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Title: Die Nacht der Erfüllung - Erzählungen
Author: Tagore, Rabindranath, 1861-1941
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Nacht der Erfüllung - Erzählungen" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Gesperrt gedruckte Passagen im Originaltext sind hier durch _Unterstriche_
gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.



  RABINDRANATH TAGORE

  DIE NACHT
  DER ERFÜLLUNG

  ERZÄHLUNGEN

  MÜNCHEN

  KURT WOLFF VERLAG


  Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der
  von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten
  englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
  Helene Meyer-Franck


  1.-20. Tausend

  Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München

  Gedruckt im Frühjahr 1921 in der Spamerschen
  Buchdruckerei in Leipzig

  Einbände von H. Fikentscher in Leipzig



  INHALT


  Die Nacht der Erfüllung           3
  Der Sieg                         18
  Maschi                           33
  Das Skelett                      63
  Der Hüter des Erbes              80
  Die ältere Schwester            101
  Subha                           124
  Die glückverheißende Schau      138
  Der Postmeister                 150
  Die Flußtreppe                  163
  Der Ausgestoßene                174
  Das Kartenkönigreich            197



DIE NACHT DER ERFÜLLUNG


Ich ging mit Surabala bei demselben alten Fräulein in die Schule, und wir
spielten zusammen Mann und Frau. Wenn ich sie in ihrem Hause besuchte,
pflegte ihre Mutter mich zu hätscheln, und oft stellte sie uns
nebeneinander und sagte für sich: »Welch ein reizendes Paar!«

Ich war damals noch ein Kind, aber ich verstand doch sehr gut, was sie
meinte. Die Vorstellung setzte sich bei mir fest, daß ich ein besonderes
Recht auf Surabala hätte. So kam es, daß ich im stolzen Gefühl meines
Eigentumsrechts sie zuweilen bestrafte und quälte; und auch sie ihrerseits
plagte sich willig für mich ab und ertrug alle meine Strafen ohne Klage.
Das ganze Dorf pries ihre Schönheit, aber in den Augen eines jungen
Barbaren wie ich hatte diese Schönheit nichts Besonderes; -- ich wußte nur,
daß Surabala eigens dazu geboren war, mein Joch zu tragen, und daß ich mir
daher nicht viel aus ihr zu machen brauchte.

Mein Vater war Gutsverwalter der Tschaudhuris, einer reichen
Gutsbesitzerfamilie. Es war seine Absicht, mich, sobald ich mir eine gute
Handschrift angeeignet hätte, in der Gutsverwaltung auszubilden und mir
dann irgendwo eine Stelle als Pachteinnehmer zu verschaffen. Aber ich
lehnte innerlich diesen Vorschlag ab. Nilratan, ein Junge aus unserm Dorfe,
war seinem Vater durchgebrannt nach Kalkutta, hatte dort Englisch gelernt
und war endlich Nazir[1] des Distrikts geworden. Das war mein Lebensideal:
ich war im geheimen entschlossen, wenigstens oberster Gerichtssekretär zu
werden, wenn ich es nicht bis zum Nazir bringen sollte.

[1] Oberster einheimischer Verwaltungsbeamter.

Ich sah, daß mein Vater diese Gerichtsbeamten immer mit der größten
Ehrfurcht behandelte. Ich wußte von meiner Kindheit her, daß man sie sich
durch allerlei Geschenke wie Fische, Gemüse oder selbst Geld, geneigt
machen mußte. Darum hatte ich in meinem Herzen diesen unteren
Gerichtsbeamten bis zu den Gerichtsvollziehern hinab einen hohen Ehrenplatz
eingeräumt. Dies sind die Götter, die man in unserm lieben Bengalen
verehrt, -- eine moderne Miniaturausgabe der 330 Millionen Gottheiten des
Hindu-Pantheon. Wo es sich um die Gewinnung materiellen Erfolges handelt,
haben die Leute mehr wirkliches Vertrauen zu ihnen, als zu dem guten alten
Gott Ganesch, dem Spender des Erfolgs, und so opfern sie jetzt diesen
Beamten alles, was früher Ganeschs Anteil war.

Durch das Beispiel Nilratans angefeuert, ergriff auch ich eine günstige
Gelegenheit und rannte fort nach Kalkutta. Dort stieg ich einstweilen in
dem Hause eines Bekannten aus dem Dorfe ab, und dann erhielt ich von meinem
Vater eine kleine Summe für meine Ausbildung. So konnte ich regelmäßigen
Unterricht nehmen.

Daneben trat ich politischen und sozialen Vereinigungen bei. Es wurde mir
jetzt plötzlich klar, daß ich unbedingt irgendwie mein Leben für mein
Vaterland opfern müsse. Aber ich wußte nicht wie, und niemand zeigte mir
den Weg.

Aber das tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Wir Dorfjungen hatten noch
nicht gelernt, über alles zu spotten, wie die frühreife Jugend von
Kalkutta, und so war unser Glaube sehr stark. Die »Führer« unserer
Vereinigungen hielten Reden, und wir gingen in der heißen Mittagssonne mit
leerem Magen von Tür zu Tür und sammelten Unterschriften, oder wir standen
an den Straßenecken und teilten Zettel aus, oder stellten Stühle und Bänke
im Vortragssaal auf, und wenn irgend jemand nur die leiseste abfällige
Bemerkung über unsern Führer machte, so waren wir gleich bereit, uns mit
ihm zu schlagen. Die Stadtknaben aber lachten über diese »törichten Jungen
vom Lande«.

Ich war nach Kalkutta gekommen, um Nazir oder Gerichtssekretär zu werden,
aber jetzt fühlte ich mich auf dem Wege zu einem Mazzini oder Garibaldi.

Um diese Zeit vereinbarten Surabalas Vater und mein Vater, daß wir uns
heiraten sollten. Ich war mit fünfzehn Jahren nach Kalkutta gekommen;
Surabala war damals acht. Jetzt war ich achtzehn und nach der Ansicht
meines Vaters bald über das Heiratsalter hinaus. Aber ich hatte mir im
stillen gelobt, niemals zu heiraten, sondern für mein Vaterland zu sterben,
daher sagte ich meinem Vater, ich wolle nicht heiraten, bevor ich meine
Studien zum Abschluß gebracht hätte.

Nach zwei oder drei Monaten erfuhr ich, daß Surabala mit einem
Rechtsanwalt namens Ram Lotschan verheiratet worden sei. Ich war damals
eifrig dabei, Unterschriften für die Beihilfe zur Wiederaufrichtung Indiens
zu sammeln, und so berührte mich diese Nachricht gar nicht.

Ich hatte mich immatrikulieren lassen und wollte gerade mein Zwischenexamen
machen, als mein Vater starb. Ich stand nicht allein, sondern hatte meine
Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Daher mußte ich die Universität
verlassen und mich nach einer Anstellung umsehen. Nach vielen Bemühungen
erhielt ich die Stelle eines zweiten Lehrers an der Präparandenanstalt
einer kleinen Stadt im Distrikt Noakhali.

Ich meinte, hier würde ich gerade am Platze sein. Jeden einzelnen meiner
Schüler wollte ich durch meinen persönlichen Einfluß zum Führer des
künftigen Indiens heranziehen.

Ich begann mit meiner Arbeit und merkte bald, daß das bevorstehende Examen
eine dringendere Angelegenheit war, als die Zukunft Indiens. Der Direktor
wurde zornig, wenn ich von irgend etwas anderm redete, als Grammatik oder
Algebra. Und in ein paar Monaten war es mit meiner Begeisterung aus.

Ich bin kein Genie. In der Stille meines Hauses fasse ich wohl kühne Pläne,
aber wenn ich das Arbeitsfeld betrete, muß ich wie der indische Stier
meinen Nacken unter das Joch des Pfluges beugen, die Stachelpeitsche meines
Herrn ertragen, den ganzen Tag geduldig und mit gebeugtem Haupt die
Schollen aufwerfen und zufrieden sein, wenn ich am Abend etwas
wiederzukäuen habe. Solch ein Geschöpf ist nicht dazu geschaffen, sich
aufzubäumen und Sprünge zu machen.

Einer von den Lehrern mußte der Feuersgefahr wegen in der Schule wohnen. Da
ich unverheiratet war, fiel diese Aufgabe mir zu. Ich wohnte in einem
Strohschuppen, dicht bei dem großen Schulhause.

Das Schulhaus stand in einiger Entfernung von der Stadt, neben einem großen
Teich. Um diesen herum standen Areka- und Kokospalmen und Madarpflanzen,
und ganz dicht neben dem Schulgebäude wuchsen zwei große alte
Paternosterbäume und warfen weithin kühlen Schatten.

Etwas vergaß ich zu erwähnen, und es schien mir bis hierher auch nicht
erwähnenswert. Der dortige Staatsanwalt Ram Lotschan Ray wohnte in der Nähe
unserer Schule. Ich wußte auch, daß seine Frau, meine einstige
Spielgefährtin Surabala, dort mit ihm wohnte.

Ich machte die Bekanntschaft des Herrn Ram Lotschan. Ich kann nicht sagen,
ob er wußte, daß ich Surabala in ihrer Kindheit gekannt hatte. Ich hielt es
nicht für angebracht, diese Tatsache bei unserer ersten Bekanntschaft ihm
gegenüber zu erwähnen. Ja, ich muß sagen, ich erinnerte mich damals kaum,
daß Surabala je irgendwie mit meinem Leben verbunden gewesen war.

An einem schulfreien Tage machte ich Herrn Ram Lotschan einen Besuch. Ich
weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, wahrscheinlich über die
unglückliche Lage des heutigen Indiens. Nicht als ob sie ihm besonders am
Herzen gelegen hätte, aber man konnte sich so gut ein paar Stunden über
diesen Gegenstand breit und behaglich ergehen, während man dazu seine
Pfeife schmauchte.

Während wir uns so unterhielten, hörte ich im Nebenzimmer leichte Tritte,
das Rauschen eines Gewandes und ein ganz leises Klirren von Armbändern,
und ich war gewiß, daß zwei neugierige Augen mich durch den Spalt eines
kleinen Fensters beobachteten.

Plötzlich tauchte vor meinem Geiste ein Augenpaar auf, dunkle Augen, aus
denen Vertrauen, Unschuld und mädchenhafte Liebe leuchteten, -- schwarze
Pupillen, lange, dunkle Wimpern, -- und die Augen waren ruhig und fest auf
mich gerichtet. Mein Herz wurde wie mit eisernem Griff gepackt und krampfte
sich in jähem Schmerz zusammen.

Ich kehrte nach Hause zurück, aber der Schmerz wollte nicht weichen. Ob ich
las, schrieb oder irgend etwas anderes tat, ich konnte die Last nicht von
meinem Herzen abschütteln, sie lag wie ein schwerer Alp auf mir und preßte
mir die Brust zusammen.

Am Abend wurde ich etwas ruhiger, und ich versuchte zu überlegen. »Was
fehlt mir denn eigentlich?« In mir fragte etwas: »Wo ist _deine_ Surabala
jetzt?« Ich erwiderte: »Ich habe sie freiwillig aufgegeben. Ich konnte
nicht erwarten, daß sie ewig auf mich warten würde.«

Aber die Stimme in mir beharrte: »Damals konntest du sie haben, wenn du
nur wolltest. Heute kannst du tun, was du willst, du hast nicht einmal das
Recht, sie anzusehen. Die Surabala deiner Knabenzeit mag dir noch so nahe
sein; du kannst das Klirren ihrer Armspangen hören und den Duft ihres
Haares in der Luft spüren, -- und doch wird immer eine Mauer zwischen euch
beiden sein.«

Ich antwortete: »Nun gut, sei dem so. Was ist mir Surabala?«

Mein Herz fuhr fort: »Heute ist Surabala dir nichts. Aber was hätte sie dir
sein können?«

Ach, das ist wahr. _Was_ hätte sie mir sein können! Das geliebteste aller
Wesen, das mir näher stände als die ganze Welt, das alle meine Freuden und
Leiden teilte, -- das hätte sie sein können. Und jetzt ist sie mir so fern,
so fremd, daß sie anzusehen verboten, mit ihr zu sprechen unschicklich, an
sie zu denken Sünde ist! -- während dieser Ram Lotschan plötzlich von
irgendwoher auftaucht, ein paar auswendig gelernte religiöse Formeln
murmelt und dann mit einem Griff Surabala davonträgt als seinen alleinigen
und unbestrittenen Besitz.

Ich will kein neues Sittengesetz predigen oder die Gesellschaftsordnung
stürzen, ich habe nicht die Absicht, Familienbande zu zerreißen. Ich will
nur genau das ausdrücken, was in mir vorging, wenn es auch nicht vernünftig
ist. Ich konnte auf keine Weise das Gefühl loswerden, daß Surabala, die da
im Schutze von Ram Lotschans Heim waltete, weit mehr mir als ihm gehörte.
Diese Vorstellung war -- das gebe ich zu -- unvernünftig und ungehörig,
aber unnatürlich war sie nicht.

Von nun an konnte ich meine Gedanken nicht auf irgendeine Arbeit richten.
Wenn am Mittag die Schüler in meiner Klasse durcheinandersummten, wenn
draußen die Mittagshitze brütete, wenn die laue Brise den süßen Duft der
Paternosterblüten ins Zimmer trug, dann wünschte ich mir, -- ich weiß
nicht, was ich wünschte, aber so viel ist gewiß, daß ich mir nicht
wünschte, mein ganzes Leben damit zuzubringen, die grammatischen Aufgaben
jener Zukunftshoffnungen Indiens zu verbessern.

Wenn die Schule aus war, konnte ich es in meinem einsamen Hause nicht
aushalten; und doch langweilte mich jeglicher Besuch. Wenn ich in der
Dämmerung am Teich saß und hörte, wie die Brise seufzend durch die Blätter
der Areka- und Kokospalmen strich, dann dachte ich, daß doch die
menschliche Gesellschaft ein einziges Gewebe von Fehlern sei; niemand hat
Verstand genug, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun, und wenn die
Gelegenheit vorbei ist, zermartern wir uns das Herz in vergeblichem Sehnen.

Ich hätte Surabala heiraten und zeitlebens glücklich sein können. Aber ich
wollte durchaus ein Garibaldi werden, -- und wurde schließlich der zweite
Lehrer an einer Landschule! Und der Rechtsanwalt Ram Lotschan Ray, der gar
kein Anrecht darauf hatte, Surabalas Gatte zu werden, für den vor seiner
Heirat Surabala durchaus nichts anderes bedeutete, als hundert andere
Mädchen, hat sie ganz ruhig geheiratet und verdient als Staatsanwalt einen
Haufen Geld; wenn ihm das Essen nicht schmeckt, so schilt er Surabala, und
wenn er guter Laune ist, schenkt er ihr eine Spange! Er ist glatt und rund,
gut gekleidet und frei von jeder Sorge; _er_ bringt nie seinen Abend damit
zu, am Teich zu sitzen und seufzend die Sterne anzustarren.

Ram Lotschan wurde in einem wichtigen Rechtsfall auf ein paar Tage aus der
Stadt abberufen. Surabala war in ihrem Hause ebenso einsam wie ich in
meiner Schule.

Ich erinnere mich, es war an einem Montag. Der Himmel war schon am frühen
Morgen mit Wolken bedeckt. Um zehn Uhr setzte ein feiner Sprühregen ein.
Bei dem drohenden Himmel hielt unser Direktor es für ratsam, die Schule
früh zu schließen. Den ganzen Tag lang liefen dunkle Wolken über den Himmel
hin, als ob sie sich zu einem großartigen Schauspiel rüsteten. Am nächsten
Tage, gegen Nachmittag, erhob sich ein Sturm, und der Regen kam in Strömen
herab. Wie die Nacht vorrückte, wuchs die Wut des Sturmes und des Regens.
Zuerst blies der Sturm aus Osten, aber dann wandte er sich und raste nach
Süden und Südwesten zu.

Es war nutzlos, zu versuchen, in solch einer Nacht zu schlafen. Ich dachte
daran, daß Surabala in diesem furchtbaren Wetter in ihrem Hause allein war.
Unsere Schule war viel stärker gebaut, als ihr leichtes Sommerhaus. Immer
wieder schickte ich mich an, sie in das Schulhaus herüberzurufen, mit der
Absicht, selbst die Nacht draußen am Teich zu verbringen. Aber ich konnte
mir kein Herz dazu fassen.

Um halb zwei Uhr gegen Morgen hörte ich plötzlich das Rauschen der
Flutwoge -- die See kam zu uns heraufgestürzt! Ich lief aus meinem Zimmer,
Surabalas Hause zu. Dazwischen war ein Damm, eine Eindeichung unseres
Teiches, und als ich daraufzu watete, kam mir das Wasser schon bis an die
Knie. Als ich den Damm erstieg, war gerade die zweite Woge heraufgekommen
und brach zerschellend dagegen. Der höchste Teil des Dammes war mehr als
siebzehn Fuß über der Ebene.

Als ich oben ankam, kam gleichzeitig mit mir jemand anders von der
entgegengesetzten Seite. Jede Fiber in mir wußte sofort, wer es war, und
meine ganze Seele erzitterte in diesem Bewußtsein. Ich zweifelte nicht, daß
auch sie mich erkannt hatte.

Auf einer Insel von etwa drei Meilen im Geviert standen wir beide; alles
andere um uns her war mit Wasser bedeckt.

Es war eine Zeit der Sintflut; die Sterne am Himmel waren ausgelöscht, und
alle Lichter auf Erden waren verschwunden. Wenn wir damals miteinander
gesprochen hätten, so wäre es kein Unrecht gewesen. Aber keiner von uns
konnte ein Wort finden, keiner von uns fragte auch nur, wie es dem andern
ginge. Wir standen da und starrten in die Dunkelheit. Zu unseren Füßen
wirbelte der schwarze, wilde, heulende Todesstrom.

Heute hat Surabala die ganze Welt verlassen und ist zu _mir_ gekommen.
Heute hat sie niemanden außer mir. In ihrer fernen Kindheit war diese
Surabala aus einer andern Welt, aus irgendeinem dunklen, urzeitlichen Reich
des Geheimnisses gekommen und hatte im hellen Licht dieser menschenvollen
Erde neben mir gestanden, und heute, nach einem langen Zeitraum, hat sie
jene Erde verlassen, die so voll ist von Licht und Leben, um in diesem
furchtbaren, trostlosen Dunkel, in diesem Todeskampfe der Natur allein an
meiner Seite zu sein. Der Strom des Lebens hatte jene zarte Knospe einst
mir vor die Füße gespült, und die Flut des Todes hat dieselbe Blume, die
jetzt zu voller Blüte sich entfaltet hat, ergriffen und mir zugetragen, mir
und niemandem anders! Noch eine Woge, und wir werden von diesem äußersten
Rand der Erde, auf dem wir jetzt getrennt sitzen, hinabgefegt und eins
werden im Tode.

Möge diese Woge nie kommen! Möge Surabala lange und glücklich in ihrem Heim
leben, umgeben von ihrem Gatten, ihren Kindern und Verwandten! Diese eine
Nacht, wo ich am Abgrund des Todes gestanden, habe ich ewige Seligkeit
gekostet.

Die Nacht ging hin, der Sturm legte sich, die Flut ebbte ab; ohne ein Wort
zu sagen, ging Surabala nach Hause zurück, und auch ich kehrte heim zu
meinem Schuppen, ohne ein Wort gesagt zu haben.

Ich saß lange und sann: Es ist wahr, ein Nazir oder oberster
Gerichtssekretär oder Garibaldi bin ich nicht geworden; ich bin nur der
zweite Lehrer an einer armseligen Landschule. Aber die eine kurze Nacht hat
auf den ganzen Weg meines Lebens einen Glanz geworfen.

Von allen Tagen und Nächten, die mir zugeteilt sind, war jene eine Nacht
die höchste Erfüllung meines Daseins.



DER SIEG


Sie war die Prinzessin Adschita. Und der Sänger des Königs Narajan hatte
sie nie gesehen. Wenn er dem Könige ein neues Lied vortrug, dann erhob er
seine Stimme immer genau so weit, daß unsichtbare Hörer hinter den
Vorhängen des Balkons hoch oben über der Halle sie vernehmen konnten. Er
sandte sein Lied hinauf zu dem fernen Sternenlande, wo der Planet, der sein
Schicksal beherrschte, lichtumflossen thronte, unbekannt und unerreichbar
seinem Blick.

Bisweilen erspähte er einen Schatten, der sich hinter dem Vorhang bewegte.
Oder sein Ohr vernahm einen leisen, fernen Klang, und er träumte von den
Fußspangen, deren goldene Glöckchen jeden Schritt mit Gesang begleiteten.
Ach, die rosigen zarten Füße, die über den Staub der Erde hinschwebten und
ihn segneten wie Gottes Gnade die Sünder! Der Dichter hatte sie auf den
Altar seines Herzens gestellt, wo er zum Ton jener goldenen Glocken seine
Lieder wob. Niemals stieg ein Zweifel darüber in seiner Seele auf, wessen
Schatten es war, der sich hinter dem Vorhang bewegte, und wessen Fußspangen
zu dem Takt seines pochenden Herzens erklangen.

Mandschari, das Mädchen der Prinzessin, kam jeden Tag auf ihrem Wege zum
Fluß an dem Hause des Dichters vorbei, und sie versäumte nie, verstohlen
ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Wenn die Straße leer war und die
Dämmerung ihren Schatten über das Land breitete, dann trat sie kühn in sein
Zimmer und setzte sich auf eine Ecke seines Teppichs. Und es schien wohl,
daß sie mit besonderer Sorgfalt die Farbe ihres Schleiers und die Blume für
ihr Haar gewählt hatte.

Die Leute lächelten darüber und flüsterten allerlei, und man konnte sie
deswegen nicht tadeln. Denn der Dichter Schekhar gab sich keine Mühe zu
verbergen, daß diese Begegnungen eine Quelle reiner Freude für ihn waren.

Ihr Name bedeutete: Blütensträußchen. Jeder muß zugeben, daß dies ein
lieblicher Name ist für ein gewöhnliches sterbliches Wesen. Aber Schekhar
genügte er noch nicht, und er nannte sie Frühlingsblütensträußchen. Und die
gewöhnlichen Sterblichen schüttelten den Kopf und sagten: Ach, du lieber
Himmel!

In den Frühlingsliedern, die der Dichter sang, wiederholte sich auffallend
oft das Lob der Frühlingsblütensträußchen. Der König lächelte und blinzelte
ihn bedeutungsvoll an, wenn er es hörte, und dann lächelte der Dichter
auch.

Der König fragte ihn wohl manchmal: »Hat die Biene nichts anderes zu tun,
als im Hof des Frühlings umherzusummen?«

Dann antwortete der Dichter: »O doch, sie muß auch den Honig von den
Frühlingsblütensträußchen nippen.«

Und alle, die in der Halle des Königs waren, lachten. Und man sagte, auch
die Prinzessin Adschita habe gelacht, daß ihr Mädchen den Namen angenommen,
den der Dichter ihr gegeben, und Mandschari war heimlich im Herzen froh.

So vermischt sich im Leben Wahrheit und Irrtum -- und zu dem, was Gott
baut, fügt der Mensch seinen eigenen Zierat.

Nur das, was der Dichter sang, war reine Wahrheit. Er sang von Krischna,
dem göttlichen Liebenden, und von Radha, der Geliebten, dem ewig Männlichen
und ewig Weiblichen; er sang von dem Leid, das so alt ist wie die Zeit
selbst, und von der Freude, die nie enden wird. Und jeder, vom Bettler bis
zum König selbst, erprobte die Wahrheit dieser Lieder in seinem innersten
Herzen. Die Lieder des Dichters waren auf aller Lippen. Beim fernsten
Mondenschimmer und beim leisesten Flüstern der Sommerbrise brachen seine
Lieder in zahllosen Stimmen hervor aus Fenstern und Höfen, aus den
Segelboten auf dem Fluß und aus den Schatten der Bäume am Wege.

So rannen die Tage glücklich dahin. Der Sänger sang, der König lauschte
seinem Lied, und die Zuhörer riefen Beifall. Mandschari kam immer wieder
auf ihrem Wege zum Fluß an dem Hause des Dichters vorüber -- der Schatten
huschte oben hinter dem Vorhang des Balkons, und die goldenen Glöckchen
erklangen von fern.

Gerade um dieselbe Zeit verließ ein Sänger sein Heim im Süden, um seinen
Triumphzug durch die Länder anzutreten. Er kam ins Königreich Amarapur zum
Könige Narajan. Er stand vor dem Thron und sang ein Lied zum Lobe des
Königs. Er hatte alle königlichen Sänger auf seinem Wege zum Wettkampf
herausgefordert, und überall war er Sieger geblieben.

Der König empfing ihn ehrenvoll und sagte: »Dichter, ich biete dir
Willkommen.«

Pundarik, der Dichter, erwiderte stolz: »Majestät, ich bitte um Kampf.«

Schekhar, der Sänger des Königs, wußte nicht, wie der Musenkampf geführt
werden sollte. Er konnte in der Nacht nicht schlafen. Immer tauchte vor ihm
im Dunkel die mächtige Gestalt des berühmten Pundarik auf mit seinem etwas
zur Seite geneigten stolzen Haupt und der wie ein Säbel gekrümmten Nase.

Mit zitterndem Herzen betrat Schekhar am folgenden Morgen die Arena. Das
Theater war von der Volksmenge gefüllt.

Der Dichter verbeugte sich mit schüchternem Lächeln vor seinem Nebenbuhler.
Pundarik dankte mit stolzem Kopfnicken und wandte dann den Blick mit
vielsagendem Lächeln nach dem Kreise seiner ihn begleitenden Verehrer.

Schekhar sah hinauf nach dem verhängten Balkon, und seine Seele grüßte die
Geliebte mit dem Worte: Wenn ich heute Sieger bin in diesem Kampf,
Geliebte, so soll dein siegreicher Name gepriesen werden.

Die Trompete erscholl. Die Menge erhob sich und rief: »Sieg dem Könige!«
Der König trat, in einen weiten, weißen Mantel gehüllt, langsam in die
Halle, wie eine Herbstwolke, und setzte sich auf den Thron.

Pundarik trat vor, und es ward plötzlich still in der großen Halle. Das
Haupt erhoben, die Brust gedehnt, begann er mit Donnerstimme den König
Narajan zu preisen. Seine Worte brandeten wie Wogen gegen die Mauern der
Halle und schienen der lauschenden Menge bis ins Mark zu dringen. Die
Geschicklichkeit, mit der er den Namen Narajan auf verschiedene Weise
deutete und jeden Buchstaben in allen möglichen Verbindungen durch das
Gewebe seiner Verse flocht, nahm seinen erstaunten Hörern den Atem.

Nachdem er wieder Platz genommen hatte, hallte noch minutenlang seine
Stimme zwischen den zahllosen Säulen der königlichen Halle und in
Tausenden von sprachlosen Herzen nach. Die gelehrten Professoren, die aus
fernen Ländern gekommen waren, erhoben ihre Rechte und riefen: Bravo!

Der König warf einen Blick auf Schekhar, und dieser richtete einen
Augenblick die Augen schmerzerfüllt auf seinen Herrn; dann erhob er sich
wie ein angeschossenes Wild in höchster Not. Sein Antlitz war bleich, seine
Schüchternheit war fast die eines Mädchens, seine schlanke, jugendliche
Gestalt schien wie eine straff gespannte Leier bei der geringsten Berührung
in Musik ausbrechen zu wollen.

Er begann gesenkten Hauptes, mit leiser Stimme. Die ersten Verse waren fast
unhörbar. Dann hob er langsam das Haupt und seine klare, süße Stimme stieg
wie eine zitternde Feuerflamme in die Lüfte.

Er begann mit der alten Sage aus dunkler Vorzeit von dem Geschlecht des
Königs und erzählte von dem Heldensinn und dem unvergleichlichen Edelmut
dieses Geschlechts bis hinab in die Gegenwart. Er richtete den Blick auf
das Antlitz des Königs, und die ganze unermeßliche Liebe zum Königshause,
die das Volk still im Herzen hegte, fand Ausdruck und stieg wie Weihrauch
in seinem Liede auf, den Thron von allen Seiten einhüllend. Dies waren
seine letzten Worte, als er sich zitternd setzte: »Herr, wohl mag man mich
im Spiel der Worte übertreffen, aber niemals in meiner Liebe zu dir.«

Tränen füllten die Augen der Hörer, und die Steinmauern erbebten von dem
Beifallssturm.

Doch Pundarik schüttelte bei diesem allgemeinen Gefühlsausbruch nur erhaben
sein majestätisches Haupt. Dann erhob er sich und warf mit verächtlichem
Lächeln die Frage in die Versammlung: »Was gibt es Höheres als das Wort?«
Augenblicklich verstummte der Beifall.

Und nun bewies er, indem er eine erstaunliche Gelehrsamkeit entfaltete, daß
das Wort von Anfang an gewesen sei, daß das Wort Gott sei. Er brachte einen
Haufen von Belegen aus den heiligen Schriften und errichtete daraus dem
Wort einen hohen Altar, daß es darauf throne über allem, was im Himmel und
auf Erden ist. Er wiederholte mit seiner mächtigen Stimme: »Was gibt es
Höheres als das Wort?«

Stolz blickte er um sich. Niemand wagte, seine Herausforderung anzunehmen,
und er setzte sich, langsam wie ein Löwe, der sich eben an seinem Opfer
gesättigt hat. Die gelehrten Brahmanen riefen: »Bravo!« Der König war stumm
vor Staunen, und der Dichter Schekhar kam sich ganz unbedeutend vor neben
dieser verblüffenden Gelehrsamkeit. Die Versammlung war damit für den Tag
geschlossen.

Am nächsten Tage stimmte Schekhar sein Lied an. Er sang von jenem Tage, wo
das Flötenspiel der Liebe zum ersten Mal die Lüfte des Brindawaldes aus
ihrem Schweigen aufschreckte. Die Schäferinnen wußten nicht, wer der
Spieler war und von wannen die Musik kam. Bald schien sie aus dem Herzen
des Südwindes zu kommen, und bald aus den Wolken, die über die Hügel
hinzogen. Sie kam und brachte Liebesbotschaft vom Lande des Sonnenaufgangs,
und sie schwebte mit Seufzern der Sehnsucht vom Tal des Sonnenuntergangs
her. Die Sterne schienen die Register des geheimnisvollen Instruments zu
sein, das die Träume der Nacht mit Melodien überflutete. Es war, als ob die
Musik plötzlich von allen Seiten heranströmte, von Feldern und Hainen, von
schattigen Heckenwegen und einsamen Landstraßen, aus dem zarten Blau des
Himmels und aus dem schimmernden Grün des Grases. Sie verstanden ihren Sinn
noch nicht und wußten nicht, was die Sehnsucht in ihrem Herzen bedeutete.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Leben sehnte sich,
hinabzutauchen ins Meer des Todes und sich ganz darin zu verlieren.

Schekhar vergaß seine Hörer, vergaß, daß er dabei war, sich im Kampf mit
seinem Nebenbuhler zu messen. Er stand ganz allein inmitten seiner
Gedanken, die um ihn rauschten und flüsterten wie Blätter im Sommerwind,
und er sang das Lied von der Flöte. Vor seinem Geiste stand ein Bildnis,
das geboren war aus einem Schatten und aus dem leise klingenden Laut eines
fernen Schrittes.

