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Title: Der Deutsche Lausbub in Amerika - Erinnerungen und Eindrücke
Author: Rosen, Erwin
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Deutsche Lausbub in Amerika - Erinnerungen und Eindrücke" ***

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

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                              Memoiren
                             Bibliothek

                             _IV._ Serie

                             Erster Band

                         Der Deutsche Lausbub
                              in Amerika

                              1-ter Teil
                                 von
                             Erwin Rosen



                                 Der
                           Deutsche Lausbub
                              in Amerika

                             Erinnerungen
                            und Eindrücke
                           von Erwin Rosen

                             Erster Teil

                      Achtundvierzigste Auflage

                   Verlag - Robert Lutz - Stuttgart



                       Alle Rechte vorbehalten.

                Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

                            Copyright 1911
                      by Robert Lutz, Stuttgart.



                               Inhalt.
                                                                 Seite

=Vom Beginn des Beginnens.=

  Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
  -- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf
  den  Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengießermeisters.
  -- Erste Liebe und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld
  reißt.                                                              5

=Im Zwischendeck der Lahn.=

  Im Bremer Ratskeller. -- »So schmiede dir denn selbst dein
  Glück!« -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
  Nebengeschäftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
  -- _Atra cura_ ... -- Das Mädel mit den hungrigen Augen. --
  Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen.                       19

=Ein Tag in New York.=

  Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
  Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
  Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. --
  Hallelujamädchen. -- Im Park.                                      35

=Das Pokerschiff.=

  Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen
  Nationallaster. -- »_Fine game_, dieses Poker!« -- Die
  Weisheit des Bluffens. -- Key West und Johnny Young aus San
  Antonio. -- Eine bissige Bemerkung über Millionäre. -- Im
  Salon! -- _Good bye, Miss Daisy_ ... -- Dies ist Texas, mein
  Sohn!                                                              49

=Mein letzter Dollar.=

  Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wär' ich nur
  ein Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat.
  -- Auf dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstück. -- Der
  gute Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an                    69

=Im Reich des Königs Baumwolle.=

  Das Städtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr.
  Muchow Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer
  beim König Baumwolle. -- In Deutschland wär' die Farm ein
  Rittergut gewesen ... -- Baumwollpflücken und Baumwollmühle.
  -- Die Reklamereiter. -- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub.
  -- Wie aus dem Wald das Feld wurde. -- Der Neger. -- Die
  amerikanische Krankheit des Wandertriebs.                          80

=Da hinten in Texas.=

  Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland.
  -- Grasgrüner Wissensdurst. -- Die Negerin und das
  Liebespulver. -- Ein Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub
  langweilt sich. -- Das Gäßchen der winzigen Häuschen.
  -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das Parfüm und die Folgen.
  -- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus dem heiligen
  Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden Augen.
  -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.                 118

=Wie die Wanderung begann.=

  An der Geleiseböschung. -- Der erste Sprung auf einen
  fahrenden Zug. -- Die Fahrt. -- Im Märchenland aufregendes
  Erlebens. -- Das Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Königin
  Nikotin und ihrem Göttergeschenk. -- Billy der Wanderer! --
  Das Abenteurerblut regt sich. -- Ein psychischer Impuls. --
  Wanderer Nr. 3.                                                   142

=Unter den Romantikern des Schienenstrangs.=

  Von Texas nordwärts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der
  betrogene Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma.
  -- Jargon des Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und
  seine Einflüsse. -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät
  des Tramps. -- Die amerikanische Vagabundenarmee. -- Der
  Arbeitslose. -- Der Tramp. -- Die Romantiker. --
  Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident Roosevelts
  Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle
  Unterströmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in
  exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,
  Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.
  -- Arbeiten!                                                      158

=Wie das Wandern endete.=

  Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific.
  -- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boss_«. -- Von
  Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hände
  in die Höhe! -- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die
  braven Spitzbuben von El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit.
  -- Von den Schüttelfrösten der Malaria. -- Krank und einsam.
  -- Nach St. Louis. -- Ein ganzer Mann.                            192

=Die Armen und Elenden von St. Louis.=

  Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am
  Ufer des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine
  Orgie der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf
  Arbeitssuche. -- Im Reich der kupfernen Töpfe. -- Die
  Miniaturhölle des Palasthotels. -- Das Glöckchen der
  Neugierigen.                                                      209

=Im Zeichen der Zeitung.=

  Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bücher. --
  Kipling-Begeisterung. -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein
  erstes literarisches Verbrechen. -- Der Beinbruch als
  Glückszufall. -- Ich werde Depeschenübersetzer bei einer
  großen deutschen Zeitung. -- Enthusiasmus und Neugierde. --
  Aller Anfang ist leicht! -- Ein journalistisches Mädchen für
  alles. -- Amerikanisches Deutschtum. -- Der Schwur gegen die
  Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen. -- Wieder draußen
  in der kalten Welt. -- Reisefieber!                               231

=Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.=

  Wohin Zukunftssorgen gehören. -- Ein logisches Selbstgespräch.
  -- Das Land der Sonne. -- Blühende Obstwälder. -- Ankunft in
  San Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und
  verlorener Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur.
  -- Der tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionärssohn
  energisch wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den
  Kabeljaus. -- Eine Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht,
  lacht am besten!                                                  257

=Die Stadt des Goldenen Tors.=

  Das Erbe der Goldgräber. -- Die lustige Königin des Westens.
  -- Von vernünftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben
  Hügel übertrumpft! -- Kletternde Straßenbahnen. -- Im Park des
  Goldenen Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im
  Chinesenviertel. -- Die Straße der lebenden Schaufenster.
  -- Wie der Lausbub zum Professor wurde. -- Von Deutsch
  lernenden Lehrerinnen. -- Die amerikanische Frau. -- Kluge
  Mädchenerziehung und törichte Weiberherrschaft. -- Die
  Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die Sehnsucht nach der
  Zeitung.                                                          274

=Der Lausbub findet die Lebenslinie.=

  Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist
  werden. -- Auf der Redaktion. -- Jüngster Reporter.
  H--allelujah! -- Das erste Interview. -- Die Lebenslinie.         293



                         Der Deutsche Lausbub
                              in Amerika



Das Amerika der Leichtsinnigen.


Wenn Bruder Leichtfuß gar zu arg gehaust hat, und geplagte
Familiengeduld reißt, so verfällt man in deutschen Landen häufig auf den
bewunderungswürdig energischen und einfachen Ausweg: das schwarze Schaf
der Familie nach Amerika zu schicken; nach den Vereinigten Staaten, in
denen es so schöne Gelegenheiten zu segensreicher Arbeit gibt, und die
so hübsch weit weg sind, daß eine respektable Entfernung die arme
Familie schützt. Jeder Hapagdampfer, jedes Lloydzwischendeck trägt
alljährlich Hunderte dieser Art von Menschenkindern über das große
Wasser, deren Sündenregister von fast monotoner Gleichförmigkeit ist:
Leichtsinnsstreiche und Schulden!

                  *       *       *       *       *

Das schwarze Schaf ist im Yankeeland. Und nun fängt der Humor an; ein
grimmiger Humor voll grotesken Lachens und bitteren Weinens; eine
moralische Komödie mit den schönsten tragischen Möglichkeiten. Das neue
Land nimmt Bruder Leichtfuß -- den verdorbenen Gymnasiasten, den
leichtsinnigen Studenten, den verschuldeten jungen Leutnant oder was er
sonst gewesen sein mag -- liebevoll in seine Arme, verschluckt mit
unbeschreiblicher Schnelligkeit die goldenen Pfennige der Heimat und
spielt dann Fangball mit ihm. Hop -- auf und nieder. Hop -- arbeiten
oder hungern. Hop -- ihm die Nase auf den Boden gedrückt, wie man's mit
einem Kätzchen macht. Hop -- ihn zu Boden geworfen, daß alle Knochen
krachen. Hop, hop, hop -- ihn geschüttelt und zerzaust und geschunden!
Da schnappt Bruder Leichtfuß nach Luft, ist furchtbar verwundert, fühlt
sich merkwürdig elend und erkennt langsam aber sicher die primitiven
Wahrheiten des Lebens von Geld und Hunger und Arbeit und Liebe, -- wenn
er nicht schon längst vorher elend zugrunde ging.

Manchmal aber ist unter diesem Amerikaheer von deutschen Leichtsinnigen
der richtige leichtsinnige Strick mit einem Stückchen Poesie im Leib,
der nach dem ersten Luftschnappen sich jubelnd in den Lebensstrom da
drüben stürzt, glückselig, in seinem Element, sehnsüchtig nach
Abenteuern über alle Maßen. Wundervoll frei fühlt er sich; allen Zwangs
entledigt. Eine Welt des Sehens und Erlebens liegt vor ihm, und Hunger
und Not erscheinen nur winzige Dinge in der immer neuen Begeisterung,
die jeder neue Tag bringt. Frei wie ein Vogel in der Luft ist Bruder
Leichtfuß und jedem Impuls darf er folgen in köstlicher Naivität. Er
tastet -- er sucht -- er trinkt in vollen Zügen die groteske Romantik
des ungeheuren Landes ein, das mit aller drastischen Wirklichkeit so
starke Reize abenteuerlicher Poesie vereint ...

So ist es mir ergangen. Um des brausenden Lebens willen ist dieses Buch
meiner amerikanischen Wanderjahre geschrieben, in lächelndem Erinnern an
jagende Jugend. Ein Buch des Leichtsinns.

Aber wenn ich heute auf die drei Jahre von 1894-1897 zurückblicke, die
dieser erste Teil meiner Erinnerungen aus der Amerikazeit schildert, so
will es mir scheinen, als sei der Leichtsinn gar ehrlich erkauft
gewesen! In ehrlicher Münze zahlte der Lausbub mit Hunger und Elend und
harter Arbeit für seinen jungfrischen Optimismus, denn grimmiger
Lebenshumor will es, daß sich mit zügellosem Leichtsinn starke Kraft
paaren muß, soll Freund Optimist im Leben bestehen. Und in dieser Kraft
stecken Möglichkeiten.

Den starken Leichtsinnigen sei dieses Buch des Leichtsinns gewidmet.

Bruder Leichtfuß im Yankeeland, der du erst in Jahren verstehen wirst,
weshalb dich das tätige Leben so hin und her schüttelt, sei gegrüßt!
Seist du im Osten oder im Westen, im Wolkenkratzer oder auf der Prärie,
sei gegrüßt von einem, der das erlebte, was du erlebst, und der mit dir
weinen und mit dir lachen kann. Fast möchte ich in lächelnder Wehmut
dich beneiden, Bruder Leichtfuß, denn mein Märchen der Jugend ist
ausgeträumt.

Hamburg, im Sommer 1911.

                                                       Erwin Rosen.
                                                      (Erwin Carlé).



Vom Beginn des Beginnens.

     Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
     -- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf den
     Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengießermeisters. -- Erste Liebe
     und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld reißt.


Das Übereinstimmen der beteiligten Kreise war erstaunlich.

»Oin Lausbube!« sagten die Professoren in München.

»A solchener Lausbub ...« erklärte der Pedell.

»Dieser lie--ii--derliche Bursche!« stöhnte der Ordinarius dreimal
täglich.

»Ja -- der Lausbub!« nickten die Tanten und die Verwandten.

»Ein furchtbarer Strick bist du gewesen!« pflegt meine Mutter zu
sagen. »Gräßliche Geschichten hast du gemacht!« Dann lacht sie und
fragt regelmäßig, ob ich mich denn auch an Frau Schrettle erinnere und
an die Kuchen ...

Ich war zwölf Jahre alt. Quartaner. Lateinschüler der Klasse 3a des
Königlich Bayrischen Maxgymnasiums in München. Meine Würde als
Lateinschüler schützte mich aber keineswegs davor, gelegentlich zu der
Frau Kolonialwarenhändlerin Schrettle an der Ecke geschickt zu werden,
um irgend etwas für den Haushalt zu holen.

»An Empfehlung an d' Frau Mama!« sagte jedesmal die dicke Frau
Schrettle, während ich ebenso regelmäßig vornehm nickte und dabei kein
Auge von den Kuchen auf dem Ladentisch verwandte. Von Frau Schrettles
berühmten Kuchen. Sie waren aus Blätterteig; sie waren mit Himbeeren
belegt; sie waren Wunderwerke -- und sie führten den Lateinschüler so
lange in Versuchung, bis er eines Nachmittags vor Klassenanfang Hals
über Kopf in den Laden stürzte.

»Einen Himbeerkuchen soll ich holen!«

»Bitt' sehr! A schöne Empfehlung!« dienerte Frau Schrettle und schrieb
der Mama einen Himbeerkuchen an.

Der Raub war gelungen, und der Lausbub wiederholte die Operation einen
ganzen Monat lang fast jeden Tag! Verzehrt wurden die Kuchen auf dem
Schulweg, in ehrlicher Teilung mit den Spezerln und Freunderln aus der
Quarta. Bis an einem Novembersonntag die Katastrophe kam -- Frau
Schrettle mit ihrer Rechnung. Mir fiel das Herz in die Hosen, als meine
Mutter fragend sagte:

»Himbeerkuchen?«

»Guat sans, nöt?« meinte Frau Schrettle stolz.

»Aber wir haben ja gar keine Himbeerkuchen gehabt!« rief meine Mutter
entrüstet.

Nun war die Reihe zum Erschrecken an Frau Schrettle.

»Der Herr Sohn hat's g'holt!« stotterte sie. »Jeden Tag!«

Kladderadatsch. Frau Schrettle erhielt ihr Geld und ich vorläufig eine
Ohrfeige mit der Aussicht auf mehr, wenn der Vater nach Hause kam. Meine
Mutter weinte und ich weinte und meine Mutter sagte, es sei ja
fürchterlich, und ich fand, es sei noch viel fürchterlicher! Zehn
Minuten später schlich ich mich heulend aus dem Haus und rannte in
dichtem Schneegestöber durch die Straßen, durch den englischen Garten,
der Isar zu. Bei der Bogenhausener Brücke begann die einsame Landstraße.
Es war bitter kalt. Die Schneeflocken peitschten mir ins Gesicht, und
ich kleiner Kerl mußte mich tüchtig gegen den scharfen Wind anstemmen.
»Ich geh' nicht nach Hause!« murmelte ich immer wieder vor mich hin.
»Nach Hause geh' ich ganz gewiß nicht ...«

Spät abends stolperte ein halb verhungerter und halb erfrorener
Lateinschüler in die Gaststube des Roten Ochsen im Städtchen Freising.

»Da schaugt's her,« rief der Ochsenwirt. »Ja was wär' denn dös! Was
willst denn du nacha im Wirtshaus?«

»Was zum essen möcht' i'.«

»Wo kimmst denn her?«

»Von München. A--an Ausflug hab' ich g'macht,« log ich, beinahe
weinend.

»Woas?« schrie der Wirt. »Den Sauweg von Minken bist herg'loffen in
dem Sauwetter? Lüag du und der Teifi. Dös wär' a sauberer Ausflug. Wia
heißt' denn und wo wohnst'?«

Wie ein Häuflein Elend stand ich schlotternd da, gab dem Riesen vor mir
Auskunft und sah mit Zittern und Bangen, wie er zu dem großen Gasttisch
in der Ecke schritt, wie er mit den Gästen zischelte, wie er mit Frau
Wirtin tuschelte, wie der Hausknecht gerufen und mit einem Zettel
fortgeschickt wurde.

»Hock di' hin an Tisch,« brummte der Wirt. »D' Frau bringt dir was
zum essen.«

Ich entsinne mich noch dunkel, daß ich gierig alles verschlang, was mir
vorgesetzt wurde, daß Frau Wirtin mich in die Wohnstube führte und auf
ein Sofa bettete. Und daß eben auf einmal mein Vater da war und ich mich
furchtbar vor ihm schämte und eine fürchterliche Angst vor ihm hatte.
Aber was der Ochsenwirt von Freising zu meinem Vater beim Abschied
sagte, das weiß ich noch ganz genau.

»Is nix zu danken, Herr,« sagte er. »Den 12 Uhr Zug nach Minken
werd'n S' grad no' derwischen. Ja, dö Buam! Früchteln san' halt
Früchteln. Is eh nix dabei. Aber an Hintern tät i' eahm halt do'
vollhau'n!«

Was am nächsten Tag ausgiebigst geschah!

                  *       *       *       *       *

Der Lausbub wurde älter, stieg mit Ach und Krach von Klasse zu Klasse,
und blieb ein Lausbub ... »Ein leichtsinniger Schüler,« hieß es in den
Zeugnissen. »Seine Leistungen stehen in bedauerlichem Mißverhältnis zu
seinen Fähigkeiten; sein Betragen ist nichts weniger als
zufriedenstellend«. Ich muß bei meinen Lehrern in einem erbärmlich
schlechten Ruf gestanden haben. Die Abneigung beruhte jedoch auf
Gegenseitigkeit. Heute noch ist mir das Gedenken an meine Gymnasialzeit
das Gedenken an eine harte Zuchtanstalt, an gedankenloses Eintrichtern
von Lehrbüchern, an schablonenmäßiges Auswendiglernen, an mangelnde
Liebe und mangelndes Verständnis, an bakelschwingende Schulmeisterei, an
groben Unteroffizierston, an fast komisches Nichtverstehen. Ich erinnere
mich an ein beständig schnupfendes Ungeheuer von einem Professor mit
rotem Taschentuch und fettigem Rockkragen, der über ein _ut_ mit dem
Indikativ in viertelstündige Raserei zu verfallen pflegte; ich erinnere
mich an donnernde Philippiken, wie unsittlich es sei, daß ein so fauler
Bursche wie ich sich ohne Arbeit nur durch sein bißchen Talent das
Aufsteigen in die nächsthöhere Klasse erschwindele; ich erinnere mich an
einen Ordinarius der Untersekunda, der mich mit dem geschmackvollen und
gut deutschen Ausdruck "Frechjö" belegte, weil ich, nachdem er mir die
Erlaubnis, das Schulzimmer zu verlassen, verweigert hatte, ihn aus einem
höchst natürlichen und dringenden Grund ein zweitesmal darum bat. Aber
ich kann mich nicht entsinnen, daß jemals mich ein Lehrer beiseite nahm
und in Güte mit mir sprach, um herauszubekommen, was in meinem Hirn
vorging; weshalb der dumme Junge so dumme Streiche machte -- und ein
Lausbub war.

                  *       *       *       *       *

»Düsser Bursche!« sagte der Herr Rektor wutschnaubend, als ich ihm
vorgeführt wurde. »Düsser unver--bösserliche Lümmel! Das Maß üst voll.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er brücht!«

Der Schulgewaltige hatte recht. Ich war ein infamer Bengel. Von meiner
Unverbesserlichkeit zeugte eine lange Reihe von Karzerstrafen, wegen
Rauchens auf der Straße, wegen Nichtablieferung von Schularbeiten, wegen
Betroffenwerden in dem Hinterzimmer einer Gastwirtschaft. Außerdem hatte
mich das Lehrerkollegium schon längst im Verdacht, der berüchtigten
Schülerverbindung des Maxgymnasiums anzugehören, die in versteckten
Vorstadtkneipen studentische Gebräuche nachäffte. Trotz aller
Anstrengungen des Pedells gelang es nie, die Sünder _in flagranti_ zu
erwischen. Stellten wir doch stets den jüngsten "Fuchs" als Wache auf
die Straße, und wenn der Pedell oder ein Professor sich blicken ließen,
wurden wir prompt gewarnt, kletterten aus Hinterfenstern, flüchteten
über Höfe, stiegen über Mauern. Aber man wußte im Maxgymnasium doch so
von ungefähr, welche Schüler die Schuldigen waren, und sah den
verdächtigen Subjekten scharf auf die Finger. Ich jedenfalls galt als
besonders verdächtig!

Nun war das Krüglein meiner Sünden übergelaufen:

Ich schwänzte drei Tage die Schule! Fürst Bismarck war nach München
gekommen und in Lenbachs Villa abgestiegen. Dorthin lief ich
schleunigst nach dem Mittagessen, ließ Nachmittagsunterricht eben
Nachmittagsunterricht sein und stand bis zum späten Abend auf der
Straße, aus Leibeskräften hurraschreiend. Weil die Freiheit gar so schön
war und der junge Sommer gar so sonnig, ging ich am nächsten Tag auch
nicht ins Gymnasium, und am dritten Tag erst recht nicht, sondern trieb
mich in den Isarauen herum und schwelgte in unzähligen Zigaretten und
machte erschrecklich schlechte Gedichte.

»Ein Schüler der 6. Klasse schwänzt! Das üst noch nücht vorgekommen!«
donnerte der Rektor. »Was haben Sü zu sagen?«

Stotternd versuchte ich zu erklären, daß ich es gar nicht so böse
gemeint hätte, daß --

»Oine gemeine Lüge! Gekneipt haben Sü!«

»Das ist nicht wahr. Das verbitt' ich mir,« brauste ich auf.

»Halten Sü das lose Maul! Sü sind ein Verlorener. Sü sind eine Gefahr
für die tugendhaften Schüler. Der Lehrerrat wird das weitere über Sü
beschließen.«

Binnen vierundzwanzig Stunden wurde ich aus dem Tempel des Humanismus
hinausgeworfen, dimittiert, und damit nicht nur vom Maxgymnasium,
sondern auch von jeder anderen höheren Lehranstalt in München
ausgeschlossen. Meine Reue war tief und ehrlich.

Das Königliche Seminar in Burghausen, einem kleinen bayrischen
Gymnasialstädtchen an der österreichischen Grenze, nahm den Entgleisten
auf. Das Seminar war ein Internat, eine Art Besserungsanstalt. Die
Zöglinge wurden morgens ins Gymnasium geführt und mittags wieder
abgeholt; nachmittags wieder hingeführt und abends wieder abgeholt. In
der Zwischenzeit aß man an langen Tischen im Speisesaal, arbeitete in
den Studiersälen, schlief des Nachts in gemeinsamen Schlafsälen -- jede
Minute unter Aufsicht, unter strengster Zucht. Sechs Monate lang ging
alles gut, und meine Zeugnisse schnellten zu verblüffender Güte empor.
Dann fing's wieder an.

Die Aufsicht in unserem Studiersaal führte ein Präfekt, den wir alle aus
tiefstem Herzensgrund haßten. Das kleine Männchen im bis an den Hals
zugeknöpften Priesterrock pflegte auf leisen Sohlen hinter unsere Bänke
zu schleichen und uns über die Schultern zu gucken. Wir Obersekundaner
empfanden sein Spionieren, wie wir es nannten, als eine ungeheuerliche
Beleidigung. Er war ein gestrenger Herr, der über nichts viele Worte
verlor, sondern bei Verstößen gegen das Hausregiment einfach in knappen,
kurz hervorgesprudelten Sätzen Strafarbeiten auferlegte. Strafarbeiten
erster Güte. Mit dem Auswendiglernen von hundert Versen der Odyssee
begann erst sein Repertoire. Auf den Spaziergängen verbot er uns das
laute Sprechen; nachts wandelte er stundenlang im Schlafsaal auf und ab.
Wir hatten natürlich keine Ahnung, daß diese nächtliche Vigil einen ganz
bestimmten Zweck hatte, und nicht das geringste Verständnis dafür, daß
er nur seine Pflicht tat! Wir sahen in ihm nur die Verkörperung einer
erbarmungslosen Autorität, die uns stets auf dem Nacken saß. Und haßten
ihn.

Nun war es Sitte im Seminar, daß einmal im Monat die höheren Klassen
unter Führung ihrer Präfekten einen Ausflug machten, bei dem in irgend
einem Dorfwirtshaus Bier getrunken und geraucht werden durfte; eine
Vergünstigung, die als Sicherheitsventil wirken sollte. Diesmal teilte
uns der Leiter des Seminars mit, daß auf Vorschlag unseres Präfekten der
Ausflug in diesem Monat unterbliebe. Wir seien einer solchen
Vergünstigung nicht würdig. Wir sollten gefälligst fleißiger sein und
uns nicht so viele Hausstrafen zuziehen!

Unsere Wut kannte keine Grenzen.

»Der Schleicher!«

»Der Spion!«

»A solchene Gemeinheit!«

Prompt wurde eine Verschwörung organisiert. Auf dem nachmittäglichen
Spaziergang stopften wir unsere Taschen voll kleiner Steinchen. Und
abends, als alles ruhig geworden war im Schlafsaal und wir alle in den
Betten lagen, klirrte mit scharfem Klang ein Steinchen gegen das
Glashaus des Präfekten. Glashaus? Jawohl! Der Gegenstand unseres Hasses
schlief in einem winzigen deckenlosen Gemach, dessen Wände aus
Rahmenwerk mit Glasfenstern bestanden; in einem richtigen Glashäuschen.
Die Wände verhüllten Vorhänge, durch die er uns aber beobachten konnte.
Was ja auch der Zweck des Glasgemachs war. Wir Münchener nannten es den
Glaspalast.

Ein zweites Steinchen prallte gegen den Glaspalast; ein drittes, ein
viertes. Der Präfekt, völlig angekleidet, kam hervorgeschossen.

»Ruhe!«

Dann verschwand er wieder. Und im nächsten Augenblick knatterte es wie
Gewehrfeuer gegen seine Wände. Diesmal kam er sofort und rief mit vor
Entrüstung bebender Stimme:

»Lausbuben!«

»Unverschämt!« schrie eine Stimme aus einem Winkel des Schlafsaals.
(Das war ich!)

»Lassen Sie die Kinderei!« befahl der Präfekt ruhiger werdend.
»Bestrafen werde ich Sie morgen.«

Aber wir waren viel zu aufgeregt, um Vernunft anzunehmen. Ohn' Unterlaß
klatschte der Hagelsturm von Kieselsteinen gegen die Glaswände. Der
Präfekt rannte zwischen den Bettreihen auf und ab und stürmte und
wütete. Unterdessen sorgten die Bettreihen, denen er jeweilig den Rücken
zukehrte, für Aufrechthaltung des Bombardements. Es war eine Orgie.
Schließlich lief er davon und holte den Rektor. Denn der Leiter des
Seminars war gleichzeitig Rektor des Gymnasiums -- ein Grobian, den wir
liebten.

»Wenn während des Restes der Nacht nicht völlige Ruhe in diesem
Schlafsaal herrscht,« erklärte der Rektor trocken, »so werde ich
höchstpersönlich erscheinen und Sie alle körperlich züchtigen. Ich werde
an dem einen Ende der Bettreihe anfangen. Und so weiter. _Ad infinitum._
Wenn Sekundaner sich wie Volksschüler betragen, so muß man sie prügeln
wie Volksschüler. Dies ist Logik. Guten Abend!«

Ich unverbesserlicher Sünder aber lachte die halbe Nacht hindurch, indem
ich mir vorstellte, wie grandios doch diese Prügelszene gewesen wäre!

Am nächsten Morgen kam alles ans Licht der Sonnen ...

»Haben Sie geworfen?«

»Jawohl, Herr Rektor.«

»So? Soo? Soo--o? Weshalb haben Sie das getan?«

»Wegen des Ausflugs.«

»So--oh! Ich stehe in _loco parentis_ und habe gute Lust, Sie zu
ohrfeigen.«

Im nächsten Augenblick: Klatsch links, klatsch rechts.

»Sie sind wirklich unverbesserlich. Im Seminar kann ich Sie nach dieser
Leistung nicht länger belassen. Aus dem Gymnasium werde ich Sie nicht
entfernen, weil Sie wenigstens nicht gelogen haben. Aber ich warne Sie!
Nur die geringste Kleinigkeit -- und Sie fliegen!«

Am gleichen Nachmittag noch wurden in feierlicher Zeremonie ich und ein
anderer Schüler für unwürdig des Seminars erklärt und vom Pedell ins
Städtchen geführt. Mich brachte er zu einer Frau Glockengießermeister
die mich in Kost und Verpflegung nahm.

                  *       *       *       *       *

Ich aber segnete den Präfekten und den Glaspalast und die Steinchen,
denn nun war ich ein freier Bursch, ein Stadtschüler! Auf dem Stübchen
bei Glockengießermeisters konnte man lange Pfeifen rauchen, soviel man
nur wollte, und am Abend holte Glockengießermeisters Töchterlein gern
eine Maß Bier. Das war wunderschön -- goldene Freiheit. Fast ein Jahr
lang ging alles gut, bis das Märchen kam; ein richtiges Märchen: Es war
einmal eine Königin, die neigte sich zu einem Pagen, und ein groß'
Gerede entstand im Königsschloß ...

In wundernder Rührung gedenke ich jener Zeiten erster Liebe. Die Königin
war eine junge Dame, vielumworben im Städtchen, älter als der
Unterprimaner, der ein Mann zu sein glaubte, es aber durchaus nicht war.
Ich weiß noch genau, wie ich mich geärgert hatte, als ein Brief meines
Vaters mich zwang, zum Besuch in jener Familie "anzutreten"; mit welchem
Widerstreben ich dann bei einer zufälligen Begegnung auf dem Eisplatz
meine Schulverbeugung vor Mutter und Tochter machte und wohl oder übel
die junge Dame zum Schlittschuhlaufen einladen mußte. Familiensimpelei
nannte ich dergleichen damals. Doch es dauerte nicht lange, und der
Unterprimaner wartete oft stundenlang in zitterndem Bangen auf dem
Eisplatz, ob ~sie~ kommen würde -- -- und war glückselig, wenn sie kam.
In schweigendem Glück zuerst. Und dann brach es wie ein Sturm über uns
Menschlein herein. Aus dem Alltagssprechen wurden gestammelte Worte von
tiefem Sinn, leises Geflüster, zaghaftes Gestehen, ein:

_»Je vous aime!«_

_»I love you so ...«_

Die großen Worte, die ein so wunderbares Geheimnis zu bergen schienen
und doch fast körperlich schmerzten im Gesprochenwerden, wären in
deutscher Sprache nie über unsere Lippen gekommen. Das war das Glück;
unvergeßliche Zeiten der Begeisterung, des Göttertums zweier junger
Menschen, die ein jeder im andern die Vollkommenheit sahen, den heimlich
geträumten Jugendtraum. Wir schwelgten in Goethe und Scheffel und Heine
und schrieben einander lavendelfarbene Briefchen und jubelten laut in
den Gängen der alten Herzogsburg droben auf dem Schloßberg. Wie
glückselige Kinder.

Da fing das Städtchen zu reden an. Die Perückenzöpfe braver Bürger
wackelten erschrecklich vor lauter entsetztem Kopfschütteln. Was mögen
ehrsame Honoratioren und entrüstete Gymnasiallehrer alles gesagt und
alles gedacht haben! Als ich zehn Jahre später wieder in das Städtchen
kam, schlug Frau Glockengießermeisterin die Hände über dem Kopf zusammen
und erzählte drei Stunden lang von den merkwürdigen Dingen, die damals
das Städtchen geredet hatte, nicht mit Engelszungen. Die Königin aber
von damals wohne weit drüben im Schwäbischen am Bodensee und sei eine
stattliche junge Regimentskommandeuse geworden, die dem Herrn Oberst
schon eine Schar von Kindern beschert habe --

Der Unterprimaner wurde schleunigst aus dem Gymnasium fortgejagt, unter
dem ein wenig fadenscheinigen Vorwand, am offenen Fenster eine lange
Pfeife geraucht und einen vorübergehenden Professor nicht gegrüßt zu
haben. Ich hatte ihn nicht gesehen. Aber der Lehrerrat faßte es als
Verhöhnung auf.

Der Rest ist eine häßliche Erinnerung. Durch die zweite Dimission war
dem Entgleisten jedes Gymnasium in Bayern verschlossen, und übrig blieb
nur eine Münchner Presse. Aber nun war Hopfen und Malz verloren; ich
hatte die Empfindung, man hätte mir schweres Unrecht getan und wurde
gleichgültiger denn je. Ich kneipte. Machte Schulden. Groteske Schulden.

Bis eines Tages langgeprüfte Familiengeduld riß und kurzerhand
beschlossen wurde, den Unverbesserlichen drüben über dem großen Wasser
für sich selbst sorgen zu lassen; ein Beschluß, der allzu energisch
gewesen sein mag. Denn schließlich hatte der Lausbub weder gestohlen
noch geraubt. Wenn ich mir aber den Lümmel von damals vorstelle, wie er
alltäglich die schönsten Ermahnungen mit gelangweiltem Gesicht anhörte,
um sich dann zu schütteln wie ein naßgewordener Hund und schleunigst
eine neue Dummheit auszuhecken (die der Familie gewöhnlich ein
Sündengeld kostete) -- so verstehe ich alles! Glaube mir, oh Leser: Der
Lausbub war ein infamer Lausbub!



Im Zwischendeck der Lahn.

     Im Bremer Ratskeller. -- »So schmiede dir denn selbst dein
     Glück!« -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
     Nebengeschäftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
     -- _Atra cura_ ... -- Das Mädel mit den hungrigen Augen.
     -- Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen.


Den ganzen Tag waren wir in Bremen umhergerannt. Als wir bei der
ärztlichen Untersuchung uns einer langen Reihe von Auswanderern
anschließen und stundenlang warten mußten, sagte mein Vater auf einmal:

»Du solltest eigentlich doch die Überfahrt in der Kajüte machen und
nicht im Zwischendeck!«

Aber sofort besann er sich. »Nein! Es bleibt dabei. Es ist besser, wenn
du dich schon auf dem Schiff an neue Verhältnisse gewöhnst.«

Und dann kam der letzte Abend im deutschen Land.

Bis gegen Mitternacht saßen mein Vater und ich im Bremer Ratskeller, in
einem stillen Winkel, verborgen zwischen bauchigen Apostelfässern. Edler
Wein funkelte in den Gläsern. Von der großen Stube her klang
Stimmengewirr, lustiges Lachen fröhlicher Menschen. Mir war erbärmlich
zumute; ich starrte in den goldgelben Wein und kämpfte immer wieder mit
Tränen und dachte an den Abschied von meiner Mutter und wagte es nicht,
meinem Vater in das vergrämte Gesicht zu sehen.

Erst Jahre später habe ich das verstanden, was mir mein Vater an jenem
Abend sagte. Er sprach wie ein Mann zum andern, wie ein Freund zum
Freund; erklärte mir, daß es ihm bitter schwer würde, den einzigen Sohn
in die Welt hinauszuschicken. Er wisse aber keinen andern Rat. Das Leben
selbst mit all' seinen Härten müsse mich in die Kur nehmen ...

»Geh' zugrunde, wenn du zu schwach fürs Leben bist!«

Und ich lächelte unter Tränen, denn meine Art von Stolz hatte ich trotz
allen Gedrücktseins und trotz aller Reue. Das gefiel ihm.

»Du wirst nicht zugrunde gehen, glaube ich. So gefährlich auch das
Experiment ist, für so richtig halte ich es. Du mußt auf deine eigenen
Füße gestellt werden. Du mußt dich austoben! Auf der Universität würdest
du nichts als neue Streiche machen, dich vielleicht ins Unglück stürzen;
Soldat, wie du es werden möchtest, kann ich dich nicht werden lassen,
denn zum armen Offizier eignet sich kein Mensch so schlecht wie du --
ins kaufmännische Leben paßt du erst recht nicht. So schmiede dir denn
selber dein Glück ...«

Stundenlang sprach mein Vater mit mir. Meine Fahrkarte lautete nach
Galveston in Texas. Mein Aufenthalt in New York würde nur wenige Stunden
dauern; am nächsten Tag nach Ankunft der Lahn in New York sollte ich mit
einem Dampfer der Mallorylinie nach Texas weiterfahren. Da draußen im
jungen Land würde es mir weit leichter werden, mich durchzuschlagen, als
in einer Riesenstadt mit ihren Tausenden von Arbeitslosen.

»Such' dir dein Brot! Halte den Kopf hoch, mein Junge; laß dir nichts
schenken; gib Schlag um Schlag; hab' Respekt vor Frauen. Du wolltest ja
immer Soldat werden -- bist jetzt ein Glückssoldat.«

Und die Gläser klirrten zusammen.

Da bat ich schluchzend um Verzeihung -- -- -- Nie in meinem Leben werde
ich jenen Abend vergessen; denn als ich sieben Jahre später wiederkam,
da hatten sie meinen Vater begraben.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Bremerhaven zum Lloyddock. Dort lag
wie ein riesiges schwarzes Ungetüm der Schnelldampfer Lahn. Auf dem
kleinen Häuschen am Dock, das irgend ein Bureau enthalten mochte,
flatterte die deutsche Flagge. Am Kai drängten sich die Menschen, und an
der Schiffsreeling standen in dichten Reihen Kajütenpassagiere, die
Abschiedsgrüße zu ihren Freunden hinunterriefen und Taschentücher
flattern ließen. Wir stiegen die Gangplanke hinan. Ein Zahlmeister des
Norddeutschen Lloyd verlangte meine Zwischendeckkarte, und ein Polizist
prüfte meinen Paß. Auf dem Vorderschiff war ein unbeschreiblicher
Wirrwarr. Männer und Frauen und Kinder standen und saßen herum, zwischen
Köfferchen und Säcken und Bündeln. Irgend jemand spielte auf einer
Ziehharmonika, und ein Mädel sang dazu: »Et hat ja immer, immer jut
jejange' -- jut jejange' ...« Die unbehilflichen Menschen, die sich
gegenseitig im Wege standen, schnatterten und schimpften; die
Ziehharmonika johlte einen Gassenhauer nach dem andern, bis die
Walzerklänge der Schiffskapelle auf dem Promenadedeck sie übertönten.
Mein Vater und ich standen an der Reeling zwischen einem russischen
Juden in fettglänzendem Kaftan und einer Bauernfrau mit buntem Kopftuch.
Ich schluchzte vor mich hin. Die Menschen und die Dinge schwammen mir
vor den Augen; mir war, als müßte ich schreien in bitterer Reue. Mein
Vater sagte ein über das andere Mal:

»Mein lieber Junge -- mein lieber Junge!«

»Besucher von Bord!« riefen die Stewards. Die Glocke begann zu läuten.

Langsam setzte sich der Schiffskoloß in Bewegung. Und ich stand und
starrte mit brennenden Augen nach dem Kai. Hochaufgerichtet stand mein
Vater am äußersten Ende der Landungsbrücke, den Kopf in den Nacken
geworfen, wie das seine Art war, und winkte mir zu. Einmal. Zweimal.
Dann wandte er sich mit einem scharfen Ruck, und in wenigen Sekunden war
er im Menschengewühl verschwunden -- -- --

                  *       *       *       *       *

Ein Steward klopfte mir auf die Schulter. »Haben Sie schon 'ne Koje?«

»Nein.«

»Na, hören Sie 'mal -- dann ist's aber höchste Zeit. Machen Sie, daß
Sie 'runterkommen. Die Treppe dort.«

Ich nahm meinen Handkoffer und stieg hinunter, in einen Riesenraum mit
langen Reihen von Holzgestellen: nebeneinander und übereinander
geschichteten Kojen. Viele Hunderte von Schlafplätzen waren es. Jedes
Bett enthielt eine Strohmatraze, zwei hellbraune Wolldecken und ein
Kopfkissen. Auf jedem Kopfkissen waren ein Blechbecher, ein zinnerner
Teller, Messer, Gabel und Löffel hingelegt. Überall auf den
Holzgestellen kletterten Männer herum, und da und dort stritt man sich
um die Plätze. Ich muß recht hilflos dagestanden haben. Ein Steward sah
mich prüfend an, dann ging er auf mich zu:

»Das wird Ihnen man nich' gefallen hier unten mit die Polacken un' die
Jüden un' die ganze Gesellschaft -- das is nix nich' für junge Herren,
sag' ich. Kommen Sie mit.«

Natürlich ging ich mit. Mir war alles furchtbar gleichgültig. Durch
endlose Gänge und über unzählige Treppen führte er mich ins Bureau des
vierten Zahlmeisters.

»Können wir nich' 'ne Koje fixen für diesen jungen Herrn?« fragte mein
Begleiter den Zahlmeister.

Jawohl, es ging. Gegen eine Entschädigung von zwanzig Reichsmark wollte
der Herr Zahlmeister eine Koje für mich im Vorratsraum aufstellen
lassen. Ja, sie stand merkwürdigerweise schon fix und fertig da, in
einem Winkel, durch eine aufgespannte amerikanische Flagge schamhaft
verhüllt.

»Das is schandbar billig,« flüsterte mir der Steward zu. »Da haben
Sie Glück gehabt. Nu wollen wir aber einen trinken. So 'ne kleine
Flasche Hamburger Kümmel kost' nur 'ne Mark fufzig. Haben Sie zufällig
eine da, Herr Zahlmeister?«

Jawohl; es war eine da.

»Prost!« (Einundzwanzig Mark und fünfzig Pfennige wechselten ihre
Besitzer). Da starrte mich der Steward auf einmal entsetzt an. »'n
Strohhut? Nee, is' nich' möglich -- 'n Strohhut! Mensch, haben Sie keine
Mütze?«

Nein, ich hatte keine Mütze.

»Mensch! So 'n feiner Strohhut -- der geht über Bord, sag' ich Ihnen.
Bei dem Wind! Ich hab' zufällig 'ne Mütze. Kost 'n Taler! 'ne feine
Mütze!«

Natürlich kaufte ich die Mütze.

Dann komplimentierte mich der Zahlmeister höflich aber energisch hinaus.
Ich kennte ja jetzt meinen Schlafplatz. Von 7 Uhr morgens aber bis 9 Uhr
abends hätte ich in seinem Bureau nichts zu suchen.

Auch das war mir sehr gleichgültig -- wie alles und jedes an Bord der
Lahn an jenem ersten Tag. Ich aß fast nichts, interessierte mich für
nichts, lief stumpfsinnig an Deck auf und ab, stand stundenlang in einem
einsamen Winkel an der Reeling, schlich mich früh am Abend in des
Zahlmeisters Bureau, ging ins Bett und weinte unter der Decke wie ein
kleiner Junge ...

Fröhlicher Sonnenschein flutete durch die kleinen rundlichen
Kajütenfenster, als ich am nächsten Morgen erwachte und schläfrig um
mich blinzelte. Was war das für ein Tönen und Surren? Im ganzen Körper
fühlte ich das Vibrieren des vorwärtspeitschenden Riesenschiffes -- mir
war, als läge ich in einer Schaukel, auf und ab schwingend; als würde
ich der Decke zugeschleudert, bliebe dort einen Augenblick hängen und
versänke dann in unendliche Tiefen. Ein Stückchen von mir selbst schien
jedesmal zurückzubleiben; droben an der Decke und unten in der Tiefe.
Einmal hatte ich das entsetzliche Gefühl, als hätte sich mein Magen von
mir getrennt und schwebe irgendwo in der Kajüte. Ich sprang aus dem
Bett, und sofort hörte das Rumoren in meinem Innern auf. Im Handumdrehen
war ich angezogen, eilte an Deck und machte mich mit wahrem Heißhunger
über Kaffee und Brötchen her, die aus einem großen Kessel und einem
Ungetüm von Korb durch zwei Stewards verteilt wurden. Wenig Menschen
waren an Deck. Ich trat an die Reeling. Da draußen war majestätische
Ruhe. Wie die Unendlichkeit selbst sahen sie aus, die immerzu
vorwärtsrollenden Wasserberge, in ihrer gewölbten Mitte tief schwarz und
doch glänzend wie ein Spiegel grünblau aufsteigend, schaumig weiß an den
Rändern. Dann überholte der eine Wasserberg den andern,
zusammenstürzend, und eine neue Welle wurde aus ihnen geboren, zu kurzem
Spiel. Nimmer aufhörende Bewegung und doch verkörperte Ruhe. Ich trank
die salzige Luft ein, die einem die Augen aufleuchten ließ und das Blut
schneller durch die Adern jagte. Und schaute in den Sonnenhimmel. Frisch
und froh und leicht fühlte ich mich. »So schmiede dir denn selber dein
Glück --« Vergangen war vergangen und feige wäre es, die Ohren hängen
zu lassen. Hast du Schneid genug zu dummem Leichtsinn gehabt, so mußt du
auch Schneid genug haben, nicht in nutzloser Reue zu flennen.

Ich wurde unternehmungslustig und stieg ins Zwischendeck hinab. Es war
fürchterlich da unten. Armselige Häuflein menschlichen Elends lagen auf
den Kojen herum, mit grüngelben Gesichtern, jammernd in den Qualen der
Seekrankheit, zu energielos, um in frische Luft an Deck zu gehen. Eine
Unterwelt des Stöhnens und der Gerüche. Und die Konsequenzen der
Seekrankheit machten sich sehr bemerkbar, so daß ich allen Göttern für
mein Schlafplätzchen im Vorratsraum dankte.

»Se belieben nix ssu sein seekrank?« fragte mich ein alter Jude, der
knoblauchduftend auf einem Bündel neben seiner Koje saß.

»Nein.«

»Nu, das frait mich. Was ham Se genommen ein for de Magen?«

»Nichts. Ich blieb nur in der frischen Luft.«

»Püh, frische Luft. Wer' ich raufgehen ssu sitzen in der frischen Luft?
Wer' ich nich'! Bin ich gegangen rauf und hab mer gesetzt auf Stricke.
Is 'n Goj gekommen, wo hat ge--soogen an die Stricke un' bin ich
gefallen auf 'n Rücken.

»'s Tauwerk is nich' zum Sitzen da,« sagt er.

»Se ver--sseihen gütigst,« sag ich. Nu bin ich gegangen ssu sitzen auf
'e Bank ganz vorne.

»Paß man auf. Da is feucht!« sagt der Goj.

Nu, ich bin geblieben sitzen. De Bank is for alle da und er hat mer nix
nich' ssu sagen, denk' ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e
Welle un' macht mer himmelschreiend naß. Waih geschrien, sag ich, was is
das for e Gemeinheit?«

»Siehste,« sagte der Goj.

»Nu belieben Se gütigst ssu verstehen, daß ich nix will wern naß un'
nix will haben tun mit die Gojim vons Schiff. Püh! Was wern Se machen
drieben, wenn ich fragen derf?«

»Weiß ich noch nicht.«

»Nu? wie haißt? Sind Se e Millionär?«

»Nee! Leider nicht. Was wollen denn Sie in Amerika anfangen?«

»Nu, der Silberberg is gegangen nach e böse Pleite in Wodcziliska in
Galizien nach New York, un' is geworden e gemachter Mann. Bei de
Geschäfte is' ssu machen e Rebbach, schreibt er an de Verwandtschaft. Nu
-- wer ich handeln -- wie der Itzig Silberberg aus Wodcziliska.«

Als ich wieder oben war und dankbar die frische Luft einatmete, lachte
ich laut und lange über den handelstüchtigen Sohn Israels. Dann wurde
ich nachdenklich.

»Was wern Se machen drieben?...«

Zum Teufel auch, was würde ich eigentlich anfangen? Was werden wir
essen? Was werden wir trinken? Ich glaube, ich habe dieser wichtigen
Lebensfrage etwa zehn Minuten gewidmet. Zukunftssorgen waren bis jetzt
nicht meine Spezialität gewesen: In schleierhaften Erinnerungen an
allerlei Indianerbücher dachte ich an galoppierende Pferde und
schießende Cowboys, und ... damit war der Schatz meines Wissens
erschöpft. Hm, abwarten. Es war mir ja auch so unendlich gleichgültig.
Da drüben, irgendwo in der zusammenfließenden Masse von Himmel und
Wasser würde in so und so viel Tagen neues Land auftauchen, neue
Menschen, neue Dinge. Das würde zweifellos sehr interessant und sehr
lustig sein. Ich freute mich schon so auf dieses neue Land, als hätte
ich weiß Gott welche wichtigen Pläne. Nebenbei mußte man dann allerdings
Brot verdienen. Man mußte arbeiten oder dergleichen. Irgend etwas. Nun,
das würde sich schon finden.

     »Hinter dem Reiter auf dem Pferde sitzt die schwarze Sorge ...«

Das war mir schon in Tertia komisch vorgekommen. Laß sie doch sitzen!
Und ich pfiff mir eins und entschied, die Sache sei vorläufig erledigt.
Es klang famos, ein Glückssoldat zu sein. Das Wesen eines Glückssoldaten
war mir zwar sehr schleierhaft, aber ich vermutete, die Hauptsache sei,
sich um nichts zu kümmern, was ich wunderschön fand, und wozu ich
unbestritten großes Talent hatte.

Alles war überhaupt wunderschön. Prachtvolles Gefühl, so sein eigener
Herr zu sein. Freilich -- ein dutzendmal jeden Tag sah ich an mir
hinunter, konstatierte, daß mein heller Sommeranzug ausgezeichnet saß
und wünschte mich sehnlichst zu den eleganten Herren und Damen auf das
Promenadedeck hinüber. Da gehörte ich doch hin! Von Rechts wegen!

Nach und nach waren all die Jammergestalten nach überstandener
Seekrankheit an Deck gekommen und verzehrten mit großer Regelmäßigkeit
unglaubliche Mengen der derben Schiffskost, als wollten sie Versäumtes
wieder einholen. Da waren oldenburgische Bauern, wortkarge Hünen, die
den ganzen Tag lang in besorgter Wacht auf ihren Habseligkeiten saßen
und niemals mit irgend jemand sprachen. Da waren galizische Juden,
ungarische Arbeiter, deutsche Handwerker.

Sie hockten gewöhnlich in Gruppen zusammen. Sie scherten sich den Teufel
um die Schönheiten des Meeres und die Fremdartigkeit des
Schiffskolosses, aßen und tranken und rauchten und wuschen Wäsche und
flickten Zeug und machten aus dem Zwischendeck ein Dorf mit alten
Gebräuchen und alten Sitten. Die Weiber säugten ihre Kinder und holten
ihren Männern das Essen und tanzten kreuzfidel, wenn der lustige
bayrische Bierbrauer seine Ziehharmonika herbeiholte, und die Männer
stritten sich und vertrugen sich wieder und erzählten ein wenig und
logen ein bißchen, und die Stewards spielten bald die Polizeigewaltigen,
weil sie Deutsche waren und ihnen das im Blut steckte; bald erinnerten
sie sich daran, daß sie Kellner waren, und ergatterten Nickel.

Die oldenburgischen Bauern hatten Geld im Sack und gingen nach Kansas,
um sich in einer deutschen Ansiedlung Land zu kaufen. Die Handwerker
berichteten Wunderdinge von amerikanischen Wunderlöhnen -- die
ungarischen Arbeiter schnatterten den ganzen Tag in ihrer aufgeregten
Art -- die Juden hockten auf Kisten und Koffern zusammen und
mauschelten.

Ich hatte wenig Verständnis für sie und ihre Art; das Zwischendeck der
Lahn ist mir eine verschwommene Erinnerung, aus der nur ein paar
Menschen auftauchen.

Da war ein schlankes Mädel mit hungrigen Augen. Sie reiste allein und
erzählte jedem, der es hören wollte, daß sie des Dienstmädchenspielens
und der gnädigen Frauen überdrüssig sei und -- ja, da drüben gab's Geld,
viel Geld und schöne Kleider, und sie sei ganz gewiß nicht dumm. Die
Frauen im Zwischendeck betrachteten sie mit tiefster Abneigung, und die
Männer verdrehten die Augen, wenn sie sich blicken ließ. Sie saß
stundenlang ganz vorne an der Spitze des Schiffes und starrte aufs Meer
hinaus. Einmal setzte ich mich neben sie.

»Einen Pfennig für Ihre Gedanken!«

»Hoh!« sagte das Mädel, und ihre Augen lachten, »meine Gedanken sind
viel mehr wert.«

»Wieviel denn?«

»Nicht zum sagen. Ich hab' daran gedacht, daß ich alles Schöne haben
will, was es nur gibt -- alles, alles!«

Sie drehte sich um und sah mich an. Ich war zu jung damals, um in den
hungrigen Augen zu lesen, und sie lachte und ging weg.

Und da waren meine beiden Däninnen. Schwestern, blutjunge Dinger in
blauen Matrosenanzügelchen und kleinen schwarzen Hütchen. Sie saßen
immer zusammen und kicherten, und wenn die Sonne schien, leuchteten die
goldblonden Haare. Ich sagte einmal irgend etwas zu ihnen, da
schüttelten sie lachend die Köpfe, denn sie sprachen nur dänisch und
verstanden keine andere Sprache. Am letzten Abend der Reise aber war ich
mit ihnen zusammen. Spät war's schon, und ich saß allein auf dem dunklen
Verdeck und starrte in die Sternenwelt hinaus. Da kamen die Schwestern,
kichernd und lachend, und eine setzte sich rechts von mir und eine
links. So blieben wir die ganze Nacht im Dunkeln und schauten aufs Meer
hinaus und schauten einander an, und betrachteten das Sternengeglitzer
und freuten uns, wenn die Wellen silberschäumend aufblitzten. Stunde auf
Stunde verrann, und wir rückten immer enger zusammen.

Ohne auch nur ein einziges Wort sprechen zu können.

Ich hab' die beiden armen Dinger nach Jahren wieder gesehen in
jämmerlichem Elend. Aber das ist eine andere Geschichte.

                  *       *       *       *       *

Wie ein feiner Dunstschleier lag's über dem Meer. Graue Gebilde tauchten
auf am Horizont, kaum sichtbar in verschwommenen Umrissen, aber von
erdrückender Masse, schwer, ungeheuer. Sie wuchsen, stiegen empor,
nahmen Form und Gestalt an, zergliederten sich in schattenhafte
Häusermassen, zerteilt, interpunktiert von himmelstrebenden,
riesengroßen Schatten, die grob und eckig wie Würfel aussahen und
gewaltig, als habe eine übermenschliche Hand sie hingestellt. Das Meer
wurde lebendig. Schiffe kamen in Sicht -- Dampfer, groß und klein,
Segler, Ozeanschlepper. Und langsam lösten sich aus den Schatten Farben
heraus, das Meer erdrückend, als wolle die Riesenstadt sagen: Hier
herrsche ich!

Getöse überall. Aus dem Wasser taucht ein Weib auf, fackelschwingend,
eine Strahlenkrone um das Haupt, die Statue der Freiheit. Nun fahren wir
mitten im Häusergewirr, das auf allen Seiten unabsehbare Linien von
Schiffen bunt umsäumen, in allen Farben, in allen Größen.

Zwei zierliche Schleppdampfer drängen unseren Schiffskoloß hübsch
langsam und vorsichtig an den Pier, von dem aus schwarzer Menschenmenge
weiße Tücher grüßend flattern. Die Gangplanken werden gelegt, die
Kajütspassagiere gehen an Land, die Dampfwinden fördern eilend ihre
Kofferlasten aus dem Schiffsbauch. Wir Zwischendeckler müssen lange
warten, bis auch wir das Schiff verlassen dürfen und uns in der
Landungshalle zur Zollrevision aufstellen können.

Die ging schnell genug vorüber; bei den armen Leuten vom Zwischendeck
war nicht viel zu holen für Onkel Sam. Dann marschierte man uns auf
einen kleinen Dampfer, der uns nach den Auswandererhallen hinübertrug.

Es war ein riesengroßer Raum, durch Holzwerk in lange, schmale Gänge
eingeteilt, mit kleinen Holzhäuschen für die Ärzte und die
Auswanderer-Kommissare. An denen mußten wir im Gänsemarsch
vorbeischreiten. Nach einer Stunde etwa kam auch ich an die Reihe. Der
Arzt sah mich flüchtig an und winkte nur mit der Hand, ich dürfe
weitergehen; der Kommissar fragte mich nach meinem Namen und sah auf
einer Liste nach, die er in der Hand hielt.

»Sie sind Deutscher?«

»Ja.«

»Was haben Sie in Deutschland gearbeitet?«

»Nichts!« platzte ich heraus, und der Beamte lachte.

»Was wollen Sie hier in Amerika?«

Ich muß wahrscheinlich auf diese Frage ein recht dummes Gesicht gemacht
haben, denn der Beamte wartete die Antwort gar nicht ab und fragte
lächelnd:

»Zeigen Sie mir die erforderlichen dreißig Dollars.«

Er warf einen flüchtigen Blick auf die Goldstücke in meinem
Geldtäschchen.

»Schön. Sie können passieren. Und viel Glück!«

Da stand ich nun in der kleineren Seitenhalle mit ihren Kofferbergen und
mir fiel ein, daß auf dem Fahrschein der Dampferlinie, die mich nach
Texas bringen sollte, umständlich auseinandergesetzt war, man müsse bei
der Ankunft in New York die Fahrkarte auf den Hut stecken. Das tat ich.
Sofort schoß ein bewegliches kleines Kerlchen auf mich zu:

»Hello, _mister_. Sie fahren mit der Mallory-Linie. Ich bin der Agent.
Alles in Ordnung. Geben Sie mir Ihren Gepäckschein her. So! Bleiben Sie
hier stehen. Rühren Sie sich ja nicht vom Platz. Sie haben gar nichts
zu tun. Wird alles besorgt. Ist alles bezahlt.«

Und weg war er. Bald sah ich ihn hier, bald dort im Menschengedränge
auftauchen, und immer hatte er neue Schutzbefohlene am Wickel, die er
schleunigst zu mir in die Ecke führte. Endlich waren wir vollzählig.

»Eins, zwei, drei -- sieben!« zählte er. »_Allright._ Alles in
Ordnung. Gepäck wird gebracht. Gehen wir. Immer hinter mir drein!«

So betrat ich die Straßen New Yorks.



Ein Tag in New York.

     Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
     Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
     Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. -- Hallelujamädchen.
     -- Im Park.


»Bleiben Sie lieber im Heim,« meinte das kleine Männchen. »Es ist
gescheiter und billiger!«

»Fällt mir nicht im Traum ein,« sagte ich.

»_Well_, ich habe Sie gewarnt. Dies ist eine große Stadt, eine feine
Stadt, aber eine merkwürdige Stadt. Wenn Sie morgen in Ihr leeres
Portemonnaie gucken und weinen, dann ist's Ihr eigenes Begräbnis! Also
der Dampfer geht morgen früh um acht Uhr ab!«

Und er trippelte aus dem Bureau.

Ich sah ihm lachend nach. Hier im Auswandererheim in der _State Street_
wehte Zwischendeckluft, und Zwischendeckluft hatte ich gründlich satt.
Da waren große Räume mit lauter Schlafplätzen dreifach übereinander;
Kojen, richtige Kojen -- da war ein Eßraum mit riesig langen Tischen und
Bänken. An denen saßen Auswanderergestalten, denn es war gerade
Essenszeit. Und Bündel lagen umher, und dumpfe Luft war in dem Raum, und
ich machte, daß ich hinauskam.

»Wohin?« fragte der Mann mit der Mütze, der an der Türe stand.

»'raus!«

»Lieber nicht. Viel zu heiß zum Spazierengehen.«

»Mir egal. Ich will 'raus.«

»Hm. Fahren Sie weiter?«

»Ja. Mit dem Mallory-Dampfer morgen früh.«

»Texas? Was Sie nicht sagen! Haben Sie schon 'n Revolver?«

»Mann!« sagte der mit der Mütze erstaunt und mitleidig, als ich den
Kopf verneinend schüttelte. »Da unten muß man unbedingt 'n Schießeisen
haben!«

Daß ich aber auch daran nicht gedacht hatte! Ich machte mir schwere
Vorwürfe über meinen unverzeihlichen Leichtsinn und war von tiefer
Dankbarkeit erfüllt, als der Mann mit der Mütze sich erbot, mir einen
Laden zu zeigen. Er führte mich in ein Geschäft am Broadway, flüsterte
mit dem Verkäufer, bekam irgend etwas in die Hand gedrückt, und ging
wieder. Er dürfe nicht lange fortbleiben -- der _gentleman_ dort würde
mich schon _fixen_.

»_I -- I desire to buy a revolver!_« stotterte ich.

»_Certainly_,« antwortete der Verkäufer. »_Talk German._ Bitte,
sprechen Sie nur deutsch. Sie wünschen einen Revolver?«

Ich bejahte.

»Sie müssen natürlich das beste haben, was es nur gibt, besonders da
Sie nach Texas reisen, wie mir der Mann vom Heim sagte. Dort kann das
Leben eines Mannes leicht genug von der Güte seiner Waffe abhängen!«

(Texas muß ja fa--mos sein! Dachte ich mir, freudig überrascht).

»Ich möchte Ihnen diesen Smith und Wesson Revolver bestens empfehlen.
Feinster Nickelstahl. Selbsttätiger Patronenauswurf. Selbstwirkende
Sperrvorrichtung. Treffsicherheit auf dreihundert Meter garantiert.
Kolossal bequem in der Hüftentasche zu tragen!«

»Ich weiß doch nicht ...« sagte ich, die kleine Maschine möglichst
sachverständig betrachtend. »Gerade mit diesem System bin ich nicht
vertraut.« (Ich verstand überhaupt nichts von Revolversystemen.)

»Ich erkläre Ihnen den Mechanismus genau. Außerdem können Sie die Waffe
auf unserem Schießstand probieren. Diese Tür dort!«

Ich zitterte vor Freude. Das war ja wunderbar. Kaum konnte ich meine
Ungeduld meistern, als wir in die Schießbahn kamen, und er mir zuerst
den Mechanismus, das Laden, das Patronenauswerfen zeigte. Endlich gab er
mir den Revolver in die Hand, und schleunigst knallte ich auf die von
Glühlampen hellbeleuchtete kleine Scheibe los.

»Ausgezeichnet!« rief der Waffenhändler.

»Hab' ich getroffen?« fragte ich erratend.

