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Title: Das Wirken der Seele - Ideen zu einer organischen Psychologie
Author: Eisler, Rudolf, 1873-1926
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  Das
  Wirken der Seele

  Ideen zu einer organischen Psychologie


  Von

  DR. RUDOLF EISLER


  [Illustration: Dekoration]


  LEIPZIG
  Alfred Kröner Verlag
  1909


Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.



Vorwort.


Die vorliegende Arbeit[A] enthält die Grundzüge einer
+organisch-teleologischen Psychologie+, deren systematischen Ausbau sich
der Verfasser für eine spätere Zeit vorbehält. Es wird hier versucht, zu
zeigen, wie sich eine konsequente Durchführung des psychologischen
»Voluntarismus«, für den das Streben und Wollen, die zielsetzende
Tätigkeit der Psyche (als des »Innenseins« des Organismus) das
+Dynamische+, das innerste Triebwerk des Seelenlebens ist, gestalten
muß, wenn dieser Voluntarismus im guten Sinne des Wortes +monistisch+
und +evolutionistisch+ gefärbt ist, d. h. wenn er bei vollster
Anerkennung der Eigenkraft des Psychischen einer Durchbrechung des
geschlossenen Naturzusammenhanges nirgends Raum gewährt, und wenn er die
innere, durch äußere Faktoren mitbedingte Entwicklungsarbeit der Psyche
gebührend berücksichtigt. Wenn auch naturgemäß so manches schon Bekannte
gebracht werden mußte, so hofft der Verfasser doch, durch seine Schrift
nicht bloß weiteren Kreisen, sondern auch dem Psychologen, Biologen und
Philosophen manche Anregungen bieten zu können[B].


  +Wien+, April 1909.

                                          Dr. +Rudolf Eisler+.

   [A] Unter Zugrundelegung der gleichnamigen Abhandlung in der
   »Zeitschrift für den Ausbau der Entwicklungslehre«, II. Jahrgang.
   1908.

   [B] Vgl. +Eisler+, Krit. Einführ. in die Philos., Berlin 1905;
   +Leib und Seele+, Leipzig 1908; +Grundlagen der Philos. des
   Geisteslebens+, Leipzig 1908; Wörterbuch der philos. Begriffe,
   Berlin, 3. Aufl., 1909, sowie die in Vorbereitung befindliche im
   gleichen Verlage (im Herbste) erscheinende »Geschichte des
   Monismus«.



Inhalt.


                                                    Seite

  I. Die Psyche und ihr Verhältnis zum Physischen       5

  II. Die psychische Kausalität                        19

  III. Der Wille als psychischer Motor                 28

  IV. Der Zweck im Seelischen                          43

  V. Psychische Entwicklung                            58

  Anmerkungen                                          70



I. Die Psyche und ihr Verhältnis zum Physischen.


Die Zeiten, da man unter der Seele eine immaterielle, einfache,
unzerstörbare Substanz hinter dem Bewußtsein und dessen Modifikationen
verstand, scheinen nun doch vorüber zu sein. Zwar fehlt es gerade in
jüngster Zeit nicht an einer +dualistischen Reaktion+ nicht bloß gegen
den Materialismus, sondern auch gegen die »Identitätstheorie« und jeden
sonstwie gearteten »Monismus«, aber erstens ist diese Reaktion nur ein
neuer Vorstoß des alten Seelenglaubens, und zweitens weist sie vielfach
+Konzessionen+ gegenüber der monistischen Ansicht auf, welche bezeugen,
daß es mit der metaphysischen Hypothese der absolut einfachen, dem Leibe
völlig selbständig gegenüberstehenden und von ihm trennbaren
Seelensubstanz rapid zu Ende geht.

Die psychologische »Aktualitätstheorie« mag sich mancher Einseitigkeiten
und Übertreibungen schuldig gemacht haben, wie wir weiter unten zeigen
werden. Aber das nimmt ihr keinesfalls das außerordentliche Verdienst,
an Stelle der »transzendenten«, aller Erfahrung sich entziehenden
Seelensubstanz mit besonderen »Vermögen« und Tätigkeiten das +konkrete
Bewußtsein+ als Inbegriff und Zusammenhang von Erlebnissen selbst
gesetzt zu haben. Mit vollem Recht betont diese Aktualitätstheorie[1]
zweierlei. Erstens, daß die +psychischen Vorgänge+, die
Bewußtseinserlebnisse als solche +weder Schein noch bloße Erscheinung+
sind, sondern volle Wirklichkeit und Wirksamkeit haben, so daß also das
Psychische nicht aus unerfahrbaren, hinter und unter den
Bewußtseinserlebnissen stehenden Prozessen besteht. Zweitens, daß das
Psychische +nichts starr Substantielles, Ruhendes+, sondern »aktuell«
ist, daß es nicht Zustand einer absolut beharrenden, unveränderlichen
Substanz ist, sondern in einem Zusammenhang von Vorgängen, von
lebendigen Prozessen besteht, in welchen nichts sich absolut
gleichbleibt. Die psychischen Gebilde sind nicht Dinge, sondern
+fließende Resultate beständiger Aktionen und Reaktionen+, sie sind in
einem +unaufhörlichen Flusse+ begriffen und bilden die +Momente einer
fortlaufenden Entwicklung und Entfaltung+, deren Konstanz in erster
Linie +formaler+ Art ist. Die Seele ist hiernach keine »Substanz« im
Sinne des naturwissenschaftlichen Substanzbegriffs. Dieser ist durch die
Beschaffenheit des Inhalts der »äußeren«, sinnlich vermittelten
Erfahrung gefordert; er dient zu deren objektiven Vereinheitlichung, zur
Setzung fester Ansatzpunkte für die Anschauung und das Denken der
Objekte. Für die Psychologie aber ist der abstrakte Substanzbegriff ohne
Nutzen, er ist hier überflüssig, weil das Zentrum, um das sich die
psychischen Erlebnisse gruppieren, unmittelbar im +Subjektmoment+
gegeben ist, und er ist sogar schädlich, weil er den konkreten
Tatbestand des Erlebens leicht zugunsten eines unbekannten, mit
hypothetischen oder fiktiven Kräften und Eigenschaften ausgestatteten
Seelendinges verfälscht, dem Reichtum der Bewußtseinsmannigfaltigkeit
nicht genügt, der im Widerspruche zu der vorgeblichen »Einfachheit« der
Seelensubstanz steht, und endlich die Wechselbeziehungen zwischen
Psychischem und Physischem zu einem Rätsel macht. Denn alle Versuche,
die »Wechselwirkung« zwischen der einfachen Seelensubstanz und dem
Körper verständlich zu machen, scheitern teils an der Heterogenität
beider Wirklichkeitsglieder, teils an der Durchbrechung, welche hier das
Prinzip der geschlossenen Naturkausalität und das Prinzip der Erhaltung
der physischen Energie erleiden[2].

Übrigens gilt das meiste des hier Gesagten auch für jene Annahme, wonach
das Psychische zwar nicht Zustand einer unbekannten Seelensubstanz, aber
doch ein vom Physischen absolut verschiedenes, trennbares und
eigenartiges +Geschehen+ ist, das mit jenem in Wechselwirkung steht.
Erstens läßt sich nicht, wie dies von mancher Seite geschieht, das
Psychische in genau demselben Sinne wie das Physische als eine »Energie«
auffassen; denn es ist unräumlich[3], unmassenhaft und entbehrt auch
sonst der Eigenschaften, welche eine physikalisch-chemische
Arbeitsleistung ermöglichen. Ist es aber keine Energie im physikalischen
Sinne, läßt es sich seiner Natur nach weder aus physischer Energie
gewinnen noch in solche umsetzen, schon weil es keinen Bestandteil des
Inhalts der äußeren Erfahrung bildet, ist ferner nicht einzusehen, wie
ein immaterielles Geschehen Bewegung erzeugen oder auch nur der Richtung
nach abändern und wie Bewegung, Druck und Stoß, kurz mechanische Kraft,
auf ein Immaterielles, Unräumliches einwirken kann, dann ist die Annahme
eines solchen, dem Physischen als selbständiges Geschehen
gegenüberstehenden Psychischen, auch abgesehen von anderen
Schwierigkeiten, schon suspekt. Ein Psychisches kann auf ein Physisches
nicht wahrhaft einwirken, ohne daß die Menge der physikalisch-chemischen
Energie einen +Zuwachs+ erhält, und umgekehrt kann das Physische,
Materielle nicht auf das Seelische eine Wirkung ausüben, ohne daß
physische Energie +verloren+ geht. Es müßte denn neben der normalen Art
physischer Wirksamkeit noch eine zweite geben, welche das Energieprinzip
intakt läßt -- eine undurchführbare und vor allem ganz unnötige Annahme.

Nun könnte man glauben, es bleibe nur noch der materialistische Ausweg,
das Psychische mit dem Physischen zu identifizieren oder es als
»Funktion« desselben zu bestimmen. Dem ist aber nicht so. Der
+Materialismus+ ist als Dogma eine unhaltbare Theorie und was er
Richtiges enthält, die +strenge Koordination+ zwischen psychischen und
physiologischen Vorgängen, bietet auch der nicht materialistische
Monismus, von dem gleich die Rede sein wird. In keiner seiner Abarten
ist der Materialismus haltbar, aus Gründen, die hier nur angedeutet
werden können. Das »Psychische«, d. h. irgendein beliebiges »Erleben«,
wie die Empfindung eines Tones, die Vorstellung einer Gestalt, das
Gefühl einer Lust oder Unlust, eine Begierde oder ein Abscheu, ein
Willensentschluß, ein Urteilsakt u. dgl., +ist ein subjektiver+, auf ein
Subjekt, ein Ich unmittelbar sich beziehender, in physikalischen
Ausdrücken nicht beschreibbarer Vorgang, der etwas anderes ist als der
Inhalt oder Gegenstand des Erlebens, das objektive Raumgebilde, an
welchem Bewegung und Energie auftritt. Es ist einfach absurd, zu
behaupten, ein Schmerz etwa »sei nichts als Bewegung«; denn wir meinen
ja mit Schmerz, Lust, Wille u. dgl. qualitativ etwas ganz Bestimmtes,
Erlebbares, was sich ohne weiteres von einer Bewegung, von einem
räumlichen Geschehen unterscheidet. +Psychische Erlebnisse+ sind weder
stoffliche Substanzen, die von anderen gleichsam ausgeschieden werden
könnten, noch physische Vorgänge, sie sind +nicht Objekte+ des Erlebens,
sondern das +subjektive Erleben selbst in dessen unmittelbarem
Auftreten+. Das Psychische ist kein wäg- oder räumlich meßbares,
mechanische Arbeit verrichtendes Etwas, keine »Nervenschwingung« u.
dgl., mag es auch mit einer solchen untrennbar verknüpft sein. Es hat
mit Massen und Massenbewegungen nichts zu tun, es kann nicht eine
»Eigenschaft« unter materiellen Eigenschaften bilden, es geht nicht in
die mathematischen Formeln für physikalisch-chemische Vorgänge ein. Aber
auch nicht eine kausale Funktion, eine Wirkung physiologischer Prozesse
kann das Psychische, das subjektive Erleben sein. Erkenntnistheoretisch
nicht, weil das Physische als solches schon durch ein Subjekt und dessen
psychisches Erleben (Empfinden, Vorstellen, Wollen) +bedingt+ und im
besten Falle nur die von einem Bewußtsein qualitativ abhängige
»Erscheinung« eines »An sich« ist, das nicht selbst physisch ist, wenn
es auch den objektiven »Grund« für das Auftreten physischer Phänomene
abgibt. Aber auch aus methodologischen Gründen kann das Psychische nicht
die Wirkung des Physischen, Physiologischen sein, ganz abgesehen von
seiner Ungleichartigkeit gegenüber dem letzteren. Physiologische
Prozesse sind physikalisch-chemischer Art, soweit sie vom Standpunkte
der »äußeren« Erfahrung betrachtet werden. Die +methodische Konsequenz+
erfordert es, den einmal eingenommenen Standpunkt bis zum Ende und
+ausnahmslos festzuhalten+. Es ergibt sich daraus die +Geschlossenheit+
der physischen Kausalität, wonach jeder physische Vorgang, auch im
Organismus, immer wieder nur einen physischen Vorgang zur Wirkung und
zur Ursache haben kann, sollen nicht, was die +Einheit und
Vollständigkeit+ der Erfahrung und Erkenntnis beeinträchtigt, die
Standpunkte fortwährend miteinander vermengt und vertauscht werden. Der
Materialismus leidet also an +demselben Fehler+ wie der Dualismus, wenn
er ein Bewirktwerden des Psychischen durch Physisches, etwa durch
Gehirnprozesse annimmt, ganz abgesehen davon, daß ganz und gar nicht
abzusehen ist, wie aus rein Objektivem und Materiellem etwas
»Subjektives«, »Immaterielles« (im guten Sinne des Wortes) entstehen
oder hervorgehen kann. Auch ist hier, wie beim Dualismus, das Gesetz der
Konstanz der Energie, welches die Anwendung des apriorischen
Kausalprinzips auf die äußere Erfahrung ist, ein festes Bollwerk gegen
alle Auffassung des Psychischen, des Bewußtseins als kausaler Funktion
physiologischer Prozesse.

Meint man nun, gewiß sei das Psychische im Bewußtsein vom
Physiologischen verschieden, aber das sei nur Schein oder Erscheinung,
in Wirklichkeit oder »an sich« sei das Erleben doch nur physischer Art,
so ist darauf zu erwidern, daß hier +das richtige Verhältnis geradezu
umgedreht+ wird. Das Physische kann zwar kein Schein, wohl aber
»objektive Erscheinung« sein, denn es ist durch das erkennende Subjekt,
durch ein Psychisches also, qualitativ bedingt. Aber das Psychische
(Geistige) als solches, das Bewußtsein im weitesten Sinne, kann +nicht
bloße Erscheinung+ sein. Denn damit etwas »erscheint«, ist schon ein
psychisches Erleben (Erkennen) notwendig, +durch das+, und ein Subjekt,
+für welches+ es erscheint. Ein Physisches, das nicht schon zugleich
psychisch ist, kann sich also gar nicht »erscheinen«, nicht irgendwie
»erfassen«. Kann es sich aber erleben, erkennen, dann ist es eben nicht
mehr rein physisch und hat eigenartige Erlebnisse, eben das Psychische:
Empfindung, Vorstellung usw., das unmittelbar und sicher da ist. An der
Existenz psychischer Erlebnisse in uns können wir nicht im geringsten
zweifeln; daß wir fühlen wollen, denken usw., muß auch für den größten
Skeptiker, der das Dasein der Körper in Frage stellt, evident sein.
Es gibt kein unmittelbareres und gewisseres Sein als das Bewußtsein;
es ist nicht bloße Erscheinung, sondern die +Urbedingung aller
Erscheinungsmöglichkeit+; es setzt sich selbst logisch voraus,
ist völlig unableitbar[4].

Mit der Wendung: »eigentlich« ist das Psychische nur eine
Nervenschwingung, ist es also nichts. So wie der Dualist geht auch der
Materialist hinter die Erfahrung zurück, indem er das unmittelbare
Erlebnis, das wir als unbefangene Beurteiler selbst das Psychische
nennen, transzendiert. Das gleiche tut natürlich der Vertreter der
»Philosophie des Unbewußten«, wenn er das psychische Wirken in das
absolut Unbewußte verlegt. Ein Unbewußtes absoluter Art, das zugleich
psychisch sein soll, ist ein Unding, ein »unbewußter Geist«, ist eine
contradictio in adjecto, denn »Bewußtsein« und »psychisch« sind ja zwei
Bezeichnungen für ein Geschehen, von dem man gar nichts wissen könnte,
wäre es nicht im Erleben gegeben. In der Tat sind die »unbewußte
Vorstellung« und der »unbewußte Wille« nur Entlehnungen aus dem
Bewußtsein, das »Unbewußte« hat in diesem sein Vorbild, ist nur eine
metaphysische Kopie und Verdoppelung desselben.

Zwischen Materialismus und Dualismus schwankt jene Lehre, nach welcher
das Psychische, das Bewußtsein nur ein »Epiphänomen« des Physiologischen
ist[5]. Das Seelische ist hiernach nicht selbst physisch, es ist auch
nicht eine Wirkung des Physischen, sondern eine Art Schatten, welcher
das physiologische Geschehen im Zentralnervensystem begleitet, in steter
»Abhängigkeit« von diesem, aber ohne eigene Wirksamkeit. Im Menschen,
der einen lebenden Automaten darstellt, vollzöge sich alles ganz genau
so, wie es sich vollzieht, auch wenn es kein Bewußtsein gäbe. Dieses
kommt nur auf einer bestimmten Stufe der organischen Entwicklung zum
Physiologischen hinzu (als ein »surajoutée«), man weiß nicht wie und
woher und wozu. Denn einen Einfluß auf das organische Getriebe soll es
ja nicht haben, und aus dem Physischen soll es ja nicht entstehen, da es
diesem nur parallel geht. Es schwebt durchaus in der Luft und erscheint
als biologisch nutzlos und schon vom Standpunkte des Darwinismus wegen
dieser Zwecklosigkeit als genetisch unbegreiflich[6]. Daß man sich gegen
eine solche Form des »psycho-physischen Parallelismus« energisch gewandt
hat, ist durchaus in der Ordnung. Ebensowenig wie das Prinzip der
Stetigkeit und die Kausalität es zuläßt, daß aus Bewegungen durch bloße
Komplikation etwas ganz Neues, das Bewußtsein, entsteht, ebensowenig
kann dieses plötzlich, bei den Organismen, aus dem Nichts zum Physischen
hinzukommen. Es müßte denn das Erzeugnis eines Schöpfers sein, eine
Annahme, die kaum als eine wissenschaftliche gelten kann, ganz einerlei,
ob man für sich nun an einen Gott glaubt oder nicht.

Ein neben dem physischen einhergehendes, ohne innere Verbindung mit
demselben ablaufendes psychisches Geschehen, das gleichwohl in steter
Korrelation zu ihm steht, obzwar es selbst »inkausal« ist und auch vom
Physischen keine Wirkungen empfängt, ist nicht das, was die Psychologie
und die Biologie von dem Begriffe des Seelischen mit Recht fordern
können. Dieser Begriff muß den Tatsachen der Erfahrung möglichst gerecht
werden und sie möglichst umfassend erklären können. Und er muß deshalb
auch in rationeller Beziehung zum Begriff des Physischen, bzw.
Physiologischen stehen.

Ist nun das Psychische nicht der Zustand oder die Tätigkeit eines
transzendenten Seelenwesens, auch nicht die bloße Funktion oder
Erscheinung des Physischen, des Nervensystems, ist es weder selbst ein
physischer Prozeß, noch ein neben diesem einhergehender Vorgang, was ist
es denn, was kann es denn noch sein?

Jedenfalls ist das Psychische, da es nicht das Erzeugnis eines rein
Materiellen sein kann, ein +Prinzip+ des Seins, ein »Urgeschehen«. Es
ist mindestens +ebenso primär+, ursprünglich wie das Physische. Wie
Subjekt und Objekt Korrelate sind, die getrennt nicht bestehen, sondern
zu +einer und derselben Erfahrung+ als deren beide Seiten, Glieder,
Beziehungspunkte gehören, ohne daß das eine ein Produkt des andern ist,
so erweisen sich auch Psychisches und Physisches als untrennbare, nur in
der Abstraktion unterscheidbare und voneinander abzulösende »Seiten« der
+Gesamterfahrung+. Diese ist die ursprüngliche Einheit, die »Identität«
des Psychischen und Physischen. Die Verschiedenheit beider »Seiten«
bedingt einen, vom metaphysischen durchaus zu sondernden +empirischen+
(phänomenalen) Dualismus auf Grundlage eines ebenso empirischen
Monismus. In der Abstraktion und zwecks begrifflicher Verarbeitung des
Erfahrungsinhalts müssen wir von zwei »Seiten« des Geschehens sprechen.
Die eine ist das Physische, die andere das Psychische. Sehen wir nämlich
davon ab, daß die Inhalte der Sinneswahrnehmung und des diese
verarbeitenden Denkens in konkreter Wirklichkeit zu einem Subjekt, einem
»Bewußtsein überhaupt«, einem Erleben gehören, behandeln wir diese
Inhalte, die Objekte der Erfahrung, als von aller Individualität
(Subjektivität) unabhängige, selbständige, gesetzlich miteinander
verknüpfte, in raum-zeitlich-kausalen Relationen zueinander stehende
Dinge und Eigenschaften, die wir in mathematischen Formeln quantitativ
festlegen, dann ergibt sich jene Auffassungsweise, die wir »äußere«
Erfahrung und »mittelbare« Erkenntnis nennen, deren Gegenstand das
Physische, Körperliche, Materielle ist. Dieses besteht also, ungeachtet
des »Idealismus«, den die Erkenntniskritik für die Objekte der Erfahrung
als solche statuiert, nicht aus psychischen Erlebnissen, sondern wird
von diesen +methodisch unterschieden+. Das Psychische hingegen ergibt
sich aus einer anderen »Auffassungsweise« der Erfahrung, nämlich sofern
diese +in voller Unmittelbarkeit und Konkretheit+, ohne jede Abstraktion
und Hypostasierung, ohne »Objektivierung« hingenommen und gedacht wird.
Das Erfahren, Erleben selbst in allen seinen Momenten und Elementen
(Empfindung, Vorstellung, Wollen, Denken usw.), als +unmittelbarer
subjektiver Prozeß+, als Bewußtsein, für ein Ich-Gegeben-Sein, als
unmittelbarste Aktion und Reaktion eines Subjekts ist das Psychische.
Ein und derselbe Tatbestand also, ein Erlebnisganzes bildet den
Ausgangspunkt für zwei verschiedene +Betrachtungsweisen+, für den
»empirischen Dualismus«, der, philosophisch gedeutet, zu irgendeiner Art
des +Monismus+, wenn auch nicht zum Materialismus führt, wofern man sich
nur der Korrelation beider Seiten der Gesamterfahrung bewußt bleibt[7].

Gehen wir vom menschlichen Organismus als einem Teil unserer Erfahrung,
oder, noch besser, geradezu von unserem eigenen Ich aus. Erfasse ich mich
mittels der Sinne und denke ich mich als ein +Objekt+ unter Objekten,
abstrahiere ich von dem Umstand, daß das, was ich sinnlich an mir vorfinde,
zu meinem Ich, Subjekt, Bewußtsein zugehört, denke ich es methodisch als
System von Bewegungen oder Energien selbständiger, miteinander in
Wechselwirkung stehender Elemente um, dann bin ich für mein eigenes wie für
das fremde Erkennen ein +Physisches+, ein Körper (Leib) mit körperlichen
Vorgängen, ein Raumding unter gleichartigen Dingen. Ich finde dann an mir
nichts als ausgedehnte Masse, Bewegungen der Glieder, der Muskeln,
Nervenschwingungen, kurz, physikalisch-chemische Prozesse, die miteinander
in durchgängigem Zusammenhang stehen, ohne daß irgendwo die kausale
Verkettung eine Lücke zeigt. Vom Standpunkt der »äußeren« Erfahrung,
welcher der der Naturwissenschaft ist, bin ich, wie jeder andere
Organismus, nichts als bewegte Materie, ein Komplex physikalisch-chemischer
Energien, kurz, ganz so, wie der Materialismus es lehrt. Aber dieser
Materialismus ist völlig +einseitig+. Denn sobald ich den Standpunkt der
äußeren mit dem der »inneren« (unmittelbaren) Erfahrung vertausche, ändert
sich das Bild. Jetzt bin ich nicht mehr bewegte Materie oder
Energiekomplex, sondern ein lebendiges, empfindendes, fühlendes, wollendes,
denkendes +Subjekt+, ein +einheitlicher Zusammenhang von Erlebnissen+, die
als solche -- mögen sie auch Körper und Bewegungen zum Inhalt oder
Gegenstand haben -- weder Körper noch Bewegungen sind. Ich habe Erlebnisse
von Farben, Tönen, Ausdehnung usw., aber das subjektive Erleben als
solches, das Auftreten oder Erzeugen von Vorstellungen, Gefühlen usw. ist
nicht selbst farbig, tönend, ausgedehnt, schwer u. dgl., sondern intensiv,
klar, lebhaft, deutlich usw., es muß +anders beschrieben und bestimmt+
werden als das Physische, als +der objektivierte und hypostasierte
Erfahrungsinhalt+. Ebendasselbe also, was von dem einen Gesichtspunkt als
Körper sich darstellt, erscheint, ist in seinem unmittelbaren
»Für-sich-Sein«, als erlebendes Subjekt, eine »Seele«, ein psychischer
Zusammenhang. Insofern das Physische als solches ein +Abstraktionsprodukt+
ist und von den Formen der Anschauung und des Denkens abhängig ist, kann es
als »Erscheinung« bestimmt werden. Das Psychische (Geistige) hingegen, das
die Bedingung der Erkenntnisformen, ja der Zusammenhang von
Erkenntnisfunktionen (neben anderen) selbst ist, das ferner niemals
direktes Objekt eines fremden Erkennens sein kann, ist nicht bloße
Erscheinung (im Kantischen Sinne), sondern (mindestens +relativ+) ein »An
sich« des Organismus, jedenfalls aber das mehr unmittelbare, mehr konkrete,
vollere Sein oder Geschehen.

Die »Identitätstheorie«, wonach Psychisches und Physisches zwei
»Seiten«, »Attribute«, »Erscheinungen«, »Aspekte« eines und desselben
Wesens bilden, kann in realistischer oder auch in mehr oder weniger
idealistischer Weise formuliert werden. Wir glauben nun, daß die
realistische Identitätstheorie mit ihrer Annahme eines an sich
unbekannten Wesens, dessen Äußerungen oder Seiten das Psychische und
Physische darstellen, immerhin durchführbar ist, halten sie aber doch
entweder für einen »agnostischen« Verzicht auf eine weitere
Vereinheitlichung der Erkenntnis oder aber, wenn sie als der Weisheit
letzter Ausspruch gilt, für +halb-dualistisch+ und in manche
Schwierigkeiten verwickelnd. Wir ziehen es daher vor, den Monismus
+idealistisch+ (oder besser »ideal-realistisch«) zu fassen, indem wir
sagen: +Was an sich, für sich, unmittelbar erfaßt psychisch ist, das ist
der objektiven Erscheinung nach, mittelbar erkannt, methodisch
verarbeitet physisch.+ Der äußeren, körperlichen Organisation
»entspricht« die innere, seelische Organisation; erstere ist die
»Erscheinung«, der »Ausdruck«, die »Objektivation« der letzteren, diese
das »An sich«, das »Innensein« jener, so aber, daß beide nur aus der
+einheitlichen Gesamterfahrung+, in der sie untrennbar sind,
herausgehoben sind. Diese und das beiden Betrachtungsweisen Gemeinsame
(Entwicklung, Differenzierung, Intensität und andere Eigenschaften) ist
das »Identische« der beiden Daseinsweisen[8]. Seele und Leib sind
demnach +nicht zwei trennbare Dinge+, nicht zwei Substanzen, aber es ist
auch nicht die Seele mit dem Körper, dieser mit der Seele identisch.
Sondern je nach der Betrachtungsweise ist dasselbe Wirkliche, der
»Organismus«, durchweg »Seele« oder durchweg »Körper«. Und weil dem so
ist, weil Psychisches und Physisches +Korrelate+ sind, die sich auf
+dasselbe Wesen+ beziehen, besteht zwischen ihnen vollkommene
+Harmonie+, »entspricht« jedem psychischen ein physisches
(physiologisches) Geschehen und umgekehrt, ohne daß eine wahre
Wechselwirkung zwischen ihnen zu bestehen braucht. So genommen, verliert
der »psychophysische Parallelismus« alles Mystische und Unbegreifliche,
denn jetzt handelt es sich nicht mehr um zwei fremd einander
gegenüberstehende und doch in genauer Übereinstimmung befindliche,
selbständige Seins-Reihen, sondern +nur um eine Wirklichkeit, die von
zwei Gesichtspunkten aus betrachtet und denkend verarbeitet wird+[9].

