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Title: Der Untertan
Author: Mann, Heinrich
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                             Heinrich Mann

                              Der Untertan

                                 Roman



                           Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig-Wien



              Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914



            Vierundfünfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend

          Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
                Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918



                                    I.


Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor
allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter
die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das
hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch,
dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm
auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er
selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein
Gnom und schielte her!

Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man
ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte,
drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede
nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und
Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein
die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf
er weglief.

Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an
der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte
Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich
habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch
Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“

Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen
bald, es dem Vater zu melden, daß sie sich Bier holten, und bald ließ er
kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling
zurückkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte
sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer gewesen in den
alten Mühlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen
alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine
Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und eine Schneidemaschine
vervollständigten die Einrichtung. Er selbst zählte die Bogen nach. Die
von den Lumpen abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein
kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken, dafür, daß er
die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele
beisammen, daß ihm der Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons
umzutauschen. Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, indes er den
letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschüttelt,
zu dem schrecklichen lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt
lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur
methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten
Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt hatte, zuckte diesmal die Hand,
und in die eine Bürste seines silberigen Kaiserbartes lief, über die
Runzeln hüpfend, eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er außer
Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdächtigen
Eindringling. „Du betrügst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen
Menschen totzuschlagen.“

Frau Heßling wollte Diederich nötigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn
um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber
Diederichs Instinkt sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr erbost
haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau war Heßling durchaus
nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fürs Leben. Übrigens ertappte er
sie geradeso auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am
Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben
war. Sie klatschte, anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und
Heßling wußte noch nicht einmal, daß seine Frau auch naschte, gerade wie
das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich
nachträglich an den Schrank. Hätte sie sich in die Werkstatt getraut,
würde sie auch Knöpfe gestohlen haben.

Sie betete mit dem Kind „aus dem Herzen“, nicht nach Formeln, und bekam
dabei gerötete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und
verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor,
und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, daß sie nun Angst hatte. Ihre
zärtlichen Stunden nützte er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor
seiner Mutter. Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten Gewissen
durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht hätte bestehen können.

Dennoch hatten die beiden von Gemüt überfließende Dämmerstunden. Aus den
Festen preßten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und
Märchenerzählen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am
Christkind zu zweifeln anfing, ließ er sich von der Mutter bewegen, noch
ein Weilchen zu glauben, und er fühlte sich dadurch erleichtert, treu und
gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnäckig, und
der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien zu stolz, beinahe
strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst
mit vor den neuen, belebten Straßen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige
Grausen.

Ecke der Meisestraße hinwieder mußte man an einem Polizisten vorüber, der,
wen er wollte, ins Gefängnis abführen konnte! Diederichs Herz klopfte
beweglich; wie gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann würde
der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben.
Es war vielmehr geboten, zu beweisen, daß man sich rein und ohne Schuld
fühlte – und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach
der Uhr.



Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den
Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der
Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der
einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie – nach allen
diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie
heulend, und auch die Antworten, die er wußte, konnte er nicht geben, weil
er heulen mußte. Allmählich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle Angst machte ihn
nicht fleißiger oder weniger träumerisch – und vermied so, bis die Lehrer
sein System durchschaut hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es
durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich still und
sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll
scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und
willfährig. Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel größerer Genugtuung sprach
er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen
Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei
durchgehauen.“ Und wenn gefragt ward, wen?

„Einer war ich.“

Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit zu seinem
unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden,
maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die
Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend,
teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man
Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.

Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber hereingebrochene
Katastrophen ihn mit heiligem und süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor
der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward
wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren
hier gräßlich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und
aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen.

Die Macht, die ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen jüngeren
Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mußten nach seinem Diktat schreiben
und künstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen,
damit er mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte. Sie waren
grausam. Die Kleinen schrien – und dann war es an Diederich, sich zu
demütigen, um nicht verraten zu werden.

Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen nötig; ihm genügten
Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Holländers und sah die Trommel
die Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame
Bande!“ murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es.
Plötzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines
Arbeiters hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen Genuß.

Denn recht geheuer und seiner Sache gewiß fühlte er sich nur, wenn er
selbst die Prügel bekam. Kaum je widerstand er dem Übel. Höchstens bat er
den Kameraden: „Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“

Nicht daß es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil
fehlte. Aber Diederich hielt dafür, daß Prügel, die er bekam, dem
Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust
zufügten. Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon längst versprochen hatte
und mit der er nie herausrückte. Diederich machte unzählige Male ernsten
Schrittes den Geschäftsweg die Meisestraße hinauf zum Markt, um seinen
befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner
Verpflichtung überhaupt nichts mehr wissen wollte, erklärte Diederich und
stampfte ehrlich entrüstet auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie
nun nicht gleich herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“ Darauf lachte
Schorsch und brachte die Schaumrolle.

Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und
in Sorge genießen, denn es war zu fürchten, daß Wolfgang Buck, der draußen
wartete, darüber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war.
Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tür brach
er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und
gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu
seinen Gunsten noch eben so kräftig geäußert hatte, schwieg vor den
Ansprüchen des anderen – die man freilich nicht einfach außer acht lassen
durfte, dafür war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende
Persönlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
eine weißseidene Halsbinde und darüber einen großen weißen Knebelbart. Wie
langsam und majestätisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster
setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Überzieher sahen
häufig Frackschöße hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen,
er bekümmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis,
von allem, was öffentlich war, dachte Diederich: „Das gehört dem Herrn
Buck.“ Er mußte ungeheuer reich und mächtig sein. Alle, auch Herr Heßling,
entblößten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas
abzunehmen, wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den
großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrückt zu werden,
mußte Diederich leise und listig zu Werk gehen.

Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich jede Rücksicht
vergaß, sich blindlings betätigte und zum siegestrunkenen Unterdrücker
ward. Er hatte, wie es üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner
Klasse gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen Kundgebung.
Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein
Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz
allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der
Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die
überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die
Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter
Verantwortlichkeit und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv war!

Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein,
aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut
zurück; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre
Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis zu ihnen auf.
Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht
versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte
Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite
dieser Ehrenstellen behauptete er auch später. Er war gut Freund mit
allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber
herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem
Leichtsinn – und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch
vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer
und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt worden waren. In
seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem
wollüstigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehört
hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden gerüttelt, eine
gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast
wie ein Haß, der zu seiner Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen
nahm. Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte Regung.

Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren Fortkommen seine
Tätigkeit in Frage stellte, zumeist keine persönliche Abneigung. Er benahm
sich als pflichtmäßiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher
konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt, der schon längst
verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich überließ ihm, mit Wissen
des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich
gefälscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem
Zusammenbruch des Betrügers saßen einige Primaner vor dem Tor in einer
Gartenwirtschaft, was zum Schluß der Turnspiele erlaubt war, und sangen.
Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als
ausgetrunken war, ließ er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen
gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt
schleppten, ganz allein an:

  „Ich hatt’ einen Kameraden,
  Einen bessern findst du nit ...“

Übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Fächern, ohne in
einem das Maß des Geforderten zu überschreiten, oder auf der Welt irgend
etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm
das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklärtes
Mißtrauen ein.

Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere für
gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle
studieren. Der alte Heßling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor
eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.



Weil er sich aus der Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute, mietete
er sein Zimmer droben in der Tieckstraße. Jetzt hatte er nur in gerader
Linie hinunterzugehen und konnte die Universität nicht verfehlen. Er
besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal, und in der
Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater
und Mutter und dankte ihnen für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging
er nur selten aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld
vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort mußte er nach der Tasche
fassen, ob es noch da sei.

So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem
Brief des Vaters in die Blücherstraße zu Herrn Göppel, dem
Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Heßling lieferte. Am
vierten Sonntag besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der
gedrungene, gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor
gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, daß er nicht
früher gekommen sei. Herr Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor
allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war,
hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gründen,
schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer
von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, höher als gewisse
Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafür der
Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon
achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
„Ja, daß wir hier als freie Männer sitzen können,“ sagte Herr Göppel, „das
verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine
Flasche Bier. „Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten
lassen ...“

Herr Göppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich
bestätigte alles, was Göppel wollte; er hatte über den Kanzler, die
Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich
berührt, denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf den ersten
Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.

„Meine Tochter Agnes“, sagte Herr Göppel.

Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett,
und war rosig überzogen. Das junge Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte
wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja,
als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im
Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fühlte sich feucht vor
Ungemütlichkeit und war fest überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige,
womit er das junge Mädchen interessieren könne. Aber wie war von hier
fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch,
namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud.
ing._ zu sein schien und bei Göppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte
Fräulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet hätten. Diederich
ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schützte er einen Bekannten vor,
der draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. „Gott sei Dank,“
dachte er, während es ihm einen Stich gab, „sie hat schon einen.“

Herr Göppel öffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und fragte, ob sein Freund
auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie
es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben
sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als Diederich es zugab,
zeigte Herr Göppel sich befriedigt. „Das ist nicht wie in Netzig. Hier
laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer
Tieckstraße bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon
dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nächsten Sonntag kommen Sie
nun aber zum Mittagessen!“

Diederich versprach es. Als es so weit war, hätte er lieber abgesagt; nur
aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein
Alleinsein mit dem Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als
sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom
Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe für so
etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling studiere
Chemie?

„Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat“,
behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.

Fräulein Göppel ließ ihren Beutel fallen; er bückte sich so nachlässig,
daß sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie
danke, ganz weich, fast beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber
sind etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.

„Jetzt hab’ ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster nämlich. Es
blutet wieder.“

Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weiße
des Schnees, daß Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag,
müsse hineinsickern.

„Ich habe welches“, sagte er, mit einem Ruck.

Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte
er es abgeleckt.

„Was machen Sie denn?“

Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: „O, ich
als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen.“

Sie lächelte. „Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das
können“, bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.

„So“, machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war es schwül geworden, er
dachte: „Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist
widerlich weich.“ Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
„Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?“ Und
sie nötigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich
Vetternschaft heraus.

„Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann können Sie sich freuen.
Meine ist längst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so
Ahnungen“ – und sie lächelte wehmütig und entschuldigend.

Diederich beschloß schweigend, diese Sentimentalität albern zu finden.
Noch eine Pause – und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der
Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll, daß
Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lächelte er ihm sieghaft
in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes’ Knie und
fragte heiter und mit Autorität nach allem Möglichen, was nur sie beide
anging. Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte, daß Agnes, so
in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie
nicht hübsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf
deren freilich sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen
Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die
Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn sie nicht
so viel braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den weißen
Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung, daß der Nagel des Fingers,
den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.

Herr Göppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und
Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten
es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge
Mädchen war schlanker und größer als sie alle und blickte ein wenig
zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmächtigen Schultern hing.
Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuß. Diederich sah
dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, überzogen von roten
Haaren, ihre Schläfe kreuzen.

Er mußte eine der Tanten ins Eßzimmer führen. Der Mecklenburger hatte
Agnes’ Arm in den seinen gehängt. Um den langen Familientisch raschelten
die seidenen Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien
zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben die Hände. Dann kam
die Suppe.

Diederich saß von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich
nicht vorbeugte – was er sorgfältig vermied. Da seine Nachbarin ihn in
Ruhe ließ, aß er große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte
ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen, daß es schön
schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten,
und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
habe. Herr Göppel erzählte, Diederich zugewandt, daß er und seine
Schwestern vorhin in der Friedrichstraße, weiß Gott, auseinander gekommen
seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen
in Netzig auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den Tisch.
Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin,
ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände,
und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh schlafen gehen
und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter überanstrengt. Sie
bestritt es. „Ihr laßt mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich.“

Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine Wallung von
Heldentum: er hätte machen wollen, daß sie alles dürfte, daß sie glücklich
war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert
wolle, „Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an, die sich
vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier
trinken kann.“

„Sehr vernünftig“, sagte der Schwager des Herrn Göppel.

Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.

Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Göppel riet
seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller
hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen – sein Stuhl flog an die
Wand – und festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“ rief er
hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz.
Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar
höhnisch den Atem aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher Harmlosigkeit:
„Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte zärtlich zu Agnes
hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen
die Tischplatte, daß sie anfing sich zu heben. Er dachte: „Gott, o Gott,
hätte ich nur das nicht getan!“

Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drückte er sich
herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt
dort, wo Mahlmanns breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
wollte sich seiner annehmen.

„Was studieren Sie denn, junger Mann?“ fragte sie.

„Chemie.“

„Ach so, Physik?“

„Nein, Chemie.“

„Ach so.“

Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie nicht hinweg.
Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft
paßte ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis
die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie
hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte zurück, erstaunt, den jungen Mann
allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal faßte er in
die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben,
Abschied nahm, bekundete Göppel große Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’
ich von Ihnen grüßen“, sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein
wenig überlegt hatte: „Kommen Sie doch nächsten Sonntag wieder!“

Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch
ließ er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis
zu einem Geschäft zu fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen
konnte. Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des
Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt hatte. War es der? Hatte er so
geklungen? Diederich entschloß sich. Als er dann erfuhr, es koste vier
Mark fünfzig, riß er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um
einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt
hätte! Als er bezahlt hatte und draußen war, entrüstete er sich zunächst
über den Schwindel. Dann bedachte er, daß es für Agnes geschehen sei, und
ward von sich selbst erschüttert. Immer weicher und glücklicher ging er
durch das Gewühl. Es war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen
ausgegeben hatte.

Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und
schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schönschrift. Wie er
dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch.
Diederich fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem
Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich
Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es sähe drinnen aus wie bei einer
älteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause
mitgebracht! Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die Chemiebücher
verächtlich auf- und zuklappte, schämte Diederich sich seines Faches. Der
Mecklenburger wälzte sich ins Sofa und fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die
Göppel? Netter Käfer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch!
Ich trete zurück, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei
fünfzehn verschiedenen.“

Da Diederich nachlässig abwehrte:

„Sie, da ist nämlich was zu machen. Ich müßte gar nichts von Weibern
verstehen. Die roten Haare! – und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen
ansieht, wenn sie meint, man weiß es nicht?“

„Mich nicht“, sagte Diederich noch geringschätziger. „Ich pfeife auch
darauf.“

„Ihr Schade!“ Mahlmann lachte tobend – worauf er vorschlug, einen Bummel
zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie
beide betrunken. Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam Diederich
ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er sagte: „Au! Das ist
aber doch eine –“ Vor dem Wort „Frechheit“ schrak er zurück. Der
Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. „Recht freundlich, Kleiner!
Alles bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm er Diederich die letzten
zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er ihn schwach vor Hunger und
teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, großmütig
drei Mark mit. Am Sonntag bei Göppels – mit weniger leerem Magen wäre
Diederich vielleicht nicht hingegangen – erzählte Mahlmann, daß Heßling
all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr
Göppel und sein Schwager lachten verständnisvoll, aber Diederich hätte
lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig prüfend angesehen
werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist alles
eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob das Konzertbillett
vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu.

„Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen“, entgegnete er so
unliebenswürdig, daß sie ihm glaubten. Agnes zögerte ein wenig, bevor sie
wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor
Agnes hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch mehr als das
vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hieß, der
Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine
Verabredung. Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich unmöglich warten
lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die
Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: „Keine
Angst, Sie sind natürlich eingeladen.“ Aber Diederich beteuerte entrüstet,
daß es nicht daran liege. „Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie
Lust haben“, schloß Göppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des
Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines großen
Opfers. Am Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf
aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als
verstehe er jetzt das Schicksal.

Was war zu machen gegen die gewalttätige Art, in der Mahlmann seine
Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen
Blumenstrauß für Agnes, und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte
sagen können: „Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen schwieg er,
mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte
zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um
ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich keineswegs die Warnung
verkannte, die solch ein Vorgang für ihn selbst enthielt.

Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene
Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Göppels mit
einem Bukett, keinem zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um
Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte, wie sie es nahm,
ein ergriffenes Gesicht, und Diederich lächelte herablassend und verlegen
zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhört festlich; er war nicht
überrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.

Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie abgezählt hatte: elf
Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Göppels Schwestern, vollständig
anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer höheren
Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen Gehröcke: nur wenige in
Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten.
Kam man durch eine Seitenstraße, war sie breit, gleichförmig und leer,
ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis
kleiner Mädchen in weißen Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen
mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der
Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die
Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen,
sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles drängte
vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnügen anfangen
sollte. Alle Mienen sagten hart: „Nu los, gearbeitet haben wir genug!“

Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn
eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen
wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß trat. Der
Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte
es sich, daß Herr Göppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt,
bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.

Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes – warum ging
heute alles glücklich? –, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren
wollte, unterstützte er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor
dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen kehrten die Damen um.
Diederich trug Agnes seine Begleitung an. „Da nehmen Sie doch lieber mich
mit hinein“, sagte Mahlmann. „Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte –“

„Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest“, entgegnete Agnes und trat
ein, während Mahlmann sein Gelächter aufschlug. Diederich blieb hinter
ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie über ihn
hinstießen – und vor dem jungen Mädchen, dessen Blumenduft ihm voranzog.
Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:

„Ich mag das Renommieren nicht!“

„Wirklich?“ fragte Diederich, vor Freude gerührt.

„Heute sind Sie mal nett“, sagte Agnes; und er:

„Ich möchte es eigentlich immer sein.“

„Wirklich?“ – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken.
Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles
nicht. Das junge Mädchen sagte klagend:

„Die Tiere riechen aber furchtbar.“

Und sie gingen zurück.

Mahlmann empfing sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreißen
würden.“ Dann nahm er Diederich beiseite. „Na? Was macht die Kleine? Geht
es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“

Da Diederich stumm blieb:

„Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch
ein Semester in Berlin: dann können Sie mich beerben. Aber so lange warten
Sie gefälligst –“ Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf
plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“

Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen
und wagte sich gar nicht mehr in Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr
aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön,
heute geht es mir aber wirklich gut.“

Herr Göppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Hände und tat, als wollte
er fest zudrücken, aber er berührte sie kaum. Seine blanken Augen lachten
und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er
seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklärte ihnen, der
Tag müsse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und
nachher irgendwo essen.

„Papa wird leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber
er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so
ungeschickt, daß er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedränge
der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Göppel allein zurück. Plötzlich
hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem Magen umher und fragte:

„Wo ist meine Uhr?“

Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:

„Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Göppel?“

„Jawohl!“ – und Göppel wendete sich an Diederich. „Dreißig Jahre bin ich
hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert.“ Und stolz trotz
allem: „Sehen Sie, das gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“

Nun mußte man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhör
bestehen. Und Agnes hustete. Göppel zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch
zu müde“, murmelte er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er
Diederich, der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal,
mit überraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging,
schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er
die schwersten seiner Chemiebände mit Krachen auf den Boden. Er hielt
sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Geräusch einer Tür
begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in
die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. Wäre es nicht vorher so schön
gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Mädchen: daß
sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem
Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewußt, daß er es mit so einem
Kerl nicht aufnehmen könne. Er sah sich neben Mahlmann und würde es nicht
begriffen haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was hab’ ich mir
nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich verliebt, muß
wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst, der Mecklenburger könne kommen
und ihn noch ärger bedrohen. „Ich will sie gar nicht mehr. Wäre ich nur
schon fort!“ Die nächsten Tage saß er in tödlicher Spannung bei
verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er.

Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was er habe. Nach so
kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. „Ja, das Berliner Pflaster!“

Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine
Universität, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, daß es ein Für und
ein Wider gäbe. Diederich mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die
Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden gewesen?
Herr Heßling wünschte, daß Diederich die Ferien benutze, um in der
väterlichen Werkstätte den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen.
„Ich bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat mich auch
schon lange nicht so gekitzelt.“

Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gäbbelchen oder
längs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur
eins zu fühlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht aussahen, und
was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heiße Liebe und
seine Tränen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten.

Als er einmal die Löwenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein
Schulkamerad Gottlieb Hornung. „Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n
bißchen Apotheker“, erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die
ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach
Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was
los sei. Hocherfreut über den Besitz seiner Überlegenheit fing Diederich
an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhieß:
„Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf.“

Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universität ward
verworfen. Am Ende des Sommers – Hornung hatte noch einige Tage zu
praktizieren – kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das Zimmer in
der Tieckstraße. Vor Mahlmann und den Göppels flüchtete er bis nach
Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine
grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem Kollegen für eine Verbindung
gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die
Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs
Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der
Maske der Geringschätzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht
blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er
machen.

„Aber nur einen“, sagte er fest.

Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn
fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum
Frühschoppen; Diederich war Konkneipant geworden.

Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen großen
Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes
von ihm verlangte, als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen
erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und
Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht
von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig
befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim
Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, lächelte er in die Runde,
beinahe verschämt durch die eigene Vollkommenheit!

Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte
in der Schule zu den besten Sängern gehört und schon in seinem ersten
Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu finden war.
Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf großen Nägeln in der Lache
von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die
Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit
Ehrerbietung am Munde des Präses: ob vielleicht sein Lieblingsstück daran
käme. Dann dröhnte er tapfer: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“,
hörte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig
geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den
Mützen an der Wand, angesichts des Kranzes geöffneter Münder, die alle
dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die
es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spät ward, als
schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in
der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann,
durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehörte!
Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann
hätte sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären
statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn geradezu
herbei, so furchtlos war er. Womöglich sollte er mit Göppel kommen, dann
mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er gerächt!

Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein,
sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes,
Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weißen und humorvollen
Speckmasse, die unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren
Wülsten die Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das Äußerste getan,
aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen
des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn
dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war
ausschließlich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der
in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine
wahre Gestalt und blähte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch’ hinterem
Gesicht blühte auch sein vorderes auf. Lebensfreude überglänzte es, und er
ward witzig.

Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das
Bierglas wegzunehmen. Delitzsch rührte kein Glied, aber seine Miene, die
dem geraubten Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen,
stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem
Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest! Was entziehst de mir
überhaupt mein’ Läbensunterhalt! Das ist ’ne ganz gemeine, böswilliche
Existenzschädichung, und ich kann dich glatt verklaachen!“

Dauerte der Spaß zu lange, senkten sich Delitzsch’ weiße Fettwangen, und
er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurück hatte: welche
allumfassende Aussöhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung! Er sagte:
„Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ – trank aus und
klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: „Herr Oberkörper!“

Nach einigen Stunden geschah es wohl, daß sein Stuhl sich mit ihm umdrehte
und Delitzsch den Kopf über das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser
plätscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten,
durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von
Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rückte Delitzsch an den Tisch
zurück.

„Na, nu geht’s ja wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r denn geredt,
während ich anderweitig beschäftigt war? Wißt ihr denn egal nischt wie
Weibergeschichten? Was koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter: „Nich
mal ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr Oberkörper!“

Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit
ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.

Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte immer noch mehr davon haben,
das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim
Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie
bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es
schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert
und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal hätte von Polizisten
umstellt sein dürfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in
innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war
„fertig“, war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine Stellung aus,
war reich und von Wichtigkeit: Chef einer mächtigen Fabrik von
Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit
schuf, war in tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her, über
die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja,
das Bier erhob einen so sehr über das Selbst, daß man Gott fand!

Gern hätte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen ließen
ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und
materiellen Wert einer völligen Zugehörigkeit zur Verbindung geschildert;
allmählich aber gingen sie immer unverblümter darauf aus, ihn zu keilen.
Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als
Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie
entgegneten, daß der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nämlich
die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen
allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfüllt werde. Diederich
zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte
pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren
Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt hatten, die sie einander
beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze
um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepreßt: „Warum
bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun muß ich ’ran.“

Er mußte. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so
sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel
geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so
willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten,
schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: über die
Wange fühlte er es rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten
getanzt vor Glück. Er warf es sich vor, daß er diesen gutmütigen Menschen
gefährliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten
gefürchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein
wohlgesinnter Erzieher.

Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert
hätte. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in
die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche mußten. Das
Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter
Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war
leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die eine Hälfte und
verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter
Feudalstimme.

„Man kann sagen, was man will,“ bemerkte er gern, „Formen sind kein leerer
Wahn.“

Für das F in „Formen“ machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen
Mausloch und stieß es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag
jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
dünkte ihm erlesen: daß die rötlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe
wuchsen und seine langen, gekrümmten Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie
bei Diederich, nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel
ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen
Scheitels erhöhten, und die katerhaft in Schläfenwulste gebetteten Augen.
Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen
Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu
seinem Gönner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht
auf Dasein bestätigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete
sich vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich so hoch
hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen roten Hals gehabt und
immer geschwitzt. Welch ein Traum, säuseln zu können wie Wiebel!

Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte
er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen – und da Wiebel
infolge unregelmäßiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte
Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafür durfte er
mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt
Diederich draußen Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schläger da zu
haben, um ihn schultern zu können.

Wiebel hätte es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs
Ehre und sein ganzes Schuldbewußtsein wurzelten, am glänzendsten vertrat
Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia. Er
hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er sollte einst einen
Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten
Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen
Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze Neuteutonia eine
geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der
Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war
nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin
duftend, vom täglichen Frisieren kam, stand an einer Straßenecke Wiebel
mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als
Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie wendeten
und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne
eine Bemerkung. Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des
Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die
übrigen schon längst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der
Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu
vergessen. Als Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von Klappke“ sagte,
verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie
je.

Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen,
Korpsgeist, Eifer für das Höhere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte
er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine
gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu
genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal,
beim Friseur und zum Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und
mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die
gemütvolle Derbheit nicht ausschloß. Ein Kommilitone, mit dem Diederich
bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stieß einst mit ihm vor
der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen
konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie
sich – bis sie plötzlich, im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt,
wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß ihnen die
Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In
menschlicher Lage einander näher gekommen, rückten sie nachher auch am
offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
„Schweinehund“ und „Nilpferd“.

Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte
Opfer; es übte im männlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der
Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines
Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am
Waschtisch und sagte noch: „Na da. Habt ’r heit aach so ä Durscht?“ –
plötzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem
Waschgeschirr. Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.

„Herzklaps“, sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob
die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf
das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten beide in
streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren – sie
marschierten im Takt nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer
Todesverachtung:

„So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spaß. Das kann sich
jeder gesagt sein lassen.“

Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch’ treue
Pflichterfüllung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz
folgten sie dem Sarge; „Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder Miene.
Auf dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle das in sich
vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste Schlacht dahinraffen kann,
wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem
Geschiedenen rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des
Idealismus den höchsten Preis errungen, das erschütterte jeden, als gälte
es ihm selbst.

Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich
auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm
übernommenen Grundsätze selbständig zu vertreten und sie den Jüngeren
einzupflanzen. Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit und mit
Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen.
Keine fünf Minuten vergingen, und er mußte sich an den Wänden
hinaustasten. Das Schreckliche geschah, daß einer vor Diederich aus der
Tür ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß. Nicht Stolz oder
Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der
Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein
ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch körperlich verdankte er
ihr alles: die Breite seines weißen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den
Füchsen ehrwürdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlässen in
hohen Stiefeln mit Band und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform! Wohl
hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Körperschaft,
der der Leutnant angehörte, war offenbar die höhere; aber wenigstens mit
einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von
ihm angeschnauzt zu werden. Seine Männlichkeit stand ihm mit Schmissen,
die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz
geschorenen Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben – und
welche Genugtuung, sie täglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu
können! Einmal bot sich eine unerwartet glänzende Gelegenheit. Zu dritt,
mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmädchen ihrer Wirtin, waren sie beim
Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine
Wohnung, mit der ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war,
machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit
ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst,
darüber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von
Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.

Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit
Diederich noch eine Polka bekam, war er genötigt, sie daran zu erinnern,
daß er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens ein anderer
dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen
nach, im dunklen Gefühl, daß er hier werde einschreiten müssen. Bevor er
sich aber regte, war ein Mädchen durch die tanzenden Paare gestürzt, hatte
Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies
sehen und auf Rosas Räuber losmarschieren, war für Diederich eins.

„Mein Herr,“ sagte er und sah ihm fest in die Augen, „Ihr Benehmen ist
unqualifizierbar.“

Der andere erwiderte:

„Wennschon.“

Überrascht von dieser ungewöhnlichen Wendung eines offiziellen Gesprächs,
stammelte Diederich:

„Knote.“

Der andere erwiderte prompt:

„Schote“ – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der
Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber
der andere stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf wälzten
sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen
kämpften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs
Klemmer suchen half, rief: „Da reißt er aus“ – und war schon hinterher.
Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in
eine Droschke steigen und nahmen die nächste. Hornung behauptete, die
Verbindung dürfe das nicht auf sich sitzen lassen. „So was kneift und
bekümmert sich nicht mal mehr um die Dame.“ Diederich erklärte:

„Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt.“

„Für mich auch.“

Die Fahrt war aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul.“
„Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann
hat die Sache offiziell nicht stattgefunden.“

Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anständigen Haus. Diederich und
Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten
sie sich davor. Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer
die Tür im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden
Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der
Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war!

Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhör. Sie
suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, daß die beiden keine
besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als
Diederich, blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei Stunden lang
marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere.
Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewiß, ob hier nicht ein
Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
Da entschloß Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin.

„Mein Herr –“

Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: „Sie irren sich
wohl.“

Diederich brachte hervor:

„Durchaus nicht. Ich muß Genugtuung fordern. Sie haben sich –“

„Ich kenne Sie ja gar nicht“, stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad
flüsterte ihm etwas zu: „So geht das nicht“ – er ließ sich von dem anderen
die Karte geben, legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich.
Diederich gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf
Tauern-Bärenheim“. Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu
lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollführen. Der
zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung.

„Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos gemeint. Er wäre
selbstverständlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen,
daß eine beleidigende Absicht nicht vorliegt.“

Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: „O
danke sehr.“

„Damit ist die Sache wohl erledigt“, sagte der Freund; und die beiden
Herren entfernten sich.

Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen.
Plötzlich seufzte er tief auf und lächelte langsam.

Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich
rühmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.

„Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie.“

Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stieß in langsamer
Schwellung die Worte hervor:

„F – formen sind doch kein leerer Wahn.“

Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines großen
Augenblickes auf.

„So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz
kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich
euch sagen. Die Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus
befriedigend, daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift, man ist kein
Rauhbein.“

Alle begriffen es und bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia in dieser
Sache durchaus anständig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden
Edelleute wurden bei den Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten
Schlägern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht
betrank.

Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten für die
Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon längst für fast alles.
Mit Rücksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs
Wechsel auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch übermannten
ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur dürres Land sah
man, verschmachtend, sich dahindehnen – und endlich mußte man wohl, so
wenig dies Rittern angestanden hätte, über die Zurückforderung dessen
beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen
hatten. Gewiß war mancher alte Herr inzwischen zu großen Geldern gelangt.
Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.

„Bei dem geht es“, erklärte er. „Der war bei gar keiner Verbindung: ein
ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd’ ich mal auf die Bude steigen.“

Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein
riesenhaftes Lachen aus, daß Diederich fast vergessen hatte und das ihn
sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er hätte doch
fühlen sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze
Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte Diederich um ihretwillen
Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der
kraftspendenden Gesamtheit jäh herausgerissen und stehe hier als einzelner
Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um
so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück,
das würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann möge nur so
gefällig sein, ihm für einen Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in
seinen Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich:

„Nein.“

Diederich, betroffen:

„Wieso, nein?“

„Bürgen ist gegen meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann.

Diederich errötete vor Entrüstung. „Aber ich habe doch auch für Sie
gebürgt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich mußte für Sie
hundert Mark blechen. Sie haben sich gehütet!“

„Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen wollte, würden Sie auch
nicht bezahlen.“

Diederich riß nur noch die Augen auf.

„Nein, Freundchen,“ schloß Mahlmann; „wenn ich Selbstmord begehen will,
brauch’ ich Sie nicht dazu.“

Diederich faßte sich, er sagte herausfordernd:

„Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr.“

„Nein“, wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.

Mit äußerstem Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann scheinen Sie
überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler
geben.“

Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren
tückisch geworden, und er stand auf. „Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte
er, ohne Erregung. „Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
meine Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“

Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor
sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen
mächtigen Knuff.

„Ich fordere Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich mit mir schlagen!“

„Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen
rufen.“ Er öffnete die Tür. „Friedrich!“ Und Diederich ward einem Packer
überliefert, der ihn die Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach:

„Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen
haben, kommen Sie ruhig wieder!“

Diederich brachte sich in Ordnung und verließ das Haus in guter Haltung.
Um so schlimmer für Mahlmann, wenn er sich so aufführte! Diederich hatte
sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht wäre er glänzend
dagestanden. Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein einzelner sich so
viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt im Namen sämtlicher
Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, daß Mahlmann
Diederichs alte Hochachtung wieder beträchtlich aufgefrischt hatte. „Ein
ganz gemeiner Hund“, dachte Diederich. „Aber so muß man sein ...“

Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.

„Nun können wir fortmachen“, sagte Hornung.

„Wieso wir? Ich brauch’ mein Geld selbst.“

„Du machst wohl Spaß. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben.“

„Dann such’ dir Gesellschaft!“

Diederich schlug ein solches Gelächter auf, daß Hornung ihn für verrückt
hielt. Darauf reiste er wirklich.

Unterwegs sah er erst, daß der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das
war ungewöhnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit
seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen
sei.

„Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefaßt machen. Wenn Du unseren
innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann säume nicht
länger, mein Sohn!“

Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich. Er entschloß
sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. „Weibern glaub’ ich
überhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig.“

Trotzdem tat Herr Heßling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten
Atemzüge.

Von dem Anblick überwältigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in
ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im
Augenblick naß wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften klappen. Plötzlich
erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und küßte
sie. Frau Heßling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten
Atemzügen ihres Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich
dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange
zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die
Prügel gar, als er von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand
war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie
verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche im Sinn hatte,
und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, über das
Bett hinweg, in die Arme.

Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück. Er vertrat vor ganz
Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und
vergaß darüber fast, daß er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des großen Mannes von Netzig ward
majestätisch in seinem glänzenden Gehrock. Würdevoll trug der den
umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen
Handschuh entblößte Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich
überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in
Diederich ein, und er sagte:

„Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben
Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt
noch zusammen für das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig
studieren?“

Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstörte ihn die
Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton:

„Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er
tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen.
Haben Sie das schon hinter sich?“

„Nein“ – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es
sei ihm bisher ganz unmöglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber
der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.

Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter
Sötbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte
ihn, daß ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden.
Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich
neuntausend Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte Diederich. Sötbier sah ihn
an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich
vorstellen könnte, wie sein seliger Vater und Sötbier das Geschäft
heraufgearbeitet hätten! Gewiß war es ja noch ausdehnungsfähig ...

„Na, is jut“, sagte Diederich. Er sah, daß hier vieles geändert werden
müsse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese
Zumutung des Verstorbenen empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert, in seinem Sohn
Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals
verheiraten, um immer für die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus.
„Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er, „und er log
auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu hören und duckte sich.
Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fünfzig Mark erhöhen
zu lassen.

„Zunächst“, sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was
es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten könnt ihr mir später
kommen.“

Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte
ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben. Nachts freilich träumte er, der alte
Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich.

Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre
gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den
Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine veränderten
Lebensumstände an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der
Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die für Diederichs
alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schönsten
Blütezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch,
wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.

Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die
alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt.
Dieser Herr sah angewidert über all das männliche Fleisch hin, das ihm
unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch.
Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts übrig, als auch
seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der errötet war ... Der
Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf
hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die
Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hieß, bekam die Lehre:
„Wenn Sie mich wieder mal hier belästigen, dann waschen Sie sich
wenigstens!“ Bei Diederich hieß es:

„Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich
garantiere Ihnen, daß Sie aussehen wie ein Christenmensch.“

Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre
Kleider, als brennte die Kaserne. Die für tauglich Befundenen sahen
einander prüfend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als
erwarteten sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege.
Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte
um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit
sorgfältiger Aussprache: „Ich möchte noch hinzufügen, daß ich homosexuell
bin.“

Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: „Solche
Schweine können wir allerdings nicht brauchen.“

Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung aus über ein so
schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher
an der Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte ihm, daß er
froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr.
Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm
nicht bescheinigen wolle, daß er skrofulös und rachitisch sei. Er könne
sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort
lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich
bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem
Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen mußte,
konnte man so lange die Miete sparen.

Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen
an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die „Rayons“ hießen,
„abgerichtet“. Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit
zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie anders als mit einem
zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie er: „Abrichter!“ und gab den
Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte.
Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und
Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die „Kerls“
umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung,
die geläufigen Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor allem
darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen.
Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade
dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische Begeisterung.
Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur
ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen man
sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jäh und
unabänderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an
dem ein unermeßlicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es
gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Höchstens konnte
man, gegen die eigene Überzeugung, sich manchmal drücken. Diederich war
beim Laufen gefallen, der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte
hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie „ins Gelände“
marschierte, zurückbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunächst an den
Hauptmann selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“ Welche
Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an
eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes
Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“ lassen
konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die Unteroffiziere zusammenliefen, mit
Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Lästerung stand. Die Folge war,
daß Diederich stärker hinkte und einen Tag länger vom Dienst befreit
werden mußte.

Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen
verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: „Das will ein gebildeter
Mensch sein!“ Er war es gewohnt, daß alles Unheil von den Einjährigen kam.
Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach
dem Lichtlöschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empört
dazwischenschrie: „Das wollen gebildete Leute sein!“ Trotz seiner langen
Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr Geist und gute
Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttäuscht. In
Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte,
entschied nicht allein über Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf
den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten.
Diederich zeigte sich ganz erfüllt von den militärischen Idealen der
Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte: „Jetzt bin ich der
Herr Kommandierende General“, und auf der Stelle benahm Diederich sich,
als glaubte er es. Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich ein Mitglied der
königlichen Familie“, dann war Diederichs Verhalten so, daß es dem
Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte.

Im Privatgespräch in der Kantine eröffnete Diederich seinem Vorgesetzten,
daß er vom Soldatenleben begeistert sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“
sagte er. Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben.
Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte, daß er am Nachmittag, bei
den Übungen „im Gelände“, keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die
ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward
nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, daß der Hauptmann, bei
seinen Kommandos, sich unsäglich kühn und kriegerisch auf dem Pferd
herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut
im Magen schlenkern fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich
völlig bereit war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not. Der Fuß
schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der
angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es möchte
schlimmer werden, so schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“ hinaus
mußte, daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof üben konnte und
daß man genötigt war, ihn zu entlassen!

Es kam dahin, daß er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders
aufsuchte, der Geheimer Sanitätsrat war. Er müsse ihn um seinen Beistand
bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee,
für das große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da
in einem großartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse
immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fuß
tue nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, daß er
unbrauchbar wird. Schließlich habe ich Mutter und Geschwister zu
ernähren.“ Der Geheimrat untersuchte ihn. „Neuteutonia sei’s Panier“,
sagte er. „Ich kenne zufällig Ihren Oberstabsarzt.“ Hiervon war Diederich
durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger
Hoffnung.

Die Hoffnung bewirkte, daß er am nächsten Morgen kaum noch auftreten
konnte. Er meldete sich krank. „Wer sind Sie, was belästigen Sie mich?“ –
und der Stabsarzt maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist
auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der
Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fuß
zu Gesicht bekam, erklärte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde,
werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fuß. Der
Stabsarzt stieß ihn entrüstet vom Stuhl. „Macht Dienst, Schluß, abtreten“
– und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er
plötzlich auf und fiel um. Er ward ins „Revier“ gebracht, den Aufenthalt
der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn
die Selbstbeköstigung, die den Einjährigen zustand, war hier nur schwer zu
bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor
Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er sein düsteres
Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man
ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen
menschlichen Ton und schlug dann wieder in militärische Schroffheit um,
die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu
finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das weitere werde
sich schon ergeben. „Bei _dem Fuß_ ...“

Einige Tage später trat ein „Revier“gehilfe an Diederich heran und
fertigte auf geschwärztem Papier einen Abdruck des verhängnisvollen Fußes.
Diederich ward genötigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudrücken.
„Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor Faulheit!“ Da aber ward die Tür
aufgestoßen, und der Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen
Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewußter als sonst, er sah nicht
rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf,
den Blick finster und streng auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er
mußte sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialität
nicht mehr zuließ. Nun hatte er sie erfaßt, nahm die Mütze herunter und
stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß,
sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was
nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten,
Diederich und das Papier an. Dann zog er die Absätze zusammen: er hatte
das Befohlene gesehen.

Als der Oberstabsarzt fort war, näherte der Stabsarzt sich Diederich.
Höflich, mit einem leisen Lächeln des Einverständnisses, sagte er:

„Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man mußte nur der Leute wegen
–. Sie verstehen, die Disziplin –.“

Diederich bekundete durch Strammstehen, daß er alles verstehe.

„Aber“, wiederholte der Stabsarzt, „ich habe natürlich gewußt, wie Ihr
Fall lag.“

Diederich dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt weißt du es.“ Laut
sagte er:

„Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch
weiterdienen dürfen?“

„Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren“, sagte der Stabsarzt und machte
kehrt.

Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das „Gelände“ sah ihn
nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der
Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde
und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um für Stiefel, die nicht
geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhängen: an
Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine
gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im dritten Monat
strafweise im Mannschaftszimmer schlafen mußte, weil er einst, während der
ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er
hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und wäre, wenn er seine Pflicht
getan hätte, vielleicht gestorben. Dann wäre er eben gestorben! Der
Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjährigen ansah, ein Gesicht voll
stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte:
„Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat sind mehr
wert als vierzig Grad Fieber ...“ Was Diederich betraf, so waren die
amtlichen Formalitäten eines Tages glücklich erfüllt, und der
Unteroffizier Vanselow verkündete ihm seine Entlassung. Diederich hatte
sofort die Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand.

„Gerade muß mir das passieren, und ich hatte doch“ – er schluchzte – „so
viel Freudigkeit.“

Und dann war er „draußen“.

Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte. Wenn er zum Essen ging,
sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den
Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.

„Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da
sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei
geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend
qualifiziert. Na und da –“

Er starrte schmerzlich vor sich hin.

„Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat
ist. Der Hauptmann läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal
bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich habe ich den Fuß
nicht geschont und zu früh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte
sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualität meine
Angehörigen zu benachrichtigen.“

Dies sagte er knapp und männlich.

„Da hättet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Täglich kam er selbst, nach
den größten Märschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es
auch nur beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre Kameraden
geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann
eingestehen mußte, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch
versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergißt.
Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen.“

Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich.

„Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche Leben
hineinfinden. Prost.“

Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch
Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und
sprach nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“ und auch
vom „christlich-sozialen Gedanken“. Er erklärte den Füchsen, es sei an der
Zeit, sich mit Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl, daß es nicht für
vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie
sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von
Barnim werde demnächst den Neuteutonen die Ehre geben.

Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu
gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines
pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages
bekam er Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen
Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin
überein, daß der jüdische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie
sei und daß die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stöcker zu
scharen hätten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort
„Vorfrucht“ keinen deutlichen Sinn und verstand unter „Sozialdemokratie“
nur eine allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr von Barnim
hatte jeden, der nähere Aufklärung wünschte, zu sich eingeladen, und
Diederich würde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so
schmeichelhafte Gelegenheit versäumt hätte.

In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim
ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine ständische
Volksvertretung, wie im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der Kaiser hatte es mit
Recht gefordert, wieder auf die Höhe kommen, wie vor dem Dreißigjährigen
Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es entsprach seinen
Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse,
nicht persönlich, sondern korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich
schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen Mitbürger freilich
schloß Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch
das Prinzip der Unordnung und Auflösung, des Durcheinanderwerfens, der
Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen selbst. Sein frommes Gesicht zog
sich zusammen vom Haß, und Diederich fühlte ihn mit.

„Schließlich“, meinte er, „haben wir doch die Gewalt und können sie
hinauswerfen. Das deutsche Heer –“

„Das ist es eben“, stieß Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief.
„Haben wir darum den ruhmreichen Krieg geführt, daß mein väterliches Gut
an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?“

Während Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte es, und Herr von
Barnim sagte:

„Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen.“

Er bemerkte Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu:

„Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muß
an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in
das Lager unseres christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das
Ihre!“

Damit war Diederich entlassen. Er hörte den Barbier noch sagen:

„Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinübergeht,
bloß weil Liebling jetzt Marmor hat.“

Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:

„Das ist alles schön und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung
für die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer
kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker hat im
Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie
sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit
gediehen. Heute heißt es bloß noch: losschlagen, solange wir die Macht
haben.“

Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war
ihm gleich ein wenig peinlich erschienen.

„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt.“ Wiebels
Augen drohten katerhaft. „Nun, was wollen Sie mehr? Das Militär ist
darüber instruiert, es könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten
schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am
Vorabend großer Ereignisse.“

Da Diederich erregte Neugier zeigte:

„Was ich durch meinen Vetter von Klappke –.“

Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absätze zusammen:

„– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die Öffentlichkeit reif.
Ich will nur bemerken, daß der gestrige Ausspruch Seiner Majestät, die
Nörgler möchten gefälligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln
schütteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“

„Tatsächlich? Sie glauben?“ sagte Diederich. „Dann ist mein Pech wirklich
skandalös, daß ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestät scheiden
mußte. Ich darf sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht
getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß ich, kann der Kaiser sich
verlassen.“

Er war in diesen naßkalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der
Straße, in der Erwartung großer Ereignisse. Unter den Linden hatte sich
etwas verändert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an
den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die Passanten zeigten
einander das Aufgebot der Macht. „Die Arbeitslosen!“ Man blieb stehen, um
sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen
und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zögerten sie, wie
verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schloß ein.
Dort standen sie, stumm, die Hände in den Taschen, ließen sich von den
Rädern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter
dem Regen, der auf ihre entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen
wandten die Köpfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren
Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstraße her
schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie
sich. Andere aber ließen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das
Wasser lief über ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem
schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur nächsten
Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken
zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und
der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte.

„Ich begreife nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei nicht energischer
vorgeht. Das ist doch eine unbotmäßige Bande.“

„Lassen Sie’s gut sein“, erwiderte Wiebel. „Die Schutzleute sind genau
instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlüberlegten Absichten, das
können Sie mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen, daß
derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper gleich anfangs unterdrückt
werden. Man läßt sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!“

Die Reife, die Wiebel meinte, kam täglich näher, am sechsundzwanzigsten
schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewußter
aus. In eine der nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der
nächsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstärkt wieder
hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Züge, rannen, sooft sie
getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloß, wichen zurück und
erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie übergetretenes
Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fußgänger stauten sich, mit
hineingezogen in die langsame Überschwemmung, worin der Platz ertrank, in
dies trübe und mißfarbene Meer der Armen, das zäh dahinrollte, dumpfe
Laute heraufwälzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit
den Bannern hinaufreckte: „Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen,
ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“
Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke:
„Brot! Arbeit!“ Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschäumen,
Zurückfließen, und Weiberstimmen im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot!
Arbeit!“

Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter.
Aber sie haben aufgerissene Münder; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins
Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein
verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: „Es kommt
anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“ – und ist untergegangen, bevor ihm
einfällt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem großen
Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafés, hört das
Klirren der eingedrückten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: „Da haben
se mich neulich ’rausgesetzt for meine dreißig Fennje, weil ich keinen
Zylinderhut hatte“ – und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die
umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man über Scherben fällt, einander
die Bäuche einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir kriegen
keine Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die Polizei drängelt!“ Und die
Mitte der Straße sieht man frei liegen, gesäubert, wie für einen
Triumphzug. Da sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“

Und Diederich war wieder draußen. Niemand wußte, wie es kam, daß man auf
einmal marschieren konnte, in gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der
Straße und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der
Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knäuel von Schreienden
wurden aufgelöst und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein junger Herr im Helm,
der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schloß. Sie
hatten: „Brot! Arbeit!“ geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich
geändert, als daß er da war – und schon marschierten sie, als gehe es auf
das Tempelhofer Feld.