»Ob Sie getroffen haben?« meinte er. (Als ob das gar nicht anders
möglich sei.) »Selbstverständlich. Ins Zentrum haben Sie getroffen!«

Beinahe hätte ich Hurrah geschrien. Ich freute mich wie ein kleiner
Junge. Nach dem zwölften Schuß ging der Waffenhändler zur Scheibe und
brachte mir das Stückchen Pappe. Sämtliche Schüsse saßen in den beiden
inneren Kreisen. Wie stolz ich war! So stolz, daß ich ohne weiteres den
sehr teuren Revolver kaufte. Hätte ich damals schon gewußt, daß es ein
alter Trick amerikanischer Waffenhändler ist, auf den Schießständen
sauber zurechtgeschossene Scheiben in Bereitschaft zu haben, die den
Kunden für ihre eigenen unterschoben werden, so würde ich wohl bedeutend
weniger eingebildet gewesen sein!

Die sollten mir nur kommen in Texas! Meine texanische Zukunft schien mir
gesichert! Ich besaß einen Revolver!

                  *       *       *       *       *

... Ich muß versucht haben, den Fahrweg des Broadway zu überschreiten.
Eine elektrische Straßenbahn wenigstens gab sich die erdenklichste Mühe,
mich zu rädern -- die Pferde eines Lastwagens versuchten mit zynischem
Gleichmut, mir die Füße wegzutreten -- ein Radfahrer kollidierte zuerst
mit meinen Rippen und hielt sich dann vertrauensvoll an meinem Halse
fest -- und siebenundzwanzig Kutscher brüllten zu gleicher Zeit auf mich
ein.

»Hilfe!« schrie ich.

Da tauchte ein Hüne von Polizist mit grauem Helm, blauem Rock und einem
niedlichen kleinen Knüppel in der Hand neben mir auf, sah mich
mißbilligend an und hob den kleinen Finger der rechten Hand ein bißchen
in die Höhe. Wie durch Zauberschlag standen all' die Wagen still,
schwiegen all' die Kutscher, hörten all' die Elektrischen mit ihrer
dröhnenden Klingelei auf. Und der Hüne faßte mich behutsam am Arm und
bugsierte mich auf die andere Seite der Straße.

»Donnerwetter!« rief ich.

»Oh -- aha!« sagte der _policeman_ in deutscher Sprache. »Frisch von
drüben? Lassen Sie sich in eine Unfallversicherung aufnehmen!«

Sprach's und schritt majestätisch weiter. Ich aber guckte betrübt an mir
hinab und konstatierte, daß mein Rock bestaubt, meine Stiefel mit
Schmutz bespritzt und meine Manschetten zerknüllt waren.

Da sah ich an der Straßenecke einen pompösen, mit Messingblech
verzierten Lehnstuhl stehen, vor dem ein Negerjunge hockte, und ich
begriff, daß das ein Etablissement zum Stiefelputzen war.

Wie hießen doch Stiefel auf englisch? Richtig -- _boots_. Aber wie
drückte man sich auf englisch aus, wenn man etwas geputzt haben wollte?
Keine Ahnung! Damals begann ich zum erstenmal, speziell den Lehrern der
englischen Sprache zweier bayrischer Gymnasien allerlei Übles an den
Hals zu wünschen. In Zukunft tat ich das noch häufig. Wie der schöne und
wahre Satz: »Die Tugend ist das höchste Gut« auf englisch hieß, das
hatte man uns gelehrt; die spartanischen Jünglinge und die verschiedenen
Enormitäten ihrer Erziehung -- das war ein sehr beliebtes
Übersetzungsthema gewesen. Aber wie man sich auf englisch die Stiefel
putzen ließ -- das war den Herren Humanisten wahrscheinlich zu
gewöhnlich gewesen. Und auf dem Broadway von New York dankte ich den
Göttern, daß ich als Primaner in Burghausen so viele englische
Schundromane gelesen und so viele englische Liebesbriefe geschrieben
hatte. Sonst wär' ich dagesessen mit meinem humanistischen Englisch!

Nein, das Wort für reinigen fiel mir nicht ein. Ich kletterte daher
wortlos auf den Lehnstuhl. Der Neger fiel auch sofort über meine Stiefel
her, bürstete, ölte, frottierte mit sieben verschiedenen Tüchern und
erzielte eine glänzende Herrlichkeit, die ich mit Staunen betrachtete,
während ich meinen Schädel damit quälte, wie ich elegant fragen könnte,
was die Geschichte kostete.

»_What does that cost?_« meinte ich schließlich.

»_A nickel_ -- fünf Cents,« grinste der Neger. »Deutsches, heh? Nix
englisch, heh?«

Und tief beschämt gab ich ihm meinen Nickel.

Es war so heiß, daß man kaum atmen konnte; es war, als strömten Fluten
glühender Luft aus dem Asphalt der Straße. Ich beneidete die westenlosen
Herren mit ihren dünnen Jäckchen und die Damen, die Fächer trugen und
sich unablässig Kühlung zufächelten; ich wunderte mich, daß trotz der
Hitze alle Leute so rannten; war erstaunt, als ich durch eine
Spiegelscheibe in ein Bankgeschäft hineinguckte und lange Reihen von
Angestellten in Hemdärmeln sitzen sah; in eleganten Hemdärmeln, an den
Ellenbogen von breiten bunten Seidenbändern zusammengehalten. Aber
immerhin in Hemdärmeln. Ich guckte in alle Läden hinein, starrte
verblüfft an himmelragenden Wolkenkratzern empor, ließ mich vorwärts
schieben im Straßengewühl. Ein Barbierladen brachte mich auf die Idee,
mich weiterhin verschönern zu lassen.

Eine Viertelstunde lang saß ich in der Reihe der Wartenden, bis eine der
emsig arbeitenden Gestalten in fleckenlosem weißen Linnen mich ansah und
rief:

»_Next!_«

Der Nächste! Ich war an der Reihe.

Der Barbier war ein Künstler. Leise wie ein Hauch glitt er mir über das
Gesicht. Auf einmal spürte ich etwas an meinen Füßen, merkte, daß ein
Neger sich heimtückischerweise herbeigeschlichen hatte und mir die
Stiefel putzte! Herrgott, sie waren doch schon geputzt worden! Ich
wollte protestieren. Es ging aber nicht, weil der Künstler gerade an
meinen Mundwinkeln operierte. Lieber die Stiefel zweimal geputzt als
einmal geschnitten, dachte ich mir.

Da! Jemand ergriff meine rechte Hand. Diesmal wäre ich fast
zusammengezuckt. Mühsam aus den Augenwinkeln schielend, stellte ich
fest, daß ein anderer Neger mit Scheerchen und Feilen und Bürstchen
meine Nägel bearbeitete! Na, meinetwegen.

Dreimal wurde ich eingeseift, dreimal rasiert. Dann legte sich auf
einmal ein weißes Tuch über mein Gesicht --

Ich brüllte! Das Tuch war kochend heiß.

»_Nice, aint it?_« fragte der Barbier.

_Nice_ -- das hieß hübsch. Die New Yorker Barbiere schienen mir einen
grotesken Geschmack zu haben. Aber wirklich, nach dem ersten Schrecken
fühlte man sich erfrischt, wohlig. Von Zeit zu Zeit fragte mich der
Barbier irgend etwas, und ich nickte nur mit dem Kopf, weil ich seinen
Geschäftsjargon nicht verstand.

So übergoß er meine Wangen mit höllischem Feuer und salbte mich mit
kühlenden Wohlgerüchen -- zerschlug ein Ei auf meinem armen Schädel und
brühte mir die Haare, um gleich darauf durch einen eiskalten Guß einen
brillanten Kontrast zu erzielen -- schnitt mir die Haare -- rasierte mir
den Nacken -- frottierte, rieb, schund mich. Aber es war sehr schön!!

»_Thank you!_« sagte der Künstler.

Und die junge Dame an der Kasse präsentierte mir mit bezauberndem
Lächeln eine Rechnung von fünf Dollars und packte mir eine Haarbürste,
eine Zahnbürste und eine Dose mit Pomade fein säuberlich ein. Ich fiel
beinahe in Ohnmacht. All' das Zeug hatte ich nickenderweise in aller
Unschuld gekauft! Ich wollte protestieren, ich wollte -- -- da sah mich
die junge Dame mit einem süßen Blick an, mit einem Blick, der
einen Eisblock hätte schmelzen können. Da tat auf einmal die
Fünf-Dollarrechnung gar nicht mehr weh. Ich bezahlte nicht nur, sondern
ich bezahlte mit Vergnügen.

Stundenlang wanderte ich ziellos umher, beschauend, staunend. Mir kam's
vor, als sehe eine Straße wie die andere aus, als herrsche überall das
gleiche verwirrende Getöse, das gleiche Getümmel. Ein Eindruck
verwischte den andern. Ich fing an müde und vor allem hungrig zu werden.
Da sah ich ein Schild mit grellen roten Buchstaben: Restaurant.
Schleunigst trat ich ein.

An kleinen Tischen saßen Männer, in angestrengter Arbeit vornüber
gebeugt. Sie aßen krampfhaft darauf los, als sei dies ein Preisessen,
mit einem tüchtigen Preis für den, der zuerst fertig würde. Speisekarten
gab's nicht. Dafür hingen überall an den Wänden Plakate mit Namen von
Gerichten, und riesengroße Schilder besagten, daß hier ein Einheitspreis
herrsche. Was man auch aß, alles kostete fünfundzwanzig Cents.

»Was ist's Ihrige?« brüllte der Kellner im Vorbeijagen.

»_Beefsteak!_« schrie ich ihm nach.

»_Medium?_« brüllte er zurück.

»_Yes!_« schrie ich auf gut Glück, denn ich hatte keine Ahnung, was
"medium" bedeuten sollte. (Das Wort ist ein echt amerikanischer
Spezialausdruck, Restaurantjargon, und heißt "mittel", halb
durchgebraten.)

»Tee, Kaffee, Milch?« erkundigte sich der Ganymed, vom anderen Ende
des Lokals herüberschreiend.

»Bier!« rief ich entrüstet.

»Nix Bier!« johlte er zurück. »Tee, Kaffee, Milch ...«

»Milch!« schrie ich. Ich war empört. Nicht einmal ein Glas Bier konnte
man also bekommen! Wäre ich meinem Englisch nicht so mißtrauisch
gegenübergestanden, so hätte ich dem Kellner gründlich meine Meinung
über seine unkommentmäßigen Getränke gesagt!

Nach wenigen Sekunden schon stürzte er auf meinen Tisch los. Ich starrte
ihn in jähem Erstaunen an. Der Mensch mußte im Nebenberuf Jongleur sein,
denn er balanzierte auf ausgestrecktem linkem Arm eine Pyramide von
hochaufgetürmten Schüsseln und Schüsselchen mit allerlei Gerichten, mit
einer Selbstverständlichkeit, als sei für ihn das Gesetz der Schwerkraft
aufgehoben. Von den dutzend Schüsseln, die da auf seinem Arm schwebten,
nahm er die oberste und warf sie mir hin. Jawohl -- warf sie mir hin.
Die Platte glitt über das Tischtuch und rutschte niedlich in Position
vor meinen Platz. Der reine Zaubertrick. In gleicher Art kam ein
Schüsselchen mit gebratenen Kartoffeln gerutscht und ein Glas Milch.
Dann warf er mir ein rosa Pappstück hin mit dem gestempelten Aufdruck:
25 Cents. Das war die Rechnung. Man bezahlte an einer kleinen Kasse.

Ich glaube, ich habe sehr rasch gegessen. Erstens war ich hungrig und
das Beefsteak ausgezeichnet, und zweitens steckte die Schnellesserei an.
Man konnte in der nervösen Hast dieser Futterstelle mit Dampfbetrieb so
etwas wie beschauliche Gemütlichkeit nicht bewahren.

Wieder stand ich in dem Straßenlärm. Über das hohe eiserne Gerüst in
der Straßenmitte donnerten alle Augenblicke Eisenbahnzüge. Es fing an
dunkel zu werden. Lichter flammten auf, das Meer von Reklameschildern
und Plakaten hell beleuchtend. Denn ein Laden reihte sich hier an den
andern. Die Straßenfront war eine ununterbrochene Folge von
Schaufenstern, von Trödelläden, Kneipen, Kleidergeschäften, Bazaren,
Theatern. Und ein jeder versuchte seinen Nachbarn durch grelle
Anpreisung zu übertrumpfen; hier glitzerten hunderte von Glühlämpchen in
einem Schaufenster, dort lenkte ein schwingendes Feuerrad die
Aufmerksamkeit auf billigen Schmuck, da sollte ein lichtumrahmter
Farbenklecks einer Tänzerin mit flatternden Jupons und rosabestrumpften
Beinen in ein Varieté locken. _Cheap_, billig, war das Motto der
Straße. Billig, billig -- stand überall in Rot und Grün und Gelb
angeschrieben -- billig, schrien an jedem zweiten Fenster Buchstaben aus
Glühlampen geformt. Billig, billig ...

Die Straße war die Bowery, das Viertel der Armut, des Lasters, des
billigen Vergnügens. Das wußte ich freilich damals nicht. Ich sah nur,
wie erbärmlich der lichtumflutete Tand in den Fenstern war -- wie das
Geschäft der Straße hinter dem Pfennig herhetzte -- wie die Menschen
sich drängten und starrten und gafften. Energische jüdische Herren
versuchten, mich in ihre Kleidergeschäfte hineinzuziehen, eine junge
Dame rempelte mich an, ein Mann, der aus einer Bar hinausgeworfen wurde,
sauste an mir vorbei und hätte mich beinahe mitgerissen. Matrosen
johlten. Neben Herren, die trotz ihrer Seidenhüte und trotz der
Brillantbusennadeln merkwürdig gewöhnlich aussahen, drängten sich
Gestalten in halbzerrissenen Kleidern, Neger, Dirnen, barfüßige Kinder.
An den Ecken lungerten Männer und Frauen, riesige Polizisten schritten
langsam auf und ab. Man war wie eingekeilt. Denn auch der Straßenrand
bildete eine einzige Linie von Licht und Verkaufsbuden, von rollenden
Läden. An jedem der kleinen Wagen steckte eine Petroleumfackel, und der
rote Schein stach sonderbar von den weißen Lichtfluten der Bogenlampen
ab. Da waren Obstverkäufer und Blumenhändler und Limonadekarren. Ein
behäbig aussehender Mann in weißer Schürze hatte einen riesigen Kessel
um sein Bäuchlein geschnallt, einen tragbaren Ofen. Man sah die
glühenden Kohlen auf dem Rost. Er wanderte hin und her am Straßenrand,
aus Leibeskräften schreiend: Wiener Wurst -- Wiener Wurst, _gentlemen_
-- _hot Wiener Wurst_. Da kam ein wanderndes Restaurant, ein kleines
Häuschen auf Rädern von einem Esel gezogen, das _sandwiches_ und
_beefsteaks_ anpries. Daneben stand das Tischchen eines Händlers, der
Spielkarten verkaufte. Die Straße war eine Hölle von Lärm und Getümmel
und Gerüchen -- ich wurde gestoßen und gedrängt, bis ich mir so hilflos
vorkam wie ein biederer Bauer aus Feldmoching auf dem Münchener
Oktoberfest ...

Da ertönte ein Trompetenstoß und helle Frauenstimmen sangen, das
Gedröhne übertönend:

     _Hallelujah --
     Hallelujah, this is the day of the Lord.
     Hallelujah -- Hallelujah!_

Vier Mädchen in den häßlichen Hüten und den blauen Jacken der Heilsarmee
standen an der Straßenecke, eine amerikanische Flagge ausgespannt in den
Händen. Die Straßenbummler scharten sich um sie, und dann und wann warf
jemand ein Geldstück in die Flagge. Da -- jetzt sangen die schönen
Mädchenstimmen in deutscher Sprache:

    »Flieh' doch die Versuchung,
    Die Leidenschaft brich!
    Glaub' immer an Jesum,
    Er rettet auch dich.«

Salbungsvoll, marktschreierisch, unangenehm. Und doch -- wie das klang
... In dieser Straße. Unter diesen Menschen!

                  *       *       *       *       *

Das Auswandererhaus lag grau und nüchtern da. In der drückenden
Abendschwüle hatte der Gedanke an die vielen Menschen in den kahlen
Räumen, an die Bettreihen der Brettergestelle, etwas Abstoßendes. So
wanderte ich noch umher trotz aller Müdigkeit. Ganz in der Nähe fand ich
einen kleinen Park, Anlagen mit duftendem Jasmingebüsch und breiten
Bänken, ein grünes Fleckchen, eingekapselt zwischen den Schiffsreihen
des Hafens und den Häusermassen der Wolkenkratzer. In einem Winkel war
noch ein Plätzchen auf einer Bank, neben einem Liebespärchen, lachenden,
schwatzenden jungen Menschen.

Der Park lag in weichem Halbdunkel. Draußen auf allen Seiten flutete es
von Licht, von den Tausenden von Lichtpünktchen im Hafen bis zu dem
grellen Bogenlampenschein der Citystraßen. Rot und gelb und weiß blitzte
es auf -- Feuerräder, die irgend eine Reklame umrahmten hoch droben in
der Luft auf Wolkenkratzern; Dampfer im Hafen, die mit ihren vielen
Fenstern und Hunderten von Glühlampen aussahen wie schwimmende
Lichtmassen; ein Meer von Licht überall. Und, wie aus weiter Ferne
kommend, ein dumpfes Getöse, der vibrierende Ton des nächtlichen New
York, die Nachtsprache der Riesenstadt, die sich aus Millionen, aus
Milliarden von Einzelgeräuschen zusammensetzt, ein unbeschreiblicher
Ton, bald wie leises Flüstern, bald anschwellend zu dröhnendem
Tumult ...

Da kam aus Müdigkeit und Verlassensein das Heimweh über mich. Auf der
Bank im Hafenpark unter einer Laterne schrieb ich den ersten Brief an
meine Mutter. Einen lustigen Brief. Über den Barbier und das Restaurant
und die Bowery.



Das Pokerschiff.

     Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen Nationallaster.
     -- »_Fine game_, dieses Poker!« -- Die Weisheit des Bluffens.
     -- Key West und Johnny Young aus San Antonio. -- Eine bissige
     Bemerkung über Millionäre. -- Im Salon! -- _Good bye, Miss
     Daisy ..._ -- Dies ist Texas, mein Sohn!


»_There you are! Good bye!_« sagte der zappelige kleine Agent der
Mallorylinie, auf die Gangplanken des Texasdampfers deutend, nickte mir
zu und verschwand im Gewühl.

Ein Höllenlärm herrschte auf dem Pier trotz der frühen Morgenstunde.
Scharen von Arbeitern rannten vom Pier zum Dampfer und vom Dampfer zum
Pier. Säcke, Kisten, Fässer schienen in der Luft umherzufliegen;
Dampfwinden kreischten. Eine dröhnende Stimme von der Kommandobrücke
trieb fluchend zur Eile an. Rußig und ungewaschen sah der schwarze
Dampfer mit den grellroten Schornsteinbändern aus. Zwischen
dahinstürmenden Menschen und daherpolternden Kaufmannsgütern kletterte
ich an Deck, ohne daß eine Menschenseele sich um mich kümmerte. Hier
gab's keine väterliche Fürsorge wie beim Norddeutschen Lloyd -- keine
Polizisten, keine eleganten Schiffsoffiziere, keine uniformierten
Stewards, die einem Plätze anwiesen ... Ein Mann in Hemdärmeln (dafür
trug er aber elegante Beinkleider, Lackstiefel und eine goldberänderte
Offiziersmütze) sah mich verwundert an, als ich ihm meine
Zwischendeckskarte zeigte, und deutete einfach mit dem Daumen nach der
Vorderdeckstreppe. Ich stieg hinab. In einem mäßig großen
Zwischendecksraum standen eine Menge Kojen. Aber jede war mit irgend
einem Gepäckstück belegt. Da kam ein Mann in weißer Jacke die Treppe
herunter.

»Wo ist mein Platz?« fragte ich ihn.

»Hier!« sagte er und deutete auf die Kojen.

»Aber da liegen doch überall Sachen!«

»Dann ist kein Platz mehr da!« meinte der Steward seelenruhig.

»Aber ich habe doch bezahlt!«

»_Well_, das macht nichts aus,« erklärte der Steward. »Für Ihr Geld
kommen Sie nach Galveston. Schlafen können Sie, wo's Ihnen beliebt. In
den Kojen oder auf dem Boden oder auf dem Verdeck!«

Und pfeifend stieg er die Treppe empor.

Ich sah um mich. Kein Mensch war im Zwischendeck, trotzdem überall
Koffer und Bündel lagen. Am andern Ende der Kojenreihen entdeckte ich
aber eine Tür und trat in einen großen, halbdunklen, durch einige
Glühbirnen schlecht erleuchteten Raum, in dem ein paar dutzend Leute vor
einem hohen Bartisch standen.

»Da ist noch einer,« sagte der Mann hinter der Bar. »Was ist Ihre
Spezialität, Herr?«

Ich sah ihn fragend an.

»Was wollen Sie trinken, mein' ich,« erklärte der Mann. »Sie sin'
wohl 'n Fremder?«

»Jawohl,« sagte ich. »Sehr.«

»_Well_, das macht nichts. Der Herr hier traktiert. Was ist das
Ihrige?«

»Ein Glas Bier.«

»Schluck's hinunter, _sonny_!« sagte einer der Trinkenden. »Jawohl --
ich traktiere. Und es wird nicht das letztemal sein, daß dieser gute
alte Junge hier« (er schlug sich auf die Brust) »auf diesem gesegneten
Schiff eine Runde bezahlt. Soll sich der Mensch vielleicht nicht freuen,
wenn er aus New York herauskommt? Im Winter ist es so kalt, daß man
Millionär sein muß, um die Kohlenrechnung zu bezahlen; im Sommer ist es
so heiß, daß man dreimal im Tag den Sonnenstich bekommt und nachts im
Eiskasten schlafen muß. Mit den Löhnen ist's Essig, weil das
italienische Pack von drüben zu billig arbeitet, und ein solides kleines
Geschäftchen kann man auch nicht machen, weil alles schon gemacht ist,
was es in der Geschäftslinie nur gibt. New York ist ungemütlich.
Verdamm' New York, sag' ich. Hat einer von den Herren 'was dagegen?«

»Ich nicht,« meinte der Mann hinter der Bar. »New York kann für sich
selber aufpassen. Groß genug ist es.«

»Das ist wahr. Ein großer, unappetitlicher, rauchiger Haufen von einer
Stadt ist es. Von Wolkenkratzern und elektrischem Licht kann ich nicht
leben, sag' ich. Texas für mich, meine Herren, wo ich der Schlauere
bin, und nicht New York, wo die anderen alle die Schlaueren sind. Texas
für mich, sag' ich.«

Da freute ich mich diebisch, weil ich jedes Wort mühelos verstand, und
trank vergnügt das winzig kleine Glas Bier aus.

»New York hin, New York her,« sagte ein Mann neben mir, ein
prachtvolles Menschenexemplar, riesengroß, mit breiten Schultern und
einem merkwürdig weichen Gesichtsausdruck. »Ich rutsche jetzt zum
drittenmal auf dieser verdrehten Mallorylinie nach Texas hinunter. Wenn
ich dort bin, kalkulier' ich mir zusammen, daß ich wieder in New York
sein möchte, und wenn ich glücklich wieder in New York bin, läßt es mir
keine Ruhe, bis ich mein Fahrgeld nach Galveston wieder bezahlt habe.
Wenn ich in Texas auf einem Gaul sitze, möcht' ich in einem New Yorker
Varieté sein, und wenn ich in New York sechs Monate lang richtige
Mahlzeiten gegessen habe, werd' ich ganz verrückt nach Texasmaisbrot und
Texasspeck. Ich hab' noch nicht die richtige Ruhe, denk' ich mir.«

Die Männer lachten schallend auf.

»So geht's uns allen,« rief einer. »Ich pfeif' auf die richtige Ruhe.
Um die zu haben, müßte ich entweder Millionär sein oder tot und
begraben. Dies ist ein großes Land, und meiner Mutter Sohn will dort
sein, wo etwas los ist. Gefällt's mir nicht in der einen Stadt, geh' ich
in eine andere, und sind im Osten die Zeiten schlecht, so ist damit noch
lange nicht gesagt, daß sie auch im Westen schlecht sein müssen. Das
Glück läuft einem nicht nach. Immer hinter drein! Entfernung spielt bei
mir keine Rolle. Immer hinter drein, meine Herren, und der Teufel holt
den, der zuletzt kommt.«

                  *       *       *       *       *

»Deutscher sind Sie? Und erst vierundzwanzig Stunden im Land? Dann
lassen Sie die Finger davon!« grinste der Riese.

Er war mit mir an Deck gegangen. Während der Sam Houston (so hieß der
Texasdampfer) sich durch das Hafengewirr schlängelte, nannte er mir die
gewaltigen Wolkenkratzer bei Namen und pries in begeisterten Reden die
Vortrefflichkeit der New Yorker Varietés und lobte die Appetitbrötchen
der New Yorker Bars. Als aber die Wolkenkratzer untertauchten in einer
einzigen gewaltigen Steinmasse, als die hin- und herhuschenden Dampfer
seltener wurden und die Millionenstadt langsam am Horizont verschwand,
wurde er ungeduldig.

»Gehen wir 'runter!« hatte er gesagt und mir erklärt, daß sich auf dem
alten Kasten die Zeit natürlich nur durch Pokerspielen totschlagen
lasse.

»Aber spielen Sie ja nicht mit!«

Ich fühlte mich beleidigt. Wenn man die Bänke der Obersekunda neben dem
Sohn eines amerikanischen Konsuls gedrückt hat, so ist man in die
Anfangsgründe des amerikanischen Nationallasters eingeweiht! Die
Geheimnisse der Paare und der vier Asse und des Flush und des Bluffens
waren mir längst keine Geheimnisse mehr. Selbstverständlich würde ich
pokern!!

Überall auf dem Boden des Barraumes waren wollene Decken ausgebreitet,
und auf den Decken saßen und kauerten die Männer von vorhin, in kleinen
Gruppen von vier und fünf, mit Karten in den Händen, mit ernsten
Gesichtern. Vor jedem lagen kleine Häuflein Silbergeld und zerknüllte
Dollarscheine. Biergläser und Whiskyflaschen standen umher.

»Na, nun will ich aber meinen Hut aufessen, wenn das nicht unanständige
Eile ist!« schmunzelte der Riese. »Das gesegnete Schiff ist noch gar
nicht richtig unterwegs, und da fangen die schon mit dem Pokern an.
Sechs Partien! Hoh!! Und ich will meinen Hut noch einmal aufessen, wenn
das nicht eine sehr vergnügte Reise wird! 's ist doch ein wahrer Segen,
daß diesmal keine Frauen und Kinder im Zwischendeck sind.«

Fünf Minuten später war ich mit Jack (so hieß der Riese), Tommy (so hieß
der Barmann) und zwei anderen schon mitten im eifrigsten Pokerspielen,
und in weiteren zehn Minuten hatte ich unter dem schallenden Gelächter
der Runde meinen ersten Bluff verloren ... Jack hatte nämlich vier Asse!

»Gegen vier Asse anzubluffen ist Pech!« sagte Jack trocken. »Tun
Sie's nicht wieder.«

Es war ganz still im Barraum; kein lautes Wort wurde gesprochen. Nur die
Silberstücke klirrten. Die Männer hockten regungslos da, mit halb
verschleierten Augen. Kalt wie Eis. Die Karten glitten über die weiche
Decke, die Dollars sammelten sich zu einem Häuflein an, Banknoten wurden
in den _pot_ geworfen -- bis die Hand des Gewinners das Geldhäuflein an
sich raffte; hin und her wanderten das Silber und die grünen Noten.

»Fünf Dollars mehr ...«

»Das -- und noch fünf!«

»Halte ich -- und fünf mehr!«

So wurde geflüstert; in gleichgültigem Ton, gelassen, ruhig. Und doch
wußte sogar meine unerfahrene Jugend, daß unter der Maske äußerlicher
Ruhe die Spielleidenschaft zittern mußte -- aber wie diese Männer sich
beherrschten! Wie sie mir imponierten! Wie ich sie beneidete um ihre
kühle Ruhe und ihren eisernen Willen!

Nichts war natürlicher, als zu versuchen, es ihnen gleichzutun. Und ich
gab mir große Mühe, recht unbefangen auszusehen. Meine Karten
betrachtete ich nur so nebenbei, als interessierten mich ihre Werte
eigentlich gar nicht, und mein Geld rollte so leichthin auf die Decke,
als könne ich es nicht rasch genug loswerden. Es verflüchtigte sich auch
wirklich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Aber das war mir nicht etwa
eine Mahnung, vernünftig zu sein und aufzuhören, sondern ich spielte nur
um so toller darauf los.

Um ein Uhr nachmittags kam der Steward und brachte das Essen. Kein
Mensch ließ sich dadurch stören. Die Blechteller mit den Beefsteaks und
den gebratenen Kartoffeln, die Blechtöpfe mit starkem schwarzem Kaffee
wurden auf die Decken gestellt, als sei das selbstverständlich, und mit
gleicher Selbstverständlichkeit holte sich der Steward von jeder Decke
einen Vierteldollar aus dem Topf für seine Mühe, ohne ein Wort zu
sagen. Man aß so nebenbei und spielte, spielte, spielte. Röcke wurden
ausgezogen, Westen geöffnet, Kragen abgebunden. Berußte Heizer kamen aus
dem Maschinenraum gestiegen und pokerten mit, Matrosen mischten sich
unter die Spielergruppen. Der Barraum war eine Spielhölle. Ich verlor
und gewann, gewann und verlor, rauchte unzählige Zigaretten, dachte an
nichts als Karten und Geld. Um keinen Preis hätte ich meinen Platz auf
der Wolldecke aufgegeben --

»Drei Dollars mehr ...«

»Wer gibt?«

»_Full house, my money --_«

Als die schmutzige Heizerhand den Geldhaufen einstrich, in dem
mein letztes Silberstück lag, kam der Schiffsingenieur die
Zwischendeckstreppe herunter.

»_Gentlemen!_« rief er. »Dieses gesegnete Pokerschiff verschluckt
nebenbei auch Kohlen und braucht Leute, die es mit Kohlen füttern. Ich
möchte also die Herren Heizer der dritten Wache ersuchen, sich
gefälligst dahin bemühen zu wollen, wohin sie gehören und zwar verdammt
schnell. Runter mit euch, ihr Söhne von Spielkarten!«

»Pokerschiff ist gut,« sagte Jack. »Drolliger Junge, dieser
Ingenieur. Wer gibt?«

Ich war am Geben. Und ich wechselte meinen letzten Zehndollarschein. Laß
dich nicht verblüffen, sagte ich mir, nur ja nichts anmerken lassen! Was
die anderen können, kannst du auch!

                  *       *       *       *       *

Spät nachts kletterten Jack und ich an Deck, denn im Kojenraum war es
viel zu heiß zum Schlafen. Zwischen Fässern und Tauwerk vorne am Bug
machten wir uns aus den Pokerdecken ein Lager zurecht.

»_Good night!_« sagte Jack.

Ich lag da und starrte in den Mond, und unklar stieg in mir die Ahnung
auf, daß ich ein furchtbarer Esel gewesen sei. Reingefallen, mein Junge
... Die Silberstücke und die Dollarnoten, mit denen am Morgen noch mein
Geldtäschchen vollgepfropft gewesen war, trieben sich jetzt in den
Taschen anderer Leute herum -- mir waren nur ein paar Dollars
übriggeblieben. Zu dumm -- --

»_Fine game_, dieses Poker,« meinte der Riese neben mir, »famoses
Spiel!«

Da lachte ich hell auf.

»Haben Sie gewonnen?«

»_No._«

»_Well_, morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen desgleichen usw.
Holen Sie sich's wieder. Bluffen Sie!«

Und im flimmernden Mondenschein, unter Wellengemurmel und
Maschinengetöse, wurde mir zum ersten Male amerikanische Weisheit
gepredigt, von einem einfachen Arbeiter. Poker war weiter nichts als ein
Abklatsch des Lebens. Bluffen mußte man im Leben wie beim Pokern, nicht
verblüffen lassen durfte man sich. Wenn man fünfzehn Cents in der Tasche
hatte und nicht wußte, wo man seine nächste Mahlzeit herkriegen sollte,
-- mußte man aussehen und auftreten, als hätte man ungezählte
Dollarnoten in der Tasche und einen offenen Kredit bei der nächsten
Nationalbank. Dabei stellte man sich besser, als wenn man jedem
Menschenkind entgegenschrie: Bemitleide mich, ich Ärmster habe nur noch
fünfzehn Cents! Schneid mußte man haben. Beim Pokern mußte man durch
eiserne Ruhe den Anschein erwecken, als hätte man ausgezeichnete Karten
-- im Leben mußte man sich arbeitskräftiger und klüger und besser
stellen als man war. Nur nicht unterkriegen lassen! Glaub' an dich
selbst, und die anderen werden an dich glauben. Sag' den Leuten, du
seist stark, und man wird nicht gerne mit dir anbinden. Hilf dir selber,
und alle Welt wird dir helfen. Bete nicht: Lieber Gott, hilf mir, ich
bin ja so schwach -- sondern bete: Lieber Gott, ich bin ja so stark, laß
mich so bleiben! Und man mußte stets daran denken, daß das nächste Spiel
das Glück bringen konnte, beim Pokern wie im Leben ... Da schlief ich
seelenvergnügt ein.

Wieder wurden die Decken ausgebreitet, und wieder rollten die Dollars,
und wieder kamen die Heizer und die Matrosen in jeder dienstfreien
Minute. Ich stand im Banne des Pokerschiffs wie jeder andere. Aus meinen
wenigen Dollars wurde ein Silberhäuflein -- dann schmolz es zusammen --
dann wuchs es im ewigen Hin und Her. Der Tag verging mir wie im Flug.
Drei Tage. Am dritten Tage kamen wir in Key West an. Als ein
Schiffsoffizier in den Barraum hinunterrief, wer wolle, könne auf etwa
zwei Stunden an Land gehen, sprang ich auf und eilte die Treppe empor.

Die anderen aber blieben sitzen und pokerten weiter.

                  *       *       *       *       *

Der amerikanische Prediger Talmage nannte einst in einer jener
Sensationspredigten, die eine halbe Stunde nach Schluß des sonntäglichen
Gottesdienstes in seiner berühmten Washingtoner Kirche an alle Zeitungen
Amerikas telegraphiert wurden (von ihm selbst -- gegen Honorar!), das
Pokern die Nationalsünde der Vereinigten Staaten. Unzweifelhaft spiegle
das Teufelsspiel um das goldene Kalb die besonderen Charaktersünden des
Amerikaners getreulich wieder! Alle Glücksspiele zwar seien frevelhaft,
doch dem Pokerspiel fehle sogar das versöhnende Moment des Leichtsinns.
Das sei kein Glücksspiel mehr -- sondern raffiniertes wohlberechnetes
Sündigen! Mit bewußter Gier setze sich der Amerikaner an den Pokertisch
und locke mit ehrbarem kaltem Lächeln dem armen Nebenmenschen (den man
doch als Christ lieben müsse!) einen Dollar nach dem andern ab. Die
Männer, die vier Asse in der Hand hielten und dabei ein betrübtes
Gesicht machten, als hätten sie nicht einmal zwei Könige, um den armen
Nächsten durch diese optische Vorspiegelung falscher Tatsachen saftig
hineinzulegen -- diese Männer seien schlimmere Sünder denn die Zöllner
von dereinst! Ein moderner Tanz um das Goldene Kalb! Es illustriere im
Kleinen die großen amerikanischen Sünden -- die Goldgier; die Anmaßung,
sich klüger zu dünken als der Nachbar; die Sucht, sich durch unehrliche
Mittel zu bereichern, und vor allem einen frevelhaften Mangel an
christlicher Nächstenliebe. Der Mann, der mit selbstzufriedenem Lächeln
die sündigen Resultate eines niederträchtigen Bluffs einstreiche, sei
der alte Pharisäer in moderner amerikanischer Auflage. Nur noch viel
schlimmer! »Pokert nicht mehr, oh Amerikaner, und ihr werdet bessere
Menschen werden!« -- also predigte Ehrwürden Talmage -- und ein
vergnügtes Schmunzeln ging über das ganze Land. Denn jener Kampf im
Pokerspiel von Selbstbeherrschung gegen Selbstbeherrschung, von
Unverschämtheit gegen Unverschämtheit, von Geldwert gegen Geldwert und
von Bluff gegen Bluff ist wahrlich typisch für die Art der Männer des
Yankeelands, und Prediger Talmage hätte wissen können, daß seine
Mitbürger gerade auf das stolz sind, was er ihre Nationalsünden nannte!
Man lachte furchtbar über die Predigt. Und sie löste in jedem braven
Amerikaner den frommen Wunsch aus, doch recht häufig als moderner
Pharisäer mit frommem Augenaufschlag saftige Bluffresultate einstreichen
zu können ... Das ist eben die Nationalsünde!

                  *       *       *       *       *

Auf der Gangplanke des Sam Houston stieß ich mit einem Herrn in weißen
Leinenkleidern und riesigem grauem Schlapphut zusammen.

»_Pardon me_,« sagte er.

»_I beg your pardon_,« antwortete ich.

»_My fault!_«

»Aha -- Sie sind ein Deutscher! _Well_, ich bin Johnny Young aus San
Antonio und meine Freunde behaupten, ich sei unerträglich neugierig.
Also Sie sind Deutscher? Ferner glaube ich sagen zu können, daß Sie noch
nicht lange im Lande sind?«

»N--nein!«

»Aha! Wußte doch, daß kein amerikanischer Schneider diesen Anzug
gemacht hat. Es ist so einfach, ein Prophet zu sein, wenn man die Augen
ein wenig offen hält und nur ein bißchen nachdenkt. _Well, well._ Sie
haben gepokert und verloren?«

Ich sah ihn erstaunt an.

»Ja? Stimmt's? Nein, ich bin kein Zauberer. Alles pokerte. Und
natürlich pokerten Sie mit. Und natürlich verloren Sie!«

Wir schritten in weichem feinem Sand dahin, auf einem breiten Weg,
eingesäumt von Palmen in endloser Reihe. Die dunkelgrünen Fächerwipfel
stachen scharf ab von dem gelben Sand und dem tiefblauen wolkenlosen
Himmel. Die Luft war feucht und schwül. Holzhütten tauchten auf. Im
Hintergrunde schimmerten weißgetünchte Häuser. Es war wie ein Märchen
-- die Palmen ringsum, die schwere Luftschwüle, das grelle Tropenlicht;
der merkwürdige Mann neben mir mit den weißen Haaren und dem frischen
Gesicht, der vom ersten Augenblick an einen unbeschreiblichen Eindruck
auf mich machte. Ich glaube, ich wäre ihm blindlings gefolgt,
irgendwohin. Er war als junger Mensch in Key West gewesen. Während wir
unter den Palmen dahinschritten erzählte er von den Milliarden und
Abermilliarden Zigarren, die alljährlich in dem Hüttengewirr des
Inselstädtchens von den geschickten Fingern kleiner Creolinnen
verfertigt werden; von den Schmugglern Key Wests, von den Wreckern, von
den Flibustiern, von Kämpfen mit Zollkuttern, vom Menschenriffraff der
Florida Keys -- von den Spielen Key Wests hinter verschlossenen Türen,
bei denen Berge von Gold sich auf den Tischen häufen und jeder Spieler
den Revolver schußgerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die
Flibustier Floridas segeln Waffentransporte nach einsamen
Landungsplätzen an der kubanischen Küste, wo Leute warten, die sehr arm
sind, aber trotzdem für Waffen sündhaft viel Geld übrig haben.
Revolutionäre. Die gibt's immer da drüben. Oft genug jagt ein
Kriegsschiff solch einem Segler ein halbes Dutzend Granaten in den Leib.
Aber die Waffen werden mit Gold aufgewogen -- und solange Key West
steht, wird es seine Flibustier haben, ebenso wie es stets das
Hauptquartier der Wrecker sein wird. Das sind desperate Schiffskapitäne
mit kleinen Segelbooten und einer Mannschaft von Inselnegern, die mit
Taucheranzügen umgehen können. Sie kreuzen still und unauffällig an der
Küste. Wenn ein Schiff an den gefährlichen Bänken strandet, so ist bald
ein Wrecker da und schickt seine Taucher hinab, die alles nach oben
befördern, was des Nehmens wert ist, ohne sich lang darum zu scheren,
wem die Ladung gehört. Der Wrecker betrachtet alles als gute Beute. Er
wird ein reicher Mann, wenn es ihm gelingt, Onkel Sam's Kanonenbooten zu
entwischen.

Ich hörte in atemloser Spannung zu. Johnny Young lachte, als er endete,
und sah mich vergnügt an.

»Ja, ja -- ich hab' was übrig für rapides Leben trotz meiner sechzig
Jahre. Herrgott, wär' ich noch jung! Könnt' ich noch einmal mittollen!
Sehen Sie, ein anderer würde Ihnen sagen, Sie seien verflucht
leichtsinnig gewesen, Ihre junge Nase in Pokerkarten zu stecken und Ihr
bißchen Geld zu verlieren, anstatt die Centstücke zusammenzuhalten für
die Not der ersten Zeiten in einem neuen Land. Ich sage: Das Geld, das
ein junger Mensch wie Sie mitbringt, ist so wertlos für ihn wie altes
Papier! Es hindert ihn nur im Lebenskampf. Denn je schneller er vor das
Problem gestellt wird, entweder zu hungern oder Geld zu verdienen, desto
rascher lernt er Land und Leute und Art kennen. Das mag bittere Medizin
sein, aber es ist gute Medizin. Ich kann unsere Millionäre nicht leiden,
die einem in salbungsvollen Memoiren vorlügen, wie fleißig sie in die
Kirche zur Sonntagsschule gingen, wie sie Pfennig für Pfennig sich
zusammensparten, wie sie mit ihrem so erworbenen Erstlingskapital von
hundert Dollars sich weitere hundert Dollars hinzuerarbeiteten, wie sie
in harter Plage und getreuer Pflichterfüllung steinreiche Leute wurden.
Das ist verdammter Schwindel. Mit dem Bravsein und dem Pfennigfuchsen
hat noch kein großer Kaufmann Menschenkenntnis und Wagemut gelernt. Geh'
hinaus ins Land, würde ich zu einem jungen Mann sagen. Laß dir das
Leben um die Ohren pfeifen und lerne das Menschenpack kennen, so wie es
ist und nicht wie's in frommen Bilderbüchern steht. Ist einer stark,
dann kann er starke Medizin vertragen, und ist einer schwach, dann ist's
nicht schade um ihn.«

Meine Augen müssen vor Begeisterung geleuchtet haben. Wie wunderbar
mußte es sein, mitten im Leben zu stehen und zu sehen und zu lernen und
stark zu sein. Mir war's, als springe Kraft und Selbstvertrauen von dem
alten Mann auf mich über. Da schrillten vom Deck die mahnenden
Pfeifensignale des Dampfers.

»Ich wollte Ihnen ja noch einen Rat geben,« sagte Herr Johnny Young
aus San Antonio. »Beinahe hätte ich's vergessen. Gehen Sie zum
Zahlmeister und lösen Sie sich eine Karte für einen Kajütenplatz nach.
Der Unterschied für die Strecke Key West -- Galveston wird nicht
besonders groß sein. Es ist gescheiter, bequem untergebracht zu sein,
statt auf hartem Boden zu schlafen und das Geld beim Pokern zu
verlieren. So. In einer halben Stunde geht der Dampfer. Ich habe noch
dringende Privatgeschäfte.«

Und mit einem verabschiedenden Kopfnicken tauchte er in das
Hüttengewirr.

Ich aber rannte glückselig zum Dampfer und sprang an Deck. Im Bureau
zeigte ich dem _Purser_ meine Anweisung auf die Schiffskasse. (Mein
Vater hatte, durch Vermittlung des Norddeutschen Lloyd, arrangiert, daß
mir bei der Ankunft in Galveston fünfhundert Mark ausbezahlt werden
sollten.) Zuerst machte er Schwierigkeiten, weil das Geld erst in
Galveston fällig war, als ich ihm aber erklärte, daß ich von Key West ab
im Salon zu fahren wünsche, wurde er sehr liebenswürdig. Verdiente doch
der Dampfer dabei Geld.

                  *       *       *       *       *

Meine Koffer ließ ich aus dem Schiffsraum holen, zwei Anzüge ließ ich
mir aufbügeln von der Stewardeß, ich fiel über die Waschschüssel in der
eleganten kleinen Kajüte her, ich probierte ein halbes Dutzend
Kravatten, ich machte Toilette wie ein Backfisch vor seinem ersten Ball.
Während ich den kunstvollen Knoten der Halsbinde schlang, dachte ich an
den schmutzigen Barraum und die pokernden Menschen in Hemdärmeln. Wie
war's denn nur möglich gewesen! Die Stewardeß bekam ein Trinkgeld, das
sie einen Knix machen ließ. Im verlassenen Rauchsalon drehte und wand
ich mich in eitler Selbstgefälligkeit vor dem Spiegel -- bewunderte im
Eßzimmer die überladene Einrichtung in Weiß und Gold, das strotzende
Silber auf dem Bufett -- promenierte auf dem segeltuchüberspannten
Kajütendeck unter eleganten Damen und Herren -- ließ mir vom Steward
einen bequemen Deckstuhl bringen und schlürfte aus spitzem
Champagnerkelch Sherry mit Eis und Sodawasser. Da schritt schwerfällig
Jack der Riese unten übers Deck. Er sah mich sitzen, betrachtete mich,
betrachtete mich noch einmal, schüttelte den Kopf und sagte laut und
vernehmlich:

»Jetzt will ich aber verdammt sein!«

Beim _supper_ stellte mich Mr. Johnny Young als seinen jungen Freund
vor, frisch vom Vaterland. Ich machte Verbeugungen nach rechts und nach
links und erzählte von deutschen Gymnasien und deutschen Offizieren. Und
bediente ritterlich die Dame zu meiner Rechten, Miß Daisy Benett, aus
Dallas, Texas.

»Wie tapfer von Ihnen, daß Sie dieses gräßliche Zwischendeck
studierten!« sagte Miß Daisy.

»Es war sehr interessant,« murmelte ich.

Wie der verlorene Sohn kam ich mir vor, der endlich von den Träbern
wieder zu menschenwürdigem Leben übergeht. Jedes _breakfast_, jedes
_dinner_, jedes _supper_ war mir ein Freudenfest, das ich mit tausend
Wonnen auskostete, nicht um der vielen Gänge und der mancherlei
Delikatessen willen, sondern weil ich mir so vornehm schien. So gut
angezogen. So tadelloses Benehmen. So ganz gute Kinderstube. Hans im
Glück war ich sieben Tage lang. Miß Daisy geruhte, mein Englisch drollig
zu finden und konstatierte, ich sei ein guter Junge. Aber artig sein!
Ich schleppte ihr Stühle und Decken und Bücher auf Deck und versorgte
sie für ein halbes Jahr mit Schokolade und Bonbons. Droben auf dem
Promenadedeck verplauderten wir die sommerschwülen Nächte und starrten
zusammen ins Meer. Und in der allerletzten Nacht rauchten wir Zigaretten
und tranken eisgekühlte Erdbeerbowle und --

»_It's good bye, my boy ..._«

»Und _good bye, Miß Daisy_ --«

»Wie jung Sie sind, _my boy_, und -- ja, wie neugierig ich doch bin!
Wie's Ihnen wohl ergehen wird?«

Da lachte ich, lustig und leichtsinnig, als sei's ein Scherz, und
sprudelte hervor, wie wenig Geld ich hätte, und wie ich so gar nicht
wüßte, was beginnen.

»_Fight your way, my boy_,« sagte Daisy. »Schlag' dich durch!«

Gelbe Sandbänke tauchten am Morgen auf, immer klarer hervortretend in
langgezogenen Streifen; das tiefe Blau des Golfmeeres wurde heller,
grünlicher. Gegen Mittag waren wir mitten im Hafenlärm. Scharf umrissen
lagen im grellen Sonnenlicht die Häusermassen Galvestons da.

Dutzende von Negern sprangen an Deck, als der Sam Houston am Pier
anlegte, priesen Hotels an und bemächtigten sich der Gepäckstücke der
Passagiere. Während der Menschenstrom die Gangplanken hinabflutete,
guckte ich noch einmal in den Zwischendecksraum. Da waren die Decken, da
rollte das Geld, da waren die Männer und lachten einen Schiffsoffizier
aus, der, purpurrot im Gesicht, mit der Hafenpolizei drohte, wenn sie
nicht sofort mit dem verdammten Pokern aufhören und sich zum Kuckuck
scheren würden.

»Zehn Dollars mehr!« hörte ich eine tiefe Baßstimme sagen --

Dann ging ich von Bord. Unten am Pier riß mir ein baumlanger Neger den
Koffer aus der Hand.

»City of Galveston, Herr? Feinstes Hotel!«

Ich schlenderte hinter ihm drein, an Mr. Johnny Young aus San Antonio
vorbei, der eben in einen Wagen stieg. Abschiednehmend lüftete ich den
Hut. Johnny Young nickte mir lächelnd zu und deutete mit weitausholender
Armbewegung auf das Getriebe.

»Dies ist Texas, _my son_!«



Mein letzter Dollar.

     Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wär' ich nur ein
     Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat. -- Auf
     dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstück. -- Der gute
     Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an ...


In der Situation lag Humor:

~Wie~ machte man es eigentlich, sich das Leben um die Ohren pfeifen zu
lassen? ~Was~ taten Glückssoldaten denn, wenn ihnen das Geld ausging?
~Wo~ stand nun der Wegweiser, der zu Arbeit und tätigem Leben wies?

Bruder Leichtfuß fand den Wegweiser nicht --

Tag für Tag war ich in der backofenheißen Inselstadt umhergewandert, im
Hafengetriebe, in menschenwimmelnden Hauptstraßen, staunend, starrend,
und wurde mit jedem Tag verwirrter, hilfloser. Frau Logika dozierte mit
sonnenklarer Deutlichkeit, daß etwas geschehen müsse, irgend etwas, denn
selbst Bruder Leichtfuß (der seelenruhig im besten und teuersten Hotel
Galvestons wohnen blieb) erkannte die große Wahrheit, daß das Leben Geld
kostet. Und das Geld schwand dahin und bald würd' mir's ergehen wie dem
armen Mann im schwarzen Walfisch zu Askalon.

Den Wegweiser finden -- den Wegweiser ...

Stundenlang jeden Tag stöberte ich im Hotelvestibül den Anzeigenteil der
Zeitungen durch. Da wurden Schneider verlangt, und nach Schustern war
rege Nachfrage, und um Bäckergesellen schien man sich zu reißen; aber
irgend eine Stellung, die ~ich~ hätte ausfüllen können, stand niemals in
der Zeitung. Mehr als einmal dachte ich: Wärst du nur ein Schuster oder
doch wenigstens ein Schneider! Keinen Pfennig schienen mein Latein und
mein Griechisch und die ganze humanistische Bildung in dieser Texasstadt
wert zu sein. Herrgott, man konnte doch nicht wildfremde Menschen
fragen, ob sie vielleicht etwas für einen zu tun hätten! Wie machte man
es? Stundenlang quälte ich mich mit der Abfassung eines Stellengesuches.
Gebildeter junger Deutscher sucht -- -- Ja, was denn eigentlich? Was
konnte ich denn leisten?

Da kam die große Idee. Das deutsche Reich unterhielt in den großen
Städten des Auslandes deutsche Konsuln, um deutschen Reichsangehörigen
mit Rat und Tat beizustehen. Natürlich! Dorthin mußte ich gehen und dort
würde mir geholfen werden! Ich ließ mir im Hotel die Adresse geben und
rannte spornstreichs nach dem Konsulat, drückte ganz aufgeregt vor
Freude auf die Türklinke und --

»Können Se nich' anklopfen?« schrie mir eine Stimme entgegen.

In einem kahlen Raum mit zwei gelbangestrichenen Stehpulten, den Bildern
des Kaisers und der Kaiserin und einer riesigen Holzbarriere saß auf
hohem Drehstuhl ein Mann, der mich wutentbrannt über seine Brille
hinweg anfunkelte. Hinter seinen beiden Ohren steckten Federhalter.

»Was wollen Se?«

»Ich wünsche, den deutschen Konsul zu sprechen.«

»Is' nich' da. Un' überhaupt -- sagen Se nur, was Se wollen. Ich bin
der Kanzleichef.«

Da genierte ich mich gewaltig und wußte nicht recht, wie ich's anstellen
sollte.

»Ich bin soeben erst aus Deutschland angekommen und --«

»Nu ja und was wollen Se hier?«

Die Frage verblüffte mich. »Ich weiß eben nicht ... ich möchte Rat
erbitten --«

Der Kanzleichef kletterte von seinem hohen Sitz herab und stellte sich
vor mich hin.

»So? So--oh? Haben Se Papiere?«

Mein deutscher Reichspaß machte den Gestrengen um eine Nuance
freundlicher.

»Na, und?«

In meiner Verlegenheit tappte ich sofort in _medias res_ hinein. »Ja,
ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Rat geben könnten. Ich
habe nämlich nur noch sehr wenig Geld und --«

Da gab sich der Kanzleichef einen förmlichen Ruck. In strenger
Mißbilligung glotzten mich die brillenbewehrten Äuglein an, und
schnarrend, schnell, als ob er Auswendiggelerntes herunterleiere, sagte
er:

»Der Deutsche, der nach Amerika kommt, hätte erstens lieber in
Deutschland bleiben sollen. Zweitens kann das deutsche Konsulat ihm
keine Arbeit verschaffen, denn es hat keinen Einfluß auf
den Arbeitsmarkt und muß als Behörde es ablehnen, sich mit
Arbeitsvermittlung zu beschäftigen!«

»Aber --«

»Drittens verfügt das Konsulat über keinerlei Mittel zu
Unterstützungszwecken. Tja -- wenn Sie kein Geld mehr haben, können Se
wiederkommen und 'ne Karte an den deutschen Verein haben. Dort kriegen
Se 'n Vierteldollar und 'n Mahlzeitticket.«

»Herr -- seh' ich so aus?« sagte ich wütend. Mir war, als müßte ich in
den Boden sinken. Dieser Mann war ein Barbar, ein Prolet, ein -- --

»Tja -- das kann man nich' wissen!«

Er grinste mich an und ich starrte ihn an.

»Wollen Se sonst noch was wissen?«

»Herr, ich bin humanistisch gebildet!« schrie ich, knallte die Tür zu
und stolperte die Treppenstufen hinunter. Ein Hohngelächter gellte mir
nach. Mit zornrotem Kopf lief ich die Straße entlang. Dem Konsul würde
ich schreiben und ihm gründlich meine Meinung über das Betragen seines
Kanzleichefs sagen! Meinem Vater würde ich schreiben und ihn bitten,
sich beim bayerischen Ministerium zu beschweren und --

Herrgott, was anfangen!

Heute war Wochenende, und nach Bezahlung der Wochenrechnung im Hotel
würde mir wahrscheinlich kein Geld mehr übrig bleiben. Was tun -- was
tun? Ich nahm mir vor, aus dem Adreßbuch deutschklingende Namen von
Kaufleuten herauszuschreiben und die um Rat zu bitten, so schwer's auch
sein würde. Irgend etwas mußte sich doch finden ... Wenn sich aber
nichts fand! Wenn ich da stand ohne Geld? Bittere Gedanken stiegen in
mir auf und formten sich zu bitteren Vorwürfen. Trotz allem und trotz
allem -- war es recht gewesen, daß man mich aufs Geratewohl
hinausgeschickt hatte in die weite Welt? Und auf einmal kam mir in
meiner Verzweiflung der Gedanke, daß das Geld in meiner Tasche das
einzige Bindeglied zwischen mir und der Hilfe in der Heimat war. Heute
konnte ich noch telegraphieren, morgen würde ich das Geld für das
Kabeltelegramm nicht mehr haben ...

Ich ging aufs Telegraphenamt. Auf einer Fensterbank in einem stillen
Winkel beschrieb ich ein Formular nach dem andern, nur um eines nach dem
anderen zu zerreißen. »Sofort Kabelgeld.« Nein, so war's nicht
richtig; einen Grund wenigstens mußte man angeben, kurz und klar, denn
natürlich kostete jedes Wort viel Geld. »Hilflos, erbitte Kabelgeld.«
Dieses Formular zerriß ich schnell, kaum geschrieben, so schämte ich
mich vor mir selber. Hilflos. Wie das klang. Nein: »Bitte hundert
Dollars Hotel City Galveston, da Arbeitssuche noch erfolglos.« Wieder
zögerte ich. Ich stellte mir vor, wie das Dienstmädchen das Telegramm
ins Wohnzimmer bringen würde -- Ich bildete mir ein, mein Vater würde
die Achseln zucken und irgend etwas Scharfes, Häßliches sagen, und meine
Mutter würde bitten ... Wenn ich meiner Mutter kabelte? »Noch erfolglos
schlimm daran schnell hundert Dollars Hotel City Galveston.« Hundert
Dollars waren freilich sehr viel Geld und --

»Nein!« sagte ich auf einmal, so laut, daß vorbeigehende Herren mich
neugierig anstarrten.

Nein!

Mochte es gehen wie es wollte. Ganz recht hatten sie da drüben im
geliebten alten München -- hatten Kummer und Sorgen genug gehabt mit
mir. War weiter nichts als verdammte Anstandspflicht, sie mit meinen
Affären nicht mehr zu behelligen.

                  *       *       *       *       *

Die Wochenrechnung war fällig. Die Wochenrechnung, die mein letztes Geld
verschlang. Der Mann im Hotelbureau strich gleichgültig Banknoten und
Silber ein und fragte mich ebenso gleichgültig, ob ich irgend welche
besonderen Wünsche hätte und ob ich noch längere Zeit zu bleiben
gedächte.

»Weiß noch nicht,« sagte ich.

Ich setzte mich auf einen der Rohrstühle im Rauchzimmer, paffte eine
Zigarette und befühlte verstohlen den harten Silberdollar in meiner
Westentasche. Das war mir übrig geblieben -- ~ein~ Dollar. Ein einziges
Silberstück stand zwischen mir und dem Nichts. Ich biß die Zähne
zusammen und versuchte, nachzudenken. Es war etwa drei Uhr nachmittags.
Zuerst mußt du deine Uhr und ein paar Anzüge versetzen oder verkaufen,
sagte ich mir. In Amerika wird's wohl auch Leihhäuser geben. Aus dem
Hotel mußte ich noch heute fort, natürlich; irgendwo mußte man doch
billiger wohnen können. Ich beschloß, einen Polizisten darüber zu
befragen. Und dann mußte ich Arbeit suchen, mußte Arbeit finden, sonst
-- Daran zu denken, an das andere, an das, was geschah, wenn ich keine
Arbeit fand, wagte ich nicht. Ich kam mir so verlassen vor, so hilflos,
so -- --

Da sprach mich ein Herr an, der neben mir saß, weit zurückgelehnt im
Schaukelstuhl mit übergeschlagenen Beinen. Den schneeweißen Filzhut mit
riesiger Krämpe hatte er weit in den Nacken geschoben, und die schlanke
Gestalt umschlotterte ein bequemer Anzug aus dünner Rohseide.
Scharfgeschnittenes Gesicht. Lustig blinzelnde Augen. Es sei furchtbar
heiß heute. Ob ich die Hitze nicht vertragen könne? Ich sähe miserabel
aus. Ob ich mich nicht wohl fühlte?

»Nein. Ja. Doch!« stotterte ich verwirrt.

»_Well_, sollten einen Whisky nehmen! Feine Sache, so 'n kleiner
Whisky, wenn man nicht ganz _allright_ ist. Kommen Sie mit mir zur Bar!
-- So! Mann, vorhin sahen Sie ja kreideweiß aus. Besser jetzt?«

»Ja, danke,« murmelte ich.

»_And that's allright_,« lächelte der Texaner, sich bequem gegen die
Bar lehnend. »Sie sind frisch von drüben? Ja? Kam mir nämlich so vor.
Mein Vater ist auch von Deutschland nach Texas gekommen. Hm ja, ich
spreche aber lieber englisch. Was wollen Sie hier beginnen?«

»Das weiß ich eben nicht!« platzte ich heraus.

»Kann ich mir denken!« meinte er. Er sah mich nachdenklich an und
kaute an seiner Zigarre. »_Well_, lassen Sie uns wieder ins Rauchzimmer
gehen, wenn's Ihnen recht ist. Bißchen plaudern. Ja?«

Wir setzten uns in die weichen Rohrstühle, ich und der erste Mensch in
dieser Texasstadt, der sich um mich kümmerte.

»_Well_ -- und wie gefällt's Ihnen im guten alten Texas?«

»Gar nicht!« stöhnte ich.

Da lachte er auf und schlug sich aufs Knie. »Mann, erzählen Sie 'mal,
wenn Sie wollen. Will mich ja nicht aufdrängen. Würd' Ihnen aber gerne
einen Rat geben.«

Bruder Leichtfuß ließ sich nicht lange nötigen in seinem Jammer und
sprudelte hervor, wie schlecht es ihm ginge und wie erbärmlich er daran
sei.

»Ist nichts dabei. Gar nicht schlimm!« sagte der Texaner gleichmütig,
als ich geendet hatte. Und dann brach er auf einmal in schallendes
Gelächter aus.

»Hoh -- Sie haben also wirklich kein Geld mehr?«

»N--nein!«

»Und dann wohnen Sie im besten Hotel!« Er lachte Tränen.

