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Title: Yester und Li - Die Geschichte einer Sehnsucht
Author: Kellermann, Bernhard
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Yester und Li - Die Geschichte einer Sehnsucht" ***

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Bernhard Kellermann
Yester und Li. Roman



Meiner Schwester Erika



Bernhard Kellermann

YESTER und LI

Die Geschichte einer Sehnsucht


3. Auflage


BERLIN und LEIPZIG · 1905
Magazin-Verlag Jaques Hegner



Alle Rechte vom Verleger vorbehalten
Gedruckt in der Spamerschen
Buchdruckerei zu Leipzig · · ·



I.


Ginstermann kam spät in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein.
Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch später. Er wußte es nicht.
Langsam, ganz langsam war er durch die Straßen gewandert.

Über den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der
leise zitterte, als er die Türe schloß. Der Mond schien durch die Vorhänge.
Auf den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmäßigen Zwischenräumen,
wie ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging
weg.

Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer
gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine
Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die
Kleidungsstücke auf den Stühlen, das Kissen auf der Ottomane in der
gleichen Lage.

Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er übersah den
Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wänden. Alles erschien ihm
sonderbar, rätselhaft, wie von einem Finger berührt, der es veränderte.

Draußen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame
Sprache redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhänge, und auch der
Hauch schien geheimnisvolle Worte mit sich zu führen.

Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann.

Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich
zu verwirren? Alles schwankt und fällt, was eben noch feststand. Alle
Begriffe sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe
erwacht, und folgten mir wunderbare Träume in mein Erwachen?

Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und weiß nur, daß ich ein
anderer bin, als der ich zu sein glaubte.

Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln?

Wer aber bist du? daß du solche Macht über mich hast?

Wer aber bist du, daß ich nicht an dir vorübergehen kann wie an anderen
Menschen . . . . . .

Er sann und sann.

Da wurde es Morgen.



II.


Diesen Abend ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Ginstermann ging mit
zwei Damen über die Straße. Mit zwei jungen Damen in eleganten
Abendmänteln.

Ginstermann, der wochenlang seine vier Wände nicht verließ, den man nie in
Begleitung sah, den noch niemand mit einer Dame hatte gehen sehen.

Sie kamen von einer Abendunterhaltung, die Kapelli, der Bildhauer, seinen
Bekannten anläßlich seiner Hochzeit gab. Kapelli, der seit Jahren mit
seiner Geliebten zusammenlebte, war schließlich, da sie ein Kind
erwarteten, auf den Gedanken gekommen, sich trauen zu lassen. Ginstermann
wohnte im gleichen Hause und war mit den Bildhauersleuten befreundet. Die
Damen gehörten zu Kapellis Kundschaft und waren aus irgend einem Grunde
eingeladen worden.

Kurz nach zehn Uhr brachen die Mädchen wieder auf. Sie waren kaum eine
Stunde dagewesen.

Fräulein Martha Scholl hätte noch große Lust gehabt, länger zu bleiben. Sie
äußerte das in Worten und Mienen. Aber Fräulein Bianka Schuhmacher war
nicht dazu zu bewegen, trotzdem Kapelli und seine Frau alles aufboten. Sie
gab vor, sie werde zu Hause erwartet. Vielleicht langweilte sie die
Gesellschaft auch.

Zur allgemeinen Verwunderung hatte sich Ginstermann erboten, die Damen nach
Hause zu begleiten.

Sie gingen alle drei langsam, wie vornehme Leute. Die Mädchen dicht
nebeneinander, er links von ihnen. In gemessenem Abstand, als sei noch eine
vierte Person da, die unsichtbar zwischen ihm und den Mädchen schreite.

Es sei nicht einmal kalt.

Nein, sehr angenehm sogar.

Und man habe doch erst März. Im März sei es für gewöhnlich noch sehr
unfreundlich.

Ginstermann erwiderte nichts mehr darauf, und sie schwiegen wieder.

Eine eigentümliche Unruhe erfüllte ihn. Die Ereignisse des Abends hatten
ihn verwirrt.

Noch immer hörte er die Worte, mit denen er den Mädchen seine Begleitung
angeboten, in sich klingen. Das war gar nicht seine Stimme gewesen. Wieder
und wieder sah er sich aufstehen, den Stuhl unter den Tisch schieben und
Fräulein Bianka Schuhmacher in ihre klugen, durchsichtigen Augen hinein
fragen, ob es ihnen nicht unangenehm wäre, wenn er mit ihnen ginge. Das war
alles so unerklärlich rasch und ohne eigenen Willen geschehen. Er erinnerte
sich, daß seine Hand zitterte, als er ihr beim Anlegen des Abendmantels
behilflich war: der Stoff dieses Mantels hatte sich so sanft angefühlt wie
Schnee.

Und dann dieses zufällige Wiedersehen . . .

Da war wiederum Kapellis Atelier, ein Saal nahezu infolge des Meeres von
Zigarettenrauch und der drei feierlich verschleierten Lampen, mit den
abgetretenen Teppichen an den Wänden, die wie kostbare Gobelins aussahen,
den Oleanderstöcken und der Menge Gesichter, deren Augen glänzten. Und er
trat ein. Verwirrt durch den ungewöhnlichen Anblick, den Kopf noch erfüllt
von der Arbeit des Tages. Und all die glänzenden Augen richteten sich auf
ihn, Hände winkten, und man rief seinen Namen. »Bravo, der Einsiedler!«

Da war Kapelli, im schwarzen Festrock, der ihn veränderte, mit dem
gutmütigen Philistergesicht und den genialen Augen; Frau Trud, lachend wie
immer, das goldblonde Köpfchen wiegend, eine zinnoberrote Schleife
vorgebunden; die Faunsmaske des Malers Ritt, das verschwimmende bleiche
Gesicht der Malerin von Sacken, ganz in Schwarz, eine Tragödie in ihrem
Lächeln; Knut Moderson, der Karikaturenzeichner, Maler Maurer, der Lyriker
Glimm, der blonde Goldschmitt und eine Menge anderer noch.

Und da waren zwei junge Damen, die er nicht kannte, und bei denen man ihm
seinen Platz anwies.

Zwei verdutzte, erstaunte, ihn anstaunende braune Augen, mit
Goldflitterchen darin, ein Puppengesichtchen, frisch, glänzend wie eine
Kirsche, Grübchen in den Wangen.

Und daneben zwei kühle, fragende Augen, blaßgrün wie Wasser, die jeden Zug
seines Gesichtes mit einem Blick aufnahmen, ein feines, nervöses Antlitz,
gleichsam durchsichtig, wie es Brustleidende haben. Ein Legendenantlitz.
Und dieses Antlitz hatte er schon gesehen. Hatte er schon gesehen.

Ah -- Kapelli hatte es modelliert. Es war die Büste die er »Seherin«
genannt hatte. Das waren diese schmalen, halbgeöffneten Lippen, die zögernd
den Duft von Blüten einzuschlürfen schienen. Und die markierten Schläfen,
die bebenden, elfenbeinernen Nasenflügel. Wenn sich dieses schmale Antlitz
zurückneigte, und die großen Augen sich auf ein Ziel in der Ferne hefteten,
so war es ganz genau die »Seherin«.

Kapelli hatte nicht umsonst seine prächtigen Augen.

Aber dieses Legendenantlitz hatte er früher schon gesehen. Irgendwo, vor
Jahren vielleicht. Er täuschte sich unmöglich. Und während sie rings von
Siry sprachen, dem Dichter Siry, der sich vor einigen Wochen erschoß, sann
er darüber nach, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte.

Und da fiel es ihm ein. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn.

Welch ein Zufall! Nun wußte er es.

Das war im Hoftheater, vorigen Winter.

Und er sann . . . . .

Der blonde Goldschmitt, der ewig Lebendige, erzählte irgend etwas. Von
seinen Fußwanderungen. Vorigen Sommer. Von mittelalterlichen Städtchen, die
in der Dämmerung versanken und von Kornfeldern, die in der Sonne kochten,
und vom Meer, das er in einer Sommernacht hatte leuchten sehen. Und vom
Walde -- ah, vom Walde. Goldschmitt, der Malerdichter. Er sprach nur in
Superlativen, ebenso seine Mienen. Und fortwährend strich er sich mit den
Fingern über das strähnige Haar, das von der Stirne bis in den Nacken lief,
eine einzige Welle. Und Dichter Glimm saß, ohne eine Silbe zu sprechen, die
Zigarette zwischen den Lippen, durch die Wimpern ins Licht blickend, und
ließ sich durch Goldschmitts Schilderungen Stimmungen suggerieren.

Dieser Goldschmitt erzählte in der Tat gut. Er sah impressionistisch, immer
Licht, immer Farbe, ein roter Klecks auf dem Kirchturmdach, und das Bild
war fertig.

Dazwischen kam Kapelli mit der Zigarettenschachtel und beugte sich über den
Tisch, so daß ein Büschel grauer Haare über seine Stirne fiel. Wenn er
sprach, so funkelten die Vokale gleich leuchtenden Steinen, und man
verspürte Lust, ihn zum Singen aufzufordern.

An den Tischen lärmten und lachten sie, und ewig war Ritts nasale Stimme zu
hören.

Und Fräulein Scholl hing mit den Blicken an Goldschmitts Lippen und hielt
die Zigarette mit steifen, ungewohnten Fingern, hier und da Tabak von den
Lippen nehmend. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie lachte, und die Wellen
ihrer Haare wippten. Diese Haare waren von genau der gleichen Farbe wie
ihre Augen. Ihre Zähne waren schneeweiß, klein, Puppenzähne, und zuweilen
blitzte eine goldene Plombe auf. Manchmal unterbrach sie den Erzählenden
und begann eine ähnliche Schilderung, um mitten darin abzubrechen, da ihr
der Ausdruck fehlte. Dann blies sie stets eine dünne Rauchwolke in die
Luft.

Daneben ihre Freundin, reserviert im Wesen. Sie lächelte liebenswürdig. Sie
rauchte nicht. Sie hielt die Augen auf Goldschmitt gerichtet und brachte
ihn einigemal in Verwirrung, als er sich ungeschickt ausdrückte. Es war,
als beobachte sie genau, was um sie vorging, und bilde sich über alles ein
Urteil. Dazwischen wieder lachte sie herzlich, wie ein Kind, als sei sie
für einen Augenblick eine andere geworden. Wenn sie sprach, so sprach sie
schön und ohne Hast. Ihre Stimme erinnerte an die Töne einer Geige, sie war
weich und gedämpft. Diese Stimme drang tiefer als in die Ohren und erweckte
das Bedürfnis, sie bei geschlossenen Lidern zu hören. Gleichzeitig klang
der kühle Stolz einer sich abschließenden Seele aus ihr.

Und er saß und sann.

Wie seltsam es doch ist, dachte er, das Schicksal hat die Menschen an Fäden
und führt sie zusammen und auseinander und wieder zusammen, je nach seiner
Laune.

Hier also traf er sie wieder.

Schon angesichts der Büste hatten seine Gedanken hartnäckig eine Erinnerung
in ihm auszulösen gesucht. Er entsann sich dessen noch deutlich.

Aber nun stand sie klar vor seinen Augen, wie an jenem Abend.

In leuchtend weißem Kleide sah er sie vor sich, auf Marmorstufen stehend,
mitten im Licht. Und sie hielt die großen Augen auf ihn geheftet, gleichsam
erstarrt vor Freude. Als sei er ihr Geliebter und nach langer Fahrt über
ferne Meere unerwartet zurückgekehrt. Er stieg die Stufen zum Foyer hinauf
und hielt unwillkürlich den Schritt an, betroffen durch den Ausdruck dieses
Blickes. Und sah sie an.

Das alles währte nicht länger als eine Sekunde. Es war sonderbar, wie ein
Rätsel.

Sie hatte ihn heute nicht einmal wieder erkannt. Trotzdem war es ihm, als
ob ihr Blick zuweilen über seine Züge tastete und etwas suchte.

Dann erhoben sich die Damen, und auch er stand auf. Und ohne eigentlich
daran gedacht zu haben, bot er ihnen seine Begleitung an.

Und nun ging er neben ihnen her.

Und war noch so verwirrt durch die Eindrücke des Abends, daß er kein Wort
zu sprechen vermochte.

All die vielen Gesichter schwebten ihm noch vor Augen, lächelnd, lachend,
mit den Augen zwinkernd, er hörte immer noch das Gewirr von Stimmen, und da
war wieder die verschleierte Lampe, das mit Zigarettenasche bestreute
Tischtuch, Goldschmitt, Glimm, Fräulein Scholl und daneben Fräulein
Schuhmacher.

Er sah sie ganz deutlich vor sich. Ihre hellen Augen, ihre schmalen Lippen,
die leise und vornehm lächelten, ihre Hand. Er hatte noch nie eine solche
Hand gesehen. Sie erschien ihm wie ein denkendes, selbständiges Wesen.

Und wieder empfand er jenen undefinierbaren Schrecken wie in jenem Moment,
da er in seinem Gegenüber jene Dame vom Hoftheater entdeckte.

Ah -- das war auch zu sonderbar. Das mochte jetzt über ein Jahr her sein.

Wiederum aber war es ihm unerklärlich, wie ihn dieser alltägliche Zufall in
derartige Aufregung versetzen konnte. War ihm diese Spannung rätselhaft,
mit der er jeder Bewegung dieses Mädchens gefolgt war, jeder noch so
unmerklichen Veränderung dieses durchsichtigen Antlitzes.

Das war absolut nicht mehr die Objektivität, mit der er sonst seine Modelle
studierte.

Wurde er nicht komisch vor sich selbst, daß er mit den jungen Damen lange
Straßen entlang ging? Wenn er aber ehrlich sein wollte, so mußte er sich
gestehen, daß es ihm auf der anderen Seite unangenehm gewesen wäre, hätte
ein anderer diese Rolle übernommen. Daß es ihm gleichzeitig eine physische
Befriedigung bereitete, neben dem schlanken Mädchen einherzugehen.

Er dachte an sein verlassenes, dunkles Zimmer, das er liebte nahezu wie
einen Menschen. Er sah sich bei der Lampe sitzen und schreiben, wie er es
Tag für Tag, seit zwei Jahren gewohnt war. Er sah seine Manuskripte auf dem
Tische liegen, mit der großen Rede Rammahs, die er in der Mitte abgebrochen
hatte, um zu Kapelli hinunterzusteigen. Es erschien ihm töricht, daß er
seine Arbeit im Stiche gelassen hatte. Kapelli hätte es ihm gewiß nicht
übel genommen, wenn ihm auch Frau Trud einige Zeit böse gewesen wäre. Nun
würde er die große Rede, die Rammah, der Gefangene, an die Königin Lehéhe
zu richten hatte, beendigt haben. Rammah, der seinen Kopf aufs Spiel
setzte, um noch einmal das Antlitz seiner Geliebten zu sehen.

Und er dachte an Rammah und Lehéhe, die Königin. Und wiederholte sich im
Geiste die Szene und die Worte, die der Gefangene zuletzt sprach.

Rammah sagte: Gib dem Gefangenen eine Hand voll Ton, er wird das Bildnis
seines Weibes formen, bei Tag, bei Nacht, in jeder Miene -- so formt ich
Euer Bildnis, Königin, bei Tag, bei Nacht, aus Wolken, Steinen, Wasser,
Bäumen, Wind, in jeder Mime, stolz und milde, lächelnd, strahlend, wie ich
es sah.

Und nun sollte er erzählen, daß ihn seine Qual zu den Mönchen getrieben.

Aber seine Rede verwirrte sich.

Eine unerklärliche Erregung erschütterte Ginstermanns Wesen.

Während er sich diese Worte wiederholte, erschien es ihm, als empfände er
sie inniger als am Abend, als kämen sie aus dem Tiefsten seines Wesens. Und
Lehéhe, die Königin, hatte sich verändert. Nicht mehr die orientalischen
Züge, die schmale gebogene Nase, das blauschwarze glatte Haar, nun trug sie
die Züge des Mädchens, das ihm zur Seite schritt . . . . .

Ginstermann hüllte sich dichter in den Mantel und gab sich Mühe, auf andere
Gedanken zu kommen.

Die Gewänder der Mädchen rauschten sanft. Es war ihm, als gingen sie sehr
rasch. Diese Vorstellung wurde dadurch verstärkt, daß man ihre Schritte
nicht hörte. Es war frischer Schnee gefallen.

Die Straßen erschienen breiter und öder. Dunkle, unnatürlich große
Fußspuren liefen über die Trottoire. Die Bogenlampen leuchteten trüb,
umflimmert von feinem Schneestaub, den ein großes Sieb über sie zu
schütteln schien. Dunkle Gestalten tauchten lautlos auf, verschwanden
lautlos. Irgendwohin. Schatten gleich, die die Straßen einer toten Stadt
durchwandern.

Und sie selbst glichen solchen Schatten.

Ginstermann hatte das peinliche Gefühl, daß die Mädchen auf eine Anrede
seinerseits warteten. Ja, vielleicht belustigten sie sich über ihn, der
nichts wußte, als vor sich hinzugrübeln. Es war nicht ausgeschlossen, daß
Fräulein Scholl ihre Freundin in den Arm kniff und in sich hineinkicherte.

Aber ein Seitenblick überzeugte ihn, daß sie beide in Gedanken versunken
waren, die nicht in direktem Zusammenhang mit dieser Wanderung standen.