Seitwärts, wo die Reihen dünner waren, sagten bürgerlich Gekleidete zu
einander: „Na, Gott sei Dank, er weiß, was er will!“

„Was will er denn?“

„Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen
versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren.
Sie sind frech geworden.“

„Angst kennt er nicht, das muß man sagen. Kinder, dies ist ein
historischer Moment!“

Diederich hörte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte,
wandte sich auch an ihn. Er hatte weiße Bartkoteletts und das Eiserne
Kreuz.

„Junger Mann,“ sagte er, „was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das
werden die Kinder mal aus den Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“

Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem
Kaiser folgten, blickten mit äußerster Entschlossenheit darein, ihre
Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum
Statieren bei einer Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal
schielten sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der
Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine
Züge, sein Auge blitzte hin über die Tausende der von ihm Gebannten. Er
maß sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen
Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten unter sie gewagt,
stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es
im Plan des Höchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum
Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie für
immer das Gepräge seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!

Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben Diederich, er sagte:
„Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevölkerung
mischt.“

„Das ist doch großartig!“ behauptete Diederich, und die Stimme versagte
ihm. Der andere zuckte die Achseln.

„Theater, und nicht mal gut.“

Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.

„Sie sind wohl auch so einer.“

Er hätte nicht sagen können was für einer. Er fühlte nur, daß er hier, zum
erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche
Bemängelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des
Menschen an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung sich
mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch drängte er den Feind
gegen die Mauer und schlug auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit.
Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen
bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern:

„Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!“

Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er
drückte Diederich die Hand.

„Brav, junger Mann, brav!“

„Soll man da nicht wütend werden?“ erklärte Diederich, noch keuchend.
„Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?“

„Sie haben gedient?“ fragte der alte Herr.

„Ich wäre am liebsten ganz dabei geblieben“, sagte Diederich.

„Na ja, Sedan ist nicht alle Tage“ – der alte Herr betupfte sein Eisernes
Kreuz. „Das waren wir!“

Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.

„Das ist doch gerade so gut wie Sedan!“

„Na ja“, sagte der alte Herr.

„Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr“, rief jemand und schwenkte sein
Notizbuch. „Wir müssen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben
wohl einen Genossen verwalkt?“

„Kleinigkeit“ – Diederich keuchte noch immer. „Meinetwegen könnt’ es jetzt
gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“

„Fein“, sagte der Reporter und schrieb. „In der wildbewegten Menge hört
man Leute aller Stände der treuesten Anhänglichkeit und dem
unerschütterlichen Vertrauen zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“

„Hurra!“ schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines
mächtigen Stoßes von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das
Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch.
Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das
Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein
Rausch, höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf
die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch über
allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten Raserei, durch einen
Himmel, wo unsere äußersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem
Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt
die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die
über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts können, weil wir
alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin
haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas,
das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in
gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und
Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbände kegelförmig
hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in
ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und
triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie
unsere Liebe!

... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stieß Diederich
vor die Brust, daß ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll
Siegestaumel, als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die
gebändigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle
fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel
Gefühl; man durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mußte abbiegen,
auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige
fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte,
dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten
Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder:
der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn.
Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam
nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht
in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da
lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der
Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel
und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.



                                   II.


Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer Bank saß eine Dame;
Diederich ging ungern vorüber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“,
dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte,
und dann erkannte er Agnes Göppel.

„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort.

„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter
großen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café
hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden
hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen Kaiser! Kanonen sollte man
auffahren!

„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern. „Es sind ja auch
Menschen.“

„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere Feind sind sie!“

Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.

„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des Packs alle Straßen
abgesperrt werden müssen.“

Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen
gehabt, und wie sie zurück nach der Blücherstraße wollte, ging kein
Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden
bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde sich ängstigen; was
sollte sie tun? Diederich verhieß ihr, er werde es schon machen. Sie
gingen zusammen weiter. Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und
wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen
kahlen Bäumen und nassem alten Laub. Wo waren die männlichen Hochgefühle
von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus
sprang, ausriß und verschwand. Gerade sagte Agnes: „Sie haben sich aber
sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch
geschrieben?“

Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mußte
Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken, dann fragte sie weiter: warum er
damals plötzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.

„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“

Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn völlig in
Anspruch genommen. Dort herrsche nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und
dann habe ich meiner Wehrpflicht genügt.“

„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt
sind Sie wohl schon Doktor?“

„Das soll jetzt kommen.“

Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite,
alle seine wohlerworbene Männlichkeit: für sie war das nichts? Sie
bemerkte es gar nicht?

„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine
ganz dünne Röte, bis auf den Sattel der kleinen eingedrückten Nase mit den
Sommersprossen.

„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser
werden.“

Diederich bereute.

„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden sind“ – und er
betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
früher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich
seiner Demütigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen.
Herausfordernd sagte er:

„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“

Agnes bekam eine wegwerfende Miene.

„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe, wär’s mir gleich.“

„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz gut heiraten.“

„Wennschon.“

„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“

„Woraus schließen Sie das?“

„Er schenkte Ihnen immer etwas.“

„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“ sie sah auf den Weg,
auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann hätte ich auch Ihre Geschenke nicht
annehmen dürfen.“

Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß etwas Schweres
geschehen war, und schwieg auch.

„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich heraus, „ein paar
Blumen.“ Und mit wiedergekehrter Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein
Armband geschenkt.“

„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er
brachte hervor: „Und wenn es von mir gewesen wäre?“

Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:

„Dann ja.“

Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen
vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei
erfüllt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig
belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.

„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen nämlich schenkte, war
mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz
grüner Junge.“

Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen
zitterten. „Das ist schrecklich. Können Sie mir das verzeihen?“

Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.

„Nein, nein“, sagte sie verstört.

Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging
es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. „Es tut
mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen
lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie könnten mit
hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im Trockenen. Aber natürlich, eine
junge Dame darf das nicht.“

Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.

„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind so edel.“ Und da
sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?“

„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation schulde“, erklärte
Diederich.

Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand darin. „Legen Sie doch
so lange ab“, sagte Diederich gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen,
und trat, während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den anderen.

„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er wandte sich schon
nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes hatte seine Hand ergriffen und
küßte sie! „Aber Fräulein Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und
legte ihr, wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die
seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich
dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Körper,
als würde er geschlagen. Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht
an. Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und plötzlich kam
ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit
einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer Not. Sie
antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstöße, und
er fühlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfließen schien.

Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir nicht bös, Agnes“, bat
Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.

„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so lange auf dich
gewartet.“

„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte. „Warum deckst du
es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schön?“

Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen Verantwortung vollkommen
bewußt.“

„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang
geliebt. Du wußtest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!“

Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies das Schicksal der
leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits empfand er das Bedürfnis, sich
ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich
hast du geliebt?“

„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte,
du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte
dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil
du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa eine Reise
mit mir machen mußte.“

„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn
wieder an sich.

„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“

Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“ Agnes schien ihm
verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, daß sie
ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man
nicht alles glauben.

„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen war doch wohl los mit
ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen
aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen
von seinem Glück.

Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was
los ist“, meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war
und er schon die Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.

„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie wieder. Mir
ist, als sollte ich heute nacht sterben.“

„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt einer Antwort ließ
sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf
seiner und von den Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich
wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen und sagte:

„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange. Ich hab’ dich
geliebt, nun ist alles gleich.“

Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach
ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:

„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir
gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig: du verstehst, ich verdiene noch
nichts, ich muß erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb
einleben ...“

Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment
gemacht:

„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau werden könnte.“

Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er,
es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:

„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts machen, denn ich muß
zu Hause doch erzählen, daß ich dir begegnet bin und daß wir im Café
zusammen gewartet haben, bis die Straßen wieder frei waren.“

„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu:

„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt bestimmt kommen.“

Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –? Bei euch soll ich –?“

Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders. Wenn man uns
einmal sähe –: willst du denn nicht, daß ich wiederkomme?“

O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden, bis er sein
Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer
formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: „So ein Weib ist
scheußlich raffiniert. Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit
Unlust, daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach
Hause, er wußte nicht, warum. Als er dann die Tür seines Zimmers hinter
sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
Plötzlich reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht nach oben und
sagte in einem langen Aufatmen:

„Agnes!“

Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. „Ich bin ganz
furchtbar glücklich“, dachte er, und: „So schön kommt es im ganzen Leben
nicht wieder!“ Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser
Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten
kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was
gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich
bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem
Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde gehalten hatte? Sie waren
Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte
willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet und
endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor
einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, daß er,
bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt
habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, die ihn beschämten, und
niemand, den er liebte – bis Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja
gar nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen. Er fühlte,
daß er es nie wieder so werde sagen können wie in dieser Stunde, und er
schrieb einen Brief. Er schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf
sie gewartet habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu
schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er sich das mit Mahlmann nur
eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und
nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich auf,
Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will Dir mein ganzes
Leben weihen!“ – Er weinte, drückte das Gesicht in das Diwankissen, worin
er ihren Duft noch spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er
ein.

Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu
finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein, ein süßer Stoß ging durch sein
Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, daß er sich
peinliche Übertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief
wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte einen auch wirklich
aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem großartigen
Mädel ein Verhältnis hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte
zärtlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es
war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Göppel ihn ab ...
Diederich verschloß den Brief im Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich
gestern überhaupt nicht gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück
bringen. „Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“ Er zündete eine Zigarre an
und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt
in Worte – denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem – lieber in
Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich plötzlich
mit viel mehr Glück als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.

Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf.
„Das Mädchen kann nicht vom Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund
sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.

„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot.

„Das von Mahlmann?“

„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“

Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging die Tür zum Berliner
Zimmer auf. Herr Göppel wandte sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“
Aber kaum erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute
seine Vertraulichkeit.

„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr Heßling!“

Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: „Siehst du? Der merkt
es, daß ich kein dummer Junge mehr bin.“

„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich fest und begrüßte
Herrn Göppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
beträchtlich gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter
benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren
nun größer, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.

„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung, „die Zeit
vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder.“

„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen und mit Geringschätzung,
indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals
ihm gegenüber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewußt hatte, daß
Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten
hatte, erklärte ihm, daß diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei.
Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die
quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft
und niedergedrückt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert
entsprechend, erhöht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick
des Besitzers.

Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte
unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich sah ihre schönen blonden Augen
verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes
Mitgefühl mit ihr, eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der
Tür:

„Marie! Der Krehm!“

Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das haben Sie früher auch
schon gemacht. Sie sind doch hier wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“
Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. Er
mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
wohlwollend die Verwandten ihm zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an.
Was für gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn! Er verdiente
so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor,
nachher mit Herrn Göppel zu sprechen.

Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn
wir endlich den Druck der Bismarckschen Kürassierstiefel los waren,
brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet uns noch die
Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlaßt, im Namen der
Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche
Nörgeleien auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten es
selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich
willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich.“ Dabei
versuchte Diederich zu blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab.

„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß jeder seinen Mann
stehen.“ Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.

„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch nur hart, wenn wir
uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab’ mich mit meinen
Arbeitern noch immer vertragen.“

Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz
andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
Sonntags gingen die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr Göppel.
Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloß
am Karfreitag gehe. „Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber
was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da sah man
Diederichs Miene hoch überlegen werden.

„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben
und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
für richtig halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich Ihnen
nur sagen.“

Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich auf Diederichs Seite.
Herr Göppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
dazwischen. „Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte
Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig.“

Diederich dachte: „Da ich sozusagen zur Familie gehöre.“

Er ließ von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr
gemütlich. Herr Göppel wollte wissen, wann Diederich „fertig“ werde und
Doktor sei, er begriff nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und
länger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand
verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung zu gelangen. Er hatte
die Empfindung, Herr Göppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine
Promovierung. Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und
lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie
mit hinaus und flüsterte ihm zu:

„Morgen um drei bei dir.“

Vor jäher Freude griff er nach ihr und küßte sie, zwischen den Türen,
während gleich daneben das Mädchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte
traurig: „Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt
jemand kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung
noch einen Kuß. Sie gab ihn.

Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium
zurückzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem
Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten
können! Wie wir uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal, viel
schöner. Keine Träne mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein.
Diederich breitete Agnes’ Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht
darin.

Sie blieb, bis es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu machen, die sie
zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mußte laufen. Diederich, der mitlief, war
sehr besorgt, daß es ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig aus und
nannte ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam.
Immer waren sie glücklich. Herr Göppel stellte fest, daß es Agnes besser
gehe als je, und das verjüngte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage
jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht,
Diederich mußte Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen
Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich
nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glück gefeiert.

Es kam vor, daß im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm
meldete, draußen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz errötend unter
den verständnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich
auch, daß es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das
ihr gefiel, einer sanften, festtägigen Landschaft aus schöneren Ländern,
lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Träume
auszutauschen mit Diederich.

„Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor
mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und über den Weg, und biegen
die Weißdornbüsche weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie er
schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist
so warm. Drüben am Berg, der weiße Punkt, du weißt schon, es ist unser
Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?“

„Ja, ja“, sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah
alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, daß er ihre Hand
nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und
sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in
sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im
Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches
Leben zu führen, ohne viel Muße für Überschwenglichkeiten. Aber was er
hier sagte, war von einer höheren Wahrheit als alles, was er wußte. Der
eigentliche Diederich, der, der er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber
Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde.
Ihre schönen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen
machte, und sie fragte leise und zitternd:

„Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“

„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen.

„Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief.“

Da er ratlos war:

„Wir hätten ertrinken müssen. Sag’, wärst du gern mit mir gestorben?“

Diederich sah sie an; dann schloß er die Augen.

„Ja“, sagte er mit einem Seufzer.

Nachher aber bereute er ein solches Gespräch. Er hatte wohl gemerkt, warum
Agnes plötzlich in eine Droschke steigen und heimfahren mußte. Sie hatte
krampfhafte Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie
sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen
waren ungesund, führten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein
Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht
länger, daß sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er
setzte es ihr schonend auseinander. „Du hast wohl recht“, sagte sie
darauf. „Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um
halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab’ ich dich schon
um vier?“

Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschätzung, und ward grob.
Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, könne er
überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da
bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem
Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine
Rücksicht zu nehmen. Das beschämte Diederich, er ward weich und überließ
sich, zusammen mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der es nicht nur
Liebe gab. „Muß es denn sein?“ fragte Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich
auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so gut
haben.“ Diederich sah es ein – nachträglich aber nahm er ihr es übel. Nun
ließ er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer
Versammlungen erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet heimkam, traf er
vor der Tür einen jungen Mann in Einjährigenuniform, der ihn zögernd
ansah. „Herr Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte Diederich, „Sie –
du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“

Der jüngste Sohn des großen Mannes von Netzig hatte sich endlich
entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich
aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen
Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach er
laut, damit sie es höre und sich verstecke. Mit Bangen öffnete er. Im
Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich
wußte wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die noch leise zu
schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie mußte in dem
fensterlosen kleinen Gelaß sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen
Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die Wirtin, die
nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. „O nein!“
versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak.
Buck entschuldigte sich wegen der ungewöhnlichen Stunde; der Dienst lasse
ihm keine Wahl. „Das kennen wir“, sagte Diederich; und um Fragen
zuvorzukommen, berichtete er sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege.
Er sei begeistert vom Militär, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben
könnte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck lächelte, ein weiches,
skeptisches Lächeln, das Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere: man
ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren.“

„Sie verkehren mit ihnen?“ fragte Diederich, und er meinte es höhnisch.
Aber Buck erklärte einfach, daß er zuweilen in die Offiziersmesse geladen
werde. Er zuckte die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für nützlich
halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit
Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal möchte ich nämlich General
werden und manchmal Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schließlich
fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig.“ Und er trank das zweite
Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter Mensch“, dachte Diederich. „Und Agnes in
der Dunkelkammer.“ Er sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei,
sich in den Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst Spaß macht.
Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte
ich übrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“

„Wissen Sie das ganz genau?“ fragte darauf Buck. „Ich traue eher dem
Kaiser eine heimliche Liebe für die Sozialdemokratie zu. Er wäre gern
selber der erste Arbeiterführer geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“

Diederich empörte sich. Das sei beleidigend für Seine Majestät. Aber Buck
ließ sich nicht stören. „Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck
gegenüber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militärischen
Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne gegen
die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch natürlich aus abweichenden
Gründen, weil er sich nämlich schwer damit abfindet, daß auch andere Macht
haben.“

Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. „Glauben
Sie bitte nicht,“ sagte er lebhafter, „daß Antipathie aus mir spricht. Es
ist im Gegenteil Zärtlichkeit: eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn Sie
wollen.“

„Verstehe ich nicht“, sagte Diederich.

„Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler
wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen
Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, daß wir nämlich unsere
Persönlichkeit ausleben möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat nur
die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen
Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das
heute noch ableugnen möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und
wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen ist, wäre es auch
wirklich Selbstmord, sich nicht zu überschätzen. Aber in tiefster Seele
hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet.“

„Rolle?“ fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.

„Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie sie heute nun
einmal ist, verdammt paradox wirken muß. Diese Welt erwartet von keinem
einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an,
nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“

„Erlauben Sie!“ Diederich warf sich in die Brust. „Und das Deutsche Reich,
hätten wir das ohne große Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ –
Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und skeptisch. „Dann müssen
sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine
Verhältnisse übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General
werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der
voraussichtlich nie mehr geführt werden wird? Oder ein womöglich genialer
Volksführer, während das Volk doch schon so weit ist, daß es auf die
Genies verzichten kann? Beides wäre Romantik, und Romantik führt
bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank zwei Kognaks nacheinander.

„Was soll ich also werden?“

„Ein Alkoholiker“, dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine
Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch
würde der Lärm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte
dann alles entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen genau zu
merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen?
Diederich erinnerte sich, daß auf der Schule Bucks deutsche Aufsätze, die
zu geistreich waren, ihm ein unerklärtes, aber tiefes Mißtrauen eingegeben
hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so ist er geblieben. Ein Schöngeist. Die
ganze Familie ist so.“ Die Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die
Theater gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt
durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begräbnis seines
Vaters. Auch der junge demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit
seinen überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den
Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. „Ich
hasse die ganze Familie!“ Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht
glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. „Nun, wir sehen uns zu Hause
wieder. Nächstes oder übernächstes Semester mache ich mein Examen, und was
bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?“
fragte er. Diederich erklärte streng, daß er seine Zeit nicht zu verlieren
und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte er
Buck hinaus. „Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er. „Merkst gar
nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte zurück, froh seiner
Überlegenheit über Buck und auch über Agnes, die im Dunkeln gewartet und
nicht gemuckt hatte.

Wie er aber die Tür öffnete, hing sie über einem Stuhl, ihre Brust ging
heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte sie das Keuchen. Sie sah ihm
entgegen, aus geröteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
und sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken und unnützes Zeug
geredet hatte. Seine erste Regung war maßlose Reue. Sie liebte ihn! Da saß
sie und liebte ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme
zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten.
Rechtzeitig hielt er sich zurück aus Furcht vor der Szene und der
sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natürlich
übertrieb sie absichtlich. So küßte er sie flüchtig auf die Stirn und
sagte: „Du bist schon da? Ich hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie
zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte
er, es sei gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel, der sich
aufspielt! Einfach ekelhaft!“ Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes
nicht ansehen zu müssen, lief er immer schneller und redete immer
heftiger. „Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten
feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch
ein Judenbengel kann froh sein, daß wir ihn dulden. Soll er seine
Pandekten büffeln und die Schnauze halten. Auf seine schöngeistigen
Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu
kränken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. „Das kommt
aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muß ich
deinetwegen auf der Bude hocken!“

Agnes sagte schüchtern: „Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen.
Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fürchte, du hast mich nicht
mehr lieb.“ Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind,
daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht mehr zu
versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe,
jeden Sonntag deinen Tanten beim Häkeln zuzusehen und mit deinem Vater
über Politik zu reden, wovon er nichts versteht.“ Agnes senkte den Kopf.
„Früher war es so schön. Du standest dich schon so gut mit Papa.“
Diederich drehte ihr den Rücken zu und sah aus dem Fenster. Das war es
eben: er fürchtete zu gut zu stehen mit Herrn Göppel. Durch seinen
Buchhalter, den alten Sötbier, wußte er, daß Göppels Geschäft bergab ging.
Seine Zellulose taugte nichts mehr, Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm.
Da wäre ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
Diederich fühlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte
sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er sich
ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide
tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber
aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit
Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt da
reinliche Scheidung.“

Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt
begriffen. Sie war tief errötet. Sie ging zur Tür. Diederich holte sie
ein. „Aber Agnes, so hab’ ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil
ich dich viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag.“
Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene. „Nun sei doch wieder gemütlich“,
bat er. „Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen.“ Sie tat es. Er
verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie
küßte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen lächelten und
küßten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in
ihre Arme: er erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann fühlte er
sich heißer geliebt als je.

„Heute war es aber wirklich schön. Was, meine kleine süße Agnes?“ sagte
Diederich, zufrieden und gutmütig.

„Adieu“, sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, während er sich erst
ankleidete.

„Du hast es aber eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts für dich tun.“ Sie
war schon bei der Tür – plötzlich fiel sie mit der Schulter gegen den
Pfosten und rührte sich nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich
näher kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast du denn?“
Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hörte nicht auf. „Aber Agnes,“
sagte Diederich von Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal geschehen, wir waren
doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich dir was getan?“ Zwischen den
Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: „Ich kann nicht.
Entschuldige.“ Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war,
schämte Agnes sich. „Verzeih! Ich kann nicht dafür.“ – „Kann denn ich
dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!“

Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachträglich
aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komödie und als eins der
Mittel, die ihn endgültig einfangen sollten. Das Gefühl verließ ihn nicht
mehr, daß Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft.
Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner
männlichen Selbständigkeit und durch Kälte, sobald die Stimmung weich
ward. Sonntags bei Göppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland:
korrekt und unzugänglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten
sie. Er könne die Lösung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
er selbst nicht. Er betonte, daß er auch künftig finanziell abhängig von
seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange für nichts Zeit haben als einzig
für das Geschäft. Und da Herr Göppel die idealen Werte des Lebens zu
bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern hab’ ich meinen
Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass’ mir nichts
vormachen.“ Wenn er nach solchen Worten Agnes’ stummen und betrübten Blick
auf sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe
nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle
wider Willen. Aber das verging.

Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit für ihn
war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte ihn nicht mehr zu
Träumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten
und ihr erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm selbst
fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf
ihr vor, daß sie nicht darauf dringe, öfter zu kommen. „Früher warst du
ganz anders.“ „Ich muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß auch du wieder
so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“

Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie
gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheißen, er hatte
nur noch eine belanglose mündliche Prüfung zu bestehen und war in der
gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glückwunsch
brachte und Rosen dazu, brach er in Tränen aus und sagte, daß er sie
immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, daß Herr Göppel soeben eine
mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun ist das Wetter so
wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein: „Das müssen wir benutzen!
Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!“ Sie beschlossen, aufs Land
hinaus zu fahren. Agnes wußte von einem Ort namens Mittenwalde; es mußte
einsam dort sein und romantisch wie der Name. „Den ganzen Tag werden wir
beisammen sein!“ – „Und die Nacht auch“, setzte Diederich hinzu.

Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein
und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam,
der Schaffner zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen, eng
umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus in das flache, eintönige
Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuß, weit fort, und sich verlieren in der
guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Häuser wären sie fast
ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück; ob sie denn auf Stroh
übernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen
großen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der
Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes „gnädige Frau“ nannte und
schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen
Einverständnisses und befangen. Nach dem Essen wären sie gern gleich
hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blätterten gehorsam in den
Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Rücken wandte,
warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch offen, und schon lagen
sie einander in den Armen.

Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Hühner
und flatterten auf den Tisch vor der Laube. „Dort wollen wir frühstücken!“
Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es köstlich
nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war
einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
gehen; der Wirt mußte die Straßen und Dörfer nennen. Sie lobten freudig
sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise?
„Stimmt“ – und sie lachten herzhaft.

Die Pflastersteine der Hauptstraße streckten ihre Spitzen nach oben, und
die Julisonne färbte sie bunt. Die Häuser waren höckrig, schief und so
klein, daß die Straße zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit
Steinen. Die Glocke des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her.
Wenige Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und
wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten,
denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschäft
mit den Hüten der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin
vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig
aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau
und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser. Die
Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in heißes Flimmern, und ein
Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei
den Händen, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied für
wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte
seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten,
wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich, im Gehen.

„Jetzt seh’ ich erst recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich und sah
zärtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden,
goldgestirnten Augen. „Der Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete frei
auf, daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit
schmalen Hüften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich
hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich
gestand er, daß er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen, am Rand
eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch,
der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren
Schoß. Sie spielten noch miteinander und scherzten: plötzlich merkte sie,
daß er einschlief.

Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes’ Gesicht fand, erglänzte er
selig. „Lieber“, sagte sie. „Was du für ein gutes, dummes Gesicht machst.“
– „Erlaub’ mal! Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig,
eine Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“ Aber sie war
erstaunter als er, daß so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er
unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er
einschlief.

Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag eine dunkle Masse;
und als sie durch die Halme spähten, war es ein alter Mann mit einer
Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren.
Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die Knie gewickelt. Sie
bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, daß er sie
schon längst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie
schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand
Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden
Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und
der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.

Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der
Sonne, den Hühnern, dem offenen Küchenfenster, aus dem Agnes sich die
Teller reichen ließ. Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstraße, wo
Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe nicht wieder fort von hier“,
erklärte Diederich. „Dich lass’ ich auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum
denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin
schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort.“

Später gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floß und
der Horizont von den Flügeln dreier Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag
ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen
entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorüber.
Unter herniederhängenden Büschen legte es von selbst an – und Agnes fragte
unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, daß
sie immer gut zu ihm gewesen seien, und daß er sie liebhabe. Er wollte
sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren hübsch geworden;
oder vielleicht nicht hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi,
las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide sorgen und sie
verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er
alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte von
den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen seiner Kindheit
und sogar von dem Gebet „aus dem Herzen“. Agnes hörte zu, ganz versunken.
Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich kennenlernen. Meine hab’
ich nicht gekannt.“ Er küßte sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer
dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein
Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer trösten mußte. Aber er
schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte
sie langsam, „daß du im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur manchmal
anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie
sich: „Heute hab ich gar keine Furcht vor dir.“

„Hast du denn sonst Furcht?“ fragte er reumütig. Sie sagte:

„Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig
waren. Bei meinen Freundinnen früher war es mir oft, als könnte ich mit
ihnen nicht Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten.
Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit großen
blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, mußte ich nebenan
bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen
harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle
so ansehen wie ich. Gerne hätte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie
die Augen schloß. Aber ich wagte es nicht. Hätte ich denn auch die
Menschen auf den Rücken legen können? Alle haben solche Augen, und
manchmal –“ sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, „manchmal sogar
du.“

Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren Nacken, und seine
Stimme schwankte. „Agnes! Süße Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich
liebhabe ... Ich hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab’
ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für mich, zu fein, zu
gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem
ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem
Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hörte ihm zu, entzückt,
die Lippen geöffnet. Sie jubelte leise: „Ich wußte es, so bist du, du bist
wie ich!“

„Wir gehören zusammen“, sagte Diederich und preßte sie an sich; aber er
war erschrocken über seinen Ausruf: „Jetzt wartet sie,“ dachte er, „jetzt
soll ich sprechen.“ Er wollte es, aber er fühlte sich gelähmt. Der Druck
seiner Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich:
er wußte, nun wartete sie nicht mehr. Und sie lösten sich voneinander,
ohne sich anzusehen. Diederich schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht
und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über
das Haar. Das währte lange.

Über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich denn geglaubt, daß es
dauern würde? Es mußte schlimm enden, weil es so schön war.“

Er fuhr auf, verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie fragte:

„Glaubst du an das Glück?“

„Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!“

Sie murmelte: „Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich
vergessen.“

„Lieber sterben!“ – und er zog sie an sich. Sie flüsterte an seiner Wange:

„Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von
selbst losgemacht und uns hinausgeführt. Weißt du noch, jenes Bild? Und
der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und noch
leiser: „Wohin mit uns?“

Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander,
senkten sie sich rückwärts immer tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn?
Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte: nun
war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht
gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut.

Plötzlich, ein Stoß: sie schnellten in die Höhe. Diederich hatte so viel
Kraft gebraucht, daß Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich
über die Stirn. „Was haben wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als
sei er beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man nicht sein
beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen, griff sogleich nach den
Rudern und fuhr zurück. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet.
Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mißtrauisch
und hart, daß sie zusammenfuhr.

In der sinkenden Dämmerung gingen sie, immer schneller, die Landstraße
zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, daß sie
ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh
kam Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie sie beim
Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. „Nicht mal mehr essen
kann man!“ sagte Diederich mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf
die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum daß sie drin
waren. Ein Glück, daß sie Atem zu schöpfen und die eiligen Geschäfte der
letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darüber war
gefallen, und nun saß jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt wie
nach einem großen Mißerfolg. Das dunkle Land da draußen, hatte es einmal
gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man
fand nicht zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten
einen?

Bei der Ankunft waren sie darüber einig, daß es sich nicht verlohne, in
denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Hände und Augen
streiften sich nur.



„Uff!“ machte Diederich, als er allein war. „Das wäre erledigt.“ Er sagte
sich: „Es hätte ebensogut schief gehen können.“ Und mit Empörung: „So eine
hysterische Person!“ Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten
haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf den ganzen Trick war sie
doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! „Die
Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiß Gott, noch ärger
an der Nase herumgeführt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine
Lehre für das Leben sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er
zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage
büffelte er für das mündliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause,
sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der
Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er Herzklopfen habe.
Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts; und nachdem ihm anfangs
leichter geworden war, kam es schließlich doch jedesmal dazu, daß er die
Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.

Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geöffnet, bevor er es
bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen – zog
ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. „Ich bin so
unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete Diederich. „Ich wage mich nicht
zu Dir ...“ „Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir uns fremd geworden
sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“ „Verzeih mir, was geschehen ist,
oder ist nichts geschehen?...“ „Gerade genug!“ „Ich kann nicht
weiterleben ...“ „Fängst du schon wieder an?“ Und er schleuderte das Blatt
endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht
mit Überschwenglichkeiten bedeckt und zum Glück nicht abgeschickt hatte.

Eine Woche später aber, wie er in der Nacht heimkam, hörte er hinter sich
Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen,
die Hände ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während er
das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im
Zimmer machte er kein Licht. Er schämte sich, indes sie aus dem Dunkel
hinaufspähte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehört hatte. Es regnete.
Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiß stand sie noch immer dort, mit
ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster
aufreißen – und wich zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der Treppe,
mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren.
Darauf schloß er ab und zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“ Denn
diesmal wäre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Mädel
war zweifellos zu bedauern, aber schließlich hatte sie es gewollt. „Vor
allem habe ich Pflichten gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht
ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, daß sie noch einmal
versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reißen. Jetzt, da sie wußte, daß
die Prüfung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und
durch die nächtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre
Gestalt nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches bekommen. Er
betrachtete sie als endgültig gesunken. „Auf keinen Fall mehr das
geringste!“ beteuerte er sich, und er beschloß, noch für den kurzen Rest
seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: „selbst wenn es mit einem
Geldopfer verbunden sein sollte.“ Glücklicherweise suchte ein Kollege
grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf
nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia
feierte ihn mit einem Frühschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause
ward ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. „Es wird
Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß mir doch Glück wünschen.“ Und von
Hoffnung geschwellt: „Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?“ Er
öffnete, und er prallte zurück. Denn da stand Herr Göppel.

Auch er fand nicht gleich Worte. „Nanu, im Frack?“ sagte er dann, und
zögernd: „Waren Sie vielleicht bei mir?“

„Nein“, sagte Diederich und erschrak aufs neue. „Ich habe nur meine
Doktorprüfung gemacht.“

Göppel erwiderte: „Ach so, ich gratuliere.“ Dann brachte Diederich hervor:
„Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete:
„Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt
ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen sie einander an. Göppels Stimme
war ruhig gewesen, aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er
hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war
sie da. Er mußte sich setzen.

„Nämlich,“ begann Göppel, „ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht.“

„Oh!“ machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. „Was fehlt ihr denn?“
Herr Göppel wiegte bekümmert den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es sind
natürlich nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er, nachdem er
vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole. „Und nun wird sie
mir melancholisch vor Langeweile, und ich möchte sie aufheitern. Ausgehen
darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist
Sonntag.“

„Gerettet!“ fühlte Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor Freude ward er zum
Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. „Ich hatte es mir schon fest
vorgenommen. Aber jetzt muß ich dringend nach Haus, unser alter
Geschäftsführer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich
Abschiedsbesuche machen, morgen früh reise ich gleich ab.“

Göppel legte ihm die Hand auf das Knie. „Sie sollten es sich überlegen,
Herr Heßling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was.“

Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, daß Diederich
wegsehen mußte. „Wenn ich nur könnte“, stammelte er; Göppel sagte:

„Sie können. Überhaupt können Sie alles, was hier in Frage kommt.“

„Wieso?“ Diederich erstarrte im Innern. „Sie wissen wohl, wieso“, sagte
der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte:
„Sie denken doch hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im
Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts tue und Sie
ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir überlegt, daß es doch
eigentlich zu dumm wäre, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen
wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und so weiter.“

Diederich dachte: „Die Geschäftsverbindung ist gelöst, mein Bester.“ Er
wappnete sich.

„Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Göppel.“

„Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in
die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu
scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr?
Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches Geschäft
ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’ Mitgift sehr gelegen.“ Und in einem
Atem weiter, indes seine Augen abirrten: „Momentan kann ich zwar nur
zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie
wollen.“

„Siehst du wohl?“ dachte Diederich. „Und die zwölftausend müßtest du dir
auch pumpen – wenn du sie noch kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden,
Herr Göppel“, erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu wären zu
große Geldmittel nötig.“

Herr Göppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: „Ich kann noch
ein übriges tun ...“

„Lassen Sie nur“, sagte Diederich, vornehm abwehrend.

Göppel ward immer ratloser.

„Ja, was wollen Sie dann überhaupt?“

„Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen.“

Göppel gab sich einen Ruck. „Das geht nicht, lieber Heßling. Nach dem, was
nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert.“

Diederich maß den Vater, er zog die Mundwinkel herab. „Sie wußten es
also?“

„Nicht sicher“, murmelte Göppel. Und Diederich, von oben:

„Das hätte ich auch merkwürdig gefunden.“

„Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“

„So irrt man sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich
wehren konnte. Göppels Stirn fing an, sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich
nämlich auch Vertrauen gehabt.“

„Das heißt: Sie hielten mich für naiv.“ Diederich schob die Hände in die
Hosentaschen und lehnte sich zurück.

„Nein!“ Göppel sprang auf. „Aber ich hielt Sie nicht für den Schubbejack,
der Sie sind!“

Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. „Geben Sie Satisfaktion?“ fragte
er. Göppel schrie:

„Das möchten Sie wohl! Die Tochter verführen und den Vater abschießen!
Dann ist Ihre Ehre komplett!“

„Davon verstehen Sie nichts!“ Auch Diederich fing an, sich aufzuregen.
„Ich habe Ihre Tochter nicht verführt. Ich habe getan, was sie wollte, und
dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit
Entrüstung: „Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an mit ihr
verabredet haben? Dies ist eine Falle!“

Göppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Plötzlich
erschrak er, und mit seiner gewöhnlichen Stimme, nur daß sie zitterte,
sagte er: „Wir geraten zu sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig.
Ich habe Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“

Diederich lachte höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie schwindeln? Vorhin
sagten Sie, Agnes weiß gar nicht, daß Sie hier sind.“

Der Vater lächelte entschuldigend. „Im guten einigt man sich schließlich
immer. Nicht wahr, mein lieber Heßling?“

Aber Diederich fand es gefährlich, wieder gut zu werden.

„Der Teufel ist Ihr lieber Heßling!“ schrie er. „Für Sie heiß’ ich Herr
Doktor!“

„Ach so“, machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das erstemal, daß jemand
Herr Doktor zu Ihnen sagen muß? Na, auf die Gelegenheit können Sie stolz
sein.“

„Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?“ Göppel
wehrte ab.

„Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan
haben, meine Tochter und ich. Müssen Sie denn wirklich so viel Geld
mithaben?“

Diederich fühlte sich erröten. Um so entschlossener ging er vor.

„Wenn Sie es durchaus hören wollen: mein moralisches Empfinden verbietet
mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe
bringt.“

Sichtlich wollte Göppel sich nochmals empören; aber er konnte nicht mehr,
er konnte nur noch das Schluchzen unterdrücken.

„Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen hätten! Sie hat es mir
gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich
liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“

„Weiß ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann.“ Und
da Göppel zurückwich, als sei er vor die Brust gestoßen:

„Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

Er sagte noch: „Kein Mensch kann von mir verlangen, daß ich so eine zur
Mutter meiner Kinder mache. Dafür hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“
Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer,
der geöffnet dastand.

Hinter sich hörte er den Vater nun wirklich schluchzen – und Diederich
konnte nicht hindern, daß er selbst gerührt ward: durch die edel männliche
Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters
Unglück, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er
hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel die Tür öffnete und schloß,
hörte ihn über den Korridor schleichen und das Geräusch der Flurtür. Nun
war es aus – und da ließ Diederich sich vornüber fallen und weinte heftig
in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert.

Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mußte stark sein. Diederich hielt
sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden wäre. Sogar ein
Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in
rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in ihrem Innern
vielleicht doch weiche Stellen haben könnten, erschien ihm im höchsten
Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet;
und ein Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine Mutter,
würde ihn ganz untauglich gemacht haben für diese harte Zeit. Diese harte
Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr – und das alles
gebändigt, bis zum Hurraschreien gebändigt durch die Macht, die
allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf
Köpfe setzte, steinern und blitzend.

„Nichts zu machen“, sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. „So muß
man sein!“ Um so schlimmer für die, die nicht so waren: sie kamen eben
unter die Hufe. Hatten Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also?
„Ich wäre ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas täte, wozu ich nicht
gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was.“ Diederich empfand
stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der
Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und
tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine
wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu
sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch äußerlich an seiner
Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die
Mittelstraße zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor,
die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer häufiger beobachtete.
Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er
ließ vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln
hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder.
Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten
bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie
aus dem Gesicht der Macht.



                                   III.


Um weiteren Belästigungen durch die Familie Göppel aus dem Wege zu gehen,
reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen
Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die
Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand
ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs
Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwärtig
elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen Sprache eine
Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Füße in
den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stießen
Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer selbst, aber
Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein
Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die
Zunge verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er
dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt
ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand, wobei sie ihm
zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit glänzend, ihre Sympathie
und sprach sie an. Es stellte sich heraus, daß sie aus Netzig war. Er
nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
„Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit
dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrückten Nase; das
weißliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett
war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und
selbst rosigen Würstchen glichen. „Nein,“ entschied er, „kennen tu’ ich
Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes
Schweinchen.“ Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte
er eine Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben Sie mehr
solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“ Sie lachte aus der
Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. „Ein Stück
Wurst können Sie haben, aber sonst nichts.“ Ohne zu wollen, verglich er
ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit, und er sagte sich: „So
eine könnte man getrost heiraten.“ Schließlich nannte sie selbst ihren
Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen
Schwestern. Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“ Und beide schüttelten
sich vor Freude. „Sie haben mir doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen
in Ihrer Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen
Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die hab’ ich gesammelt, und
wenn meine Mutter mir mal Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir Bonbons
gekauft.“

„Praktisch sind Sie auch!“ Diederich war entzückt. „Und dann sind Sie
immer zu uns über die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Göre. Hosen
hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte
man hinten was zu sehen.“

Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein Gedächtnis. „Jetzt muß
es aber noch schöner geworden sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward
plötzlich ernst.

„Jetzt bin ich verlobt.“

Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit
enttäuschter Miene. Dann erklärte er zurückhaltend, er kenne Buck. Sie
sagte vorsichtig: „Sie meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber
die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien
ist wieder mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah
Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er
hatte den Mut verloren.

Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist
noch frei?“

„Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.“ Er nickte gewichtig. „Ach!
Das müssen Sie mir erzählen“, rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir
sehen uns hoffentlich bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur
sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein.
Für ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht.“

Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen
erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stürzten sie herbei
und halfen das Gepäck tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie mit
Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie war Millionärin!
Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.

Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter in Magdeburg
hatte Guste all das Geld vermacht, dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und
sie hat es sich verdient,“ bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar
unappetitlich gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst kann man sich
natürlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr
mit ihm allein.“

Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. „So was sagt ein junges Mädchen
nicht!“ schrie er entrüstet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge
Tietz, Meta Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch energisch
auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand eine Pause; darauf sagte
Emmi: „Guste ist nämlich schon verlobt.“ – „Das weiß ich“, knurrte
Diederich.

Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hörte sich „Herr Doktor“ nennen,
erglänzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der
Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Heßling den
Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer
Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche
Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie
ins Zimmer trat, „fertig“, mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt,
Fabrik und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken. Er gab
Mutter und Schwestern die Hände, allen zugleich, und sagte mit ernster
Stimme: „Ich werde mir immer bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch
Rechenschaft schulde.“

Aber Frau Heßling war in Unruhe. „Bist du bereit, mein Sohn?“ fragte sie.
„Unsere Leute erwarten dich.“ Diederich trank sein Bier aus und ging, an
der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben eine Schleife um die
Inschrift „Willkommen!“ Davor stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte:
„Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen, weil ich noch was
zu tun hatte.“

„Heute hätten Sie das auch lassen können“, erwiderte Diederich und ging an
Sötbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie
in einem Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine, den
Holländer und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen,
samt den Frauen, deren Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Männer
räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines
Mädchen hinausschoben, das einen Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit
einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte.
Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun war es an ihm, sich zu
räuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf
in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen
Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – und
begann:

„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier
künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu
bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen. Das ist
aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute,
die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“

Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er
den alten Sötbier an:

„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der
richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir
dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen
jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere
ich.“

Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart sträubte
sich noch höher.

„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein
schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein väterliches Wohlwollen
entgegenbringen, Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen
Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –“

Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein
verdächtiges Gesicht machte.

„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich
zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat
gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun
geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was ich euch gesagt habe.“

Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefühl,
das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges
Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes
die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.

Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Pläne dar. Die
Fabrik war zu vergrößern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte
konkurrenzfähig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing, draußen
in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das
ganze Geschäft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das
Geld nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das vorlaute Wort ab.
„Dein Bruder weiß das besser als wir.“ Vorsichtig setzte sie hinzu:
„Manches Mädchen wäre glücklich, wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und
sie hielt, seines Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich
errötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. „Es wäre mir ja ein so
entsetzlicher Schmerz,“ schluchzte sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn,
aus dem Hause ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen, denn ihre Guste
heiratet ja den Wolfgang Buck.“

„Oder auch nicht“, sagte Emmi, die Ältere. „Denn der Wolfgang soll doch
was mit einer Schauspielerin haben.“ Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter
zu berufen. „Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die
Leute!“

Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht
normal. „Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine
Schauspielerin geheiratet.“

„Man sieht die Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner Tochter, der Frau
Lauer, hat man sich allerlei erzählt.“

„Kinder!“ bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich beruhigte sie.

„Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die Schelle umhängt. Ich
stehe auf dem Standpunkt, daß die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt
schon längst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“

„Die Frau von Moritz, dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist einfach eine
Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz
verbauert.“ Emmi empörte sich.

„Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fünf
unverheirateten Töchter! Sie lassen sich Suppe aus der Volksküche holen,
ich weiß es positiv.“

„Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet“, erklärte Diederich. „Und
die Fürsorge für die entlassenen Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich
möchte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu
denken.“

„Es würde mich nicht wundern,“ sagte Frau Heßling, „wenn nicht mehr viel
da wäre. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung
habe, er ist doch so angesehen.“

Diederich lachte bitter. „Warum eigentlich? In der Verehrung des alten
Buck sind wir aufgezogen worden. Der große Mann von Netzig! Im Jahre
achtundvierzig zum Tode verurteilt!“

„Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer.“

„Verdienst?“ schrie Diederich. „Wenn ich nur weiß, einer ist gegen die
Regierung, ist er für mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein
Verdienst sein?“

Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese
alten Demokraten, die noch immer das Regiment führten, waren nachgerade
die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung
zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte
Landgerichtsrat Kühlemann saß, ein Freund des berüchtigten Eugen Richter,
darum stockte hier das Geschäft, und niemand kriegte Geld. Natürlich, für
so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär. Kein
Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar
Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Aufträge zu,
und für andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Klüsing gehörte
zu der Bande des alten Buck!

Magda wußte noch etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung im
Bürgerkränzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau
Lauer, krank war. Das ist doch Popismus.“

„Nepotismus heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. „Und
dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hüten!
Wir werden ihm auf die Finger sehen!“

Frau Heßling hob flehend die Hände. „Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in
der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck
gehst. Er ist nun mal so einflußreich.“

Aber Diederich versprach nichts. „Andere wollen auch ’ran!“ rief er.

Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in
die Fabrik hinunter und schlug sofort Lärm, weil noch die Bierflaschen von
gestern umherlagen. „Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ – „Reglement?“ sagte der alte
Buchhalter. „Wir haben gar keins.“ Diederich war sprachlos; er schloß sich
mit Sötbier ins Kontor ein. „Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings
gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche Bestellungen, mit denen Sie
sich da abgeben?“ – und er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint
höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft versumpft in
Ihren Händen.“

„Versumpfen, junger Herr?“

„Ich bin für Sie der Herr Doktor!“ Und er verlangte, daß man einfach alle
anderen Fabriken unterbieten solle.

„Das halten wir nicht aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt wären wir gar nicht
imstande, so große Aufträge auszuführen wie Gausenfeld.“

„Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr
Maschinen ein.“

„Das kostet Geld“, sagte Sötbier.

„Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie
sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es
allein.“

Sötbier wiegte den Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer
einig. Wir haben zusammen das Geschäft in die Höhe gebracht.“

„Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener
Geschäftsführer.“

Sötbier seufzte: „Das ist die stürmische Jugend“ – indes Diederich schon
die Tür zuwarf. Er durchmaß den Raum, worin die mechanische Trommel, laut
schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des großen
Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbärtige
Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast hätte er dem
Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der Schulter beiseite,
bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des
Holländers zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine
bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl
erschrocken war? „Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein
animalischer Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines blonden
Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen
Rasse, die er gern für niedriger gehalten hätte und die ihm unheimlich
schien. Diederich fuhr auf.

„Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!“ Da die
Leute ihn nur ansahen, schrie er: „Maschinenmeister!“ Und als der
Schwarzbärtige eintrat: „Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze
ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze
Zeug. Ich mache Sie verantwortlich für den Schaden!“

Der Mann beugte sich über die Maschine. „Schaden ist keiner da“, sagte er
ruhig, aber Diederich wußte schon wieder nicht, ob er unter seinem
schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen
und warf nur die Arme. „Ich mache Sie verantwortlich!“

„Was ist denn los?“ fragte Sötbier, der den Lärm gehört hatte. Dann
erklärte er dem Herrn, daß der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig
geschnitten werde, und daß es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter
nickten mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie
noch: „Dann wird es künftig gefälligst anders gemacht!“ und kehrte
plötzlich um.

Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er
fachkundig die Frauen überwachte, die auf den Siebplatten der langen
Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkeläugige es unternahm,
ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte sie
gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak und sich duckte. Farbige
Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel der Frauen verstummte unter
dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die
Knöpfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte,
hörte etwas Verdächtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Säcke – und
fuhr zurück, errötet und mit zitterndem Schnurrbart. „Nun hört alles auf!“
schrie er, „’rauskommen!“ Ein junger Arbeiter kroch hervor. „Das
Frauenzimmer auch!“ schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als endlich das
Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften. Hier ging es ja
heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was
anderes! Er zeterte, daß alles zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist
wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen.
Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter
den Säcken zu amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei seine
Braut, sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt
es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch
bezahle. Ihr seid Schweine und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch ’raus,
und ich zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“

Er sah herausfordernd umher.

„Deutsche Zucht und Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“ Da traf er den
Maschinenmeister. „Und ich werde sie durchführen, auch wenn Sie da ein
Gesicht schneiden!“ schrie er.

„Ich habe kein Gesicht geschnitten“, sagte der Mann ruhig. Aber Diederich
war nicht länger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!

„Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie tun Ihren Dienst nicht,
sonst hätte ich die beiden Leute nicht abgefaßt.“

„Ich bin kein Aufpasser“, warf der Mann dazwischen.

„Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an
Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten für den Umsturz! Wie heißen Sie
überhaupt?“

„Napoleon Fischer“, sagte der Mann. Diederich stockte.

„Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?“

„Jawohl.“

„Dachte ich mir. Sie sind entlassen.“

Er wandte sich nach den Leuten um: „Merkt euch das!“ – und verließ schroff
den Raum. Auf dem Hof lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in
großer Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tür des
Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. „Junger Herr,“ sagte der
Buchhalter, „das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter.“ – „Deswegen
soll er ’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander, daß das
nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen würden. Diederich wollte
es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber,
erklärte Sötbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten
Leute war kein Verlaß mehr.

„Ich schmeiß’ sie ’raus!“ rief Diederich. „Samt und sonders, mit Kind und
Kegel!“

„Wenn wir dann nur andere kriegten“, sagte Sötbier und sah unter seinem
grünen Augenschirm mit einem dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor
Zorn gegen die Möbel anrannte. Er schrie:

„Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen –“

Sötbier ließ ihn austoben, dann sagte er: „Herr Doktor brauchen dem
Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiß ja, daß wir
davon zu viele Scherereien hätten.“

Diederich bäumte sich nochmals auf.

„So. Ich brauch’ ihn also nicht zu bitten, daß er die Gnade hat und
bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch’ ihn nicht für Sonntag zum
Mittagessen einzuladen? Es wäre auch zuviel Ehre für mich!“

Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riß die
Tür auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach,
der Haß gab ihm deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte
gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – und nun der Maschinenmeister
mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem
dünnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese
knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber, und seine
Ausdünstung roch Diederich noch immer.

„Sehn Sie mal, Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm bis an den Boden.
Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nüsse fressen. Dem Affen werden
wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist
allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so
viel weiß ich, daß einer von uns beiden –“ Diederich rollte die Augen: „–
auf dem Platz bleiben wird.“



Erhobenen Hauptes verließ er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich
auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines
Besuches zu erweisen. Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister
Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu gelangen, einfach der
Wuchererstraße folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er wollte es
auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er
vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er dennoch in die
Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck
waren abgewetzt von den Füßen der ganzen Stadt und von den Vorgängern
dieser Füße. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte drinnen ein
langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tür auf, und die alte
Magd schlich über die Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da
trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst. Er zog
Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.

„Mein lieber Heßling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft
berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor.“

Sofort hatte Diederich Tränen in den Augen und stammelte:

„Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst und vor allem
Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, daß
ich immer ganz – daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß er,
freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit
seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.

„Dienste –“ er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, „die wollen Sie
doch natürlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen
danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie in kurzem
wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu können, denn damit belohnen
sie eine verdiente Familie. Und dann“ – der alte Buck beschrieb eine
Gebärde feierlicher Freigebigkeit „– verlasse ich mich auf Sie, daß Sie es
uns recht bald ermöglichen werden, Sie im Magistrat zu begrüßen.“

Diederich verbeugte sich, beglückt lächelnd, als werde er schon begrüßt.
„Die Gesinnung unserer Stadt,“ fuhr Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß
sie in allen Teilen gut ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart in
die seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart tauchte wieder auf
– „und will’s Gott noch lange, für wahrhaft liberale Männer.“

Diederich beteuerte: „Ich bin selbstverständlich durchaus liberal.“

Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem Schreibtisch. „Ihr
seliger Vater hat mir hier oft gegenüber gesessen, und besonders häufig
damals, als er die Papiermühle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner
großen Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt
durch Ihren Hof fließt.“

Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir
erzählt, daß er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren könnten, nur
Ihnen verdankt.“

„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zuständen unseres
Gemeinwesens, an denen aber –“ der alte Herr Buck erhob seinen weißen
Zeigefinger, er sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse
Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“ Stärker und mit Pathos:
„Der Feind steht vor dem Tore, es heißt zusammenhalten.“

Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit
einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in
einer ähnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern?
Sie haben Pläne?“

„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen
müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ...
Endlich sagte er: „Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große
Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten mit der städtischen
Baupolizei verursachen wird – mit der ich übrigens im Magistrat zu tun
habe. Nun überzeugen Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem
Schreibtisch liegt.“

Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines Grundstückes, samt dem
dahinter gelegenen. Sein verblüfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck
ein Lächeln der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte er, „daß
keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und auf Diederichs Danksagungen:
„Wir dienen dem großen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde
vorwärtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, außer den
Tyrannen.“

Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und
faltete die Hände. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf
wie ein Großvater. „Als Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte
er.

Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches beendet sei.
„Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen, „wie ich als kleiner Junge
hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten
spielte.“

„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“

„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt.“

„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von Ihrer praktischen
Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet
habe.“

„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat.
Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiß nicht, ob er General werden
soll oder sonst ein großer Mann.“

„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der Alte sah aus dem Fenster.
Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.

„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer
imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon früher, seine Aufsätze.
Und was er mir neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich
gern der erste Arbeiterführer wäre....“

„Davor behüte Gott die Arbeiter.“

„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt.

„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen ist es auch nicht gut
bekommen.“

„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich.“

„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich rasch vom
Stuhl auf. „Denn wir müßten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem
eigenen Willen folgen können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, weil
die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
Überlebender wie ich, im Frühjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
zugerufen. Was würde er heute sagen!“

Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: „Ach
ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“

„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter.
Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir närrisch genug waren, an dieses Volk
zu glauben. Wir glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es
jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir
dachten es mächtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten
und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung,
deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem
Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer
Zeit gab es allzu viele, die unbekümmert um das Ganze, ihren
Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen
Genußlebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die
Sorge um das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht haben
eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr
könnt, und es ausgebt, wie ihr mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich
– auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und
in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!“

„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich, leise
triumphierend.

„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei hat er alles nur
faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Bürger
von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
selbst bezahlt, was ich gewagt hatte.“

„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“, sagte Diederich,
wieder eingeschüchtert.

„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität der
Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk,
das sich in Notwehr befand, zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen
die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld
jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
sogenannten Schöpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und
verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein Mensch, der selbst am
Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?“

Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war
es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen nicht länger schweigen dürfe. Er
sagte: „Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu.“ Der
Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, er deutete nach der Zimmerdecke.

„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie
nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich würde alles dahingeben, aber,
junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch
wenn wir besiegt worden sind.“

„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie immer noch der
mächtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn
Buck.“

„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“ Er
atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache, Sie werden sie
allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen.
Wir werden nämlich jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren
junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern,
die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir
ihnen Straßen bauen müssen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung.
Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“

Diederich lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl nicht sein, denn
unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“

„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf – und dann
zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.

„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein,
als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die
Hoffnung, daß wir in allem einig gehen werden.“

Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die
Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler Mann!“

„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten von Wulckow. Er ist
der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat
unterhält nur die unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst
habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“

„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert.

Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber noch etwas zu
überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bückte sich
und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast
quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen
Glanz in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie! Es sind meine
‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter – damals.“ Und er schob Diederich
sanft hinaus.



Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich schnaufte
nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betäubung empfunden
hatte, stellte sich allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe
verblüffen lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine
Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte er der
Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden
war, ebensoviel Hochachtung und ein ähnliches Grausen einflößte wie der
Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich denn ewig so weich
bleiben? Ein anderer hätte sich nicht so behandeln lassen!“ Auch konnte es
peinliche Folgen haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden
geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische
Antworten zurecht, für das nächste Mal. „Das Ganze war eine Falle! Er hat
mich einfangen und unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“
Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß man sich noch mit ihm
verhalten, aber wehe, wenn ich der Stärkere bin!“

Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu gestrichen, und die
Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein nettes Stubenmädchen empfing ihn.
Über eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe
trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Möbel ein kleiner
Teppich lag, ward Diederich in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem
Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister und noch
ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor Scheffelweis reichte
Diederich seine weißliche Hand hin und musterte ihn dabei über den Klemmer
weg. Trotzdem wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war
der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die
seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts. Der Bürgermeister setzte
mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle
Fälle sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem anderen Herrn:
„Finden Sie nicht?“

Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung auf, denn er
sah stark jüdisch aus. Aber der Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor
Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine
vollwertige Begrüßung nötig machte.

„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister, „wir fangen gerade
an.“ Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
„Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der
Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“

Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorläufig nur für das
Stubenmädchen Augen. Während sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war
seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen
Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ sich nicht
unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurück,
denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet
Mühe mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte einen Likör
aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine Güte von den Gästen bestätigen
und fuhr fort, eintönig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner
Vormittage zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück, seine Miene immer
besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch könne so nicht weitergehen; und
nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich.

„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein Haus liegt ja nicht in
nächster Nachbarschaft des Ihren, und so würde ich es durchaus begreiflich
finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“

Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht ausgesprochen
hatte. „Es würde herauskommen“, dachte er noch rechtzeitig, und er sagte:
„Tatsächlich habe ich mir erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster
Weg zu Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der
eine so große Verehrung für den alten Herrn Buck hatte –“

„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister nickte mit
Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter unseren verdienten Bürgern und
übt daher einen zweifellos legitimen Einfluß aus.“

„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jüdische Herr
von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
Bürgermeister hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich
schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis
verlangte, brachte er etwas hervor von „eingefleischtem Respekt“ und
führte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, daß
er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfüllt
die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der
Staatsanwaltschaft. Dieser ließ Diederich fertig stammeln, wie einen
Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:

„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man sich ihn abgewöhnt.“

Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen
Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit blassem Lächeln und einer
versöhnlichen Geste:

„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, – was ich
persönlich ganz besonders an ihm schätze. In meiner Stellung freilich bin
ich genötigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und
da muß ich denn sagen: einerseits ...“

„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor Jadassohn. „Für
mich als Vertreter einer staatlichen Behörde wie als überzeugten Anhänger
der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
Reichstagsabgeordnete Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung
einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine
Mördergrube, ich halte das nicht für deutsch. Volksküchen gründen,
meinetwegen; aber das beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung.
Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“

„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der Bürgermeister machte
beschwichtigende Zeichen. „Meine Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn
wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller
bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits doch –“

„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng.

„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider so ungünstigen
Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung – wenn ich auch zu
bedenken bitte, daß die ungewöhnliche Schärfe des Herrn
Regierungspräsidenten von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“

„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf Jadassohn ein.
Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das
muß ich sagen –“

„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten Wünschen
der Regierung verschließt, darf allerdings nicht darüber erstaunen, daß
ihr die kalte Schulter gezeigt wird.“

„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich, „könnte man in der halben
Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben ständen.“

Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Plötzlich sah er sie an mit einem
dünnen Lächeln.

„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß es eine zeitgemäßere
Gesinnung gibt als die von den städtischen Behörden bekundete. Glauben
Sie, bitte, daß es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät
gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, während der
vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ...“

„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“, stellte Jadassohn
fest.

„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“, verlangte Diederich. Der
Bürgermeister erhob die Arme.

„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des
Magistrats und muß leider seine Beschlüsse ausführen. Ändern Sie die
Verhältnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit
mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich
konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt,“ – der
Bürgermeister kniff ein Auge zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“

Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die
Nase, als genügte ihm das Gehörte. Aber Diederich konnte nicht länger an
sich halten. „Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“!
rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und Eugen Richter machen unsere
Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und
Verantwortung auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und
warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse
Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt,
daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier
blitzte Diederich. „Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem
Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung nötiger als je, und
darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
es führt. Ich erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“
Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich
entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen
Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit, von
erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. „Einer soll
Herr sein! Auf allen Gebieten!“ Diederich legte das vollständige
Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß
mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
aufgeräumt werden müsse.

„Jetzt kommt eine neue Zeit!“

Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis er alles herausgesagt
hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in
Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter: „Die
aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher ansehen. Es wird sich
zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch
zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Söhne
verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die
Tochter soll ja –“

Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und rötete sich blaß. Vor
Vergnügen platzte er aus: „Und die Herren wissen noch gar nicht, daß der
Bruder des Herrn Buck pleite ist!“

Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den fünf eleganten Töchtern! Der
Vorsitzende der „Harmonie“! Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen
sie aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister nochmals
Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte plötzlich nicht mehr, daß
ein Umschwung bevorstehe. „In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“

Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere
Wahlkomitee!“

Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung zu nehmen mit
dem Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte
der Bürgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß die
„Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt, sich im freisinnigen
Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“ sagte Jadassohn. Wohingegen das
regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber der
alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für beide Blätter. Es
schien Diederich nicht unmöglich, durch ihn, der in der „Netziger Zeitung“
Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst
das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in
Netzig“, sagte der Bürgermeister und schmunzelte. Da trat das
Zimmermädchen ein und verkündete, sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen
decken; die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch die Frau
Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der
Bürgermeister sich sofort. Wie er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er
den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben.
Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn war zurückgeblieben,
und man hörte das Mädchen leise kreischen. An der Haustür läutete es
schon.

„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister, „Sie haben mich
doch nicht mißverstanden. Bei alledem habe ich natürlich einzig das
Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverständlich ganz fern,
irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den
Körperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“

Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten
die Damen das Haus, und der Bürgermeister ließ Diederichs Ärmel los, um
ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte
kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die Kinder trennen, die
einander prügelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf höher und noch
jugendlich, musterte streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste.
Dann schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man kleiner
werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht,
Diederich vollführte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und
eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Straße
umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und plötzlich kehrte er um. Er
mußte mehrmals und heftig läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die
Herrschaften standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich
schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau Bürgermeister
wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau
Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor
ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß im Vorstand der
Bethlehemstiftung für gefährdete Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie
abwechselnd mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen.

„Einerseits ...“, sagte er.

Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach vielen
Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er
flüsterte bebend: „Verehrter Herr Bürgermeister, es liegt mir daran,
Mißverständnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein
durchaus liberaler Mann bin.“

Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon gerade so
überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward
er abgerufen, und Diederich verließ, ein wenig erleichtert, das Haus.
Jadassohn erwartete ihn grinsend.

„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt
kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den
stärksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht übel, wir
können uns ein Stück vorwagen.“

„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit Zurückhaltung, „daß
ich in der Netziger Bürgerschaft zu Hause und natürlich auch liberal bin.“

Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“ fragte er. Und als
Diederich sich erstaunt umwandte: „Wie geht es denn meinem alten Freund
Wiebel?“

„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“

„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“

Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schüttelten
einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“ Und Arm in Arm gingen sie in den
Ratskeller, Mittag essen.



Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie das Gas angezündet,
und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über
seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem
Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn die Februarkrawalle
mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich.
„Seine Majestät hat einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem
schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott, geglaubt –.“ Er
stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um über die
entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Gläser. „Gestatte
mir“, sagte Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und
Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und Diederich: „Werde zu
Hause davon zu rühmen wissen.“

Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine
ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister,
Nörgler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
war unser herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit, von
erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. Diederich
glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er
sagte sich, daß das Äußere eines Menschen zuweilen trüge, und daß die
deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge. Sie
leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang des Kampfes für Thron und
Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.

So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig. Sie waren sich einig
darin, daß der neue nationale Geist, für den es die Stadt zu erobern galt,
kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestät. Die
politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät selbst gesagt
hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die wider mich“,
hatte er gesagt, und so war es. In Netzig überwog leider noch die Partei,
die gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar – dies war
Diederich klar – vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht
angehörte, übernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden
Persönlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein
Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten
sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann
trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
bester Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus
meinem Leben am wenigsten missen möchte.“ Unvermittelt und schon ziemlich
gerötet, rief er aus:

„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese Demokraten uns
verekeln!“

Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen vor Wut, er
stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat –“

„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn.

„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Hätten sie
ihn wenigstens geköpft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen
sein!“

„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug.

„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –, „daß ich all seinen
lästerlichen Unfug nur angehört habe, um mich darüber zu unterrichten, wes
Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund bin und seine
infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum
Zeugen, daß ich gleich heute protestiert habe!“

Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der
Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr genießen sollte ...
Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast
quadratisches Buch, und stieß ein Hohngelächter dabei aus.

„Dichten tut er auch!“

Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der
Republik! und Am Weiher lag ein Jüngling, trübselig anzuschauen ...
Stimmt, so waren die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln.
Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung schlapp. Da stehen
wir, Gott sei Dank, anders da.“

„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der Verbindung haben wir
Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genügt, da erübrigt sich das
Dichten.“

„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn. „Das ist etwas für
meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schläfchen hinter sich, wir
können losgehen.“

Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich
hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurück und versuchte
auch dem Fräulein die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken.
Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm
gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig nach Berlin beträchtlich still
wirke. „Die Damenwelt ist auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges
Fräulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden
spazierengehen könnte, und kein Mensch würde merken, daß Sie aus Netzig
sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich einmal in Berlin gewesen war,
und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an
ein dort gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen könne. „Unsre
lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie ham’n“ ... Da sie einen dreisten
Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender Käfer“
sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles
überwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er
klagte, daß der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde.

„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor
dem Küster und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen.
Die anderen hatten Influenza.“

Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung,
die die herrschende Partei den kirchlichen und religiösen Dingen gegenüber
einnimmt, muß man sich über die drei alten Damen wundern. Warum besuchen
sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des Doktors Heuteufel?“

Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschäumen, so sehr
schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er
hervor. „Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht
der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen
Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen
Händen anflehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst
würde er eines Tages genötigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig
regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten
umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann
erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag – als ob
ich mir einen Anzug bestelle.“ – Der Pastor lachte vor Erbitterung.

„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor
seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
im Schutz eines Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein
Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklären,
daß für mich die Ehe tatsächlich ein Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte:

„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“

Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“

Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind
Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern
haben mir schon erzählt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind
doch meine besten Freundinnen.“

Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja, in der „Harmonie“. „Aber
Sie brauchen nicht zu denken, daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja
mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“

Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen,
die man aus dieser rein zufälligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein
Daimchen sei übrigens verlobt.

„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht, sie ist so gräßlich
kokett.“

Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe sie Guste in
Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes.
Käthchen verzog den Mund.

„Na und die Erbschaft –.“

Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte. Der Pastor hatte
dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen
Kirche in Netzig einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von
seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da
die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Käthchens
Hals überfallen. Sie sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner
in Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm
peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen einfach los und verschwand.
Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat
nichts gemerkt, und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich.

An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren den Markt erreichen,
der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter
sich. „Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche
unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das
gewisse Haus darin.“

„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.

„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und noch einmal mit
der Gebärde heiligen Zornes, so daß mehrere Leute sich umsahen:
„Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der
Magistrat will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet noch
eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung – „und
der lässet seiner nicht spotten.“

Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht spotten lasse.
Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her
Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte
schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so weißblond war
und auch diese kleine, frech eingedrückte Nase hatte. Eigentlich war es
gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine
handliche Breite aus. „Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man
eine Ohrfeige.“ Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es für
Diederich entschieden: Die oder keine!

Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt.

„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?“ fragte
der Pastor; und er setzte hinzu: „Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete
Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fräulein
Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute sagen, sie habe eine Million
geerbt.“

Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu erklären. Diederich
widersprach; er kenne die Verhältnisse, der verstorbene Onkel habe mit
Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so
lange, bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht in
Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich,
zufriedengestellt.

„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur an die Bucks, will
sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich wollte auch hierüber besser
unterrichtet sein. „Fräulein Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier
angekommen“, sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn. „Darf
man etwa gratulieren?“ Diederich hob die Achseln wie bei einer
Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der
junge Buck –.

„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in Berlin täglich zusammen.
Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“

Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz
gelangte, sah er streng hinüber. Er versetzte:

„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem
dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem
Platz, und unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang,
wo einige Mitglieder des Theaters standen – „streifen mit dem Ärmel an
Buhldirnen!“

Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief bedauerlich –
während Jadassohn sich über die „Netziger Zeitung“ entrüstete, die
frohlockt hatte, weil in den Stücken der letzten Saison vier uneheliche
Kinder vorgekommen seien, und die das für einen Fortschritt hielt!



Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und hatten verschiedene
Herren zu grüßen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief
gezogenen Hüte wieder aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte
Jadassohn:

„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die den freimaurerischen
Unfug noch mitmachen. Seine Majestät mißbilligt ihn entschieden.“

„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefährlichste
Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor.

„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein Mensch, der sich nicht
entblödet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles
zuzutrauen!“

„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch, daß Herr
Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein
königlicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt
Cohn“, machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.

Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er brach ab und erklärte,
dann begreife er allerdings, daß diese Leute vor Gericht immer recht
bekämen. „Sie halten zusammen und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich
murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten
und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber
Jadassohn lächelte bedeutsam:

„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster
hinein.“ Und Diederich nickte beifällig zu dem Gebäude der Regierung
hinüber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf
und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven
Burschen blinken sieht!“ rief Diederich aus. „Damit halten wir die Bande
in Schach.“

Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich
Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedränge.
Jadassohn schlug einen Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die
Ecke. Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war
Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier
brachte, seinen heißen Dank aussprach für die segensreiche Arbeit, die er
in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte zwar
doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er nachts nicht schlafen
können, sondern seine Sünde Gott so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte
und ihn durchprügeln konnte. Von da kam das Gespräch auf die Beamten der
Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte und von denen er berichten
konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte
sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fräulein
Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gründung eines
christlichen Arbeitervereins. Er verhieß: „Wer von meinen Leuten nicht
’rein will, fliegt!“ Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich
in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden
Gefährten im Laufe des Tages erreicht hatten.

„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf den Tisch, „soll so viel
von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg’ meine Kirche
doch wieder voll!“

„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich.

„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand der Pastor. Da
sagte Jadassohn schneidend: „Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er
nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten.
Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestät selbst eingegriffen
hatte. „Sorgen Sie dafür,“ hatte er einer Abordnung der städtischen
Behörden gesagt, „daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden sie
gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle,
der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich für
die tiefe Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß.

„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht
einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das
knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem
schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: „Der
Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel von Laufenden: auf einmal
griffen alle nach ihren Hüten und rannten hinaus.

Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen
Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der
Freimaurerloge. Drüben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht
nach unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin so munter
auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus.
Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund
offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes er sein Gewehr beim
Lauf hielt und es am Boden schleppen ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern
und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine
Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe Stille ein.
Diederich und Jadassohn verständigten sich durch einen blassen Blick über
das Kritische des Augenblicks.

Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Mädchen, dessen
Rock wehte und das schon von weitem rief:

„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“

Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte den Mann.
„Auf! Steh doch auf!“

Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken; aber er blieb liegen,
Arme und Beine über das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es
gellte, daß alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten
vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den
Wagen, die halten mußten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden
Gedränge arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten Haaren,
die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei
kam, aber man hörte es nicht, der Lärm verschlang es.

Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurück,
sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte
ihr auf den Füßen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach
Hilfe um.

Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster auf, ein großer Bart
erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Baßstimme, die
jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen
hörte wie fernen Kanonendonner.

„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“

„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt sich hier vor
meinem Hause Lärm zu machen?“ Und da es schon ruhiger ward:

„Wo ist der Posten?“

Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein Schilderhaus
zurückgezogen hatte: so tief wie möglich, und nur der Gewehrlauf stand
hervor.

„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben. „Du hast deine Pflicht
getan. Er hat dich gereizt. Für deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich
belohnen. Verstanden?“

Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Mädchen. Um so
ungeheurer dröhnte er.

„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“

Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern lösten sich
los, zögerten – und gingen wieder ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen.
Der Regierungspräsident rief noch hinunter:

„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“

Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward
es lebendig. Plötzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge
Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine
Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurückgezogen hatten, sahen drüben
auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor
Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut, ging
rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn
um, öffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem
Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das
Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie
unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es
dies Herz, das nun stillstehen sollte.

Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte er. Gleichzeitig
bemerkte er das Mädchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand
schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:
„Karl.“ Noch leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte: „Was
soll mit dem Mädchen geschehen?“

Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft“,
sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen. Da ihr Geliebter den Posten gereizt
hat, liegt Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“

Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen schon an. Doktor
Heuteufel erhob die Stimme: „Herr Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der
Zustand des Mädchens seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen
Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte: „Herr Fabrikbesitzer
Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Maßnahmen!“

Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben.
„Oh!... Ah!... Aber das ist –.“ Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine
Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese Leute:
jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor Heßling mein Name. Beide waren
bis heute in meiner Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen
öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“

„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das ist fürwahr der
Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen
Spitzbart heftig gerötet, seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom
Zorn.

„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint nur, Herr
Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreißen lassen,
weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,
vielleicht auch Kinder.“

„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich, seinerseits entrüstet.
„Ich weiß es von ihm selbst.“

„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. „Sind wir
denn schon so weit,“ rief er, „daß es nichts ändert, ob das sittliche
Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?“

Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und im Augenblick, wo
jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen worden sei, über sittliche
Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit
in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitätswagen
angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber
hineinschob, fuhr das Mädchen aus seiner Starrheit empor, stürzte sich
über die Bahre, entriß sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie
niederfiel – und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter
gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit großer Mühe ward sie
von dem Leichnam gelöst und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt,
der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.

Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrüdern
weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. „Einen
Augenblick, bitte. Sie äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher
Billigung – ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck war –
also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich möchte
fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mißbilligung der Behörde
bedeuten sollte.“

„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten Sie wohl auch
abführen lassen?“

„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, „mache ich
Sie darauf aufmerksam, daß das Verhalten eines Postens, der ein ihn
belästigendes Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich im
Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und
durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich
vor einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“

„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen habe ich bis
jetzt nur meine Mißbilligung des Herrn dort mit dem gefährlichen
Schnurrbart.“

„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der
Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich,
daß er herausgefordert war.

„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“ sagte er fest. „Es
ist die deutsche Barttracht. Im übrigen lehne ich jede Diskussion mit
einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz fördert.“

Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck,
Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und
neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: –
da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Straße
ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Führung hatte,
forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie
sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand
schüttelte.

„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen kommen nun
Hauptmann, Major und Oberst dran, müssen belobigen und dem Kerl
Geldgeschenke machen.“

„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn.

„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren, verständigen wir uns doch.
Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß
verstanden hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und er entwaffnet den
Arbeiter, der ihn herausfordern möchte, seinen Kameraden, einen armen
Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und
nachher kommen die großen Worte.“

Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Mäßigung. Da sagte
Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:

„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der kaiserlichen Macht ist mit
einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!“

„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand
auf der Brust:

„Wenn es auch meins wäre!“



Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging, versuchte Diederich
dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück zurückblieb, seine Empfindungen
zu erklären. „Für mich“, sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat
der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. Daß da
einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf
offener Straße! Bedenken Sie: mitten in unserem bürgerlichen Stumpfsinn
kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“

„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor.

„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu eine religiöse
Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, daß es höhere Dinge gibt,
Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät sich mit so
phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich
sage nur –“ Da die übrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden hätte vom
Militär absperren und in uns alle hätte ’reinschießen lassen, immer feste
’rein, sag ich ...“

„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel.

„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte zu blitzen. „Ich
hoffe doch, wir empfinden alle national!“

Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber
zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:

„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee für solche
Witze?“ Diederich maß ihn.

„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben
die Herren gehört?“ Er lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee
Seiner Majestät des Kaisers!“

Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich
betonte mit abgehackter Kommandostimme, daß er keinen Schattenkaiser
wünsche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung
geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine
Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu uns?“ ward Diederich
von Doktor Heuteufel gefragt. „Schließlich sind wir wohl alle liberale
Männer.“ Da stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich
gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für mich gibt es da nur
zwei Parteien, die Seine Majestät selbst gekennzeichnet haben: die für ihn
und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch der
Herren für mich kein Platz ist.“

Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging hinüber zu dem leeren
Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe
saßen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des
Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drüben ward
geflüstert, dann rückte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat
Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm,
Jadassohn und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus.

„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte Jadassohn. „Er hat die
Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte:
„Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein
gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fürchten.“
Aber Pastor Zillich schien betreten. „Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte
er. „Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er
Gott weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen. Doktor
Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens,
als er vom Militär loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen
Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er
konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken befürchtete Diederich
sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals
gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach ihm
aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.

Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs neue über den gewaltsamen
Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militär und die Junker, die es
befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem
eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug waren, verstiegen sich die
Herren dazu, für das Bürgertum, das tatsächlich alle Leistungen liefere,
auch die Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte zu wissen, was
die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe.
„Nicht einmal die Rasse“, behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet,
die Fürstenhäuser einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich meinen
Freund Cohn nicht kränken will.“

Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell stürzte er noch
ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter
den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:

„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den
Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen Meinung verjudet sind, auch
deutsche Fürstenhäuser verstehen.“

Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“

„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um zu seinem großen
Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:

„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen Sie auch das eine zu,
das ich nicht erst zu nennen brauche?“ Triumphierend sagte Diederich dies,
vollkommen sicher, daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht vorauszusehenden
Zynismus.

„Na ja doch“, sagte Lauer.

Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah
umher: ob er denn recht gehört habe. Die Gesichter bestätigten es ihm. Da
brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für
den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung
in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder
auf, der verschwunden gewesen war, man wußte nicht wohin.

„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“, sagte er sofort.
„Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für die weitere Entwicklung von
Bedeutung sein könnte.“ Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich
tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den
Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt haben wir ihn in der Hand!“

„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.

Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer Herr mit grimmiger
Miene. Er grüßte nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den
Vertretern des Umsturzes zu stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein.
„Herr Major Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein und
deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im
Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor,“ sagte er, „daß das
tatsächlich behauptet wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat der
Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, lächelte unbedeutend und
bot dem Herrn Major für alles eine befriedigende Erklärung an. Aber der
Major bedauerte; für eine solche Äußerung gebe es einfach keine Erklärung;
und seine Miene ward von erschreckender Düsterkeit. Trotzdem sah er noch
mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden
Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. Der Major bemerkte es
und folgte seinem Pflichtgefühl. Jadassohn stellte vor: „Herr
Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“

Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander mit Aufbietung
aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. „Herr
Doktor,“ sagte der Major, „Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man
scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte
voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte
sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm
vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zügen versicherte er, auch er stehe,
was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun auch
schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“

„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt beim hiesigen
Bezirkskommando.“

„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte mit den Fingern
darauf – „und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekämpfen. Mit
Feuer und Schwert!“ schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im
selben Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer Cohn tief
den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst
noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter. „Herr Major, der
Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.

„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“

Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich höhnisch nach
Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasaßen und beschämt ihre
Biergläser anstarrten.

„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort drüben sind sich
dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten
geschossen hat. Sie machen Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun
selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte, daß
er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen eine Anzeige gegen den Herrn
Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. „Und ich werde dafür
sorgen,“ versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird. Ich
persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen,
daß ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst
nicht beigewohnt habe.“

„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte Diederich, und er
fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich
gesinnten Männer sich vor allem stützen müßten. Der Major nahm eine
Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente
seinem König immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich
zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kräftigung
erführen. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen
auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors,
behördlicherseits zu viel Rücksicht auf die in Netzig gegebenen
Verhältnisse. Er selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger
gesehen haben, dafür garantierte er. „Aber da mein König mir die
Möglichkeit leider genommen hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten,
frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich
und raunte: „Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und
kriecht vor dem alten Buck. Wir müssen ihm imponieren.“

Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem Herrn
Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen
getroffen.“ Und da der Major die Augen aufriß:

„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir
Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon.“

„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“

„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen die subversiven
Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind stärker, denn wir haben
einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“

„Bravo!“

„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also auch für Netzig,
die Forderung aufgestellt, daß die Bürger endlich aus dem Schlummer
erwachen mögen! Und das wollen wir auch!“

Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem
sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der
Major schrie: „Zu uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die
Herren, auf die ich mich verlassen kann!“

„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn die Kirche der
Fürsten bedürfen wird –“.

Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich längst geleert,
Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren
Bogengewölben brannte schon kein Gas mehr.

„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot auf, der
Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fürchterlich.
„Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner
erhabenen Führung sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“

„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat gesagt, jeder, der
ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht
auf mich nicht mitbeziehen?“ fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:

„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu
früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins
Gesicht. Er wird mich noch mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich
denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons zu
schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“

„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner Schreistimme aus
unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewölbe entstieg ein kleiner
Greis mit flatternden weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine
Brillengläser funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der Herr
Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht’s ja zu wie
dunnemals in Frankreich. Ich sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä
paar Jahre länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor
Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei,
darüber äußerte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher
hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä bißchen
eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerückt.“
Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getränke noch nichts
genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“ schrie er, und aus
seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene
Bande! Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’ steifen
Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen. Bloß weil ich ihm mit
meim Säbel ä kleenes bißchen die Kehle abschneiden wollte. So eene
Gemeinheit von dem Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle freilich mischten
sich mit Schrecken, er mußte sich in die Lage des Franktiröhrs denken: der
kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die
Klinge an den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen.

Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor Kühnchen, einander
überschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber
Kühnchen schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen, bis er es
zum Schweigen gebracht hatte und ungestört aufschneiden konnte. „Nee,
alter Freund, Sie sein ä anschlägscher Kopf. Wenn Sie die Treppe
’runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem
Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat Kühnchen angelegt, da
gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene Kriegslist gebraucht und hab’ mich
totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht
gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß noch ’raus, bloß noch
Soofgipöh! Da hätten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer
hammer sie weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge
hamse gemacht wie die Garniggel!“

Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend,
indes die Tafelrunde dröhnend lachte.

Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns aber auch tückisch
gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die
franzeeschen Weiber, das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser
hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie, tut das eene
Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder aus’m Fenster und wollten ooch
noch von uns, daß wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die
Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen Finger gekrümmt wie um einen
Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand
aufzuspießen. Seine Brillengläser funkelten, er log weiter. „Zuletzt kam
eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum
versuchte se mal, ob’s nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit
Kühnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die
Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in
ihren dicken franzeeschen –“

Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch:
„Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte in ädlen Worten meiner Klasse.
Die Jungen solln wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“

Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung des jungen
Geschlechts nur befördern könne, und man stieß an mit Kühnchen. Vor lauter
Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch
getreten war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen Mann im
Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft. „Na, man immer ’ran, Herr
Nothgroschen!“ Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus.
„Wer sind Sie?“

Der Fremde dienerte.

„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“

„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte. „Verkommene
Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!“

Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.

„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich. „Na, setzen Sie
sich!“

Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer
Haltung. Nüchtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren
Selbstbewußtsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so
sehr gesteigert worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete
geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch
hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt doch fertig machen“, erklärte er
darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in
der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter.“

„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie saugen sich das ja
doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“

Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben zu, wie alle
durcheinander ihm die Vorgänge darstellten. Als der Lärm sich legte,
setzte er an. „Da der Herr dort –“

„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf.

„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin den Namen des
Kaisers erwähnten, wird es die Herren interessieren, daß wieder eine
Kundgebung vorliegt.“

„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich. Der Redakteur duckte
sich und legte die Hand auf die Brust. „Es handelt sich um einen Brief des
Kaisers.“

„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den
Schreibtisch geflogen?“ fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd
die Hand vor sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung
bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die
Druckfahne!“

„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich rief: „Wieso, Doktor?
Sind Sie Doktor?“ Aber man interessierte sich nur noch für den Brief, man
entriß dem Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der noch
ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich zum positiven
Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte so heftig, daß sich Schluckauf
einstellte. „Das ist was für Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher
Wissenschaftler, huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen sie
sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’ Theologie
studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die Blätter hoch in der Luft.
„Meine Härn! Wenn ’ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als
Aufsatzthema gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“

Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich
möchte mal sehen, wer das leugnet!“ Und er blitzte umher. Nothgroschen
krümmte die Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr Diederich
fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug
Gottes war, dann weiß Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“

„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise widersprach
auch sonst niemand, denn Diederich war zum Äußersten entschlossen. An den
Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser
herrlicher junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete
es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker.“
Diederich war nicht befriedigt.

„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“

Es ward angenommen.

„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät von unserem Beschluß
telegraphisch in Kenntnis setzen!“

„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich stellte fest:
„Einmütige begeisterte Annahme!“ und fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen
und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie
lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.

„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“

„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie fuhren fort:

„Versammlung national gesinnter Männer –“

„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich.

„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen, leise
flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“

Da ward Diederich zornig.

„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll Ihnen das wohl
handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?“

Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht beteuerten, war
Diederich sofort wieder ruhig und sagte: „Prost!“ Dagegen schrie der
Major, als sollte er platzen. „Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät
sich verlassen kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las.

„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich
gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät ihre einmütige begeisterte
Huldigung angesichts von Eurer Majestät erhebendem Bekenntnis einer
geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem
Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung, daß Eure
Majestät nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Große das
Werkzeug Gottes ist.“ Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt.

„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer der Herren noch etwas zu
bemerken?“ Nothgroschen räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller
gebührenden Bescheidenheit.“

„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich
Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.

„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab’ mir
sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schießen da.“

„Na also.“

„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“

„Selbstverständlich! Fall Lück!“

„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir wissen doch alle, daß
der Kaiser ein origineller Denker und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich
nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß Sie,
Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann – hihi – werden Sie es
gerade nicht.“

„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur entrüstete sich.
„Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der
Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir
’reingefallen.“

Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der
Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir nationale Männer?“ Und er
unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte
gleich als Zweiter drankommen.

„Aufs Telegraphenamt!“

Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und
man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender
Hoffnungen. „Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu
Scherl!“

Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange
Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“

Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken und Heuteufel
von der Menge gesteinigt. Kühnchen schwärmte von Blutbädern in den Straßen
von Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand einen
Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich: „Der alte Buck soll sich
hüten! Klüsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“

Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoß einer
unvermutet ein Stück vorwärts. Mit ihren Stöcken strichen sie tosend über
die herabgelassenen Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen
sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann,
aber zu seinem Glück rührte er sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas,
Männeken?“ rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir
telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude ward Pastor Zillich,
der den schwächsten Magen hatte, von einem Unglück betroffen. Indes die
anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den
Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte,
betrachtete er Diederich zögernd – aber Diederich blitzte ihn so furchtbar
an, daß er zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des
Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete
und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche überbrachte.
Diederich fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Säbel an
seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der Telegraphist hielt es
für eine Reklamation und zählte ihm das kleine Geld nochmals vor.
Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein
Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.

Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und
winkte weinend aus dem Fenster, als sei es für ewig. Jadassohn bog beim
Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung sei
doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der Major fort, und Diederich
gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstraße. Vor dem
Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in
der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen, eine Dame, die dort
Feuer sprühen sollte. Diederich mußte ihm ernstlich vorhalten, daß dies
nicht die Stunde für solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen
das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger Zeitung“
erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine aufhalten! Das Telegramm
der nationalen Männer muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh
in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden Nachtwächter. Da
packte Diederich ihn fest am Arm.

„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise. „Ich habe noch ein
anderes.“ Er zog ein Papier aus der Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein
alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft
werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann wäre sonst in
seiner Stellung bedroht.“

Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier
dabei anzusehen:

„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem
Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für
Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum
Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ – und Diederich reichte dem Redakteur
das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie
entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.

„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen. „Sie haben so viel
Ähnlichkeit mit – mit –.“



                                   IV.


Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen
verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war
bedeutend genug, daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war sehr
schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die
Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als
er erklärte, daß er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier
vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete
Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Mädchen
auseinander, sie würden sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen.
Sötbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik
heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen
sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es wäre.“ Während er
dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal
sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft zu beteiligen. Man
müßte das verhindern können, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
herausfordernd. „Also wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der
Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward Diederich
furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er
war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die
Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und
stampfte, daß die Gläser klirrten. Frau Heßling flehte wimmernd, die
Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.

„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, ob die hundertfünfzig
Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?
Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist
–“ Er hatte das Wort. „Großzügig ist es! Großzügig!“

Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging ihm vorsichtig nach,
und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und
sagte: „Mein lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als
wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte einen sauren
Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den
neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft
nicht untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das überlaßt
gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß Herr sein.
Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören freilich dazu. Sötbier ist
dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,
dann wird er ausgeschifft.“

Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner
Mutter willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab
Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik
Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen
Patent-Doppel-Holländer, System Maier“ zu bestellen. Er ließ den Brief
offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand Sötbier vor seinem
Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grünen Augenschirm weinte er:
es tropfte auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben lassen“,
sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier:

„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, aber er
stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er
angefangen, und mit ihm ist er groß geworden ...“

„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holländer groß
zu werden“, sagte Diederich schneidend. Sötbier jammerte.

„Unser alter hat uns noch immer genügt.“

„Mir nicht.“

Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, die nur
durch schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart
blieb, öffnete der Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie mal
her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie von dem Menschen. Ich
verbitte mir, daß er sich einmischt!“ Aber Sötbier berief sich auf das
Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet
habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfähig
unser Holländer ist!“ Diederich wollte nicht hören, er lief hin und her,
überzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern.
Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten
Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit, und dann sagte er über den
alten Holländer alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ.
Wenn man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran gewesen, zu
kündigen, nur weil ihm der alte Holländer nicht gefiel. Diederich
schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn
Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte ihm,
ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt
alle Vorzüge des neuen Patent-Holländers, vor allem seine höchst bequeme
Bedienung. „Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich.
„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“

Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten Sötbier und Diederich
sich eine lange Weile jeder für sich. Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit
sollen wir ihn bezahlen?“ Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die
ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ schrie er. „Bezahlen!
Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir
einen so teuren Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht
wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte Aussichten auf
baldige Ausdehnung des Geschäftes haben – über die ich mich heute noch
nicht äußern will.“

Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.
Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,
mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt.
„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich noch straffer, „da
sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern.“ Sie sollten
erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken
aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor
Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und ließ ihn warten.
Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und
Gegenstände, Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor
Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: „Nun, Sie
kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre
Sekthuldigung ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten
läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“

„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind
bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
ernenne Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den
Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit männlicher
Zurückhaltung sagte er: „Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen
gesprochen.“ Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.
„Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen
Beziehungen festzulegen.“ Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte
Heuteufel. „Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, daß er
einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines
wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng
nationale und kaisertreue Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte
dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch
hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als
Feigling hinstellen! Das höhnische Lächeln in seinem gelben
Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine fortwährende
Anspielung. Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben über
Diederichs Haupt. Der Zustand mußte aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte
Diederich, heiser vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“
Heuteufel tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen wegen des
Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“ Darauf dachte der Arzt
nach.

„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“

„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen Äußerungen in einem
für mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur
Rückgabe des Briefes auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich
nicht.

„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht mehr.“

„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“

„Das gebe ich nicht auf Befehl.“

„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise
aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit
Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie
und biete allen meinen Einfluß auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In
höchster Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten
entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!“

Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein
Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: „Sie sind heiser.“

Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie das an?“

„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur von früher her,
weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe.“

„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber das lehnte Heuteufel
ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß Sie energisch auffordern, Ihre
ärztliche Pflicht zu tun!“

Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs
herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. „Manchmal hab’ ich ja
Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was
zu befürchten?“

„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“

„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie
versündigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten.“

„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war
es zuviel.“

„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir den Sekt nicht. Und
dann wegen der Huldigungsadresse.“

„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu
fragen.“

Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir wenigstens, ob ich
Krebs kriegen kann.“

Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer skrofulös und
rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen, dann wären Sie nicht so
aufgeschwemmt.“

Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine
Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die
Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus.
„So komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase. „Sie sind
noch wie früher.“

Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus
dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Tränen in den Augen,
stieß er auf den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist Ihnen
die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?“

Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber aufgeregt hab’
ich mich über den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht
betrachte, eine befriedigende Erklärung zu verlangen für die gestrigen
Äußerungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat für
einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich nichts Verlockendes.“

Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten.

„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in der Absicht, die
ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu
entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung.
Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie
werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestät!“

„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fräulein Klappsch
beschäftigte.

„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fürs Leben!“
rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er am Mittwoch
wieder zum Pinseln mußte. Jadassohn versetzte schneidend:

„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt nämlich eine
Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft nennt und die für
Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes
Interesse hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete ihr,
sie möge verschwinden.

„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich berührt.

„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu erheben.“

„Sie?“

„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und,
wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt
habe, war ich bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also
keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde zu vertreten.“

„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“

Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei Dank, nicht nötig ...
Übrigens erinnere ich Sie daran, daß Sie selbst gestern abend sich uns als
Zeugen anboten.“

„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell.

Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden sich an alles wieder
erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete
Diederich sich. Er ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer
spähte.

