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Title: Benno Stehkragen
Author: Ettlinger, Karl, 1882-1939
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                           Benno Stehkragen

                                  von

                            Karl Ettlinger



                    Ullstein & Co / Berlin und Wien



      Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
        Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.



Zum Geleit


Als ich am 25. Juli 1916 morgens gegen halb acht Uhr erwachte, schloß
ich sogleich geblendet die Augen.

Woher kam diese Helle? So viel Licht gab es doch in unserem Unterstand
nicht?

Ich öffnete die Augen abermals, – ja, zum Kuckuck, wo war ich denn
eigentlich?

Ich lag in einem frischgemachten, blütenweißen Bett, in einem großen,
hellen Saal, ringsum Betten, ebenso blitzsauber wie das meine.

Du bist im Lazarett, sagte ich mir, aber mein Kopf brummte noch zu sehr
von der Narkose, um diesen Gedanken voll zu erfassen.

Ja, ich war im Feldlazarett, und ich hatte eine Granatsplitterverletzung
im Rücken und ein zerschossenes rechtes Ellbogengelenk.

Einige Tage später brachte mir unser vortrefflicher Leutnant
Lindenberger etliche Gegenstände ins Feldlazarett, die in unserem
zusammengeschossenen Unterstand gefunden und als mein Eigentum erkannt
worden waren. Darunter auch ein Manuskript, durch das mitten hindurch
ein Granatsplitter geflogen war.

Trotz meiner Schmerzen mußte ich lächeln.

Armer Benno Stehkragen, dachte ich amüsiert, dir ist es im Leben
kümmerlich genug gegangen, – und jetzt wird auch noch die Aufzeichnung
deiner Lebensgeschichte von einem Granatsplitter durchbohrt!

Einige Monate vergingen, bis ich mich wieder mit dem Manuskript
beschäftigen konnte, das ich im Schützengraben begonnen und an dessen
Vollendung mich meine Verwundung gehindert hatte.

Man darf sich da freilich kein säuberliches, einseitig auf schönes
weißes Papier geschriebenes Manuskript vorstellen, wie es die Wonne der
Redaktionen und Setzereien zu bilden pflegt. O nein, dieses Manuskript
bestand aus Papieren allen möglichen Formates und aller möglichen
Farben: Briefbogen, umgedrehte Umschläge von Briefen, die an mich
gekommen waren, Rückseiten von Prospekten, Meldezettel, kurz ein
Manuskript so kraus, wie es der leibliche Benno Stehkragen selbst ist.

Unter erschwerten Umständen führte ich die Novelle zu Ende: der Gebrauch
der rechten Hand ist mir ja versagt, und ans Diktieren kann ich mich
leider nicht gewöhnen. Aber ich hatte meinen tragikomischen Helden Benno
viel zu lieb gewonnen, um das Werk in der großen Schublade für
unvollendete Entwürfe verschmachten zu lassen.

So ziehe denn hinaus, mein lieber, kleiner, buckliger Benno!

Deine Lebensreise war voll Beschwernisse, und wer weiß, ob dir deine
Reise auf den Büchermarkt besser bekommen wird! Vielleicht wirst du dir
mehr Feinde als Freunde erwerben. Aber habe keine Angst: ich, dein
Vater, behalte dich dennoch lieb.

Du hast mir manche trübe Stunde im Schützengraben erhellen helfen, du
bist mein lieber Kriegsjunge, und wenn du deinem Papa eine besondere
Freude machen willst, so erhelle nun auch etlichen Kameraden draußen und
im Lazarett ein bißchen die Stunden der Trübheit!

                                              Karl Ettlinger



Ich will ein weniges aus dem Leben Benno Stehkragens erzählen, des
kleinen Buchhalters, der über zwanzig Jahre tagsüber den Drehstuhl
hinter dem zweiten Pult im Couponbureau der Industriebank zu Frankfurt
am Main, Bahnhofsplatz drei, drückte. Es war ein ziemlich hoch
geschraubter Drehstuhl, denn der ganze Benno Stehkragen maß kaum einen
Meter zwölf, und wenn er auf seinem Platze thronte, so baumelten
zwischen dem Pult zwei krumme Beinchen und bildeten eine Null. Über dem
Pult schaute ein schwarzhaariges Wuschelköpfchen hervor, das dicht
zwischen den Schultern saß, das aber ebenso flink drehbar war wie der
Stuhl. Eine große Brille vorsintflutlichen Formats saß auf Bennos etwas
aufgestülpter Nase, und die Brillenschienen endigten hinter großen,
abstehenden Ohren, die die Fähigkeit besaßen zu wackeln, ohne daß die
Stirne Falten zog. Durch die Brillengläser aber zwinkerten zwei braune,
kluge Äuglein, stillvergnügt und voll gutmütiger Selbstironie.

Ich habe gesagt, der ganze Benno Stehkragen maß nur kaum einen Meter
zwölf. Er wäre gewiß mindestens dreißig Zentimeter länger gewesen, hätte
es ein Mittel gegeben, den Buckel, der seinen Rücken verunstaltete,
auszubügeln.

Aber dieser Buckel saß ebenso pflichtgetreu auf Bennos Rücken wie Benno
selbst auf seinem Drehstuhl. Und der einzige Unterschied war, daß Benno
des Abends mit dem Glockenschlag Sechs sich von seinem Drehstuhl
trennte, um seinem Junggesellenzimmerchen jenseits des Maines
zuzuwandeln, während der Buckel auf Bennos Kehrseite ununterbrochen
Geschäftsstunde hielt und selbst die höchsten Feiertage ignorierte. Nur
war er an diesen Feiertagen von einem säuberlich gebürsteten schwarzen
Gehrock umhüllt, indes er Werktags hinter einem nicht immer ganz
sauberen braunen, karierten Rock kauerte. Das Alter dieses Rockes zu
bestimmen, sei Geschichtsforschern überlassen. Wir wollen uns mehr mit
dem Innern als dem wenig verlockenden Äußern Benno Stehkragens befassen.

Wir wissen, daß auch Napoleon der Erste ein klein gewachsenes Menschlein
war, das überdies an Epilepsie litt, und daß es dennoch auf seiner
kurzen Lebensreise von Korsika bis Sankt Helena ganz Europa umstülpte.
Es wäre also durchaus glaubhaft, würde ich auch von _unserem_ kleinen
Mann die verblüffendsten Heldentaten erzählen. Allein die Wahrheitsliebe
hindert mich daran. Keinen Roman mit glühenden Liebesabenteuern, voll
von wundersamen Begebenheiten, sollt Ihr vernehmen. Nur kleine Episoden
kann ich Euch vermelden. Episoden von einem Menschen, dessen ganzes
Leben nur eine Episode war. Dessen Erscheinen in dieser Welt keine Lücke
ausfüllte, und dessen Scheiden keine Lücke hinterließ.

»Die Naturgeschichte wollt’ einen Witz machen, und da erschuf sie
_mich_,« sagte Benno von sich selbst. Und wehmütig fügte er hinzu: »Ich
hätt’ der Naturgeschichte bessere Witze zugetraut!«

Wann und wo hätte auch Benno Heldentaten vollbringen sollen?

Auf seinem Drehstuhl.

Mein Gott, drehte er ihn nach rechts, so sah er die beiden
Schalterfenster, die zum Gang hinausführten, und hinter jedem
Schalterfenster saß ein Beamter, rechnend, schreibend gleich ihm oder im
Flüstertone die Kundschaft abfertigend. Drehte er den Stuhl nach links,
so sah er eine Reihe Fensterscheiben, hinter denen melancholisch ein
dunkler Hof brütete.

Die Fensterwand entlang standen Pulte, und hinter jedem Pult hockte ein
Beamter oder eine Beamtin, mechanisch arbeitend. Am Ende der Wand, ein
wenig erhöht, residierte Herr Wittmann, der Bureauchef, ein noch
jugendlicher Herr, der Typ eines zielbewußten Strebers, schneidig und
grob.

»Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu,« hatte Benno
einmal mit Bezug auf Herrn Wittmann zitiert. »Manchmal gibt er ihm auch
nur das Mundwerk dazu. Aber er hat eine Zukunft, der Herr Wittmann. In
zehn Jahren ist er Prokurist. Die unleserliche Handschrift hat er jetzt
schon. Nun ja: ein schwarzer Zylinder, ein schwarzer Frack und ein
schwarzes Herz, damit kann man’s weit bringen auf der Welt!«

Es kam öfters zu Zusammenstößen zwischen Benno und dem Bureauchef.

»Herr Stehkragen!« schnarrte dann plötzlich eine scharfe Stimme, »Herr
Stehkragen, kommen Sie mal her!«

Und alle Köpfe blickten von den Schreibarbeiten auf und drehten sich
nach Benno und wußten: Jetzt gibt’s wieder ein Donnerwetter.

Nur Benno selbst schien nichts Schlimmes zu argwöhnen, kletterte
gemächlich von seinem Drehstuhl, dachte sich: Du sollst dem Ochsen, der
da drischt, nicht das Maul verbinden, und watschelte zu dem
Allgewaltigen.

»Herr Wittmann?« frug er freundlich und mit einer Harmlosigkeit, die
selbst einen General bei einer Besichtigung entwaffnet hätte, »Herr
Wittmann, ich glaub’, Sie haben gerufen?«

»Und _ich_ glaub’, Sie haben schon wieder mal an alles mögliche gedacht,
nur nicht an Ihre Arbeit!« fuhr ihn Wittmann an. Und indem er ihm eine
Faktura unter die Nase hielt, schrie er: »Haben _Sie_ das geschrieben?«

»Wenn Se das Blatt so hoch halten, kann ich nix gucken!« entgegnete
Benno seelenruhig, nahm die Faktura, rückte die vorsintflutliche Brille
zurecht und prüfte langsam das Schriftstück.

»Ich frage Sie, ob Sie das geschrieben haben?« herrschte ihn der
Bureauchef ungeduldig an.

»Meine Handschrift is es!« erklärte Benno, und es zuckte um seine
Mundwinkel wie amüsiertes Lächeln.

»So! Also Ihre Handschrift ist es! Und Ihre Nachlässigkeit und
Schlamperei ist es _auch_! Aber das geht nicht so weiter mit Ihnen! Ich
hab’s satt! Satt hab’ ich’s!«

Gut, dachte sich Benno. Er hat’s satt. Mahlzeit!

»Genug hab’ ich von Ihnen! Noch heute spreche ich mit der Direktion.
Beim nächsten Fehler werden Sie entlassen! Das gebe ich Ihnen
schriftlich!«

Ich glaub’s auch mündlich, dachte sich Benno.

Und weiter dachte er sich: Weshalb schimpft er eigentlich so? Nun ja,
er is die Primadonna von dem Couponbureau. Er muß seine Stimm’ üben. Und
immer schreit er dasselbe. Er hat’n Grammophon verschluckt. Hinauswerfen?
Mich? Schön! Fall’ ich auf die Füß’, so tut mir’s nicht weh; und fall’
ich auf den Buckel, so feder’ ich wie e Sprungfedermatratz’. Mein Gott,
die Welt is groß, und überall in der Welt gibt’s Drehstühl’. Und auf
jedem Drehstuhl braucht merr eine menschliche Maschin’, die ihr Leben um
hundertachtzig Mark den Monat verkauft. Schön! Weshalb schmeißt er
nicht?

Das alles _dachte_ Benno nur. Das Reden war seine schwache Seite, und so
flink er denken konnte, so schwerfällig sprach er.

Gerade weil er so behende dachte, so intensiv schlagfertig war,
stolperte er beim Sprechen über seine eigenen Gedanken. Er war
mißtrauisch gegen alle Menschen, die perfekt reden konnten, und wenn er
beispielsweise einen Parlamentsbericht las, sagte er sich: Ein
hochinteressanter männlicher Kaffeeklatsch. Gute Reden, schlechte
Gesetze. Wie man nur so spaltenlange Überzeugungen haben kann! Ein
Glück, daß der liebe Gott kein Abgeordneter is: er wär _heut’_ noch
nicht mit den zehn Geboten fertig! Und der arme Moses hätt’ für die
Gesetzestafeln ein ganzes Armeekorps Steinträger gebraucht!

Während Benno Stehkragen dachte, schimpfte Herr Wittmann weiter.

Benno wartete geduldig, bis ihm der Atem ausging, nickte zustimmend mit
dem Kopf, watschelte an sein Pult zurück, tunkte seine Feder ein und
schrieb weiter, als sei nichts geschehen.

»Fräulein Antonie Hochberg, hier. 50 Coupons 3% Preußische
Staatsanleihe per 1. Oktober à M. 15.– macht M. 750.–, 20 Coupons per
15. November ...«

Und zwischendurch dachte er: Das Fräulein Hochberg hat Geld. Alles im
Schweiße ihres Angesichts geerbt. Dafür wohnt se auf der Bockenheimer
Landstraß’ und hat zwei Diener und eine Zofe, die ihr das falsche Haar
frisiert, und spritzt sich mit Parfüm ein, daß merr’s Geld nicht so
riecht. Und se is dick wie ein Eichbaum und setzt auch jedes Jahr ’n
neuen Ring an, und hat ’n Logenplatz im Opernhaus, und der arme Richard
Strauß muß ihr jede neue Oper von sich vorspielen lassen und kann sich
nicht wehren. Und se hat ein Perlenhalsband, das ausguckt, als wär’s von
Taubeneiern, und es tut ihr leid, daß es kein Hundehalsband is, weil
dann die Steuermarke dran baumelte. Und Ohren hat se und ein Gehirn hat
se auch, – aber die Ohren sind mehr wert, weil da Boutons drin sind.
Und se zählt zu den Spitzen der Gesellschaft, die so spitzig sind, daß
ich lieber nicht damit in Berührung komm’. – Ob se mich wohl
hinausschmeißen werden?

Aber sie warfen ihn nicht hinaus. Denn die Direktion wußte, daß sie an
Benno Stehkragen einen pflichtgetreuen Beamten besaß, der pünktlich und
gewissenhaft funktionierte und zum Hause gehörte wie die Ventilation
oder die Wasserleitung.

Sie wußte, daß er in den langen, langen Jahren seiner Anstellung niemals
selbsttätig Gehaltsaufbesserung verlangt hatte, daß er zu den Beamten
zählte, die, wenn ihnen der Arzt vierzehn Tage Schonung verordnet hat,
bereits am siebenten Tage wieder im Bureau erscheinen – aus purer
Angst, es könnte etwa in ihrer Abwesenheit das Tintenfaß an einen
anderen Platz gestellt werden oder zu den Mitteilungen an Fräulein
Antonie Hochberg ein großer Briefbogen statt des kleinen Memorandums
verwandt werden oder die Welt durch ein ähnliches Unglück aus dem
Gleichgewicht kommen.

Wer Benno deshalb für kleinlich gehalten hätte, hätte ihm unrecht getan.

Benno war einfach einer jener Pflichtmenschen der alten Schule, die
ihrem Chef jedes Endchen Bindfaden sammeln und einen verlegten Bleistift
lieber aus der eigenen Tasche ersetzen, ehe sie einen neuen fordern.
Pflichtmenschen, die das ganze Jahr über auf die Firma schimpfen, und
für die die Firma doch eine Art Heiligtum ist, ohne das sie nicht leben
können, und für das sie Jugend und Arbeitskraft dahingeben.

Eigentlich gab es ja überhaupt zwei Benno Stehkragen.

Der äußerliche, körperliche Benno trug einen schäbigen, braunen,
karierten Rock – der innere Benno, die Seele Bennos, trug das
herrlichste Gewand, das es gibt: sie ging splitternackt.

Der körperliche Benno war ein buckliges, übertragenes Brillenmännchen –
die Seele Bennos war ein Kind, ein harmloses Kind, das sich über Dinge
wundern konnte, die jedem Erwachsenen selbstverständlich erschienen, und
andererseits Dinge begriff, für die die Erwachsenen längst das
Begriffsvermögen im Lebensgedränge verloren haben; ein Kind, das lieben
konnte, grenzenlos, unenttäuscht, wie es nur Kindern gegeben ist.

Nein, Heldentaten vollbrachte Benno Stehkragen nicht.

Sein Dasein spielte sich in gar engen Grenzen ab, und wenn er an den
billigen Volkstagen den Zoologischen Garten besuchte, dachte er sich
jedesmal: Is nicht das ganze Leben ein Zoologischer Garten? Die Löwen
sind eingesperrt, und die Flöh’ hüpfen frei ’erum.

Und sah er bei der Fütterung der Tiere zu, so lächelte er: Eben kriegen
se ihren Gehalt!

Und er sann weiter: Das Couponbureau ist mein Käfig. Und der Wittmann is
mein Wärter. Wenn ich nur emal das Schildchen an dem Käfig gucken
könnt’, wie ich auf lateinisch heiß’, und ob ich eigentlich ’n Löwe bin
oder ’n Aff’?

Klein, klein war Bennos Käfig.

Aber Benno besaß den Schlüssel zu einem Luftschloß, schöner als alle
Paläste dieser Welt, zu einem Schloß, in dessen unermeßlichen Gärten die
Blumen das ganze Jahr blühen, und dieser Schlüssel war das goldene
Wörtchen: _Wenn_.

_Wenn_ ich der Kaiser von China wär’, dachte Benno Stehkragen und malte
sich aus, was er alsdann tun würde. Es gibt weder in der Geschichte
Chinas noch in der Geschichte eines anderen Volkes so übermenschliche
Heldentaten, wie sie Benno der Erste, Kaiser von China, vollbrachte.
Sein Volk verhimmelte ihn, und als er starb, gab es in ganz China kein
trockenes Taschentuch. Zehntausend Jungfrauen, gekleidet in weiße Seide,
den Meter zu zehn Mark fünfzig, folgten seinem Leichenzug, und sein
Leibelefant legte sich auf sein Grab und nahm keine Nahrung mehr, bis er
verendete. Und der Oberpriester des Konfutse hielt eine Leichenrede,
eine Leichenrede – geplatzt wär’ der Wittmann, wenn er sie gehört
hätt’!

Oder er dachte: _Wenn_ ich jetzt einen Onkel in Amerika hätt’ – und er
wär’ neunzig Jahre alt – und er hätt’ sich zehn Milliarden Dollars
Erspartes von seinem Gehalt zurückgelegt – und es tät’ ihn der Schlag
treffen – und ich wär’ sein Universalerbe – dann ...

Und Benno baute von den ersparten zehn Milliarden Dollars ein
Luftschloß, geräumiger als sämtliche Wolkenkratzer Neuyorks und
Chikagos.

Und in allen Räumlichkeiten wohnten glückliche, zufriedene Menschen, und
der Liftboy hätte mit keinem Vanderbilt getauscht.

Denn dies war das Übereinstimmende an fast allen Phantasien Bennos: sie
liefen darauf hinaus, die Menschen glücklich zu machen. Sie begannen
schier alle mit dem kleinen Bächlein Benno und mündeten in das große
Meer Menschheit.

Er schwelgte in einer Utopie von Menschheitsbeglückung.

Aber das goldene Schlüsselchen »Wenn« öffnete ihm nicht nur die Portale
der Zukunft, es erschloß ihm auch die Pforten der Vergangenheit.

Und er träumte: _Wenn_ ich jetzt der Bürgermeister von Gomorrha wär’ –
und es fing’ an, Schwefel zu regnen – und Pech zu schneien – und
Phosphor zu hageln – und ich hätt’ keinen Regenschirm bei mir – und
die Feuerwehrspritz’ wär’ gerad’ kaputt – dann ...

Oder: _Wenn_ ich jetzt der Columbus wär’ – und ich wär auf’m Meer mit
mei’m Dampfschiff fehlgegangen – und ich käm’ plötzlich an ein Festland
– und da tät’ ein Wegweiser stehen mit der Aufschrift »Amerika« – und
es tät’ der Häuptling aus’m Kaktusstrauch hervorbrechen – und tät’
sagen, auf indianerisch: »Schlecht sehen Se aus, Herr Columbus« –
dann ...

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft umfaßten Bennos Träume.

Im ganzen schönen Frankfurter Palmengarten wachsen keine so herrliche
Blumen, wie sie unter Bennos Wuschelhaar gediehen, und im Musikpavillon
bringt selbst der treffliche Kapellmeister Kämpfert keine so köstlichen
Harmonien hervor, wie sie in Bennos Gedankengängen sproßten.

Denn in diesen Träumen sangen die Engel, bliesen die pausbäckigen
Posaunenchöre des Himmels, und in der Mitte stand Benno Stehkragen als
Musikdirektor, mit einem großen Tintenbleistift als Dirigentenstab, und
nur von Zeit zu Zeit klopfte er ab: »’n Augenblick! Bitte, ’n
Augenblick! Ich muß nur mein’ Taktstock neu spitzen!«



Ich habe geschildert, was Benno Stehkragen erblickte, wenn er von seinem
Drehstuhl nach rechts, nach links schaute. Aber der Mensch schaut nicht
nur seitwärts, er sieht auch geradeaus, und besonders Benno liebte es,
geradeaus zu blicken. Im Leben allgemein, und von seinem Drehstuhl im
besonderen. Denn ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Pultes saß
etwas recht Sehenswertes: das blondköpfige Fräulein Böhle.

Vor zwei Jahren etwa war Fräulein Böhle in die Industriebank
eingetreten, direkt von der Handelsschule. Sie hatte sich in der
Direktion mit einem schmeichelhaften Empfehlungsschreiben, ausgestellt
von einem auswärtigen Geschäftsfreunde des Hauses, eingefunden. Aber ein
besseres Empfehlungsschreiben war ihr frisches Wesen, ihre lebhafte
Schlankheit, ihre vergnügte Sicherheit in Worten und Auftreten.

Das hübsche Mädchen redete mit dem gestrengen Direktor Hermann in einer
drolligen Natürlichkeit und Ungezwungenheit, als spräche sie mit einem
Gleichgestellten, und nicht mit dem Mann, bei dessen Erscheinen in den
Bureaus auf allen Gesichtern eine Art Leichenstarre eintrat.

Und gerade diese Tapferkeit hatte dem Direktor gefallen.

»Sie haben zwar noch nicht praktisch in einem Geschäft gearbeitet,
sondern nur die Handelsschule besucht, auf die ich nicht viel Wert lege,
aber wir könnten’s ja mal probieren. Meinen Sie nicht, Kollege Birron?«

Und der zitterige Direktor Birron, der stets meinte, was Hermann meinte,
nickte mit dem Glatzkopf und sagte: »Schon recht.«

Er wußte gar nicht, um was es sich handelte.

»Wieviel Salär beanspruchen Sie?« frug Direktor Hermann das Fräulein,
das inzwischen die Zimmereinrichtung neugierig betrachtet hatte.

Fräulein Böhle war auf diese Frage nicht gefaßt gewesen, sie hatte
überhaupt nicht geglaubt, so schnell angestellt zu werden.

Aber sie hatte fix überlegt: »Achtzig Mark, Herr Direktor!«

Hermann lächelte. »Sie schätzen sich sehr hoch ein, Fräulein! Ich meine,
sechzig Mark genügten für den Anfang. Denken Sie nicht auch, Kollege
Birron?«

Direktor Birron, der gerade angefangen hatte, Briefe zu unterschreiben,
hob zerstreut den Kopf und murmelte: »Was stören Se mich fortwährend? Es
wird schon recht sein!«

»Nun, Fräulein?« frug Hermann.

Martha Böhle zuckte schnippisch die Achseln. »Für siebzig Mark bleibe
ich.«

Direktor Hermann lachte amüsiert. »Wenn ich Sie Ihrem Mundwerk nach
bezahlen müßte, wären Sie unbezahlbar. Also meinetwegen siebzig. Und
wann können Sie eintreten?«

»Sofort,« antwortete Martha schnell.

»Also nächsten Montag!« verbesserte der Direktor sie. Und plötzlich
wieder streng geschäftlich werdend, sagte er kühl: »Sie werden den
Kontrakt schriftlich erhalten. Geben Sie Ihre Adresse unten in der
Korrespondenz an! Zimmer neunzehn! Daß Damen nicht in die
Pensionsanstalt der Bank aufgenommen werden, dürfte Ihnen bekannt sein.
Melden Sie sich Montag früh acht Uhr im Wechselbureau!«

Damit war sie entlassen.

»Adjö, Herr Direktor,« sagte sie. Und zu Direktor Birron gewendet,
nochmals: »Adjö!«

Birron murmelte, ohne von seiner Beschäftigung aufzublicken: »Es wird
schon recht sein, Herr Kollege! Meinetwegen!«

Als Martha die Treppe hinunterging, begegnete ihr Wittmann. Er wollte
gerade ins Effektenbureau hinüber. Man hatte ihm von dort einen
verkehrten Coupon geschickt, da gab es etwas zu schimpfen, und das
besorgte er gern selbst.

»Bitte sehr,« sagte er galant, nachdem er beim Anblick Marthas die Weste
selbstgefällig zurechtgezupft hatte, und schmiegte sich schmal an die
Wand, um sie bequemer vorbeigehen zu lassen.

Sie nickte ihm flüchtig Dank und ging weiter.

»Donnerkiel!« schmunzelte Wittmann, ihr nachblickend. »Die Figur is
nicht von schlechten Eltern! Wer mag denn das gewesen sein?«

Er eilte nach dem Effektenbureau, blieb aber unterwegs stehen, machte
kehrt und lief nach der Portierloge.

»Sie, Binder,« frug er den Portier, »was war denn das für eine, die da
eben ’raus ging? Die Blonde, Schlanke?«

Der Portier legte die Zeitung weg und erwiderte uninteressiert: »Ich
waaß net! Beim Alte war se! Drowwe in der Direxio’!«

Wittmann grinste. »Direktor Hermann hat kein schlechtes Geschmäckchen!«

Er blickte den Portier, weitere Auskunft erwartend, an. Allein der alte
Binder hatte keine Lust zu zweideutigen Gesprächen.

Überdies konnte er Wittmann nicht leiden, über dessen herrisches
Auftreten er manches Unliebsame gehört hatte. Von seinem Sohn, der im
Kontokorrent beschäftigt war. Er begnügte sich daher, mißbilligend zu
bemerken: »Herr Wittmann, Se könne aach net alles verantworte, was Se de
Dag iwwer zesammeschwätze!«

Und da gerade das Haustelephon klingelte, wandte er sich der
Umschalttafel mit den Dutzenden von Stechkontakten zu, um die
gewünschte Verbindung herzustellen.

Am Montag früh stellte sich Martha pünktlich in der Industriebank ein.

Sie trug ein einfaches Kleid, schwarzen Rock, helle, schmucklose Bluse.
Ihr reiches blondes Haar lag, in Zöpfe gebändigt, wie ein großes
goldenes Schneckenhaus auf dem Hinterkopf, bildete vorne einen koketten
Scheitel, aus dem eine vorwitzige Locke über die Stirne schaute, als
suche sie »ehrbare Annäherung« an die lustigen Augen.

»Guten Morgen,« begrüßte sie den Portier.

»Gu’n Morsche!« sagte Binder. »Sein Sie des neue Fräulein?«

»Tjawoll! Martha Böhle!«

»War’n Se schon in annerne Geschäfter, odder is des Ihr erste Schdell?«
ließ sich Binder in ein Gespräch ein. Und das war eine große
Gunstbezeigung.

»Das ist mein Debüt,« antwortete Martha amüsiert.

»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe’stall komme! Se wer’n Aage
mache! Also gehn Se enuff in de erste Stock, Zimmer dreiunzwanzig! Un
viel Glück!«

Binder hatte schon eine große Arbeit hinter sich: das Sortieren der
eingetroffenen Post. Natürlich durfte er die Briefe nicht öffnen, aber
er hatte die Privatbriefe an das Personal herauszusuchen, die er dann
den Empfängern beim Passieren der Portierloge überreichte.

Es gab da Privatbriefe jeden Formats, auch parfümierte kleine Briefchen,
deren Inhalt leicht erratbar war, Ansichtskarten mit verliebten Bildern
und – wie sich Binder beim Lesen überzeugte – ebenso verliebten
Mitteilungen, Kuverts mit Firmenaufdruck, die auf unbezahlte Rechnungen
schließen ließen – o, Binder war eine Art Vertrauensperson für alle
Angestellten. Mancher kleine Roman hatte sich vor seinen Augen
abgespielt, manche Katastrophe hatte er ahnend miterlebt.

Da war zum Beispiel der »schöne Adolf« vom zweiten Kassenschalter
gewesen, der eine Zeitlang jeden Morgen ein blaues und ein rotes
Brieflein – »mit ere Kron’ druff« – bekommen hatte. Bis eines Tags die
roten Brieflein ausblieben und sich statt dessen in längeren
Zwischenpausen Kuverts mit dem Aufdruck »Kgl. Amtsgericht« einstellten.
Damals hatte der »schöne Adolf« den alten Binder instruiert: »Wenn mich
eine Dame am Telephon verlangt, sagen Sie, ich bin in Urlaub.« Und dann
war eine dicke, keineswegs hübsche Madam’ in der Industriebank
erschienen und hatte in der Schalterhalle einen derartigen Lärm
geschlagen, daß das ganze Haus alarmiert wurde. Und der »schöne Adolf«
wurde in die Direktion gerufen und ging nun _wirklich_ in Urlaub, aber
gleich für immer.

Der alte Binder, der seine Portierloge durch das Haustelephon mit dem
Privatzimmer der Direktoren verbunden hatte, hatte deutlich den Direktor
Hermann sagen hören: »Nur aus Rücksicht auf Ihre arme Frau und Ihre
bedauernswerten Kinder sehen wir von einer Anzeige bei der
Staatsanwaltschaft ab!«

Eine Viertelstunde später war der »schöne Adolf« an der Portierloge
vorbeigekommen, sorglos sein Spazierstöckchen schwingend, und hatte
gerufen: »Adiö, Binder! Ich hab’ gekündigt!«

Und der alte, erfahrene Torhüter hatte gedacht: So e Lump! So e ganz
gemei’ Dreckviech! Pfui Deiwel!

Aber als ihn am nächsten Tag die neugierigen Beamten frugen, was denn
eigentlich mit dem »schönen Adolf« sei, und was das für eine
geräuschvolle Dame gewesen sei, antwortete er nur: »Waaß ich’s?
Gekindigt hat er halt!«

Martha ging in das Wechselbureau und stellte sich dem Bureauchef
Rittershaus vor. Das war ein verrunzelter, knöcherner Zahlenmensch, der
sich langsam auf diesen Posten emporgearbeitet hatte, und dem im Laufe
der Dienstjahre das bißchen Verstand und Daseinsinteresse eingetrocknet
waren.

Die eigentliche Herrschaft im Wechselbureau führte denn auch nicht er,
sondern der dicke Rehle, der Inhaber des Schalterplatzes. Ein
gemütlicher Epikureer, beliebt im ganzen Hause ob seiner ewig guten
Laune.

Drei Leidenschaften besaß Rehle: gut essen, gut trinken und gut
schnupfen. Und wegen dieser dritten Leidenschaft führte er seit nun bald
dreißig Jahren mit seiner lieben Alten, die die verschnupften
Taschentücher waschen mußte, einen humorreichen häuslichen Krieg.

Gnädig und kalauergesegnet führte Rehle sein Zepter, ein kleiner
Schlaraffenkönig. Mit den Damen des Hauses stand er auf einem
gemütlichen Papafuß und durfte sich manchen Scherz erlauben, den sie
sich von anderer Seite ernstlich verbeten hätten. Nur wenn er,
unbekümmert um die anwesende Weiblichkeit, gar zu derbfrankfurterische
Stammtischwitze zum besten gab, entstand ein kleiner Aufruhr, so daß
sich der Bureauchef Rittershaus auf seine Amtswürde besann und in den
Raum krähte:

»Ruhe!! Während der Arbeit darf nicht geschwätzt werden!«

Worauf Rehle regelmäßig mit lauter Stimme zu rezitieren anhub: »Und es
entstand eine große Stille im ganzen Lande, und jegliches Volk lauschte
den Worten des erhabenen Königs!«

Dann warf ihm Rittershaus einen bösartigen Blick zu. Aber er sagte
nichts, denn Rehle hatte ebensoviele Dienstjahre auf dem Rücken wie er
selbst und war »oben« gut angeschrieben.

Natürlich wußte der dicke Rehle ebensogut wie der alte Binder, daß ein
neues Fräulein engagiert war, und er wußte auch bereits, daß sie eine
appetitliche Blondine sei.

Aber so hübsch hatte er sie sich nicht vorgestellt.

Er bemerkte daher bei Marthas Eintritt beifällig: »Da hawwe se endlich
emal in der Direxio’ en gescheite Gedanke gehabbt, daß se so ebbes
Hibsches angaschiert hawwe!«

»Oho!« protestierten die anderen Beamtinnen, »sind wir vielleicht
_nicht_ hübsch?«

»Ruhe im Schdaate Dennemark,« begütigte Rehle die Wortführerin. »Du
waaßt doch, ich habb’ derr ewige Treu geschworn, von morjens Acht bis
abends Sechse mit zwei Schdund Mittagspaus’!«

Er duzte grundsätzlich jedermann.

Martha wunderte sich keineswegs über den Ton, der im Wechselbureau
herrschte. Sie fand sich mit ihrem unbefangenen Sanguinismus in alle
Lebensverhältnisse, griff überall gleich den rechten Ton.

Wo hatte das junge Mädel nur diese Gewandtheit, diese instinktive
Menschenkenntnis her?

Nachdem sie ihren näheren Arbeitsgenossen vorgestellt worden war, begann
unter der Führung Rittershausens ein Rundgang durch sämtliche Bureaus,
bis dicht unter das Dach, wo die Buchhalter der Revisionsabteilung
saßen, deren Arbeitszimmer mehr einer Frühstücksstube glich als einem
Bureau. Denn dort oben hinauf verirrte sich selten ein Aufsichtsorgan.

Hunderte von Namen glitten an Marthas Ohr vorüber, hundert Male nickte
sie freundlich mit dem Kopf oder gab ein paar gleichgültige Antworten
auf gleichgültige Fragen.

