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Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band
Author: Dahn, Felix, 1834-1912
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ein Kampf um Rom. Zweiter Band" ***

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                            Ein Kampf um Rom.

                           Historischer Roman

                                   von

                               Felix Dahn.



                                _Motto:_
                      »Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal
                      So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt«
                                          _Geibel._



Zweiter Band.

48. Auflage.

Leipzig,
Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel.
1906.



       Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.



                                  INHALT


Fünftes Buch. Witichis. Erste Abteilung.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fünftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwölftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fünfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
Fünftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fünftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwölftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fünfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
   Neunzehntes Kapitel.
   Zwanzigstes Kapitel.
   Einundzwanzigstes Kapitel.
   Zweiundzwanzigstes Kapitel.
   Dreiundzwanzigstes Kapitel.
   Vierundzwanzigstes Kapitel.
   Fünfundzwanzigstes Kapitel.
   Sechsundzwanzigstes Kapitel.
   Siebenundzwanzigstes Kapitel.
   Achtundzwanzigstes Kapitel.
   Neunundzwanzigstes Kapitel.
Bemerkungen zur Textgestalt



                              Fünftes Buch.


                                WITICHIS.


                             Erste Abteilung.


                              »Die Goten aber wählten zum König Witichis,
                             einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,
                                      aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.«

                                               Prokopius, Gotenkrieg I. 11



                             Erstes Kapitel.


Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete
die Säulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin
schaltete.

Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt, die
Arbeit des Tages zu beschließen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse
von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder
von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen, indes der Ziegenbub mit
römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb, die genäschig
hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten
Mauerwerk am Wege grünte. Andre germanische Knechte räumten das Ackergerät
im Hofraum auf: und ein römischer Freigelassener, gar ein gelehrter und
vornehmer Herr, der Obergärtner selbst, verließ mit einem zufriedenen
Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft.

Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken. »Vergiß mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in
den Trinkkübel zu werfen. Wachis hat’s noch besonders aufgetragen! Daß er
dich nicht wieder schlagen muß, wenn er heimkommt.« Und er warf die Thür
zu. »Ewiger Verdruß mit diesen welschen Knechten!« sprach der kleine
Hausherr mit wichtigem Stolz. »Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins
Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl
gut für die Mägde, aber die Knechte brauchen den Mann.«

Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof.

»Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn. »Woher soll er
auch kommen? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen
mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« Und
verächtlich riß er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. »Sie
dürften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich
nichts ausrichten und sehe nichts gleich.«

Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros gleich, in seinem
kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen, das die liebe
Hand der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten
Streifen durchwirkt hatte.

»Gern lief’ ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die
Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber
ich muß noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schließen: denn:
»Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in
acht und wahre mir die Mutter! Ich verlaß mich auf dich!« Und ich gab ihm
die Hand drauf. So muß ich Wort halten.«

Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses
vorüber, durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben
nach der Rückseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der
jungen Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der das Ganze
umfriedete, merksam wurde.

Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem
Zaune saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war
ein großer, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie
ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur
unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er
einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die
Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der
Knabe hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? –
willst du gleich hinaus und herab?«

Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben. »Herunter, sag’
ich!« wiederholte dieser. – »Begrüßt man so in diesem Hof den wegmüden
Wandrer?« – »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt. Bist
du was Rechtes und willst du was Rechtes, – da vorn steht das große
Hofthor sperrangelweit offen: da komm’ herein.«

»Das weiß ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er machte Anstalt, in den
Hof hereinzusteigen.

»Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht herab! Faß, Griffo!
Faß, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf’ ich die
Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid’s nicht!«

Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein riesiger, grau
borstiger Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres
dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.

Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenüber, so
verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich herein stieg.
»Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« sagte er. – – »Nun
sage mir, kleiner Mann, wie heißt du?« – »Athalwin heiß’ ich,« versetzte
dieser, scheu zurücktretend, »du aber, – ich glaube, du hast den Hund
behext – wie heißt du?« – »Ich heiße wie du,« sagte der Alte freundlicher.
»Und das ist hübsch von dir, daß du heißest wie ich. Sei nur ruhig, ich
bin kein Räuber! führ’ mich zu deiner Mutter, daß ich ihr sage, wie tapfer
du deine Hofwehr verteidigt hast.«

Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
freudig springend voran.

Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier
Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große
Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn
war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte für
diese Zeit ihre Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer
Reihe saßen rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen
gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschäftigt. In
der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und ließ selbst die
flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch
nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.

Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Knie
heraufgeschürzt und hing gebauscht über den Gurt von stählernen Ringen,
der ihren einzigen Schmuck, ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das
dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am
Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt. Es lag viel schlichte
Würde in der Gestalt, wie sie mit ernst prüfendem Blick auf und nieder
schritt.

Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zu unterst in der Reihe
saß und beugte sich zu ihr. »Brav, Liuta,« sprach sie, »dein Faden ist
glatt und du hast heut’ nicht so oft aufgesehen nach der Thür wie sonst.
Freilich,« fügte sie lächelnd hinzu – »es ist jetzt kein Verdienst, da
doch kein Wachis zur Thür hereinkommen kann.« Die junge Magd errötete.
Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: »Ich weiß,« sagte sie,
»du hast mir im stillen gegrollt, daß ich dich, die Verlobte, dieses Jahr
über täglich morgens und abends eine Stunde länger spinnen ließ als die
andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn.
Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich
schenk’ es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, das erste
deiner Ehe, nicht zu spinnen.«

Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. »Und
dich nennen sie streng und hart!« war alles, was sie sagen konnte. – »Mild
mit den Guten, streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier
walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heißt es genau
sein.«

Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thür sichtbar: der Knabe wollte
rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile
unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mägde
Arbeit prüfte, lobte und schalt und neue Aufträge gab.

»Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich sieht sie aus,
und sie scheint wohl die Herrin im Hause – doch! wer weiß Alles?« Da war
Athalwin nicht mehr zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der
Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann’s
nicht begreifen.«

Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu, die
Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne
Thüre brach, abzuwehren. »Was führst du den Gast hierher? Du weißt, der
Vater ist nicht hier. Führ’ ihn in die große Halle. Sein Platz ist nicht
bei mir.«

»Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« sprach der Alte
vortretend.

»Vater!« – rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und
nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. »Du bist also der
Großvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun grüß Gott, Großvater!
Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht
durchs Thor wie andre ehrliche Leute?«

Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins
Auge. »Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« brummte er vor sich hin.

Da faßte sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle.
Alle Spindeln ruhten – außer Liutas – aller Augen musterten neugierig den
Alten.

»Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief sie streng. »Du,
Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, – du kennst
den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, – ihr andern macht Feierabend.
Komm, Vater! Liuta, rüst’ ein laues Bad und Fleisch und Wein. –«

»Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und
Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, – draußen, vor’m
Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich
mein Speltbrot und meinen Schafkäse, den bringt mir. – Wieviel habt ihr
Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?« Es war seine erste Frage. –

Eine Stunde darauf – schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin
war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen, – da wandelten
Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab’
nicht Luft genug da drinnen,« hatte der Alte gesagt.

Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer
Wirtschaft auf, wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahe legten: und in seinem
Ton lag keine Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein
Kind musterte.

»Laß doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rauthgundis, »und sage mir,
wie’s dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern?« – »Wie’s mir gegangen?
Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist’s nicht so
hübsch warm, wie hier im Welschthale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf.
»Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier
zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt’ ich mir einen andern kaufen hier
unten.«

Da hielt sich Rauthgundis nicht länger: mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief: »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden
als hier? Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein
eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemußt, weil du’s doch endlich nicht
mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde.«

Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher du’s nur weißt! Nun
ja! ich mußte doch mal selbst sehen, wie’s um dich steht und wie er dich
hält, der Herr Gotengraf.«

»Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. – »So? und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?« – »Er steht beim Heer in
des Königs Dienst.«

»Ja, das ist’s ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen König? Doch
– sage: warum trägst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem
Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, die trug
Gold handbreit: da dacht ich: so trägt’s deine Tochter, und freute mich,
und nun –«

Rauthgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen? Ich
schmücke mich nur, wenn Witichis es sieht.« – »So? mög’ er’s verdienen!
Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier
unten?« – »Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte große Beute vom
Gepidenkrieg.« – »So bist du ganz glücklich?« – »Ganz, Vater, aber nicht
wegen der Goldspangen.« – »Hast du über nichts zu klagen? Sag’s mir nur,
Kind! Was es auch sei, sag’s deinem alten Vater und er schafft dir dein
Recht.«

Da blieb Rauthgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
von dir zu sprechen, nicht von mir zu hören. Wirf ihn doch weg, den
unglückseligen Irrwahn, als müßte ich elend werden, weil ich zu Thal
gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.«

»Nur sie!« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoßend. »Und du nennst
einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist’s
ein Wahn, daß sich’s schwer atme hier unten? Ein Wahn, daß unsre
hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal?
Ist es ein Wahn, daß alles Unheil von jeher von Süden hergekommen, von
diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstürze über unsre
Hütten? von Süden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh
verdirbt? Von Süden. Warum stürzt’ mir Kuh und Schaf, wann sie am Südhang
grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge
nach Bolsanum herabkam, in der schwülen Stadt? Ein Bruder von dir stieg
auch herab, trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna:
erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr
was, der je hier in den Süden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo
hat unser großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit
Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Väter von
all’ dem gewußt?

Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft,
alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Süden, wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewürm und einer dem andern die
Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein
frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was
Gutes und Klares, ich leugn’ es nicht; und hätte er sich droben bei mir
ein Gehöft gebaut, ich hätte ihm gern mein Kind und das Joch der besten
Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter mußte er sie führen ins heiße
Sumpfthal. Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom und in der
Rabenstadt. Wohl hab’ ich mich lang gewehrt –«

»Aber endlich gabst du nach –«

»Was wollt’ ich machen? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech
geworden nach dem Unglücksmann.«

»Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt.« – »Wenn’s nur
auch wahr ist!« – »Vater!« – »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, daß
Glück von Süden käme. Sieh’, mein Abscheu ist so groß vor der Ebne, daß
ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe.
Wenn ich es jetzt doch gethan, hat’s schweren Grund.«

»Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?«

»Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen ist geschehen. Du
denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm
Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren
wardst. Und prächtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du
fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern
sahen es nicht und lachten mich aus.

Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wütig, wie ich’s selten gehört
da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, – ist
der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Gießbach mit sich
fortgerissen – nach Süden.«

»Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das ängstigen?«

»Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den
armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, daß er nicht
verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen
war. Und ich nahm mir’s sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren
Sorgen über deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter.
Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.

So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen, in Glanz und Pracht
gekleidet. Du aber standest vor der Thür, im Bettlerkleid, und weintest
bittre Thränen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: »wer ist das
Weib? ich kenne sie nicht.« – Und es ließ mich nicht mehr droben in den
Bergen. Herab zog’s mich: ich mußte sehen, wie mein Kind gehalten ist im
Thal und überraschen wollt’ ich ihn, – deshalb wollt’ ich nicht durchs
Thor ins Haus.«

»Vater,« sprach Rauthgundis zornig, »dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken. Dein Mißtrauen –«

»Mißtrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und
in dem Traumgesicht hat sich’s mir deutlich gemeldet: dir droht ein
Unglück! Weich’ ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge!
Nur auf kurze Zeit. Glaub’ mir, du wirst es bald wieder schön finden in
der freien Luft, wo man über aller Herren Länder hinwegsieht.«

»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – »Hat er nicht dich verlassen?
Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen
Willen.«

»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort
mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, daß du so reden kannst von
Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er
liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.

Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen – zu wirken, so _ist_
es recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll
kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.«

Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach
einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum
nimmt er dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig
stieß er seinen Stock auf die Erde.

»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich vom Berg ins Thal der
Welschen geführt – und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten
unter sie führt!«

»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. Er soll dich nicht
entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes
schämen.«

Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief
er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?«
fragte der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man einen
Königsboten nicht warten!«

»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?«

»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruß und
Heil, Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt.
Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt dich
grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du
aufbrechen.«

In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf
ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte
sie endlich sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?«

»Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir geahnt! Ich gehe noch
heute Nacht zurück auf meinen Berg.«



                             Zweites Kapitel.


Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem
Halbkreis das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt
Neapolis.

Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich
das Heer der Byzantiner von der äußersten Südostspitze Italiens bis vor
die Mauern der parthenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden.
Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in
jenen Gegenden zu finden.

Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
den die Griechen stießen: die römische Bevölkerung von Bruttien mit den
Städten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und
Thurii, von Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum und Brundusium,
von Lucanien mit den Städten Velia und Buxentum, von Apulien mit den
Städten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, und viele
andere Städte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des
rechtgläubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer
und Barbaren verkündete. Bis an den Aufĭdus im Osten, bis an den Sarnus im
Südwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Wällen von
Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen.

Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes
des Blutigen. Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die
Aufgabe, die Straße nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten
Wiesenflächen, auf den Saatfeldern fleißiger Goten, tummelten die
Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, häßlichen Gäule. Daneben
lagerten leichte persische Söldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen;
dann schwere armenische Schildträger, Makedonen mit zehn Fuß langen
»Sarissen« (Lanzen) und große Massen thessalischer und thrakischer, aber
auch saracenischer Reiter, zu verhaßter Unthätigkeit in diesem
Belagerungskampf verurteilt und ihre Muße nach Kräften ausfüllend mit
Streifzügen ins Innere des Landes.

Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
erfüllt: Belisars großes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit
dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache,
die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten
Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet,
zugelassen wurden: – aus ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer
hervor, – in reichvergoldeten Helmen mit rothen Roßhaarkämmen, den besten
Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der
partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fußvolks achttausend
Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst
stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfürsten die
avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie
Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben mußte, den Mangel
der kriegsfähigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und
die vielen Tausend übergegangenen Italier.

Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen
die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in
Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die
das neu von den Vandalen zurückeroberte Afrika stellte: maurische,
numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.

Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen
Barbarenstämmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau,
Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann
wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen,
Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt
zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der
Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien befreien wollte.
Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die Leibwächter
Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana
fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und
schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten
Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern
verteidigen sollten.

Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte
bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu übergeben. Aber auch er
hätte der überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange
widerstehen können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe
gekommen. Das war die unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach
Byzanz. Als nämlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium
eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der
Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon
einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte
sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Küste
zurücksegeln solle, angeblich, neue Verstärkungen herüberzuholen, in
Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den
kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der die Siegesschritte
Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls hemmen und, als
Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mißtrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zähneknirschend mußte Belisar seine
Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und
nur mit vielen Bitten erlangte er, daß ihm der Nauarch vier Kriegstrieren,
die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.

So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die
Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost mit seiner Landmacht eng
einschließen können: – den Westen, die Straße nach Rom, durch Castellum
Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: – aber den
Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu
sperren vermocht.

Anfangs zwar tröstete er sich damit, daß ja auch die Belagerten keine
Flotte hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel
Vorteil würden ziehen können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und
die Kühnheit eines Gegners in den Weg, den er später noch mehr fürchten
lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der
Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die
ersten Thränen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thätigkeit an der
Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.

Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
Geschwader hatte König Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas
Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die
Arnusmündung bewachen sollte. So besaß Totila von Anfang nichts als drei
leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und
er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd.
Aber da er das Unglaubliche vernahm, daß die byzantinische Flotte nach
Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er
nicht, bis er aus großen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und
in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten Wracks der Werften sich eine
kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet, die freilich weder einen
Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte,
aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst völlig abgeschnittene
Stadt von Bajä, Cumä und anderen Städten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu
beobachten und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen, indem Totila mit
einer kleinen Schar oft im Süden, im Rücken der griechischen Lager,
landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde
überfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, daß sich die
Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu
entfernen wagten, während diese Erfolge die hart bedrängte, von steten
Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder
ermutigten.

Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, daß die Lage schon jetzt
eine höchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der
Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil
seiner Boote dazu, täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus
Neapolis aufwärts nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei er die Anforderung
der Reichen, daß diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden
sollten, streng zurückwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine
rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer
dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen
Schiffen zu flüchten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres
Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort,
in dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.



                             Drittes Kapitel.


In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten
Freuden und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe.

Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
besuchen mußte. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer
begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch
gestellt, hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der
Turmmauer lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der
Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren
der Städte einen Altar errichtete.

Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
alte mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue
beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle
Hand hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte.
Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die
Erde hervorstarrten und eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten
Tempels zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes Holzkreuz
angebracht über einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des
Minervatempels gebildet war: man liebte, die Stätten des alten
Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu
Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu
verscheuchen.

Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der
alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem
frühen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen
Miriam mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht
hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehört, wie die
fromme Alte in fleißigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und
unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des
Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.

Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung
nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe und
Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten
sie längst erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau
berührt hatte.

Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten:
ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die
duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie träumend
stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem
Betschemel, ihr den Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende
nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich den stillen
Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die
schönsten, weißen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als
diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie
sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine ließ sich auf
des Mädchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der
Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte.

»Du bist’s, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« sprach Arria sich
wendend. Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam,
die Vögel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blätter der
Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.

»Ich bin’s, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. »Und ich hab’ eine
Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, »dein Spruch vom Leben nach dem
Tode, dein Glaubensspruch? – »ich glaube an die Gemeinschaft«« – –

»An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein
ewiges Leben.« – »Wie kömmst du auf diese Gedanken.«

»Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der
Sänger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und
Steine in die Straßen? Aber – ich will noch Blumen pflücken!« sprach sie
wieder aufstehend.

Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf war heute schon da:
mir ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.«

Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« – sprach sie dann ruhig
– »für sie.« – »Für sie?« – »Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum
erstenmal gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« – »Du
hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?«

»Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den
Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte
gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule
ihres Hauses.«

»Nun, ist sie seiner würdig?«

»Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,«
seufzte Miriam, »nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. – Mutter,«
sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr
setzend, »was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die
Christen dann beisammen leben? Nein, nein!« fuhr sie fort, ohne die
Antwort abzuwarten, »das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder«
– und sie seufzte. »Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts davon, daß
die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es wäre auch so schrecklich
nicht,« sprach sie, die Rosen zusammenfügend, »endlich ausruhn! Ganz
ausruhn! In süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn
giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
Wunsch? Ich kann’s nicht denken.«

Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stützte das Haupt auf
das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer
nicht.

»Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, »die selige Stätte
bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf
sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie
leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thränen von
ihren Augen.«

»Alle Thränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. »Rede weiter. Es
klingt so gut.«

»Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten: sie werden
vergessen Haß und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf
Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: und auch deiner wird
sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.«

Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was
deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch
dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe?
Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt’ ich zu
wählen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens
einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all’ ihrer ewigen
Sehnsucht, – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich wählte meine
Liebe und mein Weh.«

»Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe?
nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die
Liebe, die das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold.
Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein
Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald wieder kommen, daß ich dich noch
schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im
Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe
Gottes und der Heiligen. Und doch möcht’ ich ihn noch einmal fassen und
umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur,
Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd’ ich ihn wiedersehen.«

»Du darfst mir nicht sterben, Arria.« – »Nein, so mein’ ich’s nicht! hier
auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. Ich muß ihn wieder kommen sehen
des Weges, den er gegangen.«

»Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet,
»wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig
Jahren verschwunden!«

»Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, daß der Herr all’
meiner Thränen nicht geachtet, all’ meiner Gebete. Was war er für ein
braver Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte
und Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir litten Not. Da
sprach er: »Mutter, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, daß du darbest. Du
weißt, in den Gängen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind
Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und
brachte eine goldene Spange zurück. Ich will hineinschlüpfen, so tief ich
kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich
beschützen.« – Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wußte
wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten.

Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann
erhob sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln
der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.

Er ist noch immer nicht zurückgekommen.

Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, daß ich nicht denke:
heut’ führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in
Ägyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist,
heut’ oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab’ ich
ihn gesehen, wie er im weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort:
und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren
vereint auf ewig. Und so wird’s werden: denn der Herr erhöret das Flehen
der Betrübten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.«

Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Häuschen.

Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten
die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch
mächtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so?
Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der
Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, wie ein
Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich aber zähle nicht zu seiner Herde!
An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all’
ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort
oben über den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wär’ ich nicht
Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurückstehen?
und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner Seite sehen? Sollen
sie dort wohnen und wandeln in der Fülle des Glanzes und ich im trüben
Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines
weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier,
erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze Weile, bis
sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in
ewige Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem Lichte
gebüßt ...« – –

»Gute Nacht, Miriam, lebewohl!« rief eine melodische Stimme.

Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weißen Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der
entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem
weißen Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er
verschwand in fernen Schatten.



                             Viertes Kapitel.


Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.

Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff«, eines morschen
Muränenfängers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel
gedeckt, schlief. »Was ist?« rief Totila auffahrend, noch im Traum, »der
Feind? wo?« – »Nein, mein Junge, diesmal ist’s noch Uliaris, nicht
Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird’s nicht mehr
dauern.« – »Uliaris, du blutest – dein Kopf ist verbunden!« – »Bah, war
nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt’ ihn mir heut’
Nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit
gestern. Der blutige Johannes, Gott hau’ ihn nieder, gräbt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht,
Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns
vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Köpfe. Ich wollt’ ihn heute
Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen
und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor meinen grauen Kopf.«

»Die Schanze muß weg,« sagte Totila nachsinnend.

»Den Teufel auch, aber sie will nicht!

Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem »Aufruf zur
Freiheit!« herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon
fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen.
Wenn das wächst – –! – Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend
Griechen draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: drum
meine ich« – und sein Auge blickte finster –

»Was meinst du?«

»Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ...« –

»Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß ein besser Mittel – sie hungern: ich
habe gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die
will ich verteilen.« – »Öl und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein!
Den fordre ich für meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser,
pfui Teufel!« – »Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.«
– »Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?« – »Keine! Mein
fünfter Bote ist gestern fort.« – »Gott hau’ ihn nieder, unsern König.

Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen!«

»Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher
Wein.

Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, du bist echt und
dein Cäkuber auch. Und muß ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter
vierzig Hunden, – mich freut’s doch, daß ich dich dabei so gut kennen
gelernt: dich und deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg
der graue Gote vom Verdeck.

Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des
Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte
die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde
gelandet und hatte das Werk in kühnem Anlauf genommen.

Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht
trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Höhe
von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis
dringen und den Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am
Abend des gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten sich
an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem
Gefolge an die Küste und freute sich, die Segel von der Abendsonne
vergoldet zu sehen: »Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt
fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn begleitete,
und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager.

Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen – Prokopius,
sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an
Justinian – da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer
der Leibwächter, und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind
genommen.«

Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der soll sterben, der das
sagt.«

»Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der es gethan.« – »Wer
war es?« – »Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem
leuchtenden Haar.« – »Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.«

»Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird’s lebendig
ringsum, als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« –
»Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!« – »Im Augenblick und lang, eh’
wir vom Strand zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die
Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen
war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.«

»Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,«
sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt.
»Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden.
Jetzt muß ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen Helm auf das
majestätische Haupt: »Ich wollte der Stadt, der römischen Einwohner
schonen: es geht nicht länger. Prokopius, geh und entbiete hierher die
Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und
Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie
sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar
kennen lernen.«

Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
Martinus, der große Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die
lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte
kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und
mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue
Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu
erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzückt, ließ ihn gar
nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern schleppte ihn sofort zum
Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister des Magister-Militum per Orientem«,
d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und war
kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine
herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Thore
der Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er
hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er
in unermüdlichem Fleiß sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so
dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger
Miene erschien er deshalb vor Belisar.

»Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige deine Kunst! Wie
viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?« –
»Dreihundertfünfzig, Herr!« – »Gut! Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem
Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie
Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf,
in die Straßen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick
aus, vierundzwanzig Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. Laß alle
Werkzeuge spielen.«

»Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die
Brandgeschosse?« – »Auch die! die zumeist!« – »Herr, sie sind gräßlich! du
kennst noch ihre Wirkung nicht.« – »Wohlan! Ich will sie kennen lernen und
erproben.« – »An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
Justinian einen Schutthaufen erobern?« Die Seele Belisars war edel und
groß.

Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. »Kann ich denn
anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste
Totila zwingen mich ja. Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist
Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte
Justinians! warum stehen die dreißigtausend Neapolitaner nicht auf und
entwaffnen die Barbaren?«

»Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« meinte Prokop.
»Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muß es
brennen in Neapolis.«

»In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn es denn doch sein
muß. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann
und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf
ich ihn bringen?«

Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann
herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« sprach Belisar. »Ich kenne dich
wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward
daraus?« »Mit eurer Gunst, Herr: nichts.« – »Warum nichts?«

»Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche
gekostet, desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte
das Doppelte und erhielt den Auftrag.«

»Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?«

»Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm
die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.«

»Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?«

»Von außen und innen. Wie meinem Geldsack.«

»Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in
die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts!
mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« – »Die arme Stadt!«
seufzte Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie
sind höchst genau – und sie gehen so leicht – ein Kind kann sie loslassen!
Und sie wirken allerliebst.«

Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Thätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen
herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreißig
Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern hingezogen und
auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris
auf die Wälle und suchten, Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde
wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen:
Feuerbrände bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu
stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die
Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als
sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer der gewohnten Schußweite und
den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten.

Aber Totila lachte nicht.

Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten. Noch war kein Geschoß entsandt.

»Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen sie uns von da aus
beschießen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch
sicherer!« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein
ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus
hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, daß sie
völlig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln
lassen mußten.

Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den
Straßen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von
Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und
pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen
geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten
Dächer, während im Norden gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit
seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse
buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen
der Steine, das brechende Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der
Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken
flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller und Gewölbe ihrer
Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.

Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren.

Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem
Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und
dampfend ein seltsames Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk und im
Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und
verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd
begrüßten draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten
eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Löschen zu hindern.

Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, »Mann der Zirkel, gut! Wer
hat das Geschoß gerichtet?« – »Ich,« sprach Jochem, »o ihr sollt zufrieden
sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe
Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der
größten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.«

Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.

Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein Feldherr Johannes
läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt
nieder.« Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen
Teilen der Stadt in vollen Flammen.

»Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Straße nach dem Hafen
sprengend, »heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann
keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle
Straßen! Die Weiber in die Häuser! – was willst du Mädchen? laß mich – Du
bist’s, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?«

»Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie
ist gerettet.«

»Valeria! um Gott, wo ist sie?« – »Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm:
dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein
Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr
in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie
blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne
Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!«

»Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!«

Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schützend mit der
Linken den breiten Schild über ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr
durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana.

»O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!«
betete Miriam.

Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius’ und
ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber
gefaßt und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand
Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. – –

Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung ganz leicht, als er
aufsprang und rief: »Du mußt fort! sogleich! in dieser Stunde! In der
nächsten vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine
Schiffe nochmals mit Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta,
von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du mußt
fort! Julius wird dich begleiten.«

»Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.«

»Einen Weg? wohin willst du?«

»Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht
länger mit ansehn. Du weißt es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen
euch, für eure Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich
gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.«

Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.

»Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist
erloschen für immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.«

»So traust du unserm Schwerte nicht?«

»Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu
einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.«

Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der
Trieren zu sichern.

Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden
Sandalen unter die Füße zu binden.

»Laß, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach Valeria. – »Ich thue es
gern,« sagte diese flüsternd. »Aber gönne mir eine Frage.« Und mit Macht
traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und
klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – du kannst ihn jetzt
verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, alles verzehrender, allgewaltiger
Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie –«

Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend
an ihre Brust: »Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süße Schwester!
Erschrick nicht! Ich ahnt’ es längst nach seinen Berichten über dich. Und
ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein
Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine
nicht, bebe nicht, du süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe
willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl ganz
aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den
vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne
blickt. Und so seh’ ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern
Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen,
daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die
duftige Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht’
ich – wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke
dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für
deine schöne Liebe.«

Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte
die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thränen über die glühendroten
Wangen: und heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das
Haupt an der Freundin Brust.

Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen.

Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren
innigen Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch
vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, drückte einen brennenden Kuß auf
Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.

Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.

Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.

Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung
die trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch
entschlossen Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch
von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg.
Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen
hinaus.

Totila sah ihnen wie träumend nach.

Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer
dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und
vergaß einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.

Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Träumen.

»Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such’ ich dich: Uliaris
will dich sprechen. – Komm, was starrst du hier in die See unter
klirrenden Pfeilen?«

Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, »siehst du das
Schiff? – Da fahren sie hin! –«

»Wer?« fragte Thorismuth.

»Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
suchen.

Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu
führen, angetragen, angenommen habe. »Ich werde nie übergeben! Aber wir
müssen Ruhe haben, unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn
nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König?

»Keine.«

»Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen
Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr
besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!«

»Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir schaffen, denk’ ich.
In dem Castellum Aurelians, auf der Straße nach Rom, liegen
vierhundertfünfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König
Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu
verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich selbst will hin,
während des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.«

»Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück und die
Straße ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.«

»Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurück
bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.«

Während Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt
hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause
zurückgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu
laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht
Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger,
unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.

»Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem
Unglück? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?« – »Das laß du meine Sorge
sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: –
zum letztenmal in diesem Leben.«

»Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« fragte Isak unwillig,
»die Stadt brennt und die Straßen liegen voll Leichen.«

»Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straßen? Weil die
Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu
freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich
allein kann’s.« Und er griff nach Miriams Arm.

»Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. »Lieber sterben!«

»Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du ließest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird,
der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren
will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich
Gesicht.«

»Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend und den Spieß
fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, die da draußen liegen! Aber das
Horn ruft, ich muß hinab; das jedoch sag’ ich dir: noch mancher unter euch
wird rücklings fallen, eh’ ihr steigt über diese morschen Mauern.«

»Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft.
Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: laß diesen Alten, laß den
verfluchten Christen: – ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie
bald bedecken. Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will dir’s
verzeihen: – nur werde jetzt mein Weib.« Und wieder griff er nach ihrer
Hand. – »Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie
die leuchtende Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich’s wert, daß ihn
je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? Hinweg; hinweg von mir!«

»Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib – du sollst es nimmer
werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will
ich dir aus dem blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in
Verzweiflung. Auf Wiedersehen.«

Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.

Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja für ihn: und es
drängte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in die
nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit
Flüchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu
fluchen.

Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei
Gott. –

Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften
die zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem
Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab,
während Belisar vor seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des
Zeichens der Übergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub’ es
nicht!« flüsterte Johannes zu Prokop. »Wer solche Streiche thut, wie ich
von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so:
da giebt’s einen tüchtigen Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.«

Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte
trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.

Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
sollen’s haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre
Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb’ ich ein Zehntel der Beute.«

Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts,
welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da
rief ihn eine leise Stimme.

Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe den Rufenden erkannte.
»Was willst du, Jude?« rief Johannes eilig. – »Ich habe keine Zeit! Es
gilt harte Arbeit! Ich muß der erste sein in der Stadt.«

»Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.«

»Dir folgen? weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft?«

»Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen,
wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht,
das ich fordre.«

Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?« –
»Hier!« sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. – »Wie? die
Wasserleitung? woher weißt du?« – »Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann,
gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf
diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an
der Porta Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.«

Johannes sah ihn scharf an. »Und wenn du mich verrätst?«

»Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stoßt mich
nieder.« – »Warte!« rief Johannes und eilte hinweg.



                             Fünftes Kapitel.


Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und
ungefähr dreißig entschlossenen armenischen Söldnern, die außer ihren
Schwertern kurze Handbeile führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes,
»reißest du, Perseus, das Ausfallpförtchen auf, rechts von der Porta
Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten.
Auf dies Zeichen stürzen von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte.
Aber wer hütet den Turm an der Porta? Den müssen wir haben.«

»Isak, ein großer Freund der Edomiten, der muß fallen.«

»Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: »Vorwärts!« Er war der
erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris
und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht – nieder
mit ihm!«

Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt tastend, bei
völliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach,
sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie
vorwärts.

Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »faßt den Juden! Nieder mit
ihm! – Feinde! Waffen! – – Nein, laßt!« rief er rasch, »es war nur eine
Schlange, die vorüber rasselte! Vorwärts.«

»Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die Wasserleitung in
einen Tempelgang.«

»Was liegt hier? – Knochen – ein Skelett!

Ich halt’s nicht länger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!«
seufzte einer der Männer.

»Laßt ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich sehe einen Stern.« –
»Das ist das Tageslicht in Neapolis,« sagte der Jude – »nun nur noch
wenige Ellen.« –

Johannes’ Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, die sich im
Atrium des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten.

Wir kennen den Baum.

Den Wurzeln ausweichend, stieß er den Helm hell klirrend an die
Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hörte zunächst nur den
heftigen Flügelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild
verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.

»Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme.

»Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt!« Es war die Witwe Arria. »Ach
Gott,« sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns
von dem Übel und laß die Stadt nicht untergehen, bis daß mein Jucundus
wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet.
O laß ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir
wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des
Baumes.«

Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler Gang, darin mein Glück
verschwunden, gieb mir’s wieder heraus! Gott, führ’ ihn mir zurück auf
diesem Wege.« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, die
Augen fromm gen Himmel gewendet.

Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie im Gebet
erschlagen?« – Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhören und sich
wenden. »Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und
rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den
halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine
schimmernde Mannesgestalt.

Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. Selig breitete sie die
Arme aus. »Jucundus!« rief sie.

Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.

Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: –
Miriams Blumen.

Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?«
– »Hier links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. – »Wo ist
die Treppe zum Turm!« – »Hier rechts,« sprach Jochem – es war die Treppe,
die zu Miriams Gemach führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! –
»still! der Alte läßt sich hören.«

Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch vernommen: er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe: »Wer ist da unten? bist du’s, Miriam, wer
kommt?« fragte er.

»Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte euch nochmal fragen ...«
– und er stieg katzenleise eine Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen
klirren.

»Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er
die Bewaffneten hinter Jochem kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb,
Schandfleck der Hebräer!« Und wütend stieß er Jochem, der nicht zurück
konnte, die breite Partisane in die Brust, daß dieser rücklings
hinabstürzte. »Verrat!« schrie er noch einmal.

Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang über die Leiche
hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von
Byzanz. Da krachten unten Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen
eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten – schon war es
ganz dunkel geworden – die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.

Da war alles aus.

Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen, ein Haufe brach die nächsten
Thore ein, den Brüdern draußen Eingang schaffend.

Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei:
er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer
streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert
treuen Goten, die ihn noch umgaben.

Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen, erhoben
sich – unter Führung alter Römerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des
Syrers, – ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward,
da er sie hemmen wollte, erschlagen – auch die Bürger von Neapolis: sie
entwaffneten die einzelnen Goten in den Straßen und schickten,
glückwünschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine
Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glänzenden Stab umgeben, zur
Porta Capuana hereinritt.

Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst
lag ich längst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, daß das dem Kaiser
an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn Tage lang hat sich eure
Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen
lassen. Die Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden –
Plünderung. Ohne Mord: – die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers –
ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der
Führer der Goten? Tot?«

»Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.«

»Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine den jungen, den Totila.
Was ward aus ihm? Ich muß ihn haben.«

»Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
vortretend, »wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung
ausnehmt, will ich’s euch wohl sagen.«

Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
»Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht
dich sprechen.«

»Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf eilte mit wenigen
Reitern während der Waffenruhe hinaus, Verstärkung zu holen vom Castellum
Aurelians: er kann jeden Augenblick zurückkehren.«

»Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
müssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt?
das Thor besetzt?«

»Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können.« sprach
Johannes.

»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken!

Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet
auf die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht
meinen Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein!
dreihundert Mann in der Nähe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie
er das Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will ihn lebend
fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.«

»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld’ ihm noch
Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ
die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine
Maßregeln.

Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes
willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, laßt mich heran! Ich
will ja nur seine Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.«
Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause
gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere
zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.

»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den
Weg säubern! In den Graben mit dem Juden!«

»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück.

»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. –

Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit
leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: – wie gelähmt
hielt der Krieger inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend.
»Und schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir
Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« – »Wenn der Gott meiner
Väter dein Herz gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die
Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er sich lange selbst
geschaufelt, – neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es
sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er faßte die
Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten: da lag
ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die
Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. –

Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so
arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte
darüber. »Komm!« sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – »Ja,
wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab Dank,« sprach sie und nahm
ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze
vom Jordan, aus dem Tempel.

»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt.

Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen.

»So,« sagte er, »das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muß ich
fort, wir müssen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl.«

Dieser Name schlug in Miriams Herz: – noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum
Thore hinaus auf die Straße: aber das Fallgitter war gesenkt, an den
Thoren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie
um sich.

»Ist alles vollzogen, Chanaranges?« – »Alles, er ist so gut wie gefangen.«
– »Horch, vor dem Wall, – Pferdegetrappel – sie sind’s! zurück, Weib.«

Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Thor.

»Auf! auf, das Thor,« rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein
Roß heran. »Ich weiß nicht, ich traue nicht!« rief er, »die Straße war wie
ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar
Wachtfeuer brennen.«

Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. »Der Bursch bläst ja
gräßlich!« sprach Thorismuth zürnend. »Es wird ein Welscher sein,« meinte
Totila. »Gebt die Losung,« rief’s herab auf lateinisch. »Neapolis,«
antwortete Totila entgegen. »Hörst du’s? Uliaris hat die Bürger bewaffnen
müssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde,« fuhr er fort zu den oben
Aufgestellten, »vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß: und Italien hat
einen neuen König.«

»Wer ist’s?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem weißen Roß, der erste.«
Da sprangen die Thorflügel auf, gotische Helme füllten den Eingang,
Fackeln glänzten, Stimmen flüsterten.

»Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. Spähend blickte
Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. »Sie haben gestern getagt zu
Regeta,« fuhr Totila fort, »Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis
...« –

Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Roß den Sporn
geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe
der Krieger. »Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!«
Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoß durchbohrte ihre Brust.

»Miriam!« schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd zurück.

Doch Thorismuth, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, rasch
entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende
Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, daß es dröhnend vor Totila
niederschlug.

Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. »Auf das Gitter!
Hinaus auf sie!« rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.

»Miriam, Miriam,« rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die
Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklärten Blick: –
dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!«
hauchte sie und fiel zurück. – Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr.
»Miriam,« rief er nochmals, beide Hände gegen sie ausbreitend. –

Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das
edle Tier hochbäumend zurück. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da
faßte Thorismuth nach Totilas Zügel, riß das Pferd herum und gab ihm einen
Schlag mit der flachen Klinge, daß es hinwegschoß. »Auf und davon, Herr,«
rief er, »ja, sie müssen flink sein, die uns einholen.« Und brausend
sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen;
nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs
unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell
Aurelians: auf einem Hügel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit
ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen,
liegen sah.

Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betäubung
auf. »Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« »Neapolis, – wir sehen uns wieder.«
Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.

Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben
für immerdar.

Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
rief er, vom Pferde springend, mit wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die
ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das
Mißgeschick zu melden.

Aber niemand wußte zu sagen, wohin der schöne Leichnam geraten. Die Rosse
hätten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wußte es besser:
Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend
Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen, hatte
die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter
sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.

Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt, in der die
Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar
die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert
unter sie fahrend, Einhalt schuf. –

Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, daß er nicht wagte, wie er so
gern gewollt, sie zu küssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und
brach eine Rose, die neben dem Grabe blühte, und legte sie ihr auf die
Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Plünderung zu nehmen. Aber
es ließ ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht
über, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens.

Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht
genug: andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als
die Sonne emporstieg, schob er sorgfältig den Stein über das Grab und
ging.

So war Miriam spurlos verschwunden.

Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzählte,
schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
wieder aufgefahren gen Himmel.



                            Sechstes Kapitel.


Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu
Regeta.

Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad, den König
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die
Besatzung der Stadt zu verstärken, bis er selbst mit einem größeren Heere
zum Entsatz herbeieilen könne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die
Brüder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta,
zurückziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden
von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des
dritten Hauptbollwerks Italiens, mußte den ganzen Kriegsplan der Goten
verändern.

Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren
gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja
eigenmächtig zurückgeführt, waren im Augenblick die ganze verfügbare
Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Südgallien und
Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur
schnellen Rückkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz
Italien verloren sein.

Gleichwohl hatte der König beschlossen, sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zufluß der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen
Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu
leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab
Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war
ebensoweit von Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt.

Ja, der König mußte seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren
Entschluß abringen. Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in
dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in
Verwünschungen über den Verräter Theodahad, über Belisar, über die Italier
Luft machte, während schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das
Zaudern des Königs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein
führen wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, während der Ungestüm
des Heeres schon über den Stillstand grollte, gestand sich der König mit
schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurückzuweichen und selbst
Rom vorübergehend preiszugeben.

Tag für Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
allein führte er zehntausend Mann – als Geiseln zugleich und
Kampfgenossen, – von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen:
von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche
Übermacht zu gewähren und die kleineren Städte an der Küste öffneten dem
Feind mit Jubel die Thore.

Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des
Königs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis
Cumä und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das
starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische,
saracenische und maurische Reiter, bei Formiä. Das Gotenheer erwartete und
verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms.

Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zählen konnte, im offnen
Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die mächtigen
Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
Überflutung halten zu können: aber bald mußte er auch diesen Gedanken
aufgeben.

Die Bevölkerung Roms zählte, dank dem Präfekten, mehr waffenfähige und
waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert: und stündlich
überzeugte sich der König, von welcher Gesinnung diese beseelt waren.
Schon jetzt hielten die Römer kaum noch ihren Haß wider die Barbaren
zurück: es blieb nicht bei feindlichen und höhnischen Blicken: schon
konnten sich Goten in den Straßen nur in guter Bewaffnung und großen
Scharen blicken lassen: täglich fand man vereinzelte gotische Wachen von
hinten erdolcht.

Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, daß diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen
Häuptern: den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus. Er
mußte sich sagen, daß, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das
Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine
gotische Besatzung erdrücken würde.

So hatte Witichis den schweren Entschluß gefaßt, Rom, ja ganz
Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu
werfen, hier die mangelhaften Rüstungen zu vollenden, alle gotischen
Streitkräfte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den
Feind aufzusuchen.

Er war ein Opfer, dieser Entschluß.

Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und
es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen,
zurückweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht
rühmlich war es für den König, der um seiner Tapferkeit willen auf den
Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit
schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten
Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der
Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Hälfte von Italien preisgeben? Und
wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, – wie mußte das Volk
von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestüm, ihrer Verachtung der
Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein
germanischer König hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und
zu gebieten. Schon mancher germanische König war von seinem Volksheer
wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fürchtete
ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager
zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.

Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
»Auf, König der Goten,« rief eine leidenschaftliche Stimme, »jetzt ist
nicht Zeit, zu schlafen!« – »Ich schlafe nicht, Teja,« sprach Witichis,
»seit wann bist du zurück? Was bringst du?« – »Eben schritt ich ins Lager,
der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot.« – »Wer?«
– »Der Verräter und die Mörderin!« – »Wie? du hast sie beide erschlagen?«
– »Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkönig, folgte ich zwei
Tage und zwei Nächte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken
Vorsprung. Aber mein Haß war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei
Narnia holte ich ihn ein: zwölf Sklaven begleiteten seine Sänfte: sie
hatten nicht Lust, für den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg
und flohn.

Ich riß ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und führte zugleich einen
heimtückischen Stoß nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit
drei Streichen. Einen für das Reich: und zwei für meine Eltern. Und ich
hing ihn an seinem goldenen Gürtel auf, an der offenen Heerstraße, an
einem dürren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Fraß für die Vögel des
Himmels, eine Warnung für die Könige der Erde.«

»Und was ward aus ihr?«

»Sie fand ein schrecklich Ende!« sprach Teja schaudernd.

»Als ich von hier nach Rom kam, wußte man nur, daß sie verschmäht, den
Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine
kappadokische Leibwache zusammen und verhieß den Männern goldne Berge,
wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona
sich werfen wollten.

Die Söldner schwankten und wollten erst das verheißne Gold sehen. Da
versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie
verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden.« –
»Nun?« – »Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Führer,
einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muß sich in diesem Labyrinth
verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Söldner trafen
sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast völlig
erhalten: sie mußte alsbald erloschen sein, nachdem sie die Höhlung
beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst,
Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt: sie starb, sowie sie ans
Tageslicht gebracht war.«

»Schrecklich!« rief Witichis. – »Gerecht!« sagte Teja. »Aber höre weiter.«

Eh’ er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
gotische Führer ins Zelt: »Weiß er’s?« fragte Totila. – »Noch nicht,«
sagte Teja. – »Empörung!« rief Hildebad! »Empörung! Auf, König Witichis,
wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße.«

»Was ist geschehn« fragte Witichis ruhig.

»Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empört. Er ist gleich
nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein älterer Bruder,
der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die
Wölsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten überall aufgerufen gegen
dich zum Schutz der »Königslilie«, wie sie sie nennen: Mataswintha sei die
Erbin der Krone. Sie haben sie als Königin ausgerufen. Sie weilte in
Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiß nicht, ist sie
Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiß man, daß sie avarische
und gepidische Söldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre
ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all’ dem großen Anhang der Wölsungen,
bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkönig: sie wollen Ravenna
gewinnen!«

»O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!« rief
Hildebad zornig. »Ich will dir diese Königin der Goten samt ihrem adeligen
Buhlen in einem Vogelkäfig gefangen bringen.«

Aber die andern machten besorgte Gesichter. »Es sieht finster her!« sprach
Hildebrand. »Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: – im Rücken das
schlangenhafte Rom, – all’ unsre Macht noch fünfzig Meilen fern – und
jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner
schlag’ in dieses Land.«

Aber Witichis blieb ruhig und gefaßt wie immer. Er strich mit der Hand
über die Stirn. »Es ist vielleicht gut so,« sagte er dann. »Jetzt bleibt
uns keine Wahl. Jetzt _müssen_ wir zurück.« – »Zurück?« fragte Hildebad
zürnend. – »Ja! Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen. Morgen brechen
wir das Lager ab und gehn ...« – »Gegen Neapolis vor?« sagte Hildebad. –
»Nein! Zurück nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der
Brand der Empörung muß zertreten sein, eh’ er noch recht entglommen.« –
»Wie? du weichst vor Belisar zurück?« – »Ja, um desto stärker vorzugehen,
Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück, den tödlichen Pfeil
zu schnellen.« – »Nimmermehr!« sprach Hildebad, »das kannst – das darfst
du nicht.«

Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
Schulter: »Ich bin dein König. Du hast mich selbst gewählt. Hell klang vor
andern _dein_ Ruf: »Heil König Witichis!« Du weißt es, Gott weiß es: nicht
ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das
Haupt gedrückt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr
anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid
ihr mit mir verloren.«

»Du hast recht,« sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. »Vergieb
mir! Ich mach’ es gut im nächsten Gefecht.«

»Auf, meine Feldherrn,« schloß Witichis, den Helm aufsetzend, »du, Totila,
eilst mir in wicht’ger Sendung zu den Frankenkönigen nach Gallien: ihr
andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang
geht’s nach Rom.«



                            Siebentes Kapitel.


Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die
jungen »Ritter«: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus,
den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Präfekten in
vertrautem Gespräch.

»Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen Papstes
Silverius, meiner schlimmsten Argwöhner? Ist sie vollständig?« – »Sie ist
es. Es ist ein hartes Opfer,« rief Lucius Licinius, »das ich dir bringe,
Feldherr. Hätt’ ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht,
ich hätte jetzt schon Neapolis mit belagert und bestürmt, statt daß ich
hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren
und in Manipeln schwenken lehre.« – »Sie lernen’s doch nie wieder,« meinte
Marcus.

»Geduldet euch,« sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken, die er in der Hand hielt. »Ihr werdet euch bald genug und
lang genug mit diesen gotischen Bären balgen dürfen. Vergeßt nicht, daß
das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck.«

»Weiß nicht,« zweifelte Lucius.

»Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht,« sprach Cethegus;
»wir müssen diese Römer wieder an Schild und Schwert gewöhnen, sonst –«
der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten
die jungen Römer.

»Laß ihn ein!« sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel
bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger,
einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Präfekten
Brust.

»Julius!« sprach dieser kalt zurücktretend. »Wie sehn wir uns wieder! Bist
du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?«

»Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
rauchenden Neapolis.« – »Ei,« grollte Cethegus, »hast du mit deinem
blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Römer gut! Nicht
wahr, Lucius?« – »Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in
diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzündet.«

Cethegus maß ihn mit kalten Blicken. »Es ist unter meiner Würde und über
meiner Geduld, einem Römer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten.
Wehe, daß ein solcher Abtrünniger mein Julius. Schäme dich vor diesen
deinen Altersgenossen. Seht, römische Ritter, hier ist ein Römer ohne
Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!«

Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt. »Du hast sie noch nicht gesehen,
die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen.
Wo sind denn die Römer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben
seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kämpft mit
den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.«

Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden: »Ich muß allein mit diesem Philosophen disputieren.
Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.«

Und die Kriegstribunen gingen, mit verächtlichen Blicken auf Julius.

»Ich möchte nicht hören, was die von dir reden!« sagte Cethegus, ihnen
nachsehend. – »Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht
fremden Gedanken.« – »Er ist Mann geworden,« sagte Cethegus zu sich
selbst.

»Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen,
führen mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entführen aus dieser
schwülen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lüge. Ich bitte dich,
mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien.« – »Nicht übel,« lächelte
Cethegus. »Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen!
Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht,
den du verfluchst.« – »Ich dacht’ es wohl,« sprach Julius schmerzlich.
»Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?«

»Ich,« sprach Cethegus ruhig und groß. »Und du, mein Sohn, sollst mir
dabei helfen. Ja, Julius, dein väterlicher Freund, den du so kalt und
nüchtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwärmerei, wenn auch nicht
für Mädchenaugen und gotische Freundschaften. Laß diese Knabenspiele
jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines öden Lebens und
sei der Genosse meiner Kämpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom,
Freiheit, Macht! Jüngling, können dich diese Worte nicht rühren? Denk’
dir,« fuhr er, wärmer werdend, fort, »diese Goten, diese Byzantiner – ich
hasse sie wie du – die einen durch die andern erschöpft, aufgerieben, und
über den Trümmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter
Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hügel thront wieder der Herrscher
über Morgen- und Abendland: eine neue römische Weltherrschaft, stolzer als
sie dein cäsarischer Namensvetter geträumt, verbreitet Zucht, Segen und
Furcht über die Erde ...« –

»Und der Herrscher dieses Weltreichs heißt – Cethegus Cäsarius!«

»Ja – und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
dich dies Ziel nicht lockt!«

Julius sprach bewundernd: »Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
deine Wege, – sie sind nicht gerade. Ja, wären sie gerade, bei Gott, ich
teilte deinen Gang.

Ja, rufe die römische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
zu: »Räumt das heilige Latium!« führe einen offnen Krieg gegen die
Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und
fallen!« – »Du weißt recht gut, daß dieser Weg unmöglich ist.« – »Und
deshalb – ist’s dein Ziel!« – »Thor, erkennst du nicht, daß es gewöhnlich
ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, daß es aber göttlich ist, aus
dem Nichts, nur mit eigner schöpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen.«
– »Göttlich? durch List und Lüge? Nein.« – »Julius!« – »Laß mich offen
sprechen, deshalb bin ich gekommen.

O könnt ich dich zurückrufen von dem dämonischen Pfade, der dich sicher in
Nacht und Verderben führt. Du weißt, – wie ich dein Bild verehre und
liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten,
Römer von dir flüstern.«

»Was flüstern sie?« fragte Cethegus stolz.

»Ich mag’s nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
Landung, – du wirst dabei genannt, wie der Dämon, der alles Böse schafft.
Sage mir, schlicht und treu, daß du frei bist von dunkeln« –

»Knabe!« fuhr Cethegus auf, »willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst.

Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Große
will, muß das Große thun, nennen’s die Kleinen gut oder schlecht.« – »Nein
und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu
dem nur Frevel führen. Hier scheiden sich unsre Pfade.«

»Julius, geh nicht! Du verschmähst, was noch nie einem Sterblichen geboten
ward. Laß mich einen Sohn haben, für den ich ringe, dem ich die Erbschaft
meines Lebens hinterlassen kann.« – »Fluch und Lüge und Blut kleben daran.
Und sollt ich sie schon jetzt antreten: – ich will sie nie! Ich gehe, daß
sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um
Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des
Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten
fordert, – – dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und
will dich losringen und loskaufen von den dämonischen Mächten und sei’s um
den Preis meines Lebens.«

Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe, aber er dachte: »Er
liebt mich noch immer. – Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk
vollendet: laß sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des
Erdkreises ausschlägt.« – »Wohl,« sagte er, »ich werde dich rufen, wenn
ich dein bedarf. Leb wohl.« Und mit kalter Handbewegung entließ er den
Heißbewegten.

Aber als die Thüre hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Präfekt ein
kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es
lang. Dann wollte er es küssen. Aber plötzlich flog der höhnische Zug
wieder um seine Lippen. »Schäme dich vor Cäsar, Cethegus,« sagte er, und
legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius
sehr ähnlich.



                             Achtes Kapitel.


Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den
Sonnenball trägt, gefüllt mit persischem Duftöl. »Ein gotischer Krieger
steht draußen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr
unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?« »Nein,« sagte Cethegus, »wir
fürchten die Barbaren nicht. Laß ihn kommen.« Der Sklave ging und Cethegus
legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika.

Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze über den Kopf geschlagen:
er warf sie jetzt zurück.

Cethegus trat erstaunt einen Schritt näher. »Was führt den König der Goten
zu mir?«

»Leise!« sprach Witichis. »Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
verhandeln. Du weißt: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in
Rom eingezogen. Du weißt noch nicht, daß wir Rom morgen wieder räumen
werden.«

Cethegus horchte hoch auf.

»Das befremdet dich?« – »Die Stadt ist fest,« sagte Cethegus ruhig. »Ja,
aber nicht die Treue der Römer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar.
Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen.«

Vorsichtig schwieg Cethegus, er wußte nicht, wo das hinaus sollte.
»Weshalb bist du gekommen, König der Goten?« – »Nicht um dich zu fragen,
wie weit man den Römern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, daß wir
ihnen so wenig trauen können, die doch Theoderich und seine Tochter mit
Wohltaten überhäuft; – sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir
zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen.«

Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
beneidete. Er hätte es gern verachtet. »Wir werden Rom verlassen, und
alsbald werden die Römer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann’s
nicht hindern. Man hat mir geraten, die Häupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzuführen.«

Cethegus erschrak und hatte Mühe, das zu verbergen.

»Dich vor allen, den Princeps Senatus.« – »Mich!« lächelte Cethegus. –
»Ich werde dich hier lassen. Ich weiß es wohl: du bist die Seele von Rom.«

Cethegus schlug die Augen nieder. »Ich nehme das Orakel an,« dachte er.

»Aber eben deshalb laß’ ich dich hier. Hunderte, die sich Römer nennen,
wollen die Byzantiner zu ihren Herren, – du, du willst das nicht.«

Cethegus sah ihn fragend an.

»Täusche mich nicht! Wolle mich nicht täuschen. Ich bin der Mann
verschlagner Künste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist
zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiß, du hassest uns. Aber du liebst
auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden als du
mußt. Deshalb laß ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich
weiß, du liebst die Stadt.«

Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. »König der
Goten,« sagte er, »du sprichst klar und groß wie ein König: ich danke dir.
Man soll nicht sagen von Cethegus, daß er die Sprache der Größe nicht
versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kräften römisch
erhalten.«

»Gut,« sagte Witichis, »sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tücke: ich
weiß viel von deinen schlauen Plänen: ich ahne noch mehr: und ich weiß,
daß ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lügner. Ich
wußte, ein männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen
entwaffnet einen Feind, der ein Mann.«

»Du ehrst mich, König der Goten.

Ich will dich warnen: weißt du, wer die wärmsten Freunde Belisars?« – »Ich
weiß es: Silverius und die Priester.« – »Richtig. Und weißt du, daß
Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von
Rom besteigen wird?«

»So hör’ ich.

Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzuführen. Ich werd’ es nicht thun.
Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der
Pfaffen stoßen. Ich fürchte die Märtyrer.«

Aber Cethegus wäre den Priester gern los geworden. »Er wird gefährlich auf
dem Stuhl Petri,« meinte er.

»Laß ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden.« – »Wohlan,« sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend,
»ich habe hier die Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen. Es
sind wichtige Männer.«

Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen.

Aber Witichis wies ihn ab. »Laß das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen.
Was nützt es, ihnen die Köpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir für Rom
bürgen.«

»Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.«

»Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlaß’ dich drauf: er wird
auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst
nach hartem Kampf: aber gewiß. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um
Rom.«

»Einen zweiten?« fragte Cethegus ruhig, »mit wem?«

Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne: »Mit dir, Präfekt von Rom!«

»Mit mir!« Und er wollte lächeln, aber er konnte nicht.

»Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht würdig. Ich weiß
es, für wen du die Türme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht für uns
und nicht für die Griechen! für dich! Ruhig! Ich weiß, was du sinnest,
oder ich ahn’ es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom
kämpfen und kein Römer? Aber höre: Laß nicht einen zweiten jahrelangen
Krieg unsre Völker hinraffen.

Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft, hinausgeworfen aus unserm Italien,
– dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur
Schlacht unsrer Völker, – zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir
wollen’s um Rom entscheiden.«

Und in des Königs Blick und Ton lag eine Größe, eine Würde und Hoheit, die
den Präfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfältigen
Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als könne er sich selbst nie
mehr achten, wenn er diese Größe nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu
erwidern fähig sei. So sprach er ohne Spott: »Du träumst, Witichis, wie
ein gotischer Knabe.«

»Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
einzige Römer, den ich würdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten
sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes würdig. Du bist älter als
ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!«

»Seltsam seid ihr Germanen,« sagte Cethegus unwillkürlich: »was für
Phantasien!«

Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: »Phantasien? Wehe dir, wenn
du nicht fähig bist, zu fühlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja
recht behält! Er lachte zu meinem Plan und sprach: »das faßt der Römer
nicht!« Und er riet mir, dich gefangen mitzuführen. Ich dachte größer von
dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein
oder so feig, mich nicht zu fassen, – in Ketten führen wir dich aus deinem
Rom. Schmach dir, daß man dich zwingen muß zur Ehre und zur Größe.«

Da ergrimmte Cethegus. Er fühlte sich beschämt. Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es ärgerte ihn, daß er es nicht verhöhnen konnte. Es ärgerte
ihn, daß man ihn mit Gewalt nötigte, daß man seiner freien Wahl mißtraut
habe. Wütender Haß gegen Tejas Mißachtung wie gegen des Königs brutale
Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrücke rangen in ihm, er hätte
gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestoßen. Fast hätte er vorhin
aus soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt
durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschönes Gefühl der
Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn
gering erachtet: nun sollten sie gewiß betrogen sein! Und mit scharfem
Blick vortretend faßte er des Königs Hand. »Es gilt,« rief er.

»Es gilt,« sprach Witichis, fest seine Hand drückend.

»Mich freut es, daß ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hüte mir
unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf.« Und er ging.

»Nun,« sprach Teja draußen mit den andern Goten rasch vortretend, »soll
ich das Haus stürmen?«

»Nein,« sagte Witichis, »er gab mir sein Wort.«

»Wenn er’s nur hält!«

Da trat Witichis heftig zurück. »Teja! dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht!

Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein
Held.«

»Er ist ein Römer. Gute Nacht!« sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und
er ging mit seinen Goten andren Weges.

Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch
mit Teja. Am bittersten mit sich selbst.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der höchsten Stufe der
Marmortreppe des stolzen Gebäudes herab, die von den Großen des Heeres
besetzt war, hielt der König eine schlichte Ansprache an die Römer. Er
erklärte, daß er auf kurze Zeit die Stadt räumen und zurückweichen werde.
Bald aber werde er wiederkehren.

Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten
Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
heranrücke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder
heranrückten: der Römer wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre
starken Mauern machten langen Widerstand möglich.

Zuletzt forderte er den Eid der Treue und ließ sie nochmals feierlich
schwören, daß sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten. Die Römer zögerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid.

Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
flavischen Amphitheater vorbei zog eine große Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu
seinem Nachfolger gewählt.

Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien
der Bischofswürde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben
sangen in süßen und doch weihevollen Weisen.

Endlich nahte die Sänfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
Schiffe nachgebildet. Die Träger gingen langsam, Schritt für Schritt, nach
dem Takt der Musik, von ringsum drängendem Volk umwogt, das nach dem Segen
seines neuen Bischofs verlangte.

Silverius spendete unablässig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts
und links hin nickend.

Eine große Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Söldnern
schloß die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes
gelangt war.

Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
die alle Mündungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen,
prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Römer
die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begrüßten, als seine Stimme
ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides lösen sollte.

Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen,
als der Arm eines turmlangen Goten, über die Brüstung der Sänfte
hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.

Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte Silverius das strenge
Gesicht, aber uneingeschüchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend:
»Komm, Priester, du sollst hinauf zum König.«

Silverius hätte es angemessener gefunden, wenn der König zu ihm
heruntergekommen wäre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen
Mienen zu lesen. Denn er rief: »’s ist nicht anders! duck’ dich,
Pfäfflein!«

Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden Priester an der
Schulter nieder: die Träger ließen sich nun auf die Kniee herab und
seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.

Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
vor, an den Rand der Treppe, und sprach: »Ihr Männer von Rom, diesen hier
haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl:
er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue
für mich abgenommen hat. Schwöre, Priester!«

Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.

Aber sogleich wieder gefaßt, wandte er sich mit salbungsvollem Lächeln zu
dem Volk, dann zum König. »Du befiehlst?« sprach er.

»Schwöre,« rief Witichis, »daß du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
verdankt; in allen Stücken uns zu fördern, unsre Feinde aber zu schädigen.
Schwöre Treue den Goten.«

»Ich schwöre,« sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. »Und so fordre
ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lösen, euch, ihr
Römer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu
schwören, wie ich geschworen habe.«

Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge
nicht länger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: »Wir schwören
Treue den Goten.«

»Es ist gut, Bischof von Rom,« sprach der König. »Wir bauen auf euren
Schwur. Lebt wohl, ihr Römer! Bald werden wir uns wieder sehen.« Und er
schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.

»Jetzt bin ich nur begierig ...« – sagte Teja.

»Ob sie es halten?« meinte Hildebad.

»Nein. Gar nicht. Aber wie sie’s brechen. Nun, der Priester wird’s schon
finden.«

Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus,
die Stadt ihrem Papst und dem Präfekten überlassend, während Belisar in
Eilmärschen auf der Via Latina nahte.



                             Neuntes Kapitel.


In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore
waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche
Wachen, in den Straßen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter
Söldner: denn die Wölsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese
Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes
gegen Witichis gemacht.

In der schönen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden
Brüder.

Herzog Guntharis von Tuscien, der ältere, war ein gefürchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen
die Güter des mächtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und
Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne
Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie völlig zu gebrauchen.

In voller Rüstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetäfelte Zimmer, indes der jüngere Bruder in
schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem
Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war.

»Entschließe dich, mach’ vorwärts, mein Junge!« sprach Guntharis: »es ist
mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des störrigen Kindes
oder ich – hörst du? – ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr.
Ich weiß besser als du umzuspringen mit einem launischen Mädchenkopf.«

»Bruder, das wirst du nicht.«

»Beim Donner, das werd’ ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versäume
das Glück unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist
der Augenblick, den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu
schaffen, die ihnen gebührt und von der Amaler und Balten sie seit
Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib,
kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon
schützen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkönig Witichis.

Aber nicht zu lange mehr darf’s währen. Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna: doch ich fürchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns,
zufallen, das heißt, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien,
nachdem Neapolis und Rom verloren: die mächtige Festung müssen _wir_
haben. Deshalb muß sie dein Weib sein, eh’ wir vor die Rabenmauern ziehen:
sonst wird ruchbar, daß sie mehr unsre Gefangene als unsre Königin.«

»Wer wünscht das mehr, heißer als ich? aber ich kann sie doch nicht
zwingen?« – »Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten
oder bösen. Ich gehe, die Wachen auf den Wällen zu verstärken. Bis ich
zurück bin, will ich Antwort!«

Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem
Garten auf, Mataswintha zu suchen.

Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldähnlichen Abschluß, der, frei
von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrün noch erhalten
hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbüsche durchrieselte
ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge.

Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurückgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und
warf wie träumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die
Wellen, mit leise geöffneten Lippen der Blüte nachsehend, die rasch die
klaren Wellen entführten.

Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen in maurischer
Sklaventracht, eifrig beschäftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an
welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spähte die
anmutfeine Kleine manchmal, ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht
gewahre.

Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.

Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drückte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie
die Blumen ihr Haupt berührten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit
schmollend aufgeworfnen Lippen: »Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des
Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?«

Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: »Bei ihm!« flüsterte sie.

»Weiße Göttin, das trag’ ich nicht mehr!« rief die Kleine aufspringend,
»es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle
nur, auch die eigne Schönheit vergißt du – über dem unsichtbaren Mann:
schau’ doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von
den dunkeln Veilchen und weißen Anemonen sich hebt.«

»Dein Kranz ist schön!« sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend, »welch’ süße Blumen! Grüßt ihn von mir.«

»Ach, meine armen Blumen!« rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
wagte nicht, weiter zu schelten. »Sag’ mir nur,« rief sie, sich wieder
niederlassend, »wie all’ dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele
Tage, wir wissen nicht recht, Königin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder
Gewalt: haben den Fuß nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten
Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer
still und selig, als müßte das alles so sein.«

»Es muß auch alles so sein.«

»So? und wie wird es enden?«

»Er wird kommen und wird mich befreien.«

»Nun, Weißlilie! du hast einen starken Glauben. Wären wir daheim im
Mauretanierland und sähe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte
ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich
begreife das nicht« – und sie schüttelte die schwarzen Locken – »ich werde
dich nie begreifen.«

»Doch, Aspa! du wirst und sollst,« sprach Mataswintha sich aufraffend, und
zärtlich den weißen Arm um den braunen Nacken schlingend, »deine treue
Liebe verdient längst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.«

In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thräne. »Lohn?« sprach sie. »Aspa
ward geraubt von wilden Männern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist
eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich
gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar.
Und bist so schön wie die Göttin der Sonne und sprichst von Lohn?« Und sie
schmiegte das Köpfchen an der Herrin Busen.

»Du bist meine Gazelle!« sagte diese »und hast ein Herz wie Gold. Du
sollst alles wissen, was niemand weiß, außer mir. Höre also. Ich hatte
eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge
Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben,
einen Thronerben heiß gewünscht und sicher erwartet: – und mit
Widerwillen, mit Kälte und Härte behandelte sie das Mädchen. Als
Athalarich geboren war, nahm die Härte ab, aber die Kälte nahm zu: dem
Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich hätte es nicht
empfunden, hätte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen:
ich fühlte, wie auch er litt unter der kalten Härte seiner Gattin: und oft
drückte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thränen an die Brust.

Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern
Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn
sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah
ich, wie meine Wärterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten,
herzten und küßten: und nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht mein
Herz.

So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!

Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
im stillen Königsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe,
die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wärtern
entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies
Sehnen wuchs, je älter ich ward: in Gegenwart der Mutter mußte ich all’
meine Gefühle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte.

Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs, merkte ich wohl, daß die
Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie
bedauerten mich: und das that mir weh. Und öfter und öfter flüchtete ich
zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward
verklagt, daß ich dort weinte und ganz verstört zurückkäme.

Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
sprach von verächtlicher Schwäche.

Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot. Da überraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich
war doch kein Kind mehr: und führte mich in den Palast zurück: und schalt
mich schwer: und drohte, mich zu verstoßen für immer: und fragte im
Scheiden zürnend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde
gestraft.

Das war zu viel.

Namenlos elend beschloß ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur
Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wußte
nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.

Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals
an das geliebte Grab zu langem thränenreichem Abschied. Schon gingen die
Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch
die dunkeln Straßen der Stadt an das faventinische Thor. Glücklich
schlüpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf
der Straße fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.

Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
ihm vorüber wollte, schritt er plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und
legte die Hand leicht auf meine Schulter: »Wohin, Jungfrau Mataswintha,
allein, in so später Nacht?«

Ich erbebte unter seiner Hand, Thränen brachen aus meinen Augen und
schluchzend rief ich: »In die Verzweiflung!«

Da faßte der Mann meine beiden Hände und sah mich an, so freundlich, so
mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thränen mit seinem Mantel und
sprach in weichem Ton der tiefsten Güte: »Und warum? Was quält dich so?«

Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich
in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. »Weil
mich die eigne Mutter haßt, weil’s keine Liebe für mich giebt auf Erden.«
– »Kind! Kind! Du bist krank,« sagte er, »und redest irr. Komm, komm mit
mir zurück! Du? warte nur! du wirst noch eine Königin der Liebe werden.«

Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte,
diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte
und zitterte. Es mußte ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte.

Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und führte
mich langsam zurück durchs Thor, auf unbelebten Straßen, durch die Stadt
nach dem Palast.

Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das
Haupt, das er mir sorglich verhüllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg
und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte,
gelangten wir an die Thüre der Palasttreppe: er öffnete sie, schob mich
sanft hinein: dann drückte er mir die Hand. »Gut sein,« sagte er, »und
ruhig. Dein Glück wird dir schon kommen. Und Liebe genug.« Und er legte
leise die Hand auf mein Haupt, schloß die Thüre hinter mir und stieg die
Treppe hinab.

Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thür und konnte nicht fort. Mein
Fuß versagte, mein Herz pochte.

Da hört’ ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:

»Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloß, mein Freund?« Er aber
antwortete: »Du bist’s, Hildebrand? Du verrätst sie nicht! Es war das Kind
Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und
fürchtete den Zorn ihrer Mutter.« – »Mataswintha!« sprach der andre, »die
wird täglich schöner.« Und mein Beschützer sprach« – und sie stockte und
flammend Rot schoß über ihre Wangen ... –

»Nun,« fragte Aspa, sie groß ansehend, »was sagte er?«

Aber Mataswintha drückte Aspas Köpfchen nieder an ihre Brust. »Er sagte,«
flüsterte sie – »er sagte: – die wird das schönste Weib auf Erden!«

»Da hat er recht gesagt,« sprach die Kleine, »was brauchst du da rot zu
werden? Ist’s doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?«

»Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thränen der Trauer, der
Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein
Himmel in mir auf: er war mir gut, das fühlte ich, und er nannte mich
schön. Ja, jetzt wußt’ ich es: ich war schön, und ich war selig darüber:
ich wollte schön sein: für ihn! O wie glücklich war ich! seine Begegnung
brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wußte jetzt, man
konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des
Leibes, den er gelobt. Die süße Macht in meinem Herzen breitete eine milde
Wärme über mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der
Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur
sanfte Liebe ihrer Härte entgegengab: und täglich wurden alle Herzen
gütiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.

Und all’ das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe
ich nur für ihn.« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende
Brust.

»Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine
Liebe von so karger Kost?«

»Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn
nie hätte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach,
mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort
erscheinen mochte, war ich auf den Villen.«

»So weißt du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
Vergangenheit.«

»Wie hätt’ ich forschen können! glühende Scham hätte mich verraten! Lieb’
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
Zukunft weiß ich.«

»Von eurer Zukunft?« lächelte Aspa.

»An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von König
Theoderich fremde Kräuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen ließ
und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür, daß
sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles
eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Tränke: »das
Waldweib« nannte man sie laut: aber leise: »die Wala, das Zauberweib«. Und
wir alle am Hof wußten – außer den Priestern, die hätten es gewehrt – daß
jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der König sich das Jahr vorhersagen
ließ. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wußte ich, meine
Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb
noch aus, was sie verkündet.

Da, in der nächsten Sonnenwende, faßte auch ich mir ein Herz, lauerte der
Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot
ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.

Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein hervor und sprach:
»Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mächtig Blut von einem reinen
Königskind.«

Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hände und sang endlich
tonlos: »Den du hältst im Herzen hoch, der giebt dir größten Glanz und
größtes Glück, schafft dir allerschärfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein
Gatte nicht.« Und damit war sie hinaus.«

»Das ist wenig tröstlich: – soviel ich’s fasse.«

»Du kennst der Alten Sprüche nicht: sie sind alle so dämmerdunkel: sie
fügt jeder Verheißung eine Drohung bei, für alle Fälle: ich aber halte
mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfüllt sich, wie man
sie faßt: ich weiß: er wird mein und bringt mir Glanz und Glück: den
Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.«

»Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der
Hexe hin hast du ausgeschlagen all’ die Könige und Fürsten, vom Vandalen-
und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst
Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf
ihn?«

»Und harr’ auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
lebt ein Vögelein, das singt mir alle Tage: »er wird dein, er muß dein
werden.« Ich weiß es sternengewiß,« schloß sie, das Auge zum Himmel
aufschlagend und in die frühere Träumerei versinkend.

Rasche Schritte tönten von der Villa her. »Ah,« rief Aspa, »dein schmucker
Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mühe!«

»Ich will dem Spiel ein Ende machen heut’!« sprach Mataswintha, sich
erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige
Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine
seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit
in dem Mädchen. Aspa staunte oft über das verhaltne Feuer in ihrer Herrin.
»Du bist wie die Götterberge in meiner Heimat,« sagte sie: »Schnee auf dem
Gipfel: Rosen um den Gürtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft
über Schnee und Rosen strömt.«

Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem
schönen Weibe mit einem Erröten, das ihm wohl anstand. »Ich komme,« sagte
er, »Königin ...« –

Aber herb unterbrach sie ihn. »Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt und Lüge ein Ende zu machen.

Nicht länger will ich’s tragen. Dein kecker Bruder überfällt mich
plötzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in
meinen Gemächern, nennt mich in einem Atem seine Königin und seine
Gefangene und hält mich wochenlang in unwürdiger Haft. Er bringt mir den
Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit
deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele führt. Ich habe dich
verschmäht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt,
wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhören? Du schwörst, du liebest
mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, laß mich frei. Oder
zittre, wenn mein Befreier naht.« Und drohend trat sie auf den Bestürzten
zu, der keine Worte finden konnte.

Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.

»Auf, Arahad,« rief er, »komm zu Ende. Wir müssen fort, sogleich. Er naht,
er dringt mit Macht heran.« – »Wer?« fragte Arahad hastig. – »Er sagt, er
kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkönig, und unsre
Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium.«

»Wer?« fragte jetzt Mataswintha eifrig.

»Nun,« antwortete Guntharis zornig, »jetzt magst du’s erfahren: es ist
doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fäsulä.«

»Witichis!« hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.

»Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend,
zum König der Goten erhoben.«

»Er! er mein König!« sprach Mataswintha wie im Traume.

»Ich hätte dir’s gesagt, schon da ich dich als Königin begrüßte; aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbüste, bekränzt. Das war mir verdächtig.
Später sah ich’s: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.«

Mataswintha schwieg und suchte die glühende Röte zu verbergen, die ihr
Antlitz überflog.

»Nun,« rief Arahad, »was ist zu thun?«

»Wir müssen fort. Wir müssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
Feste, hält ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles
Volk der Goten unser. Auf, Königin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in
einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen.« Und die
Brüder eilten hinweg.

Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:

»Ja, führt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Höhe
wird mein König auf euch niederstoßen und mich retten aus eurer Gewalt.
Komm, Aspa, der Befreier naht.«



                             Zehntes Kapitel.


Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet, so berief Papst
Silverius – es war am Tage nach seinem Eide – die Spitzen der
Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in
die Thermen des Caracalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der
Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.

Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig
rechtmäßigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen
Stadt zu überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und
der Gläubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.

Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er
lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu
binden, so zu lösen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter
deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig
durch: und der Papst selbst, Scävola, Albinus und Cethegus wurden als die
Gesandten gewählt.

Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit
angehört und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach:
»Ich bin gegen den Beschluß. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb
apostolische Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe
nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heißt: uns ohne Not dem
gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen können
und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen
werden. Laßt uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich
wegwirft, wird mit Füßen getreten.«

Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke.

»Solche Gesinnung,« sprach der Jurist, »wird dem Feldherrn des Kaisers
gewiß sehr gefallen, kann aber an dem Beschluß nichts ändern. Du gehst
also nicht mit uns zu Belisar?«

Cethegus stand auf: »Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch,« sagte er
und ging hinaus.

Als die übrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scävola: »Das
giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!« –
»Und er geht selbst in die Höhle des Löwen.« – »Er soll sie nicht mehr
verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?« – »Schon längst. Ich
fürchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reißen: und er geht
selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze.« – »Amen!« sagte
Silverius. »Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem
heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen um die vierte Stunde machen wir
uns auf.«

Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen.

Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete. »Gleich brechen wir auf,« rief er dem Sklaven
zu, der auf dem vordersten Rosse saß, »ich hole nur mein Schwert.«

Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. »Heut’
kam der Tag,« rief ihm Lucius entgegen, »auf den du uns solang
vertröstet!« – »Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser
Geschick, unsre Treue?« fragte Marcus. – »Geduld!« sprach Cethegus mit
erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.

Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: »Ist das
äußerste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?« fragte er. – »Fertig,«
sprach Lucius Licinius. – »Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol
geborgen?« – »Geborgen.« – »Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am
Kapitol vollendet, wie ich befahl?« – »Vollendet,« antwortete Marcus. –
»Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt
verlassen, und erfüllt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein
Leben und das eure –: es gilt Rom! Die Stadt Cäsars wird eure Thaten
sehen. Geht: auf Wiedersehen!«

Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer. – »Du
sollst zufrieden sein!« – »Du und Cäsar!« riefen sie und eilten hinweg.
Mit einem Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit
spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. »Heiliger Vater,« sagte er zu
sich selbst, »ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in
den Katakomben: ich will sie zahlen! – Die Via latina hinab!« rief er
rasch dem Sklaven zu, »und laß die Rosse jagen, was sie können.«

Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.

Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging
jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausführung.

Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
traf, deren Führer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen
jüngeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten ließ. Im Lager
angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern ließ sich
sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen.

Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule
gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen.
Aber nicht die Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu
diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer
politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Pläne für die
Zukunft.

Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.

Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekünstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu
fühlen, unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte.
Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich
leuchtenden Auge glänzte die Freude an allem Guten.

Nachdem Cethegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad
abgespült, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt
führte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der
wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein
paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte
Vergangenheit erläuternd.

Da waren die Söhne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne
Bildung, mit dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: – sie
betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stützen und ihn
vollersetzende Nachfolger.

Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Königsgeschlecht der
Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Haß gegen die
persischen Überwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und
Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.

Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Führer der Reiterei,
Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Führer des Fußvolks, Ennes, der
isaurische Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und
Askan, die Führer der Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, die
Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und
Artabanes, die Armenier – der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier
in Neapolis zurückgelassen werden – Azarethas und Barasmanes, die Perser,
Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius,
karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel
spendend.

Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: »Und
wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und
dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?«

»Dort,« sprach Prokop, »wohnt seine unüberwindliche Köstlichkeit, des
römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
erleuchte.«

»Des Kaisers Neffe, nicht?«

»Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein höchstes
und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns
zu ärgern und dafür zu sorgen, daß wir nicht so leicht siegen. Er ist
Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den
Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden.«

»So,« sprach Cethegus.

»Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars
haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit
jenen Hügel zur Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier
aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber höher als Belisarius.«
– »Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer
wohnt darin?« – »Dort,« seufzte Prokop, »ein sehr unglückliches Weib:
Antonina, Belisars Gemahlin.« – »Sie unglücklich? die Gefeierte, die
zweite Kaiserin? warum?« – »Davon ist nicht gut reden in offner
Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekühlt sein.«



                             Elftes Kapitel.


Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.

»Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es
aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserkönigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.«

»Du bist mir ein praktischer Gelehrter!« lächelte Cethegus. »Wie bist du
so anders geworden seit den Tagen von Athen.«

»Das will ich hoffen!« sprach Prokop und zerschnitt selbst – er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt – die dampfende Hirschkeule vor ihm. »Du
mußt wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser
werden. Drei Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker
zu Athen, – und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der
Philosophie. Nach löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mußte auch
die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darüber
nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen
jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigner Großvater sei. Nun, über
all’ diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender
Verstand abhanden zu kommen.

Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle
Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen
Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.

Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit
Staunen, daß der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre
Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger
seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik – von der
christlichen Logik vollends zu schweigen!

Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte, kam
plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über
einen großen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und
war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand
ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.

Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: »Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wüßten das Rechte von dem höchsten Wesen.

Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar
kein Bedürfnis, von uns erkannt zu werden – ich hätte es auch nicht, an
seiner Statt! – und es hat die Menschen geschaffen, daß sie leben, tüchtig
handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln,
Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankömmt. Und
wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und
Treiben erforschen.«

Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten
und die Fahnen flogen und die Rößlein sprangen. Und ich dachte mir: »Die
wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.«

Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein
Bürger von Ephesos auf die Schulter und sprach: »Ihr scheint nicht zu
wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius,
der zieht in den Perserkrieg.« – »Gut,« sagte ich, »Freund! Und ich ziehe
mit!« Und so geschah’s zur selben Stunde.

Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und
Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage
mach’ ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich
Weltgeschichte.« – »Und welches ist deine bessere Arbeit?« – »Freund,
leider das Schreiben! Und das Schreiben wäre noch besser, wenn die
Geschichte besser wäre. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit
dem was wir thun: und thu’s nur mit, weil’s doch besser ist, als gar
nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!« rief er zur
Zeltthür hinaus.

»Den Tacitus?«

»Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mußt wissen:
ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. – Zum
Beispiel dieses lärmende Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen,
dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht,
erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen.«

»Narses! was treibt mein kluger Freund?«

»Er beneidet Belisar und läßt sich’s selbst nicht merken. Außerdem macht
er Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert
ehe wir landeten.«

»Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
Belisar vor?«

»Das will ich dir sagen,« sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. »Mein
Unglück ist, daß ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios
geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie – und
Theologie! – genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit
Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe
und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erklügeln; wir sind ein
verkrüppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur
Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er
könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand;
aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang,
zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!

Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den mächtigen Schenkeln, mit denen er die stärksten Hengste
zwingt. Und mich freut’s, wenn ihm manchmal die blinde Lust,
dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnpläne braust. Mich freut’s,
wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und
kämpfen, wie ein schäumender Eber haut.

Freilich, sagen darf ich’s ihm nicht, daß mir das gefällt; denn sonst
wär’s nicht auszuhalten: in drei Tagen wär’ er in Stücke gehauen. Im
Gegenteil; ich halte ihn zurück: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt.
Und er läßt sich meine Verständigkeit gefallen, weil er weiß, daß sie
nicht Feigheit ist. Hab’ ich ihn doch mehr als einmal mit meiner
Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen müssen, in die ihn der Trotz
seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von
Horn und Tuba.«

»Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?«

»Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!«

»Aber was war’s mit Horn und Trompete?«

»Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mußten, weil
es die Straße beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere
heroischen Köpfe übel daran zerstoßen: und mein zorniger Herr schwor »bei
dem Schlummer Justinians« –, das ist nämlich sein höchstes Heiligtum – er
werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden
aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung überfallen: wir, im
hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen,
nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fuße des Berges. Ich riet nun,
daß wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rückzug geben lassen
sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.

Aber da kam ich übel an!

Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, daß man an einem
darauf geleisteten Schwur nicht makeln dürfe! Und so mußten sich denn
unsre armen Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis
ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er
solle, um die Unsern zum Rückzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem
Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.

Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.

Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern ließen, liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen,
jene mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians
Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwächt, unsre Vorposten wurden
nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt’ ich
ihn immer spottend aus für seine Heroenthaten. Aber im stillen erwärme und
erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!«

»Nun,« meinte Cethegus, »bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot.«

Prokop nickte bedächtig: »Kann auch nicht leugnen, daß ich großes
Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.«

»Wie? Warum?«

»Dumm sind sie, daß sie, anstatt hübsch langsam, Schritt für Schritt, im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben
– sie wären unaufhaltsam! – in dieses Italien sich ohne allen Verstand
vereinzelt hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten in einen
glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du
wirst es sehen.« – »Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?« fragte Cethegus
ruhig.

»Ja,« antwortete Prokop verdrießlich, »was dann! Das ist das Ärgerliche!
Dann wird Belisar Statthalter von Italien – denn mit dem Schneckenprinzen
dauert es kein Jahr – und er verliegt hier seine schönste Kraft, während
es Arbeit vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein
Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schläuche Wein wir
jährlich vertilgen.«

»Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
aus Italien?«

»Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.«

Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen für
seinen Plan gefunden zu haben. »Und so beherrscht also sein Verstand
Prokopius den Löwen Belisar,« sagte er laut. – »Nein!« seufzte Prokop,
»vielmehr sein Unverstand, sein Weib.« – »Antonina! Sage, weshalb nanntest
du sie unglücklich.«

»Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schöne
Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur
Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiß noch nie einen Stachel des Gewissens
empfunden. Aber ich glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer
nächsten Nähe zu haben, das sie verachten müßte. Sie ruhte nicht, bis es
ihr gelungen, durch ihr höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu
wecken. Gewissensqual empfindet diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern:
denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.«

»Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genügen?« –

»Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner
Liebe. Sie konnt’ es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen,
Blumen, Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung
zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht
wohl bei all dem Getändel.«

»Und ahnt Belisar?« –

»Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich, der
es nicht weiß, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod.
Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von
Italien werden. Im Lager, im Getümmel des Krieges, da fehlen dem
gefallsüchtigen Weib die Schmeichler und auch die Muße, sie zu hören.
Denn, gleichsam zur freiwilligen Buße für jene süßen Verbrechen der
heimlichen Gedichte und Blumen – gröberer Schuld ist sie gewiß nicht fähig
– überbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars
Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des
Meeres, der Wüste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und
Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schönen Augen liest! –
Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu
Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Größe
allein gedeiht.«

»Nun,« sprach Cethegus, »weiß ich genug, wie die Dinge hier stehen. Laß
mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien
wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du
weißt, ich war von jeher Republikaner ....« – – –

Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an:
»Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren.
Aber daß du’s noch bist – find’ ich – sehr – sehr – unhistorisch. Aus
diesem italischen Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen
die Goten, willst du Bürger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr
gut als zur Tyrannis!«

»Ich will darüber nicht streiten!« lächelte Cethegus. »Aber vor _eurer_
Tyrannis möcht ich mein Vaterland bewahren.«

»Kann dir’s nicht verdenken!« lächelte Prokop, »die Segnungen unsrer
Herrschaft sind – erdrückend!«

»Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst.«

»Jawohl, und dieser würde Cethegus heißen!«

»Wenn’s sein muß, – auch das!«

»Höre,« sprach Prokop ernsthaft, »ich warne dich dabei nur vor einem. Die
Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht
gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts
mehr mit der Weltherrschaft Roms.«

Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung König Theoderichs.
»Historikus von Byzanz, meine römischen Dinge kenne ich besser als du. Laß
dich jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir
morgen früh, eh’ die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespräch mit
Belisar und – sei eines großen Erfolges gewiß.« Und nun begann er dem
staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der
jüngsten Vergangenheit und seine Pläne der Zukunft zu entwerfen, sein
letztes Ziel wohlweislich verhüllend.

»Bei den Manen des Romulus!« rief Prokop, als er geendet hatte. »Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe
hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf laß
uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!«

Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurückkam.

»Nun, hast du ihm alles gesagt?« fragte der Historiker.

»Nicht eben alles!« sprach Cethegus mit feinem Lächeln: »man muß immer
noch etwas zu sagen übrig behalten.«



                            Zwölftes Kapitel.


Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfüllt.

Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
vergoldeten Sänfte voranflog, riß die Tausende von Soldaten mit Kräften
der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren
Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, daß
die Anführer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurückhalten
konnten; meilenweit waren ihm die Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten
jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins
Lager. Längst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die
seine Sänfte trugen, eingespannt: – vergebens hatte sich die
Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt – und unter unaufhörlichem
Jubelruf: »Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!« wälzte
sich der Strom der Tausende heran, über die Silverius unermüdlich Segen
sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scävola und Albinus, dachte kein
Mensch.

Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige
Schauspiel. »Der Präfekt hat Recht!« sprach er dann: »dieser Priester ist
gefährlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, laß die
byzantinische Leibwache an meinem Zelt ablösen, sowie die Unterredung
beginnt: sie sind allzugute Christen. Laß die Hunnen aufziehn und die
heidnischen Gepiden.«

Damit schritt er in sein Zelt zurück, wo er alsbald, von seinen
Heerführern umgeben, die römische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen
Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung
überzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte.

Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt. Große Massen Volkes drängten nach, aber sowie der Papst mit
Scävola und Albinus die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und ließen weder Priester
noch Soldaten folgen.

Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der Schar und hielt ihm eine
schöne Rede über den Text: »lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret
ihnen nicht.« Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte ihm
den Rücken: der Gepide verstand kein Latein, außer dem Kommando.

Da lächelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar saß auf einem Feldsessel: darüber
war eine Löwenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schöne Antonina
auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des
heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem
Anblick der weltklugen Züge des Silverius zog sich ihr Herz zusammen.

Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.

Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm – er
mußte sich mühsam dazu aufrichten – wie segnend beide Hände auf die
Schultern. Er wollte ihn leise niederdrücken auf die Kniee: – aber
eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mußte dem
Stehenden den Segen erteilen.

»Ihr kommt als Gesandte der Römer?« begann Belisar.

»Ich komme,« unterbrach Silverius, »im Namen des heiligen Petrus, als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu übergeben.
Diese guten Leute,« fuhr er fort, auf Scävola und Albinus weisend, »haben
sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt.« Unwillig wollte Scävola
einfallen, – so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! –
aber Belisar winkte ihm, zu schweigen.

»Und so heiße ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Gläubigen wider die Ketzer! Erhöhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz
Jesu Christi und vergiß nie, daß es die heilige Kirche war, die dir die
Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum
Werkzeug gewählt, die Goten in thörichte Sicherheit zu wiegen und blinden
Auges aus der Stadt zu führen: ich bin es gewesen, der die schwankende
Stadt, die Bürger für dich gewonnen und die Anschläge deiner Feinde
vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die
Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und
beschützest. Vergiß niemals dieser Worte.« Und er reichte ihm die
Schlüssel des asinarischen Thores.

»Ich werde sie nie vergessen!« sprach Belisar und winkte Prokop, der den
Schlüssel aus der Hand des Papstes nahm. »Du sprachst von Anschlägen
meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?«

Da sprach Silverius mit Seufzen: »Laß ab, Feldherr, zu fragen.

Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschädlich und der Kirche steht nicht
an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu
kehren.«

»Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtgläubigen Kaiser die
Verräter zu entdecken, die unter seinen römischen Unterthanen sich bergen
und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.«

Silverius seufzte: »die Kirche dürstet nicht nach Blut.« – »Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen,« sprach Scävola. Und
der Jurist trat vor und überreichte Belisar eine Papyrusrolle. »Ich hebe
Klage gegen Cornelius Cethegus Cäsarius, den Präfekten von Rom, wegen
Majestätsbeleidigung und Empörung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift
enthält die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine
Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach
Kräften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafür
gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu öffnen.«

»Und welche Strafe beantragt ihr?« fragte Belisar, in die Schrift
blickend.

»Nach dem Gesetz den Tod,« sprach Scävola. – »Und seine Güter verfallen
nach dem Gesetz,« sprach Albinus, »halb dem Fiskus, halb den Klägern.« –
»Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes,« schloß der Bischof von Rom.

»Wo ist der Angeklagte?« fragte Belisar.

»Er verhieß, dich aufzusuchen; aber ich fürchte, sein böses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen.«

»Du irrst, Bischof von Rom,« sprach Belisar, »er ist schon hier.«

Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklägern stand Cethegus der Präfekt. Überrascht fuhren die
Ankläger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige
Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand.

»Cethegus hat mich früher aufgesucht als du,« fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort: »und er ist dir zuvorgekommen – auch im Anklagen. Du stehst
als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du
verklagst.«

»Ich als Beschuldigter?« lächelte der Papst. »Wo wäre ein Kläger oder ein
Richter für den Nachfolger des heiligen Petrus?«

»Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.«

»Und der Kläger?« fragte Silverius.

Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: »Der Kläger bin ich!
Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten
Majestät des Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen. Ich
beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der
Stadt Rom und einen großen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen
und – lächerlich zu sagen! – ein Priesterreich zu gründen in dem
Vaterlande der Cäsaren. Und schon hat er den nächsten Versuch gethan zur
Ausführung dieses – soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines
Verbrechens? Hier überreiche ich einen Vertrag, – hier steht die
Unterschrift seiner Hand – den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der
Barbaren, geschlossen. Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger,
für den Fall, daß Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der
Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde. Es sind
aufgezählt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung,
Steuern, Zölle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem
Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme
Archidiakon, hinter Theodahads Rücken, die Waffen des Kaisers herbeirief,
schloß er, hinter des Kaisers Rücken, einen Vertrag, der diesem die
Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle sichern
sollte. Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche
Klugheit zu würdigen sei. Für die Erwählten des Herrn gilt als besondre
Klugheit der Schlangen Moral: – unter uns Laien ist solches Thun ...« –

»Der schändlichste Verrat!« fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Präfekten Hand. – »Hier sieh, Priester, deinen Namen:
kannst du noch leugnen?«

Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung, lag auf den Zügen aller Gesichter; am meisten aber war
Scävola, der kurzsichtige Republikaner, überrascht von diesen
Herrscherplänen seines gefährlichen Verbündeten. Er hoffte, Silverius
werde die Verleumdung siegreich niederschlagen.

Die Lage des Papstes war in der That höchst gefährlich, die Anklage schien
unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars hätte manch’ tapfres
Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, daß er kein
unebenbürtiger Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht
eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde
aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen
niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den
blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschütterlich ruhiges Angesicht
entgegen. Er fühlte, daß er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens
verfechten mußte: dies gab ihm kühne Kraft, keine Wimper zuckte ihm.

»Wie lange wirst du noch schweigen?« fuhr ihn Belisar an.

»Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von
Urchitophel, dem Dämon des Zornes.«

»Sprich! Verteidige dich!« sagte Belisar, sich setzend.

»Die Klage dieses gottlosen Mannes,« hob Silverius an, »bringt nur ein
Recht der heiligen Kirche noch früher ans Licht, als sie es in dieser
unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag
mit dem Barbarenkönig geschlossen.«

Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen der Byzantiner.

»Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben,
habe ich mit dem König der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt,
verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht,
ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.«

»Ein uraltes Recht?« fragte Belisar unwillig.

»Ein uraltes Recht!« wiederholte Silverius, »das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde nötigen sie, in diesem
Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers,
höret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche
von Theodahad hat einräumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr
Eigentum: der Gote hat es nur bestätigt.

An demselben Ort, wo des Präfekten tempelschänderische Hand diese
Bestätigung entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, die
ursprünglich unser Recht begründet hat. Der fromme Kaiser Constantinus,
der sich zuerst von den Vorgängern Justinians der Lehre des Heils
zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er
alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des
heiligen Petrus, unter seine Füße getreten, zur dankbaren Anerkenntnis
solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und
Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit
ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine
feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen
übertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen
Kronrechten irdischer Herrschaft, auf daß die Kirche auch einen weltlichen
Boden habe zur leichteren Vollführung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese
Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft:
der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich
frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese
Rechtshandlung seines Vorgängers, des in Gott seligen Kaisers
Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstoßen
und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will?«

Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Würde und
aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher
Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch über den
verräterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fühlten
sich jetzt durch den plötzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst
wie verurteilt.

Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte über den
jüngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester
als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der
Bekämpfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwälzen wollte:
»Präfekt von Rom, was hast du zu erwidern?«

Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen
verneigte sich Cethegus und begann: »Der Angeklagte beruft sich auf eine
Urkunde.

Ich könnte, glaub’ ich, ihn in große Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der
Christenheit nennt, nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen. Ich räume
ein, die Urkunde existiert.«

Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.

»Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mühe der Vorlage derselben,
die ihm sonst sehr schwer fallen dürfte, erspart und die Urkunde selbst
mitgebracht in meiner tempelschänderischen Hand.« Er zog ein vergilbtes
Pergament aus dem Sinus und sah lächelnd bald in dessen Zeilen, bald auf
des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.

»Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen, mit Zuziehung noch schärferer Juristen, als ich es
leider nur bin, – so meines jungen Freundes Salvius Julianus, – bis auf
jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft. Vergebens. –
Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scävola
könnte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle
Klauseln höchster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte
haarscharf gewahrt; und in der That: ich hätte den Protonotarius des
Kaisers Constantin kennen mögen, er muß ein Jurist ersten Ranges gewesen
sein.« Er hielt inne: – höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des
Silverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte.

»Also,« fragte Belisar in höchster Aufregung: »die Urkunde ist formell
ganz richtig – daher beweiskräftig?«

»Jawohl!« seufzte Cethegus, »die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
Schade nur, daß ... –«

»Nun?« unterbrach Belisar.

»Schade nur, daß sie falsch ist.«

Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
Anwesenden traten einen Schritt näher zu dem Präfekten. Nur Silverius
wankte einen Schritt zurück.

»Falsch?« fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. »Präfekt,
– Freund, – kannst du das beweisen?«

»Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche,
Wurmstiche, Flecken jeder Art, – alles, was man von Ehrwürdigkeit
verlangen kann, – so daß es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben
zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so großem
Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben,
lügt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten,
von Constantin begründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
Pergamentfabrik zu Byzanz.«

»Zur Sache,« rief Belisar.

»Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, – und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein! – daß bei diesen Pergamenten ganz
unten – links, am Rande – durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch
Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben
bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr!

Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten
Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel
schließen ließ, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der
Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die
richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos.

Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären, – aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! – daß man in jenem
Jahre, also im Jahre dreihundertfünfunddreißig nach der Geburt des Herrn,
schon ganz genau wußte, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und
des Königs Theoderich Konsul sein würde; denn seht, hier unten am Rande
der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet – er ist auch
wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das
Licht hält – so etwa, siehst du, Belisar? – und er hatte blindlings drei
Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner – wie hieß es
doch? – »tempelschänderischen«, aber geschickten Hand weggewischt und
siehe, da steht eingestempelt:

»VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner
Herrschaft.«

Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man für ihn bereit
gestellt.

»Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also
erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden.
Gesteh, o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des
Übernatürlichen beginnt, daß hier ein Wunder der Heiligen geschah und
verehre das Walten des Himmels.« Er reichte Belisar die Urkunde.

»Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte, heilige und profane, was
wir da erleben!« sagte Prokop zu sich selbst.

»Es ist so, beim Schlummer Justinians!« frohlockte Belisar. »Bischof von
Rom, was hast du zu erwidern?«

Mühsam hatte sich Silverius gefaßt; er sah den Bau seines Lebens vor
seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete
er:

»Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
wie ihr sagt, so bin ich getäuscht, wie ihr.«

»Wir sind aber nicht getäuscht,« lächelte Cethegus.

»Ich wußte nichts von jenem Stempel, ich schwöre es bei den Wunden
Christi.« – »Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater,« fiel Cethegus
ein. – »Du wirst einsehn, Priester,« sprach Belisar, sich erhebend, »daß
über diese Sache die strengste Untersuchung ...« –

»Ich verlange sie,« sprach Silverius, »als mein Recht.«

»Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir übergeb ich die Person des Bischofs.
Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz führen.«

»Ich lege Verwahrung ein,« sprach Silverius. »Über mich kann niemand
richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtgläubigen Kirche. Ich
verlange, nach Rom zurückzukehren.«

»Rom siehst du niemals wieder! Und über deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber
auch deine Genossen, Scävola und Albinus, die falschen Mitankläger des
Präfekten, der sich als des Kaisers treusten, klügsten Freund erwiesen,
sind hoch verdächtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch
sie führt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthür
des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des
Kaisers gefährlichster Feind. Du bürgst für ihn mit deinem Kopf.«

»Ich bürge,« sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte
Hand auf des Bischofs Schulter legend. »Fort mit dir, Priester! zu Schiff.
Er stirbt, eh’ er mir entrissen wird.«

Silverius sah ein, daß weiteres Widerstreben nur seine Würde gefährdende
Gewalt hervorrufen werde. Er fügte sich und schritt neben dem Germanen,
der die Hand nicht von seiner Schulter löste, nach der Thür im Hintergrund
des Zeltes, die eine der Wachen aufthat.

Er mußte hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht
an: aber er hörte, wie dieser ihm zuflüsterte: »Silverius, diese Stunde
vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!«



                           Dreizehntes Kapitel.


Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von
seinem Sitze, eilte auf den Präfekten zu, umarmte und küßte ihn: »Nimm
meinen Dank, Cethegus Cäsarius! Ich werde dem Kaiser berichten, daß du ihm
heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.«

Aber Cethegus lächelte: »Meine Thaten belohnen sich selbst.«

Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft. Er verlangte nach
Erholung und Labung und entließ seine Heerführer, von denen keiner ohne
ein Wort der Anerkennung an den Präfekten das Zelt verließ. Dieser sah
seine Überlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm
wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen
Byzantiner gedemütigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht müßig in dieser
Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf
Lorbeer: Lorbeer betäubt.

Er beschloß, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Übergewalt, die er
in diesem Augenblick über den Helden von Byzanz unverkennbar besaß, jetzt,
unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den
lang vorbereiteten Hauptstreich zu führen. Während er mit solchen Gedanken
dem Zug der Heerführer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte
er nicht, daß zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es
waren Antoninas Augen. Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten
einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie
den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu
helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters,
liegen und nur durch die überlegne Kraft dieses dämonischen Römers
gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese
Demütigung mit schmerzlichem Haß gegen den Übermächtigen empfunden.

Aber dieser Haß hielt nicht vor und unwillkürlich trat, wie immer
gewaltiger sich die Macht seiner Überlegenheit entfaltete, Bewunderung an
des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch
das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar
und die Kirche verdunkelt. Und daran knüpfte sich unzertrennlich der
ängstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbündeten ihres
Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige
Eroberung von größter Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu,
sofort merken.

Mit gesenkten Augen trat das schöne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er
sah auf: da errötete sie über und über und reichte ihm eine zitternde
Hand. »Präfekt von Rom,« sagte sie, »Antonina dankt dir. Du hast dir ein
großes Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute
Freundschaft halten.«

Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurückgeblieben, diesen Vorgang: »Mein
Odysseus überzaubert die Zauberin Circe,« dachte er.

Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte
und welche Gewalt er dadurch über Belisar gewonnen. »Schöne Magistra
Militum,« sagte er, sich hoch aufrichtend, »deine Freundschaft ist der
reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich
bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbündeten zu sein in der
Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu führen habe.«

»Jetzt?« sagte Belisar ungeduldig. »Kommt, laßt uns erst zu Tische und im
Cäkuber den Sturz des Priesters feiern.« Und er schritt zur Thüre.

Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, daß sie nicht ihrem
Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: »Muß es
denn jetzt gerade sein?«

»Es muß,« sagte Cethegus und er führte Antonina an der Hand nach ihrem
Sitz zurück.

Da schritt auch Belisar wieder zurück. »Nun so sprich,« sagte er, »aber
kurz.«

»So kurz als möglich. Ich habe immer gefunden, daß gegenüber großen
Freunden oder großen Feinden Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die
beste Waffe. Danach werd’ ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte:
mein Thun lohnt sich selbst, so wollt’ ich damit ausdrücken, daß ich dem
falschen Priester die Herrschaft über Rom nicht eben um des Kaisers Willen
entrissen.«

Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken über diese allzukühne
Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.

Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, mißtrauisch über das
Einverständnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. »Nein, Prokop,«
sagte er zu Belisars Erstaunen: »unsre Freunde hier würden doch allzubald
erkennen, daß Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lächeln
Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht für den Kaiser
gerettet.«

»Für wen sonst?« fragte Belisar ernst.

»Zunächst für Rom. Ich bin ein Römer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des
Kaisers. Ich bin Republikaner,« sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.

Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln: der Präfekt schien ihm nicht mehr
so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: »Unbegreiflich.« Aber Antoninen
gefiel dieser Freimut.

»Zwar sah ich ein, daß wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen können. Leider auch, daß unsere Zeit nicht ganz reif ist,
mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Römer
müssen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muß aussterben und
ich erkenne, daß Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz
findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen –
einstweilen.«

»Nicht übel!« dachte Prokop, »der Kaiser soll sie solang schützen, bis sie
stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.«

»Das sind Träume, mein Präfekt,« sagte Belisar mitleidig, »was haben sie
für praktische Folgen?«

»Die, daß Rom nicht mit gebundenen Händen, ohne Bedingung, der Willkür des
Kaisers überliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum
Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde!« – Die
Stirn des Helden faltete sich. – »Deshalb will ich dir die Bedingungen
nennen, unter denen die Stadt Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern
aufnehmen wird.«

Aber das war Belisar zu viel. Zürnend sprang er auf, sein Antlitz glühte,
sein Auge blitzte. »Präfekt von Rom,« rief er mit seiner rollenden
Löwenstimme, »du vergißt dich und deine Stellung. Morgen brech’ ich auf
mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern,
einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?«

»Ich,« sagte Cethegus ruhig. »Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher,
besser als das meine, ihre Stärke erkennen.« Er zog ein Pergament hervor
und breitete es auf dem Zelttische aus.

Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf, aber sofort rief er: »Der
Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. –

Sieh her, diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt, diese Türme eingefallen,
hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. – Dein Plan stellt sie
alle noch in furchtbarer Stärke dar. Er ist veraltet, Präfekt von Rom.«

»Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Gräben, Thore sind
hergestellt.« – »Seit wann?« – »Seit Jahresfrist.« – »Von wem?« – »Von
mir.« Betroffen sah Belisar auf den Plan.

Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres Gatten.

»Präfekt,« sagte dieser endlich, »wenn dem so ist, so verstehst du den
Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehört ein Heer und deine leeren
Wälle werden mich nicht aufhalten.«

»Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einräumen, daß mehr als
zwanzigtausend Mann Rom, – nämlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, –
über Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen. Gut: so wisse
denn, daß jene Werke in diesem Augenblick von fünfunddreißigtausend
Bewaffneten gedeckt sind.«

»Sind die Goten zurück?« rief Belisar. Prokop trat erstaunt näher.

»Nein, jene fünfunddreißigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe
seit Jahren die lang verweichlichten Römer zu den Waffen zurückgerufen und
unablässig in den Waffen geübt. So habe ich zur Zeit dreißig Kohorten,
jede fast zu tausend Mann, schlagfertig.«

Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich die Achseln.

»Ich geb’ es zu,« – fuhr Cethegus fort – »diese Scharen würden in offner
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich:
von diesen Mauern herab werden sie ganz tüchtig fechten. Außerdem hab’ ich
aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und
abasgische Söldner geworben und allmählich in kleinen Abteilungen ohne
Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst?
hier sind die Listen der dreißig Kohorten, hier der Vertrag mit den
Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst
meine Bedingung an: – dann sind jene fünfunddreißigtausend dein, dein ist
Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von
furchtbarer Stärke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine
Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der
Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du mußt Rom belagern, viele Monde
lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie
zurück: sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz der Stadt heran,
und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder.«

»Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel,« donnerte Belisar, und
riß, seiner nicht mehr mächtig, das Schwert aus der Scheide. »Auf, Prokop,
in des Kaisers Namen! Ergreife den Verräter! Er stirbt in dieser Stunde!«

Entsetzt, unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina
ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.

»Seid ihr mit im Bunde?« schrie der Ergrimmte. »Wachen, Wachen herbei!«

Aus jeder der beiden Thüren traten zwei Lanzenträger in das Zelt: aber
noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken
Arm den starken Prokop, als wär’ er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit
dem Schwert zu furchtbarem Stoß ausholend, stürzte er auf den Präfekten
los.

Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
Brust streifte.

Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den
kalten Blick durchbohrend auf den Wütenden gerichtet, war Cethegus stehen
geblieben, ein Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen.

»Was soll der Blick und dieses Lachen?« fragte Belisar innehaltend.

Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.

»Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jähzorns für
immer verderben sollte. Wenn dein Stoß traf, warst du verloren.«

»Ich!« lachte Belisar. »Ich sollte meinen du.«

»Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Löwen? Daß einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall
kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das
vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab’ ich mich geschützt. Wisse:
seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich
zurückließ, Rom in den Händen, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde.
Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Türme der Umwallung
sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen,
todesmutigen Jünglingen, hab’ ich diesen Befehl hinterlassen für den Fall,
daß du ohne mich vor Rom eintriffst.« Er reichte Prokop eine Papyrusrolle.

Dieser las: »An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Präfekt. Ich
bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rächet mich! Ruft
sofort die Goten zurück. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren
als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann.
Übergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.«

»Du siehst also,« fuhr Cethegus fort, »daß dir mein Tod die Thore Roms
nicht öffnet, sondern für immer sperrt. Du mußt die Stadt belagern: oder
mit mir abschließen.«

Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
kühnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb.
Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und
fragte: »Welches sind deine Bedingungen für die Übergabe?« »Nur zwei.
Erstens giebst du mir Befehl über einen kleinen Teil deines Heeres. Ich
darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.«

»Zugestanden. Du erhältst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fußvolks
und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genügt das?«

»Vollkommen. Zweitens.

Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der
Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhören.
Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf
dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Süden bis zum Thore Sankt
Pauls einschließlich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier
und Römer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken
Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen
Thor im Süden.«

Belisar warf einen Blick auf den Plan. »Nicht übel gedacht! Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drängen oder den
Fluß absperren. Das geht nicht an.«

»Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
Mauern Roms.«

Belisar sprang auf. »Geht! laßt mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
meine Entscheidung.«

»Bis morgen,« sagte dieser. »Bei Sonnenaufgang kehr’ ich nach Rom zurück,
mit deinem Heer oder – allein.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein
durch das asinarische Thor.

Endloser Jubel begrüßte den Befreier, Blumenregen überschüttete ihn und
seine Gattin, die auf einem zierlichen weißen Zelter an seiner Linken
ritt. Alle Häuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen
angethan.

Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Wällen und dem Kapitol, von denen, den alten
römischen Adlern nachgebildet, die Banner der städtischen Legionare, nicht
die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.

Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurückgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
Rappen, Cethegus der Präfekt erschienen war. Lucius staunte über die
Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte,
strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien größer, jugendlicher:
ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung
und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von
dem der purpurne Roßschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber
war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner
Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes
einen Sieg der Römer darstellend.

Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte, wie Belisar, den
kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glänzende Gefolge von
Heerführern, das sich, geführt von Johannes und Prokop, hinter den beiden
anschloß. Und dies Überstrahlen war so augenfällig, daß sich, sowie der
Zug einige Straßen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge
mitteilte und der Ruf »Cethegus!« bald so laut und lauter als der Name
»Belisar« ertönte.

Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater
die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum
Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur
langsam durchschreiten konnte.

»Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn,« stand darauf
geschrieben. Während Antonina die Aufschrift las, hörte sie einen Alten,
der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen
der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. »Also, mein
Gajus, der Finstre mit dem verdrießlichen Gesicht auf dem Rotscheck ... –«
»Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage,« antwortete der Sohn. »So? Nun
– aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick,
der auf dem Rappen, das ist gewiß Justinianus selbst, sein Herr, der
Imperator?« – »Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach
zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_
Cethegus, mein Cethegus, der Präfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja,
das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht
wollte, Belisar sähe nie ein römisch Thor von innen.«

Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstäbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.

Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier
verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu
leihen, die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den öffentlichen
Gebäuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen.

»Wenn du dich von den Mühen – und Ehren! – dieses Tages erholt,
Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerführer zum
Mahl in meinem Hause.«

Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Sänften, in denen Antonina und
Belisar getragen wurden, die Heerführer gingen zu Fuß.

»Wo wohnt der Präfekt?« fragte Belisar beim Einsteigen in die Sänfte.

»So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts – auf dem
Kapitol.«

Belisar stutzte. Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol.

Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wälle, die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Stärke wieder
hergestellt.

Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den
engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges
Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.

Marcus Licinius rief die Wachen an.

»Gieb die Losung!« sprach eine Stimme von innen.

»Cäsar und Cethegus!« antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die
Thorflügel auf: ein langes Spalier der römischen Legionare und der
isaurischen Söldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehüllt bis an die
Augen und mit Doppeläxten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze
der Römer, mit gezücktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische
Häuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die
Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung
von Granit und Eisen überwältigt.

Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges: und, von Fackelträgern und Flötenspielern
begleitet, nahte Cethegus, ohne Rüstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie
ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand
von Purpurseide. So trat er lächelnd vor und sprach: »Willkommen! und
Flötenspiel und Tubaschall verkünde laut: daß die schönste Stunde meines
Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol.«

Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte er den Schweigenden in
die Burg.



                           Vierzehntes Kapitel.


Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern bereiteten sich
auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.

In Eilmärschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo
sie eine kleine Besatzung zurückließen, mit ihrer gefangenen Königin nach
Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende Feste vor
Witichis, der heftig nachdrängte, erreichten und gewannen, so mochten sie
dem König jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken
Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia
noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie büßten jenen Vorsprung beinahe
völlig dadurch ein, daß die auf der nächsten Straße nach Ravenna gelegenen
Städte und Kastelle sich für Witichis erklärten und so die Empörer
nötigten, auf großem Umweg im rechten Winkel zuerst nördlich nach Bononia
(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst östlich nach Ravenna
zu marschieren.

Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten
und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von
dem Heer des Königs nichts zu sehen. Guntharis gönnte seinen stark
ermüdeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages
und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl
voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkünden.

Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar flüchtend ins Lager zurück. »Bei
Gottes Schwert,« rief Guntharis, »wo kommst du her?«

»Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die äußersten Werke der Stadt erreicht
und Einlaß begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst
mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen ließ. Der
erklärte trotzig, morgen würden wir seine und der Goten in Ravenna
Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Königs, dessen Spitzen
sich bereits von Südosten her der Stadt näherten.«

»Unmöglich!« rief Guntharis ärgerlich.

»Mir blieb nichts übrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen
unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Nähe des Königs hielt auch
ich für eine leere Drohung des Alten, bis meine im Süden der Stadt
schwärmenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten,
plötzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von
Tarentum mit dem Ruf: »Heil König Witichis!« angegriffen und nach scharfem
Gefecht zurückgeworfen wurden.«

»Du rasest,« rief Guntharis. »Haben sie Flügel? ist Florentia aus ihrem
Wege fortgeblasen?«

»Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, daß Witichis auf dem
Küstenweg über Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt.« – »Und Florentia
ließ er im Rücken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen.« –
»Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im
Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, – der wütige
Stier!«

Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Unglücksbotschaften;
aber rasch faßte er seinen Entschluß. Er brach sofort mit all seinen
Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.

Der Überfall mißlang.

Aber die Empörer hatten die Befriedigung, zu sehen, daß die Festung, deren
Besitz den Bürgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht
geöffnet hatte. Im Südosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der
König gelagert. Des Herzogs Guntharis geübter Blick erkannte alsbald, daß
auch die Sümpfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewährten, und rasch
schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf.

So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestüme Freier um eine
spröde Braut, hart an beide Seiten der gotischen Königsstadt gedrängt, die
keinem ein günstiges Gehör schenken zu wollen schien.

Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten
bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem südöstlichen Thor der
Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene
in das Lager der Wölsungen, diese zu den Königlichen, den verhängnisvollen
Entscheid von Ravenna.

Dieser mußte sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerführer, Guntharis
und Witichis, hielten ihn, in merkwürdiger Übereinstimmung, streng geheim
und sorgten eifrig dafür, daß kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte.
Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter
Bedeckung von Heerführern, die jede Unterredung mit den Heermännern
verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurückgebracht.

Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug. Bei den Empörern kam es zu einem heftigen Streit
zwischen den beiden Führern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von
Herzog Guntharis mit seiner schönen Gefangenen, die, wie es hieß, nur
durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschützt worden war.
Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit.

Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenüber. Die erste Antwort, die König Witichis auf die Botschaft erließ,
war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.

Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag. Man hatte gehofft, in Bälde die Thore der starken Festung sich
freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen
seine sonst so leutselige Art gab der König niemand, auch seinen Freunden
nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gründen
dieses zornigen Angriffs.

Schweigend, aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rüstete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig
zurückgeschlagen. Vergebens trieb der König seine Goten immer wieder aufs
neue die steilen Felswälle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste,
die Sturmleitern: vom frühen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer
gestürmt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewährte ihren alten
Ruhm der Unbezwingbarkeit.

Und als endlich der König, von einem Schleuderstein schwer betäubt, aus
dem Getümmel getragen wurde, führten Teja und Hildebrand die ermüdeten
Scharen ins Lager zurück.

Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trübe und
gedrückt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen,
als die Überzeugung, daß die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die
gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Bürgern auf den Wällen
gefochten; der König der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor
der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur
Rüstung gegen Belisar zu finden gehofft!

Das Schlimmste aber war, daß das Heer die Schuld des ganzen
Unglückskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den König schob.
Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt plötzlich abgebrochen? Warum
nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem
Heere mitgeteilt? Warum scheute der König das Licht?

Mißmutig saßen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl
Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Führer
durch die Zeltgassen schritten, hörten sie manches Wort des Ärgers und des
Zornes wider den König.

Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen
Schlappe und wollte sofort zum König; aber da dieser noch bewußtlos unter
Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine
unwilligen Fragen.

Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in
den Zügen, daß Hildebad erschrocken von seinem Bärenfell, das ihm zum
Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: »Was ist mit dem
König? Seine Wunde? Stirbt er?«

Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt: »Nein: aber wenn ich richtig
rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wär’ ihm besser, er
stürbe.«

»Was meinst du? was ahnest du?«

»Still, still,« sprach Hildebrand traurig, sich setzend, »armer Witichis!
es kommt noch, fürcht’ ich, früh genug zur Sprache.« Und er schwieg.

»Nun,« sagte Teja, »wie ließest du ihn?« – »Das Wundfieber hat ihn
verlassen, dank meinen Kräutern. Er wird morgen wieder zu Roß können. Aber
er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen – ich wünsche ihm, daß
es nur Träume sind, sonst: weh dem treuen Manne.«

Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
Stunden ließ Witichis die drei Heerführer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu
ihrem Staunen in voller Rüstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert
stützen mußte; seitwärts auf einem Tisch lag sein königlicher Kronhelm und
der heilige Königsstab von weißem Eschenholz mit goldner Kugel. Die
Freunde erschraken über den Verfall dieser sonst so ruhigen, männlich
schönen Züge. Er mußte innerlich schwer gekämpft haben. Diese kernige,
schlichte Natur aus Einem Guß konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten,
widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.

»Ich hab’ euch rufen lassen,« sprach er mit Anstrengung, »meinen Entschluß
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstützen. Wie groß ist
unser Verlust in diesem Sturm?«

»Dreitausend Tote,« sagte Teja sehr ernst. »Und über sechstausend
Verwundete,« fügte Hildebrand hinzu.

Witichis drückte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: »Es geht nicht
anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.«

»Wie? Was?« riefen die drei Führer wie aus Einem Munde.

»Es geht nicht anders,« wiederholte der König. »Wie viele Tausendschaften
führst du uns zu, Hildebad?« – »Drei, aber sie sind totmüde vom Marsch.
Heut’ können sie nicht fechten.«

»So stürmen wir wieder allein,« sagte Witichis nach seinem Speer langend.

»König,« sagte Teja, »wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen und heute hast du neuntausend weniger ..« –

»Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,«
mahnte der alte Waffenmeister.

»Wir müssen Ravenna haben!«

»Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!« sagte Teja.

»Das wollen wir sehen!« meinte Witichis.

»Ich lag vor der Stadt mit dem großen König,« warnte Hildebrand: »er hat
sie siebzigmal umsonst bestürmt: wir nahmen sie nur durch Hunger – nach
drei Jahren.« –

»Wir _müssen_ stürmen,« sagte Witichis, »gebt den Befehl.« Teja wollte das
Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. »Bleib,« sagte er, »wir dürfen ihm
nichts verschweigen. König! die Goten murren: sie würden dir heut’ nicht
folgen: der Sturm ist unmöglich.«

»Steht es so?« sagte Witichis bitter. »Der Sturm ist unmöglich? Dann ist
nur eins noch möglich: der Weg, den ich gestern schon hätte einschlagen
sollen: – dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm
dort Krone und Stab!

Geh ins Lager der Empörer, lege sie dem jungen Arahad zu Füßen: er soll
sich mit Mataswintha vermählen; ich und mein Heer, wir grüßen ihn als
König.« Und er warf sich erschöpft aufs Lager.

»Du sprichst wieder im Wundfieber,« sagte der Alte. »Das ist unmöglich!«
schloß Teja.

»Unmöglich! Alles unmöglich? der Kampf unmöglich? und die Entsagung? Ich
sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna.«
Er schwieg.

Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.

Endlich forschte der Alte: »Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch
ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.«

»Nein,« sagte Witichis, »hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst hätt’
ich’s euch längst gesagt: aber es konnte zu nichts führen. Ich hab’s
allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor
dem Heer.«

Der Alte nahm die Rolle und las: »Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Fäsulä!« –

»Die Frechen!« rief Hildebad dazwischen.

»Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die
Goten und die Bürger dieser Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren
Thoren, daß sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk
der unvergeßlichen Wohlthaten des großen Königs Theoderich, bei diesem
Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben grünt. Wir
erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur
der Königin Mataswintha werden wir diese festen Thore öffnen und gegen
jeden andern unsre Stadt bis zum äußersten verteidigen.«

»Diese Rasenden,« sagte Teja. »Unbegreiflich,« versetzte Hildebad.

Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: »Ich begreife es
wohl. Was die Goten anlangt, so wißt ihr, daß Theoderichs ganze
Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem
König geschworen, seinem Stamm nie einen fremden König vorzuziehen: auch
ich hab’ diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite,
nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum mußt’ ich
damals für Theodahad stimmen: darum konnt’ ich nach dessen Verrat Witichis
huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben
sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und
verlaßt euch darauf, diese grauen Recken, die ältesten im Gotenreich und
Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stücke hauen, Mann für Mann,
eh’ sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei
Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar,
sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauß
vor ihren Wällen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha
zu rächen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter
gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen,
die Thore zu sperren.«

»Wie immer dem sei,« fiel der König ein, »ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos
werden und zu den Wölsungen übergehn, in deren Gewalt die Fürstin ist. Mir
blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen – oder nachgeben: jenes
haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man könne es nicht
wiederholen. So erübrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau
freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und
mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen.«

»Nimmermehr!« rief Hildebad, »du bist unser König und sollst es bleiben.
Nie beug’ ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Laß uns morgen hinüber
rücken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und
das Königskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore
aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen.«

»Und wenn wir sie haben?« sagte Teja, »was dann? Sie nützt uns nichts,
wenn wir sie nicht als Königin begrüßen. Willst du das? Hast du nicht
genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?«

»Gott soll uns davor schützen!« lachte Hildebad.

»So denke ich auch,« sprach der König, »sonst hätt’ ich längst diesen Weg
ergriffen.«

»Ei, so laß uns hier liegen und warten bis die Stadt mürbe wird.«

»Geht nicht,« sagte Witichis, »wir _können_ nicht warten. In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Hügeln steigen und nacheinander mich, Herzog
Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist’s dahin, das Reich und Volk
der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm –«

»Unmöglich,« sprach Hildebrand.

»Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.«

Die beiden jungen Männer zauderten.

Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den König
der alte Hildebrand: »Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den
einzigen. Du mußt ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das
Herz.« Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der
Weichheit des felsharten Alten.

»Geht ihr hinaus,« fuhr dieser fort, »ich muß allein sprechen mit dem
König.«



                           Fünfzehntes Kapitel.


Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und schritten draußen, den
Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin
und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu ermahnen
und zu drängen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Königs.

»Was kann nur der Alte sinnen?« fragte Hildebad, still haltend, »weißt
du’s nicht?« »Ich ahn’ es,« seufzte Teja, »armer Witichis!« – »Zum Teufel,
was meinst du?« »Laß,« sagte Teja, »es wird bald genug auskommen.«

So verging geraume Zeit.

Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, der sich der Reden
Hildebrands mächtig zu erwehren schien.

»Was quält der Eisbart den wackern Helden?« rief Hildebad ungeduldig. »Es
ist, als wollt’ er ihn ermorden. Ich will hinein und helf’ ihm.«

Aber Teja hielt ihn an der Schulter.

»Bleib,« sagte er. »Es muß wohl sein.«

Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm von Stimmen aus dem
obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemühten sich vergebens, einen
starken Goten zurückzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen
Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Königs drängte.

»Laß mich los,« rief er, »guter Freund, oder ich schlage dich nieder.«

Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.

»Es geht nicht. Du mußt warten. Die großen Heerführer sind bei ihm im
Zelt.«

»Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt, ich muß zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König.
Laß’ los, rat’ ich dir.«

»Die Stimme kenn’ ich,« sagte Graf Teja, nähertretend – »und den Mann.
Wachis, was suchst du hier im Lager?«

»O Herr,« rief der treue Knecht, »wohl mir, daß ich euch treffe. Sagt
diesen guten Leuten, daß sie mich loslassen. Dann brauch’ ich sie nicht
niederzuschlagen. Ich muß gleich zu meinem armen Herrn.«

»Laßt ihn los: sonst hält er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei
dem König?«

»Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von
Weib und Kind.«

»Von Weib und Kind?« fragte Hildebad erstaunt. »Ei, hat Witichis ein
Weib?«

»Die wenigsten wissen es,« sagte Teja. »Sie verließ fast nie ihr Gut, kam
nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch.
Ich weiß nicht ihresgleichen.«

»Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt,« sprach Wachis mit
erstickter Stimme. »Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber laßt
mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuß. Ich muß ihn
vorbereiten.«

Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm
mit Hildebad.

Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem
Lager des Königs sitzen, das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und
diese auf das Steinbeil gestützt. So saß er unbeweglich und richtete fest
die Augen auf den König, der, in höchster Aufregung, mit hastigen
Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefühle die
Eintretenden gar nicht bemerkte: »Nein! nein! niemals!« rief er, »das ist
grausam! frevelhaft! unmöglich!«

»Es muß sein,« sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren.

»Nein, sag’ ich,« rief der König und wandte sich.

Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder.

»Wachis,« rief erschreckend der König, »was bringst du? Du kömmst von ihr!
Steh’ auf – was ist geschehen?«

»Ach Herr,« jammerte dieser immer noch knieend, »euch sehen, zerreißt mein
Herz! Ich kann nichts dafür! Ich hab’s vergolten und gerächt nach
Kräften.«

Da riß ihn Witichis bei den Schultern auf: »Rede, Mensch, was ist zu
rächen? Mein Weib –?«

»Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ...« –

»Mein Kind,« sprach er erbleichend, »Athalwin, was ist mit ihm –?«

»Tot, Herr, – ermordet!«

Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters
Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, teilnehmend traten Teja
und Hildebad näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die
Gruppe.

Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hände
seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei große
Thränen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer
nicht.

»Ermordet!« sagte er, »mein schuldlos Kind! von den Römern!« »Die feigen
Teufel,« rief Hildebad.

Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.

»Calpurnius!« sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.

»Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und
dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, daß
er nun ein Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug!
Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und
wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurück. Ich merkt’ es wohl, daß
er noch finsterer sah und neidischer als je und hütete dir Haus und Stall.
Aber das Kind hüten – wer hätte daran gedacht, daß Kinder nicht mehr
sicher!«

Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt.

»Der Knabe konnte nicht erwarten, daß er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all’ die Tausende von gotischen Heermännern und daß er
Schlachten solle in der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund
an, und sagte: ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, zumal in
Kriegszeiten. Und ich mußte ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh
davon. Und fragte sie, »wohin?« so lachte er: »auf Abenteuer, lieb’
Mutter!« und sprang in den Wald. Dann kam er mittags müd und zerrissenen
Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte
nur, er habe Siegfried gespielt.

Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es
war, wie ich gedacht.

Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft gezeigt,
das steil über den Gießbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten.

Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biß sei
tödlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der
Beißwurm in den nackten Fuß gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert
und wollte mitten darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken hielt
ich ihn damals ab.

Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, daß ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im
Steingeklüft, unter Dornen und Gestrüpp: da holte er einen mächtigen
Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte.
Und eine Krone war frisch drauf gemalt.

Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle.

Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von
frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut: ich folgte,
und so besorgt ich war, ich konnt’ ihn nicht stören, wie er so heldenmütig
focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem
Loch, daß sie sich züngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn
sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich
mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber
sah gar trotzig drein und rief: »Sag’s nur der Mutter nicht! denn ich
thu’s doch! bis der letzte der Drachen tot ist!« Ich sagte, ich würde ihm
sein Schwert nehmen. »Dann fecht’ ich mit dem hölzernen, wenn dir das
lieber ist!« rief er. »Und welche Schmach für einen Königssohn!«

Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide. Das vergnügte ihn sehr: und nächstens, dacht’ ich, brechen wir
ja auf.

Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an
die Arbeit. Den Rückweg nahm ich den Fluß entlang, gewiß, ihn an der
Felshöhle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines
Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten
auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber –«

»Rascher, weiter,« rief der König.

»Aber?« fragte Hildebad.

»Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich große Fußspuren
eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.

Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und
unten« –

Witichis wankte.

»Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt.

Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es nicht, im Flug war
ich unten. – Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt –«

»Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes
Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der stöhnend auf sein Lager sank.

»Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!« rief er.

»Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluß brachte ihn
nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. »Du bist
herabgefallen, mein Kind,« klagte ich.

»Nein,« sagte er, »nicht gefallen, geworfen.« Ich war starr vor Entsetzen.
»Calpurnius,« hauchte er, »trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die
Vipern einhieb. »Komm mit mir,« sagte er und griff nach mir. Er sah bös
aus und falsch. Ich sprang zurück. »Komm,« sagte er, »oder ich binde
dich.« »Mich binden!« rief ich. »Mein Vater ist der Goten König und der
deine. Wag’ es und rühr’ mich an!« Da ward er ganz wütig und schlug nach
mir mit dem Stock und kam näher; ich aber wußte, daß in der Nähe unsere
Knechte Holz fällten und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand
der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mußten mich gehört
haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich vorspringend,
sagte er: »Stirb, kleine Natter!« und stieß mich über den Fels.««

Teja biß die Lippen. »O der Neiding,« rief Hildebad. Und Witichis riß sich
mit einem Schrei des Schmerzes los.

»Mach’s kurz,« sagte Teja. – »Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf,
in ihrem Schos. Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch.«

»Und mein Weib – ist sie nicht verzweifelt?«

»Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus,
nach rechts.

Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus.

Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache: und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in
unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der
Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben
nieder.

Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß zu Belisar. Aber
sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten
eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf.
Dann brachen wir ein.

Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt über
den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht
haltend, auf ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich schickte
sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf,
sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren,
durch die Empörer vom nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich da
sein.«

»Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
diese Krone bringt. Und nun,« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes
den Alten an, »willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?«

Hildebrand stand langsam auf: »Nichts ist untragbar, was notwendig ist.
Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne
zu fragen, wollt ihr’s tragen? Sie kommen. Und wir tragen’s. Weil wir
müssen. Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.«

Witichis wandte sich von ihm zur Thür.

Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust
drückend.

Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: – – und die
Gatten hielten sich umfangen.

Schweigend verließen die Männer das Zelt.



                           Sechzehntes Kapitel.


Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König
umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht.
Jetzt am wenigsten.«

»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie
ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« –
»Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« –
»Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.

»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.

Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die
Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen
Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand
benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.

Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
Bürgerkriege vor.

Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches
dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die
Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne,
was ihr gebühre.

Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und
rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und
rühmten:

»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein
so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß
Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s
ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin
Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und
Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben?
Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn
oder diese Felsen.«

Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den
Wällen.

Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe
wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer
Königin war sie eingezogen.

In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie
vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum
also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!

Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König
schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem
Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.

Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der
Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn
über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu
erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen
ausgebrochen.

Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen
des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr
verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend
sie beim Namen nannten.

Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten
wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.

»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s
dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –

»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.

»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer
erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu
töten als Arahad die Hand zu reichen.«

»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«

»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind.
Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende
böses Spiel machen.«

»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte
Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige
Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’
ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in
seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«

Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als
er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.

Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo
wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten
stattgefunden hatten, häufiger vor.

Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht
nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.

Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.

Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen.
Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum
Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.

Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt,
sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle,
Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen
Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung
im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf
griechisch nannte, abgefallen waren.

Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in
vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb
verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck
oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich
viele Schlösser und Städte an Belisar.

Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um,
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine
Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund,
solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt,
unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig
waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten
Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell
wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.

Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen,
das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe
oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den
Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese
gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit
Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder
gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung
des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen
züchtigenden Streich zu thun.

Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager,
die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena,
diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.

Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in
der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der
Richtung gegen Cäsena aufbrachen.

Der Überfall gelang vollkommen.

Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf
alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie
leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht
und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach
allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den
Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses
erleuchteten die Nacht.

Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des
Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem
Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.

Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein
Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die
Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.

Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen
Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«

Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er
wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit
gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten
etwas zurück.

Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade
mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der
Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu
verwunden.«

»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch
gegen Stein gefeit ist.«

Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige,
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den
Byzantiner.

Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch
hinzu und lösten ihm den Helm.

»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.«
»Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein
Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.

»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen
Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn
erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft.

»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die
Augen auf.«

»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja,
er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann
weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in
meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er
entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach
Hause!«

Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für
diesen Gefangenen rüsten sollten.

»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh –
einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und
berichtete den Erfolg seines Zuges.

»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen
Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr
traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du den Vorsitz führen?«
»Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner
Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr,
solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.«
Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind
deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« –
»Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen
Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener
Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«

»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er
wird sterben.«



                           Siebzehntes Kapitel.


Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt
auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die
Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.

»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz?«

»Er ist das Haupt des Dings.«

»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich
schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm:
ich wisse, daß ich sterben muß.

Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? –
meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich
eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der
das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der
Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen
feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst
vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine
Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu
Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.

»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach
für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er
fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des
Hildegis!«

Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.

»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur
gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde
stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.

Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.

»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.

Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht
von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes
Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der
Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines
Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn.
Er ließ sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem
Alten haften.

»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer,
kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine
Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir
verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe.
Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter
entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand,
Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde,
römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde
gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr
könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht
Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen
Römer. Denn römisch ist meine Seele.«

Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese
Verteidigung.

Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand
zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines
gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und
wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben.
Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«

Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei
verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß
all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt
ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«

Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums
Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller
seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von
ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse
nahte.

Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an
der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel
Hildebrands: Gnade, Gnade!«

Aber der Alte wies nach dem Hügel.

»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh
es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis,
und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«

Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch
auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede
Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder
Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und
Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit
Teja in das Zelt des Königs.

Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art
der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete
nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm
dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen
Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden
Preis.

Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des
bevorstehenden Seelenringens durchschauert.

»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe Hartes mit dem König zu
reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«

Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine
edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen,
leise die Linke auf seine Schulter.

»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte
dieser Härte.«

»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.

»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht
deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins
Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne
Furcht: Wisse denn ...« –

»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine
Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß
alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte,
unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern
auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte
alles, was dieser fordert und was du weigerst.«

»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch,
daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um
jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn:
ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem
Herzen.«

Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.

Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich
frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir
verloren – Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese
Hand fassen oder nicht?«

Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren!
Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an
Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er
will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen.
Nie, niemals!«

»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich
fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«

»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen,
nicht mein Weib.«

»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«

»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone
zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts
gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer
will und Mataswintha frein.«

Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten
Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles
zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel
losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«

»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach
Teja näher tretend.

»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?«
»Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich ehre dich vor allen Frauen hoch,
und Hohes fordre ich darum von dir.« –

Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von
einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen
lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten
den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des
Meeres und sie rauschten zur Antwort:

  »Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
  Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«

Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern
und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«

Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und
seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’
ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie,
»aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«

»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn
nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens
schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht,
wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das
Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser
Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was
ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe
zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis.
Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr
allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der
Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele,
klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu
finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein
Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«

Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie
war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann,
der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe
gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.

Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott,
für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz,
deine Seele sind ewig mein.«

»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin
heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«

Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
mit großen Augen auf Teja.

Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
führen.

»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne
Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und
brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als
ein Schatte.«

»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«

Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.

»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.

Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
»Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit
vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen
geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser,
dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes
Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.

Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der
Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit
allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter
den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn
erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu
opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn
mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da
hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des
Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: –
oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein
seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit
Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der
Wind weht über die weite Welt.

So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und
Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris
Sohn.«

Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel
zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht
verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er
damals, als er noch nicht König war.

Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein
Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör
ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis,
Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu
dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein
alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe
drei Söhne verloren für dies Volk.

Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert,
gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du
das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos
unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«

Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.

Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein.
Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er
wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«

Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreißen.

»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«

Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.

»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«

»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«

»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein
Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn
je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen
Zeugen.«

Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie
miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.

»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«

»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele
andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben:
umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«

Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht.



                           Achtzehntes Kapitel.


Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem
Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß
am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend.
Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf
dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.

Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.

Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite
Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen
die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.

Da hielt das Weib den Zügel an.

»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und
ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,«
sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das
Herz darob. Es muß sein.« – »Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie
lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du
hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines
Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es
war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst
mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief
im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’
und Treu, und unsern süßen Knaben.«

»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden
Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über
ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.

Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr,
paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihr nicht?«

»Was kannst du raten?«

»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch
davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so
quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch den
ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie
meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote
Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch
nur der Adler findet oder der Steinbock.«

»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band:
des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die
Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb
wohl, du mein Leben!«

Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.

Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg:
Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.

Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.

Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst
als diese verhallt, wandte er sich.

Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.

Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer
moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte
die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die
Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem
Schmerz.

Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten
vorüber, er hörte es kaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die
Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.

Schon stand die Sonne im Mittag.

Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.

»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit
zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand,
kam’s gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glück
verzweifelnd, dich davon gemacht.

Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um
die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer
auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«

»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um
diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm,
Teja, zurück ins Lager.«



                              Fünftes Buch.


                                WITICHIS.


                            Zweite Abteilung.



                             Erstes Kapitel.


Im Lager angelangt fand König Witichis alles in höchster Verwirrung;
gewaltsam riß ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und
gab ihm vollauf zu thun.

Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten. Deutlich erkannte er, daß der Fall der ganzen gotischen Sache
die Folge gewesen wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer
verlassen.

Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.

Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen.
Andere zu den Empörern sich wenden, andere Italien verlassend über die
Alpen flüchten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue
Königswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien
waffendrohend gegenüber.

Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des
Königs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis
wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie
Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von
Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager
besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt
zurückzuweisen, während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung
Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Königlichen anrückte.

Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
Scheltworte, erhobene Waffen: – jeden Augenblick konnte auf allen Punkten
des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein
Zelt, schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf
Boreas, das mächtige Schlachtroß, und sprengte, gefolgt von Teja, der die
blaue Königsfahne Theoderichs über ihm hielt, durch die Gassen.

In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern, Weibern und
Kindern, – denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich – der
sich drohend gegen das Westthor wälzte.

Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Thore treten.

»Laßt uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist geflohen, der Krieg
ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten.« »Der König ist
kein Tropf wie du,« sagte Hildebad, den Vordersten zurückstoßend. »Ja, er
ist ein Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und verraten
um ein paar Weiberthränen.«

»Ja,« schrie ein anderer: »er hat dreitausend von unseren Brüdern
hingeschlachtet und ist dann entflohn.«

»Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.

»Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, »seht ihr ihn da!
– Hab’ ich’s nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war’s, daß du
kamst – sonst ward es schlimm.«

Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: »Heil dir,
König, und der Krone auf deinem Helm. – Reitet durch das Lager, Herolde,
und kündet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: »Heil König Witichis,
dem Vielgetreuen.««

Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. –

Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« und von allen Seiten stimmten die
jüngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.

Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende. Und
Teja sprach hinter ihm leise: »du siehst, du hast das Reich gerettet.«

»Auf, führ uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn Guntharis und Arahad rücken
an: sie wähnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf
sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die
Empörer.« – »Nieder die Empörer!« donnerten die Heermänner nach, froh,
einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.

Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht noch einmal soll
gotisch Blut fließen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
Hildebad, thu’ mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du
aber, Hildebrand,« – er rief’s mit erhobener Stimme, – »reit’ an die Thore
von Ravenna und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr Begehr,
und noch vor Abend ziehen wir ein: der König Witichis und die Königin
Mataswintha.«

So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, daß das Heer sie mit
lautloser Ehrfurcht vernahm.

Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empörer im
Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor
öffnete.

König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
Hinter ihm schloß sich das Thor.

»Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« sprach Teja, »er sucht
und bringt das Heil der Goten.«

Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben
den wölsungischen Brüdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Führer
avarischer Pfeilschützen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand
vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des Roßgotts, das
ist der König selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Söhne der
Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus.« Und er riß den krummen
Hornbogen von der Schulter.

»Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine
Schulter legend. »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst
den Grafen Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden,
der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte.
Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager.«

Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, sogleich!« wiederholte
Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: »Mir gleich!
Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber –
Kinderherzen.«

Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn
mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten
Würde eine ernste Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes.

»Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen
Brüder sich zerfleischen. Laßt uns zusammen einziehen in Ravenna und
zusammen Belisar bekämpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide
sollt am nächsten stehen an meinem Thron.«

»Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du vergißt,« sprach Herzog
Guntharis stolz, »daß deine Braut in unsern Zelten ist.«

»Herzog Guntharis von Tuscien, ich könnte dir erwidern, daß bald wir in
euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr,
und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also
sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen
solltest, – du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind
wir ihm gewachsen. Gieb nach!«

»Gieb du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir’s ums Gotenvolk zu thun.
Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?« – »Ich
kann’s – ich hab’s gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?«

»Ein teures Weib habe ich.« – »Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib.
Ich hab’s geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen
zu freien.«

Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: »dann hast du sie nicht
geliebt.«

Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengroß:
Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
erschrockenen Jüngling: »Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du
thörichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weiße Glieder in
deinen Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du von Liebe? Was weißt
du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines süßen
Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist
wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Mühe gebändigt: reizt sie
nicht, laßt sie nicht losbrechen.«

Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.

»Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann
so adelige Streiche thun. Ich weiß, es ist kein Falsch an dir. Ich weiß,
wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk
geopfert? Das ist viel.«

»Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast du vor?« – »Ich habe vor,
das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt,
Arahad, heischt edle That!

Sag’ mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
ja dein Leben, als dein Weib?«

»Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt’ ich die Krone
Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
anzuerkennen. Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem
Wort, Graf Arahad würde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir
ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk’ auch du des
Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Wölsungen, wenn die Goten verloren.
Die edelste Blüte des Stammes fällt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an
die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone:
gieb du die Hoffnung einer Krone auf.«

»Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein
König.« Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob
und an seine Brust zog.

»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich
rechn’ es mir zur Ehre!« sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß
mein König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung,
erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht
zurückgedrängt von dem Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« »In
dieser Stunde,« sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen
nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart
hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, daß die
Wölsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.«
»So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, »und keine Hand wird
sie mir würdiger führen.« »Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha,« sprach
Guntharis.

»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung
zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswintha!« wiederholte
er. »Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone
nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die
Geliebte zu beschützen. Sie hat mich verschmäht: ich aber liebe sie bis
zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen
wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschützen,
wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten Feindes zu werden. Frei
soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und
rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel seinem
Lager zu.

Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog Guntharis, »wir
beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen,
wie die Führer.«

Während Guntharis zuerst den König durch seine Reihen führte und diese
aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und
darauf Witichis den Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm,
wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein
Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im
Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen
Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurück.

Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten
unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein
Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen.
Flieh, du mußt mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach
der weißen, schmalen Hand.

Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten
Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand umschloß: »fliehen?« sagte sie,
»wohin fliehen?«

»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
Freiheit droht höchste Gefahr.«

»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich
nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es,
konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –«

»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend.

»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden
sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann’s nicht
denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem
Ehebund.«

»Laß sie kommen,« sagte Mataswintha, »laß sehen, ob sie mich zwingen!« Und
sie drückte den Dolch, den sie im Gürtel trug, an sich. – »Wer ist er, der
neue Zwingherr, der mir droht.«

»Frage nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein nicht wert, der dich
nicht liebt; der – folge mir! – flieh’, schon kommen sie!« Man hörte von
draußen nahenden Hufschlag.

»Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?«

»Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, der Fühllosen,
die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die
Krone! Folge mir ... –«

Da ward der Thürvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat
ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weißer Seide, festlich gekleidet.

Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. Er trat bis an
die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie
die Knaben, einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine
Stirne war düster, – als er sprach: »Ich grüße dich, der Goten und Italier
Königin!«

Mit erstauntem Blick maß sie ihn. Teja erhob sich, trat zurück zu den
Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz
und sprach: »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und
lade dich zur Hochzeit und zur Krönung – die Sänfte steht bereit.«

Arahad griff ans Schwert.

»Wer sendet dich?« fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand
am Dolch. »Wer sonst, als Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein
Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob
beide Arme gen Himmel und sprach: »Dank, Himmel, deine Sterne lügen nicht:
und nicht das treue Herz. Ich wußt es wohl.« Und mit beiden schimmernden
Händen ergriff sie das bekränzte Diadem und drückte es fest auf das
dunkelrote Haar. »Ich bin bereit. Geleite mich,« sprach sie, »zu deinem
Herrn und meinem.« Und mit königlicher Wendung reichte sie Graf Teja die
Linke, der sie ehrerbietig hinausführte.

Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die
Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und
legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die Rosse
stehen und harren: wohin?« »Wohin?« rief Arahad auffahrend – »wohin? Es
giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner
und der Tod?«



                             Zweites Kapitel.


Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles
Fest auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna.

Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in
gemischten Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle, –
denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie
heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern,
die von allen Zinnen und Dächern niederwehten: denn es galt, Vermählung
des gotischen Königspaares zu feiern.

Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König
und die Königin erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie
vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte
Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat
mit dem entblößten linken Fuß in den Goldschuh des Königs.

Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht
geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten
Wagen, der von vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang die
Geißel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloß
sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche
Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen über das Paar in der
Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe wechseln.

Rauthgundens wurde nicht gedacht.

Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der
Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen:
vornehme Römer und vollends Germanen verstießen noch häufig in voller
Willkür ihre Frauen. Und wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls
und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich kein
Widerstand. –

Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten
ein großes Festmahl gerüstet war.

Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann
auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Straßen und
Kanälen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die
Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der
Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem
römischen Palast anbringen lassen, tafelten.

So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen
passen mochten, – es galt, die Ravennaten mit den Goten und die
verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man hoffte,
in Strömen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen
hinwegzuspülen.

Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich
über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
Mataswinthens bestimmten kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die
Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer
ausblicken ließ.

In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu
walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste
ausgebeten. »Denn diese ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die
rauhen Goten, dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in
Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.«

Und wohl war ihr’s gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen,
phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre
Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke
waren von glänzend weißen Marmorplatten gefügt.

Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den
Wänden niederfloß, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und
den Marmorboden so dicht verhüllte, daß jeder Tritt lautlos drüber hin
glitt und alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der
Fensterbrüstung sah man den schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von
der Glut der Seide heben.

Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber
Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer
Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit
goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden: in den
Füßen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen großen Karneol, der,
ein Geschenk des Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als
ein seltenes Wunder galt.

Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark
duftendem Cederöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoß sich
von hier aus über das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen
verschüttet, darunter stand. Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die
aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite
zusammenhängen, zwei ovale muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben
sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen Kissen und
Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.

Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche
die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem
Geschmack über das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken,
Vorhänge, die Thüre und das Lager verteilt hatte.

Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte laubenartig die
einzige Thüre, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu
Häupten des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die
Teppiche. Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen
Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung
der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume
glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die
sicilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und die glühenden
Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: – alle lauschten je am
gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. –

Schon standen die Sterne am Himmel.

Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der
veilchendunkeln Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da
eine Falte zu glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den
Silberkrügen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen,
eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.

»Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!« rief
Aspa, eine volle Libation über das Lager spritzend.

»Laß ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
betäubt: die Rose und das Geißblatt berauschen fast die Sinne: mir würde
schwindeln hier.«

»Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: »Nüchternen nimmer nahet das
Glück: nur in seligem Rausche.« Laß uns jetzt das Fenster schließen.« –
»Nur ein wenig noch laß mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, die
dort lehnte. »Es ist zu schön! Komm, Frithilo,« sprach sie zu einer
gotischen Magd, die neben ihr stand, »du kennst ja all die stolzen Männer
und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen
Schuppenpanzer? er trinkt dem König zu.« – »Herzog Guntharis von Tuscien,
der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... – wo mag der sein zu
dieser Stunde?«

»Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?«

»Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht
die Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.« – »Ja,
aber auch der Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der
Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich: – vorhin starrte er lange
sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: – die Königin sah es: –
bis der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf.
Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Götterweib.«

»Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz.
Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und
Menschen, die er verstoßen.«

»Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: »Willst du wohl schweigen mit
dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, daß du fortkommst! Ein solches Wort: –
eine Silbe, daß es die Königin hört und du sollst der Afrikanerin
gedenken.«

Frithilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. »Die Königin
bricht auf.« – »Sie wird hier herauf kommen.« – »Der König bleibt noch.« –
»Nur die Frauen folgen ihr.« – »Sie geben ihr das Geleit bis hierher,«
sprach Aspa. »Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.«

Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf
eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder
jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und
Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen
den Zug.

An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an
die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel
verschenkend.

Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich
als Ehrenwache vor der Thüre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie
bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer,
die den Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt’ es die
gotische Sitte.

Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens.
»Aspa,« rief sie, »das hast du schön gemacht! – zauberisch!« –

Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den
Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut:

»Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« fuhr sie aufatmend fort,
»wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.«

»In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa.

»Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin
Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber
ihre schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier
erlebe. Es durchrieselt mich heiß. – Es ist schwül. – Nehmt mir den
schweren Prunk ab.« Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.

Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei
wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange,
die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit
seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der
Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem
ärmellosen wallenden Unterkleid von weißer persischer Seide. Ihre
schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: – Erbstücke aus
dem alten Schatz der Amalungen: grüne Schlangen von Smaragden waren darin
eingelegt.

Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
schlichten.

»Wie schön du bist! wie zauberschön! – wie Astaroth, die Liebesgöttin: –
nie warst du so schön, wie in dieser Stunde.« Mataswintha warf einen
raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa
recht hatte: und sie errötete.

»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« Die Sklavinnen
gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um
ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der
unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.

»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem süßen Tod?«

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber,
glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa
hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender
Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um
sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die Braut, süß erschrocken und legte
die weiße Hand vor die Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie
nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten
Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will’s!«
rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich
will’s! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir
aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren,
großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen,
dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden
Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt, so wird
er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten
Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: »Es wird!
Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher
an der starken Brust.« Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des
Himmels: – es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer
du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen
lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich
will’s verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich
bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich weiß es ja durch ihn: – ich
will’s für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe
einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, daß ich
seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich
auch abthun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den
Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... –
O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich zu
beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig
an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und
sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und
zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – »ich bin dein. Thu wie
du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich
bist, glücklich durch mich.«

Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen.

Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der
offenen Thüre stand der König: draußen auf dem Gang zeigten sich
zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das
Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Thüre
schließen.

»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre wieder öffnend, so daß
Mataswintha sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das
Weib, die heut wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet
Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuß.«

Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder.

Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst der Goten Brauch,«
sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.«

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,
führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre
Stirn. Mataswintha zuckte.

»Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuß. Wir
bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem
schönen Weib, der Königin Mataswintha.«

Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,
Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs,
Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen
vor der Thüre des Brautgemachs, welche Witichis nun schloß.

Sie waren allein.

Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste,
was Mataswintha that, war, – sein Kuß brannte auf ihrer Stirn, – daß sie
unwillkürlich soweit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – sie
wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster,
gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die
Hände auf das mächtige, breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das
er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der
Rechten führte.

Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf
Mataswintha gerichtet. »Königin,« sprach er und seine Stimme drang ernst
und feierlich aus seiner Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend
fühlst in zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein nicht
schonen. Das Wohl des Volks gebot’s: ich griff nach deiner Hand: sie muß
mein sein und bleiben. Doch hab’ ich schon in allen diesen Tagen dir
gezeigt, daß deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: – und wir
sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepreßte bange Stunde hätt’
ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte
Sitte des Brautgeleits. Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran,
sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Röte in
deinen Wangen aufflammen sah, – lieber hätt’ ich im ödesten Berggeklüft
dieses müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht:
Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle.
Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.

Wollt’ ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen
Zwist vielleicht. Du mußt mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.«

Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch
den Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswinthens, über der Schulter
trug, warf er ab.

Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.

Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
Mädchens. »Komm, Mataswintha,« sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem
Zorn. Es mußte sein, sag’ ich dir. Laß uns, was sein muß, edel tragen und
nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte deine Hand nehmen, – dein
Herz bleibt frei.

Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
lieben. Doch glaub’ mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du
immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft,
Königin der Goten!«

Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.

Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank
zugleich zu seinen Füßen nieder, daß Witichis überrascht zurücktrat.

»Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. »Es ist doch kein
Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang
und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich
gelehrt, – das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich
bitten lassen und erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe
giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... –
Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß mich thöricht sein!
Nicht thöricht! Offen und groß, wie deine Seele!

Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von
Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! – Es brauchte keines Zwangs! –
gern ...« –

Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.

Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist schön und groß,
Mataswintha, daß du feurig fühlest für dein Volk, die eigene Freiheit ohne
Zwang ihm opfernd. Glaub’ mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer
darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des
Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich
dich lieben.«

Da erstarrte Mataswintha.

Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
sie starrte ihn mit großen, offnen Augen an. »Du liebst mich nicht? du
kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein
Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schönste Weib der
Erde genannt?«

Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. »Ja, du bist Mataswintha, und
teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs,
aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben
ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von
mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis,
mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!«

»Ha!« rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme
erhebend, »und du hast es gewagt ... –«

Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König.
»Du wagst es!« rief sie nochmals – »Hinweg, hinweg von mir!«

»Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draußen herbeirufen?
Fasse dich, ich verstehe dich nicht.«

Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
aneinanderstießen.

»Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.

Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.

Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, – ich bleibe links. So teile,
wie ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!«

Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar
ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Haß. Die Stimme
versagte ihr. »Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken.
Sie eilte gegen die Thür.

Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.

»Du mußt bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das Blut schoß in ihr auf:
bewußtlos sank sie nieder.

Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« sprach er, »der schwüle
Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt! Sie wußte nicht, was sie
sinnlos sprach!

Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens
Herzzerreißung und die meine.«

Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des
Schwertes.

Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager.

Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es
kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. –

Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten, von
Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in
voller Rüstung.

Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt.

Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen dumpfen Schlag.
Sie eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes
Schwert gestützt, und starrte vor sich zur Erde.

Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen.



                             Drittes Kapitel.


Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
Kloster, die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium,
südlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des
kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des
Jenseits einzulösen.

Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete
mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk.
An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit
Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt.
All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren
sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der
Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.

Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen
von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor
in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen
ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall
süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören.

Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng
kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem
Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung
seiner Stiftung entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das er
selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und dessen Ausführung
überwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch
feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten
dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als
Religiosä lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Buße und
Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthätiger christlicher Liebe, indem
sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und
ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten.

Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck,
wenn durch die dunkeln Cypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen
wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt
die weiße enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von
den ägyptischen Isispriestern überkommen. Vor den oft in Kreuzesform
geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf
der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei
jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das
Unerläßliche beschränkt.

In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen
überragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.

Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das
die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.

An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand, das eine goldne
Spange über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in
weichen Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: –
Valeria war’s, die Römerin.

Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden,
seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war
bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge
leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit.

Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureißen, die
feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich und zuletzt ward die
Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

  – – »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. –
  Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
  Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,
  Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
  Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben.
  Aber Andromache trat mit thränenden Augen ihm näher,
  Drückt’ ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte:
  »Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins
  Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
  Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten,
  Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär’ mir das beste,
  Daß mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
  Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
  Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
  Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... –««

Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
versagte; sie neigte das blasse Haupt.

»Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre
Schulter. »Thränen über dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: – die
Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien.«

»Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als
deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen
Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an
die letzten Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen
Grau’n und Liebe ratlos schwankt der Sinn.«

»Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre
zurück zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.«

Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht mehr. Feindlich
ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, – ich verliere
immer.«

»Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und
Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.«

»Weh’ denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, »welchen das
Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu
den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines
der beiden froh.«

»In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, »walten
freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter
Sinn. Dein Vater, ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen
Welt, kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend,
wenig, allzuwenig, fürcht’ ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens,
der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, – in der That Valerius, mein
Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter,
fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der
Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... –«

»Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig
zurückwerfend, »ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut
neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon früh.
Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und
Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner
Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er
abends mit mir saß und las, so waren’s Livius und Tacitus und Vergilius,
nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein
siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die
Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem
Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine
Seele.«

»Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.«

»Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern
mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in
meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher
sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer Krankheit mich
schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster
geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater,
dem dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem
er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter
hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.«

»So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermögens! Darüber kannst du
dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu
binden und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes
gebilligt. Du bist frei!« – »Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr
seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in
meinem Herzen spricht eine Stimme: »der Himmel nimmt nicht totes Gold
statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen, was
einmal ihm verwirkt war.« Die finstre, ernste, drohende Macht jenes
heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die
in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend
Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon. Ich bin ihr
verfallen. Ihr gehör’ ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher
doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener
goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch
immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich’s auch vergessen will,
immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im
Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den
roten Rosen.«

»Valeria, du hassest, scheint’s, was du verehren solltest.«

»Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit,« – und ein Strahl
der Freude flog über ihre Züge – »da glaubte ich den dunkeln Schatten für
immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen
Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß, als soviel
Jugend, Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl,
für immer sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang.

Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge.
Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen
verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt
das Haus meiner Ahnen und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie
fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den
Geliebten. Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir.

Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, – find’ ich mich
hier, in diesem großen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst
sehen, der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch
die Leiche, die hinein gehört.«

»Valeria! du solltest Kassandra heißen.«

»Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!«

»Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergißt
über dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag’ ich
dir, du quälst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist
du frei.«

»Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage – nie werd ich
glücklich, nie werd ich Totilas und diese Stätte wird ... –«

»Und wenn’s so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und
Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher
du dich losmachst, desto größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und
ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und
treulos erfunden. Nichts auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von
dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt
der Unrast und der Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine
Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... –«

»Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine ganze Seele verlangt
nach Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör’ ich an! Auf ihr fühl’ ich
mich heimisch. Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde,
duftgefüllte Abendluft: – wie seid ihr schön!

Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das genießt, ist
glücklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab’ ich kein
Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt
jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?

  »Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
  Lieber ja möcht’ ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
  Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
  Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.«

So empfind’ auch ich. Weh’ dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint.
O wie gern, wie gern wär’ ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem
schönen Heimatland: wie fürcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher
dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten
unhörbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar
nahenden Schatten meines Lebens!«

Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust’ger Schall, ein fremder
Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
wiedertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der
gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.

Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. »Herr,« rief er,
»keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch
und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist er
schon« –

»Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel umwallt, waffenklirrend,
heranschritt.

»O du bringst Luft und Leben!« »Und neues Hoffen und die alte Liebe,« rief
Totila. Und sie hielten sich umschlungen.

»Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!« – »Ich komme
geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O
Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben
sie’s! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre
Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezählte
Germanenstämme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: – wir dagegen sind
wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den
rings feindliches Element benagt.

Doch desto größer,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der Ruhm, hier,
mitten im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.

Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und
Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte
klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land,
dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.«

Valeria drückte dem Begeisterten die Hand.

»Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor.

»Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
einzufallen. Die Götter – vergieb mir, frommer Vater – der Himmel war mit
mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen
seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.«

»Wo ließest du Julius?«

»Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort ließ ich
ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie
mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt
vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl
ist es schön in jenen grünen Thälern: – doch neid’ ich ihm die Muße nicht.
Das Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt’s, für dieses
Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam,
trieb ich die Männer zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich
auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte dem wackern König
zu. Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen, und dann: Rache
für Neapolis!« Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war sehr
schön zu schauen.

Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist
_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und
Volkesliebe und die Seele in Lieb’ und Haß bewegt – füllt das die
Menschenbrust nicht aus?«

»Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum
Himmel führt.«

»Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich
drückend, mit der Rechten an seine Schulter rührend, »schlecht steht mir
an, mit dir, dem Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist
mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes
Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich
der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: »lebt
denn kein Gott?«

Im Glück, im Sonnenschein fühl’ ich den Gott und seine Gnade wird mir
offenbar. Er will gewiß der Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist
sein heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rätsel
klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsere thun und
keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.

In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn ich muß fort zu König
Witichis mit meinen Reitern.«

»Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd’ ich dich wiedersehn?«

»Ich seh’ dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!

Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen
ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben. Laß dich indes nicht
allzusehr verdüstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich
erhebt’s, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe
führe.«

Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor
wiedergekommen.

»Auch ich muß dich verlassen, Valeria,« sprach der.

»Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.«

»Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
Valeria!«

Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller
Rüstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine
Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die
blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und
Jugend.

Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.

Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros:

  »Siehest du nicht wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
  Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis,
  Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet,
  Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.«

Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück.



                             Viertes Kapitel.


Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst
und Thätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.

Während jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt größere und kleinere
Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an
die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der König unablässig daran, das
ganze große Heer, das allmählich bis auf einhundertundfünfzig
Tausendschaften gebracht werden sollte, auszurüsten, zu waffnen, zu
gliedern und zu üben. Denn die Regierung Theoderichs war eine äußerst
friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine
Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und
in den mehr als dreißig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen
eingerostet.

Da hatte der tüchtige König, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
unterstützt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in
Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen
Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede
aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten,
den Forderungen des kampfbegierigen Königs, des massenhaft anschwellenden
Heeres zu genügen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hörte nichts als
die Hammerschläge der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und
Waffenlärm der sich übenden Heerscharen.

In diesem Getöse, in dieser rastlosen Thätigkeit betäubte Witichis, so gut
es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag
entgegen, da er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen
könne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewühl sich selber zu
verlieren, seiner Königspflicht nicht vergessen, und durch Herzog
Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den
mäßigsten Vorschlägen.

So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen
Blick und Gedanken für seine Königin, der er auch, wie er meinte, kein
größeres Gut als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte.

Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon
erfüllt, von dem Dämon unersättlicher Rache. In Haß übergeschlagene Liebe
ist der giftigste Haß.

Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre
Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang
der Sonne, hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann
erwartet.

Und nun mußte sie sich gestehn, daß er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
und nicht erwidert: daß sie, obwohl seine Königin, mit dieser Liebe wie
eine Verbrecherin dem verstoßenen und doch ewig allein in seinem Herzen
wohnenden Weibe gegenüberstehe. Und er, auf den sie als Retter und
Befreier von unwürdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die höchste Schmach
angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein
Herz dafür gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels?

Das Gotenreich, die Gotenkrone!

Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu
verderben. »Hätte er meine Liebe nicht erwidert – ich wäre zu stolz, ihn
darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behängt mich, wie zum Hohne,
mit dem Namen seines Weibes, führt diese Liebe bis hart an den Gipfel der
Erfüllung und stößt mich dann achtlos hinunter in die Nacht
unaussprechlicher Beschämung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln
leeren Schall: »Gotenreich!« Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und
wehe seinem Götzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es büßen. An
seinem Götzenbilde soll er’s büßen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol,
sein eigen Bild, meine schöne Liebe mit Füßen getreten, – wohlan, Götze
gegen Götze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone
zerstückt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die
Blüte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Büste. Und
wenn er verzweifelnd, händeringend vor den Trümmern steht, will ich ihm
zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Götzen aus.«

So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der
nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glück dem Vaterland
geopfert.

Vaterland, Gotenreich: – der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen für
ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres
Einen Gefühls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache
für die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre
höchste, grimmige Lust. O hätte sie, wie jene Marmorbüste, mit Einem
Streich, dies Reich zerschmettern können!

Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze
dämonische Klugheit. Sie wußte ihren tödlichen Haß und ihre geheimen
Rachegedanken so tief vor dem König zu verbergen, – so tief wie sie sich
selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer für den grimmig
Verfolgten im tiefsten Busen trug.

Auch wußte sie dem König ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn
auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie,
daß sie dem gehaßten König nur dann schaden, seine Sache nur dann
verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht,
mit ihren Stärken wie mit ihren Blößen genau vertraut war.

Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich, alles, was sie wissen
wollte, zu erfahren: schon aus Rücksicht auf ihren großen Anhang konnte
man der Amalungentochter, der Königin, Kenntnis der Lage ihres Reiches,
ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen
Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Fällen wohnte sie selbst
den Beratungen bei, die in den Gemächern des Königs gehalten wurden.

So war Mataswintha über die Stärke, Beschaffenheit und Einteilung des
Heeres, die nächsten Angriffspläne der Feldherren und alle Hoffnungen und
Befürchtungen der Goten so gut wie der König selbst unterrichtet. Und
sehnlich wünschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und
so verderblich wie möglich zu verwerten.

Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen.
Naturgemäß richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten
neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer
Umgebung, mit denen sie leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen
konnte.

Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, – da war keiner, dessen
Thatkraft und Klugheit sie das tödliche Geheimnis hätte vertrauen mögen,
daß die Königin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten
wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen – die Tüchtigeren waren
längst zu Cethegus oder Belisar gegangen – waren ihr weder des Vertrauens
würdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen.

Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König und die Goten selbst
zu erkunden, welchen unter allen Römern sie für ihren gefährlichsten,
bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen
hörte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen
einzigen. Und der saß ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus
der Präfekt. Es war ihr unmöglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen.
Keinem ihrer römischen Sklaven wagte sie einen so verhängnisvollen
Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen.

Die kluge und mutige Numiderin, die den Haß ihrer angebeteten Herrin gegen
den rohen Barbaren, der diese verschmäht, vollauf teilte, ungeschwächt bei
ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu
Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Mädchen nicht den Gefahren
einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und
schon gewöhnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom
zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der
gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten.

So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück von dem Kriegsrat, der
draußen im Lager, im Zelt des Königs war gehalten worden. Denn seit die
Rüstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs
gewärtig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu
sein, seine Gemächer im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung
mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen.

Langsam, das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend und über die
Verwertung nachsinnend, wandelte die Königin, nur von Aspa begleitet,
durch die äußersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur
Linken, die weißen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedränge und den Lärm
der innern Gassen des Lagers.

Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich
hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhörte und nie
gesehene Künste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen
der Zuschauer zu schließen.

Aspa zögerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
junger, schlanker Bursch: nach der blendend weißen Haut des Gesichts und
der bloßen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein
Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete
wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Bühne. Bald sprang er in die
Höhe, überschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf
die Füße, bald auf die Hände, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen
mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafür Münzen auszuspeien: dann
verschluckte er einen fußlangen Dolch und zog ihn später wieder aus seinen
Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in
die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit
am Griff aufzufangen, wofür ihn Gelächter und Rufe der Bewunderung von
Seite seiner Zuschauer belohnten.

Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.