„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie private Äußerungen
meinerseits –. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen
Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was
mich Ihre Karriere angeht.“

„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn.

„So. Dann sind wir Gegner?“

„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn setzte ihm
auseinander, daß er keinen Grund habe, den Prozeß zu fürchten. Sämtliche
Zeugen der Vorgänge im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen wie er
selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit
vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn
schließlich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die
inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen,
wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit
Vorsicht.“

„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und angesichts von
Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme ich dazu, einen anständigen
Menschen wie Lauer ins Gefängnis zu bringen? Jawohl, einen anständigen
Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine
Schande!“

„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorläufig
noch brauchen“, schloß Jadassohn – und Diederich ließ den Kopf sinken.
Dieser jüdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder
einmal, daß alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst.
Die große Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin
und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der
Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Übrigens lenkte Jadassohn zu
etwas anderem über.

„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns im Gericht ganz
sonderbare Gerüchte umgehen – über das Telegramm Seiner Majestät an den
Regimentskommandeur? Der Oberst soll nämlich behaupten, er habe gar kein
Telegramm bekommen.“

Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. „Aber es hat
doch in der Zeitung gestanden!“ Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht
gar zuviel.“ Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tür
schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie, in der Nummer hier
steht überhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestät Bezug hat. Der
Leitartikel beschäftigt sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum
geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das
Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten
über die kaiserliche Familie.“

„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch und verdrehte die
Augen.

„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich: „Sogar so ein
freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung Seiner Majestät anerkennen!“

„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich, daß die
Redaktion die Allerhöchste Depesche eine Nummer zu früh gebracht hat –
noch vor ihrer Absendung.“ „Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der
Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch wollte ihn erkennen.
Jadassohn gab zu: „Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren
wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung
könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur
Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der
Präsident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des
Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schließlich haben wir davon
abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab – weil man eben
nicht wissen kann.“

Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu:
„Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdächtig vor, aber niemand
will vorgehen, weil in diesem Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ –
sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die
Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht
hat, Ereignis zu werden.“

Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat geträumt. Jadassohn
bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. „Nu,
der Mann hat seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte, fremd
und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen.“
Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr
Doktor Heßling denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst genommen
habe. Einen größeren Nörgler als den Major Kunze gebe es überhaupt
nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als
finde er sich plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie
sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren hoffe ich mich
ebenso verlassen zu können wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich
mir auf das allerbestimmteste verbitten müßte.“

Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll das etwa einen
Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit
gebührender Entrüstung zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür
spähte: „Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf
Wunsch zur Verfügung.“

Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so nicht gemeint habe. Dann
aber zahlte er. Die Verabschiedung war kühl.

Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich nicht
entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Für den Fall, daß
Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß
gegen Lauer! Auf alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte
über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren sind mir gleich
verdächtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch
nicht mit solchen Ohren.“

Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“ vor. Da waren
schon die Kaiseranekdoten für die „Netziger Zeitung“ von morgen.
Vielleicht kamen sie auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz.
Aber er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte sich setzen.
„Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling. Diederich starrte die
Buchstaben an, wie ein Märchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter
anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestät
selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er es selbst kaum hörte,
murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“ Das bange Glück sprengte ihn fast.
Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen
würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam
mit –? Die unerhörtesten mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber
das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert werden in
sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen
stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die
Denkmalsenthüllung. Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen, die
dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, für seinen vor dem
inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze,
hatten ihm die Hand gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen.
„Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es! Kein Dementi: eine
Bestätigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er führte die
Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um
seine Schultern lag Hermelin.



Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung, leider durfte kein Wort
sie verraten, aber sein Wesen genügte, die Straffheit in Haltung und
Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her.
Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer Zug in den Betrieb
gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller
Diederich dastand, desto affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn
hängend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem dünnen
schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten Umsturzes ... Dies war der
Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.

Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten
Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und
die Hände breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor
sich hin auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer vor Augen
hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen
sich bereitwillig darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei
Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch
oder Louis käs einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch;
er habe es in Berlin in den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen
war mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht
haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muß, als ob man was
hat, und hat nichts.“ Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück trat Guste ein,
heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,
sagte schnarrend: „Gnädigstes Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß.
Guste lachte. „Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn
gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr
Leutnant von Brietzen macht es auch so.“

„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle Herren Offiziere.
Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste, sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit
können wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn überall hat sich schon
einer draufgesetzt.“

Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft und sonst
überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich glaube, wir ziehen nach
Berlin.“ Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. „Man soll den Leuten
den Gefallen nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute,
wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“

„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie renommieren kann, ist
alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß
Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In
Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“ Diederich bestätigte:
„Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden.“ Leis höhnisch
setzte er hinzu: „Das soll ja ganz leicht sein.“

Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der Sohn vom alten Herrn
Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie spitz. Aber Diederich setzte,
weltmännisch überlegen, auseinander, daß es heute auf Dinge ankomme, die
der Einfluß des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit,
großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale
Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit
Respekt auf seine kühnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck
zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang
Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der philosophiert und nörgelt, und
im übrigen soll er sich ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine
Mutter war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl er
fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte.

„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht.

„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal
leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie.“

„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegähnt
hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll
an, ihm blieb nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit Rücksicht auf die
gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es
mir jetzt vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit der
Schauspielerin?“

Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder, stark errötet. Um
ein Haar hätte er verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck
erzählt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir
doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts
für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte
war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es
bergab geht. Das ist Sünde gegen sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber
Guste hatte die Hände in die Hüften gestemmt.

„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller
betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von
Ihnen, und Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen. Bergab! Wer
mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt nicht bergab. Sie sind bloß
neidisch, meinen Sie, ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen
voll Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust gehabt, sich
auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu küssen und dann
die Tränen aus den Augen, – aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle
rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich stand mit
angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefühl
seiner Kleinheit.

Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe
ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette
Gans, – und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm
mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte
Diederich. Fünfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten
wie die Gräfinnen? Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren paßte
freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und
treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Käthchen Zillich vorzuziehen.
Äußerlich Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt,
empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes Wesen. Er
kam öfter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor
Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch
sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer, die mit
Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß betraf, war Käthchen
Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.

Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn
hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter
die Zeugen jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend
Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte, die anderen machten ihn
verantwortlich für ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche
wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied
seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes
Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt ward, daß das Gericht dem
Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich
seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den
Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kühnchen hatte
es eilig, er mußte im freisinnigen Wählerverein gegen die neue
Militärvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener
sieghaften Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt
geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kühnchen der
kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres
ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen
Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze.

„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, „von Ihnen
hört man gar nichts mehr.“

„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen
und sah sich um, wie in einer Schneewüste. „Kein Mensch da!“

„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“ wagte Diederich zu
sagen, aber er kam übel an. „Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der
Major bestellte Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten.
Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los:
„Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich
würde einmal etwas hören über meine Aufnahme.“

Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. „Ach so. Sie
haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein,
wenn Sie mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“

„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte. „Jawohl, Herr! Ihre! Dem
Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann
vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König haben zu
Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise
zu seinen unbedachten Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem
Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in
Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie?
Weiß ich, ob Sie überhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“

Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden haben, wenn
der Major es befohlen hätte. Der Major hielt sich den Militärpaß weit von
den Augen fort. Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also.
Landsturm mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße
wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und
hielt beschwörend die Hand vor sich hin. „Herr Major, ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort, daß ich gedient habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur
zur Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“

„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“

„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich noch, mit
fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine
Vorgesetzten.“

„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an. „Ich will Ihnen bloß noch
sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen
anderer Leute den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente
Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt, „Sie sollten sich Ihr
Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist
nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem
steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten
verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschäftigungslos,
und wenn ich hier zu Ihnen komme –“ er warf wieder einen Blick wie über
Schneewüsten – „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“
schrie er noch auf der Treppe.

„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher, „ich habe keine
Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Mißverständnis.“ Der Major war schon
draußen, Diederich rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre
Diskretion!“

Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen doch einsehen –“
sagte er, mit Tränen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt
alles ein.

Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese Fehlschläge
begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tücke seiner
Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,
sah sich zögernd um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die Hand, „Sie
sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt wär.“ In einem großen
Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die
mitfühlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. „Ihnen kann
ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir
verdammt unangenehm.“

„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. „Wenn bei ihm nicht
jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen wäre, hätten wir ihn gleich heute
verhaften lassen müssen.“ Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu:
„Was sogar uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man Mensch
und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er befestigte seinen Klemmer
und machte sein trockenes Gesicht. „Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn
Lauer an dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja schon
verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen geäußert
hat, die von der Anklage behauptet werden, und für die Sie als Hauptzeuge
aufgestellt sind –“

„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts gehört! Kein
Wort!“

„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“

Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man doch nicht, was man
sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere,
dann scheint es mir doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren.
Ich besonders.“

„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche.

„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was
er mir darauf geantwortet hat, das könnte ich jetzt nicht mehr beschwören.
Das Ganze war doch überhaupt nur ein Scherz.“

„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber was hindert Sie
denn, das einfach dem Richter zu sagen?“ Er erhob den Finger. „Ohne daß
ich natürlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen möchte.“

Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich den Streich nicht!“
Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich während der
Szene vorsätzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen;
der dann sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb
unzurechnungsfähigen Zustand der Anwesenden mißbraucht und sie von
vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. „Herr Lauer und ich, wir
halten einander für Ehrenmänner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu
verhetzen!“

Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit in
Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich
war zuzugeben, daß Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit
gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der Grund,
weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch
ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk
machen muß, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen
Majestätsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmäht sein
Radikalismus.“

„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich.

„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – womit ich
keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches und nationales
Interesse wahrzunehmen glaubt.“

„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber, der mit unseren
heiligsten Gütern spekuliert!“

„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche lächelte befriedigt. Er
rückte näher. „Nehmen wir einmal an, ich wäre Untersuchungsrichter: es
gibt Fälle, in denen man gewissermaßen Grund hätte, sein Amt
niederzulegen.“

„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“, sagte Diederich und
nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmännisches Gesicht. „Aber Sie
begreifen, damit würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“

„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen den Komment.“

„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich.“

„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich.

„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren Zeugen mir meine Aufgabe
nicht unnötig erschweren werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust.
„Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um eine große
Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewußt, daß
ich für alles meinem Gott Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen
nieder. Mit männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“ Dies
schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren schüttelten
einander ernst und verständnisvoll die Hände.

Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen
und stand vor Fritzsche. „Gott sei Dank“, dachte er und machte mit
treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge
schien die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich blieb bei
ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen
„Volksstimme“ nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu höhnischen
Auslassungen über Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher
Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige „Netziger
Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter
wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, daß er den Gewinn seines
Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren
hatten sie außer ihren Löhnen und Gehältern die Summe von 130 000 Mark
unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den
günstigsten Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern. Sogar
der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein
anzügliches Lächeln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man
mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die
geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte,
blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdrücklich mit, daß
er für seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge,
weil er mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung
auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im Bureau, um solche
Briefe abzufangen, aber Sötbier war immer noch früher da, und das
vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich
schmeiß den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute sollen dann
sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab’ morgen einen
Direktorposten mit 40 000 Mark!“ – „Ich opfere mich für euch!“ schrie er
die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle
drauf, nur um keinen zu entlassen.“

Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Sötbier
rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht
eingehalten werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung für
den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und er blieb dabei, obwohl
Diederich nach dem Tintenfaß griff. In den Mienen der Übriggebliebenen las
er Mißtrauen und Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers knotige,
schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über dem Boden, und es sah aus,
als bekäme er sogar Farbe.

Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben die Eröffnung des
Hauptverfahrens beschlossen – predigte in der Marienkirche Pastor Zillich
über den Text: „Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten Wort.
Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. „Die Rache ist mein,
spricht der Herr“: Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Heßlingschen
Stuhl hinüber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling
schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da wandte sich alles um,
und Diederich knickte zusammen.

Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie
schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer
Helferich neben Emmi gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch,
und sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte Diederich.
„Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“ – „Die fünf Töchter vom
Bruder des Herrn Buck grüßen uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und
Diederich: „Ich werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das laß
gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“ Da verlor er die Geduld.
„Ihr? Was gehen euch meine politischen Kämpfe an?“

„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kämpfe!“

„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnütz im Hause
umher, ich rackere mich ab für euch, und ihr wollt auch noch nörgeln und
mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den
Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr Kindermädchen werden!“
Und er schlug die Tür zu, trotz Frau Heßlings gerungenen Händen.

So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht
miteinander; Frau Heßling verließ das verschlossene Zimmer, wo sie den
Baum schmückte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz allein und mit
zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies schenkt Diedel seinen lieben
Schwestern!“ sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie
nicht Lügen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso
verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, daß er
die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat,
abgelehnt hatte, um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte
er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in der Familie war es
eine künstliche Sache, eine Aufwärmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt
wäre sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller hätte er niemand
gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich
vernachlässigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen
Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen
sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren
Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter
verräterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich
passe nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan von seinem
Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. „Ich bin doch
gewiß ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein
wie dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich, so daß ich,
ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt habe, nicht werde
bezahlen können.“ Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Tränen traten
ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner
sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in das dunkle
Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die
Hände. Draußen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die
Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren.
Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschäft und
Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“ Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er
war so unheimlich allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen. Die
Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum. Aus Volksliedern,
Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Dämmerung, die
sich traulich davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im Kopf ward.
Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über den Scheitel streife. War es nur
ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas.
Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der Heimat ... Es ward
still, und er wußte es nicht – bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war
vergangen! „Das war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus zu
den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da die Schwestern
noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklärte er sie für gemütlos und
steckte die Handschuhe ein, um sie für sich umzutauschen.



Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge wegen des Holländers.
Sechstausend Mark für einen neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld
war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein
unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger Widerstand von Menschen und
Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er
mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Für den neuen
Herrn, der die Zügel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte,
mußten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge
warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit
anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen
für den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Sötbier: vielleicht
konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor
Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der Predigt, von der
alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch,
mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein
Versprechen bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich
allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, daß er
sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken
Lippen wartete, wäre doch ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen
gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer! Er
würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er
müsse nun wieder ins Geschäft; und Käthchen kniff die Lippen zusammen,
ohne daß das Jawort zur Verwendung gelangt war.

Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft des Holländers stand
bevor. Diederich sagte zu Sötbier: „Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag
und Stunde zu liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber Sötbier
erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum
lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Übrigens traf die
Maschine pünktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte
Diederich. „Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert, daß er kleiner
sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal
Raum sparen soll!“ Und er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit
dem Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich nicht
beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er zu groß ist!“ Aber Sötbier
klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen
auf. Schnaufend zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan zu
ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn der Monteur? Haben
uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“ Und dann entrüstete er sich.
„Ich habe ihn doch bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu
verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl täglich
zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir
das Unglücksding da nun auf?“

Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies
ihm plötzlich großes Wohlwollen. „Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich
lieber die Überstunden, als daß ich mein Geld für den fremden Menschen
hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“ Napoleon Fischer
zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berührte seine
Schulter. „Sehen Sie mal, lieber Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von
dem Holländer nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da
die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was
meinen Sie? Halten Sie den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt
liegen.“ Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon mit
Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte er zögernd. Diederich
vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte
er aufmunternd: „Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in
Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen.“

„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der Maschinenmeister mit
sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wußte, nach
seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie mal
mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er führte Napoleon Fischer in
das Wohnhaus, Frau Heßling mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und
Diederich drückte ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich
verlaß mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte, würde
die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab’ ich den
Leuten schon in den Rachen geworfen.“

„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister gefällig.
Diederich fragte dringend: „Das meinen Sie doch auch?“

Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem
Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit,
daß die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte mit
dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer ältester Konstruktion.
„Also der offenbare Schwindel!“ rief Diederich. Auch brauchte der
Holländer mehr als zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen
wir uns das gefallen lassen, Fischer?“

„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied der Maschinenmeister
und strich mit seiner knotigen Hand über sein schwarz behaartes Kinn.
Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.

„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer die bei Bestellung
vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt?“

In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein dünnes Lächeln. „Kann
ich“, sagte er. Diederich sah das Lächeln. Um so strammer machte er kehrt.
„Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er einen
energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort
kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue
Patentholländer System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren
Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer
Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung der angezahlten 2000 Mark
könne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen
Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener
als das erstemal und drohte mit einer Klage. Büschli & Cie. versuchten
nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie
haben Angst“, sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte,
und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können sie nicht brauchen, denn
ihr Holländer ist noch nicht genügend eingeführt.“ „Stimmt“, sagte
Diederich. „Wir haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter
Siegesgewißheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter
erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine
Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein
Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie
sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um
elf Uhr beim zweiten Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte:
Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; und
indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein.
An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“ sagte er, „es muß ein Irrtum sein.
Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“

Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken, aber das macht
nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor Heßling ist mein Name. Hier
ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda.“

Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen. „Friedrich Kienast“,
murmelte er. Er war groß, blondbärtig und trug einen braunen wolligen
Jackettanzug. Alle drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn
ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich: „Natürlich. Herr
Kienast frühstückt doch mit uns?“

„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli & Cie., und er
rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge vor, die er schon lobte,
während er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.

Diederich fragte ihn, harmlos lachend:

„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“ Herr Kienast lachte
auch. „Bei den Geschäften bin ich immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte.
„Na, dann werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“; – und
Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda.
Sie errötete.

Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl sonst noch was vor
in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend: „Man kann nie wissen.“

Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld werden Sie
nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“ Und da der andere schwieg, dachte
Diederich: „Sie haben ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie
können keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda und der
Vertreter von Büschli & Cie. gleichzeitig tranken und über die Gläser
hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Heßling saßen starr
dabei. Diederich beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich
aber fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben Glück, mein
lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück ist ausgerechnet unsere
schönste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier
herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch Mensch
ist. Na, und das braucht man.“

Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings Frage, ob er schon
verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie
hatte den Kopf gesenkt.

Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. „Herr Kienast,“ sagte
er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer Verfügung.“

„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda. Kienast ließ sie sich
von ihr anzünden und hoffte, die Damen nochmals begrüßen zu können, –
wobei er Magda verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er
vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitäten“,
bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie sollten mal unsere Anlagen sehen.“

„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich, genau so verächtlich,
„da ist es kein Kunststück. Reißen Sie mal hier den Häuserblock nieder!“
Und dann rief er im schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort
kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber
sobald er ihm gegenüberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser,
fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: „Fischer,
ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab
erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark.“ Darauf nickte Napoleon
Fischer kurz und verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann
Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten,
es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von
Büschli & Cie. sagte er: „Übrigens bin ich versichert, aber Zucht muß
sein. Tadelloser Betrieb, wie?“

„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick
auf die Maschinen. Diederich versetzte höhnisch: „Weiß ich, mein Bester.
Aber so gut wie Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er
fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen.
Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er
gehe großzügig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei
das Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch
ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge mit zwanzig
Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser machen mich überhaupt
wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach schneidend:

„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends
fertige Ware.“

Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab’
ich an sämtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur
Vollendung meines Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“

Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer war halb
gefüllt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half
mit dem Rührscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also.
Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für einen Umgang
zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle schon fünfzig ...
Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja
ewig!“

Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er
lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft sind ...“ Und mit
einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: „Was
sonst noch mit dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen Sie mir
vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“

„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest.

„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich blitzte. Auf
Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen
und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart.
Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit mit Diederich bekommen!
Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. „Mein
Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll,
ist lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen
Ihrer Äußerung aufmerksam!“

Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur, Herr Doktor“, sagte
er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern, das hab’ ich Ihnen schon beim
Frühstück gesagt. Jetzt brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir
den Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an Rücknahme nicht
denken.“ – Das werde man sehen, erklärte Diederich. Einen Prozeß hielten
Büschli & Cie. wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen
Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch eine besondere
Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er
nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man
einfach hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda.

Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie lächelte rosig. „Die
Herren sind noch immer nicht fertig?“ fragte sie schalkhaft. „Das Wetter
ist doch so schön, man muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. _A
propos_“, sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast zum
Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse leider danken, lächelte
sie dringlicher. „Und mir würden Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte
bitter. „Ich würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob Ihr
Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. „Herr
Kienast“, brachte er hervor. „Es wird mich freuen. Vielleicht, daß wir uns
auch noch verständigen.“ Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich
weltmännisch erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten. „Wenn mein Bruder
nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig und ironisch. Diederich erlaubte
auch dies noch; – und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem
Prokuristen von Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!

Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern
mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich
schamlos. „So macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda. „Ich
werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde gar nichts schaden.
Überhaupt bin ich an der Reihe!“ – „Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und
Magda schlug ein Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Heßling hätte
nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die Hände zu ringen: in den
Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Würde.

Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling rühmte den soliden
Eindruck, den er mache. Emmi erklärte: wenn so ein Kommis nicht einmal
solide sein sollte. Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda
behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs
Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment scheine der Herr
freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu
ersetzen. „Aber als tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“
Emmi hielt sich nicht mehr.

„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre, daß ich nicht mit
euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!“

„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er
herrschte Emmi an:

„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass’ uns in Ruh’.“

Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor
Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock,
und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten,
in stillem Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier seine
Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen Blick,
zurückgezogen hatte, sagte Diederich:

„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen
mache ich allein.“

„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte Kienast.

„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.

„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf
meine Kappe. Geben Sie den Holländer in Gottes Namen zurück. Ein Defekt
wird sich doch wohl finden.“

Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“ Kienast sagte
sachlich:

„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen
vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!“ bat er, da
Diederich auffuhr. „Und außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine
Reise mit fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“

„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn
empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. „Herr
Doktor!...“ Diederich faßte sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die
Hand auf die Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten.“
„Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“, meinte Kienast besänftigt.
„Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklären“, verhieß Diederich.

Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem schwarzen
Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie
sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren
grau und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und ließ sich zu
seiner Rechten nieder; und als man eben erst saß und sich noch räusperte,
sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: „Jetzt sind die Herren
aber mit den dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien
glänzend miteinander fertig geworden. Büschli & Cie. seien kulante Leute.

„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist. „Zwölfhundert
Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel für die
Kunden.“ Er lud Diederich ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rühmte er
seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Hälfte
bewohnte. „Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“

Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das einfachste, Sie
heirateten. Na prost!“

Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem
über. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen
sei? „Ihnen, Herr Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen
später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn es hier jetzt auch
noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte er nachsichtig hinzu.
Diederich wollte seine Großzügigkeit und die Ausdehnungsfähigkeit seines
Unternehmens beteuern, aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht
abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität. Einen
Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. „Wenn
da alles so wohl bestellt ist wie hier –“

Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Heßling schon
mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als
sei die Gans eine höchst gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte
trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob sein Blick
wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen Qualm, auf Magdas
durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß er sich los und ergriff sein Glas.
„Und darum: auf die Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau
und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust, um das Blühen
anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stieß Herr
Kienast zuerst mit Magda an.

Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir
in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen
auf.“ Er hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal errötete.
„Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu.“ Er
ließ den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer für
Bescheidenheit gewesen, „besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“

Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann
den Mut nehmen –? Meine Töchter schneidern alles selbst.“ Dies war für
Herrn Kienast das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs
eingehender Würdigung.

Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom
Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um
seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr
Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede, den
sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“ Magda schmiegte sich, ganz
Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie
rückwärts einen Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort.
„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der Abend vereint uns dann
hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draußen und den Klüngel unserer
sogenannten Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich, wir haben
an uns selbst genug.“

Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie draußen eine Tür
zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie
sich am mild beglänzten Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich
den Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle still lächelnd
hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas füllte, setzte Diederich
auseinander, daß er dank dieser Beschränkung auf die stille Häuslichkeit
imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der
Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die Fabrik gehört ihnen
mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner
künftigen Schwäger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“

Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie
fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da
bekam er gerührte Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und
drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespräch
der beiden, die sich ganz allein zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie
also glücklich Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und
wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling hinter dem Rücken
der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tür schlich, begriff er,
nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er
tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt.“ Als er
fertig war, horchte er hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man
eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle
geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl von neuem an: „Im
tiefen Keller sitz’ ich hier.“

Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte,
dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im
Wohnzimmer. „Nanu“, sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste
Absichten zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich sage nicht
nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war plötzlich heftig bewegt. Aug’
in Auge schüttelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda
herbei. „Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen Sie mein
Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder
haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen.“

Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es ist was passiert.“
Frau Heßling stand gleich hinter der Tür, nur konnte sie, vor übergroßer
Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt,
wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und löste sich dort in
Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen
war. „Emmi, komm heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf,
zornrot im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon
denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten allein!“ Und sie würde
wieder zugeschlagen haben, hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt
gesetzt. Streng bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene
sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht
einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer
Matinee, mit aufgelösten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst
uns lächerlich“, zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den
Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem Blick. „Mußte das
so spät in der Nacht sein?“ fragte sie. „Nun, dem Glücklichen schlägt
keine Stunde.“ Kienast sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht,
das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und
stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als nötig; sie entzog sie ihm,
da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf
ihre Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte kehrt und
verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm
griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefülltes Punschglas, und
verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.



Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen ab. „Bis Mittag
bezähme gefälligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir
mal ein Wort unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm
die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit – die
Belege waren jeden Augenblick zu sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein
Viertel der Fabrik. – „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf
Diederich: „Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“ Ein
unzufriedenes Schweigen entstand.

Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost Friedrich!“ „Prost
Diederich!“ sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. „Du
hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn du Geld
einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem
großartigen Gehalt!“ Kienast erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber
noch laufe sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr
eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten, da wäre es ein Verbrechen
gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. „Und wenn ich euch mein Geld gebe,
muß ich selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir
entgegenbringe, lieber Diederich –“

Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. „Wenn du
einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf
ihren Anteil am Geschäft verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs
unbedingten Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines seligen
Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie ich arbeite, kann in
einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt
verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu
schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn
ehre ihn, aber mit Großzügigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich,
merklich gereizt: er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur
sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des
Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“ Kienast trommelte auf den Tisch.
„Ich weiß noch nicht, ob ich deine Schwester dafür übernehmen kann“,
erklärte er. „Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich
zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum
Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde sich drücken.
Glücklicherweise war Magda noch verführerischer hergerichtet als gestern,
– „wie wenn sie gewußt hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der
sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr
erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen wünschte. „Dein letztes Wort?“
fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der
Tasche.

Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, wo die
Verlobten saßen, und auch Diederich wollte sich zurückziehen, aber sie
holten ihn zum Spazierengehen. „Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und
Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau
Heßling zu Hause. „Weil es sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte
Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub
fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett hängengeblieben
war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.

Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die
Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestraße
begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem
Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse
Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den Menschen angehalten und
ihm auf offener Straße einen Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war
ein schwerer Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf
Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn gegangen! Jetzt
schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, daß er mich in der Hand
hat. Ich werde noch Erpressungen erleben.“ Aber zwischen ihm und dem
Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was
Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich
ließ ihn einfach einsperren. Dennoch haßte er ihn für seine
Mitwisserschaft, daß ihm bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er
sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?

In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich lohne, denn bei
Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und
Inge Tietz, und Magda wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr
beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße war
heute leider wenig los; höchstens daß Major Kunze und Dr. Heuteufel, die
in die „Harmonie“ gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda
beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor, hier stelle
ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn Kienast vor.“ Der Bräutigam ward
gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei
Schritte zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie ihn denn
hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede
den ihren. Aber dafür solider.“ – „Fangen Sie schon wieder an?“ rief
Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und
seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß wo. Man kommt sich
vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts
Arm hing. Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch bleiben.
Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte er Guste bis an die
Häuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes,
dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewährend.

Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da
hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn
Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ – worauf er rot ward und
schnaufte. „Was ist da zu meinen“, brachte er hervor, und Magda lachte.

In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen jemand entgegen. „Ist das
nicht –?“ fragte Diederich, ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich:
dick, offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst elegant,
und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig, Wolfgang Buck!“ Er dachte
enttäuscht: „Und Guste stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das
Lügen muß ich ihr austreiben!“

„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich die Hand. „Das
freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte Diederich, trotz der Enttäuschung
mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt.
Buck stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich hinter die
beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer Braut?“ bemerkte Diederich.
„Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und
zuckte die Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er
phlegmatisch. „Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder begegnet
bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges, nicht wahr – es war so
anregend.“

Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals nur geärgert hatte.
Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. „Ja, meinen Gegenbesuch bin ich
Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer
dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Öde, wie? Zu denken, daß man
hier sein Leben verbringen soll“ – und Diederich zeigte die kahle
Häuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen
Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten,
und er machte tiefsinnende Augen. „Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz
langsam. „Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der
Lage, bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es auch hier
welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf
Sensation gemacht.“

„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie wollen schon wieder
nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner
Majestät stehe.“

Buck winkte ab. „Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“

„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie ich, ganz allein
und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar,
nach dem großen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
Fritzenauge, sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“

„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“ Bucks Mund und Wangen
sanken schwer melancholisch herab. Diederich stieß Luft durch die Nase.
„Ich weiß schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit.
Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“

„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso gut wie er –. Wenn
auch weniger begünstigt von den äußeren Umständen.“

Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es für jeden persönlich
ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt wirklich viel verändern, sondern
daß wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur
Talent nötig, und das hat er.“

Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind hier zwar unter uns,
die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
weiß doch nicht –“

„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig
nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich hätte an seiner Stelle
den Gefreiten Lück und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
genommen. Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst wenn es
einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde aus ihm, wenn er sich sagen
müßte, daß die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern höchstens
eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“

„Oho!“ machte Diederich.

„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch. Neben den Ereignissen
hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit
einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und
dabei außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch Worte und
Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler? Was ist Ernstliches geschehen?
Auch der Fall Lück ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles
wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und
nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns allen heute an. Er selbst,
den wir meinen, wäre am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg,
den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich
hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“

„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“ rief Diederich. „Und
dann sollen Sie sehen, daß alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem
Kaiser stehen!“

„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln. „Das ist die übliche
Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte laßt ihr euch von ihm
vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt
wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um
seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor allem leben, und die Tat ist
so lebensgefährlich.“

Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit
vielleicht in Verbindung bringen mit –?“ „Ich habe kein moralisches Urteil
ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt,
die uns alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den auf der
Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgeführt.
Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die
Geschichte als den repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“

„Den Kaiser!“ sagte Diederich.

„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“

Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das Brautpaar
auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es
wehte eisig hinüber; sie gingen weiter.

„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich sagen können, wie
Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater
zu tun.“ Er klopfte Buck auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst
dabei?“

Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit
einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. „Ich? Ach nein“,
sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstraße unzufrieden
geschwiegen hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig
bin.“

„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“

„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers
Lauer übernommen.“

„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich den Atem, er blieb
stehen.

„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert Sie das? Seit kurzem
bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein
Vater Ihnen nicht davon gesprochen?“

„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine
Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“ Diederich verlor sich in
Gestammel. „Dann müssen Sie ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon
ganz hier?“

„Nur vorläufig – glaube ich.“

Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe Sie schon öfter
nicht ganz verstanden – aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit
mir durch halb Netzig gehen.“

Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger
bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
könnten auch umgekehrt verteilt sein.“

„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht auf seinem Platz.
Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben –“

„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne
ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor,
werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“

Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn
meine Aussage? Sie ist für Lauer durchaus nicht ungünstig.“

„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward beängstigend ironisch.

Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“ dachte Diederich
schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen,
jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine
abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von
Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß nur Kienast nichts merkte! Buck
schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders
zu Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’ ich mehr Lust
auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch. „Darauf scheinen Sie immer
Lust zu haben.“ Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit
Buck um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine Braut: die gehört
auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“ Und da Diederich „wieso“ fragte:
„Wenn ich nämlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß ich das? Für –
andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten könnten, habe ich nun
drüben in Berlin noch eine zweite Verbindung ...“

„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete für Buck, der
das so zynisch eingestand. „Das heißt,“ stammelte er, „ich will nichts
gesagt haben.“

„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die, daß ich
vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht so viel bekümmern kann, wie
ich müßte. Möchten Sie sich da nicht des guten Mädchens ein wenig
annehmen?“ fragte er harmlos und gelassen.

„Ich soll –“

„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren, worin ich Wurst
und Kohl am Feuer zu stehen habe – indes ich selbst noch draußen
beschäftigt bin. Wir haben doch Sympathie füreinander.“

„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine Sympathie allerdings
nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster
über das Leben.“ Und er ließ Buck stehen.

Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine würdelose
Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich
wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem
man nicht klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“

Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem
geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus vor solcher alles zerfressenden
Überzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des
Niedergangs!“ Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend
reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben“,
sagte er unvermittelt und lachte. „Meinetwegen mag in der Stadt Mord und
Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“

Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Heßling hin. „Nun? Wo
ist die Vorladung, die für mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie
mußte zugeben, daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er
sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn.“ Aber
Diederich ließ keine Beschönigung gelten. „Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe
zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da
sind; und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf. Meint ihr,
ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß Magda ihre Spitzenbluse selbst
gemacht haben soll? Das könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob
Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht.
„Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr
steckt mit dem Dienstmädchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke,
bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“

Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
behauptete, er sei bloß darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen
Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den
Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief zurück: „Ich
brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war Diederich hinterdrein. „Gib
bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst
du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat um
deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr schön war. Du bist
überhaupt bloß Zugabe!“

Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda
in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jäh verstummt,
die Wange. Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
überwog. Die Krisis war vorüber.



In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspätung bei
Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen
ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschäftigt, für einen kaum
erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das
Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte
brach in ein solches Geheul aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er
selbst gestimmt war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und
betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für den Herrn
Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich
sah, wollte er sich wieder zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was
das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue. Jadassohn
erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch kümmern müßten!“ und war schon
draußen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl
eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn,
der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem
Räderwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in
übergroßer Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen
verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und
ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst
wieder dem Privatleben gehörte! Diederich versprach sich, fortan ganz
seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.

Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und
auch das beste. Die fünf Töchter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß
ihres Schwagers Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in
einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Bürgermeister
Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen ließ den Bürgermeister nicht
los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, daß sie
ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand
mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade
erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim Anblick der
zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur
Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den
anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten
können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten hatte,
herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und
streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück:
Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck
umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging
dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und
darunter Lackschuhe, die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich,
wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut küßte er sie.
Es werde sehr schön werden, verhieß er; der Staatsanwalt sei gut
disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen
Zeugen, um mit ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man,
denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie
tapfer sei! „Was ist dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher
Stimme. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer sagte: „Gewiß
nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche
vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich
begrüßten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des
Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den
Augen zu lesen.

Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt
worden. Buck zog ihn hervor und führte ihn zu seiner Schwester. „Liebe
Judith, ich weiß nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
Doktor Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau Lauer lachte
nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß nicht, sie sah ihn nur an mit
rücksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten,
und ward noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie das
Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: „Der Herr
Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da
zogen in dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Rücken.

Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer
zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tür nicht eben freigebig
geöffnet ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
Publikum ward von dem besten überwältigt. Die Unterröcke der fünf
Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als
letzter hinein und mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor Sprezius,
anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte von dort oben die Sitzung
für eröffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in
Erinnerung zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie
ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und
sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte
Landgerichtsrat Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen
Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
aussehen, die Schwiegermutter des Bürgermeisters wollte wissen, er werde
sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging das viele Geld, wenn er
starb? Bei den Zeugen drückte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte
werde seine Millionen für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme. „Der gibt auch
nach’m Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muß das Seine
zusammennähm, und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ der
Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.

Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder
zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine
Fensternische ein; Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte
peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte ich, was er sagt.
Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!“ Vergebens versuchte er
gegenüber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer
gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen
weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zähne: „Na warte nur,
mein Schibbchen, dir wer’n mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die
allgemeine Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der
Gerichtsdiener. „Herr Doktor Heßling!“

Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger Haltung an den
Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand drohend
aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch
seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte
von Diederichs eine so leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die
Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er
Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten auf den fetten
Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel, und so gescheit und aufmunternd
anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor
Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur
Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.

„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am Tisch saßen auch
Herren ...“

Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er
hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal räumen
lassen. „Sonst wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu
bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen hätten sich ihm
die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt. „Dann werde ich Ihnen zur
Auffrischung des Gedächtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter
vorlesen“ – und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen. Daraus
erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem
Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe
gemacht, daß von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner
Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber zu äußern habe. „Es kann
wohl sein,“ stammelte er; „aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade
der Angeklagte war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte sich über den
Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere
Zeugen werden bekunden, daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten
sind und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ –

„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da lachte unaufhaltsam
der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem
verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geöffnet, um
loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: „Sie waren an
dem Abend wohl stark angetrunken?“ Sofort fielen Staatsanwalt und
Vorsitzender über ihn her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“
rief Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius, „Sie haben
nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist
meine Sache!“ Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen
entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die
Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluß darüber,
ob ihm gemäß der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen
zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts übrig, als mit
den vier Richtern rückwärts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah
sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Hände wie zum Applaus;
aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte
Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte
seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem
Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab
sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur
der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus, um Diederich seine
weiche, weiße Hand zu geben. „Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er.
„Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich in
seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Güte des großen
Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte,
fiel es Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte! Und auch
sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht
hatte. Die politischen Gespräche hatte er augenscheinlich nur geführt, um
sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in
der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. „Soll ich mich hier
noch lange von allen Seiten anöden lassen?“

Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte Kühlemann wechselte mit
dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit
merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht
der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache
gehörig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt
noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig nicht,“ sagte
Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht
zu entlassen.“ Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die
Stimme. „Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen soll, wie die
Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den Angeklagten früher war.“ Diederich
erschrak – im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam
bewilligt, was er wollte.

Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits
über die kritische Nacht berichten. Er erklärte, die Eindrücke hätten sich
damals überstürzt und sein christliches Gewissen schwer bedrängt, denn
just an jenem Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn
auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“ entschied
Sprezius – und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspräsident Herr von
Wulckow, im Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um,
der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich
zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
Hinterhältigkeit: „Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam
zu machen.“ Da knickte Zillich ein und gab zu, daß er die dem Angeklagten
vorgeworfene Äußerung allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf
und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den Namen des Kaisers gar
nicht genannt! Ich habe mich gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit
einem Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß nur die
provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling den Angeklagten zu seinen,
hier falsch wiedergegebenen Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er
den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, ob er
nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich gegen die Hetzereien
des Zeugen Heßling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er
habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als
Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen.
„Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem
Hauptbelastungszeugen Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine
Tochter –.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die
Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig, und auf der Tribüne
entstand ein mißbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der
Regierungspräsident beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte
deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“

Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der kleine Greis stürmte in
den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tür schrie er seine
Personalien herüber, und die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie
sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu
bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung
hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der
herrliche Brief Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven
Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren
Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da hab’ ’ch grade ä bißchen
geschlummert.“ – „Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!“
verlangte der Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal von
unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t. Die Franktiröhrs! hab
’ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ä
Franktiröhr draufgebissen, bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes
bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!“
Und Kühnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“
krächzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals.

Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den Eid leistete er in
einem Ton, als stieße er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf
erklärte er kurzweg, daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur sagen, das
Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir nach Denunziantentum.“

Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wußte,
woher es kam, auf der Tribüne mißtraute man einander und rückte, das
Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn schon längst auf seiner
Brust lag, rührte sich im Schlaf.

Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgänge
berichtet hätten, seien doch nationale Männer gewesen, erwiderte der Major
nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht
gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie
sich darüber äußern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark
geliehen hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte
auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte.
Jadassohns Kühnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg
aus und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung der
Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt gewesen, auch seine
eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestät gemeint. – Hier
hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig
findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen
beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“ Sofort hackte Sprezius nach ihm.
„Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ –
„Eben das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache selbst
behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, daß der
Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“
rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch als
wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen
Almanachs darüber als Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche
Fürsten jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt von
dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein dröhnender Baß
sagte: „Unerhört!“ Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch
rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war davon
erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen, dann verkündete der
Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
Wahrheitsbeweis nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge zum
Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten
sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des
Bürgermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr
dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche Meinung
einlenkte und ganz leise denen näher kam, die geschickter waren und die
Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.

Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig war er plötzlich
da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles,
belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend, als sage
er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen den Absätzen der
Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem
Musterschüler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme
der „Netziger Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: „Wir
sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung
wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist
–.“ Er mußte sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck nahm
eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der Zeuge eine etwas
sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet.“ Aber Nothgroschen war
nicht einzuschüchtern. „Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte
hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des
Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ sich nicht bitten; und er entließ
den Redakteur in Gnaden.

Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, daß der
Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfügung des Gerichts halte.
Er ward aufgerufen – und kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle
Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher
geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergrößerte
sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied
ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei
Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte.

Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von dem Zeugen Heßling
gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und
selbständig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch
bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die Fritzsche
an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachprüfen können, stand
außer allem Zweifel. Daß der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild
mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ... Und
der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte
hinunter. Auch der Angeklagte hatte persönlich einen eher günstigen
Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.

„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts fähig?“ fragte Sprezius.

Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrücklich
beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehütet haben.“

„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende streng.
Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine bürgerliche
Wirksamkeit gewöhnt, Autorität mit fortschrittlichen Neigungen zu
verbinden. Er hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik
berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, daß er
in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung des Arbeiters von seiten
des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefühlt – seinen politischen
Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch
einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ.

Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die
Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann warfen Blicke auf das Publikum,
durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
noch seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die
Hände des Angeklagten waren krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt,
und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau.
Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten Mundes, wie
abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwäche. Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat
sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn her zu
bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank
zusammen, sein stark gerötetes Gesicht entleerte sich so jäh vom Blut, daß
der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rückte.

Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der
dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch
folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
Sache aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf
Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geübt? Und das
protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer
belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger
rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen
Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu
entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches
hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für Diederich ... Auch Wolfgang
Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit
einer Miene, als müßte er sich erbrechen.

Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers, die nicht
unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflüstert.
Die Schwiegermutter des Bürgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
Frau des Angeklagten zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach
ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu überlassen.
Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen Zillich schickte einen
raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu
dem Haupt der Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich
hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“

Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie mal den Zeugen Cohn
’rein!“ Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende
schnupperte in die Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er.
„Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den Augen
unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedrängt saß. Dagegen
war auf den unteren Bänken freier Raum, und der freieste um den
Regierungspräsidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe....
Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren
unter den auswärtigen Journalisten, die dort hinten verstaut saßen. Aber
Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre
Rockkragen.

Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen. Sprezius ließ ihn eine
Weile reden, dann räusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der
Hand. „Zeuge Cohn,“ begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt: „Geben Sie zu, daß
gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren
Lokalitäten durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit dämonischer
Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war
außerordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die
alte Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht meinetwegen
getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute
mich schon einmal kaputt gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch
der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das
Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war Cohn
erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn
geradeheraus: „Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes
Geschäft, wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel, daß
Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört das wirklich zur
Sache?“ Aber Jadassohn war allem gewachsen. „Herr Vorsitzender, die
Anklagebehörde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge
sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten, besonders
aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwürdigkeit
des Zeugen ist danach zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand
mit gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn; und Sprezius
entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter rückten unter den Blicken der
Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder
gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat
wohlwollend um Ruhe und ließ sich den Zeugen Heuteufel kommen.

Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die
seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.

„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die
das Delikt der Majestätsbeleidigungen darstellenden Äußerungen durch seine
Zustimmung begünstigt und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel erwiderte:
„Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn ihm seine Aussage im
Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: „Ich beantrage
Gerichtsbeschluß darüber, daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch schneidender:
„Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge
gehört zu den von Seiner Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten
vaterlandslosen Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen
Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für freie Menschen bezeichnet,
der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen
gegenüber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert
sind.“ Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, lächelte skeptisch und
meinte, die religiösen Überzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
offenbar von mönchischer Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß
er einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht aber werde wohl
anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs
Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person beantragte
er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der
Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein
aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände
in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des
Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten
die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst
ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts
in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.

In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen
wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein
Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal
rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuließ? Er
hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
rechtzeitig, daß man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf
Heuteufel den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob spendete.
Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte
er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der
Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber sind, aus deren
Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis des Familienlebens schöpft, und
ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund
Klein-Berlin heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß die
Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter
bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte
noch zu antworten: „Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns
dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu, daß Sprezius ihm eine
Ordnungsstrafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal
zu bleiben“, entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht
ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“ Heuteufel äußerte:
„Ich meinerseits bin aufgeklärt über den Betrieb hier und würde es
vorziehen, das Lokal zu verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark
hundert.

Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im
Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als äußerte sich die Stimmung in
diesem merkwürdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet
hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnütz verbraucht;
und das Gähnen der vom Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die
Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts
Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine
Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen für die
Nachmittagssitzung zu beantragen. „Da der Herr Staatsanwalt es zum System
erhebt, die Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit,
den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der
ersten Männer von Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeister Dr.
Scheffelweis wird dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten
bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow wird nicht umhin
können, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
bestätigen.“

„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende Baß. Buck
strengte seine Stimme an.

„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine sämtlichen
Arbeiter eintreten.“

Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: „Der Herr
Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“ Die Richter berieten
flüsternd; und Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters Dr.
Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister im Saal war, wurde er sogleich
aufgerufen.

Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten
ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
einander widersprechen mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich
verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der
bürgerlichen Öffentlichkeit betätigte? Dr. Scheffelweis wußte Gutes
darüber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den städtischen
Kollegien eingesetzt für die Wiederherstellung des altberühmten
Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin
Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den
Saalbau der „Freien Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar
viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der Angeklagte die
allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik
eingeführt hatte, wurden vielfach bewundert, – wenn freilich auch dagegen
eingewendet ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene
steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befördern geeignet waren.
„Würde der Herr Zeuge“, fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“, erwiderte
Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“ fragte der
Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: „Andererseits gewiß.“

Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; seine zwei
Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte
Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu
vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius klappte
mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Bänken
herausrutschte, murrte laut; – aber Diederich war schon vorgetreten,
festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, daß er seine im
Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten könne; und er
wiederholte sie, aber verschärft und erweitert. Er fing mit der
Erschießung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen vergessen
hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen über die blutbetropfte
Kaiser-Wilhelm-Straße bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen
sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und den Angeklagten
herausfordern auf Leben und Tod.

„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger, ich habe ihn
herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er
sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit
nur meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder erfüllen, mögen
mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher Beziehung selbst noch
mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt
habe! Der uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen, mag ihm
angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich
vorhin mit meiner Aussage noch zögerte, war es nicht nur, wie der
Untersuchungsrichter mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des
Gedächtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte.
Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestät unser
erhabener Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend
weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den Atem nahm.
Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers
vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber
dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne
Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe
hängen und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl,
spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll
eines feindlichen Entzückens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von
bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“, rief
Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange
gewiegt haben, und nicht bloß dem Staat und seinen Organen die Bekämpfung
der umwälzenden Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das
ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren Richter, da sollte ich
zögern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert
den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen
in den Staub zu ziehen ...“

Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den
Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius
freilich nicht mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen.

