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Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Author: Wassermann, Jakob, 1873-1934
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                          Deutsche Charaktere
                                  und
                             Begebenheiten


                      Gesammelt und herausgegeben
                                  von
                           Jakob Wassermann



                      S. Fischer, Verlag, Berlin
                                 1915



                         Mit elf Abbildungen.

          Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung.
                      _Erste bis vierte Auflage._



[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im
Kunstgewerbemuseum zu Berlin.]



Inhalt


Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   9

Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . .  23
    nach Vehse

Böttiger  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  25
    nach Vehse
    und Schmieder, Geschichte der Alchimi

Moritz von Sachsen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  41
    nach Vehse

Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  65
    nach Vehse

Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
    nach Vehse
    und Dr. Möhsen

Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
    nach Vehse

Kaiser Rudolf II. und sein Hof  . . . . . . . . . . . . . 131
    nach Vehse

Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel,
mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145
    nach Hohenecks
    »Stände Östreichs ob der Ems«

Friedrich Wilhelm I. von Preußen  . . . . . . . . . . . . 148
    nach Vehse

Joachim Nettelbeck  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
    nach seiner Autobiographie

Christian Holzwart  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
    nach dem Neuen Pitaval

Karl August von Weimar  . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
    nach Vehse, Briefen
    Eckermanns Gesprächen mit Goethe



Vorwort


Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein
solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden
müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das
festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste
Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes
verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten
entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als
Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich
die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit
keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen,
dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft
von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren
können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig
und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe
Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
Grund sinken läßt.

Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch
Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das
Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der
Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
Beschaffenheit.

Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
Ereignis?

       *       *       *       *       *

Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten
Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert
mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir
eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch
über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
flüchtig und ahnend zu erleuchten.

In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal
notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von
Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft,
Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so
reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen
feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig
verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
Grund legt.

Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon
von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.
Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die
Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm
gelohnt.

Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker
ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche
Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was
er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein
Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
Beute von schweifenden Eroberern wurde.

Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des
Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als
ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das
jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu
schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch
als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein
beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen
Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und
ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander.

Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die
Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der
Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur
Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung
an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist
sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch
immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.

Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser
drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe
gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit,
und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher
Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
eigen wurden.

Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur
Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.

Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer
religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die
Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder
zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte
nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht
dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der
Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie
eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in
ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin
der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen:
das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der
Jahrhunderte.

Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte
gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen
werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die
Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät,
und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen
Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes
Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie
kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des
geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.

Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue
und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,
großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem
Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,
nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.

[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]

In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur
Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen
unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den
kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt
überwölbenden Moral- und Sittenlehre.

Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und
organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er
König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des
Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit
erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.

Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters
Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der
wechselnden Geschlechter.

Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu
fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen
Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr
ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer
höheren Welt.

Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick,
der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne
Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt
ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt
es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen.

Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb
auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«.

In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der
Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus
Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche
in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die
Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam
nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene
Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
Einfachheit des Gemütes einsetzte.

Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit
beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer,
wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn
hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein
Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort
Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß
aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des
Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.

Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine
Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet
oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der
begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der
des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der
Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen
und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
Politik und des gemeinen Lebens.

So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein
Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, –
insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine
Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.

Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte
Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die
Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß,
damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und
erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und
Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche
Glied eines glücklichen Volkes zu werden.

Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und
langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist
gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der
Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man
rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav
Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«

Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie
die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der
veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
welthistorischen Idee.

Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem
Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First.



Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen


Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter
seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn
gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an
der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne
nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen
Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er
dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das
nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die
Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang
genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen
Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am
Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi
auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte
durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte
sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief
gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich
im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für
Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich
meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der
ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland
und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut
teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und
verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses
Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren
Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.«

Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar
ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die
linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es
auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.«

Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand
zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel
auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
»Komme Er mit in mein Kabinett.«



Böttiger


Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert
in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger,
der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener
Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem
magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er
frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst,
zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren
kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich
sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten
Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und
Kenntnisse rühmte.

Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter
mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes
Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete
darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die
Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen
erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon
gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte,
welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und
dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich
Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des
Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet
sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben
geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der
kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur
Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren,
allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen
verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit
seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf
dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem
Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen
Klosterbruder schließen läßt.

Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte
er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An
dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und
nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in
die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der
Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein
junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er
dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte
er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen
Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn
gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug
er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins
Gasthaus zu bringen.

Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit
ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius
Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte
seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser
endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger
noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis
besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der
Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die
Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die
Alchimisten nicht mehr Narren schelte.

Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert
des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis
dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte,
er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und
Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten,
vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er
von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den
Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die
beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen
vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht
einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie,
könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche
sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die
ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium.

Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als
aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt
dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen
Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er
dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne
Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten
Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das
fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den
Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich
diese, daß es zum reinsten Gold geworden war.

Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in
andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß
machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von
einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver
wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war
alles Metall zu Gold geworden.

Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte,
machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht
für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder
des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald
erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und
bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es
geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl
erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht
verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er
über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando,
das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter
Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger
geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden
als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten
Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man
verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren
sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß
ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus
Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept
sei.

Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre
Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen
voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau.
Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher
eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem
das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft,
nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf
unendlich viel ankomme.

Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein
Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so
daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz
besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer
Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten
Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die
Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren
Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb
Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war
nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen
mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der
König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen
Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage
vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken
ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment,
dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe,
gänzlich mißlungen.

Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf
Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst
unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden,
wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf
die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel
wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd,
brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf
gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden
entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten
seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel
Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner
ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne
betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf
Verstellung beruhte.

Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen,
und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem
berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von
Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er
beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er
war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn
sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre
lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der
Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in
Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große
Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte,
er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es.

[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu
Gotha.]

Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er
bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten
Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als
Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle
Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung
stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte,
stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner
Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein
besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte,
aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer
Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein
Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden
Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele
andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte
Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der
seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der
Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in
Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den
Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends
fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er
konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie
einem vornehmen Kavalier.

Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel
Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten
Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter
lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf
die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die
zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger
überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen
mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm
wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers
Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von
»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er
Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder
»l’homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit
seinen beiden Vornamen oder mit Notus.

Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch
den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas
umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein
Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während
dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein
Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den
Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit
unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm
einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor.

Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der
Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls
erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen
lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei,
ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle
mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht.
Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er
sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei.
Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel.
Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn
Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte,
daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um
seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen
treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine
Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.

Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen
Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen
Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm
Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu
haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu
scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal
nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich
kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend
genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären
und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend
Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu
bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von
der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen
Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch
Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur
verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile
Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König
mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er
sich seines Auftrages gut entledigte.

Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt,
die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte
er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen
bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher
bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den
Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für
seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein
paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie
kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
Doktor Pasch zu teilen.

Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause,
worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken,
wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken,
erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.

Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut
bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und
lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es
Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort
aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor
Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach
vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu
verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis
zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf
einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur
böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin
zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie
er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig
in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung
an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb
er.

Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704
kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen.
Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans
bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der
Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die
auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten
versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde
»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer
das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und
schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«.

Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß
zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher
gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände
passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson
gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den
König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn
aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei
Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst
1707 nach Dresden zurück.

Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach
der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles
durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das
sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er
schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach
Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er
seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere
Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er
endlich, daß er kein Adept sei.

Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der
damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie
eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch
herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der
Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das
chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen
ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder
Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge;
die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben,
der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die
Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs
feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene
Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es
darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über
zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte;
gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das
Verkaufsgeschäft.

Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang
Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn,
besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe.
Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und
wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte
ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen
und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der
Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition
ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem
Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er
starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt.



Moritz von Sachsen


Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21.
März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus;
sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so
glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er
unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam
waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die
Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit
ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am
Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige
Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die
Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen,
die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte,
konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm
sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines
Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig
schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann
weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die
traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit
kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz
durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte
ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.

Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der
Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die
verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er
starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später
über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft
vorziehe.

Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er
trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter,
der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er
vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er
weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im
Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen
von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen
sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser.
Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit
Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser
nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl
ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von
Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange
getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn
nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste
Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der
Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen
aufzuziehen.

Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog
Moritz’ gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß
auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten
Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer
vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der
Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht,
sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so
schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten
ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er
die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So
war es auch am Tag von Mühlberg.

Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog
Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche
zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon
nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den
Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten
und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der
Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und
die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel
geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich
der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber
sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu
stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob
sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert
habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um
bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde
dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen
zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein
Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und
einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten
nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel.
Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst
nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen
Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz
einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ
ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es
ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben,
daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar
nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig
zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als
die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt
empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen
den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt
vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie,
hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich
mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber
nicht mein Volk.«

Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen
schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen
Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen.

Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur
Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die
Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich«
brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite
her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres
Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und
heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich
offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei
ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute.
Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus
Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu
vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich
gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der
Kurfürst seinem Volke zugeschrien: ›er wolle auf diesen Tag Leib und
Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.‹ Als nun
das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er
sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk
gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe
ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der
Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.«

Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die
Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil
gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des
Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um
Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes
Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König,
hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu
lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus
Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen.

Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich
ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und
hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er
tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das
Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch
herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den
neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich
sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von
Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann
Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem
Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert
und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.

Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung
von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem
Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal
weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen
Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den
Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf
seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd.

Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers
ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der
sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief
aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser
erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte.
Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach
spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder
nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem
Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions-
als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er
wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen
mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach:
»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun
bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.«
Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und
bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen
mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser
zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten,
wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns
wohl zu halten.«

[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der
Werkstatt Cranachs.]

Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter
und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr
als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr
als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in
Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest.

Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten
sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte
sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein
spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches
lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung
und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen
Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten
Walstatt vollzogen werden solle.«

Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt
hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein
einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit
seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er
erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir
handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich
beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit
ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.«

Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben.
Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber,
das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde;
selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn
und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von
fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation,
demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu
Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion
beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst
beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus.

Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz
das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in
die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz
ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu
den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid
eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig
im guten gedenken.«

Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der
war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann
Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser
forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend
Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land
und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde.
Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen,
verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den
Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die
Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor
dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner
andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder
Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit
den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren
ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das
verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der
Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am
Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem
Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen,
italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf
Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und
traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen
Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte
sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten
Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob
langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart,
ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des
Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete
der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte
nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre
Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und
die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament
im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm
Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert
spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für
die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim
von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um
Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen
und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er
versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde
mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm
der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft
verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn
verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die
die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu
besehen.

Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen
Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf
ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und
fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu
leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn
verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie
Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht
ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es
vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und
»ewig« zu danken.

Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der
Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien
schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste,
großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt
mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich
wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg
ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte
aufgeschoben werden.

Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich
zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte
niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine
Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein
protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er:
»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser
Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch
ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das
Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte
zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am
Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.«
Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser,
der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück,
das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte
Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.

Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das
Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager
beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte
Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte
er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte
Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des
Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der
Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine
schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte
täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte
fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also
Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der
ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm
nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert
hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth,
wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache
lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß
sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder
durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn
Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren,
Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.«

Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz,
der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und
weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter
schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten
Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der
damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von
ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und
dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.«

Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem
großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl
her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag
ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt.
Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels
einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne
Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand
den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark
schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii
Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen
im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen,
wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie
heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende
Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast
von über zwei Millionen Gulden zu tilgen.

Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung
an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte.
Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die
Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er
Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem
Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige
Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne,
und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine
merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer
fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552
beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den
Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von
Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der
französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und
unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.

Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte
sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere
in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient
hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch
zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern
oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager.
Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre
am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen
Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten
die bestochenen Leute lauter falsche Dinge.

Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl
erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet
ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre
seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn
getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen
Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident
plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat
mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm
verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine
ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen
besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.«

Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt
und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg,
wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich
unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt.

Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen
in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten,
einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls
verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm
geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe
aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die
Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen
Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen
Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So
erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der
Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen
schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden
sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld
schuldig war.

Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der
zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er
sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von
Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich
nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé.
Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf
Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis
Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward
aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe
Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs
Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In
demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von
der Reise.

Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in
einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen.
Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der
Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze
Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und
im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen,
das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht
die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte
abermals um.

Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem
Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung
einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen
Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti,
unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die
Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen.
Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke
zu suchen – da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz
mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des
Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das
Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß
Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So
erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von
heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein
brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der
Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem
Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem
Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst
sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf
seinem Wagen ein Lob- und Danklied an.

Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in
die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in
Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem
Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten
als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf
ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den
andern »Don«. Moritz’ Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich,
zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit
zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei
Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der
Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.

Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König
Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg
und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den
Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede
abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe
gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre
Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der
Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er
auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In
Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre
Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn
wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm
entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten
Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer
auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem
Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen
das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine
Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas
Cranach.

Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel
zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht
glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier
angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen
Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum
guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach
den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu
ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die
Judasfarbe ablegen.

Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in
Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen
seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen
Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm,
das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein
gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der
Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden.
Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die
Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend
Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die
fränkischen und sächsischen Lande.

Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden
Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit
dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine
silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch
seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll
sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun
aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere
des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament,
und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes
Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht.

Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die
Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn,
mein Sohn!«

Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen
des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu
schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen
seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der
Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht
als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm
ein Rad übers Bein ginge.«

Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland
zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt.

So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes
begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten.



Wallenstein


Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte
einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften
Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam
zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und
beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf
Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der
böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige
Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche
zuführte.

Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn
Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es
habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und
Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten,
und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden.

Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen
Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England,
Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und
Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in
Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in
die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf
gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die
Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf
eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten
alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um
seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an
seiner Seite.

Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den
Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer.
Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon
anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber
dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach
Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und
nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien
und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten
und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man
ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein
Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den
Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der
reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im
allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden
adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die
Ursache hinzuweisen.

       *       *       *       *       *

Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits
einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder
Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug
seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er
einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete,
umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was
Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser
eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester
waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als
überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich
in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem
Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für
die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der
unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen
in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der
Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die
Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an
allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die
Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand
und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er
gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an
Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine
vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der
Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben
wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle.

Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen
Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und
ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu
fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand
weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die
kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er
betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn
protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und
forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen
geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte
Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu:
»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick
schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen
Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie
retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von
der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte
die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn,
nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber
gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche
Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit,
als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner
Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein
unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien
auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers
Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen.

Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von
dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er
König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen.
Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun
guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den
König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte,
der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen,
den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er
sich auf seine Jugend.

Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der
Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die
Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die
Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich
gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die
Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen,
sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er
hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte
es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen,
die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre
krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte,
Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen
den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben
Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu
solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der
Arbeit seine Ruhe haben.

In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein
paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die
Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische
Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im
Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache
dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die
Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone
aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe
verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne
Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und
man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die
Statue anzutasten wage.

So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden
Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen
des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh
und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln,
aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im
Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag.
Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte
Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer
Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus
der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige
Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war
Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht
geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden
Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die
ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die
sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen
in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine
Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das
Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und
wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die
Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und
die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das
Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte
entschieden.

Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar
von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden
bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne
Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug,
sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des
wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den
Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat
erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot,
versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann,
ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat
willfahrte.

Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in
den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und
geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland.

Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate
lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel
sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten
Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung
zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung,
daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten
Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.

Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes
verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand
seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren
solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er
erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der
Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen
Befehle zu überbringen.

Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die
Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren
begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der
Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche,
wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war
mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der
Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein
regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein
schöner Regenbogen über den Lorenzberg.

Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen,
drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den
des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den
Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz
alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über
siebenhundert Jahre.

Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie
hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach
Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien
und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der
alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten.

Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon
verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um
die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn.
Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten
sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils
halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die
konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen
Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den
Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der
ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und
viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins
Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit
Gewalt wieder katholisch gemacht.

       *       *       *       *       *

Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel.
Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit.
Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark
sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland,
England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus
Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur
Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein,
der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter
eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum
Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser
befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er
aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen,
denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen.
Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den
unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate
vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß
unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern
es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier
des Heeres war in Eger.

       *       *       *       *       *

Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf
und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das
jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der
Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot
unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten
Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein
Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen
riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur
Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und
jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen
auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung
zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke
ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den
Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt
die Bestie hängen.

Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen
Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag
machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge,
antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder
krepieren.«

Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange,
hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die
Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und
aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick
finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von
Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von
Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen,
Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und
eine lange, rote Feder auf dem Hut.

Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles
still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren.
Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man
sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl
geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit
lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst
versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und
Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig,
aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff
abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn
er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers
hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn
nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere
Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas
Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese
Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm
die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn
krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor
allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die
seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.

Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war
er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an
seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab,
solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich
es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht
gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach
recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich
selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner
Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der
Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in
wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er
viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den
Oberbefehl übernahm.