Sie sah nach der Herrin und bemerkte, daß ihr Weg gesperrt war von einer
Schar italischer Lastträger und Troßknechte, welche die Gotenkönigin
offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, über den Weg hin, nach
dem Wasser zu, lärmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen
Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu
werfen.

Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
Tisch einen gellenden Schrei ausstieß; Aspa wandte sich erschrocken und
sah den Gallier in ungeheurem Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie
einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschießen. Schon stand er
mitten in dem Haufen und schien, sich bückend, einen Augenblick unter
ihnen verschwunden.

Aber plötzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
der Italier stürzte von seinen Faustschlägen nieder.

Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite, die sich schnell aus der Nähe
der Schlägerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen
blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend.

Und seltsam in der That war das Schauspiel.

Mit unglaublicher Kraft und noch größerer Gewandtheit wußte der Gaukler
das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner
anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder plötzlich
vorspringend und den nächsten am Fuß niederreißend oder mit kräftigem
Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.

Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke
hielt er, wie etwas bergend und schützend, dicht an die Brust. So währte
der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward näher und näher von der
wütenden lärmenden Menge dem Wasser zugedrängt. Da blitzte eine Klinge.
Einer der Troßknechte, zornig über einen schweren Schlag, zuckte ein
Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stürzte
dieser zusammen: die Feinde über ihn her.

»Auf! reißt sie auseinander! helft dem Armen,« rief Mataswintha den
Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen,
»ich befehle es! die Königin!«

Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden: aber noch ehe sie
herankamen, sprang der Gaukler, der sich für einen Moment von allen
Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon,
gerade auf die beiden Frauen zu – verfolgt von den Italiern, welche die
wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten.

Welch’ ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe:
ein Stück seiner gelben Haare schleifte am Rücken und siehe, unter der
gelben Perücke kam schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weiße
Hals verlief in eine bronzebraune Brust.

Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.
»Schütze mich, rette mich, weiße Göttin!« schrie er und brach zusammen vor
Mataswinthas Füßen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste
schwang sein Messer. –

Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel über den Gefallenen:
»Zurück!« sprach sie mit Hoheit, »laßt ab von ihm. Er steht im Schutz der
Gotenkönigin.« Verblüfft wichen die Troßknechte zurück. »So?« rief nach
einer Pause der mit dem Dolch, »straflos soll er ausgehn, der Hund und
Sohn eines Hundes? und fünf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe
fortan drei Zähne zu wenig? Und keine Strafe?« »Er ist gestraft genug,«
sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. »Und all das
um einen Wurm,« schrie ein zweiter, »um eine Schlange, die aus seinem
Ranzen schlüpfte und die wir mit Steinen warfen.« – »Da seht! er hat die
Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm.« »Schlagt ihn tot,«
schrien die andern.

Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Königin
Gehorsam, die Italier unsanft zurückstoßend und einen Kreis um den
Gefallnen schließend. Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit
gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder.

»Was ist dir, Aspa? steh auf!« sprach Mataswintha staunend. »O Herrin!«
stammelte diese, »der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines
Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter
dem Halse. Braun wie Aspa, – und hier – hier, eine Schrift; Schriftzeichen
eingeritzt über seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,«
jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen.

»Der Gaukler scheint verdächtig. – Warum diese Verstellung?« sprach
Mataswintha. »Man muß ihn in Haft nehmen.«

»Nein, nein, o Herrin,« flüsterte Aspa. »Weißt du, wie die Inschrift
lautet? – Kein Auge als meines kann sie dir deuten.« – »Nun?« fragte
Mataswintha. »Sie lautet,« flüsterte Aspa leise: »Syphax schuldet ein
Leben seinem Herrn, Cethegus dem Präfekten.« Ja, ja ich erkenne ihn, das
ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Götter
senden ihn zu uns.«

»Aspa,« sprach Mataswintha rasch, »ja, ihn senden die Götter: die Götter
der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und
folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem
Dienst.«



                             Fünftes Kapitel.


Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht
von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette
ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren Kräutern und
Sprüchen sich rasch erholte.

König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen
Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat
gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute
angekündet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurückerwartet mit der
Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.

»Ein verhängnisvoller Tag!« sagte Witichis zu seiner Königin. »Bete zum
Himmel um den Frieden.«

»Ich bete um den Krieg,« sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.
»Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?« – »Nach Rache nur noch ganz
allein – und sie wird mir werden.«

Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerführern
erfüllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen
Gruß. »Sind die Gesandten zurück?« fragte der König, sich setzend, den
alten Hildebrand, »so führt sie ein.«

Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge und Herzog
Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.

»Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?« fragte Witichis eifrig. »Krieg!
Krieg, König Witichis!« riefen beide Männer mit Einem Munde. – »Wie?
Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich,
eindringlich, meine Vorschläge mitgeteilt?«

Herzog Guntharis trat vor, und sprach: »Ich traf den Feldherrn im Kapitol
als Gast des Präfekten und sprach zu ihm: »Der Gotenkönig Witichis
entbietet dir seinen Gruß.

In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter
Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese
ehrwürdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut
getränkten Gefilde nie geschaut.

Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem
seiner Kriege mit dreißigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort
Rom und Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie
nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich überließ, wenn er den
Odovakar stürzen könne.« So sprach ich, deinem Auftrag gemäß.

Belisar aber lachte und rief: »Witichis ist sehr gnädig, mir die Insel
Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke
ihm dafür die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war
abgezwungen und das Recht der Eroberung, – nun das spricht jetzt für uns.
Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die
Waffen, und das ganze Volk zieht über die Alpen und sendet König und
Königin als Geiseln nach Byzanz.««

Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt.

»Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rücken
und schritten hinaus. »Auf Wiedersehen in Ravenna,« rief er uns nach. Da
wandt’ ich mich,« sprach Hildebad »und rief: »Auf Wiedersehen vor Rom!«
Auf, König Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Äußerste versucht an
Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert
und gerüstet! Jetzt führ’ uns an, zum Kampf.«

Da tönten Trompetenstöße aus dem Lager: man hörte den Hufschlag eilig
nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila
in glänzenden Waffen, vom weißen Mantel umwallt. »Heil meinem König, Heil
dir Königin,« sprach er huldigend. »Mein Auftrag ist erfüllt: ich bringe
dir den Freundesgruß des Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde
von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer
wird nicht gegen die Goten in Italien einrücken. Graf Markja von
Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt,
ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im
Rückweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfähigen Männern fand
und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:

Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein König: ich führe dir
sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu
tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: führ uns
zum Kampf, zum Kampf nach Rom.«

»Hab Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter.

Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet
auf!«

»Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk,« rief Hildebad. »Ich vierzig
Tausendschaften zu Fuß und zu Roß mit Schild und Speer,« sprach Herzog
Guntharis. »Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß: Bogenschützen,
Schleuderer, Speerträger,« sagte Graf Grippa von Ravenna. »Ich sieben
Tausendschaften mit Messer und Keule,« zählte Hildebrand. »Und dazu
Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften
Tejas mit der Streitaxt – wo ist er? ich vermisse ihn hier! – Und ich habe
meine Scharen zu Fuß und zu Roß auf fünfzig Tausendschaften erhöht,«
schloß der König.

»Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften,« schrieb der
Protonotar, die Pergamentrolle dem König überreichend.

Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes
Angesicht. »Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Männer: Belisar,
sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr
noch Rast, um aufzubrechen?«

Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
Frage vernommen. Sein Auge sprühte Blitze, er bebte vor Zorn. »Rast? Keine
Stunde Rast mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Führ’ uns sofort zum
Kampf!«

»Was ist geschehn?«

»Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloß, wie du weißt, seit
lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und
fern. Der junge Graf Arahad nur – er suchte wohl den Tod – überfiel mit
seiner kleinen Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im tapfersten Gefecht.
Verzweifelt widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg. Denn
alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen
Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind,
wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die
Thore zu öffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht
zu vergießen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der großen Basilika
Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, über fünftausend Köpfe, Greise,
Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen
... –« Teja hielt schaudernd inne.

»Nun?« fragte Mataswintha, erblassend.

»Da schloß der Hunne die Thüren, umstellte das Haus mit seinem Heer und –
verbrannte sie alle fünftausend, samt der Kirche.«

»Und der Vertrag?« rief Witichis.

»Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen.
»Der Vertrag,« lachte der Hunne, »sei erfüllt: kein Tropfe Blutes sei
vergossen. Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse
und schlechtes Gewürm.« Und so sahen die Byzantiner zu, wie fünftausend
Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder – König Witichis, hörst du’s?
Kinder! – elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du – du
sendest Friedensboten! Auf, König Witichis,« rief der Ergrimmte, das
Schwert aus der Scheide reißend, »wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf
zur Rache. Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf: – Führ’ uns zum Kampf!
zur Rache führ’ uns an!«

»Führ’ uns zum Kampf! zur Rache führ’ uns an!« wiederhallte das Zelt vom
Ruf der Goten.

Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.

»So soll’s sein. Das Äußerste geschah. Und unsere beste Rüstung ist unser
Recht: jetzt auf, zum Kampf.«

Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die er in der Hand
hielt, die über seinem Stuhl hängende Königsfahne, das blaue Bandum, zu
ergreifen.

»Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: –
doch zaget nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht,
doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg,
ein großer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht
auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!«

»Nach Rom,« wiederhallte das Zelt. »Nach Rom!«



                            Sechstes Kapitel.


Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die
Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung übertragen.

Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner
vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Übergang der Italier alles
flache Land, auch alle Festen und Burgen und Städte, bis nahe bei Ravenna,
gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, daß der Feldzug bald
beendigt und nur das Erdrücken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten
Schlupfwinkel übrig sei.

Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der Halbinsel: Bruttien,
Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die
Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas
und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die
unter Führung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des
Massageten Äschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen.

Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia: für die damaligen
Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: – sie thront auf
hohem Berge, dessen Fuß der tiefe Nar umspült. Die beiden einzigen
Zugänge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpaß und die hohe,
alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Brücke. – Aber die römische
Bevölkerung überwältigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag,
und öffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus
erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der
östlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer
Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
zweier byzantinischer Heerführer, des Magister Militum für Illyrien,
Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei
Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gerächt,
Salona besetzt und durch ihre große Übermacht die geringen gotischen
Scharen zum Rückzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien
war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir
sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Ämilia.

Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar daher für Zeichen der
Schwäche. Daß die Barbaren zum Angriff übergehen könnten, fiel ihm nicht
ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast
des Präfekten zu heißen; im freien Felde mußte sein Übergewicht bald
wieder hervortreten.

Der Präfekt ließ das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugroßer
Zuversicht.

»Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
fürchtest,« hatte dieser stolz geantwortet.

»Nein,« erwiderte dieser. »Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
Schauspiel, man darf es nicht versäumen.« In der That, Cethegus hätte eine
Demütigung des großen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog,
gern gesehen.

Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Thoren der Stadt geführt und
wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern
und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluß von Italiern,
die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das nötig. Auch Ambazuch, Bessas
und Constantinus hatte er mit dem größten Teil ihrer Truppen wieder in
dies Lager herangezogen: sie ließen in den von ihnen gewonnenen Städten
nur kleine Besatzungen zurück.

Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer hatten sich in das Lager
verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. »Sie wagen es
nicht,« hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. »Sie liegen in Ravenna
und zittern vor Belisarius.«

Spät in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
ließ die Ampel brennen. »Ich kann nicht schlafen,« sagte er –: »in den
Lüften klirrt es wie Waffen und riecht’s wie Blut. Die Goten kommen. Sie
rücken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.«

Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück und Syphax stürzte atemlos an sein
Lager.

»Ich weiß es schon,« sagte Cethegus aufspringend, »was du meldest: die
Goten kommen.« – »Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das
salarische Thor. Ich hatte das beste Roß der Königin, aber dieser Totila,
der den Vortrab führt, jagt wie der Wind durch die Wüste. Und hier im
Lager ahnt niemand etwas.«

»Der große Feldherr,« lächelte Cethegus, »hat keine Vorposten
ausgestellt.« – »Er verließ sich ganz auf den festen Turm an der
Aniusbrücke(1) aber ... –«

»Nun? der Turm ist fest.« – »Ja, aber die Besatzung, römische Bürger aus
Neapolis, ging zu den Goten über, als sie der junge Totila, der Führer des
Vortrabs, anrief. Die Leibwächter Belisars, welche sich widersetzten,
wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und
die Brücke ist in der Goten Hand.«

»Es wird hübsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?« –
»Keine Ahnung, Herr: ich weiß es so genau wie König Witichis selbst. Hier
die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Königin.«

Cethegus sah ihn forschend an. »Geschehen Wunder, die Barbaren zu
verderben?«

»Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschöne Weib will ihres Volkes
Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.«

»Du irrst:« sagte Cethegus, »sie liebte ihn schon als Mädchen und kaufte
seine Büste.«

»Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbüste ward zerschlagen
in der Brautnacht.«

»Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.«

»Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles.
Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und
Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa
alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich würde diese
Sonnenkönigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus wäre.«

»Ich auch, wenn ich Syphax wäre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
Ein listig, rachedürstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch,
Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht
deine Freiheit: – ich brauche dich noch.«

»Meine Freiheit ist – dir dienen. Eine Gunst: laß mich morgen neben dir
fechten.«

»Nein, mein hübscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: –
nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nähe und
Stärke. Lege mir die Rüstung an und gieb den Plan der salarischen Straße
dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Führer meiner
Isaurier, Sandil.« Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den
Plan. »Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Hügel herab. Wehe
dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem
wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns,
südöstlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen
werden wir unfehlbar geworfen: die Brücken werden nicht zu halten sein.
Darauf eine Strecke flachen Landes – welch schönes Feld für die gotischen
Reiter, uns zu verfolgen! – Noch weiter rückwärts endlich ein dichter Wald
und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... – Marcus,«
rief er dem Eintretenden entgegen, »meine Scharen brechen auf. Wir ziehn
hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich frägt, dem sagst du: wir
ziehn zurück nach Rom.«

»Nach Hause? ohne Kampf?« fragte Marcus erstaunt, »du weißt doch: es steht
der Kampf bevor?«

»Ebendeswegen!« Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. »Weißt du’s schon,
Präfekt? flüchtendes Landvolk meldet, ein Häuflein gotischer Reiter naht:
die Tollkühnen reiten in ihr Verderben: sie wähnen die Straße frei bis
Rom.« Und er fuhr fort sich zu rüsten.

»Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
furchtbares Heer von Barbaren,« warnte Prokop.

»Eitle Schrecken! Sie fürchten sich, diese Goten. – Witichis wagt gar
nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom,
die Aniobrücke durch einen Turm geschützt: – Martinus hat ihn gebaut nach
meinem Gedanken: – der allein hält der Barbaren Fußvolk mehr als eine
Woche auf – mögen auch ein paar Gäule durch den Fluß geschwommen sein.«

»Du irrst, Belisarius! ich weiß es gewiß: das ganze Heer der Goten naht,«
sprach Cethegus. – »So geh’ nach Hause, wenn du es fürchtest.« – »Ich
mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen
das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: – ich ziehe mit
deiner Gunst nach Rom zurück.«

»Ich kenne dieses Fieber,« sagte Belisar – »das heißt: – an andern. Es
vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh
ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.«

Cethegus verneigte sich und ging. »Auf Wiedersehen,« sprach er, »o
Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern,« sprach er im
Lager laut zu Marcus. »Und meinen Byzantinern auch,« setzte er leiser bei.

»Aber Belisar hat ...« –

»Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd.« Während er aufstieg, sprengte
ein Zug römischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anführer vorauf.

»Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
dem Fluß? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser höchsten
Gefahr?« Cethegus beugte sich vor. »Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte
dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?«

»Flüchtige Bauern sagen,« sprach Calpurnius ängstlich, »es sei gewiß mehr
als eine Streifschar. Es sei der König der Barbaren, Witichis selbst, im
raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer:
Widerstand ist dann .. – Wahnsinn – Verderben. Ich folge dir, ich schließe
mich dir an.«

»Nein,« sagte Cethegus herb, »du weißt, ich bin abergläubisch: ich reite
nicht gern mit den Furien verfallnen Männern. Dich wird die Strafe für
deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit
dir zu teilen.«

»Doch flüstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmähe manchmal einen
bequemen Mord nicht,« sprach Calpurnius grimmig.

»Calpurnius ist nicht Cethegus,« sprach der Präfekt, stolz davon
sprengend. »Grüße mir einstweilen den Hades!« rief er.



                            Siebentes Kapitel.


»Verfluchtes Omen!« knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar:
»Befiehl den Rückzug, rasch, Magister Militum.« – »Warum, Vortrefflicher?«
– »Es ist der Gotenkönig selbst.« »Und ich bin Belisar selbst,« sagte
dieser, den prachtvollen Helm mit dem weißen Roßschweif aufsetzend. »Wie
konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?« – »Herr, um dir das
zu melden.« – »Das konnte wohl kein Bote? Höre, Römer, ihr seid nicht
wert, daß man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurück
mit dir ins Vordertreffen.

Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwächter Antallas
und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muß_ tapfer sein, hört ihr?
Weicht er, – nieder mit ihm. So lehrt man Römer Mut.

Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
geht die Sonne auf. Sie muß unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden.

Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht
auf, dem Feind entgegen.«

»Feldherr, es ist wie sie sagen,« meldete Maxentius, der treueste der
Leibwächter, »zahllose Goten rücken an.«

»Sie sind zwei Heere gegen uns,« meldete Salomo, Belisars
Hypaspisten-Führer.

»Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.«

»Und der Schlachtplan?« fragte Bessas.

»Im Angesicht des Feindes entwerf’ ich ihn, während des Calpurnius Reiter
ihn aufhalten. Vorwärts, gebt die Zeichen, führt Phalion vor.« Und er
schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerführer, die
Hypaspisten, Prätorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle
gebend, verteilend, empfangend.

In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hügel. Man nahm
sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der plötzliche Aufbruch
brachte vielfache Verwirrung. Fußvolk und Reiter gerieten in der dunkeln,
mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Übermacht der
vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.

Es waren nur zwei nicht sehr breite Straßen, die gegen die Hügel führten:
so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel später als Belisar gerechnet,
langte das Heer im Angesicht der Hügel an: und als die ersten
Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab führte,
von allen Höhen gotische Waffen blitzen.

Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius
Halt und sandte Belisar Nachricht.

Dieser sah ein, daß Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stürmen
könne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen
Fußvolks ab, um auf der breitern Straße zu stürmen. Den linken und den
rechten Flügel führten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im
Mitteltreffen seine Leibwachen als Rückhalt heran. Calpurnius, froh des
Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der
Hügel, links seitab der Straße, von wo kein Angriff zu befürchten schien,
den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden
Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen.

Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich
Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: – sein
beiltragendes Fußvolk war noch weit zurück: – er hatte sich ausgebeten,
ohne Befehlführung, überall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen.
Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der König mit der
Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden
noch erwartet.

Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen.

»König,« sagte er, »unter jenen Hügeln steht Belisar.

Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
vorzurücken. Dulde nicht die Schmach, daß er uns zuvorkömmt im Angriff.«

»Vorwärts!« rief König Witichis, »gotische Männer vor!« In wenigen Minuten
hatte er den Rand der Hügel erreicht und übersah das Thalgefild vor ihm.
»Hildebad – den linken Flügel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier
im Mitteltreffen, die Straße herunter, vor. Ich halte rechts seitab der
Straße, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.«

»Das wird’s nicht brauchen,« sagte Totila, sein Schwert ziehend. »Ich
bürge dir, sie halten meinen Ritt diesen Hügel herab nicht auf.«

»Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück,« fuhr der König fort, »nehmen
das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glänzt: was
übrig ist, können eure Reiter, Totila und Teja, über die Ebene jagen bis
Rom.«

»Ja, wenn wir erst den Paß gewonnen haben, dort in den Waldhügeln, hinter
dem Fluß,« sagte Teja mit dem Schwert hinüberdeutend.

»Er ist noch unbesetzt, scheint’s: ihr müßt ihn mit den Flüchtigen
zugleich erreichen.«

Da ritt der Bannerträger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des
Heeres, an den König heran. »Herr König, ihr habt mir eine Bitte zu
erfüllen zugesagt.« – »Ja, weil du bei Salona den Magister Militum für
Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Roß gestochen.«

»Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich möchte denselben
Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur für heute, das Banner ab und
laß mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Roß, der Rotscheck Phalion
oder Balian, wird so sehr gerühmt: und mein Hengst wird steif. Und du
kennst das alte gotische Reiterrecht: »wirf den Reiter und nimm sein
Roß«.«

»Gut gotisch Recht!« raunte der alte Hildebrand.

»Ich muß die Bitte gewähren,« sprach Witichis, das Banner aus der Hand
Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. »Guntharis ist nicht zur
Stelle, so trage du es heute, Totila.«

»Herr König,« entgegnete dieser, »ich kann’s nicht tragen, wenn ich meinen
Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll.« Witichis winkte Teja.

»Vergieb,« sagte dieser: »heut’ denk’ ich beide Arme sehr zu brauchen.« –
»Nun, Hildebad.« – »Danke für die Ehre: ich hab’s nicht schlechter vor als
die andern!« »Wie,« sagte Witichis, fast zürnend, »muß ich mein eigner
Bannerträger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?«

»So gieb mir die Fahne Theoderichs,« sprach der alte Hildebrand, den
mächtigen Schaft ergreifend. »Mich lüstet weitern Kampfes nicht so sehr.
Aber mich freut’s, wie die Jungen nach Ruhme dürsten. Gieb mir das Banner,
ich will’s heute wahren wie vor vierzig Sommern.« Und er ritt sofort an
des Königs rechte Seite.

»Der Feinde Fußvolk rückt den Berg hinan,« sprach Witichis, sich im Sattel
hebend. »Es sind Hunnen und Armenier,« sagte Teja, mit seinem Falkenauge
spähend, »ich erkenne die hohen Schilde!« Und den Rappen vorwärts spornend
rief er: »Ambazuch führte sie, der eidbrüchige Brandmörder von Petra.«

»Vorwärts, Totila,« sprach der König, »und aus diesen Scharen – – keine
Gefangnen.«

Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mündung der
aufsteigenden Straße auf der Höhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick
musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam
bergauf rückten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu
Stoß und Wurf.

»Sie dürfen nicht zum Werfen kommen,« rief er seinen Reitern zu. Er ließ
sie die leichten Schilde auf den Rücken binden und befahl, im Augenblick
des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie üblich, in der Rechten, in der
Linken, der Zügelhand, zu führen, den Zügel einfach um das Handgelenk
geschlungen und über die Mähne weg die Lanze aus der rechten in die linke
Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht
gedeckte Seite der Feinde. »Sowie der Stoß angeprallt – sie werden ihm
nicht stehen! – werft die Lanze im Armriem zurück, zieht das Schwert und
haut nieder, was noch steht.«

Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links überflügelnd,
auf beiden Seiten neben der Straße auf.

Er selbst führte den Keil auf der Straße. Er beschloß, den Feind die
Hälfte des Hügels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen
beide Heere dem Zusammenstoß entgegen.

Ruhig rückte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwärts.

»Laßt sie nur dicht heran, Leute,« sagte er, »bis ihr das Schnauben der
Rosse im Gesicht spürt. Dann, – und nicht eher, – werft: und zielt mir
tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab’ ich noch
alle Reiter geschlagen.«

Aber es kam anders.

Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
donnernde Lawine vom Berg herab über die erschrocknen Feinde einzubrechen.
Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, dröhnende
Masse heran: und eh’ die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die
Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der
schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als
wären sie nie gestanden.

Blitzschnell war das geschehen: und während noch Ambazuch seiner zweiten
Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die
Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe überritten, die
dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch
Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu
kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog
zurück und rief seinen wankenden Scharen Mut zu.

Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
stürzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten
entgegen. »Nimm Lösegeld,« rief er, »ich bin dein.«

Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
Tejas Stimme: »Denk’ an Burg Petra.«

Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die
letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreißend, entsetzt auseinander, –
das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten
König Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.

»Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
stehen, gegen Totila,« sagte der König zu dem alten Bannerträger. »Totila
wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die
Straße hinunter, ihm zu Hilfe.«

»Ah,« rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und über den Felsrand
spähend, »wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwächtern
Belisars?«

Witichis beugte sich vor. »Calpurnius!« rief er mit gellendem Schrei.

Und siehe, urplötzlich sprengte der König, keinen Pfad suchend, gerade wo
er stand, hinab die Felshöhe auf den Verhaßten. Die Furcht, er möchte ihm
entrinnen, ließ ihn alles vergessen. Und als hätte er Flügel, als hätte
der Gott der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und spitze Felsspalten
und Schroffen und Gräben sauste der König hinunter.

Einen Augenblick faßte den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt
hatte er noch nie geschaut. Aber im nächsten Moment schwang er die blaue
Fahne und rief: »Nach! nach eurem König!« Und das berittene Gefolge voran,
das Fußvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach
das Mitteltreffen der Goten plötzlich steil von oben auf die hunnischen
Reiter.

Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
sein Ohr schlüge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.

Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
maurische Leibwächter zur Rechten fiel ihm in den Zügel: »Halt, Tribun!«
sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend – »_dort_ ist der Feind!« Ein
Schmerzenschrei riß ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stürzte
der zweite der Leibwächter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend
vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der plötzlich wie vom Himmel
gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und
wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die
Reiter waren von diesem plötzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke
umfaßt, während sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern
Totilas zusammenstießen.

Calpurnius erkannte den Goten. »Witichis!« rief er entsetzt, und ließ den
Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden
durch den Fall des hunnischen Leibwächters zur Linken, setzte es in wilden
Sprüngen davon.

Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich wütend auf den König
der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. »Nieder,
Tollkühner!« schrie er. Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das Schwert
des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen
schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm
Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die,
entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben.

Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz
hinter den stärksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor
ihn nicht aus dem Auge und ließ nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter
seinen Reitern barg, wie rasch er floh, – er entging nicht dem Blicke des
Königs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Mörder seines
Sohnes drängte.

Knäuel auf Knäuel, Gruppe auf Gruppe löste sich vor dem furchtbaren
Schwert des rächenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt
von dem Flüchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder
zu schließen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte
Bannerträger mit Reitern und Fußvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in
zwei Teile gespalten.

Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flüchtlinge zu verfolgen. Der
Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte
genommen und vernichtet.

Der größere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar.

Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, über das Schlachtfeld.
Er hatte einen großen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte
Bahn hauen müssen. Aber ein Dämon schien Boreas, des Goten Roß, zu
treiben: näher und näher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flüchtling
den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da
brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis
vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stieß ihm, ohne ein Wort, mit
dem Fuß das Schwert hin, das ihm entfallen. Da faßte sich Calpurnius mit
dem Mut der Verzweiflung.

Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
Aber mitten im Sprung stürzte er rücklings nieder.

Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der König setzte den
Fuß auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann
seufzte er tief auf: »Jetzt hab’ ich die Rache. O hätt’ ich mein Kind.«

Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung des Kampfes mit
angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verließ ihn nicht, als er
Ambazuchs und Bessas’ Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter
durchbrochen und geworfen sah.

Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des Feindes. Allein er
beschloß, auf der ganzen Linie vorzurücken, eine Lücke lassend, um den
Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen.

Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten, Witichis voran,
Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend,
den Flüchtlingen jetzt so ungestüm nach, daß sie mit ihnen zugleich die
Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.

Das durfte nicht sein. Belisar füllte diese Lücke selbst durch seine
Leibwache zu Fuß und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und
zu wenden.

Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Führers sie alle
ergriffen hätte. Sie scheuten das Schwert des Gotenkönigs hinter sich mehr
als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten
sie, als wollten sie ihr eignes Fußvolk niederreiten, im vollen Galopp
heran.

Einen Augenblick ein furchtbarer Stoß: – ein tausendstimmiger Schrei der
Angst und Wut: – ein wirrer Knäuel von Reitern und Fußvolk minutenlang: –
darunter einhauende Goten: – und plötzlich ein Auseinanderstieben nach
allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. –

Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
durchbrochen. – Er befahl den Rückzug ins Lager.

Aber es war kein Rückzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis
und Tejas Fußvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die
Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am
Widerstand und mit großer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurück.
Gleichwohl hätten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern
erreicht, hätte nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.

So siegesgewiß war Belisar ausgezogen, daß er das ganze Fuhrwerk, die
Wagen und das Gepäck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm
nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen
Straßen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen
und schwer zu entfernenden Körper stießen nun überall die weichenden
Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein.

Soldaten und Troßknechte wurden handgemein: die Reihen lösten sich
zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust
und sie fingen an, das Gepäck zu plündern, ehe es in die Hände der
Barbaren falle. Überall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen
das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Blöken und
Brüllen der erschrocknen Herden.

»Gebt den Troß Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
Herden!« befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter
Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer
unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knäuel: – nichts schien ihn mehr
lösen zu können.

Da zerriß ihn die Verzweiflung.

Der Schrei, »die Barbaren über uns!« erscholl aus den hintersten Reihen.
Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fußvolk war jetzt in die
Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen
Knäuel.

Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
Schrei der Angst – der Wut – des Schmerzes der Angegriffenen, der
Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht
konnten: – der Zertretenen und Zerdrückten – und plötzlich stürzte der
größte Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die
darauf und dazwischen zusammengedrängt waren, mit donnerndem Krachen in
die Gräben links und rechts neben der Hochstraße.

So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoß sich der Strom
der Flüchtigen nach dem Lager. –

Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fußvolk, ohne Mühe mit den
Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewühl
seine Ziele treffend, während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe
der Reiter Totilas und des Königs abwehrte. »Hilf, Belisar,« rief Aigan,
der Führer der massagetischen Söldner, aus dem eben gesprengten Knäuel
heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: »meine Landsleute haben
heut’ den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht.
Hilf: dich fürchten sie sonst mehr als den Teufel!«

Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten Flügel, der
aufgelöst über das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.

»O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfüll’ ich schlecht mein Wort!«

Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
überlassend, – denn das hügelige Terrain, das jetzt erreicht war,
schwächte die Kraft der verfolgenden Reiter – sprengte er mit Aigan und
seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden.

»Halt!« donnerte er ihnen zu, »halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
Belisar streitet?

Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!«

Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestätische,
das löwengewaltige Antlitz.

Und so mächtig war die Macht dieser Heldenpersönlichkeit, so groß das
Vertrauen auf sein sieghaftes Glück, daß in der That alle, welche die hohe
Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten,
und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder
entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.

Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. »Heia,
das ist fein, daß ihr einmal des Laufens müde seid, ihr flinken
Griechlein. Ich konnt’ euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen
seid ihr uns überlegen. Laßt sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht
ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist’s mit dem?«

»Herr, das muß ein König sein unter den Welschen, kaum kann man sein
zornig Auge tragen.«

»Das wäre! Ah – das muß Belisarius sein! Freut mich,« schrie er ihm
hinüber, »daß wir uns treffen, du kühner Held. Nun spring vom Roß und laß
uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn.
Sieh, auch ich bin ja zu Fuß. Du willst nicht?« rief er zornig. »Muß man
dich vom Gaule holen?« Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den
ungeheuren Speer.

»Wende, Herr, weich’ aus,« rief Aigan, »der Riese wirft ja junge
Mastbäume.« »Wende, Herr,« wiederholten seine Hypaspisten ängstlich.

Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezückt, ruhig dem Goten um eine
Pferdelänge näher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen
Belisars Brust.

Aber grad’, ehe er traf, – ein kräftiger Hieb von Belisars kurzem
Römerschwert und drei Schritte seitwärts fiel der Speer harmlos nieder.

»Heil Belisarius! Heil,« schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf
die Goten ein.

»Ein guter Hieb,« lachte Hildebad grimmig. »Laß sehen, ob dir deine
Fechtkunst auch gegen den hilft.« Und sich bückend hob er aus dem
Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst
langsam hin und her, hob ihn dann über den Kopf mit beiden Händen und
schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden –: ein
Schrei des Gefolges: – rücklings stürzte Belisar vom Pferd. –

Da war es aus.

»Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!« schrieen sie, als die
hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager
zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms.

Umsonst war’s, daß sich die Lanzen- und Schildträger todesmutig den Goten
entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr
retten.

Den ersten tödlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestürmt war, fing
der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein
gotischer Reiter endlich vom Roß, der erst nach Hildebad Belisar erreicht
und sieben Leibwächter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum
durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb
am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg
durchkämpften und überlebten –, Wisand, der Bandalarius.

Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Roßwart), wieder auf
den Rotschecken gehoben und rasch von der Betäubung erholt, erhob umsonst
den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hörten nicht mehr und wollten
nicht hören. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flüchtigen: er
wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager.

Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden
Goten aufzuhalten. »Die Ehre ist hin,« sagte er unwillig, »laßt uns das
Leben wahren.« Mit diesen Worten ließ er die Lagerthore schließen, ohne
Rücksicht auf die großen Massen der noch Ausgeschlossenen.

Ein Versuch des ungestümen Hildebad, ohne weiteres einzudringen,
scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und
den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kühlte er
sich einen Augenblick von der Hitze.

Da bog Teja, der längst, wie der König und Totila, abgesessen, prüfend und
das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.

»Die verfluchte Holzburg,« rief ihm Hildebad entgegen. »Da hilft nicht
Stein, nicht Eisen.«

»Nein,« sagte Teja, »aber Feuer!« Er stieß mit dem Fuß in einen
Aschenhaufen, der neben ihm lag. »Das sind die Wachtfeuer, samt dem
Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Männer,
steckt die Schwerter ein, entzündet das Reisig! werft Feuer in das Lager!«

»Prachtjunge,« jubelte Hildebad, »flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft.« Rasch waren die
Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Bränden flogen in das trockne
Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel.
Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins
Gesicht und machte die Verteidigung der Wälle unmöglich. Sie wichen in das
Innere des Lagers.

»Wer jetzt sterben dürfte!« seufzte Belisar. – »Räumt das Lager! Hinaus
zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Brücken hinter
uns!«

Aber der Befehl, das Lager zu räumen, zerriß das letzte Band der Zucht,
der Ordnung und des Mutes. Während unter Tejas dröhnenden Axthieben die
verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm
der schwarze Held, wie ein Feuerdämon, der erste, durch das prätorische
Thor ins Lager sprang, rissen die Flüchtenden alle Thore, auch die
seitwärts aus dem Lager nach Rom zu führten, die Portä prinzipales rechts
und links, auf einmal auf und strömten in wirren Massen nach dem Fluß. Die
ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Brücken; sie
hatten großen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden
Lager herausgedrängt.

Aber plötzlich – neues Entsetzen! – schmetterten die gotischen
Reiterhörner ganz nahe.

Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wußten,
sogleich wieder zu Pferd geworfen und führten nun ihre Reiter von beiden
Seiten, links und rechts vom Lager her, den Flüchtenden in die Flanken.

Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach
der einen Brücke zu, als er von links und rechts die verderblichen
Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann
die Fassung nicht. »Vorwärts im Galopp an die Brücken!« befahl er seinen
Saracenen, »deckt sie!« –

Es war zu spät: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, – die beiden
schmalen Brücken waren unter der Last der Flüchtenden eingebrochen und zu
Hunderten stürzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzenträger,
Justinians Stolz, in das sumpfige Gewässer.

Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd
in die schäumende und blutig gefärbte Flut. Schwimmend erreichte er das
andere Ufer. »Salomo, Dagisthäos,« sagte er, sowie er drüben gelandet, zu
seinen raschesten Prätorianern, »auf, nehmt hundert aus meinen
Reiterwachen und jagt was ihr könnt nach dem Engpaß. Überreitet alle
Flüchtigen. Ihr müßt ihn vor den Goten erreichen, hört ihr? _ihr müßt!_ Er
ist unser letzter Strohhalm.«

Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.

Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluß eine Weile aufgehalten. Aber
plötzlich rief Aigan: »Da sprengt Salomo zurück!« »Herr,« rief dieser
heranjagend: »alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpaß. Er ist schon
besetzt von den Goten.«

Da, zum erstenmale an diesem Tage des Unglücks, zuckte Belisar zusammen.
»Der Engpaß verloren? – Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers.
Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh’ das Schwert,
– laß mich nicht lebend fallen in Barbarenhand.«

»Herr,« sagte Aigan, »so hört’ ich euch nie reden.«

»So war’s auch noch nie. Laß uns absteigen und sterben.« Und schon hob er
den rechten Fuß aus dem Bügel, vom Roß zu springen, da sprengte Dagisthäos
heran –: »Getrost, mein Feldherr!« – »Nun?« – »Der Engpaß ist unser –
römische Waffen sind’s, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Präfekt!
Er hielt ihn geheim besetzt.«

»Cethegus?« rief Belisar. »Ist’s möglich? Ist’s gewiß?«

»Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit.« Das war es. Denn
eine Schar gotischer Reiter, von König Witichis gesendet, den Flüchtenden
am Engpaß vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluß durchschritten,
den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den
verhängnisvollen Paß erreicht. Aber eben als sie dort einmünden wollten,
brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht
hervor und warf die überraschten Goten nach kurzem Gefecht in die
Flucht. –

»Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!« rief Belisar. »Auf,
nach dem Engpaß!« Und mit besserer Ordnung und Ruhe führte der Feldherr
seine gesammelten Scharen an die Waldhügel.

»Willkommen in Sicherheit, Belisarius,« rief ihm Cethegus zu, seine
Schwertklinge säubernd. »Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich
wußte wohl, daß du mir kommen würdest.«

»Präfekt von Rom,« sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand
reichend: »du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich
danke dir.«

Die frischen Truppen des Präfekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
den Paß besetzt, die zerstreut heranflüchtenden Byzantiner durchlassend
und Angriffe der ersten ermüdeten Verfolger, die über den Fluß gedrungen,
– sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich – in der günstigen
Stellung ohne Mühe abwehrend.

Vor Einbruch der Dunkelheit nahm König Witichis seine Scharen zurück, auf
dem Schlachtfeld ihres Sieges zu übernachten, während Belisar mit seinen
Feldherren einstweilen im Rücken des Passes, so gut es gehen wollte, die
aufgelösten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen,
ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er
zu Cethegus heran und sprach: »Was meinst du, Präfekt von Rom? Deine
Truppen sind noch frisch. Und die Unsern müssen ihre Scharte auswetzen.
Laß uns hervorbrechen nocheinmal – die Sonne geht noch nicht gleich unter
– und das Los des Tages wenden.«

Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: »Wahrlich,
ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersättlicher!
So schwer erträgst du’s, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein,
Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin führe deine todesmatten
Völker. Ich halte diesen Paß, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will
ich sein, wenn mir das gelingt.«

Und so war’s geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umständen
weniger als je den Präfekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er
nach und führte sein Heer nach Rom zurück, das er mit dem Einbruch der
Nacht erreichte.

Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der
Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles
verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die ängstlich auf den Wällen
seiner harrte. Durch das pincianische Thor ließ man ihn ein; es hieß
seitdem Porta belisaria.

Feuerzeichen auf den Wällen zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor verkündeten die Erreichung Roms dem Präfekten, der nun,
in guter Ordnung und von den ermüdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze
der Nacht seinen Rückzug bewerkstelligte.

Nur Teja drängte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hügelland, wo
heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.



                             Achtes Kapitel.


Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
Stadt, die es in sieben Lagern umschloß.

Und nun begann jene denkwürdige Belagerung, die nicht minder das
Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
entfalten sollte.

Mit Schrecken hatten die Bürger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. »Sieh hin, o Präfekt, sie
überflügeln alle deine Mauern.« – »Ja! in die Breite! laß sehen, ob sie
sie in der Höhe überflügeln. Ohne Flügel kommen sie nicht herüber.«

Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurückgelassen, acht
hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu
entreißen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Söldner,
in Savien geworben, sollten sie sich verstärken.

Auch die gotische Flotte sollte – gegen Tejas Rat! – dort, nicht gegen den
Hafen von Rom, Portus, wirken.

Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Wälle, die
Mauern Aurelians und des Präfekten, umgürtete nun der König mit
einhundertundfünfzig Tausendschaften.

Rom hatte damals fünfzehn Hauptthore und einige kleinere.

Von diesen umschlossen die Goten den schwächeren Teil der Umwallung, den
Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (östlich von der jetzigen
Porta del Popolo) bis zum pränestinischen Thor reicht, vollständig mit
sechs Heerlagern; nämlich die Wälle vom flaminischen Thor gegen Osten bis
ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor
(südöstlich von Porta pia), ferner bis gegen das »geschlossene Thor«, die
Porta clausa, endlich südlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta
San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via
latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das
zunächst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken
Ufer des Flusses.

Um aber zu verhüten, daß die Belagerten durch Zerstörung der milvischen
Brücke den Angreifern den Übergang über den Fluß und das ganze Gebiet auf
dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein
siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: »auf dem Felde Neros,« vom
vatikanischen Hügel bis gegen die milvische Brücke hin (unter dem »Monte
Mario«). So war die milvische Brücke durch ein Gotenlager gedeckt und die
Brücke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die »Porta
Sancti Petri«, wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor
Aurelians nannte. Es war das nächste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch
das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf
beobachtet.

Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen
dem pankratischen und dem Petrus-Thor, überwies Witichis dem Grafen Markja
von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der
Franken zurückgerufen worden war. Aber der König selbst weilte oft hier,
das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken prüfend.

Er hatte kein einzelnes Lager übernommen, sich die Gesamtleitung
vorbehaltend, vielmehr die sechs übrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad,
Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager ließ der König
mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem
hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhäufen und diesen mit Pfahlwerk
verstärken, – sich gegen Ausfälle zu sichern.

Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar übertrug das pränestinische
Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte
flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefährlicher Nähe
lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus römischen Tempeln und
Palästen gebrochen, fast ganz zubauen ließ.

Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
unter den ihm von Cethegus eingeräumten Teilen der Festung Rom der
schwächste.

Den Westen und Süden hielt eifersüchtig, unentfernbar und unentbehrlich,
der Präfekt.

Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen – oder nun »belisarischen« – Thor, dem schwächsten Teil der
Umwallung, ließ er sich nieder, zugleich Ausfälle gegen die Barbaren
planend. Die übrigen Thore überwies er den Führern des Fußvolks Peranius,
Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius.

Der Präfekt hatte übernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die
neue Porta aurelia an der älischen Brücke bei dem Grabmal Hadrians, die
Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hieß,
und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt
Pauls. Erst das nächste Thor weiter östlich, das ardeatinische, stand
unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier.

Gleich unermüdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
die Belagerten in Plänen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit
handelte es sich nur um Maßregeln, welche die Bedrängung der Römer ohne
Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.

Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen
ab, welche die Stadt speisten. Belisar ließ vor allem, als er dies
wahrnahm, die Mündungen innerhalb der Stadt verschütten und vermauern.
»Denn,« hatte ihm Prokop gesagt, »nachdem du, o großer Held Belisarius,
durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, könnte
es den Barbaren einfallen, – und kaum schimpflich scheinen, – auf dem
gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln.«

Den Genuß des geliebten Bades mußten die Belagerten entbehren: kaum
reichten die Brunnen in den vom Fluß entlegenen Stadtteilen für das
Trinkwasser aus.

Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Römern auch
das Brot abgeschnitten. – Wenigstens schien es so. Denn die sämtlichen
Wassermühlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das
Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms
zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der
Pächter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.

»Laßt die Mühlen durch Esel und Rinder drehen!« rief Belisar. »Die meisten
Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius,« sprach Prokop,
»sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als
wir brauchen, sie zu schlachten. Sie können unmöglich erst Mühlen drehen
und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen.«

»So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
zählend, zugleich einen Gedanken gehabt ... –«

»Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mögliche übersetzen muß.
Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen.«

Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmühle herstellten, welche
die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: »Das Brot der
Schiffsmühle wird länger die Menschen erfreu’n, als deine größten Thaten.
Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach – Unsterblichkeit.« Und wirklich
ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgeführten
Schiffsmühlen den Belagerten während der ganzen Dauer der Einschließung
die gelähmten Wassermühlen.

Hinter der Brücke nämlich, die jetzt Ponte San Sisto heißt, auf der
Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und
legte Mühlen über deren flaches Deck, so daß die Mühlenräder durch den
Fluß, der aus dem Brückenbogen mit verstärkter Gewalt hervorströmte, von
selbst getrieben wurden.

Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
Überläufer schilderten, zu zerstören. Balken, Holzflöße, Bäume warfen sie
oberhalb der Brücke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluß
und zertrümmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mühlen. Aber Belisar
ließ sie wieder herstellen und nun oberhalb der Brücke starke Ketten
gerade über den Fluß ziehen und so auffangen, was, die Mühlen bedrohend,
herabtrieb.

Nicht nur seine Mühlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
sollten auch verhindern, daß die Goten auf Kähnen und Flößen den Fluß
herab und, ohne die Brücke, in die Stadt drängen.

Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.

Er ließ hölzerne Türme bauen, höher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
vier Rädern von Rindern gezogen werden sollten. Dann ließ er Sturmleitern
in großer Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher,
die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzähligen Bündeln
von Reisig und Schilf sollten die tiefen Gräben ausgefüllt werden.

Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser
im Westen und Süden die Verteidigung der Stadt überwachend, Ballisten und
Wurfbogen auf die Wälle, die auf große Entfernung balkenähnliche
Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, daß sie einen gepanzerten
Mann völlig durchbohrten. Die Thore schützten sie durch »Wölfe«, d. h.
Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer
niederschmettern ließ, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und
endlich streuten sie zahlreiche Fußangeln und Stachelkugeln auf den
Vorraum zwischen den Gräben der Stadt und dem Lager der Barbaren.



                             Neuntes Kapitel.


Trotz alledem, sagten die Römer, hätten längst die Goten die Mauern
erstiegen, wäre nicht des Präfekten Egeria gewesen.

Denn es war merkwürdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten –:
Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So
oft Teja oder Hildebad in kühnem Handstreich ein Thor zu überrumpeln, eine
Schanze wegzunehmen gedachten: – Cethegus sagte es vorher, und die
Angreifer stießen auf das Zweifache der gewöhnlichen Besatzung der Punkte.
So oft in nächtigem Überfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte:
– Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde
Brander und Feuerkähne entgegen.

So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, daß
sie, trotz unablässiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
Fortschritte gemacht.

Lange trugen sie diese Unfälle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
Pläne, mit ungebeugtem Mut. Aber allmählich bemächtigte sich nicht bloß
der großen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln
fühlbar zu werden begann, – auch des Königs klarer Sinn wurde von trüber
Schwermut verdüstert, als er all’ seine Kraft, all’ seine Ausdauer, all’
seine Kriegskunst wie von einem bösen Dämon vereitelt sah. Und kam er von
einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglückten Sturm, matt
und gebeugt, in sein Königszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner
schweigsamen Königin mit einem ihm unverständlichen, aber grauenvoll
unheimlichen Ausdruck auf ihm, daß er sich schaudernd abwandte.

»Es ist nicht anders,« sagte er finster zu Teja, »es ist gekommen, wie ich
vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glück von mir gewichen, wie die
Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als läge ein Fluch auf meiner Krone. Und
diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie
mein lebendiges Unglück.«

»Du könntest Recht haben,« sprach Teja. »Vielleicht lös’ ich diesen
Zauberbann. Gieb mir Urlaub für heut’ Nacht.«

Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom
Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub für diese Nacht. Belisar schlug
es ab. »Jetzt ist nicht Zeit zu nächtlichen Vergnügen,« sagte er.

»Wird kein groß Vergnügen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten
Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspüren, der zehnmal schlauer
ist als wir beide.«

»Was hast du vor?« fragte Belisar, aufmerksam werdend.

»Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon
alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und
haben nichts dabei gewonnen. Wir erschießen sie wie Knaben die Dohlen vom
Hinterhalt und können ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all
dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch
des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Römer, der nur lachen kann, wenn
er höhnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die
Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher
weiß dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenpläne so scharf,
als säße er mit im Rat des Königs Witichis? Durch sein Dämonium, sagen die
einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hören
und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle
Nacht ins Gotenlager. Das mögen die alten Weiber glauben und die Römer,
nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das
Dämonium. Gewiß ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst
holen; laß uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser
Quelle schöpfen können.«

»Ich habe das längst bedacht, aber ich sah kein Mittel.«

»Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein
Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: – und dann gelingt es eher. Nun,
ich habe erspäht, daß Cethegus so manche Nacht die Stadt verließ, bald aus
der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls,
links vom Tiber im Süden, die er beide besetzt hält. Weiter wagten ihm die
Späher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht – denn heute muß es
wieder treffen, – ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch muß ich ihn
_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier ließen mich nicht durch; ich
werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Gräben zurückbleiben.«

»Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten.« – »Deshalb
hab’ ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er hütet das
paulinische, ich das portuensische Thor; verlaß dich drauf – bis morgen
vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Dämonium des Präfekten.« – Und
wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen.

Gerade gegenüber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschüsse von den
äußersten Gräben der Stadt, lag ein mächtiges altertümliches Gebäude, die
Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren
letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von
Bourbon völlig verschwanden. Ursprünglich ein Tempel des Jupiter Stator
war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch
stand die bronzene Kolossalstatue des bärtigen Gottes aufrecht: man hatte
ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafür ein
Kreuz hineingeschoben: im übrigen paßte die breite und bärtige Gestalt gut
zu ihrem neuen Namen.

Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll über der
ewigen Stadt und goß sein silbernes Licht über die Mauerzinnen und über
die Ebene, zwischen den römischen Schanzen und der Basilika, deren
schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen.

Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt.

Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein.
Der siebente wandte der Pforte den Rücken und schritt heraus ins freie
Feld.

Vorsichtig wählte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
Fußangeln, Wolfsgruben, Selbstschüsse vergifteter Pfeile, die hier überall
umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt
Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich
ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfältig, den
Schatten der Mauervorsprünge suchend und oft von Baum zu Baum springend.

Als er aus dem äußersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er
eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu.

Hätte er nochmal umgeblickt, er hätte es wohl nicht gethan.

Denn, sowie er den Baum verließ, tauchte aus dem Graben eine zweite
Gestalt hervor, die in drei Sprüngen ihrerseits den Schatten der Cypresse
erreicht hatte. »Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das
Glück dem jüngeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein
Geheimnis.« Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.

Aber plötzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
Erde verschlungen. Es war hart an der äußern Mauer der Kirche, die doch
dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thür oder Öffnung zeigte.

»Kein Zweifel,« sagte der Lauscher, »das Stelldichein ist drinnen im
Tempel: ich muß nach.«

Allein an dieser Stelle war die Mauer unübersteiglich.

Tastend und suchend bog der Späher um die Ecke derselben. Umsonst, die
Mauer war überall gleich hoch. – Im Suchen verstrich ihm fast eine
Viertelstunde.

Endlich fand er eine Lücke in dem Gestein: mühsam zwängte er sich
hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken
dorischen Säulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der
rechten Seite her bis an das Hauptgebäude gelangte.

Er spähte durch einen Riß des Gemäuers, den ihm die Zugluft verraten
hatte. Drinnen war alles finster. Aber plötzlich wurde sein Auge von einem
grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen
hellen Streifen in der Dunkelheit: – er rührte von einer Blendlaterne her,
deren Licht sich plötzlich gezeigt hatte.

Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Träger
derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Präfekten, der hart vor
der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm
stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar
schimmernd das Licht der Laterne fiel.

»Die schöne Gotenkönigin, bei Eros und Anteros!« dachte der Lauscher:
»kein schlechtes Stelldichein, sei’s nun Liebe, sei’s Politik! Horch, sie
spricht. Leider kam ich zu spät, auch den Anfang der Unterredung zu
hören.«

»Also: merk’ es dir wohl! übermorgen auf der Straße vor dem Thor von Tibur
wird etwas gefährliches geplant.« – »Gut: aber was?« frug des Präfekten
Stimme. – »Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch
nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich
hier wieder zu sehen: denn« ... – Sie sprach nun leiser.

Perseus drückte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine
Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.

»Horch!« rief eine dritte Stimme – es war eine Frauenstimme, die der
Trägerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen
Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des
Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer
Tracht.

Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an.
Er fühlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert.

»Alles still,« sagte die Sklavin. »Es fiel wohl nur ein Stein auf den
Erzbeschlag draußen.«

»Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh’ ich nicht mehr. Ich
fürchte, man ist uns gefolgt.« – »Wer?« – »Einer, der niemals schläft, wie
es scheint: Graf Teja.« Des Präfekten Lippe zuckte.

»Und er ist auch bei einem rätselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
bloße Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor.« »Gut!« sagte Cethegus
nachdenklich. »Belisar würde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie
liegen irgendwo, – aber ich weiß nicht, wo – fürcht’ ich, im Hinterhalt,
mit Übermacht, Graf Totila führt sie.«

»Ich will ihn schon warnen!« sagte Cethegus langsam.

»Wenn es gelänge ..!« – »Sorge nicht, Königin! Mir liegt an Rom nicht
weniger denn dir. Und wenn der nächste Sturm fehlschlägt, – so müssen sie
die Belagerung aufgeben, so zähe sie sind. Und das, Königin, ist dein
Verdienst. Laß mich in dieser Nacht – vielleicht der letzten, da wir uns
treffen, – dir mein ganzes staunendes Herz enthüllen. Cethegus staunt
nicht leicht und nicht leicht gesteht er’s, wenn er staunen muß. Aber dich
– bewundere ich, Königin. Mit welch’ totverachtender Kühnheit, mit welch’
dämonischer List hast du alle Pläne der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel
that Belisar, – mehr that Cethegus, – das meiste: Mataswintha.«

»Sprächst du wahr!« sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. »Und wenn die
Krone diesem Frevler vom Haupte fällt ... – –«

»War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
Königin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen
Monaten – darfst du nicht als gefangene Gotenkönigin nach Byzanz. Diese
Schönheit, dieser Geist, diese Kraft muß herrschen – nicht dienen, in
Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestürzt ist – dein Tyrann, – willst du
nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?«

»Ich habe noch nie über seinen Fall hinaus gedacht,« sagte sie düster.

»Aber ich – für dich! Wahrlich, Mataswintha,« – und sein Auge ruhte mit
Bewunderung auf ihr, – »du bist – wunderschön. Ich rechn’ es mir zum
größten Stolz, daß selbst du mich nicht in Liebe entzündet und von meinen
Plänen abgebracht hast. Aber du bist zu schön, zu köstlich, nur der Rache
und dem Haß zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, – dann nach Byzanz!

Als mehr denn Kaiserin: – als Überwinderin der Kaiserin!«

»Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich
ertrüge den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um
kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt’ es nur, weil ich mußte. Die Rache
ist jetzt meine Liebe und mein Leben und« ... – –

Da scholl von der Fronte des Gebäudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
laut und schrillend der Ruf des Käuzchens, einmal – zweimal rasch nach
einander.

Wie staunte Perseus, als er den Präfekten eilig an die Kehle der Bildsäule
drücken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geräuschlos in zwei
Hälften auseinander schlug. Cethegus schlüpfte in die Öffnung: die Statue
klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf
die Stufen des Altars.

»Also war’s ein Zeichen! Es droht Gefahr:« dachte der Späher; »aber wo ist
die Gefahr? und wo der Warner?« Und er wandte sich, trat vor und sah nach
links, nach der Seite der Goten.

Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
Mauren Syphax, der vor der Eingangsthür des Hauptgebäudes in einer leeren
Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der
gotischen, Seite hin, gespäht hatte.

Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht.

Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
leise sein Schwert aus der Scheide zog.

»Ha,« lachte Perseus, »bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in
Rom, mit meinem Geheimnis.«

Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke des Vorhofs, durch
die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts
und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt
erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in
den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu töten.

Da plötzlich schrie er laut: »Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Römer!
rettet die Königin! dort rechts an der Mauer, ein Römer!«

Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. »Dort! rief dieser: »ich schütze die
Frauen in der Kirche!« Und er eilte in den Tempel.

»Steh, Römer!« rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.

Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lücke,
durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht
wieder hindurchzwängen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung
auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuß, sich jenseits hinabzulassen:
da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rücklings stürzte er nieder,
samt seinem erlauschten Geheimnis. –

Teja beugte sich über ihn: deutlich erkannte er die Züge des Toten. »Der
Archon Perseus,« sagte er, »der Bruder des Johannes.« Und sofort schritt
er die Stufen hinan, die zur Kirche führten. An der Schwelle trat ihm
Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne.
Einen Moment maßen sich beide schweigend mit mißtrauischen Blicken.

»Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum,« sagte endlich die
Fürstin. »Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.«

»Seltsam wählst _du_ Ort und Stunde für deine Gebete. Laß sehen, ob dieser
Römer der einzige Feind war.«

Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle.
Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in
der Hand. »Ich fand nichts als – diese Sandale am Altar, dicht vor dem
Apostel. Es ist ein Mannesfuß.«

»Eine Votivgabe von mir,« sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
Fuß, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.«

»Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?« – »Ich verehre, was da
hilft.« – »In welchem Fuße stak der Dorn.« Syphax schwankte einen
Augenblick. »Im rechten,« sagte er dann, rasch entschlossen.

»Schade,« sprach Teja, »die Sandale ist auf den linken geschnitten.« Und
er steckte sie in den Gürtel. »Ich warne dich, Königin, vor solcher
nächtlichen Andacht.«

»Ich werde thun, was meine Pflicht,« sagte Mataswintha herb.

»Und ich, was meine.« Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurück zum
Lager: schweigend folgte die Königin und ihre Sklaven.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.

»Was du sagst, ist kein Beweis,« sagte der König. – »Aber schwerer
Verdacht. Und du sagtest selbst, die Königin sei dir unheimlich.«

»Gerade deshalb hüt’ ich mich, nach bloßem Verdacht zu handeln. Ich
zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie
an Rauthgundis.« – »Wohl, aber diese nächtlichen Gänge?« – »Werd’ ich
verhindern. Schon um ihretwillen.«

»Und der Maure? Ich trau’ ihm nicht. Ich weiß, daß er tagelang abwesend:
dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Späher.«

»Ja, Freund,« lächelte Witichis. »Aber der meine. Er geht mit meinem
Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten
verraten.«

»Und noch keine hat genützt! Und die falsche Sandale?«

»Ist wirklich ein Votivopfer. Aber für Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Königin sich
langweilend, in einem Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten
allerlei Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten.
Aber später, den Zorn des Apostels fürchtend, wollt’ er ihn
beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus
seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen
und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ –. Du siehst, es trifft alles zu.
Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Flüchtenden verloren sein.
Und er versprach, als Beweis die dazu gehörige Sandale des rechten Fußes
zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all’
unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Hände liefern
soll.«



                             Zehntes Kapitel.


Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand
Cethegus, in frühester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor
Belisar und Johannes.

»Präfekt von Rom,« herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, »wo warst
du heute Nacht?«

»Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Thor Sankt Pauls.«

»Weißt du, daß in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer, Perseus
der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem
verschwunden ist?«

»Thut mir leid. Aber du weißt: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer
zu überschreiten.«

»Ich habe aber Grund zu glauben,« fuhr Johannes auf, »daß du recht gut
weißt, was aus meinem Bruder geworden, daß sein Blut an deinen Händen
klebt.« »Und beim Schlummer Justinians!« brauste Belisar auf, »das sollst
du büßen. Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und
Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so
gut wie vernichtet. Und laß sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das
Kapitol fällt.«

»Steht es so?« dachte Cethegus, »jetzt sieh dich vor, Belisarius.« Doch er
schwieg.

»Rede!« rief Johannes. »Wo hast du meinen Bruder ermordet?« Ehe Cethegus
antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwächter Belisars,
herein. »Herr,« sagte er, »draußen stehn sechs gotische Krieger. Sie
bringen die Leiche Perseus, des Archonten. König Witichis läßt dir sagen:
er sei heut’ Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er
sendet ihn zur ehrenden Bestattung.«

»Der Himmel selbst,« sprach Cethegus stolz hinausschreitend, »straft eure
Bosheit Lügen.« Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den
Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. »Du drohst,
Belisarius? Dank’ für den Wink! Laß sehn, ob wir dich nicht entbehren
können.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und
ihm raschen Bericht ablegte. »Vor allem, Herr,« schloß er nun, »laß also
deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist,
ist Syphax fern: – und gieb mir gütigst deinen rechten Schuh.«

»Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches
Lügen,« lachte der Präfekt. »Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert,
mein Panther. Womit willst du’s lösen?«

»Mit wichtiger Kunde. Ich weiß nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja,
Totila und Hildebad.«

»Jeder allein genug für den Magister Militum,« murmelte Cethegus
vergnüglich.

»Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle
gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, daß Belisar selbst
morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorräte
aufzutreiben.«

»Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen; er führt nur vierhundert Mann.«

»Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen. »Das verdient wirklich den Schuh!« sagte
Cethegus und warf ihm denselben zu.

»König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf
das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich
eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, daß er
drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.«

»Halt!« sagte Cethegus ruhig, »nicht so eilfertig! Du meldest nichts.«

»Wie?« fragte Syphax erstaunt. »Ungewarnt ist er verloren!« –

»Man muß dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer,
ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.«

»Ei,« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, »solches gefällt dir? Dann bin
ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme
Witwe Antonina!«

Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
Ostiarius: »Kallistratos von Korinth.«

»Immer willkommen.«

Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.

Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen: es war
ersichtlich, daß ihn ein besonderer Anlaß herführte.

»Was bringst du des Schönen noch außer dir selbst?« so fragte Cethegus in
griechischer Sprache.

Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: »Ein Herz voll Bewunderung
für dich: und den Wunsch, dir diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst,
wie die beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu dürfen.«

»Mein Kallistratos! was kümmern dich, unsern Friedensgast, den
liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen Händel mit den Barbaren?
Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der
Schönheit.«

»Ich weiß es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart – aber doch
leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle
Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heißt Rom und Rom
heißt mir Cethegus. So faß ich diesen Kampf und so gefaßt, siehst du, so
geht er wohl auch den Hellenen an.«

Erfreut lächelte der Präfekt. »Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt
Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites
Romani wie Licinius.«

»In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muß ich dir gestehn – denn
ich weiß: du liebst nicht überrascht zu sein. Oft hab’ ich gesehen, wie
teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist.
Neulich hab’ ich diese marmornen Wächter gezählt und
zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht’ ich denn das dritte Hundert
voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon
und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk.«

»Junger lieber Verschwender,« sprach Cethegus, »was hast du da gethan!«

»Das Gute und Schöne,« antwortete Kallistratos einfach.

»Aber bedenke – das Grabmal ist jetzt eine Schanze: –

»Wenn die Goten stürmen –« – »Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
innern Mauer. Und soll ich fürchten, daß je Barbaren wieder den
Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer
als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster
Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glücklich Omen.«

»Das soll es sein,« rief Cethegus lebhaft, »und ich glaube selber: dein
Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen« –

»Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. Chaire!« lachte der
Grieche und war hinaus.

»Der Knabe hat mich sehr lieb,« sagte Cethegus, ihm nachsehend. »Und mir
geht’s wie andern Menschenthoren: – mir thut das wohl. Und nicht bloß,
weil ich ihn dadurch beherrsche.«

Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun
der Milites ward gemeldet.

Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine Jahre hinaus ernsten
Zügen. In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im
rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen
Auge lag römische Kraft und – in dieser Stunde – entschlossener Ernst und
rücksichtsloser Wille.

»Siehe da, Severinus, des Boëthius Sohn, willkommen mein junger Held und
Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen – woher kommst du?«

»Vom Grabe meiner Mutter,« sagte Severinus mit festem Blick auf den
Frager.

Cethegus sprang auf. »Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines
Boëthius Weib!«

»Sie ist tot,« sagte der Sohn kurz. Der Präfekt wollte seine Hand fassen.
Severinus entzog sie.

»Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie – ohne ein Wort für mich?«

»Ich bringe dir ihr letztes Wort – es galt dir!«

»Wie starb sie? an welchem Leiden?« – »An Schmerz und Reue.« – »Schmerz –«
seufzte Cethegus, »das begreif’ ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir
galt ihr letztes Wort! – sag’ an, wie lautet es?«

Da trat Severinus hart an den Präfekten, daß er sein Knie berührte und
blickte ihm bohrend ins Auge. »Fluch, Fluch über Cethegus, der meine Seele
vergiftet und mein Kind.«

Ruhig sah ihn Cethegus an. »Starb sie im Irrsinn?« fragte er kalt.

»Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, daß ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den Hergang.
Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie. »Spät erst
erfuhr ich,« schloß sie, »daß mein Kind aus dem tödlichen Becher
getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie
trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch
in dem Platanengang.« Da rief der alte Corbulo erbleichend: »Wie? der
Präfekt wußte, daß der Becher Gift enthielt?« – »Gewiß,« antwortete meine
Mutter. »Als ich ihn im Garten traf, sagt’ ich es ihm: »es ist
geschehen.«« Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz: »Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er
stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank.« – »Er sah zu,
wie sie trank?« fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein
Leben gellen wird.

»Er sah zu, wie sie trank!« wiederholten der Freigelassene und sein Kind.
»O so sei den untern Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott,
in der Hölle, Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über
Cethegus!« Und sie fiel zurück und war tot.«

Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika. »Du aber« – fragte er nach einer Pause –
»was thatest du?«

»Ich aber kniete nieder an der Leiche und küßte ihre kalte Hand und schwor
ihr’s zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Präfekt von Rom:
Giftmischer, Mörder meiner Schwester – du sollst nicht leben.«

»Sohn des Boëthius, willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines
läppischen Sklaven und seiner Dirne? Würdig des Helden und des
Philosophen!«

»Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren:
– er dünkt mir heute sehr vortrefflich! – rief’ ich dich zum Zweikampf, du
verhaßter Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege
des Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange
Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. – Erst heute
habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb’ ich die Klage
bei den Senatoren, die deine Richter sind – dort finden wir uns wieder.«

Cethegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Thüre.

Aber Severinus rief: »Gemach, man sieht sich vor bei Mördern. Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet: – Sie werden mich mit den Liktoren
suchen, komm’ ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.«

»Ich wollte dich nur,« sagte Cethegus wieder ganz ruhig, »vor dem Wege der
Schande warnen. Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der
Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen,
– thu’s: ich kann’s nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist
mein Ankläger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst
gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt.«

»Ich werde gehorchen.«

»Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
muß die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: –
ich muß ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, – ich befehl’ es, – den
Feldherrn begleiten und sein Leben decken.«

»Mit meinem eignen.«

»Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.«

»Bau’ du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat.
Nach beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: – – vor dem
Senat.«

»Auf Nimmerwiedersehn,« sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
»Syphax,« rief er laut, »bringe Wein und das Hauptmahl. Wir müssen uns
stärken: – auf morgen.«



                             Elftes Kapitel.


Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten
geschäftige Bewegung.

Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: – – aber
nicht alles. Sie hatten von dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar
erfahren und den früheren Plan eines bloßen Scheinangriffs gegen das Sankt
Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber
nicht hatten sie erfahren, daß der König, in Änderung jenes Planes eines
bloßen Scheinangriffs, für diesen Tag der Abwesenheit des großen Feldherrn
einen in tiefstes Geheimnis gehüllten Beschluß gefaßt hatte: es sollte ein
letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem
Genius Belisars und den Mauern des Präfekten überlegen sei. Man hatte sich
im Kriegsrat des Königs nicht über die Wichtigkeit des Unternehmens
getäuscht: wenn es wie alle früheren, vereinzelten Angriffe –
achtundsechzig Schlachten, Ausfälle, Stürme und Gefechte hatte Prokop
während der Belagerung bis dahin aufgezählt – scheiterte, so war von dem
ermüdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu
erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, über
den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.

Daher hatte auch Mataswintha nichts vom König erfahren, und selbst ihres
Mauren Spürnase konnte nur wittern, daß auf jenen Tag etwas Großes
gerüstet werde; – die gotischen Krieger wußten selbst nicht was.

Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geräuschlos aufgebrochen und hatten sich südlich von der valerischen
Straße bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hügelfalte Belisar
vorbeikommen mußte, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe
bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom
teilnehmen zu können.

Während der König mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen
innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil
seiner Leibwächter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und
Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug
sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten
hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge für den
»belisarischen Teil« von Rom übertragen, besetzte alle Posten längs der
Mauern doppelt, und ließ die Truppen hart an den Wällen unter den Waffen
bleiben. Er übersandte den gleichen Befehl dem Präfekten für die
Byzantiner, die dieser führte.

Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem paulinischen und dem
appischen Thor. »Belisar meint also:« höhnte Cethegus, während er
gehorchte, »mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behütet: ich aber
meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm,
Lucius Licinius,« flüsterte er diesem zu, »wir müssen an den Fall denken,
daß Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muß
ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.«

»Ich kenne die Hand.«

»Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom
belassenen Leibwächtern: in den Thermen des Diokletian oder am
tiburtinischen Thore. Sie müssen dort in ihrem Lager erdrückt sein, ehe
sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile
sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem
das tiburtinische Thor.« – »Von wo aber soll ich sie fortziehen?« – »Von
dem Grabmal Hadrians,« sagte Cethegus nach einigem Besinnen. »Und die
Goten, Feldherr?« – »Bah! das Grabmal ist fest, es schützt sich selbst.
Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über den Fluß: und dann diese
eisglatten Wände von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
Freude. Und zudem,« lächelte er, »sieh’ nur hinauf: da oben steht ein Heer
von marmornen Göttern und Heroen: sie mögen selber ihren Tempel schirmen
gegen die Barbaren. Siehst du, – ich sagte es ja – es geht nur hier gegen
das Sankt Pauls-Thor,« schloß er, auf das Lager der Goten deutend, aus
welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.

Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die
Hälfte der Deckung, ab: von dem Grabmal über den Fluß und den Viminalis
hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen
Thor löste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab.

Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus
als Vertreter Belisars hielt. »Ich muß ihn aus dem Wege haben,« dachte er,
»wenn die Nachricht eintrifft.« – »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen,«
sprach er ihn an, »wirst du doch wohl einen Ausfall machen müssen? Welche
Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, während der Feldherr fern ist!« –
»Jawohl,« rief Constantinus, »sie sollen’s erfahren, daß wir sie auch ohne
Belisarius schlagen können.«

»Ihr müßt aber ruhiger zielen,« sagte Cethegus, einem persischen Schützen
den Bogen abnehmend. »Seht den Goten dort, den Führer zu Pferd! Er soll
fallen.« Cethegus schoß; der Gote fiel vom Roß, durch den Hals geschossen.
»Und meine Wallbogen, – ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche?
ein Tausendführer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!« Und er
richtete den Wallbogen, zielte und schoß: durchbohrt war der gepanzerte
Gote an den Baum genagelt.

Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: »Archon,« redete er
Constantinus an, »Bessas läßt dich bitten, Verstärkungen an das Vivarium,
das pränestinische Thor: die Goten rücken an.«

Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. »Possen:« sagte dieser, »der
einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut
gehütet: ich weiß es gewiß: laß Bessas sagen: er fürchte sich zu früh.
Übrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Löwen, zehn Tiger und zwölf
Bären für mein nächstes Cirkusfest! Laßt sie einstweilen los auf die
Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel für die Römer dann!«

Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius herab: »Zu Hilfe, Herr,
zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzählige
Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!«

»Auch dort?« fragte sich Cethegus ungläubig.

»Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor!« rief ein zweiter Bote des Ursicinus.

»Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wißt, sie steht unter
Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!« sprach beruhigend
Constantinus. Cethegus lächelte: »Ja, heute gewiß: denn sie wird gar nicht
angegriffen.«

Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. »Präfekt, rasch aufs Kapitol, von
wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich
aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore
Roms.«

»Schwerlich!« lächelte Cethegus. »Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus
Licinius, stehst mir ein für das tiburtiner Thor. Mein muß es sein, nicht
Belisars! Fort mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dorthin!«

Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu, um den Fuß des
Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. »Feldherr,«
sprach ihn dieser an, »es wird Ernst da draußen. Sehr Ernst! Was ist’s mit
den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?«

»Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cethegus streng. »Lucius, du folgst
mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling
Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.«

Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein
in diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte. «Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres
bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.«

Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
Ebene überschauen konnte. Sie war erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein
herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht
des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend. Der
Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und
war nach Einem Gedanken entworfen.

Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschützen und Schleuderer, in leichten Plänklerschwärmen, die Zinnen
und Brustwehren von Verteidigern zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke,
Widder, Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen
Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und
Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur
mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der
Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum
eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller
Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern gerüstet, und
lange, schwere Sturmleitern schleppend. In großer Ordnung und Ruhe rückten
diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen Schrittes vor: die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenräumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hörner.

»Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cethegus in kriegerischer Freude.
Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg.« »Wer ist es
wohl?« fragte Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius
hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cethegus. – »Das hätte
ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zügen nie zugetraut.« – »Diese
Barbaren haben manches Unergründliche.«

Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluß, nach der Umwallung am
pankratischen Thor, wo der nächste Angriff zu drohen schien, und bestieg
mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.

»Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus
vergessen in der Gigantenschlacht,« forschte der Grieche.

»Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rückt gegen das
pankratische Thor,« antwortete der Präfekt.

»Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis.« – »Das ist Herzog Guntharis,
der Wölsung,« sprach Lucius Licinius. »Und sieh, auch drüben auf der
Ostseite der Stadt, überm Fluß, so weit man schauen kann, gegen alle
Thore, rücken Sturmreihen der Barbaren,« sagte Piso.

»Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos.

»Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hält er,
oberhalb des pankratischen Thors,« erwiderte der Präfekt. »Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück,
hinter der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. »Sollte er
nicht mit kämpfen?« meinte Massurius. »Wäre gegen seine Weise. Aber laß
uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloß Cethegus.
»Hildebrand hat den Graben erreicht.« – »Dort stehen meine Byzantiner,
unter Gregor. Die Gotenschützen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen
Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jäger und von
den römischen Legionaren die besten Pfeilschützen dorthin: sie sollen auf
die Rinder und Rosse der Sturmböcke zielen.«

Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruß bemerkte
Cethegus, daß die Goten überall Fortschritte machten. Die Byzantiner
schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen
von den Wällen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung
vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben überschritten
und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei
dem portuensischen Thore, während der alte Waffenmeister einen starken
Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die
Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten
Stöße laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken des
pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten,
der eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, »machen sie
jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.«

Und wieder ein dröhnender Stoß. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend
an. »Das darf nicht lange währen!« rief Cethegus zürnend, entriß dem
nächsten Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem
Thore: »Hierher, ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief er,
»schafft schwere Steine bei. Wo ist der nächste Ballist? Wo die
Skorpionen? das Schirmdach muß entzwei.«

Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, die eifrig durch die
Schießscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst,
Haduswinth,« schalt der junge Gunthamund, »zum drittenmal leg’ ich
vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« –
»Geduld,« sagte der Alte, »halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon
einer, den der Fürwitz plagt. Auch mir leg’ einen Bogen bereit. Nur
Geduld.« – »Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig
Jahren.«

Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
in die Ebene: da sah er den König, in der weiten Ferne, unbeweglich, im
Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das
störte und beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, daß
der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus,« rief er dem jungen Schützen
zu, der ihm kühn gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick’ mit
mir über die Zinne hier – was treibt der König dort?« Und er beugte sich
über die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spähend, seinem Beispiel.

»Jetzt, Gunthamund!« rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
beiden Späher fuhren zurück.

Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Präfekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand
über die Stirn.

»Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend.

»Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Götter brauchen mich noch:
nur die Haut ist geritzt,« sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.



                            Zwölftes Kapitel.


Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr
verboten, sich am Kampf zu beteiligen: »die Barbaren sollen dich mir nicht
töten und auch dich nicht erkennen: – du bist unersetzlich als Sklave
Mataswinthens und Kundschafter des Königs Witichis,« hatte Cethegus
gesagt.

»Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, daß es seinem Herrn auffiel, der des
Mauren kluge Ruhe kannte, »welch’ ein Unglück!« – »Was ist geschehen?« –
»Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus dem
salarischen Thor und stieß sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall.
Dort fing ich den Sinkenden auf: – er ernannte den Präfekten zu seinem
Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.«

»Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax’ Ferse folgte. Er
hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben
recht, die Nachricht zu hören. »Oder er war schon sinnlos als er’s that.«

»Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cethegus, ruhig das Scepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges
dankend. Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und
eilte davon. »Folg’ ihm, Syphax, und beacht’ ihn wohl,« flüsterte der
Präfekt.

Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, Präfekt, ans
portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt.« Da
sprengte Cabao, der Führer der maurischen berittnen Schützen heran:
»Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus.«

»Belisar vertret’ ich,« sprach Cethegus stolz: »fünfhundert Armenier
ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor.«

»Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen!« meldete ein persischer Reiter, »die Vorschanze ist halb
verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmöglich
wär’s, sie wieder zu nehmen!«

Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt
seinem Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: »_beati possidentes_«! – Nimm
hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe
kommt.« –

Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Füßen tobte das
Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die
rätselhafte Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand.
»Was hat er nur vor?«

Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß und lauter Siegesjubel
der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er
unten. –

»Das Thor ist eingestoßen!« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen.
»Ich weiß es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms.« Und den Schild
fester andrückend, trat er hart an den rechten Thorflügel, in dem in der
That ein breiter Riß klaffte; und schon stieß der Widder an die
splitternden Platten neben der Öffnung. »Noch ein solcher Stoß und das
Thor liegt ganz,« sagte Gregor, der Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es
nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch,
Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! zum Ausfall! Winke ich,
so öffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den
Graben.«

»Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, entzückt neben
ihn springend.

»Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!«

Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Präfekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben –: da erscholl vom Rücken her ein Lärm,
größer selbst als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und
Pferdegetrappel: – und Bessas drängte sich heran: er faßte den Arm des
Präfekten: – seine Stimme versagte.

»Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief dieser und stieß ihn
zurück. – »Belisars Truppen,« stammelte entsetzt der Thraker, »stehen
schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: – sie flehen um Einlaß: –
wütende Goten hinter ihnen – Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: –
er ist tot.«

»Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Thor, atemlos
heraneilend. »Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem
nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!« scholl’s aus der Tiefe
der Straße. »Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!«
»Laß das tiburtinische Thor öffnen, Präfekt!« drängte Bessas, »deine
Isaurier stehen plötzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?«

»Ich!« sagte Cethegus, überlegend.

»Sie woll’n nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine – Belisars!
– Leiche!«

Cethegus zauderte – er hielt das Schwert halb erhoben – er schwankte. »Die
_Leiche_,« dachte er, »rett’ ich gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er
lebt noch!« rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab ihn gesehen von der
Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen
Reiter brausen heran: – Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!«

»Gieb Befehl, laß das tiburtiner Thor öffnen!« mahnte Bessas. Aber des
Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer,
kühner Entschlossenheit, der es mit dämonischer Schönheit verklären
konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertrümmerten Thorflügel vor
sich: »Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!« Das
Thor flog auf.

Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten alles eher erwartet
als dies Wagnis der, wie sie wähnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren
ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden völlig überrascht
und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter
ihnen klaffenden Graben geworfen.

Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.

Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit
seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber
gleichzeitig fast stieß ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel
in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine,
die krachend auf den Alten stürzte.

»Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« befahl Cethegus.
Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die
siegreichen Römer zurück in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten
entgegen: »Gewalt, Herr, Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner gehorchen
dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu
öffnen. Seine Leibwächter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine
Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.«

»Das büßen sie!« rief Cethegus grimmig. »Wehe Bessas! Ich will’s ihm
gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein,
nimm sie alle! alle! du weißt wo sie stehn: fasse die Leibwächter des
Thrakers von Porta Clausa her im Rücken. Und stehn sie nicht ab, – so hau’
sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!«

Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische Thor?« – »Bleibt
geschlossen.« – »Und Belisar?«

»Bleibt draußen.« – »Teja und Totila sind schon heran.« – »Desto weniger
kann man öffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!«

Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen.
Das währte sehr geraume Zeit. »Wie ging es, Syphax?« fragte er leise.
»Lebt er wirklich?« – »Er lebt noch.« – »Tölpel, diese Goten!«

Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun läßt melden: Bessas giebt nicht
nach: – schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen.
Und Asgares und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem
Ernst.« »Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!« rief Cethegus, warf sich
aufs Pferd, verließ diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind
davon.

Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
über das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die
Thermen des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich durch
das esquilinische Thor an das tiburtinische Außenthor: – ein Weg vom
äußersten Westen an den äußersten Osten der weitgestreckten Stadt.

Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und
Isaurier des Präfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu
überwältigen und das Thor mit Gewalt zu öffnen, während die zweite Fronte
mit gefällten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenüberstand, die
Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.

»Söldner,« rief Cethegus, das schnaubende Roß dicht vor deren Linie
anhaltend, »wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?« »Dir, Herr,«
sprach Asgares, ein Anführer, vortretend, »aber ich dachte« – Da blitzte
das Schwert des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der Mann. »Zu
gehorchen habt ihr, eidbrüchige Schurken, nicht zu denken!«

Entsetzt standen die Söldner. Aber Cethegus befahl ruhig: »Die Speere
gefällt! zum Angriff! mir nach!« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun,
– ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.

Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her
ein furchtbares, alles übertäubendes Geschrei: »Wehe, Wehe, alles
verloren! Die Goten über uns! Die Stadt ist genommen!«

Cethegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte Kallistratos heran,
Blut floß ihm über Gesicht und Hals. »Cethegus,« rief er, »es ist aus! Die
Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen.« »Wo?« fragte der Präfekt
tonlos. »Am Grabmal Hadrians!« – »O mein Feldherr!« rief Lucius Licinius,
»ich habe dich gewarnt.«

»Das war Witichis!« sagte Cethegus, die Augen zusammendrückend.

»Woher weißt du das!« staunte Kallistratos. »Genug, ich weiß es.« Es war
ein furchtbarer Augenblick für den Präfekten.

Er mußte sich sagen, daß er, rücksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte. Er biß die
Zähne in die Unterlippe.

»Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblößt! Cethegus hat Rom ins
Verderben gestürzt!« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter.

»Und Cethegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch im Sattel
ausrichtend. »Mir nach, alle Isaurier und Legionare.« »Und Belisar?«
flüsterte Syphax. – »Laßt ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt
mir!« Und im Sturmflug sprengte er zurück, des Weges, den er gekommen. Nur
wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fußvolk, Isaurier
und Legionare, nach.



                           Dreizehntes Kapitel.


Draußen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein
Bote hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen.
Sie sollten hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt
und über den Fluß eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man
soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kräfte. Die
Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles
zusammendrängte: aber ihr eigenes Fußvolk, stürmend an den
zwischenliegenden fünf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria,
pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, daß sie zu der
Entscheidung zu spät kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.

Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten: dem
vatikanischen Hügel gegenüber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen
Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, außer
im Süden, wo der Fluß decken sollte, durch neue Wälle geschützt, ragte die
»_moles Hadriani_«, ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art
Hofraum umgab das eigentliche Gebäude: vor der ersten, äußeren
Deckungsmauer im Süden floß der Tiber. Auf den Zinnen dieser Außenmauer,
in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die
Isaurier, die der Präfekt zu übler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan
gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen
die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das
Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte.

Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des großen
Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten
Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem
pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor,
wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurückgenommene,
abwartende Stellung gewählt. Er baute seinen Plan darauf, daß der
allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kräfte der Belagerten
werde zersplittern müssen: und sowie an irgend einem Punkt durch
Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde, gedachte er, sie
sofort zu benützen.

In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen. Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig
herbeizurufen, wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige.

Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt, die müßig stehen sollten, während die
Genossen überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie
auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.

Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
Zinnen der Außenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen
und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er
hin: sie wurden nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da sprang er aus
dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den
stolzen Bug, sprach: »Nach Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief
geradeaus in das Lager zurück. »Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts,
Graf Markja!« rief der König, »dort über den Fluß – die Mauerbrecher laßt
hier zurück: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die
Beile. Voran!« Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der
südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab.

»Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein Gote hinter ihm.

»Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König sprang in die gelbe
schmutzige Flut, daß sie zischend hoch über seinem Helmbusch
zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die
vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen
Außenmauer des Grabmals und die Männer blickten fragend, besorgt hinauf.
»Leitern her!« rief Witichis, »seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja!
Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen?« Rasch waren die Leitern angelegt,
rasch die Außenwälle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestürzt, die
Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Außenmauer in den Hof
hinabgelassen.

Der König war der erste in dem Hofraum.

Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt,
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar
Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und
Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch
ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, um
Hilfe zu Cethegus!« rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog
davon.

Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. »Was thun?«
fragte Markja an seiner Seite. »Warten, bis sie sich verschossen haben,«
sagte dieser ruhig. »Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und
schießen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr
Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus.« – »Aber die Ballisten,
die Katapulten –« – »Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum
Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spärlich. So, nun die Leitern bereit und
die Beile. – Jetzt, rasch mir nach.« Und in schnellem Anlauf rannten die
Goten über den Hof.

Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der
zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber
waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum
Schuß in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne große Mühe und lange
Zeit zu senkrechtem Schuß gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und
erbleichte. »Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!« – »Alle
verschossen,« keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.

»Dann ist’s vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm totmüde senkend. »Komm,
Massurius, laß uns fliehn,« mahnte Balbus. »Nein, laßt uns hier sterben,«
rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der
Mauer.

Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: »Cethegus!
Cethegus der Präfekt!«

Und er war’s; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der
eben die Hand auf die Brustwehr stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand
samt dem Arme ab. – Der Mann schrie und stürzte.

»O Cethegus,« sagte Piso, »du kommst zu rechter Zeit!« – »Ich hoffe es,«
sprach dieser und stieß die Leiter um, die vor ihm angelegt stand.
Witichis war darauf gestanden, – behend sprang er hinab. »Aber jetzt
Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts,« rief Cethegus.
»Kein Geschoß mehr weit und breit,« antwortete Balbus. »Du kommst, hofften
wir, mit deinen Isauriern?« »Die sind noch weit, weit hinter mir!« rief
Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien.

Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und
es wuchs die dringendste Gefahr.

Wild blickte Cethegus um sich. »Geschosse,« rief er mit dem Fuße
stampfend, »es müssen Geschosse herbei!« Da fiel sein Auge auf die riesige
Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne
stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu
und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem
Donnerkeil in ihrer Faust herab. »Zeus,« rief er, »leih mir deinen Blitz!
– Was hältst du ihn so müßig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert
sie den Feinden auf die Köpfe.« Und rascher, als er dies gesagt, ward sein
Beispiel befolgt. Mit Äxten und Beilen fielen die geängstigten Verteidiger
über die Götter und Heroen her und im Augenblick waren all’ die herrlichen
Gestalten zertrümmert.

Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
Reiterstatue, Roß und Reiter mitten auseinander: da stürzte eine lächelnde
Aphrodite in die Knie: da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom
Rumpfe und sauste, von zwei Händen geschleudert, auf einen gotischen
Büffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und
Trümmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und dröhnend
schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab
und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der
stürmenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen.

Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstörung, das
sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwölf, fünfzehn, zwanzig
Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Männern, die sie
kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuß
der Mauer: überrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen
die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas
zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder.

»Unseliger, was hast du gethan?« jammerte Kallistratos und starrte auf die
Trümmer.

»Das Notwendige!« antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus
dem Erretter über den Wall. »Siehst du, wie das traf? – zwei Barbaren auf
Einen Schlag« – und zufrieden blickte er hinab.

Da hörte er den Korinther rufen: »Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
Apoll!«

Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil
gegen das Haupt des Latoniden schwang. »Narr, sollen die Goten herauf?«
fragte der Barbar und holte wieder aus.

»Nicht meinen Apollon!« wiederholte der Hellene und umschlang den Gott
schützend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.

Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle
die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog
und traf den Griechen mitten in die Brust. »Ach – Cethegus!« seufzte er
und starb. Der Präfekt sah ihn fallen und preßte die Brauen zusammen.
»Rettet die Leiche und seine beiden Götter verschont!« sprach er kurz –
und stieß die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht
sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste
Gefahr.

Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
Metalltrümmer nach neuen Mitteln spähend. Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Götter und
Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Während
er sann und spähte, schlug das schwere Marmorfußgestell eines Mars
gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf
dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von
härtestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbröckelnd in kleine Stücke
von Mörtel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale
Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den
Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an
dem großen Gebäude arbeiteten und nachbesserten.

Kaum ersah Witichis die Holzthür, als er jubelnd ausrief: »Hierher,
hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!« Und schon schlug seine eigne
Streitaxt donnernd an die dünnen Bretter, die nichts weniger als stark
schienen.

Verhängnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Präfekten Ohr! er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte. »Das ist Eisen gegen Holz! Bei
Cäsar!« sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab,
die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Öl-Lampen
beleuchteten Innenraum des Grabmals führte.

Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren, ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie
Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend
nach innen in den Hof und König Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.

»Mein ist Rom!« jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus
der Scheide ziehend. »Du lügst, Witichis! zum erstenmal im Leben!« rief
Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel
stoßend gegen des Goten Brust, daß dieser überrascht einen Schritt
zurücktrat.

Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle, die ganze enge Pforte füllend. »Wo bleiben die Isaurier!« rief
er.

Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
erkannte. »So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom.« Und nun war das
Anspringen an ihm. Cethegus, bemüht die ganze Öffnung der Pforte zu
verschließen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem
kurzen Römerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken.
Der Stoß des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug
von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend,
tief in seine rechte Brust.

Der Präfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er
fiel nicht. »Rom! Rom!« sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch
aufrecht.

Witichis war einen Schritt zurückgetreten, um in neuem Ansprung dem
gefährlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte
ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden
Faun, der bereits mit abgehauenen Füßen auf dem Walle lag, auf den König
herab; er traf die Schulter und Witichis stürzte nieder. Graf Markja,
Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht.

Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen; schützende Arme eines Freundes fingen ihn auf: – aber er
erkannte diesen nicht mehr: sein Bewußtsein schwand.

Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
entzückte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner
Isaurier, die jetzt – endlich – im Sturmschritt eintrafen und, von den
Liciniern geführt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres
Königs erschütterten Goten stürzten. Sie drängten sie siegreich zu einer
(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen)
Bresche der ersten Mauer unter großem Blutvergießen hinaus.

Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten: – da schlossen sich
abermals seine Augen. »Cethegus!« rief der Freund, der ihn im Arme hielt,
»Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?« Cethegus erkannte
jetzt die Stimme Prokops. »Ich weiß nicht,« sprach er mit letzter Kraft,
»aber Rom, – Rom ist gerettet!« Und damit vergingen ihm die Sinne.



                           Vierzehntes Kapitel.


Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner
Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst
beendet war, trat bei Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung
ein. Die drei Führer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an
ihren Wunden danieder.

Aber noch mehr wurde die thatsächliche Waffenruhe veranlaßt durch die
tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen
befallen hatten, nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in
dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.

Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Pläne, der gegen Belisar und
der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch
König Witichis in seinem steten Mute die Gedrücktheit des Heeres nicht
teilte, so erkannte er dafür desto klarer, daß er seit jenem blutigen Tage
das ganze System der Belagerung ändern mußte.

Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schätzt ihn auf dreißigtausend
Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen
Umkreis der Stadt mit äußerster Todesverachtung den Geschossen der
Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal
Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen.

Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten die Angreifenden
immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger
gelitten hatten, so war das große Heer, das Witichis vor Monden gegen die
ewige Stadt geführt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, daß schon
seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wüteten. Bei dieser
Entmutigung und Abnahme seiner Truppen mußte Witichis den Gedanken, die
Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung – er
verhehlte sich ihre Schwäche nicht – bestand in der Möglichkeit, der
Mangel werde den Feind zur Übergabe zwingen. Die Gegend um Rom war völlig
ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die
Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus der Ferne würde
Vorräte verschaffen können. Schwer fehlte den Goten die an der Küste von
Dalmatien beschäftigte Flotte. –

Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Präfekt.

Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewußtlos
weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf,
halb Ohnmacht war.

Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren, der am Fußende des Lagers auf der Erde
kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm
gerollt.

»Die Holzpforte!« war des Präfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
»die Holzpforte muß fort – ersetzt durch Marmorquadern .. –«

»Danke, danke dir, Schlangengott!« jubelte der Sklave, »jetzt ist der Mann
gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet.« Und
er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und küßte das Lagergestell seines
Herrn. – Er wagte nicht, dessen Füße zu berühren. »Du mich gerettet? –
Wodurch?«

»Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: »Du siehst,
starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, daß er sie wieder
aufschlägt. Bis du geholfen, erhältst du keine Krume Brot und keinen
Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlägt – an dem
Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o großer
Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne.« So
sprach ich, und er hat geholfen.«

»Die Stadt ist sicher – das fühl’ ich, sonst hätte ich nicht entschlafen
können. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?«

»In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... –« – »Tod? Diesmal hat
dein Gott noch geholfen, Syphax. Laß die Tribunen ein.«

Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor
ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. »Rom
dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie – wie Römer. Mehr,
Stolzeres kann ich euch nicht sagen.« Und er übersah wie nachsinnend die
Reihe, dann sagte er: »Einer fehlt mir – ah mein Korinther! Die Leiche ist
gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt
ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die
Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo über die Aschenurne und
schreibt darauf: »Kallistratos von Korinth ist hier für Rom gestorben; er
hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet.« Jetzt geht, bald sehen wir uns
wieder – auf den Wällen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen
großen Becher Falernerwein.« »Freund,« rief er dem eintretenden Prokopius
entgegen, »mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch flüstern hören:
»Prokop hat den großen Belisar gerettet.« Ein unsterblich Verdienst! Die
ganze Nachwelt wird dir’s danken – so brauch’ ich’s nicht zu thun. Setze
dich hierher und erzähle mir das Ganze ... – Aber halt: erst schiebe die
Kissen zurecht, daß ich meinen Cäsar wieder sehen kann. Sein Anblick
stärkt mehr als Arzneien. Nun sprich.«

Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.

»Cethegus,« sagte er dann, ernsten Tones, »Belisar weiß alles.« »Alles?«
lächelte der Präfekt, »das ist viel.« – »Laß den Spott und versage
Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist.« – »Ich?
Nicht daß ich wüßte.« – »Sowie er zum Bewußtsein kam, hat ihm Bessas
natürlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzählt, wie du
befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor
lag, den wütigen Teja auf den Fersen: daß du befohlen, seine Leibwächter
niederzuhauen, die mit Gewalt öffnen wollten: jedes Wort von dir hat er
berichtet, auch deinen Ausruf: »Erst Rom, dann Belisar«: und hat deinen
Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach:
»er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Rüstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank.« Und in dem Bericht
an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: »Cethegus hat Rom gerettet
und nur Cethegus! Schick’ ihm den Patriciat von Byzanz!««

»Ich danke: ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet.« – »Das brauchst du
mir nicht erst zu sagen, unattischer Römer.«

»Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?«

»Still. Er weiß nichts davon. Und soll es nie erfahren.«

»Syphax, Wein. – Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
schwach. Nun, wie war der Reiterspaß?«

»Freund, das war kein Spaß. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.«

»Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
Tölpel sind sie samt und sonders.«

»Du sprichst, als wär’ es dir sehr leid, daß Belisar nicht umgekommen.«

»Recht wär ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.«

»Höre,« sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, »du hast dir ein Recht
erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Früher, wenn du des
Mannes Heldentum herabzogst ...« – »Dachtest du, ich spräche aus Neid
gegen den tapfern Belisar! Hört es, ihr unsterblichen Götter.«

»Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ...« –

»Laß mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muß
man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur
die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist
meine Weisheit, und nenn’ es meine Feigheit, wenn du willst. Also – euer
Überfall – mach’s kurz! Wie ging’s?«

»Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, – alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futter holen – da wandten wir die Rosse allmählich
wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir
aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes
und ich an seiner Seite. Plötzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_
ins Freie kommen, jagen aus den Gehölzen zu beiden Seiten der valerischen
Straße von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, daß sie
uns stark überlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch
auf der Straße nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: »Viele sind es,
doch nicht allzuviele,« und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre
Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir übel an: die Goten ritten besser
und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Führer,
Totila und Hildebad – jenen erkannte ich an den langflatternden gelben
Haaren und diesen an der ungeschlachten Größe – hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst. »Wo ist Belisar und sein Mut?« schrie der lange
Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen.

»Hier!« antwortete dieser unverzüglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
hielt er schon dem Riesen gegenüber. Der war nicht faul und hieb ihm mit
seinem wuchtigen Beil auf den Helm, daß der goldene Kamm mit dem weißen
Roßhaarbüschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf
den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem
tödlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boëthius Sohn,
heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des
Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln
Jünglings. Er stürzte« – Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken.

»Tot?« fragte Cethegus ruhig.

»Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
dem Gefecht. Doch starb er schon, so hört’ ich, eh’ er das Dorf
erreichte.«

»Ein schöner Tod!« sagte Cethegus. »Syphax, einen neuen Becher Wein!«

»Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stieß nun in großem
Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines
Harnisches, daß er der Länge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf,
aber der junge Totila« –

»Nun?«

»Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwächter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannerträger, wollte ihn
decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riß ihm die
Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem nächsten Goten zu. Laut
auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge
Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh’ er
sich’s versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und
sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und
niederwarf. »Gieb dich gefangen, Belisar!« rief Totila.

Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu
schütteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte
ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der
fünfzig Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getümmel
flüchtend nach der Stadt hin brachte.« – »Und du?«

»Ich focht zu Fuß weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut
eintraf, – die Vorräte in der Mitte hatten wir preisgegeben – das Gefecht
gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die
zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der
schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Flügel, der ihm zunächst
stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete
Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab
das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Roß und eilte dem Feldherrn nach.
Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns
wütend nach. An der fulvischen Brücke holte er die Bedeckung ein; Johannes
und ich hatten mehr als die Hälfte der noch übrigen Leibwächter an der
Brücke aufgestellt, den Übergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern
Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
dreißig, zuletzt auch die beiden treuen Führer, von dem Schwerte des Teja
allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern:
darunter viele meiner nächsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene,
Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha
und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der
Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber
ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Brücke unser hier
zurückgelassenes Fußvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang
beschäftigte, bis das tiburtinische Thor sich, – spät genug! – dem wunden
Feldherrn öffnete. Dann eilt’ ich, als wir ihn auf einer Sänfte Antoninens
Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hieß, die Stadt
genommen sei und fand dich dem Tode nah.«

»Und was hat jetzt Belisar beschlossen?«

»Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewährt, den sie
verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten.«

Cethegus fuhr auf von den Kissen. »Er hätte ihn verweigern sollen! Keine
unnütze Verzögerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen
Stiere; nun haben sie sich die Hörner stumpf gestürmt: jetzt sind sie müd
und mürbe.

Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
Die Hitze draußen in der glühenden Ebene werden ihre großen Leiber
schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. –
Denn der Germane muß saufen, wenn er nicht schnarcht oder prügelt. Nun
braucht man nur ihren vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern.
Sage Belisar meinen Gruß: und mein Dank für sein Schwert sei mein Rat: Er
solle noch heute den gefürchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das
Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Straße ist frei und wird
wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen
hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren
Rom. Sowie aber der König Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht
sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer
hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein.« »Cethegus,« sprach Prokop aufspringend, »du
bist ein großer Feldherr.« – »Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und grüße
mir den großen Sieger Belisar.«



                           Fünfzehntes Kapitel.


An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder
auf den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare
und Isaurier mit lautem Zuruf begrüßten. Sein erster Gang war zu dem
Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen
Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Während er von hier aus die
Verstärkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben
von Mataswintha.

Es lautete lakonisch genug: »Mach’ bald ein Ende. Nicht länger kann ich
den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Männern meines Volks
hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich
anzuklagen. Währt das noch länger, so erlieg ich. Der Hunger wütet
furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von
Getreide und Vieh, die aus Südgallien unter Segel ist. An den nächsten
Calenden wird sie auf der Höhe von Portus erwartet. Handle danach – aber
mach’ rasch ein Ende.«

»Triumph,« sprach der Präfekt, »die Belagerung ist aus. Unsre kleine
Flotte lag bisher fast müßig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden.
Diese Königin ist die Erinnys der Barbaren.« Und er ging selbst zu
Belisar, der ihn mit edler Großheit empfing. –

In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Straße
schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit
raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines römisches Geschwader
gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des
Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der König,
der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ, in Begleitung seiner
Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals
menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben: auch die
übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage, aber
auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und
Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.

Kein Zuruf, kein Gruß erfreute den wackern König auf seinem
schmerzensreichen Gang: kaum daß sie die müden Augen aufschlugen bei dem
Schall der nahenden Schritte.

Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken, der
Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man
die hinlängliche Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die
Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder
auf der Schulter zu tragen.

Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im
Wallgraben lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad
rief ihm zu: »Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja
gesprungen, was ziehst du keine andre auf?« – »Kann nicht, Herr, die Sehne
sprang gestern bei meinem letzten Schuß. Und ich und die drei Bursche
neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen.« Hildebad gab
ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: »hast du auf einen Römer
geschossen?« »O nein, Herr,« sagte der Mann, »eine Ratte nagte dort an der
Leiche. Ich traf sie glücklich und wir teilten sie zu viert.«

»Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?« fragte der König. »Tot, Herr.

Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
Marmorgrab.«

»Und dein Vater Iffamuth?« – »Auch tot. Er vertrug’s nicht mehr, das
giftige Wasser aus den Pfützen. Der Durst, König, brennt noch heißer als
der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.« »Ihr
seid alle aus dem Athesisthal?« »Ja, Herr König, vom Iffinger-Berg. O
welch köstlich Quellwasser dort daheim!«

Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken. Seine Züge verfinsterten sich noch mehr. »He du, Arulf!« rief er
ihm zu, »du scheinst nicht Durst zu leiden?« – »Nein, ich trinke oft,«
sprach der Mann. »Was trinkst du?« – »Das Blut von den Wunden der
Frischgefallnen. Anfangs ekelt’s sehr: aber man gewöhnt’s in der
Verzweiflung.«

Schaudernd schritt Witichis weiter. »Schick’ all’ meinen Wein ins Lager,
Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen.« – »All deinen Wein? O König, mein
Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krüge. Und
Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich stärken.«

»Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!«

»Komm mit nach Hause,« mahnte Totila, des Königs Mantel ergreifend. »Hier
ist nicht gut sein.«

Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
schönen Marmortisch, der auf goldnen Gefäßen steinhartes verschimmeltes
Brot aufwies und wenige Stücke Fleisch. »Es war das letzte Pferd aus den
königlichen Ställen,« sagte Hildebad, – »bis auf Boreas.« – »Boreas wird
nicht geschlachtet! – mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rücken
gesessen.«

Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: eine neue schwere
Pause trat ein. »Freunde,« hob er endlich an, »das geht nicht länger also.
Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluß ist schwer und
schmerzlich gereift –«

»Sprich’s noch nicht aus, o König!« rief Hildebad. »In wenig Tagen trifft
Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
Guten.«

»Er ist noch nicht da!« sprach Teja.

»Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist,« ermutigte Totila, »wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
eintrifft, mit den Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna
bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?«

»Auch Ulithis ist noch nicht da,« sprach Teja. »Er soll noch in Picenum
stehen. Und kommt er glücklich an, so wird der Mangel im Lager noch
größer.«

»Doch auch die Römerstadt muß fasten!« meinte Hildebad, das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. »Laß sehn, wer’s länger
aushält!«

»Oft hab’ ich’s überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten,«
fuhr der König langsam fort.

»Warum? warum das alles so kommen mußte? Nach bestem Gewissen hab’ ich
immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns:
und ich kann’s nicht anders finden, als daß Recht und Treue auf unsrer
Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir’s nicht fehlen
lassen.«

»Du am wenigsten,« sagte Totila.

»Und an keinem schwersten Opfer!« seufzte der König. »Und wenn nun doch,
wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und
allgewaltig, warum läßt er all’ dies ungeheure, unverdiente Elend zu?
Warum müssen wir erliegen vor Byzanz?«

»Wir dürfen aber nicht erliegen,« schrie Hildebad. »Ich habe nie viel
gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen ließe, müßte
man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen
zerschlagen.«

»Lästre nicht, mein Bruder!« sprach Totila. »Und du, mein edler König, Mut
und Vertrauen.

Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. Drum muß zuletzt
die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende.«

Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. »Ich gestehe es euch, ich habe
aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit,
nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, daß wir all’ dies schuldlos
leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muß verborgne
Schuld an mir, an eurem König haften. Wiederholt, erzählen unsre Lieder
aus der Heidenzeit, hat sich ein König für sein Volk selbst den Göttern
geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Mißwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er
hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu
lasten schien und sie durch Tod gebüßt, oder indem er ohne die Krone ins
Elend ging, ein friedloser Landflüchtiger. – Laßt mich die Krone abthun
von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt einen andern, dem Gott nicht
zürnt: wählt Totila, oder –«

»Das Wundfieber faselt noch aus dir!« unterbrach ihn der alte
Waffenmeister. »Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen!
Nein, ich will’s euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der
Väter alte Kraft mit der Väter altem Glauben verloren habt, und nun keinen
Trost wißt für eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht.« –
Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze über die Freunde hin.
»Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch
des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann
gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den
Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld
auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen
Bechern ihn begrüßen. Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und
Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen
kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den
alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken
Gesellen meiner Jugend, den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von
Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd’ ich auch ihn,
dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus
grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von dem noch
die Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag’ ich Schild und
Speer meinem Herrn, dem König mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten
und alles ihres Wehs.«

»Ein schön Gedicht, alter Heide,« lächelte Totila. »Wenn uns aber das
nicht mehr tröstet für wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch,
Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie
fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein
tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger?«

»Mein Wort,« sagte Teja aufstehend, »mein Wort und Gedanke wäre euch
vielleicht schwerer zu tragen als all’ dies Leid. Laß mich noch schweigen,
mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir
Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite
daran hält.« Und er schritt aus dem Zelte.

Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rätselhafter Lärm von
rufenden, fragenden Stimmen erhoben.

Die Freunde sahen ihm schweigend nach. »Ich weiß wohl, was er denkt,«
sagte der alte Hildebrand endlich. »Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er
ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und
Stärke. Es ist fast zu schwer für ein Menschenherz. Und glücklich, –
glücklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, daß er singt und
Harfe schlägt dabei.«

Da riß Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: sein Antlitz war
noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme
war ruhig wie sonst, da er sprach: »Brich das Lager ab, König Witichis.
Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf
Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Wällen Roms,
vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten
Rinder schlachten. Große Verstärkungen aus Byzanz unter Valerian und
Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus
Byzanz in den Tiber geführt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum
durchzogen ... –«

»Und Graf Ulithis?«

»Er hat Ulithis geschlagen und getötet, Ancona und Ariminum genommen. Und
–«

»Ist das noch nicht alles?« rief der König.

»Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch
wenige Meilen von der Stadt.«



                           Sechzehntes Kapitel.


Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen
Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief
entmutigtes Heer aus den vier noch übrigen Lagern herausgezogen.

Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschließung gewährt. So viel Mut
und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.

Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber, an denen ihr
Glück und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die höhnenden
Worte, die Römer und »Romäer« (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen
herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu groß, um durch solchen
Spott getroffen zu werden.

Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die
Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurückgewiesen. Denn Graf
Teja führte die gotische Nachhut.

So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße durch Picenum in
raschen Märschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia,
Spoletium und Perusium ausgewichen werden mußte) nach Ravenna, wo Witichis
zur rechten Zeit eintraf, die gefährliche Stimmung der Bevölkerung, die
auf die Kunde von dem Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden
Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdrücken.

Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurück. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit
den thrakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen.

Der König führte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele
Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft ließ er unter
Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine
halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter
Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in
Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach
Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten
der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen
gefährdet wurde.

Er that dies übrigens noch aus andern Gründen.

Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
einer Einschließung nicht wieder sobald durch die große Stärke des Heeres
dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um für den nämlichen Fall die
Belagerer auch vom Rücken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu
können. Sein Plan war zunächst, die seinem Hauptstützpunkt Ravenna
drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften
auf die Verteidigung zu beschränken, bis fremde Hilfstruppen,
langobardische und fränkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen
würden, wieder das offne Feld zu halten.

Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten, erfüllte sich nicht. Er begnügte sich, sie
durch beobachtende Truppen einzuschließen und zog ohne weiteres gegen die
Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. »Habe ich
das Herz zum Tode getroffen,« sagte er, »werden sich die geballten Fäuste
von selbst öffnen.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Theoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von
der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus, die
im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.

Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz
der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche
Regierung Theoderichs über sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des
Krieges verschwunden.

Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muß damals die immer noch
volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als
heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straßen, den leeren
Plätzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch
anhaucht als draußen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die öde
Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des
weit zurückgetretenen Meeres auslaufen.

Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschäftiges
Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief
schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem
Schilf und Riedgras verwilderte Büffel grasen; versumpft die Straßen,
versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: –
nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein
erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von
Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller
Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt.

Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die
Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewählt. Die Südost-Seite deckte das
damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer.

Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches
Netz von Kanälen, Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in
welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken mußte. Und diese
Mauern! noch jetzt erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre
ungeheure Dicke und – weniger ihre Höhe als – die Anzahl von starken
Rundtürmen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der
Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch
Aushungerung hatte nach fast vierjährigem Widerstand der große Theoderich
diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen.

Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen. Kräftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer
mußten sich begnügen, die Festung enge zu umschließen und, wie einst der
Gotenkönig, durch Mangel zur Übergabe zu nötigen. Dem aber konnte Witichis
getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in
diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorräte
aller Art, namentlich aber Getreide, in außerordentlicher Menge in
besonders von ihm (mit Benutzung und in den Räumen des ungeheuren
Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer
aufgehäuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenüber dem Palast und
der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Königs Stolz, Freude und Trost.
Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden
durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können: und bei einiger
Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung und
das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der
aufs neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser
Entsatz mußte notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen.

Dies wußten – oder ahnten doch – Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
und rastlos spähten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall
der Stadt zu beschleunigen. Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine
geheime Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber
einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle
Ausgänge der Stadt sorgfältig überwachten. Und dann schien auch
Mataswintha wesentlich verändert und keineswegs mehr so bereit und
willfährig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem.

Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet. Das
lange Hinzögern ermüdete sie: und zugleich hatten die großen Leiden ihres
Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschüttern.

Dazu kam endlich, daß die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen
und gesundfreudigen Wesen des Königs, der stille, aber tiefe und finstre
Gram, der über seiner Seele lag, mächtig an ihrem Herzen rüttelte. Wenn
sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern
Stolz gekränkter Liebe ihn verklagte, daß er ihr Herz verworfen und doch,
um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie
ihn dafür auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu
hassen glaubte und zum Teil auch wirklich haßte, so war doch dieser Haß
nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglück der
gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all’ seiner Pläne – an dem ihr
heimtückischer Verrat so großen Anteil trug, – tief, bis zur
krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf
ihre aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur.

Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut
fließen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst
zerstören sehen, – das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug
aber endlich wesentlich bei, daß sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine
Veränderung in des Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben
glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue über die Gewaltsamkeit, mit
welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte.

Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich
gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des
Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren
Formen anerkannte und lohnte. Grund genug für Mataswinthens beweglich
flutende Gedanken, die Anträge des Präfekten, selbst wenn diese manchmal
noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.

Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen
Ravenna erfahren, was später auch sonst bekannt wurde, daß die Goten Hilfe
von den Franken erwarteten. Unverzüglich hatte er deshalb seine alten
Verbindungen mit den Vornehmen und Großen, die an den Höfen zu Mettis
(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der
merowingischen Schattenkönige herrschten, wieder angeknüpft, um die
Franken, deren damals sprichwörtlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf
Gelingen solcher Versuche gewährte, von dem gotischen Bündnis wieder
abzuziehen.

Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war, hatte er an
König Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn
dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem
Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen.
Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den
Majordomus des schwachen Königs, begleitet: und sehnlich erwartete der
Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als
das veränderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere
Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte.

Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
an einem für die Helden in und außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage.



                           Siebzehntes Kapitel.


Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, hatte aus der ihm zu
besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen
heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in
ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der
Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.

Er hätte unfehlbar noch viel größern Schaden angerichtet, wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all’ seine Feldherrnschaft und
all’ sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie
er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden
Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch
äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen
gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt
verwendet, daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, um
nicht abgeschnitten zu werden, all’ ihre errungenen Vorteile aufgeben und
schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten.

Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur
Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin,
nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als
Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig
einsog. »Wirklich, Belisarius,« schloß der Präfekt, »Kaiser Justinian kann
dir das nicht vergelten.«

»Da sprichst du wahr,« antwortete Belisar stolz: »er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht thun, was
ich für ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu’s, weil ich ihn
wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen.
Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau’n. Aber getrost: – er wird’s
noch lernen.«

Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz
sprang Belisar, aller Müdigkeit vergessen, vom Polster auf, küßte die
purpurnen Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das
Schreiben mit den Worten: »Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun
wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich
erwarte, und das vorgeschossene Gold.«

Und er begann zu lesen.

Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Züge
verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
schwerem Krampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben
hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte,
stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das
kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt;
eilend folgte ihm seine Gattin.

»Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen,« sagte Prokop, den Brief
aufhebend. »Laß sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes,« –
und er las: »Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich – aha, jetzt kommt
es besser:

»Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach deinen eignen
früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese
Barbaren erwartet hätten und glauben auch, daß eine solche bei größerer
Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem
wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine übrigen
fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien stehen, sowie die vier
Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.

Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen
bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geäußerter Entschluß,
du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen
Säckels aus eignen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß wir ihn als
pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger
hinzugefügt, all dein Hab’ und Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten
steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter
und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, so haben wir,
deiner Zustimmung gewiß, anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen
und Schätze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses
übergeben.« – Ha, unerhört!« unterbrach sich Prokop.

Cethegus lächelte: »Das ist Herrendank für Sklavendienst.«

»Auch das Ende scheint hübsch,« fuhr Prokopius fort. – »Eine Vermehrung
deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man
uns wieder täglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.

Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: – gefährliche Gedanken
und ungeziemende Worte.

Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet.

Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich,
daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten
stehn.«

»Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!«
sagte Cethegus. »Das heißt die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.«

»Recht hast du,« schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte
noch gehört hatte. »Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare,
boshafte, schändliche Tyrann.«

»Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!« beschwor
ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu
fassen.

»Nein, ich will nicht schweigen,« rief der Zornige, an der offenen
Zeltthür auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und
viele andere Heerführer mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll’s
hören. Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja du verdientest,
daß ich dich stürzte! Daß ich dir thäte nach dem Argwohn deiner falschen
Seele, Justinianus!«

Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: sie hatten offenbar
alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den
Eingang und zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie
trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem
Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine
Brust und stammelte: »O Justinianus, hab’ ich das um dich verdient? O zu
viel, zu viel!« Und plötzlich brach der gewalt’ge Mann in einen Strom von
hellen Thränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich ab: »Lebwohl,«
sagte er leise zu Prokopius, »mich ekelt es, wenn Männer heulen.«



                           Achtzehntes Kapitel.


In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging, das Lager
umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der
Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg führte zum
Teil am Meeresstrand entlang.

So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke, der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschäftigte, so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen
Gemütsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade
jetzt auf ihm lastete, – doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur
vorübergehend, auf das außergewöhnliche Aussehen der Landschaft, des
Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.

Es war Oktober: – aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
geändert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
Gewölk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen
Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich – es war gegen Sonnenuntergang –
bemerkte Cethegus im Osten, über dem Meer, am fernsten Horizont, eine
einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen
sein mußte.

Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
Strahlen. Kein Lufthauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres.

Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In der weitgestreckten
Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das
Schilf in den Sumpfgräben bebte.

Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein
fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drückend über Land
und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen
unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden
waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht,
wühlten den Kopf in den Sand. –

Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich. »Das ist schwül: wie vor dem »Wind des Todes« in den Wüsten
Ägyptens,« sagte er zu sich selber. – »Schwül überall – außen und innen. –
Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft
entladen?«

Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, »Herr, wär’ ich daheim,
ich glaubte heute: der Gifthauch des Wüstengottes sei im Anzug,« und er
reichte ihm einen Brief.

Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riß Cethegus das große,
prunkende Siegel auf.

»Wer hat ihn gebracht?«

Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht getroffen, sich zu
Belisar hatte führen lassen. Er hatte den nächsten Weg – den durchs Lager
– verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.

Er las begierig: »Theudebald, König der Franken, Cethegus dem Präfekten
Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift
vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht
übel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die
ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies,
nicht unsere Wandelung, mögen sie verklagen.

Wen der Himmel verläßt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren
Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis.

Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die Städte in Südgallien
abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits
vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit
gefährlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen würde, sind wir
gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken.
Nur anstatt für: gegen die Goten.

Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der uns fortwährend
den Königstitel vorenthält, sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien
nennt, uns keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und
uns noch andere höchst unerträgliche Kränkungen unserer Ehre angethan. Wir
gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen.

Da wir nun wohl wissen, daß des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine große Zahl alter und
neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat: so werden
wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen,
wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden
und uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin
abtreten lassen werden.

Wir halten für unmöglich, daß ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheißen wir dir eine Summe
von zwölf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei
Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der
Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern
Antrag Belisar mitzuteilen.«

Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.

Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: – in dieser
Stimmung: – er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Franken-Kriegern! Er darf nicht leben.« –

Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er plötzlich
stehen: »Thor, der ich war!« lächelte er kalt. »Heißblütig noch immer? Er
ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn
der Mond sich gegen die Erde empören wollte, als ob der zahme Haushund
plötzlich zum grimmigen Wolfe würde. Er nimmt nicht an! Aber nun laß
sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein,
Frankenkönig,« und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief,
»solang Cethegus lebt, – nicht einen Fuß breit von Italiens Boden.«

Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern.
Und einen dritten –: nun blieb er stehen –: und über seine mächtige Stirn
zuckt’ es hin. »Ich hab’ es!« frohlockte er. »Auf, Syphax,« rief er, »geh’
und rufe mir Prokop.« –

Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen. »Nein,« lächelte er triumphierend,
ihn aufhebend, »nein, Frankenkönig, nicht soviel Raum als dieser Brief
bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.«

Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste, schwere
Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und
weigerte sich lange, darauf einzugehen.

Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand,
noch eh’ er ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und ließ nicht
eher ab, seine unzerreißbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu
ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. –

Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. »Cethegus,«
sagte er aufstehend, »ich bewundere dich.

Wär’ ich nicht Belisars, – ich möchte dein Geschichtschreiber sein.«

»Interessanter wäre es,« sagte der Präfekt ruhig, »aber schwerer.«

»Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes. Sie ist ein
Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige
Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch
sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... –«

»Ich mußte dir das jetzt sagen. Leider hab’ ich in letzter Zeit wenig von
meiner schönen Verbündeten gehört.«

»Deine Verbündete! Deine Mittel sind ...« – »Immer zweckmäßig.«

»Aber nicht immer ..! – Gleichviel, ich gehe mit dir: – noch eine Strecke
Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als
möglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich
gehe nicht weiter mit dir als bis ... –«

»Zu deinem Ziel, das versteht sich.«

»Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
langweilt sich hier aufs tödlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz
nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten
zu verderben.«

»Eine gute schlechte Frau.«

»Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empörung Belisars für möglich
halten?«

»König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
einen viel schärferen Kopf, der’s doch einen Augenblick für möglich hielt.
Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den
Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: – er
greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: – versichre
dich nur Antoninens.« –

»Das laß meine Sorge sein. Bis Mittag hoff’ ich als Gesandter in Ravenna
einzuziehn.«

»Wohl: – dann vergiß mir nicht, die schöne Königin zu sprechen.«



                           Neunzehntes Kapitel.


Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein.

Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
des Frankenkönigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn
diktiert.

Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den König
der Goten und seine Königin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des
Königs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck
unausgesetzten Unglücks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdüstern.
Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreißen von
seinem Weibe hatten ihn schwer erschüttert: – aber er hatte es getragen
für den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben.

Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat
seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei
dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt.

Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit
dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet.
Neue Unglücksschläge, Nachrichten, die betäubend wie Keulenschläge auf den
Helm in dichter Folge sich drängten, mehrten seine Niedergeschlagenheit
und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.

Fast ganz Italien, außerhalb Ravenna, schien Tag für Tag verloren zu
gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet,
unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich
gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da
aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der
Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum,
Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem
halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien
geführt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert,
ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Ämilia durch Johannes den
Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder
zu nehmen, scheiterten.

Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt.

Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia,
Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Männer, Rinder und Rosse.

Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder, buken Brot aus Eicheln und
verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus
der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fünfzig
tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien,
dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch
Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die glühenden
Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvögel
verschmähten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das
Menschenfleisch gierig gegessen. Mütter töteten und verzehrten ihre
neugebornen Kinder. In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch zwei
römische Weiber übrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten,
tötete die werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der
früheren Opfer ans Licht.

Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
Die letzteren, die große Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen
hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestüm zur Eile, zur
Erfüllung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten
des Königs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei
Antwort kam von diesen Höfen. Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen:
er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin,
dieser jedoch sei mit großem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen.

Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: – er sei mit Narses
eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und
Volke raten, welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten.

Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor
die Mauern geführt hatte und während der Einschließung befehligte. Aber es
zerriß dem König das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mühe und
verwundet sich durch die Reihen beider einschließenden Heere in das drei
Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmütige Graf Wisand der
Bandalarius die folgenden Worte sandte: »Als du mir Auximum anvertrautest,
sagtest du: ich sollte damit die Schlüssel Ravennas, ja des Gotenreiches
hüten. Ich sollte männlich widerstehen, dann würdest du bald mit all’
deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben männlich widerstanden
Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht
gesprochen und mit unsrer Feste jene Schlüssel in der Feinde Hände fallen.
Deshalb komm und hilf: – mehr um des Reichs, als unsrer willen.«

Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner
Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete – mit Blut war der
kurze Brief geschrieben: – »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das
aus den Steinen wächst. Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr
halten.« Der Bote fiel auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die
Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Wällen von
Auximum lebendig verbrannten.

Ach und der König konnte nicht helfen!

Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten
Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von
Menschen und Tieren und Kalklösungen vergiftete. Sturmangriffe schlug
Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwächters
entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode.

Endlich fiel zuerst Cäsena, die letzte gotische Stadt in der Ämilia, und
dann Fäsulä, das Cyprianus und Justinus belagerten. »Mein Fäsulä!« rief
der König, als er es erfuhr: – denn er war Graf dieser Stadt gewesen und
dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. »Die
Hunnen hausen wohl an meinem zerstörten Herd!«

Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in
Ketten vor Augen geführt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da nötigten den Bandalarius
seine verhungerten Scharen zur Übergabe.

Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.

Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt. Ja, so tief
gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen, daß sie unter
Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen
unter Belisars Fahnen.

Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen
Belagerer dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna, wo er
Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.

Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte, auf dem so
schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Mißlingens keiner
Schwäche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig
an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine
einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des
Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quälenden
Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Sündenschuld willen, daß Gott die
Goten züchtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit
beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele
Züge der alten germanischen Königssage.

Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und
Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquälerischen
Grübeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er
den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne.
Längst hätte er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher
Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit hätte
erscheinen müssen. So war ihm auch dieser Ausweg – der nächste und liebste
– aus seinen quälenden Gedanken verschlossen. Gebeugt saß jetzt oft der
sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin,
nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief aufseufzend.

Der tägliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb, wie wir
gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht
darin getäuscht zu haben, daß seit geraumer Zeit sein Auge milder als
sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drängte
sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden
Herzen, teils Reue und Mitleid mächtiger als je zu dem leidenden König.

Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
vereint. Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen
angefangen, während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und
aus Calabrien und Sicilien reiche Vorräte bezogen, Mangel zu leiden. Nur
die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen.
Des Königs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Überfluß seiner
Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der
Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthätige
Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften
versorgt hatte: auch hoffte er auf eine große Menge von Getreideschiffen,
welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse
zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.

Um aber jeden Mißbrauch und alles Übermaß bei jenen Spenden fernzuhalten,
überwachte der König selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn
einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte
sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris
gestellt und ihm geholfen, die Körbe mit Brot verteilen. Es war ein
schöner Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Königin zur Linken, vor
der Kirchenpforte standen und über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk
die Spende reichten.

Während sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der drängenden,
flutenden Volksmasse, – denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten
vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt, –
auf der untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem,
braunem, halb über den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drängte nicht mit
den andern die Stufen hinan, um auch Brot für sich zu fordern: sondern
lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen
hohen Sarkophag gestützt, hinter der Ecksäule der Basilika und blickte
scharf und unverwandt auf die Königin.

Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen
sich stießen und drängten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemüht häufte sie mit
mildem Blick und mit den beiden weißen Händen thätig das duftende
Gebäck. –

Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Königs, das, sanft und
freundlich gerührt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. – Heiß schoß ihr
das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.

Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war
diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.

Sie hatte, während sie den Korb füllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
einem Büffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim
Arme gefaßt und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte. »Komm,« hatte er
gesagt, »hier ist kein guter Ort für dich.« Und wie im wachen Traum hatte
das Weib geantwortet: »Bei Gott, sie ist wunderschön.«

»Ich danke dir, Mataswintha!« sprach der König freundlich, als die für
heute bestimmten Spenden verteilt waren.

Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Königin in ihr gesehen und
angesprochen. Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde – und wie schwer
lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewußten Seele! Offenbar
hatte sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werkthätiges
Mitleid mit den Armen erworben. »O er ist gut,« sagte sie, halb weinend
vor Erregung, »ich will auch gut sein.«

Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
Flügels des Palastes trat – Witichis bewohnte den rechten – eilte ihr Aspa
geschäftig entgegen. »Ein Gesandter aus dem Lager,« flüsterte sie der
Herrin eifrig zu. »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten – einen
Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache – er harrt auf Antwort ...« –

»Laß,« rief Mataswintha, die Stirne furchend, »ich will nichts hören,
nichts lesen. Aber wer sind diese?«

Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemächer
führte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke,
Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehüllt – eine Gruppe des
Elends.

»Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
verscheuchen.« – »Man soll sie nicht verscheuchen!« sprach Mataswintha,
näher tretend.

»Brot, Königin! Brot, Tochter der Amalungen!« riefen mehrere Stimmen ihr
entgegen. »Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trägst und hole ..
–« – »Brot! Brot! Königin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben
in der Stadt.«

»Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
her, warum wart ihr nicht dort?«

»Ach Königin, wir können nicht durchdringen,« jammerte eine hagere Frau.
»Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist
blind. Die Gesunden, die Jungen stoßen uns zurück. Drei Tage haben wir’s
umsonst versucht: wir dringen nicht durch.« – »Nein, wir hungern,« grollte
der Alte. »O Theoderich, mein Herr und König, wo bist du? Unter deinem
Scepter hatten wir vollauf. – Da kamen die Armen und Siechen nicht zu
kurz. Aber dieser Unglückskönig ... –«

»Schweig,« sprach Mataswintha, »der König, mein Gemahl« – und hier flog
ein wunderschönes Rot über ihre Wangen – »thut mehr als ihr verdient.
Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.«

Und rasch schritt sie hinweg. »Wohin eilst du?« fragte die Sklavin
staunend.

Und Mataswintha schlug den Schleier über ihr Antlitz, als sie antwortete:
»Zum König!«

Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thürsteher, der
sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. »Ein Abgesandter Belisars habe
geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald
verlassen.«

Da öffnete sich die Thüre: – und Prokop stand zögernd auf der Schwelle.
»König der Goten,« sprach er, sich nochmals wendend, »ist das dein letztes
Wort?« – »Mein letztes, wie’s mein erstes war,« sprach der König voller
Würde. – »Ich gönne dir noch Zeit: – ich bleibe noch bis morgen in
Ravenna.« – »Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als
Gesandter.« – »Ich wiederhole: fällt die Stadt mit Sturm, so werden alle
Goten, die höher als Belisars Schwert, getötet – er hat’s geschworen! –
Weiber und Kinder als Sklaven verkauft – Du begreifst: Belisar kann keine
Barbaren brauchen in _seinem_ Italien – Dich mag der Tod des Helden
locken: aber bedenke die Hilflosen – ihr Blut wird vor Gottes Thron –« –
»Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl.« Und so
mächtig wurden diese Worte gesprochen, daß der Byzantiner gehen mußte, so
ungern er es that. Die schlichte Würde dieses Mannes wirkte stark auf ihn.
Aber auch auf die Lauscherin.

Als Prokop die Thüre schloß, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat
bewundernd einen Schritt zurück, geblendet von soviel Schönheit.
Ehrerbietig begrüßte er sie. »Du bist die Königin der Goten!« sagte er,
sich fassend, »du mußt es sein.«

»Ich bin’s!« sagte Mataswintha, »hätt’ ich das nie vergessen.« Und stolz
rauschte sie an ihm vorüber.

»Augen haben diese Germanen, Männer und Weiber,« sagte Prokop im
Hinausgehen, »wie ich sie nie gesehen.«



                           Zwanzigstes Kapitel.


Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.

Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich,
Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen
Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er
die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er
hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen
Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern
Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden
lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen
Gelaß.

Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken
gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in
beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt
der Eintretenden nicht bemerkt.

Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht
ansprechen: sie konnte nicht näher treten.

Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt
an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr
einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«

»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch. »Sonst hätte ich
nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«

»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie
schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –

Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –

Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o
wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.

»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich
habe hart von dir gedacht.«

»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches
besser.«

»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast
ein Recht, es zu wissen – brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf
deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die
Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur
noch ein letztes: ein freier Tod.«

»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen
leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme
finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine
Königin geworden .. – Du kannst dich laut darauf berufen.«

»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.

Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die
andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern!
Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: –
eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich.
Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert
Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß
herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!

Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine
Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen,
so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll.
Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«

»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«

»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich
an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher.
Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er
verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schließt das Leben von vielen Tausenden
ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich
wundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan
hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu
verschlingen.«

Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’
ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«

»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und
griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.

»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend,
– sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du
zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.

»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie
heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich
abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht
viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich
all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.

»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.

»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen
Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und
unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.

Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach
der Lehne des Stuhles neben ihr. »Endlich – endlich erweicht sein Herz und
ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«

»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte
sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht
vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher,
milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht:
und Thränen drangen in meine Augen.« –

»O Witichis!« hauchte Mataswintha.

»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«

»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.

»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten
Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang
die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend
bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.

Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die
Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft
verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.

Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war,
während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches
Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus
dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern
flogen.

»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«

Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt
vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen
bewußtlos in Aspas Arme.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur
noch gesteigert.

Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war
der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die
Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen
unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte
des Horizonts bedeckte.

Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus
dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch
abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser
unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der
jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich,
bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen
regungslos.

Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und
Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben,
Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der
Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber
liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den
Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich;
kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren
Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen,
zu entkommen. –

Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont
zu sinken.

Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe
vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte
Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem
Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme
Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt
vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht
zerstampft haben.«

»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein
römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische
Runde.

»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und
Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der
lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn
er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor
Trockenheit.«

Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam
heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter.
Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog
in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken
Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem
Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde
Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines
Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes
Ansehn.

»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh! Blitzjunge, hältst
du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer
– uf!«

»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.

»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute
kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem
Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde
führen.«

Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
»Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: –
schicke mir einen Becher Wein herauf.«

»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den
Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O
lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s
ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter
werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann
allein Allgunthens Minne trinken.«

Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All
Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze
wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen
Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er,
»das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er
schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen
Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –

Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der
Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii
hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden
gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und
mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so
schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –

Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden.
Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob
die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten
jetzt dicht und schwer über der Stadt.

Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine
zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich
unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land
war jetzt ein schwarzes Gewölbe.

Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii:
»Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und
noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert
mich! Gute Wache!«

In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen
Sandwüsten Afrikas.

Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des
Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder
lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken.
Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und
es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit
todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die
weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.

Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und
zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.

Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder.
Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis –
Witichis!

Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf
dieser Worte unterbrechen zu können.

Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und
im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner,
wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über
die bebende Stadt.

Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen.
Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen
ihres Haares über die Schultern und lauschte.

Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.

Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden
Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der
Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf
der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt
und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.

Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
geschlossenen Glaskugel brannte.

»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine
Lemure. Wie die Rachegöttin!«

»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit
langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.

Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O
Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt,
das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu
richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein
Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen
schwer.«

»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen
und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder
liebt.«

»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk
strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich
bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«

»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«

»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in
die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren
Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus
den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.

»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die
Afrikanern.

»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!

Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der
Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein
Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um
die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz!
Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde
vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war
das?«

Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte.
Aspa fuhr vom Boden auf.

»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber?
Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«

»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur
beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«

»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch die
Sterblichen führen den Blitz der Rache.«

Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.

»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und
sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst
nach ihrer Herrin.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
frommer Zug.

Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und
Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des
Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:

  _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_
  _malo mori quam foedari: major vis amoris est._

Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:

  _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_
  _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._

Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der
Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.

Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß
das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente,
die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der
Sturmhaube stand neben ihr.

Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft
genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«

»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete
mit uns.«

»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«

»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme
das Ende der Welt.«

»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«

»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich
bete für ihn.«

Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich
an der Basilika kreuzten.

»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber
brumme mir nicht in meinen Befehl.

Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«

»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«

»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte
verhallten.

Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber,
Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche?
Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«

»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler
ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich
wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner
Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne
solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen
vorüber.

»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu
der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen:
sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich
nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«

»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach.
Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb
allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den
schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.

Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des
gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber
lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen
und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung
durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in
den nach außen offenen Galerien verlöscht.

Aber nein: es war doch ein Licht.

Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein
Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren
verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau
nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –

Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.

Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und
schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –

Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –

Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das
Licht und verschwand plötzlich. –

Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein
leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich
wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.

Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte
in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die
Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.

Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.

Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.



                        Einundzwanzigstes Kapitel.


Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte,
drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte
sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre
zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte
ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der
Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises
Seufzen zu vernehmen.

»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«

»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber –
vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen
auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s
wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von
Gewändern – und Stille.

»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.

Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor
ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue
Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.

Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange
von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der
Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad,
Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll
ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des
Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius
liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«

»Ich komme: – – armer Fridugern!«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner
Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller
Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine
Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was
säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von
selber ein.

Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was
thust du in deinem Zelt? – –«

»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe.
Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein
Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des
Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber:
stürme!«

»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!

Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern!«

»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und
ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«

»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. –
»Aber es ist finstre Nacht. – –«

»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
leuchten die Blitze.«

»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.

»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.

Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«

Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
»Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben
umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe,
Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte.
»Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt
unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd,
frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem
Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist
verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine
Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und
schreien um Hilfe.«

»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken?
So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«

Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte
der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest
der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu
wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein
günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln
her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte
seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«

Aber kein Arm rührte sich.

Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch
die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur
nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als
Mittel ansah zu seinem Zweck.

»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.

»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde
bebt.«

»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht:
der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt
sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_«

Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und
die Waffen fortreißen.

»_Roma! Roma aeterna!_« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und
Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung
sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über
den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus
der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. –
Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier
muß die Lücke sein.«

Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte
zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite
Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische
Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und
maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung
gezählt. Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig
in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«

Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten
schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz.
Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue
Wälle auf?«

»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem
Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –

»Nun wahrlich!« rief Prokop: »_si fractus illabatur orbis, impavidos
ferient __ruinae!_ Das sind mutige Männer.«

Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend
hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte
beginnen.

Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule
schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom
Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein
furchtbar herrlicher Anblick.

Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.

»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von
der Stadt her jagte, »es brennt.«

»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«

»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
Myriaden Funken durch die Luft.«

»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.

Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz muß schon lange im
Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da
sieh, sieh hin. –«

Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien
der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach
einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken
empor. Es war ein Flammenmeer.

Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm
herunter.

Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«

»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind
des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager –
alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«

Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er
allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er
hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren
Hauptwerken festzusetzen.

Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert
werden. Grollend führte er die Seinen zurück.

Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.



                       Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad
übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.

Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel
an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und
dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten
Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und
rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus
des Theodosius, starrten noch gen Himmel.

Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte
sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben
mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des
Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den
Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald
darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten
vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen
Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor
Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein
Ende machte.

Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das
Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der
Mitte des Marmorrundbaus.

Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen
Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal
den Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick
dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es
grabesstill in seinem Innern.

Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus
uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch
gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«

»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der
König?«

»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts
mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not
gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang
dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den
Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König
allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe?
wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So
wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der
sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn
gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib
hat er verstoßen.«

Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
sie erkannten seinen Schritt.

»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr
als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir
hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot,
König!« – »Guter König, Brot!« – »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild
drängte sich die Menge um ihn.

Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er
ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem
Gemach.

Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.

»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin
ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie
spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«

»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit
größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden
am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor.
Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von
höchster Wichtigkeit.«

Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur
Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen
Schreiber.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten.

Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und
niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen
Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt
Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir
gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«

»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.

Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich
in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn;
lies.«

Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
gethan:

Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten
freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.

Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen
ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen
Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern
gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und
Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’
Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch
auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines
Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen
ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen
Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie
deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf
das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen
sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den
Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König
der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine
Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache
dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann
mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein
ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«

Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch
hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine
Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich
abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche
Versuchung! –«

Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch
die Verzweiflung führt.«

»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«

»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.

»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf
mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich
es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt
und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann
ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet
anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«

Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog
verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war
in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar
ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,«
sagte er zaudernd.

»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«

»Entweder wirklich annehmen –«

»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb
dir dein Leben.«

»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach
Byzanz schicken.«

»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.

»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.

»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«

»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das
entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«

»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«

»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich
gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in
Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den
Verderber seines besten Heeres loben!«

»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.

Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit
gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für
deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann
neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«

Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop
erstaunte.

»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir,
Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm
treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.

»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«

»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt
als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner
Treue.«

»Das weiß der Himmel.«

»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen –
»herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen,
sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du
bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes.
Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß
dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen.
Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich,
du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer
Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in
Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem
Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue
noch nie auf Erden erprobt.«

Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.

»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß
gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«

Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.

»Armer Witichis,« flüsterte Prokop ihm zu: »er wird diesem Musterstück von
Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«

»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt
warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch
du selber, Belisar.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.

»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann
geht’s zum Kampf?«

»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu
reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?«
– »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück
sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn
Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal
harrt auf deine Wiederkunft.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht,
berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten
Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das
Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.

Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf
den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so
edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich
ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir
blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden:
denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König
sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als
einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und
groß gehandelt.«

»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr
thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«

»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und
Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?«
sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige
und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und
erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien
von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich
wahrlich nicht besser als Theoderich.«

»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich
mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. –
Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul
gerannt?«

»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was
mir an ihm gefallen hat.«

»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben
im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine
Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen
Feind.«

Und fast alle Versammelten stimmten bei.

»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je
hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es
deutlich: ihr habt unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier,
der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir
aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn.
Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt:
mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«

Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch
umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen
lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna
besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren
Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese,
sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den
verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«

»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der
Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt
wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.

Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne,
wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja
aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die
Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des
Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte,
welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese
und segneten den König.

Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß
sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis
aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«

Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer
Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit
Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest
der stark gerüsteten Männer.

»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«

»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab
Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo
willst du hin?«

»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.



                       Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswintha sich aus den
wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten
Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.

Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern
frevelhaften Thaten.

Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
die Fackel in der Hand durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue,
in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge
That gethan, hatte sie der Erdstoß in die Kniee geworfen: und ihr von
allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten
Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich über ihre Unthat
empören: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen über ihr schuldiges
Haupt.

Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
ihre Hand entzündet, riesengroß emporsteigen sah, als sie das
tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien
jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu
verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach zusammen unter den Folgen
ihrer That.

Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen
wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig
gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre That, zitternde
Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllte sie ganz.

Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten vernahm, wie der
Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen
werde.

Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor
sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten
zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und
häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden
auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die
für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser Freigebigkeit
Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.

Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem
Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade
gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes
die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren.

Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor thätigem, überführbarem
Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha
gewährte eifrig die Bitte. –

Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen,
was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf
Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. –

Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war
finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine
Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur
achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach.
Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte.

»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht’
ich meine Herrin mühen:« – es war Aspa – »wenn ihr nur Gold damit erlisten
wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: – nur
schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?«

»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswinthens.

Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen
Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die
goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte
bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen.
»Tritt näher,« sprach sie. »Es gilt dem König? warum zögerst du? Rede.«

Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« – »Sie ist ein
Weib.« Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen.

»Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich
zu ihm geführt. – (Wie wunderschön sie ist, obzwar todesblaß!) Doch,
Gotenkönigin bist du: _seine_ Königin – ob du ihn auch nicht liebst: –
sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.«

Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. »So denkt jede Bettlerin
im Gotenvolk!« seufzte sie.

»Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen.

So sprech’ ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
warnen. Höre mich.« Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend.
»Wie seltsam,« sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der
Gestalt.«

»Verrat! Noch mehr Verrat?« – »So ahnst auch du Verrat?« – »Gleichviel.
Von wem? Von Byzanz? Von außen? Von dem Präfekten?«

»Nein,« sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von außen. Von innen. Nicht
von einem Mann. Von einem Weib.«

»Was redest du?« sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. »Wie kann ein
Weib –«

»Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit
Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder,
wie schon geschehen – mit heimtückischem Feuer.«

»Halt ein!« Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den
Mosaiktisch, sich daran lehnend.

Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das Unglaubliche, das
Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe
sein Korn verbrannt. Ich aber weiß es besser. Und auch Er soll es wissen.
Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die
Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen
und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du
willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen.
Den Namen? Ich weiß ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam
mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen – diese
Schlange von Smaragd.«

Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
Armreif erhebend.

Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme. – Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes
Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken
Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.

»Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der Treue! Du! Du selber
bist’s!

Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er
wissen!«

Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
zurück. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als
sie eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs
rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.



                       Vierundzwanzigstes Kapitel.


Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerführer in den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe.

Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen.
Die beiden Hauptwünsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren
Kampf getragen, würden erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten
Besitz des fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war.
Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit
dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu
erwarten war. Und die Häupter der Sippen und sonst die einflußreichsten
Männer im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars
verständigt wurden, billigten vollständig die beschlossenen Bedingungen.

Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna
stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die
Unmöglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft außer den Truppen
Belisars mit dessen Vorräten auch noch das gotische Heer und die
Bevölkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, daß
die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der
Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach ihren Heimstätten
entlassen würden.

Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge
Verrat, den man vor hatte, ruchtbar würde: und er wünschte deshalb die
Verteilung des aufgelösten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von
Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu
dämpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plätze der
Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen
sie gewendeten Macht widerstehen.

Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere Tage Zeit.

Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloß
Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte
in das byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den Quartieren der
Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnäckigen
Anhängern Justinians zu brechen.

Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte, war, daß nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den
Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort
oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.

Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie in Rom durch
Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte
Belisar vorsichtige Maßregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und
lächelte. Er that nichts dagegen.

Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glänzender
Rüstung in das Zelt Belisars.

Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. »Vollständig.« –
»Welches ist der Moment?« – »Der Augenblick, in dem der König im Schloßhof
zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.«

»Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins habt ihr mir doch noch
übrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, daß die Barbaren, sowie unser
Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern
werden. Mitleid und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden
Thaten führen.

Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun
im Keim erstickt, und die Goten sähen sich nicht von uns, sondern von
ihrem König verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er
habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen
Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians übergeben. Jene
Empörung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den
Goten als eine bloße von ihrem König ersonnene Lüge, die Schande der
Ergebung ihnen zu verhüllen.«

»Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun.«

»Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?«

»Er hat nur einmal unterschrieben.«

»Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf daß auch Belisar,« lächelte
er, »das wertvolle Schriftstück besitze.«

Prokop blickte hinein. – »Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich
kein gotisch Schwert mehr für ihn. Aber –«

»Laß die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig,
im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen« –

»Oder?«

»Oder,« vollendete Cethegus finster, »er unterschreibt später.
Unfreiwillig. – – Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug
nicht begleite. Meinen Glückwunsch an Belisar.«

Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht
gerüstet und blickte düster vor sich hin.

»Eile, Feldherr,« mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres Besiegers. Der
Einzug –«

»Nichts von Einzug,« sprach Belisar grimmig. »Ruf’ die Soldaten ab. Mich
reut der ganze Handel.«

Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.

»Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat dir das eingeblasen?«
»Ich!« sagte Antonina stolz, »was sagst du nun?« »Ich sage, daß große
Staatsmänner keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. »Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab’ ihn unter
Thränen ... –«

»Versteht sich,« brummte Prokop, »die kommen stets zu rechter Zeit.« –
»Unter Thränen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen.«

»Und ich will’s nicht sein. Lieber reit’ ich besiegt im Orcus ein, denn
also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen. – Also ist’s noch Zeit.«

»Nein,« sagte Cethegus herrisch, von der Thür ins Zelt schreitend. »Zum
Glück für dich ist’s nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen
an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, daß
sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg
beendet.«

»Ah, Präfekt,« rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
Eifer?«

»Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
Glücke zwingen muß. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein
Italien zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch
jetzt der dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu
entgehen vermochte. »Wag’ es, versuch es jetzt! Tritt zurück, enttäusche
Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein
Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas
Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rüste dich! Es bleibt dir
keine Wahl!« Und er eilte hinaus.

Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop,« fragte sie dann, »weiß es der
Kaiser wirklich schon?«

»Und wenn er es noch nicht wüßte, – zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht. Nachträglich erfährt er jedenfalls, daß Ravenna und Italien
sein war, und – daß Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur
daß er sie erlangt und – abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.«

»Ja,« sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.«

»So geh,« sprach Antonina eingeschüchtert. »Mir aber sei’s erlassen, bei
diesem Einzug dich zu begleiten: – es ist ein Schlingenlegen, kein
Triumph!«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren über die näheren
Bestimmungen, war doch gewiß, daß der Friede geschlossen und den langen
und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.

Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die
Trümmer, die das Erdbeben auf sehr viele Straßen geworfen, hinweggeräumt
und ihre befreite Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und
Teppiche zierten die Straßen, das Volk drängte sich auf den großen Fora,
in den Lagunenkanälen und in den Bädern und Basiliken in freudiger
Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange
ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren überwunden hatten.

Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend
ein, während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten
mit Schweigen und mit Widerwillen die verhaßten Feinde in die Residenz
Theoderichs einrücken sahen.

In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs. Dieser
bereitete sich, als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte,
die königlichen Kleider anzulegen: – mit Befriedigung, denn es war ja das
letztenmal, daß er die Abzeichen einer Würde tragen sollte, die ihm nur
Schmerz und Unheil gebracht.

»Geh, Herzog Guntharis,« sprach er zu dem Wölsung, »Hildebad, mein
ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine
Stelle: die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen,
die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs
verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem
Helden abzuliefern, der sie nicht unwürdig tragen wird. Was giebt es dort
für Lärm!«

»Herr, ein Weib,« antwortete Graf Wisand, »eine gotische Bettlerin. Sie
hat sich schon dreimal herangedrängt. Sie will ihren Namen dir nur nennen!
Weise sie hinaus! –«

»Nein, sagt ihr, ich will sie hören: – heute Abend soll sie im Palast nach
mir fragen.«

Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
übergeben, die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
unverdächtigen Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser nehmen.

Witichis begrüßte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Präfekten flog
über sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glänzte, ein
dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von
Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst
auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein
Justinianus wird dein Rom beherrschen.«

»Und soll es nicht, solange ich lebe.«

»Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit
Belisar zur Unterschrift vorzulegen.«

»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« – »Es ist die für meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift.«

»So gieb,« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners
Hand nehmen.

Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis,«
rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.«

»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel
davon.«

»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
Schriftzüge von Hildebads Schreiber.«

Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie
von mir holen.« »Die Rune H – für Hildebad.«

»Man muß ihn verfolgen,« sagte Cethegus finster, »bis er sich fügt.« Da
eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis,«
drängten sie. »Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des
Stilicho erreicht.«

»So laßt uns gehn,« sprach Witichis, ließ sich von den Dienern den
Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die
Schultern werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des
Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thür.

»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas.

»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners.
»Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen.
»Eile, König,« mahnte Johannes.

»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus gleichgültig, und reichte
ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,«
antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, wie die
Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen:
gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt
hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.

Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er
grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den
andern.

Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.

Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische
Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war
von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren standen die
Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und
sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner
genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist
vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – Seine Goten sind noch
weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas
hält dem König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. – Jetzt
ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre des Palastes fällt zu und schließt
die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner
nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. – Der König
ruft: »Verrat, Verrat!« Er wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel
hemmt ihn. – Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da liegt das
Reich der Goten.« – – –

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück
Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun
nachts hier ein.

Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und
Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder
Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.

Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.

An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen
in Ravenna schmähten heute ihren Männern laut ins Angesicht, als sie die
kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden
Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster
Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige
Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht für
sich haben.

Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
heute niederriß und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die
Fahne des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts.

Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare
Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker.

Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen,
erleben und erleiden – _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die
sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die
kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: – da liegt das Reich
der Goten.«



                       Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Und so schien es.

Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, der Streich
gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten
fiel und der König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten
überall im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, im Lager von
weit überlegenen Kräften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen
überall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder:
– die wenigen, welche Widerstand versuchten, – so die nächste Umgebung des
Königs – wurden niedergestoßen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf
Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden
in getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger Theoderichs«:
einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.

Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde
nicht gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen
der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus.
Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna
nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen Bericht erstatten und für
Belisar Verlängerung des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden
völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die
Ehre des Triumphes, unter Aufführung des gefangenen Königs der Goten im
Hippodrom.

Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes
über den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art des
Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die Thore drang: und er
suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen König selbst als
ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu
verwerten. – Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach
Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern
verfolgen zu lassen.

Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor.
Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen
hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache – um sich ihrer zu
versichern. Denn er hatte noch große Pläne mit ihr vor.

Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr
dabei: »Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist
gerächt und befreit. – Nun erfülle auch du meine Wünsche.«

Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop
beraubt, den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er
sein Quartier aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem
Eintretenden entgegen. – »Was ist geschehen?«

»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des
Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, daß
der Geist dieser Truppen unbotmäßig – ich rufe sie ab und Bessas ... –« –
»Nun?« – »Weigert den Gehorsam.« – »Ohne Grund? Unmöglich!«

»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen.« – »Nun?« – »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt’
ich ihm nichts mehr zu befehlen.«

»Schändlich. Aber er ist im Recht.«

»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue
zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die
Nachricht da sein.«

»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht.
Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann
löst sich der Knoten von selbst.«

»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze
stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... –«

Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete er, »der Kaiser!
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.«

Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen
Mühen, das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung
niederwerfen?

Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein Kaiser? Woher weißt du?«
– »Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. – Solche Ehre ward noch
keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche
Präsenzflagge. Purpur und Silber. Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser
an Bord.«

»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus in Gedanken,
aufatmend.

»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« mahnte Belisar.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach
Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast
Quartier forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen
Neffen, den Prinzen Germanus.

»So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach Belisar, sich
selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. »Germanus ist der edelste Mann
am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: »die
Lilie im Sumpf«. Aber du hörst mich nicht!«

»Vergieb, ich bemerke dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen
jungen Freund Licinius.«

»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend.

»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte
er flüsternd.

»Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief,« flüsterte der
Bote ebenso leise. – »Aber,« und seine Stirne furchte sich – »schicke mich
nie mehr zu diesem Weibe.« – »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es
wird nie mehr nötig sein.«

Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
geschmückten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.

Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden,« sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn
vergiftet, weil sie ihn nicht verführen konnte.«

Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt auch du, Belisarius,« erwiderte er
ernst. »Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Präfekt? Wo
Bessas? Ah Cethegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich,
den größten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der
Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe
ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in
ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.«

»Das soll sie,« dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich
weiß: du kennst die Fürstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.«

Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich
sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein
inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen.« »Ja, sie ist das schönste
Weib der Erde,« sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen
Chrysopas zum Dank für dieses Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring
an des Präfekten Finger.

Damit traten sie in das Portal des Palastes.

»Jetzt, Mataswintha,« sprach Cethegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein
zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib – Ein Mädchen vielleicht
ausgenommen, das ich kannte! – das solcher Versuchung widerstehen könnte.
Soll diese rohe Germanin widerstehen?« –

Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und
die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an
der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im
Mittelbau des Palastes.

An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer
Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
vierten erhob sich der Thron Theoderichs.

Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im
Mittelgrund.

»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister
Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es
selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.«

Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, küßte das
Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las:

»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen- und des
Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen,
der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen
und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister
Militum.

Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die
zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir
mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung
von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und
wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir
befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren,
um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem
Vandalenkrieg können wir dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch
Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe,
Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst
verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt,
vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste,
nicht ohne Gehör dich verurteilen wollen, – denn Morgenland und Abendland
sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit –
sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten
– nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens – wirst du
vor unser kaiserliches Antlitz treten.«

Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht
mit den Händen: das Schreiben entfiel ihm.

Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem
Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den
Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so
eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien
ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus
Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet,
haftet mit seinem Haupt dafür, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der
Höhe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz
führen wird.«

Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den
Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und
schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah.
Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt
und starrte zur Erde.

Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger
solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund
milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen
kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre
deiner frühern auf. Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel
erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir
vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war
die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du
hörst mich nicht. –« Und er legte die Hand auf seine Schulter.

Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe – du bringst mir –
du bringst mir den echten Dank der Kronen.«

Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest wer ich bin
und wer du bist.«

»Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort
auf dein Schiff – erspare mir nur Ketten und Bande.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der in
vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen
Wünsche mit ihm besprach.

Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste
bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der
Kaiserin zu lesen.

Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus.

Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter Zeiten, da deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und
Kriegen handelten, sondern von Küssen und Rosen ... –«

»Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich der Präfekt.

»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine
Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten
Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer
Jugend, der süßen. Und ich erkannte wohl, daß Antoninens Gemahl allzufest
in Zukunft stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn –
wie du geschrieben – dem Kaiser in die Ohren: »Allzugefährlich sei ein
Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne.
Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er
diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im Ernst versuchen.« Diese Worte
wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine
Forderungen, gingen durch.

Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden
– der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _hübsch_ – aber unliebenswürdig:
er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt
keine Jugend mehr wie die unsre war. »Du hast gesiegt, Cethegus« – weißt
du noch den Abend, da ich dir diese Worte flüsterte? – Aber vergiß nicht,
wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora läßt sich nur solang
sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiß das nie.«

»Gewiß nicht,« sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du
bist eine zu gefährliche Verbündete, Theodora, – nein, Dämonodora! – laß
sehn, ob du unersetzbar bist. – Geduld: – in wenig Wochen ist Mataswintha
in Byzanz. – Was bringst du?« fragte er den eintretenden Syphax, der
glänzende Waffen trug.

»Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: »Dein Freund hat meinen Dank
verdient. Da, nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen
Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten
Gruß Belisars.«



                       Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß, lag an dem
rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König
gewohnt und geherrscht hatte.

Der Turm bildete mit seiner Eisenthür den Abschluß eines langen Ganges,
der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch
eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen
Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die
kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes.
Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern: das erste, von dem zweiten durch
einen Vorhang getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite Gemach
gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den
Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im
Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an
den Wänden waren ihr ganzes Gerät.

Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht, unverwandt den
Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. –

Es war Rauthgundis.

Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort,« sagte
sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.«
Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der
sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war,
als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne.

Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
geworden.

Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten
Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes.

»Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch deine schweren Schläge
treiben zum Heil.

Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie
ich mir ausgesonnen, – nie hätte ich von dem Gang des Elends hier
vernommen. Oder doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der
Todesstätte des Kindes, in die Nähe unsres Ehehauses, – das zwar räumte
ich –: wußte ich denn, ob nicht sie, seine Königin, dort einsprechen
würde? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä.

Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre
jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen
leuchten sah bis in mein Versteck, da war’s zu spät nach Norden zum Vater
zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete
mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg
hierher – nach der Rabenstadt – wohin ich als sein Weib nie hatte kommen
wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Roß Wallada und
sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.

Aber ihm zum Heil, – von Gott hierher gezwungen, – ob ich schon nicht
wollte – ihn zu retten, zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen
Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte
nicht mehr mit ihm leben – aber – aber ich, – Rauthgundis! – darf ihn
retten.« –

Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte.

Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.

»Nun? sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das
erste Gemach entgegeneilend.

»Geduld – Geduld – laß mich erst die Lampe niederstellen. So! – Nun, also:
er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan.«

Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was thut er?« fragte
sie dann.

»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
den Rücken gegen die Thür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er
giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst
gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan.
Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach:
»Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:« – da blickte er auf.
So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz.
Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte
tief, tief, daß es mir durch die Seele schnitt.«

Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen.

»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vor hat!« brummte der Alte leise vor sich
hin.

»Was sagst du?«

»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst
verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.«

»Ich werde sie haben.« – »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« – »Von
diesem? Nein, der ist für ihn allein.« Und sie trat in das innere Gemach
zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm.

»Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und
ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da
kömmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. –«

Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube
und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring
ich,« sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich
pochte vergeblich.«

»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.«

»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark – was seh’ ich? Das ist
ja alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?«

»Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und
seine Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn
absichtlich Mangel leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat
man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein
Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den andern Gefangnen an dem Ihren
abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: »Nicht wahr,
Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der
Germaninnen so hoch?« Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.

Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen,
goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der
Wein bezahlt.«

Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« – rief er mit
versagender Stimme – »goldne, goldtreue Frau!«

»Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.«

»Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?«

»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es
vollenden.«

»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten,
nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung
der Stadtthore anvertraut. – Die Byzantiner liegen draußen im Hafen, seine
Isaurier hier im Palast.«

»Die Thore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt.
Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut.
Nur die Wachen stehen dort.«

»Wann trifft meinen Sohn die Wache?«

»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.«

»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger dürft’ es nicht währen: – ich
fürchte ... –« Und er stockte.

»Was? sprich,« mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.«

»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist klüger und findiger als
wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm
mit ihm vor.

So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.

Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon,
Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn
selbst im Kerker.

Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im
Gang gelauscht. Er muß aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm,
glaub’ ich, gar keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er
so finster wie – wie der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte
ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und
die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.«

Rauthgundis seufzte tief.

»Und gestern, als der Präfekt herauf kam, – er sah grimmiger als je darein
– da fragte er mich .. –«

»Nun? sprich es aus, was es auch sei!«

»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.«

Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was
hast du« – »Sorget nicht, eine Weile hat’s noch gute Wege.

»Clarissime,« antwortete ich, – und es ist die reine Wahrheit – »die
Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze
saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen.« – »Wo?«
fragte er. »Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf König
Theoderichs Befehl, hineingeworfen.« Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer
Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die
Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das
Foltern völlig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will
auch, wenn’s nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber
lange dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen
und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich
fürcht’ ihn, wie den Teufel.«

»Ich haß’ ihn, wie die Lüge,« sagte Rauthgundis grimmig.

»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen Gedanken vollführen
kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiß nicht, was er
noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt euch meinen
Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den
Nachttrunk bringe, schließe ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen
Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.

Von da kömmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die
Thorwache um die Losung frägt. Diese werd’ ich ihm sagen.

Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein
Paulus die Mauerlücke passieren läßt. Draußen im Pinienwald, im Hain der
Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf
Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis.
Er flieht am sichersten allein.«

»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden.
Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich
will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die
Freiheit tritt.«

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht.

Er war Statthalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine
Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die
Waffen gewöhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise
Gegengewicht zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die
Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.

Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit
tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen
hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus
entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege – er wollte nach Tarvisium zu
Totila – und nötigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth
besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die
Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen
und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen
würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.

Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung
sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der
Goten zu brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die
Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte – er konnte die auf
Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern – erweckte oder
steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die
Oströmer. Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar gethan, den ärgsten
Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, daß in
Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr
emporloderte.

Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich,
ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen
werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus.

Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht – denn er war fern von
Unterschätzung seiner Feinde, – der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch
nicht ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung
des Volkes über den geübten Verrat.

Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefstgehaßten Führer der
Goten, daß Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen
worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen,
trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu
entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung
unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand
aufzugeben.

Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen
lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher,
schon um fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von
höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte
Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel
lag dem Präfekten daran, jenen als unermeßlich reich von der Sage
gepriesenen Hort nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren
Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner
Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, – auch seine Mittel waren
ja nicht unerschöpflich.

Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangnen
zu scheitern.



                      Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.

Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von
Bern ihrer warten sollte.

Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt.
Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und
sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder,
schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand
er keine Worte.

»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz,
»ist er tot?«

»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor
einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich
schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die
Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab:
er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte
Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich
hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da
warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer
trennen können.

»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der
Hand.«

»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«

»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle
thun können? Nichts andres!«

»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt
geschehn?«

»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«

»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«

»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«

Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die
Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.

»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«

»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«

»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht.«

»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht
kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie
nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn
ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm,
wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein
Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie
beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches
Dromons und wog das schwere Beil.

Aber Rauthgundis irrte.

Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an
sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes
geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des
Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung
des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch,
daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.

»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken,
die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«

»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du
versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen
führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«

»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.

Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt
der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu
führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit
Witichis war erzwungen und nichtig.«

»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«

»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.

Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz.«

»Niemals.«

»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden.
Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber
ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«

Mataswintha schüttelte das Haupt.

»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich
nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen
Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt
liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die
Herrschaft lieben?«

»Ich liebe nur ... –! Niemals!«

»So muß ich dich zwingen!«

Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«

»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde
gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen
leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der
Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem
Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich,
der Sieger – er hatte noch kein Wort für mich. Nur das erste Mal, da
erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren
mußte.«

»Nie giebt er nach.«

»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
ich kann nicht lange mehr warten.

Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas
so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält.
Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende
machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser
als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und
Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht
des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die
Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst
bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, –
werd’ ich den Gefangenen –«

Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von
ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch
nicht töten?«

»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
töten.«

»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.

»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es
Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er
wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du
wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier
die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«

Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr
Auge.

Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.



                       Achtundzwanzigstes Kapitel.


Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden
über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das
heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht
mit desto tieferem Dunkel wechselte.

Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen
vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein
Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer
reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die
Gangthür geheftet.

»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und
teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein
Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof,
im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem
Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger
leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen
Abend?«

»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und
wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann
der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den
Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt.
Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben
gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen
Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die
Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt
trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ...
– –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis
sie selbst Schmerz empfand.

»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«

»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was
ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.

Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber
scharf, fiel das Mondlicht darauf.

»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der
Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich
und verhüllte das Haupt.

»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch
– da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da
rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an
der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«

»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«

»_Sie_ könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr
nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«

Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten,
vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen
schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.

Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg
erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen
tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht
erschloß sie auch diese.

Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen.
Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände
gestützt, reglos auf einem Steinblock.

Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.

Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob
das Haupt. Aber er sah nicht um.

»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s.
Hörst du mich?«

Aber der Gefragte rührte sich nicht.

»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«

Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.

»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie
seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will
dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«

Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber
fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich
flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst
du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die
Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie
seinen Arm, wollte ihn emporreißen.

Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den
Steinblock festgeschlossen.

»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.

»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und
hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in
die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«

»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih
mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«

»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«

»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.

Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe
– o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn.
Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen.
Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«

Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an –
verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«

»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
nicht schlimmer!«

»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen!
Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will
ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum
Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide
Hände zu ihm empor.

Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz.
»Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es
erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan –
geh hin: – ich habe dir verziehn.«

»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.



                       Neunundzwanzigstes Kapitel.


Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er
dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei.«
Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt.
»Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich
wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die
Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen
der Liebe und der Freude.

Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie
strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und
blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel,
hell beleuchtete.

»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber
er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –

»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.

»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen
Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine
Öffnung suchend.

»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in
seine Betäubung zurücksinkend.

»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die
losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein
Beil! Nimm!«

Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus:
»Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«

»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder
und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock
gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«

Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
Schritt gegen die Thüre.

»Und _sie_ darf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.

»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ich _will_ frei sein und mit
dir gehen.«

»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den
Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir
vergiebst.«

»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand
hat deine Speicher verbrannt!«

»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der
Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die
Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.

»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich
nur noch einmal! Witichis!«

»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«

Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die
Stufen hinauf in den Gang.

»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir
verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.

Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.

Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes
geweckt.

Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem
Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof
blickten.

»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam
geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die
Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer
Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang
hineinstürmten.

Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne
Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und
zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.

Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen
Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem
Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen
entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«

»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.

Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen
nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.

Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten
die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre
schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein
Pferd!«

Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.

Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter
flogen nach allen Thoren der Stadt.

»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen
bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes
schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und
Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«

»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem
Palastthor sprengend.

»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie
können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«

»Zwei große Mauerbreschen sinds.«

»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
Ist nicht dort –?«

»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«

»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem
nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden.
Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –

Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein
Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will
ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir
lassen, du Seele meiner Seele.«

»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen
Nacken, o du mein alles.«

»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«

Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses
war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das
Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr
tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht
zu brauchen.

Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und
es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« –
Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.

»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den
Steineichen.«

»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind
verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf
Leben und Sterben. Aber leise!«

Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.

»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.

Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«

Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne
flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug
zurückgehemmt.

»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr:
»Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig
in die Flut.

Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur
Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die
Spur, o Herr.«

»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«

Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.

»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«

»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser
reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen
erst zu ihm beten.«

»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«

Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln.
– Hochauf rauschte die Flut.

»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«

»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«

Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis
helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.

»Zielt rasch, dorthin.«

»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –

Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem
Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.

»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«

»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht,
Rauthgundis.« –

Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.

Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und
die Gruppe am Felsen.

»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte
Pfeil von der Sehne.

»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank
nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.

»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« –
»Niemals! Laß dich stützen.«

»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«

Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis
in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.

»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie
mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
hellem Mondlicht stand die Gruppe.

»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in
das Wasser spornend.

»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«

Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs
und versank für immer in die Tiefe.

Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch
Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«

Umschlungen verschwanden sie im Fluß.

Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen.
Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.

»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend.
Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.

Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen
und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie
Meer.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.

Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute
geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die
eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den
Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer
hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber
mit starr geöffneten Augen lag.

Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und
drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager.
Mataswintha sah ihm ins Auge.

»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.

»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos.
Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das
Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut
treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm
Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist:
meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich
abzuholen. Du wirst ihm folgen.«

»Wo ist die Leiche?«

»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«

Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«

»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«

»Ich werde bereit sein.«

»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«

»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken:
Diadem, Purpur, Seide.«

»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die
Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus
der Brust gerissenem Herzen.«

Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.

Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur
Königin zu entbieten.

Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber
gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er
die Gotenfürstin nie gesehen.

Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern
bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit
goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn
Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war
marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,«
rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber
weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«

Germanus sah fragend auf Cethegus.

Dieser trat vor. Er wollte sprechen.

Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:

»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine
Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei
von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht.
Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es
nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«

Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.

Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu.
Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert
aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst
gesendet.

Es war das Schwert des Königs Witichis.



                                 FUSSNOTE


    1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber
      statt des Anio.



                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


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Die Fußnote wurde an das Ende des Textes gesetzt.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
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      Seite 40: Punkt ergänzt hinter »sie«
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      Seite 61: Anführungszeichen ergänzt vor »hast«
      Seite 67: Anführungszeichen ergänzt vor »ich«
      Seite 73: Anführungszeichen ergänzt vor »Wir«
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Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von
einigen Zahlwörtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
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*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ein Kampf um Rom. Zweiter Band" ***

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