In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig
Widerhall gefunden! Hier verschloß man Augen und Ohren vor der Gefahr, man
verharrte in den veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen
Demokratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden der göttlichen
Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
großzügigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der
modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im
Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei
edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“
Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt,
dem Angeklagten, als er nörgeln wollte, mit aller Entschiedenheit
entgegenzutreten. Ich habe ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache
willen. Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ – er
blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie
sind der Ausfluß eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
auf Ehre hält und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“

Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung,
die er ausdrückte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd
und wankend, stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte
rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe
ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche Stimmen, voll
erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige
rauhe Laute gegen Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der Vorsitzende, daß
der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und
verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf
einmal bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die Hand: die Verurteilung
sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
erfolgreichen Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine
Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an
Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er
zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins
Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen
machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, prüfend und traurig, so
traurig, daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig
nachsah.

Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht entblödeten, ihm
Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er
denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine nach der anderen,
von oben bis unten und erklärte ihnen, streng und abweisend, es gäbe
Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt
ließen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch
Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang
Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren
der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen
Blick hin, der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen
Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorüber.

Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspräsident, Herr
von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf,
schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte
Diederich auf die Schulter. „Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare
Gesinnung. Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf seinen kotigen
Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und
hinterließ, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttätiger
Männlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.

Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister auf, mit Frau
und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.



Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibül auf
das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzählen
lassen, was vorging. Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen Tränen.
Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie
nur Geringschätzung gehabt für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun
als so glänzend erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des
Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte ihnen, der heutige
Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. „Die
fünf Damen Buck werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können
froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung des Lauer war, so
versicherte Diederich, nur mehr eine Formalität. Sie war entschieden, und
mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und er
nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte es schief gehen
können, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann wäre
ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda
erbleichte, klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“ Und das
Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit: „Welch eine Wendung durch Gottes
Fügung!“ Er ordnete an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau
Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal
konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange
sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren
nicht dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen,
Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben
sich besiegt! Die Stadt wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage
zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis in die vorderen
Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel sich noch hier fand, Kühnchen und
Kunze trugen Sorge, daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung
lese. Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen: junge
Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden
Mädchen, die unheimlich schöne Farben im Gesicht hatten; und alle
tauschten Grüße mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!

Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete
auf seine Frau! „Wenn er meint, daß sie noch kommt!“ dachte Diederich.
Aber da kam sie: noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit
einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie
ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.

Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach einigen Sätzen fand
er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
Stadttheaters lächelten einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es,
er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme
überschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Mädchen fielen
auf die Brüstung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn
Sprezius nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. Aber das
Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine
Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er
selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte Wulckow,
und auch Sprezius wußte es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn
selbst fühlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je
geräuschvoller er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis
beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es
schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann schrak auf, mit einem
Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“

Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der
Tribüne murmelten beifällig, was Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel
in Ruhe abwartete. Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem in
zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten
durchaus günstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit
Unrecht die Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge
drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt hätten,
irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, daß sie auf geradezu
glänzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als
wahrheitsliebend bekannte Männer nur durch eine Erpressung –. Weiter kam
er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck
gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte
die ihm zur Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle hier
doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Heßling habe
offen eingestanden, daß er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling,
durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber
einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen Hilfe eines
anderen und unter bewußter Ausnutzung seiner Erregung vollführt habe. Der
Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung mit
dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm
ward schwül. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn
wieder.

Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglück
des Zeugen Heßling, den er als das Opfer eines weit Höheren betrachte.
„Warum häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
Majestätsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge wie die
Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die
diese Vorgänge begleiten.“ Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den
Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht stören; er
machte sein Organ männlich und stark.

„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen Seite zeitigen
Zurückweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht für mich ist,
ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und
Majestätsbeleidigern.“

Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, daß Sie
an Worten des Kaisers hier Kritik üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird
das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen.“

„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“, sagte Buck, und die
Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. „Ich werde also
nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn
gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von
Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn
standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald sie sich gewendet
hatten.“

Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte Sprezius ihn nicht?
Es wäre seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann ließ er in
öffentlicher Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger, dem
berufsmäßigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im
Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der
Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende
Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fühlte seine herablassende
Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!

„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr
Geschäft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und
ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das
Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen. Die
Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei
Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch
Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem
Untertan von seiner Macht das Nötige leihen soll, um die noch kleineren
niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn
noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche Leben einen Anstrich
schlechten Komödiantentums. Die Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie
von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert
wird gezogen für einen Begriff wie den der Majestät, den doch kein Mensch
mehr, außer in Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte
Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer schmeckten es mit. Die
Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn
ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig. Den anderen
sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen Dialekt anklang, befremdete.
Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig:
„Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des
Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“ Durch das Publikum lief eine
Bewegung. Wie Buck den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen,
Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Mädchen
gewesen.

„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person des Monarchen
genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das
Gericht, feststellen, daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der
sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrückt und
darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges bekommt. Ich will den Kaiser –
und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu
unterbrechen – einen großen Künstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle
kennen nichts Höheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, daß
jeder mittelmäßige Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag
einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen, mag reden,
ohne daß wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
Haß imaginärer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das
seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“

Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen und gespannte Augen,
als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte?
Sprezius hielt den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine
erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die Mundwinkel fallen, grau
schien es um ihn her zu werden.

„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war nicht gestürzt, er
hatte wieder Boden unter den Füßen! Nun sah alles sich nach Diederich um,
und man lächelte sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte seine
Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen, daß ihr gestriges Gespräch
auf der Straße hierfür die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter
dem offenen Hohn des Redners.

„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumaßen, für
die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent!
Das ästhetische Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten
Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren hat, kann durch
Kräfte wie den Zeugen Heßling nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen,
meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale
ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der
bürgerliche.“

Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis
zum Pathos.

„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht auf die
mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer
ist. Mehr Veränderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
Beispiel eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes
Beispiel war! Dann kann es geschehen, daß über das Land sich ein neuer
Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung nicht den traurigen
Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des Lebens
selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er sich, eisern zu
scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit
unberechtigter Berufung auf einen noch Höheren wird er lärmend und
unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen
Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung einen
Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet sich, was daran zu
verdienen ist. Meine Herren Richter!“

Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er
trug die gesammelte Miene eines Führers. Und er legte los, mit allem, was
er hatte.

„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste und stärkste. In
Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie können ihn in das Leben
schicken oder ihn sittlich töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der
Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und
so haben Sie Macht über unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermeßliche
Verantwortung, ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse füllen
und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende Teil der Nation sein
sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich
zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit!
Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem
anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der
Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines
Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht
zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem
Nächsten so sehr sich selbst achtet, sollte fähig sein, von der Person des
Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?“

Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man auf den Angeklagten, der
die Stirn in die Hand stützte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah.
Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene.
Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da, als hätte
Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann nickte achtungsvoll, und an
Jadassohn zeigten sich unwillkürliche Zuckungen.

Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen. „Das
Erwachen des Bürgers!“ rief er aus. „Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die
stille Tat eines Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe selbst
eines gekrönten Künstlers!“

Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich
besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum
zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten
die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe ließ
der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.

Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber
Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten
Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche.
Jadassohn verneinte geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich mit
Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. „Gott sei
Dank!“ sagte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. „Man sollte nicht
glauben, daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“ Sie wies auf
Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die
Schauspieler beglückwünschten.

Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete das Urteil:
sechs Monate Gefängnis – was allen die natürlichste Lösung schien. Dazu
war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter
erkannt worden.

Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine beleidigende Absicht
zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
Gegenteil: daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des
Angeklagten, daß er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für
hinfällig befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich – namentlich bei ihrer
Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des
Angeklagten – die Ansicht aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den
Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich wohl gehütet habe,
eine Majestätsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung
selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“

Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber
hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies
noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht
günstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem
halben Jahr, das er absitzen mußte, aus seinem Geschäft werden! Infolge
des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig
weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, der so dick tat, war der
Denkzettel zu gönnen. Man sah sich nach der Frau des Sträflings um; aber
sie war verschwunden. „Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette
Verhältnisse!“



Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen
Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war
nach dem Süden gereist. Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort
oben in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und –
ein auffallendes Zusammentreffen!

Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus
Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum noch
nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder
auszuforschen: man wußte Bescheid! Der Skandal war so groß, daß die
„Netziger Zeitung“ eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend
gerichteten Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen durch
Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte
Nothgroschen dar, daß man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb
eingeführten, besonders zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von der
Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch
nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines
Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte
auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des
Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der
Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, daß er im Gefängnis das
sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er
durch seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert
Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe.

Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch in anderer, sehr
bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
Heßlingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei
gestiegen und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte sich sofort,
daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er war beteiligt an der
Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand ließ,
fürchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die
Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Daß
Diederich durch seine Zeugenaussage den Präsidenten auf sich aufmerksam
gemacht hatte, mußte der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr in
die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das über
die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
unruhig. „Er möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber so
billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er ’ne Ahnung von
meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe
ihn einfach!“ sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor Aufregungen!“ höhnte
Diederich. „In Ihren Jahren, Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie
manches geleistet für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer war
schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt hätte ich ihn nötig für
die ‚Netziger Zeitung‘. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts
mehr.“

Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte auch ein Brief
des Majors Kunze. Dieser wünschte ein bedauerliches Mißverständnis
aufzuklären und teilte mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn
Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerührt
durch seinen Triumph, hätte am liebsten gleich die beiden Hände des alten
Soldaten ergriffen. Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß
der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war! Der
Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und
sich gewundert, den Doktor Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich
es inne, was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er antwortete
auf die private Eröffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an
den Verein und forderte den persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des
Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. Sie kamen auch;
Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen, die er absichtlich auf
diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
Adresse, von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags
abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen, daß er, mit glänzender
Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und
kaisertreue Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen,
den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe
beizubringen. Aus einem unter den größten persönlichen Opfern geführten
Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.

Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich,
Tränen in der Stimme, bekannte sich unwürdig, so viel Lob
entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache,
so sei dies, nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene
Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe ... Alle, auch
Kunze und Kühnchen, waren bewegt. Es war ein großer Abend. Diederich
stiftete einen Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die
Schwierigkeiten berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage
begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief Diederich aus, „sichert
unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
Seiner Majestät des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen
aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden
will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestät
ist nicht zu spaßen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“
Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im
selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich auf dem
Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den
Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten
nicht bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das Wort erregte
Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen
war, hätte er nicht mehr sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht
doch vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort auf ihn ein, als
wäre es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der „Netziger Zeitung“
und schon am Abend im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter
verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.



                                    V.


Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und
Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte
nur wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin beim nächsten
Fest der „Harmonie“ aufführen ließ. Emmi und Magda sollten Rollen
bekommen. Freudegerötet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus
gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den
Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man
brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie
mit ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen einen
unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schön genug.
Das Wohnzimmer lag voll von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen
verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste
Daimchen.

„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert“,
sagte sie und versuchte gönnerhaft zu lächeln; aber ihre Augen gingen
besorgt über die Bänder und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme
Stück?“ fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist unerhört
dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es doch sagen, weil du nicht
mitspielst.“ Und Diederich erklärte: „Damit entschuldigt er sich dafür,
daß Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste lachte
geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen
wir gerade.“ Diederich fragte: „Wollen Sie den ersten Eindruck des
Prozesses nicht lieber vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an.
„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl
darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der
Gesellschaft nicht gerade nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah,
sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei Dank,
mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi: „Aber Herr Buck ist
interessanter. Neulich bei seiner Rede hab’ ich geweint, wie im Theater.“
– „Und überhaupt!“ rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese
Tasche geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und
Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient
mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber
Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch nicht länger
stören“, sagte sie.

Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie
artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß ich noch einen Blick in die Fabrik
tun. Gleich wird Schicht gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste.
Um ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der großen
Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?“ Und mit
Wichtigkeit erläuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
Zylindern, worüber hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß:
zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende der Maschine lief auf
großen Rollen das fertige Papier ... Guste schüttelte den Kopf. „Nein so
was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit
seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter
anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide
schrien gegen den Lärm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber
Diederichs geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters
immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der
Angelegenheit des Holländers erinnerte und die offene Verleugnung jeder
Autorität war. Je heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward
der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend öffnete
Diederich die Tür zum Packraum und ließ Guste eintreten. „Der Mann ist
Sozialdemokrat!“ erklärte er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu
legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer
der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!“ Und da Guste
ihn bewundernd ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für
einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein
Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen
Güter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn einer
vor Gericht schöne Reden hält.“

Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier ist es kühler,“
bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle nebenan kommt. Die Frauen hier
können froh sein.“ – „Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im
Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die
Bogen, eine zweite prüfte nach, und die dritte zählte immerfort bis
fünfhundert. Alles ging mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen
ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die
arbeitenden Hände, die im endlos über sie hingehenden Papier sich
aufzulösen schienen: Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr
Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ...
Guste gähnte – indes Diederich erklärte, daß diese Weiber, die im Akkord
arbeiteten, sich schändliche Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er
wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art von Trotz: „Sie brauchen
sich übrigens nicht einzubilden, daß Käthchen Zillich sich für Sie
besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere
Leute“, setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn
meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie doch bitten“, wiederholte
er. Darauf nahm Guste ihre gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem
Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum
Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so eine.“ Jetzt lachte Guste laut,
so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit
Jadassohn?“ forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine auf, die
Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte, und über den Hof
entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. „Was
Fräulein Zillich macht, läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den
alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie
das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie sich doch selbst!“
Worauf Diederich geschmeichelt lachte.

„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister zu, der
vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade ward der Lumpensaal weit
geöffnet für die Fortgehenden. „Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber
romantisch!“ Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung lauter bunte
Flecken aus grauen Hügeln und darüber einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte
sie im Nähertreten. „Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das
sind ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog das Gesicht.
Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung
sich auf den Säcken ausruhten. Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt
war, strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“, schnaubte er.
„Wärme schinden auf meine Kosten! Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein
Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach
der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren
Männerschuhen hinaus, schwerfällig wie eine Herde und umgeben von dem
Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat die Dicke da unterm
Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das
ist nur, weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden den Rücken
wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich hätte eine erwischt. Sie
stehlen nämlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da
Guste die Nase rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“

Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden.
Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und küßte es gierig, im
Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind
schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch gleich gedacht,
was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben.“ Diederich machte ein
herausforderndes Gesicht. „Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen
heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so ohne bin? Freilich
Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor
Gericht.“ Darauf sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie
werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre Augen sagten etwas
anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit
Ihnen! Wissen Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf mit Wurst
und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ – „Jetzt lügen Sie“, sagte Guste
vernichtend; aber Diederich war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug
Wurst und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht, Sie hätten
eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend Mark ist solch ein feiner
Mann nicht zu haben.“ Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurück, so
gefährlich sah es aus. „Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie
komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo ich bare
dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu liegen hab’, in richtiggehenden
Papieren! Fünfzigtausend! Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt,
den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte Tränen in den Augen; Diederich
stammelte Entschuldigungen. „Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr
Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst,
Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!“ rief
sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine
eingedrückte Nase war ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen
Sie doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu bedenken. Sie
biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte sie mit einem Blick von unten,
schmollend und unsicher. „Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch
schon Geld.“

Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem
goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. „Ich bin wirklich
ganz echauffiert von Ihrem Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie
mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?“ Er
nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem
Lumpensack.“ – „Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den Säcken
hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen ertappt, wie sie gerade:
Sie verstehen. Natürlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am
selben Abend –“ er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen, und das
Mädchen ist verrückt geworden.“ Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott,
das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen über die Säcke, als suchte sie Blut
darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie
einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen
Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie atmeten hörbar einander
an. Guste schloß, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch
schon beide auf die Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als
seien sie dort unten am Ertrinken.

Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an dem er sie festhalten
wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, daß es krachte. Als
Diederich sich glücklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und
schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie
erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen Sie mit ’ner andern
versuchen! Wie komm’ ich überhaupt dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’
Ihnen doch gesagt, daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich
bewegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff zugebe. Aber
Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die
Stadt gehen?“ Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
rief ihm nach: „Daß gefälligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden
morgen die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor. Wie er
zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Händen,
und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Tränen. Diederich blieb
stehen, hörte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch nichts geschehen“,
wiederholte er. Guste stand auf. „Das wäre auch noch schöner“, – und sie
musterte ihn mit Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam
braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und Guste: „Wenn schon!“ –
wobei sie sich auf die Lippen biß.

Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann
sich, indes Guste ihre Kleider glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine
Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter
den Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck lieben, das glaub’
ich Ihnen seit fünf Minuten nicht mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und
ohne Pause fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“

Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die
Lumpen; Knöpfe und so weiter bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute
haben natürlich wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte
sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir mehrere Säcke
Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“ fragte Guste und griff rasch hin,
nach etwas, das glänzte. Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“
Sie ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was finden, ist Ihr
Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte zweifelnd: „Den muß ich natürlich
abliefern.“ Sie lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“ Er
lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch
ausfindig machen, wer uns das geliefert hat.“ Guste sah ihn von unten an.
„Sie sind schön dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein!
Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den
kleinen Finger. „Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie
erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. „Na, sollen ihn
andere Leute finden!“ – und unvermutet warf sie den Knopf zurück in die
Lumpen. „Sind Sie verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich
und ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles
durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den Brillanten hin; aber
Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst
sieht. Der steckt ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht
so dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn wahrscheinlich
wäre der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umständen brauche
ich es nicht für inkorrekt zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder
auf ihren Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht Ihnen so
gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?“
Er stammelte: „Sie haben ihn ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte
Guste. „Das wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich, voll
banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt ...“ Und mit einem
plötzlichen Blick: „Weil er nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete
Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.

„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich spät sein.
Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr,
ich hab’ bei einem Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie öffnete ihren
goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen. „Also adieu ... Aber Sie
sehen aus! Wenigstens müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen
tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter seinem Kinn;
ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er
hielt den Atem zurück. „So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich
drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie doch!“ – „Ich warte
schon“, antwortete sie von draußen; – aber als er auf den Hof trat, war
sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“ Er schüttelte
sorgenvoll den Kopf über das ewige Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste
verkörpert war.



Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit Guste, freilich
ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozeß gruppierten,
hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts
mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf
weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wußte nicht
wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die
Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin. Nur dauerte alles zu
lange für Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang.
Man quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in jeden Tag, der
anfing, hätte man das alles auf einmal ergießen wollen; und wenn er aus
war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich.
Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den
Rücken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die
abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß die lange Gäbbelchenstraße,
mit den vorstädtischen Gasthäusern, bei denen Fuhrleute ein- oder
ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht
von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies
nicht hatte träumen lassen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte
Diederich. „Wie man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den
Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt hatten, nicht
ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine
Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein
Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.

Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem Hügel mit der
Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Heßling
das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen
ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
Gausenfelder Straße ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur
zögernd, denn es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem
Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht: die große Papierfabrik zog
ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte
nahekommen, sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines Abends
ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im
Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den
Graben zu kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte der
Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem Versteck vorüberkamen,
drückte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr
begehrliches Funkeln hätte ihn verraten können.

Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und
sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der
„Grüne Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter, schmutzig
und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewölbten Gang eine
Frauensperson. Diederich, von jäher Abenteuerlust gepackt, drang
hinterdrein. Wie sie das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten
mußte, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit
dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. „Guten Abend,
Fräulein Zillich!“ – „Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide
mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die etwas
hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen
an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten
eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die
Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren
Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein
eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, daß
Käthchen in einer noch viel verdächtigeren Lage sei. Er ersparte es sich
also, seine Anwesenheit im „Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach
vor, dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Käthchen
weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch für sie Bier. „Prost!“
sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß sie
bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses
sich beinahe verlobt hätten. Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und
blaß und verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl
auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke
geschoben und saß breit davor. „Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“
sagte er gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er da und
sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. „Also
doch!“ dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Ähnliches zu denken;
keiner der Herren fand Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und
Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hörte ihr
mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung fallen, gewisse
Geschichten seien ihm zu verwickelt, – und er blickte inquisitorisch auf
Diederich.

„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach. Fräulein Zillich
sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr.“

„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte Jadassohn
schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem auch nicht.“

Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es aufgegeben zu weinen,
sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwürdig hellen Augen
von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes
bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind“, setzte sie hinzu,
indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf
einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich,
nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Käthchens
anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute lernt man Sie aber
gründlich kennen!“ rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen
ihr Damengesicht zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“
Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe
treten wollen!“ – „Ich meine nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt
Fräulein Zillich mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie mir nicht halb so
gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein Gelächter, ganz frei aus dem
Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend auf ihren
Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.

„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst kommt Papa vor mir nach
Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche
Bilder.“ Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. „Da haben
Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die Sünderin Magdalena, Diederich das
Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine
Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr. „Also bleibt es bei dem
Schaf“, entschied sie, und man zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt.
Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht
beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das
Käthchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen,
und verschwand in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu,
der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und plötzlich
nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu überzeugen, daß
dies alles nur ein zufälliger Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts
Mißverständliches vor, das möchte ich feststellen.“

„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“, sagte Diederich.

„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug hätte, von der Familie
Zillich für eine nähere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser
Vorfall würde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
wenn ich dies ausspreche.“

Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu
würdigen.“ Darauf schlugen die Herren die Absätze zusammen, schüttelten
einander die Hände und trennten sich.

Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht;
Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich jetzt wieder im „Grünen
Engel“ zusammenfinden. Er öffnete den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte
ihn, weil er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig
aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie
für Jadassohn. Auch er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern
verständigte man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes Gesicht, die
Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen
war, dies tückische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
Grunde seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie ein Blick ins
Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten
außerhalb der bürgerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.

Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so
bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Heßling nahm
ihren Mut zusammen. „Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt
einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit Käthchen Zillich
verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn ansahen, errötete er und stieß
drohend aus: „Sie ist eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund;
und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging,
schienen sie nicht weiter aufzuregen. „Du sprichst wohl von Jadassohn?“
fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren also
eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste
Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er mußte sich die Stirn
trocknen. Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast
bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf Diederich, um sein
Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoß gab, daß alle aufkreischten.
Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du brauchst ja nur deine
Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich
an; er blinzelte, und er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was
diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit
ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach was,“ entschied er und richtete
sich stramm auf, „euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine
Frau habe, die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten,
erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
dachten auch sie mit ihrem Lächeln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah
Guste vor sich, weißblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre
fleischigen Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das
hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm „Adieu Schaf!“ zurief,
und Guste, die ihr im Typus so ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge
und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!

Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber begreiflich ist es ja,
wenn man so lange warten muß und keiner kommt.“

Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn Käthchen sich mit
irgendeinem Kienast begnügt hätte, würde sie wohl auch nicht mehr warten.“

Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben, blähte einfach ihre
Bluse auf und schwieg.

„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. „Wie kannst du
das gleich glauben, was die Männer von Käthchen reden. Das ist
abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“
Empört ließ sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur
die Schultern – indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
Übergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei
einer so langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte er, „wo es
nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.

„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir Mädchen haben ebensogut
wie ihr das Recht, unsere Individualität auszuleben! Die Männer sollen
froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“

Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause nicht hören“, sagte er
ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.

Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem Diedel weiß ich ganz
genau, daß er so eine niemals heiraten wird;“ – sie streichelte ihn
tröstend. Er versetzte mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter,
daß ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“

Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn.
Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den
Kauf, worüber die Leute reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick
schwatzte sie angstvoll weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist
tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel
geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. „Na ja,“ erklärte
sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch
zu früh.“

Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter den Ofenschirm
zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. „Das ist
das Neueste!“ riefen Emmi und Magda. „Also wie war die Geschichte!“
Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn wir
deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die Schwestern und suchten
ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah händeringend in das
Handgemenge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es
alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift
geschenkt.“

„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel
aus! Daher die goldenen Taschen!“

Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. „Sie kommt aus Magdeburg!“

„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der auch aus Magdeburg?“

Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betäubt. Dann kehrte
Emmi ganz still auf das Sofa zurück, sie nahm sogar das Buch wieder auf.
Magda fing an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst du nun, Mutter, wohin
es führt, wenn man seine Zunge nicht hütet? Du willst doch wohl nicht
behaupten, daß Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd
kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür, mein lieber Sohn. Ich
dachte schon längst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch
nicht sicher. Kein lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch heraus
warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt
das Geld für seinen Sohn holt.“ Und in das Tischtuch hinein, das sie
faltete, sagte Magda: „Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die
Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn übermannen wollte. „Bin ich
denn hier unter Räuber und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging
in strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich kann euch
natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt
hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklären, daß ich mit euch
nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging
ab.

Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in
der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmäßigem Verhalten
freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen
wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. „Mit
gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Härte;
Bedenken kamen. Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze
Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs
Komment hatte, heiratete solch ein Mädchen noch. Diederichs eigenstes
Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit
und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend
Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit wäre
günstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken
mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es
zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der
Männer. Was lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich hatte
es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur noch des fünften Glases
bedurfte es, und sein Entschluß stand fest.

Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse für die Toiletten der
Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig!
Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt bei
Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große Inanspruchnahme dieses
Mädchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot
sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu
schaffen. Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück begab er
sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im Wohnzimmer das Gespräch nicht
gestört ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf
einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu
stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen
fielen, zeigten sie sich entsetzt und ungläubig. Frau Heßling beklagte es
am lautesten, daß Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die
Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon.
Soeben komme sie von der Bürgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
geradezu verlangt habe, daß ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte
es ihr Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher
umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die
Wände tatsächlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein
Gerücht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des
Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog.

Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß das gesunde
Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umständen ein Faktor sei, den man
billigen und sogar benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei der Satiniermaschine
ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die
gleichzeitig hinstürzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von
schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach dem städtischen Krankenhaus
telephonieren. Inzwischen, so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb
er selbst dabei, während der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah
zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier,
das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren
häuslichen Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlägerig; das Mädchen
ernährte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn
Jahre alt. – Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens seien
die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. „Sie hat sich
das Unglück selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“
sagte er milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“

Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann man brauchen auf den
Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß?
Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl für genügend?“
Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: „Sie wollen sagen, ich
kann es auf einen Prozeß ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich
zahle gleich.“

Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes gelbes Gebiß, und
Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das könnte bloß
der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
Parteiblatt über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich lasse mich
freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren und mache dadurch
meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine
soziale Gesinnung zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause. „Und
darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die ganze Zeit, die es im
Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“
fragte er rasch.

„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer.

„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf Wochen liegen ...
Ewig natürlich geht es nicht.“

„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von unten. „Sie kann
Schadenersatz verlangen.“ Diederich erschrak, er schnaufte.

Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt
und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
geballt war. Diederich zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von
meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt Ihnen wohl nicht in
den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich
lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große
Reden über Herrn Buck.“

Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich nicht beachtete.
„Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“ fuhr er fort, „wenn jemand
seinen Sohn ausgerechnet das Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er
selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“

In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.

„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus nicht
einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn
Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die städtischen Behörden
aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die Luft. „Mir hat man schon
nachgesagt, daß ich den Prozeß gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an
nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“

Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher zu dem anderen hin.
„Na, und weil ich Ihren Einfluß kenne, Fischer ...“

Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche lagen drei große
Goldstücke.

Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den
Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals nein! Meine Überzeugung kann ich
nicht verraten! Für allen Mammon der Welt nicht!“

Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurück; so nahe hatte er
dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“
kreischte Napoleon Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen: Das
können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden
Klassen ...“

Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. „Fischer,“ sagte er
eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen dafür, daß mein Name in der Sache
nicht genannt wird.“ Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
erschien in seiner Miene.

„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit
Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“

„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert. „Ich wußte
schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker sind. Und darum, wegen des
Mädchens, ich meine die verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben
mit meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
getan ...“

Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor sagen, daß ich
ein großer Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht
reden. Intimitäten aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als
–“

„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie denken immer als
Politiker.“

„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit, Herr Doktor.“

Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß die proletarische
Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine drei Goldstücke wieder in die
Tasche.



Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer
zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen
umher, bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös auf den
Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist doch Zeit!“ Aber Diederich
war fest entschlossen, nicht wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß
Lauer. Die ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu
früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich
nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr den Platz im Wagen wegnehme.
Nochmals sagte Frau Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte
Frau bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur, Kinder!“ Und
sie umarmte unter Tränen ihre Töchter, die kühl abwehrten. Denn sie
wußten, daß die Mutter bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts
weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der
sie selbst schuld war.

Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks und Daimchens!
Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da
sind.“ Magda sagte ruhig: „Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß
es wahr ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das ihre Sache
ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich auch nicht“, setzte
Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen
gehört, Fräulein Tietz.“

Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe man den Skandal
denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, daß sie sich das Ganze ausgedacht
habe. „Die Bucks haben schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache:
das wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“, sagte
Diederich, während er einen kleinen Stoß erwiderte, den Magda ihm mit dem
Knie gab. Dann mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße mit der tief gelegenen alten
Riekestraße verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die
Ballschuhe wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die
feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil höher gelegt
wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen können? Das historische
Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen – als ob die Stadt nicht die
Mittel gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder!
Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der
Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts
anhatte. „Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst brechen wir
ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blaß
geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, lächelte auf dem Geländer
aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Bürgermeister,
der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war.
Diederich sah ungnädig an ihm vorbei.

In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur
hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Türspalt in den Festsaal
zu spähen – und plötzlich wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die
Vorstellung hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie und brach in
Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es
war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte:
„Es geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fräulein
Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten
erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes
die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die
Nebenräume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Präsidentin vor
und blieb ratlos stehen. „Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“,
sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die
Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten
Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe
Lack der Wände zeigte launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die
Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloß eine kleine
Tür, durch die jemand einzutreten schien, eine Schäferin mit ihrem
bebänderten Stab. Sie schloß die Tür ganz vorsichtig, damit nur die
Vorstellung nicht gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin.

„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow. „Finden Sie
nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man
einen Reifrock anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr
Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl und nach vorn
gebogen, die Haare von slawischem Weißblond, und Frau von Wulckow trug
einen Zwicker.

„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ... Frau Gräfin“,
verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln belohnt für seine kühne
Schmeichelei. Nicht jeder würde Frau von Wulckow so treffsicher daran
erinnert haben, daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war!

„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben, daß dies Haus
seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden
ist, sondern nur für die guten Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig.

„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem Kratzfuß. „Aber
heute können sich zweifellos nur Frau Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“

„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete Frau von Wulckow; und da
Diederich es bestätigte, erklärte sie, dann dürfe er den ersten Akt doch
nicht ganz versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. Sie selbst
trat schon längst von einem Fuß auf den anderen. Sie wies mit dem Fächer
nach der Bühne. „Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht
besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und
hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum
Verständnis gebracht.“ Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte,
denn er hatte sich gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit
fliegender Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen, mit dem
Kunze sich unterhielt, war seine natürliche Tochter, also eine
Grafentochter, weshalb das Stück denn auch „Die heimliche Gräfin“ hieß.
Gerade klärte Kunze sie, bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf.
Auch eröffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und
ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber herrschte, als er
abgegangen war, laute Freude bei dem Mädchen und ihrer Pflegemutter, der
braven Pächtersfrau.

„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich, bevor er es
bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.

„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand
für die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr.“

Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte
gemeint. „Das Fräulein Nichte ist ganz reizend“, beteuerte er schnell und
blinzelte entzückt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
Schultern saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent hat sie aber
auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte:
„Passen Sie nur auf“ – und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn.
Welch eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und trug in seinem
imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem
roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch
funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch
geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und
beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb
behandschuhten Hände, als plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und
tatsächlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“

„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung.

„Kennen Sie denn mein Stück?“

„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“

Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott
verliehenen Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
gebieterisch, daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls er sie
als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen lassen werde.

„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie ist doch seine
Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm:

„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß aus den
Gütern machen will. Er arbeitet eben für das ganze Geschlecht, mag auch
der einzelne zu kurz kommen. Für die heimliche Gräfin ist das natürlich
tragisch.“

„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut. Dieser
aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine
Neigung fühlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen.

„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen. Aber da
zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden
Geräusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“,
stöhnte die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“

Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die Nichte samt der
komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und füllte mit den
tobenden Bekundungen seiner gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je
mehr das Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben
sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tür
um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es
nur, weil die Tür kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor
den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis
Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu trösten. „Es hat
nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?“ Sie horchte
durch die geschlossene Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die
Zähne schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine
Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem
Leutnant, wissen Sie.“

„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich achtungsvoll.

„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der
alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß
er die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“

„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem eigenen
Interesse.“

„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“

„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Gräfin,
den hätten Sie nicht mitspielen lassen sollen“, sagte Diederich
vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“

Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:

„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden. Glauben Sie
nun, daß es ein Mißerfolg wird?“

„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz. „Ein Stück wie die
‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht Umzubringen!“

„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die künstlerische
Bedeutung an.“

„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluß“ – und
Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.

Frau von Wulckow rief flehend aus:

„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
Fabrikantenfamilie, und die heimliche Gräfin dient dort als Stubenmädchen.
Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat er
sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag, den sie
natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie könnte sie!“

Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen.

„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem
Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem
Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe
Leutnant, der –“

„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend die Hände vor, ganz
erregt durch so viele Verwicklungen. „Wie kommen Sie nur auf all die
Geschichten?“

Die Dichterin lächelte leidenschaftlich.

„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß man es nicht mehr.
Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt! Manchmal denke ich mir, ich muß es
geerbt haben.“

„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“

„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre die Schlacht bei
Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß, ob ich die ‚heimliche Gräfin‘
geschrieben haben würde. Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“

Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuß, und er wagte
nichts mehr zu fragen.

„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von Wulckow. „Hören Sie
etwas?“

Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür noch Wände. „Jetzt
schwört der Leutnant der fernen Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie.
„So“; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es
heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man klatschte. Die Tür
ward von drinnen geöffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf,
und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der
Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte
sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf
gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der
Schwiegermutter des Bürgermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsrätin
Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte sie: „Herr Assessor Jadassohn
ist als Staatsanwalt unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“

Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit.
Plötzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die über Jadassohns
Ohren herfielen. „Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur
Jadassohns Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im zweiten Akt nicht
mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste
Daimchen auf Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn soll
eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“ Diederich sagte
mißbilligend: „Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und
dabei überwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn
war vergessen. Vom Ausgang trug die dünne Schreistimme des Professor
Kühnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da die
Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
sich her, und jetzt verstand man es deutlich: „Eine ausgewachsene
Affenschande ist es!“

Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort sprechen sie auch davon“,
sagte sie geheimnisvoll.

„Wovon?“ stammelte Diederich.

„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß ich auch.“

Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben Sie denn?“ fragte Guste.
Buck, der durch die Seitentür nach dem Büfett schielte, sagte
phlegmatisch:

„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern mit an, daß
der Bürgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits
auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann.“

Sofort ward Diederich dunkelrot.

„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit
ausdenken!“

Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens scheint es Tatsache
zu sein, denn die Frau Bürgermeister hat die beiden überrascht und sich
einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand.“

Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären natürlich nie darauf
gekommen.“ Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich
blitzte. „Aha!“ sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er
drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
über den Bürgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu
der Gruppe Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein
Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die Schwiegermutter des
Bürgermeisters schwur mit rotem Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr
Haus künftig nur noch von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich
ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis
auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche
Entgleisung bei einem bewährten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz
ausgeschlossen erscheine. Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, daß
ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefährde. Selbst Doktor
Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern für freie Menschen veranstaltete,
machte die Bemerkung, an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus,
habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele dafür liegen Ihnen
allen auf der Zunge. Und daß er jetzt, um das Geld in der Familie zu
erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu
verheiraten, das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte
Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren.“
Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich
schickte ihr Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.

Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrüßte
sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
Gesicht. Am Büfett bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt mit
Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es hieß, sich über die
öffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie
vielleicht getäuscht und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor
Daimchen aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes
Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein
Geständnis hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine
legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfüllte!...

„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen. Tatsächlich, wen
wollte dieser Herr glauben machen, daß er über die neue Schande, die seine
Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im
Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zögern, die
schmutzige Wäsche seiner Schwester und seines Schwagers öffentlich vor
Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
den es noch immer drängte, seine eigene Haltung im Prozeß nachträglich zu
verbessern, erklärte: „Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“
Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch
anfechtbare Überzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert:
„Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu
Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich sich
zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den
Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und
alles hörte.

Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Bühne, erblickte
man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Mädchen. Es schien, er
erklärte ihnen die Malereien an den Wänden, das Leben von ehemals, das
verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt,
wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gärten und den Menschen
allen, lärmend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in
hingetäuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt lärmte ...
Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen und der Alte, den
Figuren nach. Gerade über ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr
in Perücke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Häupten
der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz voller Blumen aber, das damals
wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm
helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und wollten ihn damit
umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein
glückliches Gesicht. So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der
alte Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und war von ihnen
gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war
unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem
Grade abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „_Unsere_ Töchter
sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte Frau Warenhausbesitzer
Cohn. „Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine
jungen Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende eines leeren
Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen
fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit
obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer
zwei!“... „Das ist ja der reinste Rattenfänger!“ murrte es; und drüben:
„Ich sehe es nicht noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen dem
allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum.
Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am
Ziel pünktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte
die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine
Genugtuung, als sie wieder anlangten! „Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte
die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand.

Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den alten Sünder und
verglich ihn mit dem Grafen im Stück der Präsidentin. Freilich, Guste war
keine heimliche Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin zu
gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens waren sie dort
noch erträglich, denn die Gräfin sollte nur ihren Vetter heiraten, während
Guste –!

Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine künftige
Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja,
unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; – und Diederich
sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte Skandalgeschichte denn etwa gar
wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte,
hier einen Körper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war
ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es
galt dem alten Herrn Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs
Kindertagen, dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres
Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen
Herzen fühlte Diederich ein Sträuben gegen sein Unterfangen. Auch schien
es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst
nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann mußte Diederich
darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die
Familie, die bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem
Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter auf Reisen mit
einem Liebhaber, und von den Söhnen einer verbauert, der andere verdächtig
durch Gesinnung und Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male,
selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es
Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die
Nebenräume zu besuchen.

Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stieß er mit der
Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen, die es aus einem anderen
Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu
verhindern, daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den
alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität decke. „Mit deiner
Autorität als Bürgermeister, einen solchen Skandal!“ Sie war heiser vor
Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die
Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe
Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten
Püffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht,
seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen einander an und
wiederholten flüsternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck
wußte. Angesichts so wichtiger Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen,
blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister
gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
„Mein lieber Doktor Heßling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes
Fest, wie?“

Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er
richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte.

„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu
lassen über gewisse Dinge, die –“

„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.

„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der Bürgermeister bat um
Erbarmen. „Ich weiß doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
allverehrten – ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“,
flüsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.

„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr Bürgermeister:
es betrifft Sie selbst.“

„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“

„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“

Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch
Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand;
die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden
dahinten im Gedränge.

„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte Diederich sachlich.
„Sie sind entlarvt und rächen sich.“

„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf.

„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie
gerichtet. Kein Mensch würde sie glauben, aber in diesen Zeiten der
politischen Kämpfe –“

Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war
sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da
bekam Diederich die Stimme des Gerichts.

„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in
Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals
darauf vorbereitet, daß ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muß
man heut sein! Sie waren gewarnt!“

Doktor Scheffelweis stand Rede.

„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr,
als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestät bin. Unser herrlicher
junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“

„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich streng.

Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ... Aber ich in meiner
Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur
wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!“

„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät glatt
zerschmettert!“

„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar
beglückwünscht.“

„Mir nicht bekannt.“

„Wenigstens im stillen.“

„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister. Seine Majestät
haben es selbst gesagt: wer nicht für mich ist, ist wider mich! Unsere
Bürger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung
der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“

Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer
reckte sich Diederich.

„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und seine Frage klang in
einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich
entschloß, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
Erscheinung, blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug ihm die
Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: „Einerseits – andererseits“ –
und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie
wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!

Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er
genoß einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst,
und im Geiste eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger als er,
aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er gethront. „Nächstens
haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an“,
äußerte er gnädig und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der
öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir
behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt –“

Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich bin ganz Ihrer
Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde des Herrn Buck dürfen nicht
mehr gewählt werden.“

„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten
untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr Bürgermeister! Könnten Sie es heute
überleben, daß die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann
wiederholte Diederich, ermutigend: „Es kommt nur auf Sie an.“ – Der
Bürgermeister murmelte: „Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“

„Meine hochanständige Gesinnung!“

„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn, mein junger Freund.
Die Stadt ist noch nicht reif für Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig
werden?“

Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und machte einen
Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow.

Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine
schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte
dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten
haben Sie wohl hinausgeworfen?“ – worauf Doktor Scheffelweis bleich
mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, die
noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der Präsident von
drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm einige Worte zu, infolge
deren der Präsident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er
zu Diederich: „Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“

Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung, Herr Präsident, macht
mich glücklich.“

Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst noch allerlei. Wir
müssen mal drüber reden.“ Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten
seiner Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu
befriedigen. Er bürstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber
sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug,
und sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“ Und in der Mitte
zwischen Diederich und dem Bürgermeister schickte er sich an, mit Wucht
die Vorstellung zu stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:

„Ach Gott, Ottochen!“

„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen.
„Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr
Reitergeist, meine beste Frieda!“

„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst.“ Zu den
beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie geläufig, wenn auch bebend.
„Ich weiß wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“

„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie im voraus gewonnen
ist.“ Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berührte ihn mit
dem Fächer.

„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während des ersten Aktes hier
draußen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn für das Schöne, er gibt einem
sogar nützliche Winke.“

„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und
seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße machte, setzte der Präsident hinzu:
„Bleiben wir lieber gleich beim Büfett.“

„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von Wulckow. „Um so mehr,
als ich jetzt festgestellt habe, daß man hier eine kleine Tür nach dem
Saal öffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberührten
Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_.“

„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den Hummersalat sollten
Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu:
„In der Sache mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“

Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam zu – indes Diederich
neben Frau von Wulckow nach der Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling
Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte sie
feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast dürfte das nicht
sehen“, dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fühlte er sich
gekränkt. Er äußerte:

„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer zu naturalistisch
spielt?“

Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in meiner Intention.“

„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und dann erschrak er,
denn in der Tür erschien Frau Heßling oder eine Dame, die ihr ähnlich sah.
Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so
lauter sprach Wulckow.

„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie sich diesmal nicht
’rausreden. Wenn er damals den städtischen Arbeitsnachweis durchgedrückt
hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache.“

Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke
nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut
genug. Die Dichterin bemerkte:

„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch Parvenüs.“

Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese
Zustände in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,
die erklärte, der Skandal müsse sogleich aus der Welt geschafft werden,
und die das Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte,
verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille, die ihr Auftreten
bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme.

„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten.
Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?“

Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll:
„Ottochen, um Gottes willen!“

„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen sie mal zischen!“

Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister zu:

„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begütert
ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar
Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei
vermitteln Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach
der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine
Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen
Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“

Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die
Fabrikantenfamilie durfte nichts hören.

„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von
mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen
andere sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen Geburt
schuldig bin!“

Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Tränen
fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin ihnen hatte entquellen lassen.
Aber die fortgewischten Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte:

„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso Hochgeborenen.“

Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow
grollte: „Dafür, daß es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten.
Mein Geld ist mein Geld.“

Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm mit einem Kratzfuß zu
danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich.

„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir gelungen.“

„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich fest. Da Magda
und Emmi das Klavier und die Türen zuschlugen, ergänzte er: „Und
hochdramatisch.“ Hierauf nach der anderen Seite:

„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt für Lauer und Buck
junior. Gut, daß der von selbst geht.“ Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur
dafür, daß anständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger
Zeitung‘ gut stehen.“

Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte mich vorläufig noch
zurück, Herr Präsident. Für die nationale Sache ist es besser.“

„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend
an. „Sie möchten sich wohl selbst wählen lassen?“ fragte er.

„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen Körperschaften haben zu
wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlässig sind.“

„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“

„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“

„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“

„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant, „kann nicht dulden,
liebe Magda, daß dieses Mädchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd
ist, irgendwie mißhandelt wird.“

Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Gräfin
hätte heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fühlte die Zuschauer
vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung ist
aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich, der tatsächlich
verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen
der dramatischen Dichtung zu überlassen; er sah sich gefährdet.

„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen Geist –“ Wulckow
unterbrach ihn.

„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen können Sie, wenn’s nichts
kostet.“

Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen zwischen
Kaisertreuen und Umsturz!“

Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine Herren! Verkennen Sie mich
nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen,
denn bei uns hier bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig
wählen, sozialdemokratisch wählen.“

Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom
Büfett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.

„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, müssen sie eben gemacht
werden!“

„Aber womit?“ sagte Wulckow.

Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:

„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der demselben edlen
Stamme entsprossen ist!“

„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob
er es sieht.“

„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen einander doch
schon an den besseren Manieren.“

In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi
und Magda samt Frau Heßling einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich
behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der
Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Töchter Buck, Frau Cohn
und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog
sich das Fett von den Fingern und sagte:

„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“

Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem
Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht
länger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer;
sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die
Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief
fieberhaft über die Schulter:

„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“

„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr Gatte. „Na, also,
Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?“

„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs Herz. „Netzig wird
kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!“

„Schön“, sagte Wulckow.

„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator, den ich als
erstklassig bezeichnen möchte: jawohl, erstklassig“, wiederholte er und
umfaßte mit dem Wort alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“

Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste
Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell. Impulsiv.“

„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die Knie und glotzte
dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen
Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, daß er sie von
unten schief ansah.

„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will Ihnen mal was sagen.
Ich glaube, der Reichstag wird aufgelöst.“

Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe vor, sie wisperten.
„Herr Präsident wissen –?“

„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter
Herrn von Quitzin.“

Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er wußte selbst nicht was.
Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein
hatte er eine Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er sie nur
wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: „Ich räume die ganze Bude aus!“
Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es überlief
ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:

„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie
die Militärvorlage nicht schlucken, ist Schluß“; – und Wulckow strich sich
mit der Faust über den Mund, als beginne das Fressen.

Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig! Das ist ganz sicher
die persönliche Initiative Seiner Majestät!“ Doktor Scheffelweis war
erbleicht. „Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh,
daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“ Er erschrak noch mehr.
„Das heißt, natürlich, Kühlemann ist auch ein Freund des Herrn
Richter ...“

„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser Geselle!“ Er
rollte die Augen. „Herr Präsident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den
Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr
Bürgermeister!“ „Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht.
Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stühle wurden gerückt,
und jemand ließ sich die große Tür öffnen: Kühlemann selbst war es. Der
Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr verfallen.

„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn
überstimmt“, sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: „Nierensteine
führen wohl schließlich zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na,
und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“

Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß die Augen auf. Er
näherte sich dem Ohr des Präsidenten und raunte:

„Sein Testament!“

„Was ist damit?“

„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor Scheffelweis
wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Säuglingsheim.“

„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen nationaleren Zweck
können Sie sich wohl nicht denken?“

„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. „Wieviel Pinke hat er
denn?“

„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister, und er
beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu machen wäre, daß –“

„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich.

Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von
dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drückte sicherlich
Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das
Büfett zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger
Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“ machte ihr Gatte und
stellte sich drohend in die Tür. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit
nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich, du
dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant den Kaffee kriegt.“ Eine andere
Stimme verbesserte „Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb bei
ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfaßt, daß ein
Mißverständnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Übrigens griff der
Leutnant mit Glück ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich
bitte um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter
annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das Publikum! Es ist und bleibt
eine Bestie!“ knirschte sie.

„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und blinzelte Diederich an.

Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man einander versteht, Herr
Präsident, dann nicht.“

Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu
widmen. Mochte der Bürgermeister inzwischen seine Freunde verraten und
sich für die Wahlen auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!

„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich. „Ich werde ihr
nachher die Meinung sagen!“

Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme Ding, sie tut, was sie
kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unerträgliche
Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und für das
Ideale begeistert!“

Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese bittere Erfahrung machen
Sie nicht allein. So ist es überall im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte
an die allgemeinen Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß mit dem
Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen, die dann gefolgt waren.
„Schließlich triumphiert doch die gute Sache!“ stellte er fest.

„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus Wolken brach. „Das
Gute, Wahre, Schöne.“

Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein Freund, wir
verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks bewußt, drückte kühn die
Lippen darauf, mit einem Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und
brachte gepreßt aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“

Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten
sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter erkannt, wußten nun, daß sie
einander bestimmt waren, und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz,
wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig stolz,
von der Sonne der Majestät beschienen sein würden ... Da hörte Diederich
die Dichterin aufseufzen.

„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre hier doch sehr den
Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehört –. Und nun –.“

Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen. Dieser Blick in die
Tragik der Großen erschütterte ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau
Gräfin!“ sagte er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind
also –“ Er erschrak und schwieg.

Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei, dem Präsidenten zu
verraten, daß Kühlemann nicht wieder kandidieren werde, und daß die
Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow
darin einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange noch niemand
die Auflösung des Reichstages erwartete ...

Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:

„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?“

Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schränkte die
Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder ein. In leichtem Plauderton
erklärte sie:

„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist
wohl unmöglich, daß die jungen Leute zusammen glücklich werden.“

„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in seinem Rechtsgefühl
gekränkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. „_Fi donc!_ Das würde zur
Folge haben, daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen
ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant
damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant
das auf sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes? In Ihren
Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht möglich.“

Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich Begriffe, die
sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch“, setzte er
hinzu. Die Dichterin lächelte milde.

„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die
heimliche Gräfin und heiratet die Fabrikantentochter.“

„Magda?“

„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer. So wollen es die
höheren Mächte, lieber Herr Doktor, denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte
sich ein wenig – „uns nun einmal zu beugen haben.“

Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber nicht. Der Leutnant
hätte die heimliche Gräfin auch ohne Geld heiraten sollen, es würde
Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen.
Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.



Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit,
dann spendete es um so wärmeren Beifall dem Dienstmädchen und dem
Leutnant, die, es ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick,
nicht hoffähig zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen.

„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.

Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem
Bürgermeister:

„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“

Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. „Na,
Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?“

„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die Präsidentin hielt ihm
die Hand zum Kuß hin, und Diederich entfernte sich beglückt. Wulckow
selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig
erobern!

Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glückwünsche
entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn,
Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für Quatsch hielten.
Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen über den durchaus großzügigen
dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin wußte, denn
Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. „Wenn Sie aber
Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um
die Ohren!“ – worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem
Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens hätten Se nu aber unserm
Klatschdirektor ooch noch erzählen können!“ Der Redakteur, der sich nennen
hörte, kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die herrliche
Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon mal ist vorausgeahnt
worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe
in seiner Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“

Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von Kühnchens Entdeckung,
fand es aber unnötig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,
mit flatternden Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er vor Frau
von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden
Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch
Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie da
bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die
Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“ fragte sie und rümpfte
mißtrauisch die Nase. Kühnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.

„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute Heim‘ einen Roman von
mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind
sämtlich Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis – „wollen
böswilligen Gerüchten entgegentreten.“

Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich
erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen Erbarmens, an Nothgroschen,
der mit seiner gefährlichen Information schon von dannen war; und Kühnchen
stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.

Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich verändert:
nicht nur die Präsidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war
erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht,
daß sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit
beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran
und wollte es nicht gewesen sein. So groß war, noch nach schweren
Erschütterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger Weise hinter der
Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß Wulckow
schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein in
dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er ließ
seine weiße Hand merkwürdig zart über die Lehne hängen und blickte zu
Diederich hinauf.

„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft bedauert, daß Sie nicht
kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder
Tränen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der Herr
Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und stammelte etwas von
Geschäften, Sorgen und „um ehrlich zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis
nach Ehrlichkeit erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen.

„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß Sie mich das nicht
nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln
wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die
Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen.“

Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die
Verzeihung für den Prozeß, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche
Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – und so viel
Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:

„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen
die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies möchte zu
weit führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man
komme in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich weiß: Sie
suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“

Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn
wieder hervorholte, begriff Diederich, daß etwas Neues kam.

„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft“, sagte der
Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich wohl geändert?“

Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine heimlichsten
Berechnungen enthüllt.

Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunächst
verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie
Ihr Grundstück zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er hinzu, und mit einem
Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim zu errichten.“

„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf den Tod seines besten
Freundes!“ Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow
vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.

„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück geb’ ich nicht her!“

Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein Versucher“, sagte er.
„Ihre Pietät ehrt Sie.“

„Esel“, dachte Diederich.

„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden
Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen
wir uns nicht entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher
Richtung zu wirken scheint.“

Er stand auf.

„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstützung.“

Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und
tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen
Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich
verkriechen? Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen und
korrekt seinen Dank abzustatten.

„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn schlägt Brücken von jung
und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind.“

Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und über das Geschlecht von
einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er
lächelte den jungen Mädchen in Reifröcken zu und zugleich auch einer
seiner Nichten und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht
dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem
Stadttor schritt, bemerkte Diederich die große Ähnlichkeit der beiden. Der
alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.

„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der
Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine
ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet
zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns
die ‚Harmonie‘ hinterließen.“

„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der
Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Übergang gemacht von den
Geschäften zum sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat heraus“,
dachte Diederich.

Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich
eingehängt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt
hatte. „Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“
Guste behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel schöneres
Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu
ablehnende Miene. „So?“ sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor
plötzlich seinen harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie,
weinerlich empört. „Was hast du nun wieder?“

Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich schleunig zum alten
Buck zurück. Der schwatzte weiter.

„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon
recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner
Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun
nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin wäre dann selbst der letzte
Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und
der uns zu vertilgen dachte.“

Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei
der Hand.

„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?“

Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es
nicht, er war nun einmal aufgeräumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte
Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme öffnete, und
jenseits eines Baches eine Schäferin, die sich anschickte,
hinüberzuspringen. Der Alte wisperte: „Was meinen Sie, werden die beiden
zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“ Er sah
sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich öffnete er eine kleine Tür,
die man nie gefunden haben würde. Die Schäferin auf der Tür bewegte sich
dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln
mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer,
das er aufgedeckt hatte. „Es heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von
irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte den
Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die
nach wer weiß wie langer Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und
dann schloß er die kleine Tür.

Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah etwas kommen, das
weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn
er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden, und
er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet und wenn auch ohne
Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der
Vogtei saß. Wo er mit Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten,
hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte, lugte verstohlen
nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, daß er in der Sache etwas
tun müsse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben
ahnungslos, fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß;
Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah
nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so steif, daß sein Rücken
sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt auf den Mann, der seine
Tochter entführt hatte.

„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut.

Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter war dort unten,
Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“

„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ – und der Alte wies, ohne den
anderen aus den Augen zu lassen, über die Wände. Seine Haltung machte
Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten.
Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage, die einige
Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben würde. Er repräsentierte das alte
Ansehen, er allein für die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon
ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen,
manche Sympathien ... Diederich hörte ihn noch sagen, förmlich und klar:
„Ich habe es durchgesetzt, daß unser moderner Straßenzug eine andere
Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie
haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das
seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst
zu dauern.“ Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche.



Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn, was der Alte über die
„Heimliche Gräfin“ geäußert habe. Diederich dachte nach, und er mußte
gestehen, er habe das Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht.

Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah, und gerade sie
hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein Käthchen“, sagte er recht
laut. „Was denken Sie über den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter:
„Der grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins Gesicht. „Sie
sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte er stirnrunzelnd. „Ich fühle
mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“

„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak. Glücklicherweise hörte
Pastor Zillich nicht.

„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug
erzählt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie.“

Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für Liebhaber schöner Ohren
war auch noch Jadassohn da.“ Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu:
„Das nächste Mal im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht
Stimmung.“

„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“ Dabei drückte Käthchens
Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, daß Diederich den Entschluß
faßte, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der
Pflanzengruppe. „Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die Schäferin über den
Bach springen und den Schäfer glücklich machen?“

„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin und tastete an der
Wand umher. Nun hatte er die Tür. „Sehen Sie? Sie springt.“

Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime
Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und war ganz drinnen. Diederich warf die
Tür zu, er fiel stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen.

„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte kreischen. Aber
sie mußte lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer näher brachte.
Der Kampf mit ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“ Bei jedem Strich
Boden, den er gewann, wiederholte er: „Jetzt kommt was. Bin ich noch ein
Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat
ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“ Mit einem letzten
Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte sie; und vor Lachen erstickend:
„Was kommt denn jetzt?“

Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen
Gaslicht, den das kahle Fenster hereinließ, beschien ihre Unordnung; und
ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür
gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte
entgeistert her, Käthchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem
Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an, sie
ging entschlossen auf Käthchen zu.

„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern.

„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da schnappte Guste nur noch
nach Luft. Von Käthchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß
ihr Blick sich mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein Guste,
es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam schlecht an, Guste brach
los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen kann ich es mir denken.“

„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie stand auf, indes
Guste ihr noch näher rückte. Diederich seinerseits ergriff die
Gelegenheit, gab seiner Haltung Würde und trat zurück, um die Damen unter
sich die Sache erledigen zu lassen.

„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und Käthchen: „Du hast gar
nichts gesehen! Wozu siehst du es dir überhaupt an?“

Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste
schwieg. Käthchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurück
und sagte: „Von dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
auf dem Kopf hat wie du!“

Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte sie gedehnt. „Was
tu’ ich denn?“

Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom Schrecken gepackt
ward.

„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“

„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend.

„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“, sagte Käthchen und
rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. „Nun bitte ich es mir aber aus!
Was habt ihr alle?“

Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal
verlassen.“ Aber Guste stampfte auf.

„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen Abend merke ich
schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt
habe.“

Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei froh, daß sie dich
nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang.“

„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“

In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher.
Auf einmal hatte sie begriffen. „So eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt.
Über Käthchens Mienen breitete sich ein Lächeln des Genusses aus.
Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus
gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht! Ihr seid mir
neidisch wegen meinem Geld!“

„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt nicht, wenn so was
dabei ist.“

„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich fiel sie vornüber
auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott, ach Gott, was haben wir da
angerichtet.“

„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid.

Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre Schulter. „Fräulein
Guste, Sie wollen doch nicht, daß die Leute kommen.“ Er suchte nach einem
Trost. „So was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“

Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum
Angriff über. „Du – du bist überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie
Käthchen zu. „Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“

„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiß
jeder, daß ich anständig bin.“

„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“

„So gemein wie du –“

„Bist bloß noch du!“

Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenüber,
Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und
die Büsten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften
gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom
Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß. „Ich sag’ es doch!“

Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’ aber schnell, sonst
komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß nicht du, sondern ich hier die Tür
hab’ aufgemacht und hab’ euch beide ertappt.“

Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Käthchen,
plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun ja, das bin ich mir doch
schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an.“

Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte sich mit ihr und
glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den
sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich
ritterlich, und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie
sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes Schulter geneigt, sagte
Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt Sie aber lange allein.“ – „Ach der“,
erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf
ihre Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog sich so
unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, daß ihre
Lage sich wesentlich verändert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es
war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie
einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: „An der Stelle
Ihres Verlobten würde ich allerdings anders vorgehen.“

Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür wieder an, sie kehrte
zurück, den Finger auf den Lippen.

„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen – schon lange, glaube
ich.“

„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich:

„Na, dann sitzen wir in der Falle.“

Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar das Sofa fort.
Da keiner zu finden war, entrüstete er sich.

„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der
Herr Buck den ganzen Straßenzug verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich
sie ihm einreiße! Bloß erst Stadtverordneter sein!“

Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz
gemütlich. Jetzt können wir machen, was wir wollen.“ Und sie sprang über
das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb
aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte sich an ihn. Er
zwinkerte beiden zu. „Also was machen wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen
Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir
auch nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.

Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel seh’ ich aus wie
meine tote Großmutter.“

„Er ist ganz schwarz.“

„Und ganz bekritzelt.“

Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und
Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen
verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“ sagte Käthchen.
„‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum? Weil sie hier drinnen waren?
Die waren wohl verrückt.“

„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein Guste, Sie
haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit
einer Inschrift und ließ die Mädchen das Werk enträtseln. Da sie sich
kreischend abwandten, sagte er stolz: „Wozu heißt dies das
Liebeskabinett.“

Plötzlich stieß Guste einen Schreckensruf aus. „Hier sieht jemand zu!“

Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!...
Käthchen war schon bei der Tür. „Kommen Sie wieder her“, rief Diederich.
„Es ist bloß gemalt.“

Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand gelöst, man konnte ihn
noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus.

„Es ist die Schäferin, die draußen über den Bach springt!“

„Jetzt hat sie es hinter sich“, sagte Diederich; denn die Schäferin saß da
und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels aber entfernte sich der
Schäfer.

„Und dort kommt man hinaus!“ Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt,
er tastete, die Tapete öffnete sich.

„Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat“, bemerkte er und ging
voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen spöttisch:

„Ich habe gar nichts hinter mir.“

Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“



Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in einem der
kleinen Salons hinter dem Büfett befand. Eilends erreichte er die
Spiegelgalerie und verlor sich unauffällig in der Menge, die soeben aus
dem Saal quoll. Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der
heimlichen Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte.
Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Bürgermeisters, alle
hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren
einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. „Sie sind
schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist! Schließlich war sie doch
Ihre leibliche Schwester.“ – „Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn
verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen
Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:

„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“

Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und
Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn los sei, ward von Diederich
unter den Arm genommen. Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen,
führte ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter lebhafter
Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze
verabschiedete. Kaum aber daß sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach
den Rücken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht
mehr weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die
Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht
Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“

Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse
hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der
Jadassohn sein Leben geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz
leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hören ... Dann kam
er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. „Sie können lachen, mein
Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“

„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze Gesicht brauchen
Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“

„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn und sah ihn an, daß
Diederich erschrak. „Kann man das?“ fragte er unsicher. Jadassohn ging
schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist
für Ohren, Herr Doktor ...“

Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher nur in Paris,
Operationen ausgeführt würden, durch die man Ohren auf die Hälfte ihres
Umfanges herunterbringe. „Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel.
„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte seine Haltung
zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht. Sie Gauner!“ Und er
klopfte Heuteufel auf den Bauch.

Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball
umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall
begrüßt und berichteten von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee:
Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm
Glückwünsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn
eingehängt, Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten. Sie zischte:
„Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Grüßen: „Du
hast zwar bloß die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt
mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda schmiegte sich gefällig an
ihn, sie schien bereit, das Glück der einigen Familie so lange spazieren
zu führen, als er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher
Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch.“
Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du siehst heute süß aus. Für Kienast
bist du fast zu schade.“ Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im
Fortgehen, ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg
nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeräumt; hinter der
Palmengruppe ward eine Polonäse angestimmt. Diederich machte seine
korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte. So zogen sie an
Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie saß neben dem verwachsenen Fräulein
Kühnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick
berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der
Vogtei.

„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. „Ja ja, das
kommt davon.“

„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten, „woher kommt es denn?“

„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“

„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“

„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich selbst schuldet.“

Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der
jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene
Fräulein Kühnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf ihren
Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch
die Seitenzimmer, wo ältere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase
von Käthchen Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler
überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß an einem Tischchen Wolfgang
Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum
warteten.

„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch schon Ihr Fräulein
Braut porträtiert?“

„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte Buck, so
phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste
im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben würden.

„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht.

„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals vor Gericht, während Ihres
großen Monologes, hätte ich Sie zeichnen mögen.“

„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch, wenn auch
glücklicherweise ein mißlungener, meine Person und mein Wirken vor der
breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen und verächtlich zu
machen!“

Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir scheint, Sie sind
beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt.“ Er bewegte den Kopf und
lächelte, grüblerisch und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt
zusammen trinken?“ fragte er.

Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“ Aber er gab nach. „Das
Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht
allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten.
Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“

„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich, mit ihm
anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben, bester Heßling, so eingehend wie
ich, hat sich mit Ihnen überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann
ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als
meine eigene. Später, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen
nachgespielt.“

„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung. Freilich, für Sie
ist der repräsentative Typus von heute der Schauspieler.“

„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel
näher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die
Waschfrau zu verteidigen hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“

„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“

„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie würden mir also
das Theater anraten?“ fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund
geöffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich errötete,
denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch:
„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und Kohl mir überkochen, und es ist
doch ein so gutes Gericht.“ Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von
rückwärts die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ – „Da ist er
ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps.

„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?“ fragte
Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in
Wirklichkeit wäre er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in
Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst.

„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß ihr so förmlich tut.“

Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich stutzte, und
dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte.
„Eigentlich – sooft ich mich von Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich
Wut auf ihn; beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er richtete
sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter Mann wäre, würde
er mich dazu machen.“

„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd, „würde er es mir
abgewöhnen. Das ist der Reiz.“

Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte
hinunter.

„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du umfällst?“

„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er Kognak mit Sekt
mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade
sehr laut war, flüsterte er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten
machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat Angst! Er findet die
Geschichte zu gemein, ich finde sie bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was
sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und
infolgedessen sollen wir: du verstehst?“

Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. „Wenn schon.“
Da lachte Guste nicht mehr.

„Wieso, wenn schon?“

„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es bei ihnen wohl alle
Tage vorkommen, tut also nichts.“

„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied Guste. Diederich
glaubte sich denn doch verwahren zu müssen.

„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die Meinung seiner
Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg.“

Guste bemerkte: „Er glaubt immer, er ist zu gut für diese Welt.“ Und
Diederich: „Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muß dran
glauben.“ Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:

„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab’ den
Beweis, daß ich es weiß, von Meta Harnisch, weil sie schließlich hat
müssen den Mund auftun. Er war überhaupt der einzige, der mich hat
verteidigt. Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die sich
unterstehen und verklatschen mich!“

Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und
spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er es los.

„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen
würde – einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so
ziemlich gleich dumm und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste
hob die nackten Schultern.

„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie
wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“, schloß sie herausfordernd, und
Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal
wie irrsinnig waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem Zittern um
seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war plötzlich ganz heiser – „wenn
ich den einen am Kragen hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er
faßt in seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht ist: ihn
am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles Unmenschlichen, alles
Untermenschlichen –.“ Diederich, weiß wie sein Frackhemd, drückte sich
seitwärts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie
auf, sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“ rief
Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll
des gräßlichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er
zwinkerte, er glänzte heiter.

„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er.

„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“

Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind doch nur ein
Komödiant“, sagte er entrüstet.

„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller. Guste rümpfte die Nase.
„Na dann amüsiert euch weiter“, äußerte sie und wollte gehen. Aber der
Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem Fräulein Braut den
Kotillon tanze. Er sprach äußerst höflich, beschwichtigend gewissermaßen.
Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
Fritzsches Arm genommen.

Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. „Ja
ja,“ dachte Diederich, „erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn
begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise
gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst
nichts machen, weil sonst der Skandal noch größer wird, weil nämlich
unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ...“

Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt rechte Lust
bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache für – nicht
sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine
Pikanterie daraus.“

Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie finden“, brachte er
hervor.

„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, führen doch hier die
vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb.
Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“

„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich.

„Prost!“

„Prost! Aber _meine_ Sporen“ – Diederich blitzte. „Ihre Skepsis und Ihre
schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase –
„mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein
Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“

Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft? Das ist eben die
Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren.
Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr
Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“

„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß Sie das Heiligste in
den Schmutz ziehen!“

„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Außerhalb der
Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag
sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel und Haß der
Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus geht es nicht.“

„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich ernst.

„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, daß die Menschen,
deren Dasein in den Dreißigjährigen Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit
ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt,
daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für überwindbar
gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht die Revolution gemacht. Wo
ist, in den Räumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten können,
die Zeit, die sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der
Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden nicht ganz in ihr
Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte. Nicht national gesinnt sein
erregt bei euch noch mehr Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen
Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“

Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn
Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und
innig. „Bemühen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den
Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf
Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die
Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der Menschheit und
jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der düsteren Selbstsucht
eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter
uns noch erwarten euch einige!“

Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß er weinte. Übrigens
bekam er sogleich eine schlaue Miene. „Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl
nicht, was der alte Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust trägt? Die
Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die
französische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes,
sondern der allgemeinen Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es
war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“

Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt und spähte
umher, ob niemand höre. „Sie sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die
Situation zu retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf
setzte er sich achtunggebietend zurecht.

„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein Bismarck da war!“

„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist Europa in diesen
nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu
vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem
Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren
lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr über ihn
hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn
euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen
habt, daß ein großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“

„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich. „Blut und Eisen bleibt
die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei
diesen Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf.

„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie
eine aufgespießte Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!
Spielt euch die Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde
draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise, sind euch nicht erlaubt!“

„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer kommen. „Seine Majestät
hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und
zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ...“

„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem Schwung; und noch
wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse! Die einzige Säule ist das Heer!“

Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor
dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“

„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck.

„Eine Rotte von Menschen –“

Diederich fiel ein: „– nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!“

Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“

Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr
Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines
heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten
die Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die
auf ihren Stühlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen
Augen und entblößten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht
schleuderten.

„Einen Feind, und der ist mein Feind!“

„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“

„Ich kann sehr unangenehm sein!“

Die Stimmen überschlugen sich.

„Falsche Humanität!“

„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“

„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“

Eine Flasche flog gegen die Wand.

„Zerschmettere ich!“

„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“

Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste
Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von
rückwärts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche Tage!“ Sie riß das
Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch
Buck sah ein, daß es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er
den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß Diederich in der
Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu,
gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.

„Zerschmettere ich!“

Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert.



Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat,
war er sehr erstaunt, daß Emmi es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte
ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon
wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich gemacht? Na ja,
ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als
deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ...
Natürlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und
korrektesten Weise beizulegen.“

Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen
hatte. Indes ein zweispänniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete
er sich mit Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte er dem
Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Überall verlangte
er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne
deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz
vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:

„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und
korrekteste Weise ...“

Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend zum Essen nieder.
„Die Sache ist beigelegt.“

Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich ließ
Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.

„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an, „ich empfange Sie
hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Sötbier unsere
Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“

Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an
solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewöhnt, auf Diederichs ersten
Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein
über. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß
er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel
loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.

„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte er, „und dazu brauche
ich Sie.“

Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. „Ich Sie auch“,
sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter werden.“

„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“

„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?“ – und
der Proletarier fletschte die gelben Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar
nicht mehr. Diederich begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin. „Nämlich, Herr
Doktor,“ begann Napoleon, „den einen von den beiden Sitzen hat meine
Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“

„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe zwar auch den alten
Buck für mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so
vertrauensselig, daß sie mich wählen, wenn ich mich als Freisinniger
aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“

„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das machen können“,
erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor
habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“

Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe!

„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das
war alles ganz schön, als Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch
immer: wie viele Stimmen krieg’ ich.“

Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom
„nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon
fertigte ihn schnell ab.

„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermaßen allerhand
Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu
machen als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt bald in
einer einzigen Droschke ab.“

„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich. Die Bundesgenossen
lachten vor Vergnügen. Diederich holte eine Flasche Bier.

„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte mit seiner Bedingung
heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu
unterstützen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten Sie
sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“

Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir dem nationalen Mann
nicht helfen, daß er gewählt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?“ –
Und Diederich mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte auf ein
Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst
stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten
werde. Darauf erklärte er barsch die Unterredung für beendet und nahm dem
Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer
zwinkerte. Überhaupt dürfe der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und
nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für seine
eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht zu haben gewesen. Und in
der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund,
in der ihm nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer zu tun.
„Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre
Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür werden Sie sich wohl bedanken. Bei
uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
verscharrt.“

Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen. „Schon mehr Dreck
zusammen verscharrt!“ dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in
ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen konnte! Vielmehr,
leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der
Holländer! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere
nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb
aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten hätte
Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu
fürchten, daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er
wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.
„Aber“ – er schüttelte die Faust gegen die Zimmerdecke – „wir sprechen uns
wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“

Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und
sein biedermännisches und schöngeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhören.
Dafür ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger
Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Heßling als Mensch,
Bürger und Politiker den Wählern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch
in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf
beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfügte, man mußte es leider
zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende, sie brauchte den
bürgerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem
gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Heßling
im Schoße der städtischen Körperschaft seinem eigenen Maschinenmeister
begegnen?

Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten
volle Einmütigkeit her; sogar Rille mußte sich für Napoleon erklären, –
der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen.
Die beiden Gewählten wurden gemeinsam in die Versammlung eingeführt.
Bürgermeister Doktor Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis,
daß einerseits der tätige Bürger, andererseits der emporstrebende Arbeiter
–. Und schon in der nächsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen
ein.

Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße. Eine
beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser befand sich noch heute, am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von
Abortgruben, deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend überschwemmten.
Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“ hatte Diederich die Wahrnehmung
gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen
Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre dürfe
kleinlichen Rücksichten nicht weichen. „Deutschtum heißt Kultur!“ rief
Diederich aus. „Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine
Majestät der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestät das
Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein Ende nehmen. Wo nur immer
großzügig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
Majestät voran, und darum, meine Herren –“

„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen
Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.

„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht besser schließen.
Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra, hurra!“

Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen
rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der
merkwürdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person des
Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung
darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch
ward weiter debattiert. Die „Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage
in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten Byzantinismus,
wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine Rede als die erfrischende Tat
eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Daß es sich aber um einen
wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im „Berliner
Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner Majestät war über das mutige
Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es
stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen nationale Geist,
für den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die
kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer,
die Scheidung zwischen denen für ihn und denen wider ihn vollziehe sich.
„Möchten viele wackere Vertreter unserer Städte dem Beispiel des Doktor
Heßling folgen!“

Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf
dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter
Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube von
Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt
Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den
äußersten Winkel zurück; Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier
gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür
horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen,
durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser hineinreichte; aber Rille,
der damit Bescheid wußte, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte
der Wirt bemerkt, daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff
schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand
bieten!... Später aber wollte Fräulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen
ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben
war.



Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei
Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes
schritten die Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich
lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der
Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebäude der Regierung betrat.
Den Wachtposten begrüßte er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der
Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden
Fräulein Heßling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog
der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über die
Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuß, damit er
merke, auf welchen heißen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun
Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der
Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und mit allen bekannt
geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefährlich, auf einem
Stühlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein
huldigendes Lächeln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort über
die so gelungene Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein
männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit des
Präsidenten, ein gewichtiges über Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch
den Wulckowschen Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose
Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht
denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln in die wasserhellen Augen des
Hauptmanns von Köckeritz starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von
der Mitte der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient
habe, schon der Schweiß ausbrach, erlebte man es unversehens, daß die Dame
neben einem, die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte und
eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...
Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von
Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß zu stehen
schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein, gebrauchte fachmännische
Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor zurück, von Ritten ins Gelände zu
phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schützte sie die
arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht
wieder. Ihre unheimlichen Talente ließen Magda, der es doch gelungen war,
sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich,
wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen Engel“, sich der unberechenbaren
Wege bewußt, die ein Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß
er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man schwieg, weil er
antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stieß aber nur
auf den unerbittlichen Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern,
in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart an den
Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter hinweg kalt blitzend!
Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte
ihm den Rücken.

Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im
Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tür, zog
verstohlen die Uhr, da hüstelte hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß
wohl, lieber Doktor, daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte
sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten
Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur.“ Den Finger auf
den Lippen ging sie voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich auf
Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“, versuchte sie, zärtlich an
die verschlossene Tür geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob
sich drinnen die fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’
den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ – „Er ist so sehr
beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. „Die
Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muß ich mich
jetzt meinen Gästen widmen, der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie
entschwebte.

Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat
der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an
Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen:
„Schnaps! Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da sie
vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich sich, mit
hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am
Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her.

„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit einem Kratzfuß. „Na nu,
quatschst du auch schon, Schnaps?“ fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er
faltete ein Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt kommt
es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu
schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den
Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war
es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geräuschlos wie möglich, von
einem Fuß auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl
wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich
gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu
bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald
schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal sah
er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen.
Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich
streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit kühnen
Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte.

„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich wallte es auf in ihm.
Empörung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit
unterdrücktem Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß?
Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir nicht bieten. Ich
bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich
nötiger als ich ihn!“ Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm
den übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel von Leutnant
hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommißköpfe und adeligen Puten hatten
die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm
dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!“
Gesinnung und Gefühle, alles stürzte in Diederichs Brust auf einmal
zusammen, und aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses.
„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!... Wenn wir mal Schluß
machen mit der ganzen Bande –!“ Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in
einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die
Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände und sie selbst,
die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen!
Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr,
ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der
Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in wüster
Selbstvergessenheit, hob die Faust.

Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten hervor aber kam ein
donnerndes Geräusch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diederich
erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen war. Das
Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur
noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige Staatsgeschäfte.
Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung
und sorgte für gute Geschäfte ...

„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum.
„Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie
sich mal auf diesen Ehrenplatz.“

„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich. „Einiges habe ich schon
erreicht für die nationale Sache.“

Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm
ganz nahe mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer
Mongolenfalte. „Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie
Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschäft soll ja ’ne
ziemlich faule Karre sein.“ Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow
dröhnend. „Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da
geschrieben habe?“ Das große Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die
er darauf legte. „Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz für
einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner Verdienste um die
gute Gesinnung in Netzig ... Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht
gehalten?“ setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und
wie mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“, brachte er hervor. „Meine
bescheidenen Verdienste –“

„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch nur eine
Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß Lauer war nicht übel. Na und Ihr
Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse
ganz aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb
Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen wohl
erkenntlich zeigen.“

Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der Lokal-Anzeiger
meinen schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst
gebracht hat!“

„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß Wulckow; und Diederich
begriff, daß jetzt die Geschäfte kamen. Schon inmitten der Hochgefühle
waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht
eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:

„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag
bewilligen.“

Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben sonst ein billigeres
Projekt, darauf wird Netzig überhaupt nicht berührt. Also sorgen Sie
dafür, daß die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann
dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“

„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit den Händen um
Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns
keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler
Mann –“

„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich
sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das hat er billig, was glauben Sie,
zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier
in Netzig selbst.“

Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr Präsident, allen
Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten.“
Hierauf, mit gedämpfter Stimme: „Einen Feind können wir übrigens
loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Klüsing in
Gausenfeld.“

„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus der Hand. Er liefert
Papier für die Kreisblätter.“

„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr liefert? Darüber,
Herr Präsident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert.“

„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlässiger
geworden.“

„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem Tage, an dem der alte
Klüsing mir, Herr Präsident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten
lassen. Gausenfeld sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich
an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er
auch Angst –“ eine bedeutsame Pause – „daß der Herr Präsident das Papier
für die Kreisblätter lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“

„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“

„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr
verleugnen, daß ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges
Geld drin ist.“

„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die Schenkel. „Jetzt brauchen
Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze.
Die Kreisblätter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die
Papierlieferungen für die Regierung. Sonst noch was?“

Und Diederich, sachlich:

„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem Umsturz mach’ ich
keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident, auch als Vorstand der
Bibelgesellschaft mein Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die
nationale Sache würde nur gewinnen.“

„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen
Trumpf aus.

„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine Brutstätte des
Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der
anders wählt als sozialdemokratisch.“

„Na und bei Ihnen?“

Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein Zeuge, daß ich lieber
noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als
daß ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist nicht
kaisertreu.“

„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen
Augen an. „Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg
mitgemacht. Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der
Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre,
wie Seine Majestät festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem
der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen –“

Wulckow winkte ab. „Ihre Sorge, Doktorchen!“

Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben. „Unter meinen Lumpen
darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik,
ist es anders. Da können wir den Umsturz brauchen, damit aus den
freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier wird.“ Und er machte eine
tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte
furchtbar.

„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie
mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“

Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das ist auch einer von den
Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“

Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr gab. „Herr
Präsident“, sagte er mit einem Entschluß; und dann leise und hastig: „Der
Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser
als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national
werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in
Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“

Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten. Wulckow las, dann stand er
auf, warf den Stuhl mit dem Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das
Zimmer. „Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die
Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“ Er blieb
stehen. „Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse!
Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen
Wilhelm den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee
aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß Sie nicht mal mehr im
Säuglingsheim Aufnahme finden!“

Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen bis an die Wand. „Herr
Präsident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein für diese
große nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“

„Dann gnade Ihnen Gott!“

„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?“

„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!“ Wulckow ließ
sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wütend. Als die Wolken
zergingen, hatte er sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange,
arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen
gegen Klüsing.“

„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich einen Überschwang
von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der
Hand wissen ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen! An die
große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fürchten; aber
er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er –“

„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte Diederich aufspringen
und seinerseits durch das Zimmer laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr
Präsident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt,
ich will sagen, der moderne, großzügige Geist!“

„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow.

„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich. Er kehrte zurück.
„Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glücklich schätzen, wenn es
uns gelingen würde, daß Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der
Sache Ihr geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“

„Gemacht“, sagte Wulckow.

„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
entsprechend zu würdigen wissen.“

„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll,
aber Diederich bei seiner Angeregtheit überhörte es.

„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im Schoße des Komitees
geführt. Man wünscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und
mit einem Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung von
Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun
im Zentrum der Stadt an ein größeres Grundstück gedacht; auch die
Nachbargebäude wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“

„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft
zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.

„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor die Stadt der Sache
näher tritt, die betreffenden Grundstücke sichern und unbefugten
Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte
natürlich das erste Anrecht ...“

Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach los. „Herr! Für
wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent? Das ist unerhört, das war
noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten
zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“

Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Körperwärme
und mit seinem persönlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts
bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum Angriff
über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und Getöse.

„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!“ schrie
Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tür tastete, hatte nur
Vermutungen darüber, wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund
oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche
Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an
der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf
vertrautem Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach über ihn
herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tür hinter dem
Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den
schlotternden Diederich überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die
Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. „Ich
kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen
versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behörde,
an der obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“

Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste Gericht nicht entfernt
den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte auch
Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre wieder an, Diederich
war nicht mehr da für ihn. Und auch Schnaps ließ von ihm ab, als sei er
Luft. Da wagte Diederich es, die Hände zu falten.

„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident, erlauben Herr
Präsident, daß ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen,
tief bedauerliches Mißverständnis vor. Nie würde ich, bei meiner
wohlbekannten nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“

Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn.

„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder, um etwas
vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das nationale Interesse im Auge
habe, dann wäre ich heute nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck.
Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige Säuglingsheim. Aber
das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung zurückgewiesen und habe den geraden
Weg gefunden zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich gesagt, das
Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im Herzen als das Säuglingsheim in der
Tasche, hab’ ich gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“

Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu.
„Sind Sie noch immer da?“ fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend:
„Herr Präsident –“

„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen
verhandelt.“

„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“

„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
Grundstück, und dalli; nachher können wir reden.“

Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an der Wand zerquetscht:
„In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an
Klüsing? Der Ehrenvorsitz?“

Wulckow zog eine Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!“

Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“ erklärte er. „Denn das
Höchste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß
über jedem Verdacht stehen.“

„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, stolz auf seinen
Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, daß der Präsident ihn als
Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.

Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blätternd.
Die Gäste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil
sie sich anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. „Meine
Unterredung mit dem Präsidenten ist für beide Teile durchaus befriedigend
verlaufen“, stellte Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht
man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln. In dem heutigen
verjudeten Geschäftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr.“

Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden nehmen
werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“, sagte Diederich, aber nur der Ordnung
wegen, denn er war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht
Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden und uns Einladungen
verschaffen zur nächsten Soiree der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der
Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“ sagte er,
„man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Höchste, es zieht
einen hin!“



Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergrößert. Der
handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts
gegenüber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang
Buck.

„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck. „Ich gehe zur
Bühne.“

„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“

„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort
weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache.
Auch sind die Weiber schöner.“

„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst.
„Ich muß zugeben, das Gerücht über Guste und mich hat mir Spaß gemacht.
Andererseits: so blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen
leidet darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“

Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick, denn er hatte den
Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum Vorwand, um sich zu drücken. „Sie
werden wohl wissen,“ versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein
anderer nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört schon
verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“

Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen, großzügigen Mann“,
sagte er bedeutungsvoll, „müßte es eine besondere Genugtuung sein, ein
Mädchen unter solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie
einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der Edelmut zuletzt
das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin.“

„Wieso, Lohengrin?“

Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten,
ward er unruhig. „Kommen Sie mit hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ –
„Gleich hier, Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie
könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne.

„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzählen
Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie
aus dem Spiel, den Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
kündigen.“

„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden Szenen im Leben so
schwer.“

„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein.

„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle
als moralische Unterstützung dienen.“

„Moralisch?“ fragte Diederich.

„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“

Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.

Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich warten. Buck ging
nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. „War nicht auch
Wolfgang da?“ fragte sie.

Buck war ausgerissen!

„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch etwas ganz
Dringendes bei Ihnen vor.“

Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür zu. „Dann empfehle
ich mich auch.“

„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei ihm doch nicht oft vor,
daß er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?“

„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich es entschieden
mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
Schuld ist es nicht, adieu.“

Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.

„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich mir mit den
Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der
Dritte durchgeht und entzieht sich seinen nächstliegenden
Verpflichtungen.“

Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund
hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick
reglos, und dann warf sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man
sah ihre Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger rinnen. Sie
hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren
Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist ja so viel nicht an ihm verloren.“
Da aber empörte sich Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie muß herschicken,
das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“

„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich seinerseits. „Sie mußten
wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem
betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist,
ist alles schlapp.“

Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger:

„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“

„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie:
„Er hat mich doch selbst angestellt, daß ich seinen Kochtopf sollte
umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
gewesen wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“

Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung! Das ist es ja, das
kann und kann ich ihm nicht verzeihen, daß ihm immer _alles_ wurscht war,
sogar mein Geld!“

Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich nicht einlassen“,
stellte er fest. „Die haben keinen Halt und laufen einem durch die
Finger.“ Er nickte gewichtig. „Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
Leben nicht.“

Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“

„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu ihm, durch ihre
letzten Tränen blinzelte sie ihn an.

„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus
mache?“ Sie verzog den Mund. „Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt.
Bloß auf die Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun ist
er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn“, setzte
sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein
Schnupftuch zurück, für alles andere schien er zu danken. Guste begriff,
daß er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so
demütiger verhielt sie sich.

„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin bin.“

Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte still. „Wenn die
Leute Gemeinheiten über mich reden, dafür kann ich doch nicht!“

„Ich auch nicht.“

Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen. So eine wie ich
verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten
vom Leben sie noch nimmt.“ Und dabei schielte sie von unten nach der
Wirkung.

Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er und machte eine
Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen wir einmal an,“ sagte er mit
schneidender Betonung, „jemand hat im Gegenteil die allerernstesten
Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im vollen
Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine
künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den Schutz
des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor.“

Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflächen
aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien
noch nicht zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so
fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnädig. „So soll es
sein“, sagte er und blitzte.

Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was ist denn los?“ Und
Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring“, –
worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht
zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: „Hat ihm
schon!“ Sie stand entschlossen auf.

„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“

Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich. Guste und
Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklären. Schließlich
gestand sie, daß sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so
etwas schon gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu
miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die Familie, dagegen
kommen Heßlings nicht auf.“

Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte an, daß nichts
abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise
über Gustes Mitgift mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft –
und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden!
Bei jedem Widerspruch hielt er den Türgriff schon in der Hand, und
jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn
morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los
bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“

Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu Abend mit den Damen und
wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmädchen nach dem
Verlobungssekt schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte
sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr
verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück als Verstand, denn den Herrn
Leutnant von Brietzen hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich
wohlgemut. Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der Leutnant von
Brietzen für Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche
taumelte das Brautpaar auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen,
ihre Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand
beschäftigte sich unten. Drüben drehte Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich
verursachte Diederich ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er
übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen
Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.

Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die
Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den
anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß.
Vielleicht ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei es das
Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen.
„Die Papierindustrie macht überhaupt eine Krise durch; diese mitten in
Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“

Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhöhtes
Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rührszenen
und Umarmungen, als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig
ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee
auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite
schien Diederich über Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch
leicht, unter Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen
vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten
anregend miteinander beschäftigt.

Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte sie eines Abends in
den Lohengrin. Die beiden Mütter hatten sich dazu verstehen müssen, zu
Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der
Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte,
war eingedrückt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste
wollte wissen, daß diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte,
und daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!

„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“, erklärte
Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings bis vor kurzem mit
einer gewissen Dame vom Theater, die er natürlich nicht nennen könne –.
Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das
Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein.

„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte Guste sogleich, und sie
nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen
hochkünstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte
Haarsträhnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen den Takt
schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen Fettsäcke mitwippten;
und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war großer
Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen
Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin
kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll.
„Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“
Diederich hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich die
prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders
schneidig; Wulckow brachte Baß und Vollbart entschieden besser zur
Geltung; aber was er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu
begrüßen. „Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“ Bravo! So oft er
das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik
bekräftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was
man hören sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er
hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.
Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmütig, denn er glich aufs Haar dem
dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und fand überall
Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche und Bärte bekommen und sich gegen
die harte Zeit mit Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in
günstigen Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere
Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen
noch weniger glänzend; aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in
tadellosen Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr, daß man sich
in dieser Oper sogleich wie zu Hause fühlte. Schilder und Schwerter, viel
rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene
Banner, und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen.

Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der ließ
freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische Fragen: welche es denn nun
sei, mit der er –. „Vielleicht die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke
Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich war nicht weit
davon entfernt, sich für die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu
entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, daß eben sie in der ganzen
Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst üble
Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche
Treue, selbst wo sie ein so glänzendes Bild darbot, bedroht von den
jüdischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.

Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man
Klasse voraussetzen durfte. Der biedere König hätte es nicht nötig gehabt,
die Sache dermaßen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von
vornherein gewisse Garantien. Diederich faßte sie ins Auge, sie sah
herauf, sie lächelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber
Guste entriß es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er
vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich
geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“ – „Jüdin?“ – „Die Merée,
selbstredend, sie heißt doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ –
Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und überzeugte
sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht lehnte Diederich sich
zurück. Dennoch konnte er nicht hindern, daß Elsas keusche Vorahnung
weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr rührte wie den König und
die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer
Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Daß die Edlen sich auf
die faule Sache nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man
mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre,
sie machte einen geradezu auf alles gefaßt. Diederich hatte den Mund offen
und so dummselige Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt
war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam,
funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betörender.
Mannen, Edle und der König unterlagen alle derselben Verblüffung wie
Diederich. Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die allerhöchste
Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder
Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel.
Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten
war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und hätte überhaupt
wegziehen müssen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der
ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll es sein!“ sagte
Diederich und nickte auf die kniefällige Elsa hinab – indes Guste, die
Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.

Das weitere konnte man an den Fingern abzählen. Telramund machte sich
einfach unmöglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem
Repräsentanten Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens wie ein
besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der
Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten
den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln.

Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben, Pralinees –
brachte zunächst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen
dem glanzvollen, ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den
vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empörern,
die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin
meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon
angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persönlichen
Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber
irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter
sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte
was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen
und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte Elsa; und
Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“

Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken
Delitzsch eröffnet, daß sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten
bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich
keine Meinung und schluckten jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch
noch so weit“, gelobte Diederich.

Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte, empörte sich Guste.
„Das hat sie nun nicht nötig, darüber ärgere ich mich immer. Wo sie doch
nichts mehr hat, und überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte
Diederich. Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen
Namen verraten und dadurch das ganze Geschäft in Frage stellen sollte oder
nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler Telramund,
reine Hände und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung
war durchaus unverdächtig.

Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste, aber dafür müsse
sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der
Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge
verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin hätte sich
besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder
einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren glücklich
fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte nicht
wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als
Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der König schon immer zu
konziliant gewesen war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine
Nulpe.

Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an
die „Wonnen, die nur Gott verleiht“. Zuerst umschlangen sie sich nur oben,
die unteren Körperteile saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je
mehr sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei ihre
Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch und sein Orchester
schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und
Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit
erhitzten Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge, die Hähnisch
mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Hände folgten ihnen. Diederich
ließ die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten,
umspannte sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal
gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“

Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall,
der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschäftigen.
Lohengrin zeigte sein Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit
mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging.
Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft hatte, herrschte im Hause
lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die
sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken. „Wie
lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt, er hat doch nichts mit, der
Schwan ist mit seinem Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr
ernstlich das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“, stellte
er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es
nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu
fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber, dies mußte
Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest
anzog, eher noch subversiver.

Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles
nationale Zubehör war wieder da; und „für deutsches Land das deutsche
Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien
nun wirklich entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch er sagen. Nacheinander
klagte er den toten Telramund und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von
beiden ihm widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu kam
aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt
gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen
Versammlung, die noch nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung
hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen
sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er Lohengrin hieß. Um so dringlicher
ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der
Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und
unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds
brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf
auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans
von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ. Dafür war der junge,
soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfürst, dem
Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.

„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half.
Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen der Macht waren, hatten ihn
erhoben und tief befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum
Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer er ist? Das kann
sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anständig.“ – „Es hat einen
höheren Sinn“, erklärte ihr Diederich streng. „Die Geschichte mit dem
Gral, das soll heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem
Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner
Majestät in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage
nichts, und eventuell –.“ Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er,
in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord! Wie komm’ ich dazu, daß ich
muß draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht
einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und Guste
rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch
nichts geschehen war.

Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das ist die Kunst, die wir
brauchen!“ rief Diederich aus. „Das ist deutsche Kunst!“ Denn hier
erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt.
Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward
glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der höchste Wert gelegt,
und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich
willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die
mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und
sympathisch, daß in dieser Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der
Mann war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen
Mann“, sangen auch die Männer samt dem König. So war denn die Musik an
ihrem Teil der männlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war,
und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Aufführungen
einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!
Diederich sprach es aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum
ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so gründlich aus dem
Schlummer rütteln. „Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer
den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug
ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste mußte ihn aufklären, es sei
nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte
sich Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten gab es
eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik, daher ist es die deutsche
Kunst. Dann kommt das Drama.“

„Warum?“ fragte Guste.