Und immerfort krähte Rittershausens monotone Stimme:

»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Soundso! Fräulein Böhle,
unsere neue Kollegin – Fräulein Soundso!...«

In etlichen Bureaus wurden von den Herren renommierend die
Sonntagserlebnisse erzählt, in anderen gab es schon am frühen Morgen
Streit um nichtige Angelegenheiten. In jenen Räumen, die unmittelbar mit
dem Posteinlauf zu tun hatten, herrschte schon rege Betriebsamkeit.

»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Soundso!« Herrgott, nahm
das denn gar kein Ende! Von Tür zu Tür ging es, treppauf, treppab. Auf
den Stufen gingen zuweilen Beamtinnen an ihnen vorüber, die Briefe oder
Notizzettel in andere Bureaus trugen. Es war eine stillschweigende
Übereinkunft zwischen dem männlichen Personal, daß alle untergeordneten
Arbeiten, die in anderen Betrieben von den Lehrlingen verrichtet zu
werden pflegen, den Damen aufgehalst wurden.

Da Martha hübsch und offenen Blickes war, schwirrten bald galante, bald
neidisch-hämische Glossen hinter ihr her.

»Alle Hochachtung, ’n niedliches Tierchen!«

»Scheint auch mehr Prinzessin als Arbeitskraft zu sein!«

»Fesch, tipp-topper Kerl!«

»Für ’ne Neue dürfte sie sich schon ein bißchen weniger selbstbewußt
aufführen!«

»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Wittmann!«

Wittmann machte eine leichte Verbeugung. »Wir haben uns schon vorige
Woche auf der Galatreppe gesehen, wenn ich nicht irre? Ich hielt Sie
allerdings damals für ’ne Gräfin oder so was! Weil Sie so würdevoll an
mir vorbeirauschten! Na, auf gute Kollegenschaft!«

Es sollte kameradschaftlich klingen, aber Martha hörte die unleugbare
Arroganz heraus und ergriff nur zögernd die dargebotene Hand.

»Schade, daß Sie nicht in _meinem_ Bureau sind!« flüsterte Wittmann
dabei.

Und weiter ging’s, von Pult zu Pult.

»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Benno Stehkragen!«

Martha lächelte, und Benno fühlte, daß dieses Lächeln seinem kuriosen
Namen galt.

»Ich _heiße_ Stehkragen,« sagte Benno, »und ich _bin_ e Stehkragen. Ein
Stehkragen, der in dieser schmutzigen Welt manchen Dreckfleck bekommen
hat. Aber wenn ich emal tot bin – und ich komm in den Himmel – zu den
Engeln und dem anderen Geflügel – dann wird der Stehkragen gewaschen,
in purem Wolkenwasser – und geplättet und gestärkt – und vielleicht
setzt der liebe Gott mich als Sternbild an den Himmel – und die
Astronomen melden: Ein neues Sternbild entdeckt – in Form eines
Stehkragens! Aber irgendwo is _doch_ e winziges Schmutzfleckchen
stehengeblieben – vielleicht taugt die himmlische Soda gradsowenig wie
die irdische – und e junger Gelehrter guckt das Fleckchen durch sein
Fernrohr – und hält’s für en Kanal oder ’n erloschenen Krater – und
schreibt en Buch drüber – und wird dafür Professor der Astronomie! Und
so is der bucklige Benno Stehkragen _doch_ zu ebbes gut gewesen auf der
Welt!«

Er schwieg.

So eine lange Rede hatte der schweigsame Benno Stehkragen noch nie
gehalten.

Die Kollegen schauten verwundert auf, Wittmann grinste geringschätzig,
und Martha blickte den sonderbaren Sprecher groß an.

»Ich habe keineswegs über Ihren Namen gelächelt,« sprach sie und log
gutmütig, »wirklich nicht!«

Aber Benno hatte sich schon wieder über seine Arbeit gebeugt und hörte
gar nicht mehr hin. Er bereute auch schon, so viel gesprochen zu haben.
Unerklärliches hatte ihn dazu gezwungen. Er wollte in den Augen dieses
Mädchens nicht lächerlich erscheinen und hatte nun das bittere Gefühl,
sich doppelt lächerlich gemacht zu haben.

Sicherlich hat se kein Wort von dem verstanden, was ich ausdrücken
wollt’, dachte er.

Aber eine heimliche Stimme sagte ihm: Se hat’s _doch_ verstanden. Sie is
so schön und se _muß_ ein gutes Gemüt haben!

Nachdem sie in das Wechselbureau zurückgekehrt waren, teilte Rittershaus
Martha ihre Arbeit zu. Sie hatte die einlaufenden Wechsel in ein großes
Buch einzutragen und mit dem Gummistempel »Industriebank« zu versehen,
in dessen Mitte die laufende Nummer des Wechselbuchs zu schreiben war.

Dabei mußte sie prüfen, ob die Wechsel richtig ausgestellt waren, ob sie
die vorgeschriebene Stempelmarke trugen, und ob die Girierungen
stimmten.

Ferner hatte sie das Kopierbuch zu registrieren, die Kopien der am
vorigen Tage abgegangenen Fakturen nachzurechnen.

»Zur Übung!« hatte Rittershaus gesagt.

»Damit de die Schlafkrankheit kriehst!« hatte der dicke Rehle sie
belehrt.

Zwischendurch gab es kleine Gänge in die anderen Bureaus, Anfragen,
Antworten, Schriftstücke zu holen und zu bringen.

Um elf Uhr verließ Rittershaus das Bureau, um an die Börse zu gehen, und
das war das Zeichen, die Arbeit einzustellen und eine allgemeine
Plauderstunde zu eröffnen, bei der der dicke Rehle das große Wort
führte.

»No, was gibbt’s dann Neues, Scheckel?« wandte er sich an die
zunächstsitzende Beamtin. »Wo hat er dich denn gestern awend
hiegefiehrt? Is er brav gewese, odder hat er widder zu viel nach de
annern Mädercher geguckt?«

Rehle hatte für jede Beamtin einen Spitznamen erfunden, dessen nur er
sich bedienen durfte.

Da war die »Scheckel« (»so haaßt nemlich unser ahl’ Katz!«), da war das
»Fräulein Hipperich«, das nach seiner Erläuterung »Quecksilwer im Leib
hat, awwer ’s Wetter net aazeigt«, und die »Madamm’ Ungnädig«, eine
kleine schwarze Hexe, die einmal dem guten Papa Rehle einen scherzhaft
gemeinten, aber unvermutet kräftig ausgefallenen Backenstreich versetzt
hatte, so daß sie selbst ganz erschrocken war.

Und bald hatte auch Martha ihren Spitznamen: die »Prinzessin von
Kopierbuchshausen«.

Merkwürdig: Wittmann hatte sie Gräfin tituliert, Rehle erhob sie gar zur
Prinzessin.

Und doch war es nur ihre lachende Jugend, die sie mit einem Glanz von
Hoheit umgab und jeden für sie einnahm, der mit ihr sprach, vom
gestrengen Direktor Hermann bis hinab zum alten unbestechlichen Binder
und dem stets übersehenen Benno Stehkragen.

Nachmittags erwartete Martha die gleiche eintönige Arbeit. Erst als
Rittershaus bemerkt hatte, daß sie eine flotte, gutleserliche
Handschrift hatte, ließ er sie gelegentlich auch Fakturen schreiben.
Aber das war nicht viel interessanter.

Martha war beliebt bei den Kollegen. Das hinderte jedoch keineswegs, daß
sich alsbald der Bankklatsch mit ihrer Person und ihren
Privatangelegenheiten beschäftigte.

Denn der Klatsch ist eine Giftpflanze, die in jedem Klima und auf jedem
Boden gedeiht.

Man hatte herausgebracht, daß sie die Tochter solider Kleinkaufleute aus
Hannover war.

Weshalb betätigte sie sich nicht im Geschäft ihrer Eltern? Weshalb ging
sie unter fremde Leute, in eine fremde Stadt? Da mußte etwas
dahinterstecken.

Und bald löste sich der Klatsch auf seine Art das Rätsel. Natürlich war
es ein _weibliches_ Gehirn, dem die Fabel entstammte, die allgemeinen
Glauben fand: Martha hatte ein uneheliches Kind und sich deshalb mit
ihrer Familie überworfen.

Bis diese Neuigkeit aus den Parterreräumlichkeiten hinauf in das
Dachgeschoß gestiegen war, hatte sich die Fabel bereits zu einem Roman
ausgewachsen: Das Kind, ein Junge, stammte von einem Grafen, und das
dumme Ding hatte sich eingebildet, der Graf würde sie heiraten.

Andere wußten es wieder besser: Das Kind, ein Mädchen, stammte von einem
Metzgermeister, aber der konnte sie nicht heiraten, denn er war bereits
verheiratet und hatte vierzehn Kinder.

Schließlich behauptete sich siegreich die Wendung: Es waren überhaupt
Zwillinge, und der eine war kurz nach der Geburt gestorben.

Die Vaterschaft wechselte, das Kind blieb.

Auch zu Benno Stehkragen war diese Verleumdung gedrungen. »Wisse Se ’s
schonn: die Böhle hat e ledig Kind?«

»Von mir aus,« hatte Benno achselzuckend erwidert.

Und hatte sich heimlich gedacht: E Glück, daß ich kein Weib bin! Mir
täten se e ganzes Säuglingsheim andichten!

Damit war die Angelegenheit äußerlich für ihn erledigt.

Innerlich freilich beschäftigte sie ihn noch lange. Wäre es möglich, daß
ein so lachendes Geschöpf, dem der Frohsinn jauchzend von den Lippen
sprang, so Schweres erlebt hätte?

Denn eine Entbindung, das mußte etwas ganz Schreckliches sein. Benno war
wirklich froh, daß er kein Weib war.

Und von dem Geliebten verlassen werden – – nein, sagte sich Benno, wem
so was passiert, der kann sein ganzes Leben nicht mehr lachen.

Und gar aus der Familie ausgestoßen zu sein – das war für seinen in
jüdischen Traditionen erzogenen Sinn der schrecklichste der Schrecken,
ein Unglück, dem kein zweites glich.

Nein, nein, das alles war gemeiner Klatsch, Neid, Bosheit! Pfui über die
schlechten Menschen!

Und doch: Es kamen im Leben so seltsame Sachen vor, Dinge, die man sich
gar nicht erklären konnte, und die dennoch Wirklichkeit waren ... Ach,
wenn man ihm die dumme Geschichte doch gar nicht erzählt hätte!

Als Benno Stehkragen sich dermaßen den Wuschelkopf zerbrach, war Martha
bereits nicht mehr im Wechselbureau beschäftigt.

Es war zwischen ihr und Rittershaus zu einem Krach gekommen. Rittershaus
hatte sie, die er ihrer Lebhaftigkeit wegen nicht leiden konnte,
angeschrien, Martha hatte ihm eine zwar zutreffende, aber reichlich
kecke Antwort gegeben, und das Ende vom Lied war, daß Rittershaus, vor
Wut an allen Gliedern zitternd, in die Direktion lief, um die Entlassung
»dieser Person« zu verlangen.

»Des hast de gut gemacht!« ermunterte Rehle, indessen Martha die Tränen
in den Augen standen. »Endlich hat er’s doch emol zu heern krieht, was
er for e Dreckspatz is!«

Und zu den übrigen Beamtinnen gewandt: »Nemmt euch e Beispiel draa! Aach
du, Madamm Ungnädig! Des is gescheiter, als ehrwerdige Familjevätter uff
de Backe zu haage!«

Fünf Minuten später saß Rittershaus triumphierend wieder auf seinem
Platz, und Martha wurde in die Direktion befohlen.

Direktor Hermann empfing sie sehr ungnädig.

»Wie können Sie sich unterstehen, einem alten verdienten Beamten eine
solche Antwort zu geben! Sie sind wohl nicht recht bei Troste?«

Martha blickte ihm gerade ins Gesicht. Ihre Tränen waren versiegt. Sie
war völlig mit sich im reinen und sagte mit ruhiger Stimme, mehr um den
Fall aufzuklären als zu ihrer Verteidigung: »Er hat mich in einem Ton
angeschrien, den ich nicht gewöhnt bin! So schreit man keine Dame an!«

»Wir _haben_ hier keine Damen, sondern nur Beamtinnen!« erklärte Hermann
schroff. »Merken Sie sich das gefälligst! Sie werden Herrn Rittershaus
um Entschuldigung bitten.«

»Nein!« rief Martha lebhaft, »das werde ich _nicht_ tun!«

Der Direktor zerbiß seinen Schnurrbart. Es war schwer zu entscheiden,
geschah es, um seinen Ärger oder um eine aufkeimende Vergnügtheit zu
verbergen? Er erhob sich jäh und kreuzte in langsamen Schritten das
Zimmer.

»Wir pflegen Disziplinlosigkeit unbarmherzig mit Entlassung zu
beantworten,« sprach er heftig. »Unbarmherzig! Verstehen Sie, Fräulein
Böhle? Unter keinen Umständen lassen wir so was einreißen! Unter keinen
Umständen!«

Er wandte sich nach Martha und schien eine Einwendung zu erwarten.

Martha stand mit trotzig aufgeworfenen Lippen da. Ihre Augen funkelten,
aber sie antwortete nichts.

Hermann setzte seine Wanderung durch das Zimmer fort, blieb am Fenster
stehen, schob die Gardine zurück, sah auf die Straße hinunter und sagte
nach einer Weile, mehr zur Fensterscheibe als zu Martha: »Aber diesmal
wollen wir in Anbetracht Ihrer Unerfahrenheit eine Ausnahme machen. Aber
nur dieses eine Mal!«

Und plötzlich drehte er sich um, ging auf Martha zu und sprach mit
beinahe väterlichem Wohlwollen: »Sie müssen sich nicht gleich so
aufregen, Kindchen! Meinungsverschiedenheiten gibt es überall auf der
Welt! Auch hier in der Bank! Ausgenommen natürlich in der Direktion!«

Dabei streifte sein Blick mit leisem Lächeln die Glatze des Direktors
Birron, der in das Kursblatt vertieft dasaß und überhaupt keine Notiz
davon genommen hatte, daß jemand in das Zimmer getreten war.

Als Martha immer noch nichts entgegnete, nahm er unvermittelt wieder
seinen schneidenden Geschäftston an: »Sie werden von heute mittag ab im
_Couponbureau_ arbeiten! Melden Sie sich bei Herrn Wittmann! Und jetzt
gehen Sie sofort nach Hause!«

Er setzte sich grußlos wieder an seinen Schreibtisch.

Doch als die Tür ins Schloß gefallen war, blickte er nochmals auf und
schmunzelte: »Ein famoser Racker! Meinen Sie nicht auch, Kollege
Birron?«

»Es wird schon recht sein!« brummelte es hinüber. »Ganz wie Sie wollen,
Herr Kollege!«

Martha holte ihr Jackett und ging nach Hause.

»No?« frug der alte Binder. »No, Fräulein Böhle? So frieh schon haam?
Hat’s was gewwe?«

Und nachdem er ohne Erregung Auskunft erhalten hatte, meinte er: »Des
hätt’ ich Ihne im voraus sage könne! E Mädche wie Ihne läßt merr net so
mir nix, dir nix fort! Also zum Wittmann komme Se? Schad’! Des dhut merr
laad! Nemme Se Ihne in acht vor dem! Des is e Heimticker! Unner uns
Parrersdöchter gesacht!«



»Na, sehen Se,« begrüßte Wittmann am Mittag Fräulein Böhle. »Na, sehen
Se: Schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande! Die Götter haben
mein Flehen erhört.«

Ganz wie damals, als Rittershaus vorgestellt hatte: »Fräulein Böhle,
unsere neue Kollegin – Herr Wittmann,« machte er eine leichte
Verbeugung und streckte ihr die Hand hin:

»Auf gute Kollegenschaft, Fräulein!«

Und diesmal ergriff Martha herzhaft die dargebotene Hand und lächelte:

»Auf gute Kollegenschaft!«

Sie hatte in der Zwischenzeit manches gelernt und fühlte aus dem Ton
salopper Vertraulichkeit, den sich die meisten Beamten im Verkehr mit
den weiblichen Angestellten erlaubten, kaum mehr die Ungezogenheit
heraus.

Wittmann sah sich im Bureau um. »Wohin plazieren wir Sie denn? Dahinten,
gegenüber von Herrn Stehkragen, is noch ’n Sitz frei. Also nehmen Se
Platz, und schmücken Se unser Heim!«

Und so kam es, daß Benno Stehkragen, wenn er von seinem Drehstuhl nicht
nach rechts, nicht nach links, sondern geradeaus schaute, das höchst
sehenswerte Fräulein Böhle erblickte.

Und er guckte jetzt öfter von seiner Arbeit auf, als es sonst seine
Gewohnheit gewesen war, und seine beweglichen dunklen Augen nahmen dabei
einen ruhigen, beschaulichen Blick an.

Etwa so, als betrachte ein Kunstfreund aufmerksam ein seltenes
Meisterwerk, das immer neue Wunder offenbarte.

Das erstemal am Tag schaute Benno Stehkragen des Morgens, wenige Minuten
nach acht Uhr, empor, wenn Martha sich niedersetzte.

»Guten Morgen, Herr Stehkragen!« sagte sie dann, indem sie die
Schreibärmel überstülpte.

»Guten Morgen, Fräulein Tulpe!« erwiderte Benno und erntete ein
freundliches Lächeln.

Er begrüßte sie jeden Vormittag mit einem anderen Blumennamen, und ihm
schien an jedem Tag, daß just der heute gewählte Name am besten für sie
passe.

Das zweitemal hoben sich seine altmodischen Brillengläser gegen zehn
Uhr, und dann sahen Bennos Augen zwei stattliche Schinkenbrote hinter
Marthas kerngesunden Zähnen verschwinden.

Sein Blick frug ermunternd: »Schmeckt’s?«, und ein Gegenblick antwortete
vergnügt: »Danke, ausgezeichnet!«

Und einmal phantasierte Benno vor sich hin: _Wenn_ ich jetzt das Schwein
wär’, von dem der Schinken abstammt – und ich wär’ gemästet – und ich
tät’ drei Zentner wiegen, Gott behüt’ – und es käm’ der Metzger – und
tät’ sagen: »Benno Schwein,« tät’ er sagen – »du mußt jetzt sterben! –
Denn da ist ein reizender Gaumen – ein Gaumen von einer Königin – und
die Königin muß notwendig zwei Schinkenbrote essen – sonst kann se kein
Kopierbuch registrieren« – dann ...

Er brach die Phantasie jäh ab, denn der Gedanke, ein Schwein, ein
verbotenes, unreines Tier zu sein, war seinem strenggläubigen Gemüt
doch zu schreckhaft.

Das drittemal guckte Benno Stehkragen geradeaus um dreiviertel zwölf
Uhr.

Da fingen im Bureau die Vorbereitungen zur Mittagspause an. Die
Federhalter wurden beiseite gelegt, Formulare in die Fächer eingeordnet,
Schubladen, Schränke verschlossen, Hände gewaschen und gemächlich die
Arbeitsjoppen mit den Straßenröcken vertauscht.

»Es is noch nicht Zwölf, meine Herrschaften!« rief Wittmann täglich
gereizt.

Und erhielt täglich prompt die Antwort: »Ihne Ihr Uhr geht nach! Uff
_maaner_ is es schon drei Minute driwwer!«

Benno beobachtete, wie Martha die Schreibärmel herunterzog, sie glatt
strich und in der Pultschublade verwahrte.

Von Samt und Seide sollten se sein, dachte er, und nicht von schundigem
Leinen! – Und lauter rote Herzchen sollten drauf gestickt sein! – Und
ganz oben das oberste Herzchen, wo die Sicherheitsnadel durchgeht, wenn
se sich die Schreibärmel feststeckt – das wär’ dem Benno Stehkragen
sein Herz – und tät’ jeden Morgen und jeden Nachmittag sagen: »Autsch,
Se tun merr weh, Fräulein Reseda!« – Und es tät’ ein kleiner
Blutstropfen herausquellen und den Schreibärmel hinunterlaufen – wo
jetzt die schwarzen Tintenklexe hinunterlaufen – bis zuletzt der ganze
Schreibärmel rot wär’! – Und dann tät’ se ihn wegwerfen und dem
buckligen Benno Stehkragen sein Herz dazu ...

»Mahlzeit, Herr Stehkragen!« sagte Martha und wandte sich zum Gehen.

»Mahlzeit!« sagte Benno und machte sich langsam fertig.

Am Portal der Bank aber holte er sie wieder ein und lief neben ihr her,
die Kaiserstraße hinunter, vom Bahnhofsplatz bis zum Uhrtürmchen, ohne
ein Wort zu sprechen.

Wie ein Hündchen lief er neben ihr her. Und seine Gedanken liefen dabei
die konfusesten Pfade, die alle von dem Wegweiser »_Wenn_« abzweigten.

Diese Begleitung war Martha etwas lästig.

Aber sie wollte den spaßhaften Bureaugenossen nicht kränken, und so
ließ sie ihn gewähren. Bis zum Uhrtürmchen. Dort nickte sie ihm zu,
sagte »Adjö!« und stieg in die Elektrische.

Benno bog in die Promenade ein, ging durch die Große Gallusgasse, über
den Roßmarkt, nach dem koscheren Restaurant, in dem er seit Jahren zu
Mittag speiste.

Und Marthas »Adjö« begleitete ihn auf seinem Weg und leuchtete ihm
voraus wie der Stern den heiligen drei Königen.

Dieses »Adjö« schwamm als Markklößchen in der Suppe, kicherte ihn an aus
den Preißelbeeren und lachte ihm als Rosine aus dem Schalet entgegen.

Und die kleinen Bläschen, die im Selterswasser aufstiegen, das waren
lauter kleine, goldhelle »Adjös«, und die Serviette, mit der er sich zum
Schluß den Mund abwischte, das war einer von ihren Schreibärmeln, und
der Mundwischer war ein scheuer, andächtiger Kuß.

Benno Stehkragen erwachte erst erschrocken aus seinen Träumen, wenn der
Oberkellner, der stoppelbärtige Josef, der ebenso zum Inventar des
koscheren Restaurants gehörte wie Benno zum Inventar der Industriebank,
unaufgefordert an seinen Tisch trat und diskret frug: »Hawwe Se net
gerufe, Herr Stehkrage’? Unn ich wollt’ Ihne aach sage, Ihne Ihr
Abonnementskaart is abgelaafe! Ich habb’ Ihne gleich e neu’
ausgestellt!«

Er überreichte auch sofort die neue Abonnementskarte, indem er dabei mit
der Serviette wedelte wie eine fliegengeplagte Kuh mit dem Schwanz und
wußte: Jetzt gab es eine Mark Trinkgeld.

Das war die seit vielen Jahren zwischen ihm und diesem Stammgast übliche
Taxe, die als Trinkgeld ausreichte für die zwölf Mahlzeiten, über die
die Karte lautete.

Hätte ihm Benno einmal versehentlich nur neunzig Pfennig gegeben, so
würde der stoppelbärtige Josef mit ruhigem Gewissen gesagt haben: »Se
hawwe Ihne geerrt, Herr Stehkrage’!«

Und hätte ihm Benno _mehr_ gegeben, so würde er den Betrag zwar
eingesteckt, aber dabei sich gedacht haben: Er is meschugge wor’n! No
ja, _halb_ war er’s schonn immer!

Zum vierten Male sah Benno nach Martha mittags um ein Viertel über Zwei.

Dann erst traf sie im Bureau ein, wie es denn überhaupt die Angestellten
nachmittags mit der Pünktlichkeit nicht allzu genau nahmen.

Denn um zwei Uhr waren die meisten Bureauchefs und Prokuristen, die die
Börse besuchten, noch beim Mittagessen. Die Junggesellen unter ihnen
leisteten sich sogar noch ein Verdauungsviertelstündchen im Kaffeehaus.

Die Nachmittagsunpünktlichkeit und die darauffolgende halbe Stunde süßen
Nichtstuns, das sich freilich unter dem Schein eifrigster Arbeit
verbarg, war übrigens den Beamten wohl zu gönnen. Denn gegen dreiviertel
drei Uhr trafen die Ausgeher mit den Auftragsbüchern, Notizheften,
Telegrammen von der Börse ein und brachten eine Unmenge Arbeitsstoff,
der unter allen Umständen bis sechs Uhr abends bewältigt sein mußte.

Von Bureau zu Bureau wanderten diese Auftragsbücher und Notizhefte –
jedes wollte sie zuerst haben – jedes fand, daß man sie in den anderen
Bureaus über Gebühr lang zurückhielt. Streit und Schimpfen begannen als
würdige Einleitung zu der Arbeitshetze, die nun alltäglich einsetzte.

Da gab es Stöße von Fakturen auszuschreiben, zu berechnen,
nachzurechnen, Wertpapiere aus den Schränken und Gewölben zu entnehmen,
vielseitige Nummerverzeichnisse anzufertigen, Couponbogen und Coupons
auf ihre Richtigkeit zu prüfen, Wechsel zu girieren, endlose Einträge in
dicke Bücher vorzunehmen, Briefe, Briefe, Briefe zu schreiben.

Da gab es Dutzende von Unklarheiten, Mißverständnissen, Fehlern, ewig
wiederkehrenden Dummheiten.

Telephone und Haustelephone läuteten ununterbrochen, gellende
Klingelzeichen riefen Angestellte in die Direktion und zu den
Prokuristen, Türen wurden heftig zugeschlagen.

Jedermann befand sich in gereizter, überhitzter, aggressiver Stimmung,
die sich bei der geringsten Kleinigkeit in Grobheiten und Wutausbrüchen
entlud.

»Zum Donnerwetter, was legen Sie da für einen Wisch auf meinen Platz?«

»Das ist nicht _meine_ Arbeit! Das geht mich gar nichts an!«

»Fragen Sie nicht so albern! Woher soll _ich_ das wissen?«

»Es gibt doch nichts Dümmeres auf der Welt als ein Weib! Wenn wir nur
keine Weiber mehr im Geschäft hätten!«

»Sie sehen doch, daß ich jetzt keine Zeit hab’! Scheren Sie sich zum
Kuckuck!«

»Ach was, beschweren Sie sich bei der Direktion, wenn’s Ihnen nicht
paßt!«

Mitunter wurden sogar Ohrfeigen angeboten, und manchmal kam es um ein
Haar zu Tätlichkeiten.

Nur _ein_ Beamter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, das war der
dicke Rehle. Rauchend und schnupfend behauptete er seinen Schalterplatz
im Wechselbureau, mit unerschütterlichem Humor gefeit gegen alle
Anstürme.

»Fräulein Scheckel, komm emal ’ebei! Schleich dich emal zu merr, mei
Herzche! Was hast de dann da widder for’n Stiwwel zesammegerechent?«

Und nachdem das Fräulein »Scheckel« zerknirscht seinen Fehler eingesehen
hatte:

»Da hast de mei Radiermesser! Geh hin unn besser’ dich! Sonst kriehst de
dei Lebdag kaan Mann unn sterbst als ahl Jungfer, mit eme Mops unn
zwaaundreißig falsche Zähn’!«

Es wäre freilich praktischer gewesen, das Fräulein hätte _gleich_ ein
Loch in die falsche Nota radiert. Denn die Rasur entging nicht dem
geschärften Auge Rittershausens, dem alle Schriftstücke, ehe sie das
Bureau verließen, vorgelegt werden mußten.

Und alsbald krähte seine langweilige Stimme: »Radierte Notas dulde ich
nicht! Fräulein Bär, schreiben Sie die Nota ab!«

Vorsichtshalber zerriß er sie gleich in zwei Hälften.

»Schreib’ die Nota ab,« echote der dicke Rehle. »Merr hawwe ja Zeit! Es
is noch lang bis Mitternacht!« – –

»Guten Tag, Herr Stehkragen!« begrüßte Martha ihren Pultgenossen
nachmittags.

»Guten Tag, Fräulein Nelke!« erwiderte Benno.

Sie quittierte die naive Huldigung wieder mit einem freundlichen Lächeln
und reichte ihm gewohnheitsmäßig ihren Bleistift und Tintenstift zum
Spitzen hin.

Benno war durch jahrelange Übung ein Künstler auf diesem Gebiete
geworden.

So ein Bleistift is wie eine Zwiebel, dachte er. Da kommt auch immer
eine Schal’ nach der anderen, bis merr auf den Kern stößt. Oder man kann
auch sagen: er is wie ein Verband, oder wie e Wickelgamasch’!

Für alle Dinge und kleinen Ereignisse seines Lebens fand er Vergleiche
und Bilder. Und wenn auch diese Metaphern oft recht kindlich und töricht
waren, sie bereiteten doch seinem talmudistisch geschulten Geist eine
harmlose Freude und eine gewisse Genugtuung, die nicht ganz frei war von
unschuldiger Eitelkeit.

»Danke schön!« empfing Martha ihre messerscharf gespitzten Stifte
zurück, die ihr der kleine, bucklige Benno mit der Grandezza eines
Mundschenks überreicht hatte.

Und dieses »Danke schön« klang noch tausendmal schöner als vormittags
das »Adjö«.

Das »Adjö«, das war das silberhelle Klingen einer Tischglocke, dieses
»Danke schön« aber, das war das bedeutungsvolle Dröhnen der Sturmglocke
oben im Dom, die nur bei Großfeuer geläutet wurde.

Und es war ja ein Großfeuer entstanden: Schon brannte der kleine Benno
Stehkragen lichterloh.

Gegen vier Uhr gab es in der Industriebank eine kleine Vesperpause.

Die meisten Beamten, bis über den Kopf in dringlichen Arbeiten steckend,
begnügten sich damit, ihre Brote und Brötchen auszupacken, um unter der
Arbeit hie und da einen Happen abzubeißen.

Die natürliche Folge war, daß es alle Tage einige Fettflecke auf Briefen
und Fakturen gab, die nun neu geschrieben werden mußten, was ebenso
natürlich die Ursache zu neuem Ärger, neuen Vorwürfen, Schimpfen und
Gezänk abgab.

Im Couponbureau, dessen Tätigkeit weniger von der Börse abhing, so daß
sich hier die Arbeit gleichmäßiger auf den ganzen Tag verteilte, gönnte
man sich eine geruhigere Vesperpause.

Aber während dieser Vesperpause blickte Benno _nicht_ zu Martha hinüber.

Denn in dieser Vesperpause trat Herr Wittmann an das Pult, um kauend
sich ein bißchen mit Martha zu unterhalten.

Benno steckte seine Nase tiefer in die Couponpäckchen, er wollte nicht
hören, was die da drüben plauderten. Er wollte nicht.

Aber er konnte doch nicht hindern, daß Marthas helles Lachen zu ihm
herüberdrang, und daß einzelne Sätze an sein Ohr schlugen wie
Peitschenhiebe.

Meistens sprachen die beiden vom Theater.

Martha ging oft in die Oper, und auch Herr Wittmann schien über die
Vorgänge vor und hinter den Kulissen gut unterrichtet zu sein.

Es fiel Benno auf, daß Wittmann seltener die Kunstwerke als die
darstellenden Künstler kritisierte, die er offenbar für den wichtigeren
Teil hielt, und daß er nach Altfrankfurter Tradition mit Vorliebe, auf
Kosten der gegenwärtigen Bühnenkräfte, ehemalige, zum Teil längst
verstorbene Theatergrößen Frankfurts himmelhoch pries.

Gar bittere Empfindungen flammten in Benno während dieser Vesperpause
empor.

Der reine Himmel seines Kindergemüts überzog sich mit dicken, schwarzen
Wolken, die Sonne war erloschen, und ihm war, sie würde nie, nie mehr
scheinen.

Am liebsten hätte er sich die Ohren mit beiden Fäusten zugehalten.

Am liebsten hätte er den Kopf in ein großes Tintenfaß gesteckt, wie der
Nikolaus im Struwwelpeter die bösen Buben. Um nichts zu sehen und zu
hören.

_Wenn_ ich jetzt nicht der Benno Stehkragen wär’, dachte er, sondern der
Benno _Strauß_, – dann tät’ ich mein’ Kopf in den Sand stecken – und
tät’ nix hören – und nix gucken, – sondern ich tät’ nur ganz hinten
mit der Schwanzfeder abwinken: »Hört auf! Aufhören sollt ihr!!« – und
ich tät’ ...

Am liebsten hätte er jetzt den Bleistift und den Tintenstift Marthas
genommen, die Stifte, die er mit so viel Hingabe gespitzt hatte, und
hätte wie ein unartiger Schuljunge absichtlich die Spitzen abgebrochen:
»Da! Da! So! Das ist dafür, daß du mich so mißhandelst!«

Und Benno Stehkragen, der nie nach der Würde eines Bureauchefs gegeizt
hatte, wünschte sich nun inbrünstig nur zwei Minuten Bureauchef zu sein,
um gellend durch das Zimmer kreischen zu können: »Ruhe!! Während der
Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«

Seine »Wenn«-Phantasien liefen in solchen Augenblicken keineswegs auf
Menschheitsbeglückung hinaus; sie waren keine seligen Gefilde mehr,
nein, es waren schluchtenverzerrte Abruzzengegenden, und mitten drin
hauste er als wilder Räuber, Signor Benno Stehkragenino, der Schrecken
der Berge, Fra Diavolo, Karl Moor, Schufterle, Spiegelberg, Kneißl und
Rinaldo in einer Person.

Endlich begab sich Wittmann wieder an seinen Platz.

Kaum zehn Minuten hatte er mit Martha geplauscht – Benno schätzte die
Zeit eine Ewigkeit.

Auch die übrigen Arbeitskräfte beobachteten mit Interesse die Vorliebe
Wittmanns für das hübsche Fräulein Böhle. Aber sie regten sich deshalb
nicht auf, höchstens klatschten sie ein bißchen darüber und sorgten
dafür, daß auch in den übrigen Bureaus dieser Flirt bekannt wurde.

Im ersten Stock hieß es noch: »Herr Wittmann sucht Familienanschluß,« im
zweiten Stock hieß es bereits, Fräulein Böhle und »ihr« Bureauchef seien
Arm in Arm im Foyer des Zirkus Schumann gesehen worden, und im
Dachgeschoß galt es als feststehende Tatsache, daß der Vater des
nächsten Dutzends Böhlescher lediger Kinder – Wittmann heißen würde.