       *       *       *       *       *

Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er
überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des
folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke.
Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen
Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür,
und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das
Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen
niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und
ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht
werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder,
die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die
Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein
diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie
mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge
wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden
Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine
Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den
beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über
die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten
Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem
fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des
allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher
den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten,
um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder,
die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war
der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und
demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern
Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm
gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem
Geld.

Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand
wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen
Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die
Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann
hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare
Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die
Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten
standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den
übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins
forderte.

[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.]

Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von
Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die
abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man
müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart
müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem
Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde
er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen.
Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der
üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid
reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland
schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen
von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.

Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde
langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und
der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens
des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das
berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte,
was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort
erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten
erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und
Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das
Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu
gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der
Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet
wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen,
und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler
seien als Rebellen.

Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der
Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten
und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel
abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese
Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder
mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die
Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen.
Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.

Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen,
der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem
Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer
verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß
angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den
Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser,
so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu
verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in
Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere
Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der
Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen.
Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich
vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen
hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland
gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern
auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine
Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung
zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht
die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie
die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es,
Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein
Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur
Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der
Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb
sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo
alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie
einen größeren Triumph gefeiert.

Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der
Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu
überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen,
anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig
beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten.
Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit
wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich
nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom
Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des
Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich
Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten
den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine
Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der
Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh,
daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber
Gehorsam will ich leisten.«

Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums
Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig
Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.

       *       *       *       *       *

Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter
in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn
die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für
Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er
wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus
Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung.

Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und
großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen
vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit
freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt
fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und
Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte
große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine
Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften,
sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius,
das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für
ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und
gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen
Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch
bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die
europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die
französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die
eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern
und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen
kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer
Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei
doch den Verstand bewahrte.

Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die
kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel
Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die
Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von
den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die
Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten
Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich
vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und
Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war,
einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich
von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer
Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims
Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm.
Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen
Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen
Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.«

Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann
vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er
erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb
die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr
Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand
stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen.
Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog,
schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der
Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge
dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly:
»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und
Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs
Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den
Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen
Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller
oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über
zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung
Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An
den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen
Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß
wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als
Zuschauer gehabt.«

Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es
nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde
Messe gelesen und das Tedeum gesungen.

Das Kriegsvolk aber sang:

    »Magdeburg, du stolze Magd,
    Hast dem Kaiser den Tanz versagt,
    Jetzt tanze mit dem alten Knecht,
    Geschieht dir eben recht.«

Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer
Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich
rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst
Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines
Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der
Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und
Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav
Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er
südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern
Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke
ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.

Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig,
er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte
seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden
von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff
ihn, selbst Pappenheim erbleichte.

Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit
zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige
Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly
seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf
Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem
Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen
Schimmel.

Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die
Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden
Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die
Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen
Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh,
und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater
Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly
starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei
Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit
höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen,
teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen
erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager,
alles Geschütz und über hundert Fahnen.

Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und
Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue
Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee
hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es
sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen
jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch
geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die
»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt
nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte
und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach.

Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner
Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest
feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen
Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei,
sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem
Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu
tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die
Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen
sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche
Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav
Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin
küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte
sich und riß dem König die Halskrause ab.

In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein
gegen den König von Schweden heranziehe.

       *       *       *       *       *

In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon
von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an
seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine
und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen,
wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den
Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig
werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich
mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten
verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt
geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem
Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß
eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus
derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und
die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin
zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig
und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und
möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce
picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe
verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«

In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine
Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast,
den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser
niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die
Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu
dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste
gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen.
Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf
Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister.
Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht,
trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig
Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen
Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere
bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus
marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in
fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er
sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren
mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem
Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem
Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von
da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.

Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine
Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils
aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam
liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem
Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für
seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu
erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte
nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni
bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und
seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war.
Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte
mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf
einen indischen Rohrstock gestützt gehen.

       *       *       *       *       *

Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach
der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann
wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war,
und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf
ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog
mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor
Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag,
zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach
Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an
Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der
gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein
wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu
unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber
vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so
entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu
übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein
Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des
Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer
Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden
oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der
Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen
Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß
Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als
#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein
österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die
Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern.

Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am
Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art,
daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so
phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das
Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll
Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede
Erwartung heuchlerisch erfüllt.

Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer
von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien
Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen
von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der
ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen
mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt
hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte
sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte
Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie
es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher
begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder
weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang
aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt
ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber
noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein
vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf
des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das
anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder
Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume
umgehauen und die Dörfer verbrannt.

Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein
hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der
Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem
Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser
Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem
Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.

Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen
Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein
Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden
werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete
einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall
der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes
andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein
klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.

Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der
wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt.
Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in
blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem
finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte
er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch
Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich
mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals
geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm.
Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war
so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte
sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er
einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott,
mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das
Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen,
nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen,
daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König
wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn
fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die
Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können,
durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen
Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den
Leichnam dahin.

Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs
verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene
Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt,
griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit
vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der
heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag
vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche
Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine
Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie,
wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott
erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen;
ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.

Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des
Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt
ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden
bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu
folgen bis ans Ende der Welt.

Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ
in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg
erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den
Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen
hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs
zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der
es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger
aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig
rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb,
sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit
denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft
ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe
und von blutgierigem Haß.

       *       *       *       *       *

Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des
Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg
unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich
am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland
zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein
ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai
brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß
aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der
in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde
einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der
beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im
Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den
Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter
zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den
Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß
Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die
Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein
gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone
Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten
festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre
jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber
der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der
Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die
Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit
dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener
Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern
gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus
Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein
Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ,
daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.

Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er
gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in
seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit
Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in
Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu
tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann
Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl,
sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach
dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam.
Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden,
den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch
sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht
hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien
stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab
ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich
so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster
zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet,
stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener
Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese
unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle
hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu
werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen
zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde
der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der
flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und
Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf
keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach
Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen.

Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige
Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter
Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese
Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen.
Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn
er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn
verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach
Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem
teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die
Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte
Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich
dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der
spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der
Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite
Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die
Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde
preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit
aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch
tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis
zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der
Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser
Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
an.

Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein
verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der
Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns
vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden
wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme
zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß
korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über
amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim
und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner
Huld und Gnade.

Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im
Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald
willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem
Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten
Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die
Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es
sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der
Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand
Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald
bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel
längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus
angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und
eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane
Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten
erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich
vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche
meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei.

Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas,
Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen
untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka
anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in
Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers
nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er
befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei
Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich
erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine
#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten.

Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte
Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen,
auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen
konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er
sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn
auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er
rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht
glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines
Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg
aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück,
endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein
hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den
Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er
aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in
Verbindung zu setzen, war Eger.

Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am
24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner
Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren,
fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor
er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht
Kompanien Dragoner zu ihm.

Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus
nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit
seinem Regiment auf Prag zu rücken, – bei Todesstrafe. Schon diese
Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz
führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung,
Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der
Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini
über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein
ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf
dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und
entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er
versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben,
während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war.
Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt,
Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.

Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment,
Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den
Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich
Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese
drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus
dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die
Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem
Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte
Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in
Eger einrücken würden.

Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein
Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem
Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg.
Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen
veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und
hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche
Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die
Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben,
das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand
darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen,
nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser
auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den
Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die
andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können,
wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes
Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den
Schlachtopfern allein.

Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden
Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit
sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa
d’Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und
Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!«
Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten
auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn
über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach
kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte,
stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von
Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für
einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im
Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen.
Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und
wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern
preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.

Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der
Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte
Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der
Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt
es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige
Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches
bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament
über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«

Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus
ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im
Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn,
welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den
Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm
bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein
hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt
veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky
im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer
Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die
Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu
Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen
Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt.
»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans
Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane.
Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben
empfing der große Mann den Todesstoß.

Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys
Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen
der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle
nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht;
wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in
der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde
er unter dem Galgen eingescharrt.

Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten
ihm die Beine zerbrochen werden.

Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die
Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust
eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein
undurchsichtiger Schleier.

Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen
Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel
das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt,
die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle
Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und
Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.



Leonhard Thurneyßer


Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren.
Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und
aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem
siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines
Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von
Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und
verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und
Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der
Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser,
in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg
Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach
Tirol zurück.

Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er
fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und
Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und
Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie«
enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim
Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu
Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation
einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen,
mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«,
und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt
es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse,
unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.«
Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde
Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische
Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und
Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.

[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen
Holzschnitt.]

Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer
Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank,
Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von
Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten
Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.

Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche
die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß
es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter.
Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält
23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört,
blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo
man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie
nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete
seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein
und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst
Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.

Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer
zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende
seines Lebens zu erhalten, – wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende
Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet
hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er
hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in
ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und
sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und
breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der
Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580
bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.

Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine
Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein
Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof
zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in
Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte
Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine
Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina
brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie
Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn
Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
sollte.

Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige
Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er
richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die
ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini#
kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal
einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten,
und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen
gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.

Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen,
arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift:
gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer.
Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen
Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin
kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold
von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte
und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des
Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen
und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in
Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder
zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum
nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten
Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von
Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten
Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen,
den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden
schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher,
Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten
auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit
diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
zu machen.

Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika
beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn
die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580
lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
gestorben.

Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind
geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen
Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren
gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem
Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute
ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten
wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe
Geistliche gaben sich damit ab.

Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals,
1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen,
benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große
Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger
Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er
doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten
der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus
der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis#
waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine
besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren,
glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer
Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und
wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer
verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte
auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.

Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz
bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten
Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll
ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von
seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für
entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst
Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.

Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und
brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer,
Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die
chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den
verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen
gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während
außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.

Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade
des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen
ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau
gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn
nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie
brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser
Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und
seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich
gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für
würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange
Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz
zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug
zustande gekommen war.

Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem
Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.



Danckelmann


Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von
Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung
Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war
1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte
Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die
Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue
Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke,
Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition
Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.

Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in
Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine
Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England,
Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der
Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei
Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676
kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten
Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete
er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo
er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder
zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn
Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli
1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe
Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum
Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die
Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein
vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der
Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines
großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben
Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold
in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem
bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring
zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben
Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als
sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten
umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte
auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand
abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der
Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft
zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter.

Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den
Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte
aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen
sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese
Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer
im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des
Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis.
Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der
dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte
Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und
außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler
zu Minden.

Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr
selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von
tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen.
Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten
Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen
Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann
befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem
Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die
dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der
Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder
und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald
vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn
meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe
meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die
Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.

Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns
Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die
Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe
verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen
hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in
Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der
auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen
wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof
versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen.
Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall
Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den
Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg
erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es
ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.«

[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.]

Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann
auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn
natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und
brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz
erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals
hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre
lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in
Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der
Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf
erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten
Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine
Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später
nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern
Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte,
begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und
zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß
konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und
Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und
Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die
Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit
seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten
hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt
der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm
ging öffentlich mit ihm zur Kirche.



Kaiser Rudolf II. und sein Hof


Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die
römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.

Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in
ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes
sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und
dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich
ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid
und eine verzehrende Eifersucht.

Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals
nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre
Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern
Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.

Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es
kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das
vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt,
überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner
Sammelwut.

Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere.
Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit
ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf
Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her
peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und
griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen,
Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der
Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte.
Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast
zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld
veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht
verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.

Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die
Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst
in seinen Dienst gezogen.

Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und
manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine
Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten;
er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie
mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
und in der Retorte Menschen zu erzeugen.

Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß
dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen
Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der
Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen
gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen
Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt
voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte
in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit
sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große
Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach
Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen
als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem
Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der
geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der
einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die
unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im
Gefängnis.

Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich
Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man
fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
Ziegelsteinform gegossen waren.

Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt
sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus
angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm
zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.

Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem
Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon
liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu
mildern versuche:

[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]

»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der
Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens
hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt,
deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den
Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt,
freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei
losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel
zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen
worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den
Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich
sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück
beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung
hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten
und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«

Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien;
die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen
Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen
Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen
seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren
Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der
Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige
Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich
war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob
sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich
diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr.
Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark
vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ
er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich
Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte,
erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall;
er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern
seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.

Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen
Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine
Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese
gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch
immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und
setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt
einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten
weißen Hose ein spanisches Wams.«

In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an
sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen
Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute
den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er
gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit
Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig
stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.

Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen,
Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe
auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit
Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus
fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich
als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu
nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für
ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß
sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.

Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit
mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte
sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den
Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der
Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen
Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren
gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief
auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte
Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte
ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später
die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu
können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht,
daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du
undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du
deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«

Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser,
indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des
kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens
höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem
Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«

In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische
Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt
hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie
dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den
Ordensketten.

Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische
Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur
Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel
niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben
mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«

Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte
Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier
Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das
Herz.

Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er
ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im
Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen.
Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen
Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals
auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper
wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der
Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im
Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das
er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.

Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein
wildes Blut erbten. Don Carlos d’Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein,
der vierte jedoch, Don Cesare d’Austria, hatte an einem Edelfräulein
Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater,
ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.



Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581


Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war,
ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner
Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine
ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach
schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die
Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil
Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die
Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend
ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde
die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von
Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um
Ordnung zur Heimführung zu geben.

Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen
mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten
sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und
zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die
andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die
Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann
drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen
Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei
Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen
Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann
Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen
Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein.
Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und
mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs
gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen
hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch
bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine
Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen
um zwölf Uhr Mittag.

Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan,
ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen
worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen
Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich
und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden
gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann
gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst-
und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben
werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach
der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander,
und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und
die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen,
Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen
aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.

Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und
die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde
Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten.
»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der
Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf
genannt, Herrn Gabriel Streinz’ Diener, der ist im Saal gewesen und hat
das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches
gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer
vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist
nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf
Ehrenreich Streinz’ Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt
woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne
Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe
gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche
außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl
ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind
überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er
hat nichts sehen können.

Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren,
Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.



Friedrich Wilhelm I. von Preußen


Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs
des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von
Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des
Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein
äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der
muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner
Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits
in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht
möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar
nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von
England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde;
sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg
seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.

Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen
Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft
brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur
Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff,
welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen
bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten,
um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.

Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als
Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der
zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die
Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so
witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie
nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen
von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes
beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte
es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine
entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich
gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle
âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf
Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle
Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da
solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die
nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller
Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein
ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging
es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen,
die Musik war ihm geradezu unleidlich.

In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das
Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin
bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer
war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des
Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der
Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien
und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt.
Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den
Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war
ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er
ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte
Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan
einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein
so guter Christ er auch war.

Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später
nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in
ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder
Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem
Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
Sohn Friedrich angedeihen ließ.

Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von
seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie
befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den
Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war
acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel
führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß
der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine
immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich
in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und
auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur
Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline
heiratete später den englischen Georg.

In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer
Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough
hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin
zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines
Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude
war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen
mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie
Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie
war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet
und lebhaft, ehrgeizig und stolz.

Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur
Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer
seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles
war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich
sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von
Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände,
und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß
beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze
abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ,
anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer
Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den
Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm
ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und
Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten
Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt.
Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer
besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows
Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche
Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später
im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie,
deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der
englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die
Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn
dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er
Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die
Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod
erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der
Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so
hätte ich ihn verhaften lassen.«

Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den
Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem
italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf
die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann
wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in
der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs
des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen
Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.

Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten
Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das
Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold
hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am
Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet
dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt
verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten.
Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die
schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz
vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er
die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler
zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den
Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König
durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in
leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des
Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder
zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen
verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern,
das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich
verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu
Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow
schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach
göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch
zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker
Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit
langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er
bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und
ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen
verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein
Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.

Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß
Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das
Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so
werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und
erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte,
ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not
war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er
den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In
Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die
beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und
das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.

Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit
der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen.
Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst
erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre
Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt
dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister
spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin
Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter
Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das
preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem
freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt,
gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er
ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals
regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie
irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine
Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten
sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die
stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter
den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn
hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und
beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein
Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts
verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in
sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu
erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft
vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch,
was er an ihm besaß.

Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch
immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu
erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich
hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von
derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb
das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das
Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich
ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine
merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom
Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich
genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei
Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter
Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur
wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man
mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer
starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter
keiner Maske.

Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem
vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche
Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten
vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber
in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des
Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an
Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände
gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und
verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2.
Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele
stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher
Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten
Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte
der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8
klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und
Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich
sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle
verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er.

Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße
Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden
für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von
befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber
mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth
vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für
jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren
schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen
deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im
Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr
langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit
sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach
einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der
Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu
beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der
Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und
den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem
Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn
aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische
und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich
entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann
die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als
Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt
hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer
Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie
Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter.

[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.]

Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll
rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde
mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis
noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen
zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen
andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine
Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten,
damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte.
Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote
Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle
Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht
lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen
wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht
von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider.

Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment
genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von
allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern,
Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen,
konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren
seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein
Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er
malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer
Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und
zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen
Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu
halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern
schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder
aus der Taufe.

Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu
halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden
jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die
Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und
Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht
wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal
bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der
einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt
ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg.
Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs,
wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim
Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu
hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren
furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die
Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam
zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern,
erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den
Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle
Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt;
ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne
derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten.

Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine
Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen
Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht
vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und
einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers
Kammerpräsident wäre.«

Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich
waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen
Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er
seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit
großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu
ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke.
Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte:
»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen
abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen
Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als
ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach
England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen,
schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in
der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der
König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die
englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige
durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.«
Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu
einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter
Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut
bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als
einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der
Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor,
daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr
Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften
seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort
entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem
Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den
Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine
Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte
er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf
Englands Untergang zu trinken.

Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte
Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz,
und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer
vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte
tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man
nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden.

Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich
allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei
Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch
erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr
seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst
schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so
gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen
wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab
verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten
geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er,
»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der
ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und
da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und
kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß
alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen
attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von
der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen
sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre
später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine
Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann
und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch
zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm
eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf
fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich
erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er
aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde
Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei
einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten
Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich
rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so
über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne
sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst
und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe
über dich lachen.«

Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei
militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward
eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das
einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die
von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den
Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und
die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern,
Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als
möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne
Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und
Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als
woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der
Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag
noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen.
Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei
einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der
Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde,
widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in
einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben
Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette
auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß
alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig
anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er
frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken
und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf
Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle
Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das
Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was
zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii#
repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem
Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und
essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn
Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich
sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet
auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine
Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen
soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs
genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich
bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst.

Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter
Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch
das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren,
das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste
Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs
tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich
Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und
unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der
König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte,
behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich
Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten
Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den
Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und
Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der
König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den
Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den
berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte
Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar
noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß
ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte
im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische
Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher
verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte,
schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich
mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken
abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige
Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken
in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der
zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne
anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten
wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm
plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber
der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des
Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf
einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn,
warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn,
sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete
Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne
Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete
Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben,
Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte
in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel
rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem
König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«

Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und
auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür
war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der
Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte
ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten,
ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als
vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der
wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal
erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine
Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte
Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es
der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich
Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich
fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu
verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und
das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die
Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten,
drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete
mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu
drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von
seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren
Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht
fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein
Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter
zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach
Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das
furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht
gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom
Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher
Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die
Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der
zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall
geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen
Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel.
Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am
Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet.
Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und
Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam
und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne
Notwendigkeit.

Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern
und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die
Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem
hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs
Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch
länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der
Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von
Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee,
bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer,
Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm
Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und
Gesandten.

Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und
rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein
weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich
rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten
wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf
war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen
den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König
höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken
gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut
Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend
dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die
Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener,
auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie
vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser
hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling.

Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er
war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der
Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum
Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen
Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven
Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der
russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch
Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß,
recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben.
Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des
Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten
Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter,
mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen
Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit
langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen
Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln
und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle
des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er
gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.

In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab.
Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr
verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen
hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward
ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem
Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden
und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und
Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und
Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu
verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der
preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum
geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister,
»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum
voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer
im ganzen Land übertragen«.

Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht
mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und
Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn
aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person
vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen.
Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem
Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König
behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde
gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären
herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der
Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren
Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da
packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an
Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen
Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das
Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit
des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu
Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der
Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten
halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und
zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen.
Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer
zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang
die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen.

Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem
Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder
holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine
ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der
Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar
mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher
Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen
seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb
Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten«
eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und
erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen.
Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der
zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und
sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern
versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner
Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und
bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang
nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn
im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König,
die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu.
Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren
Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte
Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte
wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen,
warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur
mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing;
Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten
Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit
geben, daß er noch lebte.

Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion
ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom
vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges
Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten
Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt
bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben.
Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn
Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und
Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte.

In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin
unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und
Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo
Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die
Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner
Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen
hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe.
Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem
Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim
Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das
Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der
Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und
einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe,
bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein;
er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt.
Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.

Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein
Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt
worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen
gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei
Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange
halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich
nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde,
dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das
Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer,
Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit
zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch
einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und
Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel
eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König
besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und
dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum
honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten
Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust
aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird.
Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch
in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des
Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück,
es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein
Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt
seien.

Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah
darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und
Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den
Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn
der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten
Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte
Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den
späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern,
die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik
hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen,
die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche
ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen,
etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten
von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die
Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals,
und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß
bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte
komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er
hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich
wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten
lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs,
sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute
ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte:
»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm
noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur
sechs Schweine in seiner Musik?« – »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab
Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto
solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt.

Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit
der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der
Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht
an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,#
schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen
Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die
Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die
Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz
neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal
äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich
seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch
richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie
ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche
Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an
seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst
wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines
Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus
nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.«
Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und
furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den
Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß
seine Weste fast vier Ellen weit war.

Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle
stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des
Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei.
Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein
Untertan.«

Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere
Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine
Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und
öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den
Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn
zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin
einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich
die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen,
um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht
zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht
erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als
Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept.
Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine
Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen
Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte
Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus
königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile
der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt
kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in
Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten
bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den
Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor
sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut
erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann
zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in
den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht
haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs-
und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte
Schlubhut daran aufknüpfen.

Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die
Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern
nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot
erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der
allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage,
und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät
ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran
nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr
und König und tun, was Wir wollen.

In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott,
Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die
ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in
den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das
und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den
König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner
dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die
Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen
arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner
Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte
kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner
Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der
König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres
Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben
sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf
sie ab.

Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel
vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel
mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein,
und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um
Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point
d’argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die
Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts
des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht
wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug.

Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin
hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste
Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-,
Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert
Taler kostete.

Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm.
»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen
Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne
an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die
späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher
Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien,
Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten,
Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen
und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke
sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein
ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble
Folgen daraus entstehen dürften.«

Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner
Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er
einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten
ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette.
Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er
so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß,
und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so
fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit
anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es
denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte
der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem
Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und
nicht fürchten.«

So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem
Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die
Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und
sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er
ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu
verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der
Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger
Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen,
sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung
abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum
Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen.
Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der
erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und
hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der
Königin wurden sie in Monbijou bewirtet.

Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse
Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen
und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft
Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war
August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des
Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser
Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er
verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die
Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war
verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die
Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er
einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur
noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht
mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und
Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem
sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in
Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den
Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu
Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der
Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die
innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der
König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort
schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die
Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in
einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige
Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames
Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter
Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott
erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett,
worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das
Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow
glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde
widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm
Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht
und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von
Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An
Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem
Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben;
ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich
kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause
hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.«

Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und
sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des
Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst
Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen
seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von
England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler
Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu
unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der
Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit
immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau
immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht
gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach
dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die
ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur
großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte
er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er
schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher
Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer
Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das
Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das
Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam:
Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den
Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.«
Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine
Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er
schien nun sehr niedergeschlagen.

Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen
Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans
Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl,
daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau
und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf
die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine
halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte
lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges
Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der
Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er
steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und
rief: »Er soll nicht stillstehen.«

Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er
starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde
eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des
Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er
ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst
ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens
dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.



Joachim Nettelbeck


Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck
am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem
Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls
Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen
herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die
Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus
jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe
schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit
auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein
größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im
Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte
ihn nach der Münde lassen.

Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein
großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm
sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte
und okulierte.

[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig
Heine.]

Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im
Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil
man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit
Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in
den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren
eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig
zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald
waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das
Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites
Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden.

Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine
Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals
noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl
damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie
beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie
riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie
fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie
herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine
zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des
Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der
Bürger.

Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich
von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen
konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab,
und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine
Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache
soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer
Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die
Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die
Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so
verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren,
und der Vater schlug ihn.

Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er
sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen
Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft
verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer
vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des
Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In
dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes
hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten.
Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl
zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer
gelöscht werden mußte.

Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit
auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er
die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf
einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und
wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff
war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh
erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort
blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber
seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh
neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und
ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht.

Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung
mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer
Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren
ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der
Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem
Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und
Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen
durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen
gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der
überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die
Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum
Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für
alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte
schleppen konnte und nicht mochte.

Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte
ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute
von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und
er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen
Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick,
wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen,
weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden.

Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber
wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte
sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die
Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es
nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines
Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo
er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief
ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf
der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl
sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte,
daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock
über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum
Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land,
wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere
Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten
Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte
in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel
zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und
ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer
gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen.
Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und
dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf
nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der
Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich,
das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen
Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck,
stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und
nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß.
Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er
mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher
in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem
Nutzen.

Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch
nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch
die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die
feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge
Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck
begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken
zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt,
hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff
nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war,
wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand
dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges
blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum
etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren.
In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von
Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.

Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im
einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses
Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und
allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und
beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und
verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja
beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme,
immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in
Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder
verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und
trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen.
Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck
nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die
eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu
gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die
Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und
silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er
mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung
der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe.
Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später
wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der
Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck
Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den
Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten.
Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran;
doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen,
erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg
rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und
schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein
holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren
herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen,
um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber
das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so
widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie
ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff
versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte
auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit
ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine
Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte.
Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er
schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen,
schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich
Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was
nicht ersaufen will, in der Minute wird’s sinken.« Und das Schiff sank.
Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und
forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das
Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.

Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das
Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe
Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß
es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung
preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die
Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende
Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese
mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so
geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu
bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in
keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt
habe.«

Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und
löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine
Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen.
Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm
treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat
sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm
und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob
er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan,
das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und
Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten,
und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner
Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von
hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen,
damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten.

Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang,
gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem
Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach
vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da
und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger
1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der
Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle
Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und
fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte
nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte
er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand
unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den
finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner
frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf
dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an
einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er
machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen
vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins
zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder,
die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der
sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere
Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun
sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu
beginnen, wir müssen höher hinauf.« – »Leicht gesagt, aber schwer
getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht
nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von
Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung
in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch,
gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür
wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er
mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine
Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen,
schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze
steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die
Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm
als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den
Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in
der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu
winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder
zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer
zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins
Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber
auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer
der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie
bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den
Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene
wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die
vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen
Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu
überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder
Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf
die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm.
Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern
vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem
Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen
die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute
zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf
abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen
Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten
Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt.

Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von
Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen
Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder
Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld
und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu
wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel
Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg
seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten
des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle
Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten
sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen
konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner
geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu
vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich
geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu
ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es
war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu
allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen
angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat
Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von
Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht
anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und
keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht.
Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie
er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine
ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte
dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen
für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die
unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium
wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das
Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen.

Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten
Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen
Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und
Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der
Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu
heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und
solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz
glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur
ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als
unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte
er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich
unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im
Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er
stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich’s noch
sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren
Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als
Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin,
die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die
Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die
fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit
mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein
Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken,
vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands
vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit
trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an,
war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz
noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die
stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch
übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der
Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine
Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So
klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden.

Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen
Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im
Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den
entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte
kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm
jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu
Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines
Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit
Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und
rückwärts umzusehen.

Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme
französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die
Weichsel heranzog, da ließ sich’s voraussehen, daß bald genug auch die
Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im
November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und
forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus.
Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei
Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu
Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten;
alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die
dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war
gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der
Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit
dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und
dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen
Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was
Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich
die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis
ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger
ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur
Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und
er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her
die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen
Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder
seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung
verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf
Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im
Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht
und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete
dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen
bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu
bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung
organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit
er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre
Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der
alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir’s helfen, daß ich euch
sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und
seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit
einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die
Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.«

Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck
ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den
Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen
eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt,
geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze
wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt
geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu
verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen
ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die
Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und
bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von
Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern
ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und
sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen
Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die
Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest
an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und
sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen.

Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen,
wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal
schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem
unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten
nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte.

Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der
Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich
Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in
Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in
Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.
Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und
sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den
Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand
sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum
Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu
bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck
darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um
jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung
dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung
gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe
zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der
Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und
Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen
vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa
sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und
kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat
Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine
Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh,
lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im
Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und
eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet.

Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung
beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen
verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun
dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung
zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der
Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen,
bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in
ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens
zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und
würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm
gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.«

Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in
aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür
verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines
beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns
nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
unglücklich und verloren.

Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in
Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill
stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem
Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte
von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit
bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der
Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in
Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem
Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und
Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde.
Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur
Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige
dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu
hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der
vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an
beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles,
stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und
größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht
arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die
Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich
auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend
zurückgenommen wurde.

Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl,
daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden
sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte
Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung
von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde
wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten
Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des
Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei
entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg
durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während
des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der
Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine
Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze
kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle
Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste,
wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze
kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus
der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von
Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem
Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um
den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er
ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach
Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte
ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem
Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte
eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte
Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und
ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte
ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen,
bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn
ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,«
sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich
nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem
Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es
ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen.

Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche
zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu
machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares
Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo
die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können.
Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und
aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von
ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von
Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von
Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen
verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen
beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der
Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten
die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes
war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur
Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das
englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim
Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
zu gewinnen.

Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät
den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es
schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum
drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei
vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende
Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf
die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern
ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis
in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.

Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das
Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres
Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle
Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine
menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um
sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten
sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten.
In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte
jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen
gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit
seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so
daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine
jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das
nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle
Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester
Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der
Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du
armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau.
Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen
durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu
gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine
Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu
plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal
betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder
eingefangen und unschädlich gemacht.

So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine
Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und
überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen
hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen
durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende
Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das
unbedingteste Zutrauen.

Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und
Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde
Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten
Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im
gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von
der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr
nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war
in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz
auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des
Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand
begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger
losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm
ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos
hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg
ist gerettet.«

       *       *       *       *       *

Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es
zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der
Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das
königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin
zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es
dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte
man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum
nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu
bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«
Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im
feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte,
sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein
versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles
in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei
dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den
alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!«
»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen,
»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.«

Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und
in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren,
Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten.

Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die
glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine
Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so
unglücklich ergangen.«

Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das
glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu
ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken
lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen:
»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.«

Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine
empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun
seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch
fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und
verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich
doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst
rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen,
und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete
eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes
Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte.

Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens
beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor
gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß,
geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er
den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb
von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner
sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem
Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken,
erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung.

Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann
sein reiches Leben.



Christian Holzwart


Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der
Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und
passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar
anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel,
ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen
versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer
Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch
wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen
waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein
wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das
Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch
und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren,
fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen
Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn
und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war,
sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart,
was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur
verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau
und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen
Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie
kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus
dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon
eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare
Katastrophe zu erhalten.

Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen
Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er
erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen
eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei
mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue
Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen
stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die
Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt.

Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden
eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte,
waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für
einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus
war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den
Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten
Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer
neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein
zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche
Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die
Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den
Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der
unschuldigen Kleinen überspritzt.

Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder
ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not?
Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu
entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig
gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des
Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde
Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über
die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war
sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und
nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der
ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten
erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas
besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not
befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu
Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und
sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen
ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu
verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und
Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und
nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden
durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie
hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur
als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu
leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo
viele in sich gingen.

Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm
ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden,
daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette,
sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit
einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte,
erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er
am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte
aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann
würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der
Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche,
namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm
bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen
solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern
einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der
Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die
einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von
seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter
stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart
legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete:
»Ja, ich bin schuldig.«

Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er
das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach
mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart
zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter,
und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein,
daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte.

»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist
aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls.
Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und
meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die
Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich
veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab
mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und
erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise
aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten
Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner
Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung
durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die
Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu
bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte
man das Verhör fortsetzen.

»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin
ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern
von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß
nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der
entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft
zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein,
wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon
lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden.
Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde
ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen
sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.«

Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der
verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als
Münze kaum zu erkennen.

Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach
Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig
Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord
gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur
Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die
Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel
waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen
nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag.
Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag
zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt,
ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach
dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der
Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in
seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine
Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich
hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden
und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr
einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich
gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot
und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich
legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch
so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr
etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot
ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter
gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder
sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte,
schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter
ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche,
und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln
durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe
Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder
erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und
schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf
keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden
sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich
fehlte noch, nur ich und alles war gut.«

Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt
und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete
weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten.
An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben
zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war
umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von
diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine
Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen
gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und
hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod
verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er
lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam
endlich an das Haus des Wundarztes Koch.

Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?«
Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne
Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte
ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.«

Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist
gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel.
Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe,
sein Blick frei, sprechend und sanft.

Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in
Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer
Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei
näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von
Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß
Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt
hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes,
den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken
lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger
Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine
artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder,
insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der
Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und
mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das
jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.«

Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem
Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß
Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er
dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und
Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser
Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber
es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster
aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha
mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute.
Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.«

Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche
Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei
ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: ›Ich
wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer
hinter mir her.‹ Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: ›Man muß
nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer
will, das ist der König.‹ Ein andermal fragte er mich über
Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im
Katechismus stehe, rief er: ›Dann sind Sie ein Tor!‹ und ging von mir
fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu
setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. ›Bricht’s,
so bricht’s‹, pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das
Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß
um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu
sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft
wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater
ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern
untergegangen.«

Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen
Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und
unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie
zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer
den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er
schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich
anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können;
wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder
wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.