Beide lächelten. Aber dieses Lächeln war grundverschieden. Bei Fräulein
Schuhmacher hauchte es aus den halbgeöffneten Lippen, bei Fräulein Scholl
sprühte es in den Wangengrübchen.

Es schien, als denke die eine über etwas Hübsches nach, das in der
Vergangenheit ruhte, die andere über etwas Hübsches, das aus der Zukunft
schimmerte.

Fräulein Schuhmacher ging mit geöffneten Augen und blickte zu Boden, als
beobachte sie das Spiel ihres Schattens, der bald vorauseilte, bald unter
ihren Schritten durchschlüpfte. Ihr Profil war von vornehmer, reiner Linie.
Die Stirne gedrückt und eigensinnig. Der Mund der eines Menschen, der wenig
gelacht und viel gelitten hat.

Fräulein Scholl hielt die Augen geschlossen, und diese geschlossenen Augen
lächelten.

Während ihre Freundin leicht vornübergebeugt schritt, das Wippen der
Libelle im Gang, ging sie aufrecht, mit steifem Stolze. Den Kopf etwas auf
die Brust gesenkt.

Man konnte sie sich gut als würdevolle Dame vorstellen.

Ginstermann sann darüber nach, was er den Damen sagen könne.

Der Wunsch erwachte in ihm, ihnen durch irgend eine Bemerkung aufzufallen.

Er war oftmals nahe daran zu beginnen, aber stets fand er die Bemerkung
deplaziert oder banal. Die einleitende Bemerkung, einleitende Frage
forderten sein Lächeln heraus infolge ihrer Ähnlichkeit mit den
Ballgesprächen in den Witzblättern. Mit nervöser Hast suchte er in seinem
Kopfe nach einem Gedanken, den er hätte anbringen können. Er hätte sich
gern geistreich, witzig gezeigt. Er hätte den Mädchen gern etwas mit nach
Hause gegeben, ein kleines souvenir de Ginstermann, etwas, das sie noch
beschäftigte, während sie sich entkleideten. Etwas Frappierendes, das sie
kopfschüttelnd zu fassen suchten, ein schönes Wort, das noch auf der
Schwelle ihres Schlafes vor ihnen schimmerte.

Aber seine Gedanken schleppten altes Zeug herbei, das einem jeder von den
Lippen ablas, wenn man es aussprechen wollte. Oder Einfälle, die er früher
irgendwo geäußert, und suchten ihn zur Kolportage seiner eigenen Gedanken
zu verführen.

Was sollte er diesen Mädchen sagen?

Sollte er ihnen einen Vortrag halten über die Schuld im modernen Drama,
über die Phonetik des Dialogs?

Über die seelische Armut eines Mädchens aus guter Familie? Über Bücher,
Theater, Musik?

Sollte er ihnen die Grimasse der modernen Gesellschaft mit höhnenden
Strichen skizzieren?

Sollte er ihnen sagen: Meine Damen, so kahl wie dieser Baum hier ist unsere
Zeit an Schönheit und dem Wunsche nach ihr. Aber es werden Generationen
kommen, deren Schönheitsdurst so gewaltig sein wird, daß man das
herrlichste Weib des Landes, nackt, auf geschmücktem Wagen durch die Stadt
führen wird.

Was sollte er sagen? Sollte er sagen --?

So sehr er sich bemühte, er fand nichts.

Er hatte es verlernt, mit Menschen zu verkehren, mit jungen Damen angenehm
zu plaudern. Die Jahre seiner Einsamkeit hatten ihm die Lippen
verschlossen.

Wußte er, was diese Mädchen interessieren konnte?

»Ach, wie entzückend!« tief Fräulein Scholl plötzlich aus und blieb stehen.
»Ist es nicht herrlich?«

Der Marmorpalast der Akademie lag vor ihnen.

Vom bleichen Lichte des Mondes durchstrahlt, umgeben von dunklen
Häusermassen, stieg er empor aus wipfelkahlen Bäumen wie ein heiliges
Denkmal, durch eine Luftspiegelung aus einer herrlichen Welt
herübergetragen. In seiner mehr denn totenhaften Stille, die nicht mehr das
Ohr, nur die Phantasie faßte, in seiner sanften Schönheit stand er
außerhalb alles Irdischen, außerhalb der Zeit, bereit, jeden Augenblick zu
versinken und trivial-praktische Häuserklumpen zu enthüllen.

Ginstermann wußte: Das ist der Palast eines gewaltigen Königs. Der König
ist gestorben und liegt aufgebahrt auf dunklem Sarkophage inmitten des
Palastes. Zu seinen Füßen kauert sein Weib. Pechpfannen umflammen das
Lager. Und morgen wird der Palast in Flammen stehen, und den Platz werden
Menschen erfüllen, tränenlos in ihrer Trauer, als ein starkes Volk. Und
Priester werden das Blut von tausend Kriegern in die rauchenden Trümmer
gießen, dem Geliebten zu opfern.

»Ist es nicht überwältigend?« flüsterte Fräulein Scholl.

»Es ist schön,« sagte Ginstermann.

Fräulein Schuhmacher streifte ihn mit einem Blicke, wie um die Gedanken zu
erraten, die er ihnen vorenthielt.

Fräulein Scholl wohnte in der Schackstraße. Sie begleiteten sie bis zur
Türe, dann gingen sie weiter. Die Leopoldstraße hinunter.

                   *       *       *       *       *

Sie gingen nun allein.

Mit der Entfernung der Freundin war die Last auf Ginstermanns Seele um das
Doppelte gewachsen.

Seine Verwirrung steigerte sich, und er fühlte, wie er die Herrschaft über
seine Gedanken verlor. Vergebens strengte er sich an, seine Gefühle zu
entwirren. Er empfand wiederum den schwindelartigen Zustand, der ihn
ergriff, als er aufstand, um den Damen seine Begleitung anzubieten.
Gewohnt, immer Herr der Situation und seiner selbst zu sein, empfand er ihn
als eine demütigende Peinigung. Es war ihm, als habe man ihn in eine
Narkose versetzt, gegen die sich seine halbbetäubten Sinne erfolglos
sträubten.

Gleichsam ohne selbständigen Willen schritt er neben diesem Weibe einher.
Einem Trabanten ähnlich, der in die Bahn eines mächtigen Sternes geriet.
Die Seele dieses Weibes hatte sich der seinigen bemächtigt und lockte ihn
mit der Gewalt ihres Rätsels.

Diese Situation, das Schweigen, aus dem man heraushören konnte, was man
wollte, wurde ihm unerträglich.

Er richtete sich auf, steckte die Hände in die Manteltaschen, bemüht, sich
vor sich selbst das Aussehen eines gleichgültigen Menschen zu geben.

Er hörte ihre Schritte über den Boden gleiten, ihre Kleider rauschen, er
bemerkte jede Bewegung ihres Kopfes, ihrer Hand, ohne jedoch sein volles
Bewußtsein zurückfinden.

Die Straße war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend weiß in der Nähe, von
düsterem Rauch erfüllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie,
die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten.

Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines
Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze überschritt geschmeidig die Straße,
behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend.

Jeder, der an ihnen vorüberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so
musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt
ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind
Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt
ihre Straße gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende
Liebe die Lippen verschließt und schwermütige Gedanken eingibt.

Während seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der
fremden Gewalt, die auf ihn eindrang.

Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch
fürchtete er diesen Moment und suchte er nach Möglichkeiten, ihn
hinauszuschieben. Mit ärgerlichem Schrecken dachte er daran, daß er zum
ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das
seiner Seele nicht gleichgültig war. Und daß er es nicht verstanden hatte,
diese günstige Lage auszunützen, das Wesen dieses Mädchens zu ergründen,
und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behüten, mit der sie
ein ungelöstes Rätsel zu umkreisen pflegten.

Da vernahm er plötzlich ihre Stimme.

Er verstand ihre Worte nicht und mußte sich erst ihren Klang ins Gedächtnis
zurückrufen, bevor er sie erfaßte.

»Kennen Sie denn meine Gedichte?« antwortete er lächelnd, erfreut, daß das
Stillschweigen gebrochen war.

Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das
sehr schön ist.

»Ja,« erwiderte sie, »ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf
aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr
schön, und ich empfand das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns
trennen. Es heißt: Martyrium.«

»Das war mein erstes, Fräulein Schuhmacher.«

»Ihr erstes?«

»Ja. Ich trottete meine Straße. Da kam es. Ganz von selbst, ich hatte
früher nie Verse geschrieben.«

Sie schwieg und blickte sinnend zu Boden.

Da erschrak Ginstermann. Diese wenigen Worte erlaubten ihr, eine Menge
Schlüsse auf sein damaliges Innenleben zu ziehen.

»Der Gedanke ist schön, und das Bild ist schön,« fuhr sie leise fort, »es
hat einen tiefen Sinn. Ich kenne kein Gedicht, das einen so tiefen Eindruck
in mir hinterlassen hätte.«

Er wußte, daß dieses Gedicht gut war, zu seinen besten gehörte. Aber keine
einzige Besprechung hatte es besonders hervorgehoben. Um so seltsamer
erschien es ihm, daß sie darauf gekommen war.

Das Gedicht war sehr einfach. Ein Mann, der vor einem Weibe in unverhüllter
Schönheit kniet, bittet es, ihm den Dornenkranz der Liebe, mit dem es ihn
krönt, tief, tief ins Haupt zu drücken.

»Hier bin ich nun zu Hause,« sagte Fräulein Schuhmacher und blieb stehen.

Sie standen vor einer Villa in modernem Stile, deren originelle Architektur
Ginstermann schon früher aufgefallen war. Zwei Fenster der ersten Etage
waren matt erhellt, als läge ein Kranker im Zimmer.

Ginstermann griff an den Hut, da es sich nicht schickt, eine Dame vor der
Türe noch zu verhalten.

Aber sie schien es nicht zu bemerken.

Ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, und wieder gewann er die Vorstellung,
als suche sie nach irgend etwas.

»Wir sahen uns übrigens schon einmal,« begann sie von neuem, und ihr Blick
traf voll den seinigen.

An diesem Blicke erkannte er sie.

Hier ist ein Mensch! dachte er, freudig erschreckend. Er fühlte, wie die
Erregung in langer Welle durch seinen Körper lief.

Diese Augen waren hell und durchsichtig, als brenne ein Licht hinter ihnen.
Er wußte, hinter diesen Augen wohnt jemand.

»Ja, im Hoftheater,« erwiderte er, und er lächelte und blickte ihr in die
Augen. Es erschien ihm, als seien sie langjährige Bekannte.

»Ich verwechselte Sie damals mit jemandem,« fuhr sie fort, und ihre Lippen
zuckten sonderbar, als unterdrückte sie ein Lächeln.

Er habe das sofort bemerkt.

Fräulein Schuhmacher blickte zum Himmel empor, aus dem große nasse Flocken
fielen.

»Es taut,« sagte sie, »ich glaube, es wird nun wirklich Frühling.«

Das klang einfach, aber eine krankhafte Sehnsucht nach dem Frühling lag in
dem Tone ihrer Stimme und den Blicken, mit denen sie die großen Flocken
verfolgte.

Dann bot sie ihm die Hand, indem sie ihm für die Begleitung dankte. Sie sah
ihn dabei an, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch.

Ginstermann entgegnete: »Ich danke, Fräulein Schuhmacher.« Das »Ich«
betonend.

Sie blickte ihn mit leichter Verwunderung an.

Er aber wiederholte: »Ich danke.« In der gleichen Betonung.

Da drückte sie ihm die Hand, jedoch ohne eine andere Sprache als die der
Höflichkeit einer modern denkenden Dame.

»Adieu,« sagte sie, »auf Wiedersehn.«

»Adieu,« sagte er.

Sie nickte und ging. Im Augenblick war sie verschwunden.

Ein dunkles, schweres Tor glitt lautlos hinter ihr ins Schloß, lautlos,
unaufhaltsam.

Ginstermann stand allein auf der Straße. Plötzlich fühlte er, daß es düster
und kalt war.

Er stand noch eine Weile, dann wandte er sich und machte einige zögernde
Schritte. Etwas hielt ihn zurück. Und nun blitzte es auf. Sie hatte gesagt:
auf Wiedersehen. Sie hatte gesagt: auf Wiedersehen. Er hörte ganz deutlich
ihre geschmeidige, leicht verschleierte Stimme. Aber das allein war es
nicht.

Er ging wieder auf die Stelle zurück, wo er sich von ihr verabschiedet
hatte, gleichsam als höre er hier ihre Stimme mit größerer Deutlichkeit in
seinem Gedächtnis wiederklingen.

Sie hatte das »Wieder« betont. Das war es.

Es war keine Höflichkeitsformel, mechanisch gesprochen. In dieser Betonung
lag der Wunsch, ihn wiederzusehen und zugleich eine gewisse Freude, ihn
kennen gelernt zu haben.

Nun erst ging er seiner Wege.

Nach geraumer Zeit bemerkte er, daß er die verkehrte Richtung eingeschlagen
hatte.

Er machte Kehrt und überschritt, als er sich der Villa näherte, die Straße,
um nicht gesehen zu werden.

Im Eckzimmer der ersten Etage war Licht. Rötliches, sanftes Licht, das
durch das geöffnete Fenster wie feiner Dunst in die Straße hauchte.

Er erschrack, ohne zu wissen weshalb, als er es bemerkte.

Da wanderte die Flamme einer Kerze an den dunklen Fenstern der anstoßenden
Zimmer vorbei und verschwand in dem Zimmer, das matt erleuchtet war.

Ginstermann stand, verborgen im Schatten einer Pappel, und wartete. Er
wartete lange und in sonderbarer Erregung, als spiele sich in dem Zimmer da
droben etwas ab, was entscheidend für sein Leben sei. Und doch war es nur
der Besuch eines Kindes bei seiner Mutter, vor dem Schlafengehen.

Die großen, weißen Flocken fielen langsam auf ihn herab, ihn gleichsam
durch ihr geheimnisvolles, sanftes Abwärtsgleiten in einen Zustand der
Betäubung versetzend.

Das Licht erschien wieder und wanderte an den Gardinen vorüber. Aus seinem
Auf und Ab erkannte er ihren Schritt. Er bildete sich ein, das Schließen
einer Türe zu vernehmen.

Und nun erschrak er, daß er unwillkürlich tiefer in den Schatten
zurücktrat.

Sie war ans Fenster gekommen. Und sie blickte genau auf den Baum, der ihn
verbarg.

Etwas wie eine tödliche Angst packte ihn, sie könne ihn durch den dicken
Baum hindurch bemerken.

Zum ersten Male sah er, wie schlank sie war!

Endlich wandte sie den Kopf, und er atmete auf.

Sie trat zurück und schloß das Fenster. Er hörte es, als stände er dicht
darunter, über ihre Hand, die den Knopf drehte, flossen die Vorhänge
zusammen, und fingen den Schatten ihrer Gestalt auf.

Das Verlangen erfaßte ihn, irgend etwas zu unternehmen, zu rufen, irgend
etwas zu rufen, nur um sie noch eine Sekunde zurückzuhalten.

Da wurden die Vorhänge licht.

Er ging nach Hause.



III.


Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurückgezogenheit.

Wie früher ließ er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen,
um nicht genötigt zu sein, in einem lärmenden Lokal zu speisen und mit
gleichgiltigen Leuten ein Gespräch führen zu müssen. Nur des Abends, wenn
die Dämmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den
Straßen brannten, verließ er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang
zu unternehmen. Diese Spaziergänge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf
die Arbeit des Abends vorzubereiten.

Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben.

Zu nüchterner Vernunft zurückgekehrt, hatte er mit Erstaunen wahrgenommen,
mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft über seine Seele verloren. Wenn
er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf das
schlanke Mädchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden vor
sich, dessen Gebaren er kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd beobachtete.

Er erklärte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich
seit Jahren in rastloser Tätigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten
und der Jagd nach neuen Gedanken, sich kaum die notdürftigste Ruhe und
Zerstreuung gönnend.

Jenes unscheinbare Erlebnis war für ihn das gewesen, was für den Nüchternen
ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. --

Ginstermann hatte früher ein Leben ohne Maß und Ziel gelebt, teils von
seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger
seiner Seele an möglichst vielen Eindrücken zu stillen. Erst seine reisende
Erkenntnis gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine
Seele nicht durch Erinnerungen überlasten wollte.

Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die
eine Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte.

Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung ließen Erkenntnisse in ihm reifen,
die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten.

Er erkannte, daß das, was man im allgemeinen Leben nannte, ärmlich und
nüchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschäftigung mit
den ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der
Menschen bestimmen.

Nach und nach war er zur gänzlichen Unfähigkeit gelangt, mit den Menschen
zu verkehren.

Er verachtete, er bemitleidete sie.

Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefühle,
ohne den Wunsch nach Flügeln. Ihre Ziele waren klein und kläglich und
reichten nicht über den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte
sie vergessen lassen, daß der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen
hatte.

Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne,
ihre Lüsternheit, ihre vergiftete Phantasie stießen ihn ab. Die
Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten
Gesetzen und ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbärmlich.

Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt
zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig
Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein
Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich
nicht Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen
des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von
seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben.

Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er
schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen
Menschen wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den
Rücken gedreht hatte.

Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung
gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen
in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein
Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte.

Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das
empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen
Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in
ungleicher Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu
lächeln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie
des Tandes, mit dem gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner
Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit
einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte.

In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner
Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden,
die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten.

Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen,
blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen
Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend.

Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er
mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen
ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer
und Götzen überwunden.

Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte
Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu
schleudern.

Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein
ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude
und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte.

Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr
vorwärts oder rückwärts ging.

Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und
Bedeutung. Das schlanke Mädchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken
auf und versuchte ihn mit großen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie
brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es
wollte.

Und nur, wenn sein Gehirn müde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in
ihm auf, das Mädchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser
Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets
heiter, sorglos und ohne Wünsche.

Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er
war überzeugt, daß sie einen reiferen, höheren Typus repräsentierte, als
ihre Schwestern, die er kannte.

»In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den
Sternen. Singe hieß sie, das ist: ich bin nicht.«

Seine Gefühle gehörten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehörten
ihnen.

Seine Seele gehörte seiner Arbeit, seinem Ziele.



IV.


Es war nun wirklich Frühling geworden.

Finsternis und Rauch des Winters waren verschwunden, und die Kälte vorüber,
die einem wie eine Katze ins Genick sprang, wenn man das Haus verließ.

Über den Häusern wölbte sich ein wolkenloser Himmel gleich einer ungeheuren
Flagge von blaßblauer Seide. Weiche, laue Luft hauchte durch die Straßen.
Die Stadt erschien wie aus einem klaren, duftenden Bade gestiegen.

Die Trottoire waren reingefegt von Sand und Schlacke, erfüllt von
Spaziergängern. Jeder, dem es möglich war, ging zu Fuß, um die herrliche
Luft und die wärmende Sonne zu genießen. Man trug Kleider von hellerer
Farbe, und aus den Herzen der Menschen war der Mißmut entwichen, den der zu
Ende gehende Winter erzeugt. Aus ihren Augen spiegelte der junge blaue
Himmel. Wagen, besetzt mit Frauen und Kindern in schmucken
Frühlingsgewändern, flogen an den Spaziergängern vorüber, und aus den
Gesichtern der Insassen strahlte die Freude, bald den Wald und die Wiesen
zu sehen.

Ginstermann hatte den Entwurf seines Dramas beendigt und benutzte das
verlockende Wetter, um sich zu erholen, neue Kraft und neuen Blick für die
Ausarbeitung zu gewinnen. Er wanderte stundenlang in den Straßen umher, mit
wachen Augen und Ohren für alles, was um ihn vorging.

Er trug einen hellen Sommeranzug, der ihn ganz veränderte. Mit seinen
schwarzen Augen und Haaren, dem elfenbeingelben Teint seines schmalen
Gesichtes erschien er wie ein Südländer. Die ewige Zigarette im Munde,
schlenderte er einher, wie einer, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, als
spazieren zu gehen und Zigaretten zu rauchen.

Auf einer dieser Promenaden -- es war gegen Abend -- sah er sie. Fräulein
Bianka Schuhmacher.

Und ein eigentümliches Erschrecken durchlief ihn, als er sie gewahrte.

Eine schlanke Dame ging mit einem Herrn über den Odeonsplatz. Gestalt und
Gang dieser Dame riefen augenblicklich das Bild von Fräulein Schuhmacher in
ihm wach.

Voller Spannung sah er sie näherkommen.

Sie trug ein graues Jackett, das ihr bis an die Knie reichte, einen kleinen
schwarzen Hut mit silbergrauem Schleier herum.

Sie bemerkte ihn nicht, sie plauderte eifrig und vergnügt mit ihrem
Begleiter. Dieser war schlank, schmalbrüstig, größer noch als sie, mit
hübschem, für einen Mann zu hübschem Gesicht, dessen Teint an den eines
Kindes erinnerte. Er trug einen dünnen blonden Schnurrbart, und über seine
Wange lief ein haarfeiner Schmiß.

Kleidung und Bewegungen verrieten den Mann der feinen Gesellschaft, dem der
Sinn für das Korrekte, Tadellose angeboren ist.

Sie gingen nun gegenüber von ihm, eine Straßenbreite entfernt.

Der blonde hübsche Herr schüttelte leicht den Kopf voller Vergnügen über
eine Bemerkung seiner Dame.

Er hörte das Mädchen sprechen und den Herrn antworten. Er verstand nichts,
nur, daß er »Du« zu ihr sagte.

Da hielt sie plötzlich im Plaudern inne, und ihr Blick traf unvermittelt
den seinigen. Groß, ruhig, mit einem verborgenen Lächeln in den Augen sah
sie ihn an.

Er zog den Hut.

Sie dankte, aber mehr mit den Augen als dem Neigen des Kopfes, das kaum
wahrnehmbar war.

Der blonde hübsche Herr grüßte hastig und tief, ja mit einem gewissen
Respekte, wie um durch die Achtung, die er einem Bekannten seiner
Begleiterin zeigte, ihr seine eigene Ehrerbietung auszudrücken.

Ginstermann überschritt unwillkürlich die Straße, um den beiden unauffällig
nachsehen zu können.

Sie waren bei einer Kunsthandlung stehen geblieben, und er bemerkte, wie
Fräulein Schuhmacher den Kopf nach ihm wandte, während sie plauderte. Er
blickte aber im selben Moment weg und tat, als habe er es nicht bemerkt.

Das Merkwürdige war, daß ihre Blicke ihn nicht auf der anderen Seite der
Straße gesucht hatten.

Eine Weile kämpfte er mit der Versuchung, den beiden zu folgen und ihnen
nach geraumer Zeit wie zufällig wieder zu begegnen. Allein es kam ihm
schülerhaft, seiner unwürdig vor, und er setzte seinen Weg fort. Er blickte
sich auch nicht mehr um, obschon es ihm eine förmliche Anstrengung kostete,
seinen Kopf gerade zu halten, den eine unsichtbare Hand zu drehen
versuchte.

Aber seine Gedanken, die eben noch wie wohlerzogene Kinder gefolgt hatten,
vermochte er nicht mehr zu lenken.

Sie gingen mit den beiden durch die Straßen, blieben mit ihnen bei den
Auslagefenstern der Magazine stehen, lauschten auf ihre Gespräche und das
vertrauliche »Du« des hübschen Herrn.

Zu Hause angelangt, versenkte er sich in sein Manuskript, überzeugt, daß er
sich dadurch zur Ordnung zwinge. Er sah sich getäuscht.

Seine Gedanken fuhren fort, neben den beiden einherzugehen, sie traten mit
ihnen in die Geschäfte, beteiligten sich an der Auswahl des Gegenstandes
und schlüpften zwischen ihnen und der Verbeugung des Kommis zur Türe
hinaus. Sie stiegen mit ihnen in eine Droschke, sahen zu, wie sie an einem
tadellos gedeckten Tisch, an dem noch einige andere Leute saßen, dinierten.
Sie hörten sie plaudern, mit den Bestecken klappern, beobachteten, wie die
Tafel aufgehoben wurde, und man sich zur Ruhe in Sessel niederließ. Das
alles, während er Worte vor sich las, die nur zögernd blasse und
unzusammenhängende Eindrücke erweckten.

Ärgerlich über sich sprang er endlich auf und nahm den Hut. Aber mitten auf
der Treppe wandte er wieder um und kehrte in sein Zimmer zurück.

Er lächelte über sein Betragen.

Weshalb sollte er eigentlich fortlaufen, fragte er sich.

Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Was kümmerte ihn ihr Verlobter?

Daß jener hübsche blonde Herr mit seinem rosigen Teint der Verlobte von
Fräulein Schuhmacher war, erschien ihm außer Zweifel. Die respektvolle
Vertraulichkeit, mit der er mit ihr plauderte und lachte, die ihr geltende
Achtung, mit der er vor ihm den Hut gezogen, bewiesen ihm das zur Genüge.

Aber was kümmerte ihn das?

Sollte ihm das Mädchen deshalb begehrenswerter erscheinen, weil ein anderer
seine Seele besaß?

Zudem hatte sie ihn ja kaum gegrüßt, als scheue sie sich, ihrem Verlobten
merken zu lassen, daß dieser Mensch in seinem lächerlichen Sommeranzug sie
kenne.

Unerklärt blieb allerdings, weshalb sie sich nach ihm umgewendet hatte.

Aber das war nicht von weiterer Bedeutung.

Vielleicht in Gedanken, vielleicht um zu sehen, ob er ihr und ihrem
hübschen Kavalier nachgaffe. Vielleicht hatte sie zu ihm gesagt: Du guck,
das ist der, der das Gedicht »Martyrium« geschrieben hat.

Und der Blonde hatte geantwortet: Der mit den niedergetretenen Absätzen?

Und sie hatten gelacht.

Hatte er nicht deutlich ein Lächeln in ihren Zügen aufsteigen sehen, das
sie Mühe hatte, so lange zu unterdrücken, als er herblickte?

Auf- und abgehend, erfand er einen Dialog, in dem die beiden über ihn
witzelten. Dadurch geriet er allmählich in eine heitere Stimmung, die ihm
über den Vorfall hinweghalf.

Er setzte sich an seine Arbeit, und nun hatten die Repliken plötzlich Klang
und Sinn. Er arbeitete bis spät in die Nacht hinein und legte sich
zufrieden mit sich nieder, noch während des Einschlafens mit dem Schicksale
seiner Gestalten beschäftigt. --

Am anderen Morgen fand er ein Billett im Briefkasten. Es hatte folgenden
Inhalt: Weshalb sah man Sie denn solange nicht mehr? Ich vermutete, Sie
seien erkrankt. Gruß, auf Wiedersehen, Bianka Schuhmacher.



V.


Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße.

Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen.

Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten
umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von
kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes
Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in
Proportionen und Schmuck.

Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor
Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben.

Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt
das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den
Wänden.

Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen
herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen
Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der
Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze.

Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges
Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den
vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen,
schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald,
das Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf
die Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der
fauchenden, surrenden, stauberfüllten Stadt.

Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die
Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um
die harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck
erweckten, als hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut.
Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel
aus ihrem Geäste.

Ginstermann hatte an all dem Gefallen.

Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der
letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags,
um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen,
die schon gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar
nicht blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen
der Stadt, die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen.

Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden
angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln
jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang.

Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen
reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm
erzeugten. Deshalb gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er,
während er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was
ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht würde er auch
Fräulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln
können, oder sie würde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr
hinaufgrüßen.

Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und
setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als
sei er ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht
eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte.

Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und
ersehnte Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so
unangenehm wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu
werden.

Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus,
um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er
befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt,
verspotteten ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er
unruhig und machte sich alle möglichen Gedanken.

Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ.
Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und
kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für
entwürdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschäftigen als der
eigenen.

Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins
schon müde?

Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen
Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner
Vernunft.

Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann
pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor
sich hertrieb.

Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts.

Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern.

In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte
er sie wieder.

Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben?

Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel
sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte
Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen
gegeißelt hatte, die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an
eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser
war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr?

Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie?

Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen
wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters.

Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen
zu befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er
sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil
bilden und demgemäß handeln.

Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube
des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre
Tage verbringend.

Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein
paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo
er abwesend war.

Endlich löste sich das Rätsel.

Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie
Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen,
und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem
Befinden erkundigen.

Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem
man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht,
wie es in Krankenzimmern brennt.

Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches
geschehen.

Nun wußte er es: sie war krank.

Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr
wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank.

Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie
ist krank.

In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift
und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist
krank.

Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht.

Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu.

Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank.
Krank, krank, knarrte eine lockere Diele.

Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten
hindurch.

Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart,
der andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen
eines Kindes.

Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus
ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das
Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem
stoischen Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken
verraten zu können.

Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er
mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein
Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt
ihn auf.

Danke, sagt der Alte, -- jawohl.

Sonst vernimmt er nichts.

Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre
Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts.

Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei
er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen
Schrittchen die Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer
Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein
Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich
einigemal.

Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein
großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl.
Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter.

Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft.

»Pardon,« sagt er, »ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine
Gefälligkeit ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas
vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.«

Eine Dame überreichte ihm das Buch. »Bitte schön,« sagt sie höflich, ihn
mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend.

G, g -- g -- a b c d -- g

Gagstetter -- Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane.

»Danke, vielen Dank!«

»Bitte schön.«



VI.


Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage.

Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus
Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er
sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges
Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild,
packte er mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine
Karte bei.

Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewußtsein,
daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom
Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm
zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem
Geber zu suchen.

Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets
gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu
wollen.

Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da
würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden
Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es
ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken
beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der
eine, sie war es doch nicht, der andere.

Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein
Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen
zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem
Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit
dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen.

Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die
Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er
seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das
genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren.

Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen:
Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten.
Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage
nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu
sehen.

Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte.

In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel.

Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an,
ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere.
Er wartete, er wartete.

Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott weiß es, sie
blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen.

Noch im Laufe des Abends war er hier außen gewesen. Nicht der kleinste
Umstand deutete darauf hin, daß das Unausdenkbare eingetreten sei. Heute
morgen hatte das Zimmermädchen die Fenster geputzt und dabei gesungen.

Ginstermann fühlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehüllt
hatte, lange Tage hindurch, löste sich von ihm. Er atmete auf, lange und
tief.

Langsam ging er die Straße hinab, das Glück der Erlösung genießend und die
Freude, daß es besser mit ihr ging.

Plötzlich hörte, sah, fühlte er wieder wie früher. Der ausgeschaltete Strom
seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung.

Er trat in ein Café, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte
Licht, Menschen! Sein Glück drehte ihn im Wirbel.

Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele.
Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, ließ er
sich auf ein Plüschsofa nieder.

Das Café war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von
karmoisinrotem Plüsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und
Stühle rot gelackt wie Gartenmöbel. Ein Fries nackter, einander
nachlaufender Männer mit den gleichen Bewegungen an den Wänden. Das Ganze
machte den Eindruck feierlichen Pompes.

Das ist ein Raum für die still Glücklichen, dachte Ginstermann.

Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenüber, saßen
zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine
ausgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein
Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zähnen. Der andere sprach
aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Gärung, er
sprach mit Händen und Füßen und warf jedesmal die Streichhölzer um, wenn er
seine Zigarette anzünden wollte. Sein Zuhörer lachte nur.

»Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem
Meeresgrund,« rief der Erregte aus, »und wiederum seid ihr so dick und
unverschämt stumpf wie ein Balken!«

Etwas im Hintergrunde saß eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins
Gesicht gesetzt, mit der Lektüre der Wiener Karikaturen beschäftigt. Man
sah die nackten Beine nur so strampeln.

In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht
des Herrn fiel durch leichenhafte Blässe und Bewegungslosigkeit auf und
eine Falte über der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die
Dame sah Ginstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden,
stahlgrauen Ärmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmäßig in die Höhe
griff, um die Frisur zu richten. Er hörte sie dazwischen kurze Fragen
stellen und schloß aus ihrer Stimme und Betonung, daß sie geistreich war.

Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine
war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach.

Ein junges, hübsches Mädchen bediente. Ihre Kollegin saß auf einem Stuhle
und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider,
als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Löffels an eine Tasse
gehört.

Es machte Ginstermann Vergnügen, all das zu beobachten, während ein Teil
seiner Gedanken unausgesetzt das glückliche Ereignis des Abends umkreiste.

Er fühlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der
Lebhafte ihm gegenüber in lachendem Zorn ausrief: »Dann nehme ich mein
Rückgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!«

Das hübsche Mädchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm
stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelförmigen Augen, aus denen die
Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand hätte sie in dieser Stellung
vermutet.

»Sagen Sie, Fräulein,« begann Ginstermann, »kann man nicht zu Ihrer Taufe
eingeladen werden?«

Das Mädchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwöhnisch, eine
Keckheit hinter dieser Frage vermutend.

Nun, sie sei doch noch so jung, daß sie unmöglich schon getauft sein könne.

Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gästen sehend.
Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweißen Schürze.

»Wir werden Sie >Rehäuglein< taufen,« fuhr Ginstermann fort -- da berührte
jemand seine Schulter.

Es war der Akademiker Goldschmitt. »Uff, Ginstermann?« rief er aus.

Der Maler war verblüfft, Ginstermann hier im Café zu treffen, mehr noch,
ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine
Verblüffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgeräumtheit
bemerkte. Er war nur gewöhnt, ihn als einen verschlossenen, düsteren
Menschen, der sein geistiges und seelisches Leben hinter einer
regungslosen, hochmütigen Miene verbarg, zu sehen.

Ginstermann für seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu
haben. Er sprach und lachte immerzu. -- Er begann von den Bildern des
jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung über
zeitgenössische Größen Ausdruck, die er sich erst während des Sprechens
bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen über Zweck und Ziel der
bildenden Kunst klar. Er warf ihm Händevoll Gedanken hin, die er verwerten
könne.

Dabei dachte er an ganz andere Dinge.

Es ging besser mit ihr, also war alles gut.

Goldschmitt hörte aufmerksam zu und wartete auf den zündenden Funken. Er
breitete seine Pläne und Ideen vor ihm aus, ob er sie für gut finde.

Ginstermann fand alle für gut, sogar für sehr gut.

»Sie werden Ihren Weg machen,« sagte er und stieß mit ihm an.

Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns
Lustigkeit zu fragen.

»Ich feiere heute Geburtstag,« erwiderte ihm Ginstermann, den wahren Sinn
dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen.

Einige Gäste traten geräuschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde
es lauter, kaffeehausmäßiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging
langsam mit schwerfälligem Wiegen der Hüften zwischen Büfett und Tischen
hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und
begann mit unmerklich lächelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen.

Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch
triefte. Er plauderte weiter, während das Rehäuglein den Schaden gut
machte. Sein Freund lachte, daß sich alle Gäste umwandten und mitlachten.
Sein Mund war rund wie ein Taler.

