Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die
Frau Mutter nichts?«

»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.

Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster
und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand.

»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle
übrigen zu ersetzen.

Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat
mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott
lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des
Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit
Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden
war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen
zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.

Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat
neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen
Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des
Klosters – hat es ein Ende?«

Elasser vermochte nichts zu erwidern.

»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise
fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz
schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.

»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos.

Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine
Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.
Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen
Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des
unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos;
Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.
Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor
Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein
Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.

Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.
Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen
ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig
war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie
Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten
Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war
weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein
Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel
auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er
sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei
den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht
und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber
niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold,
indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob
sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann
blieb er tückisch gebückt an seinem Platz.

Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte
nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren
heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!
mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern
vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen
zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn
ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um
aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
selbständig hörenden Ohr geworden.

Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was geschieht denn? Ist
es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die
Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen
würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und
Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch
an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es
gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner
würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden
schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu
leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, denn sie
können sonst nicht leben.

Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der
Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die
Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen,
seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von
sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie
werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich
eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu
lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den
ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend
an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der
Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.

Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch
Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem
Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn
ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte
der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm
auf.

Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor
sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß
mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.
Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner
Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster
waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich
entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war
schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam
vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe
die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,
während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin
Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine
Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.
Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;
Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede
Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst.



Neunzehntes Kapitel


Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und
hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch
die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.
Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,
überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am
Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust
verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die
Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie
gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich
anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
begann sie indes zu schlafen.

Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als
das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang
empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich
Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon
vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der
Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.

Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig
das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über
die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu
Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des
Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit
nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte
nicht zu rühren.

Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann
in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.
Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch
bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?«

Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint
sie dich, Arnold? Willst du denn fort?«

Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will
fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man
muß einen Verwalter mieten.«

»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt.

Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und
trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit
erfaßt.

»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«,
begann Arnold.

Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast
ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,«
entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die
Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,«
fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem
vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen
ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.«

Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was
ich muß?« fragte er.

Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt
machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er
gedehnt und widerwillig.

»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine
Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.
Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas
Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen
wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen
tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht
nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne
Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab’ hier
keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich
will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon
Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der
Teufel holen.«

Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung
erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen
Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den
gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens
sträubten.

Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu
finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir
es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur
Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem
Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur.

Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen
Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig
für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den
Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis
bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch,
kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände.

Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.
Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu
gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei
zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer
Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster
glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und
sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das
Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die
Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg
fort.



Zwanzigstes Kapitel


Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise
verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, daß ihn das Landleben, die
Stille und Gleichmäßigkeit der Tage festhalte. Aber hätte ein Geist wie
der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend
und sie zugleich verachtend, dies früher ertragen? sich früher so
sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschäftigungen, diesen
ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schüttelte er über sich
selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst mißachtetes Gut nun mit
Leidenschaft umklammert. Agnes war glücklich. Beate hatte sich mit der
neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen
eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Spürsinn ihm nicht
die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war
sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt
hatte. Fruchtlos war sie hinübergegangen, hatte geweint, gedroht,
gerast. Das alles ging förmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den
Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schämte sie sich, zuerst
aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich
selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch
schnitt und das Blut vergiftete. Sie wälzte sich auf dem Boden ihrer
Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins
Wohnzimmer, blaß und lächelnd, saß neben Hanka, spielte ein harmloses
Kartenspiel mit ihm, wärmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei
ihre schlauen Pläne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und
launenloser als früher.

Von seinen Freunden in der Stadt hörte Hanka wenig. Außerhalb ihres
Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versäumt hat.
Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu
wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften
spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie
diese berühmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche
Farbe ihre Augen hätten und so weiter. So geschwind wie möglich müsse
sie das wissen, schon um den Neid zu genießen, mit dem dann ihre
geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden würde. Da er, Hanka, an der
Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bücken und
aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im übrigen möchte er nicht mehr
lange mit der Rückreise zögern, da sie frische Ananas aus Hamburg
erhalten habe.

Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amüsiert, ohne sich im
geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten.

Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit,
und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von
Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift über die
Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter
Gedanke ist kurz und reicht für drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu
quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend.
Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein
starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trübes, dünnes Flüßchen
von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhaßt und
unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin,
weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und
Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstörendes für ihn. Seine
nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild
gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate,
an nichts anderes als an Beate.

Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich
nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie.
Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte
mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja für mich ganz angenehm.
Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschäft machen, gehört nicht gerade
zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natürlicher Geist wird sich
in das natürlichste Verhältnis zu finden wissen, aber hab’ ich darum mit
vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu
verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermögen plötzlich zum Fenster
hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schützen, allein was ist mit Geld
gegen den bösen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das
Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit,
systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmäßiges Beisammensein und
Langeweile zu zweien. Das Gepäck des Lebens wächst wie im Sommer bei der
Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es
ist wie mit den Schaumtörtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je
sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich hätte
Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die
Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein
Verständnis für Kinder und wäre ein erbärmlicher Vater. Dem veralteten
Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls
versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt
Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf
dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, weiß ich von
solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch
betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefäden, die durch die Sonne
ziehen.

Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften Überlegungen. Aber das
Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins
Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum
den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum
wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die übrige
Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu
lassen, dazu war Hanka die äußere Nacht sehr willkommen. Aber wie
ehrlich er sich auch bemühte, Klarheit fand sich nicht.

Am andern Morgen trat er mit einem militärisch ausholenden Schritt vor
Agnes hin, als er sie allein sah. »Was würdest du sagen,« fing er ohne
Umstände an, den Mund ihrem Ohr nahe, »wenn ich Beate heiraten würde?«

In großer Bestürzung riß Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte
verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich spähend um, riß
plötzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in
hastigen Zügen: »Du mußt gestehen, daß es nicht übermäßig vernünftig
wäre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich
habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: für
mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja
an sich ziemlich traurig, aber für das ganze Unternehmen von Vorteil
ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.«

Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas
lehnte. »Nun?« fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als
seine Hand zögerte.

Er zuckte die Achseln und knüllte das Blatt zusammen.

»Du mußt es selber am besten wissen, Alexander,« sagte Agnes, indem auf
einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und
machte sich nachdenklich an ihre häuslichen Arbeiten. Hanka nahm,
unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmöglich, sich
jemand zum Freund oder zur Gattin zu züchten, dachte er und spuckte
verächtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete;
aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will
mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglückt war, Idealist zu
sein.

Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann
wandte er sich plötzlich mit einer erzwungen pfiffigen und überlegenen
Miene zu ihr. »Was würdest du sagen, Beate,« begann er mit derselben
hölzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen
Stimmlage, »was würdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag
machen würde?« Er sah verärgert aus und Runzeln erschienen auf seiner
Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit
langsamen Schritten das Zimmer verließ, sank er in ein tiefes Nachdenken
und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine
Stunde später sein, als ihm das junge Mädchen am Hauseingang begegnete.
Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lächeln: »Ja.«
Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten.

Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas
gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den üblichen Teilnahmsbesuch
erklärt. Am folgenden Tag war das Begräbnis und dorthin beschloß Hanka
zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hügel. Trotz des klaren
Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gräber waren
noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde
lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und
Ungläubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit
einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg
hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in
seiner formelhaften Rede, brach plötzlich erregt ab und entfernte sich.
Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krähe, die über die
Köpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht über dem dunklen Bart wurde noch
bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne
Unwillen, ohne Vorwurf.

Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es,
die Zeit zu nutzen. Er hätte sich an diesem Abend eine leichtere
Stimmung gewünscht. Früh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur
Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof
und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm
den Zug erwartend. Hanka grüßte mit der ihm eigenen ernsten
Verbindlichkeit, näherte sich aber nicht, sondern schritt in der
holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschöner Tag; die Luft
war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die
Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzügen der
Ebene.



Natalie


Einundzwanzigstes Kapitel


Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte
erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über
drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt.

Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe
erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge,
dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen
beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.

Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom
Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und
die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt.
Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,
polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,
Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und
knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;
andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren
Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen
Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die
lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und
angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen
Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier
der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den
Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise
Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel
und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,
Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche
zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter
prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier
keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe.

Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das
in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein
Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte
Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen
sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in
früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein
Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert
habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den
Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von
geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,
um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag,
waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der
reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas
außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden
Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden
Wohlgeruch im Zimmer.

»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo.
»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte
Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll
Teilnahme, etwas spöttisch, – alles zu gleicher Zeit mit einer
unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,
so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die
Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre
Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo,
ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold
überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte
schon mit Ungeduld auf Sie – oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich
war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im
edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier
laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh
erfahren – Kommen Sie, ... komm, Arnold.«

All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des
Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft
gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein
Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An
einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten
Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von
Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,
blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte
Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet
auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine
schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die
farblosen Lippen.

»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo,
indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer
Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl.

Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,
die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?«

»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein.

Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit
einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von
verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna
Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab
schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld.

»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche
Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,
wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte.

»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an
Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte
Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen
ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte
sie das junge Mädchen.

»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem
nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie
gesprochen wurde.

»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der
Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte
ich eine Heldentat verrichten.«

Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf
Anna Borromeo.

»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und
tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.

»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen
Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf
das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den
Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,
zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und
fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei
Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt
war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie
die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,
erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei
auf der silbernen Schale griff.

Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und
hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern
schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch
zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe
vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.«
Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht.

Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo,
darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften.
Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen
auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die
Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna
Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.



Zweiundzwanzigstes Kapitel


Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung
stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.
»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte
und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und
wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer
Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel
und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die
Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre
endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden
Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer.

Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht
lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und
suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,
bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in
dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und
spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen
Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er
war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das
Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille
Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom
geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den
hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem
Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern
war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,
beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das
Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen.
Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch
Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe
Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte
gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der
Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht,
Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu
erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer
redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und
zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen.

Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.
Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme
machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer
neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter
verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen
Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener
Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte,
wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte
nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und
sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so
enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke
blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der
Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den
Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und
glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder
das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und
sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die
Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung
seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin
ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern,
Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und
glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die
Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der
Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu
einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem
unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore
geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang.
Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der
Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und
war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein
Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und
kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die
Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den
erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus
den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten
ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die
betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite.
Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an
Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu
sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und
trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige
begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte.

Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn
Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die
Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den
Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der
prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und
versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,
drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege;
jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn
etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler
Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit
Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien
ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als
es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.

»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast
du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der
äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die
Schulter.

Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden
kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll
ich’s anfangen?«

»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen
Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der
Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser
eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum
wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du
bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst
du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine
Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen
abbringen, ganz im Gegenteil.«

»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig
dazwischen.

»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern
Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese
Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen
andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal
Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den
Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die
ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im
Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf
sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den
Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie
die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von
Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und
Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern
wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt.
Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur
um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen
entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,
sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie
Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst
erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es
nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen
Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes.
Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in
der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt
dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber
deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt
du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es
dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es
unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege
als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden.
Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch
sinnlos.«

Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr
ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte
sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit
hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben.

»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr
Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu
unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite
Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich
dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines
Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der
unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten
noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!«

Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn
er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den
Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht
schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein
Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo
und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die
Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz.

Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen
glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«,
sagte er. »Man kann beides tun.«

»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine
Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin
dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht
verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.
Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«

Sie gaben einander die Hand.



Dreiundzwanzigstes Kapitel


Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im
Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher
besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den
neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem
Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da
wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der
Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange
nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit
ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor
Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau
Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe,
Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde
Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach
seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren
Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er
möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.