Er setzte sich. Ein unnennbares Gefühl wehmütiger Wonne, unbestimmt und
grenzenlos, durchbebte die Hörer, und sie vergaßen, ihm Beifall zu rufen.
Als sich die Wogen dieses Gefühls legten, trat Pundarik vor den Thron und
forderte seinen Nebenbuhler auf zu erklären, wer der Liebende und wer die
Geliebte sei. Er blickte stolz und selbstbewußt um sich, lächelte seinen
Anhängern zu und fragte noch einmal: »Wer ist Krischna, der Liebende, und
wer ist Radha, die Geliebte?«

Dann begann er, die Etymologie dieser Namen zu erklären, und wie man ihre
Bedeutung auf verschiedene Weise auslegen könne. Mit vollendeter
Geschicklichkeit brachte er alle die verwickelten Systeme der verschiedenen
philosophischen Schulen vor die ganz betäubten Zuhörer. Jeden Buchstaben
jener Namen trennte er von seinem Nachbarn und hetzte sie alle einzeln mit
unbarmherziger Logik, bis sie vernichtet in den Staub sanken. Doch dann
griff er sie wieder auf und gab ihnen eine ganz neue Bedeutung, auf die
auch der scharfsinnigste Wortkrämer nicht verfallen wäre.

Die Gelehrten waren in Ekstase; laut lärmten sie Beifall, und die Menge
stimmte ein, von dem Wahn hingerissen, daß jetzt eben hier vor ihren Augen
durch ein Wunder von Intellekt der Vorhang vor der Wahrheit bis auf den
letzten Faden zerrissen worden sei. Diese gewaltige Leistung entzückte sie
so, daß sie ganz vergaßen, zu fragen, ob denn die Wahrheit nun auch
wirklich hinter diesem Vorhang war.

Der König war von Staunen überwältigt. Die Luft war von allen Musikträumen
vollständig gereinigt, und die Welt, die vorher im frischen jungen Grün
dagelegen hatte, hatte sich in eine solide, gut gepflasterte Landstraße
verwandelt.

Dem versammelten Volk erschien ihr Dichter jetzt wie ein bloßer Knabe an
der Seite jenes Riesen, der so sicher dahinschritt durch die Welt der Worte
und Gedanken und alle Schwierigkeiten mit einem Tritt zu Boden stampfte.
Zum erstenmal wurde es ihnen klar, daß die Dichtungen Schekhars lächerlich
einfach waren, und daß sie sie ebenso gut selbst hätten schreiben können.
Sie waren weder neu, noch schwer verständlich, noch belehrend, noch
unentbehrlich.

Der König versuchte heimlich durch scharfe Blicke seinen Dichter zu einem
letzten Versuch anzuspornen. Aber Schekhar beachtete es nicht und blieb
stumm auf seinem Platz sitzen.

Da stand der König zornig auf von seinem Thron -- nahm seine Perlenkette ab
und legte sie Pundarik um das Haupt. Alle in der Halle riefen Beifall. Oben
vom Balkon her kam ein leises Geräusch, wie das Rauschen eines Gewandes
und der Klang von goldenen Glöcklein. Schekhar erhob sich und verließ die
Halle.

Die Nacht war dunkel, die Sichel des abnehmenden Mondes gab nur ein mattes
Licht. Der Dichter Schekhar nahm seine Manuskripte aus dem Schrank und
häufte sie auf dem Fußboden auf. Einige davon enthielten seine ersten
Dichtungen, die er fast vergessen hatte. Er blätterte darin und las hier
und da eine Seite. Sie schienen ihm alle so unbedeutend und armselig, bloße
Worte und kindische Reime.

Er zerriß seine Bücher eins nach dem andern und warf sie ins Feuer, indem
er sagte: »Dir, dir will ich sie weihen, o meine Schönheit, mein Feuer! Du
hast all diese verlorenen Jahre in meinem Herzen gebrannt. Wenn mein Leben
ein Stück Gold gewesen wäre, so wäre es strahlender aus dieser Feuerprobe
hervorgegangen. Aber es ist eine zertretene Rasenscholle und nichts bleibt
von ihm übrig als diese Handvoll Asche.«

Die Nacht rückte langsam vor. Schekhar öffnete seine Fenster weit. Er
breitete auf seinem Lager die weißen Blumen aus, die er so liebte:
Jasminblüten, Tuberosen und Chrysanthemen, brachte alles, was er an Lampen
im Hause hatte, in sein Schlafzimmer und zündete sie an. Dann vermischte er
den Saft einer giftigen Wurzel mit Honig, trank ihn und legte sich auf sein
Lager.

Da erklangen draußen im Korridor goldene Fußspangen und die Brise trug
einen feinen Duft ins Zimmer.

Der Dichter hatte die Augen geschlossen. »Meine Herrin,« flüsterte er,
»hast du endlich Erbarmen mit deinem Diener und kommst zu ihm?«

Eine süße Stimme antwortete: »Mein Dichter, ich bin da.«

Schekhar öffnete die Augen und sah an seinem Lager die Gestalt einer Frau.
Er konnte nur noch wie durch einen Nebel sehen. Und es schien ihm, daß das
aus dem Schatten geborene Bildnis, das er so lange im geheimen Schrein
seines Herzens bewahrt hatte, jetzt in seinem letzten Augenblick in die
Welt hinausgekommen war, um ihm ins Antlitz zu sehen.

Die Gestalt sagte: »Ich bin die Prinzessin Adschita.« Mit äußerster
Anstrengung richtete sich der Dichter von seinem Lager auf.

Die Prinzessin flüsterte ihm ins Ohr: »Der König hat dir nicht
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Du warst es, mein Dichter, der den Kampf
gewann, und ich bin gekommen, um dich mit dem Siegeskranz zu krönen.«

Damit nahm sie den Blumenkranz von ihrem Haar und setzte ihn dem Dichter
aufs Haupt, und der Dichter sank tot auf sein Lager zurück.



MASCHI

I


»Maschi!«

»Versuche zu schlafen, Dschotin, es wird spät.«

»Das macht nichts. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich dachte eben, daß
Mani doch lieber zu ihrem Vater sollte nach -- wo wohnt er doch noch?«

»In Sitarampur.«

»O ja, Sitarampur. Schicke sie dahin. Sie sollte nicht länger bei einem
kranken Mann bleiben. Sie ist selbst nicht kräftig.«

»Nun höre ihn einer! Denkst du denn, sie könnte es ertragen, dich in diesem
Zustand zu verlassen?«

»Weiß sie, was die Ärzte --?«

»Aber das sieht sie ja selbst! Als ich neulich nur leise andeutete, daß sie
zu ihrem Vater sollte, weinte sie sich fast die Augen aus.«

                  *       *       *       *       *

Wir müssen hier zur Erklärung sagen, daß dieser Bericht die Wahrheit etwas
entstellte -- um es gelinde auszudrücken. In Wirklichkeit verlief das
Gespräch mit Mani folgendermaßen:

                  *       *       *       *       *

»Nun, mein Kind, du hast wohl Nachricht von deinem Vater bekommen? Ich
meinte, deinen Vetter Anath hier zu sehen.«

»Ja! Nächsten Freitag ist das Annapraschan-Fest[2] meiner kleinen
Schwester. Daher meine ich --«

[2] Entwöhnungsfest, wobei das Kind zum erstenmal Reis zu essen bekommt.

»Schön, liebes Kind. Schicke ihr ein goldenes Halsband. Darüber wird deine
Mutter sich freuen.«

»Ich möchte selbst hinreisen. Ich habe meine kleine Schwester noch gar
nicht gesehen, und ich möchte sie gar zu gern sehen.«

»Was fällt dir ein? Du denkst doch nicht im Ernst daran, Dschotin allein zu
lassen? Hast du nicht gehört, was der Arzt gesagt hat?«

»Aber er sagte doch, daß augenblicklich keine besondere Ursache zu --«

»Wenn er das auch gesagt hat, du siehst doch, wie krank er ist.«

»Sie ist das erste Mädchen nach drei Brüdern und alle machen soviel aus
ihr. -- Ich hörte, daß es eine große Sache werden soll. Wenn ich nicht
komme, wird Mutter sehr --«

»Ja, ich weiß! Ich verstehe deine Mutter nicht. Aber ich weiß auch sehr
gut, wie böse dein Vater sein wird, wenn du jetzt gerade Dschotin allein
läßt.«

»Du mußt ihm ein paar Zeilen schreiben und ihm sagen, daß kein besonderer
Grund zur Besorgnis da ist und daß, selbst wenn ich reise, auch kein --«

»Ja, da hast du recht; selbst wenn du reist, so ist nicht viel verloren.
Aber das wisse: wenn ich deinem Vater schreibe, werde ich ihm offen sagen,
was ich denke.«

»Dann brauchst du nicht zu schreiben. Ich werde meinen Mann fragen, und er
wird sicher --«

»Nun hör mal, mein Kind. Ich habe ein gut Teil von dir ertragen, aber wenn
du das tust, sind wir fertig miteinander. Und dein Vater kennt dich zu gut,
als daß du ihn täuschen könntest.«

Als Maschi fort war, warf Mani sich verdrießlich aufs Bett.

Ihre Nachbarin und Freundin kam und fragte, was geschehen sei.

»Denk dir nur! Ist es nicht eine Schande? Jetzt kommt das Annapraschan-Fest
meiner einzigen Schwester, und sie wollen mich nicht hinreisen lassen!«

»Aber Mani! Du denkst doch nicht wirklich daran, hinzureisen, wo dein Mann
so krank ist?«

»Ich tue doch nichts für ihn, und ich könnte es auch nicht, wenn ich es
auch versuchte. Ich will dir offen sagen: Es ist so sterbenslangweilig in
diesem Hause, daß ich es nicht aushalten kann!«

»Du bist eine seltsame Frau!«

»Ich kann nur nicht heucheln wie ihr andern und trübsinnig aussehen, nur
damit andre nicht schlecht von mir denken.«

»Nun, dann sag' mir, was du jetzt tun willst.«

»Ich muß fort. Niemand kann mich hindern.«

»Kßß! Was du für eine eigenwillige kleine Frau bist!«


II

Als Dschotin hörte, daß Mani geweint hätte bei dem bloßen Gedanken an eine
Heimreise zu ihrem Vater, wurde er so erregt, daß er sich im Bett
aufrichten mußte. Er schob das Kissen hinter seinen Rücken und sich darauf
zurücklehnend, sagte er: »Maschi, öffne das Fenster ein wenig und nimm die
Lampe weg.«

Die stille Nacht stand schweigend am Fenster wie ein Pilger der Ewigkeit,
und die Sterne schauten herein, die Zeugen zahlloser Todesszenen in
zahllosen Jahrtausenden.

Dschotin sah das Antlitz seiner Mani auf dem Hintergrunde der dunklen Nacht
und sah, wie ihre großen dunklen Augen unaufhörlich von Tränen überflossen.

Maschi fühlte sich erleichtert, als sie ihn so ruhig sah, denn sie dachte,
er schliefe.

Plötzlich machte er eine hastige Bewegung und sagte: »Maschi, ihr meintet
alle, Mani sei zu oberflächlich, um sich in unserem Hause glücklich zu
fühlen. Aber jetzt siehst du --«

»Ja, mein Liebling, jetzt sehe ich, daß ich mich irrte, -- aber in der
Prüfung bewährt sich erst der Mensch.«

»Maschi!«

»Versuch doch zu schlafen, mein Liebling.«

»Laß mich doch ein bißchen denken, laß mich plaudern. Sei nicht böse,
Maschi!«

»Nun also, plaudre.«

»Damals, als ich glaubte, ich könnte Manis Herz nicht gewinnen, ertrug ich
es still. Aber du --«

»Nein, mein Liebling, das darfst du nicht sagen; ich ertrug es auch.«

»Unsre Herzen, weißt du, sind nicht leblose Dinge, die man nur aufzunehmen
braucht, um sie zu besitzen. Ich fühlte, daß Mani ihr eigenes Herz nicht
kannte und daß eines Tages, durch ein starkes Erlebnis --«

»Ja, Dschotin, du hast recht.«

»Daher beachtete ich ihre Launen nicht viel.«

Maschi schwieg und unterdrückte einen Seufzer. Nicht einmal, sondern oft
hatte sie bemerkt, wie Dschotin die Nacht auf der Veranda zugebracht hatte.
Er hatte sich lieber von dem prasselnden Regen durchnässen lassen, als daß
er in sein Schlafzimmer gegangen wäre. Wie manchen Tag lang hatte er mit
fieberndem Kopf dagelegen, und sie wußte, wie er sich sehnte, daß Mani
käme und seine heiße Stirn kühlte, während Mani sich fertig machte, um ins
Theater zu gehen. Doch wenn Mani gekommen war, um ihn zu fächeln, hatte er
sie verdrießlich fortgeschickt. Sie allein wußte von seiner heimlichen
großen Not. Wie oft hätte sie ihm sagen mögen: »Beachte das törichte Kind
nicht so viel, laß sie, bis sie selbst Sehnsucht und stille Tränen
kennenlernt.« Aber so etwas kann man nicht sagen, und es wird auch leicht
mißverstanden. Dschotin hatte der Gottheit Weib in seinem Herzen einen
Altar errichtet, auf dem Mani thronte. Er konnte nicht glauben, daß er
keinen Anteil haben sollte an dem Wein der Liebe, den jene Gottheit
schenkte. Und so fuhr er fort anzubeten und sein Opfer darzubringen und gab
die Hoffnung auf eine Gabe nicht auf.

                  *       *       *       *       *

Maschi glaubte wieder, daß Dschotin schliefe, als er plötzlich ausrief:

»Ich weiß, du dachtest, ich sei nicht glücklich mit Mani, und daher warst
du böse auf sie. Aber Maschi, das Glück ist wie jene Sterne. Sie decken
nicht die ganze Dunkelheit zu, es sind Lücken dazwischen. Diese Lücken sind
unsere Irrtümer. Wir machen Fehler im Leben und verstehen vieles falsch,
aber das Licht der Wahrheit dringt doch durch. -- Ich weiß nicht, wie es
kommt, daß mein Herz heute abend so froh ist.«

Maschi begann sanft über Dschotins Stirn zu streichen, während ihre Tränen
ungesehen im Dunkel flossen.

»Ich dachte eben, Maschi, sie ist so jung! Was wird sie tun, wenn
ich -- --?«

»Jung, Dschotin? Sie ist alt genug. Ich war auch jung, als ich den
Geliebten verlor, und ich fand ihn auf immer in meinem Herzen wieder. War
das überhaupt ein Verlust? Und meinst du denn, daß man durchaus glücklich
sein muß?«

»Maschi, es scheint, daß gerade, wo Manis Herz erwacht, ich -- --«

»Sei darum nicht traurig, Dschotin. Ist es nicht genug, _daß_ ihr Herz
erwacht?«

Plötzlich fielen Dschotin die Worte aus dem Liede eines Volkssängers ein,
das er vor langer Zeit einmal gehört hatte:

    O mein Herz, du erwachtest nicht, als der Mann
          deiner Liebe an deine Tür kam.
    Erst beim Schall seiner scheidenden Schritte erwachtest du.
          O, du erwachtest im Dunkel!

»Maschi, wie spät ist es jetzt?«

»Gegen neun.«

»Noch so früh! Und ich glaubte, es müßte wenigstens schon zwei oder drei
sein. Meine Mitternacht beginnt ja schon, wenn die Sonne untergegangen ist.
Aber warum wolltest du denn, daß ich schlafe?«

»Nun, du weißt, wie lange du gestern wach lagst, als du immerfort sprachst.
Daher mußt du heute früh einschlafen.«

»Schläft Mani schon?«

»O nein, sie ist dabei, dir etwas Suppe zu kochen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst, Maschi? Tut sie das wirklich?«

»Gewiß! Sie kocht ja alles für dich, die fleißige kleine Frau.«

»Ich dachte, daß Mani überhaupt nicht --«

»Eine Frau braucht nicht lange, um solche Dinge zu lernen. Wenn's not tut,
lernt man sie von selbst.«

»Die Fischsuppe, die ich heute morgen aß, hatte einen so besonders
köstlichen Geschmack; ich dachte, du hättest sie gekocht?«

»Ach, du meine Güte, nein! Du denkst doch nicht etwa, Mani würde mich
etwas für dich tun lassen? Sie besorgt ja deine ganze Wäsche selbst; sie
weiß, wie eigen du damit bist. Wenn du nur deine Wohnzimmer sehen könntest,
wie blitzblank sie alles hält! -- Wenn ich sie häufig in dein Krankenzimmer
kommen ließe, so würde sie sich ganz aufreiben. Aber das will sie ja auch
gerade.«

»Ist denn Manis Gesundheit --?«

»Der Arzt meint, wir sollten sie nicht zu oft ins Krankenzimmer lassen. Sie
ist zu weichherzig.«

»Aber Maschi, wie kannst du sie daran hindern, hereinzukommen?«

»Weil sie mir blind gehorcht. Aber ich muß ihr beständig sagen, wie es dir
geht.«

                  *       *       *       *       *

Die Sterne glitzerten am Himmel wie Tränentropfen. Dschotin neigte sein
Haupt dankbar seinem Leben, das im Begriff war zu scheiden, und als der Tod
durch das Dunkel seine Rechte nach ihm ausstreckte, faßte er sie
vertrauensvoll.

Nach einer Weile seufzte Dschotin und sagte mit einer Bewegung leiser
Ungeduld:

»Maschi, wenn Mani doch noch wacht, könnte ich da nicht -- wenn auch nur
eine --?«

»Ja gewiß! Ich will sie rufen.«

»Ich werde sie nicht lange festhalten, nur fünf Minuten. Ich habe ihr etwas
Besonderes zu sagen.«

Maschi ging seufzend hinaus, um Mani zu holen. Inzwischen fing Dschotins
Puls an, schnell zu schlagen. Er wußte nur zu gut, daß es ihm nie gelungen
war, ein vertrauliches Gespräch mit Mani zu haben. Die beiden Instrumente
waren verschieden gestimmt, und es war nicht leicht, sie zusammen zu
spielen. Immer wieder hatte Dschotin ein plötzliches Gefühl von Eifersucht
überkommen, wenn er Mani mit ihren Freundinnen lustig schwatzen und lachen
hörte. Dschotin tadelte nur sich, -- warum konnte _er_ nicht über
oberflächliche Dinge plaudern so wie sie? Nicht daß er es nicht gekonnt
hätte; mit seinen männlichen Freunden plauderte er oft über allerlei
alltägliche Dinge. Aber _das_ Geplauder, das für Männer paßt, paßt nicht
für Frauen. Man kann ein philosophisches Gespräch als Monolog halten und
seinen unaufmerksamen Zuhörer gar nicht beachten, aber beim leichten
Geplauder müssen mindestens zwei zusammenwirken. Man kann auf _einer_
Sackpfeife spielen, aber nicht mit _einer_ Zymbel. Wie oft hatte Dschotin,
wenn er am Abend mit Mani draußen auf der Veranda saß, gewaltsame
Anstrengungen gemacht, eine Unterhaltung mit ihr in Gang zu bringen, aber
immer wieder riß gleich der Faden ab. Und es war, als ob der Abend sich
seines Schweigens schämte. Dschotin war sicher, daß Mani sich von ihm
fortsehnte. Dann hatte er selbst ernstlich gewünscht, ein Dritter möchte
dazu kommen. Denn eine Unterhaltung zu dreien ist leicht, wenn sie zu
zweien schwer fällt.

Jetzt fing er an darüber nachzudenken, was er sagen wollte, wenn Mani käme.
Aber so ein künstlich zurechtgelegtes Gespräch wollte ihn nicht
befriedigen. Dschotin fürchtete, daß diese fünf Minuten heute abend
verloren sein würden. Und doch blieben ihm nur so wenige Augenblicke zu
vertraulichem Gespräch.


III

»Was ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?«

»Doch, ich will nach Sitarampur.«

»Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?«

»Anath.«

»Nicht heute, mein Kind, ein andermal.«

»Aber die Kajüte ist schon belegt.«

»Was macht das? Der Verlust läßt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen
früh.«

»Maschi, ich glaube nicht an die Unglückstage des Kalenders. Was kann es
schaden, wenn ich heute reise?«

»Dschotin möchte mit dir sprechen.«

»Schön, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm
sehen.«

»Aber du mußt ihm nicht sagen, daß du verreisen willst.«

»Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben.
Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich muß heute
reisen.«

»O mein Kind, ich bitte dich, höre doch dies eine Mal auf mich! Versuch,
dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. Laß ihn nicht
merken, daß du es eilig hast.«

»Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn
Minuten zurück. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.«

»Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie
zu ihm lassen ... O du erbärmliches Geschöpf, der Mann, den du so quälst,
wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag
zeitlebens nicht vergessen. Daß es einen Gott gibt, daß es einen Gott gibt,
das wirst du eines Tages erfahren.«

»Maschi, du mußt mich nicht so verwünschen.«

»O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch länger? Diese Sünde
hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.«

                  *       *       *       *       *

Maschi zögerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurück in
der Hoffnung, daß Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin
bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:

»Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!«

»Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben,
Maschi?«

»Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch für deine Suppe hatte
verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es gäbe ja noch
mehr Milch. Aber daß sie bei der Zubereitung _deiner_ Suppe so nachlässig
hatte sein können, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit großer
Mühe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher
habe ich sie heute nicht mitgebracht. Laß sie ihren Kummer verschlafen.«

Obgleich es Dschotin schmerzlich war, daß Mani nicht kam, fühlte er sich
doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefürchtet,
daß die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trüben
könnte. Das war schon früher geschehen. Und der Gedanke, daß Mani
unglücklich war, weil sie _seine_ Milch verbrannt hatte, füllte sein Herz
mit überströmender Freude.

»Maschi!«

»Ja, mein Liebling?«

»Ich bin ganz gewiß, daß es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht
traurig darum. Gräme dich nicht um mich!«

»Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grämen. Ich glaube nicht, daß
nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.«

»Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist süß.«

Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es
war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn
zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen,
die die große Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut
hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem
Hochzeitsschleier sähe[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfüllt von dem
liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das
kleine Mädchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der
Sterne thronte, wo Leben und Tod in _einen_ Strom münden. Dschotin faltete
die Hände und flüsterte leise: »Endlich hat sich der Schleier gehoben, die
Hülle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du
mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!«

[3] Braut und Bräutigam sehen einander zum erstenmal bei der Hochzeitsfeier
unter einem Schleier, den man ihnen übers Haupt wirft.


IV

»Ich habe Schmerzen, Maschi, aber du mußt nicht denken, daß ich leide. Es
ist, als ob meine Schmerzen sich allmählich von meinem Leben lösten. Bisher
folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das
Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drückt. Ich sehe
sie noch, aber sie gehören nicht mehr zu mir. -- Aber Maschi, ich habe
diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!«

»Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.«

»Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von
mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.«

»Komm, trink ein Schlückchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir
muß der Hals ganz trocken sein.«

»Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich
nicht mehr erinnern.«

»Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.«

»Als Mutter starb, besaß ich nichts. Du ernährtest mich und zogst mich auf.
Daher meine ich -- --«

»Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bißchen Vermögen. Das übrige
hast du verdient.«

»Aber dies Haus --?«

»Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, daß es schwer ist zu sagen,
wo mein Haus war!«

»Ich bin sicher, daß Manis Liebe zu dir wirklich --«

»Ja, ja, das weiß ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.«

»Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es
praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.«

»Warum quälst du dich deshalb so viel, mein Liebling?«

»Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so
denke keinen Augenblick, daß -- --«

»Aber was fällt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, daß ich es auch nur
einen Augenblick übelnehmen könnte, wenn du Mani gibst, was dir gehört? Ich
bin doch nicht so kleinlich.«

»Aber du wirst auch -- --«

»Nun höre einmal, Dschotin, jetzt werde ich böse. Du willst mich mit Geld
trösten.«

»Ach, Maschi, wie gern möchte ich dir etwas geben, was besser ist als
Geld!«

»Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht
mein einsames Leben ausgefüllt? Das war solch ein großes Glück, daß ich es
mir in vielen früheren Leben verdient haben muß. Du hast mir soviel
gegeben, daß ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht
klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld,
deinen Wagen und dein Land -- mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.«

»Ich weiß ja, daß du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast,
aber Mani ist so jung, daß --«

»O nein, das mußt du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterläßt, das
ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft --«

»Aber warum sollte sie sie auch nicht genießen, Maschi?«

»Nein, nein, das wird sie nicht können in ihrem großen Schmerz. Sie werden
ihr wie Staub und Asche sein.«

                  *       *       *       *       *

Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht
und ob er es beklagen müsse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.

Er seufzte und sagte: »Das, was wirklich des Gebens wert ist, können wir
niemandem zurücklassen.«

»Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, daß sie
den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen möge.«

»Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam
Mani eigentlich gestern zu mir?«

»Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie saß lange Zeit am Kopfende
deines Bettes und fächelte dich; dann ging sie weg, um deine Wäsche zu
besorgen.«

»O wie wunderschön! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick geträumt,
daß Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tür war angelehnt, und sie
stieß dagegen, aber sie wollte sich nicht öffnen. Aber Maschi, du gehst zu
weit, du solltest sie wissen lassen, daß ich sterbe; sonst wird mein Tod
ein so furchtbarer Schlag für sie sein.«

»Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal über die Füße decken, sie
werden ganz kalt.«

»Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Füßen haben.«

»Weißt du, Dschotin, daß Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so
fleißig daran gearbeitet, als sie eigentlich hätte schlafen sollen. Erst
gestern ist sie damit fertig geworden.«

Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zärtlich. Er empfand die sanfte
Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht für Nacht
hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle
gemacht, sondern aus ihrer Berührung. Als daher Maschi den Schal über seine
Füße legte, war es ihm, als ob Mani seine müden Glieder liebkoste.

»Aber Maschi, ich dachte, Mani könne gar nicht stricken, -- jedenfalls
mochte sie es nie.«

»So etwas lernt man schnell. Natürlich mußte ich es ihr zeigen. Auch sind
allerlei Fehler darin.«

»Laß diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung
schicken. Er wird trotz der Fehler meine Füße warm halten.«

Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie
Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend für
Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rührend war das doch!
Und wieder strichen seine Finger zärtlich über den Schal.

»Maschi, ist der Doktor unten?«

»Ja, er will heute nacht hierbleiben.«

»Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der
verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fühle mich nur schlechter
danach. Laß mich richtig wach bleiben. -- Weißt du, Maschi, daß unsre
Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die
Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht
daran. Ich möchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar
Minuten her. -- ... Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl
gesagt, ich sei so schwach, daß jede Aufregung -- aber ich versichere dich,
Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann,
brauche ich gar keinen Schlaftrunk. -- Maschi, weine doch nicht so! Ich
fühle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem
Leben. Darum möchte ich Mani sehen. -- Nein, nein, Maschi, ich kann es
nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig
gewesen. Was hast du denn nur heute abend?«

»Ach, Dschotin, ich glaubte, daß der Quell meiner Tränen versiegt wäre;
aber sie fließen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.«

»Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so daß sie
morgen -- --«

»Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tür warten. Wenn du
irgend etwas willst, ruf' ihn.«

Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fußboden nieder.
»O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschöpf! Erfülle die letzte
Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch
nicht den Todesstoß!«

                  *       *       *       *       *

Als Dschotin draußen Schritte hörte, fuhr er auf und rief: »Mani!«

»Ich bin Schombhu. Hat der Herr mich gerufen?«

»Sage deiner Herrin, sie soll kommen.«

»Wer soll kommen?«

»Deine Herrin.«

»Sie ist noch nicht zurück.«

»Zurück? Von wo?«

»Von Sitarampur.«

»Wann reiste sie dahin?«

»Vor drei Tagen.«

Einen Augenblick war Dschotin ganz betäubt, und alles drehte sich vor
seinen Augen. Er glitt von den Kissen herab, die ihn stützten, und stieß
den wollenen Schal, der seine Füße bedeckte, auf den Boden.

                  *       *       *       *       *

Als Maschi nach einer langen Weile zurückkam, erwähnte Dschotin Manis Namen
nicht, und Maschi dachte, daß er sie ganz vergessen hätte.

Plötzlich rief er: »Maschi, erzählte ich dir den Traum, den ich neulich
nachts hatte?«

»Welchen Traum?«

»Wo Mani immer gegen die Tür stieß, und die Tür wollte sich nicht weiter
als einen Zoll öffnen. Sie stand draußen und konnte nicht herein. Jetzt
weiß ich, daß Mani bis zuletzt draußen vor meiner Tür bleiben muß.«

Maschi antwortete nicht. Sie sah, daß der Himmel, den sie aus Lügen für
Dschotin aufgebaut hatte, nun doch eingestürzt war. Wenn das Leid kommt, so
ist es am besten, es nicht zu verleugnen. Wenn Gott schlägt, können wir dem
Schlag nicht ausweichen.

»Maschi, die Liebe, die du mir gegeben hast, wird durch all meine künftigen
Leben dauern. Ich habe dies Leben ganz damit angefüllt und nehme sie mit
fort. Ich bin gewiß, in unserm nächsten Leben wirst du als meine Tochter
geboren werden, und ich werde dich mit meiner ganzen Liebe hüten und
hegen.«

»Was sagst du da, Dschotin? Meinst du, ich soll wieder als Mädchen geboren
werden? Kannst du nicht beten, daß ich als Sohn in deine Arme komme?«

»Nein, nein, nicht als Sohn. Du wirst in mein Haus kommen in jener
wunderbaren Schönheit, die dich schmückte, als du jung warst. Ich kann mir
sogar schon vorstellen, wie ich dich kleiden werde.«

»Sprich nicht so viel, Dschotin, versuch' zu schlafen.«

»Ich werde dich Lakschmi[4] nennen.«

[4] Gemahlin Vischnus, Göttin des Glückes und der Schönheit.

