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Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Author: Steiner, Rudolf, 1861-1925
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft" ***

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Anmerkungen zur Transkription

Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgeführt. Es wurden
einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis
wurde vom Textende an den Anfang versetzt.

Im Original kursiv gedruckter Text ist durch _Unterstriche_ gekennzeichnet,
gesperrt gedruckter Text durch #Rauten#.

Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.



  INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN



  DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE

  IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT

  VON

  DR. RUDOLF STEINER


  [Illustration: Signet]


  1920

  DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG
  STUTTGART

  41.-80. Tausend

  Alle Rechte vorbehalten
  Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,
  Verlag, Stuttgart.


  Druckfehlerberichtigung.

  Auf Seite 14, Zeile 9 von oben, muß es
  statt: in dem Urteil
  heißen: von dem Urteil.

  Auf Seite 26, Zeile 11 von unten, muß es
  statt: angetrieben
  heißen: ausgetrieben.


  Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.



       Inhalt

                                                                    Seite

       Vorrede und Einleitung                                          5

       Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift                 16

    I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben
       der modernen Menschheit                                        20

   II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen
       Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten    39

  III. Kapitalismus und soziale Ideen                                 63

   IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen             98



Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift


Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige
verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man
kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese
oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat,
müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende
Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die soziale »Frage«
bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben
geltend machen will.

Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar
Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann
annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen
»Lösung« der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches
glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte »Lösung« anbieten
wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll,
auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung
der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal
sagen könnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen
nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.

In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an
sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich
weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen
haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen
utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen
getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern,
was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist.

Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des
öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden
utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die
Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer
solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon
überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts
anfangen mit dem, was sie vorbringen.

Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige
Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der
Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die
wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen
Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem
lebensfremden Denken herantritt?

Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das
Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses
Geständnis der »sozialen Frage« auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese
Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen Zivilisation
behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem sozialen Leben nötig
ist.

Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage hin.
Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen
Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade
abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den
Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die
wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er
herauswächst.

Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die
Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe die
Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und
damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu
gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde.
Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch dadurch das
bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne
der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst,
und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den
ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen.

Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen,
daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des
Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muß zeigen,
daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil
der so brennenden sozialen Frage bildet.

Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der
Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas
dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende können
sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft den Einzelnen
zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe.

Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem
Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum
Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das
Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das
Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es
im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde.
Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer
Irrtum.

Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des
Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in
dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle
Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen,
das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen
Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch
alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer gestellt
werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts
hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig
ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit
aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein
kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und
den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht
gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht.
Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet
hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz
unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist
naturgemäß, daß innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und
Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken.

Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung
des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im
wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das Best-Mögliche
zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in
dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich
übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus
geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann.
Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist,
darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen
können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu
verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt
werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte
empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren
Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten.

Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch die
Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem
Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien
Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen,
landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre
Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift muß
notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese --
richtige -- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus fließen
diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man
durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben hervorgehen, die
Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man könne
ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche
den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen
müssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen
stehen, und die Erziehenden müssen gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen
gegeben werden.

Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins
Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben
können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen können dann
Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen
herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen.
Die antisozialen Zustände sind dadurch herbeigeführt, daß in das soziale
Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her
sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen können nur aus einer
Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und
verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man
nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile
behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche
Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen
Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die
Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch
lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt
ihres Tuns vorschreibt.

Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, daß
derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen
Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat.
Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind,
werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schöpfen.
Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien
Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den
lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen können.

Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein,
die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht
das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die
von bloßen »Praktikern« gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen
gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren
Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen
die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in
dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt.

Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken.
Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn
die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem
gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? Solche Frager
sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch
gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt:
dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften
angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte
herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen,
sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner
freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung
seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die
ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann.

Die »soziale Frage« ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das
Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder
durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein
Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie
einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der
weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das
Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der
aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen
läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit
nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der
soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung.
Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig
wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen
können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch ihr lebendiges
Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben
wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige
Glied des sozialen Organismus.

Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie
Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben
die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben
zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie
werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die
Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine
Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen Anteil von Tätigkeit in sie
eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden;
was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhältnisse
des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch
nicht überall so auf der Erde; innerhalb des gegenwärtig zivilisierten
Teiles der Erdbevölkerung ist es im wesentlichen so.

Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung
erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die
Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht
man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein
erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise
schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon
abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser
Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist.

Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten
Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften
sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem
Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen
als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu
Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale
Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich
aus seinen eigenen Kräften heraus unabhängig von Staatseinrichtungen,
aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können,
wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen
bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und
Produzenten sich zusammenschließen. Durch die Verhältnisse des Lebens wird
der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine
Assoziationen würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu
unübersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus
den Lebensbedürfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden.
Man braucht nicht besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in
reger Ortsveränderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen
eingeengt sein werde. Er wird den Übergang von der einen in die andere
leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche
Interessen den Übergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb
eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des
Geldverkehrs wirken.

Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine
weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die
Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern die
Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch
ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen diese
notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit Interesse sich
vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren entsprechenden
Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen
Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie
kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den
Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung
der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man
parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten überein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den
Assoziationen werden nicht »Lohnarbeiter« sitzen, die durch ihre Macht von
einem Arbeit-Unternehmer möglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden
Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den
konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch
Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu
gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen.
Vor solchen müßte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn
unzählige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen
müßten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation
vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der
Zusammenschluß den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der
Konsumierenden entspricht.

Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt:
dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet,
wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in
Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen
entsprechen.

Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür sorgt
einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft
nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. Andrerseits
kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten
zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung
heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative Gemeinschaften in jedem
Augenblick entstehen können, daß sie nichts von Utopie in sich schließen.
Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als daß der Mensch der
Gegenwart das wirtschaftliche Leben von außen »organisieren« will in dem
Sinne, wie für ihn der Gedanke der »Organisation« zu einer Suggestion
geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von
außen zusammenschließen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation,
die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch
das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das
Planmäßige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. -- Man
kann ja sagen: was nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich
assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion
von außen her »gerecht« geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung
unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das
Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien
Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz
aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem
Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird
der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung
ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge nicht aus den
Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den
Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und
anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln,
weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben
immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen
Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die
wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der
Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie
arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den
Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig
wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung über das Mögliche sich
bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht
und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden.

Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm
selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die
wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was
in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus
dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist.
Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine Wirtschaft haben,
als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige sich dem
Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift
auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, kann ein
Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus gestaltet ist.

So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, die
sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige
Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen
beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche
staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das
geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig
gewordenen Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt
sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt
jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen
Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu
seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den
Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und
unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das
assoziative Wirtschaftsleben erhalten.

In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine
Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem
steht jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur
verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch
gleich urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem
Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.

Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der
selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die
Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung
des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder
gestalten kann. Wer die soziale Frage »lösen« will durch eine ausgedachte
oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht
praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu
solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen
Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen können, der wird dem
Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch
nicht absprechen.

Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen zu dem
damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die in der
Zeitschrift »Dreigliederung des sozialen Organismus« enthalten waren und
die soeben gesammelt als die Schrift »In Ausführung der Dreigliederung des
sozialen Organismus« erschienen sind[1].

  [1] Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind,
  in das praktische Leben dient der im April 1919 begründete »Bund für
  Dreigliederung des sozialen Organismus«. (Er hat seinen Hauptsitz in
  Stuttgart, Champignystraße 17.)

Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von den
»Zielen« der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird,
die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis
heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne Ziele in verschiedener
Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem
erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das
Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht »klar« genug
dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade solche
Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten
Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. Und wer mit ihm
gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem
fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem
solchen Denken ergriffen werden können.

Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift
erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein.



Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift


Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben.
Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen,
daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher
nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt,
findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des
Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an
notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf
der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift.
Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die
von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den
Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. -- Ob dem einen oder
dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei
der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß
mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen
diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa
finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den
proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt,
weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf
etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber
möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus
sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich
ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen
müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren
Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem
sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.

Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch #zunächst#
Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen,
wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die
Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser
Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt
der Verfasser, daß gerade #sie# werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm
erscheint ihre »Lebenspraxis« als dasjenige, was durch die #Tatsachen#,
welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein
Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu
Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig
ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter
Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser
Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem
Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit
gesprochen ist. Der Verfasser #muß# aus seiner Lebenserkenntnis heraus
meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu
gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der
neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. -- Auch
diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen
hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle
Interessen herauskommen und sich »zum Geiste«, »zum Idealismus« wenden,
werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes
Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf »den
Geist«, von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die#
Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird.
Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben
ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche
die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man
von einer Geistigkeit weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies
eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen
Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese
Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen
reservierte Nebenströmung. -- So werden die Ausführungen dieser Schrift den
»Geistigen« wohl zu ungeistig, den »Praktikern« zu lebensfremd erscheinen.
Der Verfasser hat die Ansicht, daß er #gerade deshalb# dem Leben der
Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit
manches Menschen, der sich heute für einen »Praktiker« hält, nicht zuneigt,
und weil er auch demjenigen Reden vom »Geiste«, das aus Worten
Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.

Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die »soziale Frage« in
den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu
erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und
Geisteslebens die »wahre Gestalt« dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser
Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde
Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. --
In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte
dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals
entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der
Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese
Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen
ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches
Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten
Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der
gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man
heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten
Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden
Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der
Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie
Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit
selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das --
so meint der Verfasser -- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen
entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser
glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte
er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung#
zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen
Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der
Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über
Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens
hinausführen kann.

Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der
Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen
Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung der sozialen
Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in
Schwarmgeisterei verfällt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren
Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser
Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser
Darstellung deshalb etwas »Abstraktes« sehen, weil ihm »konkret« nur ist,
was er zu denken gewohnt ist und »abstrakt« auch das Konkrete dann, wenn er
nicht gewöhnt ist, es zu denken[2].

  [2] Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen
  unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen
  Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein
  »fachmännisches« Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte
  zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, daß er auch für Menschen
  sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur
  ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, daß eine neue Zeit das
  meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der
  Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als
  »fachmännisch« sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch
  hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder
  Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu
  bedenken, daß die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten
  Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung
  zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung
  der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete
  Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen
  kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht,
  als ähnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch
  nicht bemerkt wurden.

Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des
Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele
Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die
Tatsachen der Entwicklung schon weit über die Parteiprogramme
hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen #unabhängiges#
Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig
ist.

Anfang April 1919.

                                                     #Rudolf Steiner.#



I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen
Menschheit


Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne
soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken
waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen
glaubte?

Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des
Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens
drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das
Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in
das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der
Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne
Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur
sind.

Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch
ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im
europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich
über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten
glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen.
Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres
Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja,
die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige
geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft
erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten
in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was
in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten
oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten
unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse
angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.

Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was
jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der
Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen
Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser
Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an
diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales
Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen,
die von den Tatsachen gestellt werden.

Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit
als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben,
werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den
fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. -- Man kann
absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse
sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit
halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die
von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird
doch nicht anders können, als sich gestehen: es wandeln unter uns
Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen
zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche
die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien
haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren
Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht
vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden
Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe
der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus
die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den
Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu
kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial
orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es
könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen
Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen
Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen,
welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind.
Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das
rechte Urteil.

Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen:
was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht
dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht
proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in
dem, was über die »soziale Frage« von vielen gedacht wird, die _wahre
Gestalt_ dieser »Frage«? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig?
An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man
nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das
Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen
Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung,
welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.

Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik und des
modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung
das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die
Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen
ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel
Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann
sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die
äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es
offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus
inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die
proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der
modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese
Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen
Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man
in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren
Gestalt_ der »sozialen Frage« nicht beikommen.

Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen
bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden
Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der
moderne Proletarier ist »_klassenbewußt_« geworden. Er folgt den Impulsen
der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv,
unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist
gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen
Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu
bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der
wird durch das Wort »klassenbewußt« in dem Zusammenhang, in dem es der
moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der
sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der
modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor
allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das
Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend
in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine
Tatsache berührt, über welche viele, die nur _über_ das Proletariat denken
können, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der
ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung,
dem »ungebildeten« Proletarier sei durch den Marxismus und seine
Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht
worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt
man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen
Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine
solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein
Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein
solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen
Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren
_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem
Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die
»Wissenschaft und die Arbeiter« gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem
unwesentlich erscheinen, der sich für einen »praktischen Menschen« hält.
Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung
gewinnen will, der _muß_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In
dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa
das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich
manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_,
von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der
wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten
Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu
leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und
eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist
die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen
sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der
Maschine arbeitende Mensch von »Wissenschaft« noch so weit entfernt sein;
er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche
die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser »Wissenschaft« empfangen haben.

Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das
Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die
Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die
gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar
aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er
in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus
der andern Tatsache, daß ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines
Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß
die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses
Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur
ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt
werden: um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung
in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das
Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen
will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die
proletarische Bewegung -- von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in
ihre verheerendsten Auswüchse hinein -- wird nicht von »außermenschlichen
Kräften«, von »Wirtschaftsimpulsen« gemacht, sondern von _Menschen_; von
deren Vorstellungen und Willensimpulsen.

Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische
Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und
Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre
Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem
Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele
mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab
sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie
dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fühlte, lag
etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor
dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er
vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben
konnte, was er als »Mensch« sein wollte. An der Maschine und innerhalb der
kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein
Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine
das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als
»Mensch« ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche
Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein
die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es
hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren.
Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit
einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die
geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen
Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten
Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen
Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als
Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht
empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender
Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis
der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der
wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird,
wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben
müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen
entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden
Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der
neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich
außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem
Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden
konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas
Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer
Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen
Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den
alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten
Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf
eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der
Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit
geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen
inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen
Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig -- in
dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig
nennen kann -- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das
Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den
ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser
Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden
Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche
Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen.
Mochten sie noch so sehr mit der »wissenschaftlichen Vorstellungsart« sich
durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von
den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb
doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch
empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen
ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator
Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart
durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele
etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur
sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man
stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit
auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein
verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator
hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht
ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der
neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung
in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der
Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten; belehrt, daß sie alle den
gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken
hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier
gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen
sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese
Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen für
das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als
den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung
drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte
alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen
dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser
Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht
eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt
durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den
Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus
der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die
wissenschaftliche Denkungsart.

Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen,
wenn auf die »Wissenschaftlichkeit« der proletarischen Vorstellungsart
verwiesen wird. Wer bei »Wissenschaftlichkeit« nur an dasjenige zu denken
vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in »Bildungsanstalten« sich
erwirbt, und der dann diese »Wissenschaftlichkeit« in Gegensatz bringt zu
dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der »nichts gelernt« hat, der mag
lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des
gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher
hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, während der ungelehrte
Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die
er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft
aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber
in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen
orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der
Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so
aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die
andern Klassen »Wissenschaftlichkeit« nennen, mag ihm ferne liegen; die
Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für
die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine
allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die »Wissenschaft«, wenn auch oft
in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige
der »führenden« Klassen fühlt sich »aufgeklärt«, »freireligiös«. Gewiß, in
seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen
Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines
überlieferten Lebensglaubens.

Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung
mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in
einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen
Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen
hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der
Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten
Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche
Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut
wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser
»Geistesinhalt« in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem
wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen
als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung
aus dem Geiste.

Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch
Proletarier berühren werden, die mit dem Leben »praktisch« vertraut zu sein
glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine
lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen
Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn
erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich
offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Äußere
dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die
mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich
so lange »praktisch« an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine
Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die
gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: was
haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch
mit dem sozialen Denken gehen?

Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer
Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der
den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte,
das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner
durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht
hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu
bewegen sucht, die ihm von den »herrschenden« Klassen als Erbgut übermacht
ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ bürgerlich. Die neue Zeit
macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch
in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum
lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung
eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie
sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.

Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines
der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende
dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: ich
strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist
_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen
spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im
Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet
die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der
proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen
der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht
bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was
weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der
mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet
am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein
solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte
vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht,
das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm
nur für »unwissend« gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den
Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus »Revolution
machen«.

Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen
der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung
für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die
Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu
richten vermag, was in den Menschengemütern _wirklich vorgeht_. Der
Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers
hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann
für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich
keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer
alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm
nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht
vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt
hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben
vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: aber der Proletarier will doch
einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden
Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine
Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den
andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter
ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede
aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie
enthüllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches
Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den
herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die
sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne
Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie
sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des
Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer
unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es
nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer
Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer
Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage
ist.

Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen
Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit
entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie
von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben
können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß.

Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches
Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse
verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art,
_wie_ die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser
Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von
diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen,
wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen
Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese
oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der
sozialen Frage. Sie belächeln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie.
Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie,
werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen
Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem
auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen,
gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige
Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_.

Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine ähnliche
Bewegung der Welt -- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im
eminentesten Sinne -- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage
ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes
Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen,
so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule
in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt.
Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen
proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch
zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der
verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche
nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche
aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen
zu haben.

Wer -- was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall
ist -- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von
_Arbeitern_ getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung
_dieses_ ist, daß eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer großen
Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig
schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine
so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist.
Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des
Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch
unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine
solche -- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will --, eine solche an
menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie
es diejenige Karl Marxens ist.

Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem
andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden
Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das
soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem
Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems
will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle
in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint
mir, daß die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als
mächtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der
folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine
Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch
niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie
diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste
derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche
Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden.
Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein
eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint
einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung
durchaus nicht als das wichtige.

Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für
den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur
in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die
_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art
innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von
diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als
Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf
die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders
kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch
die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in
ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung
durchschaut.

Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen
Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der
Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die
Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es
ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht
befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung
in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem
Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar
nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen
geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine
bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das
Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie
empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man
nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man
nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten
Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst,
sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der
menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des
Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden
Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind
sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie
immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche
Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das
materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen sie
als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ können von sich
aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur
_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum
Ziele geleitet.

Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die
proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für
das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht
wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor
allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so
müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen
gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem
Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen
Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder
ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne
Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische
der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm
unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde
weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden
Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des
Proletariates erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen
Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen
gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch
da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig
echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn
irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen
Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so
wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen
Bewegung den rechten Antrieb gibt.

Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart
gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht
hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines
Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung
von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische
Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit
den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben
hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als
Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des
modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem
Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben
kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft.
Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der
Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht
proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen
Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil
leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten
Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes
als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das
Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen
Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung,
welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen
der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen
Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu
öffnen._

Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig
denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß
ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben
als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen
Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des
Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung,
ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man
eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung
entsprechendes Denken entwickeln kann.

Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu
treffen, wenn er von seinem _Klassenbewußtsein_ redet. Doch die Wahrheit
ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische
Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen
kann, das ihm das _Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt_; und daß ihm das
als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln
kann. Er hat nach _diesem_ Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht
finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene
_Klassenbewußtsein_ ersetzt.

Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt
worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß
anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne zu
dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung.
Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen
Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigeführt werden könne, den _er_ als
den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein
in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde
er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens
verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten
Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der
Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen
auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne
Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der
Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in
_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine
solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick
abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet
hat auf den rein ökonomischen Prozeß.

Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen
proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der
Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse,
was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle
Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf,
was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge
auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende
Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der
sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit
heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben
selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte,
das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das alte
Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen
Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die
Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen
von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen
Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen
wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das
aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist
dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde
genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser
Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden
innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer
_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein.

Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der
ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den
unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor
lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen muß, wie
man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem
Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle
spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man
darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware
Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz
unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich
und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird,
_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen
Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er
heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht.

Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware
verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des
Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch
die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch
einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der
Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt
worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine
fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig
in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie
betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die
Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt,
daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche
einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die
Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner
unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der
neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man
sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den
Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im
Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden
_muß_. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht
das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des
Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus
dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben
gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß _in_ ihm die
menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt
man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von
sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?
Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine
Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb,
weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich
von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt.
Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er
mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt
so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der
zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so
lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie
hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man
den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese
Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht.
Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer
andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren
Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht,
daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion
nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren
Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden
soll.

Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen
Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben
eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der
andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem
Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer
Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung
gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits
zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche
Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen
soll.

Man sieht schon hieraus, daß die »soziale Frage« sich in drei besondere
Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des
Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird
das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das
Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben
können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.



II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die
sozialen Fragen und Notwendigkeiten


Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt
der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl _so_
aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik
getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen
naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne
Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der
Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was
Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit
abgelenkt worden für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen
Organismus. Diesen muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein
aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale
Organismus gesund sein soll.

Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer
_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung über die soziale Frage
charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem
Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich
nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann
unterstützen das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige
Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen
über die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen
Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen Organismus,
den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit darauf richten,
daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander
wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen
Selbständigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man
etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen
Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt
_Nervenleben und Sinnesleben_. Man könnte es auch nach dem wichtigsten
Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen
zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen.

Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn
man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, was ich nennen
möchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_,
aus all dem, was sich ausdrückt in _rhythmischen Vorgängen_ des
menschlichen Organismus.

Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und
Tätigkeiten zusammenhängt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_.

In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art
unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des
menschlichen Organismus[3].

  [3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich
  abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten
  (Funktionen) des Organismus. »Kopforganismus« ist nur zu gebrauchen,
  wenn man sich bewußt ist, daß im Kopfe in erster Linie das
  Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natürlich im Kopfe auch
  die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, wie in den
  andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden ist. Trotzdem
  sind die drei Arten der Tätigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng
  voneinander geschieden.

Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was
naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese
Dreigliederung des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst
skizzenweise in meinem Buche »Von Seelenrätseln« zu charakterisieren. Ich
bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte
Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit zu
einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen werden,
welche durchschaut, wie diese drei Glieder -- Kopfsystem,
Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem -- dadurch den
Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß sie in einer
gewissen Selbständigkeit wirken, daß _nicht_ eine absolute Zentralisation
des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes dieser Systeme ein
besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur Außenwelt hat. Das
Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System
durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernährungs- und
Bewegungsorgane.

Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so
weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus
geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft von
mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der
naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem
solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den
Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere
Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht
vollständig angemessen dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als
die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen:
Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren
Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise
als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und
namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da muß
nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern da muß in jeder
Menschenseele -- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit für
den sozialen Organismus -- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem
vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes
Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die
Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei
es auch mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß
dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein
muß wie der natürliche Organismus.

Es ist nun, seit _Schäffle_ sein Buch geschrieben hat über den Bau des
sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der
Organisation eines Naturwesens -- sagen wir, der Organisation des
Menschen -- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat
feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was
Zellengefüge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch
erschienen von Merey, »Weltmutation«, in dem gewisse naturwissenschaftliche
Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen werden
auf -- wie man meint -- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all
diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier
gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen
Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natürlichen
Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur
beweisen, daß er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist.
Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine für naturwissenschaftliche
Tatsachen passende Wahrheit herüber zu verpflanzen auf den sozialen
Organismus; sondern das völlig andere, daß das menschliche Denken, das
menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des
naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise
anwenden könne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man
glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den
sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man
sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso
selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu
forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen
Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der
Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen
Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene
Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der
Betrachtung jedes Analogiespiel auf.

Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube
zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der
Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus »aufgebaut« werden. Das aber
liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur möglich. Auf ganz
anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige geschichtliche
Menschheitskrisis fordert, daß gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem
einzelnen Menschen_, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem
Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung
der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das
menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben
hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den
Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben
eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen
Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung
gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des
sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist,
das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich
ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, _nicht_
sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen.

Man kann heute von »Sozialisierung« als von dem reden hören, was der Zeit
nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein
Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein
Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die
menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von
der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser
soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder
gesetzmäßig ausbilden.

Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner
Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles
übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen
Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses
ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des
sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das
Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu
tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,
Warenzirkulation, Warenkonsum ist.

Als _zweites Glied_ des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des
öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört
dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche
Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit all dem
zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen
Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es
dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem,
was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des
Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich für die Erkenntnis der
Glieder des sozialen Organismus, daß man weiß, welcher Unterschied besteht
zwischen dem System des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann
aus menschlichen Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu
Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es _nur_ zu tun hat mit
Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben
empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das
Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen
Organismus die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft sich
abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben.

Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden andern
Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was
sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer könnte man sagen, weil
vielleicht die Bezeichnung »geistige Kultur« oder alles das, was sich auf
das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige,
was beruht auf der natürlichen Begabung des einzelnen menschlichen
Individuums, was hineinkommen muß in den sozialen Organismus auf Grundlage
dieser natürlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des
einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das
Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der
Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite
System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen
des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit
all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den
sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.

Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus
unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge
gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von
dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden
sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das _menschliche
Gemeinschaftsleben_ in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern
dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich
selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch
eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders
machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens
sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit
sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen
Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den
oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt,
jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne
derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat
jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der
nächsten Zukunft.

Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das
Wirtschaftsleben, das ruht zunächst auf der Naturgrundlage geradeso, wie
der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er für sich durch Lernen,
durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung seines
geistigen und körperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage drückt einfach
dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten sozialen Organismus sein
Gepräge auf. Aber diese Naturgrundlage ist da, ohne daß sie durch
irgendeine soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in
ursprünglicher Art getroffen werden kann. Sie muß dem Leben des sozialen
Organismus so zugrunde gelegt werden, wie bei der Erziehung des Menschen
zugrunde gelegt werden muß die Begabung, die er auf den verschiedenen
Gebieten hat, seine natürliche körperliche und geistige Tüchtigkeit. Von
jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben
eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die
Naturgrundlage. Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen
Arbeit und auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes
elementarisches Ursprüngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein
bestimmtes Stück Natur. Man muß über den Zusammenhang des sozialen
Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug auf Lernen beim
einzelnen Menschen denken muß über sein Verhältnis zu seiner Begabung. Man
kann gerade sich dieses klarmachen an extremen Fällen. Man braucht z. B.
nur zu bedenken, daß in gewissen Gebieten der Erde, wo die Banane ein
naheliegendes Nahrungsmittel für die Menschen abgibt, in Betracht kommt für
das menschliche Zusammenleben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden
muß, um die Banane von ihrer Ursprungsstätte aus an einen Bestimmungsort zu
bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man die
menschliche Arbeit, die aufgebracht werden muß, um die _Banane_ für die
menschliche Gesellschaft konsumfähig zu machen, mit der Arbeit, die
aufgebracht werden muß, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, um den
Weizen konsumfähig zu machen, so ist die Arbeit, die für die Banane
notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere als beim
Weizen.

Gewiß, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug auf
das notwendige Maß von Arbeit im Verhältnis zu der Naturgrundlage sind auch
da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organismus
Europas vertreten sind, -- nicht in dieser radikalen Verschiedenheit wie
bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede da. So ist es im
Wirtschaftsorganismus begründet, daß durch das Verhältnis des Menschen zur
Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maß von Arbeitskraft bedingt ist,
das er in den Wirtschaftsprozeß hineintragen muß. Und man braucht ja nur
z. B. zu vergleichen: in _Deutschland_, in Gegenden mit mittlerer
Ertragsfähigkeit, ist ungefähr das Erträgnis der Weizenkultur so, daß das
_Sieben- bis Achtfache_ der Aussaat einkommt durch die Ernte; in _Chile_
kommt das _Zwölffache_ herein, in _Nordmexiko_ kommt das _Siebzehnfache_
ein, in _Peru_ das _Zwanzigfache_. (Vergleiche Jentsch,
Volkswirtschaftslehre, S. 64.)