„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen
braucht, und überhaupt.“

„Und was kommt dann?“

„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder. Das übrige ist
nicht so wichtig.“

„Und der Roman?“

„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt
schon der Name.“



Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der
Leute, Diederich aus Gründen der Politik. Um mehr Eindruck zu machen,
hatte man beschlossen, daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal
mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den
Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den
Verhandlungen über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der
Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu
erfüllen, vertiefte sich jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am
Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor; da ward
eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. „Was kann der wollen,
Sötbier?“ Der alte Buchhalter wußte es auch nicht. Na egal. „Einen
Offizier kann ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür.

In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer Herr in einem
grünlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen
trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von
seinem grünen Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt,
regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“, versetzte der
Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er
schnarrend: „Verkaufen, was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht
sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der Alte hatte
sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr Premierleutnant haben sich
gewiß in der Hausnummer geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half
nichts. „Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer Befehl.
Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“

Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht länger übersehen,
daß trotz der militärischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure
Strammheit nicht echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem
Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein grünes
Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs
Frackhemd. Dies veranlaßte Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm
ihn sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er. „Die Herren
von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden.“
Dabei zwinkerte er angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher
Verdacht kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen draußen“, raunte er
ihm zu, und nach der anderen Seite zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos
betrunken, ich muß sehen, wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die
Lippen zusammengepreßt, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu
seinem Brief zurück.

Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm.
„Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch.“ Erst nachdem auch er
durchnäßt war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch
den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas Schnaps! Kaufe
alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei
hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er öffnete den Verschlag, wo die
Chlorsäcke lagen, und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: „Karnauke
mein Name, warum stinken Sie so?“

„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der Herr nahm auch das
übel. „Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat.“
Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen.
„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle Kavalieren.
Ehrensache.“

„Was bietet Ihr Auftraggeber?“

„Hundertzwanzig die Kiste.“

Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend sei sein
Grundstück wert, der Premierleutnant blieb dabei: „Hundertzwanzig die
Kiste.“

„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige Bewegung nach
dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte
ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie auf,“
keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der Premierleutnant heulte
auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, – und plötzlich hatte er
seine stramme Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow eklig
hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit ihm zu machen.
Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr
Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre er
im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“, – aber die
Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!
Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste
Gericht!... Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt
dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte
er sich aus! Hätte man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller
gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschäft verhandeln
können? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen Sie nur voran
zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie
er aber selbst fort wollte, stand da der alte Sötbier, noch immer mit den
gekniffenen Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet.

„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben, dafür kann
ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“

„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich weiß allein, was
ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die Hände.

„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen
Vater und mir, die verteidige ich! Daß wir das Geschäft aufgebaut haben
mit Fleiß und solider Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie
mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen, das ist ein
Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen
Sie das alte Haus!“

„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne daß Sie dabei
sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur
nicht.“ Diederich höhnte.

„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier. „Ich kann nicht
zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der
Firma untergräbt und treibt Großmannspolitik.“

Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht
erfunden, Sötbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Später
werden Sie sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“

„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott
sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie
haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und
Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte –: bloß daß
ich Pietät habe, sonst könnte ich Sie ins Unglück bringen!“

Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut in den roten Lidern.
Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die
Nase. „Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma
bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine
Vorkehrungen getroffen?“

Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Sötbier
rollte blutige Augäpfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurück.
„Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines
alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewährte
Kraft so lange als möglich zu erhalten.“

„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und kalt. „Seien Sie froh,
wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr
Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen.

Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als Käufer „Unbekannt“
gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn
von Quitzin.“ Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er, „Herr
von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm in der Meisestraße nur
die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstücke hinter dem
Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den
Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“

Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion,
solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren.
„Weiß ich“, sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag.
Frühstück Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das grüne Mäntelchen
und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn
entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
mit seinen Zeugen.

Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter trockneten ihr die
Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln der anwesenden Damen. Auch dieser
Bräutigam ging durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen
Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ... Endlich! Diederich war
da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am
Standesamt und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte man,
auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor
Zillich erwähnte in seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas
Vergängliches sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war gar nicht
erschienen.

Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und sichtlich noch anders
beschäftigt. Selbst das Essen vergaß er oft und stierte in die Luft.
Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit
zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die
Versammlung nach Maßgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht
gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere
Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und
die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den
Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat
ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene
Lärm des Festes brach jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ...
Ah! und Tumult und Glückwünsche. Diederich reichte beide Hände hin, eine
Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete
von selbst und bevor er wußte was. „Seine Majestät ... Unerhörte Gnade ...
Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte, wie
Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf das Herz, schloß die
Augen und versank: so als stände vor ihm ein anderer, der Geber selbst.
Unter der Gnadensonne fühlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.
Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der
Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal
Wilhelm des Großen und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm!

Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschüchtert, bekam
einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen
er entgegengeführt werden sollte, von großen Dingen, die man mit ihm und
der ganzen Familie vorhabe – und fort war Diederich mit Guste.

Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhänge
zu. Sein von Glück beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste
hätte so viel Temperament nie erwartet. „Du bist doch nicht wie
Lohengrin“, bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen
schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr,
ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor wir zur Sache selbst
schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken wir Seiner Majestät unseres
allergnädigsten Kaisers. Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir
Seiner Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“

„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrückt in höheren
Glanz. „Bist – du – das – Diederich?“



                                   VI.


Herr und Frau Doktor Heßling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift
des Züricher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das
Ergebnis des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend über
sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam den Meldezettel aus; erst
als der Oberkellner fort war, äußerte er seine Entrüstung über den Betrieb
hier und über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem
Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig
greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste
wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn
zum Lunch mit hochroten Köpfen. An der Tür machten sie halt und schnauften
unter den Blicken der Gäste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem
Hut, der Bänder, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter, der Oberkellner,
führte sie im Triumph zu ihren Plätzen.

Mit Zürich und auch mit dem Hotel versöhnten sie sich am Abend. Denn
erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und
dann hing gerade gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße
Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf üppigem Polster, mit den
Händen unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen.
In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anlaß zu
Scherzen gab. Am nächsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern,
verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
wäre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz
gewesen wäre. Aus Müdigkeit versäumten sie den Zug und kehrten am Abend,
so früh wie möglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein
Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen
schweren Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum
Besuch des Königs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch
bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste
jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig,
Diederich schleifte Guste schon hinaus. „Muß es denn sein?“ klagte sie,
„wo doch das Bett so gut ist!“ Aber Diederich hinterließ nur noch einen
höhnischen Blick für die Odaliske. „Amüsieren Sie sich weiter gut, meine
Gnädigste!“

Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner
Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf
einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und
da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken äußern dürfen, die auf
mystische Art mit denen des Allerhöchsten Herrn zusammenzufallen schienen,
vielleicht wußte Seine Majestät zu dieser Stunde um Diederich: wußte, daß
sein treuer Untertan ihm zur Seite über die Alpen zog, um den feigen
Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer
auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf
verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!

Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich
nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen
beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten
sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend: „Na, Sie beneiden uns
wohl auch um unseren Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner einander an, mit
einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.

Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang über. Den
Finger in einem Sprachführer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in
Erfahrung zu bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet. „Diedel!“ rief
sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm meinen Reiseschleier auf den Weg,
damit daß er darüber geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiß’ ich auch
hin!“ – „Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?“ fragte
Diederich und lächelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie
senkte die Lider. Diederich, der keuchte, riß sich los aus der furchtbaren
Spannung. „Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste.

Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es erträumt hatten. In
größter Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof
gedrängt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen
dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in
entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt
die Arme reckte, ließ er mit allem Handgepäck dastehen und stürzte
drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten
jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen. Da schritten die
Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf
Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren
im Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor – und sie
sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt
prüfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund ließ er ein wenig
herab. Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer
schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie,
indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der
Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.

Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten Straße, die Hochrufe
schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die
Augen schloß, setzte den Hut wieder auf.

Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden,
klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die
Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen
ging in seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief. Wie er
abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie sind wie die Kinder“, erklärte er
seiner Gattin. „Na, aber auch entsprechend schlapp“, setzte er hinzu, und
er gestand: „In Berlin wäre das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an
den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war ’n bißchen schärfer.“
Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung
bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock.

Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Straßen. „Der
Kaiser steht früh auf“, hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen
grunzte. Übrigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und
stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schrägen Strahlen,
grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast – und gegenüber
Diederich, der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine
Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen
Rossebändigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die
Passanten wurden häufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus
hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und
mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
sich näher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins
Innere spähend. Bei seinem dritten Erscheinen führte der Portier, ein
wenig zögernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und
zurückgrüßte, ward er vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der
Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverständnisses
entgegen. Es schien ihm nur natürlich, daß man ihn über das Wohlergehen
seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von
selbst darauf, daß Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen
brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Häuflein
Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter
einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines
Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon,
Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: „Es
lebe der Kaiser!“ Und gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich aber,
ein Sprung in den Einspänner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den
Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und
sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen. Als der
Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und wiederum schrie Diederich
auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte!
Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Nähe traute! Nach zehn
Minuten war das Häuflein neu vervollständigt, der Wagen entrollte dem Tor,
und Diederich: „Es lebe der Kaiser!“ – und, im Echo des Häufleins,
wildbrausend zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das
Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine neue Uniform, und
wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie
hatte Diederich ein schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
unterrichtete ihn zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, daß ein
salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend
entgegennahm, oder daß einer Direktiven zu erbitten schien – und dann
erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne
stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden,
hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt
Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war
es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das
Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter
Klasse ... Der Kutscher, der immer häufiger die nächste Kneipe betrat,
empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte Pflichtgefühl des
Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich
beide an das nächste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf;
um ihnen vorauszukommen, mußte man Gassen durchjagen, die aussahen wie
Kanäle und deren spärliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer
drückten; oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe nehmen.
Dann aber stand Diederich pünktlich an der Spitze seines Häufleins, sah
die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den
Kopf und lächelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der
schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor
Hochgefühl über die Allerhöchste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in
dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand.

Erst die Versicherung des Portiers, daß Seine Majestät nun frühstücke,
erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. „Wie siehst du aus!“ rief
sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot
wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie
der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch
Welschland. „Dies ist ein großer Tag für die nationale Sache!“ versetzte
er mit Wucht. „Seine Majestät und ich, wir machen moralische Eroberungen!“
Wie er dastand! Guste vergaß ihren Schrecken und den Ärger über das lange
Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte sie sich
an ihm hinauf.

Aber kaum das Stündchen zum Essen gönnte Diederich sich. Er wußte wohl,
nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern
Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie
recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenüber,
nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, daß ein verdächtig
aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des
Portiers sich einschlich, sich hinter eine Säule drückte und im lauernden
Schatten Pläne barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber
Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz
tosen. Aufgescheuchtes Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle bewunderten
Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend
hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen um sich, daß nicht einmal die
bewaffnete Macht an sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs Gegner, dem
es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Büchse schwingen.
Atemlose Sekunden – dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine
Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles
lagen die nächsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiß auf
Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach
Pfefferminz. Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase;
ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger
und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel
mehr darüber, daß er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt
er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
entronnen war. Der Attentäter suchte – ganz vergebens – an ihm vorbei das
Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust überlieferte ihn den
Polizeiwächtern. Diese stellten fest, daß es sich um einen Deutschen
handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der
Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit höchster Korrektheit.
Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Künstler war, hatten
keine ausgesprochen politische Färbung, verrieten aber durch ihre
abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des
Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die
Wächter führten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur
noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten zu
lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persönlicher Dienst
begann wieder.

Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das
Gebäude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestät Empfang hielt. Ein
längerer Aufenthalt des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit,
beim nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm vor der Tür einen
Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste
getragen war und der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments
klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen
ihn, rot überstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des
Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund
aufreißen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren – was ihnen
offenbar genügte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und
ließen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst,
der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen Herrn und die
furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen,
worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in
heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen
Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im
Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die
Geistesgegenwart eines Beamten im persönlichen Dienst des Kaisers war
Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war
dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit auch nur
allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes
und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich
selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem
Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten
Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genährt ward,
bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich
nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch
vermochte, um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß im Zickzack das Kapitol
hinab, stolperte und rollte über die Stufen weiter. Drunten in der Gasse
holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer
zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen
schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt
hin, wo er stand. Zwei städtische Wächter fanden ihn, an die Mauer
gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen
Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich
über ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in
ungeheure Fröhlichkeit aus. Der persönliche Beamte war gottlob nicht tot,
denn er schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein Blut.

Am nächsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser
ungewöhnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt
weiß ich doch, wozu ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir
erleben einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die
Abendblätter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser
werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgelöst!
Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklärte allen, die in der Nähe
saßen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen für
ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem
nächsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den
Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. „Endlich ist man mal
woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie
komm’ ich dazu, daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
gleich wieder retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie nach der
kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, daß Diederich
mit äußerster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum
zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot,
sah er sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr
Zug ging. „Komment hat das Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest
und schnaufte stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal wissen.
Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug
an, das da ’rumsteht!“ heischte er. Guste, wieder gebändigt, sagte
klagend: „Ich genieß’ es ja.“ Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand
hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwämme und
Bürsten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie
sechsunddreißig Stunden Geduld hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die
nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fuß
faßte, ihre erste Sorge die Schwämme. Am Sonntag hatte man ankommen
müssen! Zum Glück war wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich
vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinüber. Da sie
aber nicht zurückkam, folgte er ihr.



Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen spähten hinein
und wälzten sich. Diederich, der über sie wegsah, erstarrte vor Staunen –
denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit
düsterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb
Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine
Zahnbürste kriege“, da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor,
die Arme immer verschränkt und Guste in seinen düsterm Blick fassend. „Sie
werden meiner Miene angesehen haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich
weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu verkaufen.“ –
„Nanu!“ machte Guste und wich zurück. „Aber Sie haben doch das ganze Glas
hier voll.“ Gottlieb Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“ –
er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der
wohl sein Prinzipal hauste – „der kann hier feilbieten, was ihm beliebt.
Ich fühle mich dadurch nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester
studiert und einer hochfeinen Korporation angehört, damit ich mich jetzt
hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe.“ – „Wozu sind Sie denn da?“
fragte Guste, merklich eingeschüchtert. Da versetzte Hornung, majestätisch
rollend: „Ich bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl, sie sei
zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein.
„Mit den Schwämmen wäre es wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“, bestätigte
Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu
entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte
aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, daß
die Würde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn
jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst
nehmen und den Betrag hinlegen – was Diederich hiermit tat. Gottlieb
Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des
Freundes. Leider war viel Mißgeschick dabei; denn da Hornung niemals
Schwämme und Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fünf
Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter für seine
Überzeugung einzustehen, auf die Gefahr, daß es ihn auch hier wieder seine
Stellung kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!“ sagte
Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.

Diederich hielt seinerseits nicht länger zurück mit dem, was er erlebt und
erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor
Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser,
dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß und Riegel
saßen, war in Rom ganz kürzlich und gleichfalls dank Diederich einer
persönlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an
den Höfen und an der Börse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines
Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anlaß, zu glauben,
daß ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen,
Hornung, daß das nationale Interesse die größte Zurückhaltung gebietet,
denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann.“ Hornung war es
natürlich, und so konnte Diederich sich über die hochwichtige Aufgabe
verbreiten, die ihn genötigt hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich
zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen.
Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz rüttelte an den
Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach
Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend
einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu
reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draußen
gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste verlangen.
Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung eben vermöge seiner
aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwämmen und
Zahnbürsten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein
wertvoller Bundesgenosse werden könne. Aber dies war die geringste seiner
schleunigen Sorgen. Der alten Frau Heßling wurden nur schnell ein paar
Tränen erlaubt, dann mußte sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo
früher nur das Dienstmädchen und die nasse Wäsche untergebracht waren und
wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von
der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten von
Wulckow, ließ darauf, nicht weniger unauffällig, Napoleon Fischer zu sich
kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine
Zusammenkunft mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken.

Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit
Mühe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor mußte man an einem
Familienausflug mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der
Professor befand sich in den Händen seiner beiden Pensionäre, die ihn
schon halb betrunken gemacht hatten. Schließlich gelang es, alle im Lokal
des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich eröffnete ihnen ohne
weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler Kandidat aufgestellt werden müsse
und daß nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, nämlich Herr Major
Kunze. „Hurra!“ rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog
sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn für naiv halte,
knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein
nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale Durchfall!“
Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir haben den Kriegerverein, den
wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine
unschätzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und
dort wird die Schlacht gewonnen.“ „Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die
beiden anderen aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei,
und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung – wobei er lieber darüber
hinwegging, daß das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und
Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet er,
war nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich zu der nationalen Sache
herüberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlaß des alten Kühlemann ein
Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker
beschäftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines
Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf
als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu rücken.
Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, über den er auch lieber
hinging. „Dem Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht und
errungen hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze – „dem Manne wird unsere
liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und
Kaiser Wilhelm der Große werden einander anblicken –“ „Und die Zunge
zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. „Wenn Sie
meinen, die Netziger warten nur auf den großen Mann, der sie mit
klingendem Spiel in das nationale Lager führt, warum spielen Sie dann
nicht selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in Diederichs Augen.
Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das
Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon
schwerere Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag, und
die Prüfungen, das darf ich sagen, hab’ ich bestanden! Dabei hab’ ich mich
nicht gescheut, als Vorkämpfer der guten Sache, allen Haß der
Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch
unmöglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich
würden die Netziger nicht wählen, meine Sache werden sie wählen, und darum
trete ich zurück, denn sachlich sein heißt deutsch sein, und lasse Ihnen,
Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine Bewegung.
Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze
starrte, sichtlich erschüttert, unter den Tisch. Diederich aber fühlte
sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte
Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond
behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun behaarte des
Majors schlug zögernd, doch kräftig hinein.

Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Männern wieder die
Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn
zu entschädigen für die ideellen und materiellen Verluste, von denen er
bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels in
die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen Sie wohl!“ – und er reckte
den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht
gleich Worte fand. „So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
nicht vor, und daß Sie mich durchaus ’rankriegen wollen, wie ich Sie
kenne, Herr Doktor, hängt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits
zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“
Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu
versprechen, und da er sein Einverständnis mit Wulckow durchblicken ließ,
war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos gewonnen.... Inzwischen
aber hatte Pastor Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt
es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu übernehmen.
Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher
Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man
statt des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn wahrlich, Gotteshäuser
tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der
Stadt so sehr vernachlässigt, daß sie heute oder morgen mir und meinen
Christen auf den Kopf fallen kann.“ Ohne Säumen verbürgte Diederich sich
für alle gewünschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, daß der
Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen
Elemente fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten berechtigte
Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. „Ohne in
Familienverhältnisse eingreifen zu wollen“, setzte Diederich hinzu und sah
Käthchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht....
Aber auch Kühnchen, der längst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die
beiden anderen hatten ihn, während sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf
seinem Sitz festgehalten; kaum daß sie ihn losließen, riß er stürmisch die
Debatte an sich. Wo mußte die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In
der Jugend? Wie aber war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
Freund des Herrn Buck war. „Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals
reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen
wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig.

Nachdem dermaßen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der
Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der
Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und
auch der besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man sich in
den Ratskeller.

In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern
zwischen den weißen Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen
Fischer die schwarzweißrot geränderten Plakate, die Herrn Major Kunze als
Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich pflanzte sich so
fest, als es ihm möglich war, davor auf und las mit schneidiger
Tenorstimme. „Vaterlandslose Gesellen des aufgelösten Reichstages haben es
gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er
zur Größe des Reiches bedarf.... Wollen uns des großen Monarchen würdig
erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!“
Kühnchen, Zillich und Kunze bekräftigten alles mit Geschrei; und da einige
Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte
Diederich sich um und erläuterte ihnen das nationale Manifest. „Leute!“
rief er. „Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein Schwein habt, daß ihr
Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe
mich soeben im Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen
mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren
schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. „Wollt ihr, daß euer
Kaiser euch Kolonien schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also. Dann
schärft ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen vaterlandslosen Gesellen,
das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn
Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick für unsere
Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, daß ihr mit zwanzig Mark
weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!“ Hier sahen die Arbeiter
stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung.

Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen
Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt
klarzumachen. „Wenn die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können künftig
noch den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn treiben wir ihnen
auch aus! Von heute ab greift ’ne schärfere Tonart Platz!“ Pastor Zillich
verhieß eine verwandte Tätigkeit in den christlichen Vereinen, indes
Kühnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner
schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt durcheilen und Wähler
herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefühl aber beseelte doch
Diederich. Er verschmähte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und
ihn mit Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser hat ans
Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlägt, dann gibt es
keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff
herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett wie
einen Turm zwischen sich und den Ungefälligen stellte. Diederich
unterdrückte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb
ungesäumt einen Warnruf gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger
Zeitung“ brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des
Herrn Doktors Heuteufel eine überaus warme Empfehlung des Säuglingsheims
gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede
neu auftauchende Idee vor allem den Prüfstein seines Kulturgewissens zu
legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen war
so ein Säuglingsheim naturgemäß in erster Linie bestimmt? Für die
unehelichen Kinder. Was begünstigte es also? Das Laster. Hatten wir das
nötig? Nicht die Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die
mögen uneheliche Geburten preiskrönen, weil sie sonst keine Soldaten mehr
haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!“ Und Diederich
rechnete den Abonnenten der „Netziger Zeitung“ vor, bis wann sie und
ihresgleichen hundert Millionen betragen würden, und wie lange es
höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei.

Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die
Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung der „Partei des
Kaisers“. Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch
aufgemacht hatte. In Tannenkränzen glühten Transparente: „Der Wille des
Königs ist das höchste Gebot.“ „Es gibt für euch nur einen Feind, und der
ist mein Feind.“ „Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist
der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“ Für das Erwachen
sorgten Klappsch und Fräulein Klappsch, indem sie überall immer frisches
Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhäufen. So
ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung
vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der
Rauchwolke, in der das Bureau saß, machte die unliebsame Bemerkung, daß
auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt
waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die
Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es
hatte ihn zu große Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele
Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon
hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal
starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen all der
neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Daß er sich
mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber
Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an
Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke hatte ihm soeben gekündigt, und er
war entschlossener als je, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu
verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn
seine finstere Miene täuschte Diederich nicht darüber, daß der Major
dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und daß der
Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben würde.
Er sagte: „Meine Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da jedoch einer
aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: „Schon faul!“, verwirrte Kunze
sich sogleich und setzte hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“ Worauf
die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung
gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle Säulen, das dürfen wir wohl
verlangen, und wehe dem Monarchen –“ „Sehr richtig!“ antworteten
freisinnige Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten schrien mit. Der Major
wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf,
als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am
Rockschoß, er beschwor ihn, Schluß zu machen, aber Kunze versuchte es
vergebens: den Übergang zur Wahlparole der „Partei des Kaisers“ fand er
nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit
unvermittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten Stumpf!
Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde,
erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fräulein Klappsch.

Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb
Hornung kam ihm zuvor. Diederich für seine Person blieb lieber im
Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn
Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen.
Knirschend trat er an den Rand der Bühne und erläuterte die Rede des
verehrten Herrn Majors dahin, daß das Heer, für das wir alle zu jedem
Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie
sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten“, stellte
der Apotheker fest. „Die Wissenschaft hat sie überwunden.“ „Sehr richtig!“
rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte.
„Herren und Knechte wird es immer geben!“ bestimmte Gottlieb Hornung,
„denn in der Natur ist es auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder
muß über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der
vor ihm Angst hat. Wohin kämen wir sonst! Wenn der erste beste sich
einbildet, er ist ganz für sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem
Volk, dessen überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den
demokratischen Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende Standpunkt der
Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“ Hier verschränkte Gottlieb
Hornung die Arme und schob den Nacken vor. „Ich,“ rief er, „der ich einer
hochfeinen Verbindung angehört habe und den freudigen Blutverlust für die
Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafür, daß ich Zahnbürsten
verkaufen soll!“

„Und Schwämme auch nicht?“ fragte jemand.

„Auch nicht!“ entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz energisch, daß
noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem
das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem
Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will.
Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“

Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den Unterkiefer vorgeschoben,
aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es
sich nicht nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und Kunze
vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen, Hornung stand ehern
da – und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, daß
diese beiden zweitklassigen Persönlichkeiten den Vorteil hatten von einer
Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte ihnen die Volksgunst des
Augenblicks wohl lassen, denn er wußte besser als die beiden Gimpel, wo
dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht
selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich
hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim. Das Säuglingsheim
sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanität. Was aber sei das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der
anständigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort
unten hörten zu in einer Stille voll peinlicher Gefühle, denen hier und da
ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete
Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das Militär nicht
ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es für ihre Person wieder
hereinbringen.“ Da schnellte Diederich auf: „Ich bitte ums Wort!“ und mit
Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie
grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.

Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Empörung sich
beruhigte. Dann begann er. „Meine Herren!“ „Bravo!“ schrien die
Lieferanten, und Diederich mußte weiter warten in der Atmosphäre
gleichgestimmter Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn
reden ließen, gab er der allgemeinen Empörung Worte, daß der Vorredner es
habe wagen können, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu
verdächtigen. „Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist uns nur,“
rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung der ‚Partei des Kaisers‘ war!
Der Kaiser selbst hat befohlen, daß alle diejenigen sich
zusammenschließen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des
Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verdächtigungen derer,
die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes sind!“ Noch bevor der Beifall
losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“
Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getöse ihrer Hände
erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefährliche
Andeutungen versteckt, daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim war ein
weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens
sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters war es! „Wir Deutschen überlassen
so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!“ Diederich brauchte
nur seinen Artikel aus der „Netziger Zeitung“ herzusagen. Der vom Pastor
Zillich geleitete Jünglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen
klatschten bei jedem Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich,
„darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe am
Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter dem Tisch des
Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: „Nu
verklobben mer sie bald noch emal!“ Diederich hob sich auf die Zehen.
„Meine Herren!“ schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, „das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den erhabenen Großvater
sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren,
und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen
jungen Kaiser, daß wir so bleiben wollen wie wir sind, nämlich keusch,
freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!“

Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen
schwelgten sie im Idealen – und auch Diederich war sich keiner weltlichen
Hintergedanken mehr bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner
Verschwörung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten für die
Stichwahl. Reine Begeisterung entführte seine Seele auf einen Flug, von
dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien.
„Abzuweisen und mit aller Schärfe hinter die ihnen gebührenden Schranken
zurückzudämmen sind daher die Anwürfe derer, die weiter nichts wollen, als
uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre
echte sitzen?“ fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die
nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, daß Diederich nur noch
stellenweise zu hören war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden,
denn das war ein Traum und nicht einmal ein schöner. Dagegen wollte er
eine spartanische Zucht der Rasse. Blödsinnige und Sittlichkeitsverbrecher
waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu
verhindern. Bei diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen das Lokal.
Von der Tür rief er noch her: „Den Umsturz kastrieren Sie auch!“ Diederich
antwortete: „Machen wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“ tönte
es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich auf den Füßen, prosteten,
jauchzten und vermischten ihre Hochgefühle. Diederich, umbraust von
Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hände, die die seinen
schütteln wollten, und nationaler Biergläser, die mit ihm anstießen, sah
von seiner Bühne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getrübten
Blick weiter und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten ihn
mystisch die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des Königs!“ „Mein Feind!“
„Mein Kurs!“ Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien – aber er
griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da
sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. „Ich hätte
ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt.“



Die schlimmste Rache Heuteufels war, daß er Diederich das Ausgehen verbot.
Draußen tobte der Kampf täglich wilder, und alle standen in der Zeitung,
weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur
Nothgroschen, zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete. Nur
Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon gurgelte stumm. Von
der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel
Lebensgröße ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von
Säckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn
das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national
empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen.
Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.

Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr
Übelkeiten, während deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau
Heßling pflegen ließ. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte
daran, daß hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling
verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade
hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluß war Guste rot
aufgebläht und schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen. Diederich hatte
den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in
der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen.

Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tür
zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schräge Decke hatte. Guste sann
darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, mußte
man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus,
sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten,
Emmi ward zu den Fräulein von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus
nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde Guste, von den
Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben,
aber nur der zweite Stock des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig
befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge
behüteten Emmi freilich nicht vor Tagen großer Niedergeschlagenheit; dann
verließ sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile, hinauf zu ihr,
Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer
hinfließenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam,
versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über
ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jäh zusammen, sie wälzte
sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der
Tür. Guste blieb den Ausdruck ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh
aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte;
und als die alte Frau Heßling hinzukam, war es schon beschlossene Sache,
daß die beiden Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich,
dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von den Weibergeschichten. Zum
Glück kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunächst mal Ruhe zu
schaffen. Da er wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu
Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für einige Zeit nach
Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er
nicht nachließ, wollte sie aufbegehren, ward aber plötzlich wie von Angst
befallen und begann leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben
dürfe. Diederich, dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos die
Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück.

Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen,
frisch gerötet und in bester Laune. Guste, die um so zurückhaltender
blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein
Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von Brietzen“. Da
erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“ rief sie zornig, warf die
Serviette hin und schlug die Tür zu. „Nanu“, knurrte Diederich; aber Guste
hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Heßling fort war, sah sie
Diederich merkwürdig in die Augen und fragte: „Glaubst du wirklich?“ Er
erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste,
„dann könnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße grüßen. Aber
heute hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich bezeichnete dies als Unsinn.
Guste erwiderte: „Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir noch
mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was durchs Haus
schleichen gehört habe, und heute sagte auch Minna –.“ Weiter kam Guste
nicht. „Aha!“ Diederich schnob. „Mit den Dienstboten steckst du zusammen!
Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, daß ich das nicht
dulde. Über der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich
weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
gleich beide zu, daß ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen
seid!“ Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur
ducken, aber sie lächelte ihm von unten nach, wie er davonging.

Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus
der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen
Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn
leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht
unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon
unterrichtet, daß die „Partei des Kaisers“ ihm zu stark werde und daß sie
neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen müssen,
gleich heute werde er die übernommenen Verpflichtungen erfüllen und von
den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die
Versammlung – und hier mußte er erleben, daß der Antrag betreffend das
Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er ging durch, so glatt,
als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn
und Genossen laut geißeln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich
hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, ließ er sich
Napoleon Fischer kommen.

„Sie sind entlassen!“ bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste
verdächtig. „Schön“, sagte er und wollte abziehen.

„Halt!“ bellte Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los.
Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, daß
ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“

„Politik ist Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da
Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat
Napoleon Fischer vertraulich näher, fast hätte er Diederich auf die
Schulter geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie doch nur
nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir beide ...“ Und sein
Grinsen war so voll Mahnungen, daß Diederich erschauerte. Schnell bot er
Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:

„Wenn einer von uns beiden erst anfängt zu reden, wo hört dann der andere
auf! Hab’ ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten
Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel
der Herr Buck.“

„Wieso?“ fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere.
Der Maschinenmeister tat erstaunt. „Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck
erzählt doch überall, daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen
es billiger, wenn Klüsing Angst wegen gewisser Aufträge hat, weil er nicht
national ist.“

„Das sagt er?“ fragte Diederich, zu Stein geworden.

„Das sagt er“, wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er tut Ihnen den
Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing. Dann werden Sie sich wohl wieder
beruhigen, sagt er.“

Da wich der Bann von Diederich. „Fischer!“ versetzte er mit kurzem Gebell.
„Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im
Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen,
Fischer. Adieu.“

Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer
umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter
allen Widerständen stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen – und jetzt die infame
Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere bäumte sich auf, in
der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. „Und woher weiß er
es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen. „Hat Wulckow mich verkauft? Sie
glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die
anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen; sie hielten es
scheinbar nicht mehr für nötig, ihn einzuweihen in das, was vorging?
Diederich gehörte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer
seines persönlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der
eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?... Verrat überall, Intrigen,
feindseliger Verdacht – und nirgends schlichte deutsche Treue.

Da er nur bellen konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung hilflos
zusehen, wie Zillich – es war klar, aus welchem persönlichen Interesse –
Jadassohn reden ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als
er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon
Fischer wählen würden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmännische
Vorgehen, er wußte sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war es
nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg
hinreißen ließ, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhörern fand, die
keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
gehörten. Sie waren in verdächtiger Menge erschienen – und Diederich,
überreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manövers
wieder den Erzfeind stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den alten
Buck.

Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Lächeln, und er
war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der
Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten;
er führte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte
es ihn, daß er den Alten für einen schon zahnlosen Schwätzer gehalten
hatte, und jetzt zeigte er die Zähne. Nach all seinen humanitären
Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, daß er sich
nun doch nicht einfach fressen ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er
getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen gebe und leichter zu fassen sei.
Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstück
verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle heraus.
Diederich fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei
seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten von Wulckow der alte Buck,
unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer
dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war
droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespäht ... Im
Geiste sah Diederich den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche
Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Güte in seinen Zügen
war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste. Er dachte Diederich kirre
zu machen und mit seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen
verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die Treber fraß!

„Was hast du, mein lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling, denn Diederich hatte
vor Haß und Angst schwer aufgestöhnt. Er erschrak; in diesem Augenblick
betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei
sie allein, und begab sich auf den Rückweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi
an Diederich vorbeikam, umfaßte Gustes spöttischer Blick sie beide, und
Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Lächeln des Umsturzes,
das er an Napoleon Fischer kannte. So lächelte Guste. Vor Schrecken
runzelte er die Stirn und rief barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch
sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was ist mit dir?“
fragte er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst du auf der Straße?“ Sie hob
nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. „Nun?“ wiederholte
er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt und
dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie ließ
sich endlich herbei zu sprechen.

„Es hätte sein können, daß die beiden Fräulein von Brietzen noch gekommen
wären.“

„Am späten Abend?“ fragte Diederich. Da sagte Guste: „Weil wir an die Ehre
doch gewöhnt sind. Und überhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama
abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht
kennen, braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“

„Wie?“ machte Emmi.

„Na gewiß doch!“ Und das Gesicht überglänzt, triumphierend ließ Guste das
Ganze los. „Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“
Eine Pause, ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“

„Du lügst“, sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif
machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und ließ hinter sich den
Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa
faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend
umherlief. Als er wieder bei der Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch
den Spalt erblickte er Emmi, die im Eßzimmer auf einem Stuhl saß oder
hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen.
Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz
weiß gewesen und war jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und
plötzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen,
unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu
fühlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich
in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit
geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte
stramm hinter Emmi her.

Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die
Tür versperrt, mit Schlüssel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so
stark zu klopfen, daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb
ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß zu verlangen. Keine
Antwort, aber er hörte etwas klirren auf dem Waschtisch, – und plötzlich
schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unförmlich.
Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie öffnete, und schrie noch,
als sie schon vor ihm stand. „Was willst du?“ fragte sie zornig, worauf
Diederich sich sammelte. Von der Treppe spähten mit fragendem Entsetzen
Frau Heßling und Guste hinauf. „Unten bleiben!“ befahl er, und er drängte
Emmi in das Zimmer zurück. Er schloß die Tür. „Das brauchen die anderen
nicht zu riechen“, sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen
kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem
Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du das?“ Sie warf den Kopf
zurück und sah ihn an, sagte aber nichts. Je länger dies dauerte, um so
weniger wichtig fühlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts
wegen die erste war. Schließlich ging er einfach zum Fenster und warf den
Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen.
Diederich seufzte erleichtert.

Jetzt hatte Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich auf? Laß mich
gefälligst machen, was ich will!“

Dies kam ihm unerwartet. „Ja, was – was willst du denn?“

Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich sein.“

„Na, höre mal!“ Diederich empörte sich. „Wenn du vor deinem himmlischen
Richter dich nicht mehr genierst, was ich persönlich durchaus mißbillige:
ein bißchen Rücksicht könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist
nicht allein auf der Welt.“

Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. „Einen Skandal in meinem
Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft.“

Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“

Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich wieder auf; ihre Miene,
die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und höhnte zugleich. In
seiner Verwirrung ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene
sei.

„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natürlich voll
und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die
äußerste Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der
Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam.

„Dein Ehrenwort!“

„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurück.

„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewußt zu sein. Du
hast, wenn das, was ich fürchten muß, wahr ist –“

„Es ist wahr“, sagte Emmi.

„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine
gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit
Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich
hintrete –“

„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi.

Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel
Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie
durchschaut und abgetan hinter sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer
Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie
künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte
hervor: „So sag’ mir doch nur –. Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis
Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir
helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das wohl machen?“ und
sie lehnte sich drüben an die Wand.

Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige Aufklärungen geben:
ich meine, über gewisse Einzelheiten. Ich vermute, daß es schon seit
deinen Reitstunden dauert?...“

Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch widersprach sie –
wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geöffnete Lippen, und ihr Blick
hing an ihm mit Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das
sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein
unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich:
„Verlaß dich auf mich. Gleich morgen früh gehe ich hin.“

Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.

„Du kennst das nicht. Es ist aus.“

Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos sind wir auch nicht!
Ich möchte doch sehen!“

Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurück.

„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und hielt die Hand vor den
Mund.

„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.

„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“

Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte gern noch gewußt, für
wen sie fürchtete, für ihn oder für den anderen. Dem anderen würde er es
nicht gegönnt haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort ihr
peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe auf den
Fußspitzen.

Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu
Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief.
Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren!
Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner
eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder
ein gedrungener Mann mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste
und ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater. Jetzt verstand
Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. „Du
kennst das nicht“, meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.

„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum. „Ich lasse mich auf
die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die
Weiber sind raffiniert genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich
gehört!“ Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes und starrte, das
Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch
über seine Augen. „Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward
Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.

„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte, bevor Guste wach
wurde. Hinter dem Sachsentor die Gärten zwitscherten und dufteten zum
Frühlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer weiß,“ dachte
Diederich und atmete die gute Luft ein, „vielleicht ist es gar nicht
schwer. Es gibt anständige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich
günstiger als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein
Wagen – vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die
Tür. Der Bursche kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich, „ich
sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von
Brietzen einen Koffer. „So früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers
fallen und klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich dachte
entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“

„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr von Brietzen, aber
Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, daß dies
unnütz sei. Trotzdem natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich
an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens ankam, hatte ein Leutnant
immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man
endlich über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen
sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was von ihm gewiß nicht anders zu
erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit
heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen erübrige sich,
wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und Herr von Brietzen machte eben das
Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die
Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge
getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fürchtete und der,
er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht
mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich
antwortete darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie
Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine große Drohung
gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg
versprach.

„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich
leider veranlaßt, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen.“

Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher:
„Was wollen Sie damit erreichen? Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na
schön. Im übrigen aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was
Ritterlichkeit ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders
als ein Herr, der sich nicht schlägt.“

Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst seine Zunge
hüten, sonst könne es ihm passieren, daß er es mit der Neuteutonia zu tun
bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der
Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant
wünschen, daß er einmal in den Fall komme, einen Grafen von
Tauern-Bärenheim zu fordern! „Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben
Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch lange nicht das
Recht einräume, einen bürgerlichen Mann und Familienvater nur so
abzuschießen. „Die Schwester verführen und den Bruder abschießen, das
möchten Sie wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem
ähnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem
Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon
bereitstand, räumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten
Schuß. „Wenn Sie meinen, für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch
noch die Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“

Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte dem unsichtbaren
Feinde die Faust und stieß Drohungen aus. „Das kann euch schlecht
bekommen! Wenn wir mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die
Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es
ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zähne
zeigen, war ohne Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz
unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, mußte
sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach
seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen Schauer
dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen
mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front,
bereit zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich,
trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. „Den macht
uns niemand nach“, stellte er fest.

Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen. Von weitem
sah er Emmi nach ihm ausspähen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der
vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mußte.
Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn
es die eigene Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so
nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie möglich. Sie war
viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blaß
flimmernden Haar hatte sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte,
als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst.
Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer
und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie
sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum
Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte
laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“ Darauf erschrak er und schloß die
Augen. Da er aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte,
um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.

Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich
sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich
zu rächen für die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie
selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens keinem nach.“ Guste
kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?“ Er schnitt ab.
„Überhaupt ist sie meine Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem
Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte er ihr die Hand,
mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste!
Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in
seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war
durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen ungreifbarer geworden. Wenn
ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich berührt von der
Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und
verächtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie
eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung. Glänzender
zugleich und rührender war nun Emmi.

Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich gegen sie –
und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich
erfuhr, daß sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten
könne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre,
Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln an dem Wert dessen, was er
erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals,
der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Ämter. Er sah Emmi an
und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt
hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es festhalten
sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal da, den Kopf in den Händen.
Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal
versagte alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten Absichten,
und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als
leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin
und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch.



Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam der Wahltag herbei.
Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was
vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, daß die Miene seines
Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,
frühmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm
ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: „Ein ernstes
Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat
witterte und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein
doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie
wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloß gegen den
Freisinn.“

„Wir auch“, behauptete Diederich.

„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert.
Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit
fliegenden Fahnen zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der
Stichwahl und treiben schnöden Volksverrat.“

Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen langen Schritt auf
das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen, Herr Doktor, daß wir die Augen offen
halten.“

Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner
ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen. „Ich weiß, Fischer, Sie sind
ein großer Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen.“

„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn ich nicht hineinkomme,
dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den
Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von
der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn
gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch die internationale
Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab.

Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät, der Kaiser hurra!“ Dann
aber blieb nichts übrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah
drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in den
Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er erkennen, daß in den
Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische Taktik des alten Buck weitere
Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert
durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von
Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon
Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen
verschämten Gruß austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit
ihrem Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des
Freisinns, wenn er schließlich siege, das nationale Gewissen gestärkt. Da
Professor Kühnchen sich ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der
Hand zu weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten
Versprechungen noch nicht genügten, und daß sie sich durch weitere
persönliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption
des demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so
wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden, notfalls mit Hilfe der
Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin
gebracht, zu versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten werde!
Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als
irgendein Prolet; und er spielte auf die düsteren Folgen an, die eine so
unpatriotische Haltung haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher
werden – und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Trümmer
des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Träume, lief er im
Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler
herbei, im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und
den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,
kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrückt durch den Lärm des
langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm
er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel, sechstausend und
einige für Napoleon Fischer, Kunze aber hatte
dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und
Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war
gewonnen.

Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, daß er
fortan das Äußerste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es
eilte, denn Pastor Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit
Zetteln bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen, in
der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen
Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche
Verblendung! Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen der
Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er, die nationale
Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum –. Der Trick
des alten Buck enthüllte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des
Kaisers in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es handeln.
Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen
heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht
hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es ist
durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er grüßte Emmi verstohlen und
mit einer Art von Scheu.

Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier verschwunden
war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott
verantwortlich, seine folgenschweren Entschlüsse faßte. Er trat zum
Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger
legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er hängte
wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon
gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden Buck
und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe, und daß man nötigenfalls
imstande sei, ihn persönlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß
Diederich den Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was für
eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen
natürlichen Nachfolger in Diederich!

Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hieß
vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser
Angst wegen der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon
Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der
Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers für die
„Netziger Zeitung“ anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man ist
eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm auf, daß Klüsings
Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen,
wie die Dinge lagen, einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut
lachte ... Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der
Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das
übrige und so unscheinbar, daß Diederich ihn vorhin übersehen hatte. Er
entzifferte – und der Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen
Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. „Da
haben wir sie!“ Hierauf bemerkte er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein
Abgrund.“ Er las noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz,
legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit hartem Griff. Dort innen
schlummerte nun das Gift für Buck und die Seinen – geliefert von ihrem
Freund. Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet
sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche
Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch
Schonung übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung
wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heißt es
rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterreißen und es mit
eisernem Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen
Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun
mal eine harte Zeit!“

Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung, einberufen
vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der
regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, daß die
Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnütz,
die Programmrede des Kandidaten mit anzuhören; er ging hin, als schon die
Diskussion begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf Kunze, der
in übler Verfassung war. „Ausrangierter Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie
mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das
sagen läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären konnte, löste
Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel das sagen sollen!“ schrie er. „Da
hätte er nun aber Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major
dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn
mehr, er vermaß sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch
dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten Umsturz gehe
als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten Kühnchen und auch Pastor Zillich,
der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des
Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick – indes der Major
fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Tränen sollte die Bande weinen! „Und
zwar noch heute abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen
Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden
einzeln an. „Was würden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden
vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich war
erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische Manipulationen
mit öffentlichen Geldern ...“ Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang
hin!“ rief er schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“ und
er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter Soldat“,
versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt.
Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr
Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“

Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt
wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah
überall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier
und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“ oder „Gemeinheit!“ Der
Wahlkampf war auf der Höhe, Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter
Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer
stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier, Diederichs entlassener
Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier eine Hetzrede, worin er über die
Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie
sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und dem Umsturz Wähler
zutreiben wolle. Früher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer
Knecht ist, soll Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten.
Diederich stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine
Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht. „Schämen Sie sich, seit Ihrer
Entlassung sind Sie unter die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze
kommandierte Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“ und „Hört,
hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und Sötbier eine zitterige Faust
machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da
erhob der alte Buck sich und klingelte.

Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll
und erwärmte: „Mitbürger! Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner
nicht Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?
Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehören alle, nur die Herren
nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs neue
den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, daß wir
unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht
wollen. Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den
Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen.“

„Sehr wahr!“

„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu
behaupten gegen Herren, die uns nur noch rüsten, damit wir unfrei sind.
Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern
gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
sollen, uns allen!“

„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“ Inmitten bewegter
Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe
und im voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und
bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen,
der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. „Der
Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“ schrie er mit Todesverachtung. „Ein
Vaterlandsverräter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu,
hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter den
Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme
überschnappte. „Ein französischer General hat Revanche verlangt!“ Vom
Bureau her fragte jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“
Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte
er in die Luft steigen. „Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte
Ideale! Starkes Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander,
umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment! Bollwerk gegen die
Schlammflut der Demokratie!“

„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich
fuhr herum, er erkannte Heuteufel. „Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner
Majestät –?“

„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach
ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“ rief er mit äußerster
Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: „Spitzel!“ Es war
Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen.
Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender
Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen!
’raus!“ Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt
um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er
schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen
Feinden erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang Diederich den
Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische Korruption!“ schrie er,
tanzend vor Leidenschaft. „Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden
lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte sich in Bewegung,
überrannte die Tische und maß sich Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein
Handgemenge schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant dort
oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer
Moment – da hörte man von der Bühne herab befehlen: „Ruhe! Er soll
sprechen!“ Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer
als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch
dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft,
vom Haß war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der
Atem stockte einem.

„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter haben das Wort,
bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verräter an der Nation aus. Sie
haben sich nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“

„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen Spottes. Zu seinem
Unglück saß er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar
nach ihm ausholte, daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel
mitsamt seinem Stuhl.

„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt der Ehre den
Nutzen wählten und denen keine Herrschaft demütigend schien, wenn sie sie
bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder
Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“

Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei
seines Gewissens.