»Aber das ist ein altmodischer Name, Dschotin.«

»Ja, aber du bist ja auch meine altmodische Maschi. Komm wieder in mein
Haus mit deiner schönen altmodischen Art.«

»Ich kann doch nicht wünschen, deinem Hause die Enttäuschung zu bringen,
daß ein Mädchen statt eines Knaben kommt.«

»Maschi, du hältst mich für schwach und willst mir alles Schwere ersparen.«

»Mein Kind, ich bin eine Frau und habe als solche meine Schwäche. Daher
habe ich mein ganzes Leben versucht, dir alles mögliche Schwere zu
ersparen, -- aber es ist mir nicht gelungen.«

»Maschi, ich habe in diesem Leben nicht Zeit gehabt, die Lehren, die ich
empfangen habe, anzuwenden. Aber sie werden mir in meinem nächsten Leben
zugute kommen. Ich werde dann zeigen, was ein Mann leisten kann. Ich habe
gelernt, wie verkehrt es ist, immer nur an sich zu denken.«

»Was du auch sagen magst, mein Liebling, du hast nie etwas für dich selbst
erstrebt, sondern alles andern gegeben.«

»Eins darf ich jedenfalls von mir sagen: Ich bin im Glück nie tyrannisch
gewesen, noch habe ich versucht, mein Recht mit Gewalt zu erzwingen. Weil
ich mich nicht belügen konnte, habe ich lange warten müssen. Vielleicht
wird die Wahrheit zuletzt doch gütig zu mir sein. -- Wer ist da, Maschi,
wer ist da?«

»Wo? Es ist niemand da, Dschotin.«

»Maschi, sieh doch einmal nebenan nach. Ich glaubte --«

»Nein, mein Liebling! Ich sehe niemanden.«

»Aber ich meinte ganz deutlich -- --«

»Nein, Dschotin, es ist nichts. Also sei ruhig. Der Doktor kommt jetzt.«

Als der Doktor eintrat, sagte er:

»Hören Sie mal, Sie dürfen nicht so viel bei dem Kranken sein, Sie regen
ihn auf. Gehn Sie zu Bett, mein Assistent bleibt bei ihm.«

»Nein, Maschi, ich kann dich nicht fortlassen.«

»Gut, mein Liebling, ich werde ruhig in der Ecke sitzen.«

»Nein, nein, du mußt dicht bei mir sitzen. Ich kann deine Hand nicht
lassen, nicht bis zuletzt. Deine Hand hat mich geführt und aus deiner Hand
soll Gott mich wieder empfangen.«

»Nun gut,« sagte der Doktor, »Sie können dableiben. Aber Dschotin Babu, Sie
dürfen nicht zu ihr sprechen. Es ist Zeit, daß Sie Ihre Medizin nehmen.«

»Zeit für Medizin? Unsinn! Die Zeit dafür ist vorbei. Jetzt Medizin geben
heißt nur täuschen. Aber ich fürchte mich auch gar nicht vor dem Sterben.
Maschi, der Tod bereitet mir schon seinen Trank, was soll der Doktor mich
noch plagen! Schick' ihn fort! Dich nur brauch ich jetzt, niemanden sonst,
niemanden! Keine Lüge mehr!«

»Ich muß hier als Arzt Einspruch tun, diese Aufregung schadet Ihnen!«

»Gehen Sie also fort, Doktor, regen Sie mich nicht mehr auf! -- Ist er
fort, Maschi? ... das ist gut! Nun komm und nimm meinen Kopf in deinen
Schoß.«

»Ja komm, mein Liebling. Und nun versuch' zu schlafen!«

»Nein, Maschi, sag' nicht, daß ich schlafen soll. Wenn ich einschlafe,
wache ich nicht wieder auf. Ich muß mich noch etwas wach halten. -- Hörst
du nicht ein Geräusch? Es kommt jemand!«


V

»Dschotin, mein Liebling, mach' deine Augen mal ein wenig auf. Sie ist
gekommen. Schau einmal her und sieh!«

»Wer ist gekommen? Ein Traum?«

»Kein Traum, mein Liebling! Mani ist mit ihrem Vater gekommen.«

»Wer bist du?«

»Siehst du denn nicht? Es ist deine Mani!«

»Mani? Hat die Tür sich geöffnet?«

»Ja, mein Lieb, sie ist weit offen.«

»Nein, Maschi, nicht den Schal! nicht diesen Schal! Dieser Schal ist eine
Lüge!«

»Es ist kein Schal, Dschotin. Es ist unsere Mani, die sich über deine Füße
geworfen hat. Leg deine Hand auf ihren Kopf und segne sie. Weine nicht so,
Mani! Du hast noch Zeit genug dazu. Nun sei ein Weilchen ganz still.«



DAS SKELETT


In dem Zimmer, neben welchem wir Knaben zu schlafen pflegten, hing ein
menschliches Skelett. In der Nacht pflegte die Brise, die durch das
geöffnete Fenster hereinstrich, mit seinen Knochen zu rasseln. Am Tage
rasselten wir mit diesen Knochen. Wir hatten Osteologie bei einem Studenten
der Medizin, denn unser Vormund war entschlossen, uns in alle
Wissenschaften einzuweihen. Wieweit es ihm gelang, brauchen wir denen, die
uns kennen, nicht zu sagen, und den andern bleibt es besser ein Geheimnis.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist das Skelett aus dem
Zimmer verschwunden und auch die Osteologie aus unserm Gehirn, ohne eine
Spur zurückzulassen.

Neulich war das Haus voll von Gästen, und ich mußte die Nacht in demselben
alten Zimmer zubringen. Der Schlaf wollte in dieser ungewohnten Umgebung
nicht kommen, und während ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere
warf, hörte ich die Kirchenuhr in der Nähe eine Stunde nach der andern
schlagen. Das Licht der Nachtlampe in der Ecke wurde immer matter, endlich
sprühte und flackerte es noch ein paarmal auf und ging dann ganz aus.

Wir hatten kürzlich mehrere Verluste in der Familie gehabt, so war es
natürlich, daß das Erlöschen der Lampe mich auf Todesgedanken brachte. Ich
stellte die Betrachtung an, daß es in der großen Arena der Natur doch
eigentlich derselbe Vorgang sei, wenn eine Lampe erlischt, und wenn das
Lichtlein eines Menschenlebens sich in ewiges Dunkel verliert.

Meine Gedanken riefen das Skelett wieder in meiner Erinnerung wach. Während
ich versuchte mir vorzustellen, wie der Leib, der es einst umhüllt hatte,
wohl ausgesehen haben könnte, war es mir plötzlich, als ob etwas immer um
mein Bett herumginge, wobei es an den Wänden entlang tastete. Ich konnte
sein rasches Atmen hören. Es schien nach etwas zu suchen, was es nicht
finden konnte, und es ging mit immer hastigeren Schritten im Zimmer umher.
Ich war ganz sicher, daß dies alles nur eine Einbildung meines
schlaflosen, aufgeregten Hirns war und daß, was mir als laufende Tritte
erschien, in Wahrheit das Pochen der Adern in meinen Schläfen war. Doch
trotzdem überlief es mich kalt. Um diese Halluzination loszuwerden, rief
ich laut: »Wer ist da?« Die Tritte schienen neben meinem Bett anzuhalten,
und jemand antwortete: »Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich nach meinem
Skelett umzusehen.«

Es wäre doch lächerlich gewesen, einem Geschöpf meiner Einbildung gegenüber
Furcht zu zeigen; daher sagte ich -- indem ich aber doch die Bettdecke
etwas fester faßte -- mit erheuchelter Ruhe: »Eine nette Beschäftigung zu
dieser nächtlichen Stunde! Was wollen Sie denn mit dem Skelett anfangen?«

Die Antwort schien fast unmittelbar aus meinem Moskito-Vorhang zu kommen.
»Welche Frage! In dem Skelett waren die Knochen, die mein Herz
einschlossen; der jugendliche Reiz meiner sechsundzwanzig Jahre umblühte
es. Sollte ich nicht den Wunsch haben, es noch einmal zu sehen?«

»Gewiß,« sagte ich, »das ist ein ganz berechtigter Wunsch. Suchen Sie nur
weiter, während ich versuche, etwas zu schlafen.«

Die Stimme sagte: »Aber ich glaube, Sie sind einsam. Nun, da werde ich mich
ein Weilchen zu Ihnen setzen, und wir wollen ein wenig plaudern. Vor Jahren
pflegte ich so bei Menschen zu sitzen und mich mit ihnen zu unterhalten.
Aber während der letzten fünfunddreißig Jahre habe ich nur auf den
Verbrennungsplätzen der Toten im Winde gestöhnt. Ich möchte gern einmal wie
in früheren Zeiten mit einem Menschen plaudern.«

Ich fühlte, wie sich jemand ganz dicht bei meinem Vorhang niedersetzte. So
ergab ich mich denn in diese Situation und erwiderte mit soviel
Herzlichkeit, wie ich aufbringen konnte: »Ja, das wird sehr nett sein.
Lassen Sie uns von etwas Lustigem reden.«

»Das Lustigste, was ich kenne, ist meine eigene Lebensgeschichte. Die will
ich Ihnen erzählen.«

Die Kirchenuhr schlug die zweite Stunde.

»Als ich noch im Lande der Lebendigen und jung war, fürchtete ich eins wie
den Tod selbst, und das war mein Gatte. Was ich fühlte, läßt sich nur mit
dem vergleichen, was ein Fisch empfindet, der an einem Angelhaken gefangen
ist. Denn es war, als hätte mich ein Fremder mit dem schärfsten aller Haken
aus dem friedlich stillen Heim meiner Kindheit gerissen -- und ich hatte
kein Mittel, ihm zu entrinnen. Mein Gatte starb zwei Monate nach unsrer
Heirat, und meine Freunde und Verwandten beklagten mich mit vielem Pathos.
Der Vater meines Gatten aber, nachdem er mir lange forschend ins Gesicht
geblickt hatte, sagte zu meiner Schwiegermutter: >Siehst du nicht, daß sie
den bösen Blick hat?< -- Nun, hören Sie auch zu? Ich hoffe, Sie finden die
Geschichte unterhaltend?«

»Sehr unterhaltend«, sagte ich. »Der Anfang ist wirklich äußerst lustig.«

»Lassen Sie mich also fortfahren. Ich war sehr froh, als ich wieder in
meines Vaters Haus zurückkam. Die Leute versuchten, es mich nicht merken zu
lassen, aber ich wußte wohl, daß ich von der Natur mit einer seltenen,
blendenden Schönheit ausgestattet war. Was meinen Sie?«

»Ich glaube es wohl«, murmelte ich. »Aber Sie müssen bedenken, daß ich Sie
nie gesehen habe.«

»Was? Sie haben mich nicht gesehen? Und mein Skelett? Hahaha! Nun gut. Ich
scherzte nur. Wie kann ich Sie je davon überzeugen, daß jene zwei
höhlenartigen Löcher das strahlendste dunkle, schmachtende Augenpaar
enthielten? Und daß die grinsenden Zähne, die Sie zu sehen pflegten, nichts
ahnen ließen von dem Lächeln, das jene rubinroten Lippen umspielte? Wenn
ich nur versuche, Ihnen eine Vorstellung zu geben von der Anmut, dem Reiz,
der in der Fülle der Jugend in weichen, wundervoll geschwungenen Linien
jene trocknen alten Knochen umwuchs und umblühte, so muß ich lächeln. Aber
es macht mich auch zornig. Die hervorragendsten Ärzte meiner Zeit hätten
sich nicht träumen lassen, daß meine Knochen dazu gut seien, um Osteologie
daran zu lernen. Wissen Sie, daß ein junger Arzt, den ich kannte, mich
tatsächlich mit einer goldenen Tschampakblüte verglich? Er meinte, daß die
ganze übrige Welt nur der Kelch sei, der die Blüte meiner Schönheit
umschloß. Denkt irgend jemand bei dem Skelett an eine Tschampakblüte?

Wenn ich ging, so hatte ich das Gefühl, daß, wie ein Diamant Glanz um sich
verbreitet, jede meiner Bewegungen nach allen Seiten Wellen von Schönheit
ausstrahlte. Ich konnte stundenlang meine Hände betrachten -- Hände, die
spielend leicht den unbändigsten aller Männer gezügelt hätten.

Aber jenes starre, starrende alte Gerippe hat falsch Zeugnis von mir
abgelegt, während ich unfähig war, die schamlose Verleumdung
zurückzuweisen. Darum hasse ich von allen Menschen Sie am meisten! Ich
möchte durch ein Traumbild von meiner einstigen lebenswarmen Schönheit auf
immer allen Schlaf aus Ihren Augen bannen und mit ihm den ganzen
osteologischen Krimskrams, mit dem Ihr Hirn angefüllt ist.«

»Ich könnte bei Ihrem Leibe schwören, wenn Sie ihn noch hätten,« rief ich
aus, »daß auch keine Spur von Osteologie mehr in meinem Kopf ist, und daß
das einzige, was ihn jetzt erfüllt, ein strahlendes Bild vollkommener
Schönheit ist, das sich leuchtend vom schwarzen Hintergrund der Nacht
abhebt. Das ist alles, was ich sagen kann.«

»Ich hatte keine weiblichen Gefährten«, fuhr die Stimme fort. »Mein
einziger Bruder war entschlossen, nicht zu heiraten. Im Frauengemach war
ich allein. Allein pflegte ich im Garten zu sitzen, im Schatten der Bäume,
und zu träumen, daß die ganze Welt in mich verliebt sei; daß die Sterne
schlaflos mit durstigen Blicken meine Schönheit tränken, daß der Wind
schmachtende Seufzer ausstieße, wenn er unter irgendeinem Vorwande an mir
vorbeistrich, und daß der Rasen, auf dem meine Füße ruhten, wenn er
Bewußtsein gehabt, es bei ihrer Berührung wieder verloren hätte. Ich
träumte, daß alle jungen Männer in der ganzen Welt wie Grashalme zu meinen
Füßen lägen; und mein Herz wurde von einer unbestimmten Traurigkeit erfaßt.

Als meines Bruders Freund Schekhar seine medizinischen Studien beendet
hatte, wurde er unser Hausarzt. Ich hatte ihn schon oft durch einen Spalt
des Vorhangs gesehen. Mein Bruder war ein Sonderling und mochte die Welt
nicht mit offenen Augen ansehen. Sie war ihm zu bunt und kraus. Und so
rückte er allmählich immer mehr von ihr ab, bis er ganz allein in einer
dunklen Ecke saß. Schekhar war sein einziger Freund und daher der einzige
junge Mann, den ich je zu sehen bekam. Und wenn ich des Abends im Garten
meinen Hof hielt, so war das ganze Heer von eingebildeten Anbetern, die zu
meinen Füßen lagen, jeder ein Schekhar. -- Hören Sie zu? Woran denken Sie?«

Ich erwiderte mit einem Seufzer: »Ich wünschte eben, ich wäre Schekhar.«

»Warten Sie ein Weilchen. Hören Sie erst die Geschichte zu Ende. Eines
Tages, in der Regenzeit, bekam ich Fieber. Der Arzt kam, um nach mir zu
sehen. Das war unsre erste Begegnung. Ich lag dem Fenster gegenüber, so daß
der rosige Abglanz des Abendhimmels auf mein blasses Antlitz fallen mußte.
Als der Doktor eintrat und mich anblickte, versetzte ich mich an seine
Stelle und betrachtete mich selbst. Ich sah im herrlichen Abendlicht das
zarte blasse Gesicht wie eine welke Blume auf dem weichen, weißen Kissen
liegen, während die Locken lose um die Stirn fielen und die schüchtern
gesenkten Lider dem ganzen Gesicht einen rührenden Ausdruck gaben.

Der Doktor fragte in zaghaft leisem Tone meinen Bruder: >Dürfte ich wohl
ihren Puls fühlen?<

Ich zog ein müdes, schön geformtes Handgelenk unter der Decke hervor.
>Ach,< dachte ich, als ich darauf blickte, >könnte ich doch nur ein
Saphirarmband daran haben[5].< Ich habe nie gesehen, daß ein Doktor sich so
ungeschickt anstellte, wenn er den Puls eines Patienten fühlte. Seine
Finger zitterten, als sie mein Handgelenk faßten. Er maß mein Fieber und
ich seinen Herzschlag. -- Glauben Sie mir das nicht?«

[5] Witwen dürfen sich nur in Weiß kleiden, ohne jeden Schmuck.

»Das glaube ich Ihnen gern,« sagte ich, »der Herzschlag des Menschen ist
verräterisch.«

»Nachdem ich mehrmals erkrankt und wiederhergestellt war, bemerkte ich, daß
die Zahl der Höflinge, von denen ich des Abends im Garten träumte, bald auf
einen einzigen zusammengeschmolzen war. Und zuletzt bestand meine kleine
Welt nur noch aus einem Doktor und einem Patienten.

An solchen Abenden kleidete ich mich heimlich in einen goldgelben Sari,
wand um den Knoten, in den ich mein Haar schlang, einen Kranz von weißen
Jasminblüten und begab mich, mit einem kleinen Spiegel in der Hand, zu
meinem gewohnten Platz unter den Bäumen.

Nun, glauben Sie etwa, daß man es bald müde wird, seine eigene Schönheit
anzustaunen? Ach nein! Ich sah mich gar nicht mit meinen eigenen Augen.
Ich war damals ein Doppelwesen. Ich sah mich, als ob ich der Doktor wäre;
ich starrte mich an, war entzückt, verliebte mich zum Wahnsinn. Aber trotz
all der Liebkosungen, mit denen ich mich überhäufte, irrte doch ein Seufzer
in meinem Herzen umher, wie der ruhelose Nachtwind.

Jedenfalls war ich von dieser Zeit ab nie mehr allein. Wenn ich ging,
beobachtete ich mit gesenkten Lidern das Spiel meiner zarten kleinen Zehen
auf der Erde und fragte mich, was der Doktor wohl sagen würde, wenn er es
sehen könnte. Am Mittag, wenn die Luft von Sonnenglut erfüllt war und
nichts zu hören als hin und wieder der ferne Ruf einer Gabelweihe; wenn
draußen an unsrer Gartenmauer der Händler vorüberging mit seinem singenden
Ruf: >Kauft Ringe, kristallene Ringe!<, dann breitete ich ein schneeweißes
Tuch auf den Rasen und legte mich darauf, den Kopf auf den Arm gestützt.
Mit gesuchter Nachlässigkeit ruhte der andere Arm leicht auf dem weichen
Tuch, und dann stellte ich mir vor, jemand erblickte mich in dieser
wundervollen Pose, ergriffe meine Hand mit beiden Händen ehrfürchtig,
drückte einen Kuß auf ihre rosige Fläche und ginge dann langsam fort. --
Wie wäre es wenn ich die Geschichte hier enden ließe? Wie würde sie Ihnen
gefallen?«

»Das wäre kein schlechter Abschluß«, erwiderte ich nachdenklich. »Sie würde
zwar nicht ganz vollständig sein, aber ich könnte ja leicht den Rest der
Nacht damit zubringen, sie irgendwie abzurunden.«

»Aber auf diese Weise würde die Geschichte zu ernst. Wo bliebe das Lustige
dabei? Und wo bliebe das Skelett mit seinen grinsenden Zähnen?

Lassen Sie mich daher fortfahren. Sobald der Doktor eine kleine Praxis
hatte, mietete er im Erdgeschosse unseres Hauses ein Zimmer als
Sprechzimmer. Ich befragte ihn damals mitunter im Scherz über Medizinen und
Gifte, und wieviel von dieser oder jener Arznei dazu gehören würde, um
einen Menschen zu töten. Dieser Gegenstand interessierte ihn, und er wurde
beredt. Durch solche Gespräche wurde ich mit dem Gedanken an den Tod
vertraut, und so waren Liebe und Tod die beiden Dinge, die meine kleine
Welt ausfüllten. -- Meine Geschichte ist jetzt bald zu Ende. Es ist nicht
viel mehr übrig.«

»Von der Nacht ist auch nicht viel mehr übrig«, murmelte ich.

»Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß der Doktor merkwürdig zerstreut
geworden war, und es schien, als ob er mir etwas zu verbergen suchte,
dessen er sich schämte. Eines Tages kam er herein. Er war sorgfältiger als
gewöhnlich gekleidet und lieh sich meines Bruders Wagen für den Abend.

Ich konnte meine Neugier nicht länger bezwingen und ging hinauf zu meinem
Bruder, um zu erfahren, was der Doktor vorhatte. Nachdem ich erst über
andere Dinge geredet hatte, fragte ich ihn endlich: >Übrigens, Dada[6],
wohin will der Doktor heute abend in deinem Wagen?<

[6] Der ältere Bruder.

>In den Tod<, antwortete mein Bruder kurz.

>Ach, sag' es mir doch<, drängte ich. >Wohin will er in Wirklichkeit?<

>Er will sich verheiraten<, war die etwas deutlichere Antwort.

>Ach, wirklich!< sagte ich und brach in ein langes, lautes Gelächter aus.

Ich erfuhr allmählich, daß die Braut eine reiche Erbin sei, die dem Doktor
ein großes Vermögen mitbringen würde. Aber warum kränkte er mich, indem er
mir dies alles verbarg? Hatte ich ihn je gefleht und gebeten, sich nicht zu
verheiraten, weil es mir das Herz brechen würde? Man darf den Männern nie
trauen. Ich hatte in meinem Leben nur einem einzigen Manne getraut, und nun
machte ich diese Entdeckung.

Als der Doktor nach getaner Arbeit hereinkam und im Begriff war
aufzubrechen, sagte ich lachend zu ihm: >Nun Doktor, Sie wollen sich heute
abend verheiraten?<

Meine Heiterkeit brachte ihn nicht nur aus der Fassung, sie verletzte ihn
auch.

>Aber wie kommt es denn,< fuhr ich fort, >daß wir keine Illumination und
keine Musikkapelle haben?<

Er erwiderte mit einem Seufzer: >Ist eine Hochzeit denn ein so froher
Anlaß?<

Ich brach in ein erneutes Gelächter aus. >Nein, nein,< rief ich, >dies geht
wirklich nicht. Hat man je von einer Hochzeit ohne Lichter und Musik
gehört?<

Ich quälte meinen Bruder so sehr, daß er sofort alles bestellte, was zu
einer vergnügten Hochzeit gehört.

Die ganze Zeit schwatzte ich in einem fort lustig von der Braut, von dem
bevorstehenden Fest und was ich tun wollte, wenn die Braut ins Haus käme.
>Und, Doktor,< fragte ich, >werden Sie nun noch fortfahren, den Leuten den
Puls zu fühlen?< Hahaha! Wenn man auch nicht sehen kann, was in einem
Menschen, besonders in einem Mann, vorgeht, so will ich doch darauf
schwören, daß meine Worte den Doktor wie Dolchstöße ins Herz trafen.

Die Hochzeitsfeierlichkeit sollte spät am Abend stattfinden. Bevor der
Doktor aufbrach, sollte er mit meinem Bruder draußen auf der Terrasse ein
Glas Wein trinken, wie sie es alle Tage zu tun pflegten. Der Mond war
gerade aufgegangen.

Ich kam lächelnd zu ihnen und sagte: >Haben Sie denn Ihre Hochzeit
vergessen, Doktor? Es ist Zeit aufzubrechen.<

Ich muß hier noch eine Kleinigkeit erwähnen. Ich war inzwischen in die
Apotheke hinunter gegangen und hatte ein kleines Pulver geholt, das ich
unbemerkt in des Doktors Glas geschüttet hatte.

Der Doktor leerte sein Glas auf einen Zug und sagte dann mit vor Erregung
erstickter Stimme und mit einem Blick, der mir in die Seele schnitt: >Dann
muß ich fort.<

Die Musik begann zu spielen. Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich in
meine Brautgewänder von Seide und Gold. Ich nahm meine Juwelen und
Schmucksachen aus dem verschlossenen Schrank und legte sie alle an; ich
malte das rote Abzeichen meiner Frauenwürde auf den Scheitel meines Haares.
Und dann bereitete ich mir unter dem Baum im Garten mein Lager.

Es war eine wundervolle Nacht. Der sanfte Südwind küßte die Müdigkeit der
Welt hinweg. Der Duft des Jasmins und der Quittenblüten füllte den Garten
mit berauschender Freude.

Als die Klänge der Musik leiser und leiser wurden und das Licht des Mondes
blasser und blasser; als die Welt mit ihren altvertrauten Vorstellungen von
Heim und Verwandten meinem Bewußtsein wie ein Traum zu entschwinden
begann, -- da schloß ich die Augen und lächelte.

Ich glaubte, daß, wenn die Leute kommen und mich finden würden, jenes
Lächeln noch auf meinen Lippen weilen würde wie die Spur von rotem Wein,
daß ich jenes Lächeln mit mir nehmen und daß es mein Antlitz verklären
würde, wenn ich so hinüberschlummerte in mein ewiges Brautgemach. Aber ach,
wo blieb das Brautgemach? Wo die Brautgewänder von Seide und Gold? Als ich
von einem rasselnden Geräusch in mir erwachte, fand ich drei kleine Buben,
die an meinem Skelett Osteologie lernten. Wo einst in meinem Busen Freude
und Leid pochten und die Blütenknospen der Jugend sich eine nach der andern
erschlossen, da war jetzt der Lehrer geschäftig mit seinem Zeigestock und
zählte meine Knochen auf. Und jenes letzte Lächeln, das ich mir so
sorgfältig einstudiert hatte, haben Sie davon eine Spur bemerkt?

Nun, sagen Sie mir, wie gefällt Ihnen die Geschichte?«

»Sie war wundervoll«, sagte ich.

In diesem Augenblick begann der Hahn zu krähen. »Sind Sie noch da?« fragte
ich. Niemand antwortete. Durchs Fenster dämmerte der Morgen.



DER HÜTER DES ERBES

I


Brindaban Kundu kam wütend zu seinem Vater und sagte: »Ich gehe jetzt auf
der Stelle fort.«

»Du elendes, undankbares Geschöpf!« rief der Vater, Dschagannath Kundu,
verächtlich. »Wenn du mir alles bezahlt hast, was ich für deine Nahrung und
Kleidung ausgegeben habe, dann ist es Zeit, so großartig zu tun.«

Die Nahrung und Kleidung, die es in Dschagannaths Hause zu geben pflegte,
hatte nicht viel kosten können. Unsere alten Weisen wußten mit unglaublich
wenig auszukommen. Dschagannaths Lebensweise zeigte, daß sein Ideal in
dieser Beziehung dem ihren nicht nachgab. Wenn er es ihnen nicht ganz
gleichtun konnte, so war zum Teil die Abhängigkeit von der entarteten
Gesellschaft um ihn herum schuld daran, zum Teil waren es gewisse
unvernünftige Forderungen der Natur, bei ihrem Bestreben, Leib und Seele
zusammenzuhalten.

Solange Brindaban noch nicht verheiratet war, ging die Sache ganz gut, aber
nach seiner Verheiratung fing er an, dem Ideal seines Vaters untreu zu
werden. Es war klar, daß des Sohnes Begriffe von Wohlsein sich immer mehr
vom Geistigen ab dem Materiellen zuwandten und in das Fahrwasser der
verderbten Welt gerieten. Er wollte das Unbehagen, das ihm Hitze und Kälte,
Hunger und Durst verursachten, nicht länger geduldig hinnehmen. Das
Minimum, das er an Nahrung und Kleidung brauchte, wuchs zusehends.

Vater und Sohn gerieten immer häufiger aneinander. Endlich wurde Brindabans
Frau ernstlich krank, und ein Landarzt wurde gerufen. Aber als der Doktor
eine teure Medizin für die Kranke verordnete, nahm Dschagannath dies als
einen offenbaren Beweis seiner Unfähigkeit und wies ihm ohne weiteres die
Tür. Zuerst flehte Brindaban seinen Vater an, die Behandlung doch nicht
abzubrechen, dann wurde er heftig und machte ihm Vorwürfe, aber es half
alles nichts. Als seine Frau starb, schalt und schmähte er seinen Vater
und nannte ihn einen Mörder.

»Unsinn!« sagte der Vater. »Sterben die Menschen denn nicht auch, wenn sie
alle möglichen Medizinen verschlucken? Wenn teure Medizinen das Leben
retten können, wie kommt es da, daß Könige und Kaiser nicht unsterblich
sind? Du erwartest doch wohl nicht, daß deine Frau mit mehr Pomp und
Feierlichkeit sterben soll als deine Mutter und deine Großmutter?«

Wäre Brindaban nicht von Kummer überwältigt und zum Denken ganz unfähig
gewesen, so hätten ihm diese Worte wirklich einigen Trost geben können.
Weder seine Mutter noch seine Großmutter hatten Medizin genommen, bevor sie
dieser Welt Valet sagten, und so war es altehrwürdige Gewohnheit in der
Familie. Aber ach, die jüngere Generation wollte nicht mehr nach dieser
alten Gewohnheit sterben! Die Engländer waren zu der Zeit, in der unsere
Geschichte spielt, erst ins Land gekommen. Die guten alten rechtgläubigen
Leute waren damals entsetzt über die gottlose Art der neuen Generation; sie
hockten stumm in ihrem Winkel und versuchten, aus ihren langen
Wasserpfeifen Trost zu saugen.

Kurz und gut, der moderne Brindaban sagte zu seinem alten Kauz von Vater:
»Ich gehe auf der Stelle.«

Der Vater war sogleich einverstanden und tat feierlich den Wunsch: Sollte
er in Zukunft seinem Sohne je einen einzigen Heller geben, so möchten die
Götter ihm diese Tat anrechnen, als ob er das heilige Blut von Kühen
vergossen hätte. Brindaban wünschte gleicherweise: Sollte er je etwas von
seinem Vater annehmen, so möchte ihm diese Tat wie ein Muttermord
angerechnet werden.

Für die Leute im Dorf war diese kleine Revolution eine erlösende
Abwechslung in dem ewigen Einerlei ihres Lebens. Und als Dschagannath
seinen Sohn enterbte, tat jeder sein Bestes, um ihn zu trösten. Nur in
einer so entarteten Zeit konnte es geschehen, daß jemand sich um eines
Weibes willen mit seinem Vater entzweite -- darin waren sich alle einig.
Und sie gaben auch einen sehr einleuchtenden Grund für ihre Ansicht: »Wenn
einem sein Weib stirbt,« sagten sie, »so kann er sich gleich ein anderes
suchen. Aber wenn ihm sein Vater stirbt, so kann er nicht für Geld oder
gute Worte einen anderen bekommen, der an seine Stelle träte.« Ihre Logik
war zweifellos richtig, aber es ist zu vermuten, daß die gänzliche
Aussichtslosigkeit, einen anderen Vater zu bekommen, den mißleiteten Sohn
nicht sehr bekümmerte. Im Gegenteil.

Auch dem Alten wurde die Trennung von Brindaban nicht schwer. Zunächst
einmal wurden die Haushaltsausgaben durch seine Abwesenheit geringer. Und
dann wurde der Vater auch von einer großen Angst befreit, die ihn immer
verfolgt hatte: von der Angst, sein Sohn und Erbe könne ihn eines Tages
vergiften. Wenn er sein kärgliches Mahl aß, hatte er den Gedanken an Gift
nie loswerden können. Nach dem Tode seiner Schwiegertochter hatte diese
Angst sich etwas gemindert, und jetzt, da der Sohn fort war, verschwand sie
ganz.

Aber es gab eine weiche Stelle im Herzen des alten Mannes. Brindaban hatte
einen vierjährigen Sohn, Gokul Tschandra, mit sich genommen. Nun waren die
Kosten für den Unterhalt des Kindes verhältnismäßig gering und konnten
daher Dschagannaths Liebe zu ihm keinen Abbruch tun. Doch wenn sein Kummer,
als Brindaban den Kleinen mit sich nahm, auch aufrichtig war, so mischte
sich doch die Berechnung hinein, wieviel er monatlich durch die Abwesenheit
der beiden sparen würde, wieviel das in einem Jahr ausmachte und welches
Kapital dazu gehören würde, um die gleiche Summe an Zinsen einzubringen.

Aber es wurde dem Alten immer schwerer, in dem leeren Hause, in dem kein
Gokul Tschandra mehr Unfug trieb, zu leben. Jetzt war niemand mehr da, der
ihm Streiche spielte, während er seine Gebete sprach, niemand, der ihm sein
Essen wegriß und es aufaß, niemand, der mit seinem Tintenfaß davonlief,
wenn er seine Rechnungsabschlüsse machte. Der gewohnheitsmäßige Gang seines
täglichen Lebens, der nun durch nichts mehr unterbrochen wurde, wurde ihm
zur unerträglichen Last. Er fand, daß man solchen ungestörten Frieden nur
in der künftigen Welt ertragen könnte. Wenn er die Löcher erblickte, die
sein Enkel in seine Bettdecke gerissen hatte, oder die Tintenzeichnungen
auf seiner Binsenmatte, die von demselben Künstler herrührten, so wurde ihm
das Herz schwer vor Kummer. Einst hatte er dem Jungen bittere Vorwürfe
gemacht, daß er sein Lendentuch in der kurzen Zeit von zwei Jahren
zerrissen hatte; jetzt traten Dschagannath die Tränen in die Augen, als er
da im Schlafzimmer stand und die schmutzigen Überreste anstarrte. Er
verwahrte sie sorgfältig in seiner Lade und tat ein feierliches Gelübde:
sollte Gokul je zurückkommen, so wollte er nicht schelten, und wenn er auch
jedes Jahr ein Lendentuch aufbrauchte.

Aber Gokul kehrte nicht zurück, und der arme Dschagannath alterte sehr
schnell. Sein leeres Haus erschien ihm mit jedem Tage leerer.

Der alte Mann hielt es nicht mehr still zu Hause aus. Selbst in der
Mittagszeit, wenn alle ehrbaren Leute im Dorf ihre Mittagsruhe genossen,
dann sah man Dschagannath durchs Dorf wandern, die lange Pfeife in der
Hand. Die Knaben hörten auf zu spielen, wenn sie ihn sahen, sie zogen sich
geschlossen in sichere Entfernung zurück und sangen einen Vers, den ein
Dorfdichter verfaßt hatte und der die sparsamen Gewohnheiten des alten
Herrn pries. Niemand wagte es, seinen wirklichen Namen zu nennen, aus
Furcht, an dem Tage fasten zu müssen[7], und so legten die Leute ihm
andere Namen bei. Die älteren Leute nannten ihn Dschagannasch[8], aber die
jüngere Generation nannte ihn einen Vampyr. Vielleicht hatte die blutlose,
vertrocknete Haut des Alten eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit der eines
Vampyrs.