So blind ist der Klatsch, daß er gierig die ganz nichtigen Beziehungen
Marthas zu Wittmann ergiebig ausbeutete, aber die verliebte
Aufdringlichkeit Benno Stehkragens überhaupt nicht bemerkte.

Und welch dankbares Spottobjekt hätte der bucklige Benno als Liebhaber
abgegeben!

Die Vesperpause war vorüber, und die Arbeitshetze in der Industriebank
steigerte sich zur Tollwut. Und mit dieser Steigerung häuften sich
natürlich auch die Fehler, Versehen, Mißverständnisse, und mit den
Irrtümern der Verdruß und Skandal.

Man fand jetzt in sämtlichen Bureaus, daß viel zu wenig Arbeitskräfte
vorhanden seien, und daß es eine Gemeinheit sei, an Personal zu sparen,
nur damit die dickköpfigen Herren Aufsichtsräte und Direktoren fettere
Tantiemen schlucken könnten.

Man sei doch kein Stück Vieh, daß man so schuften müsse. Und es sei
überhaupt die höchste Zeit, daß sich einmal die Presse mit den
unerhörten Zuständen in der Industriebank beschäftige.

Am lautesten schimpften natürlich diejenigen Herren, die am tiefsten vor
den Direktoren zu knixen pflegten.

Je näher der Uhrzeiger auf Sechs vorrückte, desto geräuschvoller wurde
es in den Bureaus. Keiner nahm mehr Rücksicht auf den anderen, jeder
hatte genug mit sich selbst zu tun und arbeitete verzweifelt an dem
Material, das vor und neben ihm hoch aufgeschichtet lag und nicht
weniger werden wollte.

Über die Gänge hasteten Beamtinnen, die Stöße von Briefen und Wechseln
zur Unterschrift in die Zimmer der Direktoren und Prokuristen
schleppten, und die von einem Prokuristen abwehrend zum anderen
geschickt wurden, denn keiner hatte jetzt Zeit. Es dauerte eine
Ewigkeit, bis jeder Brief und jedes Dokument endlich die
vorschriftsmäßigen zwei Unterschriften trugen.

Wer die erste Unterschrift gab, hatte die Pflicht, die Richtigkeit des
Schriftstückes zu prüfen, und dabei gab es wieder Dutzende von
Beanstandungen, Vorwürfen, Rüffeln.

»Herr Mayer soll ’rüberkommen!« schrie ein Prokurist durchs
Haustelephon, und der unglückselige Mayer, der mitten aus seiner Arbeit
geschreckt wurde, warf wütend die Feder hin: »Was paßt ihm denn schon
wieder nicht, dem alten Schikaneur?!«

»Haben _Sie_ das geschrieben? Es ist wirklich nicht zu glauben: Jetzt
sind Sie schon fünf Jahr im Geschäft und können nicht einmal einen so
einfachen Brief schreiben! Jeden Schmarren muß man selbst diktieren! Es
ist zum Haarausraufen!«

Der Prokurist diktierte, der wutschnaubende Mayer stenographierte und
fand natürlich, daß er selbst den Brief zehnmal klarer und deutlicher
geschrieben hatte, und daß dieser Schafskopf von einem Prokuristen ein
Deutsch von sich gab, dessen sich jeder Hottentotte geschämt hätte.

Und dann sauste Mayer wieder in die Korrespondenz und schrieb den
verfluchten Brief zum zweitenmal und verhaspelte sich natürlich in
seiner Aufregung – gerade im letzten Absatz des dreiseitigen Briefes –
und mußte ihn _noch einmal_ abschreiben! – Und endlich war das
schwierige Werk gelungen, die zwei Unterschriften prangten darunter, und
dann verwischte ihn beim Kopieren so eine »Gans von einer Bankbeamtin,
die auch gescheiter Waschfrau geworden wäre«, und der Brief mußte zum
_viertenmal_ geschrieben werden.

Und Mayer bewunderte seinen eigenen Edelmut, daß er nicht den
Nächstbesten umbrachte.

Wie hatte doch der alte Binder bei Marthas Eintritt in das Unternehmen
gesagt?

»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe’stall komme!«

Etwas ruhiger ging es während dieses allgemeinen Tohuwabohus nur im
Couponbureau zu.

Das war nicht zum wenigsten das Verdienst Wittmanns. Man konnte diesem
Mann manches Böse nachsagen – er war ein rücksichtsloser Streber, ein
roher Gewaltmensch und Grobian – aber niemand konnte ihm absprechen,
daß er ein vorzüglicher Organisator, begabt mit einem Riesengedächtnis
war, der unermüdlich arbeitete.

Was er in die Hand nahm, klappte. Mit Geschrei, Kränkungen,
Ungerechtigkeiten – aber es klappte.

Es kam übrigens seit Marthas Versetzung in das Couponbureau nur noch
selten zu Zusammenstößen zwischen Benno Stehkragen und Wittmann.

Wittmann wollte sich vor Martha keine Blöße geben.

Und Benno fühlte instinktiv, wer an dieser Veränderung die Schuld trug,
und war Martha dankbar dafür. Denn wenn ihn auch die ordinären
Anrempeleien Wittmanns nie sonderlich erregt hatten, sie waren ihm doch
peinlich gewesen, wie alles Geräuschvolle.

»Sind Sie so weit, Herr Stehkragen?« frug Martha gegen fünf Uhr.

Benno, dessen Seele noch von Weh und Zorn verdüstert war, nickte
grollend Bejahung.

Nun kam Martha zu ihm hinüber, und es begann das »Kollationieren«.

Benno nahm die an die Kundschaft abgehenden Fakturen, las sie der Reihe
nach vor, und Martha verglich mit dem Couponbuch, in das alle Posten
eingetragen waren.

Aus Rücksicht auf die arbeitenden Kollegen fand dieses Ablesen im
Flüsterton statt.

Und dieses Geflüster kam Benno wie etwas ungemein Geheimnisvolles vor,
beinahe wie ein #tête-à-tête#.

Nach jedem Posten machte er beim Verlesen eine kleine Pause, um Marthas
bestätigendes »Stimmt!« zu hören.

Und mit jedem »Stimmt!« schrumpfte sein Groll mehr zusammen, hellte sich
sein Gemüt auf.

Bei den neunzehn Coupons 3% Portugiesen des Herrn Isidor Seligmann war
der Himmel seiner Seele noch mit tiefschwarzen Gewitterwolken bedeckt
– bei den sieben Löwenbräu-Dividendenscheinen der Firma Gassner und
Sohn hatten sich diese schwarzen Ungetüme bereits in schmutzig-graue
Regenwölkchen verwandelt – bei den dreißig Coupons 4% Rumänische
amortisierbare Rente des Herrn Friedrich Rottler, Offenbach, guckte
schon ein Sonnenstrählchen fürwitzig hinter einem Wölkchenrand hervor,
als wollte es mit dem Kinde Benno »Kuckuck–Tata!« spielen.

Und bei den vierundzwanzig Zinsscheinen 3½% Deutsche Reichsanleihe der
Henriette Bergmüller sel. Witwe, Hattersheim – o Jubel, da lachte die
liebe Sonne wieder riesengroß vom blauesten Himmel und machte dem
kleinen Benno Stehkragen so warm, daß er den Schweiß von der Stirne
tupfen mußte.

»’n Augenblick, Fräulein Heckenröschen, ich muß bloß emal Atem
schnappen!«

Und endlich war es sechs Uhr abends, und die Beamten strömten aus dem
Bankgebäude.

Nur die Korrespondenten saßen noch hinter ihren Tischen und kritzelten
eifrig und ärgerten sich, daß sie nicht zeitig fertig geworden waren.

In den Tresors lagen die Wertpapiere, Coupons, Wechsel, Dokumente,
ausländischen Geldsorten, Scheckbücher, das Bargeld der Kasse und die
wichtigsten Geschäftsbücher wohlgeordnet verwahrt.

Die am nächsten Vormittag zu erledigenden Botengänge waren bis ins
kleinste geregelt und das dazugehörige Material zurechtgelegt.

Das gesamte Personal der Bank hätte über Nacht sterben können, ohne daß
die geringste Unordnung eingetreten wäre; das neue Personal hätte
einfach dort weitergearbeitet, wo das alte aufgehört hatte.

Beinahe zwei Stunden länger wurde in der Expedition geschafft, die am
Gangende des zweiten Stockwerkes lag und lediglich die Kuvertierung und
Absendung der Briefe zu besorgen hatte. Alle weiteren Postangelegenheiten
waren bereits von den einzelnen Bureaus erledigt worden.

Es war in der Industriebank der Modus eingeführt, daß jeder
Korrespondent zu dem von ihm geschriebenen Briefe auch den Umschlag zu
schreiben hatte. Der Briefumschlag wanderte sogleich in die Expedition
und wurde dort in alphabetisch eingestellte Regale eingeordnet, während
die Briefe, die beizulegenden Notas und Dokumente erst später in der
Expedition eintreffen konnten.

Sechs Angestellte waren von fünf Uhr ab in der Expedition damit
beschäftigt, die aus dem ganzen Hause dort zusammenströmenden
Schriftstücke in die dazugehörigen Kuverts zu stecken und zuzukleben.

Abwechselnd hatten sämtliche Angestellte diese Tätigkeit auszuüben.

Natürlich gab es auch in der Expedition Ärger in Hülle und Fülle.

Da fehlten zuweilen die in den Briefen erwähnten Einlagen, die nach
langem Suchen endlich in irgendeinem Bureau gefunden wurden; da war ein
Brief, zu dem kein Umschlag geschrieben war, und dort war ein Umschlag,
zu dem kein Brief heraufkam.

Dann wieder stimmte eine Umschlagadresse nicht mit der Briefadresse
überein, auf dem Umschlag stand Gebrüder Lautenschläger in Pforzheim,
und im Brief stand Gebrüder Lautenschläger in Bückeburg; es mußte
konstatiert werden, _wo_ eigentlich die Gebrüder Lautenschläger
residierten, und das verursachte wieder einen höchst unerwünschten
Aufenthalt.

Ferner kam es vor, daß der Expedient eine Einlage in ein falsches Kuvert
gesteckt hatte, so daß sie jetzt an der richtigen Stelle fehlte und
nicht gefunden werden konnte und unter Umständen die sämtlichen Briefe
wieder aufgerissen werden mußten.

Und zwischen den Expedienten liefen die Kassenboten herum und drängten
zur Eile:

»Wir kommen zu spät zur Post! Die Briefe werden uns nicht mehr am
Schalter abgenommen, wenn wir nach dreiviertel Acht kommen! Wir können
uns nicht die Lunge aus dem Hals laufen!«

Waren die Briefumschläge geschlossen, so wanderten sie in die Hände des
aufsichtführenden, greisen Herrn Bittenberger, der sie frankierte.

Dieser Posten galt halb und halb als Gnadenbrot.

Bittenberger, der an Schreibkrampf litt, und dessen Hände beständig
zitterten, war seit Jahren pensionsberechtigt. Aber die Pension betrug
nur drei Vierteile des Gehalts, und Bittenberger, der eine zahlreiche
Familie und einen mißratenen ältesten Sohn hatte, konnte und wollte
nicht auf das vierte Viertel seines Gehalts verzichten.

Was sollte die Direktion tun? Einem so greisen Beamten kündigen? Nein,
das ging nicht. So hatte man ihn denn auf diesen stumpfsinnigen Posten
gesetzt. Mochte er dort weiterwursteln, solange es sein kläglicher
Gesundheitszustand zuließ!

Schließlich erlosch auch das Licht in der Expedition.

Es hatte wieder Verschiedenes nicht gestimmt, und Bittenberger wankte,
auf seinen Spazierstock gestützt, bekümmert und hoffnungslos die Treppe
hinunter, in der Gewißheit, daß ihn zu Hause noch weit härterer Kummer
erwartete.

Für die letzten Briefe war es richtig wieder zu spät zur Postablieferung
geworden. Und da sich ein wichtiges Schreiben nach Norddeutschland
darunter befand, so mußte halt ein Kassenbote nachts nach zehn Uhr
diesen Brief persönlich in den Berliner Schnellzug werfen.

Der betreffende Kassenbote hatte darob den schuldlosen Bittenberger mit
einer Flut von Vorwürfen und massivsten Grobheiten übergossen, die der
greise, kranke Mann zitternd und wehrlos über sich ergehen ließ.

»Gu’n Nacht, Vadder Bittenberger,« grüßte der alte Binder, als
Bittenberger an der Portierloge vorbeikam.

Auch der alte Binder hatte schon lange ungeduldig darauf gewartet, daß
»die oben in der Expedition« endlich fertig würden, aber er ließ den
kranken Kollegen nichts von seiner Ungeduld merken. »Gu’n Nacht, Vadder
Bittenberger! Alleweil fleißig! Alleweil morjens der ehrschte, awends
der letzte!«

Bittenberger lächelte müde. Ja, der alte Binder war eine gute, ehrliche
Haut, der sagte ihm gerne was Liebes – aber was nützte das?

»Wie geht’s dann alleweil, Vadder Bittenberger? Was macht des verflixte
Asthma?«

»Schlecht geht’s, Binder! Schlecht! Ich werd’ wohl nicht mehr lang
mitmachen.«

»Gell, mache Se kaan Stuß!« protestierte Binder, scheinbar tief
entrüstet. In Wahrheit teilte er vollkommen Bittenbergers pessimistische
Ansicht.

Und indem er die Sache ins Scherzhafte hinüberzuleiten suchte, fuhr er
fort: »Leut’ wie mir zwaa! In de beste Jahr’n! Basse Se nor uff: mir
schdecke noch manche Neujahrsgradifikatio’ ei’, eh merr ans Abkratze
denke!«

Bittenberger winkte traurig mit der zittrigen Hand ab. Er dachte daran,
was aus seinem ältesten Sohn werden würde, wenn er selbst nicht mehr da
wäre ...

»Also Gute Nacht, Binder!« seufzte er und humpelte durch das Portal.

Kopfschüttelnd sah ihm Binder nach. Auch er seufzte jetzt.

»Ja, des is e Lewe!« philosophierte er. »Da soll merr noch an e
Gerechtigkeit glaawe! E Saustall is die ganz’ Welt! E Saustall, unn nix
weider!«

Er nahm die großen Schlüssel von der Wand und verschloß das schwere
Eisentor vor dem Portal.

Dann machte er den allabendlichen Rundgang durch sämtliche Räume des
Hauses, sah nach, ob überall die Rolläden geschlossen und die Lampen
ausgedreht seien, zog die Kontrolluhren für die nächtliche Ronde auf,
überzeugte sich noch einmal, ob die Panzertür, die zu den Kellergewölben
führte, verschlossen war, und schaltete die elektrische Klingelleitung
zum Schutze gegen Einbrecher ein.

So, jetzt war sein Tagewerk vollbracht.

Mit ruhigem Gewissen konnte er das Schlüsselbund dem Nachtportier
übergeben und sich in seine kleine Wohnung, bestehend aus drei neben der
Portierloge gelegenen Zimmerchen, zurückziehen, wo seine Frau und sein
Sohn bereits bei Hering und Pellkartoffeln auf ihn warteten.

Martha hatte sich mit einem kurzen »Guten Abend« vom Couponbureau
verabschiedet.

Flüchtig und zerstreut klang dieser Gruß. Denn ihre Gedanken weilten
schon halb im Theater oder Kino, wo es den vortrefflichen Spieltenor
Schramm als David, die süße Henny Porten als erstaunlich
schicksalsreiches Findelkind zu bewundern gab.

Benno begriff Marthas Vorliebe fürs Theater nicht recht.

War es nicht viel genußreicher, die Werke unserer Klassiker daheim im
stillen Stübchen mit Andacht zu lesen, als sie sich zwischen bemalten
Pappdeckeln und Leinwand vorgestikulieren zu lassen?

Und von Musik, so sehr er sie liebte, verstand er nicht viel.

Ein Lied konnte ihn tief rühren, aber die stundenlange lärmende
Opernmusik sagte ihm nichts.

Er war mit den meisten Opernhelden durchaus nicht einverstanden.

Da war zum Beispiel der Siegfried, ein Held, für den man sich wohl
begeistern konnte, solange er sich in Mimes Schmiede befand und Ambosse
entzweischlug. Auch daß er den Fafner tötete, war aller Achtung wert –
schon weil der Drache so dummes Zeug redete. Es gibt in der menschlichen
Großstadt schon genug quasselnde Drachen – braucht’s auch noch im
_Wald_ solche Viecher zu geben?

Also bis dahin war gegen den Siegfried nichts einzuwenden.

Aber weshalb kümmerte sich dieser unverdorbene, jugendstrotzende
Naturbursche um den Nibelungenschatz und den Ring?

Für so etwas durfte ein Held, in Bennos Augen, keinen Sinn haben. Das
war geradeso, als hätte man ihm seinen angebeteten Schiller beim
Couponschneiden abgemalt!

Und was das Waldvöglein erzählte, das mußte dem Siegfried erst recht
ganz schnuppe sein! Ein Held _durfte_ sich nicht von einem Piepmatz
verführen lassen.

Wahrhaftig, der Siegfried hätte ihm _mehr_ imponiert, wenn er sich
inmitten der redenden Tiere hoch aufgerichtet und mit Rittershausens
Stimme dazwischengekräht hätte:

»Ruhe! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«

Aber das Unverzeihlichste war die Erweckung Brünhildes.

Wenn er, Benno Stehkragen, ein gepanzertes Weib in einem Feuer, das
nicht versengte, im besten Schlaf gefunden hätte, er hätte sie nie und
nimmer geweckt.

Ja, ein kleines Kind, das hätte er auf den Arm genommen und ihm das
Köpfchen gestreichelt und ihm zugeredet: »Du brauchst dich nicht vor dem
Feuer zu fürchten!« und hätte es mit nach Hause genommen und bei sich
behalten, bis sich die Mutter meldete.

Aber ein Weib mit Schwert, Helm und Brünne, gepanzert bis über die
Nasenspitze?

Nein, das war keine Partie für Siegfried. Er hätte dem Siegfried ein
wunderzartes, treues, hingebendes Mägdelein zum Weibe gewünscht, aber
nicht eine rabiate Athletin, die im Freien übernachtete und eine ganze
Waffenkammer mit sich herumtrug.

Und wenn sie von selbst erwacht wäre, so hätte er, Benno Stehkragen, an
Siegfrieds Stelle gesagt: »Entschuldigen Se, falsch verbunden!« und
hätte die Brünhilde Brünhilde sein lassen.

Nein, dieser Siegfried war kein reiner Held für seine Begriffe.

Und so erging es ihm mit den meisten Helden der Oper und des
Musikdramas: sie sangen wohl recht schön, wenn auch ein bißchen viel und
lang, aber _lieben_ konnte man sie nicht, noch sich für ihre Taten
begeistern.

Schade, daß Martha eine solche Vorliebe für das Theater besaß.

Es war Benno ein Rätsel.

Und dennoch war dieses Rätsel so einfach zu lösen:

Er, Benno Stehkragen, besaß eine ungestüme, krause Phantasie, die freien
Flug brauchte. Die sinnfällige Darstellung von Kunstwerken auf der Bühne
legte seiner Phantasie Ketten an. Im Theater befand sich nicht nur seine
kleine, buckelige Körperlichkeit in einem geschlossenen Raum, auch sein
Empfinden, sein Denkvermögen waren in eine große Schachtel eingesperrt,
wie ein Maikäfer in eine Botanisierbüchse, und stießen auf allen Seiten
schmerzhaft an, sobald sie sich zum Fliegen anschickten.

So war es ihm schon als Kind gegangen.

Als kleiner Bub hatte er einmal zum Geburtstag einen großen Baukasten
erhalten. Damit baute er die wunderschönsten Häuser, Brücken und
Paläste.

Aber es lag diesem Baukasten auch ein Heftchen mit Vorbildern und
Anleitungen bei – und nach diesen Vorbildern brachte er beim besten
Willen nichts zustande.

Der Vater, zornig über den dummen, ungeschickten Jungen, zankte, und
Benno zog sich verschüchtert mit seinem Baukasten in die dunkle
Speisenkammer zurück, kauerte auf den kalten Boden nieder und errichtete
dort in der Finsternis die herrlichsten Schlösser.

Hatte er eines beendet, so öffnete er die Türe, ließ das Licht
hereinfallen, bewunderte sein Werk und belohnte sich freigebig mit den
Rosinen, die so nahe standen.

Bis seine Mutter fand, daß diese eigenmächtigen Belohnungen zu tief in
ihr Haushaltungsbudget eingriffen, und der Baukasten in einem
wohlverschlossenen Schrank verschwand.

In Gedanken aber baute Benno noch lange die prächtigsten Gebäude.

Im Gegensatz zu Benno besaß Martha, dieses kluge, lustige Mädel, nur
wenig Phantasie.

Wollte _sie_ sich über das Ackerland des Alltags erheben, so bedurfte
sie dazu der groben Vermittlung all des Plunders von Schminke, Puder und
Flitter.

Eine Flugmaschine, ja, das war etwas, was sie begriff – sie selbst
hatte keine Flügel. Ein Drama zu _lesen_ wäre für sie etwas maßlos
Langweiliges gewesen.

Sie lebte in angeborener, unverwüstlicher Daseinsfreudigkeit dahin, ein
praktisches, vergnügtes, gesundes Menschenkind.

Für Martha gab es keine Märchen, nur eine höchst lebenswerte
Wirklichkeit. Für Benno war alle Wirklichkeit ein Märchen.

Ein närrisches Märchen, in dem er selbst mitagierte, nur wußte er nicht:
Hatte er aus dem Zauberquell getrunken, der ewiges Glück verleiht, oder
hatte er von den Feigen des Zwergs Nase gegessen, von deren Genuß man
lange Schlappohren und eine ungeheure Nase bekam?

Und in dieses Märchen war mit dem Erscheinen Marthas die Feenkönigin
eingetreten, und unter jedem ihrer Schritte blühten Vergißmeinnicht,
Veilchen und Nelken und all die Blumen, mit deren Namen er sie
alltäglich begrüßte.

Auch einen bösen, mächtigen Hexenmeister gab es in dem Märchen, der der
Feenkönigin nachstellte, und das war der Herr Wittmann.

Die alten Griechen, dachte Benno, haben für alle Gewerbe ihre
Spezialgötter gehabt; der Ackerbau hatte seine Göttin, die Viehzucht
hatte ihre Göttin – vielleicht ist Fräulein Böhle die Göttin des
Bankgeschäfts, und die dummen Menschen merken’s nur nicht.

Benno Stehkragen war verliebt, rettungslos verliebt.

Freilich, hätte ihm jemand auf den Kopf zugesagt: »Herr Stehkragen, Sie
haben sich in Fräulein Böhle vergafft,« er hätte es nicht geglaubt.

Verliebt? Er? – Wieso?

Wenn man ein Weib liebt, so _begehrt_ man es doch. Man will sie küssen,
sie in seine Arme schließen, sie ganz für sich allein besitzen, mit ihr,
für sie und durch sie glücklich sein.

An so etwas aber dachte Benno Stehkragen mit keinem Gedanken.

Nicht ihr üppiges blondes Haar, nicht ihre weichen Arme, nicht ihre
Schlankheit oder ihr hübsches Gesicht wollte er sich zu eigen machen –
es war der Duft von Jugend, von lachender Frische, der ihn unterjochte.

Er spiegelte sich in diesem Quell, der sein Bild tausendfach verklärt
zurückwarf – aber sollte er mit plumpen Füßen hineintappen und den
Quell schlammaufwühlend trüben?

Martha war für ihn ein Heiligtum, das man nicht berühren durfte.

Er konnte sich kaum vorstellen, daß er den Saum ihres Kleides küssen
würde, und gar ihre roten Lippen? – Niemals.

Ich und Martha vereint, dachte er bitter, das wär’, als wollt’ man ein
Reh mit einem Pavian kreuzen!

Seine Liebe war ein wortloses Anhimmeln, und wenn Benno Stehkragen nicht
ein so ausgereiftes Männlein gewesen wäre, hätte man es pennälerhaft
nennen dürfen.

Vor dem Bilde Marthas verschwand ihm das Bild eines anderen Mädchens,
das ihn bisher manches Mal beschäftigt hatte: das Bild des Fräuleins
Rita von Veldern.

Wer war das?

Begleiten wir den kleinen, buckeligen Benno ein wenig auf dem
Nachhausewege, sehen wir uns ein bißchen sein Junggesellenheim droben
auf dem Sachsenhäuser Berg an; so wird auch in diese bis jetzt noch
dunkle Angelegenheit Licht kommen.



Benno ging die Kaiserstraße hinunter.

Er hatte am Vormittag in Marthas Begleitung keine Zeit gehabt, sich die
Schaufenster zu betrachten, und er holte das jetzt mit Behagen nach.

Besonders die Auslagen eines Porzellan-Geschäfts fesselten seine
Aufmerksamkeit.

Da war seit etlichen Wochen eine zierliche Rokokopuppe ausgestellt: zwei
Edelleute und zwei Hofdämchen, die gemeinsam Karten spielten. Benno
hatte den Gesichtsausdruck der vier spielenden Figürchen genau studiert,
und er war sich darüber klar geworden: die eine Dame mogelte.

Jawohl, die eine Dame, die gerade das Herz-As ausspielte, und zu deren
Füßen ein Windhund kauerte, mogelte ungeniert.

Jeden Tag betrachtete er sich die Gruppe von neuem und dachte sich:
Merken die’s denn immer noch nicht, daß das Luder mogelt?

Wenn die Kaiserstraße nicht eine so belebte Straße gewesen wäre,
wahrhaftig, er hätte leise an die Fensterscheibe geklopft: #»Attention,
mesdames et messieurs, c’est votre amie, qui# mogelt!«

Auch Benno hatte in jüngeren Jahren gelegentlich im Kaffeehaus Karten
gespielt. Skat. Er hatte das Spiel schnell begriffen, aber er verlor
immer.

Denn seine Gedanken waren ganz woanders.

_Wenn_ ich der Eichelkönig wär’, dachte er – da täten in meinem Reich
lauter Eicheln wachsen – und meine Untertanen täten nur von
Eichelkaffee leben – und ich tät’ sagen: »Ich guck’ schon: Eichelkönig,
das is nix für mich! Ich will lieber der _Grünkönig_ sein!« – Und
plötzlich bin ich der Grünkönig – und überall wächst nur Spinat – und
ich sag’: »Was nutzt mich der Spinat ohne Spiegelei? – Is das e Menü
für en König? – Ich wollt’, ich wär’ der _Herzkönig_!« – Gesagt,
getan, Hokuspokus, bin ich der Herzkönig! – Und mein ganzes Land is
voll Liebespärchen – und jeden Tag muß ich von fünf Uhr morgens bis elf
Uhr nachts Scheidungsklagen entscheiden – und es wächst merr zum Hals
’eraus, – und ...

Und: »Mit Ihne kann merr iwwerhaapts net spiele, Herr Stehkragen!«
schrie sein Partner wütend. »Sie dhun ja net emal Farb’ bekenne’!«

Das hatte Benno auch eingesehen und hatte das Kartenspielen leichten
Herzens aufgegeben.

Die nächste Station auf seinem Nachhausewege war das Schaufenster einer
Schreibwarenhandlung.

Die Spezialität dieses Geschäftes waren zärtliche Ansichtspostkarten,
mit denen das ganze Schaufenster übersät war. Und diese Dokumente
menschlicher und unmenschlicher Geschmacklosigkeit bereiteten Benno
täglich von neuem ein ungeheures Vergnügen.

Wie man nur solches Zeug zeichnen, drucken, kaufen und gar verschicken
konnte?

Also diese weiblichen Puppengesichter waren der Idealtyp der
Frauenschönheit! Diese fettsüchtigen Busen und Elefantenwaden sollten
einen Mann entzünden! Und diese faden geschniegelten Mannspersonen mit
dem schneidigen Schnurrbart und Pomadescheitel waren das Höchste, was
Allmutter Natur an männlicher Schönheit hervorbringen konnte!

Die Menschen sin meschugge, dachte Benno. Da is mitten in der Stadt ein
Lachkabinett, wie’s auf keinem Jahrmarkt köstlicher zu finden is – unn
die Leut’ stehn mit todernsten Gesichtern davor!

Er selbst hätte sich vor Lachen schütteln können.

Das Herrlichste waren entschieden die blondzöpfigen Mädchen, die an
einem Tisch saßen und mit verklärten Kalbsaugen irgendwohin nach der
Decke sahen, als ob sie sich in den Gaslüster verliebt hätten. In der
Ecke stand etwa:

    Weilst du auch ferne in der Ferne,
    Ich schwebe bei dir überall,
    Ich hab’ dich ja so lieb und gerne
    Und lausch’ dem Lied der Nachtigall.

Also die Nachtigall war an den Kalbsaugen schuld – nicht der Gaslüster.

In vergnügtester Stimmung kam Benno am Uhrtürmchen an, wo er wieder
durch die Promenade nach der Großen Gallusgasse abbog.

Das war eigentlich ein kleiner Umweg, aber er machte ihn täglich, um das
Stückchen Promenade, inmitten des Häusermeeres, zu genießen.

Und dann stand in diesem Abschnitt der Frankfurter Anlagen, die den
beneidenswertesten Schmuck der Stadt bilden, der Trompetenbaum.

Vor vielen, vielen Jahren, als Benno noch in die Schule ging, hatte der
Naturgeschichtslehrer die Klasse auf diesen Baum aufmerksam gemacht und
empfohlen, sich die eigenartig geformten Blätter zu betrachten.

Der Lehrer war nun schon lange tot, aber noch immer stand alltäglich
Benno vor dem Trompetenbaum still und beschaute ihn ein Weilchen. Und
dachte dabei hie und da des ehemaligen Naturgeschichtslehrers, des
Professors Noll, der der Abgott aller seiner Schüler gewesen war.

Noch aus einem anderen Grunde bog Benno Stehkragen am Uhrtürmchen links
in die Promenade ab: rechts vom Uhrtürmchen stand in den Anlagen das
Riesendenkmal Bismarcks, das er nicht leiden konnte.

Nicht als ob Benno ein schlechter Patriot gewesen wäre, oder ein
»Gegner« Bismarcks. Benno liebte sein Vaterland inbrünstig, und vor
Bismarck besaß er einen tiefen, beinahe ängstlichen Respekt.

Aber an dieser Stelle hatte ehemals ein anderes Denkmal gestanden: das
Denkmal eines Stadtgärtners, der sich um die Anlagen besonders verdient
gemacht hatte. Das schlichte Monument des Stadtgärtners hatte dem
Reichsgärtner Platz machen müssen und war an eine weniger verkehrsreiche
Stelle der Anlagen versetzt worden.

Und das verzieh Benno der Stadt nicht.

Damals hatte er in Gedanken eine große Rede zugunsten des alten
Stadtgärtners gehalten, der in Erz gegossen so freundlich dasaß, als
wollte er jedem Vorübergehenden einen guten Tag wünschen, eine große
Rede über das bittere Thema: »Immer müssen die Kleinen den Großen den
Platz warm halten, bis sie beiseite geschoben werden.«

Es war eine fulminante Rede gewesen, viel zu pathetisch für den
geringfügigen Anlaß, und man konnte Benno nur dazu gratulieren, daß er
diese Rede, wie alle seine Volksreden, lediglich in Gedanken gehalten
hatte.

Der Trompetenbaum war besichtigt – »Trompetenblüte«, das wäre
eigentlich eine ganz schöne Morgentitulation für Fräulein Böhle gewesen;
die Blumennamen gingen ihm sowieso aus – und Benno kam auf dem Roßmarkt
an.

Diesen Platz liebte er.

Sah man doch von ihm aus zwei Denkmäler von Männern, denen er die
heiligsten Stunden seines Daseins verdankte: Gutenberg und Goethe.

Und er dachte: _Wenn_ ich da droben der Gutenberg wär’ – und ich tät’
die vielen Menschen mir zu Füßen ’erumwimmeln sehen – die vielen,
miesen Menschen – und könnt’ nicht davonlaufen – weil mich der Fust am
Rockzipfel festhalten tät’ – und könnt’ merr nicht die Haar’ ausraufen
– weil mir der Bildhauer so e mittelalterliche Kapp’ aufgesetzt hat –
ich tät’ sagen: »Ihr Menschen,« tät’ ich sagen – »is es e Wunder – daß
euer Gemüt beständig friert – und euer Herz den Schüttelfrost hat –
und eure Seele den Schnupfen? – An dem heiligen Feuer der Kunst geht
ihr vorüber – und wollt euch wärmen an dem Streichhölzchen des
Amüsements! – Was gründet ihr ewig Kinos – und Tingeltangels – und
Kabaretts – und neue Weinkneipen mit alter Damenbedienung? – Für das
Veilchensträußchen, das ihr einer Chansonette zuwerft – die ihr’n Rock
hochgehoben hat – weil se mit Recht findet, daß sie im Schmutz watet –
könntet ihr euch fünf Reclam-Bändchen kaufen – und könntet für zwanzig
Pfennig mit der Jungfrau von Orleans – oder der Iphigenie – oder dem
Klärchen – das Wasser des Lebens trinken, – statt mit einer
baufälligen Schickse für zehn Mark gepanschten Sekt! – Seid ihr
überhaupt wert, daß die Buchdruckerkunst erfunden worden is?« – Und
während ich, der Johannes Gutenberg, so red’, seh’ ich plötzlich aus der
Junghofstraß’ e Licht näherkommen – und das is ein Blondkopf – und es
is der Fräulein Böhle ihr Kopf, der da kommt – und ihr Leib kommt
natürlich _auch_ – und ich spring’ herunter von dem Sockel – und der
Fust kann mich nicht mehr festhalten, sondern er behält meinen
Rockzipfel in der Hand – wie die selige Potiphar dem Joseph seinen
Paletot – und er tät’ verdutzt ausrufen – ganz wie damals die
Potiphar: »No, was is?« – und ich tät’ schreien: »Fräulein Böhle, für
_dich_ hab’ ich die Buchdruckerkunst erfunden – ich, Benno Stehkragen
– und alles, was die Dichter an Frauenlob gesungen haben, gilt _dir_«
– und dann ...