Jedem psychischen Vorgang entspricht ein physiologischer Prozeß, und
umgekehrt hat jeder physiologische Vorgang in einem psychischen
Geschehen mehr oder weniger bewußter Art sein Korrelat. Es besteht also
eine wechselseitige +Abhängigkeit beider Daseinsweisen voneinander+, die
aber nicht direkt kausal ist, sondern »funktionell« im Sinne der
Mathematik, wiewohl man sich populär und im einzelnen auch der kausalen
Ausdrucksweise bedienen kann, wenn man sich nur der +Laxheit+ derselben
bewußt bleibt. Die Fälle scheinbar echter Wechselwirkung zwischen Leib
und Seele erklären sich wie folgt. Es gibt außer den vollbewußten,
apperzipierten psychischen Vorgängen »unterbewußte« und für sich allein,
gesondert überhaupt nicht gewußte, nicht bemerkte, nicht »apperzipierte«
(keineswegs aber absolut unbewußte, apsychische) Prozesse und Elemente
von solchen, die sich zum Teil zu dem vereinigen und in dem aufgehen,
was wir das dunkle »Lebensgefühl« nennen. An diesem partizipieren jene
psychischen Teilvorgänge, die den +vegetativen+ Lebensprozessen parallel
gehen, ohne ins Licht des eigentlichen, des klaren Selbstbewußtseins zu
fallen. Die Abhängigkeit des geistigen Lebens, des Denkens z. B., vom
»leiblichen« bedeutet nun, streng genommen, nicht eine kausale
Beeinflussung des Geistigen durch das Körperliche als solches, sondern
durch jene »Innenseite« desselben, die in Form mehr oder weniger
dunkler Empfindungen, dumpfer Gefühle und Strebungen u. dgl. auftritt.
Das »Leibliche« wirkt also, wenn man will, auf das Seelische ein, aber
schon als Bestandteil des Psychischen, als ein +Seelisches niederer
Ordnung+, als eine +Provinz der psychischen Organisation+[10]. In diesem
Sinne ist es wahr, daß z. B. Verdauungsbeschwerden einen Einfluß auf die
Denktätigkeit, die Stimmung usw. ausüben; aber nicht die
physikalisch-chemischen Vorgänge im Magen sind die Ursachen der
psychischen Depression, sondern die diesen Vorgängen entsprechenden
»Innenzustände«, bzw. diese Vorgänge vom Standpunkt der inneren
Erfahrung aufgefaßt. Ebenso sind Störungen des Gehirns, die durch Läsion
desselben bedingt sind, nur insofern die Ursachen geistiger Erkrankung,
als sie zugleich, an sich, Störungen unbewußter psychischer Prozesse,
Dispositionen und Verbindungsmöglichkeiten sind, an die sich die
eigentliche Geistesstörung knüpft. So wie der Leib nur als Psychisches
auf den Geist einwirkt, mit dem zusammen er einen Teil der seelischen
Gesamtorganisation bildet, so wirkt die Seele auf den Leib wahrhaft nur,
sofern dieser ein »Innensein« hat, d. h. als unmittelbares Erlebnis,
nicht wie er als Komplex von Atomen und Energien abstrakt aufgefaßt und
bestimmt wird. Nur die unmethodische willkürliche +Vertauschung der
Standpunkte+, die ja gewiß bequem ist, verführt zu dem Glauben, es könne
etwa der Wille eine Bewegung kausal beeinflussen. In Wahrheit geschieht
folgendes: ein von Empfindungen oder Vorstellungen ausgehender
Willensimpuls hat zur Folge eine Veränderung in Muskelempfindungen u.
dgl., kurz, eine Art Umlagerung von Bewegungsvorstellungen. Die
Willenshandlung beginnt psychisch mit dem Antrieb und endet in
Muskel- und ähnlichen Empfindungen, und dem geht parallel eine physische
Reihe, welche mit Gehirnprozessen beginnt und in einer Bewegung etwa des
Armes endigt. Auf diese Weise geht der Willensimpuls tatsächlich der
angeführten Bewegung zeitlich voran; aber gleichwohl fallen innere
Willenshandlung und äußere Gesamtbewegung zeitlich zusammen, indem je
einem Moment der ersteren ein Moment der letzteren zugeordnet ist[11].
In der Bewegung kommt der Wille zum sichtbaren und meßbaren +Ausdruck+,
er ist der innere +Grund+ der Bewegung, aber nicht die phänomenale
»Ursache« derselben, welche in einem Nervenprozesse zu suchen ist, gemäß
dem Prinzip der geschlossenen Naturkausalität und dem der Konstanz der
Energie. Der Willensvorgang ist der Grund, daß die objektive Erscheinung
einer Körperbewegung für ein Subjekt auftritt, und insofern kann man
sagen, die Körperbewegung ist durch das Psychische »bedingt«, sie würde
ohne dieses nicht auftreten, da sie ja nur die »Außenseite« desselben
ist. +In Wahrheit wirkt die Seele immer nur auf ein Glied oder Element
ihrer Organisation und dies erscheint objektiv als Wechselwirkung
zwischen Bestandteilen der körperlichen Organisation.+ Alles
physiologische Geschehen läßt sich insofern als ein +Zeichen+ für einen
psychischen Vorgang auffassen; ja der gesamte körperliche Organismus
bildet geradezu ein +System der Ausdrucksbewegungen+, in welchen sich
mehr oder weniger bewußte oder unterbewußte, höhere oder niedere
psychische Zustände und Vorgänge verraten, manifestieren.

Wir verstehen nun, warum und inwiefern das Psychische an ein
Nervensystem und dessen Funktionen, bzw. an organische Substanz, an
Substanz überhaupt »gebunden« ist. Nicht weil es ein Produkt dieser
Substanz ist, sondern weil es das »Innensein« derselben bildet, weil das
Subjektive als materielles Sein und Geschehen erscheint oder unter
entsprechenden Bedingungen (Anwesenheit eines wahrnehmenden Subjekts
usw.) erscheinen kann und muß. Da höheres Geistesleben nur auf der Basis
eines niederen, sinnlichen, teilweise schon »mechanisierten«
Seelenlebens erwächst, so ist es begreiflich, daß dieses höhere,
entwickeltere, +differenzierte Geistesleben+ auch in Form einer
+differenzierteren Materie+ erscheint und demnach an ein Nervensystem,
beim Menschen sogar an ein Großhirn gebunden ist, während das Seelische
in niederer Form auch nur niedere, weniger organisierte Substanz zum
Korrelat hat. Diese substantiellen »Träger« des Seelischen sind
erkenntnistheoretisch und naturphilosophisch als »Objektivationen« einer
Organisation, einer »Struktur«, eines Seins zu betrachten, das aus der
+Wirksamkeit des Seelenlebens auf sich selbst+, in aktiver und reaktiver
Anpassung auf die Umwelt, durch Übung und Vererbung und andere Faktoren
hervorgegangen ist. Die Seele »baut« sich ihren Leib selbst, nicht durch
mystische Formung des Körpers, sondern durch +Selbstorganisation+, die
den Ausgangspunkt und die Basis für höhere Entwicklungen bildet und
objektiv als mehr oder weniger differenzierte Materie mit
entsprechenden, physischen, physiologischen Funktionen erscheint. In
diesem Sinne ist der +Leib+ in Wahrheit die +verkörperte und teilweise
mechanisierte Seele+, diese die +lebendige, aktive »Form«, die
»Entelechie« des Leibes+, in dem sie sich objektiviert und stabilisiert.
Jedes psychische Geschehen ist also insofern zugleich physisch, als es
in einer physischen Erscheinung zum »Ausdruck« kommt und es hat
Physisches zur Folge, insofern es der +innere Grund+ einer Veränderung
in den physischen Phänomenen, die den Organismus betreffen, ist.
Direkte, +phänomenale+, exakt-meßbare, naturwissenschaftliche +Ursache+
einer organisch-physischen Veränderung ist stets wieder ein +physischer+
Vorgang im Organismus als Reaktion auf einen äußeren Reiz. Indem dieser
den Organismus erregt, +bedeutet+ diese »Erregung« zweierlei: vom
Standpunkt der äußeren Erfahrung eine Auslösung physischer Energie, vom
Standpunkt der inneren Erfahrung ein inneres »Verspüren« und einen
»Antrieb« zur Tätigkeit. Die äußere Handlung, die daraus resultieren
kann, ist +der objektive Ausdruck der inneren, psychischen Aktion oder
Reaktion+, die an sich nichts Physisches, Materielles bewirken kann. Es
muß dies wiederholt betont werden, damit die zuweilen schwer zu
vermeidende laxere Ausdrucksweise eines Bewirktwerdens physischer
Vorgänge durch psychische nicht mißverstanden, +nicht im
metaphysisch-ontologischen Sinne+ genommen und dann etwa gar der Vorwurf
des Selbstwiderspruches erhoben wird. --

Wir sind nun so weit, daß wir auch der Einseitigkeit der +extremen
Aktualitätstheorie+ begegnen können. Wenn diese die Seele (das Ich) für ein
bloßes »Bündel« von Vorstellungen, für einen bloßen »Komplex« von
elementaren Zuständen und Vorgängen, für ein bloßes »Summationsphänomen«
erklärt (+Hume+, +Mill+, +Mach+ u. a.), so besteht die Einseitigkeit hier
darin, daß nur auf die Vielheit und Mannigfaltigkeit der seelischen
Teilinhalte +geachtet+ wird. Wenn wir nämlich auf diese Vielheit achten, d.
h. +Teile apperzeptiv aus dem Zusammenhang des Erlebens herausheben+, dann
entgeht uns leicht der +Einheitscharakter+ des Erlebens, oder wir werden
wenigstens geneigt, ihn zu unterschätzen. Wir verfallen dann geradeso in
Einseitigkeit wie die Dualisten, welche die Einheit des Ich
+hypostasieren+, vom Erleben abtrennen und zu einer vom Leibe gesonderten
Seelensubstanz machen. Die +Einheit+ des Erlebens ist also weder Schein
noch ein selbständiges Wesen, sie ist weder ein bloßes Summationsphänomen,
noch eine transzendente Wesenheit, sondern sie ist +so real wie das
Bewußtsein überhaupt+ es ist, sie ist +eine im Bewußtsein, in der Fülle der
Erlebnisse sich entfaltende und erhaltende Einheit, eine aktive
Einheitsfunktion+, kurz das, was wir ein »Subjekt« nennen. Das Subjekt hat
mit der Substanz die +Konstanz+ und +Identität+ gemein, ohne die Starrheit
jener zu teilen, ohne einen dinghaften Charakter zu besitzen. Das Subjekt
ist +kein einzelner Bewußtseinsinhalt+, sondern die +aktive Form und das
lebendig Formende des Bewußtseins+, es besteht +nicht neben+ der
Mannigfaltigkeit der Erlebnisse, sondern +in ihnen+, in ihrem inneren
Zusammenhange, der mehr als eine Summe oder ein Aggregat ist. Und die
Erlebnisse, die Bewußtseinszustände, sind +nicht vor und ohne das Subjekt+
da, sondern immer schon +Abhängige, Aktionen und Reaktionen eines wenn auch
noch so primitiven Subjektmoments+, eines »primären Ichs« (+Jodl+), um das
als Zentrum, als Ausgangs- und Quellpunkt sie sich gruppieren. Die +Seele+
ist also +das in der Mannigfaltigkeit der Bewußtseins-Erlebnisse sich
identisch setzende, erhaltende und entwickelnde Subjekt, eine gegliederte,
organisierte Einheit in der Vielheit, ein aktiv-reaktives Einheitsprinzip+
-- nicht transzendenter, wohl aber, als Bedingung alles Erlebens,
»transzendentaler« Art (im Kantischen Sinne). Die Seele ist also dem
Bewußtsein immanent, sie ist das aktive und reagierende +Bewußtsein
selbst+, das sich +inhaltlich+ stets nur in einem Zusammenhang von
Erlebnissen (»empirisches Ich«) findet, stets aber über jeden Bestandteil,
jedes Moment dieses Zusammenhanges hinausragt als ein formales,
+synthetisches+ Prinzip, nicht als ein Wesen mit unbekannten
Eigenschaften[12]. Das Wesen der Seele ergibt sich vielmehr aus den
+Grundtätigkeiten+, in denen sie ihre Natur bekundet. Diese
Grundtätigkeiten sind es, worauf die Mannigfaltigkeit psychischer Prozesse
zurückführt, und aus den +Gesetzen+ jener, aus der +konstanten
Wirkungsweise, Funktion derselben+ sind die typischen Zusammenhänge,
Verbindungen und Gebilde des Bewußtseins wenigstens formal zu erklären. Man
muß also von der Oberfläche der Bewußtseinsvorgänge auf das +innerste
Getriebe+ derselben zurückgehen, wobei man teilweise zu relativ
»Unbewußtem«, d. h. Ungewußtem gelangt, nicht aber zu einem absolut und
wahrhaft Unbewußtem, prinzipiell Nicht-Erlebbaren. Eine absolut
»subjektlose« Psychologie, die alles aus der bloßen Verbindung absolut
selbständiger Elemente erklären will, spottet ihrer selbst und weiß nicht
wie. Sie führt zur Verdinglichung jener »Elemente«, die nur +als Glieder
eines einheitlichen Zusammenhanges+ Existenz und Wirksamkeit haben, aus
denen also das »Subjektmoment« nie herauszudestillieren ist. +Einheit und
Vielheit, Subjekt und Inhalt des Bewußtseins sind untrennbare, schon
ursprünglich, wenn auch noch undifferenziert bestehende Seiten des
Erlebens, des Bewußtseins, die auseinander nicht oder nur scheinbar
abzuleiten sind.+ Schon im primitivsten Seelenleben muß eine
»Subjektivität«, wenn auch noch ohne Abhebung von einer Objektenwelt,
bestehen, welche in ihren Erlebnissen sich findet, sich bejaht, sich setzt
und erhält, als einfache »Trieb-Seele« mit wenig veränderlichem Inhalt,
meist mit äußerst geringen Entwicklungsmöglichkeiten. Aus solchen
primitiven »Seelen« haben sich, durch das Zusammenwirken innerer und
äußerer Faktoren, nicht zum wenigsten aber durch aktive Anpassung, die
hochorganisierten Seelen der Menschen gebildet, als +Subjekte höherer
Ordnung+, aber wesensverwandt mit den der untermenschlichen Seelen.



II. Die psychische Kausalität.


Wir hörten bisher, daß die Seele nicht im metaphysischen Sinne auf den
Leib (als Materie oder Energiekomplex) einwirkt, sondern daß sie in
Wahrheit, genau gesprochen, +stets nur auf sich selbst wirkt und von
sich selbst Wirkungen empfängt+, so aber, daß alle Wirkungen +körperlich
irgendwie zum Ausdruck+ kommen, wobei eine Wechselwirkung zwischen dem
Nervensystem (und dessen Funktionen) und dem übrigen Organismus besteht.
Jedes psychische Geschehen hat sein physiologisches Gegenstück, seine
physische »Seite«. Infolge des Zurückwirkens der seelischen Organisation
auf sich selbst, das seinen physiologischen Ausdruck hat, ist es
verständlich, warum an den Veränderungen, an der Entwicklung des
Organismus +psychische Faktoren+ beteiligt sind, ohne daß sie den
physischen Zusammenhang durchbrechen, also ohne daß irgend einmal an
Stelle physikalisch-chemischer Ursachen von leiblichen Prozessen rein
psychische Ursachen treten.

Gibt es aber überhaupt eine +psychische Kausalität+, wird man fragen,
oder haben am Ende jene recht, welche das Psychische als »inkausal«, als
ohne wirksame Eigenschaft bestimmen und behaupten, nur das Physische
bzw. Physiologische könne wirken bzw. als wirkend gedacht werden? Die
Vertreter des »psychophysischen Materialismus« sind der Meinung, das
Psychische, das Bewußtsein -- wenigstens soweit es objektiviert, aus dem
unmittelbaren, konkreten Erleben methodisch herausgehoben werde
(+Münsterberg+[13]) -- sei ein »Epiphänomen«, eine schattenhafte
»Begleiterscheinung«, ein »Nebenerfolg« der Nervenprozesse, es habe
keine Aktivität und Kraft, keinen ureigenen, inneren Zusammenhang, keine
Eigenkausalität, sondern es bestehe aus Verbindungen, deren Ursache oder
Grundlage einzig und allein der raum-zeitliche Zusammenhang der
Gehirnprozesse sei. Es gibt hiernach keine wahre psychische Tätigkeit,
was wir so nennen ist nichts als die Summe von »Spannungsempfindungen«
u. dgl. Empfindungen und Vorstellungen verbinden sich dann miteinander,
wenn auch die entsprechenden Gehirnprozesse sich miteinander verbinden,
und alle Veränderungen und Störungen im Ablauf des Bewußtseins sind nur
Spiegelungen zerebraler Modifikationen.

Eine solche Auffassung ist aber unhaltbar. So wenig ein einzelner
physischer Vorgang einen psychischen bewirken oder auf ihn einwirken kann,
ebensowenig kann eine Verbindung physischer Vorgänge eine psychische
Verbindung bewirken. Und ebensowenig als ein Bewußtseinsvorgang die bloße
»Erscheinung« eines physischen Geschehens sein kann, ist es denkbar, daß
der Zusammenhang eines seelischen Geschehens nur der Widerschein eines
physischen Kausalnexus ist. Alles was gegen diese Art Abhängigkeit des
Psychischen vom Physischen spricht, spricht auch gegen diesen Spezialfall,
vor allem der Umstand, daß das Seelische nicht bloße Erscheinung eines
Geschehens sein kann, das des Seelischen ganz ermangelt, dem also die
+Bedingung des Sich-erscheinen-könnens+ durchaus abgeht. Auch läßt sich der
psychische Zusammenhang nicht aus der bloßen Verbindung der Nervenprozesse
erklären, ableiten. Ich mag noch so eifrig und genau in das Getriebe der
Hirnprozesse hineinschauen können, so werde ich, wenn ich nicht die schon
damit verknüpften Bewußtseinsvorgänge erlebt habe und kenne, diese und
deren Beschaffenheit nicht zu erkennen vermögen; denn die Qualität, die das
Psychische als solches konstituiert, das eigenartige Erleben eines Tones,
einer Farbe, einer Lust, eines Zornes usw. liegt keineswegs im
Nervenvorgang, ist aus ihm nimmer herauszulesen, zu erraten. Und ebenso
werden wir zwar aus raum-zeitlichen Verbindungen von Gehirnprozessen
Schlüsse auf psychische Zusammenhänge ziehen, manches an diesen aus jenen
begreiflich machen können, aber den Schlüssel zum +Verständnis+ des
seelischen Zusammenhanges, der spezifischen psychischen Verbindungen und
Gebilde, geben die physiologischen Zusammenhänge nicht. Das Physiologische
dient zur Erklärung des Psychischen in der Regel nur da, wo eine
+Gemeinsamkeit+ von Modifikationen beider statthat, wie
Ausfallserscheinungen, Hemmungen, Störungen verschiedener Art,
Simultaneität oder Sukzession u. dgl. Das Qualitative, Spezifische der
psychischen Verbindung ist +nur psychologisch+, nicht physiologisch zu
verstehen, wofern man nicht, was oft der Fall ist, unbewußt schon das
Psychische +voraussetzt+ oder psychische Zustände und Zusammenhänge in das
Physiologische +hineinträgt+.

Die Auffassung des Psychischen als »inkausal« ist nur dann begreiflich,
wenn man sich die unberechtigte Verdinglichung der Empfindungen und
Vorstellungen seitens der »Assoziationspsychologie« und die
Einseitigkeit des psychologischen »Atomismus« (oder der »atomistischen
Psychologie«) vor Augen hält.

Schon +Herbart+ hat den folgenschweren Fehler begangen, die psychischen
Elemente -- bei ihm die Vorstellungen -- als selbständige Wesenheiten
aufzufassen, die miteinander konkurrieren, um die Vorherrschaft im
Bewußtsein kämpfen, einander hemmen und verdrängen; in ihrem Zusammen-
und Gegeneinanderwirken werden sie zu Kräften, ja zu einer Art
lebendiger Dinge, die mit Tendenzen ausgestattet sind. Ähnlich sind für
die +Assoziationspsychologen+ die Empfindungen oft selbständige
Elemente, die primär nebeneinander bestehen, miteinander in Verbindung
treten usw., kurz, kausale Faktoren, aus deren Wirken das seelische
Leben abgeleitet wird.

Diese Auffassung ist die Reaktion gegen die ältere
»Vermögenspsychologie«. Diese stattet die substantielle (bzw.
dynamische) Seele mit spezifischen Kräften, Vermögen, Tätigkeiten aus,
welche das Bewußtsein erzeugen und Bewußtseinsverbindungen herstellen.
Ähnlich wirkt das »Unbewußte« +Ed. v. Hartmanns+ als Agens hinter dem
Bewußtsein und ist das eigentlich und einzig Aktive, Kausale im Ablauf
des Seelischen.

Wenn man nun, mit Recht, sich nicht zu einer solchen
Vermögenspsychologie bekennen will, zugleich aber einsieht, daß »reine
Empfindungen« nicht primäre, selbständige, absolute Wirklichkeiten,
sondern in gewissem Sinne +Abstraktions- und Zerlegungsprodukte+ sind,
Glieder eines einheitlichen Zusammenhanges, dann kann man leicht dazu
gelangen, diesen psychischen Elementen alles Wirken, alle Kausalität
abzusprechen und sie bloß dem Physiologischen zuzuerkennen, wie es
+Münsterberg+ tut[14].

Aber hier vermischt sich Wahrheit mit Irrtum. Richtig ist: 1. Es gibt keine
psychische Kausalität und Aktivität +hinter+ und +neben+ den
Bewußtseinsvorgängen, keine transzendenten Vermögen oder Kräfte, wenigstens
kommen sie für die Psychologie nicht in Betracht; 2. Empfindungen als
+isolierte+, aus der Einheit des Seelenlebens herausgehobene Elemente, als
Abstraktionsgebilde sind ohne Wirksamkeit, weil ohne absolute, konkrete
Wirklichkeit. Verfehlt ist aber unseres Erachtens die Abtrennung der
Psychologie als einer »objektivierenden« Wissenschaft, welche es mit
inkausalen, physiologisch zu erklärenden Abstraktionsgebilden zu tun hat,
von den »subjektivierenden« Geisteswissenschaften, welche das konkrete,
wirkliche, »stellungnehmende« Subjekt und dessen Aktionen zum Gegenstande
haben. Die Psychologie will entschieden das Psychische, d. h. das
+wirkliche Erleben des Subjekts in dessen Zusammenhange+ erforschen, nicht
Abstrakta, nicht Objektivierungen, mit denen es die Physik und Physiologie
zu tun hat[15]. Die abstrakten Empfindungen sind nicht das Psychische,
nicht der Gegenstand der Psychologie, sondern höchstens +Hilfsmittel+ zur
Erkenntnis des Psychischen. Die völlige Abstrahierung und
Verselbständigung der Empfindungen verfälscht und tötet das Seelenleben,
sie wird dem Tatbestande der inneren, unmittelbaren Erfahrung nicht
gerecht. Nicht erst in den einzelnen Geisteswissenschaften und in der
Philosophie brauchen wir die geistige, psychische Kausalität, schon in der
Psychologie müssen wir sie berücksichtigen, sonst erreichen wir den +Zweck+
dieser Wissenschaft: das Verständnis des Seelenlebens in seiner
Gesetzlichkeit, nicht. Mag auch -- und das ist der haltbare Kern der
+Münsterberg+schen Ausführungen -- die Psychologie wie jede
Gesetzeswissenschaft nicht das unmittelbare Erlebnis in seiner vollen
individuellen Bestimmtheit erfassen, sondern es mehr oder weniger
begrifflich umschreiben und logisch verarbeiten, so entfällt hier doch, im
Unterschiede von den Naturwissenschaften, die Notwendigkeit einer
Abstraktion vom erlebenden Subjekt und dessen Zuständen und Akten. Gerade
die +Beziehung der Erlebnisse zum Subjekt+ ist es, was sie zu psychischen
Vorgängen macht, ohne diese Beziehung haben wir nur fiktive Wesenheiten
oder aber, bei konsequenter Objektivierung, physische Inhalte vor uns.

Doch genug darüber, bleiben wir bei der +psychischen Kausalität+ und
sehen wir, wie sie zu denken ist. Da wir die metaphysische Hypothese
einer an sich unbewußten Seelensubstanz ablehnen müssen, so entfallen
für uns die »Seelenvermögen«, kraft deren der Geist im Bewußtsein wirkt.
Diejenigen, welche erklären, von einer Tätigkeit, Aktivität der Seele
+neben+ den Bewußtseinsvorgängen, den Vorstellungen, Gefühlen usw. sei
nichts zu finden, haben nicht unrecht. Aber die Folgerung, es gebe
überhaupt keine psychische Aktivität, ist falsch. Diese +Aktivität+
besteht, zwar nicht hinter und neben den Einzelerlebnissen, wohl aber in
einem +Zusammenhange+ der Erlebnisse und ist durch besondere Gefühle
charakterisiert, so daß das Ich unmittelbar davon Kunde hat, daß und
wann es tätig ist. Aus der bloßen Summe von Empfindungen, die sich
passiv miteinander verbinden, besteht die Bewußtseinsaktivität nicht,
wenn sie auch nur +in+ und +an+ dem Verlaufe des Erlebens zu
konstatieren ist. Der eigenartige +Zusammenhang+ und +Ablauf+ von
Erlebnissen, der als psychische Tätigkeit und Wirksamkeit sich abhebt,
ist +ebenso real+ wie die einzelnen Momente und Elemente des Erlebens,
+ebenso primär+, ja in gewissem Sinne ursprünglicher. Denn erst die
psychische +Analyse+, die durch die bestimmt gerichtete +Aufmerksamkeit+
an dem einheitlichen Bewußtseinszusammenhange willkürlich oder
unwillkürlich bewerkstelligt wird, hebt aus demselben Momente und
Elemente heraus, die in Wahrheit niemals isoliert und selbständig
vorkommen, sondern Glieder des Zusammenhanges bilden, von ihm
untrennbar sind. +Die psychische Tätigkeit entfaltet und manifestiert
sich in einer Mannigfaltigkeit von Momenten, existiert nicht ohne diese
und neben diesen Momenten; aber umgekehrt haben diese Momente auch keine
Existenz außerhalb des Tätigkeitszusammenhanges, aus dem sie sich
herausheben und für sich fixieren lassen.+

Die Existenz einer psychischen Kausalität, das wollen wir hier betonen,
unterliegt keinem berechtigten Zweifel. Ist doch das Wirken des Ichs,
die psychische Kausalität geradezu das +Ur- und Vorbild aller
Kausalität+. Tätigkeit, Kausalität, Kraft wird von uns nicht als
Bestandteil der Außenwelt erlebt, wahrgenommen, sondern das Objektive,
der Wahrnehmungsinhalt wird kausal +gedeutet+, d. h. es wird auf ihn die
Kategorie des Wirkens angewendet, die durch den raum-zeitlichen
Zusammenhang des Objektiven nur ausgelöst wird, im übrigen aber der
Funktion und Gesetzlichkeit des Denkens entspringt, die am
unmittelbarsten im und am eigenen Erleben, am eigenen Ich sich betätigt.
In und mit der Kategorie des Wirkens »introjizieren« wir in die Objekte
der Sinneswahrnehmung ein Analogon der Eigentätigkeit des Ichs, d. h.
wir fassen gewisse äußere Zusammenhänge als +Manifestationen innerer
Verknüpfungen+ auf, jenen analog, welche wir in unserem Wollen und Tun
unmittelbar setzen und erleben. So wie in uns alles Tun +motiviert+ ist,
in einem andern, vorangehenden Tun, Erleben seinen +Grund+ hat, so ist
auch das objektive, physische Geschehen für uns begründet, +verursacht+,
und so wie wir innerlich +aktiv+ und +reaktiv+ sind, so erscheinen uns
auch die Außendinge als mit +Kräften+ begabt, vermöge deren sie wirken,
einander beeinflussen; kurz, sie sind uns insofern tätige »Subjekte«,
bei denen wir nur später, auf höherer Kulturstufe und in der exakten,
quantitativen Wissenschaft, von aller inneren Qualität, von allem
»Für-sich-Sein« absehen[16]. Weit entfernt also, daß die psychische
Kausalität nicht existiert oder nur die Erscheinung, das Epiphänomen der
physiologischen Kausalität ist, erweist sich gerade die physische
Kausalität erkenntniskritisch als schon abhängig von der Gesetzlichkeit
des Subjekts und dessen ureigenem Wirken.