[7] Es herrscht in Bengalen der Aberglaube, daß, wer den Namen eines
Geizhalses ausspricht, an dem Tage nichts zu essen bekommt.

[8] Dschagannath heißt »der Herr der Welt« und Dschagannasch würde heißen
»der Verderber der Welt«.


II

Eines Nachmittags, als Dschagannath wie gewöhnlich die von Mangobäumen
überschatteten Dorfstraßen durchstreifte, sah er einen Knaben,
augenscheinlich einen Fremden, der die Hauptmannschaft über die Dorfknaben
an sich gerissen hatte und ihnen den Plan eines neuen Streiches
auseinandersetzte. Durch die Energie seines Charakters und die verblüffende
Neuheit seiner Ideen gewonnen, hatten die Knaben ihm alle als ihrem
Oberhaupt gehuldigt. Im Gegensatz zu den andern lief er nicht vor dem alten
Mann davon, sondern ging dicht zu ihm heran und schüttelte aus seinem
Tschadar[9] eine lebendige Eidechse, die auf den Alten sprang, an seinem
Rücken hinablief und schnell ins Gebüsch huschte. Der arme Mann zitterte
vor Schreck am ganzen Leibe, zur großen Belustigung der andern Knaben, die
vor Freude jubelten. Dschagannath ging scheltend und fluchend davon. Doch
er war noch nicht weit gegangen, als der Gamtscha[10] plötzlich von seiner
Schulter verschwand, und im nächsten Augenblick sah man ihn auf dem Kopf
des fremden Jungen, in einen Turban verwandelt.

[9] eine Art Plaid, das als Mantel um die Schulter getragen wird.

[10] Schulterschal.

Die neuen Aufmerksamkeiten dieses Bürschchens wirkten befreiend auf
Dschagannath. Es war lange her, seit irgendein Junge sich so etwas bei ihm
herausgenommen hatte. Nach vielem guten Zureden und allerlei schönen
Versprechungen gelang es ihm endlich, den Knaben zu bewegen, zu ihm
heranzukommen, und nun entspann sich folgendes Gespräch zwischen ihnen:

»Wie heißt du, mein Junge?«

»Nitai Pal.«

»Wo wohnst du?«

»Das sage ich nicht.«

»Wer ist dein Vater?«

»Das sage ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich von Hause fortgelaufen bin.«

»Warum hast du das getan?«

»Mein Vater wollte mich zur Schule schicken.«

Es schien Dschagannath eine unnütze Geldverschwendung, solchen Knaben zur
Schule zu schicken, und er sagte sich, der Vater müsse ein ganz
unpraktischer Mann sein, daß er dies nicht eingesehen hatte.

»Hör' mal, mein Junge,« sagte Dschagannath, »möchtest du wohl mit mir
kommen und bei mir bleiben?«

»Meinetwegen«, sagte der Junge. Und sogleich richtete er sich bei
Dschagannath häuslich ein, ohne die mindesten Bedenken, als ob das Haus der
Schatten eines Baumes an der Straße gewesen wäre. Und nicht nur das. Er
begann seine Wünsche in bezug auf Nahrung und Kleidung mit solcher kühlen
Ruhe zu äußern, als ob er die Rechnung im voraus bezahlt hätte; und wenn
irgend etwas nicht in Ordnung war, machte er sich gar kein Gewissen daraus,
mit dem Alten zu zanken. Es war Dschagannath leicht genug gewesen, sein
eigenes Kind im Zaum zu halten, aber jetzt, wo es sich um ein fremdes Kind
handelte, mußte er die Waffen strecken.


III

Die Leute im Dorf waren erstaunt, daß Dschagannath sich plötzlich so viel
aus dem fremden Jungen machte. Sie waren sicher, daß das Ende des Alten
nahe sei, und sie empfanden es schmerzlich, daß er sein ganzes Eigentum
diesem hergelaufenen Schlingel vermachen würde. Wütend vor Neid hätten sie
dem Knaben gern ein Leid angetan, aber der Alte hütete ihn wie seinen
Augapfel.

Mitunter drohte der Junge, er wolle fortgehen, und dann suchte der Alte ihn
mit dem Versprechen zu locken, er wolle ihm sein ganzes Eigentum
hinterlassen. So klein der Knabe auch noch war, so verstand er doch schon
vollkommen die Größe dieses Versprechens.

Nun begannen die Dorfbewohner nach dem Vater des Knaben zu forschen. Das
Herz schmolz ihnen vor Mitleid mit den geängstigten Eltern, und sie
erklärten, der Sohn müsse ein ganz gottloser Bube sein, daß er ihnen solch
Leid zufügte. Sie häuften Schmähungen auf sein Haupt, aber die Wut, mit
der sie es taten, verriet eher Neid als Gerechtigkeitssinn.

Eines Tages hörte der alte Mann von einem Wanderer, daß ein gewisser
Damodar Pal seinen verlorenen Sohn suche und jetzt eben in diese Gegend
komme. Als Nitai dies hörte, wurde er sehr unruhig; er wollte Reichtum
Reichtum sein lassen und davonlaufen. Dschagannath beruhigte ihn: »Ich will
dich verstecken, wo niemand dich finden kann, selbst die Leute im Dorfe
nicht«, sagte er.

Dies reizte die Neugier des Knaben, und er fragte: »O, wo denn? Zeig mir
schnell den Platz!«

»Wenn ich ihn dir jetzt zeige, merken es die Leute. Warte, bis es Nacht
ist«, sagte Dschagannath.

Die Aussicht auf das geheimnisvolle Versteck entzückte den Knaben. Er malte
sich aus, wie er, sobald sein Vater ohne ihn fortgegangen sein würde, mit
seinen Kameraden Verstecken spielen und eine Wette machen wollte. Niemand
würde ihn finden können. Wäre das nicht ein Spaß? Und daß auch sein Vater
das ganze Dorf durchsuchen würde, ohne ihn zu finden -- welch ein
Hauptspaß!

Am Mittag schloß Dschagannath den Knaben in seinem Hause ein und verschwand
auf einige Zeit. Als er wieder zurückkam, plagte ihn Nitai mit Fragen.

Sobald es dunkel war, sagte Nitai: »Großvater, gehen wir jetzt?«

»Erst muß es Nacht sein«, erwiderte Dschagannath.

Nach einer kleinen Weile rief der Knabe: »Jetzt ist es Nacht, Großvater;
komm, laß uns gehen.«

»Die Leute im Dorf sind noch nicht zu Bett«, flüsterte Dschagannath.

Nitai wartete einen Augenblick, dann sagte er wieder: »Jetzt sind sie zu
Bett, Großvater, ganz gewiß. Laß uns jetzt gehen!«

Die Nacht rückte vor. Der Schlaf legte sich schwer auf die Lider des armen
Jungen, und er mußte gewaltige Anstrengungen machen, um wach zu bleiben. Um
Mitternacht ergriff Dschagannath des Knaben Arm und verließ das Haus. Sie
tasteten sich durch die dunklen Straßen des schlafenden Dorfes. Kein Laut
unterbrach die Stille, nur ab und zu heulte irgendwo ein Hund, und dann
stimmten alle Hunde ringsum im Chor ein; oder ein Nachtvogel, der durch den
Laut von Menschentritten zu dieser ungewohnten Stunde aufgeschreckt war,
flatterte dicht an ihnen vorbei. Nitai zitterte vor Angst und klammerte
sich an Dschagannaths Arm.

Sie durchquerten manches Feld, und endlich kamen sie an ein Sumpfdickicht,
wo ein verfallener leerer Tempel stand. »Ach, hier ist es!« rief Nitai
enttäuscht. Er hatte sich den Ort ganz anders gedacht. Hierbei war nichts
besonders Geheimnisvolles. Wie oft hatte er, seit er von Hause fortgelaufen
war, die Nacht in solchem verlassenen Tempel zugebracht. Es war zwar ein
ganz guter Ort zum Versteckenspielen, aber es war doch leicht möglich, daß
seine Kameraden ihn hier aufstöberten.

Dschagannath trat hinein und hob von der Mitte der Diele eine Steinfliese.
Der erstaunte Knabe erblickte einen unterirdischen Raum, in dem eine Lampe
brannte. Furcht und Neugierde kämpften in seinem kleinen Herzen.
Dschagannath stieg auf einer Leiter hinab, und Nitai folgte ihm.

Als der Knabe sich umsah, sah er rings an den Wänden lauter eherne Krüge.
In der Mitte lag ein Gebetteppich ausgebreitet, und davor waren Zinnober,
Sandelpaste, Blumen und andere Dinge, die man zur Pudscha[11] brauchte,
bereitgelegt. Um seine Neugier zu befriedigen, langte der Knabe in einen
der Krüge und nahm etwas von dem Inhalt heraus. Es waren Rupien und
Goldmünzen.

[11] pûjâ = gottesdienstliche Verehrung, wie sie Göttern oder auch
Menschen, denen eine besondere Würde eignet, erwiesen wird.

Dschagannath wandte sich zu dem Knaben. »Ich habe dir gesagt, Nitai, daß
ich dir all mein Geld geben würde. Ich habe nicht viel, diese Krüge sind
alles, was ich besitze. Diese will ich dir heute übergeben.«

Der Knabe sprang hoch vor Freude. »Alle?« rief er. »Du nimmst mir aber auch
keine einzige Rupie wieder davon weg, nicht wahr?«

»Wenn ich das tue,« sagte der alte Mann in feierlichem Ton, »so möge meine
Hand aussätzig werden. Aber ich stelle dir eine Bedingung. Wenn jemals mein
Enkel, Gokul Tschandra, oder sein Sohn oder sein Enkel oder Urenkel oder
irgendeiner seiner Nachkommen des Weges hierher kommen sollte, so mußt du
ihm oder ihnen alles bis auf die letzte Rupie übergeben.«

Der Knabe dachte, der Alte rede irre. »Gut«, erwiderte er.

»So setze dich auf diesen Teppich«, sagte Dschagannath.

»Warum?«

»Weil dir Pudscha erwiesen werden muß.«

»Aber wozu?« fragte der Knabe bestürzt.

»Das ist so die Vorschrift.«

Der Knabe hockte auf dem Teppich nieder, wie ihm gesagt war. Dschagannath
bestrich seine Stirn mit Sandelpaste, machte ihm ein rotes Mal zwischen die
Augenbrauen, legte ihm einen Blumenkranz um den Nacken und begann,
Zaubersprüche herzusagen.

Dem armen Nitai war sehr bang zumute, als er so dasaß wie ein Gott und die
Zaubersprüche anhörte. »Großvater«, flüsterte er.

Aber Dschagannath antwortete nicht, sondern fuhr fort, seine Zaubersprüche
zu murmeln.

Zum Schluß schleppte er mit großer Mühe die Krüge, einen nach dem andern,
vor den Knaben hin und ließ ihn das folgende Gelübde nachsprechen:

»Ich verspreche feierlich, daß ich diesen ganzen Schatz Gokul Tschandra
Kundu, dem Sohn Brindaban Kundus, dem Enkel Dschagannath Kundus, übergeben
werde, oder dem Sohn oder Enkel oder Urenkel des genannten Gokul Tschandra
Kundu oder irgendeinem seiner Nachkommen oder rechtmäßigen Erben.«

Der Knabe wiederholte diese Worte immer wieder bei jedem Krug, bis er ganz
betäubt und seine Zunge wie gelähmt war. Als die Zeremonie zu Ende war, war
die Luft in der Höhle ganz dick von dem Rauch der irdenen Lampe und dem
Atemgift der beiden. Dem Knaben war der Gaumen trocken wie Staub, und alle
seine Glieder brannten ihm. Er erstickte fast.

Die Lampe wurde trüber und trüber und ging dann ganz aus. In der
vollständigen Dunkelheit, die nun folgte, konnte Nitai hören, wie der Alte
die Leiter hinaufkletterte. »Großvater, wohin gehst du?« rief er angstvoll.

»Ich gehe jetzt fort,« erwiderte Dschagannath, »du bleibst hier. Niemand
wird dich finden. Vergiß nicht den Namen Gokul Tschandra, Sohn Brindabans
und Enkel Dschagannaths.«

Dann zog er die Leiter fort. Mit angsterstickter Stimme flehte der Knabe:
»Ich möchte zurück zu meinem Vater!«

Dschagannath legte die Steinplatte wieder an ihren Platz. Dann kniete er
nieder und legte sein Ohr an den Stein. Er hörte noch einmal Nitais Stimme:
»Vater« -- dann kam ein Geräusch, als ob ein schwerer Gegenstand zu Boden
fiel -- dann war alles still.

Nachdem Dschagannath so seinen Reichtum einem Yak[12] übergeben hatte,
begann er, den Stein mit Erde zuzudecken. Dann häufte er zerbrochene
Mauersteine und losen Mörtel darüber. Obenauf pflanzte er Grasbüschel und
Waldgewächse. Die Nacht war fast vergangen, aber er konnte sich nicht von
dem Orte losreißen. Immer wieder legte er sein Ohr an den Boden und
horchte. Es war ihm, als ob von tief, tief unten -- aus dem Innern der Erde
herauf -- ein Wehklagen ertönte. Es war ihm, als ob der Nachthimmel von
diesem einen Laut überflutet wäre, als ob die ganze Menschheit, vom
Schlummer aufgeschreckt, sich in ihrem Bett aufrichtete und horchte.

[12] Yak oder Yakscha ist ein übernatürliches Wesen, von dem die
altindische Sage und Dichtung berichtet. In Bengalen versteht man
heutzutage unter einem Yak einen Geist, der einen Schatz zu bewachen hat,
wie in dieser Geschichte.

Der Alte häufte wie rasend Erde auf Erde auf den Stein. Er wollte jenen Ton
irgendwie ersticken, aber immer kam es ihm vor, als hörte er »Vater!«

Er schlug mit aller Kraft auf den Boden und rief: »Sei still, sonst hören
dich die Leute!« Aber immer noch glaubte er den Ruf »Vater« zu hören.

Die Sonne erleuchtete den östlichen Horizont. Da verließ Dschagannath den
Tempel und kam hinaus aufs freie Feld.

Doch auch da rief plötzlich jemand: »Vater!« Erschrocken wandte er sich um
und sah seinen Sohn dicht hinter sich.

»Vater,« sagte Brindaban, »ich höre, daß mein Junge sich in deinem Hause
verbirgt. Ich muß ihn wiederhaben.«

Mit weitaufgerissenen Augen und verzerrtem Mund beugte der Alte sich vor
und rief: »Dein Junge?«

»Ja, mein Gokul. Er heißt jetzt Nitai Pal, und ich selbst nenne mich
Damodar Pal. Dein >Ruhm< hat sich in der Nachbarschaft so weit verbreitet,
daß ich unsere Herkunft verbergen mußte, weil die Menschen sich sonst
geweigert hätten, unseren Namen auszusprechen.«

Langsam hob der alte Mann beide Arme über den Kopf. Seine Finger begannen
sich krampfartig zu bewegen, als ob er versuchte, nach irgend etwas in der
Luft zu greifen. Dann fiel er zu Boden.

Als er wieder zur Besinnung kam, zog er seinen Sohn nach dem verlassenen
Tempel. Als sie beide drinnen waren, sagte er: »Hörst du irgend etwas
klagen?«

»Nein«, sagte Brindaban.

»Höre einmal scharf hin! Hörst du nicht jemanden >Vater< rufen?«

»Nein.«

Dies schien ihn sehr zu erleichtern.

Von diesem Tage an pflegte er umherzugehen und die Leute zu fragen: »Hört
ihr nicht etwas klagen?« Sie lachten über den kindischen Alten.

Etwa vier Jahre später lag Dschagannath im Sterben. Als das Licht der Welt
allmählich seinen Augen entschwand und das Atmen ihm immer schwerer wurde,
richtete er sich plötzlich wie im Fieberwahn auf. Er warf beide Hände in
die Luft, als ob er nach etwas tastete, und murmelte: »Nitai, wer hat mir
die Leiter weggenommen?«

Unfähig, die Leiter zu finden, um aus seinem furchtbaren Kerker
herauszuklettern, wo kein Licht zu sehen und keine Luft zum Atmen war, fiel
er auf sein Lager zurück und entschwand in jene Region, wo noch niemals
jemand gefunden wurde im ewigen Versteckspiel der Welt.

     Ereignisse, wie das in dieser Geschichte erzählte, die jetzt
     glücklicherweise der Vergangenheit angehören, waren früher in
     Bengalen durchaus nicht selten. Unser Dichter weicht jedoch etwas
     von den landläufigen Berichten ab. Geizige Menschen nahmen zu
     solchem abergläubischen Treiben ihre Zuflucht, um selbst in einer
     zukünftigen Existenz wieder in den Besitz des Schatzes zu kommen.
     »Wenn du mich in einer künftigen Existenz des Weges kommen siehst«,
     so lautete die gewöhnliche Formel des Auftrages, den man dem Opfer
     mitgab, bevor es zum »Yak« wurde, »mußt du mir diesen ganzen Schatz
     übergeben. Bewahre ihn bis dahin und rühre dich nicht!« In unserer
     Kindheit hörten wir viele »wahre« Geschichten von Leuten, die
     plötzlich reich geworden waren durch die Begegnung mit solchen
     geisterhaften Wächtern ihres Reichtums aus einer früheren Existenz.



DIE ÄLTERE SCHWESTER

I


Nachdem Tara den andern Frauen des Dorfes ausführlich berichtet, welch
bösen, tyrannischen Gatten ihre unglückliche Nachbarin habe, und alle seine
Missetaten aufgezählt hatte, sprach sie ihm kurz und bündig das Urteil:
»Möge Feuer solchem Manne die Zunge verbrennen!«

Diese Worte verletzten Dschoygopal Babus Frau; es geziemte einem Weibe
unter keinen Umständen, ein anderes Feuer als das einer Zigarre in eines
Gatten Mund zu wünschen.

Als sie daher jenem Urteil sanft widersprach, rief die hartherzige Tara mit
doppelter Heftigkeit: »Ich wollte lieber in sieben Leben nacheinander Witwe
werden als die Frau eines solchen Mannes.« Und damit hob sie die
Versammlung auf und ging fort.

Sasi dachte bei sich: Ich kann mir keine Kränkung von seiten eines Gatten
vorstellen, die das Herz so verhärten könnte. Und wie sie darüber
nachdachte, wallte all die Zärtlichkeit ihres liebenden Herzens für ihren
eigenen Gatten, der jetzt fern war, in ihr auf. Sie warf sich mit
ausgestreckten Armen auf die Seite des Bettes, wo ihr Gatte zu liegen
pflegte, sie küßte das leere Kissen und sog den Duft seines Hauptes ein.
Dann schloß sie die Tür, holte aus einem hölzernen Kästchen eine alte, fast
ganz verblichene Photographie mit seinen Schriftzügen und saß lange da, in
Anschaun versunken. So verbrachte sie die stille Mittagszeit, allein in
ihrem Zimmer, alten Erinnerungen hingegeben, und manch heiße
Sehnsuchtsträne rann über ihr Antlitz.

Die Ehe zwischen Sasikala und Dschoygopal war nicht mehr jung. Sie waren
früh verheiratet und hatten Kinder. Die lange Gewohnheit des Umgangs hatte
ihr Leben in gemächlicher Alltäglichkeit dahinfließen lassen. Auf keiner
Seite hatte sich je eine Spur großer Leidenschaft gezeigt. Sie hatten
sechzehn Jahre ununterbrochen zusammen gelebt, als ihr Gatte plötzlich aus
geschäftlichen Gründen von Hause abgerufen wurde, und nun erwachte ein
starkes Liebesbedürfnis in Sasis Herzen. Da die Trennung das Band zwischen
ihnen straffer spannte, zog sich der Knoten noch fester, und die
Leidenschaft, die Sasi bisher gar nicht in sich gespürt hatte, preßte ihr
das Herz jetzt schmerzhaft zusammen.

So geschah es, daß Sasi nach so vielen langen Jahren, in ihrem Alter und
obgleich sie längst Mutter von Kindern war, an diesem Frühlingsmittag auf
ihrem vereinsamten Ehebett liegend, den süßen Traum bräutlicher Jugend zu
träumen begann; die Musik jener Liebe, die sie bisher nie vernommen hatte,
drang plötzlich an ihr Ohr und spann sie in ihren Zauber ein wie der
murmelnde Sang eines Flusses. Sie wanderte den Fluß hinauf und sah an
beiden Ufern manch goldenen Palast und manchen schattigen Hain; aber ihr
Fuß fand unter den entschwundenen Glückshoffnungen keinen Halt mehr. Da
sagte sie sich, daß, wenn ihr Gatte erst zurückkäme, ihr Leben nicht wieder
so leer dahinrinnen, daß der Frühling nicht wieder vergeblich an ihre Tür
klopfen sollte. Wie oft hatte sie mit müßigem Streit und kleinlichem Zank
ihren Gatten gequält! Mit der ganzen Einfalt eines reuigen Herzens gelobte
sie sich, ihm nie wieder Ungeduld zu zeigen, niemals sich seinen Wünschen
zu widersetzen, alle seine Befehle gehorsam hinzunehmen und in allem, im
Guten wie im Bösen, mit liebevollem Herzen seinen Willen zu tun; denn für
sie war der Gatte das Ein und Alles, der höchste Gegenstand der Liebe, ja,
ein Gott.

Sasikala war die einzige Tochter und das Schoßkind ihrer Eltern. Darum
machte Dschoygopal, der selbst nur ein kleines Vermögen hatte, sich keine
Sorgen um die Zukunft. Sein Schwiegervater hatte genug, daß sie in einem
Dorfe mit fürstlichem Aufwand leben konnten.

Da wurde Sasikalas Vater noch in seinem Alter ein Sohn geboren. Man muß
gestehen, daß Sasi von diesem unerwarteten unschicklichen und ungerechten
Benehmen ihrer Eltern sehr schmerzlich berührt war, und auch Dschoygopal
war nicht gerade erfreut darüber.

Die ganze Liebe der Eltern richtete sich jetzt auf diese späte Frucht ihres
Alters, und als der neuangekommene, winzige, schläfrige Schwager mit seinen
beiden schwachen kleinen Fäustchen alle Hoffnungen und Erwartungen
Dschoygopals an sich riß, da nahm dieser eine Stelle in einem Teegarten in
Assam an.

Seine Freunde rieten ihm dringend, doch mehr in der Nähe Beschäftigung zu
suchen, aber sei es nun aus einem allgemeinen Gefühl des Grolls oder weil
er die guten Aussichten auf schnelles Emporkommen in einem Teegarten
kannte, Dschoygopal wollte auf niemanden hören. Er schickte Frau und Kinder
zu seinem Schwiegervater und reiste nach Assam. Es war die erste Trennung
der Gatten, seit sie verheiratet waren.

Dies Ereignis machte Sasikala sehr zornig auf ihren kleinen Bruder. Der
Groll, der nicht über die Lippen kommen darf, frißt um so mehr am Herzen.
Wenn der kleine Bursche nach Herzenslust sog und schlief, fand seine große
Schwester hundert Gründe zur Unzufriedenheit. Bald war der Reis kalt, oder
die Knaben kamen zu spät zur Schule, oder was es sonst war. Tag und Nacht
plagte sie sich und andere mit ihren ärgerlichen Launen.

Aber nach kurzer Zeit starb die Mutter des Kindes. Vor ihrem Tode übergab
sie den kleinen Sohn der Sorge ihrer Tochter.

Da eroberte das mutterlose Kind schnell das Herz seiner Schwester. Laut
schreiend streckte er seine Ärmchen nach ihr aus und versuchte mit aller
Anstrengung ihren Mund, Nase und Augen in sein eigenes kleines Mäulchen zu
bekommen; er packte mit seinen kleinen Fäustchen ihr Haar und wollte es
nicht wieder loslassen; wenn er vor Tagesanbruch erwachte, wälzte er sich
zu ihr hinüber, und sie fühlte die wohlige Wärme seines Körperchens und
hörte seinem Lallen wie dem Plätschern eines Bächleins zu; später nannte er
sie Dschidschi und Dschidschima und tyrannisierte sie ganz regelrecht,
indem er bald verbotene Dinge tat, bald von verbotenen Speisen naschte,
bald an verbotene Orte lief. Da konnte Sasi ihm nicht länger widerstehen.
Sie ergab sich bedingungslos diesem eigenwilligen kleinen Tyrannen. Seit
das Kind keine Mutter mehr hatte, hatte es Macht über sie bekommen.


II

Der Name des Knaben war Nilmani. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein
Vater ernstlich krank. Dschoygopal erhielt einen Brief mit der Bitte, so
schnell wie möglich zu kommen. Als er mit viel Mühe Urlaub erhalten hatte
und ankam, lag Kaliprasanna schon im Sterben.

Vor seinem Tode übergab er seinen Sohn der Sorge Dschoygopals und
vermachte seiner Tochter den vierten Teil seines Besitzes.

Nun gab Dschoygopal seine Stellung auf und kam nach Hause, um nach seinem
Eigentum zu sehen.

Nach langer Trennung sahen sich die Gatten wieder. Wenn irgendein Ding
zerbricht, so kann man die Teile wieder zusammenfügen. Aber wenn zwei
Menschen getrennt werden, so fügen sie sich nach langer Trennung nie wieder
an derselben Stelle und zur gleichen Zeit zusammen; denn die Seele ist ein
lebendes Wesen und wächst und wandelt sich jeden Augenblick.

In Sasi weckte die Wiedervereinigung neue Gefühle. Die Erstarrung
jahrelanger Gewohnheit in der früheren Zeit ihrer Ehe war durch die
Sehnsucht der Trennungszeit gänzlich gelöst, und es war ihr jetzt, als ob
ihr der Gatte enger als je wieder verbunden würde. Hatte sie sich doch im
Herzen gelobt: was für Tage auch kommen und wie lange sie auch dauern
möchten, nie sollte der Glanz dieser Liebe zu ihrem Gatten sich trüben.

Dschoygopal jedoch empfand anders bei dieser Wiedervereinigung. Als sie
früher beständig zusammengewesen waren, hatten ihn seine Interessen und
Eigenheiten an sein Weib gebunden. Sie war damals eine lebendige Wahrheit
in seinem Leben, und das Gewebe seiner täglichen Gewohnheiten hätte einen
großen Riß bekommen, wenn sie plötzlich gefehlt hätte. Daher fühlte er
sich, als er zuerst sein Heim verließ, ganz verloren. Aber mit der Zeit
wurde dieser Riß in seiner Gewohnheit durch eine neue Gewohnheit wieder
zugeflickt.

Und dies war nicht alles. Früher hatte er ganz sorglos und träge
dahingelebt. In den letzten beiden Jahren war der Trieb, seine Lage zu
verbessern, in ihm so mächtig geworden, daß er an nichts anders dachte. In
der Heftigkeit dieser neuen Leidenschaft schien ihm sein früheres Leben wie
ein wesenloser Schatten. In der Natur der Frau werden die größten
Veränderungen durch die Liebe bewirkt, in der des Mannes durch den Ehrgeiz.

Als Dschoygopal nach zwei Jahren zurückkehrte, fand er, daß seine Frau
nicht ganz dieselbe geblieben war. Ihr Leben hatte durch seinen kleinen
Schwager an Umfang gewonnen. Dieser Teil ihres Lebens war ihm ganz fremd --
hier hatte er keine Gemeinschaft mit seinem Weibe. Sie gab sich alle Mühe,
ihn an ihrer Liebe für das Kind teilnehmen zu lassen, aber man kann nicht
sagen, daß es ihr gelang. Sasi kam wohl mit dem Kinde auf dem Arm zu ihm
und hielt es ihm lächelnd entgegen -- aber Nilmani umklammerte Sasis Nacken
und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter und wollte von der andern
Verwandtschaft nichts wissen. Sasi wollte, daß ihr kleiner Bruder
Dschoygopal all die Künste vormachte, womit er die Herzen zu gewinnen
pflegte. Aber Dschoygopal lag gar nichts daran. Wie konnte das Kind dann
Lust dazu haben? Dschoygopal konnte gar nicht begreifen, was an diesem
dickköpfigen Kinde mit dem ernsten, bräunlichen Gesicht sei, daß man so
viel Liebe an ihn verschwenden solle.

Frauen verstehen solche Dinge schnell. Sasi verstand sofort, daß
Dschoygopal Nilmani nicht leiden mochte. Und von nun an hielt sie ihren
Bruder sorgfältig im Hintergrund, um ihn vor dem lieblosen, abweisenden
Blick ihres Mannes zu schützen. So wurde das Kind für sie ein heimlich
gehüteter Schatz, der Gegenstand ihrer einsamen Liebe.

Dschoygopal war sehr ärgerlich, wenn Nilmani schrie; daher suchte Sasi das
Kind immer schnell zu beruhigen, indem sie es zärtlich an sich drückte und
ihm liebkosend zusprach. Und wenn Nilmanis Schreien des Nachts Dschoygopal
einmal im Schlafe störte und Dschoygopal gefoltert aufbegehrte und über das
Kind schalt, so zitterte Sasi innerlich und fühlte sich gedemütigt und
schuldig. Dann nahm sie das Kind auf ihren Schoß und setzte sich mit ihm in
die entfernteste Ecke und schmeichelte es mit tausend zärtlich geflüsterten
Liebesworten wie: »mein goldiger Schatz, mein Augenlicht, mein holdes
Kleinod« wieder in Schlaf.

Kinder zanken sich um hundert Kleinigkeiten. Sonst pflegte Sasi in solchen
Fällen ihre Kinder zu bestrafen und ihres Bruders Partei zu nehmen, da er
ja keine Mutter hatte. Jetzt veränderte sich mit dem Richter auch das
Gesetz. Nilmani mußte oft unschuldig schwere Strafe erleiden, ohne daß
Dschoygopal untersuchte, wer der Schuldige war. Dies Unrecht traf Sasi wie
ein Dolch ins Herz; sie nahm ihren bestraften Bruder in ihr Zimmer und
suchte, so gut sie konnte, mit Süßigkeiten und Spielsachen und durch Küsse
und Liebkosungen sein gekränktes Herz zu trösten.

Je mehr Sasi Nilmani liebte, desto mehr ärgerte sich Dschoygopal über ihn.
Und wiederum, je mehr Dschoygopal seine Abneigung gegen Nilmani zeigte,
desto mehr badete Sasi das Kind in dem Nektar ihrer Liebe.

Und wenn Dschoygopal seine Frau rauh behandelte, so diente sie ihm mit
schweigender Sanftmut und liebevoller Güte. Aber innerlich verletzten sie
sich jeden Augenblick Nilmanis wegen.

Dies heimliche Aneinanderreiben bei einem solchen Konflikt ist viel
schwerer zu ertragen als ein offener Zusammenstoß.


III

Nilmanis Kopf war das Größte an ihm. Es war, als ob der Schöpfer eine große
Blase durch ein dünnes Rohr aufgeblasen hätte. Die Ärzte fürchteten
zuweilen, daß das Kind auch einmal schnell wie eine Blase dahinschwinden
könnte. Es lernte sehr spät sprechen und gehen. Wenn man sein ernstes,
trauriges Gesicht sah, so hätte man denken können, daß seine Eltern die
ganze traurige Last ihres Alters auf das Haupt dieses kleinen Kindes
abgeladen hätten.

Dank der sorgfältigen Pflege seiner Schwester überstand Nilmani die
gefährliche Periode der Kinderkrankheiten und war nun schon fünf Jahre alt.

Im Monat Kartik[13] am Bhaiphoto-Tag[14] hatte Sasi Nilmani wie einen
kleinen Babu herausgeputzt mit Rock und Tschadar[15] und rotumsäumtem
Lendentuch und war dabei, das Bruderzeichen auf seine Stirn zu malen, als
ihre freimütige Nachbarin Tara hereinkam und anfing, mit ihr zu zanken.

[13] Mitte Oktober bis Mitte November.