»Ich will heute noch ausziehen.«

»Wohin denn? Ohne Geld?«

»Ich muß eben Sachen versetzen.«

»Ach so!« Er lachte und lachte.

»Was soll ich denn sonst anfangen?«

Der Texaner zündete sich umständlich eine neue Zigarre an. »Unsinn!«
sagte er. »Bessere Männer als Sie sind schon ohne Geld dagesessen. Is'
nix dabei. Müssen eben arbeiten. Das bißchen Geld zum Leben verdienen
kann jedes Kind. Was können Sie denn eigentlich?«

Da sprudelte ich mein ganzes bißchen Lebenslauf hervor.

»Schwierig!« sagte er. »Sehr schwierig. Aber auch für den dicksten
Baum ist eine Axt gewachsen. Ich glaub' nicht, daß Galveston etwas für
Sie ist. Hier drängt sich alles zusammen. Hm ja, Sie sind also grasgrün
im Land, sind Ihr Leben lang auf Schulbänken gesessen, und haben noch
nie 'was gearbeitet. Wollen Sie denn arbeiten -- irgend etwas?«

»Natürlich!«

»Sicher? Irgendwelche Arbeit?«

»Alles!«

»Na, dann kommen Sie mit auf unsere Farm!«

Ich ließ mich in den Stuhl zurückfallen und schnappte förmlich nach
Luft. Siedendheiß lief es mir über den Körper. Ich konnte kaum sprechen.

»Auf Ihre Farm?« stotterte ich. »Sprechen Sie -- sprechen Sie im
Ernst?«

»Selbstverständlich.«

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken -- --«

»Unsinn, Mann. Ist ein ganz einfaches Geschäft. Sie sind jung und Sie
sind stark und Sie können ganz zweifellos arbeiten, wenn Sie wollen. Der
"alte Mann" und ich haben alle Hände voll Arbeit auf der Farm. Weiße
Männer sind selten und teuer in der Erntezeit, und die Neger hier unten
sind die faulsten Stricke auf der ganzen Gotteswelt. Abgemacht? _And
that's allright!_« Und er streckte mir die Rechte zum Handschlag
hin.

Stundenlang konnte ich nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich sah mich
auf galoppierendem Pferd dahinjagen -- sah mich arbeiten draußen in
frischer Luft -- sah mich als freien Mann, der durch seiner Hände Arbeit
sein Brot verdiente ... Der Texaner hieß Charles Muchow. Die Farm seines
Vaters lag hundert Meilen nördlich von Galveston, bei dem Städtchen
Brenham, und morgen schon wollte er die Rückreise antreten, ich mit ihm.
Er hatte einen neuen Farmwagen und einen Rotationspflug in Galveston
gekauft. Wie's mir wohl ergangen wäre, wenn nicht der Zufall mich mit
ihm zusammengeführt hätte? Jetzt hatten die Sorgen ein Ende und das neue
Leben begann. Vom ersten Augenblick an hatte mir der junge Texaner mit
seinem merkwürdigen Selbstbewußtsein und der unerschütterlichen Ruhe
gefallen, und während der langen Abendstunden im Rauchzimmer waren wir
beinahe Freunde geworden. Er nannte mich Ed, ich nannte ihn Charley.

»Das Mistern ist nicht Mode in Texas,« hatte er gesagt, »und Ihr
gesegneter Name ist zu vertrackt. Sagen wir Ed. Kurz und klar -- einfach
Ed!«

Früh am nächsten Morgen weckte er mich, und nach dem Frühstück ging's
zum Bahnhof der Santa Fé Eisenbahn. Die Wagen unseres Zuges
trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Express_
-- Einsamer-Stern-Expreß. Wir stiegen ein. Ein weicher Teppich bedeckte
den Boden, und statt Bänken oder Polstersitzen standen in langen
Reihen, je zwei und zwei nebeneinander, bequeme Lehnstühle mit weichen
Ledersitzen, die sich in alle möglichen Lagen zurechtschrauben ließen.
Auf den Rücken der Stühle vor uns waren kleine Flaggen mit einem Stern
in der Ecke eingepreßt, und darunter stand wieder in Goldbuchstaben
»_Lone Star Express_«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten
den Deckenschmuck des Wagens; überall, an den Wänden, an den Türen
prangte die Flagge mit dem einsamen Stern -- das Wahrzeichen des Staates
Texas.

Der Expreß jagte dahin. Zwischen weiten, weißglänzenden Flächen. Aus
tiefblauem Himmel brannte die Sonne, drückend heiß schon, trotz des
frühen Morgens. Unübersehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich
die ungeheuren Massen von tiefem Grün; Gebüsch, Sträucher, in
schnurgeraden endlosen Reihen, dazwischen in feinen Strichen die
schwarze Erde. Über dem massigen Grün lag es wie frisch gefallener
Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberleuchtenden
Schneebällen. Wie Silberfäden und Spinngewebe breitete sich die weiße
Schönheit über das ganze Land.

Wir fuhren durch das Reich des Königs Baumwolle.



Im Reich des Königs Baumwolle.

     Das Städtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr. Muchow
     Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer beim König
     Baumwolle. -- In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen
     ... -- Baumwollpflücken und Baumwollmühle. -- Die Reklamereiter.
     -- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub. -- Wie aus dem Wald das Feld
     wurde. -- Der Neger. -- Die amerikanische Krankheit des
     Wandertriebs.


»Brenham!« riefen die Kondukteure.

Wir schritten durch tiefen weichen Sand. Da und dort standen Schuppen,
bald aus rohen Brettern, bald aus grauem Rollblech; dazwischen
Lagerplätze, angefüllt mit Bretterhaufen und Kohlen und langen Reihen
von Fässern. Vor uns zeichnete ein rotes Gebäude aus nackten
Ziegelsteinen sich scharf gegen den blauen Himmel ab, inmitten eines
weiten Straßenvierecks von Häusern aus Holz, die von Farben flammten. An
allen Wänden waren Inschriften in Rot und Gelb und Grün und Weiß,
Reklame in Worten, in Bildern; von den Dächern flatterten Fahnen mit den
Namen von Firmen neben Sternenbannern. Bunt, schreiend, grell war das
Bild. Reiter auf galoppierenden Pferden jagten über den Sandboden vor
den Häusern, Männer in farbigen Hemden, rote und blaue Tücher um den
Hals geschlungen, den Sombrero im Nacken. Zwischen ihnen fuhren in
scharfem Trab leichte zweirädrige Wägelchen. Pferde überall. Über dem
hölzernen Fußweg die Häuserreihen entlang lief, Haus mit Haus
verbindend, eine auf Holzpfosten erbaute Überdachung, eine Art Loggia,
ein Wandelgang. An den Pfosten waren Hunderte von Pferden angebunden,
fertig gesattelt. Aus Sand und Holz und Farben und Pferden bestand das
Städtchen. Die sausenden Reiter, die Neger, die da herumstanden, die
grellen Farben, das Hasten und Jagen -- mir war, als stünde ich vor dem
Tor einer Wunderwelt.

»Müssen zuerst nach Robert Brothers,« sagte Charley. »Dort wird der
alte Mann sein.«

Die Herren Gebrüder Robert hausten in einem Laden im Wandelgang. Auf
schmutzigem rohem Bretterboden und an verwahrlosten Wänden standen und
hingen Tausende der verschiedensten Dinge; Haufen von Pflügen, Sätteln,
Wolldecken, Schaufeln, Kleidern, Pyramiden von Hüten. Silberverziertes
Zaumzeug bedeckte den Boden. Fässer mit Mehl, Kisten mit Tabak, Säcke
mit Zucker und Salz standen überall herum. Auf dem Handgriff eines
Pfluges balanzierte mit verlockender Grandezza ein Seidenhut, und
zwischen allerlei Lederzeug waren Revolver und Gewehre achtlos
hingeworfen; auf einem Whiskyfaß prangte ein pompös befederter Damenhut,
und in einer Schachtel teilten sich Patronen den Raum mit friedlichen
Biskuits. Und überall, wo nur ein Plätzchen frei war, hockten auf
Fässern und Kisten Männer mit Pfeifen zwischen den Zähnen und Gläsern
mit Bier in den Fäusten.

»Hello!« sagte Charley. »Da ist er ja!« Er schritt auf einen Winkel
zu.

»Guten Tag, Vater!«

»Guten Tag, Charley,« sagte eine Gestalt in derbem blauem Leinen.
»Deinen alten Vater haben sie beim Würfeln so hereingelegt, daß er für
die ganze Gesellschaft die _drinks_ bezahlen mußte. Kein Narr ist so
schlimm wie ein alter Narr, mein Junge!«

»Wie du meinst, Vater. Dies ist ein junger Deutscher. Heißt Ed. Freund
von mir.«

»Verdammt angenehm!« sagte der Alte.

»Er kommt mit uns auf die Farm.«

»Wie du meinst, Charley,« antwortete der Alte. »Frisch von drüben,
nicht? _Well -- well ..._ Kauf' ihm, was er braucht, Charley. Was ich
noch sagen wollte, die Mexikaner mit den Ponys sind da, und ich hab' um
einen Schimmel gehandelt. Wollen nachher hinfahren.«

Der alte Mann mit dem struppigen grauen Bart blinzelte mir vergnügt zu.

Ich stand da, schüchtern wie ein kleiner Junge, und sagte kein Wort. Und
ließ mich von einem Warenhaufen zum andern zerren, ließ mir einen
breitrandigen grauen Sombrero mit silberbeschlagenem ledernem Hutband
kaufen, blaue baumwollene Arbeitskleider, derbe Stiefel und lederne
Reitgamaschen, eine Pfeife und einige Päckchen Tabak.

Dann half ich, unsere Koffer auf den grünen Farmwagen packen und
kletterte ungeschickt auf den Wagensitz neben den alten Muchow. Die
beiden Maultiere spitzten die langen Ohren, streckten die
glattgeschorenen Schwänze mit den komischen Haarbüscheln an den Enden
kerzengerade in die Höhe, und los ging es. Wir sausten die Häuserreihen
entlang, bogen um eine Ecke und hielten mit einem Ruck vor einem
winzigen hölzernen Kirchlein. Hunderte von Pferden tummelten sich auf
dem großen freien Sandplatz neben der Kirche, in drängender Masse, in
buntfarbigem Knäuel, fortwährend umkreist von Reitern in gestrickten
Jacken und spitzigen zuckerhutförmigen Hüten, die mit gellenden Zurufen
und knallenden Peitschenhieben die Tiere zusammengedrängt hielten.
Keines der Pferde stand ruhig; sie galoppierten durcheinander, wieherten
und bissen sich.

»Die weiße Stute dort in der Ecke!« sagte der alte Muchow. »Dreißig
Dollars!«

Ein Mexikaner, der zu uns herangeritten war, nickte, gab seinem Gaul die
Sporen und sauste in den Pferdeknäuel hinein. Rechts und links stoben
die Tiere auseinander. Nun hatte er den Schimmel erreicht, der den Kopf
hochwarf, mit einem gewaltigen Satz durch die Reihen der Pferde brach
und in sausendem Galopp auf uns zujagte. Charley saß ruhig auf seinem
Fuchs und schwang in immer größer werdenden Kreisen den Lasso. Die
Schlinge zischte durch die Luft, fiel über den Hals des Pferdes, spannte
sich. Ein scharfer Ruck, und wie vom Blitz getroffen, brach der Schimmel
zusammen. Im Nu waren Charley und der Mexikaner über ihn her, legten ihm
einen dicken Strick in kunstvollen Schlingen über Hals und Maul, banden
das andere Ende des Strickes an den Wagen und --

»Fahr zu, Vater!« schrie Charley. »So schnell du kannst. Wir haben
ihn!«

Die Peitsche klatschte auf die Maultiere, der Schimmel wurde
emporgerissen, und in tollem Jagen ging es vorwärts. Das verängstigte
Tier stürmte gegen den Wagen an, aber da war Charley schon neben ihm,
und in schweren Schlägen sauste die Peitsche auf den Schimmel nieder. Er
schreckte zusammen, machte einen jähen Satz zur Seite, wurde wieder
fortgerissen durch den Strick, der ihm das Maul zusammenschnürte. Immer
wieder wehrte er sich und immer wieder siegte der winzige Knoten über
die riesige Kraft des Tieres.

Brenham lag hinter uns. Da und dort tauchten noch vereinzelte Holzhütten
auf, auf einsamen sandigen Strecken. Dann kam Wald, dann kamen grüne
Felderstrecken, dann wieder Sand, dann ging's durch einen Bach, daß das
Wasser hoch aufspritzte. Der alte Mann stand hochaufgerichtet vorne im
Wagen, die Pfeife zwischen den Zähnen, und peitschte auf die Maultiere
ein; Charley galoppierte neben dem Schimmel her und drängte ihn
vorwärts, wenn er sich sträuben wollte; ich war nach hinten geklettert
und scheuchte mit fuchtelnden Armen und geschwungenem Hut das Pferd
zurück, wenn es in seiner Angst auf den Wagen einstürmte. Ich war toll
vor Aufregung, sah nichts, hörte nichts, hatte nur Augen für den Kampf
mit der wilden Kreatur, die immer wieder zerrte und sich aufbäumte und
fortgerissen wurde und mit weißem Schaum bedeckt war. Mir war, als
seien nur Minuten vergangen, als wir vor einem Drahtzaun so jäh
anhielten, daß ich gegen die Wand geschleudert wurde. Als ich
heruntersprang, hatte Charley schon den langen Strick vom Wagen gelöst
und um einen Baum geschlungen. Das weiße Pferd stand zitternd still und
starrte uns aus erschreckten Augen an.

»Und das ist _allright_!« sagte Charley. »Ed, Sie haben geschrieen,
als ob Sie am Spieße stäken!«

Inmitten des Drahtzauns waren Gebäude aus Holz; ein Wohnhaus mit einer
breiten Veranda, Ställe, an einer Seite offen, in denen Pferde und
Maultiere standen, ein paar Hütten. Ein Neger eilte herbei, öffnete ein
Tor aus Rahmenwerk und Stacheldraht und führte den Wagen hinein. Eine
alte Frau und zwei Mädchen kamen. Wir gingen ins Haus, setzten uns an
einen Tisch in einem Zimmer, an dessen Wänden Gewehre und Lederzeug
hingen, und aßen. Gekochten Speck gab es und Maisbrot und gebackene
Süßkartoffeln, deren gelbes Fleisch genau so schmeckte wie Kastanien.
Beim Essen wurde ausgemacht, daß ich alles frei haben sollte und
fünfzehn Dollars im Monat.

Wir gingen in den Hof. Charley betrachtete nachdenklich den Schimmel,
der an seinem Strick zerrte.

»Ich reit' ihn doch!« brummte er. »Eigentlich sollte er über Nacht an
dem Baum angebunden bleiben und nichts zu fressen und nichts zu saufen
bekommen. Dann wär' er morgen mürbe. Aber das ist eine Schinderei. Ich
will ihn schon kriegen. Sie können mitreiten, wenn Sie wollen.«

Ob ich wollte!

Jim der Neger sattelte mir ein Pferd. Während ich aufsaß, warfen er und
der alte Muchow dem Schimmel Leinen um die Füße und hielten sie straff
gespannt. Das Tier konnte sich nicht rühren. Charley trat vorsichtig
heran, legte ihm Decke und Sattel auf und schnürte die Gurte mit aller
Kraft zusammen. Dann sprang er selbst auf. Die Leinen wurden losgelassen
und der Strick um den Hals des Pferdes durch einen raschen Schnitt
gelöst. Zitternd stand es da. Mit einem Male machte es einen gewaltigen
Satz, drehte sich im Kreise, bockte, schüttelte sich. Aber der Reiter
auf seinem Rücken saß fest. Ein schallender Peitschenhieb. Und das Tier
brüllte auf und jagte davon -- mein Pferd im Galopp hinterdrein.

Beim ersten Sprung wäre ich fast aus dem Sattel geschleudert worden, und
ich hatte instinktiv mit beiden Fäusten in die Mähne gegriffen, ums
liebe Leben zupackend. Bald aber fühlte ich, daß ich breit und sicher
saß, merkte, daß das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte:
spürte in meinen Beinmuskeln, wie es sich dehnte und streckte. Langsam
beugte ich mich vor und drückte die Schenkel an. Da schoß Molly
vorwärts, dem weißen Flecken mit dem schwarzen Punkt da vorne nach.

Holtergepolter ging's über den Sandboden, in Grasland hinein, über grüne
Stauden hinweg, hinter dem weißen Flecken her, der größer und deutlicher
wurde und jetzt wieder erkennbar war als Mann und Pferd.

Das Grün der Felder flog vorbei, Grasboden kam wieder, dann Sand. Da sah
ich, daß der Mann vor mir sich mit aller Kraft in die Zügel legte, bis
der Schimmel herumflog und verzweifelt aufbäumte, sich im Kreis drehend.
Aber das harte Eisen in seinem Maul blieb erbarmungslos und -- neue
Schmach! -- Sporen wurden ihm in die Seiten gestoßen, und Peitschenhiebe
hagelten auf ihn nieder, Schlag auf Schlag ...

Noch wehrte sich der Schimmel. Während ihn das Eisen im Maul und die
Peitsche in großen Kreisen über den Sand trieb, duckte er mitten im
Jagen zur Seite, ballte sich zusammen wie eine Katze und sprang in die
Höhe. Der Sattelgurt hielt, der Mann blieb sitzen. Mehr Peitsche! Mehr
Sporen! Immer enger wurden die Kreise, die Schleifen. Dreimal, viermal
ging die tolle Jagd an mir vorbei. Mir schien es, als verlangsame sich
das sinnlose Dahinschießen, als gebe sich das Pferd geschlagen. Aber das
duldete der Mann auf seinem Rücken nicht. Unaufhörlich arbeitete seine
Peitsche.

Da brach mit einemmal das Pferd mitten im Lauf zusammen. Der Reiter
glitt leicht aus dem Sattel. Ich galoppierte hin. Da stand Charley zu
dem Schimmel hinabgebückt, und das Tier wieherte leise und rieb die
rosige Schnauze an seinem Ärmel und beschnupperte seine Hand. Mann und
Pferd waren schweißbedeckt und schmutzüberzogen; dem Pferd zitterten die
weißen Schaumflocken auf dem Leib -- auf des Mannes Gesicht lag der
Staub in dicker Kruste.

»Der Schimmel ist mein,« sagte Charley. »_Texas Girl_ soll die Stute
heißen, Texasmädel. Du bist ein gutes Pferd, Texasmädel, und ich denke,
wir beide brauchen die Peitsche nicht mehr.«

Er stand auf, und der Schimmel folgte ihm wie ein Hündchen.

Langsam gingen wir zurück. Es war Spätnachmittag, und die Sonne brannte
nicht mehr so heiß wie mittags in Brenham. Aber noch lag es wie
zitterndes Geflimmer in der drückenden Luft. Wir schritten auf weiter
Grasfläche. Vor uns streckten sich grüne Massen von Laubgebüsch mit
Millionen von weißen Flecken, die Baumwollenfelder. Das Land gehörte zum
größten Teil den Muchows. Fünf Zehntel waren mit Baumwolle bepflanzt,
ein Zehntel mit Mais, ein Zehntel mit Zuckerrohr. Der Rest war Gras und
Wald.

In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen, der alte Mann mit
den komisch schlotternden Hosen ein staatsstützender Agrarier, und
Charley ein Gardeleutnant!

Hier unten in Texas wohnte der Besitzer von fast zwei Quadratmeilen Land
in einem Holzhäuschen, das so aussah, als sei es in einem Tag
zusammengenagelt worden, und aß in Hemdärmeln Speck und Kartoffeln zum
Abendbrot.

In dem großen Zimmer, das als Wohnraum und Eßraum diente, stand auf
rohem Bretterboden ein kostbares Piano, und über dem Piano hingen
Tabakblätter zum Trocknen von der Decke herab -- vor einem
Schaukelstuhl aus Mahagoni lag ein Holzklotz als Fußschemel -- eine
zerbrochene Fensterscheibe war mit Papier zugeklebt; überall war die
gleiche merkwürdige Mischung von teuren Dingen und primitivstem
Behelfen. Das Haus hatte kein Fundament. Es war auf vier
Ziegelsteinpfeilern errichtet, einen Meter hoch vom Erdboden, und in der
Wohnstube konnte man hören, wie die Schweine unter dem Fußboden wühlten.
Draußen auf dem Hof standen, achtlos in einer Ecke zusammengeschoben,
landwirtschaftliche Maschinen, die Tausende wert sein mußten, ohne Dach
und Fach, ohne jeden Schutz vor der Witterung. Vierzehn Pferde hausten
in einem Schuppen, der an einer Seite offen war und vier Maultiere waren
einfach an einen Zaun angebunden. Und am gleichen Zaun hing Sattelzeug,
das von Silber strotzte ...

»_Well_, Sie müssen sich verdammt komisch vorkommen!« sagte der alte
Muchow, der Tränen gelacht hatte über Charleys Bericht von unserem
Zusammentreffen in Galveston. »Schadet aber nichts. Wird sich schon
machen. Arbeit schändet nicht, sag' ich. Wenn Sie erst 'mal ein bißchen
Amerikaner geworden sind, können Sie vielleicht 'was Gescheiteres tun,
als auf einer Farm zu arbeiten. Aber bei uns sind Sie willkommen. Sie
arbeiten mit Charley das, was Charley arbeitet und -- _well_, werden
schon auskommen.«

Ich schlief oben im Dachraum zusammen mit dem jungen Muchow, denn Raum
war knapp in dem Häuschen. Was ich alles träumte! Von Baumwollkönigen
und _Texas Girls_ und Sträuchern, auf denen weißes Silber wuchs, und
genialen jungen Deutschen, die wunderbar schnell reich wurden. Da störte
mich eine polternde Stimme in meinem Reichwerden.

»_Hello, boys!_«

                  *       *       *       *       *

Wir gingen in die Morgendämmerung hinaus, Säcke mit breiten Tragbändern
über den Schultern, wassergefüllte Tonkrüge in den Händen. Ein Stückchen
glühendroter Sonne war schon am Horizont zu sehen, und der feine weiße
Nebel über dem Meer von Grün zog sich langsam in die Höhe. In wenigen
Minuten hatten wir das Baumwollenfeld erreicht, das gepflückt werden
sollte. Der alte Farmer und die beiden Mädchen tauchten sofort in die
Buschreihen hinein.

»Du hängst dir den Sack um, so, daß du ihn neben dir herschleifst,«
erklärte Charley, »und dann pflückst du mit beiden Händen die Früchte
aus den Kapseln und steckst sie in den Sack. Und in zwei Stunden wird
dir der Rücken so weh tun, daß du meinst, mit deinem Rückgrat sei irgend
ein Malheur passiert. Aber das ist nur die Baumwollkrankheit und sie
hört auf, wenn du dich erst einmal an das Bücken gewöhnt hast.«

Er fing an einer Sträucherreihe zu pflücken an, ich an der nächsten.
Seine Arme arbeiteten wie Windmühlenflügel und seine Hände wühlten in
den Baumwollbüschen, zupfend, greifend, pflückend ... Wie feines,
schneeweißes Haar sahen die Silberknollen aus. Sie steckten in vier
zusammengewachsenen rundlichen Kapseln und ließen sich mit einem leisen
Griff herauszupfen, so, wie reife Eicheln leicht aus ihren Bechern
fallen. Dort, wo die Früchte aus den Kapseln herauswuchsen, waren sie
fest und hart; die von den Fäden ganz umsponnenen Samenkügelchen konnte
man deutlich fühlen. Aus dem festen Kern heraus aber quoll es
seidenweich, faustgroß, in runden Bällen, von denen zwischen breitem
Grün Dutzende und Aberdutzende an jedem der Sträucher saßen. Ich zupfte
und zupfte, doch Charley war schon weit voraus. Da kam der Eifer des
Wettbewerbs über mich. Mit flinken Fingern ging's in die weiße Pracht
hinein, die Bälle einheimsend, so schnell es nur gehen wollte. Ich hatte
nur Augen für meine Hände, die hastend vom Busch zum Sack und vom Sack
zum Busch flogen. Bald fing mein Rücken zu schmerzen an, denn die
Sträucher reichten einem nur bis zu den Schultern und man mußte
fortwährend in gebückter Stellung stehen.

»Ausleeren!« rief Charley.

Sein Vater und seine Schwestern waren herbeigekommen. Der Alte zog eine
primitive Federwage aus der Tasche und begann mit dem Wiegen.

»Charley, 25 Pfund.«

»Ich armer alter Mann: 23 Pfund.«

»Mary, 24 Pfund.«

»Lizzie, 22 Pfund.«

»Ed, 18 Pfund. Verdammt gut für einen Grünen.«

Ein Schluck Wasser aus den Tonkrügen, und dann ging's wieder in die
Buschreihen hinein. Die Stunden flogen dahin; Reihe auf Reihe wurde
abgepflückt, Sack auf Sack gewogen und ausgeschüttet, bis am Ende des
Feldes es sich auftürmte wie Hügel frischgefallenen Schnees. Immer
heißer wurde es. Der schwere Hut drückte auf meinen Schädel, das
Tragband schnitt in die Schultern ein, die Kleider schienen mir am Leibe
zu kleben; aber ich war so vergnügt wie schon lange nicht mehr, froh wie
ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. Beim Mittagessen aß ich
mehr, als ich je in meinem Leben gegessen hatte und am Abend war ich so
müde, daß mich die ganze Familie auslachte! Und am Abend des dritten
Tages schrieb ich einen begeisterten Brief an meine Eltern. Ich sei
Texasfarmer. Mir ginge es ausgezeichnet. Es sei wunderbar -- einfach
wunderbar ...

Die Neger kamen. Sie halfen pflücken und luden ihre Baumwolle auf dem
Farmhof ab. Denn ein großer Teil der Muchowschen Farm war an Neger
verpachtet, die Land und Werkzeug geliefert bekamen und dafür die Hälfte
der Ernte abliefern mußten. Sechs Familien waren es, Männer in
zerfetzten Hosen, Weiber in roten und blauen Röcken und grellkarierten
Kopftüchern, splitternackte Kinder, die alle zusammen schwatzend und
schreiend in die Baumwollenfelder zogen und gefüllte Säcke
herbeischleppten, bis sich weiße Berge auf dem Farmhof türmten.

                  *       *       *       *       *

Am Ende der Woche ging's mit vier hochbeladenen Wagen nach der
Baumwollenmühle. Einen Wagen fuhr ich und kam mir sehr wichtig vor auf
meinem hohen Sitz und hielt die Zügel krampfhaft in den Händen, als ob
die alten Maultiere nicht auch ohne mich hinter den Wagen dreingelaufen
wären! Nach einer halben Stunde Fahrt hielten wir mitten im Wald vor
einem wackelig aussehenden hölzernen Gebäude, aus dessen hohem eisernem
Schornstein schwarzer Rauch quoll.

Drinnen begannen Maschinen zu stampfen. Ein Wagen nach dem andern wurde
dicht an das Gebäude herangefahren und sein weißer Inhalt mit großen
Holzschaufeln in eine breite Öffnung hineingeschaufelt. Von dort
brachte ein endloser Aufzug, ein breites Lederband mit Holzkästchen, die
Baumwolle nach oben. Wir gingen in die _Cottongin_, die Baumwollenmühle,
hinein, an einem Dampfkessel vorbei, den ein halbnackter Neger mit
Holzklötzen fütterte, und stiegen auf einer Leiter zu dem
Maschinenstockwerk empor. Aus dem Aufzug flutete ein weißer Strom von
Baumwolle in ein Sägewerk, dessen mit ungeheurer Geschwindigkeit sich
hin und her bewegende kleine Sägen die Silberfrüchte zerrissen und
zerfetzten. Die federleichten weißen Fäden wurden von der Maschine
weitergeschoben in einen breiten Holzkasten hinein, der senkrecht bis
hinab auf den Erdboden reichte, während die schweren Samenkörner durch
eine Öffnung in den unteren Raum fielen. War der Holzkasten mit
Baumwollfasern angefüllt, so senkte sich eine hydraulische Presse
herab, die genau in seine Öffnung paßte, und preßte die leichte weiße
Masse in einen schweren Ballen zusammen, den mechanische Vorrichtungen
mit Sackleinwand und Eisenbändern umspannten.

Der alte Muchow pinselte mit schwarzer Farbe auf jeden Ballen ein
gewaltiges M.

»So,« sagte er, »nun wollen wir den Samen in einen Wagen schaufeln
und die acht Baumwollballen auf einen zweiten Wagen laden. Ihr beide
könnt dann nach Brenham hineinfahren. Euch Jungens macht es doch mehr
Spaß, wenn ihr in die Stadt fahren könnt, als mir. Ich denke, wir
spannen die vier Gäule vor deinen Wagen, Charley, und geben Ed die
Maultiere. Mit denen kann er zurecht kommen.«

»Selbstverständlich!« behauptete ich.

Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich eine Dampfmaschine zu erbauen
verstünde, würde ich wahrscheinlich auch ja gesagt haben! Das
Vierspännigfahren ging gut, eine Tatsache, die für den gesunden
Pferdeverstand der Muchowschen Maultiere zeugte. Die Straße war zwar
miserabel und hatte allerlei gefährliche Löcher und Rinnen, aber die
Tiere wichen ganz von selber aus. Als wir uns Brenham näherten und der
Weg breit und eben wurde, rief mir Charley zu, ich solle neben ihm
fahren.

»Die Reklamereiter werden gleich kommen!« schrie er herüber.

»Die was?«

»Die Reklamereiter, mein Sohn. Jungens, die eine volle Whiskyflasche in
der Satteltasche stecken haben und sich ein besonderes Vergnügen daraus
machen werden, einem gewissen Charley und einem gewissen Ed einen
ordentlichen Schluck von der richtigen Sorte anzubieten! Die Sache ist
nämlich so: für Baumwollsamen bekommst du bei jedem Agenten genau das
gleiche Geld, die Tagesnotierung selbstverständlich. Die Samenagenten
können also ihre Konkurrenten nicht durch höhere Preise überbieten,
sondern nur durch größeren Umsatz. Deshalb schicken sie Reklamereiter
auf die Landstraßen hinaus, gerissene Jungens, die jeden Farmer im
Umkreis von fünfzig Meilen kennen. Oft lauern auf einer einzigen
Zufuhrstraße ein halbes Dutzend solcher Reklamereiter. Sobald eine
Wagenladung in Sicht kommt, reiten sie auf den Farmer zu und sind so
liebenswürdig zu ihm, als ob er der Präsident der Vereinigten Staaten
wäre; bieten ihm Whisky an, erzählen ihm die neuesten Brenhamerwitze,
reiten neben seinem Wagen her, so lange, bis einer von ihnen die Ladung
gekriegt hat. Heidi, da sind sie schon!«

Zwei Reiter kamen herangejagt, was die Pferde nur laufen wollten, hart
nebeneinander, weit vornübergebeugt auf ihre Gäule, und parierten mit
scharfem Ruck vor unseren Wagen.

»_Hello, Muchow, old boy!_«

»Guten Tag, Jungens! Warum habt ihr's denn so eilig? Ist der Sheriff
hinter euch drein?«

»Nee, Muchow. Der Sheriff sitzt zu Hause und rechnet sich aus, wer fürs
Gehängtwerden reif ist. Er schwankt noch zwischen dir und einem
übelberüchtigten Neger aus Palavera County.«

»Donnerwetter, Kinder, da habt ihr aber Glück,« sagte Charley
todernst. »Der Sheriff von Brenham wird immer nachlässiger. Er weiß
wohl gar nicht, daß ihr beide wieder im Land seid?«

Da hielten die beiden Reiter lachend die Hände in die Höhe:

»_Allright, Charley._ Wir geben's auf. Dagegen können wir nicht an. Wer
soll denn nun deinen Baumwollkram haben, Muchow? Ich reite für Smith &
Donahan und John hier für Faraday & Co. Wer soll's sein?«

»Kommt darauf an,« lachte Charley. »Trockene Gegend hier, nicht?«

Eine Whiskyflasche kam prompt zum Vorschein, und Charley beguckte sich
lange und andächtig den Himmel durch den Flaschenhals.

Der andere Reiter reichte mir eine Flasche herüber. »Neu in der Gegend
hier?«

»Danke. Ja. Ich bin erst kurze Zeit im Land.«

»Aber Ed! Das mußt du nicht jedem hergelaufenen Pferdedieb gleich auf
die Nase binden!«

»Doch, doch!« meinte der Reklamereiter. »Ihr noch unschuldiger Ruf
könnte sonst leiden. Denn nur einem ganz grasgrünen Grünhorn
(entschuldigen Sie den Ausdruck!) kann man es verzeihen, wenn er sich zu
einer halbtoten Mumie, wie diesem Muchow hier, auf 'ne gottverlassene
Farm hinhockt.«

»Jawohl!« grinste Charley. »Allerlei Leben würd' er mit euch sehen --
die innere Ausstattung des Countygefängnisses aber auch! Dicky, du
kriegst die Ladung; dein Whisky ist so schlecht, daß du unbedingt Geld
verdienen mußt, um besseren kaufen zu können. Du kommst das nächstemal
dran, John. So! Reitet, Jungens! _Go to the devil!_«

»Sollen wir 'was ausrichten?« schrien lachend die Reiter, schon im
Davonjagen ...

»Siehst du, Ed, das sind nette, manierliche Jungens, mit denen man
wenigstens ein vernünftiges Wort sprechen kann, ohne daß man einen
Seidenhut auf dem Schädel haben und bei jedem dritten Wort eine
Verbeugung machen muß. So laß ich's mir gefallen. Gute alte Texasmode,
Sohn!«

»Grasgrünes Grünhorn hat er gesagt!« meinte ich. »Nette
Höflichkeit!«

»_Well_ -- wenn Euer Kaiser nach Texas käme, wäre er auch ein Grünhorn.
Is nix dabei!«

                  *       *       *       *       *

In Brenham waren wir unsere Ladung in einer halben Stunde los; den Samen
bei Smith & Donahan, die Ballen im Schuppen von Roberts Brothers. Die
Pferde und die Maultiere banden wir vor dem gleichen Laden wie neulich
an. Wir wollten gerade hineingehen, da kam einer der umherlungernden
Neger auf uns zu, ein schlanker schwarzer Bursche. Sein Hut strahlte in
sieben verschiedenen Farben und hatte mindestens doppelt so viele
Löcher; seine Hosen hielt er mit beiden Fäusten krampfhaft fest, weil
sie viel zu weit waren und stetig herabzurutschen drohten; sein Hemd
mochte in unschuldiger Jugend einmal weiß gewesen sein.

»Mistah Muchow -- dies schwarze Kind hier is' sehr angenehm froh, daß
Mistah Muchow in Stadt sin'!«

»So, du Sohn eines faulen Vaters? Und was machst du denn in Brenham?
Und wie steht's mit dem Pflücken? Heh, Slim?«

»Macht Melusina Maryanne, Mistah Muchow. Dieser Nigger hat kein'
Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen für
fünf Dollars, Mistah Muchow!«

»Der alte Mann hat dir erst vorige Woche einen Kreditschein gegeben!«

»Huh -- is' alles weg.«

»Ja, dann kriegst du aber schließlich nicht mehr viel Geld, wenn wir
deine Baumwolle verkaufen, Slim.«

»Is nix dabei. Un -- klein' bißchen weißes Geld möcht' Slim, Mistah
Muchow, ein Dollar oder zwei!«

»Wozu denn?«

»Diesem Nigger juckt die rechte Hand, Mistah Muchow, un' das ist ein
feines Zeichen, bringt jedesmal Glück. Slim will 'n bißchen _crap_
schießen un' die schwarze Gesellschaft 's ganze Geld abnehmen!«

»Hier hast du 'n Dollar, Slim. Jetzt lauf weg, Slim. Wenn du morgen
nicht beim Baumwollpflücken bist, frißt dich der alte Mann mit Haut und
Haaren auf, das kann ich dir sagen!«

Grinsend trollte sich der Neger.

»Das ist einer von unseren Pächtern,« sagte Charley, »und der
lustigste Nigger, den ich im Leben gesehen hab'. Nun wollen wir 'mal
zugucken, wie er seinen Dollar los wird.«

Wir bogen um die Ecke, und richtig, da in dem Nebengäßchen, hockte Neger
Slim mit einem halben Dutzend schwarzer Spießgesellen im Sand, und auf
einer alten Jacke rollten Würfel hin und her.

»Komm, kleine Sieben!« rief Neger Slim beschwörend. »Willst du wohl
'rauskommen, du miserabel langweilige Sieben. Schnell -- und kauf'
Frauchen ein Paar Schuhe. Liebe süße Sieben ...«

Sieben! Slims schwarze Tatze schoß hervor und strich die Silbermünzen
ein, die auf der Jacke lagen.

Ein neues Spiel begann.

Die anderen Neger rollten die Augen und ärgerten sich.

»Oha, dicke Elf! Komm liebe dicke Elf!«

Wieder gewann Neger Slim. Achtmal hintereinander gewann er, und beim
neunten Spiel konnte er keinen Gegeneinsatz bekommen, denn er hatte
seine schwarzen Brüder bis auf den letzten Cent ausgeplündert!

»Nix weiß' Geld mehr?« sagte er enttäuscht. »Dann is' dies nette
kleine Spielchen alle, _gentlemen_. Wenn ihr Geld habt, könnt ihr
wiederkommen.«

Und würdevoll schlenderte er die Straße hinab, mit den Vierteldollars in
seiner Hosentasche klimpernd.

Charley und ich gingen in Gus Meyers Salon an der Ecke der Wandelhalle.
Der kleine Raum war peinlich sauber, der Boden mit weißem Sand bedeckt.
An der Decke schnurrten elektrische Fächer, deren scharfer Luftzug
Kühlung brachte. Männer, die an der Bar schnell ein Glas Bier
hinunterstürzten, gingen und kamen fortwährend. An einem großen runden
Tisch saß um eine gewaltige Platte von Kaviarbrötchen eine lustige
Gesellschaft.

»Der deutsche Klub,« flüsterte Charley mir zu. »Guten Morgen,
_gentlemen_! Es würde mich eine _pleasure_ sein, die nächsten Biers zu
trihten ...«

»Lieber Muchow, Ihr Deutsch ist 'was Gräßliches,« schmunzelte ein
dicker Herr. »Es würde Ihnen also ein Vergnügen sein, die nächste
Auflage Bier zu stiften? Bewilligt!«

»_Yes, that's it_,« sagte Charley. »Und dies hier ist ein junger
Deutscher, der -- -- «

»Wissen wir,« lächelte der dicke Herr mit vergnügten Äuglein. »Sie
unterschätzen das alte Brenham und seine Neugierde, lieber Muchow.
Meinen Sie wirklich, daß jemand brühwarm aus Deutschland nach dieser
feinen Metropolis kommen kann, ohne daß darüber gesprochen wird?
Prosit!« (Zu mir): »Wie gefällt's Ihnen? Gut? Ja? Das ist merkwürdig,
denn zwischen Gymnasium und Farmarbeit ist doch ein wesentlicher
Unterschied. _Well_ -- manchmal wundere ich mich, was sich eigentlich
deutsche Eltern dabei denken, wenn sie -- -- na ja, dies ist 'ne
verrückte Welt. Sehr verrückt. Aber man darf nur keine Müdigkeit
vorschützen. Es wird Ihnen noch gut gehen -- und es wird Ihnen noch
schlecht gehen -- aber schützen Sie nur ja niemals Müdigkeit vor!«

Er sah sicherlich nicht müde aus. Weder er noch die anderen. Sie
sprühten von Kraft und Selbstvertrauen. Der Herr mit den vergnügten
Äuglein war der Eigentümer des Brenham Herald, der Zeitung der Stadt,
die in einer täglichen englischen und in einer wöchentlichen deutschen
Ausgabe erschien. Da war der Agent einer Großbrauerei und ein
Sattlermeister, der Besitzer einer Sodawasserfabrik und der Vertreter
eines Nähmaschinengeschäfts. Das Gespräch drehte sich nur um Arbeit und
Geld und neue Unternehmungen. In Brenham war Erntezeit in mehr als einem
Sinn. König Baumwolle herrschte, _King Cotton_, wie der amerikanische
Süden seine weiße Silberfrucht nennt -- King Cotton ritt über das Land
und verwandelte sein Reich von feinen weißen Fäden in schweres
gleißendes Gold. Das Geld rollte. Der allmächtige Dollar strömte aus
Dutzenden von Zufuhrstraßen nach dem Texasstädtchen. Der Farmer bezahlte
den Kredit, den er das Jahr über bei den Geschäftsleuten der Stadt in
Anspruch genommen hatte, er kaufte Maschinen und gab Geld für Vergnügen
aus. Und männiglich mühte sich offenbar aus Leibeskräften, möglichst
viel von dem Goldsegen zu erhaschen. Diese deutschen Männer, die deutsch
und englisch wirr durcheinander sprachen, begnügten sich nicht etwa mit
einem einzigen Beruf, mit einem einzigen Geschäft, sondern dehnten ihre
Interessen nach allen möglichen Richtungen aus. Der Redakteur und
Verleger, so hörte ich mit Staunen, betrieb nicht nur nebenbei die
einzige Buchhandlung Brenhams, sondern er besaß auch eine Farm und hatte
außerdem Geld in allen möglichen Unternehmungen stecken. Augenblicklich
war er eifrig damit beschäftigt, bei Kaviarbrötchen und schäumendem
Lagerbier eine Eisfabrik zu gründen. In zehn Minuten setzte er seinen
Freunden auseinander, daß Eis als Stapelbedarf des Südens ein
ausgezeichneter Fabrikationsartikel sei und daß er gar nicht einsehe,
weshalb Brenham sein Eis von auswärts beziehen müsse. Die anderen
nickten zustimmend -- der Sattlermeister, der nebenbei noch eine
Sägemühle besaß; der Bieragent, der Direktor von zwei Brenhamer
Gesellschaften war; der Nähmaschinenmann, der aus Mexiko Mustangs
importierte ...

»_How much?_« fragte der Sattlermeister.

»Zehntausend, oder sagen wir fünfzehntausend,« meinte der dicke Herr.

In weiteren zwanzig Minuten hatte sich die Gesellschaft einverstanden
erklärt. Die _Brenham Ice Company Limited_ war so gut wie gegründet! Und
im nächsten Augenblick wurde fast gleichzeitig darüber gesprochen, wer
als geschäftsführender Direktor der neuen Eisfabrik bestellt werden
sollte, und wo man heute abend pokern wollte.

»_Hustle!_« sagte der Eigentümer des Brenham Herald, mich über die
Brille hinweg anblinzelnd. »Kennen Sie das Wort? Drängen heißt es, sich
rühren, sich mit beiden Ellbogen vorwärts schieben. _Hustle!_«

                  *       *       *       *       *

Die Zeit schwand dahin. Längst war die weiße Pracht der Felder
hinausgewandert nach den Baumwollzentren der Welt; die weiten Strecken
lagen öde, gedörrt vom Sonnenbrand da. Der Indianersommer kam, der
wundervolle Texasherbst mit seinen leuchtenden roten und braunen Farben,
mit seiner goldenen Sonne. In aller Herrgottsfrühe, in der
Morgendämmerung, begann immer die Arbeit der Farm. Zuerst war es
Baumwollpflücken gewesen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann kam
das Einernten der Maiskolben, dann das Schneiden des texanischen
Zuckerrohres, des Winterfutters für Pferde und Vieh. Als die Ernte
eingeheimst war, ging es an Kleinarbeit. Die Stacheldrahtzäune wurden
ausgebessert, wir legten Bewässerungsgräben für die Felder an, wir
flickten unser Sattelzeug, wir bauten einen neuen Stall, wir besserten
die Farmwagen aus und strichen sie schön grün an, oder rumorten zwischen
den Pflügen und Farmgeräten. Die Arbeit der Texasfarm schien mir keine
Bürde.

»Ich kann mir kein rechtes Bild von deinem Leben machen,« schrieb mir
einmal mein Vater. »Du berichtest über Reiten und Schießen und Jagen,
du schreibst uns lustige Negergeschichten. Ist das Bauernarbeit in
Texas?«

Doch die Arbeit war da und sie war schwer. Die ganze Art des Landes
jedoch gab ihr einen romantischen Zug, und dieser romantische Zug
vergrößerte sich ins Ungeheure für einen jungen Menschen wie mich. So
wie es in der Stadt keine kleinere Münze als fünf Cents gab, weil kein
Mensch sich mit Kupfergeld abgeben wollte, so fehlte auch auf der
Texasfarm jede Kleinlichkeit. Wie sonniger Leichtsinn lag es über dem
fast jungfräulichen Land, das ohne künstliche Hilfe reiche Ernte hergab.
Dumpf dahin zu arbeiten, fiel hier keinem Menschen ein. Wir lebten auf
der Farm in freier Natur ein freies Leben, das selbst schwerer Arbeit
einen merkwürdigen Reiz verlieh. Und manchmal war die Arbeit wie ein
Fest ...

»_Well_, Jungens,« sagte der alte Muchow eines Abends, »ich denke,
wir machen uns jetzt an den Wald drüben bei der Slimpachtung und hauen
uns ein neues Stück Feld heraus.«

Am nächsten Morgen ritten Charley und ich zu den Negerpächtern der
Umgegend und trieben Arbeiter auf, und am nächsten Tag schon begann die
Arbeit. Im Morgengrauen zogen wir hinaus. Voraus ritten der alte Mann,
Charley und ich, hinter drein fuhr Jim der Neger mit vier Maultieren und
einem Farmwagen, bepackt mit zwei riesigen Kesseln und Säcken mit
Proviant. Über Ackerfurchen und knisternde Maisstengel ging's hinweg.
Am Waldrande prasselte ein Feuer aus dürrem Holz, an dem zwei schwarze
Gestalten kauerten und sich die Hände an den Flammen wärmten. Es war
Neger Slim und seine Ehefrau Melusina Maryanne.

»Schön' guten Morgen, Mistah Muchow, schön' guten Morgen, Mistah
Charley, Mistah Ed. Feine Sache, so 'n kleines Feuerchen. Nix niemand
noch nich' da von die faulen Niggers.«

»Wie viele kommen denn, Slim?«

»Sechzig Stück, Mistah Muchow -- jeder gesegnete Farmnigger in dieser
Gegend, so wahr dieses Kind einmal in' Himmel kommen will. Nur der
Washington Columbus von Mistah Davis sein' Farm nich' un' das ist
schade, weil das ein Nigger is', der mit die Axt fein Bescheid weiß.«

»Warum kommt er denn nicht?«

»Kann nicht. Is krank. Kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen,
kann kein gar nix.«

»Wieso denn?«

»Oh -- das is' sehr einfach. Ein anderer farbiger Gentleman hat ihm
ein' ganze Ladung Schrot in die rückwärtige Gegend hineingeschossen!«

Wir brachen in schallendes Gelächter aus.

»Wegen ein' kleine Meinungsverschiedenheit beim Würfeln,« fiel
Melusina Maryanne, die junge Negerfrau, mit schriller Stimme ein.
»_Lord_ -- was is' das Würfelspielen für ein' schlechte Gewohnheit! So
was tut mein Slim nicht! Ich würd's ihm auch mit mein' Besen
austreiben!«

»Tut Slim niemals nich',« log der Neger darauf los und schielte
vergnügt zu Charley und mir herüber.

Als das Rot des herbstlichen Sonnenaufgangs durch die Baumreihen zu
schimmern begann, kamen sie von allen Seiten herangeritten, schwarze
Gestalten mit Äxten über den Schultern, auf struppigen Pferden, auf
altersschwachen Maultieren. Im Nu häufte sich ein Berg von alten Sätteln
und Decken am Waldrand. Die Ponys und "_mules_" begannen draußen auf
dem Feld zu grasen. Die Reiter aber drängten sich um das Feuer und
ließen sich von Melusina Maryanne heißen schwarzen Kaffee in ihre
blechernen Becher einschenken, fischten Speckstücke aus der brodelnden
Pfanne und frisches Maisbrot aus dem Kessel. Weiße Zähne zermalmten und
dicke Lippen schmatzten.

»So, Jungens!« rief der Herr der Farm von seinem Gaul herab, »nun
wollen wir dem alten Wald zu Leibe gehen. Charley, Ed, zählt euch
dreißig Mann ab und fangt hier zu arbeiten an. Die anderen kommen mit
mir. Los, Kinder. Wollen 'mal sehen, auf welcher Seite mehr gearbeitet
wird!«

Hemden wurden heruntergerissen, nackte schwarze Oberkörper glänzten im
Sonnenlicht, und donnernd erdröhnten die Axtschläge. In langer Linie
arbeiteten unsere dreißig Neger, Baum an Baum. Mit rhythmischer
Regelmäßigkeit fielen die hoch über die Köpfe geschwungenen Äxte.
Zuerst ein Hieb von oben, der tief in den Stamm hineinbiß, dann ein
ergänzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen
herausschleuderte. So entstand eine winzig kleine Kerbe in der Form
eines liegenden _V_, flach wie ein Teller unten, schräg in den Baumstamm
hineinfressend von oben. Mit jedem Hieb wurde die Kerbe größer, bis der
verwundete Stamm sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte, die
Holzfasern rissen und der Baum krachend zur Erde fiel. Dann sprangen
drei, vier Mann auf ihn und hieben ihm die Äste ab, und der alte Jim
schlang eine Kette um den Stamm und schleppte ihn mit seinen Maultieren
an den Waldrand hinaus. Die Äste blieben liegen. Da waren Fichten,
deren rotes Holz so weich und wässerig ist, daß es nur zum Verbrennen
taugt; Buchen, Eichen und Hickorybäume, deren Stämme auf einen
besonderen Haufen gelegt wurden, denn sie waren so wertvoll, daß sie in
Brenham verkauft werden sollten. Ihr Holz ist hart wie Eisen. Die zähen
Ranken, die sich von Baum zu Baum schlangen, der Efeu der alten Eichen
und wucherndes Gestrüpp mit scharfen Dornen fielen unter den Axthieben.
Schritt für Schritt drangen die Neger in den Wald ein. Ich hielt es
nicht lange aus beim Zusehen, sondern sprang vom Pferd, holte mir eine
Axt und schlug darauf los, daß die weißen Holzsplitter flogen.

Da gerieten Slim und ein anderer Neger in Streit. Sie hatten ihre Äxte
verwechselt.

»Is meine Axt!«

»Nein, meine!«

»Das is' ein' dicke Lüge, du schwarzer Gauner!«

»Is' kein' Lüge!«

»Is' es doch!«

»Is' es nich' --«

Wütend funkelten sich die beiden Neger aus rollenden Augen an. Charley
aber zog gelassen den Revolver hervor und spannte den Hahn.

Ȁxte weg, Jungens! Wer von euch beiden eine Axt oder ein Messer
anrührt, den schieße ich über den Haufen. Gebraucht eure Fäuste
meinetwegen, ihr Dickschädel!«

»Komm her, Affensohn!« brüllte der Neger.

»Komm du her!« schrie Slim.

Da auf einmal krümmten sich die beiden zusammen -- senkten die Köpfe --
rannten aufeinander los. Genau wie kämpfende Böcke. Die Schädel prallten
in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stießen die
schwarzen Köpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fünfmal. Beim fünftenmal
kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schädel und
schlich davon.

»Is' das nicht ein fein' kleines Köpfchen, das dies Kind hier auf die
Schultern sitzen hat!« jubelte Neger Slim.

Wir aber lachten, daß wir beinahe von den Pferden fielen.

»Dafür soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,«
sagte Charley. »Das ist das erstemal, daß ich ein richtiges Niggerboxen
gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwürdiges Individuum. Sein
Schädel ist so hart, daß wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz
von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus
dem Fenster fiel und in der Luft inbrünstig gebetet haben soll: _Dear
Lord_, laß mich auf meinen Kopf fallen, _if you please_, und ich armer
Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so
empfindlich, daß ihn der leiseste Stoß schmerzt. Wenn du einmal mit
einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen kräftigen
Fußtritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! _Well_
-- nun hör' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mußt
nicht mitarbeiten beim Baumfällen! Mit Negern arbeitet man nicht
zusammen!«

Ich schämte mich fast, daß ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so
naiv ich den Neger betrachtete, so fühlte ich mich doch in natürlichem
Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenüber genau so als Herr und
Höherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine
Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdünstung des
Negers sein mochte. Für den Neger soll der Weiße übrigens genau den
gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man
amüsierte sich über seinen grotesken Humor, über sein komisches
Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in
dem spärlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf
Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge
und mußten dafür das Land bestellen und die Hälfte des Ertrags
abliefern. Sie waren vollkommen abhängig von dem Herrn der Farm, weil
sie fast niemals bares Geld in die Hände bekamen und immer in der Schuld
des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen
sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen
Wochen; die Männer in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und
waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen für die
einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine
Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwächere
und Untüchtigere unbedingt den Kürzeren ziehen mußte. So wurde das Land
nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch
nachlässige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines
Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe
moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mühte sich
niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten
zu bringen war, weil er als Tagelöhner zum Beispiel unter ständiger
Aufsicht hätte sein müssen. Mir erschienen die Neger von einer fast
kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als
Kinder fühlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns,
sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch
aufgewachsen waren, selbständig verrichten. Man behandelte sie
freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger
durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis
erbeten zu haben; jeder Schwarze mußte ausweichen, wenn wir auf der
Straße ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten
oder sich in öffentlichen Räumen gleichzeitig mit Weißen aufhalten. Er
war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.

Stück für Stück und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stämme türmten
sich draußen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr,
und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Geäst
und nackte, weißschimmernde Baumstümpfe. Nun begann die eigentliche
Rodearbeit; die Stümpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das
ein Heidenvergnügen, und uns drei Weiße hielt es in ständiger Aufregung,
weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das
grobe Sprengpulver spaltete die Stümpfe nur und lockerte sie aus dem
Erdreich. Feuer mußte die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf
den Brand in das Gestrüpp, und langsam fraßen die roten Flämmchen in das
Kleinholz, bis ein Windstoß kam und die kleinen Feuerzüngelchen zum
rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glühendrote Rauchwolke weithin
über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den
Flammenherd und löschten Dutzende und Aberdutzende von Bränden, die
durch glühende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengesträuch
und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Löschmanier war
höchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich
gespannt und schleiften sie im Galopp über den brennenden Boden. Mehrere
Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber hätte man auf der
weiten Fläche kein Stückchen Holz mehr finden können; die Stümpfe, die
herausgesprengten Wurzeln, die Äste, das Gestrüpp, das dürre Laub von
vielen Jahren, der uralte Laubmoder -- das alles war eine
schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weißen Aschenhäufchen. So wurde
aus dem Wald das Feld ...

                  *       *       *       *       *

»Charley und Ed, die beiden Spitzbuben,« sagte der alte Muchow öfter
als einmal, »sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken
sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige
Schießerei hat mich schon halb verrückt gemacht, bei den Negern
strolchen sie herum, -- aber arbeiten tun sie, das muß man ihnen lassen.
In einer Manier freilich, als täten sie's nur, weil's ihnen Vergnügen
macht!«

Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fäuste und in
meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche
Englisch des amerikanischen Südens; lernte den merkwürdigen
Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows
fühlten sich unabhängig wie große Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz,
aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte
Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weißen
Männer auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und
Gleichgültigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art,
aber sie aßen Maisbrot und Speck das Jahr über und wohnten in rohen
Holzhäusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als
Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein
Mensch wäre hundert Meter zu Fuß gegangen, aber die Tiere wurden niemals
beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und
verkommen aus, die Straßen nach der Stadt waren in einem so erbärmlichen
Zustand, daß sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der
Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstücken um sich, und die Hälfte des
Jahres mußten sie bei den Geschäftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch
nehmen. Man arbeitete aus Leibeskräften -- ließ aber auf einmal alles
liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister
So und So von der nächsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos
reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbärenjagd. Dann
sattelte man schleunigst die Gäule und ritt mit.

Es war ein merkwürdiges Leben auf der Texasfarm, das mir unbeschreiblich
verlockend schien. Texasfarmer wollte ich werden! Es war sehr leicht,
wenn man erst als halbwegs tüchtig bekannt war, Kredit zu erhalten und
durch langsames Aufsteigen vom Pächter zum Farmer selbständig zu werden.
Jeder Farmer verpachtete lieber an einen weißen Mann als an einen Neger,
weil der Weiße von selbst arbeitete und der Schwarze nur, wenn er dazu
getrieben wurde. Das Haus bauten einem die Nachbarn, die Geräte lieferte
der Farmer, das Geld, das man bis zur Ernte brauchte, streckte er einem
vor. Wenn die Baumwollenpreise nur einigermaßen gut waren, konnte man
bald genug eigenes Land besitzen.

Wie oft hatte mir der alte Muchow das auseinandergesetzt! Aber für den
Gang meines Lebens bestimmend war sein Sohn. Hätte nicht die
amerikanische Krankheit unstillbaren Wandertriebes ihn erfaßt, so
pflanzte ich heute aller Wahrscheinlichkeit nach Baumwolle irgendwo in
der Nähe der Muchowschen Farm, ein Texasmädel wäre meine Frau,
Texasgrund und Boden wäre mein eigen ...

Denn im Spätherbst kam eine sonderbare Ruhelosigkeit über den jungen
Muchow. Es gab fast nichts zu tun auf der Farm. Das Land sah öde aus;
alles war verdorrt, der Boden, die Büsche und das Laub, das Gras. Man
sah nichts als einförmiges Braun. Wir ritten täglich meilenweit übers
Land, und auf einem solchen Ritt hielt Charley auf einmal seinen Gaul an
und ließ die Zügel fallen. Lange Zeit sah er sich im Kreise um. Dann
richtete er sich auf, wie jemand, der mit sich selber eins geworden ist.

»Ich geh' fort,« sagte er.

»Was?«

»Fort geh' ich. Zu verdammt langweilig!«

»Wohin denn?«

»Weiß noch nicht. Ich reit' jedes Jahr los. Neu-Mexiko war es letzten
Winter, Indian-Territory das Jahr vorher. Für Cowboys gekocht, drüben
bei San Antonio (und die Jungens haben oft genug geschimpft über meine
Kocherei!) -- mitgeholfen beim Branden der Rinder -- dann nach
Nordwesten hinauf -- das verdiente Geld in einem Wagen und Provisionen
angelegt und nach Gold gesucht -- den Teufel 'was gefunden -- halb
verhungert in Albuquerque angekommen, Wagen und Gaul verkauft und nach
Hause gefahren. Das waren famose fünf Monate, _sonny_! Diesmal ist es El
Paso! Bei El Paso wird eine neue Eisenbahn gebaut. Gus sprach davon. Da
strömen die lustigsten Kerle aus dem ganzen Süden zusammen. Jawohl --
es ist 'ne feine Idee! Ich reite nach El Paso! Glory Hallelujah!«

Wie eine ansteckende Krankheit sprang sein Wandertrieb auf mich über.

»Nimm mich mit!« sagte ich.

»_No, sir._«

»Warum denn nicht?«

»Geht nicht. Du kennst das Land noch nicht. Schließlich schlagen sie
dir den Schädel ein und ich bin daran schuld. Nein. Bleib' beim alten
Mann.«

Als wir nach Hause kamen, platzte er mit seinem Projekt heraus:

»Vater -- hm -- Mutter -- hm, ich denke, ich reite morgen ...«

»Ach du meine Güte!« sagte Mutter Muchow leise.

»Wie du meinst!« brummte der Alte. »Eine verfluchte Wirtschaft! Du
wirst schon noch in irgend 'n Malheur 'reintreten. _Well_ -- _well_
-- -- bin auch mal jung gewesen, aber die neue Generation könnte doch
'was zugelernt haben. Hab' mir's schon gedacht, daß die Vagabundiererei
wieder anfängt. Dann reite in drei Kuckucksnamen! Laß dich nicht über
die Ohren hauen! Wo willst du hin?«

»Nach El Paso, Vater. Zum Eisenbahnbau.«

»_Well_, wie du meinst.«

Ich saß da und wäre beinahe geplatzt vor Neid. Und auf einmal kam's über
mich wie fiebernde Unruhe.

»Wenn Charley fortgeht ...« begann ich.

»Hoh!« sagte der alte Muchow. »Da ist noch einer! Zu tun ist ja
freilich nichts auf der Farm, aber du hättest doch wahrhaftig gerne
hierbleiben können!«

Und ich beschloß, mein Glück im Texasstädtchen zu versuchen.

                  *       *       *       *       *

Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San
Antonio und El Paso, unseren Weg. Dort, an der Kreuzung, hielten wir.
Braun, dürr, öde, sandig lag die Gegend da. Auf dem untersten Ast eines
Baumes am Straßenrande saßen träge vier Aasgeier.

»_Good bye_, Vater,« sagte Charley.

»Na, dann reite, mein Junge. Nimm dich in acht mit dem Mexikanerpack da
drüben!«

»_Allright_, Vater. _Good bye_, Ed. Besser, du bleibst beim alten Mann.
Überleg' dir's noch.«

Und im vollen Galopp jagte Texasgirl auf der Straße nach Osten vorwärts,
mit einem Reiter, der lustig den Hut schwenkte und die sechs Schüsse
seines Revolvers in die Luft knallte zum Abschiedsgruß --

»Eine verfluchte Wirtschaft!« brummte der alte Mann. »Wenn ich nicht
selber einer von der Sorte gewesen wäre, könnt' ich dem Bengel
wahrhaftig böse sein. Na, er kann für sich sorgen; wer mit dem anbindet,
hat alle Hände voll. Was willst du denn in Brenham anfangen?«

»Keine Ahnung, _sir_.«

»Eine verfluchte Wirtschaft! Ehem! Ich lasse jeden das aufessen, was er
sich einbrocken will. Wenn einer Dummheiten machen will, dann soll er
sie eben machen. Man muß einen Mann mit seinem Mädel allein lassen und
einen Narren mit seiner Narrheit. _Good bye_, mein Junge!«



Da hinten in Texas.

     Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland. -- Grasgrüner
     Wissensdurst. -- Die Negerin und das Liebespulver. -- Ein
     Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub langweilt sich. -- Das
     Gäßchen der winzigen Häuschen. -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das
     Parfüm und die Folgen. -- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus
     dem heiligen Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden
     Augen. -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.


An einem der runden Tischchen in Gus Meyers Salon saß, emsig schreibend,
der Redakteur und Verleger des Brenhamer Herald. Neben ihm stand ein
kleiner Junge in Arbeitskleidern, mit Druckerschwärze beschmiert.

»Hello!« rief mir der Redakteur entgegen. »In dreieinhalb Sekunden
hab' ich den Gouverneur von Texas vollends abgemurkst.« (Er schrieb
weiter.) »So. Hier, mein Söhnchen! Lauf! Korrektur und letzte Depeschen
bringst du mir hierher. Gus, noch 'n Bier! Und wie steht's mit Bruder
Leichtfuß aus dem deutschen Vaterland?«

Er schüttelte sich vor Lachen, als ich ihm erzählte, weshalb ich in
Brenham sei.

»Und was wollen Sie anfangen?«

»Ich hab' keine Ahnung ...«

»Selbstverständlich haben Sie keine Ahnung!« schrie er lachend, als
ob das der beste Witz der Welt wäre. »Ich hätte auch keine an Ihrer
Stelle. Es wäre auch wirklich zuviel verlangt von Bruder Leichtfuß, er
solle sich -- hokuspokus, hast du nicht gesehen? -- in einen
geldverdienenden Praktiker umzaubern, sobald er nur auf amerikanischen
Boden plumpst!«

»Könnten Sie mir nicht einen Rat geben, Herr Doktor?«

»Hoh! So ist's recht. Wenn man selbst nichts weiß, so weiß vielleicht
ein anderer etwas!«

Er lachte, und unter Lachen und Biertrinken pumpte er mit unglaublicher
Schnelligkeit alles aus mir heraus, was er wissen wollte. Was mein Vater
sei? Weshalb ich eigentlich Deutschland verlassen hätte? Meine Familie?
Meine Verwandten? Welche Schulen?

»Stimmt alles!« schmunzelte er endlich. »Sie wären auch viel zu jung,
um konsequent und überzeugend zu lügen. Das ist nämlich eine große
Kunst! Hm -- und nun wollen wir sehen, was sich in dieser feinen
aufblühenden Texasstadt alles mit Ihnen aufstellen läßt. Aha -- oho ...
guten Morgen, Mr. Mindus!«

»Tag, Doktor!« sagte ein Herr, der soeben eingetreten war, ein Riese
von respektabler Größe und noch weit respektablerer Breite, ein Riese in
Hemdsärmeln, doch in Hemdsärmeln aus schillernder Seide; in blitzenden
Lackstiefeln, auf dem Kopf einen Panama.

»Interessanter Fall, Herr Mindus!« sagte der Doktor. »Wir haben hier
den jungen Deutschen, der bei den Muchows auf der Farm -- ich erzählte
Ihnen doch davon?«

Der Mann in den seidenen Hemdsärmeln nickte.

»Nun, er hat gemerkt, daß er in der stillen Farmzeit ziemlich
überflüssig war und ist gegangen. Frage: Was fängt er an?«

»Geld?« fragte Mr. Mindus lakonisch.

»Ih wo!«

»_Well_ -- dann muß er arbeiten!«

»Aber, bester aller Apotheker, -- Herr Mindus ist Besitzer der großen
Apotheke da drüben, mein Junge, -- das wissen wir auch! Aber wie und wo?
Ich denke mir, wenn ein verwöhnter junger Mensch frisch von der
Schulbank fünf Monate Farmarbeit aushält, dann muß er zu gebrauchen
sein.«

»Das werden wir ja sehen,« sagte der Apotheker und wandte sich
mir zu. »Wenn Sie wollen, so können Sie bei mir in der Apotheke
arbeiten -- --«

Ich saß da, so erstaunt und so überrascht, daß ich kaum ein Wort
hervorbringen konnte, und hörte, wie mir der Apotheker erklärte, er
"taxiere", ich sei vorläufig fünfzehn Dollars im Monat und Verpflegung
für ihn wert, und in einer Viertelstunde solle ich nach der Apotheke
kommen. Dann schüttelte Mr. Mindus dem Doktor die Hand, nickte mir zu
und ging fort. Der Verleger des Brenham Herald sah mich lachend an.

»Eine verrückte Welt! Nun sind Sie Apothekerlehrling hier hinten in
Texas!«

Eine halbe Stunde später hielt ich einen Mörser zwischen den Knieen und
stampfte arbeitsam auf Kreidekügelchen los. Die zerstampfte Kreide
füllte ich in kleine Schachteln. In jede Schachtel kamen drei Tropfen
Veilchenextrakt. So fabrizierte man hier hinten in Texas Puder.

                  *       *       *       *       *

Gewaltige Glaskugeln mit giftig grün, zart rosa und schreiend gelb
anilingefärbtem Wasser gefüllt, schillerten im Schaufenster als
Wahrzeichen der Apotheke. Auf riesigen Regalen standen die Flaschen und
die Fläschchen mit den Rohstoffen der pharmazeutischen Kunst; endlose
Reihen von Patentmedizinen; von Pillen und Mixturen, Sarsaparillen und
Blutbelebern. In Schaukästen waren alle möglichen Waren aufgestapelt;
Bürsten, Kämme, Toilettenartikel, wundertätige Fleckseifen und
Pokerkarten, Proben von wunderbar wachsenden Sämereien und
garantiert-echte Monte Carlo Rouletten; Vasen, Spielmarken, Puppen. Der
Herrenwelt brachte die Apotheke liebevolles Verständnis durch ein halbes
Dutzend dickbauchiger Whiskyfässer entgegen, denn wer hier Wert auf
guten Whisky legte, kaufte seinen Bourbon oder seinen Rye in der
Apotheke. Für die Damenwelt sorgte die Sodawasser-Fontäne, die Jimmy
Hawkins bediente.

Sie war ein Wunderwerk. In einem pompösen Nickelgehäuse, das den halben
Laden ausfüllte, verbargen sich Eisbehälter, Kohlensäureapparate und
Dutzende von kleinen Fäßchen mit allerlei Fruchtsäften und
Ingredienzien. Auf dieser Maschine spielte Jimmy Hawkins wie auf einem
Klavier; er schlug die Tasten geheimnisvoller Hähne an und komponierte
merkwürdige Getränke. Die Basis war immer ein Glas Sodawasser zu drei
Vierteln gefüllt, dazu kamen Fruchtsäfte oder flüssige Schokolade, und
das ganze krönte jedesmal ein Löffel Icecream, Gefrorenes. Es war der
_punch romain_ europäischer Cafés, verflüssigt, ins Amerikanische
übersetzt und verbilligt, -- der _soda drink_ zu fünf Cents. Die hohen
Stühle vor der Soda Fountain wurden niemals leer. Hunderte von Damen
schlürften alltäglich die eiskalten Herrlichkeiten. Dieser vordere Teil
des Ladens war das Sanktum der holden Weiblichkeit des Texasstädtchens.
Weiter hinten drängten sich die Männer von den einsamen Farmen;
rauchend, schwatzend, plaudernd, denn sie wollten nicht nur kaufen,
sondern auch unterhalten sein, etwas hören vom Getriebe des Städtchens
und den Dingen der großen Welt. Noch weiter hinten an den Ladentischen
-- die Apotheke war riesig groß -- versammelten sich die kaufenden
Negerherrschaften. Und das Ganze war ein unbeschreiblicher Wirrwarr!

Bruder Leichtfuß schien es, als sei er im Wunderland.

Freilich mußte man kehren und fegen und spülen in diesem Wunderland, und
Kisten schleppen und langweilige Salben in langweiligen Mörsern ewig
lange zerreiben. Aber da waren Kasten und Schränke und Fläschchen und
Dosen, die man so wunderschön durchstöbern konnte, und geheimnisvolle
Gifte und geheimnisvollere Apparate und das fortwährende Kommen und
Gehen von vielen Menschen. Ich entwickelte einen gierigen Lerneifer,
gegen den kein Mensch etwas einzuwenden hatte; verbrannte mir die Finger
gehörig an Schwefelsäure und kurierte mir Zahnschmerzen mit so viel
kristallisiertem Cocain, daß ich beinahe sehr krank geworden wäre. Mr.
Mindus und den Prokuristen und Jimmy Hawkins bombardierte ich
fortwährend mit Fragen, die mit einem gemütlichen Grinsen über meinen
grasgrünen Wissensdurst beantwortet wurden. So wurde aus dem
wunderlichen Wirrwarr nach und nach ein vertrautes Hantieren mit
vertrauten Dingen. Es dauerte gar nicht lange, so verkaufte der Lausbub
Chinin (das war ein Stapelartikel) und Patentmittelchen -- und nach
wenigen Wochen schon durfte er neben dem Prokuristen am Rezepttisch
stehen, wenn's viel zu tun gab, und beim Bereiten von Mixturen helfen!
Einem deutschen Apotheker würden die Haare zu Berge gestanden sein über
diesen Leichtsinn, aber man nahm es nicht so genau da hinten in Texas.
Es war auch gar nicht so schwer. Die drei Ärzte des Texasstädtchens
schrieben ihre Rezepte hübsch deutlich und leserlich, wie es Sitte ist
in Amerika, und mein Latein und mein ewiges Herumschnüffeln und Fragen
kamen mir bald zu statten. Ich rezeptierte darauf los ...

Man stelle sich meinen Stolz vor!

Dummheiten machte ich natürlich auch, und ich vergesse nie, wie der
pompöse Mr. Mindus aus dem Häuschen geriet, als ich dem berüchtigtsten
Gauner von Brenham in aller Harmlosigkeit fünf Flaschen Whisky auf
Kredit verkaufte! Und einmal kam eine junge Negerin und verlangte
verschämt:

»_Love powder, please!_«

Liebespulver? Was beim Kuckuck war Liebespulver?

»Wie meinen Sie?« fragte ich verlegen. (Ich hatte damals eine ewige
Angst, einen Kunden mißzuverstehen und mich zu blamieren.)

»'n Liebespulverchen -- ein ganz kleines Liebespulverchen, Herr, aber
nur allerbeste Qualität.« Sie lächelte genierlich. »So 'n recht gutes
Liebespulver; ich brauch's für eine Freundin.«

»Aber ...«

Mr. Mindus trat hinzu.

»Liebespulver? Jawohl! Ich lasse es sofort bereiten -- wir werden unser
Bestes für Sie tun!«

Und mir flüsterte er zu: »Stellen Sie sich doch nicht so ungeschickt an!
Geben Sie ihr eine ganz kleine Dosis Saccharin! Wickeln Sie's in ein
rosa Pulverpapier hübsch ein und berechnen Sie anderthalb Dollars --
nein, zwei Dollars!«

Als die Negerin seelenvergnügt gezahlt hatte und strahlend fortgegangen
war, sagte mir der Apotheker seine Meinung: »Wir haben alles und führen
alles. Das merken Sie sich gefälligst! Fragen Sie mich, wenn Sie selbst
nicht Bescheid wissen. Die schwarze Gans ist natürlich in irgend einen
Nigger verliebt und will Gegenliebe dadurch fabrizieren, daß sie ihm ein
Liebespülverchen beibringt. Die Bande ist nun einmal so abergläubisch.
Sage ich ihr, so etwas gebe es nicht, so erzählt sie sämtlichen
Niggerfrauenzimmerchen in Brenham, meine Apotheke sei nichts wert, und
mein Geschäft leidet. Ergo bekommt der Nigger sein Saccharin und
wahrscheinlich wird's auch helfen. Liebe erzeugt Gegenliebe, mit oder
ohne Saccharin, aber das verstehen Sie noch nicht. Geschäft ist
Geschäft. Das merken Sie sich, bitte. Sie müssen noch viel
amerikanischer werden, mein Lieber!«

Und wahrhaftig -- nach einigen Tagen kam eine junge Negerdame in die
Apotheke, die auch verschämt tat und auch verlegen lächelte.

»-- kleines Liebespülverchen ...« bat sie. »So, wie mein' Freundin
Matilda gekauft hat!«

Es mußte also geholfen haben! Jedenfalls nahm man es entschieden gar
nicht genau hier hinten in Texas. Einmal in der ersten Zeit war ich in
heller Verzweiflung. Ich schlief in einem Kabinett hinten im Laden,
zusammen mit Jimmy Hawkins, dem Gehilfen, einem wortkargen Gesellen, der
mir von allem Anfang an kurz und bündig erklärt hatte:

»Abends hab' ich gewöhnlich dringende Geschäfte in der Stadt, mein
lieber Junge. Unter uns gesagt. Offiziell bin ich hier. Sollte dieser
fette alte Mindus einmal kommen, so bin ich soeben ein bißchen an die
frische Luft gegangen, weil ich Kopfschmerzen hatte. _Sabé?_ Kommt
irgend ein Narr mit einem Rezept, so soll er warten, bis ich wieder da
bin. Seien Sie nett zu mir und ich bin nett zu Ihnen! _Sabé._«

Und prompt um acht Uhr verschwand Mr. Jimmy Hawkins regelmäßig, um
gegen Mitternacht zurückzukehren und wortlos ins Bett zu gehen.

Da machte einmal -- es war schon spät Nacht -- die Klingel einen
Heidenlärm. Als ich hinauseilte, stand ein Farmwagen vor der Türe. Ein
Mann, der an allen Gliedern zitterte und kaum sprechen konnte vor
Aufregung, hielt mir ein kleines Kind hin. Ich schlug die Tücher zurück,
in die das leise stöhnende, fast bewußtlose Kind gewickelt war, und sah
mit unbeschreiblichem Entsetzen, daß von den kleinen Füßchen Hautfetzen
herabhingen. Rohe Brandwunden! Ich hätte am liebsten geheult vor
Ratlosigkeit, aber irgend etwas mußte geschehen. So tränkte ich in
fliegender Eile Verbandwatte in Öl und wickelte die armen kleinen
Füßchen darein, mehr um den Vater zu beruhigen als dem Kind zu helfen,
dem ich doch nicht helfen konnte. Rasch noch ein paar Tropfen
kalifornischen Tokaiers eingeflößt -- dann sprang ich auf den Wagen und
fuhr in sausendem Galopp zum Arzt. Der schien ganz zufrieden mit dem
harmlosen Mittelchen, das mir eingefallen war ...

Jimmy Hawkins aber hatte die nächsten acht Tage lang keine dringenden
Geschäfte mehr in Brenham zur Nachtzeit!

Wochen und Monate vergingen. Der Herr Apothekermeister Mindus hatte mir
mit salbungsvollen Ermahnungen ein pharmazeutisches Werk gegeben, in das
ich dreimal hineinguckte, um es dann vorsichtig mit den Fingerspitzen
anzufassen und im fernsten Winkelchen meines Zimmerleins zu verstecken.
Das Ding war noch viel langweiliger als die griechische Grammatik!
Dafür las ich Nächte lang in amerikanischen Zeitungen (ich glaube heute
noch, daß das viel gescheiter war) und durchschmökerte bei
selbstgedrehten Bull-Durham-Zigaretten und raffiniert gebrauten
Limonaden Hunderte amerikanischer Romane, von den drei Ärzten des
Städtchens zusammengeborgt. Dann wieder durchschnüffelte ich Kasten und
Schubladen. Und war sehr zufrieden mit mir selbst und schrieb
begeisterte Briefe nach Hause. Aber gar bald wurden die Apotheke und
dann die Menschen und das Städtchen zu tagesgewohnten Dingen, und Bruder
Leichtfuß fing an, sich sehr zu langweilen.

Die Texasstadt war ja die Einfachheit selbst. Auf dem riesigen Platz vor
der Apotheke, in vier Straßenreihen, spielte sich die Jagd nach dem
Dollar ab. Im tiefen Sand dieser Straßen drängten sich die Menschen und
galoppierten die Pferde den ganzen Tag. An das Geschäftsviertel schloß
sich eine hölzerne Stadt an, kleine Häuschen mit breiten Veranden und
grünen Gärtchen. Dort wohnten die kleinen Leute, die Angestellten und
die Handwerker. Ein freier Platz, der die Stadt aus Holz durchschnitt,
trennte das Viertel der Weißen von der Budenstadt der Neger, die
unerbittliche Sitte zwang, im gleichen Stadtquartier zusammen zu hausen.
Auf der anderen Seite erstreckten sich Villenstraßen weit hinein ins
flache Land; die Gartenstadt der erfolgreichen Brenhams. Unten beim
Bahnhof lagen die Warenschuppen und die wenigen Fabrikgebäude. So sah
das Städtchen aus, in das aus dem Farmhinterland der allmächtige Dollar
floß und gehörig beschnitten in Warenform zurückwanderte -- das
Städtchen war das Hirn, das aus den Früchten eines gesegneten Bodens
eine gewaltige Warenzirkulation schuf und über den ganzen Distrikt
souverän herrschte. Ein fortwährendes Hasten und Jagen im Städtchen, und
dennoch eigentlich primitivste Einfachheit des Lebens und der Menschen
und der Methoden -- wie es dem Lausbub schien, der für feine
Unterschiede noch so gar kein Verständnis hatte.

Er langweilte sich sehr und zwang Mr. Jimmy Hawkins energisch, sich in
die Abendstunden mit ihm zu teilen. Einen Tag du, einen Tag ich! Und
natürlich fand der Lausbub auf seinen Entdeckungsreisen gerade das, was
er nicht hätte finden sollen.

Der Frühling war ins Land gekommen nach dem Texaswinter fürchterlicher
Regengüsse, frohen Sonnenscheins, eiskalter Nordstürme, und wie
jungfrischer Duft breitete es sich über das Städtchen. Die vier Straßen
lagen einsam im Abenddunkel da. Ein Reiter galoppierte dicht an mir
vorbei -- ein alter Neger schlürfte mit schweren Schritten vor mir dahin
-- ein Buggy mit weißgekleideten Damen knirschte im Sand ... Von droben
glitzerte aus tief dunklem Blau die Sternenpracht nieder. Träumend
schlenderte ich dahin durch die Stadt aus Holz, durch den matten
Lichtschein aus den Fenstern, den das Sternenmeer erdrückte, und malte
mir aus, wie's jetzt wohl aussehen würde droben auf der alten
Herzogsburg oder in meinem braungetäfelten Zimmerchen im guten alten
München. An Negerbuden kam ich vorbei. Überall war es still. Dann
überschritt ich das Eisenbahngeleise und fand mich in einem Gäßchen der
winzigsten Häuschen, die man sich nur denken kann, mitten hingestellt in
den Sand, in den man knöcheltief einsank. Ein halbes Dutzend Häuschen --
eng zusammengedrückt, fein und zierlich. Aus winzigen Fensterchen drang
durch festgeschlossene rote Vorhänge warmes rotes Licht. Von irgendwoher
klang ganz leise ein Liedchen --

    _Said the devil: I will be good, boys
    Most assuredly I'll be!
    But I'd rather not begin just yet, boys --
    Therefore, deary little darling, come to me!_

Ganz leise klang es, gesungen von irgendeinem Mädel, und ich lachte
schallend auf über den lustigen Teufel. Ein leises Kichern antwortete.

»_Boy -- boy o' mine!_« flüsterte eine Stimme.

In der Türe eines der kleinen Häuschen schimmerte etwas Weißes, und aus
dem Weißen tauchte ein schmales Gesichtchen mit lustigen Augen auf und
ein Händchen zupfte mich am Ärmel.

»Was willst denn du hier, _my boy_?«

»Ich? Gar nichts!«

»Das ist aber wenig! Oh -- ich kenn' dich aber doch? Freilich, du bist
ja der kleine _Dutchy_ von der Apotheke! Und ist es denn hübsch zwischen
deinen Salben und Fläschchen? Ach, ich möchte einmal einen ganzen Tag
lang bei euch sein und nach Herzenslust von all den schönen, süßen,
kalten Sachen trinken. Ich glaub', ich beneide dich ein bißchen, mein
Junge!«

»Ich mag die Limonaden gar nicht mehr,« antwortete ich sehr verlegen.
»Was sind das nur für komische kleine Häuschen! Und was tust du denn
hier?«

»Ich? Ich heiß' Daisy, mein Junge!«

Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Miß Daisy Benett und die
wundervollen durchplauderten Sommernächte im warmen Golf.

»Ist es nicht ein hübscher Name?«

»Sehr hübsch -- Daisy!«

Und das Händchen packte den Lausbub am Ohr und ein kicherndes Geflüster
sagte ihm, er dürfe hineinkommen, wenn er recht artig sein wolle.

»Im Ernst?«

»Freilich!«

Eine schmale Treppe ging's hinauf, an einer Türe vorbei, aus der Lachen
und Stimmengewirr drang, und dann huschte sie, mich mit sich ziehend, in
ein winziges Stübchen. Da war es blütenweiß und blitzsauber und alles so
sonderbar klein und zierlich. Daisy setzte sich hin und plauderte
unaufhörlich, über alle und jeden im Städtchen. Vor vielen Jahren sei
Mr. Mindus nach dem damals viel kleineren Brenham gekommen und in jener
Straße, in der jetzt die Apotheke liege, habe er mit Hustenmitteln und
Chinin hausiert; an der Ecke stehend, einen kleinen Kasten an Riemen
über die Schultern geschlungen. Der reiche Mr. Mindus! Und wen ich denn
noch kenne? Den Doktor von der Zeitung? Ach, das sei ein guter Mensch,
aber ein furchtbar leichtsinniges Menschenkind, das nie auf einen
grünen Zweig kommen würde.

»Woher weißt du denn das?« fragte ich erstaunt.

»Ja -- wir wissen alles!«

Und die Männer seien schlecht und fade und das Leben ein häßlich Ding.
So schwatzte sie stundenlang und lachte lustig, wenn ich etwas so recht
Unbehilfliches sagte, um dann auf einmal fast traurig vor sich
hinzustarren. Und ich sei ein guter kleiner Junge, und es sei so nett,
wieder einmal zu plaudern. Mir aber schien es, als wohne in ihren Augen
der wärmste Sonnenschein, den man sich nur denken konnte, und es kam mir
vor, als sei das Leben auf einmal viel schöner geworden. Wie hübsch es
doch ist, an törichte Jugend zurückzudenken, an eigene Jugend, da man
harte Dinge noch durch feinzart verbergende Rosenschleier sah. Arme
kleine Daisy ...

Ein schüchterner Kuß im Dunkeln bei der Türe zum Abschied. So lernte der
Lausbub das Mädel kennen und holte sich aus dem Sternengeflimmer beim
Heimweg jauchzende Träume vom Himmel herunter, einen schöner als den
andern; Träume, in denen es durcheinander wirbelte von Sonnenscheinaugen
und leisem Gekicher, als ob das etwas ganz Großes und völlig Unfaßbares
wäre. In den hellen Tag hinein spannen sich die Träume.

Dann und wann kam Daisy in die Apotheke, von den Herrlichkeiten der
Fontäne zu naschen, vergnügt zu mir herüberblinzelnd; dann und wann
gab's Lachen und Plaudern im winzigen Häuschen -- immer nach schweren
Kämpfen mit Mr. Jimmy Hawkins, dem es höchlichst mißfiel, daß auch er
die Schönheit stiller häuslicher Abendstunden einmal auskosten sollte.

Und dann -- --

Spät abends war es, als leise, ganz leise die Nachtklingel anschlug. Mit
großem Gepolter fuhr ich erschrocken aus meinem Zimmerchen hervor und
rannte zur Türe. Da stand eine gewisse kleine Daisy!

»Ach, Mr. Apotheker,« sagte sie mit vor Lachen halb erstickter Stimme,
»ich möcht' gerne ein Schlafpulver haben!«

»Du -- du!«

Der Mond, der zwischen den grünen und roten Glaskugeln ein bißchen
hineinblinzelte durchs Schaufenster, sah einem tollen Treiben zu in der
ehrsamen Apotheke. Zwei richtige Kindsköpfe waren zusammen, zwei sehr
ungezogene Kinder, die zwischen den Ladentischen einhertanzten und
unbezahlte Limonaden tranken. Der eine Kindskopf war furchtbar
neugierig, und der andere eitel und aufgeblasen wie ein Pfau, denn mir
kam's vor, als zeigte ich dem Mädel meine eigenen Schätze und sei eine
Stunde lang wirklicher Alleinherrscher im Wunderland der Apotheke.
Klein-Daisy trank sechs Limonaden mit Gefrorenem, glaub' ich, beguckte
erschrocken die Glasdose mit klebrigzäher brauner Opiummasse, von der
ich ihr erzählte, daß man mit ihr das halbe Texasstädtchen vergiften
könnte, und steckte ihr Näschen in alle Schubladen. Ein Gekicher und ein
Geflüster! War's ein Zufall oder war es nun ein besonders boshaftes
kleines Teufelchen, das mir den Gedanken an Wohlgerüche eingab -- ich
nahm eine Parfümflasche vom Gestell und bespritzte das lachende Mädel
mit einem Schauer Veilchendufts --

»Süß -- einfach süß, du guter Junge!« jubelte Daisy. »Gib' doch
her!« Und im gleichen Augenblick hatte sie mir auch schon das golden
etikettierte Flakon entrissen, drehte es hin und her in den Händchen,
probierte und probierte.

Da -- ein scharfes metallisches Knipsen -- ein jähes Aufflammen
elektrischen Lichts -- und rot und imponierend, elegant wie immer stand
der Herr Apotheker Mr. Mindus in der Türe. Er schüttelte den gewaltigen
Kopf langsam von einer Seite zur andern und betrachtete sich mit
Kenneraugen die Bescherung.

»Is' ja reizend! Guten Abend!!« sprudelte er endlich hervor.

»Guten Abend!« sagte Daisy höflich. Ich aber stand da, erstarrt wie
weiland Frau Lot.

»Wollten Sie sich so spät noch Parfüm kaufen, mein Fräulein?« fragte
Mr. Mindus eisig.

»Ach nein, ich hab' nur ein bißchen gerochen,« lächelte sie.

»Und mein bestes französisches Violet auch noch! Es ist doch
unerhört ...«

Mich hätte man totschlagen können, aber kein einziges Wörtchen hätte ich
hervorgebracht. Mir grauste einfach. Auch in Daisy schien eine Ahnung
aufzudämmern, daß die Situation aller Gemütlichkeit entbehre.

»Ich glaub', ich könnte jetzt eigentlich gehen,« sagte sie.

»Meinen Sie wirklich, mein Fräulein?« brummte der Apotheker. »Nun,
wie Sie meinen. Allerdings möchte ich mich gerne mit meinem Angestellten
privatim unterhalten!«

»Guten Abend!« sagte Klein-Daisy, guckte mich bedauernd an und hüpfte
hinaus. In der Türe drehte sie sich noch einmal um:

»Es war ja alles nur Scherz!«

»Ganz richtig, mein Fräulein,« war Mr. Mindus' eisigkühle Antwort.
»Und nun,« zu mir gewandt, »wollen wir uns ernsthaft unterhalten,
wenn es Ihnen gefällig ist. Dieser Laden ist eine Apotheke, wenn Sie es
noch nicht wissen sollten. Meine Geduld ist _finished_, -- aus, zu Ende:
Sie sind entlassen!«

Ich sah ihn verständnislos an.

»Auf der Stelle entlassen! Sie sind ein Luftibus. Was wissen Sie von
dem Mädel, heh? Wenn sie nun irgend ein Gift gestohlen und das größte
Unglück damit angerichtet hätte, heh? Von der moralischen Seite der
Sache will ich ganz absehen, obgleich -- Sie sind neunzehn Jahre alt,
nicht wahr? Es ist doch unglaublich!«

»Aber --«

»Sie sind ein Luftibus. Ich habe Sie schon längst beobachtet. Well, Sie
waren fleißig und mehr als willig, aber Sie haben gar keinen Begriff,
was ein Angestellter eigentlich ist. Sie verkaufen drauf los, ohne zu
fragen -- und ich wette, hundertmal, nein, tausendmal haben Sie Sachen
zu billig verkauft, weil Sie nicht erst lange fragen wollten. Wenn Sie
sich jetzt auch noch Mädels in den Kopf setzen, hab' ich keinen ruhigen
Moment mehr. So, nun gehen Sie ins Bett. Morgen werden wir weiter sehen.
Es -- ist -- doch -- unglaublich!«

                  *       *       *       *       *

Mr. Jimmy Hawkins kam nach Hause.

»Hello! Mr. Mindus war soeben da.«

»Der Alte!« schrie Mr. Jimmy entsetzt. »Großer Cäsar -- haben Sie ihm
gesagt, daß ich furchtbare Kopfschmerzen gehabt hätte und nur ein
bißchen -- --«

Da erzählte ich ihm die Tragödie, und der gefühllose Mensch lachte sich
beinahe tot. Mir war gar nicht lächerlich zumute.

»Und nun hören Sie einmal!« sagte ich. »Mein Gehalt hab' ich erst
gestern bekommen und entlassen bin ich auch. Ich hab' nicht die
geringste Lust, morgen früh auszuwandern, wenn der Laden gesteckt voll
ist, und mich auslachen zu lassen. Wollen Sie mir helfen, meinen Koffer
zu Gus Meyer hinüberzutragen? Mit dem Packen bin ich in einer halben
Stunde fertig.«

Jawohl, das wollte er.

Bei Gus Meyer im Hinterstübchen regierte, halb Wirt, halb Kellner, mein
Freund Starkenbach, bei dem ich hie und da in den späten Abendstunden
ein Glas Bier getrunken und nebenbei sehr viel über amerikanische Dinge
gelernt hatte. Im heiligen Köln war er Leutnant gewesen und hatte um
eines Mädels willen den bunten Rock ausgezogen. Die Frau
Schwiegermutter, eine verwitwete Hopfenfirma, machte ein scheel Gesicht
und dressierte den Exleutnant und Ehemann zum Hopfenreisenden; sie
schickte ihn nach Holland, da und dort hin, und jammerte ohn' Unterlaß
über seine schauderhaften Spesenrechnungen. Ein groß Gezänk herrschte,
bis eines schönen Tages das leichtsinnige junge Ehepaar nach Amerika
durchbrannte. Starkenbach kannte jeden Staat und jede größere Stadt der
Vereinigten Staaten. Es war ihm bitterhart gegangen, aber er war lustig
geblieben, er und sein Frauchen, die mich zu meinem Entsetzen immer Bubi
nannte. Im Texasstädtchen sparte er sich als rechte Hand Gus Meyers
langsam aber sicher ein Vermögen zusammen.

Er machte ein verdutztes Gesicht, als ich den Koffer hineinschleppte.
Und ich erzählte vom Mädel und vom Apotheker, und er holte seine Frau
aus der Küche, und beide zusammen lachten wie nicht gescheit.

Dann wurde Starkenbach ernst:

»Aber nun wollen wir doch einmal überlegen. Sehr viele Leute in Brenham
würden Ihnen wahrscheinlich Arbeit geben, aber nur deshalb, weil Sie
eine spottbillige Arbeitskraft sind, und nur unter der Voraussetzung,
daß Sie sich mit ein paar Dollars im Monat begnügen. Das ist nichts für
Sie. Sie könnten noch zwei Jahre hierbleiben und um keinen Schritt
weiterkommen. Nein, ich würde Ihnen raten, in eine große Stadt zu gehen
und einmal gründlich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie sind fast neun
Monate hier, wissen etwas vom amerikanischen Leben -- ein wenig! -- und
sprechen gut Englisch. Sie haben arbeiten gelernt. Das wenigstens haben
Sie profitiert. Sie sind also nicht mehr so hilflos wie zuerst. Ich
würde entschieden nicht in Brenham bleiben an Ihrer Stelle. Um
Gotteswillen nicht in einem kleinen Nest sitzen bleiben in diesem Land!
In großen Städten pulsiert das Leben --«

»In großen Städten wohnt der Hunger!« lächelte seine Frau traurig.

»Der Hunger wohnt überall. Hier müssen Sie mit den Händen arbeiten;
dort -- in einer großen Stadt -- können Sie vielleicht mit dem Kopf
arbeiten. Sie sehen, Sie lernen, Sie haben Gelegenheiten. Jawohl, ich
rate Ihnen, sich schleunigst aus Brenham fortzumachen!«

»Und wohin?« fragte ich, schon halb und halb überzeugt, nein, beinahe
schon begeistert.

»Irgendwohin. Chicago, Kansas City, St. Louis -- sagen wir St. Louis.
Es ist am nächsten, keine tausend Meilen weit weg. Die rührigste Stadt
des Mittelwestens, nach Chicago. Und wenn Sie dort sind, dann reden Sie
einfach! Rennen Sie einen Wolkenkratzer nach dem andern ab, verlangen
Sie in jedem Bureau den Geschäftsinhaber selbst zu sprechen, erzählen
Sie den Leuten, was Sie sind und was Sie können. Reden Sie! Sie können
die Menschen interessieren, wenn Sie nur wollen, denn Sie haben etwas
gelernt und gute Manieren. Reden Sie! Man wird Ihnen Ratschläge geben,
wenn auch nur, um Sie loszuwerden; man wird Sie hierhin und dorthin
schicken. Es wird sich etwas finden!«

»Ich tu's!« rief ich. Eine Vision von einer ungeheuren Stadt stieg vor
mir empor -- eilende Menschen -- hastendes Leben -- Tausende von
Möglichkeiten ...

»Sie haben recht! Was kostet die Fahrt?«

»Wieviel Geld haben Sie?«

»Zwanzig Dollars.«

»Viel zu wenig,« murmelte Starkenbach. »Hm, man kann das aber so
machen, und man kann es auch anders machen. Billy!«

Der einsame Gast stand langsam auf und trat zu uns an die Bar. Aus
seinem scharfgeschnittenen Amerikanergesicht leuchteten durchdringende
graublaue Augen; so klar, so abgrundtief, daß man unwillkürlich immer
wieder in diese Augen schauen mußte. Er trug einen dunkelblauen Anzug,
weiches blaues Flanellhemd, weit in den Nacken zurückgeschobene Mütze.

Starkenbach sprach nun englisch. »_Well_, Billy, wie kommt man am
billigsten nach St. Louis?«

Die grauen Augen lächelten: »Das wissen Sie so gut wie ich!«

»Ja, wenn ich es wäre, der nach St. Louis wollte, wäre es einfach
genug!«

»Oh, ich habe gehört, um was es sich handelt; so viel Deutsch verstehe
ich. Die Fahrt ist ja ganz einfach für Ihren deutschen Freund -- durch
Texas via Dallas, Oklahoma Territory, Arkansas, Missouri über die
Frisco Linien. Santa Fé und Frisco Linien. Schnurgerade fast nach
Norden.«

Und das nannte dieser Mann einfach!

»Sie gehen nach Norden, Billy?« fragte Starkenbach.

»Bis Dallas. Mit dem 2 Uhr Nacht-Expreß, also in zwei Stunden. Wie
langweilig Sie doch sind, Starkenbach, und wie Sie auf dem Busch
herumklopfen! Weshalb sagen Sie es nicht gleich, daß ich Ihrem deutschen
Freund helfen soll? Er sieht aus, als ob er Schneid hätte, und wenn Sie
es wünschen, will ich ihn gerne ein Stück mitnehmen. Natürlich hat er
hier keine Aussichten.« Er wandte sich zu mir. »Ich will Ihnen den Weg
nach St. Louis zeigen. Es ist eine Eigentümlichkeit von mir, viel zu
reisen und niemals mein Geld an Fahrkarten und dergleichen zu
verschwenden. Meine Art des Reisens ist sehr interessant, verstößt aber
einigermaßen gegen die allgemein üblichen Anschauungen, vielleicht auch
gegen gewisse Gesetze.«

»Wie reisen Sie denn?« fragte ich neugierig.

»Das werden Sie schon sehen!« brummte Starkenbach.

»Schön,« lächelten die grauen Augen. »Wir haben noch anderthalb
Stunden Zeit. Ihr Gepäck müssen Sie hier lassen; Starkenbach kann es
Ihnen ja nachschicken. Der dunkelgraue Anzug, den Sie anhaben, geht sehr
gut. Setzen Sie eine Mütze auf dazu. Die weiße Wäsche geht nicht. Ziehen
Sie ein Flanellhemd an. Nehmen Sie mehrere Taschentücher mit, ein paar
Strümpfe (die können Sie in der Rücktasche unterbringen), Taschenkamm,
Taschenbürste, Rasiermesser, Taschenmesser, Seife (Starkenbach wird
Ihnen ein Stückchen Ölpapier geben), starke Lederhandschuhe, wenn Sie
welche haben, Uhr, aber ohne Kette, Pfeife und Tabak natürlich,
Zündhölzer. Haben Sie ein warmes seidenes Halstuch? Nehmen Sie's mit.
Haben Sie einen Revolver? Ja? Den lassen Sie, bitte, hier. Ist nur
gefährlich. Hm, und feste Stiefel. Das wäre alles!«

Dann fing er an mit der jungen Frau zu plaudern, als sei die
Angelegenheit erledigt. Starkenbach zog mich in ein Nebenzimmerchen, in
dem er allerlei Krimskrams aufbewahrte.

»So, hier können Sie sich umziehen!« sagte er.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen ... Fast empfand ich so etwas wie
Angst, zum mindesten ein Unbehagen. Stärker aber als alles in mir war
bodenlose Neugierde.

»Mann -- wer ist dieser Billy? Wie reist er? Wie soll ich denn nach St.
Louis kommen? Und mein Koffer?«

»Bleibt hier, bis Sie mir schreiben. Billy ist ein Gentleman bis in die
Knochen. Anständiger Mensch. Interessanter Mensch. Ich kenn' ihn seit
vielen Jahren und bin Tausende von Meilen mit ihm gefahren. Ho, Sie
werden sich wundern! Ich kann Ihnen in der Geschwindigkeit das alles
nicht so genau erklären, aber es gibt Mittel und Wege in diesem Land,
einen Eisenbahnzug zu benützen, ohne dafür zu bezahlen. Billy fährt
jahraus, jahrein von Staat zu Staat, von Stadt zu Stadt. Wie er heißt,
weiß ich selbst nicht -- er will nur Billy genannt werden. Spricht
glänzendes Englisch, wie man's hierzulande selten findet und ist
hochgebildet. Was sein eigentlicher Beruf ist, weiß ich auch nicht. Als
wir kein Geld hatten, in Denver war es, schrieb er einige Artikel für
eine dortige Zeitung und wurde glänzend bezahlt dafür. Ich hab' ihn als
Feinmechaniker arbeiten sehen und als Elektriker. Seine Krankheit ist
der Wandertrieb und manchmal wünsche ich -- -- na ja. Herrgott, was
waren das für Zeiten damals! Vorhin erzählte er mir, er wolle nur rasch
ein bißchen nach Arizona -- einige Tausende von Meilen! -- weil dort im
Frühsommer der Kontrast zwischen kakteenbedecktem Sand und grauem
Felsenhintergrund so farbenreich und reizvoll sei. So ist Billy! Nun,
Sie werden sich wundern! Nach St. Louis kommen Sie aber bestimmt durch
ihn!«

Wie im Traum packte ich ein und aus und zog mich um; wie im Traum ließ
ich mir Butterbrot in die Taschen stecken ...

»Es ist Zeit!« sagte der Mann mit den leuchtenden Augen kurz. »Möchte
den Zug nicht versäumen. _Bye -- bye_, Starkenbach!«

»Ich wünsche -- ich möchte mir manchmal wünschen ...« seufzte dieser.

»Wünschen Sie sich keinen Unsinn!« sagte Billy scharf. »Danken Sie
den Sieben Himmeln für Ihre Seßhaftigkeit!«

Und dann ging's hinaus in die Dunkelheit.



Wie die Wanderung begann.

     An der Geleiseböschung. -- Der erste Sprung auf einen fahrenden
     Zug. -- Die Fahrt. -- Im Märchenland aufregenden Erlebens. -- Das
     Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Königin Nikotin und ihrem
     Göttergeschenk. -- Billy der Wanderer! -- Das Abenteurerblut regt
     sich. -- Ein psychischer Impuls. -- Wanderer Nr. 3.


In der Apotheke funkelte noch ein Licht, und trübe schimmerte es rot und
grün von den farbigen Glaskugeln im Schaufenster. Bald waren wir am
Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude mit seinen Lichtern ließ der schweigsame
Mann neben mir links liegen und betrat zwischen langen Reihen von
Frachtwagen die Geleise. Es war dunkel hier. Nur das Weiß und Rot der
kleinen Signallämpchen an den Weichen blitzte da und dort auf und
erleuchtete den blanken Stahl des Hauptgeleises. Wie ein
grellschimmernder Fleck auf schwarzem Grund lag weit hinten der Bahnhof
da. Vorsichtig schritt Billy zwischen den Frachtwagen dahin, dem weißen
Fleck wieder entgegen. Ich folgte ihm lautlos. Dann ging es die Böschung
hinab, an Haufen von aufgestapelten Schwellen entlang. Dreißig Meter vom
Bahnhof blieb Billy stehen, kauerte sich nieder und winkte mir, das
gleiche zu tun. Unsere Köpfe ragten nur ein wenig über die Böschung
empor.

»Noch zehn Minuten,« sagte Billy, auf die Uhr sehend.

»Und -- -- --?«

»Pst! Nicht sprechen!«

Ein leises Zittern, ein kaum merkbares Sichregen in den Stahlschienen
vor unseren Köpfen. Es wurde stärker, lauter. Ein feuriges Riesenauge
blitzte auf. Und nun ein Gerassel, ein schallendes Dröhnen. Ein greller
Pfiff. Der Expreß brauste heran, und mit einemmal war alles Leben und
Lärm. Kondukteure sprangen herab, Reisende stiegen aus und ein;
Schwatzen, Lachen, Rufe und Kommandos tönten herüber.

Billy rührte sich nicht. Das Riesenauge der Lokomotive warf weithin
blendenden Schein über das Geleise. Wir, an der Böschungsseite, blieben
im Dunkel. Aus einer gewaltigen Röhre ergoß sich Wasser in den Tank des
Tenders. Der Lokomotivführer, eine Petroleumfackel in der Linken, eine
langstielige Kanne in der Rechten, schritt von Ölkapsel zu Ölkapsel
seiner Maschine, ölte und untersuchte.

»Hören Sie!« flüsterte Billy. »Wenn der Zug sich in Bewegung setzt,
springen Sie auf den ersten Wagen nach dem Tender. Direkt nach dem
Tender. Ja nicht vergessen! Das ist der Postwagen und die einzige
Möglichkeit. Links und rechts vom Trittbrett sind Messingstangen.
Klammern Sie sich an und schwingen Sie sich hinauf. Geht es nicht, so
lassen Sie sich nach rückwärts fallen. Kümmern Sie sich nicht um mich;
ich werde nach Ihnen springen. Warten Sie aber ja, bis die Lokomotive
ganz nahe hier ist, sonst werden wir vom Bahnhof aus gesehen. So
-- jetzt!«

Der Expreß hatte sich in Bewegung gesetzt. Mir schien es eine Ewigkeit
zu dauern, bis die Lokomotive herankam. Endlich. Mit einem Satz sprang
ich auf, geblendet einen Augenblick lang durch die Laterne, verspürte
etwas wie Luftdruck, ließ die schwarze Masse des Tenders vorbeidröhnen
und sah Stufen, einen Messinggriff. Blindlings griff ich zu. Und wurde
förmlich hinaufgerissen. Im gleichen Augenblick schob mich etwas
vorwärts und neben mir stand lachend Billy.

»Ausgezeichnet für's erste Mal,« sagte er. »Machen Sie sich's
bequem.« Er hockte auf dem Boden der Plattform nieder, mit dem Rücken
gegen die Wagenwand gelehnt. »Wie gefällt es Ihnen?«

Ich schnappte nach Luft und nickte nur.

»Dies ist ein blinder Postwagen,« erklärte er. »Blind, weil er vorne
und hinten keine Türen hat, sondern nur Seitentüren; zum Schutz gegen
Eisenbahnräuber. Sie verstehen -- damit nicht Verbrecher vorne
aufspringen (so wie wir's gemacht haben) und dann von der Plattform aus
die Türe erbrechen können. Mögen die Götter den Mann segnen, der den
Einfall des blinden Postwagens hatte. Wenn es nicht etwa dem Heizer
beifällt, über den Tender zu klettern, sind wir bis zur nächsten
Haltestelle sicher.«

Der Zug jagte dahin mit ungeheurer Geschwindigkeit. Von beiden Seiten
und von vorwärts, über den niedrigen Tender hinweg, fegte der gewaltige
Luftdruck auf uns ein wie Sturmwind. Feuchter Dampf und winzige, scharf
stechende Kohlenteilchen peitschten unsere Gesichter. Der Wagen, auf
dessen Plattform wir saßen, rüttelte so, daß ich mich krampfhaft
anklammern mußte. Sprechen war fast unmöglich geworden in dem tosenden
Lärm des dahinjagenden Zuges; man hätte schreien müssen, um sich zu
verständigen. Ich starrte und starrte. Draußen huschte es vorbei wie
gigantische Schatten; schwarze Schatten der Nacht, bald tiefdunkel, bald
grau in grau -- Häuser und Bäume und Felder und Dörfchen. Ein einsames
Licht dann und wann, glitzernd nun, dann verschwunden, wie hüpfendes
Irrlicht im Sumpf. Ich zitterte vor Kälte und duckte mich zusammen unter
dem einpeitschenden Luftstrom. In mir aber jubelte es. Mir war es, als
sei ich im Märchenland aufregenden Erlebens, fern von den Dingen des
Alltags. Ich war wie trunken. Damals wußte ich es nicht -- aber was ich
zum erstenmal erlebte in jener Texasnacht, war berauschendes
Zigeunertum, nackte Romantik, der alte Traum vom Dahinstürmen in die
Welt hinein, primitivstes Mannestum. Das ließ einen zittern und jubeln
zugleich; das ließ einem die Augen aufleuchten und das Herz rascher
schlagen. Weiter, immer weiter. Mehr Schatten. Mehr Lärm. Mehr Lichter
tauchten auf, erlöschend, von neuem geboren. Immer mehr. Wie ein leiser
Ruck, wie ein sanftes Knirschen ging es durch den Zug, und das
Dahinjagen verlangsamte sich.

»Herunter -- sobald wir durch den Bahnhof sind!« rief der Mann neben
mir.

Ein Auftauchen von flutendem Licht -- ein Sprung -- und wieder lagen wir
auf feinem Kohlengeröll an einer Böschung und warteten wieder endlose
Sekunden, bis das pfauchende Ungetüm auf uns zustürmte, und wieder
sprangen wir.

Das wiederholte sich viermal, fünfmal, achtmal. Aus den tiefen
Nachtschatten wurden graue Nebel, in denen hier ein Haus, dort ein Stück
Wald in unbestimmten gespenstischen Umrissen erschien, vorbeisausend,
noch ehe das Auge bestimmte Formen unterscheiden konnte. Weiter, immer
weiter. In Dampf und Lärm und Sturmwind. So Schönes hatte ich noch nie
erlebt. Immer lichter wurden die Nebel und weit draußen im Osten säumte
es sich wie ein feiner heller Streifen am Horizont hin, wie ein dünnes
silbernes Band. Und mit einemmal kam ein zartrosa Schimmern in die weiße
Linie, dann ein rotes Glühen, und ein leuchtendes Stückchen des
Sonnenballs zerriß das Grau in Grau der Dämmerung, schuf Farben.
Gelbleuchtenden Sand, sattes Feldergrün.

Weiter, immer weiter. Eine Station -- der Sprung ...

Als wir so dalagen, schlenderte ein Kondukteur an der Lokomotive vorbei,
sah sich forschend um, guckte die Böschung entlang und kam auf uns zu.

»Hello, Jungens,« sagte er. »Hab' euch abspringen sehen. Schluß! Ich
könnte in Unannehmlichkeiten kommen, wenn man euch sähe. Ich selbst
werde auf der blinden Plattform fahren bis zur nächsten Station. Gebt
euch also keine Mühe!«

»_Allright!_« rief mein Begleiter und stand lachend auf. »Komm, mein
Junge. Dieser Zug hat seine Schuldigkeit getan.«

»Probiert es ja nicht!« rief der Kondukteur noch einmal.

Billy schlenderte ganz langsam über das Geleise und betrachtete
sehnsüchtig den Kuhfänger, den schaufelförmigen Holzaufbau an der
Lokomotivenspitze, der dazu da ist, Hindernisse auf dem Geleise
wegzuschleudern. (Das erklärte er mir erst später.)

»Man könnte auf dem Kuhfänger -- --« murmelte er. »Aber nein, hat
keinen Sinn. Ist ja gleich heller Tag.«

Er zog mich mit sich, nachdem er einen raschen Blick auf den Namen am
Stationsgebäude geworfen hatte. Clifton hieß die Station. Wir
verschwanden auf Nebengeleisen, zwischen Reihen von Frachtzügen, und der
Expreß toste vorbei. Billy sah sich die Frachtwaggons sehr sorgfältig an
und öffnete dann die Schiebetüre eines leeren Wagens --

»Hotel zur Eisenbahn!« lächelte er. »Klettern Sie nur hinein.«

Und in diesem leeren Frachtwagen studierten wir Karten und Fahrpläne.
Hundertundfünfzig Meilen weit waren wir gefahren in der Nacht. Dann
legten wir uns zum Schlafen hin, uns mit den Röcken zudeckend, denn so
war es wärmer ... Ein Geschüttel und Gerüttel weckte mich auf, und als
ich aufstehen wollte, wurde ich gegen die Wand geschleudert. Der Zug war
in Bewegung.

»Alles in schönster Ordnung!« rief Billy mir zu, ohne aufzustehen.
»Der Zug geht in unserer Richtung; dessen habe ich mich versichert, ehe
wir hier hineinkletterten. Ein Segen, daß die faulen Bremser nicht in
die leeren Wagen guckten vor der Abfahrt!«

Ich zitterte am ganzen Leibe vor Kälte, so heller Sonnenschein auch
durch die Türritzen drang; in jenem unbeschreiblichen Zittern, dem
Gefühl hilfloser Schwäche, das zu einer im Freien und in den Kleidern
verbrachten Nacht gehört wie Sonnenaufgang zum Tagesanbruch. Instinkt
zeigte mir das Heilmittel. Eine Zigarette. Ah -- du Wunderkraut, du
Ruhespender, du duftendes Göttergeschenk! Seist du nun in Reispapier
gehüllt oder in deine eigenen Blätter eingewickelt, oder glimmst du in
der Schale einer Pfeife -- du bist Sorgenbrecher und Tröster immerdar.
Zauberkraft wohnt in dir. Du vermagst es, hinwegzutäuschen über Hunger
und Kälte; du vermagst es, die geheimnisvollen Zellen im Menschengehirn
anzuregen zu hohem Flug. Märchen kannst du erzählen. Träume gaukelst du
vor. In deinen blauen Wölkchen wiegen sich Feen. Vielleicht muß man arm
sein, um deine Wunder wirklich zu erkennen, arm und jung; den Armen aber
und den Jungen bist du fürwahr ein göttlich Ding, du Wunderding voller
Widersprüche und Zartheit. Du beruhigst den Ruhelosen -- du nimmst die
Trägheit von den Trägen. Du wärmst in Kälte und du kühlst in Sonnenglut,
du stillst nagenden Hunger. Den Jungen unter den Armen bist du Sektkelch
und Schönheit und Lebenstraum, du Wunderkraut!

Denke ich an harte Zeiten zurück, so darf nie die Dankbarkeit fehlen
gegen die duftenden tiefbraunen Blätter. Die einem oft mehr halfen als
Menschen es hätten tun können! Wenn nicht die Worte den Armen fehlten,
würden sie Göttin Nikotin preisen in tausend Zungen --

Billy blinzelte zu mir herüber.

»Es ist ein Nachteil dieses Landes,« sagte er, »daß seine Zigaretten
so schlecht sind! Man sollte eigentlich nur türkische Importen rauchen!
Ihre Zigarette ist jener Mischmasch von Virginiatabak und Parfümierung
(wenn sie wenigstens Opium dazunähmen!), der den Lungen so unsagbar
schädlich ist -- haben Sie übrigens noch eine?«

Ich lachte laut auf und bot ihm mein Zigarettentäschchen an.

»Danke! Lachen Sie nicht! Eine schlechte Zigarette ist besser als gar
keine Zigarette. Mit den übrigen Dingen des Lebens ist es ja genau
ebenso!«

Rücken an Rücken saßen wir da, gegen die rumpelnde, stoßende Wagenwand
gelehnt. Billy paffte, streifte die Asche ab, paffte wieder.

»Sie haben das unschätzbare Talent, den Mund halten zu können,«
lächelte er. »Sie plagen mich nicht mit Fragen. Und nun sind Sie wohl
neugierig?«

»Unbeschreiblich!«

»Hm, na ja. Ich heiß' Billy, kurzweg Billy. Mein Familienname ist
gleichgültig. Manche Freunde nennen mich Billy den Wanderer. Das ist
geschmacklos, aber im allgemeinen zutreffend. Dann und wann erschafft
die Weltordnung, die unsere Frommen den Herrgott nennen (man müßte sie
eigentlich um ihres Glaubens willen beneiden!), Männer, die so gar nicht
hineinpassen in das Weltsystem von Dollars und Cents, und Essen und
Trinken, und Liebe und Ehe. Zigeuner. Ruhelose Geister. Arme Teufel mit
allzuheißem Blut. Einer von denen bin ich wohl. Ich habe sehr viel Geld
verdient in meinem Leben, wenn gewisse Notwendigkeiten an mich
herantraten oder wenn es mir der Mühe wert schien, aber glücklich bin
ich nur auf einem Eisenbahnzug. Und zwar als Kontrebande. Weil es
gefährlich ist, vielleicht, oder aus Trotz, -- was weiß ich. Im
Salonwagen fahren kann jeder Narr. Na ja. Staatauf, staatab, bald in
Kalifornien, bald in Missouri, oder in Nevada, oder in Texas;
interpunktiert leider durch Arbeitspausen, denn Geld gehört zu jeder Art
von Leben. Wie's gemacht wird, haben Sie nun schon so ungefähr gesehen.
Ich warne Sie dringend, daß die Geschichte gefährlich ist und zweifellos
gegen gewisse Gesetze verstößt, was mir gleichgültig ist, es Ihnen aber
nicht sein sollte. Dieser schauderhaft langweilige Frachtzug wird uns
nach Cleburne bringen, das höchstens vierzig Meilen von hier entfernt
ist. Dort verzweigt sich die Santa Fé nach Norden und nach Nordosten.
Sie fahren mit der Nordostlinie, die, tausend Meilen lang ungefähr, den
schnurgeraden Weg nach St. Louis bedeutet. In St. Louis angekommen,
reden Sie! Sehr guter Rat von Starkenbach! Hm ja, klettern Sie einfach
in einen leeren Frachtwagen, und wenn der Bremser kommt, geben Sie ihm
einen halben Dollar. Das ist das Sicherste -- für Sie. Sie werden in
fünf bis acht Tagen dort sein.«

»Und Sie?«

»Ich? Ja, das weiß ich eigentlich noch nicht. Das ist ja eben das
Schöne. Ich nehme vorläufig die Nordlinie, über Fort Worth nach Oklahoma
und nach Kansas, um dann, es gibt keine anderen Linien, wieder nach
Südwesten abzubiegen, nach Neumexiko und Arizona. Möchte einmal wieder
Arizonasand sehen und blühenden Kaktus. Im übrigen wartet in Fort Worth
ein Freund auf mich.«

Nun erzählte ich. Und als ich einmal im Eifer einen Homervers zitierte
-- falsch -- korrigierte mich der Mann mit den leuchtenden Augen ohne
eine Miene zu verziehen! Wir aßen unsere Butterbrote und schliefen
wieder. Kurz vor Mittag rumpelte der Zug in die Station Cleburne und wir
kletterten hinaus. Eine einsame Pumpe des Frachtbahnhofs gab Wasser her
zur Toilette (auch eine kleine Kleiderbürste trug Billy bei sich!), und
dann gingen wir in das Städtchen, um in Kaffee und gebratenem Speck und
Maisbrot zu schwelgen. Bei Zigaretten und Geplauder vergingen die
Nachmittagsstunden wie im Flug. Billy wollte mit dem Abendexpreß nach
dem Norden fahren; ich sollte den später abgehenden schnellen Frachtzug
nach dem Nordosten benützen. Die Aufschriften der Waggons hatte er mir
genau auseinandergesetzt, damit ich mich nicht irren konnte, und mir
obendrein vom Bahnhof Karten und Fahrpläne geholt, die es dort, wie
überall in den Vereinigten Staaten, gratis gab. Er erklärte und
erläuterte und erklärte wieder. Gedankenlos hörte ich zu und hatte
sicherlich im nächsten Moment vergessen, was ich einen Augenblick vorher
gehört.

Nach der großen Stadt am Mississippi, nach dem Hasten und Treiben der
Menschen, dem vielen Reden und dem Glücksjagen sehnte ich mich gar nicht
mehr! Nein, mich lockte die Gegenwart. Der rätselhafte Mann neben mir;
die Kraft, das Selbstbewußtsein, das er ausströmte. Das Geheimnisvolle
seines Lebens. Neugierde. Eigenes Abenteuerblut vielleicht. Die ganze
Umgebung.

Wir saßen wieder in der Nähe des Bahnhofes, auf weicher Grasböschung,
mitten im Getriebe der Eisenbahn. Züge jagten vorbei. Eine komische
kleine Lokomotive rannte unter angstvollem Gestöhn und fürchterlichem
Geschimpfe (so klang es!) auf und ab und ab und auf, dort einen
Frachtwagen vor sich herpuffend, hier lange Wagenreihen schleppend.
Schimpfende und gestikulierende Männer eilten hin und her mit der
schimpfenden Lokomotive, holten sich vereinzelt dastehende Frachtwagen
herbei und bumpsten andere auf Nebengeleise. Alles war Leben und
Bewegung; das Städtchen über dem Geleise drüben sah wie tot aus im
Vergleich. In den Telegraphendrähten über unseren Köpfen klang und
surrte es -- ja, das tote Holz der Telegraphenstange neben mir bebte und
zitterte, als trüge es schwer unter der Wucht der Botschaften, die über
die Drähte huschten. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und
unzählige Lichtpünktchen flammten neben dem Geleise auf; die Wegweiser
der Eisenbahnstadt. Eine fremde Welt, die mir voller Bedeutung und
voller Geheimnisse schien; deshalb vielleicht, weil die Aufregung der
nächtlichen Fahrt noch in mir nachzitterte.

»Mein Zug wird in wenigen Minuten da sein,« sagte Billy, die Pfeife
zwischen den Zähnen, scharf nach der Stadt hinsehend. »Ich rate Ihnen
noch einmal, sich an die Frachtzüge zu halten und sich den guten Willen
der Bremser zu erkaufen, wenn Sie entdeckt werden. Der Eilfrachtzug nach
dem Nordosten wird ungefähr in zwei Stunden abgehen. Die Wagen müssen
entweder die Aufschriften "St. Louis" oder "via Springville" tragen.
Passen Sie darauf auf! Ich glaube nicht, daß Sie besondere
Schwierigkeiten haben werden. Und nun _good bye_! Lassen Sie sich's gut
gehen im alten St. Louis! Viel, viel Glück!«

»Und vielen Dank ...«

»Du meine Güte, was ist da zu danken!«

Der Expreß brauste in die Station. Es dauerte lange Minuten, bis er sich
wieder in Bewegung setzte. Jetzt -- die Lokomotive kam langsam daher.
Der Mann mit den leuchtenden Augen stand auf, nickte mir lächelnd zu,
trat an die Schienen und sprang.

Und während seines Springens, in dem winzigen Bruchteil einer Sekunde,
faßte ich einen plötzlichen Entschluß, an den ich vorher auch nicht
einen Augenblick lang gedacht hatte! Drei gewaltige Sätze machte ich
neben dem schon ziemlich rasch fahrenden Zug her und bekam glücklich
die Messingstange des Postwagens zu fassen. Ein krampfhaftes
Emporziehen --

Ich stand neben Billy auf der Plattform.

»Du Narr!« sagte er. »Du verdammter Narr!«

Ich lachte laut auf.

»Du querköpfiger Narr -- ich denke, du willst nach St. Louis?«

Der Zug machte einen solchen Lärm, daß ich schreien mußte. Und ich
schrie:

»Eisenbahnfahren will ich!«

»Dann dreimal Narr du!«

In einer halben Stunde hielt der Expreß an der nächsten Station, und
Billy riß mich fast mit Gewalt von der Plattform herunter, mich zur
Böschung hinzerrend. Auf alten Schwellen setzten wir uns nieder.