Und dann war er in seinem Traum wieder bei Martha angelangt, er, der
entschieden bestritten hätte, verliebt zu sein.

Während des langen Wachtraumes waren seine krummen Beinchen in das
Salzhaus getrippelt und wandelten jetzt durch die Altstadt, in die die
Bautätigkeit der Neuzeit klaffende Breschen gelegt hatte – mehr zur
Freude der Kriminalpolizei als zur Freude der Geschichtsfreunde – und
schritten über die alte Mainbrücke, deren Schicksal gleichfalls bereits
besiegelt war.

Er blickte in den Main hinab, wo in flinken Ruderbooten zur nächsten
Regatta geübt wurde, sah die schweren Lastkähne und hörte den Schlepper
prusten.

Und malte sich im Weiterschlürfen aus, wie es wäre, _wenn_ ...

_Wenn_ er jetzt auch den Main hinunterschwämme, der auf
altfrankforterisch »Mää« geschrieben wird und auf neufrankforterisch
»Moi« gesprochen wird – und ein Haifisch wär’ – und hätt’ den Jonas im
Bauch – und es käm’ der Wildschütz, der aus der Sage und einem schönen
Stoltzeschen Gedicht bekannt is – und tät’ ihm einen Neuner in den
Bauch schießen – wie seinerzeit in die Wetterfahne des Eschersheimer
Turms – und wie dann ...

Und er kletterte bereits den Sachsenhäuser Berg hinauf und schwitzte,
denn es war ein warmer Vorfrühlingstag.

Dort oben wohnte Benno Stehkragen im letzten Hause, als solider
Zimmerherr der Tapeziererswitwe Josephine Petterich.

War Benno menschenscheu, daß er sich in das letzte Haus der Stadt
zurückzog?

Flüchtete er vor der Großstadt in die Natur?

Nein. Denn sonst hätte er gewiß das rückwärtige Balkonzimmerchen
bewohnt, das ihm Frau Petterich zuerst angeboten hatte, dieses
Zimmerchen, das den Vorzug eines separaten Eingangs von der Treppe aus
besaß, und das eine liebliche Aussicht in die Gemüsegärten und
Obstpflanzungen des gesegneten Sachsenhäuser Berges bot, bis hinter an
den Rand des Waldes.

Auch von den Vorderzimmern, die auf einen kleinen Hof hinaussahen, hatte
er keines genommen, obwohl ihn dort sicherlich kein Straßenlärm gestört
hätte.

Ein Zimmer an der Nordfront hatte er gewählt, durch dessen Fenster er
nichts erblickte als die Rückwände der Nachbarhäuser, Fenster mit
verblichenen Vorhängen, Küchenbalkone, die oft genug als
Reserve-Rumpelkammern dienten.

Und an dieser unbegreiflichen Wahl war eben Fräulein Rita von Veldern
schuld – jenes Fräulein Rita, dessen Bild Martha in Bennos Gedächtnis
beinahe ausgelöscht hatte.

Die Sache war so:

Lange Jahre hatte Benno im Zentrum der Stadt gewohnt, nicht unweit der
Industriebank, die sich damals noch im Oederweg befand.

Er wohnte bei der streng rituell jüdischen Familie Seligmann, die ihn
wie einen Sohn des Hauses behandelte und alle seine Eigenarten willig in
Kauf nahm. Dort hatte er mit dem Oberhaupt der Familie nach Herzenslust
der Neigung zu talmudistisch-spitzfindigen Erörterungen frönen können,
und wenn die soziale Frage, das Rätsel des Fortlebens nach dem Tode und
das Problem der Abstammung des Menschen immer noch nicht endgültig
gelöst sind, so kommt das einfach daher, daß niemand die Abendgespräche
dieser beiden kreuzbraven, aber recht skeptischen Juden
mitstenographierte.

Diese Diskussionsabende ohne Ende und mit Allerweltstagesordnung
begannen in der Regel erst nach dem Abendessen, wenn die Kinder, an
denen Benno innig hing, zu Bette gebracht waren und die Frau des Hauses
sich mit einer Handarbeit in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte.

Dort saß sie schweigend, stolz auf das Wissen ihres Mannes, und »freute
sich, wenn kluge Männer reden, daß sie verstehen konnt’, wie sie es
meinen«.

Die Stunden zwischen Geschäftsschluß und Abendessen verbrachte Benno in
der Regel in seinem Zimmer.

Und da hatte er zum ersten Male durch das offene Fenster eine
Frauenstimme singen hören:

    Es war, als hätt’ der Himmel
    Die Erde still geküßt ...

Der belesene Benno glaubte sich zu erinnern, daß dieses Gedicht von
Eichendorff ist; von wem die Komposition stammte, wußte er nicht. Und
noch weniger wußte er, wer die Sängerin war.

Aber so viel Musikempfinden besaß er, daß er merkte: Diese nicht sehr
große Stimme hatte einen ungewöhnlich lieben, weichen Klang, und das
begleitende Klavier war ein unmöglicher Kasten.

Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und hielt am Fenster
Umschau nach der Sängerin.

Da war das Lied plötzlich abgebrochen, und so aufmerksam er lauschte,
der Gesang ließ sich an diesem Abend nicht mehr hören.

»Wohnt hier in der Näh’ eine Sängerin?« frug Benno Stehkragen beim
Abendessen die Frau des Hauses.

»Es is merr nix bekannt,« erwiderte Frau Emilie. »Soll ich emal das
Dienstmädche’ frage?«

»Nein, nein!« dankte Benno. »Ich hab’ nur gemeint!«

Aber Frau Emilie frug _doch_ das Dienstmädchen, als dieses das Bier
brachte, und das Mädchen antwortete achselzuckend: »E Sängerin? Ich waaß
net! Es kreischt als so aane!«

Mehr wußte sie nicht.

Und die Sängerin »krisch« noch öfters.

Am nächsten Abend ertönten freilich nur Vokalisen und leichte
Gesangsetüden. Das war wenig genußreich für Benno, aber er war
vernünftig genug, einzusehen, daß dieses Übel notwendig war.

Dafür wurde er zwei Abende später reichlich entschädigt: er bekam nicht
nur das schöne Schumannsche Lied mehrfach zu hören, sondern auch den
dankbaren »Lenz« von Hildach und das flott-triviale »Noch sind die Tage
der Rosen«.

Lauter Frühlingslieder! sagte er sich. Es muß ein junges, frisches
Geschöpf sein, das aus Lust am Singen ihre Lieder in den Abend jauchzt.

Er konnte ja nicht wissen, daß die unbekannte Sängerin diese drei Lieder
für das Stiftungsfest des Schornsteinfegervereins »Die lustigen
Rauchfänger« einstudierte.

Der Abendgesang wurde ihm bald etwas Vertrautes, etwas, worauf er
wartete und sich freute.

Und an den Abenden, da der Gesang ausblieb, empfand er eine Enttäuschung
und gab bei den Diskussionen mit seinem Hausherrn über die Seele des
Menschen auffallend pessimistische Ansichten zum besten.

Bald hatte er auch herausgebracht, aus welchem Fenster der Gesang
ertönte: aus dem vierten Stock einer benachbarten Mietskaserne.

Viertes Stockwerk – also gehörte die Sängerin der weniger bemittelten
Volksschichte an, und das war ihm, aus einem unklaren Gefühl heraus,
angenehm.

Auch das entsetzliche Klavier, das Benno Stehkragen ein gelindes Grauen
einflößte, ließ darauf schließen, daß die Besitzerin keineswegs an
Geldüberfluß litt.

So is die Welt, meditierte Benno Stehkragen. Könnte die Antonie Hochberg
von der Bockenheimer Landstraß’ nicht einmal eine halbe Handvoll Coupons
dazu verwenden, einem armen talentierten Mädchen ein anständiges Klavier
zu bescheren? Nur zwei, drei Perlen aus ihrem Halsband hätte sie zu
opfern brauchen, um ein erstklassiges Instrument zu erstehen!

Mit diesen Gedanken tat Benno Stehkragen übrigens der dicken Antonie
Hochberg unrecht. Er konnte ja gar nicht wissen, ob diese Frau nicht in
der Tat sehr wohltätig war.

Bennos Interesse an der Sängerin wuchs von Tag zu Tag.

Sie begann bereits, in seinen Phantasien eine Rolle zu spielen:

_Wenn_ ich das alte Klavier wär’ – und ich wär’ seit drei Jahren nicht
gestimmt – und nicht gereinigt – sondern meine Tasten täten aussehen
wie schlecht geputzte Zähn’ – und es kämen zehn rosige Mädchenfinger –
und täten auf merr ’erumtippen – bimbimbim in die hohen Tön’ – und
bumbumbum in die tiefen Tön’ – und so schnell, als wär’ ich e
Schreibmaschin’ – ich tät’ alle Kraft zusammennehmen, die Lust und auch
den Schmerz – und tät’ klingen wie e Konzertflügel für monatlich
hundertfünfzig Mark Abzahlung – oder dreitausend Mark bei Barzahlung!
– Und alle Leut’ müßten sagen, die auf dem Klavier spielen täten:
»Gott, was hat der Benno Stehkragen for en schönen Ton!« – und wenn die
schöne Sängerin auf die Pedale treten tät’ – dann tät’ ich nicht etwa
stöhnen: »Au, meine Hühneraugen!« – sondern ich tät’ nur denken: »Was
se für reizende, kleine Füßchen hat! – Ihr ganzer rechter Fuß is kaum
so breit wie bei mir die linke große Zeh’« – und ich wär’ das
glücklichste Klavier auf der Welt – und ich ...

Benno versuchte, sich ein Bild der unbekannten Sängerin zu machen.

Das war freilich nicht so einfach, denn die einzige Dame, mit der Benno
nähere Beziehungen angeknüpft hatte, war die Göttin Phantasie, ein
heidnisches Fräulein, das mit dem lieben Gott die gemeinsamen
Eigenschaften hat, unsichtbar und gestaltlos zu sein.

Benno begann, die weiblichen Köpfe in den Schaukästen der Photographen
zu studieren, aber keiner entsprach dem Bild, das seine dunkle Ahnung
von der Sängerin entworfen hatte.

Die einen waren ihm zu selbstbewußt, die anderen zu schmächtig, jene zu
walkürenhaft, diese zu unbedeutend.

Blond, jung, mit großen, träumerischen Augen stellte er sich das Mädchen
vor, dessen Stimme ihn behext hatte.

Eines Abends, als er sie wieder singen hörte, trat er vor den Spiegel
und beschwor ihn:

    Spieglein, Spieglein an der Wand,
    Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Aber der Spiegel warf nur sein eigenes Bild zurück, von dem sich
schwerlich behaupten ließ, es sei das schönste Bild im ganzen Land.

Die Neugier nach dem Aussehen der großen Unbekannten ließ ihm keine
Ruhe, und schließlich faßte er den für seine Begriffe ungeheuerlichen
Entschluß, ihre Bekanntschaft zu suchen.

Wäre er ein Stuart Webbs gewesen, von dessen Spitzfindigkeit die Kinos
sämtlicher Weltteile Wunder berichten, oder ein Nick Carter, dessen
Detektivtaten in unzähligen Zehnpfennigheften mit furchtbar farbigem
Umschlag gefeiert werden, so hätte er wohl gewußt, wie er sich hätte
anstellen müssen.

Stuart Webbs wäre in einem solchen Fall einfach in das Hinterhaus
gestiegen, in das vierte Stockwerk, hätte die Fußspuren auf dem Boden
nachgemessen und die Füße sämtlicher Frankfurterinnen so lange mit
diesen Spuren verglichen, bis er die Sängerin herausgefunden hätte.

Leider aber pflegte Benno kein Kino zu besuchen, und er kam deshalb
nicht auf einen so genialen Einfall.

Er ging vielmehr geradewegs auf das Haus zu, aus dessen viertem
Stockwerk der Gesang zu tönen pflegte, schlich sich wie ein Einbrecher
die vier Treppen empor, um an der Türe den Namen der Bewohner zu
erforschen.

Ach, es war das erstemal, daß Benno Stehkragen auf Liebespfaden
wandelte, und er stellte sich dabei keineswegs kühn wie ein Kinoheld
an. Jeder Quartaner hätte mitleidig über den Anfänger gelächelt.

Sein Herzchen klopfte bis in den Buckel hinauf, und wäre ihm jemand auf
der Treppe begegnet, er hätte in seiner Verzweiflung die Hände
emporgestreckt und gerufen: »Ich ergeb’ mich!«

Atemlos stand er vor der Türe im vierten Stock.

Dort war ein verrostetes Blechschild angebracht mit der Aufschrift:
»Adam Käsberger, Schornsteinfeger.«

Und darunter war eine schmutzige Visitenkarte angenagelt, der die rechte
obere Ecke fehlte: »Rita von Veldern, Mitglied des Frankfurter
Opernhauses.«

Benno nahm ehrfurchtsvoll seinen Hut ab und machte eine tiefe
Verbeugung.

Also Rita hieß sie. Natürlich kam es ihm so vor, als hätte er noch nie
einen schöneren Namen gehört.

Er hätte sich gar nicht gewundert, wenn sich in diesem Augenblick die
Tür geöffnet hätte und eine Prinzessin hervorgetreten wäre, um ihn mit
einer unsagbar lieblichen Geste einzuladen: »Treten Sie näher in unser
Königreich.«

Und er hätte dann mit verklärtem Antlitz gestammelt: »Sehr angenehm!
Königliche Hoheit gestatten, daß ich mich vorstelle: Benno Stehkragen,
Beamter der Industriebank. Noch zu haben!«

Aber die Tür öffnete sich nicht. Wohl aber entfiel den zitternden Händen
Bennos der Hut und rollte die vier Treppen hinab, und hinter ihm her
rollte alsbald Benno Stehkragen, erhaschte im Hausflur seinen Hut, der
nun allerdings nicht mehr aussah, als ob er aus einem Königreich käme,
und machte sich auf den Heimweg.

Und obwohl der Text zu Lohengrins Schwanenlied unabänderlich feststeht,
sang er doch während des ganzen Weges auf diese Melodie den neuen Text:
»Rita, Rita, Rita.«

Wer erst einmal auf verbotenen Wegen gewandelt ist, kann es bekanntlich
nicht mehr lassen. Denn gerade auf den verbotenen Wegen blühen die
schönsten Blumen, leuchten die hellsten Sterne und wachsen die dicksten
Kartoffeln.

Benno, der schüchterne, tugendsame Benno, beschloß, auf dem verbotenen
Weg weiter zu wandeln, und sollte er auch schnurstracks in die Hölle
führen.

Wiederum zeigte es sich, daß Stuart Webbs und Nick Carter an Bennos
Stammbaum gänzlich unbeteiligt waren.

Zwischen seiner Wohnung und dem schornsteinfegerlichen Königreich lag
eine Delikatessenhandlung, die das Stelldichein sämtlicher Dienstmädchen
der Umgegend zu bilden pflegte. Dort wollte Benno Näheres über Rita
erfahren. Er gedachte, dort irgendeinen Einkauf zu machen und bei dieser
Gelegenheit die Besitzerin des Geschäftes auszufragen.

Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch schon vor der
Kühnheit seines Unternehmens zurückschreckte.

Drei Tage zauderte er.

Als aber am Abend des dritten Tages wieder der Sirenengesang durch das
offene Fenster in sein Zimmer getönt war, und zwar diesmal das für alle
unverliebten Ohren schreckenerregende Lied »Lieb’ mich, und die Welt
ist mein«, da raffte sich Benno auf mit dem festen Entschluß, die Welt
zu diesem billigen Preise zu erwerben.

Lange stand er am nächsten Mittag vor der Tür des
Delikatessengeschäftes. Er hatte seinen besten Anzug angezogen. Wohl
zehnmal hatte er die Hand auf die Türklinke gelegt, bis er es unter
Aufgebot seines ganzen Mutes über sich gewann, die Klinke
niederzudrücken.

Mit einem jähen Ruck öffnete sich die Tür, Benno erschrak heftig über
das Klingelzeichen und wäre gern wieder davongelaufen. Aber schon hatte
sich der blondgescheitelte Verkäufer, der während der Mittagsstunden die
Ladeninhaberin vertrat, und der aussah, als sei er aus dem Schaufenster
eines Friseurs durchgebrannt, des unglücklichen Benno bemächtigt, und
alsbald rasselte eine solche Fülle von Warenanpreisungen auf Bennos
verstörtes Haupt hernieder, daß sich der Ärmste nicht mehr zu helfen
wußte.

O, es war ein tüchtiger Kommis, und er wußte genau, daß Müllers
Stiefelwichse die beste ist und Bergers Hühneraugenpflaster, nur echt
mit dem Namenszug des Erfinders, Wunder wirken, und er machte aus
diesen Kenntnissen Benno gegenüber kein Geheimnis.

Als Benno zehn Minuten später wieder vor dem Laden stand, hatte er fünf
Büchsen Brechbohnen, drei Pfund gedörrtes Obst, zwei Pakete Margarine,
eine Kokosnuß und für dreißig Pfennig Bartwichse gekauft – dem
Königreich aber war er keinen Schritt näher gekommen.

So also ging es nicht.

Überhaupt, sagte sich Benno mißmutig, als er zu Hause die Pakete
auspackte, was geht dich die Sängerin an? Schreib’ deine Fakturen und
kümmer’ dich nicht um fremde Damen! Geh’ nicht auf die Mädchenjagd, du
bringst’s doch nur bis zum Sonntagsjäger! Du weißt’s doch aus der
Odyssee: Wenn die Sirenen singen, soll merr sich die Ohren mit Watte
verstopfen!

Und Benno verschloß an den nächsten beiden Abenden, sobald der Gesang
Ritas ertönte, heroisch die Fenster und hielt sich das rechte Ohr zu.

Und hörte nur ganz heimlich mit dem linken Ohr hin.

Aber der Kopf denkt, das Herz lenkt.

Benno ertappte sich dabei, daß er täglich den Theaterzettel des
Opernhauses studierte, um den Namen Rita von Veldern zu entdecken.

Aber er fand ihn nicht. Und das bedeutete keinen Mangel an Scharfsinn,
denn selbst ein Stuart Webbs und Nick Carter würden den Namen dort nicht
entdeckt haben. Aus dem einfachen Grunde, weil er nicht dort stand.

Sollte die Visitenkarte an der Tür des vierten Stockwerkes gelogen
haben?

Benno überlegte.

Er wollte der Visitenkarte nicht unrecht tun; sie hatte so
vertrauenerweckend schmutzig ausgesehen.

Er sagte sich: Wahrscheinlich tritt sie nicht unter ihrem Familiennamen
von Veldern auf, sondern sie hat sich einen Bühnennamen zugelegt.

Er fand dies sogar ganz in der Ordnung.

Und gestand sich: _Wenn_ ich ein großer Schauspieler wär’, ein so großer
Schauspieler, wie ich ein kleiner Schlemihl bin, ich tät’ _auch_ nicht
unter meinem Namen Benno Stehkragen, oder Benno _von_ Stehkragen,
auftreten.

In solchen Gedanken ging Benno eines Abends den Oederweg hinunter. Die
Straßenlaternen brannten trübe, und trübe flackerte das Lämpchen in
Bennos Herzchen. Ihm fehlte das Öl der Leidenschaft.

_Wenn_ ich jetzt der Don Juan wär’, philosophierte er, der große
Liebespraktikus aus Spanien – dann tät’ ich merr eine Mandolin’ kaufen
– und tät’ in der nächsten Vollmondnacht nach dem Oederweg 69
schleichen – und tät’ mich in den Hof stellen wie en Orgelmann – und
mein Diener Leporello müßt’ achtgeben, daß kein Schutzmann kommt – und
ich tät’ auf meiner Mandolin’ ’erumpauken – und tät’ mit mei’m
Mozartschen Bariton meinen Liebeskummer in die Nacht ’erausheulen – und
dabei mit großen Schritten auf und ab gehen und e bißchen mit dem Säbel
scheppern – und wär’ unwiderstehlich! – Und es tät’ sich im vierten
Stock ein Fenster öffnen – und ein weiblicher Mädchenkopf ’erausgucken
– und se tät’ merr ebbes herunterwerfen – nicht zwei Pfennig in Papier
gewickelt, sondern ihr Herz – ihr gerührtes, rotes Herz – und ich
tät’s mit mei’m spanische Käppche’ auffangen – und ich ...

Benno blieb plötzlich mitten auf der Straße und mitten in seiner
Träumerei stehen.

Ihm entgegen kam ein Fräulein, das einige Notenhefte unter dem Arm trug.

Benno wußte sofort: das ist sie.

Er blinzelte nach dem obersten Notenheft – es war der »Lenz« von
Hildach.

Rita von Veldern trug einen karierten Rock, eine verwaschene hellblaue
Bluse mit einem breiten, maschinengearbeiteten Spitzenkragen. Ihre
Kleidung schien etwas vernachlässigt und geizte offenbar danach, für
kostspieliger zu gelten, als es der Wahrheit entsprach.

Ich weiß nicht, welche Altersberechnung im Feenreich üblich ist – nach
_irdischer_ Berechnung stand Rita in der Mitte der dreißiger Jahre.

Ein unscheinbares, verblühtes Persönchen, das auf recht ausgiebig
geratenen Füßen durchs Dasein trippelte. Das spärliche dunkle Haar war
unter einem großen, abenteuerlichen Hut verborgen, der aussah wie »von
Herrschaften abgelegt«.

Das Gesicht war nicht hübsch, nicht häßlich, ein gutbürgerliches
Durchschnittsgesicht, das ehemals, als noch die Jugend es belebte, wohl
küssenswert gewesen sein mochte. Den entschwundenen Glanz ersetzte die
Kosmetik nur höchst unvollkommen.

Benno mußte zugeben, daß man sich eine Märchenprinzessin gewöhnlich
etwas anders vorstellt.

Machte nichts. Hatte er, der bucklige Benno Stehkragen, ein Recht, über
die körperlichen Vorzüge und Fehler seiner Mitmenschen zu Gericht zu
sitzen?

Und wäre Rita häßlich wie die Nacht gewesen, ihre Stimme war zart und
lieblich und besaß die Gabe, Licht in die Seele eines unansehnlichen,
harmlosen Hagestolzes zu gießen und Frühling in ein schmuckloses
Junggesellenzimmerchen zu zaubern.

Unwillkürlich hatte Benno sie gegrüßt.

Rita von Veldern schaute ihm erstaunt in die Augen, und er fühlte, daß
sie sich umkehrte und ihm nachsah.

Daß sie ihm in die Augen sah, konnte Benno, der blutrot geworden war,
nicht erschrecken, aber daß sie ihm nachblickte, war peinlich. Denn nun
mußte sie den Buckel sehen.

Und wenn ihr vielleicht seine Augen gefallen hatten, der Buckel mußte
jede Sympathie ersticken.

»Eigentlich,« hatte Benno einmal in seiner selbstironischen Art gesagt,
»eigentlich hat der liebe Gott aus mir ein Kamel machen wollen. Aber wie
er den Buckel geschaffen gehabt hat, da war er ihm doch für ein Kamel
nicht schön genug! Und da hat er halt den Benno Stehkragen draus
gemacht.«

Übrigens übertrieb Benno die Wirkung des Buckels bedeutend. Es ging ihm
wie jenem Prüfungskandidaten, dem ein Knopf an der ungeeignetsten
Stelle offen stand, der nun meinte, jeder Professor fixiere gerade diese
Stelle, und der darüber durchs Examen fiel, obwohl sein kleines
Toilettemißgeschick von niemandem bemerkt worden war.

So brachte sich Benno um jede Freundschaft mit Frauen und um das höchste
Erdenglück, um Liebe, durch seinen eigensinnigen Argwohn, sein Buckel
müsse jeden Menschen abstoßen.

Seit Benno Stehkragen Rita mit Augen gesehen hatte, ward ihm ihr Gesang
noch wertvoller.

Freilich, die Illusion des goldblonden Engels war unrettbar dahin. Aber
der Verlust dieser Illusion hinterließ keine brennende Wunde.

Es trat einfach an die Stelle seines schönen Traumes ein anderer schöner
Traum, der in weniger überirdischen Gefilden spielte, dafür aber an
Leben und Wahrscheinlichkeit gewann.

Benno kannte nun die Sängerin von Angesicht, und damit erhielten ihre
Lieder für ihn etwas Persönliches, Intimeres.

Er konnte sie sich jetzt recht gut während des Singens vorstellen, und
ihm war, als sänge sie für ihn allein.

Er sah Rita öfters auf der Straße, und jedesmal grüßte er sie.

Sie wunderte sich nicht mehr über diesen Gruß, sie dachte sich:
Wahrscheinlich ist es irgendein Bekannter vom Schornsteinfegerball. Und
sie erwiderte lächelnd seine Begrüßung.

Weiter als bis zu diesem Grußverhältnis entwickelte sich die
gegenseitige Bekanntschaft vorerst nicht. Und Benno war damit vollauf
zufrieden.

Ja, mehr als das, er war glücklich.

Bis die Stimme der Sängerin mehrere Abende hintereinander stumm blieb.

Die Fenster von Bennos Zimmer standen weit offen, ausgebreiteten Armen
vergleichbar, die des Liebsten harren. Oder, um ein echteres Bennosches
Bild zu wählen: einer Mausefalle vergleichbar, in der als Speckbrocken
Bennos Herz hing.

Kein Gesang wogte herein. Nur die feuchte Herbstluft zog ein, machte es
sich auf Bennos Sofa, in Bennos Bett bequem, kletterte die Wände auf
und ab, bis sie sich zuletzt in Bennos aufgestülpte Nase verkroch und in
Gestalt eines Stockschnupfens dort bis in den Januar wohnen blieb.

Keines der gebräuchlichen Schnupfenmittel erkannte sie als
Kündigungsgrund an.

War Rita krank?

Er sah sie jetzt auch nicht mehr auf der Straße.

Seine Unruhe wuchs von Abend zu Abend.

Alle die Besorgnisse, die sonst nur in liebevollen Mutterängsten ihr
Unwesen treiben, erwachten in ihm. Am Ende war sie von der Elektrischen
überfahren worden?

Oder auf der Straße ohnmächtig geworden und lag jetzt irgendwo in einem
Krankenhaus und konnte in ihrem Fieberzustand keine Auskunft über ihre
Personalien geben?

Oder ... oder ... Jede Frankfurter Mama kennt einen ganzen dicken
Konversations-Lexikons-Band voll solcher »Oders« – eines immer
katastrophaler als das andere.

Benno dachte daran, auf die Polizei zu gehen. Schließlich zog er es vor,
wieder das Orakel des Delikatessengeschäftes zu befragen.

Und diesmal war die Pythia selbst anwesend und nicht der
stellvertretende Hohepriester mit dem Pomadenscheitel und den
Billige-Jakobs-Manieren.

Diese Pythia drückte sich weit eindeutiger aus als ihre berühmte
delphische Kollegin.

»Wo die Käsbergers sin? Wo wer’n se sein? ’nausgeschmisse sein dhun se!
Des wär’ merr des Rechte: de liewe lange Dag de Leut’ die Ohr’n
vollorjele unn kaa Miet’ berappe! Nix wie enaus mit so’re Gesellschaft!«

Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküßt – das nannte die
Frau »die Ohr’n vollorgeln«!

Jetzt erfuhr Benno auch, daß Rita von Veldern nur ein Bühnenname sei,
und daß die Rita (»No, ich will nix sage, awwer wann ich _redde_
wollt’ ...!«) die Tochter Katharine des Schornsteinfegers Käsberger war.

Das alles war sehr niederschmetternd.

Und Benno kaufte in seiner Zerknirschung mehrere Pfund Stücksoda, zehn
Büchsen Leipziger Allerlei und drei Bündel Knoblauch.

Mühsam raffte er sich zu der Frage auf, ob die gute Frau nicht wisse, wo
die Käsbergers jetzt wohnten?

O ja, das wußte die gute Frau sehr genau. Sie hatte ein großes Interesse
an der Adresse, denn die »Bagasch« war ihr noch Geld für Waren schuldig.
Und nicht nur ihr, sondern fast sämtlichen Geschäften in der
Nachbarschaft.

»Uff’n Sachsehäuser Berg sin se gezoge. Vielleicht dhun ihne de
Sachsehäuser noch ebbes bumbe, die Frankforter dhun’s net mehr!«

Die volle Wahrheit über Rita von Veldern, geborene Katharine Käsberger,
erfuhr Benno auch hier nicht.

Nur so viel hörte er aus der lieblosen Schilderung heraus, daß die Rita
ein armes Geschöpf war.

Und das war sie in der Tat.

Ursprünglich war Katharine keineswegs zur Künstlerin bestimmt gewesen.
So schwarze Pläne hegte der Schornsteinfeger nicht mit seiner Tochter.
Er hatte sie vielmehr als Lehrmädchen in ein großes Warenhaus gesteckt,
wo sie alsbald in die Geheimnisse des Wareneinpackens und Verschnürens
eingeweiht wurde.

Nebenbei nahm sie Schreibstunden, denn ihre Schriftstücke hatten bisher
stets ausgesehen, als habe ihr Vater beim Nachhausekommen vom Beruf sich
die Hände daran abgewischt.

Der Schreibunterricht hatte befriedigenden Erfolg, und es läßt sich
nicht leugnen, daß die heimlichen Zettelchen, die sie nach etwa
einjähriger Lehrzeit einem Kommis der Seiden-Abteilung zukommen ließ,
eine bedeutend bessere Handschrift aufwiesen als der Briefwechsel, den
sie ein halbes Jahr zuvor mit einem Buchhandlungsgehilfen postlagernd
geführt hatte.

Den Gesang übte sie damals nur als Dilettantin aus; sie sang wie der
Vogel singt, der in den Zweigen wohnet, nur nicht so schön.

Und sie dachte nicht daran, diese Gabe Gottes als Erwerbsquelle
auszubeuten – bis zu jenem verhängnisvollen Abend, an dem sie im Verein
»Die lustigen Rauchfänger« das ergreifende Lied vortrug von dem
schlechten Kerl, der »mich nie geliebt« hat. Und als Zugabe das Baßlied
von der »Krone im tiefen Rhein«, für Sopran bearbeitet.

An jenem Abend befand sich unter den Zuhörern als Gast auch der
ehemalige Chorist Lebrecht Breivogel, der sich seit Verlust seiner
Stimme den Titel »Gesangspädagoge« zugelegt hatte.

Er schlängelte sich an Papa Käsberger heran und machte ihn darauf
aufmerksam, daß seine Tochter, die, nebenbei bemerkt, eine herrliche
Bühnenfigur besäße, ein Vermögen in der Kehle habe. Ein Vermögen, das
keineswegs so schwer zu heben sei, wie die Krone im tiefen Rhein.

Und es ginge zwar gegen seine Prinzipien, und er habe auch alle Hände
voll zu tun, aber er wolle ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise die Stimme
des gnädigen Fräuleins völlig kostenlos – prüfen.

Papa Käsberger war berauscht von den Zukunftsbildern, die der
Gesangspädagoge ihm malte.

Mama Käsberger weinte auf Vorschuß Tränen der Freude und des Stolzes.

Und Katharinchen sah sich bereits in den illustrierten Blättern
abgebildet. In einem tiefdekolletierten Seidenkleid, und mit einem
Faksimile ihrer verbesserten Handschrift.

Lebrecht Breivogel prüfte die Stimme, und da er dringend Schülerinnen
brauchte, entdeckte er ein außergewöhnliches Material. In spätestens
zwei Jahren werde das Fräulein ein erstklassiges Engagement haben, dafür
garantiere er.

Wenn ein Lebrecht Breivogel für etwas garantiert, so kann es kein
Besinnen mehr geben.

Das Warenhaus wurde um eine Einwicklerin ärmer und der große Einwickler
Breivogel um eine Schülerin reicher.

Auf dem Auktionswege wurde ein Klavier erstanden, äußerlich so gut wie
neu und innerlich ebenso miserabel, und Katharine Käsberger wanderte
zweimal wöchentlich zu ihrem Gesangsprofessor Lebrecht.

Und denselben Weg wanderten ihre kleinen Ersparnisse und Papa Käsbergers
sauer erworbene Notpfennige.

Vielleicht wäre aus Katharines Stimme etwas zu machen gewesen, hätte ein
solider Lehrer sie fleißig gebildet.

Zur Solistin an einem kleinen Stadttheater hätte es das von Hause aus
musikalische Mädchen wohl bringen können.

Den Mißhandlungen des Breivogelschen Unterrichts aber war die kleine
Stimme nicht gewachsen. Es spricht immerhin zugunsten Katharines, daß
ihr Organ den natürlichen Wohlklang nicht vollends einbüßte, und daß sie
in verhältnismäßig kurzer Zeit leidlich Klavier spielen lernte.

Ihre Stimme blieb unentwickelt, die Höhe wurde scharf, für die Hebung
ihres Geschmacks geschah gar nichts, aber die Stimme nahm in der
Mittellage einen rührenden Ausdruck an, wie die Augen eines mißhandelten
Kindes.

Und dieser Ausdruck war es, der Benno so sehr bezaubert hatte.

Es war, als klage diese Stimme ihr Leid über die erlittenen Züchtigungen
in die Welt hinaus und finde Trost in ihrem eigenen Klang.

Zwei Jahre nach Beginn der Gesangslektionen hatte Katharine zwar kein
Engagement, wohl aber ein Kind von ihrem Lehrer.

Mama Käsberger trug das freudige Ereignis mit dem Fatalismus, der so
vielen unbemittelten Leuten zur Gewohnheit wird.

Es war eben ein Unglück, da war nichts zu machen.

Papa Käsberger hingegen hatte im ersten Kummer geschworen, er werde dem
Breivogel alle Knochen einzeln entzweischlagen. Aber die Wogen seiner
Erregung glätteten sich wieder, als Lebrecht versprach, Katharine, die
jetzt bereits Rita hieß, zu seiner ehelich angetrauten Gattin zu machen.
Er wisse, was seine Pflicht als Ehrenmann sei! Was man eigentlich von
ihm glaube? Ritas wundervolle Stimme, ihre Zukunft als gefeierte
Sängerin seien ihm Mitgift genug.