[14] Wörtlich Bruderzeichen. Ein schöner und rührender Brauch bei den
Hindus: die Schwester macht mit Sandelpaste ein Zeichen auf die Stirn ihres
Bruders und spricht eine Formel aus, kraft deren sie »vor das Tor Jamas,
des Todesgottes, eine Schranke setzt« (d. h. ihm langes Leben wünscht). Bei
dieser Gelegenheit bewirten die Schwestern ihre Brüder, machen ihnen
Geschenke usw. (Anm. d. engl. Übersetz.)

[15] Eine Art Plaid, das als Mantel getragen wird.

»Es hat keinen Zweck,« rief sie, »dem Bruder mit so viel Prunk und Staat
das Bruderzeichen zu geben, wenn man ihn im geheimen seines Eigentums
beraubt.«

Sasi war wie vom Donner gerührt. Staunen, Wut und Schmerz kämpften in ihr.
Tara wiederholte ihr das Gerücht, Sasi und ihr Mann hätten sich den Plan
ausgeheckt, das Besitztum des minderjährigen Nilmani wegen rückständiger
Pacht zum Verkauf zu stellen und es durch einen Vetter Dschoygopals für
sich ankaufen zu lassen. Als Sasi dies hörte, stieß sie den Fluch aus, daß
denen, die eine so schreckliche Lüge verbreiteten, die Zunge gelähmt werden
möge. Dann ging sie weinend zu ihrem Manne und erzählte ihm von der
Klatscherei. Dschoygopal sagte: »Man kann heutzutage doch niemandem trauen.
Upen ist der Sohn meiner Tante, und ich fühlte mich ganz sicher, als ich
ihm die Sorge für das Besitztum überließ. Wenn ich nur den geringsten
Verdacht gehabt hätte, so hätte es nicht geschehen können, daß er das Gut
Hasilpur in Zahlungsrückstand geraten ließ und es nachher heimlich für sich
ankaufte.«

»Willst du ihn denn nicht verklagen?« fragte Sasi erstaunt.

»Den eigenen Vetter verklagen!« rief Dschoygopal. »Außerdem würde es gar
nichts nützen, es wäre bloße Geldverschwendung.«

Es war Sasis vornehmste Pflicht, den Worten ihres Gatten zu glauben, aber
sie konnte es nicht. Ihr glückliches Heim, ihr liebendes Wirken im Hause
wurde ihr verhaßt. Das Familienleben, das einst ihre höchste Zuflucht
gewesen war, war für sie jetzt nichts mehr als ein grausames Netz von
Selbstsucht, das Bruder und Schwester von allen Seiten umstrickte. Sie war
eine Frau und stand allein, wie sollte sie den hilflosen Nilmani retten? Je
mehr sie grübelte, je mehr füllte sich ihr Herz mit Abscheu gegen ihren
Gatten und mit unendlicher Liebe für ihren gefährdeten kleinen Bruder. Wenn
sie nur gewußt hätte, wie sie es machen sollte, so wäre sie gern zum Lat
Saheb[16] gegangen, ja sie hätte der Maharani[17] selbst geschrieben, daß
sie das Eigentum ihres Bruders rettete. Die Maharani hätte sicher nicht
geduldet, daß Nilmanis Gut Hasilpur mit einem jährlichen Einkommen von 758
Rupien verkauft würde.

[16] Vizekönig.

[17] Der Königin.

Als Sasi so bei sich überlegte, wie sie ihres Mannes Vetter zur
Rechenschaft ziehen könnte, indem sie sich an die Maharani selbst wandte,
wurde Nilmani plötzlich von Fieber und Krämpfen ergriffen.

Dschoygopal rief den Dorfarzt. Als Sasi ihn bat, einen besseren Arzt zu
holen, sagte Dschoygopal: »Ach was, Matilal versteht seine Sache ganz gut.«

Sasi fiel ihm zu Füßen und beschwor ihn bei ihrem Leben, worauf Dschoygopal
sagte: »Gut, ich werde den Arzt aus der Stadt schicken.«

Sasi kauerte auf dem Bette mit Nilmani im Schoß; er wollte sie auch keinen
Augenblick aus den Augen lassen; er klammerte sich an sie, damit sie ihm
nicht unter irgendeinem Vorwand entschlüpfte, selbst im Schlaf ließ er ihr
Kleid nicht los.

So verging der ganze Tag, und abends kam Dschoygopal und sagte, daß der
Doktor nicht zu Hause sei, er sei fort zu einem entfernten Kranken. Er
fügte hinzu, er selbst müsse noch am selben Abend wegen eines Prozesses
fortreisen und habe Matilal Bescheid gesagt, der sich regelmäßig nach dem
Kranken umsehen wolle.

In der Nacht begann Nilmani im Schlaf zu phantasieren. Sobald der Morgen
dämmerte, nahm Sasi, ohne sich im geringsten zu bedenken, ein Boot und
fuhr mit ihrem kranken Bruder zum Arzt. Der Arzt war zu Hause -- er war gar
nicht aus der Stadt fortgewesen.

Er fand schnell ein Unterkommen für sie, und nachdem er sie der Fürsorge
einer ältlichen Witwe übergeben hatte, unternahm er die Behandlung des
Knaben.

Am nächsten Tage kam Dschoygopal. Kochend vor Wut gebot er seiner Frau,
sofort mit ihm nach Hause zurückzukehren.

»Und wenn du mich kurz und klein schlägst, so kehre ich doch nicht zurück«,
erwiderte sie. »Ihr alle wollt meinen Nilmani umbringen, der nicht Vater
noch Mutter, der niemand als mich hat, aber ich will ihn retten.«

»Dann bleibst du hier und kommst nicht wieder in mein Haus zurück«, rief
Dschoygopal zornig.

Da fuhr Sasi endlich auf. »_Dein_ Haus! Das Haus gehört meinem Bruder!«

»Gut, wir werden sehen«, sagte Dschoygopal. Die Nachbarn erhoben einen
großen Lärm über diesen Vorfall. »Wenn du mit deinem Mann zanken willst,«
sagte Tara, »so tu es zu Hause. Wozu mußt du ihm davonlaufen? Er ist doch
immer dein Gatte.«

Es gelang Sasi, indem sie alles Geld, was sie bei sich hatte, ausgab und
ihre Schmucksachen verkaufte, ihren Bruder aus dem Rachen des Todes zu
retten. Da hörte sie, daß ihr großes Besitztum Dwarigram, auf dem ihr
Wohnhaus stand und dessen jährliche Einkünfte mehr als 1500 Rupien
betrugen, mit Hilfe des Zemindars[18] von Dschoygopal auf seinen eigenen
Namen umgeschrieben worden war. Jetzt gehörte also das ganze Besitztum
nicht mehr ihrem Bruder, sondern ihnen.

[18] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte Hauptpächter
eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.

Als Nilmani sich von seiner Krankheit erholt hatte, bat er immer wieder
kläglich: »Laß uns nach Hause gehen, Schwester.« Er hatte Heimweh nach
seinen Neffen und Nichten, seinen Gespielen. Daher sagte er immer wieder:
»Laß uns heimgehen, Schwester, in unser altes Haus zurück.« Sasi weinte,
wenn er so bat. Wo war ihr Heim?

Aber das Weinen nützte nichts. Ihr Bruder hatte niemanden auf der Welt als
sie. Das sagte sich Sasi. So wischte sie denn ihre Tränen ab, ging in das
Haus des stellvertretenden Friedensrichters, Tarini Babu, und bat seine
Gattin, ihr zu helfen. Der stellvertretende Friedensrichter kannte
Dschoygopal. Daß eine Frau ihr Haus verließ und wegen Eigentumssachen mit
ihrem Manne Streit anfing, brachte ihn sehr gegen Sasi auf. Doch ließ er
sich nichts merken, er schrieb sofort an Dschoygopal und hielt Sasi eine
Zeitlang hin. Dschoygopal kam, setzte seine Frau und seinen Schwager mit
Gewalt in ein Boot und brachte sie nach Hause.

So waren die Gatten nach einer zweiten Trennung zum zweitenmal wieder
vereint. So wollte es Pradschapati[19].

[19] Der Gott der Ehe bei den Hindus.

Nilmani war vollkommen glücklich, daß er nach langer Abwesenheit seine
alten Gespielen wieder hatte. Wie Sasi seine ahnungslose Freude sah, war es
ihr, als ob ihr das Herz brechen wollte.


IV

Der Friedensrichter bereiste während der kühlen Jahreszeit das Land und
schlug sein Zelt im Dorf auf, um zu jagen. Auf der Dorfwiese traf der
Sahib Nilmani. Die andern Knaben gingen dem großen Herrn wie einem
gefährlichen Untier weit aus dem Wege. Aber Nilmani blieb unerschrocken
stehen und starrte den Sahib ernsthaft und neugierig an.

Der Sahib ging belustigt auf ihn zu und fragte auf Bengalisch: »Du gehst in
die Dorfschule?«

Der Knabe nickte stumm. »Was für pustaks[20] liest du?« fragte der Sahib.

[20] Ein gelehrtes Wort für Bücher.

Da Nilmani das Wort pustak nicht verstand, starrte er den Friedensrichter
nur weiter schweigend an. Zu Hause erzählte Nilmani seiner Schwester mit
großer Begeisterung von dieser Begegnung.

Am Mittag ging Dschoygopal, mit Beinkleidern, langem Rock und Turban
angetan, um dem Sahib seine Aufwartung zu machen. Ein Schwarm von
Bittstellern, Dienern und Polizisten standen um ihn herum. Da der Sahib die
Hitze fürchtete, hatte er sich draußen vor dem Zelt an einem kühlen
schattigen Platz an den Gerichtstisch gesetzt, und nachdem er Dschoygopal
einen Stuhl hatte bringen lassen, fragte er ihn, wie alles im Dorfe
stände. Als Dschoygopal so vor aller Augen auf dem Ehrensitz Platz nahm,
schwoll sein Selbstgefühl gewaltig, und er dachte, wie schön es wäre, wenn
jetzt einer von den Tschakrabartis oder Nandis käme und ihn da sähe.

In diesem Augenblick kam eine Frau, das Antlitz dicht verhüllt und Nilmani
an der Hand führend, geradewegs auf den Friedensrichter zu. »Sahib,« sagte
sie, »Ihrem Schutz übergebe ich meinen hilflosen Bruder. Retten Sie ihn.«
Der Sahib, der den ernsten Knaben mit dem großen Kopfe sogleich
wiedererkannte und sich sagte, daß die Frau sicher einer angesehenen
Familie angehörte, stand sogleich auf und bat sie, in sein Zelt
einzutreten.

Doch die Frau sagte: »Was ich zu sagen habe, will ich hier sagen.«

Dschoygopal erbleichte. Für die neugierigen Dorfbewohner war die Geschichte
ein Hauptspaß, und sie drängten sich heran. Aber sobald der Sahib seinen
Stock erhob, machten sie sich davon.

Noch immer die Hand des Bruders haltend, erzählte Sasi die Geschichte
dieses Waisenkindes von Anfang an. Sobald Dschoygopal versuchte, sie zu
unterbrechen, donnerte ihn der Friedensrichter mit zornrotem Gesicht an:
»Schweig!« und machte ihm mit dem Stock ein Zeichen, sich zu erheben und
stehenzubleiben.

Dschoygopal, der innerlich vor Wut schäumte, stand stumm da. Nilmani
schmiegte sich an seine Schwester und hörte scheu und furchtsam zu.

Als Sasi ihre Erzählung beendet hatte, richtete der Sahib ein paar Fragen
an Dschoygopal, und nachdem er seine Antworten gehört hatte, schwieg er
eine ganze Weile. Dann wandte er sich an Sasi: »Gute Frau,« sagte er, »wenn
auch diese Angelegenheit eigentlich nicht vor mein Gericht gehört, so
können Sie doch gewiß sein, daß ich die nötigen Schritte tun werde, um
Ihnen zu helfen. Sie können ohne Sorge mit Ihrem Bruder nach Hause gehen.«

Doch Sasi erwiderte: »Sahib, solange das Haus nicht ihm gehört, wage ich
nicht, ihn dahin zu bringen. Wenn Sie selbst nicht Nilmani bei sich
behalten, wird niemand anders ihn retten können.«

»Und was soll aus Ihnen werden?« fragte der Sahib.

»Ich werde in meines Gatten Haus zurückkehren«, sagte Sasi; »für mich ist
nichts zu fürchten.«

Der Sahib lächelte ein wenig zweifelnd, und da ihm nichts anderes
übrigblieb, so willigte er ein, diesen mageren, dunklen, ernsten, gesetzten
vornehmen bengalischen Knaben, dessen Hals dicht mit Amuletten behängt war,
in seine Obhut zu nehmen.

Als Sasi fortgehen wollte, klammerte der Knabe sich an ihr Kleid. »Hab'
keine Angst, baba, -- komm«, sagte der Sahib. Während die Tränen hinter
ihrem Schleier flossen, sagte Sasi: »Ja, geh, mein Bruder, mein geliebter
Bruder -- du wirst deine Schwester wiedersehen!«

Damit umarmte sie ihn, strich ihm noch einmal liebkosend über Kopf und
Rücken und riß sich dann eilig los, während der Sahib seinen linken Arm um
ihn legte. Das Kind schrie auf: »Schwester, o meine Schwester!« Sasi wandte
sich jäh um und streckte noch einmal stumm den Arm nach ihm aus, als wollte
sie ihn trösten, dann eilte sie mit brechendem Herzen davon.

Und wieder trafen die Gatten in dem altvertrauten Hause zusammen. So
wollte es Pradschapati!

Aber diese Vereinigung dauerte nicht lange. Denn bald darauf hörten die
Dorfbewohner eines Morgens, daß Sasi in der Nacht an der Cholera gestorben
und sofort eingeäschert sei.

Niemand äußerte ein Wort darüber. Nur die Nachbarin Tara wollte mitunter
mit etwas herausplatzen, aber die Leute brachten sie schnell mit
erschrockenem »Pst« zum Schweigen.

Sasi hatte beim Abschied ihrem Bruder versprochen, daß sie sich wiedersehen
würden. Wo das Versprechen erfüllt wurde, kann niemand sagen.



SUBHA


Als man dem Mädchen den Namen Subhaschini[21] gab, wer hätte da ahnen
können, daß sie stumm sein würde? Ihre beiden älteren Schwestern hießen
Sukeschini[22] und Suhasini[23], und um der Gleichförmigkeit willen nannte
der Vater seine jüngste Tochter Subhaschini. Sie wurde der Kürze wegen
Subha genannt.

[21] Die lieblich Plaudernde.

[22] Die lieblich Gelockte.

[23] Die lieblich Lächelnde.

Die beiden älteren Schwestern waren mit den gewöhnlichen Unkosten und
Schwierigkeiten verheiratet, und nun lag die jüngste Tochter wie eine
stille Last auf dem Herzen der Eltern. Alle Menschen schienen zu meinen,
daß sie, da sie nicht sprach, auch nicht fühlte; sie sprachen in ihrer
Gegenwart ganz offen über ihre Zukunft und ihre eigenen Sorgen darüber. Sie
hatte schon in ihrer frühesten Kindheit verstanden, daß sie ein Fluch für
ihr Vaterhaus war, daher zog sie sich von den andern zurück und versuchte,
abseits zu leben. Wenn sie sie nur alle vergessen wollten! Sie fühlte, daß
sie es dann hätte ertragen können. Aber wer kann seinen Schmerz vergessen?
Tag und Nacht quälte der Gedanke an sie die Eltern. Besonders die Mutter
empfand sie als ein körperliches Gebrechen an sich selbst. Für die Mutter
ist die Tochter noch mehr ein Teil ihrer selbst als der Sohn es sein kann;
und ein Fehler an ihr ist für sie eine Quelle persönlicher Schmach.
Banikantha, Subhas Vater, liebte sie eigentlich noch mehr als seine andern
Töchter; aber die Mutter betrachtete sie mit Abneigung als einen
Schandfleck am eigenen Leibe.

Wenn Subha auch keine Sprache hatte, so hatte sie doch ein paar große,
dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen; und ihre Lippen bebten leise
wie ein Blatt bei jedem Gedanken, der sie bewegte.

Wenn wir unsere Gedanken in Worten ausdrücken wollen, so ist die
Vermittlung gar nicht leicht zu finden. Es bedarf erst der Übersetzung, die
oft ungenau ist, und dann werden wir mißverstanden. Aber ein Paar dunkle
Augen brauchen nicht übersetzt zu werden, aus ihnen spricht die Seele
unmittelbar. In ihnen eröffnet oder verschließt sich uns der Gedanke,
leuchtet uns klar entgegen oder tritt düster hervor, steht ruhig und
gelassen da wie der untergehende Mond oder schießt wie der Blitz hervor und
erhellt einen Augenblick alles um sich her. Sie, die von ihrer Geburt an
keine andere Sprache gekannt haben als das Zittern ihrer Lippen, lernen
eine Sprache der Augen, die unendlich ausdrucksvoll ist; sie ist tief wie
das Meer, klar wie der Himmel, in ihr spielen Licht und Schatten, Morgen-
und Abendröte. Die Stummen haben etwas von der einsamen Größe der Natur
selbst. Daher war es fast, als ob die andern Kinder Subha fürchteten; sie
spielten fast nie mit ihr. Sie war schweigend und ohne Gefährten wie der
stille Mittag.

Das Dorf, wo sie lebte, hieß Tschandipur. Sein Fluß, der für einen Fluß
Bengalens klein war, hielt sich in seinen engen Grenzen, wie ein Mädchen
aus dem Mittelstande. Dieser geschäftige Streifen Wasser floß nie über
seine Ufer, sondern erfüllte gewissenhaft seine Pflichten, als ob er ein
Glied jeder Familie gewesen wäre, die an seinen Ufern wohnte. Zu beiden
Seiten waren Häuser und Bäume, die die Ufer beschatteten. So wurde die
Göttin des Flusses, wenn sie von ihrem Königsthron herabstieg, zur
Gartengottheit jedes Heims und eilte, sich selbst vergessend, leichtfüßig
und heiter von einer Aufgabe zur andern, unendlichen Segen spendend.

Banikanthas Gehöft lag dicht am Fluß. Die vorüberfahrenden Schiffer konnten
jede Hütte und jeden Schuppen desselben sehen. Ich weiß nicht, ob irgend
jemand unter diesen Anzeichen von Wohlstand das kleine Mädchen bemerkte,
die, wenn ihre Arbeit getan war, sich nach dem Flußufer schlich und dort
saß. Denn hier vermißte sie die Gabe der Sprache nicht, hier sprach die
Natur für sie. Das Murmeln des Baches, die Stimmen der Dorfleute, die
Lieder der Schiffer, das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume,
alles floß zu _einer_ Sprache zusammen und wurde eins mit dem Zittern ihres
Herzens. Es wurde zu einer großen Woge von Schall, die an ihr sehnsüchtiges
Herz schlug. Dies Rauschen und Raunen in der Natur war die Sprache der
armen Stummen, und in ihren dunklen Augen fand die Sprache der Welt um sie
her ihren Ausdruck. Von den kleinen Heimchen, die im Gebüsch zirpten, bis
zu den stillen Sternen über ihr war nichts, was nicht zu ihr sprach mit
Zeichen und Gebärden, Weinen und Seufzen. Und in der tiefen Stille des
Mittags, wenn die Schiffer und Fischerleute zum Essen gegangen waren, wenn
die Dorfbewohner schliefen und die Vögel verstummt waren, wenn die
Fährboote müßig am Ufer lagen, wenn die große, geschäftige Welt mit ihrer
Arbeit haltmachte und plötzlich schweigend dastand wie ein einsamer,
furchtbarer Riese, dann saßen unter dem weiten Himmelsdom, in der
feierlichen Mittagsstille, die beiden allein und schweigend da: die stumme
Natur und das stumme Mädchen -- die eine überströmt vom Sonnenlichte, die
andere von einem kleinen Baum beschattet.

Aber Subha war nicht ganz ohne Freunde. Im Stall waren zwei Kühe, Sarbaschi
und Panguli. Sie hatten nie von ihren Lippen ihren Namen gehört, aber sie
kannten ihren Schritt. Wenn sie auch keine Worte hatte, so hatte sie doch
ein liebevolles Murmeln für sie, und sie verstanden ihr sanftes Gemurmel
besser als alle Worte. Wenn sie sie liebkoste oder schalt oder sich
zärtlich an sie schmiegte, so verstanden diese Tiere sie besser, als
Menschen es hätten tun können. Subha kam zu ihnen in den Stall und schlang
ihren Arm um Sarbaschis Nacken; sie rieb ihre Wange an der ihrer Freundin,
und Panguli sah sie mit ihren großen gütigen Augen an und leckte ihr
Gesicht. Das Mädchen kam dreimal am Tage regelmäßig zur bestimmten Zeit zu
ihnen, aber auch dazwischen besuchte sie sie noch oft. Immer wenn sie Worte
gehört hatte, die sie verletzten und ihr wehe taten, so kam sie zu diesen
stummen Freunden. Es war, als ob sie in ihrem stillen, traurigen Blick ihre
innere Not läsen. Sie drängten sich dicht an sie und rieben ihre Hörner
sanft an ihren Armen und versuchten, sie in ihrer stummen, hilflosen Art zu
trösten. Außer diesen beiden waren da noch ein paar Ziegen und ein
Kätzchen, aber so nahe standen sie Subha doch nicht, wenn sie sich auch
ebenso anhänglich zeigten. Das Kätzchen sprang bei jeder Gelegenheit, die
sich ihm bot, auf ihren Schoß, um dort sein Schläfchen zu halten, und
schnurrte behaglich und dankbar, wenn Subhas weiche Finger ihm über Hals
und Rücken strichen.

Subha hatte aber auch unter der höheren Tiergattung einen Kameraden, und
es ist schwer zu sagen, wie ihre Beziehungen zueinander waren, denn er
konnte sprechen, und diese Gabe nahm ihnen die Möglichkeit, sich
miteinander in der allgemeinen Natursprache zu verständigen. Er war der
Jüngste von den Gosains, namens Pratap, ein träger Bursche. Nach langer
vergeblicher Mühe hatten seine Eltern die Hoffnung aufgegeben, daß je etwas
aus ihm werden und er es lernen würde, sich selbst durchzuschlagen. Nun
haben Taugenichtse den Vorteil, daß sie, wenn auch ihre eigenen Verwandten
nichts von ihnen wissen wollen, gewöhnlich bei allen andern sehr beliebt
sind. Da sie durch keine Arbeit gebunden sind, werden sie öffentliches
Eigentum. Wie jede Stadt ihren freien Platz braucht, wo alle atmen können,
so braucht jedes Dorf zwei bis drei solche Freiherren von Müßiggang, die
Zeit für alle haben, so daß, wenn wir ein wenig faulenzen möchten und einen
Gefährten brauchen, gleich einer zur Hand ist.

Prataps Hauptehrgeiz richtete sich auf den Fischfang. Damit wußte er eine
Menge Zeit zu verbringen, und fast jeden Nachmittag konnte man ihn in
dieser Beschäftigung finden. So kam es, daß er häufig mit Subha
zusammentraf. Bei allem, was er tat, hatte er gern einen Kameraden, und
beim Fischfang ist ein stummer Kamerad der beste. Pratap schätzte Subha
wegen ihrer Schweigsamkeit, und da alle andern sie Subha nannten, zeigte er
ihr seine Zuneigung, indem er sie Su nannte.

Subha saß dann unter einem Tamarindenbaum, und Pratap warf nicht weit davon
seine Angel aus. Er hatte immer etwas Betel mitgebracht, und Subha
bereitete ihn ihm zu. Und wenn sie so dasaß und ihm lange zusah, stieg wohl
in ihr der heiße Wunsch auf, ihm helfen, etwas Großes für ihn tun zu
können, um zu beweisen, daß sie keine nutzlose Last in dieser Welt sei.
Aber was sollte sie tun? Dann wandte sie sich in stillem Gebet an den
Schöpfer, er möchte ihr plötzlich eine wunderbare Gabe verleihen, so daß
Pratap erstaunt ausrufen müßte: »Potztausend, ich hätte mir nie träumen
lassen, daß unsre Su so etwas könnte!«

Man denke nur! Wenn Subha eine Wassernymphe gewesen wäre, so wäre sie
langsam aus dem Fluß emporgetaucht und hätte ihm den Edelstein aus einer
Schlangenkrone ans Ufer gebracht. Dann hätte Pratap sein armseliges Fischen
lassen und in die Unterwelt hinabtauchen können, und dort hätte er in einem
silbernen Palaste auf einem goldenen Bett -- nun, wen gesehen? Wen sonst
als die stumme kleine Su, Banikanthas Kind? Ja, unsre Su, die einzige
Tochter der glänzenden Juwelenstadt! -- Aber das würde nie geschehen, es
war unmöglich. Nicht daß irgend etwas wirklich unmöglich war, aber Su war
nicht im königlichen Palast von Patalpur[24], sondern im Hause Banikanthas
geboren, und so wußte sie kein Mittel, Pratap in Erstaunen zu setzen.

[24] Stadt der Unterwelt.

Allmählich wuchs sie heran. Allmählich begann sie, sich selbst zu finden.
Ein nie gekanntes, unbestimmtes Gefühl durchwogte sie, wie die Flut des
Meeres, wenn der Vollmond aufsteigt. Sie stand vor sich selbst wie vor
etwas ganz Neuem, das sie sich nicht erklären konnte.

Einmal, es war spät in einer Vollmondnacht, öffnete sie langsam ihre Tür
und blickte schüchtern hinaus. Die Natur, die selbst auch in ihrem Vollmond
war wie die einsame Subha, sah auf die schlafende Erde herab. Auch in ihr
pulsierte starkes junges Leben; Freude und Traurigkeit füllte ihr Wesen zum
Überquellen, sie war an den Grenzen ihrer grenzenlosen Einsamkeit
angelangt, ja, sie war über sie hinausgekommen. Das Herz war ihr schwer,
und die Sprache war ihr versagt! An das Gewand dieser stummen geängsteten
Mutter klammerte sich ein stummes geängstetes Kind.

Der Gedanke an Subhas Heirat erfüllte die Eltern mit steter Sorge. Die
Leute machten ihnen Vorwürfe und sprachen sogar davon, daß sie sie aus der
Kaste ausstoßen würden. Banikantha war wohlhabend, sie aßen zweimal am Tage
Fisch-Ragout, und infolgedessen fehlte es ihnen nicht an Feinden. Da nahmen
die Frauen die Sache in die Hand, und Bani verreiste auf ein paar Tage.
Bald kehrte er zurück und sagte: »Wir müssen nach Kalkutta reisen.«

So wurde denn die Reise in dieses fremde Land vorbereitet. Subhas Herz war
schwer von Tränen wie ein nebelumhüllter Morgen. Eine unbestimmte Angst
hatte sich schon seit Tagen in ihr gesammelt, und sie ging ihren Eltern auf
Schritt und Tritt nach wie ein stummes Tier. Mit angstvoll geöffneten
Augen forschte sie in ihrem Gesicht, als ob sie ihr Schicksal in ihren
Zügen lesen wollte. Aber sie würdigten sie keines Wortes. Eines
Nachmittags, während dies alles vor sich ging und als Subha einmal wie
sonst Pratap beim Fischen zusah, rief er lachend: »Nun, Su, jetzt haben sie
also glücklich einen Bräutigam für dich eingefangen und du wirst heiraten.
Vergiß mich nur nicht ganz!« Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den
Fischen zu. Wie ein verwundetes Wild den Jäger in stummer Todesangst
anblickt, als fragte es ihn: Was habe ich dir getan? so blickte Subha
Pratap an. An dem Tage saß sie nicht mehr unter dem Baum. Als Banikantha
seinen Mittagsschlaf beendet hatte und in seinem Schlafzimmer saß und
rauchte, stürzte Subha ihm plötzlich laut aufschluchzend zu Füßen und sah
ihn flehend an. Banikantha versuchte, sie zu trösten, und auch seine Wange
wurde feucht von Tränen.

Die Reise nach Kalkutta war auf den folgenden Tag festgesetzt. Subha ging
in den Kuhstall, um den Gefährten ihrer Kindheit Lebewohl zu sagen. Sie
ließ sie aus der Hand fressen; sie umklammerte ihren Hals, sie sah ihnen
ins Gesicht, und Tränen strömten unaufhörlich aus ihren Augen und kündeten
den stummen Freunden ihr ganzes Leid. Es war die zehnte Nacht des neuen
Mondes. Subha ging hinaus und warf sich auf ihr Rasenlager neben dem
geliebten Fluß. Es war, als ob sie ihren Arm um die Erde, ihre starke,
schweigende Mutter, schlang und ihr sagen wollte: >Laß mich nicht fort,
Mutter. Leg deine Arme um mich, wie ich sie um dich lege, und halte mich
fest.<

Sie waren in Kalkutta angelangt. In einem fremden Hause putzte die Mutter
Subha sorgfältig heraus. Sie steckte ihr Haar, das sonst frei um ihre
Schultern gehangen hatte, in festen Flechten hoch, behing sie über und über
mit Schmucksachen und tat ihr Bestes, ihre natürliche Schönheit zu
ersticken. Subhas Augen füllten sich mit Tränen. Die Mutter schalt sie
rauh, denn sie fürchtete, die Augen könnten vom Weinen geschwollen werden,
aber die Tränen wollten auf kein Schelten hören. Der Bräutigam kam mit
einem Freunde, um sich die Braut anzusehen. Den Eltern war ganz schwindlig
vor Angst, als sie den Gott nahen sahen, der sich das Tier zu seinem Opfer
erwählen sollte. Hinter den Kulissen gab die Mutter der Tochter noch
eindringlich ihre Verhaltungsmaßregeln und rief dadurch einen erneuten
Tränenausbruch hervor, bevor sie sie zur Musterung entließ. Der große Mann
sah sie eine lange Weile forschend an, dann sagte er: »Gar nicht so übel.«

Er nahm besonders Notiz von ihren Tränen und meinte, sie müsse ein weiches
Herz haben. Dadurch gewann sie in seinen Augen an Wert, denn er sagte sich,
daß ein Mädchen, welches unglücklich sei, weil es seine Eltern verlassen
sollte, auch eine treue und zärtliche Gattin werden würde. Und so dienten
die Tränen des armen Kindes wie die Perlen der Muschel nur dazu, sie
begehrenswerter zu machen.

Der Kalender wurde befragt, und die Hochzeit fand an einem
glückverheißenden Tage statt. Nachdem Subhas Eltern ihre stumme Tochter den
Händen eines andern übergeben hatten, kehrten sie nach Hause zurück. Gott
sei Dank! Ihre Kaste war gerettet, und sie waren gerechtfertigt in dieser
und der zukünftigen Welt! Der Bräutigam hatte seine Arbeit im westlichen
Teil des Landes, und bald nach der Hochzeit nahm er sein Weib mit sich
dorthin.

Es waren noch nicht zehn Tage vergangen, als schon jeder wußte, daß die
junge Frau stumm war! Wenigstens war es nicht ihre Schuld, wenn irgend
jemand es noch nicht wußte, denn sie versuchte niemand zu täuschen. Ihre
Augen erzählten ihre ganze Geschichte, wenn auch niemand sie verstand. Sie
sah auf jede Hand, sie fand nirgends eine Sprache; sie vermißte die
Gesichter, die ihr von ihrer Geburt an vertraut waren und die die Sprache
eines stummen Kindes verstanden hatten. In ihrem schweigenden Herzen tönte
ein endloses stummes Weinen, das nur der Erforscher der Herzen hören
konnte.

Ihr Gebieter aber hielt noch einmal sorgfältig Umschau, diesmal brauchte er
sowohl seine Ohren wie seine Augen und heiratete eine zweite Frau, die
sprechen konnte.