Nur wenn man die primäre Wirksamkeit der einheitlichen Psyche, des
aktiven und reagierenden Bewußtseinssubjekts verkennt, verfällt man dem
Irrtum, aus den psychischen Elementen selbständige Kräfte zu machen.
Alle Momente, Faktoren, Elemente des Bewußtseins können wirken, Kraft
entfalten nur insofern, als sie eben +Glieder des Ich-Zusammenhanges+
sind; sie sind +nicht die primären, vollen Ursachen+ des psychischen
Geschehens, sondern Teilursachen, Anlässe u. dgl., während die
+einheitliche Psyche+ das primär und eigentlich in ihnen Wirksame, der
tiefste Untergrund und oberste Grund der psychischen Verbindungen ist.
Natürlich nicht als unbeschränkte, selbstherrliche Macht, sondern in
Abhängigkeit von der +Umwelt+ und deren Reizen und in verschiedenem Maße
der Bezogenheit auf die Einflüsse dieser. Die Psyche wirkt aktiv und
reaktiv, aber nicht allein und isoliert, sondern im Verein mit äußeren
Faktoren, durch die der Ablauf der Bewußtseinsvorgänge mannigfach
bestimmt, modifiziert wird. So wenig die Psyche absolut »passiv« ist, so
wenig ist ihre »Spontaneität« absoluter Art; gleichwohl sind in ihr Tun
und Erleiden, aktiver und passiver Bewußtseinsverlauf wohl
unterschieden. Von den psychischen Zuständen, in denen wir von
momentanen Reizen und Einflüssen außer und in uns direkt abhängig sind
und triebartig auf sie reagieren, sondern sich mehr oder weniger scharf
die geistigen Akte ab, in welchen die +Totalität+, die ganze Wucht des
Ichs, der charakterisierte, in die fernste Vergangenheit zurückreichende
Zusammenhang der Erlebnisse energisch zum Ausdruck gelangt, so daß der
momentane Reiz zurücktritt oder unwirksam wird.

Die +Geschlossenheit+ der psychischen Kausalität, auf die wir hier
gleich zu sprechen kommen, darf nicht mißverstanden werden[17]. Sie ist,
methodologisch, eine Forderung des um Konsequenz des einmal
eingenommenen Betrachtungsstandpunktes besorgten Denkens und das
Gegenstück zur Lückenlosigkeit des physischen Kausalzusammenhanges.
Psychische Vorgänge gehen ureigentlich immer wieder nur aus psychischen
Vorgängen hervor und haben, direkt und genau genommen, immer wieder nur
psychische Vorgänge (die objektiv als Bewegungen oder Energien sich
darstellen) zur Folge; physische Ursachen oder Wirkungen als solche
gehören nicht in die Reihe psychischer Zusammenhänge. Aber das bedeutet
nicht etwa, daß die Seele alle ihre Erlebnisse aus sich allein heraus
entwickelt, und daß die Umwelt nicht in den Ablauf des psychischen
Geschehens eingreift. Vielmehr ist ein +beständiger Wechsel aktiver und
reaktiver (passiver), bewußter und unterbewußter (relativ unbewußter)
Vorgänge+ vorhanden, so daß das Wirken der »äußeren« Faktoren und des
»Leibes« fortwährend das spontane, aktive Wirken der Psyche durchkreuzt
und durchzieht, und erst dieser +Gesamtzusammenhang+ psychischer
Erlebnisse ist absolut »geschlossen«. Die Umwelt wirkt aber auf die
Psyche nicht als Komplex von Bewegungen oder Energien ein, sondern als
das »An sich« dieser Vorgänge, das vielleicht selbst ein Psychisches
niederster Stufe, jedenfalls aber nicht selbst physisch ist. Hält man
daran fest, dann kann man keinen Widerspruch zwischen der
Geschlossenheit der psychischen Kausalität und dem unleugbaren Einflusse
der »Naturkausalität« auf die Psyche, auf das Bewußtsein finden. Auch
ist hier von keinem »Dualismus« die Rede. Denn die psychische
Kausalität, die in verschiedenen Formen, je nach ihrer Richtung,
auftritt -- als sinnliche und geistige, logische, ethische usw.
Kausalität, ist das unmittelbar erfaßte Wirken derselben Organisation,
die objektiv als der Leib eines Lebewesens, des Menschen erscheint. Die
Wirksamkeit des leiblichen Organismus bzw. des Nervensystems ist nur die
Sichtbarwerdung, die »Objektivation« des Wirkens der Seele in allen
ihren »Provinzen« und »Phasen«.

Psychische Vorgänge und Zustände sind also Ursachen anderer nur insoweit,
als sie +Modifikationen der einheitlichen Psyche+ sind. Weil die Seele im
Moment 1 so beschaffen ist, so agiert oder reagiert, ist sie im Moment 2, 3
... so beschaffen, so agierend oder reagierend. Die Einheit der Psyche --
nicht einer unbekannten Seelensubstanz, sondern des »primären Ichs« -- ist
der rote Faden, der durch den gesamten Bewußtseinsverlauf sich zieht, ohne
von ihm real abtrennbar zu sein[18]. Nicht die psychischen Elemente sind
das Agierende, sie kommen nicht von selbst zusammen, erzeugen nicht das
Denken usw., sondern die Psyche, das Ich, das Subjekt ist der tätige
Faktor, der spontan oder triebhaft synthetisch wirkt, psychische Gebilde
erzeugt, Bewußtseinszusammenhänge bestimmter Art erstellt. Und die
+Gesetze+, welche die Psychologie zu erkunden sucht, sind nicht fremde
Mächte, welche das seelische Geschehen äußerlich determinieren, sondern nur
+Formeln für das konstante, permanente Auswirken der Psyche, der
Subjekt-Aktionen+. Aus diesen Aktionen (bzw. Reaktionen) die bunte
Mannigfaltigkeit des Seelenlebens nicht aprioristisch zu deduzieren, was
unmöglich ist, wohl aber begreiflich zu machen, ist die Aufgabe einer sich
selbst und ihr Ziel verstehenden Psychologie, die von Metaphysik
freizuhalten ist, wenn sie auch schließlich in eine solche mündet und
außerdem erkenntnistheoretischer Voraussetzungen nicht entraten kann.

Eine solche Psychologie wird den psychischen »Mechanismus«, soweit er
besteht, anerkennen. Aber sie wird erstens den Versuch unternehmen, die
+lebendige Triebkraft+ dieses Mechanismus zur Erklärung desselben
heranzuziehen und zweitens wird sie nicht dem vergeblichen Bemühen sich
unterziehen, aus dem bloßen und fertigen Mechanismus, aus dem mehr oder
weniger automatisch gewordenen »Spiel der Vorstellungen« das +gesamte+
Seelenleben abzuleiten, wie es die +Assoziationspsychologie+ oft
unternimmt. Der Mangel dieser ist es, daß sie nicht bis zur psychischen
Kraft, zur psychischen +Dynamik+ vordringt, daß sie nicht das +wahre+
Agens der psychischen Zusammenhänge erfaßt, sondern statt dessen bald
das Gehirn, bald die Empfindungen heranzieht, und daß sie die
+mechanisierten+ nicht von den +primären, aktiv-reaktiven+
Bewußtseinsprozessen scharf genug unterscheidet. Sie +verdinglicht+
Elemente, die nur als +Glieder des einen Bewußtseinszusammenhanges+
bestehen, macht sie zu selbständigen Kräften und unternimmt schließlich
auch oft den vergeblichen Versuch, die +nicht-intellektuellen+
Funktionen des Bewußtseins, besonders den Willen, aus bloßen
Empfindungen u. dgl. zu konstruieren. So ist sie im schlechten Sinne des
Wortes psychologischer +Intellektualismus+, während diejenige
Psychologie, welche dem vollen Tatbestand des Seelenlebens möglichst
gerecht zu werden sucht, +voluntaristisch+ ist.

Der Betrachtung der Rolle des Willens im Seelenleben uns zuwendend,
verweisen wir bezüglich weiterer mit der psychischen Kausalität
zusammenhängender Fragen (Erhaltung bzw. Wachstum psychischer Energie
u. dgl.) auf den letzten Abschnitt.

Hier sollte nur gegenüber allen Versuchen, die Existenz einer
psychischen Kausalität zu leugnen, gezeigt werden, wie es nicht möglich
ist, durch bloße außerpsychische, physiologische Zusammenhänge die
simultanen und sukzessiven Verbindungen psychischer Vorgänge zu
erklären. Diese Verbindungen sind qualitativ von ihren Elementen und
Momenten verschieden, sie sind auf bloße Abhängigkeiten in der Zeit
nicht zurückzuführen, und durch den Nachweis der ihnen entsprechenden
Verbindungen von Nervenprozessen keineswegs schon erklärt. Im Denken,
Wollen und Handeln erleben wir »unmittelbar«, »anschaulich«, d. h. nicht
erst durch abstrakte Konstruktion und Projektion, Zusammenhänge kausaler
Art, ein stetiges Hervorgehen der Folgen aus ihren Gründen, eine innere
Motivierung und Determination zu bestimmten Aktionen und Reaktionen. Und
wo uns die Zwischenglieder solcher Kausalzusammenhänge im klaren
Bewußtsein nicht vorliegen, da suchen wir mit Recht methodisch nach
solchen; und wie die Physik es vermeidet, physische Vorgänge aus
nicht-physischen abzuleiten, so muß die im guten Sinne positivistische,
nicht-metaphysische Psychologie die gesuchten Zwischenglieder als
+psychische+ Faktoren annehmen, als welche sie sich in der Tat oft auch
empirisch erweisen. Wissen wir auch nicht immer, +wie+ wir es vermögen,
kausal zu sein, wodurch unser Wollen und Handeln Wirkungen hervorbringt,
so wissen wir doch wenigstens, +daß+ wir wirken und Wirkungen erleiden,
daß unsere Erlebnisse miteinander zusammenhängen und einander
hervorrufen, wobei natürlich der Einfluß der Faktoren der Umwelt nicht
zu übersehen ist. So kompliziert die Verhältnisse des Seelenlebens sind,
so ist es doch sehr möglich, aus der Mannigfaltigkeit individueller
Modifikationen +typische, regelmäßige+, sowohl innerhalb einer
Individualpsyche als auch bei einer Vielheit von Individuen +konstant
wiederkehrende Abfolgen und Verbindungen+ herauszuheben. Wir können eben
die Individualseelen gleichsam als Vertreter eines gemeinsamen Typus,
des »Psychischen überhaupt«, ansehen und die Kausalzusammenhänge, welche
wir bei allen Individuen konstatieren, gehören zum Wesen des allgemein
Psychischen. So gibt es typische Zusammenhänge in den Gemütsbewegungen,
den Willenshandlungen, den Denkprozessen, in der Reproduktion und
Assoziation von Vorstellungen usw. Und auch die +Abweichungen+ von dem
Allgemeinen sind solcher Art, daß sie sich vielfach wieder zu
+speziellen Typen+ vereinigen lassen. Die Existenz einer psychischen
Kausalität, eines psychischen Wirkens und Gewirktwerdens, ist aber
keineswegs an das Auftreten allgemeingültiger Zusammenhänge gebunden.
Auch da, wo es solche vielleicht nicht gibt (-- man denke etwa an die
historische Kausalität --) sind die betreffenden psychischen Vorgänge
Modifikationen des Subjekts, die durcheinander bedingt sind und
auseinander in bestimmter Abfolge hervorgehen. Um die psychische
Kausalität, den +Kausalnexus der psychischen Aktionen und Reaktionen+,
der sich von der +Kausalität der objektivierten Erfahrungsinhalte+ durch
den Standpunkt der Betrachtung und Erkenntnis unterscheidet, kommt man
nicht herum.



III. Der Wille als psychischer Motor.


Das Wesen des psychologischen +Intellektualismus+ ist es, in den
intellektuellen Prozessen und deren Elementen, also im Denken,
Vorstellen oder in den Empfindungen den Ausgangspunkt, die Grundlage,
den Kern alles Seelenlebens zu erblicken. Gefühl und Wille sind hiernach
sekundär, abgeleitet, sie sind Produkte, Seiten, Reflexe, Abhängige des
Intellektuellen oder bloße Komplexe von Empfindungen. Einen spezifischen
Willen gibt es hiernach nicht; was wir so nennen, ist eine Summe von
Vorstellungen, Empfindungen, ev. auch Gefühlen, verbunden mit
ausgeführten oder ideell antizipierten Bewegungen; entwickelt hat sich
der Wille, nach dieser »heterogenetischen« Theorie, aus Reflexen, die
später kompliziert, bewußter wurden. Eine eigentliche Willenskraft, die
mehr ist als »ideomotorische« oder Bewegungsvorstellung plus
Spannungsempfindungen u. dgl., haben wir nicht anzunehmen. Während die
ältere Psychologie intellektualistischer Richtung aus Akten des Denkens,
des Urteilens, Schließens, kurz aus der Reflexion psychische Vorgänge
ableitete, die entweder viel zu einfach oder primitiv sind, als daß sie
mit bewußter Überlegung u. dgl. etwas zu tun haben können (z. B.
Instinkte), oder aber überhaupt nicht intellektueller Art sind (z. B.
Affekte), spricht der neuere Intellektualismus oft von angeborenen
(ererbten) Vorstellungen, die unbewußt oder bewußt das Handeln leiten,
von Urteilen u. dgl. schon auf niedriger Bewußtseinsstufe, von
Empfindungen der Muskeln, Sehnen usw. als Willensgrundlagen. Der
psychologische Intellektualismus verkennt die Ursprünglichkeit und
Wirksamkeit des Gefühls- und Willenlebens, er übersieht dessen
fundamentale Rolle, dessen Einfluß nicht bloß auf das äußere Handeln,
sondern auf den Intellekt und das Vorstellen selbst. Und da sich einer
genaueren Erforschung des Seelenlebens der Wille geradezu als das
+zentrale Agens+ des psychischen Geschehens enthüllt, so gibt uns die
intellektualistische Psychologie ein einseitiges und verzerrtes Bild vom
seelischen Erleben und dessen innerem Zusammenhang. Wie ein bloßes
Vorstellen, Empfinden oder Denken sich in ein Wollen verwandeln oder
ein solches erzeugen kann, ohne daß schon von Anfang an ein
willensartiger +Impuls+, ein Streben bestand, ist unerfindlich, ebenso
wie aus bloßen mechanischen Reflexen ein Willensentscheid sich
entwickeln konnte. So wenig das Psychische aus dem Physischen, das
Subjektive aus dem Objektiven, das Ich aus dem Nicht-Ich abzuleiten ist,
so wenig ist es einzusehen, daß und wie aus absolut Willenlosem jemals
so etwas wie Streben, Trieb, Willensimpuls hervorgehen konnte. Und so
wenig ein psychischer Vorgang einem physischen, einer Bewegung
gleichgesetzt werden kann, so unmöglich ist es für jeden Unbefangenen,
fast möchten wir sagen, Unverdorbenen, den lebendigen Prozeß des Wollens
bloßem Empfinden, Vorstellen u. dgl. gleichzusetzen. Ist doch das Wollen
geradezu das +Sicherste+, was das Ich in sich selbst finden kann, so daß
man mit Recht sagen kann: volo, ergo sum. Im Wollen erfaßt sich das Ich
am +unmittelbarsten+, es setzt sich selbst wollend und unterscheidet von
sich, von seinem Eigenwillen die fremden Willen, die ihm als Objekte
seines Wahrnehmens erscheinen und seinen Willen kreuzen und hemmen. Der
Wille ist das +Konstanteste+ im Ich, er ist der +Einheitspunkt+, um den
sich das Erleben bewegt, von dem es ausgeht und zu dem es gravitiert.
Wollen, Ziele setzen und anstreben, ist ein so prononzierter Akt des
Subjekts, daß man eher zweifeln kann, ob es Empfindungen oder
Vorstellungen im Sinne des psychologischen Atomismus gibt als an der
Existenz dieses Wollens[19].

Damit ist schon angedeutet, daß der Wille +keine metaphysische,
transzendente Potenz hinter dem Bewußtsein+ ist. Von einem solchen
Willen können wir absolut nichts wissen, was wir vom Willen aussagen,
ist unserem bewußten Erleben entnommen. Der Wille ist +keine
geheimnisvolle Kraft+, die wir erst erschließen müssen, sondern das
Konstante, Allgemeine im konkreten Wollen, das sich denkend und
praktisch betätigt, das um sich und seine Ziele deutlich weiß oder sie
dumpf fühlt, das jedenfalls durch unmittelbares Erleben und psychische
Analyse in uns zu finden ist. Ein Voluntarismus im Sinne +Schopenhauers+
oder +Ed. v. Hartmanns+ ist also für die Psychologie unbrauchbar. Und
zwar auch aus folgendem Grunde.

Für die »autogenetische« Willenstheorie, wie sie vorzüglich +Wundt+
vertritt, ist der Wille zwar etwas +Primäres+ und +Spezifisches+, aber
+nicht ein einfaches Bewußtseinselement+ analog den Empfindungen. Weder
ist daher, wie manche Psychologen glauben, das Bewußtsein eine
Verbindung dreier Vermögen, Funktionen usw.: Vorstellung (Empfindung),
Gefühl und Wille, noch gibt es einen absolut einfachen, »blinden«,
intelligenzlosen Willen +neben+ und +vor+ dem übrigen Bewußtsein, eine
Willenstätigkeit neben und gesondert von dem übrigen Erleben. So wenig
aus einer reinen Empfindung oder Vorstellung ein Wollen hervorgehen
kann, so wenig kann aus einem absolut einfachen, blinden Willen der
Intellekt entstehen. Vor einem solchen extremen (»alogischen«)
Voluntarismus müssen wir uns nicht minder hüten wie vor dem, die
Eigenart des Willens verkennenden Intellektualismus. Die Psychologie hat
den Willen so zu nehmen, wie er sich im Erleben wirklich darstellt und
wie er demgemäß auch begrifflich zu bestimmen ist.

Hierbei muß sie sich aber hüten, sich das Wollen gleichsam
+hinwegzuanalysieren+. So wie die Einheit des Ichs leicht dem Beobachter
sich entzieht, der durch die analytisch gewonnenen Elemente des Erlebens
gefesselt wird, so kann die analytische Betrachtung des Wollens leicht
die +Täuschung+ erzeugen, als ob der Wille nur aus Empfindungen,
Vorstellungen, höchstens auch noch Gefühlen bestände, obzwar es auf der
Hand liegt, daß aus der Zusammensetzung solcher Elemente noch nicht das
Wollen herauskommt, das zwar nichts Einfaches, aber doch kein
»Summationsphänomen« ist. Bei der Analyse des Willensaktes darf nicht
vergessen werden, neben den Momenten desselben auch wieder das Ganze,
den eigenartigen +Gesamtverlauf+ zu apperzipieren; erst dann
rekonstruieren wir psychologisch das wirkliche Erlebnis, ohne es zu
verfälschen. Es zeigt sich dann klipp und klar, daß »Wollen« +ein
Prozeß, ein Bewußtseinsverlauf+ ist, der als solcher ganz eigenartig,
spezifisch, unvergleichbar ist, sich aber in +Momente+ sondert, sondern
läßt, welche wir als Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle ... bezeichnen
und für sich untersuchen können. Das »Ich will« ist der Ausdruck für ein
Verhalten des Ichs, welches nicht neben dem Vorstellen usw. herläuft,
sondern in sich Momente, Elemente, Faktoren enthält, sich in solche
zerlegen läßt, die in Vorgängen, deren Willenscharakter abgeschwächt
oder zurückgedrängt ist, als spezifisches Vorstellen, Fühlen usw.
auftreten. Es gibt verschiedene Formen und Entwicklungsstufen des
Willens, vom dumpfen Trieb und Streben angefangen bis zum komplizierten
Wahlakt, aber nirgends findet sich konkret-empirisch ein »reiner« Wille,
der absolut empfindungs- und gefühlsfrei wäre. Mit dem Fühlen hängt der
Wille am innigsten zusammen, ohne daß er aber nur eine Summe von
(selbständigen) Gefühlen ist. Vielmehr ist das Gefühl ursprünglich stets
schon ein +Willensmoment+, die Einleitung, Begleitung, Endigung einer
Willensfunktion. Der vollständige, primäre Vorgang ist der
Willensvorgang mit seinen Momenten und Seiten; das Gefühl ist
entweder ein solches Moment oder aber abgeschwächte, gehemmte
Wollung, die auf einen eigentlichen, vollen Willen wirken und von
ihm Wirkungen empfangen kann.

Der volle, ungebrochene psychische Vorgang ist ein +Willensvorgang+, mit
den Momenten des Empfindens, Vorstellens, Fühlens, Strebens, kurz, das,
was +Fouillée+[20] treffend als »processus appétitif« bezeichnet hat. Zu
unterscheiden sind zwei Stufen des Willens: Triebwille (Trieb) und
Willkür; ersterer ist der einfache, eindeutig bestimmte, letzterer der
kompliziertere, aktivere, bewußtere Wille. Der Triebwille ist als
+Ausgangspunkt der gesamten Seelenentwicklung+ sowohl onto- als
phylogenetisch aufzufassen. Alle äußeren Anzeichen sprechen dafür, und
seine Natur ist eine solche, daß sich sowohl die progressive als die
regressive Entwicklung des Bewußtseins aus ihr verstehen läßt. Im
Vereine mit dem »Willkürwillen« durchzieht der Triebwille das +gesamte
Seelenleben+ des Menschen, in den verschiedensten Formen und Richtungen
findet er sich hier und seine Herrschaft ist eine um so größere, je mehr
wir uns dem Tierischen nähern.

Nach der einen Seite hat sich der Trieb zum +Reflexvorgang+, nach der
andern, durch Komplikation der Motive, zum Willkürlichen entwickelt[21].
Dies hat in vortrefflicher Weise +Wundt+ ausgeführt, dem wir uns hierin
nur anschließen können. Mit ihm müssen wir es ablehnen, aus dem
seelenlosen Reflex das Willensleben genetisch abzuleiten, da so etwas
wie »Tendenz«, Erstreben schon von Anfang an den Lebewesen eigen gewesen
sein muß, sollten jemals wollende Wesen im höheren Sinne aus ihnen
werden. Ein absolut willenloser Zustand ist weder psychologisch noch
auch +biologisch+ denkbar. Letzteres deshalb nicht, weil ohne einen
wirklichen Trieb zur Selbsterhaltung, zum Selbstschutze, zur Abwehr
feindlicher An- und Eingriffe, zur Aufsuchung, Festhaltung und
Verarbeitung günstiger Lebensbedingungen und Erhaltungsfaktoren, ein
Bestehen und Fortschreiten des Lebens, der Lebewesen kaum möglich
gewesen wäre. Ein indifferentes, bloß empfindendes Lebewesen würde nicht
auf Reize so +reagiert+ haben, wie es unverkennbar schon die niedrigsten
Organismen tun. Ohne Bedürfnis und triebmäßige Befriedigung desselben,
ohne Impulse zur Nahrung, Bewegung usw. sind die Tatsachen der Biologie
nicht wahrhaft verständlich; denn nicht bloß die äußeren
physikalisch-chemisch beschreibbaren Lebenserscheinungen,
Lebensäußerungen wollen wir in der Biologie und organischen
Naturphilosophie erkennen, auch ihren inneren Grund, ihre innere
Dynamik, ihr Triebwerk suchen wir zu erforschen. Will man nun die
Unklarheiten und metaphysischen oder sonstigen überflüssigen Annahmen
des »Vitalismus« vermeiden, auf unbekannte, ad hoc erdachte und
konstruierte »Lebenskräfte« (Entelechien, Dominanten u. dgl.) Verzicht
leisten, will man ferner die Geschlossenheit der Naturkausalität auch
auf dem Gebiete des Organischen festhalten, dann bleibt nichts übrig,
als die Biophysik und Biochemie durch eine +Biopsychik+ zu ergänzen
(nicht zu verdrängen) und einzusehen, daß psychische Regungen niederer
und höherer Art, Strebungen eindeutiger und komplizierter Form,
Tendenzen zur +Erhaltung der organischen Einheit+ und Triebe und
+Wollungen+, die daraus als Konsequenzen fließen, Mittel zum obersten
Zweck sind -- direkt und indirekt die Lebensvorgänge regieren und
modifizieren, so aber, daß diese an sich psychischen Gestaltungen und
Regulierungen objektiv als ein +System physischer Prozesse+ erscheinen,
die bei den niedersten Lebewesen noch an die gesamte Plasmamasse, bei
höheren aber an ein besonderes Organ, das Nervensystem und schließlich
das Gehirn gebunden sind. Mit voller Berücksichtigung des Anteils
äußerer Faktoren und der ungewollten Neben- und Nachwirkungen des
Wollens (»Heterogonie der Zwecke«) müssen wir doch mit +Wundt+ den
Willen (Trieb usw.) als +innerstes teleologisches Agens des Lebens, als
Schöpfer biotischer Zweckmäßigkeit+ ansprechen. Von diesem Standpunkte
läßt sich der Mechanismus des Lebens +als Werkzeug und zugleich als
Niederschlag des Lebenswillens+ und dessen Funktionen ansehen, als
äußere »Hülle«, deren Inneres den Willen als Motor, als sich selbst
verwirklichende und entfaltende Kraft birgt.

Weit entfernt, daß der Wille ein Entwicklungsprodukt von mechanischen
Reflexen ist, lassen sich umgekehrt die +Reflexe+ und automatischen
Vorgänge am besten als +Residuen ursprünglicher Willensprozesse+
betrachten. Wir sehen ja täglich, wie durch Übung Tätigkeiten, die erst
vollbewußt und willkürlich waren, mit der Zeit immer triebmäßiger
werden, bis sie schließlich (Klavierspielen, Gehen, manuelle
Fertigkeiten u. dgl.) »mechanisiert«, automatisch geworden sind, d. h.
mit einem Minimum von Bewußtsein und Willensimpuls leicht und eindeutig
bestimmt ablaufen[22]. Und so finden wir auch phylogenetisch, durch
Vergleichung verschiedener Entwicklungsstufen miteinander, ein
Hervorgehen von Reflexen und Automatismen aus Trieb- und
Willkürhandlungen, die durch Übung (und Mitübung) abgekürzt, eindeutig,
minderbewußt wurden und schließlich auf dem Wege der Vererbung als
Reflexdispositionen auftreten. Eine Art +Entseelung+ findet so statt,
durch die Arbeit erspart wird und die auch durch die größere
Bestimmtheit und Leichtigkeit der Handlung vielfach außerordentlich
zweckmäßig, erhaltungsgemäß wirkt. Freilich darf man sich auch die
Reflexe nicht als absolut »apsychisch« vorstellen; sind auch ihre
Antriebe vielfach nur unterbewußt oder für sich überhaupt nicht bewußt,
nicht apperzipierbar, so weist doch vieles darauf hin, daß sie nicht
fehlen, wenigstens nicht als Bestandteil des organischen
Gesamttriebsystems, ganz abgesehen davon, daß Reflexe nun auch in den
Dienst eigentlicher Willensakte gestellt, vom Willen beherrscht werden
können. Jedenfalls reihen sich auch die Reflexe in den Zusammenhang von
Willenstendenzen des Lebewesens ein, sie werden von ihm eingeschlossen
und gehören zu ihm als Wirkungen, Nachwirkungen des Willens.

Der Wille ist also nicht ein Aggregat willenloser Zustände, sondern eine
ursprüngliche und spezifische +Richtung+ des Bewußtseins, die sich in
Momente und Elemente gliedern läßt[23]. Nicht nur für die beobachtende
Analyse tritt der Wille als konkrete Wollung in solche Elemente
auseinander, er hat sich auch im Laufe der Entwicklung +differenziert+
und +kompliziert+. Im ursprünglichen, primitiven Trieb sondern sich
Empfindung, Gefühl und Streben noch keineswegs scharf voneinander ab,
sondern sie sind, wie wir noch jetzt an vielen unserer Triebhandlungen
ersehen können, vielmehr zur Einheit verschmolzen. Die +Empfindung+, die
unlust- oder lustbetont ist und in eine Tendenz zur Entfernung des
Unangenehmen oder zur Festhaltung des Angenehmen mündet, ist mit allen
ihren Konsequenzen nur ein undeutliches +Glied des einheitlichen
Triebvorganges+, während auf höheren Stufen der Entwicklung Empfindung,
Vorstellung, Gefühl deutlicher hervortreten und größere Selbständigkeit,
wenn auch keine isolierte Existenz haben. Aber auch der komplizierteste
Willkürwille ist von dem primitiven Willen, dem Trieb, nur graduell
unterschieden, indem er, statt eindeutig, durch einen oder wenige Reize
bestimmt, ausgelöst zu sein, einen »Kampf der Motive«, einen Konflikt
verschiedener Willensrichtungen (Wahl), Überlegung, Reflexion u. dgl.
voraussetzt, im übrigen aber geradeso Tendenz zur Verwirklichung eines
Zieles ist. Der Trieb ist +reaktiver+, der Willkürwille aber +aktiver+
Wille, indem der letztere, von der Umwelt relativ unabhängig, aus dem
selbstbewußten, formal permanenten Ich entspringt und eine Grundrichtung
des Lebens zum Ausdruck bringt, die für das individuelle Ich
charakteristisch, der Umwelt gegenüber etwas Selbständiges,
Initiatorisches ist. Natürlich ist auch die Willkürhandlung nicht
gesetzlos, sondern ebenso kausal bestimmt wie alles Geschehen. Aber die
Kausalität und Gesetzlichkeit, die hier in Frage steht, ist psychischer
Art, sie ist keine äußere Macht über den Willen und das Ich, sondern nur
die Konstanz und Regelmäßigkeit, die Identität und Einheit des wollend
sich betätigenden Subjekts. Daher ist die +Notwendigkeit+ der
Willenskausalität, wie sie im Handeln, Denken, kurz in allen psychischen
Akten sich darstellt, durchaus mit einer +Freiheit+ des Willens, des
Subjekts vereinbar, die nichts anderes ist, als Autonomie,
Eigengesetzlichkeit, +Eigenrichtung+ des Willens. Der wohlverstandene
Indeterminismus und der wohlverstandene Determinismus sind demnach nur
Seiten des »Autodeterminismus«[24].