»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige
Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend
zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz
hübsch.« Ein köstliches Aber.

Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne
weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie
das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit
kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das
drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu
kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten
könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken
Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper
vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr
erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das
Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit
Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.

Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die
zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde
waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war
lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie
manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem
Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel,
geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren
Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich
verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann
leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen,
gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer
Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen
Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute
interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor
Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines
Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht
Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen,
als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre
Kinder die wunderbarsten auf der Erde.

Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige
Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester
zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend
die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig
an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter
mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.

Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang
ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit
die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,
sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die
Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und
zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie
betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte
gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle
Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte
Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb.

»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,«
sagte Natalie.

Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber
nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane.
Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh.
Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder
geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein,
das ist das einzige.«

»Idiot«, murmelte Natalie.

Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit
sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn
fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte
er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke
und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe
Million haben werde, oder –« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins
Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie
gelassen und erwartungsvoll anschaute.

Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer
Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.«

»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.

Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du
weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das
Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte
etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem
Lächeln abseits.

Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich,
schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er
sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe.
Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin
zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte
anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen
Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um
jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf
der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken.

Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit
Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.

»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt.

»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging
zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich
vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den
Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.
Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt
ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste
Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,
gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse
verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die
Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist.

»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie,
die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.

»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra.

»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder
Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich
zu Petra ... nicht wahr, Petra –?« ...

»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich
Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,
aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.«

So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen
einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im
Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren
können.



Vierundzwanzigstes Kapitel


Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf
Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer
Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf
welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies
bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls
auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da
wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine
grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter
entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder
freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen
gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer,
Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich.

Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die
Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine
Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine
alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen
folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt,
ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach
Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte
ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr
zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel
saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.«

Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine
Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll
anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte
nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß,
verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen
vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren.
Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn
sie einen andern sich langweilen sehen.«

Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten
Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich
im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an.

Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen
näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte
er mit offenbarer Geringschätzung.

»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit
unschlüssiger Selbstironie.

»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«,
sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog
verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra
spielte mit ihrer Uhrkette.

Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah
rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was
reden sie?

Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von
Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds
Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte
sie, mit den Augen zwinkernd.

Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen.
Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das
Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe
vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe
er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden
der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich
gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner
Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener
nichtigen Menschen.

»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet.

»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl
frostig.

»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber
daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.«

»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte.

»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete
Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.

»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm.

»Kommen Sie«, sagte Natalie.

Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges
mitteilen, indessen führte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.«
Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich hinzu:
»Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.«

Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den
Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: »Ist es
wahr, daß Sie bis jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt
davon.«

Arnold sah den Mann überrascht an und wußte nicht, was er aus ihm machen
sollte. Er bückte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich
blitzte, dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte draußen
seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die kühle Luft ein. Unten
im Flur überholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich
nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen Schritt gegen die Straße
bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner Rumpf. Auch der
Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze
Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick
lag drückende Langeweile und trostlose Ruhe.

»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« fragte er höflich und
wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die
Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.

Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen Augen. Er empfand
plötzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider,
vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.

»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte Hyrtl. Er hatte den
Wagenschlag geöffnet, stellte einen Fuß auf das Trittbrett und zündete
eine Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, fuhr er
fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. »Das was Sie oben sehen,
ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den
Keller. Hinter den Möbeln und Bildern hängen die Pfändungssiegel. Die
Stühle, worauf sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir
oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie
betrügt ihren Mann und Osterburg betrügt seine Frau. Es ist alles
Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mädchen. Na,
adieu, leben Sie wohl.«

Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem
Kutscher das Zeichen, zu fahren.

Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem Überlegen beschloß
er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was
dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getüncht waren; er
erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich
nun Wahrheit holen.

Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen Mantel auf einen Berg
von andern Mänteln und trat mit suchendem Gesicht in die
Gesellschaftsräume. Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie
durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lächelte ihm zu wie einem
vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich vernahm er ihre
Stimme hinter sich. »Denken Sie nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit
einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka hat sich
verheiratet ...«

Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als
Jubel, Liebenswürdigkeit und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß
gelogen haben, dachte er.



Fünfundzwanzigstes Kapitel


Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier
zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll
Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.
Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten
sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron
Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu
einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine
Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und
wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung
dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher
Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit
zu verbergen wünscht.

»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold
zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und
ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen
Landstrich in Amerika anzukaufen ...«

Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen
Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen,
Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große
Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne
daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies
überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand
gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es
feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen
freundlich und leer.

Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie
nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen
Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie
doch, – bitte!«

Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor
Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher
den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.

Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er
einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise
den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte
ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie
sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.«

Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den
Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!
Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor
Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne
Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
für sich aufgezogen.«

»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus
mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.«

Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie
Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie
erhoben sich nun und gingen hinaus.

»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie
sogleich.

Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl’ ich Ihnen«, antwortete er
grob.

Natalie sah ihn entsetzt an.

Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die
ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich
hab’ auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht
reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?«

Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen
Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn
ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?«

Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch
ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es
nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig.

Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und
verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten
Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst
zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit
benutzen.

»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und
unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir
würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.«

Arnold verabschiedete sich und ging.

Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben,
Arnold?« fragte Anna Borromeo.

Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die
Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.«

Frau Anna lachte.

Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man
sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht
lassen, bis sie zertreten sind.«

Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen
Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,
ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch
gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er
das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch
eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er
einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem
Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall
wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden.



Sechsundzwanzigstes Kapitel


Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit
seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in
der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin
vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen.
Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka
in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen
Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen
Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie
endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte
sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als
läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den
Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein
Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt
vergessen.

Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in
der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den
Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und
nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu
und sah die Zukunft klar.

Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und
um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr
Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter
beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie
sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde
ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz
ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb
für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität.
Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering
und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.

Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten,
suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte
er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er
sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber
zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.

Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit
erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu
springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die
Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.
Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das
eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
Wo ist Ihre Frau?«

»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka
humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«

Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,
wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen
bestätigt fand.

Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie
nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas
Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und
das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas
Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte
Petra den erstaunten Hanka auf.

Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf
Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm
nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas
heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor
diesem Menschen.

»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich
dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.«
Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie
gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu
betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide
konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch
betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.
Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller
Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den
Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und
Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.

Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie
bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.

»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie
heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«

Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun
am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der
stille Mann fing an, ihm zu gefallen.

»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.

Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,
Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.

Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch
eine Donquichoterie.«

»Was heißt das?«

»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen
Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens,
ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der
Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden
sollte.

Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt
war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten
Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.

Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl
und blickte regungslos an die Decke.

»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.

Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid
strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«

Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und
hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den
ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete
sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite
im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er
umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang
Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka
mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,
sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner
Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische
Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran,
sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach
Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war
formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer
Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke
gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,
erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen
aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im
Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte
ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte
sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von
Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie
wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos
blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag
ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum
Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich
sehen.

Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht
möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand
des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach
Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine
Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am
schnellsten entdecken.

In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische
Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann
stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien
ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken
verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln
Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war
feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen
bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren
verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter,
um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und
hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn
preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,«
flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst
du?«

Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier
gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«,
sagte sie.

Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit
entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,
aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als
das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,
das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung
von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft,
das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.



Siebenundzwanzigstes Kapitel


Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl
und Pottgießer bei Anna Borromeo.

Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent
war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer
großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte
und lud Arnold ein.

Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit
heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen
eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für
dich, Arnold.«

»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres
Bezirks dazu veranlaßt.«

Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.

»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem
sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da
hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte
selber austragen.«

»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn
von oben bis unten. »Gestern erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.«

Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die
Lippen.

»Ich _war_ ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte
innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte
halb spöttisch, halb verlegen.

Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in
der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher
Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde
zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als
diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte
freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.

Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des
Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen,
auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der
Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des
Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den
Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese
Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des
Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des
Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses
verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die
Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes,
das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also
besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen.
Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der
Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam
wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald
nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm,
der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich,
gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu
lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die
Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht
auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer
zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die
eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er
sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes
Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern
und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges
Wort gar nicht mehr herausdrang.

Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte,
und es wurde von etwas anderm gesprochen.

Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust,
hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja
heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem
ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.

Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge
hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo
plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!«
rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne
waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in
das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte
unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über
Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll
Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein
Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße
dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.

Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo
rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein
weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde
fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen.
Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit
dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«,
begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen
Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor
und sah ihn erwartungsvoll an.

»Was ist es?« fragte Arnold.

Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich
aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen
Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das
bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du
nicht Platz?«

Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich
wissen, was es ist«, sagte er kühl.

»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm
starr in die Augen.

»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel
hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«

»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert.
Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein
Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.«

»Ah so!« sagte Arnold.

»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort.
Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und
ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße
Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob
er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die
Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.

Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem
Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf
einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.



Achtundzwanzigstes Kapitel


Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten
die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und
Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht
und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis
verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg
fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse
Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern
Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im
fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die
Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das
Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein
unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab,
um mit Geringschätzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu
vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in
dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben
scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so
geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien
leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er
vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine
fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.

Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das
Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch
wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr
ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen
vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen
abfragte.

Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu
pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun
in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte
abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung;
oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine
Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er
wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur
Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden.
Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel
gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre
natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich
sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er
überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen,
der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.

Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei
Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der
Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.

Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig
rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald
das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte
er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang
zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er
nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit
benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst,
weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen
Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes
empfunden hatte.

»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen
Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen
Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch
leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.«

Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das nicht,« erwiderte er
abwehrend. »Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht.
In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.«

Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.

»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold.

»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich
sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,
von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe
träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.«

»Ja, das haben Sie immer behauptet.«

»Und finden Sie das nicht?«

»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.«

»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet
aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier,
Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen
Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum
Minister bringen.«

Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.

Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen;
er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu.

Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten
Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß
es gut gehen.

Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold
am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser Abend
stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn
ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.

Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer
seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna
saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr
das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.

»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft.
»Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein
und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu
Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor.

»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß
zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,«
fügte sie kalt hinzu.

Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er
stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe.

»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd.

Der Doktor bejahte.

»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr
sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas
anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet und sehe
nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen
versteht.«

Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann
langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe
keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich
an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht
mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen
Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf
etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.«

Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen,
daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war
anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist
das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so
erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere
Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht
den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und
schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen.
Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er
nichts, was mir imponiert?«

Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der
Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu
leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.

»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab.

»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna.
»Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«

Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er
sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde,
worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von
nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er
würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose
Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu
erwarten, was die Natur in ihm erschafft –«

Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit
einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das
Zimmer.

Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie
beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam
auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.

Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit.
Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so
hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen
nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände,
Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle.

Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem
Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war
bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und
bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden,
schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie,
jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau,
sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für
unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde
der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten
und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist
beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm,
geboren zu werden.

Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.

Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, – ist es nicht
unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster
gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden.
Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige
Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen
Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt.
»Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und
Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem
Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen
erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.

Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie
mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte.
Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und
Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich
selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie
genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht
einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß
sie nur die Lippen öffnen brauchte.

Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr.
Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz
bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah
Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß
sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit,
sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge
biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine
Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte
Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so
vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck
gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn,
und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander
gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen
war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden
mußte.



Neunundzwanzigstes Kapitel


Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen
Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen
für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.

»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück
auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte
sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.

Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht.
Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in
ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte
sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren
Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht
mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in
verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut
geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«

Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches
umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte
unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,
die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich
erwerben.«

Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und
antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer
bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und
da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:
»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder
hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit
mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn
Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«

Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein,
dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar
tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck
nicht wieder zu versetzen.