»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte
sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz
in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer
in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke,
seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder
Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß
seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es
geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein
Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in
der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die
Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem
Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen
gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen,
obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz
angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil
er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor
Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube
mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht
ist, es zu geben.«

Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte,
trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen
eigenen Worten.

»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal
nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte
mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre,
mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht
günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung
nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß
mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende,
doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht
eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war
weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus
diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich
trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit
nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die
Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine
wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch
einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch
wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die
Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters
Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen,
die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen
allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater
behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren
Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner
Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als
Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die
ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte.
Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde
meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die
Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung
eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die
Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr
ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein
selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig
und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen
Schicksalswendung entgegen.

Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich
jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an
mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der
Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher
Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den
Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler.
Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in
der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden
konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab
das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den
Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal
ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese
Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein
anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem
elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines
Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der
Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich
aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die
Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die
Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten
Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen
Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet,
und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach
abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von
sechshundertsechzig Talern auflösen.

Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für
wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir
unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur,
las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur
damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute
aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der
Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten
anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von
anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.

Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein
wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen,
ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen
Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo
ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen
lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter
in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich
für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische
Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein
Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag
gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo
man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer
wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich
meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe
des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der
Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft
zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich
hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir
fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und
es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war.
Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit.
Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten.
Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als
Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der
Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es
trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer
wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren
noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem
Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem
Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich
bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte
das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil
fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo
ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es
wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek
mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können.
Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten.

Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr
helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine
Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes.
Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im
Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich
versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das
Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann
dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet,
bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat
liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine
Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da
ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben
dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und
meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten,
mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem
Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben
wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des
Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich
sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre
vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh
genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab.
Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel
nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine
Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg.

Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die
Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde
wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte
kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu
spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in
den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich
leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und
geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar
ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf.
Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten
Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware
blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler.
Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn
Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war
ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot
sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten
legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete
immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte
der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen
armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf
Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war
wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen.

Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und
meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend
wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das
Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu
retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie
nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück:
Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine
Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber
meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was
ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein
Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb
mich zur Tat.«

Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in
das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines
zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm
neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen:
wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die
Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte.
Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der
Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung
im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge
angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem
ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen
abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz
verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach
seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben
verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden.

Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen
und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine
Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz
versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf
Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als
unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln
ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis
dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt
der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war
schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch
freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,«
warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe
ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen
hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes
erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn
sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.«

Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem
Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum
Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er
bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm
das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er
habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er
wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch
nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung
der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern.
Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer
Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als
seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit
sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn
allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine
Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten
beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein
altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte.
Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen
nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich
die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil
vorzulegen bereit war.

Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf
seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu
spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte
ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der
Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.

Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte
wie dieses:

    Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne,
    Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne.
    Gibt’s ein Elysium, so ist’s für euch errungen,
    Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.
    Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein
    Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein.
            Ich bin belohnt.

Dann Tagebuchblätter.


                                                  Am 10. März.

O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf
durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel – nein,
göttlich beglückend – o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine
Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. – Vor den Richterblicken der
Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein
liebstes Kind saß mir auf meinen Knien – so war es mir heute, ich saß
mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die
andern schmiegten sich an mich – von ferne sah die Mutter dieser Teuern
auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können – wie schwer
muß sie dir geworden sein!«


                                                  Im April.

Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat?
Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie,
kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den
Meinen nur Schmach und Elend – damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit.
Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige
Nacht.


                                                  Im April.

Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht
faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und
doch komme ich immer darauf zurück – es gibt noch ein Etwas, nach
welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.


                                                  Im August.

Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um
einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von
Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von
Tausenden!

Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen
treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es
waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen
des Geisterreichs.

       *       *       *       *       *

Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen.
Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die
höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die
entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine
ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum
Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres
Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man
stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen
und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller
fromme Bekehrungseifer machtlos.

Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden
stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und
endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg
einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart
das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des
Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von
den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die
Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes.
Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein
Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der
Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde
scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde
vertagt.

Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das
ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in
ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner
eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber
tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte,
das Leben noch lange ertragen zu sollen.


                                                  Im Mai 1848.

Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts
nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken
zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter.
Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.


                                                  Im Juni.

Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab
der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen.
Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten.

       *       *       *       *       *

Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den
Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und
auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu
erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und
Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:

»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das
harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie
für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein
tributpflichtiges Opfer.«

Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich
den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate
die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in
lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer
Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine
mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt
vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch
Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!

Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr.
Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche
Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er
sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß
exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte,
schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des
Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich
bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu
entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief,
ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben.
Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:

Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte
Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar
1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der
Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen,
indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder
zerschmettert hatte.

So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen
Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit
Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten
Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des
Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu
zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.



Karl August von Weimar


Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet
ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter
ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit
sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen
Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen
ist.

Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn
Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre
Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren
alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und
mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen
ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab,
machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich
in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen
Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in
Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen
Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.

Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum
Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein
von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine
braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch
majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes
Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste
Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und
verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange
beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging
nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.«

Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von
Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der
mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei
Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen
Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet,
später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche
Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand,
daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als
Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem
jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder
wurde der Magnet für Schiller.

Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter
Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant
durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder.
Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke
war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein
Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges
Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den
menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel
seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die
Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und
in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem
Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu
werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich
nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker
von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten
Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes
fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah
bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne
nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits
die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch
aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach
Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen
dieser Situation erinnert.

»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in
Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm,
sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und
viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des
Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der
sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte.
Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu
beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf
setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu
geben.«

Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art
gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als
Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit
zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden.

Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er
hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland
nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit,
Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem
Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon
als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf
einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren,
es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die
wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock
an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie
Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes
in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte
auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der
ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die
theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten
oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg.
Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der
Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes
Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts
Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie:
»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art
mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich
langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte
Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte
das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde
flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort
herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke.

Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab,
die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet:
»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf,
sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte
gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen
kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch
viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens
niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte,
und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung
mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach
der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben.
Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor
Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann,
Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt
urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere,
nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich
vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.«

Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag
von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und
Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form;
man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel
gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes
Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den
Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer,
sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner
leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.«

[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A.
Schwerdgeburth; 1824.]

Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die
Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte,
die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert
des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an
den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der
Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder
gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner
Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem
schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter
ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die
Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu
sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und
deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche
Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder
die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich
sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und
gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.«

Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des
Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte
im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern
weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische
Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780
schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen,
und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag
war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit
vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei
des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als
wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden
sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen
halber; und doch genießen sie’s, und so hoch, daß sie glauben, es sei
für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen,
der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in
der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in
seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war’s so rein, so
nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote
Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem,
und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die
Luft erreichten.«

In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des
Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt,
er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist
mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen
an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über
Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal
äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so
dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als
der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um
sich und zu Freunden als er, und doch will’s nicht nach Proportion vom
Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich’s
versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn
ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit
seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen
ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn
übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:

    Es ist doch nichts so zart und klein
    So wird’s doch jemand plagen.
    Zum Beispiel macht dein Briefelein
    Husaren sehr viel klagen.
    Heut sagte der, der’s Goethen bracht
    Und schwur’s bei seinem Barte,
    Viel lieber ging ich in die Schlacht
    Als trüg so Brieflein zarte.
    Denn wie im Hui ist das Papier
    Aus meiner weiten Tasche,
    Und wer, wer stehet mir dafür,
    Daß ich es wieder hasche.
    Unheimlich sagt er, es ihm sei,
    Wenn er so etwas trage,
    Denn Billetdoux und Zauberei
    Ist gleich, nach alter Sage.
    Drum schreibe Du, nach altem Brauch,
    Auf Groß-Royal-Papiere,
    Damit der Träger künftig auch
    Ja nichts vom Teufel spüre.«

Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin
Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise
war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es
Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im
September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte
von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche
Wirtschaft ausziehen, denn ich halt’s nicht aus. So viel Liebe, so viel
Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.«

Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam
in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu
leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten
festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die
Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um
dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn
die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an
den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren.
Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten
Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach
dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein
hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten
geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle
Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen,
die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die
Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und
Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt
hatte.

Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft
finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof
und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst
der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein
behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn
die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün
gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten
Saft aus den Leibern, und so geht’s weiter, und wir haben’s so weit
gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in
einem beigebracht werden kann.«

So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch
häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in
würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof
zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so
viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie
Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches
Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten
zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die
zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer
Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder
tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit
seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen,
daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen
setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit
Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen
anspannen und fuhr nach Frankfurt.

Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und
burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des
Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher
Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der
Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen
ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war,
pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in
preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der
Herzog durch folgenden Brief ab.

»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so
sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben,
Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn
das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen
findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und
Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt
hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot,
so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt?
Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe
fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem
Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des
Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß
von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so
quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst
unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind?
Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und
können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur
von harter, anhaltender Masse sind? Ist’s denn ein so geringes Los, die
Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu
sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein
schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie
immer gepflügtes Land; ist’s erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu
sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen
zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch
das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist
Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden
könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest
Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben
wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder
entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige
Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem
Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter
Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und
Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder
Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die
Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist?
Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die
Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht
gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich
flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr
und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es
entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser
aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr
geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas
Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses
Erreichbare so gewiß? Schlägt’s fehl, kann es Deine Existenz dann
ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und
so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige
hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht
für so unheilbar halten. Ist’s Deiner Natur gut, sich zu verändern, so
reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn’s mit einem schönen Bade
getan ist?«

Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich
Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784
schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr,
daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie
beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das
Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie
muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem
Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche
so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«

Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich,
besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an
Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft.
Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem
fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein
Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen,
und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger
langen Weile zum voraus verschmachten.«

Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar
1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die
Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie
sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls
ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er
lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur
Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er
zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre
Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das
andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten
Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste
Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art
Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.«

Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin,
daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline
von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem
Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit
der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese
Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht
umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei
zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine
Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine
Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für
sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um
herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und
ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr
im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte,
glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau
übel begegnet hat.«

Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig
berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende
Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der
Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses
kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in
Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So
liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die
Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende
Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie
schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr
schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs
kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es
nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen
Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die
Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach;
sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es
wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue
Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei,
besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.
Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem
innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war
der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des
Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die
russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl
ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte
die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer
schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder
vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff
hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August
fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles
Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen,
für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit
der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken.
Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge
geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs
bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen
und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland,
ihre Ausbildung genossen hatte.

Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig
und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten
Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten
Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach
interessierte.

Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle
Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von
dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen
im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen
strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ...
Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von
Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen
bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das
waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug
war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen,
zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig
und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks
nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie
können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von
Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist
ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie
in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen
ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden.
Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und
macht wieder Verse.«

Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner
Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner
Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem
Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch
blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine
Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden
Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,#
schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.
Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald
wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt
die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden
Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend
Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«

Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische
Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten.
Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen
Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn
aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da
antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe
dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu
haben.«

Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und
Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen
auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem
preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig,
kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in
Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags
trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der
Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang
geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr
ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend
und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener,
der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach,
abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr
Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen
Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den
Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen
Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl
August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem
Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog
gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner
Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander.
Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere
Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und
diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend
abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder
verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu
bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise
gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag
legte.

An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen
Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld
von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf
den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber
in seinen Memoiren:

»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an
mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der
schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der
Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger
Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt
worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren
Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit
drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die
Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen
umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone,
von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen
Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich
um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine
Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze
Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und
Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der
ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem
Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in
einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so
getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte.
Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien
überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der
geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben
und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,
worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr,
als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen.
Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich
zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging
sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm
einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine
Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer
großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen
bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem
Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir
waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde,
daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun
strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,
doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von
Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der
Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor
dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll
erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze
Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause
waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im
Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten,
wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf.
Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst.
Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der
ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:

    #»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;
    Ne me conseillez point de me faire hair.
    Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,
    Allons, n’écoutons point ni soupçons ni vengeance,
    Sur l’univers soumis régnons sans violence,«#

war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer
durchzuckte.

»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin
etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen
Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck
machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung
wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden
wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer
Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief
empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt,
verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater
zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet,
Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und
sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im
letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser
Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das
Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so
grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen
hätte, ist kaum zu ermessen.«

Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die
Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht
geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks
gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen
der Menschen seinen ehernen Weg gehen.

Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem
Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf
Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar
lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt
ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die
Jahre seine Beweglichkeit schwächen.«

Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein
fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai
1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen
verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des
jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt
zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt
in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin
er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen
und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde.

Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger
Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb
diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder
Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch,
das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend
zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen
Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen.

»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer
der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie
Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir
von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch
einiges daraus mitteilen.«

Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er
mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab,
während ich las.

»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten
erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig
Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so
aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu
jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei
den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes,
nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher,
milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender
gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.

Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß
diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so
viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er
selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und
Erwartung der großen Katastrophe.

Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank
und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den
von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach
Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen
könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen
Küsten.

Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den
heiteren Worten: ›Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen
seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer!
Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie
sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal
zusammenhalten.‹ Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem
Manne.

In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er
trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine
Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr
erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten
Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über
Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die
farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur,
Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er
schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und
sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich
um Verzeihung bittend: ›Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!‹

Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte
über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei
mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller
freieren Geistesregungen. ›Dazu sind es unwahre, Bursche,‹ rief er aus,
›die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und
Bänder zu erhalten! – Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben
sie sich eingeschlichen.‹

Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in
der christlichen Religion finde. ›Das ist eine menschenfreundliche
Lehre,‹ sagte er, ›aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die
ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.‹«

Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu
erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er
war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge
aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur
des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! – Ich kann es am
besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch
wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist
und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! – Nur ein lumpiges
Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit
vorwärts gebracht haben! – Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so
rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die
retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall
entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr
langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht
habe.«

Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte
ich.

»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »– vielleicht auf Millionen! Aber laß die
Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen
fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie
ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber
besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.
Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er
abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich
bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen
Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt.
Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch
Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie
sie ist, allerlei Spaß haben.«

Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche
Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging
wieder auf den Großherzog Karl August zurück.

»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze
Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie,
Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte
für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als
ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen,
was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an
mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich
fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß
ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und
Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die
Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem
Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort
getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas
gebracht hätten.«

Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu
haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen.

»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind,
über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern
und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man
die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das
Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von
allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein
bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei
kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der
Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in
Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer
Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.«

Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen,
sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.

»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei
ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war,
so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte.
Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge
zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden
und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er
noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von
dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit
ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des
Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen
entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer
bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze
Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt
ist, hat leicht regieren.

Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die
ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,
bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er
kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er
das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in
Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen
Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer
Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.«

Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt
habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe
ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel
und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr,
seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als
auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als
zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen
scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.

»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der
Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit
wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit
sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum
dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn.
Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war
ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind
aller Verweichlichung.«

Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo
sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.

»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns
freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in
gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir
waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken,
Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten,
und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im
Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm
nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können,
das wäre ihm etwas gewesen.

Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine
Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre
hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur
zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung
führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene
vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge.
Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit
Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor
den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die
Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt
wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei
trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging.
Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich
behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei
Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog
im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in
allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über
mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und
Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und
auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines
zwanzigsten Jahres.

    Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
    Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
    Der Unfall lauert an der Seite
    Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
    Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
    Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,
    Und von unmutiger Bewegung
    Ruht er unmutig wieder aus.
    Und düster wild an heitern Tagen,
    Unbändig, ohne froh zu sein,
    Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
    Auf einem harten Lager ein.

So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug
übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der
Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu
seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre
sehr wohl erinnern mochte.

Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht.
Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum
besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.«

Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame
Reise durch die Schweiz.

»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht
sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen
und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu
achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und
Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden.
Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern
rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste.
Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses
kleine Land weit hinausgeht.«

Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er
den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als
sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner
stillen Tüchtigkeit.

»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt,
weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der
Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles
Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen
und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber
dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern
Tag.

Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den
Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß
er ein Herz für sie habe.«



Werke von Jakob Wassermann


Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage.

Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.

Der niegeküßte Mund – Hilperich. Novellen.

Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fünfte Auflage.

Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.

Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile
Ausgabe. Neunte Auflage.

Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage.

Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen. Achte Auflage.

Die ungleichen Schalen. Fünf einaktige Dramen.

Faustina. Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage.

Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage.


S. Fischer, Verlag, Berlin


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt.
p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte.

Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
folgenden Wörtern:

Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze
Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
p 234: [added period] wie er selbst es geführt.
p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte.

The original spelling has been maintained throughout the book.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
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Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





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