Wenn nun der Voluntarismus im Willen das +Dynamische+, das innerste
Triebwerk des Seelenlebens erblickt, wenn ihm der Wille Ausgangspunkt
aller seelischen Entwicklung ist und er in allen psychischen Erlebnissen
den direkten oder indirekten, lebendigen oder mechanisierten,
selbstbewußt-planmäßigen oder minderbewußt-triebhaften Einfluß des
Willens findet, wenn er endlich das Empfinden, Vorstellen, Denken, kurz,
die Intelligenz als untrennbar und abhängig vom Willenszusammenhange
ansieht, so wird dies nicht mehr dahin mißverstanden werden, als ob es
einen gleichsam nackten Willen als einfache Qualität und Kraft hinter
den Erlebnissen gebe. Sondern der Satz: der Wille ist das dynamische
Prinzip des Bewußtseins, bedeutet nur, daß das Bewußtsein insofern
Aktivität und Reaktivität aufweist, als es selbst willensartig,
willensdurchzogen, selbst wollend, strebend ist, als in ihm +Impulse+
walten, welche dem Erlebnisverlauf die +Direktive+ geben, Impulse, die
teilweise in muskuläre Vorgänge münden, die also objektiv sich als
Bewegungen darstellen, so daß das Motorische die objektivierte Äußerung
des Willens ist. Daß +bloße+ Muskelempfindungen, Bewegungsvorstellungen
u. dgl. noch nicht Wille sind, sehen wir leicht, wenn wir den Zustand,
in dem wir uns einfach eine Bewegung unseres Leibes vorstellen, mit
demjenigen vergleichen, in welchem wir die vorgestellte Bewegung auch
anstreben, wollen; auch die Gefühlsbetonung der Bewegungsvorstellung ist
noch nicht das Willensphänomen, sondern dazu gehört noch eine besondere
»Stellungnahme« seitens des Subjekts, die in der Besonderheit des
Bewußtseinsverlaufes zum Ausdruck kommt[25]. Es muß wiederholt betont
werden, daß »Wollen« zwar kein einfacher, elementarer Zustand hinter und
neben dem übrigen Erleben, aber auch keine bloße Summation von
willenlosen Vorgängen ist.

Der Voluntarismus, mag er nun in extremer oder gemäßigterer Form
auftreten, bestreitet wesentlich zweierlei: 1. die Möglichkeit, aus
bloßen intellektuellen Prozessen das Seelenleben befriedigend zu
erklären, 2. den Aufbau der geistigen Gebilde durch bloße »Assoziation«;
die Aktivität des Bewußtseins wird von der Assoziationspsychologie oft
verkannt oder ungenügend zur Geltung gebracht.

Was das Verhältnis des +Intellekts+ zum Willen anbelangt, so ist folgendes
zu sagen. Eine reine, willenlose Intelligenz, ein teilnahmsloses Vorstellen
und Denken ist uns nirgends gegeben. Mag das Willensmoment noch so
+abgeschwächt+ sein, mag es sich dem klaren Bewußtsein entziehen, weil es
während des Funktionierens nicht selbst zur Apperzeption gelangt, gänzlich
fehlt es nie. Schon die primitiven +Sinneswahrnehmungen+ sind gefühlsbetont
und mit irgendeinem Grade des Strebens behaftet, das in gewissen Fällen (z.
B. bei hohen Intensitäten) stark hervortreten kann; außerdem bringen wir
vielfach den Sinnesreizen Tendenzen zur Perzeption entgegen, wir suchen
Empfindungen (Licht, Töne usw.) auf, haben ein Bedürfnis nach Betätigung
unserer Sinnesorgane, ein »funktionelles Bedürfnis« bestimmter Art[26]. Das
neutrale, »indifferente« Wahrnehmen ist schon ein Grenzfall, ein
Entwicklungsprodukt, keineswegs das Primäre, wo Empfinden oder Wahrnehmen
und Streben viel inniger vereint sind, wo also die Wahrnehmung durchaus
»appetitiv«, triebhaft ist, was auch biologisch wohl begründet ist. Denn
die Sinneswahrnehmung steht zunächst völlig im Dienste des
Selbsterhaltungswillens, der die Sinnesreize teils aufsucht, teils
vermeidet und der also eine +Auswahl+ unter ihnen trifft.

Diese auswählende, auslesende Tätigkeit der Psyche ist nun überhaupt von
fundamentaler Bedeutung. Wir zeigen dies zunächst an der Tatsache der
+Apperzeption+[27] im allgemeinen, die besonders durch +Wundt+ in ihrer
Wichtigkeit erkannt wurde, so daß fortan der Assoziationspsychologie
eine »Apperzeptionspsychologie« entgegentreten konnte. Unter der
»Apperzeption« ist nun nichts anderes zu verstehen als eine Leistung des
Willens, des Willens zur Bewußtheit insbesondere. Je nachdem der Wille
Trieb- oder Willkürwille ist, haben wir +passive+ (reaktive) oder
+aktive+ Apperzeption vor uns, ohne daß beide voneinander schroff
geschieden sind. Die Apperzeption ist also nicht, wie man zuweilen
gemeint hat, ein mystisches, metaphysisches Vermögen, ein Akt hinter
und vor dem Bewußtsein, sondern eine Leistung im und am Bewußtsein,
an den Erlebnissen. Apperzeption ist +Fixierung von Erlebnisinhalten
durch den Willen+, Festhaltung, Bevorzugung, Auswahl eines
Bewußtseinsbestandteiles, der dadurch vor anderen momentan ausgezeichnet
wird, indem er klarer, deutlicher, selbständiger, bewußter wird. Das
Apperzipierte ist gleichsam im »Blickpunkt« des Erlebens. Durch diese
Klarwerdung eines Erlebnisses tritt dasselbe aus dem Gesamtzustande des
Subjekts schärfer hervor, das übrige tritt entsprechend zurück, ist
minder bewußt oder unterbewußt. Diese Bevorzugung kann ein Erlebnis
zunächst +triebhaft erzwingen+, indem es aus irgendeinem Grunde
(Intensität, Gefühlston usw.) die Aufmerksamkeit, d. h. den
Erlebniswillen auf sich zieht und das übrige verdrängt. Geht aber ein
bestimmter +Erlebniswille+, eine Erwartung, ein Suchen u. dgl. voraus,
ist die Aufmerksamkeit schon im vornherein auf einen zu gewärtigenden
Inhalt eingestellt, dann findet eine +aktive+ Apperzeption statt, hinter
der die konzentrierte aktive Energie des Ichs steckt. In jedem Falle
wird aber ein Inhalt dadurch apperzipiert, nicht bloß perzipiert, daß er
in möglichst günstige, zweckmäßige Beziehung zum auffassenden oder
verarbeitenden psychisch-physischen Organ gebracht wird, indem alles
Störende, Beeinträchtigende durch den Willen abgewiesen, gehemmt,
zurückgedrängt wird. In verschiedenen Gefühlen und Empfindungen (der
Muskeln usw.) kommt dieser Zustand der »Spannung« zum Ausdruck, ohne mit
ihnen identisch zu sein; denn wir verspüren unweigerlich das Triebhafte
bzw. das Willkürliche im Aufmerken und Apperzipieren -- Vorgänge,
die nur Momente und Seiten eines einheitlichen Geschehens bilden.
Das +physiologische+ Korrelat der Apperzeption kann entweder die
Funktion bestimmter Gehirnpartien sein oder in einer erhöhten
Energie, in einem besonderen Grade eines bestimmten Zusammenwirkens
von Gehirnprozessen bestehen.

Auf die passive oder reaktive Apperzeption kommen wir noch weiter unten
zu sprechen. Zunächst haben wir von der +aktiven+ Apperzeption zu
sprechen, um das Verhältnis des Willens zum Intellekt klarzulegen und
der Einseitigkeit des Assoziationismus entgegenzutreten.

Betrachten wir das +Denken+ (den aktiven Intellekt) näher seiner
subjektiven psychischen Seite nach, so sehen wir, daß es sich vom bloßen
Vorstellen, von bloß assoziativen Verbindungen unmittelbar in der Art
des Erlebens unterscheidet. Das Denken erweist sich, kurz gesagt,
subjektiv als eine +Willenstätigkeit+[28]. Ein willenloses Denken, ein
willensfreier Intellekt existiert nicht, oder nur in der Abstraktion.
Denken als Prozeß ist +innere Handlung+ im Unterschiede von der
»Praxis«, lebendige Aktion, +aktive Ich-Leistung+. Ohne +Antriebe+,
+Motive zum Denken+, ohne ein zu erreichendes +Denkziel+, dem ein
+Interesse+ uns nachgehen läßt, käme es zu keinem wirklichen Denken und
Erkennen. Der Wille ist dem Denken »immanent«, aber nicht, wie oft
erklärt wird, weil Wille nur eine Eigenschaft, eine Richtung des Denkens
ist, sondern weil das Wollen ein primäres Moment der Denkhandlung, die
subjektive Bedingung und Grundlage, die innerste Triebkraft des Denkens,
dieses also eine Betätigung, eine Richtung des Willens, des
»Denkwillens« ist. Denken ist eine +geistige Arbeit+ an einem Materiale
(Vorstellungen, Begriffe, Urteile), +aktive Formung und Gliederung+, die
zu oberst dem +Willen+ zur +Einheit+ Genüge tut, ihm entspringt. Ich
denke nur, weil ich Inhalte geistig beherrschen, durchdringen,
zusammenhängend-einheitlich erfassen will, abgesehen von anderen
Motiven, etwa praktischen. Der Wille setzt das Denken in Bewegung, gibt
ihm Anstoß und Richtung. Durch die aktive Apperzeption wird nur das im
Bewußtsein fixiert und mit anderem ebenso Fixierten zusammengehalten,
vereinigt, was in der Richtung des Denkwillens liegt oder zu liegen
scheint; alles andere wird zurückgedrängt, vernachlässigt. Indem ich
denke, +wähle+ ich unter meinen zur Disposition stehenden Vorstellungen
und Vorstellungsdispositionen jene, welche meinem so und so bestimmten
Denkwillen entsprechen oder wenigstens zu entsprechen scheinen.
Natürlich muß mir ein Material von Inhalten zur Verfügung stehen,
welches nicht selbst erst durch mein Denken geschaffen wird, und von
diesem Material gehen Anregungen aus, welche mich -- teilweise triebhaft
-- in meinem konkreten, speziellen Denken bestimmen; ich »richte« mich
nach dem +Inhalte+ meiner Erlebnisse, auch wenn ich noch so aktive
(»freie«) Geistesarbeit verrichte, ich verfahre nicht willkürlich im
Sinne ungebundener, gesetzloser, absoluter Freiheit. Der Denkwille hat
seine +eigene feste Gesetzlichkeit+, die er anerkennt, anerkennen muß,
will er sein Ziel erreichen, so daß die +Denkgesetze+ zwar nicht
mechanische, aber +teleologische Notwendigkeit+ besitzen, indem sie der
»Autonomie des Denkwillens« entspringen. -- Intellekt und Wille sind
nicht zwei gesonderte Vermögen oder Kräfte, sondern was wir Intellekt,
Verstand, bzw. Vernunft nennen, ist der rein geistig sich betätigende
Wille selbst; das Denken, die sich betätigende Vernunft ist
Willenshandlung. Die +Wechselwirkung zwischen Intellekt und Wille+
besteht darin, daß einerseits das Erstreben, Wollen bestimmter Inhalte
einen Einfluß auf das Denken ausübt und daß dieses von der Energie und
Richtung des Willens abhängig ist, und daß anderseits das Denken und
dessen Produkte (Urteile, Begriffe) den Willen, der insofern
»Vernunftwille« ist, zu motivieren, zu leiten vermag; der Vernunftwille
wiederum kann einen (hemmenden, mäßigenden) Einfluß auf Triebe,
Leidenschaften u. dgl. ausüben. So lassen sich also Wille und Intellekt
als wechselseitige Abhängige, als einander bestimmende Momente und
Faktoren anerkennen, ohne daß auf der einen Seite ein intelligenzloser
Wille, auf der andern ein willensfreier Intellekt zu stehen braucht.

Unter dem Einflusse der aktiven Apperzeption entstehen nun u. a. die
+Denkgebilde+, als eine Form der »apperzeptiven Verbindungen«
(+Wundt+). Ein +Begriff+ z. B. ist nicht eine bloße Assoziation von
Vorstellungen, sondern ein Denkgebilde, bei dem die Apperzeption nur
bestimmte, logisch zweckmäßige Elemente von Erlebnissen festhält,
heraushebt und einheitlich zusammenfaßt. Begriffe entstehen nie passiv,
ganz von selbst, auch die empirisch fundierten Begriffe sind, subjektiv
angesehen, Denkgebilde, Produkte aktiver Geistesbetätigung. So verhält
es sich auch mit dem +Urteil+. Dieses ist keine assoziative Abfolge von
Vorstellungen, sondern eine aktive Synthese auf Grundlage einer Analyse
des Erlebnisses, ein Akt der In-Beziehung-Setzung, die niemals von
selbst dem Subjekt gegeben ist. Beziehen, Vergleichen, Zerlegen,
Verbinden usw. sind nicht fertige Bewußtseinsinhalte, sondern
Ich-Betätigungen, die an einem Materiale stattfinden, ohne in diesem
schon vorzuliegen. Die Tätigkeit des denkenden Subjekts schwebt aber
nicht in absolut freier Willkür über diesem Material, sondern gehört zu
eben demselben Bewußtsein, dessen Inhalt jenes bildet; sie ist eine
»Form« des Bewußtseins, eine Art des Zusammenhanges, die sich
unmittelbar als »aktiv« charakterisiert und von anderen Arten abhebt.
Die apperzeptive Tätigkeit läßt sich zwar von dem apperzipierten Inhalt
unterscheiden und begrifflich fixieren, bildet aber in Wirklichkeit ein
mit diesem Inhalt zur Einheit verbundenes Ganzes.

+Gedanken+ sind also Gebilde aktiver Geistestätigkeit, welche den Willen
zum Motor hat. Das Denken benutzt das durch Assoziation gelieferte
Vorstellungsmaterial, es ist aber nicht selbst bloße Assoziation.
Während bei dieser Vorstellung auf Vorstellung folgt, in bunter Reihe,
durch Ähnlichkeit, Berührung in Raum und Zeit usw. hervorgetrieben,
erweist sich das Denken als ein den Verlauf der Vorstellungen
+hemmender+, +regulierender+ Prozeß, der zu bestimmten Zusammenhängen
führt, durch welche dem Ablauf des Vorstellens ein gewisser Abschluß
zuteil wird. Die Gesetzlichkeit des Denkens ist aus bloßen
»Assoziationsgesetzen« nicht abzuleiten, nicht zu begreifen, sie ist
anderer Art als die des »Spieles der Einbildungskraft«, das um so
leichter und besser von statten geht, je unbeherrschter das Vorstellen
ist. Das Denken hingegen, besonders das streng logische Denken bedeutet
+Disziplin+, +Planmäßigkeit+, +Zwecksamkeit im Geistesleben+. Nicht bloß
das Denken, auch die aktiv gestaltende, Normen befolgende, beachtende
+Phantasie+ ist mehr als bloße Assoziation. Durch eine Art
»schöpferischer Synthese« entstehen im Denken und in der aktiven
Phantasie seelische Gebilde, die sich zwar in Elemente zerlegen
lassen, welche zum Aufbau der Gebilde beitragen, die aber diesen
Elementen und ihrer bloßen Summe gegenüber qualitativ etwas Neues,
Spezifisches darstellen. --

Was nun die +Assoziation+ selbst betrifft, so hat die
Assoziationspsychologie meistens nicht nur den Fehler begangen, aus
jener alles ableiten zu wollen, sondern auch noch den, daß sie die
Assoziation nicht richtig aufgefaßt hat. Wir sprachen schon von der
unzulässigen Verdinglichung der Vorstellungen und Empfindungen und von
der Ausstattung dieser mit Kräften gegenseitiger Anziehung. Es gibt aber
im konkreten Erleben keine selbständigen, reinen Empfindungen und
Vorstellungen, die sich von selbst, ganz unabhängig von einem erlebenden
Subjekt, miteinander verbinden. Eine Vorstellung ist kein beseeltes
Wesen, welches von einem andern, einer zweiten Vorstellung einen Anstoß
zum Wiederauftreten im Bewußtsein empfangen kann. Sondern alle
Assoziation ist nur dadurch möglich, daß Vorstellungen usw. +Abhängige
eines erlebenden Subjekts+, Momente und Glieder bzw. Seiten eines
einheitlichen Zusammenhanges sind, durch den sie ebenso bedingt sind,
wie sie ihn selbst mit konstituieren. Die Assoziationen schweben nicht
in der Luft, sind nicht Beziehungen zwischen Objekten, sondern +Formen
des Zusammenhanges von Erlebnissen im Subjekt und durch den jeweiligen
Zustand desselben bedingt+. Sowohl die allgemeine, als die besondere,
individuelle Natur des erlebenden Subjekts kommt in den Assoziationen,
in anderer Weise als in den (aktiven) Apperzeptionsverbindungen, zum
Ausdruck, so daß die Assoziationen zwar gesetzlich, aber keineswegs
eindeutig bestimmt sind.

Nun ist das Subjekt in zentralster Selbstunterscheidung von den Objekten
Wille, zunächst als triebhaft, dann aber vorzugsweise als aktiv wollend.
Daher ist die Assoziation durch den Willen, durch das Streben
bedingt[29]. Es »assoziieren« sich also nicht reine Vorstellungen
miteinander, sondern +willensbehaftete Erlebnisse des einheitlichen
Subjekts+. In der Einheit des erlebenden Subjekts bzw. des Strebens sind
die Assoziationen letzten Endes gegründet, aus ihr fließen sie. Die
Assoziation besteht darin, daß durch »triebhafte« Einwirkung auf die
Apperzeption Erlebnisse einander ins Bewußtsein rufen (»reproduzieren«)
und mit ihnen Zusammenhänge bilden, die bald durch innere, bald durch
mehr äußerliche Beziehungen bedingt sind, so aber, daß das
Willenselement nie fehlt. Die Assoziation ist, wie dies +Wundt+ erkannt
hat, ein +Triebvorgang+, wenn auch ein solcher, wo das Moment des
Strebens vielfach in den Hintergrund des Bewußtseins tritt. Dies ist
wohl begreiflich, wenn man an die durch Übung erzielte »Mechanisierung«
des Bewußtseins, der Willens- und Triebhandlung denkt. Assoziation ist
in der Tat relativ +mechanisierte Geistesarbeit+, und das um so mehr, je
weniger das Triebmoment, das manchmal ziemlich stark hervortreten kann,
zurücktritt, ohne aber je ganz zu fehlen (vgl. +Fouillée+ a. a. O.).
Erlebnisse, die irgendwie zur +Einheit im Ich+ zusammengehen können --
bei verschiedenen Individuen in verschiedener Weise -- haben die
Tendenz, sich zu »assoziieren«, d. h. sie assoziieren sich, sofern nicht
äußere oder innere störende, hemmende, ablenkende Faktoren (z. B. der
Denkwille) ins Spiel treten. Die Vorstellungen assoziieren sich aber
nicht direkt und von selbst, sondern nur so, daß sie +auf das Streben
einwirken, (als Momente desselben) und dieses zur Reproduktion
(Erneuerung) anderer Vorstellungen anregen, reizen, aus dessen Natur
heraus, die auf Einheit geht+.

Vorstellungen sind keine Dinge oder Kräfte, die, wenn sie dem Ich nicht
präsent sind, irgendwo unbewußt lauern, bis sie wieder ins Bewußtsein
treten können. Nimmt man von der Vorstellung das Bewußtsein weg, dann hebt
man sie selbst auf, denn sie ist nur eine besondere Form, eine Modifikation
des Bewußtseins (im weitesten Sinne), welches nicht neben den Erlebnissen
einhergeht, zu ihnen hinzukommt, sondern ein Ausdruck für das Gemeinsame
aller Erlebnisse, eben das Erleben (Erlebtwerden) ist. Es gibt also keine
absolut unbewußten Vorstellungen und die Reproduktion, mit der die
Assoziation verbunden ist, ist keine Hervorholung der Vorstellungen aus dem
Unbewußten ins Licht des Bewußtseins. Jede »reproduzierte« Vorstellung ist
vielmehr ein +neues+, besonderes Erlebnis, das inhaltlich zwar einem
früheren Erlebnis sehr ähnlich ist, trotzdem aber, abgesehen von mehr oder
weniger erheblichen Abweichungen, funktionell nicht mit dem alten Erlebnis
zusammenfällt. Freilich muß die Reproduktion der Vorstellungen
+Bedingungen+ haben, durch die sie ermöglicht wird. Diese Bedingungen sind,
objektiv-physisch betrachtet, »Spuren«, potentielle Energien bzw.
molekulare Umlagerungen im Zentralnervensystem, im Gehirn. Und bei der
Assoziation dürften infolge von »Bahnungen« u. dgl. zusammengehörige,
früher irgendwie verbunden gewesene Partien oder Funktionsanlagen in
Tätigkeit treten, indem die Erregung der einen Partie oder der einen
Funktionsanlage eine Erregung bestimmter anderer Bestandteile nach sich
zieht. Psychologisch aber kann natürlich nicht von Molekularumlagerungen u.
dgl. gesprochen werden. Gleichwohl ist man berechtigt, von funktionellen
+Dispositionen+ zur Reproduktion von Vorstellungen u. dgl. zu reden. Es
sind das nicht bestimmte, unbewußt existierende, bereitliegende Inhalte,
sondern Nachwirkungen früherer Erlebnisse in der psychischen
Organisationseinheit, +Tendenzen+ der Psyche zur Erneuerung von Erlebnissen
unter bestimmten Anregungen, Antrieben, welche von gewissen anderen
Erlebnissen (gefühlsbetonten Wahrnehmungen oder Vorstellungen) ausgehen. So
zeigt sich auch die +Erinnerung+ und die Fähigkeit dazu, das +Gedächtnis+,
als ein nicht rein intellektuelles, sondern +volitionelles Phänomen+,
dessen physiologisches Korrelat wohl in der Aufspeicherung potentieller
Energie im Gehirn und deren Übergehen in aktuelle Energie besteht.
Psychische »Dispositionen« sind also nicht selbst Vorstellungen, sondern
nur »Bereitschaften« zu solchen, es sind psychische Potenzen als das
Innensein der Gehirndispositionen. So verhält es sich auch mit den sog.
+Anlagen+, die nichts anderes sind als ursprüngliche, ererbte, angeborene
psycho-physische Dispositionen, im Unterschiede von den individuell
erworbenen Dispositionen und Fertigkeiten. Alle Dispositionen, ererbte und
erworbene, sind Resultate der +Übung+, als solche stehen sie zur Richtung
des +geringsten Widerstandes, der kleinsten Kraftaufwendung+ in Beziehung,
haben also eine +ökonomische+ Bedeutung, aus der sich auch die ihnen eigene
Tendenz oder Strebung begreift. Sind die Dispositionen einerseits
Nachwirkungen von Willens- und Triebhandlungen, inneren und äußeren, so
üben sie anderseits einen außerordentlichen Einfluß auf die
Weiterentwicklung des Seelenlebens aus, sie werden zur Grundlage neuer und
höherer, reicherer geistiger Prozesse und zugleich mitbestimmend für die
+Richtung+, welche diese nehmen.

Der Begriff der +Richtung+ (dessen Bedeutung von +R. Goldscheid+[30]
betont wurde) ist überhaupt für die Psychologie wichtig. Er ist hier wie
in der Naturwissenschaft unentbehrlich, weil der Qualitäts- und der
Intensitätsbegriff nicht ausreichen, um gewisse Unterschiede in den
psychischen Vorgängen festzulegen. In erster Linie und primär ist die
»Richtung« im Seelischen ein Modus des Willens, dessen Wirksamkeit
verschieden ist, je nach dem Ziele, auf das der Wille gerichtet,
eingestellt ist. Mit gutem Sinne können wir z. B. von einer Richtung des
Vorstellungsverlaufes sprechen, die entweder von momentanen,
triebartigen Impulsen oder aber vom zweckbewußten Willen (Denkwillen)
abhängig ist. Der Wille beeinflußt die Richtung der Erlebnisse, die Art
des Ablaufes, des zeitlichen Zusammenhanges, des (relativen) Abschlusses
derselben, abgesehen davon, daß der Aufmerksamkeitswille verschieden
gerichtet sein kann, indem er bald auf das eigene subjektive Erleben,
bald auf die objektiven Inhalte desselben sich lenkt. Der Wille als
solcher ist, in Beziehung auf seinen Zielpunkt, ein (dynamisches)
»Gerichtetsein«, dessen direkte oder indirekte, totale oder partielle
Objektivierung die Richtung der psychischen Energie der Gehirn- und
Nervenprozesse ist. Für den Unterschied zwischen Trieb und Willkür
(Wahl) mechanisierter (automatischer) und aktiver Geistesfunktion ist
die Unterscheidung eindeutig und mehrdeutig bestimmter Richtung von
Wichtigkeit, z. B. für das Problem der Willensfreiheit. --

Es würde den Rahmen dieser Arbeit weit übersteigen, sollte der Anteil
des Willens an den seelischen Geschehnissen im einzelnen aufgezeigt
werden. Es genügt, wenn wir dartun konnten, daß sowohl im niederen,
einfachen, wie im höheren, komplizierten Seelen- und Geistesleben der
Wille in verschiedener Form und Richtung das +zentral Wirksame+, die
innerste Energie des Bewußtseins ist, und daß der +vollständige+,
unabgekürzte, ungehemmte psychische Vorgang eine +Willenshandlung+ ist.
Erst durch +Abschwächung+, +Abstumpfung+ des Strebens und Fühlens, des
Appetitiven und Affektiven kommt das verhältnismäßige »rein«
Intellektuelle, das neutrale Wahrnehmen, Vorstellen und Denken zustande,
+teilweise aber selbst wieder unter dem Einfluß des Willens+, nämlich
des Kulturwillens, der eine möglichste Beherrschung, Zurückdrängung des
Triebhaften, Affektiven mit sich bringt.



IV. Der Zweck im Seelischen.


Während in früheren Perioden der wissenschaftlichen Forschung die Idee
des Zweckes und der Zweckmäßigkeit, kurz, die +Teleologie+ meist in der
Form eines Gegensatzes zum Kausalitätsbegriff oder aber so auftrat, daß
in der Natur zwei Arten von Ursächlichkeiten, die kausale und die
finale, nebeneinander, ohne innere Verbindung walten sollten, ist es ein
Postulat unserer Zeit -- das aber schon bei älteren Denkern, besonders
bei +Leibniz+ sich geltend machte -- die Teleologie so zu fassen, +daß
sie zu der kausalen Betrachtungsweise in keinen Widerspruch gerät+,
vielmehr mit ihr aufs beste harmoniert. Von einer »transzendenten«
Teleologie, wonach Gott oder die Natur den Dingen bestimmte Zwecke
gesetzt hat, denen diese unbewußt oder bewußt nachgehen, will man mit
Recht, wenigstens innerhalb der empirischen Wissenschaft, nichts wissen.
Anderseits ist den noch immer in großer Zahl vorhandenen Gegnern aller
Teleologie entgegenzuhalten, daß man in der Biologie und in den
Geisteswissenschaften ohne Teleologie nicht auskommt. Nur muß das eine
+immanente+, eine »Auto-Teleologie« (+Pauly+) sein, welche Ziele und
Zwecke nicht als Wesenheiten außerhalb der lebenden, handelnden Wesen,
sondern als etwas diesen +Innerliches, Immanentes, von ihnen selbst
Gesetztes, Erstrebtes, Verwirklichtes+ bestimmt und den Einfluß
+äußerer+, nicht-teleologischer, rein kausaler Faktoren gebührend
würdigt. Finalität und Kausalität schließen einander nicht aus, sondern
sind, wie wir gleich sehen werden, nur +zwei Betrachtungsweisen bzw.
Phasen einer und derselben Reihe des Geschehens+, ohne daß deshalb, wie
manche meinen, etwa die Finalität nur subjektiv, nur ein »Regulativ« für
unser Erkennen sein muß.