„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute
zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“

„Nein!“

„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die
national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde beträgt. Fragt ihn,
wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“

„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der Saal nahm ihn auf.
Diederich, gebieterische Fäuste hinter sich, gelangte nicht ganz
freiwillig die Stufen zur Bühne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der
alte Buck saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ ihn nicht
aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit
kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal
ihm zu, „Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm,
einen Augenblick schloß er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen
und der Sache überhoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts
anderes mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine
Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß kampfesfreudig den Feind,
jenen tückischen Alten, der nun endlich die Maske des väterlichen Gönners
verloren hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stieß
vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal
her.

„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer in den Tumult –
und es ward still, wie auf ein Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“
brüllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der mir nachweist,
wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!“

Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst riefen „Bravo“, dann
entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte
Zuversicht, denn es ward wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem
Takt von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich erkannte,
daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit
höheren Mächten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zückte der
Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der
Hand, daß er es schon machen werde, und er brüllte:

„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Säuglingsheim! Dafür
hätte ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich
kann es beschwören. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den Raub zu teilen mit einem
gewissenlosen Magistratsrat!“

„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich
flammte noch höher, im Vollgefühl seines Rechtes und seiner sittlichen
Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen
dort unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“ schwenkte er
furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte er und schwenkte so lange, bis
sie hörten.

„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbürger! In
Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind
beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein
gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim dorthin kommt.“

„Namen! Namen!“

Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klüsing
hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend faßte er die
Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt,
gewinnt“, dachte Diederich, und er brüllte:

„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“

Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn
entgegen und küßte ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu
die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“ oder
„Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten alle, Cohn konnte sich
den Anforderungen unmöglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr,
mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß versehen, kam ohne
rechte Überzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte
die Füße nach und hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er
lächelte entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner
doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast niemand es verstand.
Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. „Ich will den Herrn
Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“

„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr los, daß Cohn, auf
nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts tat. Der Saal war nur noch ein
Fuchteln und Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander her.
„Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem
Haar, die Fäuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der
Bühne war alles auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte Buck
hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk,
über das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war,
abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie
weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant ein, der sich
von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber darüber belehrt, daß der Beamte
allein entscheide, ob und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem
Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht stand! Worauf
Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke führte. Dazu schrie er: „Der
zweite Name!“ Und da alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es
endlich und Heuteufel konnte fortfahren.

„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kühlemann!
Stimmt. Kühlemann selbst. Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das
Säuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kühlemann
bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“ – und Heuteufel zuckte die
Achseln, woraus beifällig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften
pfauchten schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden! Diebe!“
Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel. Man werde hinschicken,
man telephoniere schon. „Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können einpacken.“ „Noch lange
nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn. Pastor Zillich seinerseits setzte
seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner
Tollkühnheit sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er machte sich über
einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu
entschiedener Stellungnahme, ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um
ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken – und überall
hielt er den Leuten Klüsings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit
dem Handrücken auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief: „Steht
da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann noch japsen kann, wird er
zugeben müssen, daß er es nicht war. Buck war es!“

Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig still geworden
war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie flüsterten
nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal ward
es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich hieß es: „Kühlemann
soll tot sein.“ Diederich fühlte es mehr, als daß er es hörte. Er gab es
plötzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er
Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum
ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte nicht mehr deutlich, wo er war.
Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war
oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“

„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als
erwachte er. „Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewährt“, stellte
Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger
doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf
angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale lösten sich auf; das Eingreifen
des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen
gedämpft und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich
noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.



Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch verlaufene
Wahlversammlung“ und schloß daran einen ehrenvollen Nachruf für den
hochverdienten Mitbürger Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften ... Das weitere
geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter
vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die „Partei des
Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen
waren. Diederich trat auf und geißelte mit flammenden Worten die
demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen
die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei – aber er nannte es doch lieber
nicht. „Denn, meine Herren, das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich
mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise, daß er auch nur
verdienen will.“ Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er
wußte nicht. „Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen: ‚Mein
afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!‘ Ich
aber, meine Herren, liefere Seiner Majestät die nächsten Freunde
Richters!“ Er ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig
gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gründe, zu
vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers
erwartet.“ Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort auch diesmal
die Entscheidung; und plötzlich aus voller Lunge: „Wer jetzt noch seine
Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die
Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den
Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen.
Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Wähler würden schweren
Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber ich bin der
erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!“ Er schlug
so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand.
Und daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der Frühe des
Stichwahltages aus der sozialdemokratischen „Volksstimme“, die unter
höhnischen Ausfällen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er über
den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling fällt
hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß Buck ihn verklagen.“ Aber
viele antworteten: „Buck fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die
Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugänglich waren, fanden jetzt, es
sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen
nicht zu spaßen schien, nun einmal meinten, man solle für den
Sozialdemokraten stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt, dann
war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte, sonst ward man noch boykottiert
von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In
der Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte an die
Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der
Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm
den Weg der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte die Pickelhaube
wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen.
Diederich in Reih’ und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht,
daß nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles
Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem
alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am
anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei
schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlängert durch die
Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal.
Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl „Küren“. Der
Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich
gekleidet, im Hausflur. Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf,
Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf es vom rechten Flügel
ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein
aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht
vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale
Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie fähig war, kam noch,
von Hurra empfangen, der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ sich
ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, und bei der
Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. „Endlich!“ sagte er und
drückte Diederich die Hand. „Heute haben wir den Drachen besiegt.“
Diederich erwiderte schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie stecken
noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er
verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra.
Wulckow!...

Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend
war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der
Sozialdemokrat. Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der „Partei des
Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es, daß eine Hochburg des Freisinns
gefallen sei – womit aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch
lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle
natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hieß es nun
wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der
Mittelpunkt eines Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann
hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige Zwecke
vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es
war wie Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der
entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, daß die
Sozialdemokraten für das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug
vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten von
Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine
Niederlage wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der
Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft nicht
fernstehe, sich selbst für berufen halten werde, das Grundstück
mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und
zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem
verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand rüttelte.
Er hätte nicht sagen können, was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er
sich stramm und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen eine
Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt habe. Die andere
Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im
mindesten entkräftet. „Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie werden
es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“

Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich
abgeschwächt, als Heuteufel gestehen mußte, daß sein Freund Buck nicht den
Stadtverordneten Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt
habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und neben Wulckow, dem der
Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des
Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese
Beschlüsse in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit
glänzte. Wenn er seine Sache selbst nicht höher einschätzte! Heuteufel
sagte: „Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch
noch persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst.
Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah
man voraus, der Prozeß gegen die „Volksstimme“ werde seine dritte sein.
Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder schon
im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling war natürlich zu weit
gegangen, sagten vernünftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher
kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit wäre ihm
vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines
Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun
wirklich mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes
Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen dürfen! Und warum mußte
Kühlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte
freischwören sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der
kaufmännische Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld ein und aus
ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,
wenn man für Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch
machte Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit einem Wort
die ganze Sache hätte beenden können, sich hütete zu reden. Er war krank,
nur seinetwegen mußte die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das
Neueste, dies waren die „einschneidenden Veränderungen in einem großen,
für das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von
denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war mit einem
Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er
nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem
anderen, den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen, die nie
wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin ich stark engagiert bei meinem
Schwager in Eschweiler, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig
wegziehen muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen
Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß der Prospekt eher
noch hinter der Wahrheit zurückbleibe. Gausenfeld sei tatsächlich eine
Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne
nur auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden die Aktien in
Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persönlichem Interesse
unbeeinflußt Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer
besonderen Gelegenheit, als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn glücklich so weit
gebracht, daß auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich
ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek für sein Haus in der
Fleischhauergrube. „Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte
Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von mir, seinem
entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer hätte das früher von ihm
gedacht!“ Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte
hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.
Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. Und auch dies zeigte, daß
er auf Gausenfeld nicht rechnete ... „Aber“, erklärte Diederich, „der Alte
ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und
gerade weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen – Sie
verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte Diederich zu seinem mehr
als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. „Er hat mir Mangel an
Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“
Männliche Rührung zitterte in seiner Stimme.

Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf
Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man um so freudiger anerkennen,
daß das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als
Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage abzulehnen. Die
„Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration angekündigt, der Bahnhof
sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es,
dabei zu sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man begrüßte
einander so förmlich, wie die kühl gewordenen Beziehungen es vorschrieben.
„Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?“ fragte Diederich.

„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug Jadassohn Kniehosen.
Er setzte hinzu: „Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die
hier begangen worden sind.“

Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die Verärgerung eines
Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte
er, „Sie würden jetzt Ernst machen.“

„Ich? Wieso?“

„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“

„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte. Sie wohl auch?“

„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich machte ein Gesicht voll
Einverständnis. „Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?“

„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und
schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen! In was für Abenteuer hätte man
verwickelt werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch:

„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin
weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen, es mußte mal zum Klappen
kommen.“

„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte.

„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich
die Stimme gesenkt: „Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen
schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“

Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. „Was glauben Sie
denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie
macht Karriere in Berlin.“

„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich kenne ihre
Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für naiv gehalten.“ Jadassohns
Abwehr ließ er nicht gelten. „Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur
selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es
ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein
Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett – berichtete es so vollständig,
wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln
befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob
hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich entschied er sich
dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in
freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlüsse. „Die Sache bleibt
natürlich streng unter uns ... So ein Mädchen muß man auch gerecht
beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die
Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiß man doch,
woran man ist.“ „Es hätte sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich,
in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen sie
Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im
Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in
Paris.“

„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte sich um, mit einem
Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs
beunruhigte Miene sah, kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er
merkwürdig ernst und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist
es vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf
vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: „Was haben Sie
vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Lächeln eines opfervollen
Entschlusses: „Ich stehe im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang
zu bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als Diederich den Sinn
dieser Worte erfaßt hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle
Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die
Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! – auf, wie zwei
Kirchenfenster im Abendschein.

Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern, in deren Mitte eine
Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfüßig die
Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der
Macht erfolgreich zurückgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und
scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine
bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett erfrischte
man sich nach diesen, in der Julisonne für die Sache des Umsturzes
bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig,
da der Zug ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein
Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte
Tasche hin und fletschte die Zähne. Wie Diederich ihn kannte, war er im
Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich auf einen
untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn
herumging. Er hielt einen großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug
entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem
Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith Lauer, ihr Mann half ihr
herunter, ja, er überreichte ihr den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit
dem ernsten Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte
dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er
war wieder frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin mußte
man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn draußen zu wissen ... Und mit
einem Bukett holte er sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit
gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er fertig
gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man sich als anständiger
Mensch nichts träumen ließ. Übrigens stand Diederich den Dingen nicht
näher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle
werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm
allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu Hause bleibt ... Denn
wie man sich bettet, liegt man.“ Käthchen Zillich hatte es begriffen und
die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen
Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.

Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet durch die Stadt
schritt, nahm jetzt auf die natürlichste Weise den Platz ein, den seine
Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun
so weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu pflücken waren. Die
anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen
Zweifel mehr ... Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte um,
und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die Regierung der Fabrik ihre
Aufträge entzogen und sie dem Heßlingschen Werk übertragen hatte?
Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch bevor die
Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger Zeitung“ so sehr bedauerte.
Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mußte sie leider
persönlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging
wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler
gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. Überhaupt hätte er mit dem Geld,
das Heßling ihm anständigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst äußerte
überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ bemerkte er
auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das
Schicksal. „Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den
Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte
Buck werde auch ihn selbst, als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin
hineinreißen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein
Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde.
Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte.
Keiner gestand es gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und
hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß jener schon verkauft
habe. Seine persönliche Meinung war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den
er übrigens nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte. Einige
Monate später brachte die Zeitung ein tägliches Inserat des Bankhauses
Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen.
Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld sollten
fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. „Und der alte Herr
Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch
mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr
Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die
„Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt. „Er wird wohl
hineinfliegen“, meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit:
„Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“

In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden
Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing hatte schon längst zu jedem vom
Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders
gesprochen? Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck genannt? Dies
alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt
gewesen, daß das Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht
genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen? Jedenfalls nicht dagegen.
Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich für den Platz
interessierte. Klüsing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner
kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem
bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das
Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem für
Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger Buck wünschte
festgestellt zu sehen, daß der verstorbene Kühlemann es gewesen sei, der
mit Klüsing verhandelt habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes.
Aber die Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden auch
hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein
Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu
lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing
geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte.
War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:

„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest,
daß ich, was alle Zeugen bestätigen, niemals öffentlich den Namen des
Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte. Ich bin für die
politische Moral eingetreten. Persönliche Gehässigkeit liegt mir fern, und
es würde mir leid tun, wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht
ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“

Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien
unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben,
welches seine persönliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat
Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der
tragisch verlaufenen Wahlversammlung.

„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben über
meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge
sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen
anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugänglich, auch
dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht
mir, es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der
Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermögend, als ich in die
Öffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich
brauche keine Verteidigung!“

Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich zuckte nur die
Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon längst
keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek
gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern. Konnte ein
Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn einer von uns den anderen von
oben herab zu behandeln hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den
Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgültig,
mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl – und
gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies
für alle feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder, er
bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den
Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich
unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbürger.“

Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage
fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck.
Seit dem Prozeß Lauer fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an
überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück hieß, da er jetzt
ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im
Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es
war Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war als
Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn – und ihm
gegenüber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die
zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun
mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß der Alte sich für das
Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von
Heßling und tröstete im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei
Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße drückten Achtung
in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit übergeht. Die Hereingefallenen
grüßten den Erfolg.

Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das
Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur fünfzig Mark für den Redakteur der
„Volksstimme“! Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube
ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die Juristen – und
wie Buck das Gerichtsgebäude verließ, wichen auch die Freunde ihm aus.
Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten,
schüttelten die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des
Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung über den alten Buck
eigentlich schon längst fertig waren. Ein Geschäft wie das mit dem Terrain
für das Säuglingsheim mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling,
und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein
Geschäft geglückt. Er dünkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und
Parteiführer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der
geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die moralische, dafür zeugte
die nie recht aufgeklärte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes,
desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für demagogische Zwecke,
aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung, was dann wieder auf die
Geschäfte zurückwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts
mehr zu verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit
gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich auf Gedeih und Verderb in
der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war
der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten andere sie ihm nahelegen. Das
Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein
Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte der
Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck
diese Bestimmung erfüllte? Die Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie
die „Netziger Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen,
feststellte. Aber es mußte erst so weit kommen, daß die
Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befaßt ward. Da endlich,
einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und
legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn
hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren, nicht länger an
der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es
schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor
in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm
wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die
er für vergänglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,
trete er zurück. „Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den
ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen,
im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder
von mir nehmen wird.“

Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die Wohlmeinenden
entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Übrigens hatte, was er schrieb
oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die
ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich ins Gesicht,
ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen:
es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch
voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoß.
Statt der alten Freunde aber, die auf seinem täglichen Spaziergang sich
niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er
heimkehrte und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner
Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken saß, oder
ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein die Häuser entlang streichender
Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer
oder frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung,
dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten
ward, nahm er, ganz gleich welche.

Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht mehr. Wer mit
Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig vorbei, und manchmal
grüßte er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn
bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorüber,
erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein
hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus
einem Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind ward fortan beim
Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen überlaufen, gleich
wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen
unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der
herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus
verließ, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt
rückhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem
Unglück mit Käthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für den
Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder
für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen
weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun
sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den
Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt an und sah in
diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der
er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.



Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu
wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die
„Netziger Zeitung“, jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest,
daß Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im
Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Heßling zum
Generaldirektor befürworten mußte. An der Tatsache spürte mancher einen
eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr
Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes
Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die
Hälfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, wären sie
sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der
Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors glücklich
beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß
die Regierungssonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.
Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaftliche Leben
Netzigs und besonders für die Papierindustrie – zumal das Gerücht von
einer Fusion des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, daß
Herr Doktor Heßling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen,
die Leitung Gausenfelds zu übernehmen.

Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das
Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue Kapital ward das Heßlingsche
Werk erworben. Diederich hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine
erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr der Lage,
mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern, und konnte daran gehen, der
inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken.
Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und
Angestellten. „Einige von euch“, sagte er, „kennen mich schon, vom
Heßlingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer
mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem kleinen Teil von
euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem
Befehle habe. Ihr könnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch
auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu
wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden Ordnung zu machen.“
Und er verhieß ihnen eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige
Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in
Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“ Auch dem Unglauben, sagte
Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich
überzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt die
unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid und Zwietracht
geben. Und darum: einer muß Herr sein!“

Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Räume der
Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkündeten. Durchgang verboten!
Wasserholen mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten!
Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht
versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schließen, der ihm Vorteile
sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder
mitbringen, „Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“
strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren, noch bevor sie
wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe
dahinlebendes Paar, das unter Klüsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung
zu entziehen gewußt hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war
für Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des
Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten ließ er ein in Gausenfeld
selbst erzeugtes Papier aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin
konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit
denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die Arbeiter einen von hoher
Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege
überzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich
ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte. Ermutigt durch diese
Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter
dem Zeichen „Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige
Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt auf deutsche Technik,
siegreich durch die Welt.

Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese
erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich
veranlaßt, bekanntzugeben, daß er vom Versicherungsgeld nur
Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte
sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,
freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte
der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward er zum Aufwiegler,
verkam sittlich und wäre unter anderen Umständen unbedingt entlassen
worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das
ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann....
Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der
Arbeiterschaft nicht zuträglich. Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher
politischer Ereignisse. Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere
sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da
konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war
bewiesen. Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung; seine
Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit düsterem
Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug,
die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein
Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Mörder
behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von
seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich
gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und
wochenlang öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter schon
gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse, und gemeinsam mit
Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine
Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“, vom Unternehmerverband
oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den
Allerhöchsten Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den
Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr
erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen
Maßnahmen, militärischem Schutz der Autorität und des Eigentums, nach
Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die
„Netziger Zeitung“, die alles dies pünktlich wiedergab, vergaß aber
keinesfalls hinzuzufügen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor
Heßling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus führte
Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen
hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß
in Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren
Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem sie sie am Gewinn
beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Heßling vertretenen
Grundsätze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar
beste Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall in der
deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein kräftiger Widerstand gegen die
unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der
Arbeitgeber gehörten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn
Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben stand Diederichs Bild.

Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung an – trotz der
unerlösten Sünde, die ihre verheerende Wirkung übrigens nicht nur
geschäftlich, sondern auch in der Familie äußerte. Hier war es leider
Kienast, der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne ihn und
seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine
glänzende Stellung gar nicht erlangt haben würde. Worauf Diederich
erwiderte, daß Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden
Aktienbesitz entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,
vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche eine rechtliche
Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der
Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik
gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und
Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen. Kienast verlangte ein Achtel
der Kapitalrente und der jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf
dieses unerhörte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, daß er
weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig
sei. „Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn
meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört
nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das
ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu fordern.“ – Kienast nannte
dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen
überzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß.

Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung
geführt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,
seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als
Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier aufgestellt, der in
seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, daß Diederich schon früher
an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt habe.
Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit
mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen:
was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch
dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen Malen größere Beträge für die
sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen,
sein persönlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den
dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht
reichte, schürte den Streit der Männer mehr aus weiblichen Motiven. Ihr
Erstes war ein Mädchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte,
leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit
einem aus Berlin bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest,
daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise bevorzugt wurde.
Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die
Höhe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die
verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß der Vorrang, den ihre
Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und
sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner
Glanzzeit, heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann
fand, schien dies besondere Gründe zu haben – die man sich in Netzig denn
auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen.
Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich
eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie nämlich bei Kienasts der
Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein
furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von
Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofür man Stoff sammelte,
indem jede der beiden Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb.

Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher Besonnenheit den
äußersten Familienskandal für diesmal noch verhütet hatten, brach er
dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem
Dritten und sogar voreinander verstecken mußten, so grenzenlos frivol war
ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte
Maß einer wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich jeden
Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf dem Frühstückstisch, und
jeder ließ den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des
anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem
Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu
erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie
selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. „Du wirst wohl
wissen, wer sie dir schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot
angelaufen. Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei sie
gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste und zischte, „daß du
dir selbst mußt solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann
schreib’ sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“
Magda protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen
aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt, sie rief Diederich aus dem
Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe
zurück. Gegenüber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem
Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann
faßten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der
gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen
zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art,
daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe
sie vernichtet. Die alte Frau Heßling sogar war nicht verschont geblieben!
Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt ... Da
dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klärte, trennte
man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs
ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst herausstellte,
daß auch Inge Tietz zu den Empfängern der unpassenden Darbietungen
gehörte. Was hiernach zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche
Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei
Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister und den Seinen. Soweit man blickte,
hatte er um das Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden,
eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen. Wochenlang wagte
Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich
entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem
Vertrautesten. Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß der
Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument,
unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke
fest, die in ihrer Eigentümlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief
verschwiegen, bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles
auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch einen prüfenden Blick
zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein
Blick prüfte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.

Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich.
Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage
gestellt. Dank seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische
Selbstgefühl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt
gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmaßregeln
getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfältigen Ängste,
unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans
Licht führte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergießen über einen
Mann. Gottlieb Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit
Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und sich gewisser Briefe
gerühmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge
Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es
sei Mode, ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend
zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter
Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nützlichen
Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten,
wäre es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte. Und als
Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, daß er schon längst
überall verdächtigt war. Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke
erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug
offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das
Recht, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf
verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen
entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme wohl nicht nur außen nötig
hätten, und bei denen mit Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward
angeklagt und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft ohne weiteres zu.
In den meisten freilich leugnete er sie um so kräftiger, aber dafür gab es
Schreibsachverständige. Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach
für diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand
der öffentliche Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der
seit seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt
befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein, einwandfrei dazustehen,
hatten ihn sogar Mäßigung gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große
Ganze es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung für nervös
überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der für seinen
unglücklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem
Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich
ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwämme
und Zahnbürsten für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum vorhersagen für
Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten, sobald er wohlverwahrt in der
Anstalt saß, die Briefe auf. Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch
einer kam, nichts mehr merken, die Affäre war abgetan.



Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine Burg.“ Die Familie,
nicht länger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blühte auf das reinste
empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte
1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch
bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung
und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste.
Horst kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war, erklärte Diederich
seiner Gattin, daß er, vor die Wahl gestellt, sie glatt hätte sterben
lassen. „So peinlich es mir gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die
Rasse ist wichtiger, und für meine Söhne bin ich dem Kaiser
verantwortlich.“ Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitäten und
Ungehörigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen
Erhebung und Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei großen G“,
bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem rotgewürfelten
Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Würfeln, lag neben der
Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es ist oben erwünscht“, sagte
Diederich ernst, wenn Guste sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht
seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten der Vortritt gebühre. Die
Kinder wieder mußten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe
hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern,
sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des
Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder
aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden
nur für den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein
Stück davon über den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es
erwischte, Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf war öfters
durch eine Verdauungsstörung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann,
ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer
beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde.
Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne
gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte
geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von allem, aber sie kam
schön an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht
erwarten, daß Diederich nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte
sich dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war
entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit
desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand großer
Lärm, weil die Köchin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber
hatte. „Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl Diederich; und
als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende Flüssigkeiten
verspritzend, durch die Wohnung.

Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte er seiner Gattin
immer wieder, daß leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren – was
Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von
gewissen häuslichen Zuständen in Schloß Friedrichskron, die Guste lebhaft
mißbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es mußte
unbedingt zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers. Und
warum? Man wußte es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestät einst in
angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten
erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem kamen
aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen
siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden wäre. Über die Zeitung
hinweg sagte Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur
Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern gehaßt. Das ist ein
Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe es.“ Er unterschrieb jedes
Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form,
nicht in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese
Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens – Diederich lebte und webte in
ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis
bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie
wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei öffentlichen
Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer
unterschied, was von ihm kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“,
sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört in unsere
Faust“, behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der
Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel
sich die hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. Ein
Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen gab, hatte ihr
nicht geglaubt, daß sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er
vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies
entzückte auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz griff, daß
der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße ging, um mit 57 Mark
neugeprägten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und
wie es ihn ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli des
Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloß der
„Lokal-Anzeiger“, und dann wieder brachte er einem die Allerhöchsten
Herrschaften gemütlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen
Bronzefiguren der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken, und den
Trompeter von Säckingen, der sie begleitete, hörte man traulich blasen.
„Himmlisch muß es bei Kaisers sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist.
Sie haben hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich von tiefem
Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den
Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte
in ihm, bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche
Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein
Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der
Kaiser und der Zar sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte
er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen. Die Weltgeschichte
läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt er sich länger bei drohenden
Katastrophen auf, denn „die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“,
stellte er fest.

Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte immer häufiger. Unter
dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu
erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar
mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken äußern, da sagte
Guste mit ungewohnt strenger Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit
entfernt, diesen Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete
er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie
vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich hatte er eine mächtige Ohrfeige –
worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter
einen Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich,
daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln
Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen.
Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte,
begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger
gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: „Auf die Knie,
elender Schklafe!“ Und Diederich tat, was sie heischte! In einer
unerhörten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ – und dann auf den
Rücken gelagert, ließ er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich
unterbrach sie sich inmitten dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne
ihr grausames Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich rührte
sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. „Ich bin die Herrin, du
bist der Untertan“, versicherte sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“
– und sie stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem
ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm schon, da gelang es
Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden
Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen
Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte. Etwas später lag sie
vielleicht schon und schlief – Diederich aber, noch immer des Äußersten
gewärtig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich
hinter dem bronzenen Kaiser ...

Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das
Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt
aufging. Durch ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller
Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls sie noch eine
Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende. Autorität und Sitte
triumphierten wieder. Auch sonst war dafür gesorgt, daß die ehelichen
Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich fort – zum
Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht
immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen,
in dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer das Weib,
je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“ Und auch die kernigen
alten Sinnsprüche in den übrigen Bogen rächten einen in wohltuender Weise
für die Zugeständnisse, die man, durch die Natur genötigt, der Frau daheim
zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein
Leben lang“, oder „Behüt euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen
Weibern und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und
Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche Rast am traulichen Herd,
und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher
Mitt’, kommt trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah, ohne
Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt
ihren näheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich
eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben
auf die Dauer niemandem möglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu
übersehen, der den nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug.
Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor
unter Mißhelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch
unübersteigbare Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt
sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden Seiten
feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom
Übel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende
Männer gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum
hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Übrigens
milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der
Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. „Aber
es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen
auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel
mußte es zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit und
Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich zurückhaltender als ehedem;
bei jedem neuen Auftreten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte
zu nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich einfach
angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade
allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der
Energie des nationalen Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete
und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den
Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht gönnten, ein unerbittliches
_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer
aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten Engländern
rückte näher! Die Flotte, für deren Ausbau die geniale Propaganda unseres
genialen Kaisers unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere
Zukunft lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr
an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward
zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt, ihrem
Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblüffende Maschinen
bürgerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten,
genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“
benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen,
und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die
Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den
gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die
Beschießung Londons ward verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine
Begleiterscheinung und vollendete die Pläne, die Gott mit uns vorhatte.
Denn „die christlichen Kanonen tun gute Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte.
Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den düstersten
Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war,
hielt er jede Niederlage für möglich. Aber er blieb der einzige Nörgler.
Wer am meisten triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche
kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte, jetzt endlich, ein
Vierteljahrhundert später, fanden sie ihre wahre Bestätigung in der
allgemeinen Gesinnung. „Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät
haben, na nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen dürfen!“ –
und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.

Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhältnis zu
Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphäre der
gesättigten Existenzen vorgerückt, beeinträchtigten einander weder
politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes
Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die
ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuß. In einer
Proszeniumsloge der „Walhalla“ saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward
allgemein durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand gegrüßt; und
ihrerseits verhielt sie sich wie eine Königin, die ihr Inkognito wahrt.
Natürlich wußte trotz der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich,
die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen
Villa nunmehr erfolgreich ausübte. Auch verkannte niemand, daß dieser
Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu
heben. Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen von den Spöttern,
die entzückt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor
bei der Polizei die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen
Widerstand, der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge
annahm zwischen der Villa von Brietzen und den höchsten Stellen der Stadt.
An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der göttlichen
verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen,
und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die
verlorene Tochter einer Züchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die
ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes Leben, wie
die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwäche
nach für die Tochter in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und verfault, wodurch
er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit
verstärkte die ihm widerfahrene Prüfung seine Autorität ... Diederich
seinerseits kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel mit
Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von
allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine.
Jadassohns Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher her, als
Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die
Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten
am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was einem
Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl gerät“; und mit der
gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon über die
christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der
Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche
Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen günstigen
Einfluß auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu
haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch wieder
richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Käthchen auf diesem
Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur
mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto.
„Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn, „erfordert eine großzügige
Repräsentation. Sonst würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft
fallen lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier lächelte
Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“ fuhr Diederich fort,
„ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die
Hand vor – „ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann man
nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir
vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich
schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“ Jadassohn
lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon
längst für seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling
aufzuklären über diese Zusammenhänge.

Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn ein ähnlich
ersprießliches Zusammenwirken wie bei Käthchen; denn gemeinsam beeiferten
sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von
solchen, die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten.
Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf
Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir
gestaltete sich ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den Sang an Aegir
einen –! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck
sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung
für durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefühl.
„Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“, sagte er am
Stammtisch. „Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was
in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht
gedient.“ Hier errötete Diederich ... Leider bekundete Buck solche
Gesinnungen nur, solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine von
früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter in den Schmutz zu
ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anständigen Gesellschaft
auszuschließen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte.
Er verteidigte seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken, er ist erblich
belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit
vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es für einen
gesunden Kern in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgefunden
hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig, wenn Buck sich über seine fast
dreijährigen Erfahrungen beim Theater so völlig ausschweige. War er
überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte Diederich nicht
beantworten; es war ein logisch nicht begründeter, aber tiefsitzender
Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder
nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach,
nachdem sie die schärfsten Gegensätze bloßgelegt hatte. Er führte Buck
sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn
Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam
er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich über Diederich hinweg
und in einer Art, die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe
Gespräche, anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen Faktoren, die der
Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie
die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends
unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte
Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem
eigenen Erstaunen entschied er sich für das letztere. „Sie haben beide
sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“,
sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf
zu achten, daß er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine
eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug
schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“, dachte er
zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht! Bismarck hat es auch so
gemacht, mit Österreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Bündnis!“

Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete Diederich auch dem
Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem
Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er
die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage
vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemüht, zu verbergen, daß er nicht
atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche
Blüte Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt die Macht
hatten? War er überzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, daß
Generaldirektor Doktor Heßling, der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich
heimlich in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu
schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen Alten: er
auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der
alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspätung zahlte, schlug
Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich dürfe der
alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte
Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater,
anzunehmen.

Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der Große war hundert Jahre
alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die
Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende,
mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite bewilligt und
wieder überschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde
getroffen, als Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger
ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld
getrieben, ging des öfteren am Abend in die Meisestraße, um sich vom Stand
der Arbeiten zu überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes
ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem
glänzenden Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier
gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte waren kein
Kunststück, wenn der Vetter Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm
einfach das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und mußte
zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah
rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebüsch zurück.

„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:

„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb
Millionen Schulden gemacht, um dieses Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte
auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken,
Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend ihre Krallen
in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die
Rundbänke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Löwen
zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte
durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die Rückwand des
Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war überdies immer
in Gefahr, von einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm,
auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte –
wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu
Hause, vom Fuß des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit
anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.

„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte Wolfgang Buck. „Der Alte
war nur ein Vorläufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit
Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von
allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“

Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte der Vater: „Und du, mein
Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen.“

„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir nicht. Wir sollten uns
leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der
Zukunft; und ich sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich
die Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin gegangen, weil
einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident geweint hatte. Aber bedenke
auch, ob dies erträglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in
Herzen, hohe Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle ich
für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und
betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionäre aus und
schießen auf Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“

Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.

„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des Geistes rührt nie an euer
Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie
ich, würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren.“ Und
er zeigte nach den Löwen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er
sagte:

„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt
weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir
waren scheinbar umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft ihr
ihnen das Feld nicht lassen.“

Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater? Sie hüten sich, die Dinge
auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus
der Geschichte haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale
Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk gerade so
weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kämpfen, um Brot,
geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?“

Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. „Der
Geist der Menschheit“, sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den
Kopf gesenkt hielt:

„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie
auszuweichen denken, vorüber sein wird, sei gewiß, die Menschheit wird
das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser
nennen, als die Zustände, die die unseren waren.“

Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht gelebt haben, der nur
in der Gegenwart lebte.“

Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an
seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte
im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das
Gefühl, aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen Traum zu
kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt worden war. Und trotz dem
Unwirklichen, das alles Gehörte an sich hatte, schien hier tiefer
gerüttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem
einen dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte auch nicht
viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser gewesen, sie hätten
einen gesunden Lärm im Lande geschlagen, als daß sie hier im Dunkeln diese
Dinge flüsterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.



In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam
mit dem Schöpfer des Denkmals entwarf Diederich das künstlerische
Arrangement für die Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr
Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben würde. Überhaupt
kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, nämlich
Genie und vornehme Gesinnung, während er sich im übrigen durchaus korrekt
und geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Bürgermeisters
Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafür, daß es, veralteter
Vorurteile ungeachtet, überall Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund
zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium zu faul
ist und Künstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig
zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur
Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen
Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät entdeckt und
durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto
des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier
trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten
lehrte, wenn sie ihn dann auch hängten. Auf die Verdienste des Ritters
Klitzenzitz hatten Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders
aufmerksam gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte auf die
Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben für
einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag;
Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch das
Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte spielen zu lassen –
und welche Aussichten, als der berühmte Gast die ersten Zeichenversuche
des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn.

Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich mit dem Günstling
Seiner Majestät nicht zu stellen wußte, bekam vom Denkmalskomitee die
Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte;
die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber übertrug das Komitee
seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schöpfer des Denkmals und
Begründer der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt hatte,
Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Heßling, bravo! Diederich,
bewegt und geschwellt, sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der
Oberpräsident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte
Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte
sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er
sich sogar, auf der Tribüne der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen.
Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief,
aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. „Es
bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer
offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott
sei Dank nicht mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es, denn
als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was brachte es außer den
gewohnten Kaiserbildern? Zwei Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des
Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk
den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des
Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts – was
allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine Stellung
erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er tat Schritte, um doch
noch in die „Woche“ zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich
ließ sich verleugnen. Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da
geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an Guste herantrat. Die
Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein
Mißverständnis ... „Schön hat er gemacht wie unser Männe“, berichtete
Guste. „Aber nun gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen
Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich Zwang antun,“
sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst
von Haffke gibt ihn auch schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht
er, es gibt noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht
verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer
großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel
aufdrücken.“ – „Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte
Buck.

Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen
Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer
anstößiger. Seine Entrüstung nahm einen solchen Umfang an, daß der Besuch,
den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, für
Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und
Immunität hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich
umgehend im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß ihm das
geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspräsidenten von
Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstück des
Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er
den Titel „Schmiergeld“ gab. Der Zeitung zufolge bemächtigte hier der
Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich
zitterte, in der nächsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er
nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt. Statt
dessen redete der Minister, er überließ den unerhörten, leider unter dem
Schutze der Immunität begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich
nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem
es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall
erledigt, es erübrigte nur noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte
und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem
Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blätter, die die Vorsicht
außer acht gelassen hatten, mußten ihren verantwortlichen Redakteur den
Gerichten ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich
benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn
Regierungspräsidenten hatten zweifeln können, glatt das Tischtuch zu
zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus
erster Quelle,“ sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft gewiß.
Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und hat einen großartigen Witz
gerissen.“ Acht Tage später brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis,
Glatze und Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu
die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow, der geistige Schöpfer
des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kürzlich ein allgemein als
empörend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung
zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des Generaldirektors Heßling
mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich überzeugte
sich, daß der gebührende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen
Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz allem tief
befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das günstigste vorbereitet
für seine Festrede.

Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener
Nächte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit
Käthchen Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses ein
merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich,
das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit
seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig
belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der
Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte man auch nur nach
Gewährung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine
feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter
unseren Soldaten und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer in der Sonne
die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen, links und rechts von den
langen weißen Tüchern, hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten
durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher Fahnen.
Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre
ins Blut übergegangene Disziplin befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde
Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Überwachung war nach
rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich
nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenüber
dem Denkmal schien ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle
Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit ihr, wenn er
kein Feigling war, aber natürlich ward sein tollkühner Angriff so
nachdrücklich zurückgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form
wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den
Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet worden. Sein
Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweißrote Schärpe und die Rede,
die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten für die
Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und
Diederich mußte auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz
sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.

Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling seinen allseitig
bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen
und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der
Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben über seine
Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,
Eichenkränze um die Zylinderhüte, unterhalb der Militärtribüne stand, an
seiner Spitze Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen und befehligt von Pastor
Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer saß, in der Haltung einer
Königin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier fühlte
Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen.
„Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht für die Dame“, sagte er,
keineswegs zu Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig zu
halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – und hätten ihm auch nicht
die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier für die
stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die Tribüne
eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah
das Außerordentliche, daß der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln
die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab
nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt ab für den Übergriff der
Unmoral. Diederich, betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien,
ließ es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz
oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige die Gegensätze betonende Worte
wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte über und
drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gäste
auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran
Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem
Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es möglich?
Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben,
Sternenblitzen und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte
Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen Sie mich gefälligst
nicht treten!“ verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war
aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie
dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist das
einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da kann man nichts
machen!“ – „Aber der mit den gelben Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der
Schlanke! Der muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“
Diederich lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei, der nicht ein
echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage,
ein Flügeladjutant Seiner Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich
hier!“

Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei Divisionsgenerale,
Donnerwetter!“ Und die schneidige Anmut der Begrüßungen; sogar der
Bürgermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen
vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch
sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend ihm
selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle
Bedeutung eines Regierungspräsidenten erst jetzt zur Geltung, wo er
salutierend das gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren
Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen unserer Macht!“ rief
Diederich in die wuchtigen Klänge des Einzugsmarsches. „Solange wir solche
Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und voll
überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stürzte er
hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte,
trat ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“, sagte der
Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt, stieß Diederich gegen einen
Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein
Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame
mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn Stadtverordneten, „aber auf höheren
Befehl hat ihn die Dame gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in
ersterbendem Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung, die
sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner Majestät! Dann
allerdings! Diederich überlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und
Käthchen Zillich öffentlich seine Huldigung zu entbieten.

Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie
Rührt euch, und auch Kühnchen ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem
Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah,
sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kühnchen in
seiner historischen Landwehruniform, die außer vom Eisernen Kreuz von
einem ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine französische
Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Geländes auf Pastor Zillich in
seinem Talar – auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter
dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribüne
ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren
Offiziere taten es von selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste
Burg“ an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der
Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte Alliierte nun genug
habe, ließ sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von
ihm der blühende Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen
gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten von Wulckow einen Wink
erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab
sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das
Wort an Diederich richtete. „Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der
Schutzmann.

Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die
Beine waren ihm plötzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach
einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine
Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus Papier übersät war.
Der Anblick des Bäumchens gab ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann.

„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren!

Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung
harrt durch den Vertreter Seiner Majestät, uns und dem Vaterlande
geschenkt ward; gleichzeitig aber – das macht diese Stunde noch
bedeutsamer – ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel den
Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die große
Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren
Rückblick werfen.“

Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung
der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Längere Zeit verweilte er
beim Ozean. „Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der Ozean
beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne
den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das
Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom
geschäftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der
Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn früher aus mit
uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des älteren
Geschlechts, das durch eine einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen
Anschauungen verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt
hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden war, wenn wir, im
berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk Europas und der Welt zu
sein, von Nörglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestät, antwortete
Diederich. „Er hat den Bürger aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes
Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich sich auf
die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit, seine einzige, unvergleichliche
Persönlichkeit ist stark genug, daß wir allesamt uns efeuartig an ihr
emporranken dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand.
„Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschließt,
dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder
unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte er
wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch den Geruch des
schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon; denn der Wind, der aufkam,
trug ihn her.

„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver
Betätigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die
uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und
bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer Herrenkultur,
die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird überboten
werden können!“

Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf nicken, indes der
Flügeladjutant die Hände gegeneinander bewegte: da brachen die Tribünen in
Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im
Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Käthchen
Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentücher, nahm
seinen hohen Flug wieder auf.

„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in
einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat
es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt, und
schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere Fahnen
aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu
schmieden!“

Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms des Großen, woraus
wir, wie Diederich feststellte, erkannten, daß der Weltenschöpfer das Volk
im Auge behält, das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende
Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich hierüber niemals
Irrtümern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem großen
historischen Augenblick, wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in
der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab
und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefühl hatte er es weit
von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren
Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament
ihn hatte entbinden können! Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies
erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des
dahingegangenen Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch Erfolg gehabt;
und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter wäre Wilhelm der Große
heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“

Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder ungestüme
Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kälter; und als sei er
angeregt durch den verdüsterten Himmel, ging Diederich zu einer
tiefernsten Frage über.

„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war
der Feind des großen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm
glücklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst
seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“ Hier unternahm Diederich es, zu
malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen
Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiosität
versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschäftssinn
großgezogen, Mißachtung des Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit
niederer Genußgier. Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und
jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Äußern nur auf das
Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als
die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb
ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel,
den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... „Von all dem
wissen wir nichts!“ rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen
dort oben. „Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken
nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“

An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon und der
Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es
grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu
weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende Mienen,
und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribüne litt
selbstverständlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich
immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum
Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: „Unser alter Alliierter
bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch
sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je
aus seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären die bestechlichen
Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das
Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens.
Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden
des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede
heidnische Kultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der
ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die
Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen
die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die höchste
Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im
Rock des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“

Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es schien, durch
Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man
einzeln hörte, so schwer waren sie.

„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich, „wälzt sich immer wieder
die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und
deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, die unsere
staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den
letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen
werden, daß dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem
Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen
und offen sagen darf: Ja!“

Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, daß ihm
die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten ließ,
benutzte die Ziviltribüne, um durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede
für beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen der
Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als
warnten sie, klopften immerfort diese eigroßen Regentropfen ... Diederich
hatte wieder Luft.

„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem Schwung, „wenn zum Gruß
die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette
im Präsentiergriff blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult
hockte. Zum Glück kam er wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt
worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum daß noch jemand
hörte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpräsidenten bat, er
möge geruhen zu befehlen, daß die Hülle falle. Immerhin trat der
Oberpräsident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine
Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach:
„Im Namen Seiner Majestät befehle ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel.
Auch ertönte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Großen, wie
er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt
von allen Furchtbarkeiten der Macht, stählte die Untertanen noch einmal
gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten fand
lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil dir im Siegerkranz
gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, daß sie sich nun bis an den Fuß des
Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon
wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, daß der
hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders
zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender,
als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs. Er
wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den großen langsamen Tropfen,
und mit ihm Ulanen, Kürassiere, Husaren und Train ... Schon war die
Inschrift „Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, der Schöpfer,
durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte
auch der geistige Schöpfer Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da
platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich
umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knöchel, Seiner
Exzellenz lief es aus Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter
Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, daß die
Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren
nassen Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die
Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe
Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das
Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden
Zuckungen im überschwemmten Gelände badete. Unter solchen Umständen sah
der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf des Festprogramms aus
Zweckmäßigkeitsgründen zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und
wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten
Rückzug an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz
sich des noch immer an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen
Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt, jeden
Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend und wasserspritzend,
dem Präsidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem
Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der
Übergabe der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm
und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schließlich fand er ihn
unter dem Rednerpult im Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte
der Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz
ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern.
Diederich hatte nur geseufzt.

Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte auf die Erde zu
spähen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drüben die große
schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus
dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in jagendem Geisterlicht,
schwefelgelb und blau, bäumten sich die Pferde der Paradekutschen und
nahmen Reißaus. Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und
über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der
Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon die fliegenden Trümmer des Umsturzes
fühlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr
Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmäßiger Weise vom
Ausgang zurückgestoßen, schlankweg übereinander rollten. Nur ihrer
Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch – indes
Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den Überresten der Tribünen und des
offiziellen Zeltes, schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern um
die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die
Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach
der Durchbrechung des Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Auflösung. Ein neuer
Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander – und Diederich, die Augen
zugedrückt und schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück in
die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf
Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfaßt, was über alle Begriffe war:
das Gehege, das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark,
zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden,
und dann dies Drunter und Drüber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und
Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen – und
dies Gefegtwerden von den Peitschen der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen
Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen Säulen,
gottgesandten Männern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und
Train!

Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie
hatten nur ein Manöver abgehalten für den Jüngsten Tag, der Ernstfall war
es nicht. Unter Vorbehalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß
es nur noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war, mit allem
Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, das
Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah
aus wie eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. Doch, da
hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin,
der das eingestürzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es
hinter den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht
aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn stärkte ein
Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin,
„hätten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen
gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt. Na nu kriege ich
die Versicherung. Es gibt einen Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr
entgegen, die zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
Geschäft.

Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er
hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und
in der rückwärtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit
sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er, die innere
Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Straßen fingen den Wind ab, ihm
ward es wärmer. „Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber
doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst keine
Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser Sorge erinnerte er sich
seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestät, wird nur
verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des
Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich laut in der leeren Gasse. „Und
wenn es Dynamit regnet!“ Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war
ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem
Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte „Etsch“ – worauf er ihn sich
ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.

In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwürdig, vor dem
Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –?
Diederich spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand
außerordentlicherweise offen, so als würde jemand erwartet, der selten
kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Küche
vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen.
„Also ist es so weit“ – und plötzlich ward Diederich von einem Schauer
angerührt, er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei habe
ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes
Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie mir nachher
nichts forttragen.“ Aber nicht nur dies drängte ihn vorwärts;
Schwierigeres und Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und
Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und
dachte: „Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre
deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er
nicht eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine
Sache ist gut oder nicht gut. Und für den Ruhm der guten Sache soll man
nichts versäumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch
zusammennehmen müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten
Napoleon ging.“

Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig den langen
Gang, an dessen Ende die Tür offen, auch hier wieder offen stand. Sich
gegen die Wand drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß
hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte Buck und schien
nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite
– nun sah man die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem
Gesicht, das niemand erwartet hätte; zwischen den Fenstern die
zusammengedrängte Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater, der
nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner
stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem
Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte
Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten
sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,
und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die
fortführten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterließ er
als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in
den Fäusten!

Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer,
obwohl Tränen aus seinen dort hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus
wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren
Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte – und die Frau
des Ältesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände.
Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es
war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte?
Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man
dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen
konnte. Ihren Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf den
Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend
und empfangend – wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und
Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, daß es
durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief in den Zügen des
alten Buck?

Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte:
erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch
strammer, wölbte die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, und
für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen, tief
vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom
Entsetzen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er
hat den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf und schloß die
Tür. Diederich war schon entwichen.



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