Dieses ganze zusammengehörige Wesen, welches verläuft in Vorgängen, die
beginnen mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur, die sich fortsetzen in
all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln und
sie bis zur Konsumfähigkeit zu bringen, alle diese Vorgänge und nur diese
umschließen für einen gesunden sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied.
Dieses steht im sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die
individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen Gesamtorganismus
drinnen steht. Aber wie dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem
abhängig ist, so ist das Wirtschaftssystem von der menschlichen
Arbeitsleistung abhängig. Wie nun aber der Kopf nicht selbständig die
Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem
nicht durch die im Wirtschaftsleben wirksamen Kräfte selbst geregelt
werden.

In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen darinnen.
Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen Bedürfnissen.
Wie den Interessen am zweckmäßigsten entsprochen werden kann innerhalb
eines sozialen Organismus, so daß der einzelne Mensch durch diesen
Organismus in der bestmöglichen Art zur Befriedigung seines Interesses
kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich in die Wirtschaft
hineinstellen kann: diese Frage muß praktisch in den Einrichtungen des
Wirtschaftskörpers gelöst sein. Das kann nur dadurch sein, daß die
Interessen sich wirklich frei geltend machen können und daß auch der Wille
und die Möglichkeit entstehen, das Nötige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die
Entstehung der Interessen liegt außerhalb des Kreises, der das
Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des
seelischen und natürlichen Menschenwesens. Daß Einrichtungen bestehen, sie
zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen
können es mit nichts anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung
und dem Tausch von Waren, das heißt von Gütern, die ihren Wert durch das
menschliche Bedürfnis erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen,
der sie verbraucht. Dadurch, daß die Ware ihren Wert durch den Verbraucher
erhält, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als
anderes, das für den Menschen als Angehörigen dieses Organismus Wert hat.
Man sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis
Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehören. Man wird den
_wesenhaften_ Unterschied nicht _bloß_ betrachtend bemerken, welcher
besteht zwischen dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem der eine für
den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechtsverhältnis
beruhen muß. Man wird von der Betrachtung zu der praktischen Forderung
kommen, daß im sozialen Organismus das Rechtsleben völlig von dem
Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden muß. Aus den Tätigkeiten,
welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen zu entwickeln haben, die
der Warenerzeugung und dem Warenaustausch dienen, können sich unmittelbar
nicht die möglichst besten Impulse ergeben für die rechtlichen
Verhältnisse, die unter den Menschen bestehen müssen. Innerhalb der
Wirtschaftseinrichtungen wendet sich der Mensch an den Menschen, weil der
eine dem Interesse des andern dient; grundverschieden davon ist die
Beziehung, welche der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens
hat.

Man könnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung wäre
schon Genüge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, die dem
Wirtschaftsleben dienen, auch für die Rechte gesorgt werde, welche in den
Verhältnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Menschen
zueinander bestehen müssen. -- Ein solcher Glaube hat seine Wurzeln nicht
in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch kann nur dann das
Rechtsverhältnis richtig erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen
bestehen muß, wenn er dieses Verhältnis _nicht_ auf dem Wirtschaftsgebiet
erlebt, sondern auf einem davon völlig getrennten Boden. Es muß deshalb im
gesunden sozialen Organismus _neben_ dem Wirtschaftsleben und in
Selbständigkeit ein Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und
verwaltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist
aber dasjenige des eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen
die Menschen diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben
dienen müssen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein,
so werden die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen
Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er
die Fähigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Maßnahmen
und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedürfnisse nach Waren dienen
müssen; sie werden dadurch abgedrängt von den Impulsen, die auf das
Rechtsleben gerichtet sind.

Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben dem
Wirtschaftskörper das selbständige politische Staatsleben. In dem
selbständigen Wirtschaftskörper werden die Menschen durch die Kräfte des
wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der Warenerzeugung
und dem Warenaustausch in der möglichst besten Weise dienen. In dem
politischen Staatskörper werden solche Einrichtungen entstehen, welche die
gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in solcher
Art orientieren, daß dem Rechtsbewußtsein des Menschen entsprochen wird.

Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung nach
völliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet gestellt
wird, ist ein solcher, der im _wirklichen_ Menschenleben drinnen liegt.
Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben und
Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im wirtschaftlichen Leben
stehenden Menschen haben selbstverständlich das Rechtsbewußtsein; aber sie
werden _nur_ aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen
Interessen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes besorgen, wenn
sie darüber zu urteilen haben in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem
Wirtschaftsleben keinen Anteil hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen
eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper, die beide nach den
Grundsätzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechtsbewußtsein der
neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut sein auf den Impulsen im
Menschheitsbewußtsein, die man gegenwärtig die demokratischen nennt. Das
Wirtschaftsgebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine
Gesetzgebungs- und Verwaltungskörperschaften bilden. Der notwendige Verkehr
zwischen _den Leitungen_ des Rechts- und Wirtschaftskörpers wird erfolgen
annähernd wie gegenwärtig der zwischen den Regierungen souveräner
Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Körper sich
entfaltet, auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung
ausüben können. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, daß das eine Gebiet
in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zufließen soll.

Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der
Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes,
Vorhandensein von Bodenschätzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der
andern Seite von den Rechtsverhältnissen abhängig, welche der Staat
zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. Damit
sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Tätigkeit des Wirtschaftslebens
umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die außerhalb
des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen
muß als etwas Gegebenes, auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so
soll alles, was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhältnis begründet von
Mensch zu Mensch im gesunden sozialen Organismus durch den Rechtsstaat
seine Regelung erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem
Wirtschaftsleben selbständig Gegenüberstehendes sich entfaltet.

In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen Werden
der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter und
durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem geworden ist, was
der sozialen Bewegung ihr Gepräge gibt, umfaßt das Wirtschaftsleben mehr,
als es im gesunden sozialen Organismus umfassen soll. Gegenwärtig bewegt
sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich bloß _Waren_ bewegen
sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte.
Man kann gegenwärtig in dem Wirtschaftskörper, der auf der Arbeitsteilung
beruht, nicht allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben
wirtschaftlichen Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen Rechte.
(Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Tätigkeit zu dem geworden
ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie durch den Menschen
gebracht wird, ihrem Verbrauch zugeführt wird. Mag diese Bezeichnung
manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstößig oder nicht genügend
erscheinen, sie kann zur Verständigung über das, was dem Wirtschaftsleben
angehören soll, ihre guten Dienste tun.)[4] Wenn jemand durch Kauf ein
Grundstück erwirbt, so muß das als ein Tausch des Grundstückes gegen Waren,
für die das Kaufgeld als Repräsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das
Grundstück selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht
in dem sozialen Organismus durch das _Recht_ darinnen, das der Mensch auf
seine Benützung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das
Verhältnis, in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In dem
letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, daß es nicht übergreift
auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die dadurch
hergestellt wird, daß jemandem die alleinige Benützung eines Grundstückes
zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt
von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf
wohnen müssen, in Abhängigkeit von sich. Dadurch, daß man gegenseitig
wirkliche Waren tauscht, die man produziert oder konsumiert, stellt sich
eine Abhängigkeit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch und
Mensch wirkt.

  [4] Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht
  wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie
  heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der
  Wirklichkeit eine lebensvolle Rolle spielt. »Ware« im obigen Sinne
  gebraucht, weist auf etwas hin, was der Mensch erlebt; jeder andere
  Begriff von »Ware« läßt etwas weg oder fügt etwas hinzu, so daß sich der
  Begriff mit den Lebensvorgängen in ihrer wahren Wirklichkeit nicht
  deckt.

Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird
einleuchten, daß sie ihren Ausdruck finden muß in den Einrichtungen des
gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im Wirtschaftsleben
ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren unabhängig von
dem Rechtsverhältnisse zwischen Personen und Personengruppen. Sobald Waren
gegen Rechte eingetauscht werden, wird das Rechtsverhältnis selbst berührt.
Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige
Lebenselement des gegenwärtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen
Organismus; sondern es handelt sich darum, daß durch den Tausch des Rechtes
mit der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht
_innerhalb_ des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch
verhindert, daß im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen,
die _nur_ darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmäßigsten
Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im Warenaustausch
lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden und konsumierenden
Personen regeln. _Diese_ Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar
nicht von anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen
Verhältnis von Person zu Person bestehen müssen. Wenn ich meinen
Mitmenschen durch den Verkauf einer Ware schädige oder fördere, das gehört
in das gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schädigung oder
Förderung durch eine Tätigkeit oder Unterlassung, die unmittelbar nicht in
einem Warenaustausch zum Ausdruck kommt.

In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fließen die Wirkungen aus den
Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen Tätigkeit
zusammen. Im gesunden sozialen Organismus müssen sie aus zwei verschiedenen
Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation hat die aus der
Erziehung für einen Wirtschaftszweig und die aus der Erfahrung in demselben
gewonnene Vertrautheit mit ihm für die leitenden Persönlichkeiten die
nötigen Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird durch
Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem Rechtsbewußtsein als
Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen zueinander gefordert
wird. Die Wirtschaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- oder
Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung gleichen Bedürfnissen sich
zu Genossenschaften zusammenschließen lassen, die im gegenseitigen
Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation
wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Verhältnis der
Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen werden eine bloß
wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Die Rechtsgrundlage, auf der sie
arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation zu. Wenn solche
Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen Interessen in den
Vertretungs- und Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation zur Geltung
bringen können, dann werden sie nicht den Drang entwickeln, in die
gesetzgebende oder verwaltende Leitung des Rechtsstaates einzudringen
(z. B. als Bund der Landwirte, als Partei der Industriellen, als
wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um da anzustreben, was ihnen
innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht möglich ist. Und wenn
der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige mitwirtschaftet, dann wird
er nur Einrichtungen schaffen, die aus dem Rechtsbewußtsein der zu ihm
gehörenden Menschen stammen. Auch wenn in der Vertretung des
Rechtsstaates, wie es ja selbstverständlich ist, dieselben Personen sitzen,
die im Wirtschaftsleben tätig sind, so wird sich durch die Gliederung in
Wirtschafts- und in Rechtsleben nicht ein Einfluß des Wirtschafts- auf das
Rechtsleben ergeben können, der die Gesundheit des sozialen Organismus so
untergräbt, wie sie untergraben werden kann, wenn die Staatsorganisation
selbst Zweige des Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die
Vertreter des Wirtschaftslebens aus dessen Interessen heraus Gesetze
beschließen.

Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem
Rechtsleben bot Österreich mit der Verfassung, die es sich in den sechziger
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des
Reichsrates dieses Ländergebietes wurden aus den vier Zweigen des
Wirtschaftslebens heraus gewählt, aus der Gemeinschaft der
Großgrundbesitzer, der Handelskammern, der Städte, Märkte und
Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, daß für diese
Zusammensetzung der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie
gedacht wurde, als daß aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen
Verhältnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewiß ist, daß zu dem
gegenwärtigen Zerfall Österreichs die auseinandertreibenden Kräfte seiner
Nationalitäten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewiß kann es
gelten, daß eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre
Tätigkeit hätte entfalten können, aus dem Rechtsbewußtsein heraus eine
Gestaltung des sozialen Organismus würde entwickelt haben, in der ein
Zusammenleben der Völker möglich geworden wäre.

Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich
seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in
Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt,
den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein
_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden.
Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die
wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und
was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen
des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des
öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende
Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man
sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden
Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für
die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig
zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als
solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in
Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen
heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich
bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten
Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer
Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.
Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu
wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an.
Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche,
sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der
Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer
sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen
weithinleuchtende Tatsachen lehren.

Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus
engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete
für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf
irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung,
sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute
seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt
haben.

Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und
die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in
das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der
Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen
Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung
nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste
Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.
Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens,
insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem
wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen
Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so
zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen
Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet.

Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen
Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit
lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine
körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so
eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer
abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant
der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit
gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In
Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur
entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung
hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil,
der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das
Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des
gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über.
Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter
und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische
Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die
wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist.
Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht
bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware
einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch
Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie,
und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu
arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen
eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen,
wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von
den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht.

  [5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem
  falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen
  Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte,
  sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit,
  so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in
  Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.

Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die
sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht.
Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die
Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere,
so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von
Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden
dürfen[6].

  [6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im
  Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens
  ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch
  erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch
  von der Wirtschaftsordnung abhängig ist.

Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen
notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche
die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der
Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom
Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_.

Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen
Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach
dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird.
Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist
im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß
der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein
Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem
Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in
Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus.

Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite
her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie
eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig
ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann,
veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und
das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf
des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die
sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens
entwickelt.

In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der
Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus
einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des
einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen
Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere
oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem
sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den
gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige,
was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es
gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,
als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen,
die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu
lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen
vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt,
so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile
entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die
Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die
Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt,
oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie
gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen
Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die
Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch
unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde
Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen
Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit
den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.

Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens
gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte
Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses
Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im
Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie
hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des
Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische
Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man
entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das
Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt,
der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können
diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei«
entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt,
nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem
innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese
Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern
Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch
solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit
dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des
Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten
Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß,
was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom
Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern
Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was
sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus
den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen
aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich
orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das
Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser
Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des
Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen
wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah
der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles
Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation.

Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf,
wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über
das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in
sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht,
wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich
innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche
Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und
Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht
im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung
und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen
Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt
alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des
Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von
den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von
ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung
ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere
wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des
Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste
Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein
anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das
auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem
Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der
leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige
Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper
einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte,
damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung
gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit
ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen
Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber
in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie
geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der
Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des
sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer
wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß
des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine
Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches
sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem
öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht
gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der
neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben
seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.

Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses
Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis
beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im
unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die
aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen
getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für
ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_
wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit
zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das
Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich
»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen:
die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den
Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und
wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt
ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt
nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem
gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße
verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung«
anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst
gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht
rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch
zündende Kraft ausüben können.

Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus
dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden
geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das
Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem
Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend
vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet
machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut
kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen
Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in
derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß.

Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen
gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden.
Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen
Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner
Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht
kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit
zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen
kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit
den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller
menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem
Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil
sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier
Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen
Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die
Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer
Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens
treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen
Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer
rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche
Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was
er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder
des Wirtschaftslebens.

In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden
technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie
unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen.
Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das
wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für
diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das
freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen
sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete
des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat
selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das
Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des
Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.

Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen
Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der
Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte
der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen
durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen
ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In
einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im
Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes
Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses
Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann
eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist.
Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die
moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der
getrübte Abglanz dieses Strebens.

Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben,
tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des
18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen
Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei
Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich
mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden
einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann
natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte
deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des
19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist,
in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit,
Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß
sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen
Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden
z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich
verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete
Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen
denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem
allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale
Sympathie haben!

Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale
Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der
notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen
nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit
zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit
sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein;
und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die
Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt
eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird
man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man
imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus
mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann
wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im
_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den
Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des
_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen
Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung
der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer
Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der
Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei
Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen
sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen
sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann
durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann
aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in
fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können.

Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach
Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie
konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren
Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den
Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas
Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den
unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung
des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu
einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem
Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum
bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden
sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart.



III. Kapitalismus und soziale Ideen

(Kapital, Menschenarbeit)


Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf
sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert
wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von
einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch,
eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung
zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem
eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas
Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung
herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen
Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden
sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis
zu den Grundlagen vordringen.

Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin,
worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu
einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder
hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur
kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der
Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens
das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der
Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der
Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und
an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil
darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt
sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde
nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen
will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten
einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat.

Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in
der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird
auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn
man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen
des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird
man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen
vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus
ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt
sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit
aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat
sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich
Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu
verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch
der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man
nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch
Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde
liegen.

Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in
diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus
zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht
lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der
Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch
wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende
Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die
einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind
es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des
sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann
nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß
in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine
Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich
bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung
entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat.

In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen
von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das
Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht
als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im
sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es
des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden
und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken
als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.
In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die
Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen
Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der
einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken
heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt
werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen
kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.

Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten,
ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die
proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der
Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche
Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er
herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem
Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei
Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der
individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen
beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein
Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf
des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann
in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in
dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der
Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das
kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist,
das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch
zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch
freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man
sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in
dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben
Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der
politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit
gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend
sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in
Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung
vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung
ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat,
kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht
in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen
Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen
Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen
Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung
der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler
des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz
des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden
können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene«
Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen
Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat
die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung
erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache
der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen
nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der
individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden
Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die
Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus
den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm
innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen
Fähigkeiten drängen.

Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die
Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen
Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte
Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf
dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen
möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht
hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf
geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene
Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln
kann.

Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge
nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die
geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser
Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist,
konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit
herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende
Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an
dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche
Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches
sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so
lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit
angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines
Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm
nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb
desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im
engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen
des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche
Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische
Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt
werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der
erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll
mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die
Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung
der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden
müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer
veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen
Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein
gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür
erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen
Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst
fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden
Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren
veranlaßt.

Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen
vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das
Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird
durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn
die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem
Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des
Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur
dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der
Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz
machen.

Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der
Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben
berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese
Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der
wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht
und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine
Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es
wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten
können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom
politischen Staate verwaltet werden.

Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche
Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung
aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und
anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem
Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht
des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung
dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen,
die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen
muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche
nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine
Leistungen entgegengebracht wird.

Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten
liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies
Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses
Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld)
für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede
der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.

Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet
wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen
menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung
dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls
erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen
Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates
oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche
Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem
beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden
Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen
Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf
Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände
hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein
muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben
oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu
durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf
dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit
hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem
Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen
Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem
Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt,
sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie
abgewendet sehen möchte.

Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher
dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß
verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm
entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden,
daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital
wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur
kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der
Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht
in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der
Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das
Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht.

In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale
Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen
unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an
dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie
in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur
gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser
Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den
Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die
Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt
man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft.
In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der
Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst
ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man
nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft
verwandeln will.

Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich
Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die
Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen
menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet
wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die
Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen
Organismus führen.

Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in
den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt
davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem
Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die
etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der
Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des
geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser
Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher
leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man
wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des
sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse
Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen
Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen
Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden.

Diese Gedankenströmungen streben -- mehr oder weniger unbewußt -- hinweg
von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stoßkraft gibt. Sie erstreben
eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein nach
wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaßen wie
eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der Lage, die
Brücke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was den Menschen in die
Alltäglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart
es gewissermaßen »innerlich vornehm« finden, in einer gewissen, sei es auch
schulmäßigen Abstraktheit nachzudenken über allerlei ethisch-religiöse
Probleme in Wolkenkuckucksheimhöhen; man kann sehen, wie die Menschen
nachdenken über die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen
könne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er
begnadet werden kann mit einem »inneren Lebensinhalt«. Man sieht dann aber
auch das Unvermögen, einen Übergang zu ermöglichen von dem, was die Leute
gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich nennen, zu
dem, was in der äußern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als
Kapitalwirkung, als Arbeitsentlöhnung, als Konsum, als Produktion, als
Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Börsenwesen. Man kann
sehen, wie zwei Weltenströmungen nebeneinandergestellt werden auch in den
Denkgewohnheiten der Menschen. Die _eine_ Weltenströmung ist die, welche
sich gewissermaßen in göttlich-geistiger Höhe halten will, die keine Brücke
bauen will zwischen dem, was ein geistiger Impuls ist, und was eine
Tatsache des gewöhnlichen Handelns im Leben ist. Die _andere_ lebt
gedankenlos im Alltäglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es kann
nur gedeihen, wenn die es treibenden Kräfte von allem ethisch-religiösen
Leben herunterwirken in das alleralltäglichste profanste Leben, in
dasjenige Leben, das manchem eben weniger vornehm erscheint. Denn, versäumt
man, die Brücke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfällt
man in bezug auf religiöses, sittliches Leben _und auf soziales Denken_ in
bloße Schwarmgeisterei, die fernsteht der alltäglichen wahren Wirklichkeit.
Es rächt sich dann gewissermaßen diese alltäglich-wahre Wirklichkeit. Dann
strebt der Mensch aus einem gewissen »geistigen« Impuls heraus alles
mögliche Ideale an, alles mögliche, was er »gut« nennt; aber denjenigen
Instinkten, die diesen »Idealen« gegenüberstehen als Grundlage der
gewöhnlichen täglichen Lebensbedürfnisse, deren Befriedigung aus der
Volkswirtschaft heraus kommen muß, diesen Instinkten gibt sich der Mensch
ohne »Geist« hin. Er weiß keinen wirklichkeitsgemäßen Weg von dem Begriff
der Geistigkeit zu dem, was im alltäglichen Leben vor sich geht. Dadurch
nimmt dieses alltägliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu tun haben
soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, seelisch-geistigen
Höhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache der Alltäglichkeit
eine solche, daß das ethisch-religiöse Leben zu einer innerlichen
Lebenslüge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne hält von der
alltäglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daß man es merkt.

Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen
ethisch-religiösen Vornehmheit heraus den besten _Willen_ zeigen zu einem
rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das
Allerallerbeste tun möchten. Sie versäumen es aber, zu einer Empfindungsart
zu kommen, die dies wirklich ermöglicht, weil sie sich kein soziales, in
den _praktischen_ Lebensgewohnheiten sich auswirkendes Vorstellen aneignen
können.

Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem
welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drängend geworden
sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber für echte Lebenspraktiker
halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann von ihnen
Reden hören wie diese: Wir haben nötig, daß die Menschen sich erheben aus
dem Materialismus, aus dem äußerlich materiellen Leben, das uns in die
Weltkriegs-Katastrophe und in das Unglück hineingetrieben hat, und daß sie
sich einer geistigen Auffassung des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so
die Wege des Menschen zur Geistigkeit zeigen will, nicht müde, diejenigen
Persönlichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem
Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, daß jemand,
der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist für das
wirkliche praktische Leben so notwendig leisten muß, wie das tägliche Brot
erzeugt werden muß, darauf aufmerksam gemacht wird, daß es ja in erster
Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu
bringen. Es kommt aber gegenwärtig darauf an, daß aus der Kraft des
geistigen Lebens heraus die Richtlinien für die Gesundung des sozialen
Organismus gefunden werden. Dazu genügt nicht, daß die Menschen in einer
Seitenströmung des Lebens sich mit dem Geiste beschäftigen. Dazu ist
notwendig, daß das alltägliche Dasein geistgemäß werde. Die Neigung, für
das »geistige Leben« solche Seitenströmungen zu suchen, führte die bisher
leitenden Kreise dazu, an sozialen Zuständen Geschmack zu haben, die in die
gegenwärtigen Tatsachen ausgelaufen sind.

Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung des
Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, also
auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhältnisse des Menschen zum
Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung innerhalb des sozialen
Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen Fähigkeiten führt,
zweckmäßig angewendet, dem sozialen Organismus Güter zu, an deren
Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus angehören, ein Interesse
haben. In welcher Lebenslage ein Mensch auch ist, er hat ein Interesse
daran, daß nichts von dem verloren gehe, was aus den Quellen der
Menschennatur an solchen individuellen Fähigkeiten erfließt, durch die
Güter zustande kommen, welche dem Menschenleben zweckentsprechend dienen.
Die Entwicklung dieser Fähigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, daß ihre
menschlichen Träger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur
Wirkung bringen können. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erfließen
kann, das wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade
entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fähigkeiten für weite
Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten
Kapitalbesitz so zu verwalten, daß der einzelne in besonderer Richtung
begabte Mensch oder daß zu Besonderem befähigte Menschengruppen zu einer
solchen Verfügung über Kapital kommen, die lediglich aus ihrer ureigenen
Initiative entspringt, daran muß jedermann innerhalb eines sozialen
Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum
handwerklich Schaffenden muß ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos dem
eigenen Interesse dienen will, sagen: ich möchte, daß eine genügend große
Anzahl befähigter Personen oder Personengruppen völlig frei über Kapital
nicht nur verfügen können, sondern daß sie auch aus der eigenen Initiative
heraus zu dem Kapitale gelangen können; denn nur sie allein können ein
Urteil darüber haben, wie durch die Vermittlung des Kapitales ihre
individuellen Fähigkeiten dem sozialen Organismus zweckmäßig Güter erzeugen
werden.

Es ist nicht nötig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im Laufe der
Menschheitsentwicklung zusammenhängend mit der Betätigung der menschlichen
individuellen Fähigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz aus
andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart hat sich unter dem
Einfluß der Arbeitsteilung innerhalb dieses Organismus ein solcher Besitz
entwickelt. Und von den gegenwärtigen Zuständen und deren notwendiger
Weiterentwicklung soll hier gesprochen werden.

Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und
Eroberungsbetätigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle
menschliche Fähigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht
gegenwärtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, daß sein Bedrückendes
nur beseitigt werden könne durch seine Verwandlung in Gemeinbesitz. Dabei
stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz an Produktionsmitteln in
seinem Entstehen verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedrückung
der besitzlosen Bevölkerung aufhöre? Wer die Frage so stellt, der richtet
dabei sein Augenmerk nicht auf die Tatsache, daß der soziale Organismus ein
fortwährend _Werdendes_, _Wachsendes_ ist. Man kann diesem Wachsenden
gegenüber nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es
durch diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den
richtigen erkannt hat? So kann man gegenüber einer Sache denken, die von
einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverändert weiter wirkt. Das
gilt nicht für den sozialen Organismus. Der verändert durch sein Leben
fortwährend dasjenige, das in ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich
beste Form geben, in der er dann bleiben soll, so untergräbt man seine
Lebensbedingungen.

Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, daß demjenigen, welcher
der Allgemeinheit durch seine individuellen Fähigkeiten dienen kann, die
Möglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus
nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfügung über
Produktionsmittel gehört, da würde die Verhinderung dieser freien
Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewöhnlich mit
Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, daß der Unternehmer zum Anreiz
seiner Tätigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, der an den Besitz
der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier nicht geltend gemacht
werden. Denn die Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte
Meinung von einer Fortentwicklung der sozialen Verhältnisse erfließt, muß
in der Befreiung des geistigen Lebens von dem politischen und dem
wirtschaftlichen Gemeinwesen die Möglichkeit sehen, daß ein solcher Anreiz
wegfallen kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz
notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden
Anreize ganz anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der
Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich
allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an
Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie
Verfügung über solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den
Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei muß immer
im Auge behalten werden, daß man für den gegenwärtigen sozialen Organismus
nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven
Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein diejenigen,
welche der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen.

Auf dieser gegenwärtigen Stufe _kann_ eben die fruchtbare Betätigung der
individuellen Fähigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfügung
über dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo
fruchtbringend produziert werden soll, da muß diese Verfügung möglich sein,
_nicht_ weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe Vorteil bringt,
sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, wenn sie
zweckmäßig von sozialem Verständnis getragen ist.

Der Mensch ist gewissermaßen, wie mit der Geschicklichkeit seiner eigenen
Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft mit
andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfügung über die
Produktionsmittel kommt gleich einer Lähmung der freien Anwendung seiner
Geschicklichkeit der Leibesglieder.

Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler dieser
freien Verfügung. Für den sozialen Organismus kommt in Ansehung des
Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als daß der Eigentümer das
_Recht_ hat, über das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu
verfügen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander
verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind für den sozialen
Organismus: _Die freie Verfügung_ über die Kapitalgrundlage der sozialen
Produktion, und _das Rechtsverhältnis_, in das der Verfüger zu andern
Menschen tritt dadurch, daß durch sein Verfügungsrecht diese anderen
Menschen ausgeschlossen werden von der freien Betätigung durch diese
Kapitalgrundlage.

Nicht die _ursprüngliche_ freie Verfügung führt zu sozialen Schäden,
sondern lediglich das _Fortbestehen_ des Rechtes auf diese Verfügung, wenn
die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art individuelle
menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden. Wer seinen
Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Werdendes, Wachsendes
richtet, der wird das hier Angedeutete nicht mißverstehen können. Er wird
nach der Möglichkeit fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen
Seite dient, so verwaltet werden kann, daß es nicht auf der anderen Seite
schädlich wirkt. Was _lebt_, kann gar nicht in einer andern Weise
fruchtbringend eingerichtet sein als dadurch, daß im Werden das Entstandene
auch zum Nachteil führt. Und soll man an einem Werdenden selbst
mitarbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus muß, so kann die
Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung
zu verhindern, um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergräbt man die
Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein darum
handeln, daß im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn sich das
Zweckmäßige in ein Schädliches verwandelt.

Die Möglichkeit, frei über die Kapitalgrundlage aus den individuellen
Fähigkeiten heraus zu verfügen, muß bestehen; das damit verbundene
Eigentumsrecht muß in dem Augenblicke verändert werden können, in dem es
umschlägt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In unserer
Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier angedeuteten sozialen
Forderung Rechnung trägt, teilweise durchgeführt nur für das sogenannte
geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des Schaffenden in
freies Besitztum der Allgemeinheit über. Dem liegt eine dem Wesen des
menschlichen Zusammenlebens entsprechende Vorstellungsart zugrunde. So eng
auch die Hervorbringung eines rein geistigen Gutes an die individuelle
Begabung des einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein
Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und muß in dieses im rechten
Augenblicke übergeleitet werden. Nicht anders aber steht es mit anderem
Eigentum. Daß mit dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit
produziert, das ist nur möglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann
also das Recht auf die Verfügung über ein Eigentum nicht von den Interessen
dieser Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu
finden, wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann,
sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, daß es
in der besten Weise der Gesamtheit diene.

In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden
werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen wirken als
Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Betätigung der individuellen
Fähigkeiten gehört der geistigen Organisation an.

Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die für _Wirklichkeiten_
Verständnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, Theorien,
Wünschen usw. sich ganz beherrschen läßt, die Notwendigkeit der
Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die Frage nach dem
Verhältnis der individuellen menschlichen Fähigkeiten zur Kapitalgrundlage
des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der
Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten Eigentums
an Kapital nicht zu verhindern haben, solange die individuellen Fähigkeiten
so verbunden bleiben mit der Kapitalgrundlage, daß die Verwaltung einen
Dienst bedeutet für das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird
Rechtsstaat bleiben gegenüber dem privaten Eigentum; er wird es niemals
selbst in seinen Besitz nehmen, sondern bewirken, daß es im rechten
Zeitpunkt in das Verfügungsrecht einer Person oder Personengruppe übergeht,
die wieder ein in den individuellen Verhältnissen bedingtes Verhältnis zu
dem Besitze entwickeln können. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten
wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden können. Aus dem
demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu tun hat mit
dem, was _alle Menschen_ in gleicher Art berührt, wird gewacht werden
können, daß Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht
wird. Dadurch daß dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, sondern
sorgt für die Überleitung an die individuellen menschlichen Fähigkeiten,
werden diese ihre fruchtbare Kraft für die Gesamtheit des sozialen
Organismus entfalten. Solange es als zweckmäßig erscheint, werden durch
eine solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Verfügung über
dieselben bei dem persönlichen Elemente verbleiben können. Man kann sich
vorstellen, daß die Vertreter im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz
verschiedene Gesetze geben werden über die Überleitung des Eigentums von
einer Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich
in weiten Kreisen ein großes Mißtrauen zu allem privaten Eigentum
entwickelt hat, wird an ein radikales Überführen des privaten Eigentums in
Gemeineigentum gedacht. Würde man auf diesem Wege weit gelangen, so würde
man sehen, wie man dadurch die Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus
unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, würde man einen andern Weg später
einschlagen. Doch wäre es zweifellos besser, wenn man schon in der
Gegenwart zu Einrichtungen griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des
hier Angedeuteten seine Gesundheit gäben. Solange eine Person für sich
allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende
Betätigung fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht
hat, wird ihr das Verfügungsrecht verbleiben müssen über diejenige
Kapitalmasse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt,
wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet wird.
Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persönlichkeit aufhört, die
Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine andere Person oder
Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder anderen dem sozialen
Organismus dienenden Produktion übergehen. Auch dasjenige Kapital, das aus
dem Produktionsbetrieb gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung
verwendet wird, soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als
persönliches Eigentum der den Betrieb leitenden Persönlichkeit soll nur
gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprüche, die sie bei
Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen
Fähigkeit machen zu können, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß
sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei Geltendmachung derselben
Kapital erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betätigung dieser
Persönlichkeit eine Vergrößerung erfahren, so wird in deren individuelles
Eigentum aus dieser Vergrößerung so viel übergehen, daß die Vermehrung der
ursprünglichen Bezüge der Kapitalvermehrung im Sinne eines Zinsbezuges
entspricht. -- Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet
worden ist, wird nach dem Willen der ursprünglichen Besitzer an den neuen
Verwalter mit allen übernommenen Verpflichtungen übergehen, oder an diese
zurückfließen, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen
kann oder will.

Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsübertragungen zu tun.
Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche Übertragungen
stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch über die
Ausführung zu wachen und deren Verwaltung zu führen haben. Man kann sich
denken, daß im einzelnen die Bestimmungen, die eine solche
Rechtsübertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem
Rechtsbewußtsein heraus für richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart,
die wie die hier dargestellte _wirklichkeitsgemäß_ sein soll, wird niemals
mehr wollen als auf die _Richtung_ weisen, in der sich die Regelung bewegen
kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im
konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus
den besondern Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis dem Geiste der
Sache gemäß das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer
eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefaßten
Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen. -- Nur wird
andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine
oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist,
daß der Rechtsstaat durch seine Verwaltung der Rechtsübertragungen selbst
niemals die Verfügung über ein Kapital wird an sich reißen dürfen. Er wird
nur dafür zu sorgen haben, daß die Übertragung an eine solche Person oder
Personengruppe geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen
Fähigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung
heraus wird auch zunächst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten haben,
daß, wer aus den geschilderten Gründen zu einer Kapitalübertragung zu
schreiten hat, sich aus freier Wahl über seine Nachfolge in der
Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe
wählen können, oder auch das Verfügungsrecht auf eine Korporation der
geistigen Organisation übertragen können. Denn wer durch eine
Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende Dienste
geleistet hat, der wird auch über die weitere Verwendung dieses Kapitals
aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus mit sozialem Verständnis
urteilen. Und es wird für den sozialen Organismus dienlicher sein, wenn auf
dieses Urteil gebaut wird, als wenn darauf verzichtet und die Regelung von
Personen vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden
sind.

Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen von
einer bestimmten Höhe an, die von einer Person oder einer Personengruppe
durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und Boden gehört) erworben
werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprünglich für die Betätigung
der individuellen Fähigkeiten gemachten Ansprüche persönliches Eigentum
werden.

Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, die
aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben bis zum Tode
des Erwerbers oder bis zu einem spätern Zeitpunkte im persönlichen Besitz
dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wird auch
ein aus dem Rechtsbewußtsein sich ergebender, durch den Rechtsstaat
festzusetzender Zins von dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum
Schaffen von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen Ordnung,
die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene
Scheidung durchgeführt werden zwischen den Erträgnissen, die auf Grund
einer Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den
Vermögensmassen, die auf Grund der persönlichen (physischen und geistigen)
Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewußtsein und
den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart, und als
Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfügung stellt, das dient den
allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung durch
individuelle menschliche Fähigkeiten möglich. Was an Kapitalvermehrung
durch die Produktionsmittel -- nach Abzug des rechtmäßigen Zinses --
entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen
Organismus. Es soll also auch in der geschilderten Art wieder in ihn
zurückfließen. Der Rechtsstaat wird nur eine Bestimmung darüber zu treffen
haben, _daß_ die Überleitung der in Frage kommenden Kapitalmassen in der
angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen
darüber zu treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein
übergeleitetes oder auch ein erspartes Kapital zur Verfügung zu stellen
ist. Das würde zu einer Tyrannis des Staates über die geistige und
materielle Produktion führen. Diese aber wird in der für den sozialen
Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten
geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darüber treffen
will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital übertragen soll, frei
überlassen sein, für das Verfügungsrecht eine Korporation der geistigen
Organisation einzusetzen.

Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermögen geht mit dem Zinserträgnis
nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach an eine geistig oder
materiell produzierende Person oder Personengruppe -- aber _nur_ an eine
solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur Rente würde --
über, die durch letztwillige Anordnung von dem Erwerber zu wählen ist. Auch
dafür wird, wenn eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewählt
werden kann, die Übertragung des Verfügungsrechtes an eine Korporation des
geistigen Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine
Verfügung trifft, so wird der Rechtsstaat für ihn eintreten und durch die
geistige Organisation die Verfügung treffen lassen.

Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der freien
Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der sozialen
Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll
entsprochen, daß die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst gestellt wird.
Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen anzuvertrauen hat, wird
bei einer solchen Regelung wissen können, daß das mit dem Leiter gemeinsam
Erarbeitete in der möglichst besten Art für den sozialen Organismus, also
auch für den Arbeiter selbst, fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale
Ordnung wird ein dem gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes
Verhältnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewußtsein geregelten
Verfügungsrechten über in Produktionsmitteln verkörpertes Kapital und
menschlicher Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides
geschaffenen Erzeugnisse andrerseits. -- Vielleicht findet mancher in dem
hier Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mögen gefunden werden. Es kommt
einer wirklichkeitsgemäßen Denkart nicht darauf an, vollkommene »Programme«
ein für alle Male zu geben, sondern darauf, die _Richtung_ zu kennzeichnen,
in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche besondere Angaben,
wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie durch ein Beispiel
die gekennzeichnete Richtung näher erläutert werden. Ein solches Beispiel
mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen Richtung geschieht,
dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden.

Berechtigte persönliche oder Familienimpulse werden sich durch solche
Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit in
Einklang bringen lassen. Man wird gewiß darauf hinweisen können, daß die
Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nachkommen noch bei
Lebzeiten zu übertragen, sehr groß ist. Und daß man ja in solchen
Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen kann, die aber dann doch
gegenüber anderen untüchtig sind und besser durch diese anderen ersetzt
würden. Doch diese Versuchung wird in einer von den oben angedeuteten
Einrichtungen beherrschten Organisation eine möglichst geringe sein können.
Denn der Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daß unter allen Umständen
das Eigentum, das an ein Familienmitglied von einem andern übertragen
worden ist, nach Ablauf einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden
Zeit einer Korporation der geistigen Organisation zufällt. Oder es kann in
andrer Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. Der
Rechtsstaat wird nur dafür sorgen, _daß_ diese Überführung geschehe; wer
ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus der
geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt sein. Durch
Erfüllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verständnis dafür
entwickeln, daß Nachkommen durch Erziehung und Unterricht für den sozialen
Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch Kapitalübertragung an
unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem
wirklich soziales Verständnis lebt, hat kein Interesse daran, daß seine
Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke bei Personen oder
Personengruppen, bei denen die individuellen Fähigkeiten eine solche
Verbindung nicht rechtfertigen.

Niemand wird, was hier ausgeführt ist, für eine bloße Utopie halten, der
Sinn für wirklich praktisch Durchführbares hat. Denn es wird gerade auf
solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des
Lebens aus den gegenwärtigen Zuständen heraus erwachsen können. Man wird
nur zu dem Entschluß greifen müssen, innerhalb des Rechtsstaates auf die
Verwaltung des geistigen Lebens und auf das Wirtschaften allmählich zu
verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich
geschieht, daß private Bildungsanstalten entstehen und daß sich das
Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergründe stellt. Man braucht die
Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen nicht von heute
zu morgen abzuschaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfängen
heraus die Möglichkeit erwachsen sehen, daß ein allmählicher Abbau des
staatlichen Bildungs- und Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber würde
notwendig sein, daß diejenigen Persönlichkeiten, welche sich mit der
Überzeugung durchdringen können von der Richtigkeit der hier dargestellten
oder ähnlicher sozialer Ideen, für deren Verbreitung sorgen. Finden solche
Ideen Verständnis, so wird dadurch _Vertrauen_ geschaffen zu einer
möglichen heilsamen Umwandlung der gegenwärtigen Zustände in solche, welche
deren Schäden nicht zeigen. _Dieses_ Vertrauen aber ist das einzige, aus
dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen können. Denn wer ein
solches Vertrauen gewinnen soll, der muß überschauen können, wie
Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknüpfen lassen. Und es
scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt
werden, daß sie nicht eine bessere Zukunft herbeiführen wollen durch eine
noch weitergehende Zerstörung des Gegenwärtigen, als sie schon eingetreten
ist; sondern daß die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden
weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden herbeiführt. Eine
Aufklärung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird
nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden muß: eine Weiterentwicklung,
bei welcher der Wert der bisher von den Menschen erarbeiteten Güter und der
erworbenen Fähigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird.
Auch der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen
Neugestaltung unter Wahrung der überkommenen Werte gewinnen, wenn er vor
Ideen sich gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten
können. Auch er wird einsehen müssen, daß, welche Menschenklasse auch immer
zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden Übel nicht beseitigen wird,
wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen
Organismus gesund, lebensfähig machen. Verzweifeln, weil man nicht glauben
kann, daß bei einer genügend großen Anzahl von Menschen auch in den Wirren
der Gegenwart Verständnis sich finde für solche Ideen, wenn auf ihre
Verbreitung die notwendige Energie gewandt werden kann, hieße an der
Empfänglichkeit der Menschennatur für Impulse des Gesunden und
Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte _diese_ Frage, ob man daran
verzweifeln müsse, gar nicht gestellt werden, sondern _nur die_ andere: was
man tun solle, um die Aufklärung über vertrauenerweckende Ideen so
kraftvoll als möglich zu machen.

Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunächst
entgegenstehen, daß die Denkgewohnheiten des gegenwärtigen Zeitalters aus
zwei Untergründen heraus mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder
wird man in irgend einer Form einwenden, man könne sich nicht vorstellen,
daß ein Auseinanderreißen des einheitlichen sozialen Lebens möglich sei, da
doch die drei gekennzeichneten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit
überall zusammenhängen; oder man wird finden, daß auch im Einheitsstaate
die notwendige selbständige Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht
werden könne, und daß eigentlich mit dem hier Dargestellten ein
Ideengespinst gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht berühre. Der erste
Einwand beruht darauf, daß von einem _unwirklichen_ Denken ausgegangen
wird. Daß geglaubt wird, die Menschen könnten in einer Gemeinschaft nur
eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst
in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der
Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit muß als das _Ergebnis_ entstehen;
die von verschiedenen Richtungen her zusammenströmenden Betätigungen müssen
_zuletzt_ eine Einheit bewirken. _Dieser_ wirklichkeitsgemäßen Idee lief
die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte sich, was in den
Menschen lebte, gegen die von außen in das Leben gebrachte »Ordnung« und
führte zu der gegenwärtigen sozialen Lage. -- Das zweite Vorurteil geht
hervor aus dem Unvermögen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei
Glieder des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der
Mensch zu jedem der drei Glieder ein _besonderes_ Verhältnis hat, das in
seiner Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein für
sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von den
beiden andern, dieses Verhältnis ausgestalten kann, um mit ihnen
zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische,
meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaßregeln über das
wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung dieses Lebens
widerstreben; dann seien solche Maßregeln schädlich. Oder die _Gesetze_
laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben von selbst
läuft, wenn es sich frei überlassen bleibt; dann seien sie überflüssig. Als
Schulmeinung ist diese Anschauung überwunden; als Denkgewohnheit spukt sie
aber überall noch verheerend in den Menschenköpfen. Man meint, wenn ein
Lebensgebiet seinen Gesetzen folgt, dann müsse aus diesem Gebiete _alles_
für das Leben Notwendige sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das
Wirtschaftsleben in einer solchen Art geregelt werde, daß die Menschen die
Regelung als eine sie befriedigende empfinden, dann müsse auch das Rechts-
und Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben.
Doch dieses ist nicht möglich. Und nur ein Denken, das der Wirklichkeit
fremd gegenübersteht, kann glauben, daß es möglich sei. Im Kreislauf des
Wirtschaftslebens ist _nichts_ vorhanden, das von sich aus einen Antrieb
enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem Rechtsbewußtsein über das
Verhältnis von Mensch zu Mensch erfließt. Und will man _dieses_ Verhältnis
aus den wirtschaftlichen Antrieben herausordnen, so wird man den Menschen
mit seiner Arbeit und mit der Verfügung über die Arbeitsmittel in das
Wirtschaftsleben einspannen. Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das
wie ein Mechanismus wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz,
fortwährend in einer Richtung sich zu bewegen, in die von einer andern
Seite her eingegriffen werden muß. Nicht, _wenn_ die Rechtsmaßnahmen in der
Richtung verlaufen, die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut,
oder wenn sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schädlich; sondern, wenn die
Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben läuft, fortwährend beeinflußt
wird von den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird
dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwürdiges Dasein führen können.
Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben die
individuellen Fähigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen und dem
Wirtschaften die Kräfte immer wieder neu zuführen, die aus ihm selbst sich
nicht erzeugen _können_, wird auch das Wirtschaften in einer den Menschen
gedeihlichen Art sich entwickeln können.

Es ist merkwürdig: auf dem Gebiete des rein äußerlichen Lebens sieht man
leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, daß der
Schneider sich seine Kuh züchten solle, die ihn mit Milch versorgt. Für die
umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, daß die
Einheitsordnung das allein Ersprießliche sein müsse.

                  *       *       *       *       *

Daß Einwände gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden sozialen
Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben müssen, ist selbstverständlich.
Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprüche. Und wer diesem Leben gemäß
denkt, der muß Einrichtungen verwirklichen wollen, deren Lebenswidersprüche
durch andere Einrichtungen ausgeglichen werden. Er _darf nicht_ glauben:
eine Einrichtung, die sich vor seinem Denken als »ideal gut« ausweist,
werde, wenn sie verwirklicht wird, auch widerspruchslos sich gestalten. --
Es ist eine durchaus berechtigte Forderung des gegenwärtigen Sozialismus,
daß die neuzeitlichen Einrichtungen, in denen produziert wird um des
Profitierens des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen
produziert wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige,
welcher diese Forderung _voll_ anerkennt, wird nicht zu der Schlußfolgerung
dieses neueren Sozialismus kommen können: also müssen die Produktionsmittel
aus dem Privateigentum in Gemeineigentum übergehen. Er wird vielmehr die
ganz andere Schlußfolgerung anerkennen müssen: also muß, was privat auf
Grund der individuellen Tüchtigkeiten produziert wird, durch die rechten
Wege der Allgemeinheit zugeführt werden. Der wirtschaftliche Impuls der
neueren Zeit ging dahin, durch die Menge des Gütererzeugens Einnahmen zu
schaffen; die Zukunft wird danach streben müssen, durch Assoziationen aus
der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und die Wege von
dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die Rechtseinrichtungen
werden dafür sorgen, daß ein Produktionsbetrieb nur so lange mit einer
Person oder Personengruppe verbunden bleibt, als sich diese Verbindung aus
den individuellen Fähigkeiten dieser Personen heraus rechtfertigt. Statt
dem _Gemeineigentum_ der Produktionsmittel wird im sozialen Organismus ein
_Kreislauf_ dieser Mittel eintreten, der sie immer von neuem zu denjenigen
Personen bringt, deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst besten
Art der Gemeinschaft nutzbar machen können. Auf diese Art wird zeitweilig
diejenige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Produktionsmittel
hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn der
Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den
Produktionsmitteln verdanken, daß ihre Fähigkeiten ihnen ein ihren
Ansprüchen gemäßes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, die
Produktion zu einer möglichst vollkommenen zu machen, denn die Steigerung
dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen Profit, aber doch
einen Teil des Erträgnisses. Der Profit fließt ja doch nur im Sinne des
oben Ausgeführten der Allgemeinheit bis zu dem Grade zu, der sich ergibt
nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten zugute kommt wegen der
Steigerung der Produktion. Und es liegt eigentlich schon im Geiste des hier
Dargestellten, daß, wenn die Produktion zurückgeht, sich das Einkommen des
Produzenten in demselben Maße zu verringern habe, wie es sich steigert bei
der Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der geistigen
Leistung des Leitenden fließen, nicht aus einem solchen Profit, welcher auf
Verhältnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines Unternehmers,
sondern in dem Zusammenwirken der Kräfte des Gemeinlebens ihre Grundlage
haben.

Man wird sehen können, daß durch Verwirklichung solcher sozialer Ideen, wie
sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwärtig bestehen, eine
völlig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum hört auf, dasjenige zu
sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurückgeführt zu
einer überwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen würde,
sondern es wird fortgeführt zu etwas völlig Neuem. Die Gegenstände des
Eigentums werden in den Fluß des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne
kann sie nicht aus seinem Privatinteresse heraus zum Schaden der
Allgemeinheit verwalten; aber auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum
Schaden der einzelnen bureaukratisch verwalten können; sondern der
geeignete einzelne wird zu ihnen den Zugang finden, um durch sie der
Allgemeinheit dienen zu können.

Ein Sinn für das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung
solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine gesunde
Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren
bewahren. -- Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat mit dem
Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen führen können, die etwa aus
diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. Sollte, zum Beispiel,
ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern ihre
Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem Bedürfnis
entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben nach freier
Übereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen das Fehlende
zugeschossen werden können. Ein in sich abgeschlossener
Wirtschaftskreislauf, der von außen die Rechtsgrundlage erhält und den
fortdauernden Zufluß der zutage tretenden individuellen
Menschenfähigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun
haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Güterverteilung sein können,
die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der Gemeinschaft
gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr Einkommen haben wird
als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, weil das »Mehr« wegen
seiner individuellen Fähigkeiten der Allgemeinheit zugute kommt.

                  *       *       *       *       *

Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten
Vorstellungsart sich gestaltet, wird durch eine Übereinkunft zwischen den
Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die Abgaben regeln
können, welche für das Rechtsleben notwendig sind. Und alles, was zum
Unterhalte der geistigen Organisation nötig ist, wird dieser zufließen
durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung von seiten
der Einzelpersonen, die am sozialen Organismus beteiligt sind. Diese
geistige Organisation wird ihre gesunde Grundlage durch die in freier
Konkurrenz sich geltend machende individuelle Initiative der zur geistigen
Arbeit fähigen Einzelpersonen haben.

Aber _nur_ in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die Verwaltung
des Rechtes das notwendige Verständnis finden für eine gerechte
Güterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den Bedürfnissen
der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen in Anspruch nimmt,
sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm das Recht möglich macht,
wird den Wert der Güter nach dem bestimmen, was ihm die Menschen leisten.
Er wird nicht die Menschen leisten lassen, was durch den unabhängig von
Menschenwohlfahrt und Menschenwürde zustande gekommenen Güterwert bestimmt
ist. Ein solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen
Verhältnissen sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung haben;
der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen haben können als
der Einzelnstehende. Das »Mehr« wird ihm zufließen durch Einrichtungen, die
durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen begründet werden.
Solche Einrichtungen können dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen,
daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der
wirtschaftlichen Organisation die mögliche Höhe des Erziehungseinkommens
bemißt und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach den
Gutachten der geistigen Organisation. Wieder liegt es in der Art eines
wirklichkeitsgemäßen Denkens, daß mit einer solchen Angabe nur wie durch
ein Beispiel _die Richtung_ bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen
bewirkt werden können. Es wäre möglich, daß für das einzelne ganz anders
geartete Einrichtungen als richtig befunden würden. Aber dieses »Richtige«
wird sich nur finden lassen durch das zielgemäße Zusammenwirken der drei in
sich selbständigen Glieder des sozialen Organismus. Hier, für diese
Darstellung, möchte im Gegensatz zu vielem, was in der Gegenwart für
praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr zugrunde liegende
Denkart das wirklich Praktische finden, nämlich eine solche Gliederung des
sozialen Organismus, die bewirkt, daß die Menschen in dieser Gliederung das
sozial Zweckmäßige veranlassen.

Wie Kindern das _Recht_ auf Erziehung, so steht Altgewordenen, Invaliden,
Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, zu dem die
Kapitalgrundlage in einer ähnlichen Art dem Kreislauf des sozialen
Organismus zufließen muß wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag für die
Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfähigen. Das Wesentliche bei all
diesem ist, daß die Feststellung desjenigen, was ein nicht selbst
Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem Wirtschaftsleben sich
ergeben soll, sondern daß umgekehrt das Wirtschaftsleben abhängig wird von
dem, was in dieser Beziehung aus dem Rechtsbewußtsein sich ergibt. Die in
einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit
geleisteten um so weniger haben, je mehr für die nicht Verdienenden
abfließen muß. Aber das »Weniger« wird von allen am sozialen Organismus
Beteiligten gleichmäßig getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse
ihre Verwirklichung finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben
abgesonderten Rechtsstaat wird, was eine allgemeine Angelegenheit der
Menschheit ist, Erziehung und Unterhalt nicht Arbeitsfähiger, auch wirklich
zu einer solchen Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der
Rechtsorganisation wirkt dasjenige, worinnen _alle mündig gewordenen
Menschen_ mitzusprechen haben.

Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart
entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund seiner
individuellen Fähigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit
überführen, wie er für die Minderleistung der weniger Befähigten den
berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: »Mehrwert«
wird nicht geschaffen werden für den unberechtigten Genuß des einzelnen,
sondern zur Erhöhung dessen, was dem sozialen Organismus seelische oder
materielle Güter zuführen kann; und zur Pflege desjenigen, was innerhalb
dieses Organismus aus dessen Schoß heraus entsteht, ohne daß es ihm
unmittelbar dienen kann.

Wer der Ansicht zuneigt, daß die Auseinanderhaltung der drei Glieder des
sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und daß sie sich auch
beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer das
Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln
beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft »von selbst« ergebe, der sollte
seinen Blick auf die besondere Art von sozialen Einrichtungen lenken, die
sich ergeben müssen, wenn die Dreigliederung verwirklicht wird. Da wird,
zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches
Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den
Maßnahmen beruhen, welche von den Verwaltungskörpern der
Wirtschaftsorganisation ausgehen. Denn Geld kann im gesunden sozialen
Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern
erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb
beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben
hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche
Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze
Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man es
nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die _Leistungen_,
die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus,
den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für
den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen
Fähigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft.
Bezahlt _kann_ beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im
Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. Wie die freie Initiative,
wie das Recht wirken sollen, damit die Ware zustande komme, das liegt
ebenso _außerhalb_ des Wirtschaftskreislaufes wie die Wirkung der
Naturkräfte auf das Kornerträgnis in einem segensreichen oder einem magern
Jahr. Für den Wirtschaftskreislauf sind die geistige Organisation bezüglich
dessen, was sie beansprucht als wirtschaftliches Erträgnis, _und auch der
Staat_ einzelne Warenproduzenten. Nur ist, was sie produzieren, innerhalb
ihres eigenen Gebietes nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von
dem Wirtschaftskreislauf aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren
eigenen Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die
Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.

Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), insofern
er sich ausdrückt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, wird von
der Zweckmäßigkeit abhängen, mit der sich innerhalb des
Wirtschaftsorganismus die _Verwaltung_ der Wirtschaft ausgestaltet. Von den
Maßnahmen dieser Verwaltung wird es abhängen, inwiefern auf der geistigen
und rechtlichen Grundlage, welche von den andern Gliedern des sozialen
Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche Fruchtbarkeit sich
entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird dann der Ausdruck dafür sein,
daß diese Ware in der den Bedürfnissen entsprechenden Menge durch die
Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Würden die in dieser
Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im
Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch
die bloße Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird
durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden
Genossenschaften die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen. Dadurch
wird das diesen Bedürfnissen entsprechende Verhältnis zwischen dem Geldwert
und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt[7].
Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein;
denn hinter jedem Geldstück oder Geldschein steht die Warenleistung, auf
welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es
werden sich aus der Natur der Verhältnisse heraus Einrichtungen notwendig
machen, welche dem Gelde für den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die
eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist
schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in
geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das nicht in
Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Maßnahmen der
Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten werde, kann Umprägung
oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhältnissen
heraus wird sich allerdings auch ergeben, daß der Zinsbezug von einem
Kapitale im Laufe der Jahre sich immer verringere. Das Geld wird sich
abnützen, wie sich Waren abnützen. Doch wird eine solche vom Staate zu
treffende Maßnahme gerecht sein. »Zins auf Zins« wird es nicht geben
können. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die
ihm auf spätere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie
gegenwärtige Leistungen auf den Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen;
aber die Ansprüche können nur bis zu einer gewissen Grenze gehen; denn aus
der Vergangenheit herrührende Ansprüche können nur durch Arbeitsleistungen
der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprüche dürfen nicht zu einem
wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher
Voraussetzungen wird die _Währungsfrage_ auf eine gesunde Grundlage
gestellt. Denn gleichgültig wie aus andern Verhältnissen heraus die
_Geldform_ sich gestaltet: _Währung_ wird die vernünftige Einrichtung des
gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung. Die Währungsfrage
wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch _Gesetze_ lösen;
gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die
Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden
Wirtschaftsorganismus überlassen.

  [7] Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art
  zustande kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen
  Organismus, wird sich als Ergebnis für das Wirtschaftsleben ein gesundes
  Preisverhältnis der erzeugten Güter einstellen. Dieses muß so sein, daß
  jeder Arbeitende für ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhält, als zur
  Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse bei ihm und den zu ihm gehörenden
  Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Arbeit wieder
  hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhältnis kann nicht durch
  amtliche Feststellung erfolgen, sondern es muß sich _als Resultat
  ergeben_ aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus
  tätigen Assoziationen. Aber es _wird_ sich einstellen, wenn das
  Zusammenwirken auf dem gesunden Zusammenwirken der drei
  Organisationsglieder beruht. Es muß mit derselben Sicherheit sich
  ergeben, wie eine haltbare Brücke sich ergeben muß, wenn sie nach
  rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. Man kann
  natürlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben folge
  nicht so seinen Gesetzen wie eine Brücke. Es wird aber niemand einen
  solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung
  dieses Buches dem sozialen Leben eben _lebendige_ und nicht
  mathematische Gesetze zugrunde liegend gedacht werden.

                  *       *       *       *       *

Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als
Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; aber man
berücksichtigt wenig, wie sie das Verhältnis des einzelnen Menschen zu
seiner Arbeits_leistung_ beeinflußt. Wer in einem auf Arbeitsteilung
eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der _erwirbt_ eigentlich
niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit
_aller_ am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum
Eigengebrauch einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe
Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen noch alles zu seinem
Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den Rock,
um für andere Kleider machen zu können; und der _Wert_ des Rockes für ihn
hängt _ganz_ von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich
Produktionsmittel. Mancher wird sagen, das sei eine Begriffsspalterei.
Sobald er auf die _Wertbildung_ der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht,
wird er diese Meinung nicht mehr haben können. Dann wird er sehen, daß man
in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht
für sich arbeiten kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für
sich arbeiten lassen. Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich
selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche dem
Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die
Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als
Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen
Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den
sozialen Organismus dazu, daß der einzelne Mensch in ihm lebt nach den
Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt _wirtschaftlich_ den
Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von
Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer
Zustand, der zu Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen
Zuständen leben wir gegenwärtig. Es mag manchen geben, der nichts davon
hält, wenn man fordert, die Rechtsverhältnisse und anderes müssen sich nach
dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein solcher möge
dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. Diese wäre: man
könne überhaupt nichts tun; die soziale Bewegung könne zu nichts führen.
Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprießliches nicht tun,
wenn man _der Wirklichkeit_ nicht ihr Recht geben will. Die Denkungsart,
aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben ist, will, was der
Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach dem einrichten,
was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt.

                  *       *       *       *       *

Wer seine Begriffe nur nach den eingewöhnten Einrichtungen bilden kann, der
wird ängstlich werden, wenn er davon vernimmt, daß das Verhältnis des
Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelöst werden solle von dem
Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, daß eine solche Loslösung
notwendig zur Geldentwertung und zur Rückkehr in primitive
Wirtschaftsverhältnisse führe. (Dr. Rathenau äußert in seiner Schrift »Nach
der Flut« solche Meinungen, die von _seinem_ Standpunkt aus berechtigt
erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung des sozialen
Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich selbst gestellte
Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus sondert die
Geldverhältnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten
Arbeitsverhältnissen. Die Rechtsverhältnisse werden nicht unmittelbar auf
die Geldverhältnisse einen Einfluß haben können. Denn die letzteren sind
Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das Rechtsverhältnis
zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar nicht in dem Geldwert
zum Ausdruck kommen können, denn dieser ist nach Beseitigung des Lohnes,
der ein Tauschverhältnis von Ware und Arbeitskraft darstellt, lediglich der
Maßstab für den gegenseitigen Wert der Waren (und Leistungen). -- Aus der
Betrachtung der _Wirkungen_, welche die Dreigliederung für den sozialen
Organismus hat, muß man die Überzeugung gewinnen, daß sie zu Einrichtungen
führen werde, die in den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind.

Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden können,
was gegenwärtig als _Klassenkampf_ empfunden wird. Denn dieser Kampf beruht
auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den Wirtschaftskreislauf. Diese
Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff
des _Arbeitslohnes_ ebenso eine Umformung erfährt wie der alte
_Eigentumsbegriff_. Aber durch diese Umformung wird ein _lebensfähiger_
sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen. -- Nur eine leichtfertige
Beurteilung wird finden können, daß mit der Verwirklichung des hier
Dargestellten nichts weiter getan sei, als daß der Arbeitszeitlohn in
Stücklohn verwandelt werde. Mag sein, daß eine einseitige Ansicht von der
Sache zu diesem Urteil führt. Aber _hier_ ist diese einseitige Ansicht
nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablösung des
Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis in
bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete _in
Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus_ ins Auge
gefaßt. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungserträgnisses als
Stücklohn erscheint, der wird nicht gewahr, daß _dieser_ »Stücklohn« (der
aber eigentlich kein »Lohn« ist) sich im _Werte_ des Geleisteten in einer
Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche Lebenslage des
Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen Organismus in ein ganz anderes
Verhältnis bringt, als dasjenige ist, das aus der einseitig wirtschaftlich
bedingten Klassenherrschaft entstanden ist. Die Forderung nach Austilgung
des Klassenkampfes wird damit befriedigt. -- Und wer sich zu der namentlich
auch in sozialistischen Kreisen zu hörenden Meinung bekennt: die
_Entwicklung_ selbst müsse die Lösung der sozialen Frage bringen, man könne
nicht Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem muß
erwidert werden: gewiß wird die Entwicklung das Notwendige bringen müssen;
aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen
_Wirklichkeiten_. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird und
das _verwirklicht_ sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann wird
eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und diejenigen,
welche »nur von der Entwicklung« und nicht von der Erbringung fruchtbarer
Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen müssen mit ihrem Urteil bis
dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung sein wird. Doch wird es eben
dann _zu spät_ sein zum Vollbringen gewisser Dinge, die von den _heutigen_
Tatsachen schon gefordert werden. Im sozialen Organismus ist es nicht
möglich, die Entwicklung _objektiv_ zu betrachten wie in der Natur. Man muß
die Entwicklung _bewirken_. Deshalb ist es für ein gesundes soziales Denken
verhängnisvoll, daß ihm gegenwärtig Ansichten gegenüberstehen, die, was
sozial notwendig ist, so »beweisen« wollen, wie man in der
Naturwissenschaft »beweist«. Ein »Beweis« in sozialer Lebensauffassung kann
sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung _das_ aufnehmen kann, was
nicht nur im _Bestehenden_ liegt, sondern _dasjenige_, was in den
Menschenimpulsen -- von ihnen oft unbemerkt -- keimhaft ist und sich
verwirklichen will.

                  *       *       *       *       *

Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen
Organismus ihre Begründung im Wesenhaften des menschlichen
Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslösung der
richterlichen Tätigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren
wird es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder
Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst aber liegen
in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus gebildet sind.
Diese Urteilsfindung ist in hohem Maße abhängig von der Möglichkeit, daß
der Richtende Sinn und Verständnis habe für die individuelle Lage eines zu
Richtenden. Solcher Sinn und solches Verständnis werden nur vorhanden sein,
wenn dieselben Vertrauensbande, durch welche die Menschen zu den
Einrichtungen der geistigen Organisation sich hingezogen fühlen, auch
maßgebend sind für die Einsetzung der Gerichte. Es ist möglich, daß die
Verwaltung der geistigen Organisation die Richter aufstellt, die aus den
verschiedensten geistigen Berufsklassen heraus genommen sein können, und
die auch nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe
zurückkehren. In gewissen Grenzen hat dann jeder Mensch die Möglichkeit,
sich die Persönlichkeit unter den Aufgestellten für fünf oder zehn Jahre zu
wählen, zu der er so viel Vertrauen hat, daß er in dieser Zeit, wenn es
dazu kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder
strafrechtlichen Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes
Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, daß diese Wahl eine
Bedeutung haben wird. Ein Kläger hat sich dann stets an den für einen
Angeklagten zuständigen Richter zu wenden. -- Man bedenke, was eine solche
Einrichtung in den österreichisch-ungarischen Gegenden für eine
einschneidende Bedeutung gehabt hätte. In gemischtsprachigen Gegenden hätte
der Angehörige einer jeden Nationalität sich einen Richter seines Volkes
erwählen können. Wer die österreichischen Verhältnisse kennt, der kann auch
wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben der Nationalitäten eine solche
Einrichtung hätte beitragen können. -- Aber außer der Nationalität gibt es
weite Lebensgebiete, für deren gesunde Entfaltung eine solche Einrichtung
im gedeihlichen Sinne wirken kann. -- Für die engere Gesetzeskenntnis
werden den in der geschilderten Art bestellten Richtern und Gerichtshöfen
Beamte zur Seite stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen
Organismus zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben.
Ebenso werden Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden
sein. Es wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die
Verwirklichung solcher Voraussetzungen abspielt, daß ein Richter den
Lebensgewohnheiten und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen
kann, daß er durch sein außerhalb des Richteramtes -- dem er nur eine
Zeitlang vorstehen wird -- liegendes Leben mit den Lebenskreisen der zu
Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus überall in
seinen Einrichtungen das soziale Verständnis der an seinem Leben
beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen
Tätigkeit. Die Urteilsvollstreckung fällt dem Rechtsstaate zu.

                  *       *       *       *       *

Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier Dargestellten
für andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig machen, brauchen
vorläufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese Schilderung würde
selbstverständlich einen nicht zu begrenzenden Raum einnehmen.

Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß
es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich _nicht_, wie mancher meinen
könnte -- und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das
Dargestellte mündlich vorgetragen habe --, um eine Erneuerung der drei
Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser
Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch
in Stände _sozial_ eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus
selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft
Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, daß er mit
seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des
sozialen Organismus, in dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit
sachlichem Interesse stehen; und zu den andern wird er lebensvolle
Beziehungen haben, denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem
Verhältnisse stehen, das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird
der vom Menschen abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale
Organismus sein; jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei
Glieder sein.



IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen


Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die
internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird
sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der
andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des
einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen,
ohne daß die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren
Einfluß haben[8]. Und umgekehrt, die Verhältnisse der Rechtsstaaten
werden sich innerhalb gewisser Grenzen in völliger Unabhängigkeit von
den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch diese Unabhängigkeit
im _Entstehen_ der Beziehungen werden diese in Konfliktfällen
ausgleichend aufeinander wirken können. Interessenzusammenhänge der
einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die
Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben der Menschen
erscheinen lassen werden. -- Die geistigen Organisationen der
einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten
können, die _nur_ aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit
selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte
Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind,
wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung
eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In
dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den
Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und
denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja
auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in
unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein
selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen
mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich
nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation
oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur
gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige
Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie
wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen
zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind.