»Betrachten Sie mal diesen Menschen,« sagte Ginstermann.

Goldschmitt entgegnete: »Das ist Spiegel, er hat dieses Café hier
entworfen.«

Das wollte Ginstermann nicht glauben.

»Sie, Spiegel,« rief Goldschmitt über das Lokal, »haben Sie dieses Café
entworfen oder nicht?«

Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: »Jawohl!« und setzte seine
Disputation fort, ehe Ginstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn
nunmehr interessierte.

Um zwölf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgeräumter Stimmung
und lachte immerzu. Er drückte dem Rehäuglein ein Zweimarkstück in die Hand
und sagte:

»Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann
herausgeben.« Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er
sah dem Mädchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den
niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besaß.

»Bleiben Sie recht brav, Rehäuglein,« scherzte Ginstermann und schüttelte
ihr wie ein alter Bekannter die Hand.

An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen
Gesicht saß, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die
Ähnlichkeiten hatten mit denen von Fräulein Schuhmacher, waren auf ihn
gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem
Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehörte ein Gesicht von seltener
Häßlichkeit.

Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, daß Ginstermann ihn nach Hause
begleite, aber er mußte nachgeben.

Arm in Arm gingen sie die Straße hinunter, und Ginstermann unterbrach
plötzlich das Gespräch und sagte: »Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie
ist zu fade, nennen wir uns du.«

»Also du, wie du meinst,« versetzte der Maler.

Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine
neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er
müsse morgen zeitig heraus.

»Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Café
kommst, so gieb dem Mädchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld
geben. Das Mädchen ist meine Braut. Aber -- notabene -- nicht daß du meinst
-- -- gute Nacht.« --

Ginstermann wanderte langsam nach Hause.

Es war eine herrliche Nacht, die tausend süße Geheimnisse barg. Im Himmel
hatten sie alle Kerzen zur großen Mette angezündet. Die Erde lag gebettet
in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und
Fruchtbarkeit träumend gleich einem Weibe.

Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war
müde. Die Haustüre öffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette im Mund, in
jeder Hand eine Flasche tragend, über den Vorplatz gehen.

Die Türe seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus
strömte, erhellte Ritts boshaft-gutmütiges, verlebtes Faungesicht. Im
Atelier pfiff jemand »La Paloma«.

»Nanu?« sagte der Maler, »hä-hä!« und zog erstaunt die Brauen in die Höhe.

Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht?

Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er
trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt
doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute,
wo ein besonderer Tag war . . .

Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut.

Er trat in eine Wolke bläulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe
schwebte einer rotglühenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres
Eintritts in Bewegung, und um die rotglühende Kugel schaukelten
phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes
Gesicht, dessen glänzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weißen Saum
eines Unterrockes, und nach links blickend abermals ein blasses Gesicht,
aus dem eine senkrechte Rauchsäule emporstieg.

Zwei Damen in eleganten Kostümen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und
Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von
verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nämliche
Ausdruck in ihnen, lüsterner Glanz. Sie rührten sich nicht und blieben
ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge
Bemerkungen, wie ein Tierbändiger ein seltenes Exemplar, vorstellte.

»Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des
Geiers, meine Damen,« schloß er.

Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand.

Die eine erwiderte mit einem zögernden Druck, die andere reichte ihm die
Rechte mit müder Grazie und ließ sie sofort wieder auf das Kissen
zurückfallen.

Wo er nur immer diese hübschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann.

Ritt ging umher und füllte die Gläser, die auf niedrigen Taburetts standen,
so daß sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen der Damen leise
über die Haare, als ob er eine Mücke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm,
und weiße Zähne schimmerten hinter lächelnden Lippen.

Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrückt hatte.

Der Maler legte sich auf zwei Stühle und forderte Ginstermann auf, ein
Gleiches zu tun.

»Bei mir können Sie lernen, wie man angenehm lebt,« rief er aus. »Die Leute
amüsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner
Vergnügungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme
Art zugrunde richten -- hähä. Darin beruht der Unterschied meiner
Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Länge,
laßt uns atmen, Freunde! Prosit!«

Man stieß an. Ginstermann dachte an das Mädchen in der Leopoldstraße und
trank sein Glas bis zum Boden leer.

Ritt fuhr fort, in seiner näselnden, dünnen Stimme die Freude zu preisen,
die den Menschen über sein tierisches Ahnentum erhebe.

Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich
unausgesetzt in nervös lustiger Erregung.

Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendes Leben frühzeitig zu
einer totalen Erschlaffung seines Willens geführt, so daß er zum Spielball
seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schloß er sich vollständig von
der Welt ab, um sich wiederum die nötige Achtung vor sich selbst zu geben,
und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck
der Inspirativen erweckte. Seine Schöpfungen hatten ihn berühmt gemacht.
Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als
seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit
zur Sammlung, seine Seele war zerrüttet.

Niemand hätte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah
er vierzig, bei Lampenlicht dreißig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger
Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines
Zwanzigjährigen.

Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu
wimpernlos waren. Er trug einen dünnen, langen Spitzbart, der einige
Dutzend Haare hatte, über seine Züge lag etwas Täppisches, Kindisches
ausgebreitet, das zeitweise verdrängt wurde durch den Ausdruck mühsam
verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte,
vor dem Wahnsinn.

Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium
entdeckte, aus dem er sich glücklich emporgearbeitet hatte. Diese nervöse
Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwährend zu betäuben, seine
Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an
seinen früheren Zustand.

Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, daß der
Versuch, den Abwärtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wäre. Ritt
würde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut hätte, den
Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen.

Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein französisches Chanson, dessen
Refrain lautete: Achète moi un homme, maman, if you please, maman.

Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schließlich fiel auch
Ginstermann ein.

Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den
andern.

Ginstermann saß vergnügt in seinem niederen Sessel, er war zu müde, um
aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein
Einsiedler mal seine Höhle verlassen.

Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihre Lider hindurch mit
schillernden Augen, während sie sang.

Man stieß wieder an. Aber Ginstermann war zu müde, nach einem Glase zu
greifen.

Zur vollständigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er,
je nachdem, je nachdem. Da fühlte er, wie jemand ihm mit der Hand über das
Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hörte er noch Gelächter
und Ritts näselndes »Bravo, bravo!« --

Da stieß ein Vogel mit großen Fittichen gegen seine Stirne, und er öffnete
die Augen.

Vor ihm saß eine Dame mit schillernden Augen und lächelte. In ihrer Hand
hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen.

Nun fiel es ihm erst ein, wo er war.

Das war Ritts pompöses Studio, dort stand sein neuestes Bild
»Mädchenreigen« und hier die rotglühende Lampe, und richtig, diese Dame
hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrückt. Die anderen aber waren nicht zu
sehen.

Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen.

»Sie holen Wein,« sagte das Mädchen, das auf der Ottomane saß, und blies
sonderbar lächelnd gegen die Glut ihrer Zigarette.

Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden.

»Sie kommen nicht sogleich wieder«, flüsterte das Weib und blickte ihn an.
Ihre Hand bebte.

In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lächelnd:
»Ich bin müde.« Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten
darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten
sie sich, und zwei Reihen weißer Zähne unter roten Lippen kamen näher. Er
stand noch immer und hielt diese heiße, zitternde Hand in der seinigen. Da
fühlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein
Gesicht.

Dieser Hauch stieß ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewußtsein.

»Adieu«, sagte er und ging hinaus.

Ihn schwindelte. Die kühle Luft hier außen tat wohl. Ein paar tiefe
Atemzüge, und sein Kopf war klar.

Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr.

An der Tür der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines
Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren
guter Dinge.

Es war heute ein ganz besonderer Tag!

Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke
wickelte mit dem Gedanken, daß nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten
Leuten zu befürchten seien.

Plötzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt!

Es war so stille, daß er das Rollen eines Wagens von der Straße her hörte.
Und nun vernahm er wiederum unterdrücktes Schluchzen.

Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach.

Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine
niederschmetternde Anklage, als trüge er an dem Schmerze jenes Weibes
Schuld.

Fräulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit
zu fragen, da sie nicht schlafen könne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam
nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu
können, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach
kurzem Gespräche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten
Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte:
Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz.

Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlich an der Türe stehen und jene
drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragödie birgt. Sie waren
ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte
Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah.

Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr
helfen. In seiner glücklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes
um so tiefer begreifen.

Er begann an seiner Türe zu rütteln, mit dem Fuß dagegenzustoßen.

Das Schluchzen hörte augenblicklich auf.

Eine Weile wartete er, dann ging er an die Türe der Malerin und pochte
behutsam.

»Wer da?« fragte eine jähe, ängstliche Stimme.

Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber --

Fräulein von Sacken öffnete.

»Herr Ginstermann?« sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme
und lächelte verwundert.

Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren
und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich
erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder
sonst ein Instrument zum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe --

Ach nein -- das sei allerdings unangenehm.

»Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.«

Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen.

Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe
umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren.

Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses
Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes
Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch
gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug.

Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen
harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe.

Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände
und Decke.

Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen
Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von
früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines
Fürsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr
üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte
Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben.
Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen
Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet.

Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und
vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen.

Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren
Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr
losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam
verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein
gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des
Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr
zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit
dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur
Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen,
fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne.

Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im
verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen
Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben.

Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden.

Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei.

»Vielleicht passen die«, sagte sie.

Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite.

»So geht es, wenn der Mensch Unglück hat«, sagte er. »Nun ging ich heute
mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte
nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer
Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.«

Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede
wartend.

»Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.«

»Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein
Sacken«, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. »So einer bin ich.
Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und
Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist
schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen
auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß
man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht
wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit
Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die
andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir
nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können
wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns
heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß
Geduld haben.«

»Viel Geduld!«

»Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.«

»Niemand erträgt das.«

»Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man
sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht
gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns
verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten
uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen
sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind,
taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke
aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die
sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese
gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte
uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte
der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor
sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte,
man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.«

Er schwieg.

Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte.
Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es
war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden.

Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: »Nun
sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nicht kostbar!
Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.«

»Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie mechanisch.

»Ja,« entgegnete er, »und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte,
nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist
menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder
jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.«

Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre
Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben
nicht vergessen würde, sagte sie:

»Es muß doch einen Gott geben!«

»Wieso?« fragte Ginstermann verdutzt.



VII.


Das waren schlimme Tage.

Und mehr noch schlimme Nächte.

Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein
Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte
er sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei.

Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf
der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so
eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine
nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte,
ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt.

Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er
spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei,
ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr
kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.

Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame,
die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit
bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt
hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den
Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des
Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und
betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die
nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen,
angetrieben.

Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der
Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig
wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im
ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität
gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den
Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen
alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen
halben Stunde wieder zu verlassen.

Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war,
schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem
Zimmer brannte.

Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden
Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?

Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden.
Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.

Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen
stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren
Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm
einer Statuette.

Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels
beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen
Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal
wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen
gewesen.

Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr.
Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen,
wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor
treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe.
Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend
öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten
Sinne.

Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten
und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner
Brust schlug.

Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es
war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages
aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf,
um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu
lassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein
Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not
einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden
Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich
groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf,
wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße
war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder
heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend -- ah, recht sehr! Hier fiel ein
Stock klappernd aufs Pflaster.

Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt
hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine
Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des
schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte
sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den
Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine
Mappe gebeugt.

Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu
können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er
entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend
Pläne.

Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.

Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel
einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende
Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft
brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.

Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig
brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine
Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen.

Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann
wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht
wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt,
wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen
Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen
Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein
Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt
hinter dir her . . .

Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und
Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten -- seht, dort! Weshalb jammert dieses
Weib so und liegt auf den Knien?

Platz da -- Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm
schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort,
dort! Seht! -- Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat
den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch
keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann
darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . .

Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen,
mit ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in
Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets
zu packen . . .

Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein
Dienstmädchen. »Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit,
mich zu bestellen.« Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das
Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf.

»Nein -- nein -- ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won
-- Wonderneß sprechen.«

»Ich bedaure.«

»Leopoldstraße 12?«

»Allerdings.«

»Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße
12.«

»Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei
Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch --«

»Zu Besuch -- richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um
Entschuldigung. Ein alter Mann --.« Das Männlein macht einen Kratzfuß und
steigt vorsichtig die Treppe hinunter.

»Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.«

»O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden« . . .

Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt
Rauch. Wenn man schnell alarmiert. -- Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese
moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines
Motors, über den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles
nur Denkbare, um einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag,
befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und
zurück, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer,
du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.

Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem
alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm
herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich
auf den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte.

Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er
wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.

Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in
Kapellis Ateliers.

So vergingen einige Wochen.



VIII.


Ginstermann erzählt:

Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Mißgeschick mich gänzlich mutlos
gemacht hatte, heute aber -- meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase
-- lächelte mir endlich Fortuna!

Ja, Fortuna lächelte mir!

Holdrio!

Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurück an den
»Wällen Jerusalems, des ewigen«, ich bin weit draußen in der Vorstadt
gewesen. Es wird Abend, ein trüber, trauriger Abend, als hätte ihn mein
Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab.

Ein niederträchtiger, unverschämter Regen, der meine Zigarette näßt, daß
sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein würde bei normalen
Verhältnissen genügt haben, mich mißmutig zu machen. Jetzt schlug er dem
Faß den Boden aus.

Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist.

Ich werde geradezu wütend. Aber plötzlich, durch all meine Misere hindurch
lächelte mir der holde Sonnenblick Fortunas.

Nur Geduld. Bei großen Momenten halte ich große Reden der Einleitung, wie
ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfältigen Betrachtung unterzieht, um
seinen Genuß zu steigern.

Also es regnet, und das Pflaster ist naß. Meine Zigarette ist erloschen,
und ich schreite mit düsteren Blicken meine Straße. Das bewußte Haus kommt
näher.

Ein geschmackloses, ein lächerliches Haus, das Experiment eines
Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt.

Wie gesagt und überhaupt -- betrachten Sie, bitte dieses Haus!

Ich hätte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten über moderne
Architektur im speziellen, über moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit
Ihnen ein kleines Exkursiönchen durch die Baustile aller Zeiten und Völker
zu unternehmen, über die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg,
hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Königs
Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu
durchwandern. Hier im Schatten des Säulenwaldes würde es mir ein besonderes
Vergnügen sein, Ihnen, wenn Sie wünschen, meine Ansichten über die
rituellen Gebräuche dieser Völker auseinanderzusetzen.

Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich.

Ich gehe an diesem Hause vorüber, empört über seine Geschmacklosigkeit,
über die höhnisch lächelnde Verschlossenheit, mit der mich seine
vierundzwanzig Augen verfolgen -- da höre ich meinen Namen rufen.

Ganz leise, als äffe mich ein Spuk.

Meine Herrschaften!!

Ich wende den Kopf, von vornherein überzeugt, daß ich mich täuschte, da
erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Türe.

Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, über mir sausen
Flammen.

»Guten Abend,« sagt sie und lächelt mir zu.

Endlich gehe ich näher. »Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«

Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend
blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie
eine Katze huscht sie die Stufen herunter.

Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: »Ich konnte mir gar nicht
denken, wer mich anrufen könne.«

Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott.

»Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.«

»In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.«

»Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.«

»Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher
Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die
Herzen, man sieht sie wahr.«

»Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,« unterbricht sie mich, und,
indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: »Ich will ihn in den Kasten
stecken.«

Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie.

Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und
wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das
Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das
Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den
Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern
sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die
Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie
eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend.
Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli
geschaffen.

Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die
Regentropfen wie Tau.

Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht
sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals.

Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore.

»Wir werden demnächst abreisen,« sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in
den Rand einer kleinen Pfütze tippend.

»Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist
nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht
wagen können.«

Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu
Boden.

»Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?«

»Ja, leider.« Sie sieht auf und blickt mich an.

»Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?«

»Mit Vergnügen, allein --«

Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge.

»Sehr häufig sogar.«

»Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so
würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen
plaudern, nicht?«

»Sehr gerne, sehr gerne.«

»Können Sie Samstag?«

»Haha -- ja --,« ich besinne mich etwas, »o ja, Samstag sehr gut. Gewiß,
gewiß, sehr angenehm.«

»Ja, aber der Garten ist groß.«

Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei.

»Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr
Ginstermann.«

»Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«

Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus.

Meine Brüder, meine Brüder!

Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um
nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die
Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den
Schuhen, um nicht zu tanzen.

So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel.

Das bin ich.

Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt
sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt:
Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar
nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der
Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen könne?
Nicht? Herzlichen Dank.

Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen
Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter »Chiemsee«. Vermittler verbeten.

Das bin ich.

Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche,
langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu
trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber
wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche
Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame.

Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich!



IX.


Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann
die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes
Wesen durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus.

Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen
Zustand köstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches
schimmerte.

Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von
der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen,
die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten
sieht.

Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben.

Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien
alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem
stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu
sich zu nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab.
Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille,
sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor,
daß Menschen und Häuser plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er
durch sie hindurch in ein Traumland blickte.

Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den
ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken
Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich
gespenstische Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze
eines Sterbenden.

Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern
sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein
zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf
ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise
blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde
nicht entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel
in Stücke schlagend.

In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das
Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren,
kräftigen Luft zu erhaschen.

Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die
stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es
auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars
schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen
hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme
teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den
Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter
mit verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den
Lichtschein.

Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut,
seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines
Vergnügungslokales geöffnet.

Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an
dieser mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit
verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe.

Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch
der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster
schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.

Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und
Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender
Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von
Licht über Häuser und Menschen werfend.

Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage.

Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mächtigen
Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus
ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern.

Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille
Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle,
selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen,
einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen
gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von
nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu
diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese
geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese
Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes
Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein.

Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien
sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch
gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen
erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.

Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll.
Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war.

Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein
originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes
Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin
zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche
Leute hätte er gerne angesprochen.

Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten
Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie
war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann
erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen
klingen zu hören, als sie sich ansahen.

Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu
sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er
erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte
ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die
Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen
dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der
Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden
und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben
befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm
redete.

Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines
Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein
kleines Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in
drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie
verrückt bewegte.

Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl.

Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit
einer drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie
entdeckte ihn nicht sofort.

»Ach, Sie!« rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand
entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre.

Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als
seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner
Hut, braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen
von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nüancen
zusammengestimmt zu haben.

Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe.

»Ich bin in Berlin gewesen,« sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend.

Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und
Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen
Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten,
Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte.

Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die
dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch
zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde
erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen
dämpfte, ihre Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach.

Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden
Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen
Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen
Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen.

Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr
interessierende Gegenstände zu lenken.

Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe.

»Natürlich doch,« entgegnete sie, »gleich am Montag.« Und ihn anblickend,
setzte sie hastig dazu: »Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen,
Herr Ginstermann.«

»Mich?«

»Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.«

»Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.«

Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch
geklingelt -- sie war zu Rad -- aber er habe nichts gehört.

Es wäre wirklich schade um ihren Kopf.

Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren.

Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder.

Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage.
Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden
Tropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten.

Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame
interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut
er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf
irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch
berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese
Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten
hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend,
und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt.
Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in
direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die
an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren.

Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher
bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen
wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches
auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig
Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in
Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte,
wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in
Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim
radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der
Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß
die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon
er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was
ich noch fragen wollte, einzuleiten.

Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.

Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein
Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach
geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten
brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der
bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im
Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die
Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man
befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an
der Kante des Gesimses entzweischlagen.

»Zum Abschied«, sagte Ginstermann, »sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem
Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.«

Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder
Grazie bekannt: »Herr Ginstermann -- Fräulein Bijou.«

Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung.

Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren,
eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung.

Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte.

Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem
Schweife wedelnd, die Lachenden.

Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange.

»Eine gescheite Dame«, sagte Ginstermann, »sehen Sie nur das Gesichtchen.
Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht
gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.«

Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden.

»Ach, Sie wollen schon gehen?«

»Ich kompromittiere Sie ja.«

»Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein
Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend
Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen,
Herr Ginstermann, ja?«

Dabei sah sie ihn bittend an.

In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens
über diese Einladung verbergend, erwiderte er: »Ich muß leider ablehnen.
Danke. Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht
erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.«

Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand.

»Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit
heraufzukommen?«

»Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.«

Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie:

»Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen --«

Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und
stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze.

»Adieu,« sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie
vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte.

Sie war rund und kurz, heiß.

»Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.«

Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf.

Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- --

Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb:

Das Herz.

Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene.
Er war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren
dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln
umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu
schreien, blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und
trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da
wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen.

Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr?

Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf
einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte,
und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte
sich mehr, sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen
anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder.

»Es ist Habuck!« flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die
Schürze.

Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man
kann ihn noch heute so sehen.

Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige
Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich
zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß,
daß er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart.

Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten
könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig.

Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er
unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt
die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten.

»Habuck kommt übers Feld,« riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser.
Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den
Hufschlag seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig
wurde.

Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett
der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter.

Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete.

Es stand mitten im Wege und wich nicht.

Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb
stehen, als er über das Weib wegreiten wollte.

»Ich habe dir etwas zu geben,« sagte das Weib.

Habuck fragte: »Was willst du?«

»Ich habe dir etwas zu geben,« wiederholte das Weib und trat nahe an ihn
heran.

»Nimm es,« sagte es, »ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es
verloren, als du ein Knabe warst.«

Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand.

Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter.

Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vögel begannen zu trillern im
Walde, es war spät in der Nacht.

Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein.

»Wer bist du?« fragten die Leute.

Niemand kannte Habuck mehr. --

Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein.



X.


Samstag.

Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, und
sagte: »Samstag.«

Er hatte lange und tief geschlafen und fühlte sich in erwartungsvoll
heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dämmerung das große
Glück wetterleuchtete.

Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen
noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel
herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden
Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte.

Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit
dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht
verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch
ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen.

Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes
hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu
strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit
hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den
Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu
heischen.

Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block
von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und
lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen
Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben
winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen.

Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu
seinen Liebhabereien.

Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es
nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust
war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend,
seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die
bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen.

Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke
zu sprengen, wenn er sich streckte.

Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die
einer Wiedergeburt entgegensah.

Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk
gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen,
reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen
der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines
Armes, als studiere er einen fremden Körper.

Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen.
Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse
von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung
seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten
wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und
die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr
zweifaltiger Gott.

Endlich ging er an die Toilette. Er überschwemmte seinen Körper mit Wasser
und lief fröstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fußspuren
hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen
netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmöglich, in seinem
geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen
Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse
hinlegen müssen, aber das war ja vorläufig einerlei. Fix und fertig trat er
vor den Spiegel. Der Anzug saß außerordentlich gut, als sei er für seine
Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen
ruhig-vornehmen Eindruck.

Zur Vervollständigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen
verräterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwächt hatte, und erblickte
nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann,
der sonderbarerweise sein Gesicht hatte.

Er lüftete grüßend den Hut und sagte: »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« dabei
lächelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen überzog ein Hauch von Röte, und
diese Erscheinung machte ihn verblüfft wie ein Wunder. Gemächlich nahm er
seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit,
die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte.

»Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio?« sagte er zu sich. Er lachte und
erwiderte sich selbst: »Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb
sollen die Lahmen nicht tanzen?«

»Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein
Waffenbruder die Flucht ergreift.«

»Man merkt, daß du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz
ist nicht mehr frisch.«

»So frisch noch, um das Faule deiner Ausflüchte zu spüren, Antonio. Ein
Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stieß
und rief --«

»Man merkt, daß du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast,
die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.«

»Donna Claudia --«

»Nun muß deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.«

»Die Schnelligkeit deiner Einwürfe beweist mir, was mir gar nicht mehr
bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia läd zum Tanze, und das ganze
männliche Venedig schläft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor
der Hochzeit. Wenn man euch hört, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel
an einer Gabel, aber das Lächeln einer Frau macht euch zu tänzelnden
Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen
Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrübchen
eines rosigen Mädchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schädel kämpfte
und mit dem Satan in persönlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben für
den Kuß eines zierlichen Frauenknöchels. Und Antonio --«

»Antonio ist nach Palermo abgereist.«

»Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile
hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe
haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch
drückt -- dieser nämliche Antonio, ihr Herren, so hört doch! schlüpft in
den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze läd.«

»Ein Fisch könnte sich ertränken.«

»Ein Weib könnte die Wahrheit sagen.«

»Ich wünschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi könnte Zeugin deiner
mannhaften Entrüstung sein.«

»Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen!« --

Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig
den Rest ihrer Gefühle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene
bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegespräch der Marchesa
Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden
Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mußte unbedingt seinen Lohn
haben.

Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er
trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach
Hause.

Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die
Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des
Kehrichtwagens zeterte.

Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus,
um sich die Zeit zu vertreiben.

Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste
breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des
fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich
schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie
sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende
Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die
Küchenfenster lockte.

Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die
Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum
die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem
Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu
werden, trällerte er vor sich hin:

      Juhei, juhei, der Tag ist da,
      er tanzt als wie ein Narr herum,
      mit heija--halleluija
      tanzt er die alten Häuser --
         ja alten Häuser um. Juhei!

      Juhei, juhei, der Tag ist da,
      ein wilder, kecker Bengel,
      mit heija--juhaheirassa
      hält er mich untern Pumpen --
         ja untern Pumpenschwengel. Juhei!

      Juhei, juhei, der Tag ist da,
      mit einem Strauß von Düften,
      dann hängt er mich mit juhaha
      an einen hohen Kirchenturm --
         ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa!

Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar
Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde.

Er sah auf die Uhr.

Es war sieben, noch nicht sieben.

                   *       *       *       *       *

Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den
Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des
Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um.

Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von
Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse
Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.

Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät
zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als
habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht
zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in
den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge
beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe,
ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu
können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus
gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und
einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit
einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade
auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee.

Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen.
Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise
wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden
Blättern.

Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war,
geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der
der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen
Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können.

Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern,
ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann,
der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe
weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose,
keine Sekunde stillestehende Maschine.

Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn
wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine
kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal,
das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl,
das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in
die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das
gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses
Rendezvous mit einer jungen Dame.

Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf
dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet
war.

Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen
. . .

Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.

All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte
vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich
gut ging, zwei Monate lang.

Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem
Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte
ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre
Augen zufällig darauf fallen konnten.

Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder,
die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang
sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre
Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten.

Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie
spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren,
schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei
Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so
üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es
hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln
summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so
eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das
Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.

Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das
glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens
weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend,
und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in
den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich
mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland
seiner Seele schimmerte.

Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit
mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine
wegzuziehen.

»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle
mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.«

»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!«

»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.«

Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr
Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam
der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte
an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit
versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig
waren.

Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd:

Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . .

Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen.

»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem
Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend.

»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen
Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?«

Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen
Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete.

»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.«

Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte.

Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich.

Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er:

»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.«

Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter.

»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er
war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.«

Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns
Gesicht.

»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?«

»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar,
das sie hat, feiner wie Seide.«

»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß
antworten?«

»Bitte, bitte.«

Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube!

Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.

»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.«

Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur
die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt.

»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts.
Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu
warten.«

Das verstünde sie nicht.

Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus
dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung
der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und
somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken.

Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das
Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen.

Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die
Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war
Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr
geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie
das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines
Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die
Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten
sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank
gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind
kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage.

Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf
welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so
würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres
Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte
wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke,
auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner
Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil
es der Stimme seiner Natur gefolgt war.

»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und
ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her
und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --«

In diesem Momente schlugen die Uhren drei.

Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper.

Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung:

»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen.
Auf Wiedersehen.«

Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten,
nicht der Verdacht eines Schattens.

Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst
befallen und hielt den Schritt an.

Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie
abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die
wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was
sollte sie mit ihm?

Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel
lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht.

Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden.

»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!«

Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine
Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert.

Sie stand oben.

Sie stand wirklich und wahrhaftig oben.

Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und
blickte über die Wiese.

Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter
seinem Busche stehen und beobachtete sie.

Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem
Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete.

Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der
wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht
man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung?

Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte
und langte ganz außer Atem oben an.

»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte.

Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit
einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere.

Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese
spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut.

»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst
nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte,
waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch.

Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert.

Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der
Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab.

»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er.

Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen,
unwillkürlich.

»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg
ein.

Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem
Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas
dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen
hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen.

Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen
wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er.

Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum
erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor.

Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die
Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war
nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne
die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr
war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht
daran denkt, daß der Becher einen Boden hat.

Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens
auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst
wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und
er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne
die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war.

Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten,
erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend.

Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das
Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen
vorüberging.

Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei?

Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung
suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer
radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die
soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung,
mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun.
Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse
begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches
Wohl gehe.

»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des
erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen
basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus
entstandener.«

Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der
Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der
Kultur erwünschtes sei.

Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er
dachte vieles andere, während er sprach.

Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit
im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man
besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der
Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen,
darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist
es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine
Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib,
das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist?

Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe
des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?

»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß
das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben
wird.«

»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß
ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau
lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem
Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen
etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen
kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst
ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie
berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin
betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln
der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist.
Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit
dem Manne in jeder Hinsicht erringen.«

Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte
Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den
grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten,
überwunden hatte.

Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese
gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das
Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da
nicht verzagen?«

O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen,
lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu
empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu
verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre
Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen
zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken
schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat
Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das
gefunden.

Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der
sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige
Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer
rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.

Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet
hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens.

Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und
gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in
den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte
und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?

Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier
und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?

Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden.
»Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es
sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung
handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine
Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen
Gelehrten?«

Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte
ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes
gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und
roch an den Blättern.

Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen
Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge
sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das
Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft
zu kommen, bald aus der Erde.

Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte
ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer
indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem
Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine
Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß
es unvermittelt in Galopp überging.

Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz
anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer
Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte.

»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich
kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich
glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit
Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer
Dirne, bei der es aus- und eingeht.«

Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die
Schwalben da droben, er hörte zu.

»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann
an: »Das ist mein Bruder.«

Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten
Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde,
ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes
auf sie selbst zurückfiel.

Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie
durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine
Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine
kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen
Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben.

Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen
hatte, da war noch etwas anderes:

»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst
zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine
Vergangenheit.«

Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er
sich betäubte, um nicht zu verzweifeln.

Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem
Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde.

Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen.
Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen
davon, sprechen!

Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige.

Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine
Vergangenheit langsam darüber.

Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er
mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt.

Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten
Goldstaub auf den Weg.

Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rücken. -- --

Nach einiger Zeit bat Fräulein Schuhmacher Ginstermann, dessen plötzliche
Mißstimmung ihr auffallen mußte, ihr einiges über seine Arbeiten zu
verraten.

»Es ist ihr gleichgültig, wer ich bin«, dachte dieser bitter, »sie geht nur
mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.«

»Was arbeiten Sie gegenwärtig. Ich interessiere mich dafür, es ist nicht
Neugierde.«

Ginstermann blickte sie an und lächelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das
versöhnte ihn einigermaßen mit sich. Einerseits fühlte er sich in seiner
Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm
ordentlich wohl, daß jemand von ihm wissen wollte.

Er fuhr fort zu lächeln und sagte: »O, das ist nicht so einfach zu sagen.
Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen
--« Er räusperte sich.

Eine heiße Welle überflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand
wollte wissen, was er schrieb?

Sollte er ihr die Hände küssen?

Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand
intressiert sich für dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich
wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand über ihn streicht, wie? Haha.

Und er begann zögernd Gedanken und Pläne auszukramen. Seine Hände bebten,
er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrücken, seine Lippen
zitterten.

Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal!

Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, während er sie sachte in das Innerste
seiner Seele führte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen
Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfüllte ihn.

Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier über, der sie verallgemeinerte,
dann ließ er, seine letzte Scham überwindend, die Schleier sinken und ließ
ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so süß, so albern und verrückt
es ihr auch erscheinen mochte.

Heiße Blutwellen durchliefen seinen Körper, er zitterte vor Erregung. Sein
Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug
löste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjährigem
Schlafe erwacht.

Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Tränen fielen. Seine
Seele pulsierte in feinen Worten.

Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme!

Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen
und zündete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an
und sah dem Mädchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten,
er lachte und von all dem wußte er nichts.

Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf
Kommando drehten sie am Ende immer um.

Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend
Hoffnungen, tausend Pläne.

»Ich will nicht auf den Trümmern kauern und schluchzen, wie die anderen
alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer
Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort
mit Lüge!«

Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gänge
zu tausend anderen. Alles was unbewußt in ihm geschlummert, brach ans
Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit
blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten
Kraft.

Eine Blüte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg,
ohne jeden Gedanken.

Und er baute weiter, immerzu, der Höhe entgegen. Alles, was ihm sonst
unfaßbar gewesen, rückte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden
Händen konnte er wegwerfen, seiner Schätze wurden nicht weniger, es war wie
ein Zauber.

Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strömungen: wie kommt das? Wie
ist das möglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das,
gerade ihr? Weshalb reißt es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu
zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehüllt?

Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in
nervöses Lachen aus.

Fräulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drückte sie.

Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen,
umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphäre.

Sie kamen am Wasserfall vorüber und blieben stehen, das Bild und den toten
Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genießend.

Auf einen Felsblock saß eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze
abgeknickte Feder auf dem Hute und der übergeschlagene Fuß wippte
unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch
erschien. Und während die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er:
Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer,
der verzweifelt nach einem Verse sucht.

Sie gingen weiter, und Fräulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen:
»Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzählen, Herr Ginstermann?«

Das klang wie eine Bitte, die sie schüchtern vortrug und am liebsten wieder
zurückgenommen hätte. Eine leise Röte stieg in ihre Wangen, sie beugte den
Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell
spiegelten.

»Von meinem Leben?« erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf.

»Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?«

»Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Fräulein Schuhmacher.«

Sie blickte ihn an und war erstaunt, daß er heiter lächelte.

»Wie das?«

»Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub für mein ganzes
Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.«

Er lachte wieder, ganz vergnügt.

»Ich begreife das nicht.«

»Ich bin glücklich, wenn ich daran denke. Der Haß macht glücklich, Fräulein
Schuhmacher.«

Pause.

Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort:

»Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es
ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham
mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack
stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen
nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die
Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren -- so könnte ich
höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und
Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die
Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei
all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das
Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich
kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache
ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem
auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter.
Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben
dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem
Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere
später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien
walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das
Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert.

Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere
sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121.
Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O,
der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er
sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert
das Schicksal nicht.

Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die
Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale
ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer
daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen
zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser
Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere
kindische, göttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, daß das alles
Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.«

Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend:

»Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter
bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den
Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und
schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während
die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in
der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht.
Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es
waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten
auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten
sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in
sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete
Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch.
Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las
es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein
Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem
Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen
hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges
über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter
Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es
war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich
nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum
»Fressen« geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst
nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die
Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht
kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.«

»Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.«

Ginstermann erwiderte: »Sie haben recht, wozu auch immer schwätzen.«

»Ich höre Sie gerne erzählen, aber so bittere Geschichten machen mir keine
Freude. Und von solchen Leuten --«

»Nein, sagen Sie nichts über diese Leute, Sie sollten sie kennen. Später da
dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionäre, sehnsüchtige. O, Sie hätten sie
sehen und hören müssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Haß,
eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.«

Er lächelte und fuhr in anderem Tone fort: »Nun habe ich noch eine
Geschichte für Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem
kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hatte so gute Augen,
daß ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann
mußte ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres
Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie
hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so ähnlich sahen, daß man sie für
Abzüge einer gleichen photographischen Platte hätte halten mögen. Sie gab
mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurück. Sie
standen in einer Reihe auf einem Hügel. Und plötzlich zogen sie etwas aus
der Tasche und drei goldene Bälle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten
es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische
Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich
sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schönstes
Erlebnis.«

Fräulein Schuhmacher lächelte. »Es ist schön, so wie Sie es erlebten,«
sagte sie. »Vielleicht finden Sie noch eines?«

»Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich
sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig.
Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns
über das herrliche Dasein freuen.«

»Finden Sie es so herrlich?«

»O ja, sehr.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nun nicht.«

»Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so
müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.«

»Ich bitte Sie darum.«

»Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden
und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle
mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe
irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege.
Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich
spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig
genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das
Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges
Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen,
die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die
Straße -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die
Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das
niemand leben würde . . .« -- --

Der »große Tag« neigte sich seinem Ende zu.

Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die
Wege überflutete.

Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach.

Ginstermann hätte gerne noch um ein Viertelstündchen gebeten, aber er
befürchtete, ihre Güte zu mißbrauchen.

Auf der Straße zwischen den öden Häusern, inmitten des brutalen Lärmens des
Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park,
in der Sonne gewesen.

Fräulein Schuhmacher war wiederum die kühle, vornehme Dame, als die er sie
kennen gelernt hatte.

Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswürdig und herzlich wie während des
Spazierganges.

»Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es
Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleißig. Auf Wiedersehen!«

Sie schüttelte ihm die Hand und ging.

Ginstermann schritt langsam die Leopoldstraße hinauf, ganz langsam.

Was für einen Monat haben wir, meine Brüder? sagte er.

Wir haben Mai!!

                   *       *       *       *       *

Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause.

Er kehrte in den Englischen Garten zurück und schritt langsam, den Hut in
der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen.

Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bäume streckten sich
ihrem erlöschenden Lichte entgegen. Dämmerung kam und schob die Leute den
Ausgängen zu.

Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann während des
Nachmittages erfüllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer
Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergoß sich mit dreifacher Wucht.
Er saß inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre
Herrlichkeiten vor ihm aus.

Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an
Schönheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklärte und durchleuchtete.
Jedes Wort, das Fräulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so
deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie
das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schloß er die
Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu
sehen wünschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie
lächelte, wenn er scherzte, sie kräuselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon
aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hände waren, wie
schmal und gewölbt ihre rosigen Fingernägel, die kaum merkbare Asymetrie
ihrer Stirne.

Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie während seines Vortrages hin-
und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie
eine reale Hinterlassenschaft.

Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte über die Wiese,
ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Büschen. Er wußte jede
Einzelheit ganz genau.

Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen
gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das
große Ereignis.

Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, daß ein Abgrund sie trennte.

»Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befürchten, seine
Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.«

Welch unerschütterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch
grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befürchten hatte.

Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen.
Mit Furcht und Bangen. --

Müde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu.

Durch die Straßen hauchte ein schwüler lautlos böser Wind, Bangen in den
Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, über die
ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich über die Residenz,
die Erde darunter zu ersticken.

Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht.

Ginstermann schob den Kopf zur Türspalte hinein und sagte guten Abend.

Die beiden Leutchen saßen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine
niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische.

»Kommen Sie doch herein,« sagten sie mit vom Glücke schwermütiger Stimme.

Er trat ein und saß eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte
mit gedämpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da
war.

Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flämmchen, die hinter Gaze
brennen.

»Mai, Juni, Juli,« sagte sie, ungewöhnlich lächelnd. Sie sann vor sich hin,
dann warf sie den Kopf zurück, damit ihr nicht die Tränen aus den Augen
fielen, und lächelte wieder.

Ihr Gesichtchen war verklärt durch mädchenhafte Schamhaftigkeit und das
Mysterium, das sich in ihrem Schoße vollzog, durchschauerte ihr ganzes
Wesen.

Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an
den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbüschel hing über ihre
Schläfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es
auf, daß sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug.

Sie atmeten alle beide in gleichen Zügen.

Ginstermann hörte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefühle, das
diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-süße
Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben
vermochte.

Er schwieg schließlich ganz und nur sein Mund lächelte noch.

Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als sähen sie die Bilder
ihrer Träume darin.

An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen
warf.

Ginstermann flüsterte.

»Bianka,« flüsterte er.

Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehört.

Er ging.

Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er
erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert über die neue sonderbare
Freundschaft trat er in sein Zimmer.

Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Türe
öffnete.

Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner über die
aufhorchende Stadt.

Ginstermann sagte: »Das ist mein Schicksal!«

Er sagte es mit unterdrücktem Jauchzen in der Stimme.

Er lehnte sich gegen die Türe, den Kopf in den Nacken gebeugt, immer noch
das Lächeln von vorhin auf den Lippen.



XI.


Ginstermann hatte es aufgegeben, gegen das Geschick zu kämpfen, das auf ihn
einbrauste.

Noch war es nicht soweit gekommen, daß er sich ihm als Sklave ergeben
mußte, noch konnte er sich verschenken.

Und so verschenkte er sich.

Er hatte sich gegen das Leben abgeschlossen, alle Fugen seiner Seele
verstopft. Nun war es doch gekommen, heimtückisch in seiner Güte, furchtbar
in seiner Liebe. Wie ein glühender Sturmwind fuhr es daher. Mit tausend
Stimmen, mit Posaunen rief es ihn.

Die Posaunen des Lebens riefen ihn!

Nicht ohne Grauen folgte er dieser Stimme, aber er folgte mit der
versteckten Sicherheit eines Menschen, der weiß, daß er sich zuletzt, ganz
zuletzt, wenn es ihn an seiner Brust zerdrücken möchte, durch einen Sprung
retten kann.

Und wenn nicht -- nun dann sollte er untergehen.

Er hatte solange geherrscht über sich und andere, er hatte Sehnsucht,
einmal zu dienen, er hatte immer geschenkt, verschwendet, er wollte nun
nehmen, gierig nehmen.

Der Kampf gegen sein Schicksal war das Wahnsinnige, Erschöpfende gewesen,
nun, da es sein Freund war, nahm er Geschenke und Hiebe ohne Trotz und
Schmerz entgegen.

Blank und frisch, reingescheuert lag die Erde. Der Himmel lockte, die Sonne
sang und sang, er blieb eigensinnig zwischen seinen vier Wänden.

Er wußte, wenn du nach Schleißheim gehst, zwischen acht und neun Uhr
morgens, so kannst du sie sehen, wie sie mit der kleinen Scholl auf dem Rad
vorbeiklirrt, aber er ging nicht. Er wollte sich keine Freude mehr stehlen.
Selbst mußte sie zu ihm kommen, ganz von selbst.

Sie würde ihm ja schreiben. Ich schreibe Ihnen, wenn ich wieder kann, hatte
sie ja gesagt.

Oder hatte sie es nicht gesagt? Sie hatte es gesagt, natürlich!

Und noch hatte er ja zu zehren von dem großen Glücke von neulich.

Es war entzückend, nichts, gar nichts zu tun, auf der Ottomane zu liegen
und Zigaretten zu rauchen. Die Wirklichkeit versank und herrliche Träume
wuchsen aus ihr empor wie mattleuchtende Tulpen, deren Kelche sich leise
neigten.

Dazwischen dachte er daran, etwas zu schreiben. Er war voll von Liedern.

Doch ließ er sie singen, klingen in sich, wozu sollte alles Papier werden?
Er wollte seiner Seele diese Lieder nicht rauben, sie sollten diese zarten
langstieligen Blumenkelche umschweben.

Bekam er Langeweile, so sprach er bei den Bildhauersleuten vor.

Er fühlte eine seelische Zusammengehörigkeit mit ihnen und es fiel ihm
nicht im Schlafe ein, sich daran zu erinnern, daß er sie früher verliebte
Tierchen genannt, die in den Stall gehörten.

Er las in einem Buche, während Kapelli arbeitete, er spielte Karten mit
ihnen, wenn es Feierstunde gab, er sah Frau Trud beim Nähen zu.

Sein Aussehen hatte sich geändert. Er sah frischer denn sonst aus, blühend
gleichsam, nahezu wie ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. In seinen
Augen, die sonst düster brannten, sprühte das helle Feuer der Lebenslust.

Eines Morgens standen zwei Büsten auf dem Tische, als er bei Kapelli
eintrat. Es war Biankas Porträt. Er erschrak vor Freude.

Diese beiden ganz gleichen Köpfe wirkten, länger betrachtet, verwirrend
schmerzhaft auf ihn. Er sah im Geiste eine unendliche Reihe desselben
Kopfes vor sich und wurde nervös bei dieser Vorstellung.

Kapelli lachte über dieses Gefühl. Seine Sinne waren abgestumpft, dadurch,
daß er wochenlang dieses Gesicht studiert hatte. Für ihn war es ein Kopf,
ein beliebiger Kopf, ein Geschöpf von ihm.

»Ich würde ihnen eine Büste schenken, Ginstermann,« sagte er. »Wenn Sie
wollen.«

Ginstermann überflog, überglücklich durch dieses Geschenk, das zu erbitten
ihm sein Zartgefühl verboten hätte, des Bildhauers Gesicht, ob er nicht
einen schelmischen Zug darin entdecke. Aber Kapelli war vollständig von
seiner Arbeit eingenommen und knetete mit nervösem Ernste an seiner Skizze
herum, jene argwöhnisch-forschende Härte in den Augen, die das
unausgesetzte gewissenhafte Vergleichen zwischen Modell und Arbeit erzeugt.

Also konnte er annehmen.

»Ich danke, Kapelli,« sagte er, »diese Büste gehört zum Besten, was Sie
geschaffen haben -- haha.«

Er legte das Taschentuch um sie und trug sie behutsam in sein Zimmer
hinauf, sehr behutsam.

Nun stand sie auf seinem schmalbrüstigen, hohen Bücherregal.

Anfangs beunruhigte in dieser Gast. Er war nicht mehr allein. Gleichzeitig
ein Gefühl der Scham, ohne ihr Wissen etwas von ihr zu besitzen. Aber sein
Egoismus brachte gar bald sein Gewissen zur Ruhe, und schließlich wurde ihm
die Büste eine wonnige Erlösung.

Er mochte sich noch so sehr in Träumereien verlieren, immer wieder gelangte
er auf irgend einem Wege zu diesem Bildnis. Seine Gedanken, ja seine
Bewegungen wurden dadurch beeinflußt. Etwas Weltfernes, etwas Reines,
Heiliges erfüllte ihn, ohne daß er sich erst dazu hätte erziehen müssen.

Sein Zimmer wurde zu einem Tempel, dessen Gottheit Bianka war. Die Vorhänge
waren stets zugezogen, so daß feierlich gedämpftes Licht herrschte. Schien
die Sonne gegen die Scheiben, so erfüllte eine schwärmerisch-gelbe,
verheißende Beleuchtung das Gemach, dunkelte es draußen, so versank der
Raum in Schwermut und scheues Wünschen.

Oft stand er dicht vor der Büste und verharrte lange in der Betrachtung.
Dann waren nur Bianka und er im Zimmer, sonst nichts, weder Stuhl noch
Tisch.

Eigentlich konnte man nicht gut Büste sagen. Es war ein Mittelding zwischen
Büste und Maske. Der Hinterkopf war weggeschnitten, wodurch das Edle,
Durchgeistigte des Antlitzes noch hervorgehoben wurde.

Es war ein Antlitz, wie es Kranke haben, so zart, so durchscheinend,
gleichsam überstrahlt von einem Lichte, das aus dem fernen Lande glänzte,
wohin diese großen sehnsüchtigen Augen blickten. Die Nasenflügel schienen
zu beben, der Mund zu zittern unter diesem Lächeln, diesem schmerzlich
verlangenden, dürstenden Lächeln jener Menschen, die das Schicksal auf
diese Welt verschlug.

Ich leide, sagte dieses Lächeln, aber ich möchte es euch verbergen, denn
ihr würdet mein Leiden nur mißverstehen.

Die Spitzen der Finger schmiegten sich, als wollten sie das pochende Herz
beruhigen, an die Brust, während die übrige Hand in den Block überging.

Er verbrachte die Tage hinter verschlossener Türe, mit dem Egoismus des
Glücklichen, der Scheu des Verbrechers, der Scham des Liebenden.

Er nannte sie »Bianka«, wenn er zu ihr redete. Wenn seine Gedanken zu ihr
redeten, von denen er nicht einmal wußte, was sie sprachen. Ach, alles war
Keim in ihm, Knospe, er hätte keine Worte gefunden, als solche, die die
Lippen vieler bereits profanierten. Er wünschte es auch nicht. Alles war
Musik in ihm und schwebender Klang. Selbst Bianka sagte er nicht, nur seine
Lippen bewegten sich, als liebkosten sie diesen Namen.

Feiertage waren das. Was er, der Gottlose, nie kannte, das lernte er jetzt
kennen in seiner ganzen Süße: Andacht, himmlische, inbrünstige Andacht.

Oft war es ihm, als wäre er gar nicht, als ginge er als Traum eines höheren
Wesens einher.

Aufs neue erschloß sich ihm Mensch und Menschentun, da er die Liebe kennen
lernte, die ledig aller Leidenschaft war. O, wie glatt und kalt waren doch
die Speere der Vernunft! Sie mordeten. Die Liebe, die so weich ist wie
Mutterlippen, die heilte. Nun wurde ihm der große Prediger lebendig, der
diese armen Menschen alle an seine Brust nahm und die Tränen seiner
unendlichen Liebe in ihre bitteren Herzen träufelte.

Gelobet seist du!

Und die armen Menschen hatten dies Erbe verloren. Sie lebten auf dem
Kerichthaufen des Tages und scharrten schwatzend und zeternd ekle Klumpen
und bunte Fetzen. Sie waren Schlacke, die kein Hauch mehr erwärmte, kein
Feuer mehr glühend machte. Der Mensch war ja tot! Seinen Gott hatte er
verloren und nicht mehr soviel Seele in sich, in schüchterner
Kinderinbrunst zum Menschen zu beten. --

Eines Abends verließ Ginstermann das Haus -- die Beleuchtung in seinem
Zimmer war so schal und müde -- und kehrte mit einem Paketchen in
Fließpapier zurück.

Er hatte Blüten eingekauft, mit denen er sein Heiligstes schmückte.

Es waren zartfarbene exotische Blüten von märchenhafter Gestalt, lange
geschweifte Kelche, die einen süßen Duft ausatmeten. Er wußte nicht, wie
man sie nannte. Verwunschene Prinzessinnen waren es, höchst einfach.

Er lag auf der Ottomane und betrachtete das Bildnis, während sich seine
unklaren Gefühle zu einem Zuge stummjauchzender Verse ordneten, die in
seiner Seele hin- und herzogen, eine feierliche Prozession in Weiß und
Gold.

Alle Tage ersetzte er die Blüten durch neue.

Der Tag versank um ihn, er dachte häufig gar nicht mehr daran, daß jenes
Weib, das er hier anbetete, wirklich existierte.

Ohne die geringste Ungeduld wartete er auf ihr versprochenes Billett.

Auf einem seiner Einkäufe begegnete ihm Fräulein Scholl. Die kleine
reizende Scholl sagte: »Fräulein Schuhmacher reist demnächst ab.«

Er hörte es ohne Schmerz und dachte: »Sie wird dir schreiben, wenn sie
wieder kommen kann.«

Es eilte ja gar nicht, es eilte ja gar nicht.

Einmal entstand das Verlangen in ihm, ihr ein Fest zu geben.

Er nahm seine ganze Barschaft und handelte weiße Rosen dafür ein. Sie waren
klein wie ein Taubenei, und jede hatte hundert zarte Blätter. Es war eine
ungeheure Menge und doch waren es noch lange nicht genug.

Er arbeitete fiebernd vor Festesfreude an der Ausschmückung. Er rannte fort
und besorgte Draht, er rannte fort und besorgte Seidenpapier für die Lampe,
er rannte fort und besorgte duftende Kräuter.

Die Büste stand nun in einer Laube weißer Rosen, bleicher, keuscher,
sehnsüchtiger als diese. Rosen lagen auf der Schulter, vor ihr auf dem
Teppiche, aus einer kleinen Schale stieg der Rauch duftender Kräuter empor,
ein dünner Faden, der oben einen sich drehenden Kelch bildete. Die Lampe
war in gelbes Seidenpapier gehüllt und sah aus wie ein Stern, der werden
will.

Es war schön! Ach, ihr hättet es sehen müssen!

»Bianka!« jubelte Ginstermann. »Bianka!«

Allerdings hätte man es sich noch viel, viel herrlicher denken können. Eine
Laube aus weißen Rosen mit goldenem Himmel zwischen den Ranken, wie auf den
Gemälden der alten Meister. Und ganz aus der Ferne die Stimme einer Geige.
Einer einzigen Geige, leise und süß, eine Melodie, die er in sich hatte,
schüchtern anbetend, verschämt sehnsüchtig.

Und in den Pausen dieser ewigen Melodie hätten die Stimmen von Jungfrauen
jauchzen müssen, so unendlich ferne und verweht vom Schwingen grüner
Palmzweige.