DIE GLÜCKVERHEISSENDE SCHAU


Kantitschandra war noch jung, doch nachdem ihm seine Gattin gestorben war,
suchte er keine zweite Gefährtin, sondern gab sich ganz seiner Leidenschaft
für die Jagd hin. Sein Körper war lang und schlank, zäh und behende, sein
Blick scharf, seine Hand verfehlte nie das Ziel. Er ging wie ein Landmann
gekleidet, und seine Gefährten waren der Wettkämpfer Hira Singh, der Sänger
Khan Saheb, Mian Saheb, Tschakkanlal und viele andere. An müßigen
Begleitern fehlte es ihm nicht.

Im Monat Agrahayan[25] jagte Kanti mit einigen Jagdgefährten im Sumpfgebiet
von Naidighi. Sie waren in Booten, und ein ganzes Heer von Dienern,
gleichfalls in Booten, füllte die Badestufen. Die Dorffrauen fanden es fast
unmöglich, zu baden oder Wasser zu holen. Den ganzen Tag lang erzitterten
Land und Wasser von den Schüssen ihrer Flinten, und Abend für Abend
scheuchte ihre Musik den Schlaf hinweg.

[25] November-Dezember.

Eines Morgens, als Kanti in seinem Boot saß und seine Lieblingsflinte
reinigte, wurde er plötzlich durch einen Schrei wie von einer wilden Ente
aufgeschreckt. Als er aufsah, erblickte er ein Dorfmädchen, das zwei weiße
junge Enten im Arm hielt und sich dem Wasser näherte. Der kleine Fluß stand
fast ganz still, da viele Schlingpflanzen seinen Lauf hemmten. Das Mädchen
setzte die Vögel ins Wasser und bewachte sie ängstlich. Augenscheinlich war
die Nähe der Jäger die Ursache ihrer Unruhe und nicht die Wildheit der
Enten.

Die Schönheit des Mädchens war von einer seltenen Frische und
Unberührtheit, als ob sie eben erst aus der Werkstatt Wischwakarmans[26]
hervorgegangen wäre. Es war schwer, ihr Alter zu erraten. Ihre Gestalt war
fast die eines Weibes, aber ihr Antlitz hatte einen Ausdruck von so
kindlicher Reinheit, daß man sah, die Eindrücke der Welt hatten in ihrer
Seele noch keine Spur hinterlassen. Sie schien selbst nicht zu wissen, daß
sie die Schwelle des Jungfrauentums erreicht hatte.

[26] Der göttliche Bildner in der indischen Mythologie.

Kanti hatte mit dem Reinigen seiner Flinte aufgehört. Er saß da, wie von
einem Zauber gebannt. Solch Antlitz hätte er nie an solchem Ort zu finden
erwartet. Und doch paßte seine Schönheit besser in diese Umgebung hinein
als in die Pracht eines Palastes. Eine Knospe ist lieblicher am Zweig als
in einer goldenen Vase. Das blühende Schilf glänzte im Herbsttau und in der
Morgensonne, und in diesem Rahmen erschien das frische, jugendreine Antlitz
dem entzückten Auge Kantis wie ein heiliges Tempelbild. Kalidasa hat
vergessen zu besingen, wie Schivas Gattin, die Bergkönigin selbst, zuweilen
zum jungen Ganges herabstieg mit ebensolchen jungen Entlein im Arm. Während
er noch in ihren Anblick versunken war, fuhr das Mädchen erschrocken
zusammen, und einen halbartikulierten Schmerzensschrei ausstoßend, ergriff
sie hastig die Enten und barg sie an ihrer Brust. Im nächsten Augenblick
hatte sie das Flußufer verlassen und war in dem nahen Bambusdickicht
verschwunden. Als Kanti sich umsah, erblickte er einen seiner Leute, der
mit einer ungeladenen Flinte auf die Enten zielte. Er sprang sofort auf ihn
zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Der verblüffte Spaßmacher
beendete seinen Spaß am Boden. Kanti fuhr mit dem Reinigen seiner Flinte
fort.

Aber die Neugier ließ ihm doch keine Ruhe und trieb ihn zu dem Dickicht, in
dem er das Mädchen hatte verschwinden sehen. Als er sich hindurchgearbeitet
hatte, befand er sich auf einem Bauernhofe, der von der Wohlhabenheit des
Besitzers Zeugnis gab. An einer Seite war eine Reihe Scheunen mit
kegelförmigen Strohdächern, an der andern ein reinlich gehaltener Kuhstall,
an dessen Ende ein Jujubenstrauch wuchs. Unter dem Strauch saß das Mädchen,
das er am Morgen gesehen hatte, und schluchzte über eine verwundete Taube,
in deren gelben Schnabel sie aus dem feuchten Zipfel ihres Gewandes etwas
Wasser zu tropfen versuchte. Eine graue Katze hatte die Vorderpfoten auf
ihr Knie gestemmt und sah verlangend nach dem Vogel, und hin und wieder,
wenn sie sich zu weit vordrängte, wies das Mädchen sie durch einen
warnenden Schlag auf die Nase wieder an ihren Platz.

Dies kleine Bild, im Rahmen des in der Mittagsstille friedlich daliegenden
Bauernhofes, verfehlte nicht seinen Eindruck auf Kantis empfängliches Herz.
Unter dem zarten Laub des Jujubenstrauches huschten die Lichtkringelchen
hin und her und spielten auf dem Schoße des Mädchens. Nicht weit davon lag
eine Kuh behaglich wiederkäuend und wehrte mit trägen Bewegungen ihres
Kopfes und Schwanzes die Fliegen ab. Der Nordwind flüsterte leise im nahen
Bambusdickicht. Und sie, die ihm in der Morgenfrühe am Flußufer wie die
Waldkönigin erschienen war, erschien ihm jetzt im Schweigen des Mittags wie
die Gottheit des Hauses, die sich voll Erbarmen über ein leidendes Geschöpf
neigte. Kanti, der mit seiner Flinte in ihr Bereich eingedrungen war,
überkam ein Gefühl der Schuld. Er fühlte sich wie ein Dieb, der auf
frischer Tat ertappt war. Es drängte ihn, ihr zu sagen, daß nicht er es
war, der die Taube verletzt hatte. Als er noch so dastand und nicht wußte,
wie er beginnen sollte, rief jemand vom Hause her: »Sudha!« Das Mädchen
sprang auf. »Sudha!« rief die Stimme noch einmal. Sie nahm ihre Taube und
lief hinein. »Sudha!,« dachte Kanti, »welch ein passender Name!«[27]

[27] sudha bedeutet Nektar.

Er kehrte zu seinem Boot zurück, gab seine Flinte einem seiner Leute und
ging zu der vorderen Tür des Hauses. Dort fand er einen Brahmanen von
mittleren Jahren, mit einem friedlichen, glattrasierten Gesicht, der auf
einer Bank vor dem Hause saß und in seinem Erbauungsbuch las. Kanti fand
auf seinem gütigen ernsten Antlitz etwas von der Mildherzigkeit wieder, die
aus dem des Mädchens leuchtete.

Kanti trat grüßend näher und sagte: »Darf ich um etwas Wasser bitten, Herr?
Ich bin sehr durstig.« Der Brahmane hieß ihn mit eifriger
Gastfreundlichkeit willkommen, und nachdem er ihn zum Niedersitzen auf die
Bank genötigt, ging er hinein und brachte eigenhändig einen kleinen
Zinnteller mit Zuckerwaffeln und einem zinnernen Krug mit Wasser.

Nachdem Kanti gegessen und getrunken hatte, bat der Brahmane ihn, ihm
seinen Namen zu sagen. Kanti nannte seinen und seines Vaters Namen und
seinen Wohnort. »Wenn ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein kann, Herr,«
fügte er in der üblichen Weise hinzu, »so werde ich mich glücklich
schätzen.«

»Sie können mir nicht zu Diensten sein, mein Sohn,« sagte Nabin Banerdschi,
»ich habe augenblicklich nur eine einzige Sorge.«

»Und was für eine Sorge ist das?« fragte Kanti.

»Die Sorge um meine Tochter Sudha, die herangewachsen ist« (Kanti lächelte,
als er an ihr Kindergesicht dachte) »und für die ich noch keinen würdigen
Bräutigam habe finden können. Wenn ich sie nur gut verheiratet hätte, so
würde ich der Welt meine Schuld abgetragen haben. Aber hier am Ort ist kein
passender Bräutigam für sie, und ich kann den Dienst meines Gottes hier
nicht im Stich lassen, um anderswo für sie einen Gatten zu suchen.«

»Wenn Sie mich in meinem Boot aufsuchen möchten, Herr, so könnten wir über
die Heirat Ihrer Tochter sprechen.« Mit diesen Worten verabschiedete sich
Kanti und kehrte zu seinem Boot zurück. Dann sandte er einige von seinen
Leuten ins Dorf, um sich nach der Tochter des Brahmanen zu erkundigen. Die
Antwort war ein einstimmiges Lob ihrer Schönheit und Tugenden.

Als am nächsten Tage der alte Mann zu dem Boot kam, um seinen versprochenen
Besuch zu machen, begrüßte ihn Kanti mit tiefer Ehrfurcht und bat ihn um
die Hand seiner Tochter für sich selbst. Der Brahmane war so überwältigt
von diesem ungehofften Glück, -- denn Kanti gehörte nicht nur einer
wohlbekannten Brahmanenfamilie an, sondern war auch ein reicher und
angesehener Gutsbesitzer --, daß er zuerst kaum ein Wort erwidern konnte.
Er dachte, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Endlich wiederholte er
mechanisch: »Sie selbst wollen meine Tochter heiraten?«

»Wenn Sie mich ihrer für würdig halten«, sagte Kanti.

»Sie meinen Sudha?« fragte der Alte noch einmal.

»Ja«, war die Antwort.

»Aber wollen Sie sie nicht erst sehen und mit ihr sprechen?«

Kanti verschwieg, daß er sie schon gesehen hatte, und sagte: »O, das wird
bei der Hochzeit geschehen, im Augenblick der glückverheißenden Schau[28].«

[28] Nach der Verlobung dürfen Braut und Bräutigam sich nicht wiedersehen
bis zu dem Teil der Hochzeitsfeierlichkeit, den man als »glückverheißende
Schau« bezeichnet.

Mit vor innerer Erregung zitternder Stimme sagte der Alte: »Meine Sudha ist
wirklich ein gutes Mädchen, in allen häuslichen Dingen geschickt. Da Sie
sie so großmütig auf Treu und Glauben nehmen, so möge sie Ihnen nie einen
Augenblick Kummer bereiten. Dies ist mein Segen!«

Man mietete das große Backsteingebäude des Archivars für die
Hochzeitsfeierlichkeit, die auf den nächsten Magh[29] festgesetzt wurde, da
Kanti nicht gern länger warten wollte. Zur bestimmten Zeit erschien der
Bräutigam auf seinem Elefanten mit Trommeln und Musik und einem Fackelzuge,
und die Feierlichkeit begann.

[29] Januar-Februar.

Als der Augenblick der glückverheißenden Schau gekommen und der
Scharlachschleier über das Brautpaar geworfen war, sah Kanti zu seiner
Braut auf. In dem schüchternen, verwirrten Antlitz, das sich unter der
Brautkrone neigte und ganz mit Sandelpaste bedeckt war, konnte er kaum das
Dorfmädchen, dessen Bild seiner Phantasie vorschwebte, wiedererkennen, und
seine Erregung war so groß, daß es sich wie ein Nebel über seine Augen
legte.

Als die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber waren und die Frauen sich im
Zimmer der Braut versammelten, bestand eine alte Dame aus dem Dorf darauf,
Kanti solle selbst seinem Weibe den Brautschleier abnehmen. Als er es tat,
fuhr er zurück. Es war nicht dasselbe Mädchen.

Es war ihm, als ob etwas in ihm aufstiege und sein Gehirn durchstäche. Als
ob die Lichter der Lampen sich verdüsterten und Dunkelheit das Gesicht der
Braut selbst schwarz färbte.

Im ersten Augenblick war er zornig auf seinen Schwiegervater. Der alte
Halunke hatte ihm das eine Mädchen gezeigt und das andere verheiratet. Aber
bei ruhiger Überlegung erinnerte er sich, daß ihm der alte Mann überhaupt
keine Tochter gezeigt hatte, -- daß alles seine eigene Schuld war. Er hielt
es für das beste, seine heillose Dummheit den Menschen nicht zu verraten,
und nahm mit scheinbarer Ruhe wieder seinen Platz ein.

Er brachte die Pille glücklich herunter, aber ihren Geschmack konnte er
nicht loswerden. Die ausgelassene Fröhlichkeit der Hochzeitsgesellschaft
war ihm unerträglich. Er war wütend auf sich selbst und auf alle anderen.

Plötzlich merkte er, wie seine Braut, die neben ihm saß, zusammenschrak und
einen Schrei unterdrückte; ein junger Hase war ins Zimmer gesprungen und
über ihre Füße gehuscht. Dicht hinter ihm kam das Mädchen, das er vorher
gesehen hatte. Sie ergriff das Häschen, nahm es in ihren Arm und begann,
ihm liebkosend etwas zuzumurmeln. »Ach, das verrückte Mädchen!« riefen die
Frauen und machten ihr Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Aber sie beachtete
es nicht, sondern kam herein und setzte sich ganz unbekümmert dem Brautpaar
gegenüber, das sie mit kindlicher Neugierde anstarrte. Als ein
Dienstmädchen kam und sie am Arm nahm, um sie hinauszubringen, wehrte Kanti
ihr hastig und sagte: »Laß sie in Ruh.«

»Wie heißt du?« wandte er sich dann an das Mädchen.

Diese wiegte mit dem Körper hin und her, aber gab keine Antwort. Alle
Frauen im Zimmer begannen zu kichern.

Kanti stellte eine andere Frage: »Wie geht es deinen kleinen Enten?«

Das Mädchen fuhr fort, ihn unbekümmert anzustarren.

Der ganz verwirrte Kanti raffte seinen Mut noch einmal zusammen und
erkundigte sich teilnahmsvoll nach der verwundeten Taube, aber es half ihm
nichts. Das zunehmende Gelächter im Zimmer zeigte, daß irgend etwas bei der
Sache sehr komisch war.

Endlich erfuhr Kanti, daß das Mädchen taubstumm und die Gefährtin aller
Tiere im Dorfe sei. Es war nur Zufall gewesen, als sie sich damals bei dem
Ruf Sudha erhoben hatte.

Jetzt traf es Kanti zum zweitenmal wie ein Schlag. Der dunkle Vorhang
zerriß, der sich vor seine Augen gesenkt hatte. Mit einem aus tiefster
Seele kommenden Seufzer der Erleichterung, wie aus einer furchtbaren Gefahr
befreit, blickte er noch einmal in das Antlitz seiner Braut. Dann kam in
Wahrheit die glückverheißende Schau. Das Licht, das aus seinem Herzen und
von den hell leuchtenden Lampen strahlte, fiel auf ihr liebliches Antlitz,
und er sah es in seinem wahren Glanz und wußte, daß Nabins Segen sich
erfüllen würde.



DER POSTMEISTER


Der Postmeister begann seine Laufbahn im Dorfe Ulanur. Zwar war das Dorf
nur klein, aber in seiner Nähe lag eine Indigofabrik, und der Besitzer, ein
Engländer, hatte es durchgesetzt, daß das Dorf ein Postamt bekam.

Unser Postmeister stammte aus Kalkutta. Er fühlte sich in diesem
abgelegenen Dorfe wie ein Fisch auf dem Trocknen. Seine Amtsstube, die
zugleich als Wohnraum diente, war in einem dunklen Strohschuppen, nicht
weit von einem grünen, schlammigen Teiche, der an allen Seiten von dichtem
Buschwerk umgeben war.

Die Männer, die in der Indigofabrik beschäftigt waren, hatten keine Zeit;
sie waren auch wohl kaum wünschenswerte Gesellschaft für Leute seines
Standes. Dazu kommt noch, daß ein junger Kalkuttaer sich schwer an andre
anschließt. Unter Fremden macht er immer den Eindruck, als ob er stolz sei
oder sich nicht wohl unter ihnen fühle. So war der Postmeister recht
einsam; zu tun hatte er auch nicht viel.

Zuweilen versuchte er sich in Versen. Er versuchte zum Ausdruck zu bringen,
daß das Rauschen der Blätter und das Wandern der Wolken am Himmel genug
seien, um das Leben mit Freude zu füllen. Aber Gott weiß, daß der arme
Bursche sich wie neugeboren gefühlt hätte, wenn irgendein Geist aus
Tausendundeiner Nacht plötzlich Bäume, Blätter und alles hinweggefegt und
sie durch eine gutgepflasterte Straße ersetzt hätte, deren hohe
Häuserreihen ihm die Wolken verdeckten.

Des Postmeisters Gehalt war gering. Er mußte sich seine Mahlzeiten selbst
zubereiten und teilte sie mit Ratan, einem Waisenmädchen aus dem Dorf, die
allerlei kleine Dienste für ihn verrichtete.

Wenn am Abend der Rauch aus den Kuhställen aufzusteigen begann[30] und in
jedem Busch die Heimchen zirpten; wenn die Fakire der Baul-Sekte an ihren
täglichen Versammlungsorten ihre schrillen Lieder sangen, wenn einem
Dichter, der etwa versucht hätte, auf das Rauschen der Blätter im
Bambusdickicht zu horchen, ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen
wäre -- dann zündete der Postmeister seine kleine Lampe an und rief:
»Ratan!«

[30] Man zündet in den Kuhställen Rauchfeuer an, um die Moskitos zu
vertreiben.

Ratan saß draußen und wartete auf diesen Ruf, aber statt sogleich
hereinzukommen, antwortete sie erst: »Haben Sie mich gerufen, Herr?«

»Was tust du?« fragte dann der Postmeister.

»Ich muß jetzt wohl das Küchenfeuer anzünden«, kam als Antwort zurück.

Und dann sagte der Postmeister: »Ach, laß das Feuer noch eine Weile, zünde
mir erst meine Pfeife an.«

Nach einem Augenblick kam Ratan herein, mit aufgeblasenen Backen, denn sie
blies aus Leibeskräften in ein Stück brennende Kohle, womit sie den Tabak
anzündete. Dies gab dem Postmeister dann eine Gelegenheit zur Unterhaltung.
»Nun, Ratan,« begann er dann wohl, »hast du noch irgendwelche Erinnerungen
an deine Mutter?«

Das war ein ergiebiges Thema. Ratan hatte nicht mehr viel Erinnerungen an
sie. Ihr Vater hatte mehr von ihr gehalten als ihre Mutter, an ihn
erinnerte sie sich noch viel lebhafter. Er pflegte am Abend nach der Arbeit
heimzukommen, und ein paar solcher Abende hatten sich ihrem Gedächtnis wie
deutliche Bilder eingegraben. Ratan hockte auf dem Boden, während sie sich
in diesen Erinnerungen erging. Sie gedachte eines kleinen Bruders, und wie
sie einmal an einem trüben Tag am Teich mit ihm Fischen gespielt hatte, mit
einem Zweig als Angelrute. Solche kleinen Erlebnisse wurden in der
Erinnerung groß und bedeutungsvoll und verdrängten die größeren. Während
sie so plauderten, wurde es oft sehr spät, und der Postmeister fühlte sich
zu schläfrig, um noch irgend etwas zu kochen. Dann machte Ratan eilig ein
Feuer an und röstete etwas ungesäuertes Brot, das ihnen, zusammen mit den
kalten Resten der Mittagsmahlzeit, als Abendessen genügte.

An manchen Abenden, wenn der Postmeister so an seinem Pult in der Ecke des
großen, leeren Strohschuppens saß, rief auch er die Erinnerungen an sein
Heim wach, an seine Mutter und Geschwister, an die, nach denen sich sein
Herz in seiner Verbannung sehnte -- an die er immer dachte, aber von denen
er mit den Fabrikleuten nicht sprechen konnte, obgleich es ihm ganz
natürlich war, in Gegenwart des einfachen kleinen Mädchens ihrer zu
gedenken. Und so kam es, daß das Mädchen, wenn sie von den Seinen sprach,
sie als Mutter, Bruder und Schwester[31] bezeichnete, als ob sie sie ihr
Leben lang gekannt hätte. Sie hatte ja auch in ihrem kleinen Herzen ein
deutliches Bild von jedem einzelnen.

[31] Die Dienstboten in der Familie bezeichnen den Herrn und die Herrin als
Vater und Mutter und die Kinder als ältere Geschwister.

Es war in der Regenzeit, an einem Mittage. Der Regen hatte gerade
aufgehört, und es wehte eine leise, kühle Brise. Der Duft des feuchten
Grases und Laubes in der heißen Sonne berührte den Körper wie der warme
Atem der ermüdeten Erde. Ein Vogel wiederholte den ganzen Nachmittag
unermüdlich den Kehrreim seines Klageliedes im Audienzraum der Natur.

Der Postmeister hatte nichts zu tun. Der Glanz des frischgewaschenen Laubes
und die aufgetürmten Wolkenmassen am Himmel waren ein herrlicher Anblick,
und der Postmeister sah den abziehenden Regenwolken nach und dachte bei
sich: »Ach, wenn ich nur eine verwandte Seele hier hätte, ein liebendes
Wesen, das ich an mein Herz schließen könnte!« Genau dasselbe, so dachte er
weiter, versuchte auch jener Vogel zu sagen, genau dasselbe seufzte das
Laub des alten Baumes, an dessen Stamm er müßig seinen Rücken lehnte. Aber
das wußte und glaubte niemand, daß auch in einem schlecht bezahlten
Dorfpostmeister in der tiefen Stille der Mittagspause solche Gefühle
aufsteigen könnten.

Der Postmeister seufzte und rief: »Ratan!« Ratan lag ausgestreckt unter dem
Guajavabaum und war eifrig damit beschäftigt, unreife Guajavafrüchte zu
essen. Sobald sie die Stimme ihres Herrn hörte, kam sie atemlos angelaufen
und fragte: »Haben Sie mich gerufen, Dada[32]?« --»Ich dachte eben,« sagte
der Postmeister, »ich könnte dich eigentlich lesen lehren.« Und er brachte
den Rest des Tages damit zu, ihr das Alphabet beizubringen.

[32] = älterer Bruder

Auf diese Weise kam Ratan in ganz kurzer Zeit schon bis zu den
Doppelkonsonanten.

Es schien, als ob die Regenzeit nicht enden wollte. Kanäle, Gräben und
Gruben strömten über von Wasser. Tag und Nacht hörte man das Prasseln des
Regens und das Quaken der Frösche. Die Dorfstraßen wurden unpassierbar, und
man mußte seine Einkäufe in flachen Booten machen.

Eines Morgens, als der Himmel wieder schwer von Wolken war, hatte die
kleine Schülerin des Postmeisters schon lange vor der Tür auf seinen Ruf
gewartet. Als sie immer noch nichts hörte, nahm sie endlich ihr arg
zerlesenes Buch und ging leise hinein. Sie fand ihren Herrn auf seiner
Matratze ausgestreckt, und in dem Glauben, er schliefe noch, wollte sie
schon auf den Zehen wieder hinausschleichen, als sie plötzlich ihren Namen
hörte: »Ratan!« Sie wandte sich sogleich um und fragte: »Schliefen Sie,
Dada?« Der Postmeister sagte in klagendem Ton: »Ich bin nicht wohl. Fühl'
einmal meinen Kopf, ist er nicht ganz heiß?«

In der Einsamkeit seiner Verbannung und in dem trüben Dunkel der Regenzeit
brauchte sein schmerzender Körper etwas zarte und liebevolle Pflege. Er
gedachte mit Sehnsucht der Zeit, wo eine weiche Hand mit leise klirrendem
Armband sanft über seine Stirn gestrichen hatte, und er versuchte sich
vorzustellen, daß Frauenliebe an seinem Lager saß in Gestalt von Mutter und
Schwester. Und er wurde nicht enttäuscht. Ratan hörte auf, ein kleines
Mädchen zu sein. Sie trat sofort an die Stelle der Mutter, rief den
Dorfarzt, gab dem Patienten zu den vorgeschriebenen Zeiten seine Pillen,
wachte die ganze Nacht an seinem Lager, kochte ihm seine Hafersuppe und
fragte von Zeit zu Zeit: »Fühlen Sie sich ein wenig besser, Dada?«

Es dauerte einige Zeit, bis der Postmeister mit sehr geschwächtem Körper
sein Krankenlager verlassen konnte. »Dies geht nicht so weiter«, sagte er
entschlossen. »Ich muß um Versetzung einkommen.« Er schrieb sofort in
diesem Sinne ein Gesuch nach Kalkutta mit der Begründung, daß der Ort zu
ungesund sei.

Nachdem Ratan ihrer Pflichten als Krankenpflegerin enthoben war, nahm sie
wieder ihren alten Platz draußen vor der Tür ein. Aber sie wartete
vergebens auf den altgewohnten Ruf. Mitunter blickte sie verstohlen hinein;
dann sah sie den Postmeister auf seinem Stuhl sitzen oder auf seiner
Matratze ausgestreckt und geistesabwesend in die Luft starren. Während
Ratan auf ihren Ruf wartete, wartete der Postmeister auf eine Antwort auf
sein Gesuch. Die Kleine las ihre alten Aufgaben immer wieder durch; ihre
größte Angst war, daß sie, wenn sie gerufen würde, die Doppelkonsonanten
nicht richtig lesen könnte. Endlich, nach einer Woche, kam eines Abends
wirklich der Ruf. Mit überquellendem Herzen stürzte Ratan ins Zimmer:
»Haben Sie mich gerufen, Dada?«

Der Postmeister sagte: »Ich reise morgen fort, Ratan.«

»Wohin reisen Sie, Dada?«

»Ich reise nach Hause.«

»Wann kommen Sie zurück?«

»Ich komme nicht zurück.«

Ratan fragte nicht weiter. Der Postmeister erzählte ihr von selbst, daß
sein Gesuch um Versetzung abschlägig beschieden sei, und daß er nun seinen
Posten aufgegeben habe und nach Hause wolle.

Lange sprach keiner von beiden ein Wort. Die Lampe brannte trübe weiter,
und durch ein Loch in einer Ecke des Daches tropfte das Wasser gleichmäßig
in ein irdenes Gefäß, das darunter auf dem Boden stand.

Nach einer Weile stand Ratan auf und ging in die Küche, um das Abendessen
zu bereiten; aber sie wurde nicht so schnell damit fertig wie sonst. Viele
neue Gedanken stürmten auf ihr kleines Hirn ein. Als der Postmeister sein
Abendessen beendet hatte, fragte das Mädchen ihn plötzlich: »Dada, werden
Sie mich mit nach Hause nehmen?«

Der Postmeister lachte. »Was für ein Einfall!« sagte er; aber es schien ihm
überflüssig, dem Mädchen zu erklären, was denn so Lächerliches dabei sei.

Die ganze Nacht, im Wachen und im Traum, verfolgte sie des Postmeisters
lachende Antwort: »Was für ein Einfall!«

Als der Postmeister am andern Morgen aufstand, fand er sein Bad bereit. Er
hatte an seiner Kalkuttaer Gewohnheit festgehalten, im Hause zu baden,
statt, wie man es sonst im Dorfe tat, sein Bad im Fluß zu nehmen. Das
Mädchen hatte ihn nicht fragen können, um welche Zeit er abreisen wolle,
daher hatte sie schon lange vor Sonnenaufgang das Wasser vom Fluß geholt,
damit er es bereit fände, sobald er es brauchte. Nach dem Bade hörte sie
ihn rufen. Sie trat leise ein und sah ihrem Herrn schweigend ins Gesicht,
seine Befehle erwartend. »Du brauchst dir keine Sorge zu machen wegen
meines Fortgehens, Ratan,« sagte er zu ihr, »ich werde meinem Nachfolger
sagen, daß er sich um dich kümmert.« Diese Worte waren ohne Zweifel
freundlich gemeint, aber ein Frauenherz ist unberechenbar.

Ratan hatte, ohne zu klagen, manche Schelte von ihrem Herrn hingenommen,
aber diese freundlichen Worte konnte sie nicht ertragen. »Nein, nein!« rief
sie, in Tränen ausbrechend, »Sie brauchen niemandem irgend etwas über mich
zu sagen; ich will hier nicht länger bleiben.«

Der Postmeister war sprachlos. So hatte er Ratan nie gesehen. --

Pünktlich kam der Nachfolger an, und nachdem der Postmeister ihm das Amt
übergeben hatte, schickte er sich an, abzureisen. Bevor er aufbrach, rief
er Ratan und sagte: »Hier ist etwas für dich; ich hoffe, damit kommst du
eine kleine Zeitlang aus.« Und damit zog er aus seiner Tasche sein ganzes
Monatsgehalt und behielt nur eine geringfügige Summe für seine
Reiseausgaben zurück. Doch Ratan fiel ihm zu Füßen und rief: »Ach nein,
Dada, bitte geben Sie mir nichts, kümmern Sie sich überhaupt gar nicht um
mich!« Dann lief sie hinaus.

Der Postmeister seufzte, nahm seine Reisetasche, hängte seinen Regenschirm
über die Schulter, und begleitet von einem Manne, der seinen bunten, mit
Eisenblech beschlagenen Koffer trug, ging er langsam nach dem Schiff.

Als er einstieg und das Schiff abfuhr und die vom Regen geschwollenen
Wasser des Flusses schweigend seinen Bug umsprudelten wie Tränenströme, die
von der Erde aufstiegen, da wurde ihm eigentümlich weh ums Herz. Das
gramerfüllte Antlitz des Dorfmädchens schien ihm ein Abbild zu sein von dem
großen, unausgesprochenen, unermeßlich tiefen Leid der Mutter Erde selbst.
Schon spürte er den Drang, umzukehren und das einsame, von der Welt
verlassene Geschöpf mitzunehmen. Aber der Wind hatte gerade die Segel
gebläht, das Schiff war mitten in der heftigen Strömung, das Dorf lag schon
hinter ihm, und der weit außerhalb des Dorfes liegende Verbrennungsplatz
wurde bereits sichtbar.

So ließ sich denn der Reisende auf den Wogen des schnell strömenden Flusses
dahintragen und tröstete sich mit philosophischen Betrachtungen über die
zahllosen Trennungen in der Welt und über den Tod, die letzte große
Trennung.

Aber Ratan hatte keine Philosophie. Sie wanderte ruhelos im Postamt umher,
und ihre Tränen flossen unaufhaltsam. Vielleicht hegte sie noch in
irgendeinem Winkel ihres Herzens eine leise Hoffnung, daß ihr Dada
zurückkehren werde, und dies war der Grund, weshalb sie sich nicht
losreißen konnte. Ach, um das törichte Menschenherz!



DIE FLUSSTREPPE


Wenn du von vergangenen Zeiten hören willst, setze dich hier auf diese
meine Stufe und lausche dem Murmeln und Plätschern des Wassers.

Es war Anfang September. Der Fluß war hoch geschwollen, nur vier von meinen
Stufen sahen aus dem Wasser hervor. Seine Wellen überspülten die tiefer
liegenden Teile des Ufers, wo die Katschupflanzen in dichten Massen unter
den Zweigen der Mangobäume wuchsen. An einer Biegung des Flusses ragten
drei alte Steinhaufen aus dem Wasser hervor. Die Fischerboote, die an die
Stämme der Akazienbäume am Ufer festgebunden waren, schaukelten sich am
frühen Morgen auf den schwellenden Fluten. Die langen Gräser auf der
Sandbank wurden gerade von der eben aufgehenden Sonne berührt; sie waren
noch nicht voll erblüht, sondern hatten erst zu blühen begonnen.

Die kleinen Boote blähten ihre winzigen Segel auf dem sonnenbeschienenen
Fluß. Der Brahmanenpriester kam mit seinen heiligen Gefäßen, um zu baden.
Die Frauen kamen zu zweien und dreien, um Wasser zu holen. Ich wußte, dies
war die Zeit, wo Kusum zur Badetreppe kam.