Zum zweitenmal fiel die Familie Käsberger auf die Versprechungen
Breivogels hinein.

Denn als der lockere Breivogel merkte, daß man Miene machte, ihn beim
Wort zu nehmen, entfaltete er seine Flügel und verschwand spurlos aus
Frankfurt.

Er überließ seiner Schülerin in uneigennützigster Weise den alleinigen
Genuß ihrer glänzenden Zukunft.

Der kleine Lebrecht war ein hübsches Bübchen mit kohlschwarzen Augen.
Mama Rita und Großmama Käsberger verliebten sich in ihn, verhätschelten
ihn und merkten infolgedessen nicht, daß der kleine Lebrecht eine
Eigenschaft besaß, die in bessersituierten Kreisen kein Hindernis in der
Karriere ist, für arme Teufel aber verhängnisvoll zu sein pflegt: er war
strohdumm.

Mit der Pointe Klein-Lebrecht schloß das Couplet von Ritas Jugend.

Was nun kam, war schlichteste Prosa: eine Prüfung der Stimme durch
Sachverständige, die schmerzliche Eröffnung der Wahrheit, ein
resigniertes Engagement als Choristin.

Selbst auf diesen gewiß bescheidenen Erfolg war Papa Käsberger noch
stolz. Seine Tochter war doch beim Theater, ein Schimmer jener
rätselhaften Welt von Glanz und Herrlichkeit drang in seine karge
Häuslichkeit, er genoß den Kitzel all des Kulissenklatsches, den seine
Tochter von den Proben mit heimbrachte, und der beim Erzählen am
Stammtisch und im Verein ihn mit dem Glorienschein des »Wissenden« und
gewaltigen Kunstsachverständigen umgab.

Und besaß nicht Rita auch ein sichtbares, lebensgroßes Zeichen ihres
Künstlertums?

Ich meine damit nicht den kleinen Lebrecht, sondern den riesenhaften
Lorbeerkranz, der in der guten Stube über dem Sofa hing, und dessen
Schleife in goldenen Buchstaben die Inschrift trug: »Der vortrefflichen
Künstlerin – Die dankbaren Schornsteinfeger.«

Auf die Bildung des musikalischen Geschmacks wirkte die Tätigkeit als
Choristin unverkennbar günstig ein. Der Chormeister des Opernhauses war
ein gütiger Mann, dem zu einer glänzenderen Karriere nur eines gefehlt
hatte: das Glück.

Ein Mann voll Musikverständnis, voll echter Liebe zur Kunst, die ihm
auch sein jetziger, wenig erfreulicher Beruf nicht hatte verkümmern
können. Ihm fiel bald der natürliche Wohlklang der Stimme Ritas auf, er
ließ es nicht an guten Ratschlägen fehlen, nahm wohl auch nach den
Chorproben das eine oder andere Lied mit ihr durch, und ihm war es zu
verdanken, daß Rita auch Schumannsche und Schubertsche Lieder kennen und
singen lernte. Das Bewußtsein, der heiligen Cäcilie als treuer Jünger
gedient zu haben, war dem wackeren Manne Lohnes genug für die geopferte
Zeit und Mühe. –

Schwere Gedanken belasteten das Hirn Benno Stehkragens auf dem kurzen
Heimweg von der Delikatessen-Pythia. Nicht Liebe war es, die ihn für
Rita beseelte, nicht einmal Freundschaft. Aber er hatte nun einmal
Interesse für dieses Mädchen gefaßt, und er pflegte seine Interessen mit
Zähigkeit zu verfolgen.

Und war er ihr nicht auch zu Dank verpflichtet? Zu Dank für die vielen
genußreichen Viertelstunden, die ihr Gesang ihm geschenkt hatte?

Gab es hier nicht vielleicht etwas zu helfen, ein bitteres Los zu
lindern? Und Hilfe leisten, das war ja eine Lieblingsbeschäftigung
Bennos, der in seinen Träumen die ganze Menschheit zu beglücken
pflegte.

Oft, wenn er in den Zeitungen die Sammellisten für wohltätige Zwecke
las, und dabei auf den Vermerk stieß, »N. N. M 1000.–«, wünschte er
sich: Dieser N. N. möchte ich sein! Kann es etwas Schöneres geben, als
unerkannt, ohne anderen Dank als den Dank eines guten Gewissens
Wohltaten ausstreuen?

War das nicht noch tausendmal herrlicher als die Kaiserkrone Chinas, der
Bürgermeisterhut Gomorrhas?

Um jene Zeit siedelte die Industriebank aus dem einfachen Geschäftshaus
im Oederweg in den Dividendenpalast am Bahnhofsplatz über.

Benno beschloß nach schwerem Zögern, diesen Umzug als Grund zur
Kündigung seiner Wohnung zu benutzen.

Zwischen zwei großen Bissen polnischen Karpfens brachte er es würgend
übers Herz, seinen Hausleuten diesen Entschluß mitzuteilen, und wunderte
sich selbst, daß ihm dabei keine Gräte im Hals steckenblieb.

Er müsse näher an das neue Geschäftslokal heranziehen, er verliere sonst
zu viel Zeit in der Mittagspause, es täte ihm ja selbst unsagbar leid –
der polnische Karpfen wurde schier kalt über seiner Verlegenheitsrede,
und dem armen Benno stand der Angstschweiß auf der Stirn.

Am Ende war er _doch_ ein Haifisch? Und diese Rede hielt nicht er
selbst, sondern der Jonas in seinem Bauch?

Die Hausleute ließen ihn ungern ziehen. Die Kinder weinten, und auch dem
Vater Seligmann war das Schluchzen nahe, als er beim Abschied wehmütig
lächelte:

»Beinahe hätten merr die soziale Frage gelöst gehabbt – und grad da
müssen Se ausziehen!«

Benno zog »näher« der Industriebank, nämlich – nach dem Sachsenhäuser
Berg.

Drei Häuser von Ritas Wohnung.

Dort fand er bei der Tapeziererswitwe Petterich ein Heim, und sogar an
der Nordfront des Hauses ein Zimmer, von dem aus er Rita singen hören
konnte.

»E Zimmerche wolle Se hawwe?« hatte Frau Petterich an der Flurtüre auf
seine Frage geantwortet. »E Zimmerche? Hm, was sin Se dann?«

Die Auskunft »Bankbeamter« hatte sie befriedigt, sie ließ Benno
Stehkragen eintreten.

Er sah sich einer kleinen, rundlichen Frau im molligsten Mittelalter
gegenüber, deren Auftreten echtestes, resolutestes Sachsenhäuserinnentum
verriet: derb, kernbrav, hausmütterlich, handfest.

Der Eindruck des Hausmütterlichen wurde noch verstärkt durch das
achtjährige, sauber gekleidete Mariechen, ihr Töchterlein, das
neugierig, aber ohne Ängstlichkeit, den Fremdling beguckte.

»Du, Mama, der hat’n Buckel!« sagte es.

»Des guck’ ich selwer!« wies Frau Petterich ihre Tochter zurecht.

Und zu Benno gewendet: »So sin die Kinner! Waaß Gott, merr hat sei Last
mit dem Gezeppel! Ach, wann mei guder Mann noch lewe dhät, mei
Schorsch-selig, der mißt’r alsemal ’s Fell versohle – awwer wisse Se,
ich selbst breng’s net iwwer’s Herz! Also hier wär’ des Zimmerche! Vom
Balkoo aus könne Se bis hinner in de Wald gucke, wann’s net grad regne
dhut! Der vorigt’ Mieter – wisse Se, der Brofessor Langeberjer vom
Senkeberjische Inschdidut, e hochaastänniger Mann, vielleicht kenne
Se’n? – der hat oft schdunnelang dagesesse unn hat ää Sigarr nach der
annern geraacht – es wunnert mich nor, daß’r net aach noch die
_Schachtel_ mitgeraacht hat! Ich habb’s em hunnertmal gesacht: ›Se
verraache Ihne noch des ganze bissi Verstand!‹ awwer gradsogut hätt’
ich’s der Kommod’ do preddige könne – unn er hat vergniegt zugeheert
unn hat gesacht: ›Frau Petterich,‹ hat er gesacht, ›net for e Milljoo
geww ich des Zimmerche her!‹ ›Ich gebb’s for de zehnte Teil,‹ haww ich
erwiddert. Ich verzähl’s Ihne aach nor, Herr Umlegkrage’, damit Se
wisse, wie schee der Balkoo is! Mei Schorsch-selig – ach, des war e
Mann! So aan gibbt’s net widder! Da könne Se ganz Sachsehause in e Sieb
schitte unn dorchschittele, so aaner fällt net eraus – der hat als uff
dem Balkoo gesesse unn hat gesacht: ›Josephinche,‹ hat’r gesacht, ›des
hier is mei Keenigreich. Ich bin der Keenig, bloß haww ich nix zu sage!‹
Des war sei Lieblingsplätzche, bis’r emal erunner geschderzt is iwwer’s
Gelänner, weil er ze viel gesoffe gehadt hat. Ach Gott, er hat so’n
gude Abbedit gehabt, mei Schorsch! Besonnersch Weckklöß mit gekochte
Quetsche, da hat’r finf Stick fresse kenne! Unn hat _doch_ nor
hunnertdreißig Pund gewoge! Es war e Rätsel, wo des Fresse bei dem Mann
hie’ komme is! Ja, vier Jahr hat der Brofessor Langeberjer bei merr
gewohnt, bis er bletzlich de Rappel krieht hat, unn hat geheierat’. Mit
finfunfuffzig Jahrn, e Mädche von einunzwanzig. E ganz arm Mädche. Unn
hibsch war se aach net. Awwer ich sag’s ja alleweil: Je schdudierter e
Mensch is, desto meschuggener is er! Also, wie gefällt Ihne des
Zimmerche?«

Benno Stehkragen hatte den Eindruck, als sei Frau Petterich etwas
gesprächig.

Er vermutete, daß der selige Schorsch wohl nicht sehr oft zu Worte
gekommen sein mochte. Aber die Frau gefiel ihm trotz ihrer Redseligkeit.

Und noch mehr gefiel dem Kindernarr Benno das Mariechen, mit dem er in
der Folgezeit gar gut Freund wurde.

Nach zweistündiger Unterredung, in der er sowohl Frau Petterichs als
auch Professor Langenbergers vollständige Lebensgeschichte erfuhr,
hatte er das Zimmerchen an der Nordfront gemietet.

»Ich dhu noch e besser’ Dischdeck’ her unn annern Vorhäng an die
Fenster! Unn gell, gewwe Se merr ja uff de Deppich acht, es is e
Familje-Erbschdick, da hat schonn mei Großmudder de Großvadder
geschimbft, wann er mit dreckige Schdiwwel in die Schdub gedappt is.«

Benno zog ein und genoß wieder bei geöffnetem Fenster den Gesang der
Käsbergerin.

Er hörte ihn herzlich gerne, aber die ehemalige Verzückung stellte sich
nicht mehr ein.

War die neue Umgebung daran schuld?

Oder hatte die lieblose Enthüllung der Käsbergerschen Privatverhältnisse
durch die Delikatessen-Pythia doch einen Stachel in Bennos Gemüt
hinterlassen?

Rita von Veldern war von der Nachtigall zur Amsel degradiert.

Gewiß, auch die Amsel ist ein recht respektabler Singvogel, aber ihr
schwarzes Köpfchen trägt nicht das Diadem der Poesie, mit dem die
Dichter einstimmig die Nachtigall gekrönt haben.

Als Katharine an einem theaterfreien Abend mit dem kleinen Lebrecht
einen Spaziergang von ihrer Wohnung nach dem Waldrand machte, begegnete
ihr Benno.

Sie stutzte, dann brach sie in Lachen aus. Wer war dieser merkwürdige
Mensch? Schon auf dem Oederweg hatte er sie immer so feierlich gegrüßt,
und jetzt tauchte er plötzlich auch in dieser Gegend auf.

War diese Begegnung Zufall, oder handelte es sich um einen schüchternen
Liebhaber?

Mit einer raschen Entschlossenheit, deren Benno nie fähig gewesen wäre,
trat sie auf ihn, der vor Staunen den Hut ratlos in der Hand behielt, zu
und frug geradewegs:

»Wer sind Sie eigentlich? Ich habe Sie schon öfters gesehen.«

Ehe Benno eine Antwort stammeln konnte, erhob der kleine Lebrecht, der
sich vor jedem Fremden fürchtete, ein erschreckliches Geheul und
klammerte sich an seine Mutter.

»Ein sehr liebes Kind!« stotterte Benno und legte seine Hand auf
Lebrechtchens Kopf – ein Beruhigungsversuch, den dieser angenehme
Knabe mit verdreifachtem Gebrüll beantwortete.

Hatte er dieses kräftige Organ von seinem Vater oder von seiner Mutter
geerbt?

Rita und Benno starrten sich verdutzt an.

»Er ist etwas nervös,« bemerkte Rita entschuldigend.

»Aber er scheint ein guter Junge zu sein,« sagte Benno verbindlich und
zog eiligst seine Hand zurück, denn der gute Junge hatte nach ihr
gebissen.

»Ist das Ihr Brüderchen? Er sieht Ihnen so ähnlich.«

»Es ist mein Sohn,« antwortete Rita ruhig und gelassen.

Es gab Benno einen Stich.

»Sie sind verheiratet?« frug er enttäuscht.

»Ich wäre es beinahe einmal gewesen,« belehrte sie ihn freundlich. »Das
Lebrechtchen hier ist die Verlobungskarte. Aber die Verlobung ging
zurück. Lebrecht, gib dem Herrn die Hand!«

Lebrecht streckte Benno die Zunge heraus.

»Er kennt Sie noch nicht,« erklärte Rita das eigentümliche Verhalten
ihres Sprößlings. Und fügte lächelnd hinzu: »Auch ich kenne Sie noch
nicht. Wer sind Sie eigentlich?«

»Wer ich bin?« sagte Benno, als Lebrechts Mund endlich mit einem
mütterlichen Konfektstück gestopft war, im Weitergehen. »Wer ich bin? In
der Hauptsach’ bin ich e Buckel. Ich bin – hm, wie soll ich das
ausdrücken? – ein Etwas, das so lange Zahlen geschrieben hat, bis es
selbst ein Null geworden is. Sie finden meine Verdienste in keiner
Literaturgeschichte, in keinem Geschichtsbuch und in keinem
Konversations-Lexikon. Und zu allem Unglück heiß’ ich auch noch Benno
Stehkragen. Aber ich glaub’, ich hab’ kein schlechtes Herz – nur, wie
mitunter die delikateste Leberwurst in schofles Zeitungspapier
eingewickelt is, so is mein Herz eingewickelt in meine schofle Gestalt.
Und ich frag’ mich manchmal selbst, wenn ich morgens beim Aufstehen im
Nachthemd vor dem Spiegel steh’: bin ich wirklich ein menschliches
Hauptwort in dem großen Buch der Schöpfung oder bloß en Druckfehler? Ich
bin emal auf dem Rhein gefahren, und wie die Lorelei mich geguckt hat,
hat sich vor Schreck ihr goldenes Haar entfärbt, und se hat ihren
Frisierkamm ins Wasser fallen lassen, und ihr Lied is ihr im Hälschen
steckengeblieben – und da steckt’s heut’ noch drin! Seit der Zeit singt
se nicht mehr. So, jetzt wissen Se, wer ich bin!«

Solch krauses Zeug redete Benno der erstaunten Katharine vor, die nicht
wußte, sollte sie lachen oder ernst bleiben.

»Und weshalb grüßen Sie mich immer?« frug sie. »Ich kenne Sie doch gar
nicht.«

»Kennt mich der Mond?« gab Benno zurück. »Und doch grüßt er mich jeden
Abend! Außer es is grad Neumond.«

Und nun erzählte er ihr, wie viele schöne Augenblicke er ihr schon
verdankte, und daß es ihm ein Bedürfnis gewesen sei, sie zu grüßen, ohne
daß er sie deshalb mit dem Mond oder sonst etwas Astronomischem
vergleichen wolle.

Und jedesmal, wenn in ihrem Gesang der Himmel still die Erde geküßt
hätte, hätte er, Benno, in Gedanken ihr kleines Händchen geküßt. Und er
bitte nachträglich tausendmal um Entschuldigung.

Katharine fühlte sich durch diese Huldigung geschmeichelt und erfreut.
Und auch in Benno keimte eine frohe Gehobenheit.

War er nicht ein Mordskerl? Schritt er nicht elastisch als Kavalier
neben einer leibhaftigen Sängerin?

Wenn ihn einer seiner Bankkollegen so sähe, würde er nicht anerkennend
schmunzeln: »Sieh mal an, was Bennochen Stehkragen für Sachen macht! Wer
hätte das von ihm gedacht?«

Ja, es schlummern männliche Talente in einem, die man selbst nicht ahnt!

Ein Gespräch über Gesang kam in Fluß. Benno lauschte Katharines
Weisheiten nur mit halbem Ohr. Er warf von Zeit zu Zeit einen scheuen
Blick auf die neben ihm schreitende Choristin, sein Gang ward unbewußt
zu einem leicht verwegenen Tänzeln, so daß er ein wenig einem Dromedar,
das sich verschluckt hat, glich.

Je öfters er zu ihr hinüberblickte, desto günstiger wurde sein Urteil
über ihre äußere Erscheinung.

Im Grunde genommen besaß doch die Menschheit keinerlei authentische
Mitteilungen über das Aussehen der Feenkönigin. Wo steht geschrieben,
daß sie _keine_ spitze Nase hat und _keine_ verwaschene blaue
Seidenbluse trägt?

Und er dachte: _Wenn_ ich jetzt so frech wär’ wie der Casanova oder der
Herr Wittmann – und ich tät’ plötzlich meinen Arm um ihre Taille legen
– und tät’ mich auf die Zehenspitzen stellen – und ihr einen Kuß
aufpappen – oder zwei – und se tät’ merr eine Ohrfeige geben – oder
zwei – und es tät’ ihr im selben Augenblick leid – und se tät’
flüstern: »Ich hab’ Ihnen doch nicht weh getan, Herr Stehkragen?« – und
ich tät’ antworten: »Unberufen, _und wie_!« – und ihr kämen die Tränen
in die Augen – und se – –

Rita richtete eine direkte Frage an Benno, er mußte seinen schönen Traum
abbrechen und antwortete: »Wie haben Se soeben bemerkt, gnädiges
Fräulein?«

Nun entwickelte auch Benno seine musikalischen Ansichten und sprach lang
und gut.

Rita gewann den Eindruck, daß er ein ungeheuer gescheiter Mensch sein
müsse, von dem sie etwas profitieren könne, und so lud sie ihn ein, sie
doch gelegentlich zu besuchen und ihr beim Üben mit Ratschlägen
behilflich zu sein.

Das war mehr als Benno erwarten konnte.

Er war auf dem besten Wege, ernstlich Feuer zu fangen – die Obstbäume
dufteten so süß, die Spatzen zwitscherten so lustig, und hinter einer
Weißdornhecke legte der kleine Amor mit einem spöttischen Lächeln
bereits einen Pfeil auf den Bogen – da brach im kritischen Moment der
kleine Lebrecht wieder in ein markerschütterndes Geheul aus.

Der schreckliche Lebrecht hatte versäumt, ein kleines Bedürfnis
anzumelden, und bejammerte nun herzzerbrechend seine Hosen.

Gott Amor flog hellauf lachend hinter der Hecke hervor und wälzte sich,
vor Vergnügen quietschend, in den Brennesseln.

Statt zärtlich-geheimnisvoll Liebesworte auszutauschen, gerieten die
beiden nun in ein höchst prosaisches Familiengespräch. Statt Arm in Arm
zu wandeln, führten sie auf dem Heimweg den heulenden Lebrecht rechts
und links an der Hand.

O, wie schnöde endete, was so schön begonnen hatte!

Der Bengel war nicht zu beruhigen, so daß eine vorbeigehende
Sachsenhäuserin dem schuldlosen Benno erbost zurief:

»Verhaage Se doch den Lausbub emal or’nlich! Sie sin merr e scheener
Waschlappe von eme Vadder!«

Bald darauf fand der erste Besuch Bennos bei den Käsbergers statt, und
das riesige Blumenbukett, mit dem er sich bewaffnet hatte, erweckte das
helle Entzücken Katharines und der Großmama Käsberger.

Herr Lebrecht Breivogel hatte sich nie in solche Unkosten gestürzt. Im
Gegenteil, er war noch die Kosten für die Hebamme schuldig.

»Merr guckt doch gleich uff de ehrschte Blick, was e vornehmer Mensch
is!« belehrte Großmama Käsberger ihre Tochter, als Benno sich
verabschiedet hatte.

Sie fand, daß sein Buckel eigentlich gar nicht so groß sei, als er von
außen aussehe. Und er habe so viel Seele in den Augen.

Was schadete ein Buckel? Pah, so viele Buckels konnte ein Mann gar nicht
haben, daß sie ihn deshalb als Schwiegersohn verschmäht hätte.

Die gute Großmama Käsberger schwamm bereits in standesamtlichen Träumen.
Wenn die Töchter einmal in die dreißiger Jahre gekommen sind, sitzt bei
den Müttern der Segen sehr lose.

Jeder ledige junge Mann gilt ihnen als Schmetterling, sie haben
beständig das Schmetterlingsnetz bei sich, sie verstehen das Fangen
virtuos, und ehe der arme Junggeselle Böses geahnt hat, haben sie ihn
auf dem Spannbrett der Ehe aufgespießt.

Der harmlose Benno ahnte nicht, welche Gefahr ihn bedrohte.

Um so schärfere Augen hatte die erfahrene Frau Petterich, die die
Besuche ihres Mieters bei »dere Komödiantegesellschaft da driwwe« mit
Mißfallen sah.

»Genau so hat’s beim Brofessor Langeberjer aagefange!« warnte sie ihren
Schützling. »Uff de Kopp genau so! Zuehrscht harmlose Besuchercher, dann
so e merkwerdige Zerstreutheit, unn uff aamol hat’r vor’m Traualtar
geschdanne, de Zylinner verkehrt in der Hand, unn hat ›Ja‹ gesacht –
unn des Unglick war ferdig! Herr Stehkrage’, ich warn’ Ihne!«

Benno stutzte und wurde vorsichtig.

Er wiederholte in angemessenen Abständen seine Besuche, ließ sich von
Katharine etwas vorsingen, half dem kleinen Lebrecht gelegentlich bei
den Schulaufgaben, mit dem Erfolg, daß er nach einem Vierteljahr bereits
nur noch der zweitschlechteste in der Klasse war.

In hohe Gunst geriet er bei Papa Käsberger. Dieser erwies ihm die
höchste Ehre, die er zu vergeben hatte: er nahm ihn mit in den
Schornsteinfegerverein.

Benno fühlte sich sehr geschmeichelt. Da sich aber das Gespräch im
Verein fast ausschließlich um die Qualität des Äpfelweins und des
Magistrats drehte, wobei der Äpfelwein besser wegkam als der Magistrat,
so ging Benno vorsichtig einer Wiederholung seines Gastspiels bei den
»Lustigen Rauchfängern« aus dem Wege.

Etwas gespannter wurden mit der Zeit seine Beziehungen zu der gnädigen
Frau Großmama.

Sie konnte noch so oft betonen, daß das Junggesellenleben doch unmöglich
einen Mann auf die Dauer befriedigen könne, und daß ein kluger Mann
niemals eine junge Schneegans, sondern nur ein gereiftes, erfahrenes
Mädchen – »Rita, wie alt bist du eigentlich?« – heiraten würde. Benno
gab ihr vollständig recht, aber er zog nicht die gewünschten
Konsequenzen.

Großmama Käsberger fand infolgedessen, daß der Buckel Bennos in der
letzten Zeit bedeutend gewachsen sei. Eigentlich sei der Buckel noch
viel größer, als er von außen aussehe.

Und sie gewöhnte sich an, gar lieblos von Benno zu reden, und nannte ihn
ihrer Tochter gegenüber mit Vorliebe: »Dein buckliger Judd.«

Katharine nahm alsdann Benno kräftig in Schutz. Sie hatte längst
herausgefühlt, daß Benno ein guter Kerl war, und seine wohlwollende
Bewunderung tat ihr wohl. Kam doch durch ihn wieder ein bißchen Wärme in
ihr liebeleeres, verblühtes Dasein.

Und ähnlich ging es Benno selbst.

Er hegte für sie eine väterliche Freundschaft, er machte ihr kleine
Geschenke, ja, er nahm sie sogar einmal mit in das koschere Restaurant.

»Derf merr gratuliere?« hatte am nächsten Tag der stoppelbärtige Joseph
gefragt. »Wieviel krieht se dann mit?«

»Sie gehören ja auf den Affe’stein[1]!« hatte Benno ihn barsch
zurechtgewiesen. »Ich heirat’ überhaupt nicht. Mit mir stirbt mei
Geschlecht aus. Bloß meine Seitenlinie, der Apollo von Belvedere,
pflanzt sich noch fort.«

  [1] Frankfurter Irrenanstalt.

Benno und Katharine, zwei vom Schicksal vernachlässigte, an
Enttäuschungen gewöhnte Menschenkinder, freuten sich ihrer wunschlosen
Sympathie.

So standen die Dinge, als plötzlich Martha in Bennos Gesichtskreis trat.

Neben dem Sonnenglanze dieses neuen Erlebnisses mußte der freundliche
Schimmer jener harmlosen, allmählich zu einer angenehmen Gewohnheit
herabsinkenden Freundschaft verblassen.

Als erste bemerkte die gute Frau Petterich die Veränderung, die mit
ihrem Mieter vorging. Aber da ihr Marthas Existenz unbekannt war,
führte sie sein seltsames Verhalten auf die Beziehungen zu Katharine
Käsberger zurück, die sie schon lange auf die ziemlich umfangreiche
Liste jener Mitmenschen gesetzt hatte, die sie »net rieche« konnte.

»Haww ich’s net gesacht?!« jammerte sie. »Jetz is es bald werklich so
weid! Awwer des sag’ ich Ihne: _Ich_ geh’ net zu Ihrer Trauung, ich net!
Wann’ s dem Esel zu wohl is, geht er uff’s Standesamt! En Ring sollt’
merr Ihne dorch de Nas’ ziehe unn Sie im Zoologische Garte ausschdelle!
Ich sag’s ja: Seit mei Schorsch-selig dod is, gibbt’s kaa vernümfdige
Mannsbilder mehr. Mei Schorsch-selig – ach, so aan find ich meiner
Lebdag net mehr! Der war noch von der gude ahle Rass’! Danze hat er
könne, Schottisch, Galobb, Walzer rechts erum, Walzer links erum, uff
eigne Zehespitze unn uff fremde Zehespitze – der geborene
Balletöserich! Dorch’s Danze hawwe merr uns ja aach seinerzeit kenne unn
liewe gelernt. An eme Sonntag war’s, in Nidderrad, beim Bamberger. Finf
Glas Bier haww ich’m bezählt, unn nach’m sechste hat er merr ewige Treu’
geschworn. Unn er hat se aach gehalte, wenigstens haww ich nix bemerkt!
Des war e Mann, mei Schorsch-selig, e Herz wie Gold hat er gehabbt, unn
so schee war er: wie e Feldwewel in Zifil hat er ausgesehe. Se misse
awwer net glaawe, daß ich net vielleicht aach noch annerne Partiee hätt’
mache könne. Minnestens Sticker zehe Verehrer haww ich gehabbt, ich war
aach emal jung unn schee – so schee werd’ Ihne Ihr hochgeborenes
Fräulein Käsberger ihrer Lebdag net, unn wann se hunnert Jahrn alt werd!
Da is zum Beischbiel der zwette Gehilf vom Metzger Westheimer gewese,
der wär beinah wege mir in de Mää gehippt, glicklicherweis’ war er
damals grad zugefrorn! Unn der Ausläufer Philipp vom Schepeler, der hat
sogar Gedichtcher uff mich gemacht, so unzurechnungsfähig war er. Godd,
wann ich draa denk, wie ich emal mit’m Philipp beim Bamberger gedanzt
habb unn der Schorsch is dazukomme, unn eh’ ich die Herrn habb
mitenanner bekannt mache könne, hat der Philipp schonn verbunde wer’n
misse. Dann mei Schorsch-selig, der hat Kraft gehabt wie e Eisbär,
Muskele, sag’ ich Ihne, so dick wie Ihr Buckel! Unn hat doch schderwe
misse. Es is e Kreuz!« – –

Wir haben Benno auf seinem abendlichen Heimweg ganz allein den
Sachsenhäuser Berg hinaufkraxeln lassen, ihn diskret seinen Träumen
nachhängen lassen, nun aber wollen wir uns ihm wieder anschließen und
ihm in sein Zimmerchen folgen, um einmal nachzuschauen, wie es dort
aussieht.

»Guten Abend, Herr Stehkragen!« begrüßte ihn Mariechens frohlockende
Stimme im Hof.

Das Mariechen hatte in dem Schuppen, der dem seligen Herrn Petterich als
Sommerwerkstätte gedient hatte, gespielt und war, sobald sie Benno
erblickt hatte, ihm freudig entgegengesprungen.

»Guten Abend, Mariechen,« erwiderte Benno den Gruß und zupfte ihr das
Haarband, das sich beim Spielen verschoben hatte, zurecht. »Die
Schulaufgaben schon gemacht?«

»Natürlich, Herr Stehkragen!« beteuerte das Kind. »Soll ich sie Ihnen
zeigen?«

»Später, später!« sagte Benno freundlich. Sein Kopf war noch mit
Gedanken an Martha gefüllt, und er überhörte beim Betreten des
Hausflurs ganz den Gruß der Frau Petterich.

Kopfschüttelnd sah ihm seine Wirtin nach.

»Jetzt glaaw ich’s bald selwer,« seufzte die brave Frau, »daß es Zeit
werd, daß er unner’n Bandoffel kimmt! Dem Riese Goliath sei’ Bandoffel,
des wär’ so die richtige Größ’ for en. Er werd schonn ganz daub vor
Zerstreutheit, die Lieb’ hat sich bei em uffs Ohr gelegt, nächstens
schnappt er iwwer!«

Beim Betreten seines Zimmers fand Benno auf dem Tisch einen Strauß
frischer Wiesenblumen.

Den hatte ihm Mariechen gepflückt, die mit kindlich-überschwenglicher
Verehrung an ihrem Hauslehrer Benno hing.

Wie gut konnte er ihr alles erklären! Viel besser als die Lehrerin in
der Schule. Und nie schimpfte er. Immer war er gleichmäßig freundlich,
verlor nie die Geduld, so viel man ihn auch fragte. Und merkwürdig: Bei
der Lehrerin in der Schule verspürte man immer, sobald sie sich
umdrehte, den unwiderstehlichen Drang, ihr die Zunge herauszustrecken,
eine Nase zu schneiden oder wenigstens ein Gesicht zu ziehen – bei
Benno kam ihr nie dieser Gedanke.

Benno war ihr guter Freund, ihr Vertrauter. Nur wo die Kinder herkommen,
sagte er ihr nicht. Wahrscheinlich wußte er’s selber nicht.

Und noch eines war dem Mariechen aufgefallen: daß er ihren Namen nicht
behalten konnte. Er redete sie oft mit »Martha« an.

Sie hatte es einmal lachend ihrer Mutter erzählt, und diese hatte die
rätselhafte Antwort gegeben: »Wann er dich widder mit Martha aaredt,
dann reddst _du_ en mit ›Herr Käsberger‹ an!«

Benno nahm den Blumenstrauß in die Hand, seine aufgestülpte, bebrillte
Nase verschwand in den Blüten.

Er zog eine Marguerite aus dem Strauß und zupfte die Blätter ab und
flüsterte dabei: »Sie liebt den Wittmann – se liebt ihn nicht – se
liebt ihn – se liebt ihn nicht – se liebt ... der Schlag soll ihn
treffen!«

Er seufzte tief auf, hängte Hut und Mantel an den Türhaken und legte
sich auf das Sofa.

»Wolle Se gleich die Fieß vom Sofa erunner dhun!« erklang auch schon
Frau Petterichs vorwurfsvolle Stimme.

Frau Petterich war ins Zimmer getreten, um seinen Mantel zum Ausbürsten
zu holen.

Oder, ehrlicher gesprochen, sie kam unter diesem Vorwand, um sich zu
überzeugen, ob ihr Mieter wieder seufzend auf dem Sofa lag und »seine
Zuständ’« hatte.

Den Hauptschmuck des Zimmerchens bildete der große Bücherschrank. Da
standen unsere Klassiker in Reih und Glied, arg zerlesen, fleckig und
vergilbt, so daß man sie beim ersten flüchtigen Anblick für wertvolle
alte Ausgaben hätte halten können. Aber dem war nicht so. Stuart Webbs
hätte mit Leichtigkeit festgestellt, daß diese Flecken Bennosche
Fingerabdrücke und Butterbrotspuren waren.

Über dem Sofa hing ein Brautbild von Bennos verstorbener Mutter.

Zweifelsohne hatte diese Photographie einst in dem Brautbild des Vaters
ein Gegenstück besessen. Aber dieses Bild fehlte.

Hatte der kurzsichtige Benno es einmal fallen lassen, oder war es beim
Umzug verlorengegangen?

Nein, die Geschichte verhielt sich ganz anders, und sie war wieder
einmal eine echt Bennosche Geschichte.

Der alte Stehkragen und sein Sohn hatten sich zeitlebens schlecht
verstanden. Der Vater, ein Kleinkaufmann, hatte den kleinen Benno unter
schweren Opfern das Gymnasium besuchen lassen und hoffte, in ihm
dereinst eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft zu sehen.

Benno sträubte sich hartnäckig gegen diesen Plan. Gewiß, es mußte
Befriedigung verleihen, körperliche Leiden zu heilen, Wunden zu
schließen – aber sein ganzes Leben mit dem Anblick von Krankheiten, von
häßlichen Zerstörungen zubringen, all das Elend unserer Hinfälligkeit
tagein, tagaus von neuem zu studieren, dazu fühlte sich Benno nicht
stark genug. Ein prophetisches Gefühl ängstigte ihn, er werde als Arzt
keine frohe Stunde mehr genießen können, er werde die Welt durch eine
blutige Brille ansehen.