Wo wir innerhalb der empirischen Wissenschaft kein Seelisches annehmen
dürfen oder, besser, nicht anzunehmen brauchen, beim Anorganischen, und
überall da, wo wir nicht in der Lage sind, mit Sicherheit bestimmte
psychische Handlungen einfühlend zu erkennen, da sind wir berechtigt,
bloß von einer »regulativen« und heuristischen Anwendung des
Zweckbegriffes zu sprechen, d. h. die Dinge so anzusehen, +als ob+ sie
einem Zwecke dienten, um leichter zu kausalen Reihen zu kommen und diese
besser zu verstehen. Aber das ist nicht der einzige zulässige Gebrauch,
den man von der Teleologie machen darf, und zwar nicht erst in der
Metaphysik, sondern schon in der Biologie, Psychologie und in den
Geisteswissenschaften. Hier ist es vielfach oft die Idee des Zweckes,
die erst +Einheit in die Erfahrung+ bringt, diese erst »konstituiert«
und das Geschehen erst sinnvoll, bedeutsam macht. Aber auch hier ist die
»Finalität« nur eine Seite oder Phase desselben Geschehens, das zugleich
sich kausal beschreiben läßt. »Konstitutiv« ist der Zweckbegriff hier
aber schon deshalb, weil wir, während Zwecksamkeit, Finalität in das
Physische zunächst nur +hineingelegt+ wird, sie +an uns selbst, in
unserem seelischen Verhalten unmittelbar erleben+ oder setzen und sie
ebenso als ein allem Seelischen unmittelbar Anhaftendes ansehen müssen,
als ein +Charakteristikon des Psychischen selbst+[31].

In der Tat, der +Zweckbegriff+, der formal unserem beziehenden Denken
entspringt, hat sein Ur- und Vorbild im eigenen Erleben des +Subjekts+.
Dieses ist selbst durch und durch ein Zwecke-setzendes, »zielstrebiges«
Wesen und es ist tätig, um diesen seinen Zwecken zu genügen, um sie zu
verwirklichen, aus der Potenz in die Aktivität überzuführen. +Das
Subjekt ist ein Zwecke-objektivierendes Wesen.+ Sein ganzes Tun ist ein
+Inbegriff von Mitteln zur Realisation von Zwecken+, zur Erreichung von
Zielen. Zunächst ist aber zu zeigen, wie das möglich ist, ohne daß das
Kausalitätsgesetz durchbrochen, außer Geltung gesetzt wird.

Ein einfaches Beispiel für eine Zwecktätigkeit ist die Handlung, bei der
ich den Arm ausstrecke, um ein Buch zu ergreifen. Psychologisch geht
folgendes vor: ich habe ein Ziel in Gestalt einer Vorstellung vor Augen,
die »Lust« dazu und das Streben nach dessen Erreichung, welches sich in
Bewegungsempfindungen u. dgl. umsetzt und schließlich zu jenem
psychischen Zustande führt, welcher mit dem Besitze des Buches verbunden
ist. Dieselbe Reihe ist nun auch rein kausal beschreibbar. Zuerst war
meine Armbewegung »Mittel« zur Besitzergreifung des Buches, diese aber
»Zweck« meiner Handlung; jetzt ist die Handlung (das Ausstrecken des
Armes) »Ursache« des Ergreifens und Festhaltens des Buches und zwar
sowohl psychisch (als unmittelbares Erlebnis von Empfindungen und
Vorstellungen) wie physisch (als objektiv-physikalisch aufgefaßte
Bewegung). Was bei der einen Betrachtungsweise Mittel und Zweck ist, ist
für die andere Ursache und Wirkung. Der Zweck ist nichts als die im
Erleben antizipierte, die +vorstellend erstrebte Wirkung+, die reale
Wirkung ist der +aktualisierte Zweck+, ohne daß sie stets genau mit
diesem übereinstimmt. Die oft gestellte Frage: wie kann etwas, was noch
nicht da ist, was der Zukunft angehört, Ursache eines Geschehens sein,
beantwortet sich dahin, daß +nicht die reale Wirkung selbst+ Ursache des
Handelns ist, sondern die +Vorstellung der Wirkung+, des Resultates und
zwar als +Inhalt oder Motiv des Willens+. Zweck ist soviel wie
Willensziel, Willensinhalt, nicht etwas selbständig Existierendes und
Wirksames. Der Zweck wirkt nur +im und durch den Willen+, dieser ist als
psychischer Vorgang die Ursache von Handlungen, durch welche das
Gewollte, der Zweck, verwirklicht wird. Das Eigenartige der
Zwecksamkeit, das »Wozu« ist kein besonderes Geschehen, dem physisch
etwas parallel geht, sondern liegt schon im +Zusammenhange des Wollens+,
der allein sein physiologisches Gegenstück hat. Das Subjekt will etwas,
und zwar weil es ein anderes will usf. Dies führt zu einem ganzen
+System von Wollungen+, deren jede auf die andere so bezogen ist, daß
eine aus der andern mit +innerer Notwendigkeit+ erfolgt, einer
Notwendigkeit, die final und kausal +zugleich+ ist, je nachdem wir in
der Ordnung der Reihen vorgehen. Dieses System von Zwecksetzungen, in
welchem jeder Zweck wieder Mittel für einen anderen Zweck sein kann, ist
nicht bloß formal zur Einheit verknüpfbar, sondern erweist sich bei
gehöriger Selbstbesinnung und vergleichender Betrachtung fremden
Seelenlebens als +einheitlich gerichtet+, indem es dem obersten
subjektiven Zweck, der +Erhaltung und Betätigung der Einheit des
Subjekts+, also dem +Einheitswillen+ sich unterordnet. Dieser
Einheitswille, der +Wille zur Bewahrung der Ich-Einheit in aller
Mannigfaltigkeit der Erlebnisse+, ist der oberste Grund, dem das
seelische Handeln entfließt, das Motiv der Motive. Indem nun die Psyche
in ein solches System von Wollungen oder Zielsetzungen sich
auseinanderlegt, ist sie so recht eine »Entelechie« (im Sinne noch mehr
des Leibniz als des Aristoteles), +eine sich von innen aus aktiv-reaktiv
entfaltende, entwickelnde Subjektivität+, ein »Organismus«, dessen
Objektivation oder Ausdruck der leibliche Organismus ist[32].

Wenn der +Neo-Lamarckismus+ so sehr die Wirksamkeit psychischer Faktoren
und die Geltung einer »Auto-Teleologie« betont, so ist er durchaus im
Rechte, vorausgesetzt, daß er nicht die Bedeutung äußerer Faktoren (Milieu,
Auslese usw.) vernachlässigt. In der Tat: wollen wir das Leben nicht bloß
äußerlich in dessen Erscheinungen beschreiben, sondern es in seinem inneren
Wirken verstehen, wollen wir die Zweckmäßigkeit der Lebensprozesse und
deren Produkte begreifen, so können wir nicht umhin, auf die +Bedürfnisse+
zurückzugreifen, die durch Anregung des Strebens zu lebensnützlichen
Reaktionen verschiedenster Art führen. Es gibt zweifellos eine +aktive
Anpassung+, bei welcher der Organismus, seinen durch den Wechsel der
äußeren Bedingungen erregten +Bedürfnissen+ folgend, so tätig ist, daß
diesen Bedürfnissen Genüge getan wird, bis, durch +Übung+ und +Vererbung+
festgewordener Übungsresultate, eine größere Harmonie des Baues und der
Funktionen des Organismus mit dem Naturmilieu erreicht ist. Die erreichte
Zweckmäßigkeit ist also ein Resultat der psychischen, zielstrebigen
Einwirkung des Organismus auf sich selbst, die, wir wissen bereits warum --
ihr physisches, physiologisches Korrelat hat. Die Zielstrebigkeit ist aber
nur zum geringeren Teil direkt auf Realisierung von bestimmten
Vorstellungsinhalten gerichtet, vielfach und primär ist sie nur triebhafte
Reaktion zur Abstellung von Unlust oder Gewinnung von Lust nach einer
bestimmten Richtung, Tendenz zur Herstellung des gestörten Gleichgewichts,
zur Entfernung störender Reize u. dgl. Das objektiv Zweckmäßige ist zwar
durch das zielstrebige Verhalten des Organismus bedingt, aber keineswegs
ein direktes Resultat desselben, sondern das Produkt einer +Komplikation
von Faktoren+ und einer ganzen Reihe von Zielstrebigkeiten und Handlungen.

Es mußte dies betont werden, weil es auch für die Psychologie als
solche, nicht bloß für die Biologie gilt. Auch hier müssen wir von den
+primären+ Zielstrebigkeiten und Zwecksetzungen jene +Folgen+ und
+Nebenwirkungen+ unterscheiden, die, indem sie irgendwie in die Richtung
der individuellen Zielstrebigkeit hineinpassen, später selbst finalen
Charakter erlangen, ohne daß vorher auch nur im geringsten an sie
gedacht worden wäre. Für die individuelle, wie für die soziale,
kulturelle Entwicklung ist dieses Prinzip der »Heterogonie der Zwecke«
(+Wundt+) von nicht geringer Bedeutung, es erklärt uns die beständige
Steigerung, das Wachstum geistiger Werte, und es zeigt uns, wie es das
Wesen des Geistes ist, +Kausalität in Finalität+ zu verwandeln, bzw.
in deren Dienst zu nehmen.

Das Umgekehrte ist nun die +Verwandlung von Finalität in Kausalität+.
Wir meinen damit freilich nicht, als ob je im Seelenleben die Finalität
verloren ginge und an ihre Stelle reine, mechanische Kausalität träte.
Wir wissen bereits, daß die »Mechanisierung«, von der in der Psychologie
die Rede ist, nur eine Abkürzung und ein Eindeutig-Werden von
Willenshandlungen ist, keine absolute Entseelung. Aber Tatsache ist es,
daß Handlungen, welche ursprünglich mit mehr oder weniger
Bewußtseinsklarheit auf ein bestimmtes Ziel gerichtet waren, später
durch das, was wir »Gewöhnung« nennen, rein triebmäßig und schließlich
+ganz automatisch+, ohne Richtung auf ein bewußtes Ziel verlaufen
können, so daß sie uns als bloße Wirkungen psycho-physischer
Antezedentien erscheinen. Nur insofern diese Handlungen Glieder des
teleologischen Zusammenhanges der Gesamtpsyche sind, haben sie jetzt
finalen Charakter, nicht aber für sich genommen. Oder wenn man will,
läßt sich diese Art psychischer Kausalität als Grenzfall psychischer
Finalität ansehen, als +stabilisierte Zielstrebigkeit+. Der psychische
»Mechanismus« ist, weit entfernt die Quelle der geistigen Finalität
zu sein, schon nur ein +Spezialfall, eine Phase und ein Niederschlag
der Finalität+, die nach zwei Richtungen sich entfaltet: einerseits
zur vollbewußten +aktiven+ Zwecktätigkeit im Denken, Wollen und
Gestalten, anderseits zum seelischen +Automatismus+. Zugleich bleibt
der Satz bestehen, daß die psychische Kausalität im allgemeinen Sinne
durch eine Betrachtungsweise desselben Zusammenhanges gegeben ist, der
sonst als finaler Zusammenhang sich darstellt, und zwar am
+unmittelbarsten+ sich darstellt.

Daß die Psychologie nicht umhin kann, die +Teleologie des Seelenlebens+
zu berücksichtigen, ist bisher hauptsächlich von jenen Psychologen
betont worden, welche biologische Gesichtspunkte in ihre Wissenschaft
hineintragen. In der Tat: so wichtig und notwendig es ist, die
biologischen Prozesse schließlich auch psychologisch zu interpretieren,
psychische Faktoren zum Verständnis von Lebensvorgängen verschiedener
Art heranzuziehen, so unumgänglich ist auch die Erklärung fundamentaler
psychischer Funktionen durch Rekurrierung auf +biotische+ Momente. Es
ist dies ganz natürlich, denn das Seelenleben ist auch ein Ausschnitt,
bzw. eine Seite des Lebens schlechthin, und das Leben ist qualitativ
eine Manifestation seelischer Faktoren. Wir übertragen also nicht
etwa in äußerlicher Form, durch künstliche Analogien, biologische
Gesichtspunkte auf das Seelische, sondern dieses hat an sich selbst,
vermöge seiner Identität mit dem Leben die Eigenschaften desselben.
Daher gelten die von der Entwicklungstheorie verwandten Momente:
Anpassung, Kampf ums Dasein, Auslese, Übung, Korrelation, Vererbung
usw. auch für die Psychologie. Freilich muß man sich hier vor
+Einseitigkeiten+ hüten, wie sie etwa die +extreme Selektionstheorie+
aufweist, und man muß der spezifischen Beschaffenheit des Psychischen
als solchen gebührend Rechnung tragen.

Der teleologische Charakter des Seelenlebens hängt aufs innigste damit
zusammen, daß dasselbe etwas +Organisches+, kein Aggregat selbständiger
Elemente, kein äußerlich verbundenes Ganzes, sondern eine +innerlich
zusammenhängende Einheit+[33] ist, die in lebendiger Wechselwirkung mit
ihren Gliedern steht. Diese Glieder sind ebenso durch das Ganze
bedingt, wie das Ganze durch die Teile; es sind ja beide nur
Abstraktionen aus dem +konkreten Zusammenhang, der zugleich Einheit und
Mannigfaltigkeit ist+. Die Seele ist, das muß aller mechanistischen
Psychologie gegenüber entschieden betont werden, eine sich in der
Mannigfaltigkeit ihrer Modifikationen entfaltende und entwickelnde
+aktuale Organisation+ und hat alle Eigenschaften einer solchen. Was
+Herbart+ von der metaphysischen, einfachen Seelensubstanz lehrte, die
sich wie alle »Realen« gegenüber Störungen ständig zu erhalten strebt,
gilt auch, nur noch viel plausibler, von der gegliederten Seeleneinheit,
die +im+ Erlebniszusammenhange, +nicht hinter+ diesem besteht und tätig
ist. Die Zielstrebigkeit, die das Psychische charakterisiert, äußert
sich in verschiedener Weise, so aber, daß das Streben nach Erhaltung und
Durchsetzung, sowie nach Steigerung, Bereicherung, Potenzierung der
Subjekt-Einheit +sowohl das Primärste als auch das Letzte und Höchste+
ist, was die Psyche als solche, als Individuum unter anderen, im
Reagieren und Agieren bestimmt. Die Psyche ist von Natur aus so geartet,
daß sie Störungen, die sie erleidet, zu beseitigen, daß sie alles Neue
sich, dem Grundbestande ihrer Modifikationen einzuordnen strebt,
Widersprüche, soweit ihr diese zum mehr oder minder klaren Bewußtsein
kommen, nicht duldet. Und wie sie sich selbst als Ganzes im Konflikte
mit der physischen und psychischen Umwelt zu erhalten strebt, so hat die
Psyche auch die Tendenz, alles für sie und ihre Einheit und Entwicklung
Förderliche möglichst festzuhalten, zu erhalten. Nicht die Vorstellungen
für sich allein haben einen Selbsterhaltungstrieb, sondern die Psyche,
das erlebende Subjekt ist es, welches Teile seiner Erlebnisse gegenüber
andern triebmäßig oder willkürlich +begünstigt+ und sie so anderen
gegenüber sich behaupten läßt, wobei natürlich die Möglichkeit der
+Konkurrenz verschiedener Tendenzen+ nicht zu übersehen ist, die sich
aber schließlich irgendwie der Einheitstendenz des Ganzen einordnen
müssen, soll das Seelenleben »normal«, intakt oder wenigstens im
relativen Gleichgewicht bleiben. Daß Vorstellungen usw. im Bewußtsein
herrschend werden u. dgl., ist gewiß kausal bedingt, wir können häufig
die Faktoren aufzeigen, welche die Erhaltung, Fixierung, Begünstigung
von Erlebnissen zur notwendigen Folge haben, aber zugleich liegt hier
eine Finalität vor, da diese Erhaltung im Dienste der psychischen
Zielstrebigkeit steht, so daß der psychische Zusammenhang durch einen
Zweck bestimmt ist; die kausale Notwendigkeit ist hier also auch
teleologische Notwendigkeit. Das ganze +logische Denken+ z. B. läßt dies
deutlich erkennen, denn der »reine Denkzweck« ist zugleich der Grund,
aus dem die Bildung bestimmter Urteile und Schlüsse erfolgt, und im
Erkenntnisprozesse wieder sind die +Kategorien+ Mittel zur Herstellung
eines +objektiv-einheitlichen Zusammenhanges+, zur Konstituierung von
objektiver Erfahrung und von Erfahrungsobjekten[34]. Die Gesetze des
Denkens und Erkennens fließen gewiß aus dem Wesen der »Sachen«, sind
+nicht bloß individuell-subjektiv+, nicht relativ, aber sie sind auch
nicht in der Luft schwebende Wesenheiten, existieren nicht an sich,
sondern gehören zum »Bewußtsein überhaupt«, sind +Forderungen des auf
reine Erkenntnis gerichteten Willens+, der nur durch sie seinen Zweck:
die Erkenntnis, die Erfassung der Wahrheit und Wirklichkeit, erreichen
kann und daher +sich selbst bindet+, um so bewußter und entschiedener,
je mehr er die +Tauglichkeit+ der einzelnen Denk- und Erkenntnismittel
im Fortschritte der wissenschaftlichen Entwicklung und als +an der
Erfahrung sich bewährend+ einsieht....

Der teleologische Charakter des Seelenlebens tritt schlagend in dem
zutage, was man +Interesse+ benannt und oft auch schon bei der Erklärung
psychischer Prozesse verwertet hat. Was in irgendeiner bemerkbaren
Beziehung zum Willen und damit zur Zielstrebigkeit der Psyche steht,
daran nimmt diese Interesse, d. h. sie erfaßt es willig, reiht es leicht
dem Zusammenhang ihrer Erlebnisse ein, verweilt triebmäßig oder
willkürlich bei ihm, beschäftigt sich mit ihm. Interesse erweckt etwas,
wenn es tauglich ist, die psychische Organisation irgendwie zu fördern,
irgendwelche Bedürfnisse des Subjekts zu befriedigen. Je nach der Art
der Bedürfnisse und Zwecke, für die etwas geeignet sein kann, gibt es
verschiedene +Richtungen+ des Interesses, verschiedene Arten des
Interessanten, welches wieder allgemein oder individuell, für die Psyche
überhaupt oder für bestimmt geartete Subjekte erregend sein kann. Daher
die Relativität und Wandelbarkeit des Interesses, je nach der
»Stimmung«, den vorangegangenen Erlebnissen, der Beschäftigung usw.,
kurz, je nach den jeweilig vorherrschenden Tendenzen und Zielsetzungen,
denen Erlebnisse und deren Gegenstände begegnen. Je mehr wir uns für
etwas interessieren, desto mehr ist unsere seelische Energie einem
Inhalt zugewandt, desto mehr »Seelenkraft« ist an dessen Verarbeitung
beteiligt, desto besser und nachhaltiger wird der Inhalt vom Ich
aufgenommen und verwertet. Daher die große Bedeutung des Interesses für
die Aufmerksamkeit und Apperzeption, für das Gedächtnis und die
Erinnerung, für die Richtung unseres Denkens und Handelns. Das Interesse
selbst aber ist ohne die allgemeine und spezielle +Finalität+ der Psyche
nicht zu verstehen, denn es ist nur der gefühlsmäßige Ausdruck für
dieselbe, ein Moment derselben, nicht etwa ein selbständiges
»Seelenvermögen«. Die »interessierte« Seele ist nur die nach einer
bestimmten Richtung besonders erregte, an einem Erlebnis besonderen
Anteil, besondere Lust nehmende Seele, für die in irgendeinem Ausmaße
das Erlebnis bedeutsam ist. Das Interesse ist es, was die Psyche eine
+Auslese+ unter den ihr sich in Fülle darbietenden Eindrücken treffen
und sie nur dasjenige assimilieren läßt, was auf Dispositionen, in
»Bereitschaft liegende« Bewußtseinszustände bestimmter Art stößt. Solche
Dispositionen, welche für die Richtung des Interesses bedeutsam sind,
sind auch überall da vorhanden, wo sog. »funktionelle Bedürfnisse«
bestehen, d. h. Tendenzen bestimmter Organe oder Seelenpartien zur
Betätigung der ihnen gemäßen Funktionen. Ein Beispiel dafür ist der
»Lichthunger«, der uns nach längerem Verweilen im Dunkeln befällt, der
Bewegungsdrang nach längerer Ruhe, die Lust am Hören von Klängen, am
Reden, an Phantasiespielen usw. Im +Spiel+ und in der +Kunst+ kommen
funktionelle Bedürfnisse stark zur Geltung[35]. Daher auch die
teleologische Bedeutung von Spiel und Kunst, welche nicht bloß eine
wohltätige Kraftentladung in der Psyche bewirken, sondern auch durch die
+Übung+ bestimmter, sonst vernachlässigter psychischer Systeme und
Organe subjektiv zweckmäßig sind[36]. Uninteressiert sind wir beim
ästhetischen Genuß nur insofern, als wir nicht auf irgendeinen Nutzen,
auf irgendwelche Gütererlangung ausschauen, aber willen- und
interesselos sind wir keineswegs, sondern ein »Wille zur Schau«, zum
+reichen und dabei harmonischen Erleben+ besteht, der im und durch das
ästhetische Erleben befriedigt wird, genau so, wie das Spiel in gewissem
Sinne Selbstzweck ist....

Ebenso wie das Interesse, bezieht sich auch das Phänomen der +Wertung+
auf die Finalität des erlebenden Subjektes. Was irgendwie zur
Befriedigung eines Bedürfnisses zur Erreichung eines Strebenszieles
nicht bloß geeignet, sondern auch notwendig, gefordert ist, das ist uns
+wert+, das ist für uns und alle Gleichgerichteten ein Wert. Werten kann
also nur ein zielstrebiges Wesen, und die Grundrichtung, die es
überhaupt oder jeweils verfolgt, sein +Grundwille+ und alles daraus
folgende Streben ist gleichsam das »a priori« aller Wertung. Erst und
nur im bewußten oder unbewußten Hinblick auf einen Zweck ist etwas für
uns wertvoll, als Mittel zu einem Zweck, das selbst in anderer Hinsicht
ein Zweck sein kann, bis hinauf zum obersten Endzweck, der, als
identisch mit dem Inhalt des reinen Grundwillens, an sich, »absolut«
wertvoll[37] ist; die Relativität und Subjektivität der Einzelwerte,
deren Abhängigkeit von verschiedenen Verhältnissen, von der Art der
psycho-physischen Organisation, vom Milieu, von historischen und
sozialen Bedingungen schließt keineswegs das Bestehen +objektiver,
intersubjektiver+, relativ konstanter Werte und die Absolutheit der
+obersten Grundwerte+ der Menschheit für den menschlichen bzw.
ideal-menschlichen Grundwillen aus, ein Umstand, der für die Ethik und
Sozialphilosophie von höchster Bedeutung ist und der vor allem die
Versöhnung zwischen Historismus und Apriorismus ermöglicht, sofern man
nur mitten im Geschichtlichen, im menschlichen Entwicklungsprozeß das
Apriorische, die in Form von Ideen und Idealen gegebenen, vom
Gesamtwillen gesetzten und anerkannten +Grundwerte+ zu finden und die
Geschichte als eine, freilich nicht geradlinige und rein rationelle
Annäherung an die Verwirklichung und +Objektivierung dieser Wertideale+
zu erkennen weiß[38].

Eine Art Wertung liegt schon in den +Gefühlen der Lust und der Unlust+
vor, welche zweifellos eine teleologische Bedeutung besitzen, die man
nur richtig auffassen muß. Denn es ist zu berücksichtigen, daß etwas für
bestimmte Partien oder auch für den Gesamtorganismus direkt oder
indirekt unzweckmäßig sein kann, was +relativ+ für bestimmte Partien und
Funktionen, also im Hinblick auf besondere Tendenzen der Psyche als
zweckmäßig empfunden wird und Lust bereitet. Dies festhaltend, kann man
ruhig behaupten, daß das Gefühlsleben ebenfalls die Finalität des
Subjekts zum Ausdruck bringt, daß lustvolle Gefühle Zeichen, Symptome
für Bedürfnisbefriedigungen sind, d. h. für Zustände, die der Psyche +in
irgendeiner Beziehung+ und Weise genehm, die für sie irgendwie
zweckmäßig sind, während Unlust in der Regel auf das Gegenteil hinweist.
Die scheinbare Durchbrechung der Regel erklärt sich eben aus dem
Bestehen +verschiedener Tendenzen+ der Psyche und aus dem +Konflikte+,
in welchen dieselben unter Umständen miteinander geraten können. Ferner
kann die Erfahrung und Verstandeserwägung das Bewußtsein der üblen
Folgen an sich lustvoller Erlebnisse und Handlungen als Gegengewicht
gegen diese ins Treffen führen und dies zeigt, daß eben eine Entwicklung
des Wertens wie eine solche der seelischen Fähigkeiten überhaupt
besteht; wo die Wertvoraussetzungen anders sich gestalten, muß natürlich
auch, ungeachtet der Zähigkeit mancher organisch gewordener Wertungen,
die Wertung sich modifizieren. Ist doch die Zweckmäßigkeit, auf die das
Werten sich bezieht, überhaupt nichts Festes, Starres, sondern ein
Werdendes, ein Produkt der Entwicklung. Je nach dem erreichten
Entwicklungszustande nimmt das erlebende Subjekt in verschiedener
Weise Stellung zu seinen Erlebnissen, wertet es diese, bzw. deren
Inhalt verschieden. Stets kommt aber in der Wertung die Natur und
Gesetzlichkeit des Subjekts, des einzelnen wie der Subjektivität
schlechthin zum Ausdruck, und diese Gesetzlichkeit ist im Kerne
finaler Art[39].

Diese Finalität dürfen wir nicht vergessen, wenn wir vom +Wettbewerb+
der Vorstellungen usw. um die Erhaltung im Seelenleben, im Bewußtsein,
im subjektiven und objektiven Geiste sprechen. Ein solcher Wettbewerb
besteht zweifellos, aber er ist ebensowenig wie der Daseinskampf in der
Natur rein kausal oder mechanisch zu erklären. Denn was bestimmte
Bewußtseinsinhalte miteinander streiten läßt, das sind die verschiedenen
+Tendenzen+, die der in mannigfache Verhältnisse gelangende seelische
Organismus aufweist, und was bestimmten Vorstellungen, Ideen usw. den
Sieg verleiht, das ist das +Überwiegen einer Tendenz vor anderen+. Es
siegt stets das direkt oder indirekt (auf Grund von Urteilen,
Vergleichungen) als relativ Wertvollste, für das so und so beschaffene
Subjekt relativ Zweckmäßigste, Befundene, sei es im Denken, sei es im
Wollen und Handeln (»Kampf der Motive«). Es obsiegen im intra- und
intersubjektiven geistigen Wettbewerbe schließlich die an der Erfahrung
am besten bewährten Ideen (Wissenschaft) und Handlungsweisen (Sitte,
Recht, Technik usw.). Der Zweck, die Willensrichtung und die Beziehung
auf sie ist also das Ausschlaggebende, nicht die Vorstellung für sich
genommen, nicht die blutleere Theorie. Ein Wille, und sei es auch nur
ein »reiner« Denk- und Erkenntniswille ist das +aktiv Auslesende+, den
Wettbewerb Regelnde, Normierende, dem schließlich sich unwesentliche
oder störende Tendenzen unterordnen müssen, damit der reine Zweck rein
erfüllt wird, was eben nur durch +Erhaltung des bestimmt gerichteten
Willens in der ganzen Mannigfaltigkeit seiner Betätigungen+, also durch
das, was wir »Konsequenz«, »Folgerichtigkeit«, +Einstimmigkeit mit sich
selbst+ nennen, erreicht wird. Daß innerhalb der Willensgesetzlichkeit
das Herrschendwerden gewisser Bewußtseinsinhalte und die Zurückdrängung
oder gar Verkümmerung anderer durch das +Milieu+ in dessen verschiedenen
Arten (Natur, Rasse, Gesellschaft usw.) mitbedingt ist, steht außer
Frage; man denke nur an den Wandel der Lieblingsideen bei verschiedenen
Völkern und in verschiedenen Perioden der Geschichte, denke an den
Wechsel der Stile, der Moden, der Denkweisen, an das Überwiegen
bestimmter Denkmittel, Gefühlsweisen, Willenstendenzen usw.