Aber an jenem Morgen vermißte ich sie. Bhuban und Swarno kamen und klagten
um sie. Sie sprachen darüber, daß man ihre Freundin fortgebracht habe zu
dem Hause ihres Gatten, an einen Ort weitab von dem Fluß, mit fremden
Menschen und fremden Häusern und fremden Straßen.

Mit der Zeit verblaßte ihr Bild fast ganz in meiner Erinnerung. Ein Jahr
verging. Die Frauen auf den Badestufen sprachen selten von Kusum. Aber
eines Morgens schrak ich zusammen bei der altvertrauten Berührung ihrer
Füße. Ach ja, es waren ihre Füße, aber sie waren ohne Spangen und hatten
ihre alte Musik verloren.

Kusum war Witwe geworden. Die Leute sagten, daß ihr Gatte an einem fernen
Ort gearbeitet und sie ihn nur ein paar Mal gesehen hätte. Ein Brief hatte
ihr die Nachricht von seinem Tode gebracht. So war sie mit acht Jahren
Witwe geworden, hatte das rote Frauenmal von ihrer Stirn entfernt, ihren
Schmuck abgelegt und war in ihr altes Heim am Ganges zurückgekehrt. Aber
sie fand nur noch wenige ihrer alten Spielgefährtinnen. Bhuban, Swarno und
Amala waren verheiratet und fortgezogen; nur Sarat war noch da, aber auch
sie, hieß es, würde nächsten Dezember heiraten.

Wie der Ganges, sobald die Regenzeit kommt, schnell zu seiner ganzen,
herrlichen Fülle anschwillt, so entfaltete sich auch Kusum von Tag zu Tag
zu der ganzen Fülle jugendlicher Schönheit. Aber ihr dunkles Gewand, ihr
ernstes Gesicht und stilles Wesen warfen einen Schleier über ihre Jugend
und verbargen sie den Augen der Menschen wie hinter einem Nebel. Zehn Jahre
glitten dahin, und niemand schien bemerkt zu haben, daß Kusum zum Weibe
herangereift war.

Vor langen Jahren, an einem Septembermorgen wie heute, kam ein großer,
schlanker, junger Sannjasin von heller Hautfarbe des Weges daher und nahm
Herberge in dem Schivatempel mir gegenüber. Das Gerücht von seiner Ankunft
verbreitete sich im Dorfe. Die Frauen ließen ihre Krüge stehen und drängten
sich in den Tempel, um dem heiligen Mann ihre Ehrfurcht zu erweisen.

Die Menge wuchs mit jedem Tage. Der Ruhm des Sannjasin verbreitete sich
schnell unter den Frauen. Einmal trug er ihnen aus dem Bhâgavata-Purâna
vor, ein andermal erklärte er ihnen die Gîtâ oder predigte im Tempel über
ein heiliges Buch. Einige suchten Rat bei ihm, einige Zaubermittel und
einige Arznei.

So vergingen Monate. Im April, zur Zeit der Sonnenfinsternis, kamen
ungeheure Scharen hierher, um im Ganges zu baden. Unter den Akazienbäumen
wurde ein Jahrmarkt abgehalten. Viele von den Pilgern suchten den Sannjasin
auf, und unter ihnen waren einige Frauen aus dem Dorfe, wo Kusum
verheiratet gewesen war.

Es war an einem Morgen. Der Sannjasin saß auf meinen Stufen und sprach
seine Gebete, als plötzlich eine der Pilgerinnen ihre Nachbarin anstieß und
sagte: »Ei sieh doch! Es ist ja der Gatte unserer Kusum!« Die andere hielt
vorsichtig mit zwei Fingern ihren Schleier ein klein wenig auseinander und
rief aus: »O Himmel, er ist es wirklich! Es ist der jüngste Sohn der
Familie Tschattergu aus unserm Dorfe!« Und eine dritte, die ihren Schleier
nicht so geflissentlich zur Schau trug, rief: »Ja gewiß muß er es sein! Er
hat genau dieselbe Stirn und Nase und Augen!« Doch eine andere Frau sagte
seufzend, indem sie ihren Krug ins Wasser tauchte und sich nicht weiter
nach dem Sannjasin umsah: »Ach nein! Der junge Mann lebt nicht mehr; er
kommt nicht zurück. Die arme Kusum!«

»Er hatte auch keinen so großen Bart,« wandte eine andere ein. »Und so
mager war er auch nicht.« »Und auch nicht so groß,« meinten noch andere.
Damit war die Frage erledigt, und man sprach nicht mehr darüber.

Eines Abends, als der Vollmond aufging, kam Kusum und setzte sich auf meine
unterste Stufe dicht über dem Wasser, und ihr Schatten fiel auf mich.

Es war sonst niemand an dem Badeplatz. Die Heimchen zirpten um mich her.
Das Geläute der Tempelglocken hatte aufgehört, die letzte Tonwelle
verebbte langsam, bis sie sich allmählich im verdämmernden Hain des andern
Ufers verlor. Auf dem dunklen Wasser des Ganges lag ein Streifen
glitzernden Mondlichts. Am Uferrand, in den Büschen und Hecken, unter dem
Tempelportal, in den Ruinen verfallener Häuser, am Rand des Teiches, im
Palmenhain, überall stiegen Schatten auf von phantastischer Gestalt. Die
Fledermäuse hingen an den Zweigen der Tschatimbäume und schwangen leise hin
und her. In der Nähe erhob sich das laute Geheul der Schakale und
verstummte dann wieder.

Langsam trat der Sannjasin aus dem Tempel. Als er die Badetreppe
herabsteigen wollte, sah er eine Frau allein dort sitzen und war schon im
Begriff umzukehren, als Kusum plötzlich den Kopf hob und sich umsah. Ihr
Schleier glitt herab, und das Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht, als sie
ihn anblickte.

Eine Eule flog schreiend über die beiden hinweg. Kusum schrak zusammen bei
dem Laut, kam zu sich und zog den Schleier über den Kopf. Dann neigte sie
sich tief vor dem Sannjasin.

Er segnete sie und fragte: »Wer bist du?«

»Ich heiße Kusum«, erwiderte sie.

Weiter wurde an jenem Abend kein Wort gesprochen. Kusum ging langsam zu
ihrem Hause zurück, das ganz in der Nähe war. Aber der Sannjasin blieb in
jener Nacht noch stundenlang auf meinen Stufen sitzen. Endlich, als der
Mond seinen Weg von Osten nach Westen zurückgelegt hatte und der Schatten
des Sannjasin von hinten nach vorn gerückt war, stand er auf und ging in
den Tempel.

Seitdem sah ich Kusum täglich zu ihm kommen und ihm ihre Ehrfurcht
bezeugen. Wenn er die heiligen Schriften erklärte, stand sie in einer Ecke
und hörte ihm zu. Wenn er seinen Morgengottesdienst beendet hatte, pflegte
er sie zu sich zu rufen und zu ihr über Religion zu sprechen. Sie konnte
wohl nicht alles verstehen, aber sie hörte ihm aufmerksam und schweigend zu
und versuchte, es zu verstehen. Seinen Weisungen folgte sie blindlings.
Täglich kam sie zum Tempel, immer zum Dienst des Gottes bereit, sei es, daß
sie Blumen zum Morgen- und Abendopfer pflückte oder Wasser vom Ganges
holte, um die Tempelfliesen zu waschen.

Der Winter nahte sich seinem Ende. Kalte Winde wehten. Aber dann kam am
Abend ganz unerwartet die warme Frühlingsbrise vom Süden her; der Himmel
verlor sein frostiges Aussehen; nach langem Schweigen ertönte wieder Musik
und Flötenspiel im Dorfe. Die Schiffer zogen die Ruder ein, ließen ihre
Fahrzeuge mit dem Strom treiben und begannen die alten Lieder von Krischna
zu singen. Der Frühling war da.

Damals fing ich an, Kusum zu vermissen. Seit einiger Zeit war sie weder zum
Fluß noch zum Tempel oder zum Sannjasin gekommen.

Was dazwischen geschah, weiß ich nicht, aber nach einiger Zeit trafen die
beiden sich eines Abends auf meinen Stufen.

Mit gesenktem Blick fragte Kusum: »Herr, hast du mich rufen lassen?«

»Ja, warum sehe ich dich nicht mehr? Warum hast du in letzter Zeit
angefangen, den Dienst der Götter zu vernachlässigen?«

Sie schwieg.

»Sage mir deine Gedanken ganz offen.«

Mit halbabgewandtem Gesicht erwiderte sie: »Ich bin ein sündiges Weib,
Herr, und so diene ich den Göttern nur schlecht.«

Der Sannjasin sagte: »Kusum, ich weiß, dich quält etwas.«

Sie zuckte leicht zusammen. Dann verhüllte sie ihr Gesicht in ihrem Sari
und setzte sich weinend auf die Stufe zu Füßen des Sannjasin.

Er trat etwas zurück. Dann sagte er: »Sag' mir, was du auf dem Herzen hast,
damit ich dir den Weg zum Frieden zeige.«

Sie erwiderte in einem Ton unerschütterlichen Vertrauens, indem sie ab und
zu nach Worten rang: »Wenn du befiehlst, so muß ich dir alles sagen. Aber
es ist so schwer, ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Du, Herr,
mußt es ja erraten haben. Ich verehrte Einen wie einen Gott, ich betete ihn
an, und mein Herz war ganz erfüllt von der Seligkeit dieser Hingebung. Aber
eines Nachts hatte ich einen Traum. Mir träumte, der Herr meines Herzens
saß neben mir in einem Garten; er hielt meine rechte Hand in seiner Linken
und flüsterte mir Worte der Liebe zu. Alles schien mir vertraut und als
müsse es so sein. Der Traum verschwand, aber seine Wirkung blieb. Als ich
ihn am nächsten Tage wiedersah, erschien er mir im andern Licht als vorher.
Jenes Traumbild verfolgte mich. Ich floh in meiner Angst und hielt mich
fern von ihm, aber das Bild wich nicht. Seitdem hat mein Herz keinen
Frieden gekannt, -- alles in mir ist dunkel geworden!«

Während sie unter Tränen ihre Geschichte erzählte, fühlte ich, wie der
Sannjasin den rechten Fuß fest auf meine Steinstufe preßte.

Als sie geendet hatte, sagte er: »Du mußt mir sagen, wen du im Traum
sahst.«

Mit gefalteten Händen flehte sie: »Ich kann nicht.«

Er beharrte: »Du mußt mir sagen, wer es war.«

Sie rang die Hände. »Muß ich es dir sagen?« fragte sie. »Ja,« erwiderte er.
»Du bist es, Herr!« stieß sie hervor. Dann brach sie schluchzend zusammen
und barg ihr Antlitz an meinem steinernen Busen.

Als sie wieder zu sich kam und sich aufrichtete, sagte der Sannjasin
langsam: »Ich verlasse diesen Ort noch heute abend, damit du mich nicht
wiedersiehst. Bedenke, daß ich ein Sannjasin bin, der nicht dieser Welt
gehört. Du mußt mich vergessen.«

Kusum erwiderte mit leiser Stimme: »Wie du befiehlst, Herr.«

»Leb denn wohl«, sagte der Sannjasin. Kusum neigte sich stumm vor ihm und
berührte ehrfurchtsvoll seine Füße. Dann ging er.

Der Mond stieg herab; die Nacht wurde dunkel. Ich hörte ein Platschen im
Wasser. Der Sturm raste durch die dunkle Nacht, als ob er alle Sterne am
Himmel auslöschen wollte.



DER AUSGESTOSSENE


Gegen Abend hatte das Gewitter den Höhepunkt erreicht. Der Regen kam wütend
herabgestürzt, wild krachte der Donner, und unaufhörlich zuckten die Blitze
über den Himmel hin; es war, als ob in den Lüften eine Schlacht zwischen
Göttern und Dämonen rase. Schwarze Wolken flatterten daher wie die Fahnen
des Verderbens. Der Ganges war zu wilder Wut aufgepeitscht, und die Bäume
an seinen Ufern schwankten seufzend und stöhnend hin und her.

In einem der Häuser am Fluß, in Tschandernagur, saß bei geschlossenen Türen
und Fenstern ein Mann neben seiner Frau auf dem Bett und redete
eindringlich auf sie ein. Eine irdene Lampe brannte neben ihnen.

Scharat, der Mann, sagte: »Ich wollte, du bliebst noch ein paar Tage hier,
bis du ganz wiederhergestellt bist, dann könntest du frisch und gesund nach
Hause zurückkehren.«

Kiran erwiderte: »Ich bin schon ganz wiederhergestellt. Es kann mir
unmöglich schaden, wenn ich jetzt reise.«

Jeder Verheiratete wird sofort begreifen, daß die Unterhaltung nicht ganz
so kurz war, wie ich sie berichtet habe. Die Sache selbst war nicht
schwierig, aber die Gründe für und wider wollten sie zu keiner Entscheidung
kommen lassen. Wie ein steuerloses Boot drehte sich die Diskussion immer um
denselben Punkt, bis sie zuletzt in Gefahr kam, von einem Tränenstrom
überflutet zu werden.

Scharat sagte: »Der Doktor meint, du solltest noch ein paar Tage hier
bleiben.«

»Dein Doktor weiß natürlich alles«, erwiderte Kiran.

»Aber du weißt doch auch, daß gerade jetzt überall so viel Krankheiten
sind!« sagte Scharat. »Du tätest gut, noch ein paar Monate hierzubleiben.«

»Als ob hier alle Welt gesund wäre!«

Die Sache war die: Kiran war der allgemeine Liebling ihrer Verwandten und
Freunde, so daß, als sie ernstlich erkrankte, alle in großer Sorge um sie
waren. Die Besserwisser im Dorfe zwar fanden es lächerlich von ihrem
Gatten, daß er sich um eine Frau so anstellte und sogar Luftveränderung für
sie für nötig hielt. Als ob noch niemals eine Frau krank gewesen wäre! Und
meinte er denn, daß an dem Ort, wohin er sie bringen wollte, die Leute
unsterblich seien? Aber Scharat und seine Mutter hatten für solche Reden
taube Ohren, ihnen war das Leben ihres Lieblings wichtiger als alle
Weisheit eines Dorfes. Denn in solchen Fällen haben die Menschen immer
ihren eigenen Maßstab. So waren sie also nach Tschandernagur gereist und
Kiran war genesen, wenn sie auch noch sehr schwach war. Ihr Gesichtchen war
so schmal und blaß, daß der Gatte, wenn er sie ansah, von Mitleid erfüllt
war, und der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen war, ihm zu entgleiten,
machte sein Herz erzittern.

Kiran liebte fröhliche Geselligkeit; das einsame Leben in der Villa am Fluß
war gar nicht nach ihrem Geschmack. Es gab nichts zu tun, keine
interessanten Nachbarn, und sie haßte es, sich den ganzen Tag mit Medizin
und Krankenkost zu beschäftigen. Sie hatte genug von dem ewigen Aufwärmen
und Einlöffeln. Dies war der Gegenstand, über den die Gatten sich
unterhielten, als sie an diesem stürmischen Abend zusammen im Schlafzimmer
saßen.

Solange Kiran sich zu Erörterungen herbeiließ, war ein ehrlicher Kampf
möglich. Aber als sie nun aufhörte, ihm zu antworten, den Kopf zurückwarf
und verzweifelt nach der andern Seite starrte, war der arme Mann
entwaffnet. Er war schon im Begriff, sich bedingungslos zu ergeben, als ein
Diener etwas durch die geschlossene Tür rief.

Scharat stand auf und öffnete die Tür. Der Diener berichtete, daß ein Boot
im Sturm gekentert, und daß es einem der Insassen, einem jungen
Brahmanenknaben, gelungen sei, ans Ufer zu schwimmen und in ihrem Garten zu
landen.

Kiran war mit einem Male wieder sie selbst mit all ihrer liebreichen
Hilfsbereitschaft. Sie machte sich sofort daran, trockenes Zeug für den
Knaben herauszusuchen. Dann wärmte sie eine Tasse Milch und ließ ihn in ihr
Zimmer kommen.

Der Knabe hatte langes, lockiges Haar, große ausdrucksvolle Augen, und noch
keine Spur von Flaum auf dem Gesicht. Nachdem Kiran ihn genötigt hatte,
etwas Milch zu trinken, mußte er ihr alles von sich erzählen. Er sagte ihr,
daß er Nilkanta hieße und zu einer Schauspielertruppe gehöre. Sie waren
unterwegs nach einer benachbarten Villa, um dort zu spielen, als das Boot
plötzlich im Sturm gekentert war. Er hatte keine Ahnung, was aus seinen
Gefährten geworden war. Er war ein guter Schwimmer, und seine Kräfte hatten
gerade noch gereicht, um ans andere Ufer zu gelangen.

Der Knabe blieb bei ihnen. Daß er so mit genauer Not einem schrecklichen
Tode entronnen war, erweckte Kirans warme Teilnahme für ihn. Scharat fand,
daß die Ankunft des Knaben gerade in diesem Augenblick sich sehr glücklich
traf, da seine Frau Unterhaltung haben und sich vielleicht bewegen lassen
würde, noch eine Zeitlang zu bleiben. Auch ihre Schwiegermutter freute sich
über die Aussicht, sich dem brahmanischen Gast wohltätig erweisen zu
können. Und Nilkanta selbst war entzückt, daß er sowohl seinem Prinzipal
wie dem Jenseits entronnen war und zugleich in dieser reichen Familie eine
Heimat gefunden hatte.

Aber in kurzer Zeit wurden Scharat und seine Mutter andern Sinnes und
sehnten sich danach, ihn wieder loszuwerden. Der Knabe fand ein geheimes
Vergnügen daran, Scharats Pfeifen zu rauchen; er ging mit größter
Seelenruhe im strömenden Regen mit Scharats seidenem Regenschirm davon, um
einen Spaziergang durchs Dorf zu machen, und freundete sich mit jedem, den
er traf, an. Dazu kam noch, daß er aus dem Dorf einen Bastardköter
mitbrachte, den er so rücksichtslos verzog, daß er mit schmutzigen Pfoten
hereinkam und Spuren seines Besuchs auf Scharats reiner Bettdecke
zurückließ. Dann sammelte er eine treu ergebene Schar von Jungen jeden
Standes und Alters um sich, und die Folge war, daß in der ganzen
Nachbarschaft kein einziger Mango in dem Sommer mehr zur Reife kam.

Es war kein Zweifel, daß Kiran den Knaben verzog. Scharat machte ihr oft
Vorstellungen deswegen, aber sie hörte nicht auf ihn. Sie putzte ihn
geckenhaft heraus mit Scharats abgelegten Kleidern oder mit neuen, die sie
ihm schenkte. Und weil sie sich zu ihm hingezogen fühlte und auch neugierig
war, mehr über ihn zu erfahren, ließ sie ihn beständig in ihr Zimmer
rufen. Wenn sie gebadet und zu Mittag gegessen hatte, pflegte sie auf ihrem
Bett zu sitzen, ihre silberne Betelbüchse neben sich, und während das
Mädchen ihr das Haar kämmte und trocknete, stand Nilkanta vor ihr und
deklamierte Stücke aus seinen alten Rollen, wobei er durch Gesang und
Gesten das Spiel belebte, während seine Koboldlocken ihn wild umflatterten.
So gingen die langen Nachmittagstunden fröhlich hin. Kiran versuchte oft,
Scharat zu überreden, sich als Zuhörer zu ihnen zu setzen, aber Scharat,
der den Jungen von Herzen verabscheute, lehnte ab. Auch konnte Nilkanta
seine Rolle nicht halb so gut spielen, wenn Scharat da war. Seine Mutter
ließ sich mitunter bewegen zu kommen, in der Hoffnung, in den Vorträgen
heilige Namen zu hören; aber die Neigung zu ihrem Mittagsschläfchen erwies
sich stärker als ihre Andacht; sie nickte jedesmal bald ein.

Der Knabe bekam oft Knüffe und Ohrfeigen von Scharat, aber da das nichts
war im Vergleich zu dem, was er bei der Schauspielertruppe gewohnt gewesen
war, machte er sich nicht das geringste daraus. Er hatte aus den
Erfahrungen, die er in seinem kurzen Leben gemacht hatte, den Schluß
gezogen, daß das menschliche Leben aus Essen und Schlägen besteht, und daß
die Schläge bei weitem überwiegen.

Es war schwer, Nilkantas Alter zu bestimmen. Für 14 oder 15 war sein
Gesicht zu alt; für 17 oder 18 zu jung. Er war entweder ein frühreifer
Knabe oder ein knabenhafter Jüngling. Die Sache war die, daß er, als er als
ganz kleiner Junge zu der Schauspielertruppe kam, die Rollen der Radhika,
der Damajanti, der Sita und der Gefährtin Bidjas gespielt hatte. Die
Vorsehung war rücksichtsvoll genug gewesen, ihn genau so groß wachsen zu
lassen, wie sein Direktor ihn brauchte, und dann sein Wachstum anzuhalten.
Da jeder sah, wie klein er war, und er selbst sich auch sehr klein vorkam,
wurde ihm nicht die seinem Alter gebührende Achtung zuteil. Alles dies kam
zusammen, um ihn mitunter als einen unreifen Siebzehnjährigen erscheinen zu
lassen, und dann wieder als einen Vierzehnjährigen, der aber selbst für
einen Siebzehnjährigen schon zu viel wußte. Und als keine Spur von Flaum
auf seinem Gesicht sich zeigen wollte, wurde die Frage noch schwieriger.
Entweder infolge des Rauchens oder weil er sich gewöhnt hatte, altklug zu
reden, zogen sich Falten um seinen Mund, die ihn alt und hart erscheinen
ließen, aber aus seinen großen Augen leuchtete Unschuld und Jugend. Ich
glaube, sein Herz war jung geblieben, nur seine äußere Erscheinung war zu
früh gereift in der Treibhausatmosphäre, die das grelle Licht der
Öffentlichkeit um ihn geschaffen hatte.

In dem stillen Schutz von Scharats Haus und Garten in Tschandernagur hatte
die Natur Muße, ungehindert ihr Werk zu tun. Er hatte unnatürlich lange im
Zustande der Kindheit verharrt, jetzt glitt er unbemerkt und schnell aus
diesem Stadium heraus und seine siebzehn oder achtzehn Jahre kamen zu ihrem
Recht. Niemand bemerkte die Veränderung; sie zeigte sich zuerst darin, daß
er sich schämte, wenn Kiran ihn wie einen Knaben behandelte. Als die
lustige Kiran ihm eines Tages vorschlug, er solle die Rolle einer
Gesellschafterin spielen, verletzte ihn der Gedanke, daß er Frauenkleider
anziehen solle, obgleich er selbst nicht wußte, warum. Und als sie ihn
rief, damit er ihr seine alten Rollen vorspiele, verschwand er. Es kam ihm
nie der Gedanke, daß er auch jetzt noch nicht etwas viel Besseres war als
ein Bursche für alles bei einer herumziehenden Truppe. Er entschloß sich
sogar, bei Scharats Geschäftsführer etwas Unterricht zu nehmen. Aber da
Nilkanta der verzogene Liebling seiner Herrin war, konnte der
Geschäftsführer ihn nicht ausstehen. Auch machte es die Gewohnheit seines
unsteten Lebens ihm unmöglich, seine Gedanken längere Zeit auf eine Sache
zu richten; bald begann das Alphabet einen verworrenen Tanz vor seinen
Augen aufzuführen. Er pflegte lange Zeit am Fluß zu sitzen, den Rücken an
einen Tschampabaum gelehnt und das geöffnete Buch auf dem Schoß. Die Wellen
seufzten zu seinen Füßen, Boote trieben an ihm vorüber, und Vögel
zwitscherten um ihn herum und schwirrten rastlos über ihn hin. Welche
Gedanken ihn bewegten, wenn er so dasaß und in sein Buch starrte, das wußte
nur er, und vielleicht wußte er selbst es auch nicht. Er kam nie von einem
Wort zum andern, aber der erhebende Gedanke, daß er tatsächlich ein Buch
las, füllte seine Seele mit stolzer Freude. Immer, wenn ein Boot vorbeikam,
hob er sein Buch hoch und tat so, als ob er eifrig läse, indem er mit
lauter Stimme deklamierte. Aber sobald die Zuhörer vorüber waren, ließ sein
Eifer nach. Früher sang er seine Lieder mechanisch, aber jetzt erregten
ihre Melodien seine Seele. Der Text war unbedeutend und voll von
spielerischen Stabreimen. Und das Wenige, was an Sinn darin lag, ging über
sein Verständnis. Doch wenn er sang:

    Zweigeborener Vogel, ach, welch Unheil hat dich hergetragen?
    Was tat dir unsre Königin, daß du sie willst im Wald erschlagen?

so fühlte er sich in eine andere Welt versetzt, zu Wesen anderer Art. Diese
vertraute Erde und sein eigenes armes Leben wurden zu Musik, und er selbst
wurde ein anderer. Jenes Märchen von der Gans und der Königstochter warf
ein Bild von unendlicher Schönheit auf den Spiegel seiner Seele. Es ist
unmöglich zu sagen, welche Rolle er selbst in seiner Phantasie spielte,
aber der arme und verlassene kleine Sklave der Schauspielertruppe war ganz
vergessen.

Wenn ein armes verwahrlostes Kind sich am Abend hungrig und schmutzig in
seinem elenden Heim schlafen legt und von Prinzen und Prinzessinnen und
Märchenschätzen träumt, dann befreit sich in der dunklen Hütte mit ihrer
trübe flackernden Kerze die Seele von den Banden der Armut und des Elends
und schreitet in jugendlicher Schönheit und mit strahlendem Gewande kühn
durch das Märchenreich, wo nichts unmöglich ist.

So schuf auch dieser herumgestoßene, heimatlose Knabe sich und seine Welt
neu, wenn er durch die Melodien seiner Lieder schritt. Das plätschernde
Wasser, die rauschenden Blätter, die zwitschernden Vögel; die Göttin, die
ihm, dem Hilflosen, Verlassenen Obdach gegeben hatte, ihr Gesicht voller
Anmut und Liebreiz, ihre wundervollen Arme mit den glänzenden Spangen, ihre
rosigen Füße, zart wie Blumenknospen, alles dies wurde wie durch einen
Zauber eins mit der Musik seines Liedes. Aber wenn das Lied zu Ende war, so
schwand das Zauberbild, und er war wieder der Nilkanta der kleinen
Wanderbühne mit seinen wilden Koboldlocken. Und dann kam Scharat herein,
noch ganz erregt über die Klagen seines Nachbarn, dessen Mangobäume
geplündert waren, und ohrfeigte und knuffte ihn. Und der Bursche Nilkanta,
der Verführer der Dorfjugend, ging hinaus, um neues Unheil anzustiften zu
Lande und zu Wasser und in der Luft, auf den Zweigen der Bäume.

Bald nach der Ankunft Nilkantas kam Scharats jüngerer Bruder Satisch, um
seine Ferien in Tschandernagur zuzubringen. Kiran war entzückt, eine neue
Unterhaltung zu finden. Sie und Satisch waren im gleichen Alter, und die
Zeit verging ihnen angenehm mit Spiel und Streit und Verkleidungen und
Lachen und selbst Weinen. Sie schlich sich von hinten an ihn heran und
hielt ihm plötzlich die Augen zu, mit Scharlachpaste an den Fingern, sie
schrieb »Affe« auf seinen Rücken, oder schloß ihn unter schallendem
Gelächter in sein Zimmer ein. Satisch seinerseits gab ihr nichts nach; er
nahm ihr ihre Schlüssel und Ringe weg, mischte Pfeffer unter ihren Betel
und band sie unbemerkt am Bettpfosten fest.

Gott mag wissen, was inzwischen in den armen Nilkanta gefahren war. Er war
plötzlich so voll Bitterkeit, daß er sie an irgend jemandem oder irgend
etwas auslassen mußte. Er verprügelte seine treu ergebenen Anhänger, so daß
sie laut weinend davonliefen. Er stieß seinen Lieblingsköter, bis der
Himmel von seinem Heulen widerhallte. Wenn er spazieren ging, bestreute er
seinen Weg mit Zweigen und Blättern, die er mit seinem Stock von den
Sträuchern am Wege hieb.

Kiran mochte den Menschen gern etwas Gutes zu essen vorsetzen. Nilkanta
konnte im Essen Unglaubliches leisten und wies nie einen guten Bissen
zurück, wie oft man ihn ihm auch bot. Daher ließ Kiran ihn gern zu sich
rufen, damit er bei ihr aß; es machte ihr die größte Freude zuzusehen, wie
dieser Brahmanenknabe sich ordentlich satt aß, und sie überhäufte ihn mit
Leckerbissen. Nachdem Satisch gekommen war, hatte sie viel weniger Zeit für
Nilkanta übrig und war selten dabei, wenn er sein Essen bekam. Sonst hatte
ihre Abwesenheit seinen Appetit nicht beeinträchtigt, und er stand nicht
auf, bis er seine Milch bis auf den letzten Tropfen getrunken und die Tasse
noch gründlich mit Wasser nachgespült hatte. Aber jetzt war er unglücklich,
wenn Kiran nicht dabei war, um ihn zu diesem oder jenem Gericht zu nötigen,
und nichts wollte ihm schmecken. Er stand auf, ohne viel gegessen zu haben,
und sagte gepreßt: »Ich bin nicht hungrig.« Er bildete sich ein, daß Kiran
von seiner dauernden Appetitlosigkeit hören würde; er malte sich ihre
Besorgnis aus und hoffte, sie würde ihn rufen lassen und ihn zum Essen
drängen. Aber nichts dergleichen geschah. Kiran erfuhr nie davon und ließ
ihn nicht rufen, und das Mädchen aß alles auf, was er übrigließ. Dann
löschte er die Lampe in seinem Zimmer aus, warf sich in der Dunkelheit aufs
Bett und drückte krampfhaft schluchzend das Gesicht in die Kissen. Was war
sein Kummer? Wer hatte ihm etwas getan? Und wer sollte ihm helfen? Endlich,
wenn niemand kam, neigte sich der Schlaf mütterlich über ihn und
besänftigte liebkosend das wehe Herz des mutterlosen Knaben.

Nilkanta kam zu der festen Überzeugung, daß Satisch Kiran gegen ihn
einnahm. Wenn Kiran zerstreut war und ihm nicht wie sonst freundlich
zunickte, zog er sofort daraus den Schluß, daß Satisch ihn bei ihr
verleumdet hätte. Er betete jeden Tag zu den Göttern mit der ganzen
Inbrunst seines Hasses, sie möchten ihn in seinem nächsten Leben als
Satisch und Satisch als Nilkanta geboren werden lassen. Er glaubte, daß der
Zorn eines Brahmanen nicht wirkungslos sei, und je mehr er Satisch mit dem
Feuer seiner Flüche zu verzehren suchte, je mehr verzehrte sich sein
eigenes Herz. Und dabei hörte er, wie Satisch oben mit seiner Schwägerin
scherzte und lachte.

Nilkanta wagte es nie, Satisch seine Feindschaft offen zu zeigen. Aber er
fand hundert kleine Gelegenheiten, ihn zu ärgern. Wenn Satisch beim Baden
auf den Fluß hinausschwamm und seine Seife auf den Stufen des Badeplatzes
liegen ließ, so war sie, wenn er zurückkam, allemal verschwunden. Einmal
schwamm ihm sein schöner gestreifter Lieblingskittel davon, und er glaubte,
der Wind habe ihn ins Wasser geweht.

Eines Tages wollte Kiran Satisch eine Unterhaltung verschaffen und ließ
Nilkanta rufen, daß er wie sonst seine Rollen vordeklamierte. Aber er stand
in finsterem Schweigen da. Ganz überrascht fragte ihn Kiran, was ihm fehle.
Nilkanta gab keine Antwort. Und als sie ihn noch einmal drängte, er solle
ein besonderes Lieblingsstück von ihr vortragen, sagte er: »Ich habe es
vergessen« und ging hinaus.