»So,« sagte er, »der Expreß kann zum Teufel gehen, wenn ich auch
eigentlich nicht einsehe, weshalb ich meine wertvolle Zeit vertrödeln
soll, nur, weil du ein großer Narr bist. Nun erzählst du mir ganz genau,
was in deinem Kopf vorgegangen ist, als du mir nachsprangst. Hattest du
es dir vorher überlegt?«

»Nein.«

»Weshalb bist du mir dann nachgesprungen?«

»Weil ich wollte. Ich kann das nicht so genau erklären. Ich mußte
einfach!«

»Hoh -- man nennt das psychische Impulse! Ich verstehe ja ganz gut, daß
das Eisenbahnfieber einen packen kann; an der Krankheit laboriere ich
selbst. Ich würde mir die Geschichte aber doch noch überlegen an deiner
Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputtgehen
dabei. Man ist, niemand weiß das besser als ich, bei diesem Leben eine
_quantité négligeable_ (oder hast du dein Französisch schon vergessen?),
sich selbst und andern verdammt wenig wert. Ich persönlich bin hart wie
Stahl und kenne das Leben, was du von dir wohl kaum sagen kannst. Ich
tue, was ich will. Es ist mein Wille, im Lande umherzuhetzen, weil es
nichts gibt, das mir mehr Freude macht, mehr Glück gibt. Gefällt es mir,
mein Leben zu ändern, so brauche ich nur dem Schienenweg adieu zu sagen
und kann mir da oder dort Erfolg holen. In anderen Worten, ich bin ein
fertiges Menschenkind und du bist weich und formfähig, wie -- na, wie
Butter. Geh' also nach St. Louis, mein Sohn!«

»Nein!«

»Huh -- so energisch?«

Ich sprudelte hervor, daß ich noch nie so Schönes erlebt hätte und
daß --

»Ganz richtig. Und der Hunger?«

»Ist mir gleichgültig.«

»Und du wirst sehr schwer arbeiten müssen, denn auch zu solchem Leben
gehört Arbeit!«

»Gern.«

»Hm -- als ich ein Bub war, erwischte mich mein Vater einmal beim
Zigarettenrauchen. Worauf er mich in sein Arbeitszimmer führte, mir
höflich Platz und eine schwere Zigarre anbot, die ich unter seinen Augen
zu Ende rauchen mußte. Die Folgen dieser Zigarre waren bei weitem
unangenehmer als Prügel! So rauch' du denn die Zigarre des
Schienenlebens, mein Sohn. Dir wird sehr übel werden! Du wirst
anderseits aber auch viel lernen. Und dann werde ich dir nach St. Louis
helfen. Dann wirst du nicht mehr weich wie Butter sein! Komisch, daß ich
unsteter Geselle nun auch noch Verantwortung auf meine Schultern nehmen
soll!«

»Ich bin für mich selbst verantwortlich.«

»Ja freilich. Sehr!«

Und wir lachten beide. In einer Stunde kam ein Frachtzug durch, mit dem
wir weiterfuhren. Diesmal kostete die Fahrt Geld, denn ein Bremser
ertappte uns beim Hineinklettern und erhob prompt einen Tribut von einem
halben Dollar dafür, nichts gesehen zu haben. In wenig mehr als dreißig
Minuten kamen wir in Fort Worth an, das nur vierzig Meilen entfernt war.
Billy ging sofort nach dem Aussteigen zu dem riesigen hölzernen
Wasserbehälter auf dem Frachtbahnhof, aus dem die Lokomotiven gespeist
wurden, und leuchtete mit Zündhölzern sorgfältig den unteren Rand ab.
Dann zeigte er mir mit einem Ausruf der Befriedigung ein frisch
geschnittenes, rohes "J".

»Aha!« sagte er. »Joe ist schon da.«

»Wer ist Joe?«

»Ein Freund, ein lieber Kerl, den ich schon seit langen Jahren kenne.
Eisenbahnkrank, so wie ich. Er hat die Zeichen hier hineingeschnitten,
damit ich weiß, daß er da ist. Nun warten wir hier. Er wird bestimmt
öfters nachsehen, ob ich schon gekommen bin.«

Es dauerte auch gar nicht lange, so tauchte eine Gestalt hinter dem
Holzrahmenwerk des Behälters hervor und eine elektrische Taschenlampe
blitzte auf.

»Oho!« sagte Billy. »Du bist aber vornehm geworden, Joe! Elektrische
Beleuchtung in der Tasche!«

»Fein! Nich' wahr, Billy?«

»Nun, und wie war's mit der Arbeit im Elektrizitätswerk?«

»Schön. Fünfzig Dollars verdient in zehn Tagen. Aber --«

Billy kicherte leise.

»-- du hättest mich nich' alleinlassen sollen, Billy. Die verdammten
Soldaten im Fort droben haben mir jeden Dollar beim Pokern wieder
abgeknöpft. Die gesegnete Laterne hier -- das is' alles, was übrig
blieb!«

Billy lachte laut und lange.

»So ist nun einmal das Leben, mein alter Joe,« stieß er hervor, noch
immer lachend. »Ich hab' noch sechzig Dollars, und wenn die zu Ende
sind, müssen wir eben wieder arbeiten. Dies ist Ed. Deutscher. Fährt mit
uns.«

Joe, sauber und adrett in dunklem Anzug und Mütze, hatte ein rotes,
rundes, volles Gesicht. Listige Äuglein blinzelten aus diesem Gesicht
hervor -- -- --



Unter den Romantikern des Schienenstrangs.

     Von Texas nordwärts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der betrogene
     Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma. -- Jargon des
     Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und seine Einflüsse.
     -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät des Tramps. -- Die
     amerikanische Vagabundenarmee. -- Der Arbeitslose. -- Der Tramp.
     -- Die Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident
     Roosevelts Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle
     Unterströmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in
     exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,
     Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.
     -- Arbeiten!


Hastend trieb Billy vorwärts. Schnurgerade nach Norden ging es zuerst,
durch das nördliche Texas in Oklahoma hinein, durch ungeheure Flächen
von welligem Grasland und spärlichem Wald; immer mit Schnellzügen auf
der blinden Plattform der Postwagen.

Einmal verbrachten wir eine tolle Nacht auf dem Piloten einer
Expreßlokomotive, zu dritt, eng zusammengedrückt, aneinander geklammert;
auf den hellen Fleck starrend, den die Laterne über unseren Köpfen auf
die Schienen warf. Die Welt schien körperloses, schwarzes Dunkel. Nur
der gelbweiße Schein da vorne auf dem Schienenstrang barg rasende
Bewegung in sich. Als ob sie auf uns zuspringen wollten, so stürmten uns
die hölzernen Blöcke entgegen, die den stahlglänzenden feinen Strich
auf beiden Seiten verbanden. Zuerst, am Rande des Lichtscheins, in der
Verjüngung, sahen die Schwellen fein und zart aus wie Zündhölzer. Dann
wurden sie stärker, massiver -- riesengroß zu unseren Füßen. Es war wie
ein wunderlicher Hexenwirbel. Wie ein sturmwindgepeitschter Zauberkreis
von funkelnden Schienen und dunkel glänzenden Schwellen, von Steinchen
und Erde und Grasbüscheln; uns entgegenjagend, wirbelnd, sich drehend.
Man mußte wie fasziniert auf den Blendkreis der Laterne starren, jedes
Steinchen, jeder Schwellenbuckel prägte sich einem ein. Dazu das Rütteln
und Stampfen der Stahlmasse, auf der wir hingekauert waren, und der
peitschende Luftdruck, der schmerzend wie feine Nadeln in die Haut
drang, jedes Stück Zeug am Leibe flattern ließ und sich wie schwere Last
gegen den Körper anstemmte. Und Stille ringsum, als schweige alles vor
dem dahersausenden stählernen Ungetüm auf den stählernen Schienen; als
regierten nur seine Geräusche -- -- -- Das dumpfe Poltern mit dem hellen
Metallklang dazwischen. Das Rauschen und Rasseln. Das Stöhnen in den
glühenden, dampfschnaubenden Lungen.

Aus Dampf und Rauch und jagender Bewegung und vorbeihuschendem Land
schien die Welt zu bestehen. Jeder Funke Energie konzentrierte sich auf
Vorwärtskommen. Alles andere war gleichgültig. Man fuhr in Frachtzügen
untertags, weil man dann in leeren Frachtwagen schlafen und so den
Schlaf mit dem Vorwärtseilen verbinden konnte. Die unfreiwilligen Pausen
(wenn ein Kondukteur oder ein Bremser uns ertappte und grinsend
erklärte, wir möchten lieber dem nächsten Zug die Ehre schenken) wurden
zum Essen benutzt und zu sorgfältigem Erkundigen über die nächsten Züge.
Es war ein wunderliches Leben. Und das wunderlichste daran war die
Geschäftigkeit! Kein noch so energischer Kaufmann hätte mehr Zeit und
Mühe aus seine wichtigsten Affären verwenden können als wir auf unser
zweckloses Vorwärtshasten. Dabei riskierten wir auch noch täglich die
Hälse!

Ich war wunschlos glücklich damals in dem fortwährendem Fieber des
Neulings. Und es scheint mir heute, als sei die trotzige Energie, die
dieses sonderbare Leben einem einimpfte, ohne daß man es merkte, die
Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Beschwerden, das praktische Anpassen
an harte Lebensbedingungen, das man wie im Spiel lernte -- als sei dies
alles die verschwendete Zeit voll und ganz wert gewesen ...

Das Leben war wie ein Dahinhuschen durch eine mehr oder weniger
gleichgültige Welt voll der verschiedensten Menschen und der
verschiedensten Farben, in der das einzig Wichtige die Züge auf dem
Schienenstrang und wir drei Menschen schienen. Wir drei Menschen! Nie
wieder im Leben hab' ich so das Gefühl engstverbundener Freundschaft mit
Männern gehabt wie damals! Was dem einen gehörte, gehörte auch dem
andern, und der eine stand für den andern ein mit allem, was er hatte
und konnte. Und doch blieb die dünne Scheidewand bestehen, die
Männerfreundschaft haben muß, wenn es nicht einfach _frère et cochon_
sein soll -- das Respektieren persönlicher Dinge, die Disziplin
gewisser Höflichkeiten, eine Art Respekt des einen vor dem andern.
Dieses eigenartige Zusammenhalten in einem Mischmasch von Herrentum und
Vagabundenleben ist mir etwas Unvergeßliches wie Billy selbst.

Wir kamen nach Guthrie in Oklahoma, eine Stadt mit dem typischen
Gemengsel des Westens von vornehmen Villen und bescheidenen
Bretterbuden. Guthrie war damals, und ist wahrscheinlich heute noch, was
der Amerikaner eine _wide open town_ nennt, eine "weit offene Stadt",
wörtlich übersetzt. Der Begriff ist simpel. Weit offen. Alles darf
hinein. Spielhöllen, geöffnet die Nacht hindurch; Salons, in
ununterbrochenem Betrieb Tag und Nacht; profitables Dulden von elegant
gekleideten und energisch bemalten Damen. Skrupellose Dollarjagd
überall. Eine Bar neben der andern säumte die Hauptstraßen. "Zum
sporenklingelnden Cowboy" hieß da ein Salon, "Das Glück von Oklahoma"
ein anderer; "Zum toten Indianer" -- "Die sieben Whisky-Seeligkeiten" --
"Das Paradies der Getränke" -- "Zum letzten Schuß" -- -- so nannten sich
die Trinkhallen Guthrie's. Reiter galoppierten hin und her, deren Beine
in dem geteilten Hosenschurz aus Buffalofellen steckten, der das
Kennzeichen der Cowboys ist. Am Sattelknopf hing stets der Lasso; an
einem Riemen um die Hüften baumelte der schwere Revolver. Zwischen den
Reitern drängten sich Fußgänger; bald im einfachen Flanellhemd und den
riemengegürteten Hosen des Westens, bald in eleganten Anzügen und
tadelloser weißer Wäsche.

»Lebendiges altes Städtchen!« brummte Billy.

Wir traten in eine Bar ("Zum grinsenden Prairiehund" hieß sie), und ich
vergaß ganz meinen Whisky über meinem Staunen. Da war ein Gefunkel von
Spiegelscheiben und geschliffenen Gläsern und zwischen den
Spiegelscheiben leuchtete ein Kolossalgemälde, ein üppiges Weib auf
weichen Kissen hingestreckt. Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf
darüber, wo ich das Bild schon gesehen haben mochte --

»Rubens-Kopie,« lächelte Billy, »mit einigen Zutaten freier Phantasie
wiedergegeben. Du wirst das Ding noch tausendmal sehen in ebensoviel
Salons. Es ist ein niedliches Beispiel, wie sehr wahre Kunst und
wirkliche Schönheit in diesem merkwürdigen Land manchmal auf den Hund
kommt.«

Dann ging's in ein kleines Hotel, wie sich das Bretterhaus mit seinen
winzigen Zimmern für einen halben Dollar im Tag stolz nannte; denn wir
verbanden einen ganz bestimmten Zweck mit dem kurzen Aufenthalt im
Oklahomastädtchen: Toilettesorgen! Billy hatte seine besondere Art, die
Toilettenfrage zu lösen. Frisch gekaufte Wäsche gehörte dazu, ein
Badezimmer und ein in den Küchenregionen ausgeborgtes Bügeleisen, das
unseren Kleidern wieder Eleganz verlieh und vor allem durch die
Dampfentwicklung beim Bügeln gründliche Reinigung vom Kohlenstaub des
Schienenstrangs erzielte. Die getragene Wäsche blieb natürlich zurück,
denn ein Sichabschleppen mit Gepäck selbst in kompaktester Form war
unmöglich bei unserem Leben. Das wiederholte sich immer wieder -- die
Bügelszene war eine Art wöchentlicher Etappe im Wanderleben, die
ziemlich viel Geld kostete. Aber in den kleinen Stationen später im
Südwesten wusch und bügelte Madame vom Boardinghouse gerne unsere Wäsche
für wenige Cents, während wir wartend in den Betten lagen.

Den halben Nachmittag plagten wir uns mit der Bügelarbeit. Abends nach
dem Essen (es war sehr hübsch, wieder an einem weißgedeckten Tisch zu
essen), schlug ich vor, durchs Städtchen zu wandern.

»_Not on your life_,« grinste Joe gemütlich. »Fällt diesem Kind hier
gar nicht ein. Meinetwegen kann der Teufel das Städtchen holen! Der
Neffe meiner seligen Tante Jemima schläft viel zu selten in einem Bett,
um nich' gründlich zu schlafen, wenn er kann. Geh' spazieren, wenn du
willst -- ich schlafe!«

»Sehr vernünftig!« lächelte Billy. »Guthrie ist ein teures Pflaster,
mein Sohn, und ich persönlich mag nicht mit Leuten zusammen sein, die
mit Geld um sich werfen, wenn ich nicht mitmachen kann!«

»Ich will aber nur spazierengehen!«

»Dann nimm Geld mit!«

»Aber ich habe ja noch dreizehn Dollars ungefähr, und dann will ich ja
auch gar kein Geld ausgeben.«

»Dann geh' spazieren! Viel Vergnügen, mein Junge!«

So ließ ich ärgerlich die beiden sitzen und lief voller Neugierde die
lichterfunkelnde Hauptstraße entlang, in einem Gedränge von Cowboys und
eleganten Herren und arg geschminkten Damen. Die Salons lockten mich
gar nicht. Aber ein Plakat -- eine Tänzerin darstellend, mit dem in
grellen Lettern daruntergedruckten Vermerk »Eintritt frei in dieses
Varieté!« -- schien mir gerade das Richtige. Ich trat ein. An runden
Tischchen saßen viele Menschen, darunter merkwürdig viele Damen in
phantastischen Kostümen. Das reine Maskenfest! Seide in grellen Farben
überall, funkelndes falsches Geschmeide, bemalte Gesichter.

»Furchtbar interessant ...« dachte ich mir.

Ein Kellner (in dunkelrotem Flanellhemd und Hosen aus Manchestersamt)
brachte mir eine Flasche Bier, für die er einen halben Dollar
einkassierte, was ich teuer fand. Dann öffnete sich der Bühnenvorhang,
und eine dicke Blondine krähte einen Gassenhauer --

    »_When the bells go tinge--linge--ling
    We'll join hands and sweetly we shall sing:
    There'll be a hot time
    In the old town --
    Tonight, my darling -- tralala ..._«

Die Tingeling Glocken und das süß gesungene Versprechen, daß heute noch
der Teufel los sein würde im alten Städtchen, schienen tiefen Eindruck
auf die Zuhörer zu machen, denn sie brüllten vor Vergnügen und
trampelten in gräßlichem Gedröhn mit ihren schweren Stiefeln. Der Teufel
im Städtchen mußte auch in mystischem Zusammenhang mit den
Lackstiefelchen der Blondine stehen, denn auf diese deutete sie
fortwährend. Dann tanzte sie ein bißchen und machte furchtbar viele
Knixe, und dann löste eine andere junge Dame sie ab. Die hörte ich aber
gar nicht, denn -- die dicke Blondine kam hinter dem Vorhang hervor und
steuerte schnurgerade auf meinen Tisch zu. Neben mich setzte sie sich!

Am liebsten wäre ich davongelaufen!!

»Welch' ein trockenes Gefühl man doch im Hals hat nach dem Singen!«
sagte sie mit einer Stimme, die geradezu rostig klang.

»Flasche Bier?« fragte der Kellner im roten Flanellhemd und stellte
zwei Flaschen hin, ohne eine Antwort abzuwarten. Die tinge-ling Dame
packte eine Flasche und ein Glas, dann die andere Flasche -- und im
Handumdrehen war das Bier den Weg seiner Bestimmung gegangen. Sie mußte
wirklich sehr durstig sein!

»Fremder?« sagte sie. »Ja? Werden finden, daß hier 'was los ist! _You
bet!_«

Und da brachte der Mann im roten Flanellhemd schon wieder zwei Flaschen,
und Fräulein Nachbarin zu meiner Linken leerte prompt die eine ganz und
die andere zur Hälfte.

»Jetzt muß ich wieder singen,« sagte sie und stand auf. »Komm' gleich
wieder.«

In mir aber dämmerte eine Ahnung auf, daß ich Ärmster es war, der für
diese Bierflaschen bezahlen mußte, und in einer wahren Heidenangst vor
dem Durst der Dame rief ich den Aufwärter herbei.

»Vier Flaschen Bier?«

»Sechzehn Dollars!« sagte der Mann im roten Hemd.

»Heh?«

»Sechzehn Dollars -- Sie sin' wohl 'n Fremder? Kommen Sie mit, wir
werden 's Ihnen erklären!«

Und wie ein Schaf zur Schlachtbank wurde ich auf den Vorplatz geführt,
wo ein anderer Mann (der trug ein blaues Flanellhemd!) zu uns trat. Ein
Flüstern zwischen rotem und blauem Hemd. »_Correct!_« sagte das blaue
Hemd. »Sechzehn Dollars. Das weiß jedermann. _Well_, sagen wir zehn
Dollars statt sechzehn -- ich bin nich' so!«

»So viel Geld hab' ich nicht bei mir!« erklärte ich wütend -- und in
Heidenangst, denn der Mann im blauen Hemd trug einen riesigen Revolver
im Gürtel.

»Dann geht Tommy hier mit Ihnen, es zu holen,« entschied das blaue
Hemd ...

Beinahe hätte ich bezahlt, aber da waren wir schon auf der Straße, ich
und das rote Hemd.

»Welches Hotel?«

»M--m--m ...« murmelte ich und bog links ab. In mir kochte alles vor
Wut über die Gaunerei. Und plötzlich wußte ich es: Den Teufel würde ich
bezahlen! An der dunklen Ecke der Nebenstraße blieb ich stehen:

»Gehen Sie nur wieder zurück -- ich habe kein Geld. Ihr seid
Schwindler!«

Und im gleichen Augenblick stieß ich den Mann im roten Hemd mit beiden
Fäusten vor die Brust, daß er zu Boden kollerte, und rannte um die Ecke,
so schnell mich nur meine Füße tragen wollten. Hinter mir knallte es,
-- noch einmal -- dreimal ... Wieder bog ich um eine Ecke, rannte
geradeaus im Dunkeln, lief in die Kreuz und Quer. Erst nach einer halben
Stunde wagte ich mich wieder in die Hauptstraße und schlich vorsichtig
ins Hotel, zu Billy ins Zimmer. Zitternd vor Aufregung drehte ich das
elektrische Licht an und weckte ihn.

»Was ist los?« fragte er blinzelnd. »Oh -- du! Ausgeplündert, heh?
Jeder Centavo fort, heh? Aber das ist doch nicht so wichtig, um mich zu
wecken!«

In fliegender Eile erzählte ich, und seine Augen wurden immer größer.

»Mann! Den Jüngling hingeschmissen -- ausgekniffen ...« und er lachte
wie besessen, sich im Bett wälzend vor Vergnügen. Er lachte wie ein
Verrückter!

»Achgottachgott,« stöhnte er, »gehen wir zu Joe hinüber!«

»Du -- Joe!«

Joe fuhr empor.

»Du Joe -- Ed ist in 'n Varieté gegangen, so eine freie
Eintrittsaffäre, du weißt schon -- vier Dollars die Flasche Bier --
zahlte nicht, konnte nicht, nee wollte nicht -- Kellner mitgegangen --
Kellner biff-biff gegeben -- davongerannnt -- oh Lord, ich lach' mich ja
noch tot! Das Bier -- die dicke Blondine -- der Kellner hat geschossen
... ich sterbe wirklich vor Lachen!!«

Joe begriff zuerst nicht. Als er aber den Zusammenhang verstand,
wieherte er förmlich.

»Ist dieser Ed grasgrün,« stieß er endlich hervor »-- und bindet mit
den geriebensten Gaunern dieser feinen Stadt an! Ein Glück hat er!!
Geschossen hat der Kellner? Das beweist wieder einmal, daß ein Revolver
lange nich' so gefährlich is' wie er aussieht! Und nun empfehlen wir
uns, kalkulier' ich!«

Billy nickte, noch immer lachend, und erklärte mir kurz, daß nach diesem
Intermezzo Guthrie in Oklahoma ein entschieden ungesunder Aufenthaltsort
für mich sei. Die beiden Herren in den roten und blauen Flanellhemden
wurden wahrscheinlich eine eifrige Suche nach mir veranstalten! Noch in
der Nacht verließen wir (ich genierte mich furchtbar über die
Geschichte) das Hotel, eilten, die blendend hellerleuchtete Hauptstraße
klüglich vermeidend, auf weitem Umweg nach dem Bahnhof und fuhren mit
einem langweiligen Frachtzug nach Nordwesten. In Guthrie zweigte die
Santa Fé scharf ab, hinüber zu ihrer riesigen Hauptlinie, die, Tausende
von Meilen lang, durch das nordöstlichste Stück Texas, das sich in das
Territorium von Oklahoma hineinzwängt, durch Neumexiko, Arizona und
Kalifornien nach San Franzisko führt.

Vorwärts -- immer vorwärts ...

Von Kiowa (das war gerade über der Kansaslinie, und so hatten wir drei
riesengroße amerikanische Staaten berührt in zwei Wochen!) ging es
wieder nach Süden, in ein sonniges Land von Sand und Prairie und
fernschimmernden Bergen hinein! Wir reisten sehr schnell. Die Stationen
waren meistens klein, und einen einzigen Schnellzug konnten wir oft
zehn, ja zwölf Stunden lang benützen. Fast auf jeder Station trafen wir
Wanderer, bald Arbeitslose, bald typische Tramps; bald nach Osten
ziehend, bald nach Westen wie wir. Selten wechselten wir mehr als wenige
kurze Worte mit ihnen, denn der Mann vom Schienenstrang ist wortkarg.
Sie erkundigten sich gewöhnlich nach Entfernungen; noch öfter nach den
genauen Fahrzeiten der Lokalfrachtzüge und der schnellen, durchgehenden
Eilfrachtzüge. Der Jargon der "_road_", des Schienenstrangs, war kurz
und knapp und voller Eigentümlichkeiten. Nie wurde man anders genannt
als "Jack" von diesen wandernden Menschen, die man an den Wasserfässern
der Stationen begegnete, als sei dies ein Sammelvorname für alles, was
da auf der Eisenbahn kreuchte und fleuchte.

»Hello, Jack!«

»Selber Hello!«

»'rauf oder runter?« (Hinauf hieß "nach Westen"; hinunter "nach
Osten"!)

»Hinauf!«

»Hm, ihr nehmt die nächste "Schnelle", nich?« (Das bedeutete den
fälligen Eilfrachtzug.) »Paßt lieber auf -- hundert Meilen zurück haben
sie im Fahren abgestoppt und uns mitten auf der Strecke den Boden küssen
lassen!« (Das hieß, daß die Tramps entdeckt und bei verlangsamter Fahrt
vom Zuge geworfen worden waren.) »Habt ihr vielleicht gesehen, ob der
Lokale leere _boxcars_ hat? Ja? Das is' _allright_. _So long, Jack!_«

Das waren so Fachausdrücke. Die Tramps sprachen niemals vom Ort ihrer
Bestimmung, sondern sie reisten einfach »die Linie hinauf oder
hinunter.« Die Riesen-Eisenbahnlinien des Landes bezeichneten sie als
etwas Altvertrautes nur mit den Anfangsbuchstaben: S. F. (Santa Fé) U.
P. (Union Pazific) S. P. (Southern Pazific) oder mit Spitznamen, wie die
berühmte Käte, wie die Kansas und Texas Eisenbahn genannt wurde. Ihr
Reisen hießen sie _jumping_, springen; Stationen bezeichneten sie nicht
mit Namen, sondern sagten: Nächster _stop_, zweiter, fünfter _stop_ die
Linie hinauf oder hinunter. In einem Frachtwagen zu fahren, hieß -- eine
Leere springen; auf dem Postwagen: den Blinden springen ... Verballhornt
wie die Eisenbahnausdrücke war auch ihre ganze Sprache, ein
heruntergekommenes Englisch. Als müßten sie ihr Sprechen ihren
Verhältnissen anpassen, denn abgerissen, zerlumpt, heruntergekommen
sahen fast alle aus. »Arme Teufel,« pflegte Billy zu sagen. »Arme
Teufel sind's und dumme Teufel! Und geht es einem auch noch so schlecht
... das letzte Geld darf niemals in den Magen wandern, sondern muß auf
den äußeren Menschen verwandt werden! Der saubere Rock ist stets die
Brücke zu den Dingen des Lebens. Er gibt äußere Gleichberechtigung mit
jedem Menschen. Wer sich den sauberen Rock nicht bewahrt, ist ein
Narr!«

Städtchen auf Städtchen huschte vorbei. Jeder Tag brachte neue
Aufregung, neues Vorwärtshasten. Und jeder Tag führte uns Hunderte von
Meilen weiter. Aus den flachen Wellentälern wurden gewaltige
Einschnitte, riesenbreit, in felsiges Bergland, das sich weithin am
Horizont auftürmte; ein Land des Sandes und der Steine, ein Land
glasklarer trockener Sonnenluft, die den Blick auf ungeheure
Entfernungen vorwärtsdringen ließ -- Neumexiko. In wenigen Tagen
durchquerten wir den Staat. Dann kamen wir auf das Gebiet Arizonas.

                  *       *       *       *       *

Im Erinnern an die Zeiten meines Dahinjagens auf den Schienensträngen
der Vereinigten Staaten ist es mir, als sei jede Einzelheit
unauslöschlich in mein Hirn eingegraben wie buntes Mosaik, aus
farbensprühenden Steinchen geformt. Keines der Steinchen verlor in den
fünfzehn Jahren, die seitdem nun verflossen sind, seinen Glanz. Schärfer
treten die Dinge hervor in der Erinnerung, als sie es im leichtherzigen
Erleben gewesen sein mochten; klarer, deutlicher in ihrem starken
Einfluß auf das Werden und Wachsen des Menschen. In Gut und Böse. Den
Trotz hab' ich im Wanderleben gelernt; das trotzige Wollen, ein gewisses
Ziel zu erreichen nur, weil ich es wollte, sei es klein oder groß.
Gleichgültigkeit gegen Geld, das ja dem Manne nur wenig bedeuten konnte,
der in hetzendem, gefahrvollem Vorwärtshasten etwas so unbeschreiblich
Schönes sah, daß Hunger und Entbehrungen lachend in den Kauf genommen
wurden. Verderblichen Lebensleichtsinn, sonderbar gepaart mit Kraft.
Träumen hab' ich gelernt, wie mans nur lernen kann in Einsamkeit, wenn
dahinfließende Stunden ein gleichgültiges Nichts bedeuten. Sehen hab'
ich gelernt! So viele Menschen und so viele rasch wechselnde Bilder
zogen an dem Wanderer vorbei, daß er Menschen und Dinge sehen lernte --
in mehr als bloßem Verstehen von Land und Leuten. Und den Humor hab' ich
mir geholt in jenem Wanderjahr; das lustige Lachen über eigene Torheit
und eigene Schwächen, weil es klüger war, zu lächeln als zu weinen, wenn
die Dinge einem gar zu sehr weh taten. So ist mir das eine Jahr etwas
nie zu Vergessendes geworden.

Ein Wanderjahr unter den Romantikern des Schienenstrangs ...

                  *       *       *       *       *

So riesenschnell waren das Wachstum und die Entwicklung der ungeheuren
nordamerikanischen Union, daß auf die Periode des pfadsuchenden Reiters
und des rohgezimmerten, von Pferden und Maultieren gezogenen
Wanderkarrens ohne Übergang die Zeit der Eisenbahnen folgte.
Vorwärtspeitschende Notwendigkeit rascher Entwicklung schaltete das
Verkehrsstadium wohlgepflegter Landstraßen einfach aus. So wurden die
Schwachen, die Faulen und die Arbeitslosen auf den Schienenstrang
gedrängt; denn Landstraßen für den landstreichenden Wanderer gab es nur
im Osten, während im Westen die wenigen Wege nicht nur schlecht, sondern
völlig planlos angelegt waren; von Farm zu Farm führend, nach einem
Städtchen vielleicht, so, wie es das augenblickliche Bedürfnis der
nächsten Anwohner erforderte. Den schnurgeraden, den nächsten
Verbindungsweg von Ort zu Ort und den einzigen Weg, der sicher nach
größeren Städten führte, bedeutete damals und bedeutet noch heute die
Eisenbahn -- der Schienenweg. Von Schwelle zu Schwelle, also auf dem
Bahngeleise, schritt der Wanderer auf seinem Vagabundenweg und
marschierte so von Städtchen zu Städtchen, bis er Arbeit fand oder das
Versiegen milder Gaben ihn weitertrieb. Einer von diesen Vagabunden nun
kam einmal, als ein Frachtwagen an ihm vorbeirasselte, auf den
naheliegenden Gedanken, daß es doch viel schöner sein würde, zu fahren
als zu laufen!

Er sah die Türe eines leeren Frachtwagens offenstehen, packte krampfhaft
zu, klammerte sich an, zog sich empor und saß gemütlich im Frachtwagen.
Er lief nicht mehr. Er fuhr!

Dieser kluge Mann war der Urvater eisenbahnfahrenden amerikanischen
Vagabundentums.

Er war der Ahne des amerikanischen Tramps, so, wie er seit fünf
Jahrzehnten ist und noch ein, höchstens zwei Jahrzehnte sein wird. Statt
langweilig und mühsam von Eisenbahnschwelle zu Eisenbahnschwelle
vorwärts zu "trampeln", bediente Mister Tramp sich nunmehr in
Wirklichkeit des Schienenstrangs. Bahnwärterhäuschen und sorgfältige
Streckenüberwachung gab es ja nicht und gibt es nicht auf den ungeheuren
amerikanischen Schienenwegen: erforderten sie doch ein Beamtenmaterial,
das jeden Betrieb unrentabel machen würde. Auf den kleinen Bahnhöfen gab
es nur ein oder zwei Stationsbeamte, die keine Zeit hatten, sich darum
zu kümmern, wer sich auf den Schienen herumtrieb, und selbst in den
großen Städten war es leicht, sich in den Wagenwirrwarr eines
Frachtbahnhofs einzuschleichen. Mister Tramp hatte also gar keine so
schwere Aufgabe. Er trieb sich in aller Gemächlichkeit auf den Bahnhöfen
herum, mit den Beamten Verstecken spielend, suchte sich einen leeren
Frachtwagen aus und kletterte hinein, wenn der Zug sich in Bewegung
setzte. Wurde er entdeckt und auf der nächsten Station vom Zuge gejagt,
so wartete er in philosophischem Gleichmut auf den nächsten Zug.

Nach und nach wurde er waghalsiger und bekam immer mehr Appetit auf
diese wunderschöne billige Eisenbahn, die ihn mit solcher Schnelligkeit
von Staat zu Staat führte. Man sperrte die leeren Frachtwagen zu -- da
kletterte er aufs Dach der Wagen oder ritt auf den Puffern, sich an den
Stangen der Wagenwände festhaltend. Bald warf er ein neidisches Auge auf
Schnellzüge und entdeckte, daß man ja auch mit Schnellzügen fahren
konnte! Man sprang auf den ersten Wagen und war sicher wenigstens bis
zur nächsten Station, eine respektable Strecke gewöhnlich. Entdeckte ihn
wirklich ein Kondukteur und wollte ihn verhaften lassen, so sprang
Mister Tramp noch im Fahren ab und war längst verschwunden, ehe der
einsame Bahnhofpolizist nur begriff, um was es sich handelte.

Die Eisenbahner wehrten sich natürlich. Als intelligente
dollarjagende Amerikaner erpreßten die Bremser der Frachtzüge kleine
Geldkontributionen von den Vagabunden, die sie in ihren Wagen
erwischten; prügelten sogar manchmal, nur, um häufig selbst geprügelt zu
werden. Wurde ein Verbrechen begangen auf einer Bahnstrecke, so folgten
Perioden rücksichtslosen Einschreitens gegen die Eisenbahnvagabunden. So
mancher arme Teufel von Tramp ist von brutalen Eisenbahnern mitten in
sausender Fahrt vom Zug geschleudert worden. Brach er sich den Hals, um
so schlimmer für ihn. Jedenfalls krähte kein Hahn danach. Sehr bald aber
merkten die großen Eisenbahngesellschaften, daß ein scharfes Vorgehen
gegen die Tramps sehr unangenehme Folgen für sie habe -- allerlei
Bahneigentum wurde von den schlimmen Elementen unter den Wanderern,
rachsüchtigen Gesellen, zerstört, ja, sogar Züge gefährdet. Schließlich
sagten sich die Gesellschaften, daß es besser sei, ein Auge zuzudrücken,
als sich einen Haufen wertvoller neuer Schwellen nach dem andern von
gereizten Wanderern anzünden zu lassen. Ein System halber Duldung setzte
ein, das noch heute regiert. Eine Duldung, die manchmal gewisser Komik
nicht entbehrt. So ist es in vielen Städten des Westens zur Gewohnheit
geworden, einen bettelnden Tramp, der die braven Bürger belästigt, auf
keinen Fall einzusperren und mehr oder weniger lange Zeit auf
Gemeindekosten durchzufüttern. Oh nein! Mister Sheriff nimmt Mister
Tramp beim Wickel, führt ihn auf Umwegen nach dem Frachtbahnhof und
zwingt ihn mit vorgehaltenem Revolver, sich mit dem nächsten Frachtzug
aus dem Staube zu machen. So ist das Städtchen Mister Tramp los -- und
die anderen Städtchen mögen auf sich selber aufpassen.

Das Wanderleben in den Vereinigten Staaten ist einzig in seiner Art.

Auf den Schienensträngen des ungeheuren Landes jagt eine Armee von
Vagabunden dahin, Tausende von Männern, deren Zahl mit den
wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes steigt und fällt, um ins
Ungeheure anzuschwellen in arbeitslosen Krisenzeiten. In ihrer
Zusammensetzung ist diese Armee unendlich verschieden, -- so
verschieden, daß eine Welt von Denken und Art zwei Männer trennen mag,
die im gleichen Frachtwagen hocken. In diesen Unterschieden steckt eine
Romantik, die selbst in den Vereinigten Staaten nur wenige Leute auch
nur ahnen. Der Volkswirtschaftler, der sich mit dem Trampunwesen befaßt,
muß ja notwendigerweise verallgemeinern und seine Beobachtung
ausschließlich der sozialen Seite zuwenden. Die Romantik wird ihm
entgehen.

Das harmloseste und in seinen Motiven am leichtesten zu durchschauende
Individuum in der amerikanischen Vagabundenarmee ist der Arbeitslose,
den harte Zeiten und Arbeitsmangel aus einer Stadt wegtreiben, um
anderwärts sein Glück zu versuchen. Mag er nun noch Sparpfennige in der
Tasche haben oder schon mittellos und abgerissen sein -- er ist niemals
ein Vagabund im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern bleibt stets der
Arbeiter, dem das Wandern, die Eisenbahn also, nur Mittel zu dem Zweck
ist, ihn rasch neuen Arbeitsgelegenheiten zuzuführen.

Mit dem Tramp, dem eigentlichen amerikanischen Vagabunden, hat er nichts
gemein. Denn der wirkliche Tramp ist ein arbeitsscheuer Geselle. Der
Amerikaner, der ein scharfes Auge besonders für diejenigen menschlichen
Schwächen hat, die seiner unruhigen, rastlosen, arbeitsfreudigen Art
unsympatisch sind, hat das Wesen des Tramps richtig erkannt, wenn er ihn
spottend "_Weary Willy_" und "_Tired Jack_" nennt -- "den müden Willy"
-- "den todmüden Jack"! Unter ihnen sind Menschen, denen die grausame
Härte des Arbeitsmarkts so mitgespielt hat, daß sie nicht mehr wollen,
vielleicht nicht mehr können; Kranke und körperlich Schwache, deren
Arbeitswert gering ist; Schwächlinge, die sich vor den Mühen des Lebens
und der Härte körperlicher Arbeit so fürchten, daß sie lieber ein
erbärmliches, bettelndes Jammerleben führen, als sich in die Arbeit des
Tages hineinzuwagen -- Schwache und Arme, Schwächlinge und Untüchtige,
den Anforderungen der Zeiten nicht gewachsen. Ihr Los ist hart. Viel
härter als härteste Arbeit. So gutmütig der Durchschnittsamerikaner ist,
so wenig Verständnis hat er in seinem praktischen Denken für das
merkwürdige Verlangen eines Menschen, essen zu wollen, ohne zu arbeiten.
Eine brave Farmersfrau mag sich durch die wehleidige Geschichte eines
Tramps rühren lassen und ihm eine Mahlzeit geben; wenn aber ihr Mann
dazukommt, so wird er Mister Tramp zärtlich ein Beil in die Hand geben
und ihn liebevoll zu dem Holzhaufen im Hof führen: So, mein Junge,
arbeite erst einmal ein bißchen! Der europäische Handwerksbursche, der
von Haus zu Haus Kupferstücke einheimst, würde sich baß wundern im
Yankeeland, so artverwandt Mr. Tramp und er sich auch sein mögen. Nur
ist Mr. Tramp eine besonders groteske Figur. Sein eigenartiges
Eisenbahnleben ist höchst ruinös für Kleider. Neue Kleider kann er sich
nicht kaufen. So wird er äußerlich zur grotesken Verzerrung eines
Menschen. Aus den Stiefeln gucken die Zehen hervor. Die zerfetzten Hosen
mit den vielen Flecken hält ein Strick um den Leib. Der Rock, schwer
malträtiert von Regen und Sonnenschein und Kohlenstaub, schimmert und
glänzt in allen nur möglichen dunklen Farbentönen; der zerknüllte Hut
trägt unfreiwillige Komik in sich. Im Gesicht wochenalte Bartstoppeln.
Und um die Schultern geschlungen an dicker Schnur trägt Mister Tramp
sein eigentliches Wahrzeichen -- die alte Konservenbüchse, die er
notwendig braucht, um seinen Kaffee zu kochen oder die Kartoffeln zu
sieden, die in höchster Not aus Farmerfeldern in seine Tasche
wandern ...

Doch außer den Arbeitsuchenden und bettelnden Tramps gibt es, zum
geringen Bruchteil freilich, noch ein anderes Element in der
amerikanischen Armee der Wanderer; Menschen, so grotesk, so grandios in
der Großzügigkeit ihres Zigeunertums, so eigenartig, daß sie eine Art
Rätsel modernen amerikanischen Lebens darstellen. Romantiker des
Schienenstrangs möchte ich sie nennen, die Menschen unter denen und mit
denen ich ein Jahr gelebt. Ihr Leben ist nackte Romantik, eine Romantik,
die sich auf den Schienensträngen abspielt.

Keine Schwäche, kein Geschlagensein im Kampfe des Lebens treibt sie zum
Wandern, sondern nur ihr eigener abenteuerlicher Wille, eine dumpfe
Sehnsucht nach einem Leben, das außerhalb des Herkömmlichen, des
Durchschnittlichen liegt. Sie tragen anständige Kleider und sie lassen
sich nichts schenken. Sie betteln nicht.

So gehen die Romantiker des Schienenstrangs dahin von Osten nach Westen,
von Süden nach Norden, über ungeheure Flächen. Sie halten es nicht lange
aus an einem Ort. Sobald ihnen Geld in der Tasche klimpert, kommt eine
unbeschreibliche Unruhe über sie, mag die Arbeit noch so lohnend, mögen
ihre Lebensbedingungen noch so angenehm sein. Ein Plakat, eine
Zeitungsnotiz gibt den äußeren Anstoß -- die Schönheiten Kaliforniens
werden beschrieben oder irgend etwas Interessantes über Arizona
gemeldet. Da packt den modernen Zigeuner die tolle Laune. Er, der
vielleicht in Chicago oder in Denver ist, muß sofort, augenblicklich,
ohne Zeitverlust nach Kalifornien oder nach Arizona! Es peitscht ihn
vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt. Er hat nicht das geringste in
Kalifornien oder in Arizona zu suchen; in Wirklichkeit sind ihm auch
beide Staaten mehr als gleichgültig. Wahrscheinlich kehrt er sofort
wieder um. Dumpfe Sehnsucht ist es in Wahrheit, die ihn treibt, ein
übermächtiger Wandertrieb, der zwar ein Ziel haben muß, auf daß die fixe
Idee vollständig sei, dem das Ziel an und für sich jedoch ein Nichts
bedeutet!

Ich will so schnell als möglich nach Kalifornien! Ich muß schleunigst
nach Arizona!!

Ein Mann mit einem Ziel, dem nichts etwas gilt als dieses Ziel! Er ißt
nur einmal im Tag, hungert oft, friert, schläft kaum -- vorwärts, nur
vorwärts. Er erträgt unerhörte Beschwerden, riskiert hundertmal sein
Leben -- immer vorwärts. Auf den Plattformen der Postwagen eilt er
seinem Ziel zu, vorne auf dem Piloten der Lokomotive, er besteigt
gelegentlich, wenn es gar nicht anders geht, einen Frachtzug (den er
verachtet!), fährt mit dem Expreß, sich eng an das gewölbte Wagendach
eines Pullmannwaggons andrückend, in jeder Sekunde in schwerer Gefahr,
hinabgeschleudert zu werden. Nur vorwärts! Ich habe Männer gekannt, die
sich, wenn jede andere Fahrtmöglichkeit versagte, ein Brettchen über die
beiden dünnen Eisenstangen legten, die zwischen den Axen eines
Pullmannwagens angebracht sind, sich auf dieses Brett hinkauerten und so
lange Strecken ~unter~ dem Waggon fuhren! Jedes Mittel ist ihm recht, aber
immer vorwärts. Entdeckt ihn ein Kondukteur vorne auf der Plattform, so
klettert er hinten auf ein Waggondach! Sein Hirn arbeitet fortwährend an
dem Erfinden neuer Tricks zu raschem Fahren; jeder Muskel seines Körpers
ist wochenlang auf das Unerhörteste angestrengt. Etwas Poetisches liegt
in dieser merkwürdigen Sehnsucht, über weite Räume zu ziehen, etwas
Urmenschliches, etwas unbeschreiblich Abenteuerliches. Eine Mischung von
Vagabundentum und Energie, von geheimnisvollen Sehnsuchtstrieben und
nüchterner Kraft.

Er ist in Kalifornien, in Arizona. Dann wieder Arbeit. Dann wieder neue
Hetzjagd nach neuem Ziel!

Bodenloser Leichtsinn liegt über solch unsteten Leben, und doch wieder
auch romantischer Zauber; lockend, verführend. Vor zwei Jahren ungefähr
las ich im Londoner "Daily Telegraph" eine aus amerikanischen Zeitungen
übernommene Meldung, Theodore Roosevelt -- damals war er Präsident und
auf einer Jagdfahrt im Westen -- habe von Denver aus nach Westen auf
einem Spezialzug eine Fahrt von über hundert Meilen auf dem Kuhfänger,
dem Piloten der Lokomotive, gemacht. Er sei voller Begeisterung gewesen
über die lustige Fahrt mit ihren Eindrücken freien Dahinschwebens in den
Raum hinein! Wie hab' ich mich damals amüsiert (Teddy hatte doch immer
etwas übrig für brausendes Leben!); denn -- über genau die gleiche
Strecke war auch ich gefahren. In genau der gleichen Weise, auf dem
Kuhfänger! Allerdings nicht auf einem Spezialzug, sondern in höchst
notwendiger Verborgenheit.

In das lustige Erinnern aber mischte sich rückhaltslose Bewunderung für
den merkwürdigen Mann des tätigen Lebens, der unter den ungeheuren
Aufgaben seiner gewaltigen Stellung sich die Lebensneugierde und die
Spannkraft bewahrt hatte, ein tollkühnes Vagabundenstücklein zu wagen.
Tollkühn! Denn wer auf dem Piloten eines in voller Geschwindigkeit
dahinbrausenden Zuges fährt, dicht über den Schienen, setzt auf jedem
Meter Strecke sein Leben ein. Ein Häschen, über die Schienen rennend,
erfaßt von dem weit hinabreichenden Rahmenwerk und mit ungeheurer Wucht
emporgeschleudert, wird den Leichtsinnigen betäuben, ihn hinabwerfen;
ein vom Piloten gepacktes Steinchen kann ihm den Schädel zerschmettern.
Es steckt etwas vom Romantiker in Theodore Roosevelt, Soldat,
Expräsident, Jäger, Schriftsteller, Philosoph, Politiker. Ein
D'Artagnan in der Hülle des Staatsmannes!

Wer sich phantastischer Wanderlust so hingibt, wer bloßem
Sehnsuchtstrieb so viel Kraft und so viel Zähigkeit widmet -- in dem
Mann stecken Möglichkeiten, wenn er auch ehrbarer Bürgerlichkeit als
Inbegriff leichtsinniger Tollheit erscheinen mag. Als Episode muß man
das Leben dieser Männer auffassen! Ein kleiner äußerlicher Anstoß lenkt
oft ihre Kraft in geordnete Bahnen. Oder ein großes Erlebnis -- das
Weib, das in dem Männertum ihrer tollen Jugend so gar keine Rolle
spielte. So lange sie aber ihr Leben führen, sind sie Abenteurer _de
pure sang_. Grundverschieden einer von dem andern. Neben dem
arbeitsfäustigen Brausekopf wandert der Gebildete mit dem
disziplinierten Hirn, neben gedankenlosen Gesunden verbissene
Neurastheniker; Abenteurer aber sind sie alle. Sie lauschen auf alles,
was nach Abenteuermöglichkeit aussieht. Sie kennen sich untereinander,
sie sehen, sie hören, sie erwerben sich Freunde hier und dort. Die
Amerikaner, die in den südamerikanischen Revolutionen eine so große
Rolle spielen, rekrutieren sich aus den Romantikern des Schienenstrangs.
Der große Abenteurer, der Glückssoldat, der seinen Degen dem Dienst
südamerikanischen Goldes verkauft, kennt seine Leute. Er darf nur in New
Orleans oder in Galveston einem alten Freund vom Schienenstrang ein
Wörtchen zuflüstern, und in drei Wochen hat er seine Leute. Wie der
Blitz verbreitet sich die Neuigkeit, ohne daß eine Silbe zu den Ohren
von Menschen dringt, die plaudern würden.

Ich hab' oft in drei, vier Sätzen -- denn diese Menschen sind schweigsam
-- von Dingen erzählen hören, die mich ungläubig aufhorchen ließen. Der
eine kannte Kuba wie seine Tasche und grinste über das schlechte
Schießen der Insurgenten; der andere erwähnte so nebenbei, er möchte
wieder einmal nach Haiti; der dritte hatte große Eile, nach San
Franzisko zu kommen, weil er »dort einen Mann kenne, der vielleicht ein
bißchen Geld in eine Goldsucherfahrt stecken würde«. Unrast haust in
jedem von ihnen. Aus dem einen wird ein Führer von Arbeitern am
Panamakanal, ein Amt, zu dem man harte Abenteurernaturen braucht; der
andere stirbt als Glückssoldat, irgendwo in Südamerika erschossen;
wieder ein anderer tritt in den Dienst des Waffenschmuggels, der von
Amerika aus sich überallhin in die Welt erstreckt, wo rebellierende
Minoritäten kämpfen. Ich deute hier nur an -- denn die geheimnisvollen
Unterströmungen modernen Abenteurertums lassen sich nicht verfolgen. Ich
weiß, daß man mir den Vorwurf der Übertreibung machen wird. Ich möchte
aber eine Tatsache erwähnen, die dem Zeitungsleser nicht fremd, dem Mann
mit internationalen Beziehungen wohlbekannt ist:

In jedem modernen Krieg spielen Abenteurer aus den Vereinigten Staaten
eine große Rolle, zum mindesten in den "exotischen" Kriegen. Die
Munitionszufuhr der Buren wurde von amerikanischen Männern und von
amerikanischen Maultieren besorgt. In ihren Reihen kämpften als
Offiziere und Soldaten Abenteurer aus aller Herren Ländern, die -- aber
fast alle auch Englisch sprachen, und zwar amerikanisches Englisch. Im
russisch-japanischen Krieg lag der Betrieb der Blockadebrecher, die Port
Arthur mit Kriegsmaterial versorgten, zum großen Teil in amerikanischen
Händen. Erst ganz kürzlich las ich im "Berliner Tageblatt" die
lakonische Drahtmeldung: »In Guatemala rücken die Revolutionäre, von
Amerikanern geführt, gegen die Hauptstadt vor.«

Die Unterstützung der mexikanischen Insurgenten durch amerikanische
Abenteurer ist ja wohlbekannt.

Das sind Möglichkeiten dieses modernen Romantikertums, die ich erwähnen
muß, weil sie eine Phase verborgenen Lebens unserer Zeit scharf
beleuchten -- aber sie dürfen nicht verallgemeinert, sie müssen als
Andeutungen aufgefaßt werden, als Anregung vielleicht für die wenigen
Wissenden, ihr Scherflein dazu beizutragen, dieses Leben zu schildern.

Und die Romantiker des Schienenstrangs müssen sterben. Zehn Jahre mag es
noch dauern, zwanzig vielleicht. Dann sind die Schienenstränge des
Riesenlandes unter dem Sternenbanner bewacht und abgesperrt wie im alten
Europa, und der Wanderer aus Passion wird ein Ding der Vergangenheit
sein. Übrig bleiben wird nur der landstraßenwandelnde, bettelnde Tramp
und das Heer der Arbeitslosen. Der Abenteurer muß sterben, wenn die
großen Massen vordringen, die mit sich Ordnung und System bringen. Das
ist gut so. Und doch -- man möchte träumend in die Zukunft schauen
können. Was wird aus dem Grand Seigneur glorreichen, freien
Vorwärtsstürmens? Spürt ihr kein Verwandtsein mit meinem törichten,
rastlos dahinjagenden Idealisten, ihr Menschen im Zeitalter des
Fliegens? Ihr, die ihr selbst hastend und hetzend lebt! Nur seid ihr,
nein, sind wir -- denn jene Zeiten gehören vergangener Jugend -- klug
und weise, denn wir schaffen Werte im Dahinjagen, und meine Freunde vom
Schienenstrang schufen sich nichts als Augenblicksrausch. Sie waren
Träumer, wenn sie es auch nicht wußten. Man muß sie lieb haben im
Erinnern; um der Sehnsucht willen, die in ihnen lebte ...

                  *       *       *       *       *

In Arizona war es.

Der Schnellzug hielt im Morgengrauen, wenige Sekunden lang, an einer
winzig kleinen Station. Billy sprang ab und rannte auf das Wasserfaß zu.
Natürlich folgten wir ihm. Und da brauste der Zug auch schon weiter.

»Was hast du denn?« fragte Joe empört. »Jetzt ist der verdammte Zug
glücklich weg. Hat uns ja kein Mensch gesehen -- hätten ruhig
weiterfahren können!«

»Sei still!« lächelte Billy und kauerte sich am Wasserfaß nieder.
»Kinder, vor allem müssen wir feststellen, wieviel Geld wir noch haben.
Gebt einmal euer Geld her.« Er zählte. »-- 42 Dollars. Nun hört einmal
zu: dieser sonnige Arizonasand hat Schönheiten, von denen ihr nichts
ahnt; es ist ein stilles Fleckchen Welt, in dem man wieder einmal
spielen und lachen kann. Hier wollen wir ein wenig bleiben!«

»Grandioser alter Gedanke!« murmelte Joe.

Ich aber wunderte mich nur. Die Hetzfahrt durch die vier Staaten hatte
mich schon gelehrt, zu staunen, ohne viel zu fragen. Bald nach
Sonnenaufgang gingen wir hinüber zu dem winzig kleinen Stationshäuschen,
traten in das Zimmer des Agenten, und Billy setzte mit einer absoluten
Wahrhaftigkeit, die unter den Umständen fast komisch war, dem Mann
auseinander, was er wollte. Der war fast sprachlos vor Erstaunen.

»Hier bleiben wollt ihr?...« stotterte er endlich. »In diesem
verdammten Sandloch?«

Billy erklärte ihm noch einmal, daß wir durchaus keine Tramps, sondern
nur unruhige Gesellen seien, die zwar kein Geld für so törichte Dinge
wie Fahrkarten ausgäben, aber sonst alles bar bezahlten -- »Weiß schon,
verstehe schon!« brummte der Agent -- und daß wir einige Wochen lang
ein billiges Leben führen wollten.

»Sommerfrische! Verstehen Sie denn nicht?« lachte Billy.

»Die verrückteste Idee, die mir in meinem Leben vorgekommen ist,«
meinte der Agent grinsend. »Aber es geht. Es geht wirklich!«

Und es ging. Mrs. Jack Parker, eine rundliche Witwe, der das größte der
vierzehn hölzernen Häuser der Station gehörte, übernahm gegen eine bare
Vorausbezahlung von fünfundzwanzig Dollars gerne die Verpflichtung, uns
drei Männer zwanzig Tage lang zu behausen und zu beköstigen. Es war
spottbillig. Nun konnte ich mich aber nicht mehr halten:

»Dies ist ein Märchen!« sagte ich zu Billy.

»Ist es auch,« jubelte er und seine Augen leuchteten. »Sollen auch
zwanzig Märchentage sein -- gerade so unwahrscheinlich und gerade so
schön wie ein wirkliches Märchen. Hm -- Unsinn. Welch' ein Kind Sie doch
sind! Billige Tage billiger Beschaulichkeit sind es -- weiter nichts!«
Und er lachte lustig ...

"Lucky Water" hieß die Station -- Glückswasser. Sie und die vierzehn
Häuschen hinter ihr verdankten ihr Dasein dem ungeheuer tiefen
artesischen Brunnen neben dem Stationshäuschen, den einst die Santa Fé
hatte bohren lassen müssen, weil die Strecke zwischen den beiden
nächsten Stationen zu lang war, als daß die Lokomotiven sie ohne Wasser
hätten durchmessen können. So reichlich Wasser spendete der Brunnen, daß
es möglich gewesen war, eine einfache Bewässerungsanlage herzustellen
und mitten im Sand Gemüse zu bauen und Vieh zu züchten. So waren die
vierzehn Häuschen entstanden. Und jeden Abend nahm der Eilfrachtzug die
Gemüsekörbe und die Milchkannen mit nach der nächsten großen Stadt. Es
waren einfache Menschen, die Leute von Lucky Water, die uns
wahrscheinlich für ein bißchen verrückt, aber doch harmlos hielten.

In meinem Leben vergess' ich Lucky Water nicht!

Von den Rändern seines grünen Gartenflecks dehnte sich weit und breit
trostloser Sand, und gegen Norden schimmerten stahlblaue Felsenmassen.
Glühend brannte tagaus, tagein die Sonne nieder aus tiefblauem Himmel,
an dem nie ein Wölkchen zu sehen war. Die trocken heiße Luft war von
unbeschreiblicher Klarheit und Durchsichtigkeit. Weit entfernte
Gegenstände schienen zum Greifen nahe. Und Sand, überall Sand; bald
glänzend weiß, bald tiefbraun. In einzelnen Fleckchen wuchs zähes
rostbraunes Gras, und überall wucherten, kaum aus dem Sand hervorlugend,
winzigkleine Kakteen mit eisenharten Dornen. Das war unser Spielplatz.
Wie Kinder gebärdeten wir drei Männer uns. Viele Stunden lang lagen wir
oft im heißen Sand und rauchten und schwatzten. Der sonst so schweigsame
Billy konnte ganze Nachmittage hindurch mit wahrer Wollust die
absurdesten Pläne ersinnen und sie uns begeistert auseinandersetzen:

Hetzfahrt nach San Franzisko! Dann sollten wir drei ein billiges
Zimmerchen mieten und arbeiten wie besessen. Irgend etwas -- Und sparen
wie Russel Sage! (Das war ein berüchtigt geiziger New Yorker Milliardär,
der einmal erklärte, es sei eine Sünde, mehr als einen Dollar bares Geld
bei sich zu tragen. In der Bank verdiene das Geld doch Zinsen!) Jeder
Narr könne Geld sparen, wenn er das Sparenwollen zur fixen Idee mache,
behauptete Billy. Und wenn wir Geld hätten, würden wir uns als
Kohlenzieher nach Honolulu verdingen, dort arbeiten und die Sprache der
Südsee lernen. Dann kaufen und verkaufen und im Kleinen importieren und
reich werden ... Oder: Über Galveston nach New Orleans, nach Mobile und
so weiter nach Florida. Von dort aus sich den kubanischen Insurgenten
angeschlossen. Denn ein amerikanischer Revolver mit einem Amerikaner
dahinter sei überall sein Gewicht in Diamanten wert -- --

»Aber das ist ja blinkeblanker Unsinn!!« so schlossen immer Billys
lange Reden. »Augenblicklich ist die Welt wunderschön und das genügt.
Wenn wir einmal übrige Zeit haben, können wir ja gelegentlich auch reich
werden --!«

Wettrennen liefen wir über den heißen Sand hin. Kein Tag verging ohne
Boxen, in dem Billy ein Meister war. In der Wüste von Lucky Water lernte
ich es, mich mit harten Fäusten zu wehren, in Geschicklichkeit und Ruhe,
die allemal über brutale Kraft triumphiert. Ich verspürte den Hieb von
unten auf das Kinn, der auch den stärksten Mann bewußtlos hinschleudert;
den Schlag auf die Herzgrube, der den Getroffenen nach Luft schnappend
hinsinken läßt. Wir zerhämmerten uns gegenseitig, bis jeder Fleck am
Oberkörper brannte wie Feuer -- und waren glückselig dabei.

Dann die Abende des Schweigens draußen im Sand! Wenn im Westen der
Feuerball in roter Glut in das Land eintauchte, blieb auf Sekunden der
Himmel tiefblau. Dann kam das Farbenmärchen. Ein greller Purpurstreifen
leuchtete tief unten am Horizont, funkelnd grün an den Rändern, mit
goldenen Strahlen an den Seiten, bis in unmerklichem Wechsel dunkles
Violett aus dem Purpur wurde und fahles Grün weithin über den Himmel
kroch und mit den blauen Tönen verschwand und das Violett aufsaugte. Und
dann, schnell wie ein Blitzschlag, tiefstes Dunkel. Schwarzblaue
Schattenmassen, in denen es fein, ganz fein aufglitzerte. Immer
deutlicher wurden die Lichtpünktchen, und ehe man sich's versah, flammte
es da droben in der abgründig blauen Unendlichkeit von Millionen
strahlend weißer Schönheiten -- in einem Zittern, einem Tanzen, einem
Flimmern, als müßte im nächsten Augenblick ein ungeheurer Sprühregen
weißen Lichts herabsinken auf die Erde.

Und stundenlang hab' ich oft in den Mond gestarrt; zu meiner Frau im
Mond, von der ich um alles in der Welt den beiden andern nichts gesagt
hätte. Meine Frau im Mond! Ganz unten am rechten Rand der Lichtscheibe
war in blendender Weiße der Büstenansatz und der schlanke Hals, aus dem
in feinen Schatten das Köpfchen emporwuchs mit massigem, tiefdunklem
Haar. Weit lehnte sich das Weib zurück, als starre es in die
Sternenpracht hinein. Über den Lippen bildeten helle und dunkle
Mondflecken in undeutlichen Umrissen einen Männerkopf, zum Küssen sich
niederneigend.

Traum über Traum kam, ein Luftschloß nach dem andern stieg empor und
zerfloß in sehnsüchtigem Grübeln. Mein nur waren die Luftschlösser, wie
es sein muß in den Träumen der Jugend. Wie leicht war es doch, sich
Macht und Reichtum und Schönheit herunterzuholen aus den Sternen und in
die Heimat zurückzukehren: Da bin ich -- ich! Und Gold ausstreuen, und
den bunten Rock des Offiziers anziehen, der von frühester Kindheit an
mir den Lebenstraum bedeutet hatte. So lebten sie glücklich immerdar --
sie beide -- denn in die Träume gaukelte das Bild der alten Herzogsburg,
und der Glückspilz von Träumer wandelte Hand in Hand mit dem Mädel in
unbeschreibliche Seligkeiten hinein ...