Der Literatur- und Kunstgeschichte wollte er sich einstens widmen –
ein Studium, zu dem der Vater schon aus materiellen Gründen nie seine
Zustimmung geben konnte.

So oft die Berufsfrage besprochen wurde, kam es zu hitzigen
Auseinandersetzungen, bei denen die Mutter bittere Tränen vergoß.

»Wein’ nicht, Mutter,« tröstete Benno die alte Frau, wenn der Vater den
Hut aufgesetzt hatte, die Tür wütend zugeworfen und das Haus verlassen
hatte, um durch erregtes Spazierenlaufen in den Promenaden seinen Kummer
zu ersticken. »Flenn’ nicht, Mama! Wenn ich erst emal e berühmter Mann
bin, wird sich der Vater schon beruhigen! Ich _kann_ nun emal kein
Bauchaufschneider werden, es interessiert mich nicht, wie die Leut’
inwendig aussehen! Mir is e gutes Gedicht lieber wie der schönste
Blinddarm – hab’ Vertrauen in mich und putz’ derr die Tränen ab!«

Und die alte Frau trocknete ihre Tränen, sie hatte ja so gern Vertrauen
zu ihrem einzigen Kind.

Man konnte es unter diesen Umständen beinahe ein Glück nennen, daß
Stehkragen #senior# starb, ehe die Berufsfrage zur Entscheidung
drängte.

Benno ging damals in die Untersekunda und machte statt der Schulaufgaben
Gedichte an den Mond, an die Lotosblume und andere aus Heinrich Heine
entlehnte Requisiten der Verliebtheit.

Die Mutter, die schon früher dem Vater bei der Arbeit geholfen hatte,
führte opfermutig das kleine Geschäft weiter, aber trotz verzweifelter
Anstrengungen ließ sich kaum so viel herauswirtschaften, daß Benno das
Gymnasium weiter besuchen konnte.

Nur wenige Jahre überlebte seine Mutter den Vater.

Benno fand sich kurz vor dem Abiturientenexamen allein auf der Welt, als
Erbe eines Geschäftes, von dem er nichts verstand und zu dem er keine
Neigung hatte.

Wo sollte das Geld zum Studieren herkommen? Alle seine Hoffnungen
brachen zusammen. Es blieb keine Wahl: Ein Brotberuf mußte ergriffen
werden.

Freunde der Familie nahmen sich des jungen Menschen an, der eine
fatalistische Gleichgültigkeit zur Schau trug, liquidierten das
heruntergekommene Geschäft, retteten dem Erben eine unbedeutende Summe
und verschafften ihm mit Mühe durch die Protektion von Leuten, die Benno
kaum dem Namen nach kannte, eine Stelle als Lehrling in der
Industriebank.

So sehr dieser Beruf Benno bald zuwider ward, er fand zeit seines Lebens
nicht mehr die Energie, sich loszureißen und einen anderen Lebensweg
einzuschlagen.

Mit ein paar Möbelstücken aus dem Nachlaß der Mutter, mit ein paar
Bildern richtete sich Benno ein bescheidenes Heim ein. Dem Bild der
Mutter gab er den Ehrenplatz über dem Sofa, das Bild des Vaters aber,
das er nicht ohne Groll betrachten konnte, verkaufte er mit allerlei
Gerümpel. Seine Schulbücher warf er an einer unbeobachteten Stelle in
den Main.

Den voreiligen Verkauf des väterlichen Bildes bereute er freilich
später.

Denn als er älter und reifer geworden war, erschien ihm sein Vater
mitunter doch in einem ganz anderen Lichte, als ihn seine jungenhafte
Unduldsamkeit gesehen hatte.

Der alte, abgearbeitete Mann hatte es in seiner Einfalt sicherlich sehr
gut mit ihm gemeint, vielleicht am besten von allen Menschen.

Jetzt hätte Benno gern ein Bild seines Vaters besessen. Aber nun war es
zu spät. Aus der Verwandtschaft lebte nur noch eine sagenhaft alte
Tante, der Benno niemals geschrieben hatte, und von der er lediglich die
Erinnerung besaß, daß seine Mutter gelegentlich von ihr als von der
»geizigen Amalie« gesprochen hatte.

Nach langem Zögern frug er brieflich bei ihr an, ob sie ein Bild seines
Vaters hätte. Der Brief kam zurück mit dem Vermerk:

»Adressatin seit Jahren verstorben.«

Wenn nun Benno auch keine Photographie seines Vaters besaß, so war das
Brautbild über dem Sofa doch nicht ohne Gegenstück. Dieses Pendant
freilich war abermals ein echt Bennosches Kuriosum.

Da hing nämlich in breitem Goldrahmen, säuberlich unter Glas, eine
Landkarte von Deutschland.

Ursprünglich hatte ein Plan der Stadt Frankfurt diesen Platz
eingenommen. Aber als der einmal von der Wand gefallen war, hatte Benno
diesen Zufall für einen Wink von oben erklärt, sagte: »Dein Vaterland
muß größer sein« und ersetzte den Stadtplan durch die Karte von
Deutschland.

Statt des väterlichen Bildes prangte also ein Bild des Vater_landes_
über dem Sofa, neben dem Bilde seiner leiblichen Mutter das Bild der
geistigen Mutter.

Oft stand Benno vor dieser Landkarte, fuhr mit dem Zeigefinger die
Grenzlinien entlang, gleichsam die Karte liebkosend, und flüsterte:
»Dies ist das Herz der Welt!«

Ja, dieser kleine bucklige Mensch war ein glühender Patriot, und seine
Überzeugung lautete: »Es ist eine Streitfrage, ob es ein Glück ist,
überhaupt geboren zu sein. _Wenn_ man aber schon einmal geboren wird,
dann ist es das größte Glück, in Deutschland geboren zu werden.«

Deutschland, das war ihm nicht ein Land, in dem man zufällig zur Welt
kommt, Deutschland war ihm das Land der Länder, der Tempel der
Menschheit.

In deutscher Sprache hatte er reden, denken und fühlen gelernt, in
deutschen Schulen war er erzogen; alles, was er an Bildung und Kultur
genoß, war für ihn unmittelbar und unlösbar mit dem Deutschtum
verknüpft.

Er ging so weit, zu behaupten, Shakespeare sei in deutscher Sprache
tausendmal schöner als in englischer.

Und alle seine liebende Freude an Naturschönheit wurzelte in der
Anschauung deutscher Natur. Oder war es nicht ein deutscher Wald
gewesen, der ihn zuerst seine Geheimnisse hatte ahnen lassen, war es
nicht ein deutscher Strom, dessen Rauschen ihm zum erstenmal
Unendlichkeit gesungen hatte? Waren es nicht deutsche Wiesen, in denen
er sich als Kind getummelt, in denen er als Jüngling den Wolken
nachgeschaut und den Gesang der Vögel enträtselt hatte?

Mochte Italien immerhin das Land sein, wo die Zitronen blühen, in
Deutschland wuchs der Blüten edelste: die blaue Blume der Romantik.

Mochten immerhin kalte Wissenschaftler die Internationalität der
Gestirne nachweisen, seinem liebenden Überschwang waren es deutsche
Sterne, die ihm des Nachts zu Häupten leuchteten.

Ja, er zweifelte in seinem tiefsten Innern nicht daran: Der alte Jehova
hatte sicherlich längst das Hebräische als himmlische Hofsprache
abgeschafft, und wenn er jemals wieder den Menschen Gesetzestafeln
aufschreiben würde, so würde er’s im reinsten Hochdeutsch tun, in der
neuesten Orthographie.

Wohl eine Stunde mochte Benno in Gedanken auf dem Sofa gelegen haben,
als es plötzlich klopfte.

Er hatte während dieser Stunde nur ein einziges Mal seine Siesta für
einen Augenblick unterbrochen gehabt, als es durch das offene Fenster
herübergetönt hatte:

    »Du meine Seele, du mein Herz,
    Du meine Wonne, du mein Schmerz ...«

Da hatte er schnell das Fenster geschlossen.

Nein, er konnte jetzt die Käsbergerin nicht singen hören.

Und hatte sich wieder auf das Sofa gelegt und weitergeträumt.

Frau Petterich brachte den ausgebürsteten Mantel.

»Lieche Se schonn im Bett?« fragte sie an der Türe. »Warum mache Se dann
kaa Licht an? Sie sin wohl lang net mehr vom Sofa erunnergeplumpst?
Odder wolle Se sich gern de Kopp am Bicherschrank ei’renne? Herr
Stehkrage, Se gefalle merr net mehr! Was hocke Se jetz schonn widder e
Ewigkeit im Dunkle unn fange Grille? Ich kann Ihne nor sage: Sein Se
froh, daß Se net mei Mann sin, mit Ihne dhät’ ich emal deutsch redde!
Awwer mit Musikbegleidung von mei’m Deppichklopfer!«

»Sie brauchen kein Licht anzuzünden,« rief ihr Benno zu, indem er sich
melancholisch vom Sofa erhob. »Halten Sie mir bitte den Mantel! Ich geh’
noch aus.«

»Wie kann ich Ihne de Mantel halte, wann ich nix guck?!« beklagte sich
Frau Petterich. »Komme Se wenigstens eraus uff de Gang, da brennt e
Petroleumfunsel!«

Und während sie ihm den Mantel hielt, ließ sie ihre Blicke mütterlich
bekümmert über Benno gleiten, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrem
molligen Busen.

»Sein Sie nicht böse, liebe Frau!« entschuldigte sich Benno. »Sein Sie
nicht böse, wenn ich manchmal etwas sonderlich bin. Ich kann nichts
dafür.«

»Kann etwa _ich_ ebbes dafor?« empörte sich seine Hauswirtin. »Awwer ich
waaß schonn, was Ihne fehlt! Ich bin e ahl Fraa, mir mache Se nix vor!
Sollt merrsch for meglich halte: So e ahler Esel muß sich noch e Eselin
suche! No ja, mir kann’s recht sei’! Maantswege fahrn Se in die Terkei
unn heierate Se gleich e ganz Ahljungfernstift! Vielleicht dhun Se dann
widder zor Vernumft komme!«

Und sie zog dem kleinen Benno in ihrer Erregung den Mantel so energisch
über die Schultern, daß er beinahe vornüber gestolpert wäre.

Benno ging im Dunkeln dem Walde zu. Er biß sich auf die Lippen, das
Weinen war ihm nahe.

Sie hatte ja so recht, die gute Frau Petterich, wenn sie auch auf einer
falschen Fährte war.

Ja, ich bin ein alter Esel, sagte er sich, aber hat nicht auch Titania
einen Esel in den Armen gehalten? Ich bin ein alter Esel, und ich
verdiene Prügel. Mit einem weit härteren Instrument als mit einem
Teppichklopfer.

Aber während er sich so bittere Vorwürfe machte, schwoll sein Herz von
Süßigkeit. Und alle Versuche, Martha aus seinem Gedächtnis zu reißen,
gruben ihr Bild nur noch tiefer darein.

Er wandte sich um und blickte auf das nächtliche Frankfurt hinab.

Da lag die Stadt, ein glitzerndes Lichtmeer, beherrscht von der edlen
Silhouette des Domes. Dort drüben, das war die Kuppel der Hauptpost,
dort spielte der zackige Giebel des Römers, und jene Lichtquelle, von
der sich Lichtschlangen weithin ins Land zogen, das war der
Hauptbahnhof, von dem aus man nach der Türkei fahren konnte, um einen
Harem zu gründen.

Benno kannte alle Kuppeln und Türme seiner Vaterstadt, und sie schienen
ihm inmitten der Häuser aufgestellt wie die Figuren eines Schachbretts.

Etwas wie Ahnenstolz regte sich in ihm, als er es so vor sich sah, das
unermüdliche Frankfurt, die Hochburg des Bürgerfleißes, in seiner
siegreichen Selbstsicherheit.

Er liebte diese Stadt und grollte ihr zugleich.

Er liebte sie um ihrer kaufmännischen Großzügigkeit, ihres imponierenden
Zielbewußtseins willen – er grollte ihr ob ihres Materialismus, der
auch die Kunst für ein Rechenexempel hält.

Und ihm war, die edle Francofurtia, die freie Patriziertochter, trüge
jetzt einen Federhalter hinter dem Ohr und habe Bureaustunden und
verzeichne die Taten ihrer Schutzbefohlenen nicht mehr auf goldener
Tafel, sondern in einem wohlliniierten Hauptbuch, und wenn man sie
früge, wer ihr bedeutendster Sohn sei, so antworte sie: Rothschild.

Er malte sich, während er in den Abend schritt, das Bild einer solchen
Francofurtia aus, er sah sie vor sich, hochgewachsen, mit goldenem Haar
– und erkannte plötzlich, daß es Marthas Bild war, das ihm vor Augen
schwebte.

Er blickte empor und war überrascht von dem reichen Sternenhimmel. Und
da er sich erinnerte, daß der Aberglaube die Geschicke der Menschen von
den Gestirnen regieren läßt, so begann er spielerisch nach dem Stern zu
suchen, unter dem wohl er, Benno Stehkragen, geboren sein mochte.

War es der flackernde Sirius, der so kokett am Himmel tanzte und
glitzerte wie ein Brillantring?

War es der stolze Jupiter? Der Mars? Die Venus?

Ach nein, sagte sich Benno wehmütig. Wie käm’ ich zu solch vornehmen
Geburtshelfern? Mein Gestirn ist der Mond, und er war, wie ich geboren
wurde, sicher im abnehmenden Viertel. Der Mond, der kein eigenes Licht
hat, das ist für mich der einzig mögliche Planet. Und einen Buckel hat
er auch! Die Gelehrten behaupten zwar, das sei das Mondgebirge – aber
was verstehen die Gelehrten von der Wissenschaft?

Durch die Stille brach das Rattern eines nahen Eisenbahnzuges und lenkte
Bennos Gedanken wieder vom Himmel auf die Erde.

Er hatte nun den Wald betreten, und Dunkel umfing ihn. Die Baumkronen
standen so dicht, als schmiegten sie sich furchtsam aneinander, die
Büsche und Sträucher verschwammen zu einer Nebelmauer.

Benno ging, wohin ihn der Weg führte; er hatte kein bestimmtes Ziel. Die
Stille, die Finsternis taten ihm so wohl, es ließ sich dabei so
schmerzlich-süß träumen.

Tönte da nicht Musik? Nein, das Rauschen eines Bächleins war es, und er
wußte sogleich: Das war das Königsbrünnchen.

Er sah es in Gedanken vor sich, wie er es so oft bei Tage gesehen hatte,
er sah die Quelle über die vom Eisengehalt des Wassers geröteten
Felsbrocken sprudeln, und er bedachte:

_Wenn_ ich jetzt an dem Königsbrünnchen säß’ – mit einer großen Angel
– und einem Regenwürmchen vorn dran – weil die Fische auf einen leeren
Angelhaken nicht anbeißen – (so dumm sind nur die Menschen) – und ich
tät’ nix fangen – weil’s in dem Königsbrünnchen überhaupt keine Fische
gibt – sondern es ging’ mir wie dem Fischer von Goethe – und die Flut
tät’ sich plötzlich teilen, und es käm’ eine von den Wassernixen hervor
– die’s in dem Königsbrünnchen _auch_ nicht gibt – und die Wassernix’
tät’ sagen: »Schöner Jüngling,« tät’ se sagen – »legen Se ab und kommen
Se herein« – und dabei tät’ se schmeichelnd ihren weichen Nixenarm um
meinen Hals legen – und küßt’ mich – und ich wehr’ mich nicht, denn
warum auch? – und plötzlich fällt der Mondstrahl gerad auf ihr Gesicht
– und es ist die Martha Böhle – und ...

Und plötzlich schlug Benno Stehkragen die Hände vors Gesicht und weinte
bitterlich.

Es war spät in der Nacht, als er heimkehrte, und ein starker Entschluß
war in ihm gereift: Er wollte sich Martha offenbaren, er wollte ihr
sagen, daß er ihr Sklave sei für alle Zeit, und daß sie ihn erhöhen oder
vernichten müsse.

Er hatte den Hausschlüssel vergessen und mußte deshalb seine Wirtin aus
dem Schlaf schellen.

In einem flanellenen Unterrock kam Frau Petterich, einen
Fünfminutenbrenner in der Hand, gewichtigen Schrittes die Treppe
herunter.

»Schonn dahaam?« frug sie bösgelaunt über die Störung. »Sie war’n wohl
beim Ebbelwei?«

»Ja, ich war beim Äpfelwein,« log Benno.

»So? Des nächstemal iwwernachte Se nor aach gleich im Wertshaus! Odder
maane Se, ich habb Lust unn bild’ mich wege Ihne zum Nachtwächter aus?«

Schuldbewußt stieg Benno hinter ihr die Treppe empor.

Auf der fünfzehnten Stufe versagte der Fünfminutenbrenner, und Frau
Petterich schrie, indem sie einen neuen in Brand setzte: »Jetz verbrenn’
ich merr aach noch wege Ihne die Pfote!«

Unheilvoll schweigend legte sie den Rest der Treppe zurück, unheilvoll
schweigend zündete sie ihm seine Petroleumlampe an. Sie hatte noch
einige kräftige Worte auf der Zunge – ach, es war ja so lange her, daß
sie keine Gardinenpredigt mehr hatte halten können – aber als sie
Bennos klägliche Miene sah, überkam sie wieder das Mitleid.

»Sie wer’n immer reifer zum Heierate: sogar unbünktlich haamkomme dhun
Se schonn! No, die Käsbergerin werd Ihne schonn ziehe!« sagte sie und
verabschiedete sich mit einem energischen »Gu’n Nacht, Herr
Nachtschwärmer!«

Benno hörte sie in ihrem Zimmer noch eine kurze Weile rumoren, vernahm
noch ihre Worte: »Schlaf nor, Marieche, es war nor der Herr Käsberger«
– dann ward es stille.

Wenige Minuten später lag er selbst im Bett. Aber er konnte nicht
einschlafen.

Er wälzte sich auf die rechte Seite, starrte in das Licht der
Petroleumlampe und stöhnte: »Ich lieb’ se, ich lieb’ se, ich bin
verrückt, es hat noch nie einen so meschuggenen Menschen gegeben wie
mich – aber ich lieb’ se!

Und ich muß es ihr sagen.

Aber wie? Ich kann ihr doch nicht im Bureau eine Liebeserklärung machen?
Ich kann doch nicht mitten auf der Kaiserstraß’ vor sie hinknien und
einen Volksauflauf verursachen?

Soll ich vielleicht einmal mit ihr ins Kino gehen? Und wenn’s dunkel
wird, und auf der Leinwand küßt sich gerade ein Liebespaar – es wird
nirgends auf der Welt so viel geküßt wie auf einer Kinoleinwand –, dann
nehm’ ich sacht ihr Händchen und streichel’s und flüstre – ja, wenn ich
nur wüßt’, was man bei solchen Gelegenheiten flüstert!«

Er wälzte sich auf die linke Seite.

»Ist die Menschheit nicht närrisch? Weshalb nimmt man nicht einfach das
Mädchen, das man liebt, beim Arm und packt se in eine Droschke und fährt
se nach dem Standesamt und zieht dort seinen Füllfederhalter heraus,
unterschreibt, fährt heim und is verheiratet? Weshalb muß man vorher
erst eine Liebeserklärung loslassen und Sonne, Mond und Sterne
beschwören und sich die Zunge aus dem Hals und die Vernunft aus dem Kopf
stammeln? Weshalb genügt es nicht, daß man _fühlt_? Weshalb muß man die
Gefühle auch noch in überschwengliches Deutsch bringen?«

Benno wälzte sich auf die rechte Seite.

Ȇberhaupt, will ich sie denn _heiraten_? So weit sind wir doch noch gar
nicht. Weiß ich denn, ob sie mich wiederliebt? Vielleicht sagt se: ›Herr
Stehkragen, Sie sind noch zu jung zum Heiraten! Und Sie essen gern
Apfelschalet, den ich nicht ausstehen kann, und ich ess’ gern
Grünekernsupp’, vor der’s Ihnen graust – Herr Stehkragen, das wird
keine glückliche Ehe!‹

Nein, vom Heiraten will ich ihr noch nicht sprechen. Nur meine Liebe
will ich ihr mitteilen. Aber wie, aber wie?«

Benno wälzte sich auf die linke Seite.

»Wenn mir’s nur einer vormachen wollte! Natürlich nicht bei der Martha.
Es gibt doch Tanzstunden und Sprachstunden und Unterricht in der
doppelten Buchführung, warum gibt es keinen Unterricht in einfacher
Liebeserklärung?«

Und plötzlich kam ihm eine Erleuchtung.

Er sprang im Nachthemd aus dem Bett, eilte an seinen Bücherschrank und
nahm einen Band Shakespeare heraus.

Er wollte in »Romeo und Julia« nachsehen, wie’s der Romeo gemacht hatte.

Den Band im Arm kroch er ins Bett zurück und blätterte krampfhaft.

Da, am Schluß des ersten Aktes, war eine passende Stelle:

    »Entweihet meine Hand verwegen dich,
    O Heil’genbild, so will ich’s lieblich büßen,
    Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,
    Den herben Druck im Kusse zu versüßen.«

Hm, ob Martha das verstehen würde? Es war ein bißchen hoch für ihre
Verhältnisse. »Den herben Druck im Kusse zu versüßen.« Und gleich mit
Küssen anfangen, nein, es ging nicht, es ging unmöglich. In Verona war
man in solchen Dingen offenbar liberaler als in Frankfurt am Main.

Benno legte sich auf den Rücken und blätterte emsig weiter.

    »Ich bin kein Steuermann, doch wärst du fern
    Wie Ufer, die das fernste Meer bespült,
    Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.«

Benno ließ aufstöhnend das Buch auf die Bettdecke sinken.

Alles sehr schön, wunderschön sogar, aber für seine Zwecke ganz
unbrauchbar.

Vielleicht gab’s im Schiller ein besseres Rezept?

Er wollte abermals aus dem Bett springen, da machte die Lampe knacks.

Der Zylinder war geplatzt, nachdem die Lampe schon die ganze Zeit
geblakt hatte.

Benno fuhr entsetzt auf, hob den Kopf nach dem Nachttisch und blies das
Licht aus.

»Frau Petterich wird toben, wenn sie die kaputtene Lampe sieht,« ächzte
er. Womöglich war der Zylinder _auch_ ein Erbstück von ihrem Großvater?
Und die ganze Bettdecke voll Ruß!

Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung, er wälzte sich noch eine
Weile fiebernd im Finstern, bis ihn die Müdigkeit überwältigte.

Morgens beim Erwachen fiel ihm ein, daß er heute abend ins Theater
mußte. Er hatte es Katharine versprochen, die zum erstenmal eine kleine
Solorolle singen durfte, die erste Brautjungfer im »Freischütz«.

Seit vierzehn Tagen übte sie nichts anderes mehr als »Wir winden dir den
Jungfernkranz«.

Benno stand noch in Unterhosen, da brachte Frau Petterich den Kaffee. Er
hatte wieder einmal das Klopfen überhört.

Schweigend stellte sie das Frühstück auf den Tisch, würdigte weder Benno
noch die demolierte Petroleumlampe eines Blicks, schweigend entfernte
sie sich.

Und als Benno fortging, ließ sie sich nicht sehen, sondern blieb, eine
gekränkte Juno, in der Küche.

Mit gesenktem Kopf schlürfte Benno seinen Weg zur Industriebank. Und
vergrämt sagte er sich: Du verlierst noch wegen deiner aussichtslosen
Liebe die wenigen Freunde, die dich gern haben ...



»Was gucken Sie mich denn so an?« frug Martha gereizt, als sie eines
Vormittags an dem gemeinsamen Arbeitspult im Couponbureau Platz nahm.

»Ich guck’ Sie nicht an, ich guck’ _in_ Sie!« gab Benno in ungewöhnlich
scharfem Ton zurück.

Martha Böhle zupfte verärgert an der Perlenhalskette, die sie neuerdings
trug, warf ihrem Gegenüber einen bösen Blick zu, den dieser mit
mißachtendem Achselzucken aufnahm.

Die Kollegen im Couponbureau stießen sich heimlich an, die Beamtinnen
kicherten.

Benno grollte. Er hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihr seine
Verliebtheit zu offenbaren, und selbst wenn sich eine Gelegenheit
geboten hätte, würde er sie jetzt ungenutzt vorübergehen lassen. Seine
Liebe hatte das goldfarbene Gewand der Sehnsucht abgeworfen und sich in
den strohgelben Mantel des Hasses gehüllt.

Ja, er haßte Martha in diesem Augenblick.

Der Theaterabend hatte ihm ein bitteres Erlebnis gebracht, einen Argwohn
geweckt, der nicht mehr zur Ruhe kommen wollte.

Bis zur großen Pause war der Abend so schön verlaufen.

Schon nach der Ouvertüre hatte sich Benno, befeuert von der herrlichen
Musik, gesagt: Du solltest doch öfter ins Theater gehen! Vielleicht ist
es doch nicht recht von dir, daß du dich von der Welt abschließest,
vielleicht birgt die Welt reichere Schönheiten, als du, ein
trotzköpfiger Eigenbrödler, zugeben willst. Du verstaubst, Benno! Du
bist ein altmodisch gewordener Überzieher, der in einem Schrankwinkel
verkommt und sich beleidigt fühlt, daß freudigere Farben modern geworden
sind. Und der in schmollender Eingebildetheit deklamiert: Auch _meine_
Zeit wird wiederkommen, auch _ich_ werd’ wieder modern! Und seine Farbe
_wird_ auch wieder modern – aber bis dahin haben ihn längst die Motten
gefressen!

Eine stille Seligkeit zog bei den Arien Max’ und Agathes in sein Herz
ein.

Waren diese melodischen Liebesergüsse nicht noch werbender,
umstrickender, lodernder als die kühnsten Beschwörungen eines Romeo?

Einen Tenor sollt’ ich haben, dachte er, und damit singen können sollt’
ich – dann wüßt’ ich’s, wie ich der Martha meine Liebe erklären müßte!
Ich wollt’ mich in ihre Seele hineintrillern und wollt’ se bekantilenen,
daß se gar nicht mehr anders könnt’, als mir um den Hals fallen und
seufzen: »Mein Benno, mein süßer Benno!«

Und ich tät’ vor ihr hinsinken und tät’ meinen Wuschelkopf in ihrem
Schoß bergen, und hauchen tät’ ich: »Ich bin dein! Alles ist dein: mein
Herz, und mein Buckel, und mein hohes #C# – alles, alles dein!«

Beifallsklatschen störte seine Träumerei.

Er sah sich erstaunt von seinem Galerieplatz um: Das Dämmerlicht des
Zuschauerraums war von voller Beleuchtung abgelöst worden, ringsum saßen
applaudierende Leute, und tief unten hob sich der Vorhang, und winzig
aussehende Menschen in bunten Kostümen verbeugten sich an der Rampe.

Benno nahm das geliehene Opernglas zur Hand und ließ seine Blicke
umherwandern.

Dort, auf einem Seitenplatz des zweiten Ranges, saß der dicke Rehle vom
Wechselbureau und schmauste ein kräftig belegtes Butterbrot, das ihm
seine fürsorgliche Alte mitgegeben hatte. Kauend unterhielt er sich mit
einem bezwickerten Mädchen, das neben ihm saß und von Zeit zu Zeit
vergnügt zu seinen Reden auflachte.

Benno lenkte das Opernglas nach der anderen Seite des Hauses und
entdeckte in einer Loge das üppige Fräulein Antonie Hochberg, im
Schmucke übergroßer Brillanten.

Ob die auch etwas empfand bei der Musik?

Sie saß steif auf dem Logenvorderplatz, mit einer Miene, als gehöre ihr
das ganze Opernhaus, und als dulde sie nur aus Gnade die Anwesenheit
minderbemittelter Staatsbürger und Staatsbürgerinnen.

Vor ihr auf der Brüstung lagen ihre Glacéhandschuhe, und Benno
phantasierte:

_Wenn_ ihr jetzt ein Handschuh hinunterfiele – wie im Schiller –
mitten zwischen die Salonlöwen und die Parkettigerinnen – und sie tät’
zu mir heraufrufen: »Herr Delorges Stehkragen – ei, so hebt mir den
Handschuh auf!« – ich tät’ herunterrufen: »Edles Fräulein Kunigunde
Hochberg,« tät’ ich rufen, »wie kommen Se merr vor? – Heut abend bin
ich nicht der Stehkragen vom zweiten Pult im Couponbureau der
Industriebank, der vor jeder Kundin seinen Knicks machen muß – heut
abend bin ich der Kunstgenießer und Kunstmäzen Ritter Benno – und ich
sitz’ so stolz auf meinem numerierten Galerieplatz wie der König auf
seinem unnumerierten Thron – und von mir aus kann auch noch Ihr
_zweiter_ Handschuh hinunterfallen – und Ihre Brillantenausstellung –
und Sie selbst dazu – ich seh’ gar nicht einmal hin nach Ihnen – denn
ich schwärm’ für ein junges Mädchen – das mir gegenüberwohnt am
Kontorpult – und goldene Haare hat – und ...«

Das Haus verfinsterte sich wieder, und die Wolfsschluchtszene begann.
Wie ein Kind freute sich Benno über die Regiewunder dieses
Gespensteraktes. Er war ja so lange nicht mehr im Theater gewesen und
hatte keine Ahnung davon, welche Illusionen ein geschickter Regisseur
vermittelst Leinwand, Pappdeckel und bengalischer Beleuchtung
hervorzaubern kann.

Er amüsierte sich herzlich über die tanzenden Skelette, über die
Totenschädel, die mit den leeren Augen so schaurig glitzern konnten, und
wahrhaftig, ihn gruselte dabei ein wenig.

Und als gar der Höllenfürst Samiel erschien, da schmunzelte er in dem
stolzen Bewußtsein seiner eigenen Bravheit vor sich hin: Wie viel besser
es doch sei, als ordentlicher Mensch tagsüber Coupons nachzuzählen und
Fakturen zu schreiben und des Nachts in einem soliden Federbett zu
schlafen, an den lieben Gott zu glauben und am Samstag in die Synagoge
zu gehen, als sich mit dem wilden Jäger in Duzbrüderschaft einzulassen,
seine einzige Seele gegen irdischen Profit zu verramschen und um
Mitternacht in einer Gegend, in der sogar eine Wildsau ohne Leine
herumläuft, zwischen allerhand unangenehmen Knochenfragmenten Freikugeln
zu gießen.

Benno fühlte sich erleichtert, als der höllische Spuk vorüber war und
die Leute aus dem Zuschauerraum strömten, um sich während der großen
Pause zu ergehen.

Als er die Treppe nach dem Foyer hinunterstieg, klopfte ihm jemand von
hinten auf die Schulter. Er wandte sich um und sah in Papa Käsbergers
strahlendes Gesicht.

Herr Käsberger hatte sich alle Spuren seines Berufes aus dem Gesicht
gewaschen, er steckte in einem schwarzen Gehrock, den er sonst nur bei
Stiftungsfesten trug, seine riesigen Hände quälten sich in schwarzen
Stoffhandschuhen von unwahrscheinlicher Größe.

»Des is nett von Ihne, Herr Stehkrage, daß Se zu dem Erfolg von meiner
Tochter gekomme sin!« sprach er so laut, als ob er sich an seinem
Stammtisch befände. »Ich habb Se schonn die ganz’ Zeit mit de Aage
gesucht, awwer ich habb’ Ihne net gefunne! Dann wisse Se, ich habb’ kaan
Operngucker, als Schornstaafeger braacht mer so was net, unn ich wer’
doch an der Garderob’ kaa fuffzig Fennich for so e Ding zahle!«

Benno war diese Begegnung nicht eben angenehm, aber es gelang ihm nicht,
den alten Käsberger abzuschütteln.

So drängten sie sich nebeneinander durch das Foyer.

Papa Käsberger ging ans Büfett, nahm eines der belegten Brötchen in die
Hand und fragte: »Was kost’ des?«

Als er hörte, es koste dreißig Pfennig, legte er das Brötchen wieder
zurück und begann seinem Unmut über diese »Räuwerei« so erregt Luft zu
machen, daß es Benno angst und bange wurde.

Benno Stehkragen wandte den Kopf weg, als gehöre er nicht zu diesem
polternden Menschen – da fiel sein Blick auf einen blonden, lächelnden
Frauenkopf.

Das war Martha.

Und dicht vor ihr stand im Frack Direktor Hermann und hielt ihr mit
verbindlicher Geste eine Schale Eis, aus der sie geziert aß.

Benno war zumut, als hielte ihn der schwarze Jäger beim Kragen. Er stand
mit offenem Mund da, er wollte aufschreien – da wandte auch Martha den
Kopf, und ihre Blicke begegneten sich.

Er fühlte sofort, daß sie ihn erkannt hatte, ihn aber nicht kennen
wollte.

Sie sah ihn ruhig an, während Direktor Hermann lachend in sie
hineinplauderte.

Benno überlegte einen Augenblick, ob er sie trotzig ansprechen sollte,
aber die Gegenwart des allmächtigen Direktors erstickte diesen Gedanken
im Keim. Martha hatte den Kopf ein wenig gehoben und blickte nun
abweisend über ihn hinweg.

Tief verstimmt und gekränkt suchte er wieder seinen Galerieplatz. Der
Zuschauerraum verdunkelte sich, die Musik setzte ein, aber er hörte nur
noch mit halbem Ohr hin. Das Stück interessierte ihn nicht mehr.

Er saß mit geballten Händen, und wäre jetzt der schwarze Jäger neben ihm
aufgetaucht, so wäre er gar nicht abgeneigt gewesen, mit ihm einen
Vertrag abzuschließen.

Was war das mit Direktor Hermann? Seit wann war er, der Unnahbare, so
liebenswürdig? War dies die erste Begegnung gewesen, oder hatten sich
die beiden schon öfter im Theater getroffen? Und mit welcher
Selbstverständlichkeit hatte Martha seine Galanterie angenommen!
Lachend, wie sie sich von Wittmann den Hof machen ließ, hatte sie sich
die Huldigungen Hermanns gefallen lassen!