Es besteht eben im Geistesleben zweierlei +Anpassung+: einmal eine
+passive+, besser +reaktive+ Anpassung von Erlebnissen (Vorstellungen
usw.) an ein physisches oder psychisches Milieu, dann aber auch eine
+aktive+ Anpassung des Milieus an die Natur des Seelenlebens. Die
passive Anpassung ist teils +indirekter+ Art, durch eigentliche
+Selektion+, die aber im Seelischen noch weniger belangreich sein dürfte
als im Biologischen, teils eine +direkte+, indem das +Milieu+ durch die
von ihm ausgehenden Reize und Einflüsse das Seelenleben der Individuen
und Völker in einer zu diesem Milieu in Beziehung stehenden Weise
modifiziert. Während auf den niederen Stufen der Geistesentwicklung die
passive Anpassung überwiegt, kommt auf den höheren immer mehr die
+aktive Anpassung+ zur Geltung. Die ganze +Kulturarbeit+ des Menschen
gibt davon Zeugnis, wie sehr es der menschliche Geist versteht, Inhalte
seines Erlebens so zu formen, daß sie seinen ureigenen Bedürfnissen,
Tendenzen, Zwecken zu entsprechen vermögen. Nicht bloß die Außenwelt
wird diesen Zwecken angepaßt, auch das Innenleben, wie es sich besonders
im »objektiven Geist«, in Religion, Sitte, Sittlichkeit, Recht,
Wissenschaft usw. bekundet, wird aktiv gestaltet, beständig umgeformt,
und zwar im ganzen und großen schließlich doch immer wieder in der
Richtung, welche die Linie der +Realisierung des reinen
Menschheitswillens+ bedeutet, also im Sinne der +Kulturidee+. Hierbei
findet, +da die Einheit des Geisteslebens immer wieder nach
Selbsterhaltung strebt und bewußte Widersprüche in ihrem Bereiche nicht
dauernd erträgt+, eine beständige, wenn auch nicht immer gleich
merkliche +gegenseitige Anpassung der geistigen Gebilde aneinander+
statt, die aller Einseitigkeit, aller Verkümmerung einzelner Partien des
Seelenlebens immer wieder entgegenarbeitet. So gibt es z. B. eine
Anpassung zwischen Recht und Wirtschaft, zwischen Glauben und Wissen,
zwischen Individualismus und Kollektivismus. Es besteht eine Art
+Selbstregulierung+ des Geisteslebens, durch welche Störungen und
Einseitigkeiten, welche der Integrität der seelischen Einheit Abbruch zu
tun drohen, soweit als möglich aufgehoben werden, und diese
Selbstregulierung ist ein Mittel zur Anpassung der Mannigfaltigkeit
geistiger Inhalte an die Einheit und Gesetzlichkeit der individuellen
und der sozialen Psyche. -- Die Bedeutung der aktiven Anpassung im
Geistesleben erhellt u. a. aus der Methodik des wissenschaftlichen
Erkennens. Denn es findet nicht nur eine (besonders von +E. Mach+
hervorgehobene) +Anpassung des Denkens an die Erfahrung+ statt, sondern
auch eine +Anpassung der Erfahrung an das Denken+, bzw. an den
Denkwillen, indem die Erfahrung methodisch so geformt wird, daß sie die
allgemeine, »apriorische« Gesetzlichkeit des Intellekts in ihrer
Struktur immer schärfer und ausgedehnter zum Ausdruck bringt. Dies ist
nur ein Spezialfall aus der fortschreitenden +Rationalisierung+ des
gesamten Lebens, welche triebhaft einsetzt und dann vornehmlich durch
die spontane, autonome, planmäßige, zweckbewußte Arbeit des Geistes, der
alle seine Inhalte seinen Forderungen, den Postulaten des
Vernunftwillens zu unterwerfen strebt, erfolgt. In der fortschreitenden
+Vergeistigung der Natur+, sowohl der äußeren als auch der inneren Natur
des Menschen besteht ja der Sinn aller wahren, vollen Kultur. Durch die
reaktive und aktive Formung, welche das Geistesleben beständig an seinen
Objekten vornimmt, erzeugt es einen stets zunehmenden +Reichtum
geistiger Werte+ und zugleich entwickelt es sich selbst zu immer höheren
Daseinsstufen; die +Funktion+ wirkt hier, wie im Biologischen, durch
Übung und deren Nachwirkungen sowie durch Vererbung derselben, zu der
auch die Tradition gehört, auf die +Organisation+, von der sie ausgeht,
zurück, so daß auch hier ein besonnener »Lamarckismus« Recht behält.

Wenn es wahr ist, daß alle Entwicklung zwar auch durch äußere Faktoren
bedingt und bestimmt ist, aber doch in erster Linie unmittelbar von
innen her erfolgt, so gilt dies nun ganz besonders für die +seelische
Evolution+. Dies folgt schon aus der Finalität der Psyche, aus deren
+Gerichtetsein auf immer neu sich entfaltende Ziele+. In unaufhörlicher
Bewegung muß ein Seelenleben sein, dessen +innerstes Triebwerk+
wirkliches Streben, wahre Tendenz, also »Wille« im allgemeinsten Sinne
des Wortes ist. Nur die +Verbindung von immanenter Teleologie und
Voluntarismus+ ist geeignet, uns die wachsende Zweckmäßigkeit des
Psychischen ohne Berufung auf »transzendente«, von außen gesetzte Zwecke
oder auf geheimnisvolle Zweckursachen verständlich zu machen. Gewiß sind
nicht alle erzielten Resultate von Anfang an Objekt und Inhalt des
Willens, gewiß weiß das Subjekt oft nichts oder nur wenig von dem, was
es erzeugt und wozu es erwächst, aber wenn es auch wahr ist, daß nur
eine Summation, ein fortlaufender Zusammenhang relativ selbständiger
Zielstrebungen und Zwecksetzungen die endlich erreichten
Zweckmäßigkeiten mit sich bringt, so ist es doch ebenso wahr, daß ohne
diese Strebungen, in denen das Wesen des Subjekts, der Psyche zum
Ausdruck gelangt, nichts von dem erreicht würde, was tatsächlich
gewonnen wird. Mit außerordentlicher Genialität hat insbesondere
+Leibniz+ diese +Selbstentwicklung+ der Seele erfaßt und nur den Fehler
begangen, die Seele als einfache Substanz, als Monade unter anderen
Monaden zu fassen, statt sie als eine, eine Vielheit von »Elementen« und
Momenten einschließende +aktuale Organisation+ zu betrachten, wie wir es
heute tun müssen. Es gibt eben nicht ein besonderes, qualitativ
unbekanntes Wesen, Seele genannt, sondern die Seele ist +der
einheitliche, sich von seinen ihn zur Erscheinung bringenden Momenten
und Elementen selbst unterscheidende, abhebende Zusammenhang
zielstrebiger Aktionen und Reaktionen+, eine sich permanent setzende,
durchsetzende, erhaltende, entfaltende »Subjekt-Einheit« als das
»Innensein« dessen, was objektiv angesehen oder gedacht als physischer
Organismus sich darstellt. Insofern diese Einheit aus sich heraus tätig,
wirksam ist, Fähigkeiten zu verschiedenen Handlungen besitzt, ist sie im
wahrsten Sinne des Wortes eine »Kraft«, während die objektiv-physischen
Kräfte uns nur als gedankliche Ausgangspunkte von kausalen Relationen
gegeben sind. Jede Seele ist ein sich selbst unmittelbar erfassendes
+Aktionszentrum+, nicht »substantiell«, sondern durch ihr Wirken und
ihre Dispositionen dazu. Sie »wirkt« aber dadurch, daß sie strebend,
wollend, also auf Ziele »gerichtet« ist; +ihr Wirken ist also final
bestimmt+. So kann man die Seele als eine Art +Apparat zur
Verwirklichung von Zwecken+ ansehen, freilich als einen +lebendigen,
aktiven, bewußten Apparat+, nicht als einen bloßen Sitz oder ein
Reservoir von Kräften.

Wir sehen aus dem Vorangehenden, wie notwendig die +teleologische
Fundierung der Psychologie+ ist. Es ist in der Tat ganz und gar unmöglich,
die Gesetzlichkeit, die im Seelenleben waltet, zu verstehen, wenn man nicht
den +Strebungscharakter+ und damit die Finalität des Psychischen voll
berücksichtigt. Die Zielstrebigkeit in ihren verschiedenen Abstufungen und
Bewußtseinsgraden beherrscht das +gesamte Seelenleben+, sie ist die
Grundbedingung, die +Urvoraussetzung+ für das Funktionieren desselben. Sie
waltet im Wollen direkt, kommt im Gefühlsleben zum Ausdruck und durchsetzt
auch die +intellektuellen+ Prozesse, angefangen von der Empfindung und
Sinneswahrnehmung bis hinauf zum Denken und Erkennen. Die Grundfunktionen
des Bewußtseins und deren Wirkungen stehen alle, direkt oder indirekt, im
Dienste der reaktiven Zielstrebigkeit oder der aktiven Zwecksetzung, handle
es sich nun um das Gedächtnis, die Phantasie, die Abstraktion, die Übung,
die Gewöhnung, die Ermüdung, die Aufmerksamkeit u. dgl. oder um die im
Spiel, in der Kunst, im religiösen, sittlichen, sozialen Leben wirksamen
Seelenfunktionen. Überall bestehen hier +Bedürfnisse+, teils materialer,
teils formaler Art, Tendenzen der psychischen Organisation und ihrer
»Provinzen«, die triebhaft oder mittels des »Vernunftwillens« zur Erfüllung
drängen. Was oft als rein mechanische Reflextätigkeit oder als Resultat
unbewußten Wissens und Planens erscheint, wie die +Instinkthandlung+, ist
das fixierte, durch Übung und Vererbung der psychischen Organisation fest
einverleibte +Resultat+ von zielstrebigen Reaktionen, die durch allmähliche
Anpassung zu objektiv zweckmäßigen Erfolgen geführt haben. Man muß sich
also vor zweierlei hüten: einerseits vor dem Fehler, da, wo schon
triebhafte, impulsive, wenn auch sehr beschränkte, nur auf das
Allernächste, auf die Entfernung unlustvoller und die Festhaltung
lustvoller Reize gerichtete Zielstrebigkeit besteht, bloß das Resultat rein
mechanisch-reflektorischer Vorgänge zu erblicken; anderseits aber auch vor
dem ebenso gefährlichen Irrtum, einfach organisierten Lebewesen tierischer
und pflanzlicher Art schon Denk- und Willensakte zuzuschreiben, die nur in
einem komplizierten Bewußtsein möglich sind, die Fähigkeit aktiver
Vergleichung, Abstraktion, Überlegung, Wahl voraussetzen oder auch durch
eine große Zahl in Bereitschaft stehender Erfahrungen bedingt sind. Schon
der Ausdruck »Zielstrebigkeit« (bekanntlich von +K. E. v. Baer+ eingeführt)
ist cum grano salis zu verstehen, sonst kann er leicht Unheil anrichten. Es
ist nicht so, als ob es an sich Ziele gäbe, die dem Lebewesen irgendwoher
gesteckt sind und auf die es nun unbewußt oder bewußt zustrebt. Wir wissen
wenigstens nichts davon, solange wir auf dem Boden der Empirie verbleiben
und metaphysischen Theorien innerhalb der empirischen Forschung keinen Raum
gönnen. Zielstrebigkeit ist für uns nichts anderes als ein +Ausfluß des
Lebens selbst+; das Ziel ist dem Streben durchaus immanent, es ist durch
das erlebende Subjekt selbst »gesetzt«, ist von ihm unabtrennbar. Dieses
ist durch und durch +Wille zur Erhaltung, Durchsetzung, möglichst auch
Steigerung und Entfaltung der eigenen Einheit+, nicht aber ist es
irgendwoher auf dieses Ziel eingestellt worden. Und alle die Zwecke, die
von lebenden Subjekten angestrebt werden, sind nur +Konsequenzen aus der
primären Zielstrebigkeit, in allmählicher Entwicklung entfaltet und
jeweilig modifiziert und modifizierbar durch das Milieu, in welchem das
Subjekt lebt+. Es muß dies wiederholt betont werden, damit die Gegner aller
Teleologie einsehen lernen, daß von irgendwelchen »reaktionären« Tendenzen
in dieser Form der »Auto-Teleologie« nicht im geringsten die Rede ist. Für
eine große Strecke der Finalität ist jedwedes Vorauswissen zweckmäßiger
Erfolge unbedingt ausgeschlossen, auch ist die +Erreichung+ solcher Erfolge
keineswegs eindeutig bestimmt, nur zu oft finden Irrtümer statt, es bedarf
oft einer großen Reihe von Erfahrungen, damit unter den in Bereitschaft
stehenden Bedingungen die +richtigen Mittel+ zur Anwendung kommen. Die
Kenntnis der richtigen Mittel zum Zweck ist vielfach erst das Produkt
langer Entwicklung, die »Zufälligkeit der Mittel« (+Pauly+) ist ein nicht
genug zu beachtender Umstand, der für die neben der Zweckmäßigkeit stark
hervortretende »Dysteleologie« von hoher Bedeutung ist. +Zielstrebigkeit
schließt also noch nicht die richtige Technik der Mittel ein, der Mangel
einer solchen freilich nicht die Existenz einer Zielstrebigkeit aus.+ So
sehen wir z. B. eine bestimmt geartete Individualität, einen bestimmt
gerichteten Charakter zuweilen sich in der Wahl der diesem Charakter
gemäßen Lebensbedingungen (Beruf usw.) vergreifen, weil er sich eben in
seinem »dunklen Drange« des »rechten Weges« +nicht+ bewußt ist. Mit Recht
ist gesagt worden, der Charakter eines Menschen sei dessen Schicksal. Das
bedeutet psychologisch: der Grundwille, der das Wesen dieses bestimmten
Subjekts ausmacht, leitet bewußt oder impulsiv dessen ganzes Tun und
Lassen, wobei nicht auf die äußeren Verhältnisse und deren bestimmenden,
teilweise auch zwingenden Einflüsse vergessen werden darf. Die Mittel aber,
diesem Grundwillen Genüge zu tun, werden oft nicht richtig gewählt, weil
Erfahrung oder Vernunfteinsicht nicht im rechten Maße vorhanden ist, so daß
auch diese Faktoren das Geschick des Menschen bestimmen. Das
»Dysteleologische« ist, kurz gesagt, nicht bloß auf Rechnung äußerer
Faktoren zu setzen, sondern es entspringt vielfach der Finalität, dem
Teleologischen selbst, teils als +ungewollter Nebenerfolg+, teils infolge
der +Beschränktheit des Subjekts+. An diese Dysteleologie ist in letzter
Linie der +Konflikt+ verschiedener oder gegensätzlicher Tendenzen und
Zielstrebigkeiten, insbesondere zwischen verschiedenen Subjekten, schuld.



V. Die psychische Entwicklung.


Wir haben bereits der verschiedenen Faktoren, welche an der Entwicklung
des Seelenlebens beteiligt sind, Erwähnung getan. Nun erübrigt uns noch
die zusammenfassende Darlegung des Wesens dieser Entwicklung.

Zunächst ist von einer Entwicklung der Psyche +als Ganzes+ zu sprechen.
Wir wissen, daß diese Entwicklung eine Entfaltung von +innen+ heraus
ist. Damit wurde keineswegs bestritten, daß eine durchgängige
Beeinflussung der Psyche durch das äußere +Milieu+ besteht. Direkt und
indirekt kommt dieser Einfluß zur Geltung und alle Seelenentwicklung
steht, wenn sie auch innerlicher Art ist, zu jenem in Beziehung, paßt
sich ihm nach Möglichkeit an und schmiegt sich den waltenden
Verhältnissen an. Aber das Milieu wirkt auf die Psyche entsprechend der
eigenen Natur dieser. Es wirkt als eine Summe von +Reizen+, welche in
der psychischen Organisation +Tendenzen+ wachruft, die zu bestimmt
gerichteten +Reaktionen+ führen, die wieder auf die psychische
Organisation +zurückwirken+; dann erst kann auch die natürliche Auslese
einsetzen, welche das Erhaltungsgemäße, Zweckmäßige begünstigt, indem
sie zugleich das Untaugliche auszumerzen bestrebt ist. In jedem Falle
aber ist die psychische Entwicklung »zielstrebig«, indem zum Wesen der
Psyche die Tendenz zur Erhaltung und Durchsetzung der eigenen Einheit
gehört, aus welcher Tendenz in Reaktion zu den äußeren Reizen die
Entwicklung der Seele mit teleologischer und zugleich kausaler
Notwendigkeit erfolgt. Je höher entwickelt die Seele ist, desto mehr
wird die Reaktivität derselben zur +Aktivität+, desto relativ
unabhängiger wird sie vom Zwange des Milieu, desto mehr kann sie
ihren ureigenen Tendenzen folgen, ihr Milieu selbsttätig modifizieren,
ein +neues Milieu+, einen neuen Wirkungskreis schaffen. Die gesamte
+Kulturtätigkeit+ ist nichts anderes als ein aktives Anpassen des
Milieu an die Tendenzen, Bedürfnisse, Zwecke, Ideale der
menschheitlichen Psyche.

In welcher Hinsicht können wir von der Psyche sagen, daß sie sich
entwickelt? +In extensiver+ und +intensiv-qualitativer+ Hinsicht, so
aber, daß hier die Extension, das Quantitative sogleich auch
qualitativen Charakter besitzt. Die psychische Entwicklung besteht
zunächst darin, daß die +Zahl der Erlebnisse+ des Subjekts wächst, daß
der +Umfang seines Bewußtseins+ ein immer größerer wird, sich auf eine
immer größere Menge von Vorstellungen, Gefühlen usw. erstreckt. Das gilt
sowohl vom Individuum als auch vom »Gesamtgeist«, von der
»Kollektivseele« eines Volkes, einer sozialen Gemeinschaft. Während das
Individualsubjekt den Schatz seines Bewußtseins durch Erfahrung, Lernen,
eigenes Denken vergrößert, entwickelt sich die Kollektivseele, als das
Gemeinsame in einer Vielheit von Einzelseelen und zugleich als der durch
Wechselwirkung bedingte einheitliche Zusammenhang dieser, durch
+Akkumulation von Kollektiverfahrungen und der Produkte des
Gemeinschaftswirkens+ auf allen Gebieten geistiger Betätigung. Was beim
Individuum die Vererbung bedeutet, das ist für die Kollektivseele, für
den Gesamtgeist die +Tradition+, durch welche die folgenden Generationen
von vornherein in eine Welt geistiger Werte gestellt sind, an die sie
anknüpfen und die sie weiter verarbeiten können. Die Tradition stellt
einen seelischen Zusammenhang in der Zeit dar, der trotz wiederholten
scheinbaren Durchbruchs der geschichtlichen Kontinuität, trotz
zeitweiligen Zurücktretens, Vergessenwerdens, Nichtbeachtetseins
geistiger Werte zustande kommt. Die Tradition ist die sozialhistorische
Art der Vererbung, die Vererbung eine Art Tradition. Das letztere ist
ohne weiteres verständlich, wenn wir bedenken, daß freilich fertige
Vorstellungen, Gedanken, Wertungen u. dgl. nicht vererbt werden können
-- weil für solche in der unentfalteten Psyche des Keimes gar kein Organ
vorhanden ist, und aus anderen Ursachen -- wohl aber psychische
+Anlagen+ oder Dispositionen allgemeinster und auch spezieller Art.
Vermöge solcher Anlagen, d. h. Tendenzen der primitiven
Seelenorganisation zu bestimmt gerichteten Reaktionen und Aktionen,
Tendenzen, die freilich erst durch Reize ausgelöst werden müssen, ist
die Psyche +besser ausgestattet+ als die früheren Generationen, sie kann
sich extensiv und intensiv höher entwickeln, einen komplizierteren und
feineren Habitus annehmen. Gewiß wird nicht alles und jegliches, was ein
erlebendes Subjekt erlebt hat, vererbt werden. Die »direkte Vererbung
erworbener Eigenschaften« ist keineswegs durch die Neo-Darwinisten aus
der Schule +Weismanns+ widerlegt, aber sie darf auch nicht ins Extreme
gezogen werden. Vererbbar dürfte nur das sein, was infolge +lang
wiederholter+ oder sonstwie +nachhaltiger+ Eindrücke die psychische
Struktur erheblicher beeinflußt, modifiziert hat[40]. Insbesondere
gehören hierher die Resultate psychischer +Übung+ nach irgendwelcher
Richtung hin; diese Resultate bestehen in der größeren Leichtigkeit und
Sicherheit bestimmter Funktionen, bestimmter Bewußtseinsakte oder
Koordinationen solcher, die in den von den elterlichen Seelen sich
abspaltenden, ablösenden »Seelenkeim« eingehen, wobei man aber nicht an
substantielle Wesenheiten und Modifikationen denken darf. Die Erlebnisse
der Subjekte gehen nicht spurlos vorüber, sie wirken auf die psychische
Organisation zurück und manches von diesen Wirkungen kommt in den
Nachkommen scharf zum Ausdruck. Infolge bald des Zusammenwirkens, bald
des einander Entgegenwirkens der Tendenzen väterlicher- und
mütterlicherseits in der »Keimpsyche«, sowie des Einflusses äußerer
Faktoren ist die psychische wie alle Vererbung natürlich etwas ungemein
Kompliziertes, keineswegs etwas eindeutig Bestimmtes. Und da wir bei der
Beurteilung dessen, was psychisch ererbt ist, den Einfluß der
Nachahmung, Erziehung, des gleichen Milieu usw. nicht vergessen dürfen,
so ist es kein Wunder, wenn wir über den Umfang der direkten Vererbung
noch recht wenig wissen. Erfahrung und Logik sprechen aber für das
Bestehen einer solchen, so sicher es auch ist, daß zur Erwerbung
bestimmter psychischer (oder auch physischer) Eigenschaften schon
gewisse +Prädispositionen+ nötig sind....

Das extensive Wachstum psychischer Werte ist von +teleologischer+
Bedeutung. Denn der größere Umfang von Vorstellungen usw. ermöglicht ein
richtigeres, den mannigfachen Verhältnissen und Modifikationen des
Daseins besser angepaßtes Verhalten des Subjekts. »Wissen ist Macht«.
Die reicher ausgestattete Psyche verfügt über mehr Mittel zur
Selbsterhaltung und Selbstförderung, sie ist dem Zwange von Raum und
Zeit viel mehr entrückt, sie kann viel aktiver auftreten. Ohne einen
gewissen Vorrat in Bereitschaft stehender Vorstellungen und Begriffe ist
kein höheres Wollen, keine Überlegung, keine Planmäßigkeit des Handelns
möglich. Teleologisch bedeutsam ist nun auch das +intensive+ Wachstum
der Seele. Infolge der Übung ihrer Funktionen und infolge der daraus
resultierenden Dispositionen +steigert sich die psychische Energie
intensiv+, sie vermag bei gleichem oder geringerem Kraftaufwande +mehr
und Besseres+ zu leisten, kurz, sie gewinnt an +Zwecktüchtigkeit+. Wir
sehen denn auch in der individuellen wie in der kollektiven Evolution
der Psyche die Leistungsfähigkeit dieser in vieler Beziehung durch die
Vererbung der Übungsresultate sich steigern. Wir konstatieren vielfach
eine +Steigerung+ der +Bewußtheit+ durch die Entwicklung, daneben
freilich auch eine +Herabsetzung+ der Bewußtheit gewisser Funktionen.
Und auch dieses Zurücktreten der Bewußtheit ist zweckmäßig. Die
»Abstumpfung« durch Gewöhnung schützt vor der Überzahl der die Psyche
sonst leicht störenden, verwirrenden, zerrüttenden Reize, sie entlastet
die Seele, +erspart ihr Arbeit+, ermöglicht eine um so stärkere
+Konzentration+ in bestimmter Richtung, sie wirkt also entschieden
+ökonomisch+. Zugleich werden durch die »Mechanisierung« des Bewußtseins
die Handlungen +sicherer+, indem sie viel weniger dem Irrtume ausgesetzt
sind. Daher die Treffsicherheit alles »Instinktiven«, die freilich nur
für bestimmte, normale, typische Umstände gilt; soll das Seelenleben
nicht erstarren, so muß eine Modifizierbarkeit auch der Instinkte
möglich sein und tatsächlich besteht sie in großem Ausmaße. Die
Verminderung der Bewußtheit ist keine absolute Verarmung des
Seelenlebens, wofern sie eben die Anbildung neuer, höherer
Bewußtseinsinhalte und die Steigerung der psychischen Energie mitbedingt
und ermöglicht. In dem rechten Verhältnis zwischen Bewußtheitssteigerung
und Bewußtheitsschwächung liegt das Maximum des für das erlebende
Subjekt Zweckmäßigen; dem entspricht das rechte Verhältnis zwischen
Trieb- und aktivem Willensleben.

+Wundt+ spricht von einem »Wachstum geistiger Energie«[41] und wir
müssen ebenfalls ein solches konstatieren. Zunächst sei bemerkt, daß
damit dem Gesetz der +Erhaltung physischer Energie+ kein Abbruch getan
wird. Denn es kann bei gleich bleibender Menge physischer Energie die
Mannigfaltigkeit psychischer Qualitäten und Werte wachsen. Man muß
ferner beachten, daß innerhalb gewisser Grenzen und Normen auch die
+Energie des Zentralnervensystems+ -- natürlich auf Kosten anderer
physikalisch-chemischer Energie im und außerhalb des Organismus
-- wächst, und zwar durch Ernährung und Übung. An die extensive und
intensive Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems ist nun die
Steigerung psychischer Energie im intensiven Sinne geknüpft, wie dies
besonders +Jodl+ hervorgehoben hat (»Wachstum organischer Energie«). Daß
innerhalb eines Partialsystems der Vorrat verfügbarer Energie durch
Aufnahme von außen und Akkumulation zunehmen kann, ist ja ohne weiteres
begreiflich und mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie durchaus
vereinbar; ebenso auch eine zeitweilige Abnahme an Nervenenergie.
Während also ein Teil der Steigerung psychischer Leistungsfähigkeit
-- die durch ihre Wirkungen, den zu verarbeitenden geistigen Stoff,
einigermaßen, wenn auch nicht im physikalisch-exakten Sinne meßbar ist
-- der Bereitschaft des ersparten Kraftaufwands und der durch die Übung
erzielten besseren Richtung und Koordination der Energie zu verdanken
ist, haben wir den andern Teil dem Wachstum des Innenseins dessen, was
objektiv zerebrale Energie ist, zuzuschreiben. Der qualitativen und
intensiven Steigerung dieser Energie und ihres Organs entspricht das
Wachstum der Intensität und der Mannigfaltigkeit von seelischen Werten
in deren immer vollkommeneren, bewußteren einheitlichen Zusammenfassung.
Hier erscheint -- wie u. a. +Münsterberg+ betont -- das Prinzip des
psycho-physischen Parallelismus nirgends durchbrochen.

Das Wachstum geistiger Werte hängt, wie es wiederum +Wundt+ vortrefflich
dargetan hat, mit der »schöpferischen Synthese« zusammen, die das
Bewußtseinswirken charakterisiert; es ist ein Prinzip, welches besagt,
»daß die psychischen Elemente durch ihre kausalen Wechselwirkungen und
Folgewirkungen Verbindungen erzeugen, die zwar aus ihren Komponenten
psychologisch erklärt werden können, gleichwohl aber neue qualitative
Eigenschaften besitzen, die in den Elementen nicht enthalten waren,
wobei namentlich auch an diese neuen Eigenschaften eigentümliche, in den
Elementen nicht vorgebildete Wertbestimmungen geknüpft werden« (Philos.
Studien X, 112f.). Es besteht eine Art »psychische Chemie«, vermöge
deren eine Gesamtvorstellung, ein Gesamtgefühl usw. mehr ist als die
bloße Summe der Elemente, in welche sich diese psychischen Gebilde
zerlegen lassen. Im Verlaufe der individuellen und generellen
Entwicklung entstehen so immer neue psychische Qualitäten und Werte, die
wohl in den vorangehenden ihren zureichenden Grund haben, aber nicht
restlos aus deren Zusammen zu erklären sind. Das Äquivalenzprinzip,
welches auf dem Gebiete des Psychischen überall gilt, hat hier überall
da, wo es sich um rein +Qualitatives+ handelt, keine Bedeutung. Was
diesem Prinzip schöpferischer Energie in der Natur einigermaßen
entspricht, das ist die immer neue Entstehung von +Formen+, insbesondere
von organischen Gestaltungen, die auch nicht restlos auf die Summation
von Elementen zurückzuführen sind. Die psychische Synthese ist aber
+nicht ein selbständiges Zusammentreten von Bewußtseinselementen,
sondern ein Auftreten neuer Bewußtseinsmodifikationen auf Grundlage des
Zusammenhanges anderer+, also eine Art +Reaktion des erlebenden Subjekts
auf seine eigenen Erlebnisse+, welche das Material zu neuen Gestaltungen
und Gliederungen darbieten; das Subjekt bereichert sich so aus und in
sich selbst, es +entfaltet+ und +steigert+ sich in und an seinen eigenen
Zuständen, Aktionen und Gebilden[42].

