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Title: Ein Hungerkünstler
Author: Kafka, Franz, 1883-1924
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der Text stammt aus: Die neue Rundschau XXXIII (1922). S. 983-992.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.
  ]



                           EIN HUNGERKÜNSTLER

                             Erzählung von
                              FRANZ KAFKA


In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde
der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen
oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die
Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen
beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine
Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst
versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so
wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war,
sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da
aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu
feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer,
welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht
den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich
eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die
Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit
niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das
Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies.
Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und
dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem
Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung
nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts
war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn
trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal
überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange
er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber
waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der
trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit
den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario
zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen
konnte er ja überhaupt nicht und ein wenig hindämmern konnte er immer,
bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden
Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich
ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen
Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre
Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um ihnen immer
wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß
er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war
er, wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein
überreiches Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem
Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es
gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche
Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und
wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück
die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren
Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler
selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem
Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus
einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht
vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den
Vorführungen fern bleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht
ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich
selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das,
wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt.
Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn
günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar
für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es
sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es
halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe
der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit
immer an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode -- dieses
Zeugnis mußte man ihm ausstellen -- hatte er freiwillig den Käfig
verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig
Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte
man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das
Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das
Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruches war festzustellen;
es bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen
den Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die
Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit
Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft
erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte
betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler
vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale
verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler
aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen
Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und
in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte
er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten
Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht.
Warum jetzt gerade nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange,
unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im
besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man
ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon
war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche,
denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte
diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit
ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es
nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun
hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein
in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit
Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in
die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen
Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber
dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm -- die
Musik machte das Reden unmöglich -- die Arme über dem Hungerkünstler,
so als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal
anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler
allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um
die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen
wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und
übergab ihn -- nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß
der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin
und her schwankte -- den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun
duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war,
als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war
ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den
Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so als sei es nicht der
wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings
sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche
hilfesuchend, mit fliegendem Atem -- so hatte sie sich dieses Ehrenamt
nicht vorgestellt -- zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens
das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann
aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht
zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des
Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen,
unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von
einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam
das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem
Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum
ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler
zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen
großen Tusch; man ging auseinander und niemand hatte das Recht, mit dem
Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer
nur er.

                   *       *       *       *       *

So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber
Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu
nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu
wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn
bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich
von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener
Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch
antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln
begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel,
das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor
versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern
hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche
Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne;
kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende
Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger
hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die
große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten
seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf
den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag,
im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar
wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der
Wahrheit war ihm zuviel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung
des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen
Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich.
Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem
Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er
das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das
beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich
war das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag
daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber
zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit
ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das
alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich
an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete,
nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu
unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das
Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein
Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende
umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten
zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler
nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben.
So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus schnell engagieren;
um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar
nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es
ja in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der
engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte
bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst
nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines
Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten
wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was
durchaus glaubwürdig war, eben so gut hungere wie früher, ja er
behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies
versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in
berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit
Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer
leicht vergaß bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in
die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt
gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort
zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den
Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich,
daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man
wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen
Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den
ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit
hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er
der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald
-- auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den
Erfahrungen nicht stand -- davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht
nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis
zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen
der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche -- sie
wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere -- ihn bequem ansehen
wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und
jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der
große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings,
denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur
Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick,
vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu
häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit
dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um
was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war,
und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule
und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben -- was war ihnen
Hungern? -- aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von
neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich
der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser
werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den
Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon,
daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht,
das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie
bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der
Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er
ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch
ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den
Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten
Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit
dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut
hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr
retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu
erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.
Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie
herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der
Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig
täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn
nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit
überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter,
wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz
so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage,
niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die
Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der
Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig
machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste
Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden
konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber
die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

                   *       *       *       *       *

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man
hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen
unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der
Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das
Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?«
fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht
mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr
ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß,« sagte der Aufseher und legte
den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem
Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr
mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es
auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht
bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
nicht,« sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler.
»Da sieh mal einer,« sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht
anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein
wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr
des Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, »weil ich nicht die
Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube
mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und
alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen
Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er
weiterhungre.

»Nun macht aber Ordnung!«, sagte der Aufseher, und man begrub den
Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in
dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm
fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes
Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen;
dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete
Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im
Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart
starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht
war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig
und wollten sich gar nicht fortrühren.





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