»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich
ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«

Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als
wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,«
sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
aber ...«

»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das
vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun,
und in der andern?«

»Etwas Giftiges.«

Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft,
Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«

Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit
langen, weißen Haaren.

Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein
Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein
phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der
Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage
zu reden.«

Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der
Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.

»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato
gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann
sagen. »Fabelhaft? was?«

»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.

»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat
sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«

Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem
Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies
wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu
fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine
Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller
Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien,
Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten
eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher
wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.

Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.
Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte
sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete
er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer
mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging
von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele
dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und
Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen
eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag
eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den
Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.

Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann,
verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten
Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald
in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde
die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen
stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer
Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter
Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der
in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles
Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken
Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des
Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde
geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten
und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte
Arnold, das gefällt mir.

Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,
hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich
vor und drückte beide Hände an die Augen.

»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer
Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«

»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid
alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«

Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit
forschend ins Gesicht.



Dreißigstes Kapitel


Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen
ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente
durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte
ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche
größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er
verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse
und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er
den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm.
Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde
erbärmliches Dasein fortzuführen.

Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit
und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein
jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit
bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen
gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam,
hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und
er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden
als Darlehen.

Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus
der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.

Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.

Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein
Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.

Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen
will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es
erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und
Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische
Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und
trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen
einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen
zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an
einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der
Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was
mit ihm vorgeht.

Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der
Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum
erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen
tiefen Eindruck gewonnen.

Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon
großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die
zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann.
»Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte
einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold
auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten
Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas
gönnerhaft.

»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.

»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.

»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch
zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er
durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht
wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«

»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und
nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine
ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele
krank oder angefault ist.«

»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen
Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das
zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?«

Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm,
schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze
zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die
vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine
Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid,
welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern,
Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende
Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu
freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
Wand, von Gesicht zu Gesicht.

»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch
gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen
und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.

»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was,
Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch
einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns
essen ...«

»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen
kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.

Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka.

Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden.
Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die
Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht
aus wie eine Prinzessin.«

Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht
stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem
Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.



Einunddreißigstes Kapitel


Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der
Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch
widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er
nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das
Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher
Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor
andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch
edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie
anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will
sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.

Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner
gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle
Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen
standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und
Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit
Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus
allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und
Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand
eine kleine, uralte Zimmerorgel.

In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste
ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen
Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes
und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde
vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner
Gäste.

Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen
Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er
spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.

Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich
möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer
russischen Studentin.«

»Aus welchem Grund?«

»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal
Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«

»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.

»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«

»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit
einem gewissen Tetzner?«

»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«

Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was
heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«

»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.
Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen
abholen und wir fahren zu Verena.«

Arnold nickte.

»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt
machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er
hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft
haben als allein sein.«

»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.

Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war
Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja
nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir
genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,
in Gemütsruhe erledige.«

»Was heißt das?«

»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«

Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen
trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben
tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den
einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu
medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen
Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines
Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine
Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete
und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen
Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von
Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen
Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte
dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen
Feder nach.

Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte
sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als
das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.



Verena


Zweiunddreißigstes Kapitel


Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena
Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und
Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl
gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.

Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich
abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für
jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr
teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst
oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des
Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die
seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden
der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er
bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, –
wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung
eines Freundes zu genießen.

Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu
versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.

Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann
aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile,
bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er
das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.

Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß
ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien
ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den
Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem
Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine
Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,
Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all
dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen
schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie
einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit
kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und
etwas ausländischer Betonung.

»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,«
antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«

Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu
belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und
setzte sich ebenfalls.

»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen
würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will
einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt
wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«

Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das
auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es
wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch
geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade
hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit,
sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in
mein Leben aufnehmen.«

Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,«
entgegnete er schnell.

Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde
gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich
in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem
Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige
Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den
Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.

»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.

»Medizin.«

»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man
greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die
Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und
aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«

Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von
Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme.
»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne
innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«

Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde
hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu
öffnen.

Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr
Tetzner, Herr Ansorge.«

Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und
außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken
Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung
schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.

Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an
und lachte gutmütig.

Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand
und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie
wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.



Dreiunddreißigstes Kapitel


Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren
bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft
bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die
Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch
ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.

Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.

Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis
zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu
erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der
Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen
Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er
hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds
bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft
wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere
Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den
Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache
keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien
schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht
hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.

Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und
Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln
in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine
Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es
treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und
düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur
Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds
paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war
die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn
oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre
Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein,
und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern
verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises
seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener.
Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser
dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor
ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder
troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer
Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als
abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden,
das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei
der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben
jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm
ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«

Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der
keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die
übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein
ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als
etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr
zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit,
die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.

Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine
geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die
schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein
zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er
begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit
den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.

Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten
Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn
Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede
darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine
Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich
Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es
Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für
ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau
wie Verenas Hals und Hände.

Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte
Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da
hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.
Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die
Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und
sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß
Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an
Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao
gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es
ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, –
meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes
Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.

Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.«

Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen
Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam
sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch,
liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn
man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen
durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wollte nach der Uhr sehen,
zog aber die Hand zurück – »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur
noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen
und fuhr damit um den Hals.

»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete
Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag,
Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr
verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine
Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht
Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich
glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.«

»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den
Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine
Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für
das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen
mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis
meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte
tragen.«

Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese
Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen,
offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und
nicht gar zu mürbe zu erscheinen.

»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch
nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf
mich rechnen, muß ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will
Ihnen also das Geld geben.«

Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein
wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren
Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug,
uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein
sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er
hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas
reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen
sehen.«

Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand
in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine
wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich
frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine
frischen Kräfte verfügen.

Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war
er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große
Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein
umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem
der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der
Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des
Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem
Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite nicht
Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher
hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster.



Vierunddreißigstes Kapitel


Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs
Herz.

Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so
vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden
auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte
stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und
gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen.
Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn
mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn
dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen
Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts
konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm
seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu
handeln.

Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn
bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.

Er ging hin.

Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir
ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender
Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es
ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder,
Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber
jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg?
Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die
Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem
Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich
bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die
Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«

Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.

Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so!
richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit
tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«

Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu
schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er
und runzelte die Stirn.

»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand
vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.

»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.

»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber
sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein
Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen
morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus.
Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie
mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner
Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich
einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und
sie schluchzte weiter.

Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er
war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm
sinnlos und widerwärtig.

»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt.
»Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«

Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich
nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie,
daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.

Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold
unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum
glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit
besteht?«

Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände
zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich.
»Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas
gesagt? Wann denn?«

»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen
war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –«

»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«

»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir
so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil
wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht
weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es
sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«

Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit
niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich
verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie
doch.«

»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen,
mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu
wissen –«

»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor
die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?«

»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was
wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.«

»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und
sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten,
ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt
ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins
Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.«

In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen
Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und
Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er
sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie
müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß,
mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt,
intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das
heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus,
schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung
zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.

»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist.
Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit
großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns
überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert
sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch
Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung,
Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.

»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe.

Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher
war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid
geworden.«

Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft
von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser
Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und
Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.

Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken
versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von
bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen
Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen
war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm
notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann
dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte
die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit
Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas
eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht
vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe
suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich
nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden,
ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede
und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück.
Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.

Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende,
staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem
Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch
übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn
plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena
Hoffmann aufzusuchen.

Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als
er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am
Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick
stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit
schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand,
deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran,
warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch
ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und
beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter
Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete:
»Zweihundertfünfzig Fenster.«

Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte
er.

Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei.

»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold
neugierig.

»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das
wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?«

»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts
erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.«

»Kennen Sie das Mädchen näher?«

»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches
kleines Ding.«

Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein
tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter
von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar.

Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold
staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und
er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche.

»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich.

»Ja, er ist gekommen.«

»Finden Sie ihn sympathisch?«

»Sehr sympathisch.«

»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es
sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem
korrumpierten Land eben bringen kann.«

»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?«

»Ja, ungefähr.«

»So weit werd’ ich’s wohl nie bringen.«

»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.«

»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.«

Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als
zu hohen Ämtern.«

»Ach, dann bin ich versöhnt.«

»Ja, aber es gibt Gefahren.«

»Gefahren?«

»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine
anspruchsvollen Freundschaften haben.«

»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.«

»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.«

»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz
nicht arm werden, soviel es auch gibt.«

»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich
nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt
hat, dann wird es aufgebraucht.«

»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine
Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.«

»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist
er nichts wert.«

Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß gehen. Ich muß zu
Tetzner.«

»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« fragte Arnold rasch.

Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht.

Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte gemacht, als Tetzners
Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du,
Verena?« rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier
gibt es die seltensten Schnäpse der Welt und vieles andere, was sich
sonst nur auf der Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen Sie.«

Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. »Man hat schon wo anders
für mich gesorgt,« entgegnete er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir
etwas auf.«

»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. Verena warf einen
teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr
gefiel. Fast ungestüm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.



Fünfunddreißigstes Kapitel


In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier
und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig
großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte
in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung
war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und
einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit
Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und
läßt auf sich warten.«

Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,
schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden
Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein
Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens
interessiert mich Ansorge viel mehr.«

Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie.
»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang
ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,
du schläfst bei Tag und Nacht.«

Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast
du denn die Fahrkarten bestellt?«

Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die
Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen
war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft
seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend
Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung
einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für
ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu
können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen.
Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie
hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre
immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.
Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die
Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich
ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er
genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich
geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer
Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz
kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der
Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit
ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte.

»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber
gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und
wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas
ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.
Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch
den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf
und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.

»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte
Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt
gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau
Beate, aber es hat seinen Grund.«

Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig.

»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er
freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es
erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.

Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber
bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor
Angst.

»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die
auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.«

Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach
dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.

Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu
beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in
ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem
hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht,
ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer.

Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das
Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten
Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und
mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht
aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und
ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat
langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich
aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,
anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu
verdächtig.

Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat
sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich
habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je
etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber
Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie
nicht so geschwind wieder loslassen.«

»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,«
erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.

»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns
wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse
auf den Teller.

»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur
darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«

»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da
sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte
nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber
es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu
naiv dazu.«

Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus
Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte
in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.

»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor
dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer
Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und
fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht,
ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist
für mich eher angenehm als verstimmend.«

Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom
fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die
Teller.

»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er
gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er
erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb
auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen
sah.«

Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?«
fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang
und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin
zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem
unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich
vielleicht.«

»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des
Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«

Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte
er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den
Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen
zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche
Blässe hervor.

»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau
war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen
auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka
unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und
bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht
wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach
Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der
Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns
jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie
dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten
vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So
trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen
leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander
halten. Das ist alles.«

Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht
beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines
Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein
Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei
es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen
Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes,
geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,
und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor.
Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein
Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe,
wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise –?«

Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen
Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in
seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück,
als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf
den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder
daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und
wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an.
Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold
verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder
Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«

Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die
Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah
ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte
kalte Hand.



Sechsunddreißigstes Kapitel


Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun
weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken
zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold,
den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm
gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des
Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen
Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und
schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie
geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen
Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte
noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,
sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er
trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr.
Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen
bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er
selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll
Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel
berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert
Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer
schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also
blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte
nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu
studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder
eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand
verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll
ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den
Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte
er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden
sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese
Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm?
murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von
ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die
Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das
ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für
mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man
nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
zusammenleben.

Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in
welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren
und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und
schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf
ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn
fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus,
Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort.
»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht
antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit
ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie
verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine
Handtasche packen.«

»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch
reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.«

Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie
endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,
brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und
Haß.

Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in
gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in
welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt,
im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was
zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,
was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur
wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich
alles weiß.«

Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr
Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen
die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie
gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre
Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich
gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte
mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine
Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,
das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz
zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu.

Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und
drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine
Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie
setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es
liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie
möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und
gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich
lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell
biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch
etwas zu sagen?«

Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue
Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus,
»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich
gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in
die Kissen.

»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand
und so nach ihr hinschaute.

Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender
Ausdruck.

Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den
Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären
rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht
einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«,
bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon
verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen.

Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend
ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm
und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern.
Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten
führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das
Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am
weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter
leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze
noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen
zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die
geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers
klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte
tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das
er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu
einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der
Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er
streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles
Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im
Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen.



Siebenunddreißigstes Kapitel


Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile
unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang,
kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser
zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als
den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines
alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich
nieder.

Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus
dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war
als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes
jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein
Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und
entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus
getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung,
hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt,
eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten.
Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche
oder war es Arnolds Irrtum?

Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf,
nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die
Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei
mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg,
obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten
hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine
Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu
haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist
sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und
sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig
finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich
doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie
ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat,
zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie
liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht
war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber
wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein
Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt
es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?

Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja
auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen.
Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, daß die Jüdin ins Kloster kam,
vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das
wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte Geschichte, wenn der
Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf.

Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trübseligen
Rausch nach Hause.



Achtunddreißigstes Kapitel


Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurück. Sie machte
sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und Theater und
bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Stöße von
Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und keiner
konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und
dorthin, klagte über Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald
überreizt, bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem
so engen und ewigen Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe
erschien.

Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Müdigkeit
und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel führte, die
Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er
aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen Endpunkt schleppte.

Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm
der Wunsch, sich um Menschen zu bemühen. Als er an einem Morgen mit
Borromeo allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest du mir
nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß denn alles so sein, wie es
ist?«

Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten
erlöschend in die Winkel. »Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber
ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die
Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.«

Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Händedruck voll Wärme.
Nichts konnte deutlicher ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und
wie sehr er ihm vertraute.

Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verständnis
erreicht. Er erkannte sofort dessen glückliche und gesunde Veranlagung,
allen Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung zu verhelfen
und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine
eigene ohne weiteres vervollkommnen könne.

Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehörte Wolmut zu
jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das
Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete er mit
unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut
trug er mit selbstverständlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befähigte ihn,
jede schadhafte Stelle in der Lebensführung des Andern sofort zu
übersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen hätte. Seit
jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte
er nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der
Welt zu hadern. Allmählich war sein leidenschaftliches Wollen einem
dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen gegen den
Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den
Atem. Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen an der
Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd im Tritt gehen und an
geschützter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen
Mittag. Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte,
verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke
dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrücken unter dem Horizont, und
aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung.

Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht gewesen, eine ihm neue
Weichheit der Stimmung abzuschütteln von der er kaum wußte, woher sie
kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er
gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so
Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten.

»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten Fleck«, erwiderte
der Student. »Ich hörte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt,
aber dadurch wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz ihre
unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für den Einzelnen keine
Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht
erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.«

Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das hört sich gut an«,
erwiderte er schroff, »so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen.
Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen
selbst ausgeübt wird?«

Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es handelt sich nur um eine
Ausschaltung unzweckmäßiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich
selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die möglichst viel Räder
in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der größten
Arbeitsleistung den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das nicht
Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche Mensch mit dem
rosenroten Gesicht sprach ruhig und überlegen, mit einer Verhaltenheit,
als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen.

»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold gereizt zurück. »Ich
will nicht sagen, daß ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke,
wird alles anders.«

»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner unerschütterlichen
Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn
auch nur um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität.
Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.«

Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, rief er zornig
aus. »Das Judenmädchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir,
ich und Sie, glücklich werden?«

Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch
einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird
wie ein Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie
oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch muß unbedingt seine Handlungen
nach dem Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute
sich darüber klar sein muß, daß nichts in seinem eigenen Charakter ihn
überraschen und daß kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme
statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.«

Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher Doppelgänger auf ihn
zugetreten wäre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten
Kälte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und
ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, verdunkelte ihn nur
vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit.

Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm
vorenthalten hätten, wozu andere so mühelos und planvoll kämen:
Sichbescheiden. Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem
Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen
Stimmung und Verstimmung zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht
Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung,
sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der
Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.

Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in
ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen
beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurückhaltend wie
sonst, doch heiterer. Tetzner saß schweigsam beim Fenster, und Wolmut
setzte seine Ansicht über Askese auseinander.

Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe für morgen Abend zwei
Billette zum Konzert«, sagte sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie
mit?«

Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann
preßte sie die Lippen zusammen, erblaßte und warf einen flüchtigen Blick
auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf sahen sie sich
zum erstenmal von solcher Nähe in die Augen, Arnold mit großem, etwas
knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden
Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie schließlich mit der vorigen
Freundlichkeit, »man spielt Beethoven.«

Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum
Konzertsaal.

Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Säule
langsam und zart bis in den höchsten Himmel wachsen, und oben erst
sprühten die erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei neue Ohren
aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten
Herzens.

Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, daß er ganz und gar nicht
zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und
heiteres Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht.

Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Straße
nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte Arnold endlich. »Wollen wir
nicht in das Gasthaus da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
vornehmen Restaurants.

Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin keine Millionärin«, sagte
sie. »Überdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.«

Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners Geld«, sagte sie auf
einmal mit veränderter Stimme.

Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von
der Stirn bis zu den Sohlen einhüllte.

»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. »Wozu auch. Man kann
doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fähig, mich
zu verständigen. Ach, das Leben, das elende Leben!«

»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, versetzte Arnold. »Das
schöne, herrliche, gute glückliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß
ich lebe.«

Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden
und ergebenen Blick in die Augen.

Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze an und ging gedankenvoll
voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
und dankbar fühlend.

Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe und sah mit dem breiten
schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der
von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus.

Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch
und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch
auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen
Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm sie ein Stückchen
Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lächelnd und
verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke
und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: ein rundes,
ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog
und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine
griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines kümmerlichen Schnurrbarts,
eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und über
der ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes Haar.
Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur
zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stück verging aber so geraume Zeit,
daß Verena belustigt ausrief: »Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.«

Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt.
Mit großen, weit offenen Augen blickte er herüber.

»Was liest du?« fragte Verena.

»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner.

Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort
genügt, um die Seele zu entflammen. Sein berücktes Herz sammelte sich
plötzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war.

»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner versonnen plaudernd
fort, und sein Blick richtete sich düster gegen die Wand, »so ist nichts
als Irrtum. Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird
verschleudert, und das Schlechte, das trügerisch glänzt, kauft man um
teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trübt
das Bild der Welt.«

Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: »Was soll das ewige
Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin überdrüssig, alles zu wissen,
was ich empfinde und empfinden soll.«

Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange es Tee und Schinken auf
Erden gibt, soll man nicht über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er
in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er
sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trällerte mit
veränderter, heiserer Stimme:

    »Wenn er bei einer Hochzeit ist,
    Da sollt ihr sehen, wie er frißt;
    Was er nicht frißt, das steckt er ein,
    Das arme Dorfschulmeisterlein.

    Wenn er einmal gestorben ist,
    Legt man ihn sicher auf den Mist.
    Ach wer setzt einen Leichenstein
    Dem armen Dorfschulmeisterlein.«

Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und
entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte man
ihn die Außentüre zuschlagen.

Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena am Fenster. »Es ist
finster draußen«, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie
sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er ging
auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. Sie schwieg, atmete
jedoch wie eine Gehetzte. Er drückte ihre Hände nur um so fester, als
umschlösse er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. Vergeblich
war sie bemüht, sich ihm zu entwinden.

»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold endlich flüsternd, im
innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und
Selbstanerbietung.

Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre
Hände frei. Während sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die
Hand stützte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und
geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte Verena plötzlich
weich.

Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit
über das Geländer gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal
stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in
seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine
nächtige Ferne, einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.



Neununddreißigstes Kapitel


Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute
hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben
erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße,
gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes
Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen
bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an
einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in
Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was
er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und
Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die
Flut des Glückes.

Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und
gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen
spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen
Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die
Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der
gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung
ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien.
Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für
ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie
fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu
entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu
spüren. Sie sah sich verfallen.

Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des
Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,
und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und
dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen
brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr
stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;
Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als
Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon
verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte
sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.«

Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte.
»Wovon wollen Sie leben?« fragte er.

Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«,
entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in
ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben,
Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich
nicht ganz entblößt.«

In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine
Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst
in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber
eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum
gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht
zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb
Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den
Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen
Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie
selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich
nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur
nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten
und alles gehört Ihnen.«

Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem
Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus
stehen.

Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der
Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.
Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn
hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte.
Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;
getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und
erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein
seiner Gefühle auf festem Grunde hielt.

Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht
verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von
Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena.
Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich
behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen
wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald
füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten
Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke,
Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute
und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle
warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht,
jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich
Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern
nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum
Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und
Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es
Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und
aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von
Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod
verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk
ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und
der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen
der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum,
– aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber
Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,
daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben
hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn
beschlich eine frevelhafte Sicherheit.

Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden
Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe
aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend,
die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich
auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und
Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so
ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.

Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie
hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm
begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme.
»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde
Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu
lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.«

»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein
Versorgungsstübchen in Podolin betteln.«

Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit
kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte.

Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück
begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art.
Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu
besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert
Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das
geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch
besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei.

Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in
Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es
für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis
zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der
Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von
kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren
Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre
Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du
solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du
es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein
bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein
schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen.
Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog
schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.

Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte
Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold
eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß
alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte
Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra
spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder
beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,
sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu
schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der
würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt
hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank
danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen
hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.

Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer
Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie
nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit
heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit
auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.

Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem
Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen
blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines
Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter
aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre,
zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.

»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen
Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.«

Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch
nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten
reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er
begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei
war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt,
das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte
irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und
war sehr stolz darauf.

Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke
und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser
Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst vor einer
Woche erfahren –, wissen Sie es?«

»Was?« Arnold war verdutzt.

»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich
Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie
Silbe für Silbe glauben wollen?«

»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt
aussah.

Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das
ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch
nichts? Seien Sie aufrichtig.«

»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein,
»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit
verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen
Kartenreihen.

»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und
sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit
dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:
»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit
Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander
bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die
Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht
entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas –«

Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die
Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit
mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn
sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie
glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich
selbst.

Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch
dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte
sie ärgerlich.

Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß
sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber
hinweg.



Vierzigstes Kapitel


Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der
Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den
Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu
ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß
die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen,
fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie
vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal
frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr
Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der
Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte.
Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die
Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie
sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem
blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz
aufführten.

Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das
Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in
die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den
dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch
anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst
von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von
oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen
ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und
schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines
Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er
hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt
gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in
welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand
und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine
Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks
zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte
Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena
so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er
ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte
ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei
Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte
schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd.
Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus – nach nichts. Er
folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre
erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines
betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen
erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote
Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um
endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht.
Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit
Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu
bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie
die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für
sie etwas Elementares hatte.

Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben,
erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas
Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie
versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich
zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt
lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den
gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich
heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr
Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum
Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der
unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine
dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend,
lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der
beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne
Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei
Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern
zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von
Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm
aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas
wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.

Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie
beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd
stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den
anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann.
Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben.
Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts
gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas
Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und
fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des
Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam.

Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht,
als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte
bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach
Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis
zum Morgen.

Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam
und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines
Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie
hast du geschlafen? Wie geht es dir?«

»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem
Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie
wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine
sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu
bemänteln.

Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu
Boden und Arnold bückte sich danach. Dann standen sie einander
gegenüber. »Du sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit den
runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, »daß ich mich keiner
Täuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns
beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt nicht, man muß
doch auch wissen, wohin man geht.«

»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit
Furcht vor dem, was sie sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was
schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, über das
Schlechte zu grübeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund
und man geht immer nur im Kreis.«

»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, entgegnete Verena,
erstaunt über das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde
später, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen
wollte.

»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit begütigender Kritik,
vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend.

Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du recht!« rief sie aus.
»Begreifst du es nun?«

»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender Stimme.

»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. »Denke doch nach,
Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich
verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch in
blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich wenn man so in der
Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermütig. Nicht
Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es
ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum
Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens,
unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab’ ich gefragt,
wohin es gehen soll, denn du müßtest mich auf deinem Weg nicht nur
schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
lebe und rette dich.«

Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und
umfaßt von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er
zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in
die Arme und küßte sie. Dann gingen sie zusammen fort.

Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und
nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die
Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es
klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor
den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine
wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden,
fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein
Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder,
seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des
Gemüts kam über ihn.

Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn
wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit
böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein.
Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht
aufzuheulen.

Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je
verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im
Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er
wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu
bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem
Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild
auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig,
daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme
Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde
geöffnet.

Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes
Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich
die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln
auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in
seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee
trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena –? Wie –?« Mit
geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand.

Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und
unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe,
nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war,
der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide
Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena
verlegen und mitleidig.

»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-,
Herzmüdigkeit.«

Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der
Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und
da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und
auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie
fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden
Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund,
legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und
blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der
ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine
bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie
rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die
Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie
nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender
Begierde selbst zerstört.

Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich
Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den
Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf
die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.



Einundvierzigstes Kapitel


Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte
dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte
ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es
entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich
selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem
Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie.
Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg
eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr
Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum
Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.

In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem
Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm
Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und
er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein
Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold
offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und
er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie
durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen
überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die
Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel
größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor
den Kopf zu stoßen.

Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine
Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu
überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie
empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische
Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.
Doch was mochte ihn bewegen?

Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold
machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr
treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.
Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und
selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln,
wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war
überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und
faul zumute gewesen.

Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb
ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra
ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste
aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.«

»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.

»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch
gute Bücher verdorben.«

»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit
dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei
zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst
du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur
ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter
Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß
selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß
die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne
herunterziehen können.«

»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte
Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.

Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein
Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld
angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor
angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre
Hand fest.

»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit
dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen
gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie
mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen
kannst.«

Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du
denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?«

»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete
Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes
Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben
aufhören, zu überlegen.«

Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er
stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach
herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden
Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer
arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch
ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des
Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,
daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da
sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen
von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der
Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold
gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.

Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer
herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun
furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig
zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und
Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals
so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in
die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn,
unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann.
Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es
doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein
Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für
immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier
Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht
fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.

Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber
schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden
und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem
Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die
Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß
kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich
mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete
Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so
früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er
sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig
sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er ihr unschlüssiges
und müdes Gesicht sah, »– hinaus aufs Land.«

»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein
wichtiges Examen steht bevor ...«

Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte
Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas
anderes wollen als ich.«

»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise,
indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel
verzog.

Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug
dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen,
was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das
bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam
emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde
gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.

»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer
seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du
aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das
ist schlecht ...«

»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und
schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den
Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.

In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch
regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von
herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den
Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick
mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen
wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand
über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr
vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
Mund fast sprengen wollte.

Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit
brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er,
als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er
wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm
selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein
kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete
sich aufmerksam und lächelte zerstreut.

Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang
nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen.
Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu
tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den
landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des
Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune
Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,
helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.

Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde
es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen
nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte
Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie
immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«

Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die
weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig
riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.
Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst.
Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um
nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«

Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen
Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse
zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast
besinnungslos.

Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief
wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon,
und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten.
Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.
Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer
vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der
eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.



Alexander Hanka


Zweiundvierzigstes Kapitel


Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein
Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An
einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die
festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit
hinaus in die Vorstadt.

»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den
nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal.
»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit
Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.«

»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede
Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir
kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«

»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen
gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich.

Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im
Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun,
und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt
stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als
er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte
er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich
stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde.

Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel,
aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich
war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und
eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig
war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen
Abwesenheit gerüstet habe.

Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei
Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er
durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang
beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott
vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber
und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher
Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das
Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war,
wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich
alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit
widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte
Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit
beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene
Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide
zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den
Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten
aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten
und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien
zu haben.«

Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete
Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst
im Himmel.

Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor,
legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus,
als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt
nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich
der, wenn ich nachts das Licht auslösche.«

Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen
wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte
und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.
Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn
es dir recht ist.«

»Gewiß.«

Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim
zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum
fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten
Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«

Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren
Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,
scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser
ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb
Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal
gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der
Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo
wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.

Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im
dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im
Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der
Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die
Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer
angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes
Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula
wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters
ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu
tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula
und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – nichts entging
ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der
ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf
nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von
Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte.

Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm
er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube
war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten,
Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich
hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den
Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber
nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er
schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.



Dreiundvierzigstes Kapitel


Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen
Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das
Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen
verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem
dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des
schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen.
Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise
Glucksen des Wassers in den Wiesen?

Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war
überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte
lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen
den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens,
als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die
Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte
freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu
dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges
Kompliment.

Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,
verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die
Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie
eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem
Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein
einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken
an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten
erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes
Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes
überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht
erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden
würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem
Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen,
kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen,
stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt
war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus
Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.#

Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?
Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis
bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:
schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche
Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche
allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner
inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr
verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm
zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die
Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige
Selbstprüfung vor.

Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu
und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst
allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die
junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher
Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft
seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von
achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden
und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere
versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um
dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie
es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.

Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich
gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes
Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.

Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um
Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe
eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung
verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold
wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob
das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er
selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich
gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des
Kubu?« fragte Arnold dagegen.

Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus
Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht
übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß
bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen
Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und
fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,
sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit
erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor
entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit
meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und
nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere
Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um
ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau
warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den
Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so
verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich
alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie
würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten
sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die
Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm
die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn
stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem
Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die
gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.

Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor
fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem
Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte:
»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei
Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut
und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.
Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.
Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen
sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm
geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu.
Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber
er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand
Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht
mitteilen konnte.

Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen
und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen
Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum
und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren
Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte
bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja,
er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so
deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er
doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen
Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte.
Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte
sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener
Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold
empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.

Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich
zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei
solchem Wetter!«

»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?«
fragte die Alte.

»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist
ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.
Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,
zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen
möchte, der muß tanzen und springen.«

»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das ist kein Unterschied«,
sagte Ursula.

Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte
er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze
haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«

Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man
erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«

Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und
würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.
Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis
auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen,
denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme
Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls
herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse
Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude
streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen,
als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich
mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier
jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«

»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es
Ihnen?«

»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche
muß man’s treiben.« Er lachte.

Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern
den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der
von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der
Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und
er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.

Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem
Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.



Vierundvierzigstes Kapitel


Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel hatte die
Erde noch einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das
Frühlingskleid über die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune
besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden
lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in
einem Dorf bei Milch und Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus
der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch müßig sitzen oder
liegen. Manchmal bemächtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit
der Felder wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig erschienen
ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Täler, die
sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die
schmutzigen Bauernhöfe, das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme
Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. Unruhe flammte in ihm
auf.

Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurück. Noch hatte er
nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen
rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen.

»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, und zwar durch den
Briefträger«, sagte Hanka und drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und
Freude. Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden,
sein Gesicht länger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen
Ausdruck vollkommenen Ernstes.

Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von
Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« fragte er. »Wo waren Sie solange?«

»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete Hanka, »und jetzt bin
ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.«

»So? Was fehlt ihr denn?«

Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.«

»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?«

Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«,
antwortete er.

»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was
mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.«

Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden
heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr
klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!«

»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von
Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit
verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier
sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier
vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines
unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das
Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen
zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals
auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend,
sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu
meiden.

»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die
Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht
hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war
geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem
Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug.
Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht.
Verzeihen Sie.«

Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte
er stehen bleibend und sich verabschiedend.

Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka,
als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete
die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen.
Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam
unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet,
die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte
das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der
Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes,
dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der
unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun
mineralisch leer.

Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie
lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er
unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie
lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell
vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und
Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah
ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war.
Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war
es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber
erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten.

»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich
aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden
Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle,
nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie
hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch
erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem
faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber
hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen.

Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte,
setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut
hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge
überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu
leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er
fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O
stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann
diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.

Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er
entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn
quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen,
nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn
nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von
schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen
und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte
er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn
im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten
sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine
parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige
lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der
Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der
pflügende Bauer.

Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger,
natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte,
daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die
Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen
verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in
sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm
zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht
gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz
kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur,
sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und
das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß
ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften
nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig
sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er
keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand
ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem
Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen
gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die
Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen
erziehen.«

Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu
träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur
bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen
bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner
als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch
geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der
Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im
scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen
hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den
ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen,
schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die
Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre
beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung
teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er
die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild
dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den
nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine
Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte
an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über
sich erblickt.

Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und
Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine
eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das
Ding, welches ihm das Herz auffraß.

Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold
bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka
schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er
spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten
spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die
Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und
erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person
zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.

Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief
Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes
Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus
abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und
Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns.
Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen
du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der
Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben
könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna
Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die
Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem
sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.«

Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch
welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt
wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen
Vorsatz mit.



Fünfundvierzigstes Kapitel


Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt
zurückkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am
letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht
der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es
vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn
zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, daß es nicht leicht war, ihn zu
übertölpeln. Er sollte sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker
an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben
wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den
Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war.

Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die
Straße hinaus. Ursula ließ ein weißes Handtuch flattern, das noch lange
zu sehen war.

»Ich bin froh, nun geht’s wieder an die Arbeit«, sagte Arnold. »Weshalb
sind Sie so schlecht gelaunt?«

Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrießlich auf dem
Hals. »Es geht mir schief«, antwortete er. »Die Montanpapiere sind um
zehn Perzent zurückgegangen.«

»Was werden Sie tun?«

»Ich muß verkaufen.«

»Und dann?«

»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, – Arbeit.«

Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind zum Müßiggang geboren.«

Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am
Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka.
Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es
nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder
nicht.

In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck,
und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude
streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in
ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur
die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl
sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es
Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung.
Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im
Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen
begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
Gewohnheiten entsteht.

Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen waren. Zuerst
nahm er Stück um Stück in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden
er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein
Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, daß er in die
Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich
bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr
zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen.

Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den Regalen, rief den Diener,
damit die Bände abgestaubt würden, und ordnete alles mit peinlicher
Sorgfalt nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien
legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen
Drähte. Er ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flöhen
und setzte alles im Haus in Bewegung.

Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde
ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand ihm, daß er den
größten Teil seines Vermögens an der Börse verloren habe.

Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Plötzlich begann
Arnold von Verena zu erzählen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar
in seinem Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten sie
romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, ein Liebesabenteuerchen
wie hundert andere zu erzählen, verwischte den natürlichen und so
ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte.
Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den
Verlust seines Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene
Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher Erregung begann er von
neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt
man sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka wurde immer
mißtrauischer und betrübter. So sehr er Äußerungen des Temperaments
achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.

Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und begnügte sich mit der
Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorüber wie man im
Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt.
Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste
vorbereiteter Geist von Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der
Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein
Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes Verantwortlichkeitsgefühl
erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es,
wenn deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; und grübelte mit
dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist
gebietet dem Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet sich
selbst und findet Widerstand.

Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er verbrauchte alle
Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch.
Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, das
vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefähr,
welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und großen Gerichtshof für
die Lebendigen bildet. Aber betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er
hatte das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen
verlor er gegen fünftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der
Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen
Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde keine Karte mehr berühren.«

Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn von Arnold trennte, war
sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bücher,
Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer
Leiter, der Diener war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold
herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.«

»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte Hanka etwas
verdrießlich.

»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang mit einem Satz auf den
Boden und rollte eifrig einen Strick über die Hand. »Hier ist mir alles
zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man muß
atmen können.«

»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich dachte, wir könnten
eine kleine Spazierfahrt unternehmen.«

»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen
Wagen zu besorgen. »Ich habe schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er
und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lächeln
die Hand drückte.

»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier
verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd.

»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles ist alt und krumm
hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im
Boden. Es wird zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das
ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und
etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen
herausfallen.« Er lachte, auch Hanka lächelte.

»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, als sie im Wagen saßen,
der die Richtung gegen den Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie
gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.«

»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig in den vollkommen
blauen Himmel.

»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch über schlechtes Wetter?«

»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir dabei nicht so wohl
ist, wie es die Beschäftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.«

Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste
geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen
zurückkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter
tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich begehrlich. Unersättlich im
Wunsch, ließ er die Augen über die Massen hingleiten, welche sich auf
den Fußwegen drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen
schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß vom andern, jeder birgt in
sich die größte Fülle der Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der
Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel zu
richten, tätig nach außen werden zu lassen, was zerstörend im Innern
wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen.

Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. »Anna
Borromeo hat mich längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet in
Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg
ihren Lenden, gleichwie auch von den Straßen der schwüle Dampf der
Arbeit emporstieg.

»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold im Vorzimmer der
Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde
selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht.



Sechsundvierzigstes Kapitel


Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten
stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der
Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.

»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte
Anna Borromeo.

»Beschlossen worden?«

»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die
Baronin.

»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Valescott hinzu.

»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold
verlegen.

»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen
nur Figur machen.«

»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken.

Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und
etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte.

»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Valescott eifrig
fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sache vom Narziß in etwas
modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage
zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu
tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler
gesprochen.«

»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend.

Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete
sich. Er wurde mit Kälte entlassen.

»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als
er fort war.

Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte.

Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom
Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig.

Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der
soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast
erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es
gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr
einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in
die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen.
Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal, –
es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte
seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nächste
Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an
den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die
Straße betrat.

Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren
überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im
Laden eines Trödlers.

»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und
machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn
durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollständig finstern Raum und
sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen
auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
breitem Postament der marmorne Antinous.

»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.

»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.«

»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft?
Eine wertvolle Sache.«

»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern.

»Ganz gut. Sehr schön, – vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit
verbinden.«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit
seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die
Hüftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung,
ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei
Ebenholzkugeln glichen.

»Und wenn ichs täte –?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber
wenn ichs täte –?«

Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine
nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen
unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug,
ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer
eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten,
»wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen –, dort?«

»Ich denke nein«, entgegnete Arnold.

Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und
blickte auf die Statue.

Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn
sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte
er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte
gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und
Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort
war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte Arnolds
Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen,
anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung,
nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war
es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es
benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen,
für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen,
die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im
Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben,
schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn
ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals
begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein
reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter
Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam
es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine
Spinne, deren feine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos
machten?

Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage
eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen;
was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den
Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung.
Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander
gegenüber. Beide waren blaß.

»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit
einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo
lächelte dünn und leer.

»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken
gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand.

Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit
halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn
empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er
stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen war, und
finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren
wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen,
im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.

»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas
ganz anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag.

»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter
scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze
losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.«

Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen.
Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster
betrachtete.

»Was denkst du dazu?« fragte Arnold.

Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er
leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat
verkaufen?«

Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm
gegen die eisige Trauer dieses Mannes.

»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo.

Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den
verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte.
Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute
wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen
ob sein Bild auch wirklich darin sei.



Siebenundvierzigstes Kapitel


Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt,
den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück.
Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er
konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.
Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle
Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich
mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie
schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über
der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,
viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am
Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit
und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.

Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte
kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper
lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust
bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn
in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der
vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß,
gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und
Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines
Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße
Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in
englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde,
langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten
Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.
Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer
Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine
boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen.

»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede
überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen.

»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit
einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich
höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine
Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,
erzählt man sich.«

Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch
sorgsam von den Gräten. Er lächelte.

»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich
in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz
unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte
mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten
nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes
Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner
nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,
der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich
höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das
Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun
eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron
Valescott und –«

»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den
Tisch.

Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt,
Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später
noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,
es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim
Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der
mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso
erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die
Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht
... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«

Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte
und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer,
allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.

Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,
welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine
enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in
Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde,
war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete
Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der
Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick
zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn
warten.

Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame
Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in
sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein
wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die
dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine
Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die
Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte
den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier
und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des
Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing
tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas
Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges
Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten
einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid;
die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen
reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.
Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der
Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.

Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief
davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der
zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal
eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die
Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen.
In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.
Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte
den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander
entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von
Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.

Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht
einmal Ihre Namen.«

»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.

Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die
Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite
und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.

»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.

»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora.
»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf
diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, – sie lachte, – »aber bei Ihnen
wollen wir eine Ausnahme machen.«

Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen
Mollakkord an.

»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz
nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«

»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.

»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte.

»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte
Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar
ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das
gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll
ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß
und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen
sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer
Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing
über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein
Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete
mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
Träume.«

»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.

»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine
Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich
zurückdenke –! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie
sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht
mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,
niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der
Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz
vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die
bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei
der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern
die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden,
als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte
fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt
eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern
küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
Menschen.«

Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter
Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.

»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur.

Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging
hinaus.

Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum
spielen Sie nicht?«

»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit
prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten
legte.

Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten
einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin.



Achtundvierzigstes Kapitel


Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog
Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand.

Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin
sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung
Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die
beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der
Tisch zum Tee war gedeckt.

Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer
mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen
Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von
Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und
freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend
an Arnold. »Herr Ansorge, – wenn ich recht verstanden habe –?« sagte
er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?«

»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold.

Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt
in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.«

»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.

»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem
Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts
als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr
Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –?
Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so
starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«

»Jawohl«, erwiderte Arnold.

»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem
Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich
nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«

»Specht?«

»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«

Alle blickten auf Arnold.

»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig
verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er
heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.

»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig,
»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig
gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht
unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es
im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie
aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war
doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –«

»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so
sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum
erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können
Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf
angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre
Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure
Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich
konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie
unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es
zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für
eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine
Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden
von Komödie!«

Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem
Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch
verschaffte.

Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres
Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die
unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den
Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen
gesprochen.«

Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und
nahm ziemlich verstimmt Abschied.

»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die
Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht
Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?«

Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis
er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich,
ihn zu begleiten.

Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen.
Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich
gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich
erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten
Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft
gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die
Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem
vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«

Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er
blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an
das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie
ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug
her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und
hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine
Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte
nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den
Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht
lächerlich werden, alles nur das nicht.

Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack
an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche
Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten
lang niedersetzte, um nachzudenken.

Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine
Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den
Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende
Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer
sein frechster Traum umspannt.

Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen
zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich,
herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die
er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete
er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte
hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer
lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich
zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie
zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.

Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die
Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in
Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung
von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte.

Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden
Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es
zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen
düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen
Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet
standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,
Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien,
während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke,
seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da
geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet,
ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem
Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt
haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem
Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen
werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte
Arnold.

»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo,
nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des
Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich
habe mich erkundigt, – man zuckt die Achseln.«

Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich
reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er
blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur
ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige
ist Sache des Glücks.«

Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr
über Arnold.



Neunundvierzigstes Kapitel


Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des großen
Blumenfestes gehört, als sie, von einer schwindelnden Aufregung
ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu
dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin vorgestellt zu werden,
ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglückt eilte sie nach
Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt für
Zuckerwaren erhalten.

Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: »Petra, denk dir –!« Und
sie erzählte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerührt von den
Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht sei, bei
der täglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergnügungen zu
denken. Petra hatte Pflichtgefühl.

Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von allen Wärmegraden
abhängig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre
Kinder, ihr Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald
unterhaltende, bald langweilige Spielerei.

Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Für nichts
anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön
bleiben werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur Milchfrau
ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. Sie bezog das ganze
Weltall auf das Gelingen ihrer Wünsche.

So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und
sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus
blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie
Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwölf Uhr kam die
Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar
verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher über
der Brust ein rundes Medaillon mit einem schönen Edelstein befestigt
war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine Viertelstunde
dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strümpfe an den
Füßen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren.

Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem großen Ballon,
welchen die Wärterin hielt. Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr
sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln nicht
verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, du gehst zum
Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen
Krächzen. »Auch ich war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist
ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer überlegt und
taktvoll.«

»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd.

Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein Sänger, der bemerkt, daß
er vor tauben Ohren singt. »Glaubst du, daß das Kleid zu tief
ausgeschnitten ist?« fragte sie ihren Mann.

»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, »ich habe andere
Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch
in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich –« Er rieb sein
Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, fuhr er wütend fort, »ich traue
mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du –« Alle starrten ihn entsetzt
an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wärterin
und begann plötzlich französisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors#
die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen.

Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. Sie glaubte weder
an ihre Krankheit noch glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß
sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem
Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und sie haßte die eigenen Kinder,
wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur
einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt.
Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod
machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es
verstand: daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann die
Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch saß, nachmittags in
die Geschäfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der
Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen,
zwei Gläser mit Wasser auf dem Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar
tausend Jahre lang getrieben.

Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch
zu früher Stunde in den festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses.
Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das
grüne Laub, nicht die Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten,
nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die
neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel für
ihre eigene geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im
Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was
zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und
nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in
die Welt. So hätte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt.

Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und weißschaumige Torte,
beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines
jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts
anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote
dafür. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine
Glückslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein
Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, über den
Hüften durch einen kostbaren mit fünf Smaragden besteckten Gürtel
zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt
etwas Königliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter
bläulichen Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde.

»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht
drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der
schöneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold
im Gespräch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne
vor Natalie. Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen,
deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfüllte. Arnold kam herüber
und sagte: »Sie sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, sie
zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch
nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den
Schultern herab.

Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht umdrängt. Gräfinnen,
Fürstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gruß zu
tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige Dame
vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. Sie sprühte
von Geist; die Triumphe betäubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine
fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden
Ehren empfängt.

Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des Gartens verteilt. Sich
auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie
unter dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann bemerkte,
dessen Augen hastig unter den Zeltdächern umherblickten. Dieser düstere,
unheilvolle Blick ihres Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies
Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, daß sie mit diesem
Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein
Peitschenschlag.

Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt hatte, sagte er:
»Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...«

Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als würde sie plötzlich blind
vor Schrecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht
von der Stelle.

»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während er zu gleicher Zeit
neugierig und begehrlich um sich blickte. »Die Mutter hat einen
furchtbaren Anfall ...«

»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie vorwurfsvoll.
»Nur noch bis der Kaiser kommt, laß mich hier.«

Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem
festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn
hergeführt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Händen
warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen
zürnte sie der Mutter.

Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller
zum Ausgang führten. »Wohin? wohin?« rief er.

Natalie schluchzte wie ein Kind.

Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte er sich durch die
immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen
Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.

»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor das Zelt tretend.

»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora.

Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum
zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein
der Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen
Neugierige und stellten sich hastig drängend in engem Halbkreis auf.
Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen.
»Ich habe kein Geld mehr«, sagte Arnold und blickte sich um. »Aber
Kredit, so viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei Hände voll
Lose und schrieb einen Schuldzettel über fünfhundert Gulden. »Bravo
Narziß!« rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war;
die Damen klatschten in die Hände, und einige waren ihm behülflich, die
Röllchen zu öffnen. Die Leute drängten sich näher. Arnold griff nach
beiden noch gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den
leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der Leute hinweg. Unzählige
Hände streckten sich aus, und in beängstigender Kreiselbewegung drehte
sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen
erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der Kaiser!«

Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten
schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch
welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold
durch den Körper. Wie in einem früheren Dasein sah er sich selbst, mit
törichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte weit, nickte lächelnd
und ging vorüber, durch das schweigende Volk.

Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war
Feuerwerk.

Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im
Schloß, um die Tänze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter
den Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens.

Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus
der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der
Menschen, des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold
zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rückwärts umfaßt, und eine
Stimme flüsterte: »Schon lange, schon lange lieb ich dich.«

Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, ein weißes Kleid rauschte
durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem
goldenen Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter
Lichtstrahlen.

Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lächelnd stehen. Wohl ahnte
er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu bitten, daß er ihn
flüchten lasse oder die Seele in einen stärkeren Körper presse. Er hob
seine Augen eine Sekunde lang demütig zum Himmel.



Fünfzigstes Kapitel


Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche,
aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er
Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden
suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen.

Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und
sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte
sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder
Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut.
Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die
witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für
eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge
schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten
vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn
auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig,
unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer;
er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung,
Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß;
offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien
wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,
ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in
einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in
diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den
er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte
er seinen Vorsatz aus.

Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne,
sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen
und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken
Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein
Freund sei da.«

Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein
Teurer, was führt Sie zu mir?«

»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete
Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich
unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«

Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm.
»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie
gerade mich suchen«, sagte er.

»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.«

Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht
seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben
Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen
Lebensappetit?«

Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und fragte: »Wer ist das?«

Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das ist ein Mann, der früher
oder später wahnsinnig werden wird.«

»Und deshalb hängt sein Bild hier?«

»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen,
der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.«

Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, blieben den Abend
über beieinander und trennten sich erst in der Nacht.

Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er
bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem
Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon
geben kann, je ärmer wird er daran werden; ein sonderbares
Rechenexempel.

Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er
das Ende voraus und fürchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß
und Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm schon Fäulnis
entgegen. Ihm hätte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in
welcher das Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund einst zum
Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod
neigte und an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah das Wasser
schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lächeln, kein
Entschluß, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und
verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des Körpers, welches
nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte.

Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen
profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die
Formel entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles Lehrwerk wie
morsche Hölzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und
der Idee.

Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu
hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare
Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm
in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mußte, daß er um etwas ganz
anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige
Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach
Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er fürchtete
sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor
der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft fürchtet. Eines
Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine
Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen:
»#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat
die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente
gefahren, kehrte ich zurück. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in
ihrem hellsten Schein.«

Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das für ein Geschwätz?
Schämen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den
Pappendeckel und ließ ihn geringschätzig fallen.

Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: »Das ist ein Spruch
aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.«

Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung in Arnold, so
daß er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn
getroffen, groß, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in
mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke –? fliehst du
vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer
fremden Wohnung niederlassen?

Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. »Vergessen?
gänzlich vergessen?« schrieb Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder
an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch!
Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gänzlich
verlassen, sitze zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk Europas
laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, können Sie
bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten
keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir
zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.«

Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben
erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch
wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier
hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er
durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum
Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener
und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas
passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging
voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand.
Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und
der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde
neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner
Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren
an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold
sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor
die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und
untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß,
es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte
Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge
so sehr?« fragte er etwas ungeduldig.



Einundfünfzigstes Kapitel


Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß
ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung
seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch
Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem
stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er
nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine
Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes
zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die
leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert
werden könne.

Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend,
erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn
zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich:
»Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«

Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der
Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«

»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit
bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.
Er ist ein gutmütiger Mensch.«

»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde
mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben
könnte.«

Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.

»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich
nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und
einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«

Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam
der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.

Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und
setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!«
sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen
versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen
zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten
angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß
hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka
hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen
Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen
Kegeln emporblies.

»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold
und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er
sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei
zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben
sieht.

»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie
immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen
schädlich ist? Welche Widersprüche!«

Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne.
»Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen
und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun,
was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er
sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«,
bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins
Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka
müßte man es erfinden.«

Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere.
Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen
traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken
und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen
Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch
eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?«

»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden
Blick und schob Hyrtl von sich weg.

»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und
ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land
fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller
Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so
finster ...!«

Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz
und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit
Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein
Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere
mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach,
denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es
waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren
Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, – ach!
Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich
von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben.
Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben
nicht, du Dummkopf.«

»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig.

»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie
gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder
anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.«

Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von
Hanka begleitet.

Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig
in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte:
»Der gnädige Herr schläft noch.«

Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er:
»Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!«

Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der
Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte
sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er
schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie.

Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein
Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum
Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl.
Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam
der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor
Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes.

Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr
Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang
nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen
und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold
fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß
Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und
sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern
erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen
leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«

Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er
betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich
danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.«

Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich
in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte
Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte
er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig
ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon
von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander.
Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte
Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie
geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies
Arnold zu sagen.

Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen.
Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das
Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds
Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die
angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit
natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn
küßte.

Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«,
sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war
er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«

Hanka ging nach Hause.



Borromeo


Zweiundfünfzigstes Kapitel


Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den
Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß
Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des
Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht
etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf
eine gleichgültige Zukunft.

Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber
nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie
erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem
Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die
Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie
hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein
Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler
das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen.
Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der
wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen
konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte,
ein sicheres Auskommen.

Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von
dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen
Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte
sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, – ohne es zu
wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur.

Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie
ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer
Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen
Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam
Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
von der Kanzlei komme.

Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in
aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr
früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst.
Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin
gebraucht ...«

Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen
und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die
Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte
die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der
flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert
zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der
geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem
Lächeln. »Hast du etwas vor?«

Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich
habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte
skandierend.

Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch:
»Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.«

Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast
liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke
begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du
bist sonderbar.«

Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu
liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er
meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«

»Ach, – er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau
Anna gleichgültig hin.

»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein
richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.«

»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«,
entgegnete Anna Borromeo ruhig.

Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe
träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?«
fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen,
wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas
mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«

»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter
dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.

»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu
erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer
wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah,
war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer
Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann
ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß
wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer
immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen,
sonst geht er zugrunde.«

»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«,
sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln,
als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen
Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den
neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie
sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an
Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt
dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir
dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder
einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es
natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke.
Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß.
Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und
Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die
daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie
weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte
darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich
selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie
trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken,
zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle
andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute
nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort
und mit Eilpost ab.

Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich
nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen
italienischen Roman und las.

Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen
schwermütigen Ausdruck.

Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die
Achseln.

»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«

»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns
zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«

»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«

»Er war ein guter Freund.«

»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«

»Schlecht.«

»Du solltest Karriere machen.«

»Wozu? Es lockt mich nicht.«

»Du solltest reich sein.«

»Ich habe genug.«

»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du
denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt
alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen
entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den
Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.«

»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.«

»Weil ich nichts besitze.«

»Weil du nichts halten kannst.«

»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«

»Liebst du denn nicht deinen Mann?«

Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.

War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit
Smaragden wie sie einen trug, damals ...?

Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.

»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton.

Sie schwieg.

»Sprich doch!«

»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja
lauter Krämer.«

Sie brach in Schluchzen aus.

Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen
ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste,
was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange
und drückte sanft seine Lippen darauf.

Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen
Widerhall gefunden.

Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach
freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten
Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener
Waldstationen.

Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte,
gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen
Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die
Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem
Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem
unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche,
Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und
Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im
Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden
Mantel des Abends, die Millionen.

Reich sein, reich sein, dachte Arnold.



Dreiundfünfzigstes Kapitel


Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich
jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut.
Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu
und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast
ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der
Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold
verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe
seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde
damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor.
Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen.

Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung
geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.

»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht?« fragte er.

»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold.

»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie
sich ausgelebt?«

»Ein böses Wort, lieber Freund.«

»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«

»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu
schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe,
Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«

»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings
halte ich mich meistens an das Nützliche.«

»Sie sind eine harmonische Natur.«

»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen
geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind
nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu
wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal,
wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß
aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick
verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen
sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen,
denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne
an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf
nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät,
und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir
zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein
Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.«

Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über
den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig
entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,«
sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge
ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund
fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während
Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht
länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre,
Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen
bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit.

Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold
zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die
Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort
in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit
regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.

Arnold blieb schweigend stehen.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren.

»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden,
hatte aber jede Unbefangenheit verloren.

»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam
auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.«

Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und
meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.«

»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie.

Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring,
lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt
Ohnmacht über mich«, sagte er.

»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna
leise.

Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner
Mutter verheiratet.«

»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin dreißig Jahre alt und
habe kein Kind.«

»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen
gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott
abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist
blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine
Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was
ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.«

Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander geklammerten
Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit
erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder –« er trat zwei
Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß
ich es schon vorher wußte?«

Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand und nach einer Weile
sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.«

Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn
verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten
nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem
er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer
unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des
Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine
unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich
seiner und indem er stehen blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich
sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas andres sein
könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge.
Das ist es.«

Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck.
»Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie.
»Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?«

Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen
stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.«

»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und
du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit,
die nennt man Moral.«

Arnold schwieg.

»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, fügte sie lebhaft
hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg.
Willst du mir Gesellschaft leisten?«

»Morgen abend –?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere
Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna
reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem
Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer.



Vierundfünfzigstes Kapitel


Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem
Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß
es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er
sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam
wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch
wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor
ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett
aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art
von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem
Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem
Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die
Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der
Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen
erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es
war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle,
fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der
Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen
vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand
von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war.
Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen
gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine
Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen
einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,
und das war Arnold.

Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus
verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter,
zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;
in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und
der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den
Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit
verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für
die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr
zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner
ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in
Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm
ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht
reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene
gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die
Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen
möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den
Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,
welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange
setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große
Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein
konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder
umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?
dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der
Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke
Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum
Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück
und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich
erwartet wurde.

Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder
in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten
ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich
denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter
die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war,
lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf
Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.
Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß,
aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt
durch die verödenden Straßen.

Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte
er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch
waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht
nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die
Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete
endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn
Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche
war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und
ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es
finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein
Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er
die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise
öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu
öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der
in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil
des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein
Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los;
er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört
drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen
stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an
der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit
einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen
entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.



Fünfundfünfzigstes Kapitel


Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend
zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde
nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich
leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach
Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht
das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht
gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen
und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat
in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte
Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte
sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du
nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.

Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider
fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen
Augen einer Wachsfigur.

»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.

»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es
ist nichts, beruhige dich nur.«

»Hast du denn nicht geschlafen?«

Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen
Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er
schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und
besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und
schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er
Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert;
um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand
ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«

»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich
selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten
Verfassung ...«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche
Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich
unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht
verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die
nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«

Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte
sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um
zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde
verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine
halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,
den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun
das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält
aus.

»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er
hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und
liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.

»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn
beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf
ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas
geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte
Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an
die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller
Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu
machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich
während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam,
sie stumm fragend anblickte.

Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck
auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei
gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein
gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner
Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«

Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers
erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du
glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.«
Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen
Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich
selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.

»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen
würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder
Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines
Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,
und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und
was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt
hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie
nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen
darauf.

Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht
glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis
hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn
die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu
erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das
unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.

Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das
Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als
verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers.
»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin
leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«

Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen
ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu
nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran
klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten
zu können.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das
Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr
Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in
einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß
ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst
zugegen.«

Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum
soll er nicht wissen, daß ich da bin?«

Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie
aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend
gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«

Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich
die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht
geantwortet.«

»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in
gesellschaftlichem Ton.

Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der
Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht
die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an
ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann
trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold
waren wieder allein. Sie schwiegen lange.

»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit
eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat
ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es
das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«

Arnold antwortete nicht.

»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«

»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener
lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.

Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie
sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu
Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine
Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos
und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna
erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich
schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist
finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete
eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.

Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und
hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch
nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun
geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, –
aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und
Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem
Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder
Beziehung gut für dich sein.«

Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann
nicht auf dem Land leben,« sagte er.

»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna
liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?«

»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo.

»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich
gehe?«

»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich
kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige
Art. Er zitterte am ganzen Körper.

»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll.

Er schüttelte müde den Kopf.

»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin
gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie
verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte
langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf
die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin.

Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst
macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«

Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich
abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit
dem Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist
eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und
deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die
Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.

Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden
die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle
Färbung.

»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in
diesem Augenblick in dem Manne vorging.

»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck.
»Podolin, – das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie
du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die
dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu
verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:
dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ...
dann will ich nach Podolin.«

Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das
Zimmer.



Sechsundfünfzigstes Kapitel


»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,«
sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so
erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach
Podolin zu gehen.«

Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er.

»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich
gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das
Sofa.

Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn
mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst.

Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe,
sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er
irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich
zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm
zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse
hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen
war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche
empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem
einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe
des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn
selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb
sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er
zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße
ging.

Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick
Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes
Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus
zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide
unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu
stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und
vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in
seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt.
Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er
hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an
jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja
nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst
abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob
gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna
ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet
aber auch nicht ab; sie schwieg.

So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging
hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der
Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang
zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau
trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort
einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja
gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur
Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von
deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das
Gemüt.«

Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen
Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht
vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche
Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber
das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus
Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!

Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut,
ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.«

Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans
Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der
Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde
verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis
Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu
träumen.

Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer
ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte
er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind
vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus
Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was
bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das
Leben knüpfte.

Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im
Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte
Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum
Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein
Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu
können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge,
forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,
der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den
Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts,
nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna
zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte
Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.

Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern
telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den
dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die
Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl
auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm
angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu
sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen
Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders
aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich
Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie
konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und
Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank
in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre
Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein
und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch
hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu
wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.

In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur
Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen
gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die
auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die
nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen,
erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet
wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und
Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit
sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit
eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell
werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor
Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn
bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber
bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er
achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er
sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung
eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm
abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne
Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn
an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,
was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden
Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in
Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende
Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu
schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs
Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,
selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält.

Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst
hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte
Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu
verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des
treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht
jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er
glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der
Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt
auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu
erhalten.«

Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie
gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz
entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie
Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen
in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der
Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben
und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich
stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll
aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein
Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite
der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches
Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die
Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete
hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer,
stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.



Siebenundfünfzigstes Kapitel


Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße,
viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er
flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja
ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem
alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.«
Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.

Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen
war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt,
wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten
wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine
gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens
nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu
folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer.
Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild
auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte
den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste
Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf
einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach
Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war
vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den
tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich
aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da
erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig
zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.

Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf
laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt
er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand
er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich
aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es
Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!

Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der
Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem
Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in
jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer,
dünkelhaft und lügnerisch.

Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich
plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan
und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte
ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so,
ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den
Zug.



Achtundfünfzigstes Kapitel


Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der
Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde
ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten,
und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und
ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam
eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die
Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres
erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge
zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.

Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in
seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und
mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte
Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so
rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der
Zeit ins Ewige hinaus.

Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein
Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,
worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines
Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still
dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück,
bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien
ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie
eine fabelhafte Bergkette.

Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts
den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und
schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus
drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm
Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein
Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache
Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines
Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm
doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme
zeigte.

Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen
Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht
zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre
eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem
schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und
etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er
antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie
betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian
inne.

Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine
Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte.
Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst
verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht
fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon
begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der
Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen,
um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser
Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der
Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr
Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt
nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch
eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor
dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«

Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos
Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom
Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.
Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre.
Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und
Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern
öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.

Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine
steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen
die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der
ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn
hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und
schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das
Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als
brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er
blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur
tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei
Geifer in den Bart rann.

Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst
du mich nicht?« fragte er endlich.

»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer
Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide
Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man
muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«

Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte,
wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen
und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den
Raum.



Neunundfünfzigstes Kapitel


Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das
Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte,
warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.

Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand
aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den
Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt.
Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die
kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.
In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige
Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof,
zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust
zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.

Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er
auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in
das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort,
bezahlen!«

Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter
dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das
geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine
geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte
und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu
schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es
sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht
wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben
ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen
kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen
konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser
geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe
ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig
verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu
wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich
also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?

Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die
Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn.
Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust
und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl,
dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der
Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,
wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht
das Bessere wieder!

Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn
wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper.
Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?
Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich
müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann
entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!

Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,
gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er
in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen
Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar
und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind
niederreißenden Schicksalsmächte.

Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und
heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt
das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel
mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine
verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und
dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im
Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.

Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete
die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige
Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen
Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den
geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan,
kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun
ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen
und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig
winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand
reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie,
»da sind Sie also auch mein Freund.«

Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka
auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich
sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes
lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es
nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen
strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud
sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte
stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten
war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.

Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes
Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin,
rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und
dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen
Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka,
denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht
preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte,
erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.

In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er
das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein
Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien
Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte
zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil
wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes
Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat
er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,
wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an
einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit
allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula
Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden
laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem
Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine
solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen
oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem
Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«



Sechzigstes Kapitel


Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.

Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten
Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.
Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er
wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein
Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot
flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel
oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien
ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.

An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum
Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die
glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft,
durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das
feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige,
halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern
kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen
Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des
Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer
Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen
empor.

Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.
Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte
sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine
Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden
des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf
einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie
eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald
der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als
bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an
den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am
höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im
Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog
ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen
erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus
der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust.

                           _Ende_



Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.
Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.
Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.

Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:

Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.



Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:


Die Juden von Zirndorf

Roman. Neubearbeitete Ausgabe

Geh. M. 4.–, geb. M. 5.–

Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von
Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman,
diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen
Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere
und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die
besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in
dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem
Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord
zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«,
in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum
verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch
einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl
in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der
Handlung die vollkommenste Objektivität.

(Neue Zürcher Zeitung)

Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch
Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und
nachspürenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist
der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und
steht, soweit das überhaupt möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört
nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen
Literatur der letzten Jahre.

(Arbeiterzeitung, Wien)


Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.–, geb. M. 7.50

Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. –
Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.

(Die Zukunft)

Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller
Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller
Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern
dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein
bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes
Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster
Erkenntnis der menschlichen Natur sei.

(Berliner Tageblatt)

Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt.
Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman – damit kann man das
Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es für ein Ereignis. Bei
Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange
verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man
nicht: sie rührt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine
Erfindung im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben von Motiven
ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine
Sprache, das eigentlich Schönste und Phantasievollste an ihm, wächst
aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den
deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer
Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte.

(Die Zeit, Wien)


Der niegeküßte Mund – Hilperich

Novellistische Studien. Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–

In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in
Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß
man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der
Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.

(Die Zeit, Wien)


Alexander in Babylon

Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten
deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
beseelt.

(Neue Freie Presse, Wien)

Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein
Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die meisten historischen
Romane alten Stiles.

(Kreuzzeitung, Berlin)

... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen Romane
von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken
lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in
Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur,
wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen,
um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in
seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der
Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat.

(Berner Bund, Bern)

»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner in Entzücken. Der
weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß es unter ihnen, der
nichts von Babylon weiß. Und auch uns versetzt der Name dieser großen
Stadt in Entzücken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches,
so intensiv, so herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue
Testament nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert
worden. Babylon – das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene,
unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. Und oft scheint es
sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag
dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich
auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden
Persönlichkeit. Und wie er’s getan, das ist bewunderungswürdig.

(Neue Hamburger Zeitung)

... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des Orients, gewesen
sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich
götterhoch über die Mitmenschen erhoben dünkte, Menschenverachtung und
brütende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er
liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel
eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients gebrannt haben; so
muß die Farbenpracht Indiens und die Größe Babylons, die berückende
Schönheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den
mazedonischen Waffen zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander
umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen
erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die Herzen gegen die
Rippen pochen, die Leidenschaften wüten und emporzüngeln und steht starr
und von Grauen überwältigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar
finsteren Verhängnisses.

(Düna-Zeitung, Riga)


Die Schwestern

Drei Novellen. Dritte Auflage.

Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–

In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns
verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen
Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses
stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen,
Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal
seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden
und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu
tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber
fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines
vermummten Bluffers.

Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in
Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich
geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens,
nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte
und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und
Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr
eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller
Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell
mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet.
Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und
des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die
»Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die
»Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse
der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna,
Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht
vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein
wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie’s nur ein Meister
dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem
neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher
schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so
deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt;
daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren
deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und
gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem
Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig
wieder auftauchender Menschen festzuhalten.

(Allgemeine Zeitung, München)

Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um
es nicht mehr zu vergessen.

(Hannoverscher Kurier)

Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen
Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen
Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen
Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller
seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische
Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei
Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob
Wassermanns.

(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)

Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von
einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in
ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir
ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem
ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas
Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich
verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist
nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über
dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein
künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein
paar alte, goldtonige Gemälde vor uns.

(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen
S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.«
S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben.
S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«,
S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a third
and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
lists all corrections applied to the original text.

p. 082: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
p. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
p. 125: [added quote] »Wir können uns auf einen großen
p. 126: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.«
p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben.
p. 255: [added quote] daß du mich liebst«,
p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
p. 295: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
p. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





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