Endlich kam die Zeit ihrer Rückkehr nach Hause. Jeder war mit Packen
beschäftigt. Satisch sollte mit ihnen reisen. Aber zu Nilkanta sagte
niemand ein Wort. Die Frage, ob er mitgehen solle oder nicht, schien
niemandem eingefallen zu sein.

Natürlich war diese Frage von Kiran aufgeworfen worden, und sie hatte den
Vorschlag gemacht, ihn mitzunehmen. Aber sowohl ihr Gatte wie seine Mutter
und sein Bruder waren so energisch dagegen gewesen, daß sie die Sache
aufgab. Ein paar Tage vor der Abreise ließ sie den Knaben rufen und riet
ihm mit freundlichen Worten, wieder zu den Seinen zurückzukehren.

Er hatte sich solange von ihr vernachlässigt gefühlt, daß ihr gütiger Ton
ihn jetzt überwältigte; er brach in Tränen aus. Auch Kirans Augen füllten
sich mit Tränen. Ihr Gewissen sagte ihr, daß sie hier gedankenlos und
selbstsüchtig ein Band geknüpft hatte, das nicht dauern konnte.

Aber Satisch wurde unwillig, als er diesen großen Jungen weinen sah. »Was
steht der Narr da und heult, statt zu sprechen?« sagte er. Und als Kiran
ihn ein gefühlloses Geschöpf schalt, erwiderte er: »Liebe Schwester, das
verstehst du nicht. Du bist zu gut und vertrauensvoll. Dieser Bursche
kommt von Gott weiß wo hergelaufen und wird wie ein König behandelt.
Natürlich hat der Tiger nicht Lust, wieder in eine Maus verwandelt zu
werden.[33] Und augenscheinlich hat er sich gemerkt, daß dein Herz mit ein
paar Tränen leicht zu rühren ist.«

[33] Bezieht sich auf eine Sage von einem Heiligen, der eine zahme Maus in
einen Tiger verwandelte.

Nilkanta eilte hinaus. Er hätte ein Messer sein mögen, um Satisch zu
zerfleischen, eine Nadel, um ihn durch und durch zu stechen, ein Feuer, um
ihn zu Asche zu verbrennen. Aber Satisch trug nicht einmal eine Schramme
davon. Nur sein eigenes Herz blutete unaufhörlich.

Satisch hatte ein großes Tintenfaß von Kalkutta mitgebracht. Der
Tintenbehälter steckte in einem Perlmutter-Boot, das von einer neusilbernen
Gans gezogen wurde, die einen Federhalter trug. Er liebte es sehr und
reinigte es jeden Tag sorgfältig mit einem alten seidenen Taschentuch.
Kiran pflegte dem Vogel lachend auf seinen silbernen Schnabel zu klopfen
und zu singen:

    »Zweigeborner Vogel, ach, welch Unglück hat dich hergetragen?«

und dann begannen die beiden sich wie gewöhnlich zu necken.

Am Tage vor ihrer Abreise fehlte das Tintenfaß und war nirgends zu finden.
Kiran sagte lachend: »Schwager, deine Gans ist weggeflogen, um deine
Damajanti zu suchen[34].«

[34] Satisch eine Gattin zu suchen.

Aber Satisch war in großer Wut. Er war fest überzeugt, daß Nilkanta es
gestohlen hätte, denn man hatte ihn am Abend vorher um das Zimmer
herumlungern sehen. Er ließ den Angeschuldigten rufen. Kiran war auch da.
»Du hast mein Tintenfaß gestohlen, du Dieb!« brach er los. »Bring es
sogleich her!« Nilkanta hatte von Scharat alle Strafen und Züchtigungen, ob
sie nun verdient waren oder unverdient, mit vollkommenem Gleichmut
hingenommen. Aber als man ihn in Kirans Gegenwart einen Dieb schalt,
flammten seine Augen in wildem Zorn auf, seine Brust wogte, und seine Kehle
war wie zugeschnürt. Wenn Satisch noch ein Wort gesagt hätte, so hätte er
sich wie eine wilde Katze auf ihn gestürzt und seine Nägel als Krallen
gebraucht.

Kiran war sehr unglücklich über diese Szene. Sie führte den Knaben hinaus
in ein anderes Zimmer und sagte in ihrem liebevollen, gütigen Ton: »Nilu,
wenn du das Tintenfaß wirklich genommen hast, gib es mir ganz still zurück;
dann will ich schon dafür sorgen, daß dir niemand ein Wort darüber sagt.«
Große Tränen rannen über die Wangen des Knaben, bis er endlich bitterlich
weinend sein Gesicht in den Händen verbarg. Kiran ging zu den andern zurück
und sagte: »Ich bin sicher, daß Nilkanta das Tintenfaß nicht genommen hat.«
Aber Scharat und Satisch waren ebenso fest überzeugt, daß kein anderer als
Nilkanta es getan hätte. »Ganz gewiß nicht!« versicherte Kiran. Scharat
wollte mit dem Jungen ein Kreuzverhör anstellen, aber seine Frau ließ es
nicht zu.

Dann machte Satisch den Vorschlag, sein Zimmer und seinen Koffer zu
untersuchen. »Wenn ihr das zu tun wagt,« sagte Kiran, »so werde ich euch
nie in meinem Leben verzeihen. Ihr sollt diesem armen unschuldigen Knaben
nicht nachspionieren.« Und dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen. Das
entschied die Sache und bewirkte, daß man Nilkanta in Ruhe ließ.

Kirans Herz quoll über von Mitleid mit dem armen heimatlosen Jungen, den
man so hatte kränken wollen. Sie kaufte zwei neue Anzüge und ein Paar
Schuhe, und mit diesen Sachen und mit einer Banknote ging sie am Abend
leise in Nilkantas Zimmer. Sie wollte ihm diese Abschiedsgeschenke als
Überraschung in den Koffer legen. Der Koffer selbst war auch ein Geschenk
von ihr.

Aus ihrem Schlüsselbund suchte sie einen aus, der paßte, und öffnete
geräuschlos den Koffer. Er war so vollgestopft mit verschiedenen Dingen,
daß die neuen Kleidungsstücke nicht mehr Platz darin hatten. Daher schien
es ihr besser, alles herauszunehmen und den Koffer für ihn zu packen.
Zuerst kamen Messer, Kreisel, Rollen mit Drachenschnur, Bambuszweige,
polierte Muscheln zum Schälen von unreifen Mangos, Böden von zerbrochenen
Gläsern, kurz all solche Dinge, woran ein Knabenherz hängt. Dann kam eine
Schicht Wäsche, rein und schmutzig durcheinander. Und ganz unten, unter der
Wäsche, lag das vermißte Tintenfaß mit Gans und allem!

Kiran stieg das Blut heiß in die Wangen, sie sank wie betäubt neben dem
Koffer nieder, das Tintenfaß in der Hand, ganz verwirrt und ratlos.

Inzwischen war Nilkanta von hinten ins Zimmer gekommen, ohne daß Kiran ihn
bemerkte. Er hatte alles gesehen und glaubte, daß Kiran sich bei ihm
eingeschlichen habe, um ihn als Dieb zu entlarven, und daß seine Tat nun
entdeckt sei. Wie konnte er je hoffen, sie zu überzeugen, daß er kein Dieb
sei und daß nur Rachsucht ihn bewogen hatte, das Tintenfaß wegzunehmen mit
der Absicht, es bei nächster Gelegenheit in den Fluß zu werfen? In einem
schwachen Augenblick hatte er es statt dessen in seinem Koffer versteckt.
»Ich bin kein Dieb!« rief es in ihm; »ein Dieb bin ich nicht!« Was war er
denn? Was hätte er sagen können? Er hatte gestohlen und war doch kein Dieb!
Er würde Kiran nie begreiflich machen können, welch schweres Unrecht sie
ihm tat, wenn sie ihn für einen Dieb hielt! Und wie konnte er es je
vergessen, daß sie versucht hatte, ihm nachzuspionieren?

Endlich legte Kiran mit einem tiefen Seufzer das Tintenfaß in den Koffer
zurück, und als sei sie selbst der Dieb, verbarg sie es wieder unter der
Wäsche und den anderen Dingen, und obenauf legte sie die Geschenke und die
Banknote, die sie mitgebracht hatte.

Am nächsten Tage war der Knabe nirgends zu finden. Die Leute im Dorf hatten
ihn nicht gesehen, die Polizei konnte keine Spur von ihm entdecken. »Nun
laßt uns doch einmal unsere Neugierde befriedigen und seinen Koffer
ansehen«, meinte Scharat. Aber Kiran ließ es nicht zu.

Sie ließ den Koffer auf ihr Zimmer bringen, und nachdem sie das Tintenfaß
herausgenommen hatte, warf sie es in den Fluß.

Die ganze Familie kehrte nach Hause zurück. Am nächsten Tage lag der Garten
verlassen da. Nur Nilkantas hungriger kleiner Köter lief suchend am
Flußufer auf und ab und heulte und heulte, als ob ihm das Herz brechen
wollte.



DAS KARTENKÖNIGREICH

I


Es war einmal ein Kartenkönigreich auf einer einsamen Insel im fernen Meer.
Dort lebten die Könige und die Königinnen, die Asse und die Buben. Die
Zehne und Neune mit den Zweien und Dreien und all den andern Ständen hatten
sich auch schon vor langer Zeit dort niedergelassen. Aber diese gehörten
nicht zu den zwiegebornen[35] Kasten wie die erlauchten Hofkarten.

[35] »Zwiegeboren« ist die Bezeichnung der drei oberen Kasten (Brahmanen,
Kschatrijas und Vaischjas). Die Anlegung der heiligen Schnur bei der
Einweihung gilt als zweite Geburt. (Anm. d. Übers.)

As, König und Bube waren die drei höchsten Kasten. Die vierte Kaste war aus
einer Vermischung mit den niedrigeren Karten entstanden. Die Zweie und
Dreie aber waren die niedrigsten von allen. Diese niedrigeren Karten
durften niemals in derselben Reihe mit den großen Hofkarten sitzen.

Die Satzungen und Regeln dieses Inselkönigreichs waren wirklich wunderbar.
Der besondere Rang jedes Einzelnen war seit unvordenklichen Zeiten
festgesetzt. Jeder hatte seine ihm zugewiesene Arbeit und tat nie etwas
anderes. Eine unsichtbare Hand schien sie bei jedem ihrer Schritte zu
leiten -- den Regeln gemäß.

Niemand hatte im Kartenkönigreich je Veranlassung zu denken; niemand
brauchte zu irgendeinem Entschluß zu kommen; niemand kam je in den Fall,
über irgendeine neue Sache eine Meinung zu vertreten. Die Bürger bewegten
sich stumm und teilnahmlos auf dem vorgeschriebenen Wege dahin. Wenn sie
umfielen, geschah es ganz geräuschlos. Sie legten sich auf den Rücken, die
Augen nach oben gerichtet, mit korrektem Ausdruck in jedem Zuge ihres
Gesichts, der ihm nun für immer eingeprägt war.

Es herrschte eine merkwürdige Stille im Königreich der Karten. Sattheit und
Zufriedenheit waren vollkommen in ihrer runden Fülle. Niemals gab es
Aufruhr oder Gewalttat, niemals Aufregung oder Begeisterung.

Der große Ozean lullte mit seiner ewig gleichen Melodie die Insel in
Schlaf, während die weißen Hände seiner Wellen sanft und weich über ihre
Stirn strichen. Der weite Himmel breitete sein azurnes, flaumiges Gefieder
schützend über die Insel wie die Schwingen einer brütenden Vogelmutter.
Denn am fernen Horizont bezeichnete eine tiefblaue Linie ein anderes Ufer.
Aber kein Laut von Kampf und Streit konnte bis zu der Insel der Karten
dringen und ihre tiefe Ruhe stören.


II

In jenem fernen, fremden Lande jenseits des Meeres lebte ein junger Prinz,
dessen Mutter eine kummervolle Königin war. Diese Königin war in Ungnade
gefallen und lebte mit ihrem einzigen Sohn an der Meeresküste. Der Prinz
verlebte seine Kindheit allein und verlassen; er saß bei seiner verlassenen
Mutter und wob das Netz seiner ungeheuren Wünsche. Er sehnte sich auf die
Suche zu gehen nach dem fliegenden Roß, nach dem Edelstein in der Haube der
Kobraschlange, nach der Himmelsrose, nach dem Zauberstab oder nach dem Orte
jenseits der dreizehn Flüsse und sieben Seen, wo die Prinzessin
Tausendschön im Schloß des Ungeheuers schlief.

Vom Sohn des Kaufmanns lernte der junge Prinz in der Schule die
Geschichten von fremden Königreichen. Vom Sohne des Amtmanns hörte er das
Märchen von Alladin und der Wunderlampe. Und wenn der Regen
herniederrauschte und die Wolken den Himmel bedeckten, saß er auf der
Schwelle, und auf die See hinausblickend sagte er zu seiner kummervollen
Mutter: »Mutter, erzähle mir eine Geschichte von einem ganz fernen Lande.«

Und dann erzählte ihm seine Mutter eine endlos lange Geschichte, die sie in
ihrer Kindheit gehört hatte, von einem Wunderlande jenseits des Meeres, wo
die Prinzessin Tausendschön lebte. Und das Herz des jungen Prinzen wurde
krank vor Sehnsucht, wenn er da auf der Scholle saß und hinausblickte auf
den Ozean und der Wundergeschichte seiner Mutter lauschte, während draußen
der Regen herniederrauschte und die grauen Wolken den Himmel bedeckten.

Eines Tages kam der Sohn des Kaufmanns zum Prinzen und sagte kühn:
»Kamerad, meine Studien sind zu Ende. Jetzt will ich auf Reisen gehen und
auf dem Meere mein Glück versuchen. Ich komme, dir Lebewohl zu sagen.«

Der Prinz sagte: »Ich will mit dir gehen.«

Und der Sohn des Amtmanns sagte auch: »Kameraden, ihr habt immer treu und
redlich an mir gehandelt, ihr werdet mich nicht zurücklassen. Auch ich will
euer Gefährte sein.«

Da sagte der junge Prinz zu seiner kummervollen Mutter: »Mutter, ich will
jetzt auf die Reise gehen und mein Glück suchen. Wenn ich wieder
zurückkomme, werde ich ein Mittel gefunden haben, all deinen Kummer zu
bannen.«

So machten sich denn die drei Gefährten zusammen auf die Reise. Im Hafen
lagen die zwölf Schiffe des Kaufmanns vor Anker, und die drei Gefährten
gingen an Bord. Der Südwind blies, die zwölf Schiffe segelten fort, und die
Wünsche des Prinzen flatterten ihnen voran.

An der Muschelinsel füllten sie ein Schiff mit Muscheln. An der
Sandelbauminsel füllten sie ein zweites Schiff mit Sandelholz, und an der
Koralleninsel füllten sie ein drittes Schiff mit Korallen.

Vier Jahre gingen dahin, und sie füllten noch vier Schiffe, eins mit
Elfenbein, eins mit Moschus, eins mit Gewürznelken und eins mit
Muskatnüssen.

Aber als diese Schiffe alle beladen waren, erhob sich ein furchtbarer
Sturm. Alle Schiffe gingen unter mit ihren Nelken und Muskatnüssen und
Moschus und Elfenbein und Korallen und Sandelholz und Muscheln. Aber das
Schiff mit den drei Gefährten schlug gegen das Felsenriff einer Insel, warf
sie wohlbehalten ans Ufer und brach selbst in Stücke.

Dies war die berühmte Karteninsel, wo As und König und Königin und Bube mit
den Neunen und Zehnen und all den anderen Ständen nach den festgesetzten
Regeln lebten.


III

Bis dahin hatte nie etwas jene Inselstille gestört. Nie hatte sich etwas
Neues ereignet. Nie war man über irgendeine Sache verschiedener Meinung
gewesen.

Und nun erschienen plötzlich die drei Gefährten, die das Meer ans Land
geworfen hatte, -- und die große Debatte begann. Da waren drei
Hauptstreitpunkte.

Erstens: zu welcher Kaste sollten diese klassenlosen Fremden gehören?
Sollten sie denselben Rang einnehmen wie die Hofkarten? Oder waren es bloß
Leute einer niederen Kaste, denen man den Platz der Neune und Zehne zuwies?
Es lag kein Präzedenzfall vor, nach dem man diese wichtige Frage hätte
entscheiden können.

Zweitens: Zu welcher Rasse gehörten sie? Hatten sie die hellere und zartere
Hautfarbe der Herzen oder die dunklere der Treffs? Über diese Frage wurde
endlos disputiert. Das ganze Heiratssystem der Insel mit seinen
verwickelten Satzungen hing von ihrer richtigen Entscheidung ab.

Drittens: Was für Nahrung sollten sie erhalten? Bei wem sollten sie wohnen
und schlafen? Und sollten sie mit dem Kopf nach Südwesten hin liegen oder
nach Nordwesten, oder nur nach Nordosten? Im ganzen Kartenkönigreiche war
nie über eine Reihe so wichtiger und höchst kritischer Fragen verhandelt
worden.

Aber inzwischen wurden die drei Gefährten verzweifelt hungrig. Sie mußten
sich irgendwie etwas zu essen verschaffen. Und während die große Beratung
noch vor sich ging mit ihren endlosen Pausen und während die Asse für sich
eine Versammlung einberiefen und einen Ausschuß bildeten, der irgendeinen
alten Fall aufstöbern sollte, nach dem man entscheiden könnte, aßen die
drei Gefährten selbst alles, was sie finden konnten, und tranken aus jedem
Gefäß und brachen alle Regeln.

Selbst die Zweie und Dreie waren über dies unerhörte Betragen entsetzt. Die
Dreie sagten: »Brüder Zwei, diese Leute sind einfach schamlos.« Und die
Zweie sagten: »Brüder Drei, sie gehören augenscheinlich zu einer noch
niedrigeren Kaste als wir.«

Nachdem die drei Gefährten ihr Mahl beendet hatten, machten sie einen
Spaziergang durch die Stadt.

Als sie sahen, wie die Leute gewichtig durch die Straßen schritten, in
düster feierlichem Zuge, mit ängstlich korrekten Mienen, da wandte sich der
Prinz nach dem Sohn des Kaufmanns und dem Sohn des Amtmanns um, warf den
Kopf zurück und brach in unbändiges Gelächter aus.

Die Königsstraße hinab über den Asplatz und am Bubenkai entlang erscholl
dies seltsame, unerhörte Gelächter, bis es wie über sich selbst erschrocken
im großen leeren Raum des Schweigens hinstarb.

Den Sohn des Amtmanns und den Sohn des Kaufmanns überlief es eiskalt bei
dem geisterhaften Schweigen rings um sie her. Sie wandten sich zum Prinzen
und sagten: »Kamerad, laß uns von hier fortgehen. Laß uns keinen Augenblick
länger in diesem unheimlichen Gespensterlande bleiben.«

Aber der Prinz sagte: »Kameraden, diese Leute sehen aus wie Menschen; ich
will sie einmal gehörig durch und durch und um und um schütteln, um zu
sehen, ob denn nicht noch ein einziger Tropfen warmen Lebensblutes in ihren
Adern übrig ist!«


IV

Ein Tag nach dem andern verging, und das Leben der Insel rann still und
gelassen dahin, fast ohne das leiseste Wellengekräusel. Die drei Gefährten
aber kehrten sich an keine Regeln und Satzungen. Sie taten nie etwas nach
vorgeschriebener Weise, mochten sie nun stehen oder sitzen oder sich
umwenden oder auf dem Rücken liegen. Im Gegenteil, wo immer sie sahen, daß
man diese Dinge genau nach den Regeln tat, brachen sie in ein zügelloses
Gelächter aus. Auf sie machte der heilige Ernst dieser geheiligten Regeln
durchaus keinen Eindruck.

Eines Tages kamen die großen Hofkarten zu dem Prinzen und dem Sohn des
Amtmanns und dem Sohn des Kaufmanns.

»Warum«, fragten sie langsam, »bewegt ihr euch nicht nach den Regeln?«

Die drei Gefährten antworteten: »Weil unsere Itscha (= Wunsch) es so will.«

Die großen Hofkarten sagten alle zusammen mit hohler Grabesstimme, als wenn
sie langsam aus einem jahrtausendelangen Schlaf erwachten: »Itscha? Und
dürfen wir fragen, wer Itscha ist?«

Sie ahnten damals noch nicht, wer Itscha war, aber die ganze Insel sollte
es bald erfahren.

Zuerst fing es an, leise in ihrem Geist zu dämmern, als sie das Tun des
Prinzen beobachteten und dadurch zu der Erkenntnis kamen, daß sie geradeaus
gehen konnten in einer Richtung, die der gewohnten entgegengesetzt war.
Dann machten sie noch eine überraschende Entdeckung: sie bemerkten, daß die
Karten noch eine andere Seite hatten, die sie nicht beachtet hatten. Dies
war der Anfang der Wandlung.

Nun aber, da die Wandlung einmal begonnen hatte, konnten die Gefährten die
Inselbewohner immer tiefer in die Geheimnisse der Itscha einweihen. Den
Karten wurde es allmählich klar, daß das Leben nicht an Regeln gebunden
ist. Sie fingen an, eine geheime Befriedigung zu empfinden, daß sie die
königliche Macht, für sich selbst zu wählen, ausüben konnten.

Aber bei diesem ersten Anstoß der Itscha geriet der ganze Kartenhaufe ins
Schwanken und fiel zu Boden. Es war, wie wenn eine ungeheure Riesenschlange
aus langem Schlaf erwacht und langsam ihre zahllosen Windungen aufrollt,
während ein Zittern durch ihren ganzen Körper läuft.


V

Bis dahin hatten die Königinnen der Piks und Treffs und Karos und Herzen
immer hinter einem Vorhang gesessen und ins Leere gestarrt oder den Blick
zu Boden gesenkt.

Und jetzt geschah es plötzlich an einem Frühlingsnachmittag, daß
Herzkönigin einen Augenblick die dunklen Wimpern hob und verstohlen vom
Balkon aus einen schnellen Blick auf den Prinzen warf.

»Großer Gott,« rief der Prinz, »ich dachte, das wären alles nur gemalte
Figuren. Aber ich habe mich geirrt. Es sind doch Frauen.«

Nun rief der junge Prinz seine beiden Gefährten zu sich und sagte in
nachdenklichem Ton: »Meine Kameraden! Diese Damen haben einen Zauber, den
ich nie zuvor bemerkt habe. Als ich den Blick aus den dunklen Augen der
Königin sah, wie sie in einem neuen Gefühl aufleuchteten, da erschien er
mir wie der erste leise Dämmerstrahl in einer neu erschaffenen Welt.«

Die beiden Gefährten tauschten ein vielsagendes Lächeln und sagten:
»Wirklich, Prinz?«

Mit der armen Herzkönigin aber wurde es von diesem Tag an immer schlimmer.
Sie fing an, alle Regeln zu vergessen, so daß es wirklich eine Schande war.
Wenn sie zum Beispiel ihren Platz in der Reihe neben dem Buben hatte, so
befand sie sich plötzlich statt dessen ganz zufällig an der Seite des
Prinzen. Dann sagte der Bube mit unbeweglicher Miene und in feierlichem
Ton: »Königin, Ihr habt Euch geirrt.«

Und die roten Wangen der armen Herzkönigin röteten sich noch tiefer. Aber
der Prinz kam ihr ritterlich zu Hilfe und sagte: »Nein, es ist kein Irrtum.
Von heute ab bin ich Bube.«

Nun geschah es aber, daß die andern, während jeder versuchte, die
Unschicklichkeiten der schuldigen Herzkönigin zu verbessern, selbst
anfingen, Fehler zu machen. Die Asse sahen sich von den Königen beiseite
gedrängt. Die Buben gerieten unter die Könige. Die Neune und Zehne gaben
sich ein Ansehen, als ob sie zu den großen Hofkarten gehörten. Die Zweie
und Dreie wurden dabei ertappt, wie sie heimlich die Plätze einnahmen, die
für die Viere und Fünfe reserviert waren. Es hatte nie vorher solch ein
wirres Durcheinander gegeben.

Schon viele Lenze waren über die Karteninsel hingezogen. Der Kokil, der
Frühlingsvogel, hatte Jahr für Jahr seinen Sang ertönen lassen. Aber er
hatte nie wie jetzt das Blut in Erregung gebracht. In vergangenen Tagen
hatte das Meer unermüdlich sein Lied gesungen. Aber da hatte es ihnen nur
das ewige Einerlei der Regel wiederholt. Nun aber verkündeten seine Wellen
plötzlich mit glitzerndem Licht und leuchtenden Schatten und Tausenden von
Stimmen das tiefste Sehnen des liebenden Herzens.


VI

Wohin sind nun plötzlich die korrekten, runden, regelmäßigen,
selbstzufriedenen Gesichter? Hier ist ein Antlitz, blaß vor
Liebessehnsucht. Hier ist ein Herz, das in wilder Qual pocht. Hier ist ein
Geist, der sich in Zweifeln zermürbt. Musik und Seufzer, Lächeln und Tränen
füllen die Luft. Das Leben pulsiert, Herzen brechen, Leidenschaften
flackern auf.

Jeder denkt jetzt an sein eigenes Aussehen und vergleicht sich mit andern.
Treff-As überlegt bei sich, daß Pik-König wohl ganz passabel aussieht.
»Aber,« meint er, »man braucht nur zu sehen, wie sich alle Blicke auf mich
richten, wenn ich die Straße entlang gehe.« Pik-König sagt: »Was in aller
Welt hat Treff-As sich immer den Hals zu verrenken und wie ein Pfau
einherzustolzieren? Er bildet sich ein, daß alle Königinnen vor Liebe zu
ihm sterben, während in Wahrheit -- --« Hier schweigt er und wirft einen
prüfenden Blick in den Spiegel.

Aber die Königinnen waren die schlimmsten von allen. Sie fingen an, ihre
ganze Zeit damit hinzubringen, daß sie sich auffällig herausputzten. Und
die boshaften Bemerkungen, die sie übereinander machten, waren wahrhaft
skandalös.

Die Jünglinge saßen teilnahmlos im Laube unter den Bäumen und streckten
sich im Waldesschatten aus. Und die jungen Mädchen in hellblauen Kleidern
kamen wie zufällig zu denselben Schatten derselben Bäume desselben Waldes
und taten, als ob sie niemanden dort sähen, und sahen möglichst unschuldig
aus, als ob sie weiter nichts suchten. Und dann wagte ein junger Mann, der
dreister war als die andern, in einem Anfall von Tollheit, sich einem
Mädchen in Blau zu nähern. Aber als er näher kam, versagte ihm die Sprache.
Er stand da, stumm und verwirrt, und der günstige Augenblick ging vorüber.

Die Kokils sangen oben in den Zweigen. Der boshafte Südwind blies; er
zerzauste ihnen das Haar und machte ihr Blut schneller kreisen. Das Laub
der Bäume rauschte in Entzücken. Und der nie verstummende Gesang des Meeres
schaukelte all das heimliche Sehnen der jungen Herzen auf der Springflut
der Liebe hin und her.

Die drei Gefährten hatten in die ausgetrockneten Kanäle des
Kartenkönigreichs die volle Hochflut eines neuen Lebens gebracht.


VII

Und nun trat, obgleich die Flut hoch ging, eine Pause ein, als ob die
steigenden Wogen nicht in Schaum zerfallen, sondern immer geschwellt
bleiben wollten. Man sprach sich nicht in Worten aus, man ging nur
vorsichtig einen Schritt vorwärts und wich dann zwei zurück. Alle schienen
damit beschäftigt, ihre unerfüllten Wünsche wie Luftschlösser oder
Sandburgen aufzutürmen. Sie waren blaß und stumm, ihre Augen brannten, ihre
Lippen zitterten von unausgesprochenen Geheimnissen.

Der Prinz sah, was ihnen fehlte. Er rief alle Inselbewohner zusammen und
sagte: »Bringt die Flöten und die Zimbeln, die Pfeifen und die Trommeln.
Laßt sie allesamt ertönen und erhebt lautes Freudengeschrei. Denn
Herz-Königin wird noch heute abend ihren Gemahl wählen.«

Und die Zehne und Neune begannen ihre Flöten und Pfeifen zu blasen; die
Achte und Siebene bliesen ihre Posaunen und spielten ihre Bratschen, und
selbst die Zweie und Dreie begannen wild ihre Trommeln zu schlagen.

Als dieser lärmende Sturm von Musik sich erhob, fegte er mit einem Stoß
alles Seufzen und allen Trübsinn hinweg. Und nun, welch ein Strom von
Lachen und Reden! Es gab kühnes Werben und spottendes Weigern und Plaudern
und Schwatzen und Spaß und Fröhlichkeit. Es war wie das Zittern und
Schwanken und Rauschen und Brausen von Millionen von Blättern und Zweigen
tief drinnen im Urwald, wenn der Sommersturm hindurchfährt.

Aber Herz-Königin im rosenroten Gewande saß still im Schatten ihrer
verschwiegenen Laube und horchte auf den tobenden Lärm der Musik und der
Fröhlichkeit, der immer näher kam. Sie schloß die Augen und träumte ihren
Liebestraum. Und als sie sie wieder öffnete, sah sie den Prinzen zu ihren
Füßen sitzen und zu ihr aufblicken. Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden
Händen und wich zurück, in dem freudigen Aufruhr ihres Innern erzitternd.

Und der Prinz verbrachte den ganzen Tag allein, an der Küste des wogenden
Meeres hinwandelnd. Er sah immer diesen erschreckten Blick, dieses
Zurückbeben der Königin, und in seinem Herzen pochte die Hoffnung laut.

Am Abend warteten die buntgekleideten Reihen der Jünglinge und Mädchen
dicht gedrängt und mit lächelnden Gesichtern vor den Toren des Palastes.
Die Halle war feenhaft erleuchtet und mit Girlanden von Frühlingsblumen
geschmückt. Langsam trat Herz-Königin ein, und die ganze Versammlung erhob
sich, sie zu begrüßen. Einen Jasminkranz in der Hand, stand sie gesenkten
Blickes vor dem Prinzen. In ihrer demütigen Schüchternheit konnte sie den
Kranz kaum zu dem Nacken des Bräutigams, den sie gewählt hatte, erheben.
Aber der Prinz neigte sein Haupt, und der Kranz glitt an seinen Platz. Die
Versammlung der Jünglinge und Mädchen hatte in lautloser Spannung ihre Wahl
erwartet. Und als sie gewählt hatte, brach ein Sturm toller Freude los und
brauste durch die Halle und tönte über die ganze Insel hin bis hinaus zu
den Schiffen weit draußen auf dem Meere. Niemals hatte es im
Kartenkönigreich je solchen Jubel gegeben.

Und sie hoben den Prinzen und seine Braut auf ihre Schultern und setzten
sie auf den Thron und krönten sie auf der Stelle -- auf der alten
Karteninsel.

Und die kummervolle Königin-Mutter auf der fernen Insel jenseits des Meeres
kam in einem goldgeschmückten Schiffe zu dem neuen Königreich ihres Sohnes
gefahren.

Und die Bürger werden nicht mehr von Regeln geleitet, sondern sind gut oder
schlecht oder beides, je nach ihrer Itscha.



Anmerkungen zur Transkription:

  S. 4: »mit der größten Ehrfucht« wurde geändert in
        »mit der größten Ehrfurcht«
  S. 72: »bald auf einer einzigen« wurde geändert in
         »bald auf einen einzigen«
  S. 110: »Dschoygapal war sehr ärgerlich« wurde geändert in
          »Dschoygopal war sehr ärgerlich«
  S. 110: »und fühlte sich gedehmütigt« wurde geändert in
          »und fühlte sich gedemütigt«
  S. 184: »im Wald ererschlagen« wurde geändert in
          »im Wald erschlagen«
  S. 213: »Innnern« wurde geändert in »Innern«
  Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Anfang versetzt.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Nacht der Erfüllung - Erzählungen" ***

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