  [8] Wer dagegen einwendet, daß die Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse
  doch in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt
  werden können, der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten
  Gliederung ankommt. Im _gesamten_ Verkehrsprozeß wirken die beiderlei
  Verhältnisse selbstverständlich als ein Ganzes. Aber es ist etwas
  anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus
  gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen heraus
  gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr
  zusammenwirken läßt.

Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der
schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge
erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich
entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen müssen an dem Ziel,
das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als
Ganzes immer bewußter wird setzen müssen. Diese Menschheit wird empfinden,
daß ein jeder ihrer Teile zu einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein nur
kommen kann, wenn er sich lebenskräftig mit allen anderen Teilen verbindet.
Volkszusammenhänge sind neben anderen naturgemäßen Impulsen die Ursachen,
durch die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich
gebildet haben. Aber die Kräfte, durch welche die Volkstümer wachsen,
müssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt ist durch
die Beziehungen, welche die Staatskörper und Wirtschaftsgenossenschaften
zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die Volksgemeinschaften die
innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen so durchführen, daß jedes
der Glieder seine selbständigen Beziehungen zu anderen sozialen Organismen
entfalten kann.

Dadurch bilden sich _vielgestaltige_ Zusammenhänge zwischen Völkern,
Staaten und Wirtschaftskörpern, die jeden Teil der Menschheit mit anderen
Teilen so verbinden, daß der eine in seinen eigenen Interessen das Leben
der andern mitempfindet. Ein Völkerbund _entsteht_ aus wirklichkeitsgemäßen
Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen Rechtsanschauungen
»eingesetzt« werden müssen[9].

  [9] Wer in solchen Dingen »Utopien« sieht, der beachtet nicht, daß _in
  Wahrheit_ die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm für
  utopistisch gehaltenen Einrichtungen hinstrebt, und daß die Schäden
  dieser Wirklichkeit gerade davon kommen, daß diese Einrichtungen nicht
  da sind.

Von besonderer Bedeutung muß einem wirklichkeitsgemäßen Denken erscheinen,
daß die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus zwar ihre
Geltung haben für die gesamte Menschheit, daß sie aber von _jedem
einzelnen_ sozialen Organismus verwirklicht werden können, gleichgültig,
wie sich andere Länder zu dieser Verwirklichung vorläufig verhalten.
Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemäßen drei Gebiete, so
können die Vertretungen derselben als einheitliche Körperschaft mit anderen
in internationale Beziehungen treten, auch wenn diese anderen für sich die
Gliederung noch nicht vorgenommen haben. Wer mit dieser Gliederung
vorangeht, der wird für ein gemeinschaftliches Menschheitsziel wirken. Was
getan werden soll, wird sich durchsetzen viel mehr durch die Kraft, welche
ein in wirklichen Menschheitsimpulsen wurzelndes Ziel _im Leben_ erweist,
als durch eine Feststellung auf Kongressen und aus Verabredungen heraus.
Auf einer Wirklichkeitsgrundlage ist dieses Ziel _gedacht_; im wirklichen
Leben, an jedem Punkte der Menschengemeinschaften läßt es sich erstreben.

Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker und Staaten
von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung
ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde
mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich
in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drängten.
Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus
unbewußten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird
das Heilmittel gegen die Erschütterungen sein, welche der
Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der »maßgebenden
Menschheitsleiter« war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit
langem vorbereitete. Im Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch
»Staatsmänner« davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der
Bemühungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei.
Diese »Staatsmänner« hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten und
redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte.
Aber sie galten als die »Praktiker«. Und als »Schwärmer« galt damals wohl,
wer entgegen den Anschauungen der »Staatsmänner« Anschauungen durch die
letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser
Ausführungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor
einem kleinen Zuhörerkreise aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl
verlacht worden.) Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende:
»Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker
werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut
derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall
furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die
große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut.
Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn
man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die
Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu
bringen müßte, von dem Heilmittel so zu sprechen, daß man Worte darüber der
Welt gleichsam _entgegen_schreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich
so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden
der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_
im menschlichen natürlichen Organismus sind.« Aber die Lebensanschauung
herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie
nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen führten, die
hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren,
Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu
begründen. -- Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen der
gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine
Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen
Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden wäre, wenn die
»Staatsmänner« in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten
aufgenommen hätten. Und was unterblieben wäre, wenn man durch solchen
Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu
schaffen, die dann die Explosion bringen mußten. Wenn man in den letzten
Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als
Folge des sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge
faßte, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen
Geistinteressen stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen
das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen
mußte: »Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu
einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggründen
nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der
Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner
Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen«, aber nur der Gedanke, daß ein
»Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens« gefunden werden müsse,
kann den Sinn für Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist
ein solcher, »der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen
unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber
glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein
sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und
einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.« (So Hermann Grimm
1888 auf S. 46 seines Buches: »Aus den letzten fünf Jahren«.) Was waren die
»Kriegerischen Rüstungen« anderes als Maßnahmen solcher Menschen, welche
Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem
diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden
Zusammenlebens der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes
Zusammenleben aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen
Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus
gestaltet ist.

Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem
halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in
einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer
Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete
Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der
am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste
Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem
gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das
Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich
selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige
Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln
können, die mit den Zielen der Völker im Einklange gewesen wäre, dann hätte
der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen
Katastrophe entladen müssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien
allen, die in Österreich-Ungarn sich einbildeten, »staatsmännisch« zu
denken, als eine volle Unmöglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren
Denkgewohnheiten ließen nichts anderes zu als die Vorstellung, daß die
Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten
zusammenfallen. Verstehen, daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige
Organisationen bilden können, die das Schulwesen, die andere Zweige des
Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und
dennoch: dieses »Undenkbare« ist die Forderung der neueren Zeit für das
internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar
Unmöglichen hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne dieser
Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern er muß sein
Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Statt
das »staatsmännische« Denken in eine Richtung zu bringen, welche den
neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, war man bestrebt,
Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen
aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem
unmöglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts
stand er davor, für seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun
zu können und die Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche
äußerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen
des Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen
»Staatsmänner« nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre
Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen
Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues
Vertrauen hätte erwecken können, mitteilen, oder sie _mußten_ einen Krieg
entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergründen
heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die Schuldfrage gerecht
denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften an dem
österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem die weltgeschichtliche
Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu
entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Sünde wider den
Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat Österreich-Ungarn in den Krieg
getrieben.

Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, in der
die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus
ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung hätte dem Reiche
seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben können. Die
sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen Reiche
wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich
vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen
Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus
der zu ersehen war, wohin es drängte. Das hätte zu einem Arbeits-Inhalt
für dieses Reich führen müssen. Das hätte seinen Verwaltern die Aufgaben
stellen müssen. Es hätte die Berechtigung dieses Reiches im modernen
Völkerzusammenleben erweisen können, wenn man dem neugegründeten Reiche
einen Arbeits-Inhalt gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte
selbst gefordert gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große
zu wenden, blieb man bei »sozialen Reformen« stehen, die aus den
Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande
die Mustergültigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer
mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen gründen
zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens über die Macht
und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich,
das ebenso wie das österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach,
was in den Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich
ankündigte. Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts.
_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft
des Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte
gefordert ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden
sozialen Organismus ruhen müssen. Mit _dieser_ Verwirklichung hätte man
sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders hineingestellt,
als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen
Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem
Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. Sie hatte in den
letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was hätte geschehen sollen;
sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, was in den neuzeitlichen
Entwicklungskräften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit »wie
ein Kartengebäude zusammenbrechen« _mußte_.

Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen
Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde ein getreues
Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die Vorgänge innerhalb
der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1. August 1914 zu prüfen und
vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgängen weiß das In- und
Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik
damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen
im Nullpunkt ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu
beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen _mußte_.
Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militärischen
Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_,
weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden
konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer dem militärischen Gebiet
hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr
führen konnte. Alles dieses würde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache
ergeben, wenn jemand sich fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin
von Ende Juli und 1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August
und 31. Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer
der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch
nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der früheren
Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig die »Schuldfrage«
nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewiß kann man auch durch
anderes über die längst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese
Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben.

Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg getrieben
haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und
sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht
bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren
Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die
mögliche Empfänglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus hätte
ergeben können, wollte der Schreiber dieser Ausführungen bauen, als er sich
bemühte, innerhalb Deutschlands und Österreichs in dem Zeitpunkte der
Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem
gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen für das politische
Verhalten nach außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß
damals noch sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen
können. Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes
ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese
Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten sträubten
sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militärisch orientierten
Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen
könne. Höchstens daß man fand, »Trennung der Kirche von der Schule«, ja,
das wäre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der
»staatsmännisch« Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu
Durchgreifendem führen sollte, ließen sie sich nicht bringen. Wohlwollende
sprachen davon, ich solle diese Gedanken »veröffentlichen«. Das war in
jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn
auf dem Gebiete der »Literatur« unter manchem andern auch von diesen
Impulsen gesprochen worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser
Impulse liegt es doch, daß sie _damals_ eine Bedeutung nur hätten erlangen
können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wären. Die Völker
Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse
gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas geben kann, was ihrem mehr
oder weniger bewußten Drang entsprochen hätte. Und die Völker des
russischen Ostens hätten ganz gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt
für eine Ablösung des Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies
Verständnis gehabt hätten, kann nur der in Abrede stellen, der keine
Empfindung hat für die Empfänglichkeit des noch unverbrauchten
osteuropäischen Intellekts für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung
im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk.

Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht
abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem -- militärischen Denken zu
verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben
wollte, das war die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes. Niemand
wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag,
keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen
Notwendigkeiten etwas wußte, dem war auch bekannt, wie die
englischsprechenden Völker Persönlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche
durchschauten, was in den Volkskräften Mittel- und Osteuropas sich regte.
Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten der Überzeugung waren, in
Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mächtigen sozialen
Umwälzungen sich ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man
glaubte, daß in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon
geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf
solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und
Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß
sie »wie ein Kartengebäude zusammenstürzen« mußte. Nur eine Politik, die
auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden
Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen
Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund und
Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl besonders den
»Diplomaten« als etwas höchst Überflüssiges erschienen.

Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für Mittel- und
Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe führen können
trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr
man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen.
Und während der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht,
daß es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in
politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine
andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus
geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten
Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als
geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine Verständigung
möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede klang vor den
geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. -- Aber der Sinn für ein
Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben
liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen heraus an die
Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mußte der Herbst
1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militärischen
Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens
in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europäischem Wollen heraus
geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die
bloße Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson
vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch
Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland
nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung dieses
Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges
kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation,
herbeigeführt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas
wie eine letzte Hoffnung setzten.

Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften heraus;
Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge
sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht.
Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der
Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann
gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit,
so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse
sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte Welt eine
Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was geschehen muß, heute
gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die
mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben 1914 angekommen war?
Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten
abseits halten konnten: gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es
nicht. Gegenüber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es
keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende
Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr
Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.

Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind,
heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf
an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser
Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und von einem Komitee, das
für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor allem den mitteleuropäischen
Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig sind andere Verhältnisse als zu
der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal
hätte ihn die öffentliche Mitteilung ganz notwendig zur »Literatur«
gemacht. Heute muß die Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm
vor kurzer Zeit noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die
in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der
Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch
solche Menschen entstehen.



Anhang

_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_


Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor
einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es,
die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde
diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer
blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses
Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die
herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum
erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage
muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben.
Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt
die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon
ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in
meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm
die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich
gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt
der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. -- Das Reich war
gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine
inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte
Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu
bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete
äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man
Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen
Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als
Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich
hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskräfte, denen die
neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den
Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand
rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses
in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die
außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was
ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches
erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden
darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat
notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den
wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.

Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen
Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen,
welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die
Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart
müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die
Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen
strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der
kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten
unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskräfte richten.
Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker
dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das
Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als
Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die
Entwicklungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben.

Die »Praktiker« aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer
Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen
Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und
Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die
Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater
Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in
gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen
Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser
Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich erschien.
Radikale Überführung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das
Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen
Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein
Interesse hat.

Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren
Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames
zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen
dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat,
Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen
Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften
(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen
entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den
alten Formen nachgebildet sind.

Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten
gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen
will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen
Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute
gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich
bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit
gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe
der Zeit.

Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der
natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge
besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme
notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes
aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken
muß.

Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges
Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich
ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß
es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch
wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in
voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im
natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr
heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide
Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt
werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die
lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft
vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System
verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.

Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller
Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet
ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige
Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener
gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede
überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders
beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen
eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen.

Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen
Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und
ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt
werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen
wollen.

Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten
an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht
verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese
Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge
gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung
verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den
außerdeutschen Völkern zusammenleben können.

Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum
möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht
mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein _geistiges,
politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern müßten als
selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_
Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der
drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat.

Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier
Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier
Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen
Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen
Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden:
entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der
Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt
haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte
vermehren.

                                                 #Dr. Rudolf Steiner.#



Anmerkungen zur Transkription

  S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in
        "diese oder jene Einrichtung"
  S. 10: "mit dem ihm möglichen Antei "
         wurde geändert in
         "mit dem ihm möglichen Anteil"
  S. 11: "und  hrem Interesse heraus"
         wurde geändert in
         "und ihrem Interesse heraus"
  S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis"
         wurde geändert in
         "die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis"
  S. 53: "Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in
         "Daß aber die geschichtlichen"
  S. 55, Fußnote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in
                    "von der Wirtschaftsordnung"
  S. 88: "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung"
         wurde geändert in
         "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung"
  S. 88: "daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen"
         wurde geändert in
         "daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen"
  S. 97: "daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in
         "daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"
  S. 99, Fußnote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem"
                    wurde geändert in
                    "die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"
  S. 106: "Brest-Litowks" wurde geändert in "Brest-Litowsk"





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