Doch gibt es im seelischen Leben auch ein Analogon zur Erhaltung der
Energie im Sinne des Äquivalenzprinzips, also so etwas wie eine
+Erhaltung psychischer Energie+[43]. Nämlich als Parallele zu dem
intrazerebralen Verhältnis der Energien, welches derart ist, daß mit der
erhöhten Energie bestimmter Partien oder Funktionen die entsprechende
Verminderung der Energie anderer Partien oder Funktionen verbunden sein
wird. Wir sehen in der Tat, wie eine Konzentration der Aufmerksamkeit
für bestimmte Inhalte eine Schwächung der psychischen Energie für andere
Inhalte bedingt, wie ferner die Steigerung gewisser Funktionen, wenn sie
einseitig erfolgt, die Schwächung anderer zum Korrelat hat, kurz, wie
das Zuströmen psychischer Energie nach einer bestimmten Richtung ein
Abfließen solcher Energie von anderen Richtungen mit sich bringt. Die
Begrenztheit der einem Subjekt zur Verfügung stehenden psychischen
Leistungsfähigkeit hat diese Art von »Energie des Bewußtseins« zur
Folge. Daß damit ein Wachstum seelischer Werte durchaus vereinbar ist,
liegt auf der Hand. Selbsterhaltung und Selbstentfaltung gehören beide
zusammen zum Wesen der psychischen Organisation, welche eine +Erhaltung
in der Entwicklung+ aufweist. Und diese Entwicklung ist eine
+schöpferische+ (»évolution créatrice«, wie +Bergson+ sich ausdrückt),
dabei aber gesetzmäßige, denn sie ist +das Gesetz des Seelischen
selbst+, der Ausdruck des konstanten, unverlierbaren Wesens der
Subjektivität. Die Seele »wächst« +so von innen heraus+, durch eine Art
Entfaltung; sie differenziert sich selbsttätig oder in Reaktion auf die
Reize der Umwelt, niemals aber kommt etwas direkt von außen in sie
hinein, da psychische Modifikationen nicht direkt übertragbar sind,
nicht in der Luft schweben können, nur als Modi eines Subjekts Sinn und
Existenz haben. Insofern hat +Leibniz+ durchaus recht, wenn er sagt, die
Seele (Monade) habe keine »Fenster«. Sie »spiegelt« das Universum,
konzentriert wie in einem Focus die von der Umwelt erlittenen Eindrücke,
aber in der +ihr+ gemäßen Weise, in Bewußtseinszuständen, welche zu den
objektiven Momenten in Korrelation stehen, aber mit ihnen nicht
identisch sind und ihnen auch nicht qualitativ gleichen.

Von einer +Erhaltung+ des Psychischen ist auch insofern zu reden, als
Psychisches weder neu entstehen noch in nichts vergehen kann. Wir müssen
die Ewigkeit des Psychischen als Prinzip, als eines Wirklichkeitsfaktors im
allgemeinen statuieren. Erstens, weil es das »Innensein« der Dinge ist,
also ein Konstituens des Seins als solchen, und wir den Gedanken einer
Entstehung oder Vernichtung des Seins logisch nicht zu konzipieren und
durchzuführen vermögen. Zweitens weil das Psychische aus dem Physischen
nicht hervorgegangen sein kann, was aus methodologisch-erkenntniskritischen
Gründen anzunehmen ist. Ebenso, wie die physische Energie sich im
beständigen Wandel der verschiedenen Energieformen ineinander konstant
erhält, so bleibt auch das Psychische als solches bestehen, wenn auch die
+Formen+, in denen es jeweilig auftritt, beständig wechseln. Diese Formen
sind äußerst mannigfaltig, keine gleicht der andern völlig, schon durch die
wenigstens um ein Differenzial abweichende Stellung jedes Subjekts zur
Umwelt müssen die Erlebnisse etwas anders ausfallen, abgesehen von den
Komplikationen usw. Doch lassen sich psychische Formen, welche wesentlich
miteinander übereinstimmen, zu +Typen+ vereinigen und diese wieder obersten
Formen des psychischen Seins unterordnen. Die Art und der Grad des
Bewußtseins und des Wollens ist für sie charakteristisch. Es findet eine
Entwicklung von niederen, einfacheren, weniger reichen und klaren zu
höheren, differenzierteren, klareren, umfassenderen Bewußtseinsformen
statt, mit welchen partiell wieder ein Herabsteigen zu niederen,
einfacheren Bewußtheitsgraden verbunden ist. Zugleich ist bei den niederen
Bewußtseinsformen zwar ein dumpfes »Subjektgefühl« als vorhanden
anzunehmen, nicht aber schon die Existenz eines reflektierten
Selbstbewußtseins, ein Bewußtsein des eigenen Ichs in scharfer Abhebung von
dessen Erlebnissen und ihren Inhalten, sowie ein Bewußtsein des eigenen
Bewußtseins als solchen, welches wir eben als Reflexion, als Wissen, als
Selbstbewußtsein im höheren Sinne bezeichnen. Zwar hat es keinen Sinn, von
+absolut unbewußten+ psychischen Prozessen zu reden, denn psychisch und
bewußt sind eins; wohl aber gibt es +relativ unbewußte+ Vorgänge, d. h.
solche, die nicht gesondert, sondern nur als ununterscheidbare Bestandteile
eines übergeordneten, allgemeineren Bewußtseinszusammenhanges auftreten,
die also »unterbewußt« sind[44]. Von den bewußten Vorgängen sind aber
keineswegs alle auch als solche +gewußt+, d. h. beachtet und als
Bewußtseinsakte auf das Subjekt als dessen Manifestationen bezogen. Das als
solches gewußte, das +reflektierte+ Bewußtsein ist eine höhere Stufe des
psychischen Lebens, ein +Bewußtsein höherer Ordnung+, ein potenziertes oder
ein auf sich selber sich zurückbiegendes Bewußtsein, welches schon hohe
Erinnerungs-, Apperzeptions- und Abstraktionsfähigkeit voraussetzt. Seine
relativ höchste Stufe erreicht dieses Bewußtsein im begrifflichen Wissen
und in den Urteilen der Psychologie, in der methodisch sicheren und klaren
Beurteilung des seelischen Erlebens, in der Analyse und Synthese dessen,
was sonst in der Regel nicht Gegenstand, nur Funktion des erlebenden
Subjekts ist. Zu diesem Wissen gehört nicht bloß die Bewußtheit des eigenen
Vorstellens und Denkens, sondern auch das Wissen um das eigene Wollen und
Zwecksetzen, welches dadurch dem impulsiven Triebleben scharf
gegenübertritt.

In innigster Verkettung und Durchdringung spielen sich in der
entwickelten Seele gewußte und einfach bewußte, unterbewußte und relativ
unbewußte Vorgänge ab, einander wechselseitig beeinflussend. Bedeutsam
ist hierbei die Rolle des +minder Bewußten+. Es macht einen wesentlichen
Teil unserer Triebfedern und Motive aus, es ist mitbestimmend für die
Richtung unseres Handelns, es gibt unserer Psyche die eigenartige,
scheinbar grundlos wechselnde »Stimmung«, die sich über alles ergießt,
was wir erleben. Die scheinbar geringfügigsten Eindrücke, die wir gar
nicht bemerken, die aber nichtsdestoweniger in uns wirken, indem sie von
unserer Umwelt ausgehen, kommen für die Richtung, die Lebhaftigkeit, die
Geschwindigkeit, die Frische, den Gefühlston usw. unserer psychischen
Reaktionen in Betracht; dazu gehören auch die +organischen
Empfindungen+, die von unserem eigenen Leibe ausgehen und durch ihren
Gefühlston das übrige Seelenleben beeinflussen[45], ferner die
Empfindungen, die durch die Bewegung und Haltung unseres Körpers
ausgelöst werden. Bedeutsam sind insbesondere auch die unterbewußten
+Nachwirkungen+ von Erlebnissen, welche kürzere oder längere Zeit in der
Seele nachklingen, bis ein bestimmtes Erlebnis, welches zuerst die Seele
in einer gewissen Spannung erhielt, sich ausgelebt hat; hierbei kommt es
oft entweder zu einem Zusammenwirken zweier oder mehrerer Erlebnisse zu
einer verstärkten Resultante, oder aber zu einer Interferenz und
Opposition solcher Erlebnisse. Jedenfalls kann man mit Recht von
+psychischen Wellenzügen und Strömungen+ sprechen, von einem psychischen
Anklingen und Abklingen u. dgl.[46]. Die +ganze Vergangenheit+ der
Psyche ist für das jedesmalige neue Erleben in verschiedenem Grade
bedeutsam, für ihr Erkennen wie für ihr Fühlen und Wollen. Das, was die
Seele reaktiv und aktiv erlebt, durchgemacht hat, das ist sie, das
bildet einen wesentlichen +Teil ihres Seins+; wie sie ist, so wirkt sie,
und wie sie wirkt, so ist sie. Das Zentrum, der relativ konstante Kern
der Seele, das sind die +Dispositionen+, die in Form von Gewohnheiten,
Fertigkeiten, Neigungen auftreten und die, aus früheren Erlebnissen
hervorgegangen, die neuen Erlebnisse formal mitbedingen. Weil diese
Dispositionen in der Regel nicht zu klarem Bewußtsein gelangen, weil das
»Unterbewußte« mit seinen Antrieben das ganze Seelenleben trägt und
durchsetzt, aus einem stetig wachsenden Ressort aufsteigend, kennt sich
das Subjekt nur wenig, wenn es bloß seine klar bewußten Erlebnisse in
Betracht zieht. Nur ein Teil der psychischen Vorgänge ist aus klar
bewußten Erlebnissen (und auch da nicht restlos) abzuleiten. Wo dies
nicht gelingt, ist das Prinzip der Kausalität +keineswegs durchbrochen+,
es gibt auch keine absolut »freisteigenden« Vorstellungen, absolut
unbewußte Assoziationen u. dgl., sondern es besteht ein +minderbewußter,
relativ unbewußter Untergrund+ und es gibt unterbewußte Vermittler von
Bewußtseinsprozessen und deren Verbindungen. Eine scharfe psychologische
Analyse kann nachträglich solche Zwischenglieder ermitteln, und wir
können wohl annehmen, daß sie auch dann vorhanden sind, wenn wir sie
nicht zu unterscheiden vermögen.

+Differenzierung+ und +Integrierung+ charakterisieren wie alle Entwicklung
so auch die psychische Evolution. Das gilt wie für die Psyche als Ganzes so
auch für deren Einzelerlebnisse, phylo- wie ontogenetisch. Ein dumpfes,
verworrenes, chaotisches Bewußtsein ist der Ausgangspunkt dieser
Entwicklung, die ihren idealen Höhepunkt in der klarsten und umfassendsten
Synthese (»Integration«) einer reichsten Mannigfaltigkeit scharf
unterschiedener (»differenzierter«) Inhalte des Bewußtseins erreicht. Ein
gutes Beispiel dafür ist das Hervorgehen der mannigfachen +Sinne+ aus einem
primitiven Hautsinn, der noch kaum lokalisiert ist. Durch Anpassung an die
verschiedenen physikalisch-chemischen Reize verändert und verfeinert sich
die psychophysische Organisation dahin, daß nun für jeden Typus des Reizes
eine besondere Art des Empfindens besteht, die infolge der Arbeitsteilung
auch schärfer ausgeprägt ist. Diese Mannigfaltigkeit von Empfindungsarten
vermag das entwickelte Bewußtsein dadurch zu »integrieren«, daß es sie in
immer klareren und deutlicheren Vorstellungen zusammenfaßt. Im gleichen
Sinne entwickeln sich dann auch die gedanklichen Gebilde, Begriffe und
Urteile, indem sie einerseits immer spezieller und bestimmter werden,
anderseits immer zweckmäßiger zur Einheit des Denkens und Erkennens
zusammengefaßt werden. Die Fähigkeit der Synthese entwickelt, steigert sich
parallel damit und zwar in bestimmter »Gesetzlichkeit«, aus welcher die
»apriorischen« Erkenntniskonstanten, die »Formen« der Erkenntnis
entspringen; die Genesis dieser ist also keineswegs, wie man zuweilen
geglaubt hat (+Spencer+ u. a.) mit einem empirischen Charakter derselben
identisch, was hier nur nebenbei bemerkt sei[47]. Ebenso differenziert und
integriert sich das +Gefühlsleben+, immer speziellere und feinere
Gefühlsnuancen verdrängen das anfangs noch arme, rohe Gefühlsleben,
zugleich schwächt sich teilweise die ursprüngliche Heftigkeit der Affekte
ab. Endlich tritt das ursprünglich äußerst einfache, arme +Triebleben+ in
eine Mannigfaltigkeit von Willenstendenzen auseinander, welche die
verschiedensten Richtungen haben und doch immer mehr zur Einheit eines
obersten »Grundwillens« verbunden werden. Während also die niedrigste
Bewußtseinsstufe ein höchst einfaches, durch einzelne Reize unstetig
ausgelöstes, des inneren Zusammenhanges noch entbehrendes
»Momentanbewußtsein« sein muß, finden wir auf den höchsten Stufen der
Entwicklung eine allseitige Differenzierung, eine außerordentliche Fülle
von Qualitäten, verbunden mit einer »zentralisierten Organisation« des
Seelischen; an Stelle bloßer Gefühls-und Strebungseinheit tritt die
synthetische Einheit des wollenden und denkenden, sich in der
Mannigfaltigkeit seiner Inhalte konstant zusammenschließenden
Selbstbewußtseins.

Differenzierung und Integrierung sind auch für das Verhältnis des
+Einzelgeistes+ zum +Gesamtbewußtsein+ charakteristisch[48]. Ein
isolierter, absolut selbständiger Individualgeist ist nirgends zu finden,
von Anfang an bildet das Einzelbewußtsein ein Glied eines Zusammenhanges,
der durch die +Wechselwirkung gleich gearteter Individuen+ entsteht und
sogleich auf die letzteren zurückwirkt. Erst +innerhalb+ des
sozialpsychischen Verbandes erfolgt die immer weiter gehende
Differenzierung der Individualseelen bzw. bestimmter Gruppen von solchen,
eine Differenzierung, die so weit gehen kann, daß ein +Gegensatz+ zum
Gesamtgeist entsteht. Aber diese psychische Differenzierung, die durch die
Verschiedenheit der Lebensweise, des Berufes, des Milieu, der Erlebnisse
usw. erfolgt, ist von einer Integrierung begleitet, indem der gleiche Beruf
usw. einen gemeinsamen Berufs- und Korpsgeist erzeugt. Auf die Abtrennung
der Individualitäten vom Gesamtbewußtsein folgt eine neue Bindung durch das
letztere, ein +Gesamtbewußtsein höherer Stufe+ mit wachsender Bewußtheit
des Zusammenhanges, mit Überwiegen des willentlichen Aneinanderschließens
und Kooperierens vor dem zuerst rein triebmäßigen
Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf die, wie +Tönnies+ sagt, vom »Wesenwillen«
beherrschte naturhafte »Gemeinschaft« folgt die durch mehr äußere
Interessen und durch »Willkür« bedingte »Gesellschaft«, der aber, fügen wir
hinzu, sich allmählich weitergreifend und verinnerlichend, eine von einem
+neuen Wesenwillen+ beherrschte, +kulturelle Gemeinschaft+ im Denken,
Fühlen, Wollen und Handeln sich überlagert. Zwischen Gesamt- und
Einzelbewußtsein findet eine beständige +Wechselwirkung+ statt. Einerseits
wächst das Einzel-Ich in eine ihm als objektive Macht von Anfang an
gegenüberstehende Gesamtheit hinein, durch deren Tendenzen es mehr oder
weniger beeinflußt wird, abgesehen von dem Niederschlage
kollektiv-psychischen Lebens, welches in Form von Dispositionen vom
Individuum ererbt wird; der Gesamtgeist wirkt durch Erziehung, Zwang der
Sitte, Nachahmung u. dgl. auf das Individualbewußtsein, in dem er schon
partiell der Potenz nach enthalten ist, ein. Die aus dem »Gesamtgeist«
differenzierten »Individualseelen« modifizieren ihrerseits den Gesamtgeist
fortwährend, besonders die »führenden Geister«, welche einerseits der
klarste und kräftigste Ausdruck von Tendenzen und Idealen des
Gesamtgeistes, anderseits die relativ originellen Neugestalter des
Gesamtgeistes sind. Endlich stehen die Gebilde des Gesamtgeistes: Recht,
Wirtschaft, Religion usw. in Wechselwirkung miteinander, und zugleich
besteht eine Entwicklung innerhalb jedes dieser Gebilde[49]....

Die Entwicklung der Einzel- wie der Gesamtpsyche ist eine »gesetzliche«.
Freilich kann hier nicht von Gesetzen im Sinne der Physik, sondern eben
nur von +Entwicklungsgesetzen+, die hier den Charakter +typischer
Sukzessionen+ haben, denen die kausal-teleologische Wirksamkeit des
Psychischen zugrunde liegt, die Rede sein. Differenzierung und
Integrierung, Auseinandertreten des relativ homogenen Erlebens in eine
Mannigfaltigkeit gesonderter Bewußtseinsvorgänge und darauf folgende
Zusammenfassung zu einheitlichem Zusammenhange -- das ist etwas, was die
psychische mit der biologischen Entwicklung gemein hat. Ebenso finden
wir das Prinzip der »Heterogonie der Zwecke« schon in der biologischen
Sphäre, wo es freilich schon mit psychischen Faktoren zusammenhängt.
Charakteristisch für das Psychische ist vor allem die +Entwicklung in
Gegensätzen+, welche vom +Kontrastprinzip+ beherrscht wird und mit der
Natur des Gefühls- und Willenlebens zusammenhängt. Dadurch nämlich, daß
sich Gefühle und Strebungen zu höchster Stärke und Wirkung ausleben,
findet eine Übersättigung und Abstumpfung der Psyche statt, die nun, des
Alten überdrüssig, nach Neuem, nach Veränderung ihres Zustandes strebt.
Da nun das Bewußtsein des Neuen vorzüglich durch die gegensätzlichen
Strebungen, die infolge des Nachlassens der älteren an Kraft gewinnen,
konstituiert wird, so ist der Umschlag der Tendenzen ins gerade
Gegenteil, der Übergang von einem +Extrem+ zum andern leicht
verständlich[50]. Besonders zeigt sich eine solche Entwicklung im
+geschichtlichen+ Geistesleben, im Wechsel z. B. von Moden, von
künstlerischen Richtungen, von politischen oder religiösen Strömungen.
Die Gegensätze folgen einander nicht bloß in der Zeit, sondern auch in
einer und derselben Periode ruft das eine Extrem leicht das andere,
gegensätzliche hervor, so daß z. B. nüchternste Wirklichkeitsbetrachtung
auf der einen Seite mit Mystik und Aberglauben auf der andern in
derselben Zeit zusammengehen können. Indem zur Thesis sich sogleich die
Antithesis gesellt, fehlt es freilich auch fast nie an einer »mittleren
Linie« der Geistesstimmung, an der Synthese von Extremen, bald in
eklektischer Weise, bald aber auch in organischer, schöpferischer Form,
die sich dann weiter entwickelt und, wenigstens als Tendenz, den
Extremen Konkurrenz macht, wie dies besonders das Beispiel
philosophischer Systeme oder Theorien lehrt. Da die Synthese nie
absolut, nie vollendet ist, da in den synthetischen Versuchen immer
wieder neue Einseitigkeiten vorkommen, kommt das Geistesleben nie zur
Ruhe, sondern mit einer gewissen +Periodizität+ kommen die
gleichartigen Tendenzen immer wieder, um freilich immer neue
Modifikationen psychischer Gebilde zu erzeugen. Selbsterhaltung im
Wechsel hier wie überall! Jene Tendenzen, welche zu ihrer Zeit durch
andere verdrängt wurden, kommen wieder auf, wenn die Verhältnisse
günstiger geworden, und dies wiederholt sich so lange, +bis alle
Potenzen der Psyche zur Entfaltung gekommen+, bis alles in ihr
Angelegte sich verwirklicht hat, bis alle Willensrichtungen und Ideen
sich »ausgelebt« haben. Beharrungs- und Veränderungstendenz wirken
hierbei stets zusammen, indem bald mehr die eine, bald mehr die
andere überwiegt.



Anmerkungen.


Zu I.

[1] Den Aktualitätsstandpunkt nehmen ein: +Spinoza+, +Hume+, +Fichte+,
+Schopenhauer+, +Fechner+, +Paulsen+, +Wundt+, +Joël+, +J. St. Mill+,
+Spencer+, +Höffding+, +Jodl+, +Jerusalem+, +Mach+, +Fouillée+,
+Bergson+, +Luquet+ u. a. Nach +Wundt+ ist das geistige Leben »nicht
eine Verbindung unveränderter Objekte und wechselnder Zustände, sondern
in allen seinen Bestandteilen Ereignis, nicht ruhendes Sein, sondern
Tätigkeit, nicht Stillstand, sondern Entwicklung« (Vorlesungen über die
Menschen- und Tierseele {2}[C], S. 495). Die innere Erfahrung ist »ein
Zusammenhang von Vorgängen« (Grundriß der Psychol.).

   [C] Diese Ziffern bedeuten die Auflage des angeführten Werkes.

[2] Vgl. meine Schrift »Leib und Seele«, Leipzig 1906.

[3] Die reine Zeitlichkeit des psychischen Geschehens, die Stetigkeit
desselben, das wir erst zu einer Summe von Elementen veräußerlichen,
betont neuerdings +H. Bergson+.

[4] Vgl. +Lachelier+, Psychologie und Metaphysik; +Busse+, Geist und
Körper, u. a.

[5] So +Huxley+, +Ribot+ u. a.

[6] Vgl. die Kritik der Epiphänomen-Theorie bei +Fouillée+, Der
Evolutionismus der Kraft-Ideen, Leipzig 1907; +Busse+, Geist und Körper.

[7] Vgl. +Wundt+, Grundriß der Psychol. {5}, S. 3ff.

[8] Vgl. +L. W. Stern+, Person und Sache I.

[9] Eine parallelistische Identitätslehre vertreten in verschiedener
Weise: +Schopenhauer+, Welt als Wille und Vorstellung 1, § 18ff.;
+Fechner+, Zend-Avesta II, 164f.; I, 252f.; Über die Seelenfrage, S.
9ff., 110ff., 220f.; +Paulsen+, Einleit. in die Philosophie, S. 115;
+Ebbinghaus+, Grundz. der Psychologie I, 42f.; +Heymans+, Einführung in
die Metaphysik, S. 227ff.; +Ziehen+, Über die allgem. Beziehungen
zwischen Gehirn und Seelenleben, 1902; +Wundt+, Grundriß der
Psychol. {5}, S. 2ff.; Grundzüge der physiolog. Psychologie, II {4}, 648;
+B. Kern+, Das Wesen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, 2;
+Höffding+, Psychologie 2, C. 2; +Riehl+, Der philos. Kritizismus II 1,
63; +Grot+, Archiv f. systemat. Philos. IV; +Spencer+, Princ. of
Psychol. I {3}, p. 107ff., 627; +Fouillée+, Der Evolutionismus der
Kraft-Ideen, S. 37 u. a.; +Koenig+, Zeitschr. f. Philosophie und philos.
Kritik, Bd. 115; +Paulsen+, Zeitschr. f. Philosophie, Bd. 115;
+Heymans+, Zeitschr. für Psychol. und Physiol. der Sinnesorgane, 18. Bd.
1898; +Münsterberg+, Grundzüge der Psychologie I, 435, 492; +Riehl+, Zur
Einführung in die Philos. S. 156ff.; +Jodl+, Lehrb. d. Psychol. C. 2,
§ 24; +Eisler+, Leib und Seele, 1906; +B. Erdmann+, Wissensch. Hypothesen
über Leib und Seele, 1908; Experimentelle Arbeiten zur Bestätigung des
Energieprinzips im Organismus; +Rubner+, Die Quelle der tierischen
Wärme, Zeitschrift für Biologie, Bd. 30, 1894; +Atwater+, Neue Versuche
über Stoff- und Kraftwechsel im menschlichen Körper, Ergebnisse der
Physiologie, Bd. III, 1, 1904. +Gegen+ den Parallel. vgl. +Busse+,
+Höfler+, +Wentscher+, +Erhardt+, +Bergson+ u. a.

[10] Vgl. meine Schrift »Leib und Seele«, sowie meine Abhandlung »Die
Theorie des Panpsychismus«, in: Zeitschr. f. d. Ausbau der
Entwicklungswissenschaft I, H. 8.

[11] Vgl. +B. Kern+, Das Wesen des menschlichen Seelen- und
Geisteslebens, 1907.

[12] Über den Begriff der Seele vgl. +Fechner+, Über die Seelenfrage, S.
9, 210ff.; Zend-Avesta I, S. XIX; II, 148; +Wundt+, Logik II 2, 2, S.
245ff.; Grundriß der Psychol. {5}, S. 386; Grundzüge der physiol.
Psychol. II {4}, 633ff.; System d. Philos. {2}, S. 372ff., 606; +Jodl+,
Lehrbuch d. Psychol. S. 31; +Paulsen+, Einleitung in die Philos. {2}, S.
136, +Höffding+, Psychol. {2}, S. 16ff.; +Ebbinghaus+, Grundzüge der
Psychologie I, 17f.; +Fouillée+, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen;
+P. Carus+, Soul of Man, S. 419, u. a. Die Seele als Subjekt-Einheit;
+Sigwart+, Logik II 2, 207f.; +A. Vannérus+, Archiv f. systemat. Philos.
I, 1895, S. 363ff. Die Seele als Substanz: +L. Busse+, Geist und Körper,
S. 324ff. Vgl. +W. James+, Princ. of Psychol. I, 160ff., 342ff., u. a.


Zu II.

[13] Nach +Münsterberg+ ist das Psychische als der Gegenstand der
Psychologie nichts Reales, sondern ein Abstraktionsprodukt, das Produkt
einer Objektivierung, während die Geisteswissenschaften es mit dem
konkreten, stellungnehmenden, zwecksetzenden Subjekt und dessen Akten zu
tun haben, also »subjektivierend« verfahren (Grundzüge der Psychol. I,
57f., 62, 202). »Die Einheit des geistigen Lebens ist gar nicht ein
Zusammenhang psychologischer Objekte, sondern ein Zusammenhang von
Tatsachen, aus denen psychologische Objekte abgeleitet werden können«
(a. a. O. S. 382; vgl. Psychology and Life 1899). Vgl. dagegen
+Höffding+, Philos. Probleme, S. 13; +G. Villa+, Monist, 1902; +Eisler+,
Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritik, Bd. 122, S 80ff.; +J.
Cohn+, Vierteljahrsschr. für wissensch. Philos. Bd. 26.

[14] Vgl. auch +R. Wahle+, Über den Mechanismus des geistigen
Lebens, 1906.

[15] Die psychische Kausalität ist uns als innerer Zusammenhang unserer
Erlebnisse unmittelbar, d. h. ohne daß es erst einer Deutung,
Projektion, begrifflich-hypothetischen Ergänzung bedarf, gegeben (vgl.
+Wundt+, Logik I {2}, 625ff., System der Philos. {2}, S. 291, 593f.).
»So erleben wir beständig Verbindungen, Zusammenhänge in uns, während
wir den Sinneserregungen Verbindung und Zusammenhang unterlegen müssen.«
»In dem Erlebnis wirken die Vorgänge des ganzen Gemüts zusammen. In ihm
ist Zusammenhang gegeben, während die Sinne nur ein Mannigfaltiges von
Einzelheiten darbieten. Der einzelne Vorgang ist von der ganzen
Totalität des Seelenlebens im Erlebnis getragen, und der Zusammenhang,
in welchem er in sich und mit dem Ganzen des Seelenlebens steht, gehört
der unmittelbaren Erfahrung an.« »Alles psychologische Denken behält
diesen Grundzug, daß das Auffassen des Ganzen die Interpretation des
Einzelnen ermöglicht und bestimmt.... Der erfahrene Zusammenhang des
Seelenlebens muß die feste, erlebte und unmittelbar sichere Grundlage
der Psychologie bleiben.« (+Dilthey.+)

[16] Vgl. meine »Einführung in die Erkenntnistheorie«, Leipzig, 1907.

[17] Zu dieser Kausalität gehört auch das psychische Innensein der
Faktoren, welche auf das erlebende Subjekt einwirken. Insofern hat
+Simmel+ mit seiner Bemerkung (Einleit. in die Moralwissenschaft II,
297) nicht unrecht. Vgl. +Kreibig+, Die Aufmerksamkeit, S. 51.

[18] Von diesem +primären Subjektmoment+ ist das +entwickelte
Selbstbewußtsein+ wohl zu unterscheiden, welches die Psychologie nicht
wie jenes hinnehmen kann, sondern genetisch erklären muß, soweit es mehr
ist als einfache, nicht ableitbare Subjektivität.