»Sie können uns gebrauchen!« lächelte Billy so ganz nebenbei am Morgen
des letzten Tages. »Mister Agent war so liebenswürdig, zu
telegraphieren!«

»Wer kann uns brauchen?« sagte Joe erschrocken.

»Die Reparatursektion der Santa Fé sechzig Meilen westlich. Hast du die
Frachtzüge mit den neuen Eisenbahnschwellen nicht bemerkt, die in den
letzten Tagen hier durchkamen?«

»Eisenbahnarbeit?« stöhnte Joe. »Ach du meine selige Tante Jemima!
Billy -- das is' -- -- nee, Billy das is' gräßlich.«

»Arbeiten müssen wir, mein Sohn, und wenn du im südlichen Arizona
andere Arbeit findest, bist du klüger als ich. Also weine nicht!«

»Pfui Deibel!« sagte Joe aus gequältem Herzen. »Pfui -- Deibel --!!«

Billy lächelte.

»_Well_,« meinte er, vergnügt blinzelnd, »das ist so etwas wie
wunderschön poetische Gerechtigkeit, mein Sohn. Sonst haben wir die
Eisenbahn -- nun hat die Eisenbahn uns!«



Wie das Wandern endete.

     Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific. -- Als
     Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boss_«. -- Von Kindern
     Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hände in die Höhe!
     -- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die braven Spitzbuben von
     El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit. -- Von den Schüttelfrösten der
     Malaria. -- Krank und einsam. -- Nach St. Louis. -- Ein ganzer
     Mann.


Dicht neben dem Schienenstrang, viele Meilen weit von den beiden
nächsten Stationen entfernt, stand ein schmuckloses hölzernes Haus mit
vielen kleinen Fensterchen, über dessen Türe in schwarzen Buchstaben die
Inschrift stand: Sektion 423, Southern Pazific. Der Zug hielt einen
Augenblick lang, und wir sprangen ab. Ein vierschrötiger Mann in blauen
Arbeitskleidern, mit respektablem Bäuchlein und wirren feuerroten
Haaren, trat aus der Türe und sah uns prüfend an.

»Die drei von Lucky Water?« fragte er. »Versteht ihr 'was von der
Arbeit?«

»Halt' den Mund!« raunte Billy mir zu. Dann gab er Antwort:

»Oh ja!«

»Ist mir verflucht angenehm,« brummte der Feuerrote. »Wie heißt
ihr?«

»Billy Smith, Joe Donovan, Ed Müller.«

»Amerikaner?«

»Wir beide, ja. Unser Freund hier ist Deutscher.«

»So? Das macht nichts aus. Nun kommt herein zum Essen. Die
Arbeitsbedingungen kennt ihr ja. Einen Dollar siebzig im Tag, glatt,
Essen und Wohnen schon abgezogen. Arbeitszeit mindestens 31 Tage. Wer
vorher geht, bekommt kein Geld. _Come in!_«

Beim Hineingehen sagte er: »Ein Segen, daß man mit euch wenigstens
christliches Englisch reden kann, _begorra_!« (Er war offenbar ein
Irländer.) »Die andern sin' Italiener, hol' sie der Kuckuck, und wenn
ich was sag', grinsen sie. Mit den Nasen muß ich sie auf die Arbeit
stoßen, bis sie kapieren, was getan werden soll. Mit den Händen muß ich
reden wie ein gesegneter Indianer -- hol's der Teufel! Wozu braucht
eigentlich dies Land schnatternde Söhne von affenbesitzenden
Orgeldrehern? Das möcht' ich wissen! _Well_, kommt nur herein!«

An dem langen, wachstuchbedeckten Tisch in der Stube saßen, eifrig
kauend, sieben italienische Bahnarbeiter, die uns alle miteinander ihr
"_parla italiano_?" entgegenschrien und enttäuscht aussahen, als wir die
Köpfe schüttelten. Eine dicke Frau mit einem lustigen Gesicht trug das
Abendessen auf, und wir griffen zu. Ich wunderte mich über die
Reichhaltigkeit der Speisen. Es gab gebratenes Fleisch und gebackene
Kartoffeln. Dazu Tomaten. Dann wurden ausgezeichnete kleine Pfannkuchen
gebracht, Platten mit wahren Bergen davon, und endlich Apfelkuchen.
Teller mit Speck, schneeweißes Brot, Flaschen mit allerlei Saucen
standen auf dem Tisch.

»Haben Sie "_overalls_"?« fragte Billy den Feuerroten nach dem Essen.
»Wir möchten unsere Kleider schonen.«

»Jawohl,« meinte er. »Das nenn' ich christlich. Die Italiener sin'
nich' so sauber. Könnt' ihr haben. Wäsche auch.«

Er fischte aus einer Truhe die blauen Arbeitshosen hervor, sackartige
Affären, in die man hineinkletterte und sie sich über den Schultern
zuknöpfte; Flanellhemden und derbe Wäsche. Dann kauften wir uns noch
Tabak und bezahlten zu seinem großen Staunen bar, statt uns den Betrag
später abziehen zu lassen. Dann ging's ins Bett. Einer der beiden
Schlafräume war von den Italienern voll besetzt, so daß wir im Nebenraum
allein schliefen. Saubere eiserne Feldbetten standen da, frisch
überzogen, und in der Ecke war einfaches Waschgeschirr, aber ebenso
sauber.

»Die Arbeit ist schwer,« erklärte Billy, »so schwer und
verhältnismäßig so schlecht bezahlt, daß sich Amerikaner nur selten und
dann nur kurze Zeit dafür hergeben. In den _sections_ gibt's fast nur
Italiener. Aber die Lebensbedingungen sind gut.«

Im Dämmergrauen am nächsten Morgen wurde gefrühstückt, eine sehr solide
Mahlzeit, und kurz nach Sonnenaufgang ging's hinaus auf den
Schienenstrang zur Arbeit. Auf _handcars_. Das sind Draisinen
einfachster Konstruktion, deren Räder genau auf die Geleise passen, mit
Pumpgriffen versehen wie eine Feuerwehrspritze. Durch das Auf- und
Niederdrücken der Handgriffe überträgt sich die Kraft auf die Axen. Wir
"pumpten" uns mit Eilzugsgeschwindigkeit vorwärts bis zum Arbeitsplatz
des Tages. Dort lagen riesige Haufen von weißglänzenden neuen
Eichenschwellen, die gegen die alten ausgewechselt werden mußten. Die
Arbeit war bitterhart, denn es mußte im Eiltempo gearbeitet werden. Der
Amerikaner duldet kein Zeitvertrödeln. Mit Stahlhammer und Stemmeisen
wurden die schweren Klammern herausgeschlagen und dann die alten
verfaulten Schwellen unter den Schienen hervorgezerrt. Die neuen
Schwellen mußten eingeschoben, niedergeklammert (ich lernte es schnell,
den riesigen Hammer zu führen) und in den Kies des Schienenbetts
eingestampft werden. "Tamponieren" hieß der Fachausdruck dafür. Mit
langen eisernen Stangen, deren Ende schräg abgestumpft war, wurde unter
die Schwellen hineingestoßen, bis Schwellen und Untergrund eine feste
Masse waren. Auf dem "_boss_", dem Herrn, dem Vorarbeiter, ruhte
gewaltige Verantwortlichkeit, denn es mußte nach der Wasserwage
gearbeitet werden, damit die Schienen völlig horizontal blieben, und an
Kurven mit der erhöhten Außenschiene war sogar eine recht schwierige
Kalkulation erforderlich. In Deutschland hätte ein Ingenieur solche
Arbeit geleistet. Hier tat's ein alter Irländer, der kaum lesen und
schreiben konnte. Ein Praktiker, unter dessen Aufsicht vierzig Meilen
Schienenstrang standen, für dessen Beschaffenheit er und nur er allein
verantwortlich war. Er mußte dafür sorgen, daß nicht verfaulte Schwellen
das Geleise unsicher machten, er wechselte Schienen aus, er grub
raffinierte Abzugskanäle, wenn Grundwasser den Bahndamm bedrohte, er
patroullierte mit seiner Handvoll Leute täglich die Riesenstrecke, über
die er herrschte. Die Eisenbahngesellschaft machte den simplen Praktikus
zum Selbstherrscher und holte so die denkbarste Höchstleistung aus ihm
heraus. Sie zwang ihn zu denken! Zu organisieren! Und so leistete er
weit mehr, als wenn er in bureaukratischem Befohlenwerden und Gehorchen
gleichgültig sein Tagewerk getan hätte. Dafür bezahlte ihn die Bahn gut
und ließ ihn an der Beköstigung seiner Arbeiter Geld verdienen.

Von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang wurde gearbeitet, mit einer
kurzen Pause dazwischen, in der das mitgebrachte Lunch verzehrt wurde.
Jeder Muskel am Körper schmerzte. Der Rücken wollte mir beinahe brechen
vor lauter Hämmern und Stoßen und Schaufeln. Aber ich arbeitete darauf
los -- aus Leibeskräften. Denn ich wollte hinter keinem zurückstehen.
Und ich begriff bald den Zweck der Arbeit, ihre Feinheiten. Selbst
gröbste Arbeit hat ja ihre Tricks.

»Das is' christlich!« sagte O'Flanagan, der _boss_, als wir abends
müde und zerschlagen auf die Draisinen stiegen. »Billy ist extraprima,
Joe is gut un' der Deutsche wird noch gut. Das is mir verdammt angenehm.
Weg von den Handgriffen, ihr drei! Pumpen sollen nur die Italiener; bin
froh genug, daß 'mal gesegnete Christen da sin', denen man eine
Wasserwage und einen Maßstab in die Pfoten geben kann!«

So wurde die abendliche Patrouille, die sich jedesmal über mindestens
zwanzig Meilen erstreckte, für uns zu einer Spazierfahrt. Unsere
Bevorzugung führte natürlich zu Händeln, bei denen es im italienischen
Lager prachtvolle blaue Flecken um die Augengegend gab. Das mag sehr roh
gewesen sein -- aber es war sehr schön!

Man arbeitete, man aß, man kroch früh am Abend todmüde ins Bett. Ein Tag
war wie der andere. Nur an den Sonntagen schlief man bis in den hellen
Tag hinein und las am Nachmittag die Zeitungen der Woche. Es dauerte
nicht lange, so wurden meine Hände schwielig und meine Muskeln
eisenhart. Aber ich versäumte an keinem Abend die Handeinreibung mit
Glyzerin und die sorgfältige Nagelpflege, die Billy mir mit wahrem
Fanatismus vormachte. Man müsse Hände und Finger gut behandeln, wenn sie
nicht ewig die Schaufel führen sollten, pflegte er zu sagen. Ein
diszipliniertes Hirn sorge unter allen Umständen für ein diszipliniertes
Äußere! Billy war weise.

Vierzig Tage waren vergangen, als der Extrazug mit dem Zahlmeister kam,
der die Sektionen des Bahnsystems ablohnte, und wir bekamen unser Geld.
O'Flanagan richtete es so ein, daß die Patrouillenfahrt an jenem Abend
uns bis zur nächsten westlichen Station brachte.

»Adieu, Jungens,« sagte er, »seid christlich gewesen! Wär' mir
lieber, ihr würdet noch bleiben. Kann's euch aber nicht übelnehmen, _be
jabers_. Könnt was Gescheiteres tun, als Eisenbahnarbeiten. _So long!_«

»Das merk' dir, Billy!« grinste Joe.

»Man muß die Arbeit nehmen, wie sie kommt,« antwortete Billy
achselzuckend.

»Jetzt aber wird der Spieß umgedreht, _my dear Billy_! Hat die
Eisenbahn uns gehabt -- so haben wir jetzt, bei meiner seligen Tante
Jemima, wieder die Eisenbahn!!«

Und der nächste Schnellzug führte drei nichtzahlende Passagiere nach
Westen.

Tag und Nacht ging es dahin, als müsse versäumte Zeit eingeholt werden.
In kaum zehn Tagen legten wir eine ungeheure Strecke zurück, zuerst auf
einer Nebenlinie nach Westen, dann zurück im Bogen nach Osten, die
Arizonalinie überschreitend, über Albuquerque nach dem Norden, durch
Neumexiko nach Colorado hinein -- gepackt vom Fieber des
Vorwärtshastens. Auf dieser Fahrt kam ich zum ersten und einzigen Mal in
den Vereinigten Staaten mit der Macht des Gesetzes in Konflikt.

Es war in einem kleinen Städtchen nicht weit von La Junta in Colorado.
Der Frachtzug rumpelte in dem prachtvollen Sommermorgen dahin, hielt,
rumpelte wieder hin und her. Und dann war Ruhe.

»_Confound it_,« sagte Billy nach einer Weile, »ich glaub', wir sind
auf einem Nebengeleise.« Er öffnete vorsichtig die Schiebetüre einen
Spalt weit und guckte hinaus. »Wahrhaftig! Infames Pech. Winzig kleine
Station auch noch!«

Verärgert kletterten wir hinaus, um uns umzusehen und so schnell als
möglich mit einem anderen Zug weiterzufahren. Zuerst sprang Billy zu
Boden, dann Joe und endlich ich. Kein Mensch war zu sehen. Wir wollten
über das Geleise hinweg zur Straße hinübergehen, als urplötzlich aus
der Böschung eine Gestalt auftauchte und eine drohende Stimme rief:

»Hände in die Höhe!«

Billy und Joe hielten prompt die Arme empor, während ich fassungslos den
Mann im Schlapphut und die riesigen Revolver in seinen Fäusten
anstarrte.

»Hände in die Höhe!!« donnerte es wieder. »_Hands up_ -- oder, bei
Gott, 's gibt ein Begräbnis!!«

Da schossen auch meine Arme senkrecht empor, und eine unbeschreibliche
Angst kam über mich. Billy aber lächelte.

»Umdrehen!« befahl der Mann im Schlapphut, und ich merkte, wie seine
tastende Hand meine Taschen befühlte.

»So! Nun marschiert ihr vor mir her; links, wenn ich links sage,
rechts, wenn ich rechts sage, und wer einen Versuch macht, zu
entfliehen, bekommt eine Kugel. Vorwärts, im Namen des Gesetzes!«

»Was ist denn nur -- was kann es denn sein ...« rief ich, erschrocken.
Billy aber fragte, ohne den Kopf zu wenden:

»Lieber Herr, haben Sie vielleicht den Sonnenstich?«

»Keine Witze!« befahl der Mann hinter uns. Aber ich hörte, wie er
leise lachte.

»Ist man in dieser Gegend immer so unhöflich?« fuhr Billy fort. »Und
ich möchte mich wirklich erkundigen, was im Namen aller Unvernunft Sie
eigentlich von uns wollen?«

»Das werdet Ihr beim Friedensrichter hören!«

»So? Nun, der Friedensrichter wird auch von mir Verschiedenes zu hören
bekommen.«

»Ach, das wird keinen Unterschied machen,« lachte der Mann hinter uns.

Das Städtchen bestand aus höchstens zwei Dutzend Häusern. Wir wurden in
ein Haus hineinmarschiert, in dem eine Eisenhandlung war, und fanden uns
in einer Stube, die nichts enthielt als eine Bank, einen Tisch und einen
Stuhl. Wir mußten uns auf die Bank setzen, und der Mann mit den
Revolvern pflanzte sich neben uns auf. Nach einer Weile trat ein
weißbärtiger Herr in Hemdsärmeln ein, nahm einen Rock vom Nagel an der
Türe, zog ihn an und sagte:

»Die Gerichtssitzung ist eröffnet! Was haben Sie dem Gericht zu melden,
_Mr. Sheriff_?«

»Drei Tramps, Euer Ehren!«

»Schön. Heben Sie die rechte Hand empor und schwören Sie -- im Namen
m--m--m die Wahrheit um--m--um ... nichts als die Wahrheit ... m--m --«

Der Sheriff murmelte auch etwas.

»Tatbestand?« fragte der Friedensrichter.

»Illegales Fahren auf der Eisenbahn, Euer Ehren, und gemeingefährliches
Herumtreiben ohne Subsistenzmittel. Ich persönlich habe die drei
Angeklagten beobachtet, wie sie aus einem Frachtwaggon kletterten.«

Der würdige Richter rieb sich die Hände.

»Vier Tage Zwangsarbeit im Straßenbau!« verkündete er. »Das Gericht
ist geschlossen!«

Ich fiel beinahe um.

»Einen Moment,« sagte Billy, »darf ich in die Tasche greifen?«

»Jawohl.«

Billy holte eine Handvoll Dollarnoten hervor, die der würdige Richter
überrascht betrachtete und sich darauf schleunigst wieder hinsetzte.

»Die Gerichtssitzung ist wieder eröffnet!« sagte er.

»Wir müssen uns illegalen Fahrens schuldig bekennen,« begann
Billy; »ich bitte jedoch, in Erwägung dessen, daß wir nicht ohne
Geldmittel und nicht gemeingefährlich, sondern nur auf Arbeitssuche
sind, auf eine Geldstrafe zu erkennen.«

»Zugestanden!« erklärte der Friedensrichter sofort. »Sagen wir einmal
6 Dollars für den Mann!«

»Ein bißchen viel, Euer Ehren -- für Arbeitslose.«

»Hm -- sagen wir 10 Dollars für alle drei?«

Der Sheriff trat zum Richtertisch und flüsterte etwas. Ich hörte
deutlich die Worte: bar Geld -- Tramps gibt's genug ...

»Fünf Dollars Gesamtgeldstrafe, in Anbetracht der Umstände!« entschied
der Richter, und Billy bezahlte.

»So!« sagte Seine Ehren, das Geld einstreichend: »Die Gerichtssitzung
ist geschlossen!«

Der Sheriff führte uns wieder auf die Straße und meinte, es sei Zeit zum
Mittagessen. In seinem Hause könnten wir für einen halben Dollar alle
zusammen ausgezeichnet essen! Als wir am Tisch saßen, meinte Billy:

»Kluge, gerissene Gegend hier, nicht, Mr. Sheriff?«

»Sehr!«

»Macht Ihr es immer so?«

»Hm,« sagte der Sheriff gemütlich, »das ist doch furchtbar einfach.
Wir bauen hier eine neue Straße un' haben verflucht wenig Geld dazu.
_Well_, un' wenn wir Tramps erwischen, müssen sie gratis arbeiten. Feine
Idee! Wenn die Zeiten gut sind, haben wir schon dreißig Mann in der
Woche gekriegt. Aber ich will verdammt sein, wenn Ihr nicht die ersten
seid, aus denen wir bares Geld herausbekommen haben!«

»Großartig!« sagte Billy. »Der Scherz ist beinahe fünf Dollars wert.
Übrigens -- wie heißt denn dieses hoffnungsvolle, aufblühende
Gemeinwesen?«

»El Dorado,« sagte der Sheriff.

Da lachten wir alle drei schallend auf.

»Wenn ich mich einmal zur Ruhe setze,« prustete Billy, »dann komm'
ich hierher. Eine Stadt, in der man andere die Arbeit tun läßt, die man
selbst tun sollte, ist wirklich ein Dorado. Ihr könntet euch doch zum
Beispiel auch euer Holz von gelegentlichen Vagabunden spalten lassen?«

»Das ist keine schlechte Idee,« sagte der Sheriff. »Aber wenn's
einmal bekannt wird, kommen sie nicht mehr hierher!« setzte er betrübt
hinzu.

                  *       *       *       *       *

Sommer und Herbst waren dahingeschwunden in einem rastlosen Wirrwarr von
hastendem Dahinjagen und Arbeit. Durch große Strecken von Colorado,
durch das südliche Kansas, wieder nach Texas und nach Arkansas hinüber
und zurück nach Kansas, hatte unser planloser Weg uns geführt.

In einem Steinbruch arbeiteten wir einmal; wir halfen Farmern dann und
wann, wir plagten uns einen Monat lang auf einer Sektion der
Kansaseisenbahn, wir schleppten Kohlensäcke, wir arbeiteten in einem
Elektrizitätswerk. Ein unendlich armes Leben wäre es gewesen, wenn nicht
die Eisenbahn eine so wunderbare, immer neue Anziehungskraft ausgeübt
hätte. Und wenn nicht Billy mit seinem Humor, seiner Klugheit, dem
unbeschreiblichen Einfluß, der von ihm ausging, uns zusammengehalten
hätte. Aber über ihn wie über mich kam es in all den Träumen und all dem
Hasten oft wie ein Sehnen nach anderem Leben, und wir sprachen so manche
Arbeitspläne durch.

»Zuerst Geld in den Händen haben und dann mit dem Kopf arbeiten!«

Das war der Grundzug seiner Ideen. Schließlich beschlossen wir, nach San
Franzisko zu gehen, das Billy gut kannte, und dort uns das Glück zu
erjagen; die Mittel zu ganz großen Wanderzügen, zu Aufregung und Erleben
im großen Stil. In Kansas war es, auf einer winzig kleinen Station der
Union Pazific, wo wir diesen Entschluß faßten. Wir wollten ihn sofort
zur Ausführung bringen. Joe, der simple, Billy getreu wie ein Diener dem
Herrn, ging überallhin mit, ohne zu fragen und ohne sich im geringsten
um Dinge der Zukunft zu kümmern. Nach Westen also ging unser Weg.

»In zwölf Tagen spätestens sin' wir in Frisco,« sagte Billy, »und
dort arbeiten zuerst nur Joe und ich, bis du uns wieder gesund geworden
bist. Langweilige Geschichte, krank zu sein. Tu's nicht wieder!«

Denn ich war krank.

In fortwährendem Fieber. Mein Gesicht war zitronengelb fast geworden,
wie das eines Chinesen, und von Tag zu Tag wurde ich schwächer. Ich litt
an Malaria. Die Keime der Krankheit hatte ich mir wahrscheinlich schon
in Texas oder vielleicht auch in den Sumpfgegenden des Staates Arkansas
geholt. Billy erkannte sofort, was mir fehlte. Täglich schluckte ich so
und soviele Pillen des einzigen Gegenmittels, das es gab, Chinin. Der
Tag fing mit Chinin an und hörte mit Chinin auf. Zuerst machte sich die
Krankheit auch kaum anders bemerkbar, als in der sonderbaren
Gesichtsfarbe, in Fieber und in Müdigkeit. Aber ich war so abgehärtet,
daß ich mir aus dem bißchen Fieber wenig machte. Das dauerte wochenlang.
Dann kam es über mich wie Schlafsucht, und oft mußte ich mich auf
gefährlicher Fahrt gewaltsam wachhalten. Und dann packte mich der
Schüttelfrost der Malaria.

Ein unangenehmer Geselle. Ich saß zusammen mit Billy und Joe in einem
Frachtwagen, als es mich auf einmal glühend heiß überlief. Kaum eine
Sekunde später schauderte ich in eisiger Kälte, und die Zähne fingen mir
an zu klappern. Und dann schüttelte und rüttelte es mich, als sei ich
eine Ratte in den Zähnen eines Foxterriers. Mein Körper flog hin und
her; der Mund klappte auf und zu, ohne daß ich ein Wort sprechen
konnte; Arme und Beine zuckten wie in Krämpfen. Da half kein Wollen,
keine Selbstbeherrschung. Der Begriff Schüttelfrost ist viel zu blaß und
schwach, um die Urgewalt solch' eines Malariafrostes wiederzugeben.
Wehrlos war man wie ein Kind. Die Beine trommelten auf dem Boden des
Wagens, der Körper wurde umhergeworfen. Und merkwürdigerweise verspürte
ich dabei weder Schmerz noch ein besonderes Kältegefühl -- nur ein
willenloses Nachgeben jedes Muskels unter geheimnisvoll rüttelnder Macht
-- ein Wundern, was das sein mochte, wie lange es dauern mochte.

Zehn Minuten währte der Anfall, auf den Erschöpfung und Müdigkeit
folgte.

Nun begann das Elend. Pünktlich jeden zweiten Tag, um die gleiche
Stunde, zur selben Minute fast wiederholte sich regelmäßig der Anfall
von Schüttelfrost. Und in immer zunehmender Stärke. Wenn es halb zwei
Uhr wurde je am zweiten Tag, so wußte ich genau: Jetzt kommt mein treuer
Feind, der Schüttelfrost! Da half weder Chinin, selbst in den
ungeheuerlichsten Dosen, noch Whisky in großen Gaben. Geschüttelt mußte
werden. Geschüttelt, daß ich oft meinte, die Glieder müßten mir aus den
Gelenken gerissen werden; gerüttelt, daß Hören und Sehen mir verging. So
waren Wochen vergangen, Wochen von Frost und Fieber. Und immer schwächer
und elender wurde ich. Immer magerer. Immer gelber im Gesicht.

Aber ich ließ es mir nicht merken, wie erbärmlich mir zumute war, und
freute mich wie ein Kind auf das sonnige Kalifornien. Täglich
verschluckte ich mehr Chinin und täglich mußte ich mehr und mehr alle
Kräfte zusammennehmen.

Da kam ein Tag im Spätoktober, der dem Träumen und dem Wandern ein Ende
machte. In der Nähe von Roßville war es, auf einer kleinen
Wasserstation. Ich war sehr krank.

Der Expreß war herangebraust. Billy und Joe sprangen auf die blinde
Plattform. Ich sprang neben ihnen her. Und in dem Augenblick, als ich
mich hinaufschwingen wollte, tanzte es vor meinen Augen wie tausend
Sterne, und in meinem Kopf schienen die Dinge zu wirbeln. Trotzdem
packte ich blindlings zu. Dann verspürte ich einen Stoß, einen Ruck und
kollerte die Böschung hinab. Ich hatte den Messinggriff verfehlt und war
gegen die Wand des Postwagens angesprungen ...

Zitternd an allen Gliedern richtete ich mich auf.

Nachdenken! Billy und Joe hatten natürlich nicht mehr abspringen können
und fuhren ohne mich weiter. Ich sah im Fahrplan nach. Der Expreß fuhr
69 Meilen weit ohne Aufenthalt. Selbstverständlich würden Billy und
Joe auf jener Station auf mich warten. Also weiter mit dem nächsten
Zug! Der kam, ein Eilfrachtzug, in einer Stunde. Ich trank Wasser,
rauchte eine Zigarette. Aber mit einemmal, durch den Shock des
Herabgeschleudertwerdens wahrscheinlich, kam all' die mühsam verhaltene
Krankheitsschwäche zum Ausbruch. Die Dinge schwammen mir vor den Augen.
Ich konnte kaum stehen, nur mit großer Mühe gehen. Als der Eilzug kam,
wollte ich mitfahren, fiel aber beim zweiten Sprung vorwärts schon hin.
Da wußte ich, daß ich sehr krank war und in meinem Zustand niemals nach
Kalifornien kommen würde, und setzte mich hin und heulte zum
Steinerbarmen um meinen Billy. War ich doch nur ein kaum zwanzigjähriger
Junge!

Und ich dachte nach und dachte nach. Wenn ich Billy auch mit einem
Personenzug nachfuhr, so war es doch nur neuer Jammer. Ich war krank und
würde ihm nur eine Last sein. Denken -- denken ... Ich starrte auf die
Karte, und in mein fieberndes Hirn schlich sich ein Gedanke ein:

Nach St. Louis! In eine ganz große Stadt; in die Stadt, die im
Vorfrühling mein Ziel gewesen war. Mit dem Wandern war es ja aus; denn
wer kaum stehen konnte, der mußte weg vom Schienenstrang, der Kraft und
Mut erforderte.

Billy! Billy!!

Keinen einzigen Augenblick lang beschäftigte mich der Gedanke, was ich
in St. Louis anfangen würde. Solche Dinge waren dem Mann im Fieber
unendlich gleichgültig! Ich wußte nur, daß es aus war -- aus. Keine
Schnellzüge mehr; kein Springen. Und daß ich nach St. Louis wollte!

Mit vieler Mühe schlich ich nach der Station hinüber und fragte, was
eine Fahrkarte nach St. Louis kosten würde. Die Entfernung war
verhältnismäßig gering, kaum 400 Meilen.

»Siebzehn Dollars,« sagte der Agent.

»Bitte! Wann geht der nächste Zug?«

»4 Uhr 32 Minuten.«

Das war in kaum einer Stunde. Ich bezahlte, und wenige Dollars blieben
mir übrig. Dann verschluckte ich eine Chininpille nach der andern und
versuchte zu rauchen. Und dann saß ich auf einmal auf weichem Polster
und träumte todmüde im Halbschlaf in mich hinein, in einer einzigen
Vorstellung, in einem einzigen Gedanken.

Billy!

Immer wieder sah ich den Mann mit den leuchtenden Augen vor mir; ihn,
den ich vergötterte wie nur Jugend vergöttern kann. Kein häßliches Wort
-- keinen häßlichen Gedanken hatte ich je von ihm gehört. Denn dieser
Mann, hart an der Linie wandernd, die den nützlichen Menschen und den
Vagabunden scheidet, war ein ganzer Mann[A]. Stolz und vornehm und frei.
Und der fiebernde junge Mensch da im Schnellzug schluchzte in sich
hinein --

Die Welt war ärmer geworden für ihn.


[Fußnote A: Nicht ganz zwei Jahre später traf ich Billy wieder, auf
Kuba, im spanisch-amerikanischen Krieg -- Mr. Billy van Straaten,
Leutnant in einem Freiwilligen-Regiment. Die Episode wird in dem zweiten
Teil meiner amerikanischen Erinnerungen und Eindrücke geschildert
werden. E. R.]



Die Armen und Elenden von St. Louis.

     Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am Ufer
     des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine Orgie in
     der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im
     Reich der kupfernen Töpfe. -- Die Miniaturhölle des Palasthotels.
     -- Das Glöckchen der Neugierigen.


Der Schnellzug brauste in die weite Bahnhofshalle von St. Louis. Sehr
langsam, sehr vorsichtig, denn die Glieder waren mir schwer und träge
wie Blei, stieg ich aus und wurde von der nach den Ausgängen flutenden
Menschenmenge erfaßt und weitergeschoben; den Bahnhofssteig entlang,
durch eine Vorhalle in eine breite Straße. Menschen hasteten vorbei,
Wagenwirrwarr zog dahin. Mechanisch ging ich vorwärts, guckte in
Ladenfenster, betrachtete das Straßenbild und bog in einen weiten,
ruhigen Platz ein. Mein Kopf fieberte. Das Gehen wurde mir schwer. Ich
versuchte, zu überlegen, was ich nun zunächst tun müßte, war aber so
gleichgültig und müde, daß der Gedankengang immer wieder in ein Nichts
zerfloß. Langsam schlenderte ich dahin. Da überrieselte mich ein
Schauer, eiskalt, dann ein siedendheißes Wallen, und nun packte mich der
Malariafrost, daß mein Körper zuckte und hin und her geschleudert wurde,
während ich mich krampfhaft an einem Laternenpfahl festhielt --

»Was ist denn los?« fragte eine Stimme, die mir von weither zu kommen
schien, und ein riesengroßes blaues Etwas tauchte neben mir auf.

»Sind Sie krank?«

Das blaue Etwas war ein Polizist, einen Kopf größer als ich, der
erstaunt auf mich niederguckte. Ich wollte antworten, konnte es aber
nicht vor Geschütteltwerden und Zähneklappern.

»Krank is' er!« sagte der Polizist. »Werden wir gleich haben. Umarmen
Sie nur die alte Laterne, mein Junge -- halten Sie sich fest. In einer
Minute bin ich wieder da. Geh' nur zur Telephonbox.«

»Sie hat's ordentlich,« meinte er, als er zurückkam.

Ich wollte lächeln, nicken, aber es ging nicht. Glockengerassel ertönte,
Hufschläge galoppierender Pferde donnerten, hilfreiche Hände erfaßten
mich und schoben mich zwischen weiche Kissen. Und dann fand ich mich auf
einmal in einem kleinen Zimmerchen, auf weichem Lehnstuhl. Eine Gestalt
im weißen Linnenmantel des Arztes beugte sich über mich, mir mit einem
Elfenbeinstäbchen die Haut am Oberarm ritzend.

»Da wären wir ja!« sagte der junge Arzt. »Sie stellen den schönsten
Fall von Schüttelfrost dar, junger Mann, der mir seit einiger Zeit
vorgekommen ist. Aber wer wird denn gleich in Ohnmacht fallen! Schon
mehrere Male Schüttelfrost gehabt?«

»Seit sechs Wochen -- jeden zweiten Tag. Wo bin ich eigentlich?«

»Oho!« rief der Arzt und pfiff durch die Zähne. »O -- ho!! Sie sind
im öffentlichen Hospital von St. Louis, junger Mann, und augenblicklich
werden Sie geimpft.« Er strich die Lymphe ein. »Wir werden Sie
gründlich ausleeren, mein Junge, und Ihnen diese Malariadummheiten schon
austreiben!«

Die nächsten Tage waren ein einziges langes Schlafen, mit Bildern
dazwischen von Krankenschwestern, die mir Medikamente einflößten und
Milch gaben. Nur schlafen, schlafen. Dann kamen die Tage der Genesung.

»Sie sind nun kerngesund,« lächelte der junge Arzt, als ich nach drei
Wochen zur Entlassung in das Bureau des Krankenhauses geführt wurde.
»Stark und kräftig! Viel Glück! Wenn Sie einmal reich geworden sind,
mein Junge, schicken Sie uns netten Leuten vom öffentlichen Hospital
einen fetten Scheck. So! Nun schlagen Sie sich mit der Welt da draußen
herum, Sie leichtsinniger Teutone, und lassen Sie es sich möglichst gut
gehen. _In rebus adversariis_ -- oder wie heißt es? Halt -- als einem
Geistesbruder in Latein und Griechisch will ich Ihnen noch etwas
zeigen.«

Er holte aus einem Schrank mit vielen Fächern eine nummerierte
Glasplatte hervor, schob sie unter das Mikroskop auf seinem Arbeitstisch
und ließ mich durchgucken. »Was sehen Sie?« fragte er.

»Einen runden Kreis,« antwortete ich; »weiß, rosa an den Rändern, und
in der Mitte rostbraune kleine Pünktchen und Striche.«

»Ganz richtig. Was ist das wohl?«

»Ein mikroskopisches Präparat.«

»Natürlich. Der runde Kreis ist ein Blutstropfen, und zwar ein
Tröpfchen Ihres Blutes, mein Junge, und die Punkte und Striche, die Sie
ganz richtig rostbraun nennen, sind die Malariaparasiten, die in Ihnen
rumorten! Denen haben wir den Garaus gemacht!«

... Es war ein sonniger Nachmittag in den ersten Novembertagen, klar und
kalt, als ich aus der Pforte des Hospitals wieder in die Welt
hinaustrat. Trübselig schaute ich an mir hinunter. Die barmherzigen
Samariter in dem ziegelroten Gebäude dort hatten in einem Punkt ein ganz
klein wenig gesündigt; in einer Kleinigkeit, aber in einer wichtigen
Kleinigkeit. Meine Kleider waren, wie es nach der Vorschrift geschehen
mußte, in Dampf desinfiziert worden und sahen nun betrüblich aus; so
zerknittert und ungebügelt, daß ich mir zerzaust vorkam wie Freund
Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf
Kleingeld -- weniger als ein Dollar, und so hieß es sofort Arbeit finden
in der großen Stadt.

»Ein gesunder Mensch, der keine Arbeit findet, ist entweder bodenlos
dumm, oder auf eine bestimmte Art von Arbeit versessen, die es im
Augenblick eben nicht gibt!« hatte Billy immer gesagt.

Gesund war ich wieder und für bodenlos dumm hielt ich mich nicht. Es
mußte gehen! Freilich, der junge Mensch, der viele Monate lang da
draußen im weiten offenen Land gelebt und nur für simple Menschen
gearbeitet hatte, fühlte sich fremd zwischen den ungeheuren
Wolkenkratzern, den eleganten Läden, den hastenden Leuten. Es war nicht
gar so einfach, da den Hebel anzusetzen. Die Stunden zerrannen.

Ich war eine sich senkende abschüssige Straße hinabgegangen, eine
menschenwimmelnde, schmutzige Straße, mit Hunderten von kleinen Läden,
und stand nun an ihrem Ende, vor einer Hölle von Lärm und Arbeit.
"Levee" hieß es auf dem breiten Straßenschild an der Ecke.

Ein schmutzig gelber Strom, riesenbreit, wälzte träge seine Wassermassen
dahin, in einem Getümmel von Dampfbooten mit vielen Stockwerken, die
eines hinter dem andern den Kai säumten. In der Ferne ragte das
Stahlwerk von Brücken empor. Tausende, Abertausende, Millionen von
Säcken und Fässern und Kisten waren längs der Dampfer aufgestapelt, und
dazwischen huschten mit polternden Karren Tausende von Menschen hin und
her. Ein lärmender Wagenverkehr erfüllte die Levee, die sich
unübersehbar weit den Fluß entlang hinzog mit ihrer Häuserreihe und der
rauchqualmenden Linie von Dampfern den Häusern gegenüber. Ehrfurchtsvoll
fast starrte ich auf die Fluten dieses Stromes der Ströme -- als Bub
schon war mir sein tönender Name etwas Geheimnisvolles gewesen:
Mississippi. Ich schaute und staunte und trieb mich in dem Lärm umher.
Meine Not vergaß ich ganz, bis Schneeflocken zu fallen anfingen und in
beginnender Dunkelheit die Häuserreihe drüben in grellem elektrischem
Licht aufflammte. Es wurde immer kälter. In einem Restaurant, das mit
großen roten Buchstaben im Schaufenster versprach, für 10 Cents eine
Mahlzeit zu liefern, aß ich ein "Lammhaché" und trank eine Tasse
Kaffee --

Du mußt Geld haben! Du mußt Arbeit finden! Was hätte ich nicht darum
gegeben, wäre nun Billy neben mir gesessen -- er, der Schwierigkeiten
weglächelte und immer genau wußte, was zu tun war, und wie man die Dinge
anpacken mußte. Verstohlen zählte ich mein Geld. Es waren 70 Cents.
Einen Augenblick lang wollte es mich überkommen wie lähmender Schrecken,
dann gab ich mir einen Ruck: Der morgige Tag mußte Arbeit bringen. Bei
Tagesanbruch mußte ich auf den Beinen sein und so lange suchen und so
lange fragen, bis ich etwas fand.

Als ich aus dem warmen Raum wieder hinaustrat in den wirbelnden Schnee,
fror ich erbärmlich. Es war bitterkalt da drunten am Mississippiufer.
Schon wollte ich einen Polizisten aufsuchen, um mich nach billiger
Unterkunft zu erkundigen, als mir ein grelles Transparent auffiel, über
einem Hauseingang angebracht, aus dem es hervorleuchtete: _Lodging! 10
cents, 15 cents, 25 cents!_ Einen Augenblick lang zögerte ich. Wußte ich
doch von Billy, daß in derartigen Logierhäusern, in denen man für wenige
Cents schlafen konnte, der Abschaum der Großstadtmenschheit sich
herumtrieb. Aber es war ja nur für eine Nacht. Ich trat ein. Im Hausflur
hing ein zweites Transparent, eine Hand mit ausgestrecktem Finger, die
zu einer Türe an der Seite hinwies.

Rauchiger Qualm schlug mir entgegen, als ich die Türe öffnete, stickig,
atemraubend, verpestet; ein Höllenbrodem von Menschenausdünstung,
furchtbar überheizter Luft und schalem Tabaksrauch. Auf einem Stuhl
neben dem Eingang saß ein Mann in Hemdsärmeln, der krachend die Türe
hinter mir zuwarf, als ich eingetreten war; unter ärgerlichem Gebrumm
über die verdammte kalte Luft da draußen.

»Zahlen!« sagte er und streckte mir die Hand hin. »Zehn Cents!«

Für meine beiden Nickel bekam ich ein schmutziges Pappstück, die
Quittung, die mich berechtigte, über Nacht hier zu hausen.

»Kannst hier sitzen oder gleich nach hinten gehen un' dich
hinschmeißen,« murmelte er. »Wie dir's verdammt angenehm ist!«

Eine Petroleumlampe mit rußgeschwärztem Schutzglas hing an der Decke,
und ihr trübes Licht schimmerte in sonderbarem, bald gelblichem, bald
rötlichem Schein durch die grauen Massen von Rauch und Dunst hindurch.
Zwei lange Tische standen in dem mächtig großen Raum, und auf den Bänken
vor ihnen saßen viele Menschen. An einer Bar im Hintergrund hantierte
ein altes Weib, emsig beschäftigt, in riesengroße Gläser Bier
einzuschenken. Alles schrie und lachte und fluchte durcheinander.
Erstaunt, entsetzt war ich am Eingang stehengeblieben und sah
gedankenlos einem schmierigen Menschen zu, der neben mir am Boden
hockte, sich den Rock ausgezogen hatte und fluchend die Riemen losband,
mit denen sein linker Arm fest an die Körperseite geschnallt war.

»Was beim Teufel gibt's hier zu schauen?« fuhr er mich endlich an.
»Heh? Hast noch nie 'ne angebundene Pfote gesehen?«

Da begriff ich. Der Mann war ein Scheinkrüppel; ein Bettler, der ein
Gebrechen heuchelte.

Mein erster Impuls war, wieder umzukehren. In den Boden hinein hätte ich
mich schämen mögen. Dann dachte ich an die Kälte draußen und an die
wenigen Pfennige in meiner Tasche. Es mußte ertragen werden -- doch eine
Nacht nur, das schwor ich mir. Um nicht allzusehr aufzufallen durch
Stehenbleiben, setzte ich mich auf die Ecke der nächsten Bank, wo noch
ein Plätzchen frei war, und zündete mir mechanisch eine meiner letzten
Zigaretten an. Wenn man nicht rauchte, war es nicht zum aushalten in
dieser Luft.

So war ich nun mitten unter den Armen und Elenden der Riesenstadt am
Mississippi, anstreifend an einen Menschen mit aufgedunsenem Gesicht,
dessen Rock in Fetzen an ihm herabhing und der sich die Hände wohl lange
nicht mehr gewaschen hatte, so schmutzig waren sie. Ich wußte wenig
damals von Armut und Elend, von ihren Ursachen und Wirkungen; ich mag
unduldsam gewesen sein, wie es die empfindliche Nase und die
empfindlichen Ohren reinlicher Jugend sind -- aber mir schien es, als
hätte ich in meinem jungen Leben noch nie etwas so Furchtbares gesehen,
etwas so Erbärmliches wie diese Männer in diesem Raum. Von Schmutz
starrten alle. Die zerschlissenen Kleider, die eingebeulten Hüte kamen
mir grotesk vor, unnatürlich und häßlich nicht zum sagen. Ein Grauen
packte mich -- man muß älter sein, als ich es damals war, um die
Ärmsten der Armen mit verstehenden Augen betrachten zu können. Die
Sprache, die ich hörte, war widerlich wie ein verfaulendes Ding.

»Eh -- du! -- Sohn einer Hündin -- hast 'n verfluchtes Zündholz?«
fragte da einer den andern.

Die Antwort ist nicht wiederzugeben. Das Wort vom Sohn einer Hündin
wurde von jedermann gebraucht; es ging von Mund zu Mund, als sei es ein
Kosename der Brüderschaft der Elenden. Ich kannte den Ausdruck wohl; in
Texas und im Westen, wo Fluchen und Derbheit zu Hause sind und es keinem
Menschen einfällt, selbst den stärksten Ausdruck übelzunehmen, galt
dieses Wort als das Unsagbare, als ~die~ Beleidigung. Wer "_son of a
bitch_" sagte, wollte bis aufs Blut weh tun und -- griff gleichzeitig
nach dem Revolver. Das Wort hat schon manchen Todschlag verschuldet. Und
hier wurde es grinsend gesprochen und mit Lachen angehört. Die Flüche
jagten sich. Es war eine Orgie in Häßlichkeit für Auge und Ohr ...

»Nix gemacht heute, heh?« fragte mich der Zerlumpte neben mir. »Soll
ich dir ein Glas Bier bezahlen? Ja -- 's ist hart genug im Winter in
dieser verdammten Stadt!«

Ich murmelte irgend etwas über einen kranken Magen, der kein Bier
vertragen könne, und gab ihm eine Zigarette, staunend über seine
Gutmütigkeit. Scham gab es hier nicht. Da und dort sah ich ein bleiches
stilles Gesicht unter den lachenden und schreienden Menschen; die
meisten aber der Gäste des Zehn-Cent-Hotels machten sich entschieden
keine Kopfschmerzen über ihre jämmerliche Lage. Sie nahmen auch kein
Blatt vor den Mund. Der Mann mir gegenüber erzählte grinsend von
jüdischen Bäckern in einer Straße des Judenviertels; sei der Mann da, so
bekomme man frisches Brot, sei die Frau da, so gebe es ein Nickelstück
obendrein. Ein anderer meinte, man müsse in die vornehmen Läden gehen;
da bekäme man schon etwas, nur, damit sie einen los würden. Daß es ein
Kinderspiel sei, sich »'s Futter zu besorgen,« darin stimmten alle
überein, nur bares Geld für Schlafen und einen Schluck sei rar.... Ihr
Elend und ihr Betteln waren diesen Armen selbstverständliche und
notwendige Dinge. In mir stritten sich alle möglichen Empfindungen, und
mehr als einmal wollte ich hinauslaufen in die Kälte und wieder allein
sein; doch der Trieb nach Wärme und Schlaf war stärker als der
Widerwille.

Nach und nach wurden die Tische leer. Eine unbeschreibliche Müdigkeit
kam über mich, und zögernd ging ich nach hinten, dorthin, wo alle
hingingen -- dorthin, wo der Schlafplatz sein mußte.

Und blieb entsetzt stehen.

Mitten in einem großen Raum leuchtete der rotglühende Bauch eines
gewaltigen eisernen Ofens. In einer Ecke hing eine schmutzige Laterne.
Der Boden war wie übersät mit Menschen, die da in langen Reihen lagen,
dort in dichten Klumpen zusammengepackt schienen; in der Mitte des
Zimmers, den Wänden entlang, überall. Nur um den glühenden Ofen war ein
schmaler Kreis freigeblieben, und die Männer, die dichtgedrängt am
Rande dieses Kreises lagen, hatten sich halbnackt ausgezogen. Bündel von
Kleidern und Stiefeln dienten ihnen als Kopfkissen. Seite an Seite
schliefen sie, Kopf an Kopf und Köpfe gegen Füße; in einem Wirrwarr von
Leibern, der grauenhaft dicht war in der Nähe des heißen Ofens und sich
ein wenig lichtete gegen die Wände zu. Die Plätze nahe dem
glutstrahlenden Ungetüm waren wohl am begehrtesten um ihrer Wärme
willen. Überall auf dem Boden lagen Zeitungen herum, die Matrazen
dieses Schlafraumes, und Zeitungen waren es, mit denen die Schlafenden
sich zugedeckt hatten. Die Männer stöhnten im Schlaf; sie schnarchten,
sie wälzten sich hin und her. Da fluchte einer über irgend etwas, hier
kroch ein neuer Ankömmling auf Händen und Füßen über die Leiber hinweg,
sich ein Plätzchen in der Menschenreihe suchend. Über die Armen und
Elenden hin sandte der glühende Ofen heiße Luftwellen, und in seine
unerträgliche Hitze mengten sich die Dünste von Menschen und Kleidern
und der Geruch von Bier und Rauch des äußeren Raumes. Ein Stall war
dieses Zimmer; ein Menschenpferch, dessen Luft beizend in Augen und
Lungen drang.

Ich stand und starrte, und immer neue Menschen drängten sich an mir
vorbei und plumpsten wie Säcke nieder, wo noch ein bißchen Raum war
zwischen den Leibern. So müde war ich -- so müde. Und dann vergaß ich
Nacht und Müdigkeit über dem entsetzlichen Raum und flüchtete endlich
wie einer, der vor ansteckendem Pesthauch flieht.

»_Hell!_ Wohin willst du?« fragte der Mann an der Türe. »Der Teufel
soll das 'rein und 'rauslaufen holen!«

»Hinaus!«

»Ist kein Platz mehr drinnen?«

»Doch!« sagte ich, wider Willen lachend. »Aber nicht für mich. Ich
will lieber die ganze Nacht herumlaufen, als da drinnen schlafen. Und
jetzt geben Sie die Türe frei, sonst --«

»Langsam, immer langsam!« grinste der Mann. »Für 25 Cents mehr
kriegst du 'n Bett, und für 50 Cents will ich dir's frisch überziehen.«

»Zuerst muß ich es sehen.«

»Warum denn nicht; Geschäft ist Geschäft.«

Er führte mich eine Treppe empor, in einen kleinen Verschlag mit
eisernem Feldbett, und brachte frische Leintücher und einen neuen
Kissenbezug. Ich zahlte das Geld; meine letzten Pfennige. Als er
gegangen war, zog ich die Oberkleider aus, wickelte mich in die
Leintücher und schlief auf dem Boden. Dem Bett traute ich nicht. Es war
eisig kalt, aber durch die zerbrochene Fensterscheibe drang doch frische
Luft. Und man war allein.

»Nie wieder eine solche Nacht in einem solchen Haus!« war mein letzter
Gedanke. »Lieber in den Fluß springen da drüben!«

Auf einmal fiel mir ein, daß in meiner Tasche ja noch meine Uhr steckte.
Da kam ich mir förmlich reich vor -- --

Stockfinster war's noch, als ich frierend aufwachte am nächsten Morgen
und beim Schein eines Zündhölzchens auf die Uhr sah. Sechs Uhr. Auf der
wassergefüllten Waschschüssel in der Ecke hatte sich eine dicke
Eiskruste gebildet, und das Stückchen Seife in der Schale war so fest
angefroren, daß ich es mit dem Messer loslösen mußte, aber das eiskalte
Wasser erfrischte den Körper unbeschreiblich. Unten in dem Zimmer mit
den langen Tischen und den vielen Bänken waren die Fenster geöffnet und
frische kalte Luft strömte herein. Hinter der Bar stand das alte Weib
von gestern abend.

»Guten Morgen!« sagte sie. »Der Vogel, der früh aufsteht, erwischt
den Wurm, heh? Von denen da drinnen rührt sich keiner vor acht Uhr; dann
müssen sie aber 'raus, weil Joe die Fenster aufmacht und mit der
Gießkanne kommt, hih, hih!«

»Guten Morgen!« antwortete ich und wollte gehen, aber sie stellt eine
große Schale dampfend heißen Kaffees vor mich hin und brummte:

»Bettgäste kriegen 'n Kaffee gratis -- besonders, wenn's solche Narren
sind, die Joe fünfzig Cents für ein Bett zahlen, das bloß fünfundzwanzig
kostet!«

Und diese fünfzig Cents waren mein allerletztes Geld gewesen! Ich lachte
laut auf und dankte leise den guten Göttern für die angenehme
Überraschung des warmen Kaffeetranks.

Arbeit suchen!

Es war hell und klar und sonnig und bitterkalt draußen auf der Straße.
Eine breite Mauer von Schnee, fünf, sechs Fuß hoch, türmte sich
weißglitzernd neben dem Fußgängerweg auf, soweit man sehen konnte, und
Scharen von Männern mit Schneeschaufeln und Besen waren eifrig dabei,
diese winterliche Mauer immer höher zu bauen. Es bedurfte wahrlich
keiner besonderen Intelligenz, um hier die Arbeitsmöglichkeit zu
erkennen.

»Verzeihen Sie --« sagte ich zu dem baumlangen Aufseher, der, die
Pfeife zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen, durch
Kopfnicken die Schar leitete, »entschuldigen Sie -- aber kann man hier
noch ankommen? Ich suche Arbeit.«

»Dann suchen Sie am falschen Platz,« antwortete er. »Schneeschaufler
werden punkt sechs Uhr morgens im kleinen Hof des Rathauses
angenommen.«

»Ich brauche aber sofort Arbeit.«

»_Well_ -- das is' Ihre verdammte Affäre. Wenn's heute weiterschneit,
kann ich Sie morgen früh anstellen. Jetzt nicht.«

So begann die lange Arbeitssuche, das Laufen und Suchen den ganzen Tag
hindurch. Zweimal lief ich die ungeheure Mississippifront auf und
nieder, fragte gewissenhaft jeden Arbeitsplatz ab, sprach mit Hunderten
von Menschen und log erschrecklich über meine Arbeitsfähigkeiten.
Zwanzig, dreißigmal wiederholte sich das gleiche Frage- und
Antwortspiel:

»Können Sie mit schweren Kisten umgehen?«

»Jawohl -- ausgezeichnet!«

»Erfahrung gehabt darin?«

»Massenhaft!« (Das war eine eklatante Unwahrheit ...)

»Schön -- dann melden Sie sich am Montag früh um sieben Uhr!«

Immer wieder erhielt ich diese Antwort. Arbeitsgelegenheit schien in
Mengen da zu sein; nur war diese boshafte Arbeitsgelegenheit stets so
eigentümlich, sich immer erst in einigen Tagen materialisieren zu
wollen. Zwar gab dies Trost und Hoffnung, war aber entschieden
unpraktisch für ein Menschenkind, das seinen letzten Pfennig verschlafen
hatte. Ich fragte und fragte. An Vorarbeiter wandte ich mich bald nicht
mehr, denn die erkundigten sich sofort, ob ich dem "Verbande", der
Gewerkschaft, angehöre und wurden grob, wenn ich verneinen mußte. In den
Bureaus wurde ich entweder abgewiesen oder auf den Montag (den ich
nachgerade zu hassen anfing) bestellt. So gab ich, es war schon fast
Mittag, der Mississippilevee meinen Segen und schlich hungernd und
frierend hinauf nach dem Stadtzentrum. Im Vorbeigehen bat ich einen
dicken Polizisten, der sehr gutmütig aussah, um Rat.

»Heiliger Sankt Patrik,« sagte der, »andere Leute haben auch kein
Geld und andere Leute möchten auch Arbeit haben. Da soll der Kuckuck
raten. Reden Sie und fragen Sie Gott und die Welt, und dann fangen Sie
wieder von vorne an!«

Und ich redete!

In dem Stadtviertel, das die Levee mit dem Geschäftszentrum verband, lag
Fabrik an Fabrik, und Fabrik auf Fabrik suchte ich ab mit dem
stereotypen: »Ich suche Arbeit!« Hier waren die Leute grob und
schüttelten die Köpfe, ohne sich die Mühe eines gesprochenen Nein zu
geben; dort fragte man mich zehn Minuten lang neugierig aus, um dann
achselzuckend zu bedauern. Dort sollte man in einer Woche wiederkommen.
Es war ein Straßenwandern und Fragen zum Herzzerbrechen. Die Müdigkeit
kam und der Hunger machte sich immer bemerkbarer. So hungrig wurde ich,
daß ich geradezu Schmerz empfand, wenn ich im Vorbeigehen in die
Schaufenster von Bäckereien und Delikatessengeschäften guckte; so
hungrig, daß ich immer wieder und wieder krampfhaft nach der Uhr in
meiner Tasche fühlte und mit dem Gedanken liebäugelte, daß das kleine
tickende Ding die schönsten Mahlzeiten in sich barg. Aber ich empfand,
daß ihr Wert das letzte war, das vom Nichts trennte, und biß die Zähne
zusammen. Weiter suchen! Mir war, als sei ich mutterseelenallein
zwischen den ungeheuren Gebäuden, den himmelragenden Wolkenkratzern, die
da die Lehre von der Kunst des Dollarjagens hinausschrien in die Welt;
allein in dem Gewühl von Menschen, die hastig vorwärtsstrebten, als
wisse jeder von ihnen ganz genau, was er tun müsse. Nur ich, ich allein
unter den Tausenden, wußte das nicht. Hart sahen die Männer und die
Frauen aus, gleichgültig. Selbstbewußt aber vor allem; so selbstbewußt,
daß mir jedes scharfgeschnittene Gesicht und jedes klare Auge ein
Vorwurf zu sein schien: Weshalb bist du denn so hilflos -- warum kannst
du nicht was wir können! Erbärmlich klein kam ich mir vor. Und
erbärmlich hungrig.

Ich wanderte wieder der Levee zu. In den Wolkenkratzern, in den
eleganten Läden, im Stadtviertel der Banken -- da hatte ich nichts zu
suchen, denn ich kannte den Wert von Geld und äußerer Erscheinung; mein
zerknitterter Anzug, meine Geldlosigkeit bedingten, das wußte ich recht
gut, primitive Arbeit mit den Fäusten. Der Abend war hereingebrochen,
und fast instinktiv spähte ich in dem Lichtermeer der Straßen nach den
drei vergoldeten Kugeln, die in Amerika ein Pfandgeschäft bedeuten.
Essen -- schlafen -- und dann aufs Rathaus morgen in aller Frühe zum
Schneeschaufeln. Da trat dicht vor mir, aus einer Seitentüre eines
riesengroßen Gebäudes aus mächtigen Sandsteinquadern ein Jüngelchen in
dunkelgrünem Pagenanzug mit goldigen Borten und goldigen Knöpfen, eine
Zigarette in seinem Kindermund, und nagelte mit großer Bedächtigkeit ein
Plakat an die Mauer: _Man wanted in kitchen._

Gesucht ein Mann für die Küche ...

»Was ist das?« fragte ich das Kind.

»Dies ist der Seiteneingang zum Palacehotel,« antwortete der
Pagenjüngling. »In der Küche brauchen sie einen Mann zum
Geschirrwaschen. Können Sie nich' lesen?«

»Der Mann bin ich!« sagte ich. »Nimm das Ding nur wieder herunter von
der Wand! Und nun zeig' mir den Weg, mein Sohn!« Die Tätigkeit des
Geschirrwaschens erschien mir zwar einigermaßen komisch. Aber es war
Arbeit, und Arbeit brauchte ich.

»Kommen Se mit,« sagte das Kind mit einem herablassenden Kopfnicken,
denn in seiner Weltvorstellung stand ein Hotelpage natürlich turmhoch
über einem angehenden Geschirrwäscher.

Und in fünf Minuten war ich von einem pompösen Küchenchef, der englisch,
deutsch und französisch wirr durcheinander sprach und ein quecksilbernes
Bündel von empfindlichen Nerven schien, in aller Form als Töpfeputzer
Nummer 2 des Palasthotels angestellt. Arbeitszeit von 6 Uhr abends bis 6
Uhr morgens, Essen und Wohnen frei, dreißig Dollars im Monat, Abgang von
der Stelle nur am 17. eines jeden Monats ...

Die Küche der Riesenkarawanserei, die sich Palasthotel nannte, wäre
jeder Durchschnittsfrau als der siebente Himmel von silberfunkelnder und
kupferglänzender Küchenschönheit erschienen; jede Frau hätte den
ungeheuren Herd, die Köche in schneeweißen Anzügen, die blitzende
Sauberkeit überall staunend bewundert. Jeder Durchschnittsmann aber wäre
vor dem Getriebe nervöser Hast in dieser Küche entsetzt geflüchtet! Ich
wenigstens hab' mir aus dem Arbeitsmonat in jenem Küchenreich einen
unbezwinglichen Widerwillen gegen alles, was Koch heißt, mit
hinübergenommen ins Leben. Diese Köche waren eitel wie die Pfauen,
nervös wie hysterische Weiber und unverschämt wie reiche Parvenus. Sie
zankten sich untereinander in einem endlosen Geschnatter von Französisch
und Englisch und Deutsch und Italienisch, und verfluchten sich
gegenseitig in alle Tiefen der Hölle, bis der großmächtige Küchenchef
aus seinem Privatbureau trat. Dann schwenzelten sie devot um die
Majestät der Küche herum.

Mir bedeutete das kleine Gemach an der Küchenseite, in dem ich arbeiten
mußte, mit seinen ewig nassen Steinfliesen und seinen marmornen
Putzbecken von allem Anfang an eine Miniaturhölle, die in alle Ewigkeit
dazu verflucht war, in heißen Dampf gehüllt zu sein und ein immer sich
erneuerndes Chaos von rußigen Kupferkesseln und Kasserolen und Töpfen in
allen Größen und Formen zu beherbergen. Man kam sich vor wie Sisyphus --
gegen Unmöglichkeiten anarbeitend. Ohn' Unterlaß rannten, wie aus
Kanonen geschossen, zappelige Köche in die Türe und warfen mit vielen
_Sapristis_ und _Nom de Dieus_ und _Hells_ mir ganze Kupferberge vor die
Füße, während ich im Schweiße meines Angesichts mit harten Bürsten und
scharfer Salz- und Essiglösung putzte und wusch. Es ist lustig, sich an
lächerliche Kleinigkeiten zu erinnern; ich verspüre heute noch das
verzweifelte Entsetzen, das mich immer überschlich, wenn ich glücklich
den letzten von Hunderten von Töpfen blitzsauber hatte, und dann auf
einmal eine Höllenschar von Köchen Dutzende und Aberdutzende schmutziger
Kasserolen in meine Miniaturhölle feuerte!