Zu allen Menschen war sie freundlich, alle Menschen wurden fröhlicher
in ihrer Nähe, nur ihn, Benno Stehkragen, trat sie mit Füßen.

Im Orchester setzte das Lied vom Jungfernkranz ein, und Benno kam wieder
zu sich. Auf der Bühne knickste Katharine und sang ihr Liedchen, aber
Benno hielt es nicht einmal der Mühe wert, das Opernglas auf sie zu
richten.

Ihre Stimme kam ihm in dem großen Haus erschreckend dünn und metallos
vor.

Nein, es war nichts mit ihrer Künstlerschaft. Er empfand es in diesem
Augenblick mit einer gewissen Schadenfreude.

Dennoch regte sich, als Katharine geendet hatte, unerwarteter Applaus.
Die Mitglieder des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger«
waren vollzählig im Hause vertreten, und sie ließen es sich nicht
nehmen, der Tochter ihres zweiten Vorstandes den Weg in die
Unsterblichkeit mit den Rosen des Beifalls zu bestreuen.

Auf der Stehgalerie stand enggeklemmt Papa Käsberger und lachte über das
ganze Gesicht. Wildfremde Menschen hatten geklatscht, er hatte es
deutlich gesehen – vielleicht hatte der Lebrecht Breivogel, der Lump,
doch recht gehabt, und in seiner Rita steckte eine Großfürstin im Reiche
der Kunst.

Als der wohlwollende Beifall schon längst verstummt war, klatschte Papa
Käsberger noch immer, bis ein ärgerliches Pssst!! seine Riesenhände zur
Ruhe zwang. Aber das dämpfte sein jubelndes Triumphgefühl nicht.

Er vertiefte sich in den Theaterzettel und las ihn zum hundertstenmal,
den köstlichen Zettel, auf dem ganz unten stand: Erste Brautjungfer ...
Fräulein Rita Veldern.

Das Adelsprädikat »von« hatte der Zettel rücksichtsvoll unterdrückt.

Der Zwischenaktvorhang fiel, Benno erhob sich und ging nach Hause.

Seine Freude am Theater war zerstoben, die rohe Faust der Wirklichkeit
hatte den Traumschleier zerrissen.

Er mied die hellen Hauptstraßen und schlich sich durch Seitengassen
heimwärts.

Er übersann das Erlebte, er versuchte, sich die Szene im Foyer nochmals
Zug für Zug zu vergegenwärtigen, und gab sich die größte Mühe, objektiv
zu sein.

Ich will gerecht sein, ich will nicht nach dem Schein urteilen, mich
nicht von einer Gefühlswallung bestechen lassen. Was hat sie eigentlich
so Schlimmes verbrochen? Sie hat ihrem Chef zugelächelt, sich seine
Höflichkeit gefallen lassen. Hätte das nicht auch jede andere Beamtin
getan? _Konnte_ sie überhaupt anders handeln? Durfte sie eine
Gefälligkeit, auf die jede Dame Anspruch hat, mit einer Ungezogenheit
erwidern?

Sein Verstand verteidigte Martha gegen die Anklagen seines Herzens. Aber
seinen Verteidigungsreden wohnte keine Beweiskraft inne.

Er hatte das Faunlächeln Hermanns gesehen, dieses Lächeln lüsterner
Eroberersicherheit, das ihm an Wittmann so zuwider war.

Sein Mißtrauen blieb wach, mochte er es noch so eifrig mit dem
Schlafpulver der Objektivität einzuschläfern versuchen.

Zwar begleitete er noch immer Martha des Mittags von der Bank bis zum
Uhrtürmchen, lief neben ihr her wie ein Hündchen, jedoch er war kein
folgsames, willenloses Schoßhündchen mehr, er war ein kleiner lauernder
Pinscher, der tückisch nach rechts und links schielte, jeden Augenblick
bereit zu geifern und zu beißen.

Die Verstellung tat Benno weh. Das war etwas Unaufrichtiges, Unreines,
was ihm bisher fremd gewesen.

Ich fühle, daß ich schlecht werde! sagte er sich. Ich fange an zu
hassen. Der Haß des Ohnmächtigen bäumt sich in mir und macht mich
rachsüchtig, wie er einst die Seele des alten Shylock vergiftet hat.
Aber man will mir mein Liebstes beschmutzen, wie man es einst ihm
befleckt hat. Wer weiß, vielleicht hätte der alte Shylock seinen Feinden
und Unterdrückern allen Hohn, jeden Speicheltropfen, jeden Fußtritt
verziehen, vielleicht hätte er vor dem Gericht des Dogen erklärt: »Ich
habe euch nur ängstigen wollen, ich wollte nur einmal euch Stolze,
Übermütige in der Rolle der Bittenden sehen, ich verzichte auf das Pfund
Fleisch aus dem Busen meines Feindes« – hätten sie ihm nicht seine
Tochter, seine Jessika, geraubt. Mochten sie ihn knechten, ihm seine
Geschäfte stören, ihn und sein Volk durch Ausnahmegesetze peinigen –
der alte Ghettojude durfte sie innerlich verlachen: Sein Volk war ja
dennoch das Lieblingsvolk Gottes, der ihm den Messias verheißen hatte
und der sein Wort halten würde, so gewiß er einst die Vorfahren aus der
ägyptischen Knechtschaft geführt hatte.

Aber sie haben ihm seine Tochter geraubt – da gab es kein Erbarmen.
»Der Fluch ist erst jetzt gefallen auf mein Volk, ich hab’ ihn niemals
gefühlt bis jetzt,« sagt er zu seinem Glaubensgenossen Tubal. Seiner
Tochter gilt seine erste Frage, als Tubal ihm Neuigkeiten von auswärts
bringt, seiner Tochter gelten seine Gedanken, während er im Gerichtssaal
das Messer zur Rache wetzt. Und indes er sich anschickt, in unstillbarem
Haß den Busen seines Feindes zu zerfleischen, vergibt er gleichzeitig
halb und halb dieser undankbarsten aller Töchter und flüstert:

        »Ich hab’ ne Tochter,
    Wär’ irgendwer vom Stamm des Barrabas
    Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!«

Benno stachelte sich selbst zum Haß auf, redete in sich hinein: Hätte
ich einen solchen Schuldschein gegen Wittmann oder Hermann, auch ich
würd’ keine Gnade kennen!

Aber er glaubte seinen eigenen Racheschwüren nicht. Der großartige Haß
des venezianischen Ghettojuden hatte keinen Platz in seinem gutmütigen
Phantastenherzen, und während er sich in die Rolle des steinharten
Gläubigers hineinzuschauspielern versuchte, liebte er Martha mehr als
je.

Über ein folterndes Mißtrauen wuchs seine Enttäuschung nicht hinaus.

Unwillkürlich schweiften jetzt seine Gedanken häufiger zu Katharine
Käsberger hinüber. Er verglich sie mit Martha, und der Vergleich fiel
nicht mehr so kraß zu ihren Ungunsten aus.

Obwohl Katharine ein uneheliches Kind hatte, obwohl sie in der
Scheinwelt der Bühne heimisch war, erschien sie ihm jetzt reiner und
unschuldiger als Martha. Dieses verblühte, unbedeutende Mädchen hätte es
sicherlich niemals übers Herz gebracht, so tyrannisch mit seinen
heiligsten Empfindungen zu spielen, wie Martha es tat. Und in einer
plötzlichen Eingebung kaufte er einen großen Strauß weißer Rosen und
brachte ihn Katharine.

»Ich will mich in sie verlieben,« sprach er sich auf dem Wege zu ihr
vor, wie ein Schulkind, das einen Satz auswendig zu lernen hat. »Ich
will mich in sie verlieben, damit ich die Martha vergess’ und wieder
zurechnungsfähig werd’.«

Katharine war entzückt von den Blumen. Und ihr Entzücken wuchs noch, als
er ihr die plumpesten Komplimente über ihr Auftreten als Brautjungfer
machte.

Papa Käsberger wies mit Stolz auf den Freischütz-Theaterzettel, der
eingerahmt über dem Klavier hing. Die Worte »Erste Brautjungfer ... Rita
Veldern« waren mit roter Tinte unterstrichen.

»Ja, es war e Bombe’erfolg, mei liewer Stehkrage,« lachte der
glückselige Schornsteinfegermeister. »Ich habb’ vor lauter Uffregung gar
net haamgehe könne. Ich habb’ merr ehrscht noch mei sechs Schöppcher
Ebbelwei kaafe misse. Ja, merr kann sage, was merr will: Kunst is
Kunst.«

Und Benno überbot diese Lobpreisung noch und erzählte begeisterte
Äußerungen aus dem Publikum, die er angeblich gehört hatte.

Und dabei peitschte ihn sein Gewissen: Benno, wie tief bist du gesunken,
wie lügst du, und wie beschämend leicht fällt dir das Lügen!

Katharine nahm die Huldigungen mit der verlegenen Verschämtheit einer
alten Jungfer entgegen. Sie bemühte sich, möglichst bescheiden
auszusehen, während doch das Glück ihr Herz schwellte, und sie machte
ein Gesicht, das jeder unbefangene Zuschauer als strohdumm hätte
bezeichnen müssen.

Mama Käsberger hatte das Sofa mit Beschlag belegt und konnte beim besten
Willen nicht stillsitzen. Sie rutschte aufgeregt hin und her,
entschuldigte sich ein dutzendmal, daß sie so eine alte Nachtjacke
anhabe, aber sie hätte doch nicht auf so angenehmen Besuch gefaßt sein
können, nachdem sich Herr Stehkragen leider in den letzten Tagen so
selten gemacht habe, man hoffe aber, jetzt wieder öfter das Vergnügen zu
haben.

Und ihr tränendes Mutterauge fand, daß Bennos Buckel, wenn man genau
hinsehe und das eine Auge zukneife, tatsächlich im Abnehmen begriffen
sei.

Während dieser Familienszene bewahrte nur Lebrecht, der angenehme Knabe,
seine Gemütsruhe. Er saß auf einem Schemel in der Zimmerecke,
zerpflückte Bennos Rosenstrauß und stopfte die weißen Rosenblätter in
das Tintenfaß. Seine Absicht war, dieses Tintenfaß, sobald es bis zum
Rand voll wäre, auf den Teppich umzugießen und dann ins Bett zu gehen.

Benno machte tiefen Eindruck auf alle Käsbergers.

Dennoch gestand er sich auf dem Heimweg: Es is unmöglich, ich kann mich
nicht in se verlieben, ich lieb’ die Martha, ich komm’ nicht von ihr
los!

Und so war es.

Da traf ihn ein zweiter harter Schlag.

Martha erhielt, außerhalb der Reihe und ohne jede äußere Veranlassung,
eine beträchtliche Gehaltsaufbesserung.

In der Industriebank gärte Empörung. Der Neid zischelte: »Nun ja, kein
Wunder! Wenn man mit seinem Bureauchef ins Kino geht ...«

Die Beamtinnen konstatierten giftig: »Und eine Perlenkette trägt die
Person auch noch! Aber so ist die Welt! Unsereins, der anständig ist,
bringt’s natürlich zu nichts.«

Selbst der alte Binder mußte sich kopfschüttelnd sagen: »Merkwürdige
Zuständ’ herrsche uff unserer Bank! No ja, es is halt e Affestall!«

Benno hörte die gehässigen Reden, die sich Martha zur Zielscheibe
nahmen, aber er verteidigte sie nicht mehr in seinen Gedanken.

Diese plötzliche Gehaltsaufbesserung war ihm ein neues Glied in der
Beweiskette ihrer Leichtfertigkeit, ihrer frivolen Genußsucht.

Und deshalb sah er sie beim Morgengruß so sonderbar an und erwiderte
ihre erstaunte Frage mit so ungewohnter Schärfe. Den ganzen Vormittag
über vergrub er sich tapfer in seine Arbeit und vermied es ängstlich
Marthas Blick zu begegnen.

Heut’ muß ich ernstlich mit ihr reden, nahm er sich vor. Heut’ auf dem
Nachhausweg sag’ ich ihr alles, daß ich se lieb’, und daß der Wittmann
kein Verkehr für sie is, und daß der Direktor Hermann ein alter
Mädchenjäger sei, der schon viele Jungfrauen ins Unglück gestürzt habe.

Das letztere wußte er nicht so genau, aber er wollte es jedenfalls
einmal behaupten. Jetzt kam’s auf eine Lüge mehr nicht mehr an.

Ich muß hart sein, beredete er sich, indes er die dreißig Coupons
vierprozentige Bayerische Vereinsbank-Pfandbriefe der Antonie Hochburg
nachzählte. Da sagt man immer – dreizehn, vierzehn – die Liebe veredle
den Menschen – siebzehn, achtzehn – aber es ist nicht wahr –
einundzwanzig, zweiundzwanzig – rachsüchtig und unaufrichtig macht die
Liebe – sechsundzwanzig, siebenundzwanzig – und selbstsüchtig und
boshaft – neunundzwanzig, zweiunddreißig.

Und dann mußte er die Coupons von neuem durch die Hand gleiten lassen,
denn er hatte sich verzählt.

Benno legte sich die Rede zurecht, die er über Martha ergießen wollte.
Aber er kam wieder einmal nicht dazu, seine Rede zu halten.

Denn als er mittags, wie gewöhnlich, am Portal der Bank wartete, ging
Martha rasch an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen.

Er hüpfte ein paar große Schritte, um sie einzuholen. Da drehte sie sich
schroff um und sagte: »Ich verbitte mir Ihre Begleitung! Nehmen Sie erst
einen Anstandskursus, damit Sie sich Damen gegenüber einen anständigen
Ton angewöhnen!«

Zum erstenmal seit langer Zeit mußte Benno mittags allein bis zum
Uhrtürmchen traben. Und der Prophet Elias kam sich in der Wüste nicht
halb so verlassen vor wie der arme Benno in der belebten Kaiserstraße.

Trübselig guckte er an den Häusern empor und ihm war, sie erwiderten
seinen Blick und starrten ihn mit ihren kalten Fensteraugen feindselig
an.

Nicht einmal die mogelnde Kartenspielerin in dem Porzellangeschäft
vermochte ihn aufzuheitern.

Und vor dem Trompetenbaum gedachte er nicht seines geliebten
Naturgeschichtslehrers, sondern er malte sich aus:

_Wenn_ ich doch an dem Baum hängen tät’ – einen soliden Strick um den
Hals – und es tät’ mir nichts mehr weh, kein Hühnerauge, kein
Backenzahn und kein Herz – sondern ich wär’ tot – und die Martha Böhle
käm’ vorbei – mit dem Herrn Wittmann neben sich – und se täten mich
gucken, und der Wittmann tät’ fragen: »Was is denn das an dem Baum?
Hängt dort nicht ein Stehkragen?« – und die Martha tät’ einen Schrei
ausstoßen, und das Pralinee blieb ihr im Hals stecken, wo se grad’ dran
lutscht – und se tät’ ohnmächtig hinfallen, mitten in die
Stiefmütterchen – wo angeschrieben steht »Betreten verboten« – weil se
mich _doch_ heimlich geliebt hat und es mir bloß nicht sagen wollt’ –
und auf einmal wär’ ich _doch_ noch nicht ganz tot, sondern ich tät’
noch e bißchen mit den Augen zwinkern und tät’ sagen: »Siehst du, das
kommt davon, ich verzeih’ dir alles, und jetzt hast de den Salat!« –
und ich ...

Benno zog das Taschentuch hervor und wischte sich die Augen.

Das Essen im koscheren Restaurant schmeckte ihm heute gar nicht. Die
Klößchen in der Suppe waren lauter Totenschädel aus der Wolfsschlucht,
und der stoppelbärtige Joseph schlich umher wie der schwarze Samiel, und
sein Frack verriet deutlich, daß in der Hölle mit Gänsefett geschmort
wird.

»Herr Stehkrage,« wandte sich Joseph beim Kompott an ihn, »Sie sin doch
e gescheiter Mann, Se gehen auf die Börs’ und haben auch sonst eine
Bildung, sagen Se merr im Vertrauen: Was geht in der Politik vor? Se
wissen, ich hör’ nie zu, was die Gäst’ miteinander reden, aber sie
sprechen jetzt fortwährend vom Krieg. Ich sag’ Ihnen, ich bin jetzt so
nervös, gestern abend hab’ ich’n Teller fallen lassen mit Rindsgulasch,
für eine Mark zwanzig Rindsgulasch, auf dem Herrn Jakob Rosenthal seine
gestreifte Hos’ – ich hab’ geglaubt, die Welt geht unter, so hat der
Herr Rosenthal angestellt! Unn Ihne Ihr Abonnementskaart is aach
abgelaafe!«

Benno gab ihm keine Antwort, zahlte die neue Karte und ging.

Er gab aus Versehen eine Mark fünfzig Trinkgeld, und damit war der
Moment eingetreten, den der stoppelbärtige Joseph schon lange prophezeit
hatte: Benno war in Josephs Augen meschugge geworden.

Zu Hause empfing ihn Frau Petterich mit lautem Weinen. Sie stand vor dem
Schuppen des Hofes, vergoß Tränenströme und jammerte: »Heut is mei’m
Schorsch-selig sei’ Gebortsdag ... Siwweunverzig Jahr wär’ er heut
geworn, wann er’s noch erlebt hätt’! Ach, so e scheener Mann unn hat so
frieh schderwe misse. An sei’m letzte Gebortsdag hawwe merr noch en
Mordskrach mitenanner gehabbt, da hat’r den Leimtopp nach merr
geschmisse unn de Pinsel hinnerdrei’! Ja, des war’n selige Zeite! Unn
nachts im Bett hat’r mich so sieß um Verzeihung gebete, unn seit dere
Zeit muß ich immer heule, wann ich den Schuppe seh’. Ach, wenn er nor
noch lewe dhät, er derft merr ja jedden Tag sei’ ganz Handwerkszeug an
de Kopp werfe, ich dhät’ gewiß nix sage, ich bin ja so e schweigsam’
Fraa!«

Benno ließ sie stehen und ging auf sein Zimmer.

Das kleine Mariechen kam herein und rief triumphierend: »Null Fehler
hab’ ich im Diktat. Und das Fräulein hat gefragt, ob mir jemand bei den
Rechenaufgaben geholfen hätt’? Aber ich hab’ nix verraten, sondern ich
hab’ gesagt: Fräulein, wo denken Se hin!«

Sie erwartete ein Lächeln Bennos.

Aber Benno lächelte nicht.

Es war heute ein schlimmer Tag für ihn, und während er nun mit dem
Mariechen Schulaufgaben machte, geschah ihm neues, unerwartetes Leid.

Die Kleine hatte das Chamissosche Gedicht »Die Sonne bringt es an den
Tag« auswendig zu lernen, und als sie an die Stelle kamen: »Da kam mir
just ein Jud in die Quer«, frug er sie in Gedanken: »Was ist denn das,
ein Jud?«

»E Judd?« antwortete das Mariechen. »Das is ein böser Mensch.«

Benno wurde kreidebleich und biß sich auf die Lippen.

Wer hatte dem Kind diese Gehässigkeit beigebracht? Oder redete es nur
eine gewissenlose Dummheit nach, die es von Erwachsenen gehört hatte?

Er hätte dem Kind eine lange Rede halten können, er hätte ihm sagen
können, daß Gott nicht nach Konfessionen richtet, sondern daß es vor ihm
nur gute und schlechte Menschen gibt, er hätte ihr erhabene Beispiele
aus der Leidensgeschichte seines Volkes erzählen können, ihm schwebte
die Frage vor: »Mariechen, du kennst mich doch? Auch ich bin ein Jud.
Bin ich ein schlechter Mensch?« Doch eine unsichtbare Macht hielt ihm
die Lippen zu.

Nur kam ihm ein echt Benno Stehkragenscher Gedanke: er nahm sich vor, am
nächsten Abend Mariechen mit in den Tempel zu nehmen.

Der Nachmittag in der Bank ließ sich noch trübseliger an als der
Vormittag.

Was dem gewissenhaften Benno seit Jahren nicht passiert war, er kam zu
spät ins Bureau.

Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln. Eine unerhoffte Freude
harrte seiner: In der Vesperpause gab es eine beglückende Sensation.

Wittmann war wie stets an das Pult getreten, um mit Martha zu plaudern.
Er schien heute besonders galant gestimmt und ergriff wie in Gedanken
Marthas Hand, um sie zu streicheln.

Jäh entzog Martha sie ihm, und in demselben Ton, in dem sie vormittags
am Portal den wartenden Benno abgefertigt hatte, fuhr sie auf: »Ich
möchte Sie bitten, Ihr Frühstück künftig an einem anderen Platz zu
verzehren!«

Die Beamten beugten sich geschäftig über ihre Arbeiten, als hätten sie
nichts gehört. Innerlich jubelten sie.

So etwas war noch nicht dagewesen.

Blutrot vor Wut schrie Wittmann: »Ich bin hier der Bureauchef, und ich
kann mich hinstellen, wo _mir_’s paßt! Verstanden!?«

Von oben herab erwiderte Martha: »Ich werde Herrn Direktor Hermann
fragen, ob er derselben Ansicht ist!«

Benno war entzückt. Also war sein Verdacht gegen Wittmann doch
ungerechtfertigt. Also waren die faden Komplimente ihr doch im Grunde
des Herzens zuwider, und sie hatte es nur nicht gewagt, gegen den
mächtigen Bureauchef Front zu machen.

Er lachte über das ganze Gesicht, aber seine Miene erstarrte sogleich
wieder, da Wittmann ihn andonnerte: »Unterlassen Sie dieses freche
Grinsen, Herr Stehkragen! Mit Ihnen habe ich sowieso noch ein Hühnchen
zu pflücken, Sie werden mit jedem Tag nachlässiger!«

Die Kunde von dem unerhörten Vorfall machte rasch die Runde durch das
Haus.

Die Meinungen waren geteilt. Die Damen fanden, Martha sei ein ganz
hochmütiges Geschöpf, und solche Zustände dürften unmöglich einreißen!

Die Herren schmunzelten: Endlich einmal eine, die kein Blatt vor den
Mund nimmt und den hohen Herrschaften, die sich Halbgötter dünken,
gehörig die Meinung sagt!

Der verknöcherte Rittershaus im Wechselbureau rieb sich die Hände und
kicherte schadenfroh:

»Diesmal bricht sie sich den Hals. Diesmal fliegt sie!«

Und in einer Aufwallung seines Selbstgefühls krähte er in das Bureau:
»Ruhe! Während der Arbeitsstunden wird nicht geschwätzt!«

Das war der zweite Zusammenstoß Marthas mit einem Bureauchef. Erst
Rittershaus, dann Wittmann. Aber der Streber Wittmann war viel zu
schlau, um beschwerdeführend in die Direktion zu laufen; er
durchschaute, wie die Dinge standen. Und so verlief die Angelegenheit im
Sand.

Am nächsten Abend nahm Benno das Mariechen mit in die Synagoge.

Er setzte sich nicht auf seinen Stammplatz in der dritten Reihe, sondern
er suchte einen Platz ganz weit hinten und stellte das Mariechen neben
sich auf die Bank, so daß es den ganzen Tempel überschauen konnte.

Eigentlich gehörte das Kind ja in die Frauenabteilung auf die Empore,
aber dem so pünktlichen Synagogenbesucher Benno übersah der
Gemeindediener diese kleine Abweichung von der Regel.

Das Mariechen machte große Augen, als es den feierlichen Lichterglanz
sah, die bunten Arabesken an den Säulen, den goldbestickten
Thoraschrein, vor dem der seltsam gekleidete Rabbiner den Gottesdienst
leitete. In der Synagoge gab es keine Bilder zu beschauen und doch so
viel Glanz zu bewundern.

Sie hörte die volltönende Stimme des Vorbeters, dem die Gemeinde mit
Murmeln und Verneigungen antwortete, und der fremdartige, uralte
Wechselgesang machte einen tiefen Eindruck auf das Kinderherz. Das
Mariechen verstand kein Wort von den hebräischen Gesängen und
Anrufungen, aber es fühlte, hier handelte es sich um etwas Heiliges,
Tiefehrwürdiges.

Und als nun unter jubelndem Chorgesang der Schrein geöffnet wurde und
der Rabbiner die Gesetzesrolle zärtlich, als wiege er ein Kindchen, nach
dem Lesetisch trug, da war ihr zumute wie bei einer Weihnachtsbescherung.

Und nun wies ihr väterlicher Freund Benno Stehkragen auf die andächtige
Menge und flüsterte: »Siehst du, Mariechen, die Menschen da sind lauter
Juden. Glaubst du wirklich, daß sie alle schlechte Menschen sind?«

Da schüttelte das Mariechen mit Überzeugung und ein wenig beschämt den
Kopf. Und da sie ringsum alles beten sah, faltete auch sie ihre
Händchen, und mitten aus der jüdischen Gemeinde stieg ein stummes Gebet
zur Jungfrau Maria empor.

»Mein liebes Kind,« sagte Benno gerührt, »merke es dir fürs ganze Leben:
Wenn man dir Schlechtes von einem Menschen erzählt, ob von einem Juden
oder Christen, so glaube es nicht, ehe du dir nicht die untrüglichsten
Beweise verschafft hast! Wenn man dir aber Gutes erzählt, so glaube es
ohne weiteres! Der Mensch ist edel von Natur aus, und die Menschheit ist
weit besser als ihr Ruf.«

Eine erhabene Feierlichkeit war über ihn gekommen, er vergaß bei den
alten Gesängen und Zeremonien, die schon seinen Urvätern in den
bittersten Leidenszeiten Trost gewährt hatten, seine Schmerzen, und eine
süße Stille erfüllte sein Herz.

Beim Verlassen des Gotteshauses redete ihn im Gedränge der Herr
Seligmann an, bei dem er so viele Jahre im Oederweg gewohnt hatte.

»Wie geht’s, wie steht’s?« erkundigte er sich jovial bei Benno, der das
Mariechen behutsam an der Hand führte. »Leben Se noch? Warum lassen Se
sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? Kommen Se doch emal zum
Abendessen! Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, meine Frau kocht noch
immer sehr gut polnischen Karpfen. Und ich hätt’ auch gern emal wieder
mit Ihnen die soziale Frag’ gelöst.«

Benno antwortete ausweichend.

Mit dem Verlassen der Synagoge und dem Betreten der trüben Straße war
der Friede seines Herzens wieder zerstört.

Seine Gedanken kreisten schon wieder um Martha, und während er mit
Seligmann die Zeil entlangwanderte, argwöhnte er bei jedem Kino, an dem
sie vorüberkamen: »Vielleicht sitzt se da drin! Vielleicht hat se sich
schon wieder mit Herrn Wittmann ausgesöhnt, und er hält im Dunkeln ihre
schöne Hand, und sie entzieht se ihm nicht mehr, sondern sitzt
unbeweglich und wirft die Perlen ihres Lächelns vor den Herrn
Wittmann!...«

»Sie sehen schlecht aus, Herr Stehkragen! Ganz mager sind Se geworden!«
fuhr Seligmann besorgt fort. »Ich kann Ihnen nur raten, kommen Se wieder
zu uns, polnischen Karpfen essen! Das ist ein guter jüdischer Fisch, der
schon manche seelische Verstimmung beseitigt hat! Also kommen Se
nächsten Sonntag!«

Benno versprach alles, sagte zu allem Ja und Amen und dachte dabei:
Vielleicht is se auch im Theater, und der Direktor Hermann füttert se
mit Eis und macht seine Faunfratze dazu, und es is niemand da, der ihm
dafür ins Gesicht schlägt, sondern die Leut’, die ihn kennen, machen
eine Verbeugung und lispeln andächtig: »Das is der Direktor Hermann von
der Industriebank, ein Mann mit vierzigtausend Mark Einkommen ...«

Indessen Benno so seinen Gedanken nachhing und das kleine Mariechen auf
ihn achtgeben mußte, daß er unter kein Auto geriet, redete Herr
Seligmann ununterbrochen weiter.

Er war nun auf das beliebte Thema von der Not der Zeit gekommen und
klagte: »Ich sag’ Ihnen nix als: Sein Se froh, Herr Stehkragen, daß Se
keinen militärpflichtigen Sohn haben! Die Zeitungen gefallen merr gar
nicht mehr, es liegt was in der Luft, aber nix Gutes. Was spricht man
denn an der Börs’? Die Börs’ hat doch eine Witterung wie ein Jagdhund
und riecht an jedem Eckstein der Politik. Und die Kurse sind die besten
politischen Laubfrösch’, bei gutem Wetter klettern se in die Höh’, und
bei schlechtem Wetter hupfen se ’erunter. Ich hab’ Russen, ich mein’
nicht die Küchenkäfer, sondern russische Staatspapiere – soll ich se
verkaufen oder soll ich se behalten oder soll ich noch welche dazu
kaufen – nu, so reden Se doch _auch_ einmal einen Ton!«

Und Benno dachte: Vielleicht is se auch im Zirkus und sieht dressierte
Affen und denkt _doch_ ein bißchen an mich. Oder sie is im Tingeltangel
und sieht einen Jongleur, der Gläser in die Luft wirft, und eins fällt
hin und is kaputt, und wie se genau hinsieht, is es mein kaputtenes
Herz, und se hebt’s auf und läßt sich’s vom Kellner einwickeln und
nimmt’s mit nach Haus zum Andenken an den schönen Abend ...

Er überließ Herrn Seligmann seinen russischen Besorgnissen und
verabschiedete sich.

Erst als ihm Seligmann längst aus den Augen war, fiel ihm ein, daß er
ganz vergessen hatte, sich nach dem Befinden der Frau und der Kinder zu
erkundigen und ihm Grüße aufzutragen.

Der Kopf schmerzte ihn, seine Beine waren so müde, und ihm war in diesem
Augenblick alles so gleichgültig, daß er trotz des Verbotes, am Schabbes
zu fahren, mit dem Mariechen in die Elektrische stieg.

Und als der Schaffner ihn frug »Wohin?«, da antwortete er zerstreut:
»Zweimal Wolfsschlucht!«, so daß das kleine Mariechen ihn ganz entrüstet
korrigieren mußte: »Nach’m Sachsehäuser Berg, Herr Schaffner! Ein
Erwachsenes und ein Kind unter sechs Jahren!«



Ein Trompetenstoß zerriß die Luft, gellend wie die Posaune des Jüngsten
Gerichts.

Die Gräber öffneten sich – aber nicht um die Toten freizugeben, sondern
um Millionen junger, blühender Leben zu nehmen.

Der Weltkrieg war ausgebrochen.

Ein heiliger Taumel ergriff unser Volk, mit seinem Blute dem Vaterland
zu danken für alles Große, was es von ihm empfangen.

Auch Benno dachte enthusiastisch daran, sich unter die Scharen der
Freiwilligen zu gesellen: Endlich war eine Gelegenheit da, dem geliebten
Heimatland Treue mit Treue zu zahlen, durch die Tat sich des Ehrennamens
Deutsch würdig zu zeigen.

Aber als er sich im Spiegel besah, da verzerrte sich sein leuchtendes
Antlitz zu einer schmerzlichen Fratze. Er war ja ein Krüppel, ein
lächerliches Spottbild, verglichen mit den sehnigen Gestalten, die von
allen Seiten zu den Fahnen eilten.

Sie würden ihn auslachen. Und wenn er gewiß auch auf dem Schlachtfeld
sich von keinem würde an Opfermut überbieten lassen – auf dem
Exerzierplatz würde er eine komische Figur spielen, und sie würden
seinen heiligen Eifer mit höhnischem Witzeln entweihen.

Er besaß nur eine einzige militärische Erinnerung, und die war
beschämend genug. Vor vielen Jahren war er einmal gemustert worden, als
er sein Einjähriges abdienen wollte, und da hatte der Stabsarzt mit
einem lächelnden Blick auf seinen Buckel gesagt: »Sie brauchen sich erst
gar nicht auszuziehen!« Und alle Anwesenden waren in schallendes
Gelächter ausgebrochen.

Nein, er taugte nicht zum Soldaten. Die Natur, die ihn zum Krüppel
geschaffen hatte, verwehrte ihm auch diesen Eingang zum Reiche der
Unsterblichkeit.

Bitter empfand er es: Wieder einmal war er ausgeschlossen, wo es galt,
Schönes, Großes, Ewiges zu vollbringen.

Auf der Bank rief der Ausbruch des Krieges zunächst ein großes
Durcheinander hervor. Da waren ausländische Coupons, von denen man nicht
wußte: sollte man sie noch einlösen oder nicht; da waren Stöße
ausländischer Wechsel, auf die Kredite eröffnet waren, und deren Wert
jetzt höchst zweifelhaft geworden war; alle Auslandspost blieb plötzlich
aus; da belagerten überängstliche Kunden die Direktion, wollten ihre
Depositen und Guthaben zurückziehen, baten um Ratschläge, die sie
hinterher doch nicht befolgten; da schwirrten Alarmgerüchte
abenteuerlichster Art über angebliche Schwierigkeiten bedeutender
Unternehmungen, an denen die Bank beteiligt war.

Auch etliche Herren, die die Hilfe der Bank zu Kriegsspekulationen
gewinnen wollten, stellten sich ein. Das Öl würde bestimmt in absehbarer
Zeit knapp werden, sie hätten es aus bester Quelle; wenn man es
aufkaufe, könne man ein Vermögen verdienen.

Diese ehrenwerten Mitbürger kamen freilich schneller die Treppe
hinunter, als sie heraufgekommen waren.

Direktor Hermann erwies sich in diesen stürmischen Tagen als ein wahres
Genie. Mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit leitete er das
Unternehmen, und fast alle seine Maßnahmen erwiesen sich späterhin als
richtig.

Auch Antonie Hochberg erschien auf der Bank, um sich Rat zu erholen.

Sie bestürmte erregt den wehrlosen Hermann mit tausend Fragen, die ihr
nicht einmal der Reichskanzler hätte beantworten können, wollte wissen,
wie lang der Krieg dauern werde, und wie sich Hermann, der doch ein
gescheiter Mann sei, die Friedensbedingungen denke.