Zu III.

[19] Über den psychologischen Voluntarismus vgl. +Schopenhauer+, Welt
als Wille und Vorstellung; +J. H. Fichte+, Psychol. I; +Fortlage+,
System der Psychol. I; +Ed. v. Hartmann+, Philosophie des Unbewußten,
Moderne Psychologie; +Bilharz+, Metaphys.; +Paulsen+, Einleit. in die
Philos.; +Wundt+, Logik II {2} 2; Grundriß der Psychol. {5}; System der
Philos. {2}; +Höffding+, Psychol. {2}; +Tönnies+, Gemeinsch. u.
Gesellsch.; +Rümelin+, Reden und Aufsätze I; +Losskij+, Zeitschr. f.
Psychol. d. Sinnesorgane, Bd. 30, 1902; +Hughes+, Mimik d. Menschen;
+Goldscheid+, Ethik des Gesamtwillens I; +J. Ward+, Encycl. Brit. XX;
+L. F. Ward+, Pure Sociology; +Fouillée+, Psychol. des idées-forces I
und II; Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, S. 10 u. 11; +Münsterberg+,
Grundzüge der Psychologie I; +Sigwart+, Logik II {2}; +W. James+, Princ.
of Psychology; +G. Villa+, Einleit. in d. Psychologie; +W. Jerusalem+,
Lehrbuch der Psychologie {3}; +Schellwien+, Wille u. Erkenntnis;
+Nietzsche+, Werke, u. a. Auch +Dilthey+ ist hier anzuführen, ferner
+Joël+, +Bergson+ u. a. Vgl. +Eisler+, Krit. Einführung in die
Philosophie, Berlin 1905; Wörterbuch der philos. Begriffe, 3. Aufl., Bd.
III; Grundl. d. Philos. d. Geistesleb., 1908.

[20] Vgl. L'évolutionisme des idées-forces, deutsch (Der Evolutionismus
der Kraft-Ideen). Philosoph.-soziologische Bücherei III. Leipzig 1908,
Dr. Werner Klinkhardt.

[21] Über Reflexe vgl. +Wundt+, Grundzüge der physiologischen
Psychologie, II {4}, 582ff.; Grundriß der Psychologie {5}, S. 230f.;
+Th. Ziegler+, Das Gefühl {2}, S. 215f., 308; +Fouillée+, Evolutionismus
der Kraft-Ideen, S. 40, 325ff., u. a.

[22] Über »Mechanisierung« des Bewußtseins vgl. +Wundt+, Grundriß der
Psychologie {5}, S. 229ff.; System der Philosophie {2}, S. 571ff.;
+Höffding+, Psychol. {2}, S. 67; +Jodl+, Lehrbuch der Psychol. S. 427f.,
432; +Fouillée+, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, S. 10, u. a.

[23] Vgl. +Höffding+, +Natorp+, +Goldscheid+.

[24] Vgl. +Joël+, Der freie Wille, 1909.

[25] Gegen +Bain+, +Spencer+, +Ribot+, +Sergi+ u. a.

[26] Über funktionelle Bedürfnisse vgl. +Döring+ (Philos. Güterlehre,
1888), +Jerusalem+ u. a.

[27] Über Apperzeption und geistige Verarbeitung von Erlebnissen vgl.
+Wundt+, Grundriß der Psychologie {5}, S. 249ff.; Grundzüge der
physiolog. Psychol. II 4, 266ff.; +Külpe+, Grundr. d. Psychol., S. 441;
+James+, Princ. of Psychol.; +Stout+, Analyt. Psychol. II, 112;
+Jerusalem+, Lehrb. d. Psychol. {3}, S. 87; +Lipps+, Leitfaden d.
Psychol., S. 63ff., +B. Erdmann+, Vierteljahrsschrift für wissensch.
Philosophie X, 307ff., 340ff., 391ff.; +Baldwin+, Handbook of Psychol.
I, 65; +Ed. v. Hartmann+, Moderne Psychologie, S. 172, 425, u. a. --
Zwischen Apperzeptions- und Assoziationspsychologie soll nach
+Münsterberg+ die »Aktionstheorie« vermitteln, welche fordert, »daß
jeder Bewußtseinsinhalt Begleiterscheinung eines nicht nur sensorischen,
sondern sensorisch-motorischen Vorganges ist, und somit von den
vorhandenen Dispositionen zur Handlung ebensosehr abhängt wie von
peripheren und assoziativen Zuführungen« (Grundzüge der Psychologie I,
549). Vgl. dazu +Fouillée+, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen.

[28] Über das Denken als Willenshandlung vgl. +Wundt+, Grundriß der
Psychologie {5}, S. 301ff.; +Külpe+, Grundriß der Psychologie, S. 464
(»antizipierende Apperzeption«); +Tönnies+, Gemeinsch. u. Gesellsch.,
S. 139f., +Jerusalem+, Lehrbuch der Psychol. {3}, S. 103; +Kreibig+,
Die Aufmerksamkeit, S. 3; ferner +Nietzsche+, +Höffding+, +Paulsen+,
+Fouillée+, +Sully+, +Jodl+, +Baldwin+, +James+, +Sigwart+
(»Denkwille«) u. a.

[29] Über die Rolle von Gefühl und Streben bei der Assoziation vgl.
+Horwicz+, Psychol. Analysen I, 168f.; +Windelband+, Präludien, S.
190ff.; +Höffding+, Psychol. {2}, S. 445ff.; +Ed. v. Hartmann+,
Philosophie des Unbewußten I 10, 246f.; +Wundt+, Vorles. über d.
Menschen- u. Tierseele {2}, S. 338; System der Philos. {2}, S. 583,
+Fouillée+ u. a.

[30] Der Richtungsbegriff und seine Bedeutung für die Philosophie.
Annalen der Naturphilosophie VI, 58ff.


Zu IV.

[31] Den teleologischen Gesichtspunkt hat in programmatischer Weise +W.
Dilthey+ dargetan (Ideen über eine beschreibende und zergliedernde
Psychologie, Sitzungsber. der Kgl. Preuß. Akadem. der Wissenschaften zu
Berlin, 1894; Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften,
Sitzungsbericht der Kgl. Akadem. der Wissenschaften 1905, XIV, S.
332ff.). Er ist (wie +James+ u. a.) Gegner der »atomistischen«
Psychologie und will, daß von den inneren Zusammenhängen der Seele in
beschreibend-analytischer, konstruktiver Hypothesen sich entschlagender
Weise vorgegangen wird, damit die volle Wirklichkeit des Seelenlebens
zur Vorstellung gelange. Die Psychologie ist »Beschreibung und Analysis
eines Zusammenhangs, welcher ursprünglich und immer als das Leben selbst
gegeben ist«. Sie hat »die Regelmäßigkeiten im Zusammenhange des
entwickelten Seelenlebens zum Gegenstand«. Sie muß »vom entwickelten
Seelenleben ausgehen, nicht aus elementaren Vorgängen dasselbe
ableiten«. Nur durch Abstraktion heben wir eine Funktion, eine
Verbindungsweise aus einem konkreten Zusammenhang heraus. »Der einzelne
Vorgang ist von der ganzen Totalität des Seelenlebens im Erlebnis
getragen«. Der erworbene Zusammenhang ist wirksam in jedem psychischen
Vorgang. -- Der psychische Strukturzusammenhang hat einen
»teleologischen Charakter«. »Wo in Lust und Leid die seelische Einheit
das ihr Wertvolle erfährt, reagiert sie in Aufmerksamkeit, Auswahl der
Eindrücke und Verarbeitung derselben, in Streben, Willenshandlung, Wahl
unter ihren Zielen, Aufsuchen der Mittel für ihre Zwecke« (Das Wesen der
Philosophie, in: Die Kultur der Gegenwart I, 6, S. 32ff.). Diese
seelische Teleologie hat +Dilthey+ geistesphilosophisch zum Teil
ausgeführt. -- Zur Teleologie des Seelischen vgl. +Spencer+, +Romanes+,
+James+, +Baldwin+, +Dewey+, +Höffding+, +Ribot+, +Fouillée+, +Bergson+,
+Luquet+, +Ebbinghaus+, +Wundt+, +Jodl+, +Mach+, +Jerusalem+, +Simmel+,
+Groos+, +L. W. Stern+, ferner +A. Pauly+, +Francé+, +Kohnstamm+ u. a.
Vgl. +Kohnstamm+, Intelligenz und Anpassung, Annalen der
Naturphilosophie 1903; Grundlinien einer biologischen Psychologie,
Versamml. deutscher Naturforscher und Ärzte, 1903; Die biologische
Sonderstellung der Ausdrucksbewegungen, Journal für Psychologie und
Neurologie, 7. Bd. (Unterscheidung von »Teleoklise«, d. h.
Zwecktätigkeit und »Expressivität«, Ausdruckstätigkeit als der beiden
spezifischen Formen des Lebens). Dazu sei bemerkt, daß auch die
+Ausdrucksbewegungen+ auf Zielstrebigkeiten beruhen, indem sie
phylogenetisch aus Willens-(Trieb-)Vorgängen (bzw. deren physiologischen
Korrelaten) hervorgegangen sind.

[32] Die organische Auffassung der Seele wird konsequent von
+Ebbinghaus+ durchgeführt. Nach ihm ist die Seele »derselben Art wie das
Nervensystem und damit wie der ganze Körper, nämlich ein seine eigene
Erhaltung erstrebendes System innerlich erlebter Bildungen und
Funktionen.... Diese Selbsterhaltung aber verwirklicht sie in zweifacher
Weise. Einmal durch Kampf mit dem, was uns in äußerer Erscheinung als
Außenwelt gegeben ist.... Und zweitens durch Betätigung ihrer bestimmten
Eigenart, durch das Ausleben und Sichauswirken der ihr nun einmal
verliehenen Kräfte und Anlagen« (Psychologie, in: Die Kultur der
Gegenwart I, 6, S. 195). Den biologischen Standpunkt in der Psychologie
vertreten ferner +James+, +Baldwin+, +Spencer+, +Romanes+, +Ribot+,
+G. H. Schneider+, +Jodl+, +Jerusalem+, +Kreibig+, +Groos+, +Mach+ u. a.

[33] Wie dies besonders +Dilthey+, +James+ und neuerdings in
geistvoller Weise +H. Bergson+ (Matière et Mémoire; L'évolution créatrice)
betont haben.

[34] Über den »voluntaristischen Kritizismus« vgl. meine »Einführung in
die Erkenntnistheorie« 1907.

[35] Vgl. +Döring+, +Jerusalem+ u. a.

[36] Vgl. +Groos+, Spiele der Tiere, und Spiele der Menschen.

[37] Vgl. +Münsterberg+, Philos. der Werte, Leipzig 1908.

[38] +Goldscheid+, Entwicklungswerttheorie, Leipzig 1908, ferner
Schriften von +Höffding+, +R. Richter+ u. a.

[39] Teleologische Bedeutung haben die Gefühle nach +Spencer+, +Bain+,
+Ribot+, +Ebbinghaus+, +Jerusalem+, +Jodl+, +Z. Oppenheimer+ u. a. --
Zum Willen bringen die Gefühle als Symptome (Reaktionen) oder Momente
desselben +Schopenhauer+, +Ed. v. Hartmann+, +Nietzsche+, +Hamerling+,
+Paulsen+, +Windelband+, +Wundt+ u. a. Nach +Wundt+ sind Gefühle teils
Anfangs-, teils Begleitzustände des Wollens.


Zu V.

[40] Über psychische Vererbung vgl. +Darwin+, Ausdr. d.
Gemütsbewegungen; +Lloyd Morgan+, Animal Life and Intelligence, 1890;
+Galton+, Hereditary Genius, 1869; +Ribot+, L'hérédité, 2. éd. 1882;
+Wundt+, Grundriß der Psychol. {5}, S. 342; +Sully+, Handbuch der
Psychologie, S. 55f.; +Spencer+, Psychologie; +Romanes+, Die geistige
Entwicklung; +Lewes+, Probl. of Life; +L. Wilser+, Die Vererbung
geistiger Eigenschaften; +Baldwin+, Handbook of Psychol. 1890f.; Die
Entwicklung des Geistes beim Kinde und in der Rasse, 1895; +Semon+,
Mneme {2}, 1908, u. a.

[41] Grundriß der Psychologie {5}, S. 396; System der Philosophie {2},
S. 304, 307.

[42] Vgl. +L. W. Stern+, Person und Sache I.

[43] Ein Gesetz der Erhaltung psychischer Energie stellt +Fouillée+ auf:
»Das Lebewesen ist bemüht, gegenüber den äußeren Hindernissen eine
ziemlich konstante Energiemenge zu bewahren; es ersetzt seine Verluste
durch seine Erwerbungen und strebt unaufhörlich nach dem Gleichgewicht.
Auf seelischem Gebiete zeigt sich diese Tendenz zum Gleichgewicht, zur
Selbsterhaltung und zur Erhaltung der durchschnittlichen Energiemenge
ebenfalls. Es besteht für das geistige Wachstum wie für die
Gehirnzunahme eine Grenze; eine zu stark entfaltete Fähigkeit zieht die
Schwächung anderer nach sich« (Evolutionism. d. Kraft-Ideen, S. 208f.).
Es besteht ferner eine quantitative Korrelation, eine Wechselfolge und
ein Rhythmus zwischen den verschiedenen Arten der psychischen Energie
(ibid.). Vgl. +Münsterberg+, Grundzüge der Psychol. I; +Jodl+, Lehrbuch
d. Psychologie, S. 88, +Grot+ u. a.

[44] Gegner eines absolut Unbewußten sind auch +Fechner+, +Paulsen+,
+Rehmke+, +Brentano+, +Sigwart+, +Höffding+, +Ziehen+, +Wundt+, +Jodl+,
+Fouillée+ u. a.

[45] Das betont u. a. +Jodl+.

[46] Vgl. +B. Erdmann+, Wiss. Hyp. über Leib und Seele, S. 88ff.,
+Offner+, D. Gedächtnis, Berlin 1909, S. 23ff. Daß infolge des
organischen Charakters der Psyche eine gewisse +Periodizität+ in ihr
besteht, daß Zeiten der Hochspannung und Produktivität mit solchen der
Depression und Erschöpfung in gewisser Gesetzmäßigkeit abwechseln,
erscheint plausibel, mag es auch um die nähere Bestimmung dieser
Perioden, wie sie +H. Swoboda+ versucht, noch mißlich bestellt sein.
Vgl. +Swoboda+, Die Perioden des menschlichen Organismus in ihrer
psychologischen und biologischen Bedeutung, 1904; Studien zur
Grundlegung der Psychologie, 1905. Vgl. +Fließ+, Der Ablauf des Lebens.

[47] Vgl. meine »Einführung in die Erkenntnistheorie«, Leipzig 1907.

[48] Über das Gesamtbewußtsein und sein Verhältnis zum Einzelbewußtsein
vgl. +Lazarus+, Das Leben der Seele I {2}, 333ff.; +Wundt+, Ethik {2},
S. 449, 453, 458ff.; Völkerpsychologie I 1, S. 9ff.; +Schäffle+, Bau und
Leben des sozialen Körpers {2}; +Baldwin+, Das soziale und sittliche
Leben; +Tarde+, Les lois de l'imitation; +Le Bon+, Psychologie der
Massen, deutsch, Leipzig 1907, Klinkhardt.

[49] Vgl. meine »Grundlagen der Philos. des Geisteslebens«, 1908.

[50] Über die Entwicklung in Gegensätzen vgl. +Wundt+, Grundriß der
Psychologie {5}, S. 401f.; Logik II {2}, S. 282ff.



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  _Büchner, Ludwig_, =Darwinismus und Sozialismus= oder der Kampf um das
    Dasein und die moderne Gesellschaft. 2. Aufl. Preis 1 M.

  -- " -- =Die Macht der Vererbung= und ihr Einfluss auf den moralischen
    und geistigen Fortschritt der Menschheit. 2. Aufl. Preis 1 M.

  _Buckman, S. S._, =Vererbungsgesetze= und ihre Anwendung auf den
    Menschen. Preis 2 M.

  _Carneri, B._, =Der moderne Mensch=. +Taschenausgabe+. Geb. Preis 1 M.

  -- " -- =Grundlegung der Ethik=. +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  -- " -- =Empfindung und Bewusstsein=. 2. Auflage. Preis 1 M.

  _Darwin, Charles_, =Gesammelte kleinere Schriften=. Herausgegeben von
    Dr. +Ernst Krause+.

      I. Band: =Darwin und sein Verhältnis zu Deutschland=. Preis 5 M.

      II. Band: =Gesammelte kleinere Schriften=. Preis 5 M.

  -- " -- =Die Entstehung der Arten=. +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  -- " -- =Die Abstammung des Menschen=. +Volksausgabe+. Kart.
    Preis 1 M.

  -- " -- =Die geschlechtliche Zuchtwahl=. +Volksausgabe+. Mit 75
    Abbildungen im Text. Kart. Preis 1 M.

  _Eisler, Rudolf_, =Das Wirken der Seele=. Preis 1 M.

  _Elfeld, Carl Julius_, =Die Religion und der Darwinismus=. Preis 2 M.

  _Feuerbach, Ludwig_, =Das Wesen der Religion=. Dreissig Vorlesungen.
    +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  _Forel, Auguste_, =Gehirn und Seele=. 10. Auflage. Preis 1 M.

  _Haeckel, Ernst_, =Die Welträtsel=. Gemeinverständliche Studien über
    monistische Philosophie. 10. Auflage. Geheftet Preis 8 M.; in
    Leinwand geb. 9 M.

  -- " -- =Die Welträtsel=. +Volksausgabe+. Mit Nachträgen zur Begründung
    der monistischen Weltanschauung. Kart. Preis 1 M.

  -- " -- =Die Welträtsel=. +Neu bearbeitete Taschenausgabe+.
    In Leinwand geb. Preis 1 M.

  -- " -- =Die Lebenswunder=. Gemeinverständliche Studien über
    biologische Philosophie. Ergänzungsband zu dem Buche über die
    Welträtsel. 4. Auflage. Geheftet Preis 8 M.; in Leinwand geb. 9 M.

  -- " -- =Die Lebenswunder=. +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  -- " -- =Gemeinverständliche Vorträge und Abhandlungen aus dem Gebiete
    der Entwickelungslehre=. 2. Auflage. 2 Bände mit 80 Abbildungen im
    Text und 2 Tafeln in Farbendruck. Geh. Preis 12 M.; geb. in Leinen
    13 M. 50 Pf.; in Halbfranz. 15 M.

  -- " -- =Aus Insulinde=. +Malayische Reisebriefe+ 2. Aufl. Mit 72
    Abbildungen und 4 Karten im Text und 8 Einschaltbildern. In Leinwand
    geb. Preis 6 M.

  -- " -- =Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft=.
    Glaubensbekenntnis eines Naturforschers. 13. Aufl. Preis 1 M. 60 Pf.

  -- " -- =Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen=.
    10. Auflage. Preis 1 M. 60 Pf.

  -- " -- =Das Weltbild von Darwin und Lamarck=. 2. Auflage. Preis 1 M.

  -- " -- =Das Protistenreich=. Eine populäre Übersicht über das
    Formengebiet der niedersten Lebewesen. Mit 58 Abbild. im Text.
    Preis 2 M.

  -- " -- =Freie Wissenschaft und freie Lehre=. 2. Aufl.
    Preis 1 M. 60 Pf.

  _Hellwald, Friedrich von_, =Die menschliche Familie= nach ihrer
    Entstehung und natürlichen Entwicklung. Preis 5 M.

  _Hertz, Heinrich_, =Über die Beziehungen zwischen Licht und
    Elektrizität=. 12. Auflage. Preis 1 M.

  _Herzen, A._, =Grundlinien einer allgemeinen Psychophysiologie=.
    Preis 2 M.

  _Kant, Immanuel_, =Kritik der reinen Vernunft=. +Volksausgabe+.
    Kart. Preis 1 M.

  _Kick, A._, =Ernst Haeckel und die Schule=. Preis 1 M.

  _Kohut, Adolph_, =David Friedrich Strauss als Denker und Erzieher=.
    Geheftet Preis 3 M.; geb. 4 M.

  _Krause, Ernst (Carus Sterne)_, =Erasmus Darwin und seine Stellung in
    der Geschichte der Descendenz-Theorie=. Mit einem Lebens- und
    Charakterbilde von +Charles Darwin+. Preis 2 M.

  _Lamarck, Jean_, =Zoologische Philosophie=. +Volksausgabe+.
    Kart. Preis 1 M.

  _Lange, F. A._, =Geschichte des Materialismus und Kritik seiner
    Bedeutung=. +Volksausgabe in 2 Bänden+. Kart. Preis 2 M.

  _Philipp, S._, =Über Ursprung und Lebenserscheinungen der tierischen
    Organismen=. Preis 2 M.

  _Reichenau, W. v._, =Die Nester und Eier der Vögel= in ihren
    natürlichen Beziehungen betrachtet. Preis 2 M.

  -- " -- =Bilder aus dem Naturleben=. Nach eigenen Erfahrungen als
    Jäger und Sammler geschildert. 2. Auflage. Preis 5 M.

  _Ribot, Th._, =Die Schöpferkraft der Phantasie=. In Leinwand geb.
    Preis 6 M.

  _Romanes, G. John_, =Die geistige Entwicklung beim Menschen=.
    Ursprung der menschlichen Befähigung. Preis 6 M.

  -- " -- =Die geistige Entwicklung im Tierreich=. Nebst einer
    nachgelassenen Arbeit: Über den Instinkt von +Ch. Darwin+.
    Preis 5 M.

  _Schmidt, Heinrich_ (Jena), =Der Kampf um die »Welträtsel«=. Ernst
    Haeckel, die »Welträtsel« und die Kritik. Preis 1 M. 60 Pf.

  -- " -- =Die Fruchtbarkeit in der Tierwelt=. Preis 1 M.

  _Schopenhauer, Arthur_, =Aphorismen zur Lebensweisheit=. +Über den
    Tod. Leben der Gattung. Erblichkeit der Eigenschaften.
    Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  _Spinoza, Baruch_, =Die Ethik=. +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  _Stenglin, F. v._, =Über die letzten Dinge und die Überwindung des
    Leides=. Geb. Preis 2 M.

  _Strauss, David Friedrich_, =Werke=. Herausgegeben von +Ed. Zeller+.
    Auswahl in 6 Bänden in 5 eleg. Liebhabereinbänden. Preis 20 M.

      1. Band: =Kleine Schriften=. Preis geb. 4 M. 50 Pf.

      2. u. 3. Band: =Das Leben Jesu=. Preis in 1 Band geb. 6 M.

      4. Band: =Der alte und der neue Glaube=. Preis geb. 4 M. 50 Pf.

      5. Band: =Ulrich von Hutten=. Biographie. Preis geb. 4 M. 50 Pf.

      6. Band: =Voltaire=. Sechs Vorträge. Preis geb. 4 M. 50 Pf.

  -- " -- =Ausgewählte Briefe=. Herausgegeben und erläutert von +Eduard
    Zeller+. Preis 2 M.; geb. 3 M.

  -- " -- =Das Leben Jesu=. Für das deutsche Volk bearbeitet. 2 Teile.
    +Volksausgabe+ in 2 Bänden. Kart. Preis 2 M.

  -- " -- =Der alte und der neue Glaube=. Ein Bekenntnis.
    +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  -- " -- =Voltaire=. 6 Vorträge. Neu herausgegeben von Dr. +B.
    Landsberg+. +Volksausgabe+. Kart. Preis 1 M.

  -- " -- =Poetisches Gedenkbuch=. Eingeleitet durch +Eduard Zeller+.
    2. Auflage. Preis 2 M.; geb. 3 M.

  _Zeller, Eduard_, =David Friedrich Strauss= in seinem Leben und seinen
    Schriften. 2. Auflage. Preis 3 M.


_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._



Anmerkungen zur Transkription:


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Innerhalb des Anhangs werden hochgestellte Ziffern als {Ziffer}
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Abkürzungen, insbesondere in den Anmerkungen, sind teilweise recht
unterschiedlich, sie wurden aus Authentizitätsgründen wie im Original
belassen. (z. B. Grundzüge und Grundz.)

In den Anhängen ist die Formatierung in Bezug auf die Seitenzahl nicht
immer gleich, die Formatierung wurde zu S. xxf. bzw. S. xxff. (xx steht
für die entsprechende Seitenzahl) egalisiert.

Der Buchtitel "Gemeinverständliche Vorträge und Abhandlungen aus dem
Gebiete der Entwickelungslehre" von Ernst Haeckel wird trotz des
offensichtlichen Druckfehlers in Entwicklungslehre in der Originalform
beibehalten, da dieses Buch auch innerhalb Büchereien teilweise unter
diesem Titel geführt wird. (Seite 76, Anzeigen)


Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:

  "Bewußtseins-Erlebnisse" (Seite 17) und "Bewußtseinserlebnisse"
  (Seite 5)

  "psycho-physische" (Seite 41) und "psychophysische" (Seiten 13
  und 66)

  "psycho-physischen" (Seiten 9, 50 und 62) und "psychophysischen"
  (Seite 19)

  Innerhalb des Haupttextes spricht man von "Bewußtsein", in den
  Anzeigen wird von "Empfindung und Bewusstsein" gesprochen, beide
  Schreibweisen wurden beibehalten


Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in
Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und
Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Folgende offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert:

  geändert von "unmittelbaren »Für sich-Sein«, als" in "unmittelbaren
  »Für-sich-Sein«, als" Seite 12

  geändert von "der gesamte Körperliche Organismus" in "der gesamte
  körperliche Organismus" Seite 15

  geändert von "Ähnlich wirkt das »Unbewußte« +E. v. Hartmanns+" in
  "Ähnlich wirkt das »Unbewußte« +Ed. v. Hartmanns+" Seite 21

  geändert von "leicht und eindeutig-bestimmt" in "leicht und
  eindeutig bestimmt" Seite 32

  geändert von "übrigen aber gerade so Tendenz" in "übrigen aber
  geradeso Tendenz" Seite 33

  geändert von "Für die individuale, wie" in "Für die individuelle,
  wie" Seite 46

  geändert von "Über die Seel nfrage, S. 9ff.," in "Über die
  Seelenfrage, S. 9ff.," Seite 70, Anmerkung 9

  geändert von "Einleit. in der Philosophie, S. 115;" in "Einleit. in
  die Philosophie, S. 115;" Seite 70, Anmerkung 9

  geändert von "Kraft Ideen; +P. Carus+," in "Kraft-Ideen; +P.
  Carus+," Seite 71, Anmerkung 12

  geändert von "Die Seele als Subjekt-Einheit: +Sigwart+," in "Die
  Seele als Subjekt-Einheit; +Sigwart+," Seite 71, Anmerkung 12

  geändert von "vgl. Psychoogy and Life" in "vgl. Psychology and Life"
  Seite 71, Anmerkung 13

  geändert von "+Bilharz+, Metaphvs.; +Paulsen+, Einleit. in die
  Philos" in "+Bilharz+, Metaphys.; +Paulsen+, Einleit. in die
  Philos." Seite 72, Anmerkung 19

  geändert von "Men chen; +Goldscheid+, Ethik" in "Menschen;
  +Goldscheid+, Ethik" Seite 72, Anmerkung 19

  geändert von "Vgl. +Höffding+ +Natorp+," in "Vgl. +Höffding+,
  +Natorp+," Seite 72, Anmerkung 23

  geändert von "Philosophie X, 307ff., 340ff,, 391ff." in "Philosophie
  X, 307ff., 340ff., 391ff." Seite 72, Anmerkung 27

  geändert von "erlebter Bildungen nnd Funktionen" in "erlebter
  Bildungen und Funktionen" Seite 73, Anmerkung 32

  geändert von "+Forel, August+, =Gehirn und Seele=." in "+Forel,
  Auguste+, =Gehirn und Seele=." Seite 76, Anzeigen

  geändert von "Preis 1 M. 60 Pf" in "Preis 1 M. 60 Pf."
  Seite 76, Anzeigen

  geändert von "9. Aufl. Preis 1 M. 20 Pf" in "9. Aufl. Preis 1 M.
  20 Pf." Seite 76, Anzeigen

  geändert von "in Halbfranz 15 M." in "in Halbfranz. 15 M."
  Seite 76, Anzeigen

  geändert von "von +Ch. Darwin+ Preis" in "von +Ch. Darwin+. Preis"
  Seite 77, Anzeigen

  geändert von "(Jena) =Der Kampf um die »Welträtsel«=" in "(Jena),
  =Der Kampf um die »Welträtsel«=" Seite 77, Anzeigen

  geändert von "Kart Preis 1 M." in "Kart. Preis 1 M."
  Seite 77, Anzeigen





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das Wirken der Seele - Ideen zu einer organischen Psychologie" ***

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