So leicht die Arbeit an und für sich sein mochte -- kein Faden blieb
einem trocken am Leib! Ich war Nummer zwei. Nummer eins, ein
Südfranzose, arbeitete von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Um ein Uhr
nachts gingen die Köche nach Hause, und es wurde still in der
Riesenküche. Meine Arbeit aber begann eigentlich erst, denn von den
späten Theatersoupers war immer noch ein Regiment von Töpfen da. Dann
aber hieß es, jedes Stückchen Metallglanz in der Küche putzen. Den Herd
entlang, der die ganze eine Längswand einnahm, lief ein Anrichtetisch
aus solidem Kupfer, an die fünfzehn Meter lang. Der mußte blitzblank
sein. Der Herd mußte geschwärzt, seine Metallteile geputzt werden; die
Pfannen an dem Gerüst über dem Anrichtetisch sollten blinken und
leuchten und genau nach Größe geordnet sein. Da waren noch die
Messingbänder der Geschirrwaschmaschinen, ungeheurer Bottiche, in denen
Plattformen durch elektrische Kraft rotierten und die aufgestapelten
Teller und Platten mechanisch reinigten. Da waren die Küchenfliesen zu
waschen. Jede Minute der zwölf Arbeitsstunden mußte ausgenützt werden,
wenn ich fertig werden wollte. Um 6 Uhr morgens dann schlich ich mich in
das winzige Zimmerchen im sechsten Stockwerk, in dem der Südfranzose,
Nummer eins, und ich zusammen hausten, ohne uns jemals zu sehen als eine
Minute lang am Morgen und am Abend, wenn wir uns ablösten.

Heute noch kann ich kein Kupfergeschirr sehen, ohne mit Grauen an die
elegante Küche des Palasthotels und ihre Höllenarbeit zu denken! Diese
Küche war eine der Sehenswürdigkeiten des Hotellebens von St. Louis, mit
Stolz gezeigt -- aber unter Vorsichtsmaßregeln. Wurden Besucher ins
Küchenreich geführt, so ertönte schrill eine elektrische Glocke. Das
Glöckchen der neugierigen Affen wurde sie genannt. Ihr Schrillen war das
Signal zu vornehmem Dekorum. Die Köche ließen, wie durch Zauberspruch
gebannt, ab vom Schimpfen und Schnattern; die Mädels bei den
Geschirrmaschinen banden sich rasch frische Schürzen um und gaben sich
Mühe, recht niedlich auszusehen; ich mußte die Türe zu meinem Putzreich
schleunigst zumachen. Und die neugierigen Affen sagten dem Chef
Schmeicheleien über den lautlosen Betrieb ... Ich aber fluchte innerlich
und zählte mir an den Fingern die Tage bis zum 17. Dezember ab und
wunderte mich, ob es denn Männer geben könne auf dieser Welt, die
Töpfeputzen im Palasthotel länger als einen Monat aushielten. Prompt um
9 Uhr morgens bat ich Seine Majestät den Küchenchef um eine Anweisung
auf die Hotelkasse.

»Es ist merkwürdig,« meinte der Chef, »daß wir mit dem Personal des
Putzraumes so häufig wechseln müssen. Die Arbeit ist doch leicht. Nun,
wenn Sie das Geld durchgebracht haben, können Sie wieder vorfragen.«

»_Thank you!_« sagte ich.

Als ich aber für die Arbeit von fünf Wochen ein Bündel von
dreiundvierzig Dollarscheinen zärtlich in die Tasche steckte, mischte
sich in meine komische Wut auf jene Hölle kupferner Greuel leise
Dankbarkeit, und froh wie ein aus Qual Erlöster zog ich meinen besten
Anzug an. Starkenbach hatte mir auf meine Bitte meinen Koffer ins Hotel
geschickt. Ein Zettel lag obenauf:

»Viel Glück, lieber Freund! Wie gefällt Ihnen mein gutes altes St.
Louis? Lassen Sie es sich möglichst gut gehen und nehmen Sie dieses
putzige Leben nicht allzu ernst!«

Da hatte ich laut aufgelacht. Wenn man Kupferkessel putzte, hatte das
Leben so gar nichts Putziges -- und was ich vom guten alten St. Louis
kannte, waren -- -- eine Miniaturhölle im krassesten Elendsviertel der
Stadt und eine andere Miniaturhölle in einer der vornehmsten
Karawansereien der hotelzivilisierten Welt.



Im Zeichen der Zeitung.

     Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bücher. -- Kipling-Begeisterung.
     -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein erstes literarisches
     Verbrechen. -- Der Beinbruch als Glückszufall. -- Ich werde
     Depeschenübersetzer bei einer großen deutschen Zeitung.
     -- Enthusiasmus und Neugierde. -- Aller Anfang ist leicht! -- Ein
     journalistisches Mädchen für alles. -- Amerikanisches Deutschtum.
     -- Der Schwur gegen die Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen.
     -- Wieder draußen in der kalten Welt. -- Reisefieber!


Die Frau mit den scharfen Linien im Gesicht und dem aus böser Erfahrung
geborenen Mißtrauen der zimmervermietenden Sippe in ihrem Wesen sah mich
prüfend von oben bis unten an und brummte:

»Das Zimmer kostet zwei Dollars die Woche, junger Mann, und wer nicht
pünktlich vorausbezahlt, der fliegt!«

»Wie meinen Sie?«

»Fliegt, hopla, adieu -- die Witwe Dougherty vermietet ihre Zimmer
nicht zu ihrem Vergnügen. Will aber nichts gesagt haben, Herr -- nur
mein Geld muß ich haben. Kohlen kosten zehn Cents der Eimer, und wenn
Sie kochen wollen, leih' ich Ihnen das Geschirr. Wer bar bezahlt, ist
der Gentleman! Nehmen Sie das Zimmer?«

Bruder Leichtfuß, sonnenfroh mit seinem Reichtum von dreiundvierzig
grünen Scheinen des Dollarlandes, bezahlte klüglich gleich für einen
ganzen Monat und richtete sich in einem von Witwe Doughertys winzigen
Zimmerchen häuslich ein, den ersten Abend zwischen den eigenen vier
Wänden in unzähligen Zigaretten selig verträumend. Elegant war er
wieder, der Lausbub, und Geld hatte er in der Tasche! Da war's kein
Wunder, wenn er sich blutwenig um Zukunftspläne und Zukunftsnöte
scherte. Das Ringen um die Zukunft war im Grunde gigantisch einfach!
Furchtbar simpel!! Man -- jawohl, man -- nun, man ging eben nach dem
Rezept von Freund Starkenbach in einen Wolkenkratzer und ließ sich in
den verschiedenen Kontors melden -- nun, und redete -- Das würde sich
alles schon finden. Das hatte ja gar keine Eile! Die Welt war
wunderschön ...

Von einer Straßenbahn in die andere kletterte ich am nächsten Morgen und
trank mit dem Selbstbewußtsein, das in den guten Kleidern und in den
Dollarscheinen steckte, das Getriebe der Mississippistadt ein; das
hastende Straßenbild, die himmelstrebenden Wolkenkratzer, den Wirrwarr
der Riesenstadt, bis der Zufall mich in das Gebäude der öffentlichen
Bibliothek von St. Louis führte, in die Welt der Bücher.

Hunderttausende von Büchern füllten auf breiten Regalen die riesigen
Säle. Raffiniert eingerichtete Kartenkataloge im Vorzimmer gaben einen
ausgezeichneten Überblick. Liebenswürdige junge Damen schafften in
wenigen Sekunden die Bücher herbei, deren Titel und Nummern man auf
einem Zettelchen aufgeschrieben hatte, und dann lockten die weichen
Lehnstühle in den eleganten Sälen zum Lesen und zum Träumen.

Um 11 Uhr morgens war ich in die Bibliothek gekommen -- bis zum späten
Abend blieb ich, ohne an Essen und Trinken auch nur zu denken;
glückselig in der Bücherpracht. Und pünktlich in aller Frühe am nächsten
Tag war der Lausbub wieder da! Wie ein Hungriger verschlang ich Buch auf
Buch, als müßte ich mich für die langen Monate primitiven Lebens mit
einemmal entschädigen; wie Hans im Glück kam ich mir vor, wie ein
ausgeträumter böser Traum lag das Hantieren mit rußigen Kupferkesseln in
weiter Ferne. Es war so still und wohlig in den vornehmen Räumen! Und
die Bücher!! Wahllos las ich durcheinander, bald deutsch, bald englisch,
bald französisch; ja sogar die Schreckgespenster der Schulzeiten, die
Odyssee, der Cicero, waren Offenbarungen von Schönheit für den
Exkesselputzer, dem das Rumoren in den klassischen Sprachen, das
Bewußtsein der Bildung, wieder ein selbstbewußtes Rückgrat gab.
Praktisch gedacht, war's bodenlose Zeitverschwendung -- auf die Straßen
hinaus hätte der leichtsinnige Strick gehört, auf die Arbeitssuche hätte
er gehen müssen! Statt dessen fraß er ein Dutzend Romane im Tag, von der
Marlitt bis zum Sudermann, von den Indianern des guten Fennimore Cooper
bis zu den afrikanischen Geheimnissen Rider Haggards, mit einem Stück
Ilias und einem Kapitel Kant oder Schopenhauer dazwischen ... Eines der
Bücher, die am stärksten auf mich wirkten, waren sonderbarerweise die
Erlebnisse eines Opiumessers von Thomas de Quincey; nicht um der
Opiumträume willen, die mir manchmal sogar langweilig schienen, sondern
ob der unbeschreiblich schönen englischen Wortperlen. Ein gelehrter
Ästhet hatte da aus allen Sprachen der Welt Schönheiten geborgt und sie
kunstvoll hineingemengt in die Simplizität der einfachen englischen
Sprache; ohne gründliche Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen
wäre es unmöglich gewesen, das Buch zu verstehen. Und da war Kipling,
der Meister moderner englischer Schilderung, der in Worten malte und zum
Greifen deutlich darstellte; der Bilder von englischen Soldaten und
krasse Szenen indischen Lebens so in den Leser hineinzauberte, daß man
sich im Märchenland Indien heimisch fühlte, als hätte man von
Kindesbeinen an dort gelebt. Der englische Zauberer, der blaß und matt
wirkt, wenn man seine Wortkunst in andere Sprachen überträgt, ist mir,
bald bewußt, bald unbewußt, auf Jahre hinaus das Vorbild geblieben;
seine farbensprühenden Soldaten waren es, die mir die Sehnsucht
einimpften, so wie er Menschen hinzustellen, die lebendig dastanden vor
dem Leser und eine ganze Klasse, eine Berufsart, einen Typ mit allen
Eigentümlichkeiten verkörperten; so wie er Gegenden zu schildern, daß
man im lesen mit staunenden Augen Land und Leute vor sich sah, wie vor
einem Gemälde stehend.

Leichtsinn war's; unbeschreiblicher Leichtsinn, aber mir ist, als seien
die Tage in der Bibliothek von St. Louis Merksteine gewesen; Wegweiser
des Kismet, die Bruder Leichtfuß auf neue Wege führten.

Wie ein pfennigfuchsender Geizhals sparte ich, um die Freuden der Bücher
ja recht lange ausdehnen zu können; kochte mir selbst Kaffee des
Morgens, trank mittags ein Glas Milch, aß ein Brötchen irgendwo in der
Nähe der Bibliothek und kaufte abends ein wie ein guter Hausvater, um
dann auf dem winzigen eisernen Ofen zu kochen und zu braten. Gar oft
plagten mich freilich Gewissensbisse und ich nahm mir vor, am nächsten
Morgen aber ganz bestimmt die Wanderung in den Wolkenkratzern zu
beginnen. Kam jedoch dann der Morgen, so fand er mich sicher wieder vor
der Bibliothek, ums Portal schleichend wie die Katze um den heißen Brei!
Nur noch einen einzigen Tag! Nur ein paar Bücher noch lesen! Nur ein
wenig noch!! Mochte der Kuckuck die Sorgen holen -- denn da oben war's
ja so schön, so schön ...

»Aber wir schließen um drei Uhr -- jetzt gleich,« sagte lächelnd die
junge Dame am Büchertisch; »wissen Sie denn nicht, daß es heute
Weihnachtsabend ist, Sie unersättlicher Bücherwurm?«

Da schlich ich mich betrübt nach Hause, und weil mir die Bücher gar so
fehlten, gab mir ein Teufelchen den Gedanken ein, selbst etwas zu
schreiben. Ein gräßliches Machwerk wurde es; eine weinerliche Geschichte
von einem deutschen Leutnant, der, in bitterer Armut zum Hotel der Armen
und Elenden am Mississippiufer gesunken, nach einem fürchterlich langen
Monolog über den Jammer der Welt und die Scheusäligkeit der Dinge sich
im Schein des glühenden Ofens eine Kugel durch den gemarterten Kopf
schoß ... Und da dieses Verbrechen einer Skizze mich natürlich in die
schönste Jammerstimmung hineinbrachte, so bedauerte ich mich aus
tiefster Seele ob dieses einsamen Weihnachtsabends und schrieb zum
erstenmal seit langer Zeit einen langen Brief an meine Mutter. Einen
weinerlichen Brief -- den ich am Christmorgen schamrot in hundert Fetzen
zerriß mit dem Vorsatz, dann erst zu schreiben, wenn es mir gut gehen
würde. Meinen deutschen Leutnant aber kopierte ich fein säuberlich und
sandte ihn an die Redaktion der Westlichen Post, der großen deutschen
Tageszeitung von St. Louis.

                  *       *       *       *       *

Zitternd vor Aufregung saß ich auf dem wackeligen Stuhl neben dem
papierübersäten Redaktionstisch und starrte dem Lokalredakteur in das
runde Gesicht mit den boshaft funkelnden Äuglein.

»Ganz richtig!« sagte der Lokalredakteur. »Ich schrieb Ihnen, Sie
möchten vorsprechen. Also,« (er kramte unter den Papieren auf dem Tisch
und zog mein Manuskript hervor) »ich muß Sie vor allem darauf
aufmerksam machen, daß nach den Regeln des praktischen Lebens ein armer
Teufel, dem die Zehen aus den Stiefeln gucken und dem der Hunger im
Magen beißt, ein so wertvolles Besitztum wie einen Revolver nicht zum
Totschießen benützt. Er verkauft ihn, Verehrtester! Lassen Sie also
Ihren deutschen Leutnant zum mindesten zuerst sein Schießeisen aufessen
und hängen Sie ihn dann an einem Strick auf. Oder werfen Sie ihn in den
Mississippi; das ist auch ein schöner Tod! Waren Sie Offizier?«

»Nein.«

»Na, weshalb kaprizieren Sie sich dann auf Ihren Jammerlappen von
Leutnant? Weg mit ihm! Wissen Sie was -- wir wollen den selbstgemordeten
Unglücklichen noch einmal morden!« (Ritsch, ging der Rotstift über
meine schönen drei Seiten Einleitung.) »Und was quatscht der Mensch
alles zusammen!« (Ritsche, ratsche war mein langer Monolog beim
Kuckuck.) »So! Nun haben wir den Stall gefegt, Verehrtester, und was
übrig bleibt, ist die gute Schilderung eines Schlafhauses niederster
Klasse, die ich gerne bringen werde.«

Beinahe wäre ich umgefallen vor freudiger Überraschung --

»Nun wär' es mir aus besonderen Gründen lieb,« fuhr er fort, »wenn
Sie mir erzählen würden, was Sie in Malheurika eigentlich treiben!«

»... Hm,« grinste er endlich, »dieses Herumkugeln ist typisch. Es
geht den meisten so! Nun hören Sie: Unser zweiter Depeschenübersetzer
hat sich in der Sylvesternacht aus Glatteisgründen, ja, und sonstigen
Gründen, ein Bein gebrochen und wir brauchen jemand zur Aushilfe, bis
der arme Doktor Morgenstern wieder gesund ist. Wollen Sie es versuchen?
Ja? Das Honorar -- Honorar heißt Ehrensold -- beträgt zwölf Dollars
wöchentlich. Dann gehen Sie also mit Gott zu meinem lieben Freund und
Widersacher, dem Depeschenredakteur, grüßen Sie ihn von mir, und sagen
Sie ihm Bescheid. Da draußen -- rechts -- auf dem Gang! Guten Morgen,
Herr Kollege!«

Herr Kollege! He--err Ko--ll--ege! Fabelhaft! Zum Weinen schön!
Überglücklich stürmte der nagelneue Kollege hinaus auf den Gang und sah
in einer Art schmalen Verschlags von Glaswänden ein grauhaariges kleines
Männchen auf hohem Drehstuhl sitzen. Das Männchen putzte sich eben
umständlich eine große feuerrote Nase mit einem noch röteren Taschentuch
und stak im übrigen bis an die Ohren in einem wahren Berg von
seidendünnen Papierblättchen.

»Mein Name ist Carlé -- ich bin zur Aushilfe angestellt und soll mich
bei Ihnen melden!« sprudelte ich hervor.

»Sähr angenähm. Ich heeße Schulze, Doktor Schulze, Härr Kollege, und
bin ä gemiedlicher Sachse. Sind Sie Fachmann, Härr Kollege?«

»Nein, Herr Doktor!«

»Ach herrjemmerschnee, das is' aber ungemiedlich -- ich ersticke,
erstücke ja in düssem Berg von _Associated Press copy_. Fangen Sie nur
gleich an, Härr Kollege, es wird schon schiefgehen!«

Damit drückte er mir ein Bündel der seidendünnen Papierchen in die Hand
und führte mich ins Nebenzimmer an den verwaisten Tisch des Mannes mit
dem Beinbruch. Ein Herr, der an einem zweiten Tisch saß -- es war der
Polizeireporter -- stand auf, klappte die Hacken zusammen und stellte
sich vor: Pressenthin!

»Ein Härr Carlé, lieber Härr Referendar,« erläuterte das graue
Männchen, »der mür helfen würd, das vertrackte Zeug der Associated Preß
Luderchen in anständiges Deutsch zu bringen. Übersetzen Sü nach
Gutdünken, Härr Kollege -- lassen Sü den Mist weg und spinnen Sü die
besseren Sachen ein wänig aus. Fabrizieren Sü gute Überschriften und
heben Sü mir, bitte, die Originale auf. Nun, wür werden ja sehen!«

Mit brennendem Eifer machte ich mich an die Arbeit und fand, daß das
Übersetzen der mit der Schreibmaschine auf dünnes Seidenpapier
vervielfältigten Zeitungstelegramme kindereinfach war. Das erste
Telegramm schon war niedlich. Ein pathologisch anormaler Arzt in Chicago
hatte sich das merkwürdige Vergnügen geleistet, auf offener Madison
Street in Chicago am hellichten Tag alle Damen zu küssen, denen er
begegnete, und war natürlich eingesperrt worden. Während ich diese echt
amerikanische Sensationsnachricht übersetzte, fiel mir auch schon eine
Überschrift ein -- ein Heinezitat, das famos paßte: »Herr Doktor, sind
Sie des Teufels?« Ich fand die Spitzmarke so nett, daß ich vergnügt vor
mich hin kicherte. Nach einer halben Stunde kam der Depeschenredakteur
wieder:

»Lassen Sü einmal sehen, Härr Kollege. Ist das schon alles fertig?
Menschenskind, das gefällt mür. Häh! Hoh! Herr Doktor, sind Sie des
Teufels? Ausgezeichnet, _mi fili_; häh, gute Idee -- wir beide werden
schon miteinander auskommen!«

So war ich nun ein Rädchen in der großen Maschine der Tagespresse; ein
winzig kleines Rädchen freilich, ein krasser Rekrut in der Armee der
Männer von der Feder. Die Neuigkeitsdepeschen der Associated Preß, des
Wolff-Bureaus der Vereinigten Staaten, kamen natürlich in englischer
Sprache und mußten nicht nur in Deutsch übersetzt, sondern auch
bearbeitet werden. Denn im Original waren sie trocken wie Stroh und
sachlich wie ein Gothaischer Hofkalender. Die Associated Preß versorgte
Ihre Majestät die Presse mit nackten Tatsachen und nichts als Tatsachen.
In den ersten Tagen übersetzte ich glatt. Aber das graue Männchen mit
der komischen Nase war ein journalistisches Genie, ein Enthusiast, der
es meisterhaft verstand, in wenigen gelispelten Worten unschätzbare
Winke zu geben.

»Düs üst ein knochiges Skölett,« pflegte er zu lächeln. »Zaubern wür
dem Skölett ein bißchen Fleisch auf die Knochen! Presto! Eins, zwei,
drei -- die Geschüchte ist furchtbar einfach ...«

Und dann wattierte er eine magere Depesche mit einigen Sätzen fein
stilisierter Einleitung; machte mit einem geschickten Wort hier, mit
einem Schlaglicht dort die trockene Meldung interessant, ohne sich
jemals an der Wirklichkeit der Tatsachen zu vergreifen. Denn ein
Schuster müsse mit seiner Ahle umgehen können, und ein Journalist mit
den Raffiniertheiten der geschriebenen Sprache.

»Das üst grobes Handwerk, _mi fili_! Dü feinen Instromente des
Zeitungshandwerks aber stecken oben im Schädel, und um sie zu schleifen
muß man lesen -- zehntausendmal so vül lösen als man schreibt. Lesen
Sie, Mann, lesen Sü, wenn Sie nur können, und Sie werden dem alten
Depeschenmenschen noch einmal dankbar sein.«

Begeistert war ich von der Arbeit der Zeitung. Das kleine Zimmerchen bei
der Witwe Dougherty sah mich nur zur Schlafenszeit, denn die engen,
ungemütlichen, lärmerfüllten Redaktionsräume der Westlichen Post waren
mir ein Paradies, das unwiderstehlich lockte. Ich war der erste, der
morgens kam, und der letzte, der spät nachts ging. Wenn ich in der Frühe
das Redakteursexemplar durchstudierte und in richtiger Jungeneitelkeit
die Depeschen, die ich bearbeitet hatte, mit dem Rotstift anstrich, war
ich stolz wie ein König und fand bescheiden, daß doch ein gewaltig
großer Teil der Zeitung aus meiner Feder hervorgegangen war ... Und wenn
der gute alte sächsische Doktor brummte: »Sü machen sich -- Sü machen
sich, _mi fili_!« dann hätt' ich mit keinem Dollarkönig in keinem
Dollarwolkenkratzer getauscht. Ich glaube, ich war eitel wie ein Pfau,
wie es Bruder Leichtfuß ja sein mußte nach dem Riesensprung vom
Kesselputzer zum Redaktionstintenfaß -- und oft dachte ich mit jenem
Respekt, mit dem man an eingetroffene Prophezeiungen denkt, an die
Worte, die mir der alte Rektor des Gymnasiums von Burghausen einst ins
Dimissionszeugnis geschrieben hatte: »Die Leistungen dieses Schülers
hätten weit bessere sein können; hervorzuheben wäre nur eine gewisse
Gewandtheit im deutschen Aufsatz und sein Interesse für die englische
Sprache.« Hoh! Diese Gewandtheit und dieses Interesse brachte mir jetzt
zwölf Dollars in der Woche und Träume, die unter Brüdern
Hunderttausende wert waren. Und glückselige Briefe schrieb ich nach
Hause, so stolz, als sei meine Ernennung zum Chefredakteur nur eine
Frage höchst kurzer Zeit -- --

War der Lausbub lächerlich eitel, so war er mindestens ebenso neugierig
und dreimal so enthusiastisch. In dem Enthusiasmus rosenroter Jugend,
der über die schwierigsten Schwierigkeiten mit einem Hopla-hop
hinwegsetzt, weil er sie gar nicht erkennt! Jahre später hörte ich
einmal bei einem Klubdiner von Zeitungsmenschen in New York einen Toast
von Jakob Pulitzer, dem großen Zeitungsmann, der die Zirkulation seiner
Zeitung "World" in kaum einem Jahr auf eine halbe Million
hinaufgetrieben hatte und sich vor einigen Jahren erschoß, weil er unter
der Last seiner ungeheuren Pläne zu einem armen Nervenbündel geworden
war.

»Meine Herren -- es lebe die Jugend!« toastete Jakob Pulitzer. »Die
Jugend lebe; die tolle unverschämte Zeitungsjugend, meine Herren, die
voller Arbeitskraft ist und voller Begeisterung; die noch enthusiastisch
genug ist, um in einem Reporterstückchen ein welterschütterndes Ereignis
zu sehen! Geben Sie mir Jugend, meine Herren, die nichts Besseres
verlangt, als zwölf Stunden im Tag arbeiten zu dürfen, die nichts weiß
von Geld und Frauen und Lebenskunst, die darauf losstürmt und naiv
schildert, was sie sieht -- und ich zeige Ihnen den Weg zum großen
Zeitungserfolg. Männer von weiser Erfahrung als kommandierende Generäle
an der Spitze der Ressorts und tolle Jugend in Reih und Glied! Wir
lenken nur. Wir sichten. Die rohen Werte aber schafft die Jugend. Es
lebe die Zeitungsjugend, meine Herren!«

Mein Enthusiasmus kannte keine Grenzen. Es schien mir, als sei das alte
Sprichwort herumgedreht -- als müsse es heißen: Aller Anfang ist leicht!
Dem Jungen, der keine Verantwortung kannte und auf sie gepfiffen haben
würde, hätte er sie gekannt, der kaum die Anfangsgründe des Journalismus
kennen gelernt hatte, schien das Getriebe der Zeitung ein Spiel. Die
rasche Arbeit des Depeschenübersetzens ließ viel freie Zeit übrig, die
es mir erlaubte, dutzende und aberdutzende von englischen Zeitungen im
Tag zu lesen und nach Herzenslust umherzuschnüffeln. Überall pfuschte
ich hinein. Herr Pressenthin, mit dem Spitznamen Herr Referendar, den er
aus seiner deutschen Juristenzeit mit hinübergenommen hatte ins neue
Land, versah das wichtige Ressort der Polizeireportage und trieb sich
tagsüber auf der Polizei und in den Gerichten herum. Wenn er dann abends
kam, war der Hüne mit dem urgemütlichen sanftgeröteten Gesicht und den
biervergnügten Äuglein todunglücklich. Und wenn er endlich seine sieben
Bleistifte gespitzt und seine Notizen zurechtgelegt hatte, ließ er sich
vorerst eine Flasche Bier holen. Dann fing er an zu jammern:

»Ogottogottogottogott, das Leben ist schwer und zeitraubend --
ogottogott, was soll ich nun wieder schreiben über den Mist!!«

Fünf Minuten darauf hatte er sich sicher in irgend einer schauerlichen
Partizipialkonstruktion so festgerannt, daß er beinahe weinte! Mir war's
ja eine persönliche Ehrung, wenn ich nur arbeiten durfte, und so manche
gräßliche Polizeigeschichte hab' ich zusammengedichtet, während der gute
Referendar mit seiner Bierflasche auf und abging und mir die Tatsachen
diktierte. Dafür hatte er dann immer das gleiche Lob: »Menschenskind,
Sie sind gewandt wie ein Affe ...«

Und da war im Nebenraum ein schwindsüchtiger armer Teufel, ein stiller
junger Mensch, stets tief über den Zeichentisch gebeugt.

»Darf ich zusehen?« pflegte ich Herrn Westermann, den Zeichner, zu
fragen. »Aber es ist mir ja eine Ehre, Herr Kollege!«

Dann konnte ich stundenlang zusehen, wie die Stahlnadel Linien und
Schraffierungen in die Kreidefläche grub. Es war ein eigentümliches
Illustrationssystem, jetzt schon längst veraltet, glaube ich. Herr
Westermann zeichnete die Illustrationen der Tagesereignisse mit feinem
Stahlstift in mit harter Kreide dick ausgelegte Zinkplatten. Mit
fabelhafter Geschicklichkeit. Sobald der Stift die Zinkplatte erreichte,
(durch die Kreidelage durchkratzend) bedeutete das Auftauchen des grauen
Zinkuntergrundes den wirklichen Zeichenstrich, dick oder dünn, je
nachdem der Untergrund bloßgelegt wurde. Diese Kreideplatten, mit Blei
ausgegossen vom Stereotypeur, ergaben ein Negativ, das dann
stereotypiert und so im Druck zum Positiv ward.

Oder auf einmal schlug schrill der Feuertelegraph an, der die Redaktion
mit der Hauptfeuerwache verband -- eins, zwei, drei Schläge, Großfeuer
-- Pause, ein, zwei, sieben Schläge -- im 7. Distrikt. Ein Blick auf die
Feuerdistriktkarte, die an der Wand hing, und holtergepolter sauste ich
mit dem Feuerreporter und dem Zeichner die Treppe hinunter. Während der
Feuerreporter die wichtigen _facta_ zusammentrug, Brandursache,
Versicherungshöhe und dergleichen, stand ich nur und schaute, und
schrieb dann in fliegender Eile ein Bild des Geschauten nieder, um in
Seligkeiten zu schwelgen, wenn der Lokalredakteur meine
Federphotographie in Borgis durchschossen zum Setzen gab.

Das Glück erreichte seinen Höhepunkt, als ich nach den ersten Wochen auf
einmal fünfzehn Dollars Wochengehalt bekam und zu allerlei selbständigen
Reporteraufgaben in die großen deutschen Vereine und auf ihre Bälle
geschickt wurde, denn es war ja Faschingszeit. Man wurde feierlich
empfangen auf solchen Bällen! Die Ehrenkarte der Westlichen Post war ein
Talisman, der ganz mechanisch die schönsten Verbeugungen der Herren
Vereinsvorstände produzierte, Vorstellungen nach links und rechts,
Liebenswürdigkeiten von jungen Damen, und -- vor allem eine sauber
ausgeschriebene Liste der "prominenten" Teilnehmer, damit der Herr
Doktor (ich!) von der Westlichen Post auch ja niemand vergaß. Und der
Herr Doktor wurde stets zu Sekt eingeladen --

Klar und scharf traten auf den Bällen und Festlichkeiten von
Turnvereinen und Liedertafeln die Eigentümlichkeiten des
Deutschamerikanertums hervor. Der sonderbare Kampf zwischen alter
Anhänglichkeit an die Heimat und dem Anpassenmüssen an das neue Land.
Zum allergrößten Teil waren die St. Louis'er Deutschen der wohlhabenden
Kreise schon längst amerikanische Bürger geworden und behalfen sich, so
gut es eben ging, mit dem alten Deutschamerikanermotto:

»Unser Deutschland ist uns die Mutter, zu lieben und zu ehren; das Land
des Sternenbanners ist uns die Frau, mit der man durch dick und dünn
geht ...«

Sie pflegten deutschen Sang und deutsche Gemütlichkeit, tranken
deutsches Bier und importierten deutsche Kartoffeln aus den Vierlanden,
weil sie doch anders schmeckten als die wässerigen amerikanischen
Gewächse. Sie wetterten gegen das verdammte Muckertum und die
Weiberwirtschaft in der amerikanischen Gesellschaft, und arbeiteten mit
Geld und Einfluß gegen die frömmelnde Sonntagsheiligung, die Theater und
Restaurants am Sonntag hermetisch verschloß. Aber sie zersplitterten
sich auch in Kleinigkeiten der Vereinsmeierei und persönlichen
Eifersüchteleien; zersplitterten sich so, daß die ungeheure politische
Macht, die das Deutschtum von St. Louis bedeutete, niemals geschlossen
in die Wagschale geworfen werden konnte. Deutsch fühlten sie sich auf
ihren Festen. Im Alltagsleben aber hatte das Muß der Dollarjagd, die
Formlosigkeit, die Hast, das Vorwärtspeitschen des "amerikanischen"
Geschäftsmannes sie in den Krallen. So naiv ich war, so lachte ich doch,
als mir ein merkwürdiger deutscher Herr, der mir als sehr reich und
"prominent" geschildert worden war, auf solch einem Ball einmal sagte:

»Es ist 'was Schönes um die deutsche Gemütlichkeit, aber beim Dollar
hört die Gemütlichkeit auf. Mei' Sohn lacht, wenn ich will, daß er
deutsch sprechen soll, und sagt er könn' kei' _money_ machen mit dem
Deutschreden!«

Selbst auf den deutschen Bällen sprach ja das junge Volk nur Englisch
und redete höchstens mit den Eltern ein barbarisches Gemisch von Deutsch
und Englisch:

»_Poppa_ (Papa) gib mir ein wenig _small change_ (Kleingeld); ich mecht
mir ein _ticket_ (Karte, in diesem Fall: Los) für die _lottery_ kaufe!
Es gibt schene _prizes_ von _valuable_ (wertvolle) Gegenstände --«

Und ebenso barbarisch mahnte die brave Mama, während der Papa das
Kleingeld aus der Hosentasche zog: »Geh nur, mein Kind; aber tanz' mer
net zu _much_« (viel), »damit du mir keine Kohld ketsche tust!« (_to
catch cold_ -- sich eine Erkältung zuziehen.) Und eine bildhübsche junge
Dame sagte mir einmal als höchstes Kompliment: »Sie sehen wirklich gar
nimmer deutsch aus!«

Ausnahmen waren da; starke, selbstbewußte deutsche Männer. Die Mehrzahl
aber lebten in einem sonderbaren Zwiespalt völkischer Gefühle -- bald
deutsch empfindend, bald von der sonderbaren Angst gepackt, vom
Vollblutamerikanertum als nicht ganz gleichwertig angesehen zu werden.
Sie kreuzten die deutsche Flagge und das amerikanische Banner in ihren
Vereinssälen und wußten nicht, sollten sie nun links schielen oder
rechts, sollten sie nun Deutschland, Deutschland über Alles singen oder
Heil dir, Amerika! Sie waren manchmal ein ganz klein wenig komisch und
wirkten sonderbar in ihrer Zwiespältigkeit in kleinen Dingen. Und
dennoch hatte dieses amerikanische Deutschtum einen gewaltig großen Zug,
der hoch über allen Eigentümlichkeiten stand: Den ehrlichen Instinkt des
deutschen Mannes, der sich die Finger sauber hielt von den
Geldschwindeleien und der schmutzigen Wühlarbeit der Stadtpolitik, der
seine Frau ehrte, ohne sie zum Luxusspielzeug zu machen wie sein
amerikanischer Nachbar -- der nur einen greulichen Fluch übrig hatte für
die Salbung und den Sonntagsschwindel amerikanischer Pfaffen. Und immer
stärker wird das Rückgrat der deutschen Männer in Amerika, je stärker
das Reich wird; immer größer die Zahl der Deutschen, die in den
Vereinigten Staaten tüchtige Arbeit leisten und doch stolz Deutsche
bleiben. Die es nicht so wie früher für richtig halten, nach sechs
Monaten in Dollarika vors Gericht zu laufen und die berühmte Formel der
Bürgererklärung zu schwören:

»Ich erkläre es unter Eid als meine Absicht, Bürger der Vereinigten
Staaten von Nordamerika werden zu wollen, und sage allen europäischen
Königen und Prinzen und Potentaten die Treue ab, insonderheit dem
deutschen Kaiser ...«

Bruder Leichtfuß lernte sehr viel in jenen Tagen, ohne es auch nur im
geringsten zu wissen. Gedankenlos, so wie ein Kind an der Milchflasche
saugt, sog er allerlei wertvolles Wissen in sich ein. Er schnüffelte bei
den Setzmaschinen herum und lernte es, das Negativ gesetzter Lettern zu
lesen; er gewöhnte sich an die Schriftarten und ihre Namen; er trieb
sich in der Stereotypie umher. Der alte Chefredakteur Pretorius der
Westlichen Post, der einst Gouverneur von Missouri gewesen war, und auf
dessen Stimme heute noch das offizielle Amerika horchte, gab in seinen
kurzen Leitartikeln ein wunderbares Beispiel von Knappheit und Klarheit
-- der Depeschenredakteur lehrte mich flüssigen Stil und brachte mich
dahin, zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem unterscheiden zu können
-- der Lokalredakteur predigte immer wieder:

»Lernen Sie sehen! Wo Sie auch noch hinkugeln mögen in Ihrem jungen
Leben und was Sie auch noch anfangen mögen mit sich, lernen Sie sehen!
Es wird Ihnen unbeschreiblich nützen. Aus dem Sehen von Einzelheiten
erst erwirbt man sich den Blick für den großen Zug des Ganzen. Aus der
Gabe, scharf zu sehen, erwächst das Können -- für den Zeitungsmann und
überall im Leben. An diesem Schreibtisch hier saß einst ein Mann, der
einer der größten war in dieser Kunst: Karl Schurz. Jawohl, Karl Schurz
war einst Chefredakteur der Westlichen Post und ist heute noch Aktionär.
Er, der Deutsche, der es in Amerika zum Minister brachte, konnte sehen,
und deshalb konnte er mit unbeschreiblicher Schönheit schildern -- weil
er in Bildern schrieb und sprach, riß er die Masse mit sich und schritt
von Sieg zu Sieg in der Politik. Sehen lernen! Aus den feinen Strichen
vieler Einzelheiten entsteht das große Federbild!«

Vor allem aber kristallisierte sich mir aus dem täglichen Lesen
unzähliger amerikanischer Zeitungen und Zeitschriften in ganz
mechanischem und instinktivem Erfassen ein scharfes Bild amerikanischer
Dinge heraus. Die Kämpfe, die Ziele der beiden großen politischen
Parteien des Landes. Das Getriebe des Tages. Tausend beleuchtende
Einzelheiten über Frauen, über Gesellschaft, über Sitten. Dann
technische Dinge: Die Raffiniertheit der Überschriften, die
Federschilderungen in Sensationsprozessen, die ein prachtvolles Beispiel
dafür waren, wie aus einer Unzahl von kleinen Bilderchen der große
Eindruck geschaffen werden konnte. Ein unbewußtes Lernen war es. Ein
Gezwungenwerden zum Denken, zum Mitbeobachten des sausenden Rades der
Zeitereignisse. Und dann war da das naive Bewußtsein des jungen
Menschen, daß hinter ihm die Macht der großen Zeitung stand. Das gab
merkwürdiges Selbstvertrauen! Die Visitenkarte mit der Bemerkung links
unten in der Ecke »_on the editorial staff of the Westliche Post_«
öffnete alle offiziellen Türen, und bei Erkundigungen im Rathaus oder
bei der Polizei wurde man mit unbeschreiblicher Liebenswürdigkeit
behandelt. Der Amerikaner weiß die Macht der Presse zu schätzen.

Mir ist die Geschicklichkeit unvergeßlich, mit der der Polizeichef
von St. Louis mich einmal in seinen Dienst einspannte. Vom
Polizeihauptquartier war telephoniert worden, man möchte einen Redakteur
senden, und da Pressenthin auf irgend einer Gerichtsverhandlung war,
mußte ich hingehen.

»Sie sprechen ja englisch, als seien Sie im Lande geboren,« sagte der
Mann mit dem kurzgeschorenen Schnurrbart und den scharfen grauen Augen,
als ich mich mit einigen Worten vorgestellt hatte. »Ich freue mich
stets, wenn ich immer wieder sehe, mit welchem Talent gebildete junge
Deutsche sich in unsere Sprache und unsere Art einarbeiten. Rauchen
Sie?« (Der Polizeichef bot mir eine Zigarre an.) »Es ist mein Prinzip,
den Herren von der Presse gegenüber stets ohne Rückhalt zu sprechen,
damit der jeweilige Fall klar daliegt. Ich werde Ihnen also alles über
den Fall mitteilen, was ich selbst weiß, unter der Voraussetzung, daß
Sie solche Einzelheiten unterdrücken, bei denen ich dies besonders
bemerke. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja, gerne.«

»Es handelt sich um einen Mord, und zwar um einen besonders für Ihr
Blatt interessanten Fall. Heute früh um fünf Uhr wurde im Hause Nummer
763 der Sunbury Avenue (das ist eine unserer elegantesten Villenstraßen,
wie Sie ja wissen werden) um Hilfe gerufen. Der Polizist auf Patrouille
eilte herbei und fand ein händeringendes Dienstmädchen, die ihn in den
ersten Stock führte. Das Haus ist eine kleine Villa. Dort lag in einem
Schlafzimmer eine alte Dame erschossen auf blutüberströmtem Fußboden.
Ich wurde aus dem Bett geholt und war um 5½ Uhr mit meinen Detektiven
an Ort und Stelle. Folgendes sind die ermittelten Tatsachen: Das Haus
gehört einem Herrn Nolden, einem Deutschamerikaner, Kassier der
Schlitzschen Brauerei. Mister Nolden befindet sich augenblicklich auf
einer Geschäftsreise im Süden. Die Erschossene war seine Frau. Eine
Waffe wurde nicht gefunden, und alle Anzeichen deuten auf Mord, dem ein
Kampf vorhergegangen sein muß, da die Möbel in Unordnung und die
Teppiche verschoben waren. Auf dem Fußboden fanden wir einen
ausgerissenen Knopf mit einem Stückchen Zeug noch daranhängend; einen
Knopf von einem hellbraunen Mantel. Fußabdrücke eines Männerfußes wurden
ebenfalls gefunden, jedoch nur auf der Treppe und auf einer Stelle des
Vorplatzes. Die Schußwunde rührt wahrscheinlich von einem 32kalibrigen
Revolver her. Nun liegt, da außer dem Dienstmädchen und Frau Nolden
niemand im Hause war und Spuren gewaltsamen Eindringens sich weder an
den Fenstern noch an den Türen finden ließen, die Annahme nahe, daß das
Dienstmädchen einen Liebhaber ins Haus gelassen hat, und daß dieser den
Mord mit oder ohne ihr Wissen verübte. Wir haben das Dienstmädchen nicht
verhaftet, sie wird jedoch bewacht, um den Mörder abzufassen, wenn er
sich ihr nähern sollte. Bitte bringen Sie über das Dienstmädchen gar
nichts. Oder nein, deuten Sie so ein bißchen geheimnisvoll an, daß der
Chef der Polizei selbst sie zwei Stunden verhörte und daß das Mädchen
nicht verhaftet worden sei. Sie ist Irländerin, hübsch, sehr hübsch. So
aufgeregt über das furchtbare Unglück, daß sie kaum vernehmbar war.
Wahrscheinlich finden wir durch sie den Schlüssel zum Verbrechen. -- Nun
danke ich Ihnen bestens. Ich habe bereits Detailangaben für Sie
zusammenstellen lassen, -- hier bitte,« (er reichte mir ein paar Bogen
mit Maschinenschrift bedeckt). »Alles Wissenswerte. Genaue
Örtlichkeitsbeschreibung und so weiter. Vielen Dank!«

Ich eilte auf die Redaktion und schrieb und schrieb, während der
Lokalredakteur selbst in die Sunbury Avenue fuhr, ohne etwas Neues
herauszubekommen. Schon war alles gesetzt, als spät abends ein Polizist
eine eilige Mitteilung vom Hauptquartier brachte:

»Der Mörder von Frau Nolden ist heute nachmittag vom Polizeichef und
dem Detektivsergeanten O'Hara verhaftet worden. Das Dienstmädchen Lizzie
Roberts, die Geliebte des Mörders, ist Mitschuldige. Der Mörder heißt
Patrick Rafferty und ist Kellner. Die Verhaftung wurde in seiner Wohnung
Doverstreet 73 vorgenommen. Sie dürfen verwenden, was ich heute früh
über das Dienstmädchen sagte.«

Telephonisch bekam ich noch nähere Einzelheiten über die Verhaftung und
beutete dann das Interview mit dem Chef der Polizei weidlich aus ...

»_By Jove_,« sagte der Lokalredakteur, als ich begeistert die
Liebenswürdigkeit des Polizeimannes pries, »Sie sind ein unschuldiges
Schaf!«

»Aber wieso denn --«

»Weil Sie nichts merken. Weil dieser geriebene Kapitän Green niemals
liebenswürdig ist, wenn er nicht die besten Gründe hat. Sehen Sie, in
vier Wochen sind die Wahlen. Er selbst steht und fällt mit seiner
Partei, der im Rathaus herrschenden Partei, die sich in den Wahlausrufen
besonders ihrer guten Polizeiorganisation rühmt. Der Polizeichef braucht
Reklame gerade jetzt!! Verstehen Sie? ~Er~ hat alles geleitet, alles
gemacht, alles verhaftet!!! Und ich wette meinen Kopf, Sie
Unschuldslamm, daß er, als er mit Ihnen sprach, schon längst von Patrick
Rafferty wußte und nur die Spannung vergrößern wollte. Kapieren Sie?
Aber die Geschichte macht sich gut -- und so mag es ihm hingehen.
Hierzulande wie anderwärts ist man der Presse gegenüber nur dann
liebenswürdig, wenn man etwas von ihr haben will, mein junger Freund!«

                  *       *       *       *       *

Ich war gerade in eifriger Arbeit an einer langen Depesche. Da trat der
Lokalredakteur ein -- und mit ihm ein dicker Herr, der ein wenig hinkte.
Eine fürchterliche Ahnung stieg in mir auf ...

»Guten Morgen, Doktor Morgenstern!« rief Pressenthin. »Gratuliere zur
Wiederherstellung! Nun erzählen Sie uns einmal aufrichtig: War es der
Punsch oder war's wirklich das Glatteis?«

»Beides -- beides, Sie neugieriger Polizeimensch,« lachte der dicke
Herr.

Während ich eine Verbeugung machte und vorgestellt wurde, wünschte ich
dem Dicken aus tiefster Seele Pest, Cholera und einen zweiten Beinbruch
an den Hals, diesem fetten Engel, der mich armen Teufel aus dem Paradies
vertrieb. Ein Gesicht muß ich gemacht haben wie der sprichwörtliche
Lohgerber, dem die Felle fortgeschwommen sind!

Das war das Ende; ein klägliches Ende, so schien es mir, der zwei Monate
des Glücks. Ein trockenes geschäftliches Ende. Eine Gratifikation von
fünfundzwanzig Dollars bekam ich als besondere Anerkennung. Und bei der
nächsten Gelegenheit würde ich im Redaktionsstab angestellt werden --
und ich solle mich recht oft sehen lassen ...

Als ich aus der Redaktion auf die Straße trat, kam ich mir vor wie ein
Ausgestoßener. Wie einer, dem Sankt Petrus die Tür zum Himmelreich vor
der Nase zugeschlagen hat. Schleunigst lief ich in meine geliebte
Bibliothek. Aber die Bücher kamen mir schal vor und die Stille in den
Sälen bedrückend, und ich glaube, am liebsten hätte ich geheult damals.
Welch' ein Esel Bruder Leichtfuß doch war -- welch' ein unbeschreiblich
törichter dickköpfiger Junge! Empfindlich wie ein Goldschlägerhäutchen
und unpraktisch wie ein Pensionsbackfisch trotz aller Lebensschneid und
aller harten Erfahrungen.

So klar lag der Weg da. So einfach wäre alles gewesen! Die guten
Menschen auf der Westlichen Post hätten mich, war doch einer
liebenswürdiger als der andere, dahin und dorthin protegiert und mir
ohne Zweifel im St. Louis'er Deutschtum Stellung verschafft, und im
Laufe der Zeiten wäre ich wohlbestallter Redakteur einer großen Zeitung
geworden. Ein sonnenklarer Weg!

Es mag Kismet gewesen sein, daß ich mich furchtbar genierte bei den
wenigen Besuchen, die ich noch auf der Redaktion machte; daß eine
merkwürdige Unruhe und Unzufriedenheit über mich kam. Für einen Narren
hätte mich jeder vernünftige Mensch gehalten -- denn eines Abends stieg
ich im Bahnhof von St. Louis in den Durchgangsexpreß nach San Franzisko,
ohne im geringsten zu wissen, was ich in San Franzisko eigentlich
wollte!

Reisefieber war es. Tolles Vorwärtsrollen. Unbewußtes Denken an Billy
und an unsere Pläne von damals. Der Entschluß zu der Reise von Tausenden
Kilometern war in fünf Minuten gefaßt worden; etwas mehr Zeit kostete
die Entscheidung: sollte ich heimlich auf Plattformen fahren oder brav
bürgerlich bezahlen? Nein, bezahlen! Das Vagabundenreisen von damals
hatte seinen romantischen Reiz verloren, denn tausendmal reizvoller war
ja die Romantik der Arbeit.



Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.

     Wohin Zukunftssorgen gehören. -- Ein logisches Selbstgespräch.
     -- Das Land der Sonne. -- Blühende Obstwälder. -- Ankunft in San
     Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und verlorener
     Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur. -- Der
     tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionärssohn energisch
     wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den Kabeljaus. -- Eine
     Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht, lacht am besten!


Wieder bewährte sich glänzend mein schönes Talent, die Sorgen der
Zukunft dorthin zu verweisen, wohin sie von Rechts wegen gehörten -- in
die Zukunft! Flüchtig drängte sich mir zwar der Gedanke auf, daß es weit
schöner und angenehmer gewesen wäre, hätte ich mehr Geld gehabt.
Fünfzehn Dollars etwa besaß ich noch, als ich den Fahrschein bezahlt
hatte.

»Kannst du es ändern?« fragte ich mich.

»Nein!«

»Nach San Franzisko willst du aber?«

»Ja!«

»Na, also.«

»Und was willst du in San Franzisko anfangen?« fragte ein inneres
Stimmchen.

»Wie kann ich das jetzt schon wissen!« gab ein anderes inneres
Stimmchen anscheinend logisch zur Antwort.

Somit war die Angelegenheit zur schönsten Selbstzufriedenheit erledigt.
Friedlich schlief ich in den weichen Polstern die ganze Nacht hindurch
und blinzelte am nächsten Morgen vergnügt in die weiten Kansasebenen
hinaus. In Colorado nickte ich bekannten Stationen vergnügt zu. Billy
und Joe und ich waren da auf der Fahrt nach Osten durchgesaust. Das
Felsengebirge fand ich prachtvoll (vom Speisewagen aus) -- über die
Mormonen unterhielt ich mich während der Fahrt durch Utah ausgezeichnet
mit einer jungen Dame, die sich sehr entrüstet über die umfassende
Heiraterei des Mormonentums aussprach und dabei energisch flirtete --
Nevada verschlief ich zum größten Teil. Dann fuhren wir stundenlang in
Tunnels, den riesigen Schneehütten der Sierra Nevada, die viele Meilen
lang den Schienenstrang überdecken, um ihn vor Schneewehen und Lawinen
zu schützen. Und dann tauchte wie durch Zauberschlag ein
sonnenglänzendes Frühlingsland aus dem Dunkel auf. Saftiges Grün
überall. Wälder von Obstbäumen unter tiefblauem Himmel, übersät in
unbeschreiblicher Pracht mit feinzarten Blüten, schimmernd von
schneeigem Weiß zu silberigen und hellrosa Tönen, strahlend in warmem
Sonnenschein. Kalifornien, das Märchenland des Goldes. Das Land der
Sonne und der Schönheit.

Stunden von Märchenfahrt im Sonnenland. Dörfer, Städte. Und endlich das
Brausen und der Lärm der Königin des Westens, ein Auftauchen von
tiefblauen Meeresfluten, ein Dahinschwimmen auf riesigem Fährboot, das
im Städtchen Oakland, dem kleinen Bruder der glänzenden Schwesterstadt
drüben über der Bai, den ganzen Eisenbahnzug aufnimmt und über die
Wasser hinüberträgt nach San Franzisko; eine gewaltige Bahnhofshalle --
ein Gewühl von Menschen ...

                  *       *       *       *       *

Da lachte ich vergnügt vor mich hin, wie einer lacht, der seinen Willen
durchgesetzt hat, und schritt in den Wirrwarr hinein. Noch interessierte
mich das Leben und Treiben um mich her wenig. Denn Bruder Leichtfuß war
praktisch geworden und gedachte sich, so wie er's in St. Louis getan
hatte, vor allem die vier eigenen Wände zu sichern. Es fiel ihm gar
nicht ein, nach Weg und Richtung zu fragen. Da wo der Lärm am größten
war, wo die Geschäfte sich häuften, wo die Menschen sich am meisten
drängten, da durfte man nur rechts oder links abbiegen und fand
sicherlich in Nebengäßchen die Pappschilder mit der lakonischen Legende
vom zu vermietenden Zimmer. Im geschäftigsten Teil der Stadt hausen ja
immer die Junggesellen. So war es in St. Louis, so ist es überall auf
der Welt, so war es auch hier. In einem Sträßchen, eingekeilt zwischen
der Hafengegend und der glanzvollen Hauptstraße, der Market Street, fand
ich bald ein Zimmer, klein, schäbig, aber mit prachtvollem Blick auf die
Bai. Die sieben Dollars, die es im Monat kosten sollte, zahlte ich
sofort im voraus und hörte geduldig zu, wie Madame Legrange, die Dame
des Hauses, mir erzählte, San Franzisko sei eine Perle (so schön
freilich nicht wie Paris), und sie sei eine Französin (»_ah, la belle
France, monsieur!_«) und Mieter, die monatlich im voraus bezahlten,
könnten auf ihre besonderen _égards_ zählen, und sie sei auch einmal
jung und schön gewesen. Das mußte aber schon lange her sein!

Und jetzt hinaus zur Königin des Westens! Vier Stufen auf einmal nehmend
in Eile und Neugierde (es war Abend geworden über dem Auspacken und dem
Baden) rannte ich die steile Treppe hinab und -- --

»_Hopla -- confound it!_« sagte ich.

»_Hopla -- oh, the devil!_« sagte er.

Gleichzeitig betrachteten wir verblüfft eine Blechkanne, die polternd
die Treppe hinabrollte, in dem offenbaren Bestreben, auch die wenigen
Tropfen Bier, die noch in ihr waren, im Rollen loszuwerden. Er saß unten
auf einer Treppenstufe, ich oben. Zwischen uns breitete sich ein
Miniatursee von Bier und Schaum. "Er" war ein eleganter junger Mensch
mit einem prachtvoll energischen Gesicht.

»_The devil!_« sagte ich.

»_Confound it!_« sagte er.

»Entschuldigen Sie meine Ungeschicklichkeit,« bat ich.

»Aber es ist ja nicht der Rede wert,« versicherte er.

Endlich einigten wir uns dahin, zusammen frisches Bier zu holen an der
Ecke und es zusammen auszutrinken -- eine wahrhaft salomonische Lösung.
"Er" gefiel mir vom ersten Augenblick an mit seiner frischen flotten Art
und seinem kinderlustigen Lachen. Während wir oben auf seinem Zimmerchen
saßen, ich auf dem einzigen wackeligen Stuhl, er auf einem wunderschönen
schweren Lederkoffer, wurden wir, im Handumdrehen fast, vergnügt und
offenherzig wie alte Freunde.

»Der Koffer ist famos, heh?« lachte er, als er meine bewundernden
Blicke sah. »Er tut mir leid!«

»Weshalb denn?«

»Weil ich ihn über kurz oder lang einmal aufessen werde!«

Da war unter schallendem Gelächter das Eis gebrochen. Mitten im Erzählen
waren wir in einer Viertelstunde. Mein neuer Freund hieß Frank
Reddington. Reddington Junior eigentlich ...

Wie er so dasaß, schlank, sehnig, Rasse in jeder Linie, die Hände um die
Knie verschränkt, ein Lachen um die Mundwinkel, Lachen in den Augen,
hätte sich jedes Mädel in ihn verliebt.

»Zug um Zug!« lächelte er. »Zuerst ich. Also die Sache ist so: Zuerst
fing der Gouverneur (_governor_ oder auch _pater_ nannte er seinen
Vater) melodisch an zu brummen. Nach dem Empfang gewisser Rechnungen --
sie waren allerdings sündhaft, wie ich zu des Gouverneurs Entschuldigung
bemerken muß -- stimmte er einen gellenden indianischen Kriegsgesang an
und telegraphierte mir so unerhört grobe Telegramme, daß ich mich vor
den Telegraphenboten genierte. Sie rochen direkt nach Schwefel.
Endlich, als das Professorenkollegium der Universität Harvard mich aus
dem Tempel hinausjagte (diese gelehrten Herren haben so wenig Humor),
wurde der Gouverneur tobsüchtig. _Well_, ich wurde also 'rausgeschmissen
und fuhr prompt ins liebe Vaterhaus nach New York. Die _mater_ war
todunglücklich --

»Du sollst sofort nach der Bank kommen. Ach, _Franky dear_, was bist du
für ein schlimmer Junge!«

Das fing gut an. Mir war elend zumute, das kann ich Ihnen sagen. In der
Bank (der Gouverneur ist Präsident der _First National Bank_ von _New
York_) machte der Kassier ein Gesicht, als sei ich eine
verabscheuungswürdige Kreuzspinne, und führte mich ins Privatkontor.

»Nimm Platz,« sagte der Gouverneur. »Nach meinen Informationen aus
Harvard hast du dich betragen wie ein Hanswurst! _Well, sir_, was hast
du zu deinen Gunsten anzuführen?«

Ich hm--hmte. Was soll man auch in solchen Fällen sagen!

»Nichts -- nichts -- gar nichts gearbeitet. Fußball gespielt. (Für den
Betrag deiner Rechnungen der Sportfirma ernährt ein Arbeiter seine
Familie!) Schulden gemacht links und rechts! Dumme Jungenstreiche! Was
war das eigentlich mit dieser letzten Geschichte?«

Ja, diese letzte Geschichte!

Der Schlußkladderadatsch basierte auf einem Hundeschwanz, an den ein
gewisser _Franky dear_ eine geschickte Auswahl von Feuerwerkskörpern
angebunden hatte. Nun frage ich Sie: Was konnte ich dafür, daß der
dazugehörige Hund dem Professor der Physik gehörte und die wahnsinnige
Idee hatte, zu seinem Herrn in die Physikklasse zu rennen -- mitsamt
Schwanz, Knallfröschen und Donnerschlägen! Dabei war das Hündchen
nervös, begreiflicherweise, und rannte in dreieinhalb Sekunden für
mehrere hundert Dollars physikalische Instrumente über den Haufen. Lange
soll es nicht gedauert haben. Aber so lange es dauerte, war das Tempo
dieser Vorstellung ungewöhnlich flott! Und dabei hatte ich doch rein
erzieherische Absichten verfolgt, denn wenn Moppelinus sich heimtückisch
in ein Studentenzimmer schleicht und einen nagelneuen Flanellanzug
schändet, so muß Moppelinus bestraft werden! _Well_, der Gouverneur
lachte nicht einmal. Ich sei der Schandfleck einer sonst ehrbaren
Familie. Aus den einzelnen Posten von Faulheit, Leichtsinn und Frechheit
ergebe sich als Gesamtbilanz ein hoffnungsloser Taugenichts. Ich solle
mich gefälligst zum Teufel scheren, und zwar sofort, augenblicklich,
ohne Zeitverlust. (Wahrscheinlich war irgend eine Lieblingsaktie des
_pater_ auf der Börse bös gezwickt geworden, denn er schien in einer
Schandlaune.)

»Ich finde es entschieden langweilig, Vater eines Sohnes zu sein!«
sagte er dann ganz gemütlich. »Dieses -- dieses Zeug,« dabei deutete
er auf einen Stapel Rechnungen, »werde ich regulieren. Im übrigen
handelt es sich nicht um Geld, sondern um ein Prinzip. Du wirst
arbeiten, _sir_. Mein Privatsekretär wird dir deine Instruktionen
erteilen. Vorläufig wünsche ich dich nicht mehr zu sehen.«

Der Privatsekretär im Vorzimmer grinste und überreichte mir
maschinengeschriebene Befehle. Sehr präzise. Sofort nach Chicago fahren
und sich bei dem Präsidenten der Illinois Central Eisenbahn melden (in
deren Aufsichtsrat der _pater_ saß). Dort angestellt werden im
Hauptbureau -- mit acht Dollars Wochengehalt.

Da fuhr mir der Ärger in die Glieder: »Wissen Sie, was?« sagte ich.
»Melden Sie dem Gouverneur, daß ich seinen Standpunkt für durchaus
richtig hielte und zu arbeiten gedächte. Aber ohne seine verdammte
Protektion! Mitteilungen über meinen Aufenthaltsort werde ich Ihnen von
Zeit zu Zeit zugehen lassen, und Sie werden dem Gouverneur darüber
berichten. _Good morning, sir!_«

Der Privatsekretär fiel beinahe in Ohnmacht.

Du dreifacher Narr! sagte ich mir, als ich auf der Straße stand. Aber
nun hast du einmal A gesagt und mußt auch B sagen. Um eine lange
Geschichte kurz zu machen -- in sechs Tagen war ich in Frisco (die
goldene Uhr und die Schmucksachen und die überflüssige Garderobe hatten
ein nettes Sümmchen gebracht) und bezog die Universität von Kalifornien.
Um jeden Preis fertig studieren, gerade weil der Gouverneur es anders
wollte! Für das laufende Semester reichte das Geld. _Well_, und in den
Ferien wurde ich Kellner -- ein scheußliches Geschäft -- und dann wohnte
ich billig und schrieb Kolleghefte ab für Söhnchen, die überflüssiges
Geld hatten, und gab Privatstunden im Boxen. Gearbeitet hab' ich wie ein
Pferd, und Spaß hat es mir gemacht. Im nächsten Semester kommt das
Schlußexamen, das ich zweifellos bestehen werde, und dann telegraphiere
ich dem Gouverneur, er könne jetzt das Kalb schlachten lassen für den
verlorenen Sohn. Jawohl -- nach den ersten sechs Monaten hat mir
Higgins, das ist der Privatsekretär, gedrahtet, ich sei ein Narr, und
der Kassier sei angewiesen, meine Schecks zu honorieren. Ich hab' aber
gedankt. Zuerst muß der Gouverneur den nötigen Respekt vor mir bekommen,
damit wir eine gemütliche Verkehrsbasis haben!«

Da kam mir mein eigenes Erleben blaß und ärmlich vor --

Aber auch ich fing an zu erzählen, und Frank Reddington wollte sich
ausschütten vor nimmerendendem Gelächter über die Familienähnlichkeit
zwischen den Professoren seiner Harvard Universität und den
Schulmeistern meiner Gymnasien. Sie ermangelten ja so gänzlich des
Humors! Hüben wie drüben!! Als ich von Billy und den Tollheiten des
Schienenstrangs berichtete, murmelte er ein über das andere Mal: »_By
Jove_; das probier' ich auch noch!« -- und über die Westliche Post riß
er die Augen weit auf ...