Sie erinnerte sich noch deutlich des Deutsch-Französischen Krieges, sie
konnte ihrem Alter nach auch noch das Jahr Achtzehnhundertsechsundsechzig
miterlebt haben, und sie jammerte bei diesen Reminiszenzen anhaltend: »O
Gott, o Gott, die armen Menschen, die armen Menschen!« Dabei trug sie
aber beängstigend große Brillanten in den Ohren, und an ihren Fingern
glitzerte eine ganze Juwelengeschäftsauslage.

Von den Schrecken des Krieges schweifte sie dann zu einer eingehenden
Kritik des letzten Museumkonzerts ab, um mit der entrüsteten Schilderung
des vorvorletzten Frankfurter Ehescheidungsprozesses zu schließen.

Eine Stunde lang hielt sie den armen Hermann auf, der die
verzweifeltsten Anstrengungen gemacht hatte, sie schon früher mit
höflicher Gewalt zum Gehen zu zwingen.

Unter den Beamten riefen die Einberufungen große Erregung hervor.

Da konnte man Charakterstudien machen.

Leute, die man allgemein für trockene, verschlafene Philister gehalten
hatte, überraschten mit der Meldung, sie hätten sich freiwillig zum
Heeresdienst gestellt; andere wieder, die im Schwadronieren stets
Meister gewesen waren, liefen ob ihrer Einberufung mit Trauermienen
umher und beschworen die Direktion, sie als unabkömmlich zu reklamieren.

Einer der ersten, die diesen beschämenden Gang in die Direktion
antraten, war Herr Wittmann.

Er hatte gelegentlich einmal betont, Leutnant der Reserve zu sein – nun
stellte es sich heraus, daß er niemals Soldat gewesen, sondern seiner
Plattfüße wegen »Landsturm ohne Waffe« war.

Eifrig diskutiert wurde die Frage, wie sich die Bank ihren einberufenen
Beamten gegenüber verhalten werde. Würde sie ihnen die Stellen bis zum
Friedensschluß offenhalten? Würde sie den Familienangehörigen die
Gehälter voll oder wenigstens teilweise auszahlen?

Die Beamten beschlossen, eine Deputation in die Direktion zu schicken,
zu deren Sprecher der dicke Rehle gewählt wurde, der allseitiges
Vertrauen genoß, und dem man vor allem das nötige Mundwerk zutraute.

Diese Maßregel erwies sich freilich als überflüssig, denn noch ehe die
Deputation in Tätigkeit zu treten brauchte, gab die Direktion einen Ukas
heraus, der den Wünschen der Beamten auf das weiteste entgegenkam.

Direktor Hermann hatte die Angelegenheit mit Direktor Birron besprochen,
das heißt: _er_ hatte gesprochen, und Birron hatte gesagt: »Es wird
schon recht sein, Herr Kollege! Ganz wie Sie meinen!«

Amtliche Bekanntmachungen erschienen und wurden in den Bureaus
angeheftet. Darunter auch eine Anweisung, wie sich die Bevölkerung im
Falle eines möglichen Fliegerangriffes zu verhalten habe: die Straßen
seien zu leeren, die Lichter zu löschen und Schutz in den Kellern zu
suchen.

Seit diese Bekanntmachung im Wechselbureau prangte, war der zittrige
Rittershaus nicht mehr zu beruhigen.

»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte er den lieben, langen Tag vor sich hin.
»Und der Hauptbahnhof, auf den’s die Hunde doch in erster Linie absehen
werden, liegt uns gerade gegenüber!«

Jeden dritten Tag ließ er sich von neuem vom alten Binder das
Kellergewölbe zeigen und verbrachte dort zur Freude seines Bureaus ganze
Stunden mit angeblich notwendigen Revisionen.

Er wollte vom Krieg nichts hören, und so oft Truppen die Kaiserstraße
hinauf zum Bahnhof zogen und das Personal an die Fenster stürzte, um
Abschiedsgrüße zu winken, geriet er außer sich und krähte verzweifelt:
»Ruhe!! Während der Arbeitsstunden wird nicht hinausgesehen!«

Rittershaus war jetzt Alleinherrscher im Wechselbureau, denn der dicke
Rehle trug des Königs Rock. Nie hatte er davon gesprochen, daß er
Vizewachtmeister der Reserve war. Man wollte es ihm anfangs gar nicht
glauben, daß er, in seinen Jahren, sich als Freiwilliger gemeldet habe.

»Mei Alte flennt wie e Schloßhund,« sagte er, »awwer ich kann’r net
helfe! Ich kann doch als ahler Soldat bei dem Krieg net _zugucke_! Ich
müßt mich ja vor merr selwer schäme!«

Und beim Abschied hatte er gescherzt: »Gell, Fräulein Scheckel, du
schreibst merr alsemal unn schickst merr Socke ins Feld, awwer um Gottes
wille kaa selbstgestrickte! Sonnern, wo merr aach drin laafe kann! Unn
poussiert merr net zu viel, Kinner! Daß ich kaa Sache hör’, wann ich
widderkomm! Unn du, Madamm Ungnädig, gewöhn derrsch ab, ahle Leut ze
haache – en junge kriehst de jetzt sowieso kaan mehr!«

Und dabei standen ihm die Tränen in den Augen, und die Damen trockneten
sich die Wimpern ab und konnten vor Trennungsweh kaum ihr »Auf
glückliches Wiedersehen!« hervorbringen.

Übrigens wurde der dicke Rehle nicht ins Feld abgestellt, sondern zur
Rekrutenausbildung dabehalten, und er war bald der beliebteste
Vizewachtmeister des ganzen Ersatzbataillons.

Auch der Junge des alten Binder wurde eingezogen, und der Vater war
stolzer darauf als der Sohn. Auf der Livree des alten Binder tauchte
jetzt plötzlich eine Medaille auf, die ihn als Teilnehmer am Siebziger
Kriege auswies. Mit Vorliebe erzählte er Erlebnisse aus seiner
Kriegszeit, die man nicht allzu genau auf ihre Wahrheit prüfen durfte –
es war schon ein bißchen lange her.

Was seinen Sohn anging, so beseelte ihn ein unerschütterlicher
Optimismus: »Mei’ Sohn kimmt widder, da haww ich gar kaa Angst net! Es
is ja aach der Vadder widderkomme! Des Heule unn Zähneklappern
iwwerlasse merr de Weiwer! Dene dhut’s wohl, wann se als e bissi flenne
könne!«

Um so pessimistischer sah der kranke Bittenberger, der Aufsichtsführer
der Expedition, in die Zukunft. Auch seinen ältesten, mißratenen Sohn
hatten sie geholt, und nun schwebte der arme Vater beständig in
Todesängsten, sein Sohn könne beim Militär böse Streiche machen.

Ein erschütterndes Bild des Jammers war der alte Mann, wenn er des
Abends als letzter, auf seinen Stock gestützt, die Treppe hinunter
gewankt kam, und im ganzen Hause sagte man sich:

»So geht’s nicht mehr weiter mit dem Bittenberger! Wir sind doch kein
Altersversorgungsheim! Er _muß_ sich einfach pensionieren lassen! Mit
solchen Leuten kann man nicht zusammen arbeiten!«

Benno Stehkragen glich in den ersten Kriegstagen einem Narren.

Er schämte sich vor jedem Soldaten, der an ihm vorüberging. Wozu bin ich
überhaupt auf der Welt? grämte er sich. Wozu bin ich überhaupt zu
gebrauchen? Wie kann ein Mensch vor mir Respekt haben? Wie kann ich mir
einbilden, ein Mädchen könnt’ mich lieben?

Das häßliche Wort »Drückeberger« gellte ihm in den Ohren.

Wenn er noch wenigstens sich hätte in einem der Wohlfahrtsausschüsse
nützlich machen können! Aber dazu ließ ihm sein Beruf keine Zeit.

»Ich sitz’ erum und fress’ andern Leuten ’s Brot weg,« klagte er sich
an. »Ein Schmarotzer, ein überflüssiger Mensch! Draußen sterben Väter
und Söhne, und ich sitz’ hinter’m warmen Ofen und les’ Leitartikel! Und
was für welche!«

Zu den Käsbergers ging er jetzt fast gar nicht mehr, und der kleine
Lebrecht bekam in der Schule einen Strafzettel nach dem andern. Seit
Benno einmal angefangen hatte, dort die Rolle des bewundernden Verehrers
zu spielen, erwarteten Katharine und insbesonders Großmama Käsberger von
ihm deutlichere Erklärungen, und die brachte er nicht übers Herz.

Selbst Marthas Bild schien ihm in diesen Tagen in weite Ferne gerückt.

Er bekam sie nur noch selten zu sehen, denn Martha war nach dem
Zusammenprall mit Wittmann aus dem Couponbureau versetzt worden.

Sie hatte dem Direktor Hermann die Affäre erzählt, und Hermann hatte
kurz entschlossen angeordnet: »Von morgen ab sind Sie als meine
Privatsekretärin in der Direktion beschäftigt! Sie sind doch damit
einverstanden, liebes Fräulein?«

Höchst betriebsam ging es im Hause Petterich zu. Die gute, mollige Frau
Josephine war völlig von allerlei Fürsorge für die Feldgrauen in
Anspruch genommen. Sie, die sonst so sparsam mit Petroleum und Gas
umgegangen war, saß jetzt bis spät in die Nacht hinein in der Küche und
strickte Socken, nähte Leibbinden, wobei ihr das entzückte Mariechen bis
neun Uhr abends helfen durfte.

In jedes Paar Socken webte sie die ehrlichsten Segenswünsche hinein,
aber auch urkräftige Flüche gegen unsere Feinde:

»Verhaacht die miserawele Franzose, daß die Lappe flie’e!! Nix wie druff
uff die schleechte Engelänner!! Kabutt misse se wer’n, die ganze
Lumpegesellschaft!! Mir soll nor noch emal e Engelänner ins Haus komme!!
De ganze Kücheschrank krieht’r uff de Kopp!! Wann ich nor en Russ’ da
hätt’ – ich dhät’ dem Oos de Buckel mobilisiere, daß er genug hätt’
for die nächste hunnert Jahrn!!«

So schimpfte die gute Frau Petterich, während die Stricknadeln
klapperten, in ihrer ehrlichen Entrüstung.

Für ihren Mieter hatte sie nur mehr wenig Zeit übrig, und das war Benno
lieb, denn er hätte jetzt die Lobreden auf den seligen Schorsch nicht
ertragen können.

Weshalb läßt du mich nicht sterben, lieber Gott! flehte er. Du führst
doch Buch über die Taten aller Menschen, über die guten und die
schlechten, vielleicht is bei dir ein Stellchen frei als Buchhalter? Ich
will ja aufs genaueste Buch führen, und ich will ohne Murren Überstunden
machen und nix sagen, wenn du merr die ekligste Seele im ganzen Himmel
zum Bureauchef gibst! Nur nimm mich weg aus dieser Welt!

Oder er dachte in seiner närrischen Art: Wenn ich nur emal den Kaiser
persönlich sprechen könnt’! »Majestät,« tät’ ich sagen, »Majestät,
vielleicht is irgendwo ein verlorener Posten, auf den man einen
opferwilligen Menschen braucht, vielleicht is irgendwo was in die Luft
zu sprengen und man weiß bestimmt, der Mann fliegt mit in die Luft –
nehmen Se _mich_ dazu, Majestät! Ich bitt’ Se um alles: nehmen Se
_mich_! Sie werden Ihre Freud’ an mir erleben!«

Als die ersten beglückenden Siegesnachrichten eintrafen, da gab es unter
den Jubelnden einen, der tiefunglücklich war, tiefunglücklich, daß er
den großen Ereignissen müßig zuschauen mußte.

Wenn ich wenigstens als Sanitätshund auf die Welt gekommen wär’! dachte
er. Oder als Schrapnell. Aber ausgerechnet als Benno Stehkragen mußt’
ich geboren werden!

Eines Tages wurde Benno in die Direktion gerufen.

Sein erster Blick beim Betreten des Raumes fiel auf Martha, die dicht
beim Fenster vor einer Schreibmaschine saß und Stenogramme übertrug.

Sie senkte den Kopf tiefer und tippte doppelt eifrig, als sie Benno
bemerkte.

»Fräulein,« sagte Direktor Hermann, »gehen Sie, bitte, hinaus, solange
ich mit Herrn Stehkragen rede! Man versteht ja bei der Tipperei sein
eigenes Wort nicht!«

Martha erhob sich und ging.

Es war Benno, als habe sie ihn mit einem fragenden Blick gestreift.

»Mein lieber Stehkragen,« wandte sich Direktor Hermann ungewöhnlich
freundlich an ihn, »ich weiß nicht, ob es Ihnen bereits bekannt ist, daß
unser Gesuch betreffs Unabkömmlichkeit des Herrn Wittmann abschlägig
beschieden wurde? Herr Wittmann wird also in absehbarer Zeit unsere Bank
verlassen. Und es scheint mir fraglich, ob er wieder auf seinen Posten
zurückkehren wird. Wir brauchen daher einen neuen Bureauchef. Dabei
dachten wir in erster Linie an Sie. Nicht wahr, Kollege Birron?«

Birron murmelte zerstreut: »Es wird schon recht sein, lieber Herr
Kollege! Ganz wie Sie meinen!«

»Sie sind nicht nur der älteste Beamte im Couponbureau, mein lieber
Stehkragen, sondern wir haben zu Ihnen auch besonderes Vertrauen. Und
außerdem haben wir auch bei Ihnen die bestimmte Gewißheit, daß Sie
dauernd militäruntauglich sind und uns nicht eines Tages weggeholt
werden!«

Benno zuckte schmerzlich zusammen.

Die Aussicht, Bureauchef zu werden, bedeutete ihm eine freudige
Überraschung, allein die Begründung demütigte ihn aufs empfindlichste.

»Und außerdem«, fuhr Direktor Hermann fort, während ein Lächeln sein
Gesicht überzog, »hat mir Fräulein Böhle, die ja längere Zeit mit Ihnen
im selben Bureau gearbeitet hat, so viel Gutes von Ihnen erzählt, daß
ich mich freue, Sie in eine höhere Stelle aufrücken lassen zu können.«

»Nein!« schrie Benno auf. »Nein, nein! Ich will die Stelle nicht! Ich
bin zu dumm dazu! Ich will nichts befehlen! Ich will nicht!«

Hermann sah ihn befremdet an.

»Hm!« meinte er nach einer Weile. »Hm! Sie scheinen mir doch andere
Gründe zu haben, als Sie angeben, aber das ist _Ihre_ Sache! Im übrigen
scheint es mir jetzt beinahe selbst, als wären Sie viel zu nervös für so
einen Posten! Sie können gehen!«

Zitternd vor Erregung kam Benno im Couponbureau an.

So tief schätzte sie ihn also ein, daß sie ihm hatte ein Gnadengeschenk
zuschanzen wollen. O, wie erbärmlich tief war er gesunken, daß man ihm
so etwas antun durfte!

Am Abend begegnete Martha ihm auf der Treppe.

Er wollte ihr ausweichen, aber sie kam munter auf ihn zu und frug in
herzlichem Ton: »Was haben Sie eigentlich gegen mich? Was habe ich Ihnen
denn getan?«

Benno sah sie eine Weile stumm an. Seine Kinderaugen weiteten sich,
seine Hände falteten sich unwillkürlich.

»Wissen Sie das wirklich nicht?« sprach er langsam und gab sich die
größte Mühe, das Beben seiner Stimme zu verbergen.

Martha lächelte. »Aber, bester Herr Stehkragen, wenn ich es wüßte, würde
ich doch nicht erst fragen. Zürnen Sie mir denn immer noch, weil ich
damals sagte, Sie sollten einen Anstandskursus nehmen?« Nun lachte sie
herzlich. »Das war doch nicht so bös gemeint! Herrjeh, man legt doch
nicht jedes Wort auf die Goldwage! Sagen Sie, tragen Sie mir wirklich
immer noch dieses dumme Wort nach?«

Benno schüttelte traurig den Kopf.

»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen und machen Sie keine solche
Leichenbittermiene!« rief Martha und schnitt ein lustiges,
parodistisch-tragisches Gesicht. »Ich bin heute so famos gelaunt und mag
keine traurigen Menschen sehen! Hopp, ziehen Sie Ihren Mantel an und
begleiten Sie mich! Ich verzichte heute Ihretwegen auf den Kientopp –
mehr können Sie doch wahrhaftig nicht verlangen!«

Wenige Minuten später wandelte Benno an ihrer Seite die Kaiserstraße
hinab.

Martha plapperte und plapperte, und ihr heiteres, unbekümmertes
Geplauder schien ihm köstliche Musik.

Das geträumte Feenreich tauchte wieder vor ihm auf, und an seinem
Eingang stand ein lachendes Elfchen und winkte und zwitscherte: »Worauf
wartest du noch? Was zögerst du noch?«

Alle die großen elektrischen Bogenlampen leuchteten: »Los, Benno, sei
tapfer! Weshalb besinnst du dich noch?«

Und in allen Telephondrähten wisperte es: »Verbinden Sie mich mit
Fräulein Martha Böhle! Schnell, schnell! Es eilt!«

Als sie an das Uhrtürmchen kamen, raffte sich Benno auf und frug:
»Fürchten Sie sich, mit mir durch die dunklen Anlagen zu gehen?«

»Fürchten?« lachte Martha. »Vor wem soll ich mich denn fürchten? Aber
Sie müssen mir den Arm geben, daß ich über keinen Zaun fall’!«

Benno fühlte ihren weichen Arm sich in den seinen schmiegen, er wußte,
jetzt kam der Augenblick, in dem er reden mußte, und brachte doch kein
Wort hervor.

»Weshalb zittern Sie denn so?« frug Martha. »Wissen Sie, wir haben zu
Hause bei meinen Eltern einen Dackel gehabt, der hat auch immer so
gezittert. Peter hat er geheißen. Ein Spitzbub’ ersten Ranges.«

Und nun fing sie an von dem Dackel zu erzählen und sprudelte von Laune
und Übermut.

»Und geradeso haben _Sie_ vorhin gezittert, Herr Stehkragen!« schloß sie
ihren Bericht.

Benno zog sanft seinen Arm aus dem ihren, blieb stehen und sagte
schmerzlich: »Haben Sie noch nie einen Menschen so von ganzem Herzen
lieb gehabt, Fräulein Böhle?«

Es durchzuckte Martha heiß. Sie hatte ihn sofort verstanden, und in
maßlosem Erstaunen stammelte sie: »Ja lieben Sie mich denn?...«

Und nun, da er Martha so ernst sah, löste sich Bennos Zunge, und er fand
glühende Worte der Leidenschaft, er redete sich alles vom Herzen, was er
so lange unter Folterqualen mit sich herumgetragen hatte, und er
bemerkte es gar nicht, daß Martha beharrlich schwieg und sich nur von
Zeit zu Zeit wie zufällig mit dem Handrücken über die Augen fuhr.

Wohl eine Stunde war verflossen, als sie vor Marthas Wohnung anlangten.

Sie standen im grellen Licht einer Laterne, Benno hielt ihre Hand
umschlossen und flüsterte: »Ich will heut’ noch keine Antwort, heut’
noch nicht. Aber lassen Sie mich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung
warten, Martha! Sie wissen nicht, wie ich leide, und wie bitter ich
schon durch Sie gelitten hab’!«

Martha drückte ihm die Hand und eilte, wie flüchtend, in das Haus.

Beseligt schaute Benno ihr nach.

Er war von einem schweren Bann erlöst, er hatte den Mut gefunden, ihr
von seiner Liebe zu sprechen, er fühlte sich so stark, er hatte den
Kampf um sein Glück aufgenommen, und er würde ihn durchfechten und sein
Glück zu verteidigen wissen.

Oben in ihrem Zimmer aber lag Martha auf der Chaiselongue, drehte die
Daumen und überlegte, überlegte ...

Seit diesem Abend wurde sie nicht mehr auf der Bank gesehen.

Niemand wußte, wohin sie gekommen war.

Bis eines Vormittags ein Beamter aus der Korrespondenz lachend in das
Couponbureau gestürzt kam und jubelte: »Neues von Fräulein Böhle! Das
Neueste vom Direktions-Kriegsschauplatz! Hurra, es ist so weit: Direktor
Hermann hat ihr eine Wohnung auf der Eckenheimer Landstraß’ gemietet!
Bald fährt sie auf Gummirädern und – nanu, was haben Se denn, Herr
Stehkragen?«

Benno war röchelnd zurückgesunken.

Aber er faßte sich schnell wieder.

»Mir is unwohl,« stammelte er, »Herr Wittmann, dürft’ ich nicht nach
Haus geh’n?«

»Meinetwegen!« schnarrte Wittmann ärgerlich. »Aber sehen Sie zu, daß Sie
bald wieder auf den Damm kommen! Wir können jetzt kein Personal
entbehren, wo ich jeden Tag zum Kommiß geholt werden kann!«

Benno räumte sein Pult auf und eilte, ein Auto zu nehmen.

Unterwegs gab es einen Aufenthalt. Eine Kompanie, die von einer
Felddienstübung heimmarschierte, sperrte die Straße. Im Marschschritt
klang es von ihren Lippen:

    Es welken alle Blä-ätter,
    Sie fallen alle ab, alle ab.

    Denn mein Schatz hat mich verla-assen.
    Das kränket mich so sehr.

    Ins Kloster will sie ge-ehen
    Will werden eine Nonn’, eine No ...

Erstaunt sah sich der Autolenker nach seinem Fahrgast um, der gellend
aufgelacht hatte: »Ins Kloster ... Martha ins Kloster, hahaha ...«

Todmüde und zerschlagen kam Benno zu Hause an.

Er legte sich in den Kleidern aufs Sofa und verfiel alsbald vor
Erschöpfung in einen fiebrigen Schlummer.

Qualvolle Träume suchten ihn heim.

Er sah sich im Couponbureau, die Couponkasse stimmte nicht, und je öfter
er nachzählte, desto größer wurde der Fehlbetrag, und desto höher wurde
seine Verzweiflung. Er zählte immer eifriger und eifriger, schneller und
schneller, der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, und plötzlich riß
ihm ein heftiger Windstoß die Coupons aus der Hand, daß sie in groteskem
Wirbel ihn umtanzten. Aber nun waren es keine Coupons mehr, sondern
scheußliche kleine Teufel, über das Pult krochen ekle Schlangen, eine
große, schlüpfrige Kröte guckte aus dem Tintenfaß, und als er sich in
seiner Not umsah, da saß auf dem Platz des Bureauchefs in einem
schwarzen Mantel der Direktor Birron und hielt als Zepter einen
Totenschädel aus der Wolfsschlucht in der Hand, und nickte beständig mit
dem Kopf und lallte: »Es wird schon recht sein, Herr Kollege, es wird
schon recht sein!«

Entsetzt schrie Benno im Schlaf auf.

Frau Petterich stürzte in das Zimmer und schüttelte ihn vollends wach.

»Um Gottes wille, was hawwe Se dann?« wehklagte sie, »Sie kreische, daß
merr maane könnt, es brennt!«

Und da sie Bennos verstörte Augen sah, setzte sie sich mütterlich neben
ihn und fing an zu weinen.

Der arme, unglückliche Benno verspürte einen hilflosen Drang, seinen
Kopf in ihren Schoß zu legen, die Augen zu schließen und nichts zu
denken ... nichts zu denken. Aber er traute sich nicht.

»Wann nor mei Schorsch-selig noch lewe dhät,« schluchzte Frau Petterich,
»der dhät Ihne schon de Kopp zurechtsetze!«

Aber es dauerte nicht lang, und die resolute Frau Petterich hatte ihr
seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. Sie war überzeugt, daß nur die
Liebe zu Katharine Käsberger, »dere Komödiantin«, an Bennos Verzweiflung
schuld sei, und deshalb sprach sie so sanft, als es bei ihren kräftigen
Stimmitteln möglich war: »Lasse Se emal vernimftig mit sich redde, Herr
Stehkrage! Wann’s halt gar net annerschter gehe dhut, wann Se’s halt gar
net aushalte dhun, no, dann gehn Se in Gottes und Dreideiwels Name
niwwer zum ahle Käsberger unn halte Se um sei schepp Dochter an! Er
gibbt se Ihne mit Handkuß! Er zahlt noch was druff! Unn de klaane
Lebrecht kriehe Se gratis unn franko in die Eh’!«

Benno fuhr auf.

Ja, Frau Petterich hatte recht: das war das letzte Mittel, seinem
Zustand ein Ende zu machen. Er wollte Katharine Käsberger heiraten,
nicht weil er sie liebte, sondern weil er ein Wesen brauchte, für das er
sorgen konnte, weil er seinem verpfuschten Leben irgendeinen Inhalt
geben mußte, und sei es auch nur die pflichtkalte Fürsorge für ein
ungeliebtes, verblühtes Mädchen.

Er wollte gleich vom Sofa springen, doch Frau Petterich drückte ihn
sanft nieder: »Ehrscht dhun Se Ihne e bissi erhole! Sie gukke ja aus,
als ob Se aus’m Friedhof dorchgebrannt wärn! Nor ruhig Blut! Hat der
Käsberger sei’ Dochter so lang uff’m Buckel gehabbt, kann er se aach
noch finf Minute länger drowwe hawwe!«

Aber Benno war nicht mehr zu halten. Er riß seinen Hut vom Haken und
stürmte geradewegs zu Katharine.

Bekümmert sah ihm Frau Petterich nach und murmelte:

»Liewer Gott, mach’s gnädig! Laß se wenigstens kaa Kinner kriehe! Dann
bei _dene_ Eltern wern’s doch nor Unglickswermer!«

Als Benno bei Käsbergers schellte, öffnete ihm ein fremder Mann, der ihn
vom Kopf bis zu den Füßen maß, sein Gesicht zu einem Grinsen verzog und
dann mit herablassendem Schauspielerpathos sprach: »Junger Mann, wenn
mich Ihr Buckel nicht täuscht, habe ich das Vergnügen mit Herrn Benno
Stehkragen! Sie sehen in mir den bekannten Gesangspädagogen und
Heldenbariton Breivogel, Lebrecht Breivogel. Ich bin gestern von einer
längeren Kunstreise zurückgekehrt, die mich an die verschiedensten
Fürstenhöfe führte. Davon ein andermal! Heute feiere ich die
Wiederverlobung mit meiner geliebten Braut. Wenn Sie aber ein andermal
wiederkommen, junger Mann, sollen Sie uns hochwillkommen sein!«

Damit machte er eine gravitätische Verbeugung und schloß die Türe.

Fort, fort! stöhnte Benno. Nur fort! Auf die Bank, dort ist dein Platz!
Eine Maschine unter Maschinen!

Und während er wie ein Besessener durch die Straßen eilte, dachte er:
Was habe ich nur verbrochen, daß Gott mich so hart straft!

Er rannte blindlings drauf los, instinktiv und aus alter Gewohnheit den
richtigen Weg findend, sah nicht die Menschen, sah nicht die Häuser.

Und gerade wollte er in die Industriebank einbiegen, als plötzlich
hinter ihm der Ruf erscholl: »_Flieger_!!«

»_Flieger_!« schrien hundert Stimmen durcheinander, und ehe Benno wußte,
wie ihm geschah, war er von einem Menschenstrom in das Portal der
Industriebank gerissen.

Er kam erst wieder halbwegs zur Besinnung, als er an einem Fenster des
Couponbureaus allein stand und auf den Bahnhofsplatz hinausstarrte.

Da sah er einen verlassenen Wagen der Elektrischen breitspurig stehen,
und seitlich vor dem Wagen stand ein Kind und wartete offenbar, daß der
Wagen weiterfahren sollte, damit es die Schienen überschreiten könne.

Es war ein vornehm gekleidetes Kindchen, das wahrscheinlich bei dem
Schreckensschrei »Flieger!« von der flüchtenden Gouvernante im Stich
gelassen worden war.

Bennos Herz durchzuckte ein Schreck.

Er stürzte auf die Straße, das verlassene Kind zu retten.

Das lief, als es den mißgestalteten, wild gestikulierenden Menschen auf
sich zueilen sah, laut schreiend in den nächsten Hausgang.

Benno hob wie in Verzückung die Hände zum Himmel, da hörte er hinter
sich ein polterndes Geräusch. Er drehte sich um und wurde im selbem
Augenblick von einem führerlosen Lastfuhrwerk erfaßt, das die
Kaiserstraße heraufgerast kam.

Die Fliegergefahr hatte sich als falscher Alarm erwiesen. Aber sie hatte
dennoch ein blutiges Opfer gefordert.

Auf dem Sofa in der Direktion lag Benno. Der alte Binder hatte eine
Decke über die zerschmetterten Glieder gebreitet. Benno hatte die Augen
geschlossen, seine rechte Hand tastete suchend durch die Luft und geriet
an Direktor Birrons welke Finger, die er sogleich umschloß und zärtlich
streichelte.

Birron warf einen hilflosen Blick auf Direktor Hermann, er wollte seine
Hand zurückziehen, aber als Hermann ihm zunickte, überließ er sie
achselzuckend dem Sterbenden.

»Martha,« flüsterte Benno, indem er fortfuhr Birrons Finger zu
liebkosen, »Martha ... nun sterbe ... ich doch ... gewissermaßen ...
fürs ... Va ... ter ... land ...!«

Er schlug die Augen auf, legte den Kopf zur Seite, stöhnte –

Der alte Binder zog ihm die Decke über das Gesicht und nahm die Mütze
ab. Und Direktor Hermann frug: »Hat er Verwandte, die man
benachrichtigen muß?«

Drei Tage später wurde Benno begraben.

Eine zahlreiche Trauerversammlung gab ihm das letzte Geleit.

Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde war vollzählig vertreten und der
Rabbiner hielt eine schöne Leichenrede, in der er den Verstorbenen als
einen frommen, gesetzestreuen Juden pries und ihn als einen guten
Menschen lobte. Bei einer guten Tat, bei der Rettung eines Kindes habe
er ja auch sein Leben eingebüßt.

Er habe zwar nicht das biblische Alter erreicht, dafür aber sei er ein
wahrhaft glücklicher Mensch gewesen.

Nach dem Geistlichen sprach Direktor Hermann, und er nannte Benno das
Muster eines pflichtgetreuen Beamten, dem die Bank stets ein ehrendes
Andenken bewahren werde.

Mitten in der Rede sah er auf die Uhr, denn er hatte das Gefühl, es sei
schon spät, und er durfte doch in dieser aufgeregten Zeit keine
Börsensitzung versäumen.

Für die Beamten krähte Herr Rittershaus einige trockene Worte, die er
sich für solche Gelegenheiten auswendiggelernt hatte.

Als er zu der Phrase kam: »Und so lege ich diesen Kranz am Grabe des
Entschlafenen nieder,« fiel ihm plötzlich ein, daß es ja bei jüdischen
Begräbnissen keine Blumenspenden gibt, und daß er gar keinen Kranz in
den Händen hatte, und es entstand ein peinliches Räuspern.

Auf einem benachbarten Grabstein saß ein Sperling, zirpte und beschaute
sich die Trauerversammlung.

Da war unter anderen Herr Käsberger, der wieder seinen
Stiftungsfestgehrock anhatte und sich vergeblich bemühte, den
ungezogenen kleinen Lebrecht im Zaum zu halten.

Auch Herr Breivogel war erschienen und erzählte während der Leichenreden
einem ihm völlig unbekannten Bankbeamten von seinen beispiellosen
künstlerischen Erfolgen. Er gedenke, demnächst auch in Frankfurt ein
Konzert zu geben. Und der Bankbeamte schiene ihm, soweit er dies nach
dem Sprechen beurteilen könne, eine ausgezeichnete Stimme zu besitzen,
ja, er habe in Anbetracht seiner herrlichen Bühnenfigur geradezu ein
Vermögen in der Kehle, und er, Lebrecht Breivogel, sei gerne bereit,
diese Stimme einmal ausnahmsweise, aber wirklich nur ganz ausnahmsweise,
völlig kostenlos zu prüfen.

Der dicke Rehle war in der Uniform eines Vizewachtmeisters erschienen
und nahm sich gar stattlich aus. Ihm liefen die Tränen über die Backen,
als sie Bennos Sarg zunagelten.

Ferner war da der Herr Seligmann, der wehmütig seufzte: »Er hat mich
zwar damals Sonntag Abend sitzen lassen und is _nicht_ zum polnischen
Karpfen gekommen, aber ein seelenbraver Mensch war er doch!«

Der stoppelbärtige Joseph schluchzte trostlos; da ihm die gewohnte
Serviette fehlte, wußte er nicht recht, was er mit der rechten Hand
anfangen sollte, und drehte verlegen seinen vorsintflutlichen Zylinder.
Er flüsterte dem ehrlich betrübten alten Binder zu: »Es war ein lieber
Mensch, bloß in der letzten Zeit e bißchen meschugge! Gott hab’ ihn
selig!«

Der zittrige Bittenberger glich nun vollends einer Ruine, nachdem sein
ältester Sohn in einem der ersten Gefechte gefallen war.

Aufsehen erregte ein fremder blonder Mann in tadellosem Gehrock.

Er war der Vater des Kindes, für das Benno sein Leben dahingegeben
hatte. Er war mit der Absicht gekommen, ein paar Sätze am Grabe zu
sprechen, aber als sich die Beerdigung so in die Länge zog, gab er diese
Absicht auf und stand nun etwas geniert, mit seiner goldenen Uhrkette
spielend, unter den unbekannten Leuten.

Frau Petterich war trostlos gewesen, als sie erfahren hatte, daß an
jüdischen Begräbnissen keine Frauen teilnehmen.

Sie saß, während Benno zu Grabe getragen wurde, in seinem Zimmer und
weinte mit dem Mariechen um die Wette.

Und schluchzte abwechselnd bald: »Der arm’ Herr Stehkrage’!« und bald:
»Mei guder seliger Schorsch!«

Die Trauerversammlung zerstreute sich. Der Sperling, der auf dem
benachbarten Grabstein gesessen hatte, flog auf den frischen Grabhügel
und begann lustig und unbekümmert zu zwitschern.

Benno aber lag friedlich in seinem Sarg, gekleidet nach alter
Vätersitte, und um seine Lippen spielte das Lächeln der Toten.



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1917 in der Reihe »Ullstein-Bücher – Eine Sammlung
zeitgenössischer Romane« erschienenen Ausgabe erstellt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#





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