»_The devil!_ Das haben Sie aber dumm angestellt, _my dear boy_! Dort
bleiben hätten Sie sollen! Hinhängen hätten Sie sich müssen an die
gesegnete Zeitung wie ein hungriger Floh an ein fettes Hündlein!!«

Bis spät in die Nacht hinein saßen wir zusammen. Und als wir uns nach
einer letzten Zigarette trennten, sagte Frank:

»Sie und ich -- ich und Sie ... wir passen zusammen wie Zwillinge. Was
für ein närrischer Geselle der Zufall doch ist! Schwarze Schafe und
verlorene Söhne alle beide -- aber noch immer sehr lebendig. Hei -- oh!
Sie kein Geld und ich kein Geld! Und gestern haben die Ferien
angefangen! _That's a good thing!_ Wissen Sie was? -- Fahren wir Tandem!
Spannen wir uns zusammen ins Joch! Jagen wir gemeinschaftlich den
verrückten runden Dingerchen nach, die man in diesem gesegneten Land
Dollars nennt -- wollen Sie?«

Ob ich wollte!!!

Frühmorgens riß jemand meine Zimmertür auf und eine Stimme schrie. »Auf
in den Kampf, Torero! 'raus mit Ihnen, Bruder -- der Gott der Arbeit
pfeift den verlorenen Söhnen!«

Schläfrig rieb ich mir die Augen.

»Man kleide sich prestissimo an!« befahl Frank. »Im Examiner von
heute morgen steht ein lakonisches Inserat: »_Men wanted_ -- Männer
werden gesucht. Broad Street 21.« Männer sind wir, nicht wahr? _Well_,
dann, _hurry up_ -- fix schnell ...«

Broad Street 21. erwies sich als elegantes Kontor (Johnson & Komp.,
Konserven, stand auf dem Firmenschild), vor dessen Türe in langen Reihen
schäbige Gestalten standen. Frank grinste. »Gibt noch mehr Männer in
San Franzisko, heh? Scheinen nicht die einzigen zu sein! Welch' ein
Segen, daß wir elegant genug aussehen, um frech sein zu dürfen!« Wir
schoben uns an den Wartenden vorbei und ließen uns beim Geschäftsführer
melden.

»Und womit kann ich Ihnen dienen, _gentlemen_?« fragte der Manager.

»Was ist das für ein Inserat?« fragte Frank zurück.

»Oh -- wir brauchen Leute für unsere Fabrik von Fischkonserven in der
Bai.«

»Zu welchen Bedingungen?«

»Zwei Dollars im Tag und freie Verpflegung. Aber verzeihen Sie, ich
begreife nicht recht --«

»Bodenlos einfach!« grinste Frank. »Wir brauchen Geld -- Arbeit --
und -- wollen Sie uns nehmen?«

»Eh?« sagte der Manager und machte ein verblüfftes Gesicht.

»Annehmen -- engagieren!«

»Die Arbeit ist aber schwer ...«

»_Well_, das macht nichts!«

Und unter lustigem Lachen und zweifelhaften Witzen wurden wir prompt
angenommen.

»Ich tu' Ihnen gelegentlich auch einmal einen Gefallen! _Thank you!_«
bedankte sich Frank.

Der Geschäftsführer lachte und lachte, und wir liefen schleunigst nach
Hause, um alles einzurichten. Aus dem Weg kauften wir uns billige
Arbeitskleider. In einer Stunde sollten wir uns wieder im Kontor
einfinden, um auf einem Kutter nach der Arbeitsstätte zu fahren.

Eine wundervolle Fahrt war es über die tiefblauen Wasser der Bai hin,
zwischen den blühenden Städten, die wie ein Kranz von Blumen die Gestade
umsäumten; an Kais mit gigantischen Ozeandampfern entlang zuerst, an
Inselchen vorbei, zwischen Fischerflottillen hindurch. Und als die
Königin des Westens in spinngewebigen, feinen Umrissen weit zurück im
Westen lag, landeten wir mit den zwei Dutzend Menschen, die außer uns
der Kutter trug, an der Landungsbrücke einer winzigen Felseninsel mit
simplen Holzgebäuden. Das war das Inselchen der Fische. Und in einer
halben Stunde standen Frank und ich nebeneinander hinter einem breiten
Holztisch, lange, scharfe Messer in den Händen; zogen sonngedörrtem
Kabeljau die Haut ab und schnitten das kernige, gelbweiße Fleisch in
lange Streifen ...

Auf der Insel regierte als Alleinherrscher Seine Majestät _Cod_, der
Kabeljau. In Dutzenden von ungeheuren Bottichen auf einer
Balkenplattform zwischen Fabrikgebäude und Wohnhaus waren in grobem Salz
Millionen von Fischen eingespeichert, die allmorgendlich von uns Männern
in langschäftigen Stiefeln aus der Tiefe der Bottiche herausbefördert
und zum Dörren in die Sonne gebreitet wurden. Reif, _sun-cured_,
sonnengetrocknet, waren sie in zwei, drei Tagen. Dann wanderten sie zu
uns in die Fabrik, wurden abgehäutet, entgrätet, zerschnitten und in
hübsche kleine Holzschachteln gepackt; das Rückenfleisch als _extra
prime quality_, das Seitenfleisch als Ware zweiter Güte: Stockfisch! So
standen wir und zerlegten und schnitten von sechs Uhr morgens bis sechs
Uhr abends.

»Hab' ich es mir doch gleich gedacht, daß die Geschichte irgend einen
Haken haben mußte,« sagte Frank ironisch lächelnd schon am ersten Tag.
»Zwei Dollars im Tag werden nicht umsonst gezahlt. Und nun haben wir
die Bescherung!«

Der Haken war da -- die Bescherung ganz besonders unangenehm! Die Haut
der _cods_ und ihr Fleisch waren von scharfer Salzlauge so durchtränkt,
daß bei dem Häuten und Zerlegen schon in den ersten Stunden uns
Arbeitern die Hände wund wurden. Dann schnitt man sich natürlich in der
Hetzarbeit, und auch die scharfen Gräten rissen Wunden. Selbst die
peinlichste Vorsicht konnte das nicht vermeiden. In diese wunden Stellen
drang ätzend und beißend die Salzlauge! Es war eine Art Martyrium; eine
recht harmlose und ungefährliche Märtyrerschaft zwar, aber gerade
schmerzhaft genug für meinen bescheidenen Geschmack.

»_The dickens!_« sagte Frank erstaunt am ersten Abend und rieb sich
zärtlich die geschundenen Hände.

»Scheußlich!!« brummte ich und tat desgleichen.

Meine Hände waren schön rot wie ein gesottener Krebs und bluteten an
zwanzig Stellen, besonders unter den Nägeln. Doch wir trösteten uns mit
Vaseline und Philosophie und schwatzten stundenlang mit dem chinesischen
Koch der Insel, der uns in seinem schauderhaften Pidgin-Englisch von der
Chinesenstadt Frisco's vorschwärmte. Von den Spielhöllen, in denen die
Kinder des himmlischen Reichs Tag und Nacht Fan-Fan spielten und sich
gelegentlich dabei gegenseitig totstachen; von den "Sechs
Gesellschaften", den geheimen Vereinen, die unumschränkt in der
Chinesenschaft herrschten und die Einfuhr und Rückbeförderung von
Chinesen als Monopol betrieben. So mächtig waren sie, daß keine
Dampfergesellschaft einen Kuli als Zwischendeckspassagier zur Rückreise
annahm, wenn er nicht einen Erlaubnisschein der "Sechs Gesellschaften"
vorweisen konnte, als Zeichen, daß er seinen Verpflichtungen dem
Geheimbund gegenüber nachgekommen war. Wie Diktatoren herrschten die
sechs Gesellschaften; schossen Geld vor, belobten, bestraften,
errichteten Schulen für die chinesische Jugend, Tempel für die
Erwachsenen. Sam Ling machte immer ein ängstliches Gesicht, wenn er von
diesem Geheimbund sprach ...

Er war ein quecksilberiger kleiner Kerl, der famos kochte und die
unglaublichsten Leistungen in seiner Bretterbude von Küche an der
Felsenwand vollbrachte. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie er es
fertig brachte, um sechs Uhr morgens für vierzig Mann (soviele waren
wir) Pfannkuchen zum Frühstück zu liefern. Delikate, winzig kleine
Pfannkuchen, kaum so groß wie eine Untertasse, die man bebutterte und
bezuckerte, immer einen auf den andern klappend. Ein Dutzend mindestens
aß ein jeder. Ein Dutzend mal vierzig -- das waren fünfhundert
Pfannkuchen, die der arme Sam Ling herzauberte -- vor sechs Uhr morgens.
Wie er es auch machte -- sie waren da; frisch, heiß, knusprig. Die
Verpflegung war vorzüglich und die Schlafräume hell und sauber. Wenn
nur das Salz nicht gewesen wäre -- das verdammte Salz!

Frank und ich waren fast immer zusammen und kümmerten uns wenig um die
anderen Männer. Abends verbanden wir uns immer gegenseitig die wunden
Hände. Dabei gewöhnten wir uns das sonderbare Vergnügen an, recht
kräftig zuzupacken und einer dem andern ins Gesicht zu starren, ob sich
nicht vielleicht doch ein Schmerzenszug entdecken ließ.

»_Good God_,« sagte Frank regelmäßig jeden Abend, wenn er seine Hände
betrachtete. »Stockfisch! _Cod!_ Unschuldiger Stockfisch! Man sollte es
doch nicht glauben, daß solch' ein unschuldiger Stockfisch einen so
schinden kann! Wenn der Gouverneur mich jetzt sehen würde, wäre er
vielleicht zufrieden! Heh?«

Dann gingen wir zur Felsenspitze und starrten wortlos ins Meer hinaus,
in das saphirblitzende Gewoge mit den braunen und braunroten
Fischersegeln und den unförmigen Dampfern dazwischen. Wenn dann weit im
Westen der Sonnenball niederging und es sich wie Rubinengefunkel in das
Blau mischte, lachten wir uns nickend zu. Da drüben lag San Franzisko.
Der schwache rote Schimmer am Horizont dort war ein Widerschein seiner
nächtlichen Lichterpracht. Wie wollten wir herumstöbern in dem
Lichtschein dort, wenn einmal die Zeit erfüllet war und -- wie wollten
wir unsere Hände pflegen!

Tag um Tag verging, und endlich war ein Monat vorbei. Eines Morgens
fragte der Vorarbeiter im Arbeitssaal laut:

»Wer will aufhören und nach San Franzisko zurück? Morgen kommt der
Kutter.«

Merkwürdigerweise (mir wenigstens kam es merkwürdig vor) meldete sich
niemand. Frank und ich sahen uns an -- sahen uns wieder an -- genierten
uns gegenseitig, bis ich endlich den Anfang machte und rief:

»Ich!«

»Ich auch!« schrie Frank dazwischen und lächelte: »Und warum denn
nicht! Wir sind ja hier (sämtlichen Göttern Homers sei dafür gedankt!)
nicht angewachsen, noch mit den dreimal vermaledeiten _cods_
verheiratet. Mann, ich bin froh! Hände -- freut euch!«

Ein Sommermorgen war es, an dem wir das Felseninselchen zum letztenmal
sahen und einander feierlich versprachen, wir würden, wie es auch kommen
und wie es uns noch ergehen möge in diesem lustigen Leben, eines
niemals, aber auch niemals tun: Stockfisch essen!

Während der Fahrt rechneten wir uns aus, daß wir beide zusammen wohl
siebentausend Stockfische, zehn Pfund schwer das Stück ungefähr,
abgehäutet, entgrätet und präpariert hatten. Mit unseren armen Händen!
Zehn Stück in der Stunde etwa, und zehn Arbeitsstunden waren es im Tag,
und zweiunddreißig Tage lang hatten wir gearbeitet. Siebentausend Stück!

»Weinen könnte man!« sagte Frank Reddington. »Weinen! Man kann ja nie
wieder einem Kabeljau ins Gesicht schauen! Wer je im Leben mir
gegenüber das Wort "_cod_" erwähnt, den boxe ich über den Haufen.
So!!«

Und als wir uns umgekleidet und (vor allem) Handschuhe angezogen hatten,
präsentierten wir uns im Kontor mit unseren Zahlungsanweisungen.

»Wie hat's Ihnen gefallen,« fragte der Manager und grinste.

»Famos,« meinte Frank sauersüß.

»Das freut mich sehr. Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Hände!« Dabei
betrachtete der Geschäftsführer augenzwinkernd unsere Handschuhe.

»Mann,« sagte Frank ernst, »spotten Sie nicht meines ehrwürdigen
Alters.« (Das ganze Kontor lachte.) »Sonst gebe ich Ihnen meinen Fluch
und erscheine Ihnen nach meinem Tode dreimal jede Nacht als
Stockfisch!!« (Das ganze Kontor brüllte.)

Wir aber strichen ein jeder vierundsechzig Dollars ein und lachten
auch.



Die Stadt des Goldenen Tors.

     Das Erbe der Goldgräber. -- Die lustige Königin des Westens. -- Von
     vernünftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben Hügel
     übertrumpft! -- Kletternde Straßenbahnen. -- Im Park des Goldenen
     Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im Chinesenviertel.
     -- Die Straße der lebenden Schaufenster. -- Wie der Lausbub zum
     Professor wurde. -- Von Deutsch lernenden Lehrerinnen. -- Die
     amerikanische Frau. -- Kluge Mädchenerziehung und törichte
     Weiberherrschaft. -- Die Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die
     Sehnsucht nach der Zeitung.


Stolz nennen sich die Männer Kaliforniens zum Unterschied von den im
Land der Sonne wohnenden, aber in anderen Staaten der Union geborenen
Amerikanern _the Native sons of California_, die eingeborenen Söhne von
Kalifornien. Stolz sind sie auf ihre Ahnen, die Goldgräber. Diese zähen,
eisenharten Goldgräber von anno dazumal, die sich mit Mensch und Natur
herumschlugen, bis nur der Starke überlebte, haben die Kraft ihrer
Muskeln in Generationen hinein vererbt. Groß, schlank, sehnig sind die
Männer des Kalifornien von heutzutage; stolz, üppig seine Frauen. Im
scharfen Gegensatz zu den überschlanken Amerikanerinnen der Oststaaten.
Noch etwas anderes aber vererbten die Goldgräberahnen: Lachender
Übermut steckt diesen schönen Menschen im Blut; der gleiche
Lebensleichtsinn, dieselbe Genußsucht, das gleiche Eintrinkenwollen der
Freude wie ihren Urgroßvätern. Den Männern des Goldes, die heute arm
waren und morgen reich; heute sich ein Vermögen aus der Erde kratzten,
um es morgen zu verspielen.

Die Königin des Westens war eine gar lebenslustige Dame. Reich wollten
die eingeborenen Söhne von Kalifornien freilich auch werden, gerade so
wie die Dollarjäger in Chicago oder St. Louis oder New York, aber keiner
vergaß über der Hetzjagd des Dollars das Vergnügen. Die Marketstraße
strahlte des Nachts in einem Flammenmeer von Licht. Rechts und links,
Seite an Seite fast, schrien Theater, Varietés, französische
Restaurants, elegante Bars: Amüsiert euch, Söhne Kaliforniens!

Eine lustige Welt. Tag für Tag und Abend für Abend durchstreiften Frank
Reddington und ich die Stadt, eine Woche lang, denn wir waren es ja
unseren Händen schuldig, wenigstens ein paar Tage hindurch die
Nichtstuer zu spielen. Für was alles diese Hände als Ausrede herhalten
mußten! Wenn wir einmal in einem französischen Restaurant speisen
wollten, oder wenn eine Bar lockte oder ein Roulettetisch winkte, da
mahnte lachend einer den andern:

»Es ist ja eigentlich schade um das sauer verdiente Geld -- aber denken
Sie nur an unsere Hände!«

Die Puritaner des Ostens hätten sich hier auf den Kopf gestellt vor
Entsetzen! In den lustigen Varietés, in die wir gingen, gewissenhaft
keines übersehend, setzten sich kichernde Soubretten zu den Gästen an
die Tische und zauberten ihnen Vierteldollars für süße _Manhattan
Cocktails_ und _Brandy Flips_ aus den Taschen; in den eleganten Bars war
stets eine Seitentüre, über der in goldenen Lettern stand: Nur für
Klubmitglieder! Hinter dieser Tür wurde Poker gespielt, dort klappten
Farokästchen und sausten Rouletten. Klubmitglied jedoch war ein jeder,
der einen anständigen Anzug trug und so aussah, als ob er die nötigen
Dollars zum Verspielen besitze! Die Aufschrift war eben weiter nichts
als eine verbindliche, nette, gemütliche Formsache der Polizei
gegenüber. Wir versuchten einige Male unser Glück an der Roulette,
verloren eine Kleinigkeit und gewannen dann an einem Abend zusammen über
siebzig Dollars! Merkwürdigerweise hörten wir auch zur richtigen Zeit
auf! In Franks Zimmer tanzten wir einen wahren Indianertanz der Freude
in jener Nacht und beschlossen feierlich, den größten Teil des Geldes in
neuen Anzügen anzulegen und niemals mehr als drei Dollars auf dem
Roulettetisch zu riskieren.

»Sonst verlieren wir die Geschichte wieder,« grinste Frank. »Ich
finde übrigens, mein lieber Junge, daß wir für schwarze Schafe und
verlorene Söhne verdammt vernünftig sind! Heh?«

Und des Tages streiften wir stundenlang in der Stadt umher. Rom hat den
klassischen Namen der Stadt der sieben Hügel. Nun, ein Römer würde sich,
wanderte er durch San Franzisko, nur in einem Gefühl der Beschämung und
des hoffnungslosen Übertrumpftseins der sieben Hügel seiner Vaterstadt
erinnern! Lumpige sieben Hügel! In San Franzisko wimmelt es von Hügeln.
Acht, neun -- zwölf -- oder gar noch mehr. Flach ist die eine Seite der
ungeheuren Marketstraße, die die Stadt entzweischneidet, flach dem Hafen
zu. Auf der anderen Seite aber streben Hügel empor bis weit hinaus zum
Stillen Meer, zur _Golden Gate_; Hügel mit eleganten Wohnhäusern an
holzgepflasterten Straßen, die auf und nieder gehen in scharfen Winkeln,
bald steigend, bald fallend.

Und diese ewigen Hügel hinauf und hinab kletterte fortwährend ein Gewirr
von Straßenbahnen. Es war ein sonderbares Gefühl, unten zu stehen und
von hoch oben einen Straßenbahnzug rasselnd auf sich zukommen zu sehen.
_Cable Cars_ wurden sie genannt, Kabelwagen. In der Mitte zwischen ihren
beiden Schienen lief eine dritte, gespaltene Schiene, unter der in einem
hohlen Raum unmittelbar unter dem Straßenpflaster ein endloses Drahtseil
dahinsurrte. Eine Art Riesenzange packte auf einen Handgriff des Führers
hin durch den Spalt hindurch das Seil, das dann den Wagen mit sich
weiterriß, während bei Haltestellen die Zange ausgelöst und eine starke
Luftbremse in Tätigkeit gesetzt wurde. Wie in einer Wellenschaukel kam
man sich an besonders schlimmen Stellen vor -- vorwärtsgeworfen --
rückwärts gestoßen -- geschüttelt, gerüttelt ...

Weit hinaus gegen das Meer zu streckten sich die stillen Straßen des
elegantesten San Franzisko, und weit draußen standen die Paläste der
Eisenbahnkönige der Southern Pazific und Union Pazific Eisenbahnen, des
Zuckerkönigs Spreckels, des deutschen Ingenieurs Sutro. Dann kam eine
wüste einsame Sandstrecke, die nach Nordwesten zum Goldenen Tor, nach
Südwesten zum Presidio führte. Eine komische kleine Eisenbahn rumpelte
über den Sand dahin, zu einer der schönsten Parkschöpfungen der Welt.
Ein Deutscher, der Ingenieur Sutro, hat das Wunderwerk geschaffen.
Mitten aus der eintönigen Sandfläche heraus sprießen prachtvolle
Baumgruppen und grünende Grasflächen, Blumenbeete und Palmen. Dann
Felsengruppen, wieder Palmenhaine, und plötzlich, auftauchend wie eine
Zauberwelt, die gewaltige Schönheit des Ozeans. Da eingedrängt in ein
Felsentor schroffer Klippen, dort zwischen Himmel und Erde verfließend
in die Unendlichkeit. _Golden Gate._ Das goldene Tor, die Felsenpforte
von der Welt des Westens zur Welt des Ostens.

Doch auch der dunklen Flecken gab es in der lustigen Sonnenstadt.

Düster, winkelig, schmutzig stieg unten im Osten, dicht beim Hafen,
mitten aus der glänzenden Geschäftsstraße Kearney Street ein bizarres
Häusergewirr auf zwei Hügelchen empor. Mit wenigen Schritten trat man
aus dem Schein strahlender Bogenlampen und reicher Schaufenster in eine
Welt dunkler Schatten -- in die Chinesenstadt San Franziskos. Enge
Gäßchen. Winzige Häuserchen. Geheimnisvolle dunkle Gänge. Über die
Gassen spannen sich leuchtendrote Plakate mit chinesischen Inschriften,
Laden lag an Laden, bezopfte kleine Männer mit gelben Gesichtern
huschten hin und her. Mehr als das Auge jedoch staunte die Nase, denn
wie eine dichte Wolke lagerte ein unbeschreiblicher Geruch über dem
Viertel der Chinesen; fremdartig über alle Maßen; jetzt lockend, nun
abstoßend. Bald duftete es süß und schwer wie von blühendem Jasmin, bald
bedrückend wie schwerer Nebel, bald würzig wie Spezereien -- fremde
Menschen hatten die Gerüche ihres Landes mit sich getragen über den
Ozean. In jedem Gäßchen standen Polizisten (später hat mich mein Freund
der Polizeileutnant gar oft durch die Chinesenstadt geführt); denn in
den kleinen Häuserchen tief unten in den Gängen, die unterirdisch Haus
mit Haus verbanden, hausten Verbrecher und wohnte das Laster. Da waren
Opiumhöhlen und chinesische Spielhöllen und Diebskneipen.

»Wär' ich einer der Führer der öffentlichen Meinung von San
Franzisko,« sagte Frank, als wir eines Abends wieder die Chinesenstadt
durchstöberten, »so würde ich so lange agitieren, bis das Rattennest
weggefegt würde vom Erdboden!«

Der Gedanke war nicht eben neu. Kaum ein Tag verging, ohne daß in den
Friscoer Zeitungen die "Chinesenstadtfrage" ventiliert wurde. Doch die
Chinesen besaßen Geld und wußten gewichtige Dollars da anzulegen, wo sie
in Form von einflußreichem politischem Schutz gute Zinsen trugen. So
behauptete eben die Polizei, das Chinesenviertel sei ja die schönste
Mäusefalle, in der sie Tag für Tag Verbrecher erwische, und die
Stadtbehörden erklärten, ein Zusammenleben der Chinesen erleichtere ihre
Überwachung. Im übrigen war die öffentliche Meinung von San Franzisko
gar nicht empfindlich gegen groteske Zustände:

Sie duldete ja die Straße der lebenden Schaufenster!

Oben auf dem Hügel der Chinesenstadt lag, halb versteckt in winkeligen
Häusermassen, ein Gäßchen, aus dem des Nachts heller Lichtschein
funkelte, und dem die Müßiggänger in Scharen zupilgerten. An seinem
Eingang, links und rechts, standen Nacht für Nacht zwei Offiziere der
Heilsarmee. Mit ernsten Gesichtern grüßten sie die Vorbeigehenden und
deuteten schweigend auf ein Plakat, das sie zwischen sich ausgespannt
hielten und mit Blendlaternen scharf beleuchteten. Auf dem weißen Fetzen
Leinwand stand in roter Schrift geschrieben:

»Bruder, lieber Bruder! Sieh dir die Schande an! Hilf uns als Mann und
als Amerikaner, mit deiner Meinung und mit deiner Stimme bei den Wahlen,
die Schande zu besiegen! Hilf den Ärmsten der Frauen, lieber Bruder!«

Innen im Gäßchen drängten sich die Menschen, in steter Vorwärtsbewegung
gehalten durch ein halbes Dutzend von Polizisten, deren halblauter Ruf
_move on_ -- _move on_ ... nicht stehen bleiben! -- die einzigen Laute
waren, die aus der sonderbaren Stille hervorklangen, denn alle Welt
starrte und starrte in die beleuchteten Fenster in den winzigen
Häuserchen der beiden Seiten des Gäßchens. Was man da sah, schien bald
grausame Tragik, bald übergroteske Lächerlichkeit.

Die Fenster waren Schaufenster mit lebendigen Waren. Drei Fenster gab es
in jedem Häuschen, bis auf den Boden gehend, und in einem jeden saß auf
erhöhtem Podium, lichtübergossen vom Schein einer Glühbirne, ein Weib.
Gepudert, geschminkt, künstlich frisiert, angetan mit seidenem Kostüm;
ein stereotypes, gemachtes Lächeln wie angefroren auf den Lippen ... Wie
eine Puppe. Wie eine Wachsfigur fast. So lag Schaufenster an
Schaufenster. Bald hätte man am liebsten laut hinausgelacht, denn der
Gedanke dieser lebendigen Ware wirkte unsäglich grotesk; bald hätte man
sich schämen müssen. Frauen aller Länder und aller Rassen hockten in der
langen Schaufensterlinie; Amerikanerinnen, Französinnen, Mulattinnen.
Eine winzige Chinesin dort -- ein Mädel im japanischen Kimono hier. Und
alle lächelten das gleiche gefrorene Lächeln und sahen starr vor sich
hin auf die Straße. Darin lag Methode. Dahinter steckte ein guter Grund.
Denn die guten Polizeiräte der guten Stadt von San Franzisko duldeten
zwar diese Gasse der Groteske, erließen aber fürsorglich besondere
Vorschriften. Sie gaben sozusagen den lebendigen Schaufenstern das
Siegel behördlicher Approbation. Aber die Glühlämpchen in den Fenstern
durften nur eine gewisse Kerzenstärke haben, auf daß kein Fenster mehr
leuchte als das andere, und die Ware im Schaufenster durfte sich nicht
rühren, niemandem zulächeln, keinem Mann zunicken, auf daß niemand
verführt wurde. So wahrte die Friscopolizei das Dekorum. Spielte
gravitätisch eine steife Statistenrolle in der Tragikomödie.

Wir beide, Frank und ich, gaben im gleichen Impuls den sonderbaren
Wächtern der Heilsarmee am Gasseneingang ein Silberstück, als wir die
Gasse verließen. Selbst lustiger junger Leichtsinn wurde nachdenklich
gestimmt in der Gasse der lebenden Schaufenster.

»_Bad taste_,« sagte Frank achselzuckend. »Geschmacklos!«

Und das war ein sehr vernünftiges Urteil.

                  *       *       *       *       *

Zusammen studierten wir den Anzeigenteil des Examiner, zwei Inserate im
besonderen. Freund Frank schüttelte bedenklich sein weises Haupt.
»Schlimmer als gesalzener _cod_ kann der Bengel ja auch nicht sein?«
murmelte er. »Ich probier' es. Schön ist es zwar nicht, aber der Sohn
meines Vaters braucht Geld. Jawohl -- ich probier' es!«

»Ich auch!« sagte ich, obwohl mir die Sache sehr verrückt vorkam.

So machten wir uns selbander auf den Weg; er zu dem Vater, der
Privatstunden in Mathematik für seinen Sohn suchte, ich zu der Familie,
die für »zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren gediegenen
deutschen Sprachunterricht« ersehnte. Als wir uns eine Stunde später
wieder trafen, konstatierten wir unter schallendem Gelächter, daß wir
alle beide Respektspersonen geworden waren -- Lehrer der Jugend!

Die Mama meiner Zöglinge -- ihr Götter! -- war eine elegante schlanke
Amerikanerin, die das Engagieren eines deutschen Sprachlehrers als etwas
furchtbar Nebensächliches behandelt hatte.

»Der Doktor wünscht es,« gähnte sie, »daß meine Kinder deutsch
lernen. Er selbst hat keine Zeit, sie zu unterrichten. Ich finde nicht,
daß deutscher Unterricht sehr wichtig ist, aber der Doktor --«

Der Doktor, der dann in den Salon kam, war ihr Mann, ein Arzt, als Kind
deutscher Eltern in San Franzisko geboren. Er sprach mit mir in einem
durch englische Brocken entsetzlich verballhornten Deutsch und schien
sehr zufrieden mit meiner Gymnasialbildung. Das sei ja vortrefflich. Er
wünsche schon um seiner Eltern willen, daß seine Kinder Deutsch lernten,
und dann gedenke er auch, später seinen Sohn in Deutschland erziehen zu
lassen.

»Sagen wir eine Stunde _daily_, in die Tag,« so instruierte mich
Doktor Sanders, »und sagen _uir_ eine Honorar von eine Dollar. Den Plan
vom Lernen _uollen_ Sie machen _as you think best_ -- _ui_ Sie halten es
für die Beste -- nur praktisch, damit sie bald etwas _spreken_ können.«

Die Kinder, das elfjährige Mädel und der neunjährige Bub, waren sehr
altklug und sehr ungeniert.

»_We don't like German!_« erklärten sie mir sofort.

»Deutsch gefällt uns gar nicht!« Das wunderte mich nicht, denn ich
bekam bald heraus, daß ihr deutscher Sprachunterricht bis jetzt darin
bestanden hatte, Worte nachzuschreiben, die der Papa ihnen vorschrieb.
Da kam mir ein glücklicher Gedanke, auf dem Umweg über ein Glas Wasser,
das auf dem Tisch stand --

»Kinder, wir wollen nur Deutsch sprechen! Also: Dies ist ein Glas
Wasser ...«

»Diß is' ain Glas Wass'r,« sprachen beide seelenvergnügt nach.

Damit war der Weg zu dem Interesse der Kinder gefunden. Im Englischen
waren die Worte ja fast gleichlautend -- _this is a glass of water_ --,
so gleichlautend, daß diesen amerikanischen Kindern auf einmal der
Appetit zum Deutschsprechen kam. Es war ja so leicht! So klebte ich denn
während der ganzen ersten Unterrichtsstunde verzweifelt an meinem Glas
Wasser und variierte darauf los -- in diesem Glas Wasser ist eine Rose
-- die Rose ist weiß -- wir trinken Wasser -- bis zu den letzten
Möglichkeiten. Meine Kinder jubelten! Und da es wohl an die Tausend
Worte gibt, die im Deutschen und Englischen fast gleich ausgesprochen
werden, so war die "Methode" glücklich da. Eines Tages kam die Mama in
die Stunde und hörte erstaunt zu, um gleich in der nächsten
Unterrichtsstunde am andern Tag eine Freundin mitzubringen, die
Oberlehrerin einer Mädchenschule.

»Ausgezeichnet, Professor!« sagte sie.

Ich lachte laut auf. »Aber ich bin doch kein Professor!«

»Das macht nichts, Professor. Wollen Sie uns Stunden geben?«

»Wem? Ihnen, Madame?«

»Hören Sie. Der große kalifornische Lehrerinnenverein will im Herbst
eine Europareise machen und natürlich auch Deutschland besuchen. Mit
Ihrer praktischen Art können wir schnell noch ein wenig Deutsch lernen.
Ich arrangiere alles, Professor. Es darf aber nicht viel kosten!«

Und sie arrangierte!

Ich glaube, die Professoren des Gymnasiums von Burghausen wären _in
corpore_ aus der Haut gefahren vor entsetzt ungläubigem Staunen, hätten
sie mich abends auf dem Katheder eines großen Schulzimmers der höheren
Mädchenschule von San Franzisko stehen sehen können! Vor einer
Hörerschar von über fünfzig reizenden jungen Lehrerinnen! Frechheit,
steh' mir bei, dachte ich in verzweifeltem Galgenhumor und ließ eine
pseudowissenschaftliche (ganz und gar aus den Fingern gesogene)
Erklärung vom Stapel, in der ich mein Betriebskapital von
gleichlautenden Worten den "gemeinsamen anglosächsischen Sprachschatz"
nannte und sehr wichtig tat. Dann löste sich die Befangenheit. Aus der
Unterrichtsstunde wurde ein lustiges Frage- und Antwortspiel --

»Uasser, Professor?«

»Nein, W--asser!«

Bis der Professor zu den Bänken hinabstieg und die schweren deutschen
Worte seinen Schülerinnen vorsprach. Diese Schülerinnen waren ja
reizend! Eine hübscher als die andere -- eine lustiger als die andere.
Typisch in ihrer Art als Amerikanerinnen. Freilich -- der neugebackene
Herr Professor sah in ihnen gar nichts Typisches, sondern nur die
lustigen netten Frauen!

Aber schon in dieser Lustigkeit lag die ganze freie Art der
Amerikanerin, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt wird, mit dem andern
Geschlecht in formloser Kameradschaftlichkeit zu verkehren und das
Problem von den Wechselbeziehungen zwischen Mann und Frau nicht in jedes
harmlose Gespräch hineinzutragen. Nicht als ob sie nicht ganz Frauen
gewesen wären, diese jungen Amerikanerinnen, mit allen Größen und allen
Kleinlichkeiten, allen Tugenden und Untugenden des Frauentums! Sie
beherrschten das System der drahtlosen Telegraphie mit schönen Augen
meisterhaft und flirteten schändlich mit dem Lausbub von Professor! Doch
in dem Wesen dieser jungen Lehrerinnen, von denen die meisten keine
zwanzig Jahre zählten, prägte sich etwas gewaltig Selbstbewußtes aus.
Nicht das Selbstbewußtsein der selbständigen Frau, die ihr eigenes Geld
verdient. Darüber lachten sie. Zuckten die Achseln und meinten, es sei
_grinding work_ -- aufreibende Arbeit und sie wären viel lieber
verheiratet. Nein, das Selbstbewußtsein des Weibes steckte in ihnen, das
sich seiner Macht über den Mann wohl bewußt -- stolz darauf ist -- und
die Ritterlichkeit des Mannes als einen selbstverständlichen Tribut
gnädig in Empfang nimmt.

Die Frau Amerikas gibt, wenn es ihr gefällt, mit vergnügt zwinkernden
Äuglein einen Zipfel von weiblicher Liebenswürdigkeit her. Sie tanzt
graziös auf dem Drahtseil der Liebelei, aber sie plumpst ganz gewiß
nicht hinunter in ernsthafte Beschädigungen ihres Frauentums; denn sie,
die man niemals sorgfältig behütet und in ängstlichem Familienschutz
eingekapselt hat wie gebrechliche Ware, kennt die Welt und die Männer
recht gut und weiß Gefahren aus dem Weg zu gehen, weil sie die Gefahren
eben kennt. Ihre Weltkenntnis dient der Amerikanerin als Balanzierstange
auf dem gefährlichen Drahtseil des Flirts, in dessen Beschreiten sie
Meisterin ist. Sie schützt sich selbst. Welch' ein Unterschied zwischen
dem amerikanischen jungen Mädchen und dem der alten Welt, hinter dem
glucksend wie ängstliche Hennen fürsorgliche Mamas und ängstliche Tanten
dreinrennen, damit das Schaf von Tochter oder Nichte dem reißenden Wolf
von Mann nicht in die scharfen Zähne gerate -- während das behütete
Schäflein immer neugieriger wird auf diesen sagenhaften bösen Wolf.

Das amerikanische Mädel aber guckt sich das Untier an, lacht und zähmt
es zu einem treugehorsamen Hündlein, das sich nicht mucksen darf und mit
der Peitsche scharfen Spotts gezüchtigt wird, sollte es ungezogen
werden. Den Tragödien und Komödien der Liebe ist ja auch die
Amerikanerin untertan wie alle Menschenkinder. Dann aber erlebt sie mit
offenen Augen, wissend, einer starken Macht gehorchend ...

So hat sich der amerikanische Frauentyp herausgebildet, der sich in
starker Eigenart von den Frauen anderer Länder, den Frauen Europas vor
allem, unterscheidet. Die freie Frau, die über den Wall Jahrtausende
alter Überlieferung hinübergeklettert ist und tut, was ihr gefällt. Sie
genießt die gleichen Rechte und die gleiche Erziehung wie der Bub. Sie
nimmt sich das Recht des Vergnügens wie der junge Mann, mit dem sie
Seite an Seite studiert. Sie treibt Sport wie er. Sie nimmt sich das
Recht, im Vaterhaus zu kommen und zu gehen, wie es ihr beliebt, und es
fällt ihr nicht im Traum ein, die Mama um Erlaubnis zu bitten, ob sie
mit Herrn X oder mit Herrn Y ins Theater gehen darf. Sie geht einfach.
Sie ist emanzipiert im besten Sinn -- natürlich -- Mensch. Als junger
heranwachsender Mensch wenigstens. Das Schreckgespenst zu behütender
Geschlechtlichkeit ist ihren Eltern ein lächerlicher Unsinn.

Doch sonderbar. Die gleichen Menschen, die mit so gesundem praktischem
Sinn das Problem psychischer wie physischer Mädchenerziehung lösen und
als wundervolles Gut ihren Töchtern ein vernünftiges Menschentum und
eine prachtvolle Unbefangenheit mit ins Leben geben, sündigen wieder
gegen wahre Frauenwerte durch eine groteske Frauenüberschätzung, die
tief in alle gesellschaftlichen, ja in die wirtschaftlichen Verhältnisse
des Landes hineinschneidet. Das gleiche Mädel, das so stolz auf ihr, man
möchte fast sagen: geschlechtsloses Menschentum ist und _en bon
camerade_ mit ihren männlichen Freunden tollt, wird in unmerklichem
Übergang zur anspruchsvollen Königin, zur herrschenden Macht, je mehr
das Weib in ihr sich regt. Das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern,
das Sitte und Erziehung herstellen wollen, verschiebt sich
unbeschreiblich weit zugunsten des Weibes. Sie heiratet. Ein guter
Kamerad ist die amerikanische Gattin, klug, erfahren, vorzüglich dazu
geeignet, mit dem Mann seine Pläne, seine Arbeit zu besprechen; ihn zu
beraten. Im scharfen Gegensatz zu dem Hausfrauentum, das die Frau in
Küche und Haus, den Mann ins Erwerbsleben verweist. Die Amerikanerin
würde entsetzt sein, wollte man ihr von Hausfrauenpflichten reden. Sie
kocht miserabel und ist hilflos ohne Dienstboten. Sie treibt
beispiellose Verschwendung im Haushalt. Sie fordert, daß der Mann ihr
die Möglichkeiten schaffe, alle ihre Wünsche zu befriedigen -- und
langsam entwickelt sich das typische Verhältnis zwischen amerikanischen
Ehegatten:

Der Mann arbeitet Tag und Nacht, um die Dollars herbeizuschaffen! Die
Frau amüsiert sich in Luxus und Verschwendung!

Gebärt sie ihrem Mann Kinder, so erfüllt sie damit nicht natürliche
Weibesbestimmung, sondern ist eine arme Märtyrerin der Ehe und des
Mannes; sie gibt dem Mann mit den Kindern ein Gnadengeschenk, das ihm
die Pflicht auferlegt, sich Genüsse zu versagen und rastlos Dollars zu
jagen, um sie der Märtyrerin, der Königin, zu Füßen zu legen.

Weiberherrschaft. Weiberherrschaft, die einen eisernen Gürtel um das
Land zieht und verantwortlich ist für lächerliche Übertreibungen im
Kampf gegen Alkohol und Tabak, für die Schließung aller
Vergnügungsstätten an den Sonntagen, für ein sonderbares Muckertum, das
gar nicht hineinpaßt in den freien natürlichen Charakter der
amerikanischen Menschen. Weithin dehnt sich der Kreis der
Weiberherrschaft. Literatur und Kunst muß sich dem Weiberwillen beugen,
denn die Frau ist es ja, die allein für Kunst und Schönheit Zeit übrig
hat, während der Mann die Dollars jagt für seine Königin und zu nichts
sonst Zeit hat. Die Frauen sind es, unter deren Reich die New Yorker
Oper blüht und Tenören Märchenhonorare bezahlt wie keine andere Oper der
Welt. Die Frauen waren es aber auch, die entsetzt die Absetzung der
"unsittlichen" Salome vom Spielplan forderten und durchsetzten -- und
die Frauen sind es, die das amerikanische Schauspiel zu der jämmerlichen
Groteske von sentimentalem Melodrama machen, die es ist. Weil große
Kunst, die das Leben wahr schildert, nicht hineinpaßt in das kleine
Sittlichkeitshirn der Durchschnittsamerikanerin. Durch die
Weiberherrschaft regiert der sentimentale Roman, in denen engelhafte
Frauen dulden und leiden und endlich die weißgewaschene, frischgestärkte
Tugend _à la_ Amerika unwiderruflich siegen muß -- die Weiberherrschaft
hat den Künstler Gibson verhunzt, seine große Kunst auf die Knie
gezwungen, ihn den weltbekannten amerikanischen Frauentyp schaffen
lassen: Groß, schlankgliedrig, weiche, fallende Schultern, majestätisch
nicht zum sagen, Gesichtszüge wie regierende Fürstinnen während ihrer
Krönung ...

In die Gesetze hinein ist sie gedrungen. Eine amerikanische Frau darf
einen Mann niederschießen: in neun Fällen aus zehn werden die
Geschworenen sie freisprechen. Sie darf stehlen: die Geschworenen werden
nur entsetzt sein, daß in ihrem glorreichen Land es möglich ist, daß
eine Frau, Ihre Majestät die Frau, zum Stehlen getrieben werden kann.
Sie darf Männer betrügen um noch so hohe Summen: die Geschworenen geben
dem Mann die Schuld.

So ergibt sich eines der wunderlichsten Zerrbilder der modernen Welt --
ein kerngesundes Menschenkindlein von Mädchen, dessen Art und Erziehung
man geruhig den Ländern der alten Welt zum Vorbild hinstellen kann und
das als Weib in einer nationalen Epidemie von weiblichem Größenwahn
unfehlbar verdorben wird. Ein Zerrbild ...

                  *       *       *       *       *

Der Herr Professor verdiente viel Geld mit seinen lustigen Lehrerinnen
und fand das Leben wunderschön, wenn er mit jener Schülerin heute in den
_Golden Gate Park_ ging und mit dieser morgen unter gefährlichem Flirten
in einem französischen Restaurant dinierte. Bis einmal Frank sagte:

»Die Geschichte wird nicht lange dauern, _amice_!«

»Meinst du?«

»Aber das ist doch selbstverständlich. Eines schönen Tages werden sie
des Spiels überdrüssig werden (ich kenne meine Leute) und dann -- adieu,
Professor. Armer Professor!«

Da wurde der Lausbub von Professor nachdenklich; hatte er ja selbst
schon mehr als einmal empfunden, daß sein deutscher Unterricht
schließlich nur eine Art lustiger Charlatanerie war und der Teufel los
sein würde, wenn einmal die Grenze erreicht war, wo die Geschichte ohne
grammatikalische Gründlichkeit versagen mußte!

Und eines Abends träumte ich von der Zeitung in St. Louis, und wie
unbeschreibliche Sehnsucht kam es über mich; jene Sehnsucht, die den
Menschen packt und schüttelt und sich hineinfrißt in sein innerstes
Denken wie eine fixe Idee. Ich träumte und träumte.

Endlich kam, in dem prachtvollen Optimismus der Jugend, dem kein Ding
unmöglich scheint, ein vermessener Entschluß. Der Lausbub setzte sich
hin und schrieb tagelang, eilend, ändernd ...

»Famos ist's, Professor. Du kannst mehr Englisch als ich!« sagte
Frank.

So gingen die beiden Manuskripte, über die Fischerinsel das eine, ein
Hafenbild das andere, an den _San Francisko Examiner_ ab. Gleichzeitig
ein langer Brief an den lieben alten sächsischen Doktor mit der Bitte,
ob nicht er oder einer der Herren der Redaktion mich an den _San
Francisko Examiner_ empfehlen könne. Der Professor fing an, lebensklug
zu werden ...



Der Lausbub findet die Lebenslinie.

     Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist
     werden. -- Auf der Redaktion. -- Jüngster Reporter. -- Hallelujah!
     Das erste Interview. -- Die Lebenslinie.


Über Nacht fast wurde der törichte Junge zum Mann. Vor allem: Er
verdiente viel Geld! Zum erstenmal in diesen kindlich einfältigen
Wanderjahren verfügte er über mehr Geld, als der Tag erforderte. Das gab
Rückgrat und Selbstbewußtsein. Dann waren da die jungen Amerikanerinnen,
in deren Gesellschaft er sich frei bewegen lernte (das Linkischsein
Frauen gegenüber verflog merkwürdig rasch!) -- da war Frank Reddington,
dessen frischer froher Lebensoptimismus der Art des deutschen Jungen so
verwandt war und doch wieder auf ganz neue Wege hinwies. Dieser
amerikanische Bruder Leichtfuß ließ sich nicht blind, gedankenlos,
ohnmächtig vorwärtstreiben, sondern dachte klar und scharf. Er hatte
nicht nur eine ausgezeichnete Meinung von sich selbst, sondern wußte
auch in seiner flotten, knappen amerikanischen Manier so aufzutreten,
daß sein Selbstrespekt sichtbar war und auf andere Menschen wirkte.
Rückgrat! Männerstolz!

So lernte der Lausbub. Zog mit den eleganten amerikanischen Anzügen, die
ihm ein guter Schneider nach Franks Garderobe kopierte, auch ein wenig
von Franks Wesen an. Machte nicht mehr die tiefen Verbeugungen vor allen
Menschen! Plapperte nicht mehr jungenhaft alles heraus, was ihm gerade
im Kopfe steckte ...

Als die Schülerinnen nach und nach wegblieben, weil der Reiz der Neuheit
verblaßt war, da setzte ich es mir in den Kopf, um jeden Preis
Journalist zu werden. Kurz entschlossen ging ich auf die Redaktion des
San Franzisko Examiners. Melden ließ ich mich bei dem _managing editor_,
dem stellvertretenden Chefredakteur, der an amerikanischen Zeitungen der
eigentliche Chef des Redaktionsstabs ist. (Das wußte ich von St. Louis
her.)

»Und was kann ich für Sie tun?«

»Ich will Journalist werden.«

»Halloh! Langsam -- immer langsam ...«

»Ich nehme Ihre Zeit nur drei Minuten in Anspruch --«

»_Go ahead!_«

»Ich will Journalist werden. Vor allem will ich wissen, ob meine
Kenntnisse für die Arbeit einer amerikanischen Zeitung genügen. Ich bin
Deutscher. An der Westlichen Post war ich zwei Monate lang aushilfsweise
angestellt --«

»Aha! An der Westlichen Post -- weiß schon. _Go ahead!_«

»Ich bitte Sie, einen Versuch mit mir zu machen und schlage vor, zwei
Monate lang umsonst für die Zeitung zu arbeiten.«

»Halloh -- haben Sie denn Geld zum Leben?«

»Jawohl.«

»Woher?«

»Mit deutschem Sprachunterricht verdient.«

»So? Ich erinnere mich, einen Brief von der Redaktion der Westlichen
Post erhalten zu haben, in dem Sie empfohlen wurden. Sie könnten
arbeiten, sagt Doktor Pretorius. Können Sie mir etwas zeigen, das Sie
geschrieben haben? In Englisch natürlich.«

Als ich von den eingesandten Manuskripten sprach, bat er telephonisch
den _city editor_, den Stadtredakteur, sich zu ihm zu bemühen und die
Manuskripte mitzubringen.

»Mr. Mc.Grady -- Mr. Carlé. Mc.Grady, haben Sie die Sachen gelesen?«

»Können wir nicht gebrauchen,« brummte der Stadtredakteur.

»Lassen Sie einmal sehen, bitte.«

Der große Mann las meine Arbeiten sorgfältig durch, und ich zitterte
innerlich -- trotz meines nagelneuen Selbstbewußtseins.

»Nun,« sagte er endlich, »für uns ist das allerdings nichts. Zu sehr
skizzenhaft. Wir knüpfen Beschreibungen nur an interessante Ereignisse
an. Aber der Stil ist nicht übel, und das bißchen Fremdartige macht sich
sogar ganz gut. Hier ist übrigens ein grober grammatikalischer Fehler.
Mc.Grady, dieser junge Mann ist Deutscher und will amerikanischer
Journalist werden. Er hat mir gesagt, er wolle wissen, ob er fürs Metier
taugt und zwei Monate umsonst arbeiten. Was meinen Sie? Ist von der
Westlichen Post, deutsche Zeitung in St. Louis, empfohlen.«

»Kann ich schwer etwas sagen,« meinte Mister Mc.Grady. »Die
Fischerinselsache ist ganz nett. Zum Journalisten muß man geboren sein.
Können's ja mal probieren. Im übrigen bin ich kurz an Reportern, seit
Jameson entlassen werden mußte.«

»_Allright._ Mr. Carlé, ich stelle Sie beim Examiner mit einem festen
Wochengehalt von fünf Dollars an. Für Ihre Arbeiten erhalten Sie
Zeilengeld.«

»Gratuliere,« sagte Mc.Grady und lachte. »Ich werde Sie zwiebeln. Wir
haben hier keine Zeit zum reden. Ich will Ihnen also nur kurz sagen, daß
bei mir die Arbeit alles und der Mann gar nichts gilt. Arbeiten Sie.«

Der Chef des Redaktionsstabs nickte. »Bei uns gilt nur die Arbeit. Sie
sind also jüngster Reporter. Mr. Mc.Grady wird Ihnen Ihre Aufgaben
zuweisen. Noch einen Wink: Ich habe Sie deshalb engagiert, weil in Ihrem
Zeugs da die Kleinigkeiten gut beobachtet sind. Sie haben zu beobachten.
In Ausführung Ihrer jeweiligen Reporteraufgabe werden Sie alles tun, um
alle nur erdenklichen Tatsachen zu erforschen und alles, Großes und
Kleines, zu beobachten. Tatsachen brauche ich. Elegante Bemerkungen
können wir uns selbst aus den Fingern saugen. Tatsachen! Beten Sie um
Tatsachen! Wie Sie das machen, wird uns zeigen, ob es der Mühe wert ist,
sich mit Ihnen zu plagen. _Good morning!_«

»Prompt um 5 Uhr nachmittags im Reporterzimmer!« befahl Mc.Grady.
»Lassen Sie Ihren Frackanzug und Wäsche herschicken, damit Sie sich im
Bedarfsfalle hier umkleiden können. _Good morning!_ Geben Sie mir gute
Arbeit, und ich bin Ihr guter Freund -- _good morning_!«

So wurde ich jüngster Reporter der San Franziskoer Zeitung des
Zeitungskönigs Hearst.

                  *       *       *       *       *

Wie besessen stürmte ich nach Hause und rannte -- hopla, immer drei
Stufen auf einmal -- zu Franks Zimmer empor.

»Frank -- Franky -- --« schrie ich, noch halb in der Türe, »ich bin
als Reporter beim Examiner angestellt! _Glory hallelujah_ -- Frank --
wir müssen schnell ein Glas Bier trinken, sonst geh' ich aus dem Leim
vor Vergnügen und --«

Da sah ich erst, daß auf dem einzigen wackeligen Stuhl des Zimmers ein
beleibter älterer Herr saß, der mich lächelnd musterte. Frank saß auf
dem Bett und grinste. Frank sah dem älteren Herrn sehr ähnlich -- --

»_Well_, ist das noch so einer, Frank?« sagte der Herr.

»_Exactly, sir._ Richtige Sorte. Alter Junge, ich gratulier' dir
hunderttausendmal zum Examiner. Hoh, hau' dich dran an die alte Zeitung!
Vater, darf ich dir Mr. Carlé vorstellen -- vom Examiner. Exbearbeiter
von verdammt salzigen _cods_ und nebenbei Professor der deutschen
Sprache!«

Mr. Reddington lachte schallend auf.

»Ihr Jungens seid mir fast ein wenig zu fix. Eine unverschämte
Gesellschaft! Ist das bei Ihnen in Deutschland auch Sitte, daß der Vater
zum Sohn kommt und nicht der Sohn zum Vater, heh? Na, ihr habt
wenigstens Schneid. Nun kommt mit ins Hotel, ihr Taugenichtse, und laßt
euch abfüttern!«

In einer Viertelstunde saßen wir drei im eleganten Lunchroom des Globe
Hotel. Mich packte es wie unerträgliches Heimweh, als ich sah, wie stolz
trotz aller oberflächlichen Kürze und anscheinender Gleichgültigkeit der
alte Herr auf seinen Strick von Sohn war, und wie seine Augen blitzartig
aufleuchteten, als Frank erklärte, im Dezember werde er sich bei seinem
Vater in New York für Ordres melden. Bis zur Schlußprüfung aber wolle er
selbst für seine Existenz sorgen. Der alte Herr murmelte zwar, das sei
verdammter Blödsinn, aber man merkte ihm die Freude an, als Frank
trocken erklärte, die Arbeit an der Universität von Kalifornien sei
seine Privataffäre und er gedenke das durchzuhalten, was er begonnen.

»Aber ein gutes Werk könntest du tun, Gouverneur!«

»Heh? Schulden bezahlen?«

»Ach wo. Hab' keine. Nein -- sieh' mal an, Carlé hier ist _allright_
und heute nagelneuer Reporter geworden --«

»Ja! Wird solch' ein Junge, bumps, einfach Reporter! Welche Rätsel Ihr
einem alten Mann zum Lösen aufgebt!«

»-- und du könntest nett sein, _sir_, und ihm etwas erzählen, das er
für die Zeitung gebrauchen kann. Du weißt ja immer etwas.«

»Na ...«

»Bitte, _pater_!«

Und wieder lachte der alte Herr. Eigentlich sei es noch vierundzwanzig
Stunden zu früh, die Katze aus dem Sack zu lassen, aber ausnahmsweise
und weil es der Zufall so wolle -- --

Er diktierte. Knapp, scharf, wie ein General, der seine
Schlachtdispositionen diktiert. Selbst meine Unerfahrenheit begriff,
daß es sich hier um ganz Großes handelte. Die Illinois Central
Eisenbahn (deren Aktien der Vater Franks kontrollierte) hatte eine
unrentable und zum Teil noch gar nicht völlig gebaute Eisenbahnlinie
in Missouri und Arkansas aufgekauft. Die Verbindungslinie zwischen
Chicago, dieser Bahn, und dem tiefen Süden sollte sofort in Bau
genommen werden. Dann kamen finanzielle Details. Und eine meisterhafte
Darstellung, kurz, aber von vollendeter Klarheit, der Städte, die die
Bahn berühren sollte, der Wirtschaftsgebiete, durch die sie führte, der
Erschließungsmöglichkeiten, mit denen das Konsortium rechnete.

»Als Personalnotiz können Sie bringen, Cyrus F. Reddington sei auf
einige Tage in San Franzisko, um seinen Sohn zu besuchen, der auf der
Universität von Kalifornien studiert!«

Und er lächelte Frank zu.

Ich aber rannte auf die Redaktion des Examiner.

»Um fünf Uhr sagte ich doch!« brummte Mc. Grady stirnrunzelnd.

»Ich habe ein Interview mit Cyrus F. Reddington aus New York.«

»Heh? Was?«

»Reddington. Präsident der Nationalbank --«

»Jedes Kind kennt ihn. Wie kommen Sie zu ihm? Wo ist er abgestiegen?«

»Im Globe. Ich bin mit seinem Sohn befreundet.«

»Kommen Sie mit.«

Er zerrte mich zum Chefredakteur, und eilte dann selbst nach dem Globe
Hotel (wahrscheinlich, um meine Angaben zu verifizieren).

Mr. Lascelles aber, der _Managing Editor_, fuhr mit dem Rot- und
Blaustift zwischen den Zeilen meines Manuskripts hin und her,
unterstreichend, hervorhebend.

»Famos,« sagte er. »Ganz große Sache. Halten Sie sich diese
Verbindung warm. Hat der alte Reddington die Nachricht auch anderen
gegeben? Anderen Zeitungen? Der Börse?«

»Nein, nur mir.«

»Was?« schrie er. »Das ist großartig!«

Noch krassere Überschriften setzte er darüber und leitete die Sensation
mit den Worten ein: »Spezialmeldung des Examiner.« Und unter die zwei
Riesenspalten setzte er die Anfangsbuchstaben meines Namens: E. C.

»Sie haben sich die Sporen verdient,« lächelte er. »Wenn's auch ein
Zufall war.«

Dann wurde ich auf einen Großfeueralarm geschickt. Ein großes Gebäude
im Geschäftsviertel brannte nieder. Zufällig kam ich gerade dazu, als
der Leiter der Feuerwehr den Heizer der Kesselanlage des Gebäudes
verhörte, der umständlich schilderte, wie aus dem Keller mit einemmal
Flammen geschlagen seien, und daß er schon vor einigen Tagen vor der
Selbstentzündungsgefahr der neugekauften bituminösen Kohlensorte gewarnt
habe. Das war wieder etwas sehr Hübsches, und wieder ein Glückszufall!

Mc.Grady aber nickte vergnügt ...

»Wir werden noch einen guten Examinermann aus Ihnen machen!«

                  *       *       *       *       *

Das war eine schlaflose Nacht. Ich starrte aus dem Fenster meines
Zimmerchens hinaus auf die glitzernden Lichter in der Bai, und Traum
jagte sich auf Traum. So wie man selten träumt. Nur nach großem Erleben.
Wenn man dasteht und das hämmernde Blut in den Schläfen fühlt, und ein
ungeheures Glücksgefühl aufsteigt über das erreichte Ziel; wenn man
seinen Jubel hinausschreien möchte in die Welt ... Herrgott, so war ich
nun Zeitungsmann! Schreien hätte ich mögen, jubelnd schreien.
Zeitungsmann an einer der großen Zeitungen der Welt! Der Stolz regte
sich: allein hast du den Weg zur Zeitung gefunden! Wie lächerlich kleine
Dinge lagen die Erlebnisse dieser ersten drei Jahre in Amerika weit
hinter mir -- weit, unbeschreiblich weit. Und mit einemmal kam es über
mich wie ruhige Klarheit, wie ein Gefühl felsenfester Sicherheit, durch
nichts zu erschüttern:

Mein Leben -- das Leben, das ich leben wollte -- lag klar vor mir. Kein
Suchen mehr. Kein Tasten. Kein Umherirren von Beruf zu Beruf. Die
Zeitung und ich, ich und die Zeitung: das war die Lebenslinie. Wie es
auch kommen mochte, festhalten an dem Einen: Du gehörst zur Feder, weil
du zu ihr gehören willst, und mit der Arbeit, die jetzt beginnt, mußt du
stehen oder fallen!

Der Lausbub hatte die Lebenslinie gefunden.

                        Ende des ersten Teils



[  Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
   jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte
   Zeile steht.

gute Samariter. Nun fängt ein neues Leben an
gute Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an

Wanderer Nr. 3
Wanderer Nr. 3.

-- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »boß«. -- Von
-- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »boss«. -- Von

Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! Hände
Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hände

Der deutsche Lausbub
Der Deutsche Lausbub

-- Die beiden Däninnen. Im New Yorker Hafen.
-- Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen.

nich' ssu sagen, denk ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e
nich' ssu sagen, denk' ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e

Eile ist!« schmunzelte der Riese. Das gesegnete Schiff ist noch gar
Eile ist!« schmunzelte der Riese. »Das gesegnete Schiff ist noch gar

den Revolver schußgerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe: Die
den Revolver schußgerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die

trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Expreß_
trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Express_

»_Lone Star Expreß_«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten
»_Lone Star Express_«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten

saß, merkte, daß das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte;
saß, merkte, daß das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte:

Kaffee, kein' Zucker, kein Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen für
Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen für

ergänzender wagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen
ergänzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen

übera das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir
über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir

Kurz vor Bernham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San
Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San

pompöse Mr. Mindus aus dem Häuschen geriet, als ich dem berüchtigsten
pompöse Mr. Mindus aus dem Häuschen geriet, als ich dem berüchtigtsten

Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Miß Daisy Bennett und die
Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Miß Daisy Benett und die

Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputgehen
Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputtgehen

-- Der Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident
-- Die Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident

Arbeiten!
-- Arbeiten!

weiterfahren können!
weiterfahren können!«

Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boß_«. -- Von Kindern
Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boss_«. -- Von Kindern

"_parla italiano_"? entgegenschrien und enttäuscht aussahen, als wir die
"_parla italiano_?" entgegenschrien und enttäuscht aussahen, als wir die

Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im
der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im

»Einen runden Kreis,« antwortete ich; weiß, rosa an den Rändern, und
»Einen runden Kreis,« antwortete ich; »weiß, rosa an den Rändern, und

Struwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf
Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf

über einem angehenden Geschirrwascher.
über einem angehenden Geschirrwäscher.

erstücke ja in düssem Berg von _Associated Preß copy_. Fangen Sie nur
erstücke ja in düssem Berg von _Associated Press copy_. Fangen Sie nur

Überschrift ein -- ein Heinezitat, das famos paßte: »Herr Doktor sind
Überschrift ein -- ein Heinezitat, das famos paßte: »Herr Doktor, sind

Dimmissionszeugnis geschrieben hatte: »Die Leistungen dieses Schülers
Dimissionszeugnis geschrieben hatte: »Die Leistungen dieses Schülers

»_We dont like German!_« erklärten sie mir sofort.
»_We don't like German!_« erklärten sie mir sofort.
]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Deutsche Lausbub in Amerika - Erinnerungen und Eindrücke" ***

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