Ergriffenheit bemächtigte sich seiner, er breitete die Hand über die Augen,
als ob er weinen müsse.

Bianka blickte ihn an. Ihre Augen bekamen Farbe und Ausdruck, während das
Gesicht bleich und still blieb. Sie zürnten ihm nicht wegen des Frevels, zu
dem ihn seine Liebe verleitete. Sie blickten mild und gut.

Dieser Abend war eine einzige Köstlichkeit.

Seine Träume in dieser Nacht waren noch erfüllt davon. Bianka schwebte
durch sie, bald mild lächelnd, bald stolz fliehend.

Er saß auf einem Sterne, weit ab von der Sonne, die Sonne erschien wie ein
winziger Funke. Bläuliches Licht um ihn. Er hatte aus den anderen Sternen
Biankas Namen gebildet, der sich flimmernd durch den Raum spannte, wie eine
silberne Brücke. Er saß und schluchzte. Weshalb schluchzte er? Er wußte es
nicht. Da strich etwas über seine Haare, ein Gewand flüsterte, das war
Bianka. Er sah sie nicht, aber er wußte, daß sie es gewesen.

Und wieder, da eilte er durch einen Lilienwald. Das weiße Gewand Biankas
schimmerte vor ihm. Aber so sehr er eilte, er erreichte es nie. Er rief,
aber der Wald verschluckte seinen Ruf, ohne ihn weiterzugeben. Plötzlich
wurden die Lilien so dicht, daß er nicht mehr durchzukommen vermochte. Und
Biankas Augen blickten ihm entgegen. Sie lächelten grausam und höhnisch. Da
begann der ganze Wald zu wandern und voller Schrecken erwachte er.

Wieder -- wieder -- da gingen sie durch eine Wiese von
gläsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er
war jung, schön war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau -- Sie gingen im
gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trüge sie eine Melodie.

Da begann sie zu singen. Leise, flüsternd.

»Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese«, sang sie.

»In unseren Träumen spürten wir unsere Hände«, sang er.

Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur.

Sie blieben stehen, legten sich die Hände auf die Schultern und blickten
einander an. Aus ihren Augen züngelte eine goldene Flamme.

»Wohin gehen wir?«

»Bis an die Pforte.«

»Bis an die Pforte?«

»Bis an die weiße Pforte.« -- --

Die nächsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hieß, sich nun
verzweifelt einzuschränken. Für die wenigen Gegenstände, die er verkaufen
hatte können, war ihm lächerlich wenig geboten worden. Er war auf
Viertelkost gesetzt. Aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte
für ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner
Gemütszustand ließen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte
Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlich war nur der Umstand, daß
er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mußte, und wenn er nun arbeitete,
geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blüten
erwerben zu können.

In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwärts, sein Geist war der
Disziplin entwöhnt; aber dann hatte er eine Menge glücklicher Einfälle, und
es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei
loszubringen. Für die Hälfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit
glückseligem Jauchzen über sein Heiligstes streute.

Er war stets guten Mutes.

In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Büste versunken.
Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er
natürlich nicht absandte.

Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und
jubilierten, sie stammelten vor Glück. Hymnen nannte er sie, Hymnen an
Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie
zu verbrennen -- bei Gelegenheit.

Tage gingen. Regen kam.

Regen. Unaufhörlich klopfte er an die Scheiben.

Dieser kleine Umstand genügte, Ginstermanns Stimmung zu verändern.

Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Käfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe
die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, während alles
schon schlief.

Unruhe überfiel ihn und namenlose Sehnsucht.

Oft, während er schrieb, sprang er auf und sagte laut: »Weshalb schreibt
sie nicht?« Er mußte seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die
Sehnsucht keine Ruhe ließ.

Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach.

Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstraße auf und ab. Er lauerte auf
der Schleißheimer Chaussee. Allein die Straßen waren wenig verlockend zum
Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen
nicht Rad. Er lachte; den Weg hätte er sich ersparen können.

Weshalb schrieb sie nicht?

Sollte er schreiben? Nein, das hieße wenig Vertrauen zeigen.

Also wartete er.

Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der
Mittags- zur Abendpost zu warten.

Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine
Freunde!

Wenn er grübelnd über den Papieren saß, so hörte er häufig Pochen an der
Türe. Öffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das
Rauschen von Frauenkleidern, hörte sie sprechen im Hofe drunten.

Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese beängstigende Stille, die
schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrücken drohte. Diese Einsamkeit,
in die Rufe und Poltern der Straße wie Hohn drangen.

Sah er die Büste stehen, die er nur geschmückt gewohnt war, so verursachte
ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lächelnd:

»Das Schiff mit Gold muß jeden Tag eintreffen.«

Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch
geschah es häufiger denn gewöhnlich, und er gefiel sich in den
absonderlichsten Bildern.

Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit
fünfhundert Mark.

Er riß, schwindelig vor Glück, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um
sich zu überzeugen, daß es keine Sinnentäuschung war. Es lagen fünf
Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld
übermitteln.

Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fäusten
umher.

»Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen!« rief er
aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte
ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schämte
sich aber augenblicklich, er dachte an Fräulein Scholl, lachte aber
darüber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in
Gold. Faktisch!

Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen
wollte, packte ihn.

Dann hielt er den Schritt an, und er fühlte, wie sein Herz stille stand und
jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich.

»Nein, nein«, rief er, »das ist nicht denkbar!«

Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los.

Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen.

»Lieber Freund«, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, »du bringst
deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem
Kopfe schlägst. Eine Schlinge liegt um deinen Fuß und zieht sich zu, wenn
du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.«

In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flügel einer Turbine,
seinen ganzen Körper durchzitternd.

Nach einer Weile fand er seine Fassung zurück.

»Was ist dabei«, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. »Ich
werde es herausbringen. Im übrigen geht man nicht rückwärts in die Zukunft
hinein, mein Freund.«

Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte
er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dünnes Manuskript hervor und
steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen.

Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mußte
sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem
Namen veröffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte.

»Du verzeihst«, sagte er, die Büste anblickend, und ging.

Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, daß er sich zurief: Mut,
Mut!

Im Hausflur traf er Fräulein von Sacken, die glücklich lächelnd Ritts
Atelier verließ.

»Guten Tag«, sagte sie und bot ihm lächelnd die Hand.

»Guten Tag«, erwiderte er und ging an ihr vorbei.

Ritt sah zur Türe heraus und grinste.

»Kommen Sie, Ginstermann!« rief er ihm zu.

Ginstermann hatte keine Lust.

»Nur eine Sekunde!«

So trat er also ein. Ritt führte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei
stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es.

»Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bißchen geholfen.«

Es war prächtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts.

Für ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle
Traurigkeit hüllte ihn ein.

»Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hübsches Weib, nicht?« lächelte
Ritt.

Ginstermann erwiderte mechanisch: »O, gewiß«, und ging.

Es war ihm alles einerlei.

Ob das Bild gut oder schlecht war, ob Fräulein Sacken hübsch oder nicht
mehr hübsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Ginstermann schloß seine Türe auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte.

Er trug ein kleines Paketchen in Fließpapier, das er sorgfältig enthüllte.

Dumpfe Luft und schwermütiges Licht erfüllten sein Zimmer. Er zog die
Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer
und überschüttete die Büste mit goldenen Küssen.

»Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft
Weihrauch!« jauchzte er pathetisch.

Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfüllte das Gemach. Das ganze
Haus stand gleichsam in einem blühenden Garten. Ein bescheidener Schmuck
lagen sie auf der schneeweißen Schulter, ihr wunderholdes Blütenantlitz an
Hals und Brust Biankas schmiegend.

Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben?

Nun wußte er es, und er wußte es doch nicht.

Sie hatte gesagt: »Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang
aufzufordern, aber ich unterließ es stets. Ich weiß nicht, weshalb.«

Sie wußte nicht, weshalb.

Er war durch die Straßen gegangen, als er plötzlich seinen Namen hörte. Er
sah sich um, er sah hinüber: Fräulein Schuhmacher stand drüben, und
Fräulein Scholl und Fräulein Bijou waren auch dabei.

Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkäufe
gemacht für die Reise. Die Mädchen waren in die Magazine getreten, und er
hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurückkamen,
gefragt, was sie Schönes gekauft hätten. Einmal war er sogar mit in das
Geschäft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale für den Bruder, den
Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines
Verständnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer
Geschmack verblüfft. Sie prüfte Stück um Stück, und er sah stets an ihrem
Blicke, was ihr an der Arbeit mißfiel. Endlich entschied sie sich für die
einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfällige
Originalität, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst
jetzt, wie schön die Schale tatsächlich war.

Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und
geschmacklos.

Bianka würde in vierzehn Tagen abreisen. Wenn es der Zustand der Mama
erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit würden sie in Montreux zubringen, dann
für immer nach Nizza übersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa
kaufen.

Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab
wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen
vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblühte, es gab
solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein
Stück Zucker von Ameisen.

Aber sie würde doch wieder nach München kommen?

Nein, voraussichtlich nicht.

Nicht, nicht. Jawohl nicht.

Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier--zehn Tage.

Und morgen würde er sie wieder im Englischen Garten treffen.

Kann man mehr verlangen.

Morgen, morgen, morgen -- --!

Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst
mich nicht töten. Herrliche, weißt du, nie liebte mich jemand, nun sterbe
ich daran. Deine Güte, deine endlose Güte! Die Güte in deinen Augen, die
Güte in deinem Lächeln, diese Güte in deinem Händedruck. Töte mich nicht,
du Erlöserin zur neuen Qual . . . .



XII.


Der Nachmittag war vorüber.

Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen.

Ginstermann ging in der Dämmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich
sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die
gegen die Gehirnwände pickten und ans Licht wollten.

Es würde etwas Überraschendes werden, das fühlte er.

Aber vorläufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergnügt, zu vergnügt. Er
mußte ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet hätte.
Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentümlichen Lachreiz verspürt.

Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschäftigten ihn. Da
war die kleine Sängerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit
ihrer affektierten Stimme flötete: O, noch einmal laß mich in deine schönen
Augen blicken, in deine tiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant
Köderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lächeln,
wenn er auf dem Karren lag! Er träumte von schönen Frauen, die ihm die
nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten.

Wenn der Mensch unglücklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist
er glücklich, an alle amüsanten Erlebnisse, das ist doch erklärlich.

Und er, Ginstermann, war heute glücklich!

Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten über
Herrlichkeiten passiert.

Bianka war sehr liebenswürdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines
übernächtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen
ließ, das war das Großartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen
ablegen müssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen.
Drei wollte sie gestatten. Glücklich darüber, daß sie ihn ein wenig
bemutterte, hatte er ihr es versprochen.

Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee
getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, während die Sonne
schien. Wie geschliffene Brillanten fiel es durch die Sonnenstrahlen. In
einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten.

»Wollen wir nicht ins Restaurant treten?« hatte er gefragt.

»O ja, es wird besser sein.«

Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie
vergessen. Tatsächlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu
tun hat, vergißt sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer
Tasse Kaffee ein!

Im übrigen freute es ihn, daß er sich so vortrefflich beherrschen konnte.
Es lag am Tage, an ihm war ein großer Mime verloren gegangen. Er konnte in
aller Ruhe über die gleichgültigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka
durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im
Grunde interessierte. Und das alles, während es in seinem Innern fieberte,
daß er die Finger verkrampfen mußte, daß er die Augen schließen mußte,
damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin sähe.

Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht
einmal Verdacht schöpfen.

Was war noch geschehen? Was war noch geschehen?

Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied
nahmen.

Bianka hatte gesagt: »Es ist ganz merkwürdig, wenn Sie den Kopf neigen, so
sehen Sie einem Freunde von mir sprechend ähnlich.«

Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: »Er war ebenso
alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm
eine große Zukunft.«

Was aus ihm geworden wäre?

Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. --

Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge.

Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet.

»Herr Ginstermann!«

Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte
Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die
Linke, und fort war er. »Verzeihung, ich will arbeiten«, rief er dem
verdutzten Mädchen zu.

Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende
nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben!

Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten
konnte, bis die Lampe in Ordnung war.

Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den
Blick nicht mehr von ihr wenden.

Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie,
blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine
Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn
sie ihn anblickte.

Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher?

Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen
gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine
Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren
Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so
weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name.

Er stand auf und trat vor die Büste.

Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz
quoll über. Er war nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend
Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten
lautlos ihren Namen.

O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken!

Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren
Laute, die aus seinem Innersten kamen.

»Ava -- ava«, flüsterte er.

Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen,
bedeutete es vielleicht: ich liebe dich!

Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los.

»Adieu«, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. --

Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er
trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute
liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu
erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn
jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz:
»Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern
würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.«

Sie lächelt und sagt: »Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier
Handschuhe kaufen.«

Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres
Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat.

So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist
nun gekommen.

Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung
mit ungeschickter Verblüffung entgegen.

Sie lachte und sagte: »Kommt Ihnen das so wunderbar vor?«

Und da lachte auch er.

Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken
kann, ohne die Augen dabei zu schließen.

»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder
zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand,
deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!

Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut,
kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein
Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling
siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.

Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.

Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er
stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern.

»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit
weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten.

Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe?

Nach Belieben.

So setzt er sich in den Schaukelstuhl.

»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich
verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen
Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen
hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne
daß eine starb.«

Sie zündet die Kaffeemaschine an.

»Rauchen wir?« fragt sie.

Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.

Sie rauchen und plaudern.

Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie
haben doch etwas mitgebracht!«

Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll.

So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.

Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie
sogar.

Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn.
Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann
kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie
ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht
wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.

Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus.

Ihre Mama habe es ergriffen.

Er verneigt sich tief.

Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«,
sagt sie. Sie ist so gut.

Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht,
daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf,
nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten,
ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand
abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein.

Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem
Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich
bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.

Endlich muß er aufbrechen.

Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon
zu lange.«

O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es
ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.

Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- --

Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte
depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. --

Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis
schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ.

Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg
wie die Wasser eines Brunnens.

Er nahm die Feder und schrieb:

Das Haus im Hain.

   Yester und Li wohnten in dem Haus
   im Hain und waren noch nicht sechzehn
   Jahre alt.

   Sie wußten nicht, wann und wie sie
   in das Haus gekommen. Eines Morgens
   erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte
   und lächelten einander zu. Sie hatten
   ihre Hände im Schlafe gefaßt.

   »Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte
   verzückt, »das ist Killi-hiwi!«

   »Killi-hiwi singt am schönsten von
   allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.

   Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem
   Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte.
   Er war so klein wie ein Taubenei, seine
   Stimme war Silber. Er sang jeden
   Morgen zu ihrem Erwachen und war
   dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.

   Das Haus stand in einem Hain weißer
   Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem
   Laub. Es war klein und weiß,
   schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah
   es von weitem aus. Es hatte blinkende
   Fenster, die Tag und Nacht offen standen,
   und blitzende Beschläge an der Türe. Die
   Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe
   führte in den Garten, auch sie war aus
   grünem Glase. Rings um das Haus
   standen Beete von Hyazinthen, oder von
   Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das
   ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue.

   Yester und Li wußten es nicht anders.
   Sie wunderten sich nicht darüber. Sie
   streiften den ganzen Tag umher. Der
   Hain war sehr groß, sie waren noch nie
   an sein Ende gekommen. Sie dachten
   auch gar nicht, daß er ein Ende haben
   müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder
   die von ihren Schultern herabfielen. Sie
   jagten einander und jauchzten von früh
   bis nachts. Immer hatten sie Sonne und
   einen Himmel, der funkelte wie ein blauer
   Edelstein. Des Nachts stand ein großer
   grüner Stern über ihrem Hause, und er
   wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne
   wiederkam.

   Vor dem Hause, da war eine tiefe
   runde Quelle mit einer Bank aus weißem
   Marmor herum. Sie sah aus wie ein
   tiefes klares Auge und Li meinte, der
   Himmel blicke aus dem Grunde. Man
   sah selbst am Tage die Sterne durch den
   Brunnen wandern, so tief war er.

   Li saß oft auf der Bank und warf
   Steinchen ins Wasser. Und jedesmal,
   wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es,
   und ein goldener Fisch mit kreisrundem
   Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken
   tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?

   Er mußte kommen, er mußte fragen.

   Li befahl nichts, sie freute sich an dem
   drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal
   kommen. Er wurde nicht böse.

   Yester aber stand, während sie spielte,
   an eine Birke gelehnt und sah ihr zu.
   Sie erschien ihm selbst wie eine Blume.
   Ihre Hand zart und durchscheinend wie
   die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar
   spiegelte sich im Wasser, in der Quelle
   schien ein Feuer zu brennen, es zerrann
   in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte,
   aus dem Grunde schien ein seltsamer
   flimmernder Blumenkelch zu wachsen.
   Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser,
   als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen
   grün wie die Blätter der Birken,
   durch die die Sonne scheint.

   Dann besann er sich jedesmal, was er
   ihr Liebes erweisen könne.

   Yester liebte Li über alle Maßen. Li
   liebte Yester über alle Maßen.

   Ihr Haus lag im endlosen Hain, und
   der endlose Hain lag am Morgenrot. --

                   *       *       *       *       *

Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel
hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und
er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.

Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte
ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause.
Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er
aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er
empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch
am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.

Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor,
entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder,
zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum
und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es.
Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm.

Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete,
über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die
seltsame Worte sangen.

Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das
waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu
fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre
Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte.

So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde.

Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin.

Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher
und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt
hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft
von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den
Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!«

Li! Li!!

Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit
mehr.

Bogen um Bogen füllte er.

Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und
herrlich ist.

Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.

Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er.

Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der
Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als
ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die,
eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg --
Krieg. -- --

Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.

Allah ist groß -- es war Tag.

Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der
Büste stehen und küßte ihre Schulter.

Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.

Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn
mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.

Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am
Geländer fest, um nicht zu stürzen.

Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.

»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?«

Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe
stattgefunden.

»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte
Erzesse nicht.

»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit
einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.«

Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife,
lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.

»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen
kopierend.

Sie wich erschrocken zurück. »Hu, was hat er denn?«

Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn
energisch in die Höhe.

»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter
Kerl!« sagte er halb ärgerlich.

Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf
den Tisch, daß es nur so krachte.

»Sehen Sie her! Diese Nacht!«

»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein
Filou, er ist ganz nüchtern.«

Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf
schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand
lesen.

Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße?

»Schwesterseele, holde!«

O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da?

»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.«

Hahahaha.

Da seien die Sterne gemeint.

Hahahaha.

Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.

Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und
während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen
senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens
festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein
Schwarm Vögel, der höher und höher stieg.

Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte
Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier
gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht!

Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus,
elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli
saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige
Wolke wirbelte.

Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein
Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.

Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich
lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!«



XIII.


Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.

Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.

Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der
Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch
erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der
Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches
blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne
Aufhören, rings um die Erde herum.

Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne
verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen;
die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche
Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.

Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch
nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen
standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter
und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen
und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder
erweckend.

Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die
vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche
schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der
Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die
Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte.

Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen,
letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre
persönlichen Erlebnisse und Wünsche.

Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie
war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und
Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu
vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu
verfolgen.

Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen
in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden
müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch
wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre
Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur
Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar
unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es
erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.

Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie
maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das
Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.

Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß
die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner
geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner
seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie
und zielbewußten Energie.

Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender
Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat
ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend
geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte
in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er
Biankas Freundschaft genoß.

Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte,
der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar,
zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner
Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und
es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß
eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln
zur Erstarrung bringt.

Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich,
entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm
in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine
Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein
Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie
besitze.

Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie
einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und
nie überschreiten ließ.

Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für
Minuten ins Wanken brachte.

Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen
Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an
der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja
entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick
von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach
Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.

Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte
er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre
Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann
beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses
unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und
sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« --

In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor
Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde
er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner
Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.

Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war
ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt,
bedeckte er mit Tränen der Freude.

Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus.

Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem
Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste
die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!

Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden
entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist
Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele
breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte!
Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie
gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und
mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen
einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte --

Niemand darf es wissen, niemand!

Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel
flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist.
Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O,
was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.

Niemand darf es wissen, niemand! --

Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit.

Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten
spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte
hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie
ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das
alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch
die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt,
das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht.
Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo.
Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist
Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den
Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses
hübsche, elegante Mädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum
Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein
Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht
ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen
will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer,
kühner Held! Heil dir! --

So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab
ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er
war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut
als es ging. --

Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene
namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm
zusammenschlug und ihn verbrannte.

Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all
seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen.

Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen?

Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben!

Wieder und wieder träumte er von einem Glücke, das nie werden würde. Sie
lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses
Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche
Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines
Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager
und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn
zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit
sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut
ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben
hatte.

So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte
dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf
sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend
etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren
Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen.

Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit
blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen.

»Wie heißt Du?« fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen.

»Camilla.«

Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind,
und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da
wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie
Vögelein.

Und dann -- und dann -- --

Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg.
All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete.

»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!«

Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund,
von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog.

Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit
Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst
auf sein Zimmer kam.

Sie nannte ihn »Onkel Ginster«.

»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch
du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.«

»Ari«, sagte sie.

»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.«

»Heiner, ach ja, Heiner!«

Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme
Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten.

Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der
sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.

Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie
doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er
vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte
ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die
Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du
wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --«

Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart
auf den Boden.

»Bist du böse, Heiner?«

Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist
-- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh,
Schätzlein« -- --

Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er
ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es
hätte entnehmen können.

Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch
lächelnd sagen: ich verspüre nichts.

Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über
eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er
jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel
nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne
Zucken der Hand ertrug.

Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den
Gehirnwänden abschaben müßte.

Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr
rein war.

Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf.
Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln.
Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer
brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke
ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.

Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht
gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt
werden. Wer aber liebt sie?



XIV.


Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer
Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.

Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen
darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen,
sie trug einen Schleier.

Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte.

Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in
weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel,
eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie
Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat.

Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung
den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen
nicht glauben wollen.

Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie.

Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er
ihr die Hand gegeben, ohne Druck.

»Mein Gott, Henri!« sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.

Sie hatte noch dieselbe Stimme.

Und er entgegnete: »Guten Tag, gnädige Frau.«

Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle
um, ihre Erregung zu verbergen.

»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.

Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten
auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände
strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.

Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall
gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde
verschwunden.«

Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah
zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.

»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja
damals schon, daß du ein Dichter bist.«

Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten
Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener
Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene
Luftbläschen.

»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich --
glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich
erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich
wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht
bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in
Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in
Nizza --.«

»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann.

»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir
denn?«

»Danke, es ging.«

»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst,
Henri?«

Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie
herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.«

Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein
Schleier.

»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst
alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du
mir nicht die Hand geben, Henri?«

»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.«

»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.«

Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.

»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.«

Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert.
»Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als --
Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.«

Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.

Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich
zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz
zuckte er darüber.

Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen,
gnädige Frau.«

Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie
lächelte.

»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm
ihre Niederlage nicht eingestehen.

Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen
röter zu sein.

Sie ging.

Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. --

Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug
hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.

Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.

                   *       *       *       *       *

An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus
dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der
Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße.
Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an
der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer
anderen Stelle.

Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.

Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.

Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte
kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die
Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge
schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.

Ginstermann stand auf und machte Licht.

Nun war es überwunden.

Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von
Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen
Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt
vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.

Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese
Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die
Verzweiflung beschwören.

Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu
kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und
fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich
auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu,
verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in
bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf.

Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken
quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück
Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment
auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte
endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges,
winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.

Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und
lächelte.

Nun war es überwunden.

Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in
die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an
seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn.

Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen
eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört
hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.

Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er
es überflog, er las es nicht zu Ende.

Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von
Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.

Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer
Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.

Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.

Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:

Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit
Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie
erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf
die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien
sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!

Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen
genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.

O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht
doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!

Und sie spien den Propheten ins Gesicht.

Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte
Pappe, nichts als bronzierte Pappe.

Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!

Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen,
dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.

Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd
in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der
Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.

Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand
wie aus Stein.

Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten.
»Seht!« rief er, »seht!«

Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein
winziger Stern mit grünem Lichte.

Hoho, schrien sie, hoho?

»Seht! Seht!«

Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten
sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha!
Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser
bronzierte Pappe sein!«

»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist
aus reinstem Golde!«

»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns
betrügst du kein zweites Mal!«

»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe
zu dem letzten Stern empor.

Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten -- -- --

Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.

Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die
Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken,
die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie
verrückt umher.

Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren
vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen.
Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte.

Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- --

Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . .



XV.


   Die Würfel sind gefallen.

   Alles ist verloren. --

   Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr
   töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den
   Nachmittag bei mir verplaudern können.«

   Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein,
   das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen.
   Sie waren ohnedies so gütig gegen
   mich.«

   Er verbeugt sich einigemal und lächelt.
   Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt.
   Da sind einige Muskeln um seinen Mund,
   die sich verzerrt haben.

   Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht,
   daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine
   Haare vom Schweiße an die Stirne kleben,
   daß er bleich ist wie eine Wand.

Es ist gut, daß es dämmert.

Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und
morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.

Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt.
War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans
Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er
hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt.
Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte.

Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen
für die Reise.

Aber selbstverständlich. Wann sie fahre?

Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11.
In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.«

Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt
sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte
Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal
tote Wünsche.

Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.

»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?«

»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --«

»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin
haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte,
wollen Sie das?«

Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.

Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er
danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an
den herrlichen Sommer errinnern werde.

Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als
sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre.

Dann schüttelt sie ihm die Hand.

»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht?
Adieu!«

Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.

Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er
geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand
voll Staub ins Gesicht.

Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer
Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie
steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu
winken. Aber sie winkt auch nicht.

»Adieu, Fräulein Schuhmacher!«

Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer
Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen,
die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.

Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt.

Dann geht er. --

Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann
ist geschlagen!

Nun war es vorbei.

Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte
er.

Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein
Stück vom Himmel da droben herunter?

Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen
einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er
so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz
einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber
hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen
durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten,
da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern
schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen
und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und
wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene
Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um
einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von
Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die
Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen
gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden.

Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich
brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte
Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen
blickte.

Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße.

Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme,
du Schuft?

Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den
Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit
gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem
andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.

Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte,
niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war
eine Wonne, seine Macht zu fühlen.

»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er,
verächtlich die Lippen zuckend.

Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den
Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße
entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu
provozieren.

Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!

Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen
Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die
Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der
anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der
Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen
Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den
Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes
Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich
im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend
die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen
neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt
sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten.

Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war
gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht.
Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen.
Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein
lateinisches Wort.

Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren
wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.

Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.

»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und
lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen.

Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu
taumeln.

Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.

Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still
und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man
betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.

Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den
Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war.
Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer,
der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so
töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume
waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.

Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!

Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend
zerweichen mußte.

Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.

Er blieb stehen.

»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade
hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen
Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch
hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte.
Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen
sein.

Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.

»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!«

Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm,
messieurs? Man mußte ins reine kommen.

Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und
sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie
im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka
einher.

Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre
Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.

Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in
die Höhe gegangen.

Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen
auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie
schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer.
Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach,
richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka --
nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise,
bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an --
jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten
Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka
hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er
bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha,
er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und
Bianka sagte:

»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war
da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft,
daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb
freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah
ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im
Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.«
Sie stockte, besann sich, ging weiter.

Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert,
wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig
gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie
eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer
Doppelpunkt.

Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor
Erregung.

Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg.

Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen.

Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. »Es war hübsch, hörst
du, Ginstermann? -- hübsch war es.«

Und hier war es, hier.

O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht
vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen
zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffneten mir ihre Ideen, Herr
Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie,
bitte, addieren Sie. Summa: hübsch.

Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte.

»Hier liegen die Träume eines Toren«, begann er in pastoralem Tone, »hier
liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe
einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der
Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie
Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder
in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!«

Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke
stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und
Ausdruck.

»Du bist wahnsinnig«, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer
ihm.

Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein
Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit.

Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und
still. Die Stille flüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte
Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen
Kopf.

In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken,
die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese
Stille flüsterte.

In der Ferne schlug eine Uhr.

Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg,
und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen
schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man
das Ding. Ich kann es bewegen.

Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er.

Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas
eingemauert ist. Angst lähmte ihn.

Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt.

Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf
den Kopf damit zu schlagen.

Aber nein, was war mit ihm geschehen?

Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort, fort aus diesem Garten,
dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort.

Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden.

Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und
Schutzleute, er war geborgen.

Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem
Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es
dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack,
aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die
Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als
hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten
zornige, grüne Flammen auf.

Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen
Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen
Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe
vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard.

Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken
zu besitzen. Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er.

Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen,
trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter.
Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte
vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran,
die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte
erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den
Steinen fest.

Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe
hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe;
kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging
er wie ein alter Gaul.

Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten
ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis
unten.

Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen
Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß,
die Hände vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher
flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend.

Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es
zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park.

Und nun verstand er.

Sterben, sprach es.

Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang
gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren
umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund.

Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm.

Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ
sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die
schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte.

Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die
Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der
Erde zusammen.

Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch
die Nacht heraus.

Er kniete nieder und küßte die Erde.

Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld,
dort oben der Himmel. Adieu.

Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause.

Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen
diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die
dieses Ziel über sie hauchte.

Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die
dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen
Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte.

Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein
Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf,
fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut
ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben!

Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich
gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was
sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er
hatte seinen Rätseln gelauscht.

Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das
Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte.

Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden
hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen
schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in
Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe
hinterlassend.

Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser.
Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in
langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken,
das ihm das Leben schenkte. --

Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers
stehen. Es schien als warte sie auf jemanden.

»Ach, Sie sind es«, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe
Ringe um die Augen.

Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie
seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt
argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei.

»Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?« fragte sie mit jäher, erschrockener
Stimme.

»Mit mir, wieso denn nur?«

»Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt.

»Ach nein«, erwiderte er. »Gute Nacht, Frau Trud.«

Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen.

Oben wandte er sich nochmals um und rief: »Grüßen Sie Kapelli, ich werde
ihn demnächst wieder mal besuchen.«

Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war.

Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das?

Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er
unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten
konnte. Die Vorhänge zog er zu.

Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie
herab.

Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund.

»Bianka«, sagte er, »leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst
das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes
Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt
du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich
dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich
gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst,
so härme dich nicht. Verzeih!«

Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er
öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es
nicht sehen.

Da pochte es an seiner Türe.

Er erschrak heftig und fragte stockend: »Wer da?«

»Kapelli.« Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen.
Bißchen Karten spielen.

»Nein, danke schön.«

»So machen Sie doch mal auf!«

Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte.

Dann rief er: »Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.«
Aber Kapelli pochte nochmals.

Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch.

»Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen«, rief er, sich zum Lachen
zwingend.

»Na, dann also gute Nacht.«

Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen
herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers
hinter sich.

Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie
ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann.
Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken.

Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über
dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge
liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im
übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der
Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen
Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner
Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh -- bläh -- Henri
Ginstermann ist tot. Er hat »Das Ebenbild Gottes« geschrieben -- bläh --
bläh -- er hat auch Verse geschrieben -- man weiß nicht, woran er gestorben
ist, vielleicht ist er am Leben gestorben -- bläh -- bläh --

Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände
zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte
es, rings herum.

Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser
jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter
hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal -- kann
eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn
Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein,
früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das
ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch.
Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen
entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle.
Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der
Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den
dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in
einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender.
O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher
Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost
auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister,
seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der
Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der
ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr.
Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war
nur ein Spaß! -- Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte
ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte.

Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? -- Wollen wir Musik
zusammen machen, wie? -- Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen
ansehen? -- Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? -- Nein, nicht
küssen, nicht küssen, Schlingel!

O juhei, o juhei -- wie herrlich ist das Leben! -- Wie, abgereist? Gnädige
Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und
Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. -- Hinaus! sagt der
Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Er biegt ihn im Gelenk
ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie
ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht
sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! -- Ein Zug
braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich
unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines
Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das
schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie?
-- Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre
Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und
Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man
erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond
spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre
Lieder. Ist das nicht herrlich? -- -- In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es
nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem
Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der
Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht
leiden. »Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib!« Ach, eine Mistgabel,
ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten.
Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe
in Rumänien. »Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt
und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich
es befehle. Hund, marsch -- oder -- ah -- sie ist ja ein kleines
Schweinchen, die Sonja -- aber -- hahaha!« Sein betrunkenes Gesicht mit dem
Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen
wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der
Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden
Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich
für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer.
Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein
Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er
auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind,
er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt
mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. »Ich will dir den Kopf
anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken,
bis du platzt, Schweinchen!«

Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten
auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und
verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend
Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes
Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen -- und da ist auch Kapelli! He,
Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er
heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind
auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu
entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch
jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen
an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse
plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe.
Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt
der Geruch von Branntwein. »Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des
Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.« »Ja, zum
Teufel, mein Herr --« »Spi ist mein Name, gestatten -- Sie leugnen also
jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.« »Die
Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist
keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht
minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, -- ja, zum
Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?« »Spi, gestatten.« »Speien Sie
mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen
aussprechen! Meine Behauptung gleicht also -- ja, wo stecken Sie denn?«
»Hier, Spi --« »Teufel --!« »Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist
mein Name.« »Lassen Sie mich doch -- lassen Sie mich doch --!« »Aber was
wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt ja Camilla auf!« »Hier
hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt
sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie
ist, wie des Jairi Töchterlein -- --«

Da erscholl ein mächtiger Schlag.

Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über
einen Stuhl, der am Boden lag.

Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen.

Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit.

Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das
alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu?
Oder -- nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus?

Ja, es konnte auch eine Lampe sein.

Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer,
hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste
gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan.

Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu öffnen.
Er wußte, etwas unsagbar Gräßliches hockte darin. Da entdeckte er ein
Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung,
nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie
Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das
seinige.

»Ich komme gleich nach«, rief er aus und ging an den Waschtisch.

Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen.
Sollte er beten, daß Gott ihm aus seiner Wirrnis herausführe. Haha,
vielleicht durch einen hübschen Engel mit bleichen, lilienzarten Händen?
Gott? Was war Gott?

»Sie wissen nichts!« sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms
Stimme. Er zeigte die Zähne wie ein Eichhörnchen. Aber er war gar nicht zu
sehen.

»Sie wissen nichts!« wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit
hatte er sich als Atheist aufgespielt.

»Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle
Völker, alle Völker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten!« »Ist
die Welt?« »Geflunker -- Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie
nicht los. Sie -- Dummkopf, Sie.« »Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat
sein Mekka in sich.« »So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund -- in Ihrem
traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen -- hahaha!«

Nein, was wollte er nur! Was erhielt er für Besucher?

Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen
Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Körper vorwärtsschiebend.
Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat ein Tintenglas einmal gegen die
Wand geschleudert -- glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien.
Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht.

Nun löste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft.

Er wich zurück und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren.

Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht.

Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu
zu sinken.

Hatte er es doch dabei? Ja, natürlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh,
nein, nein. Die Adern werden schlaff und die große selige Müdigkeit kommt.
Muß man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war müde. Und auf seinem
Kopfe saß einer, so schwer wie ein Zentner.

»Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.«

He! was ist das. Was sind das für Leute? Graue Gesichter. Es sind die
Selbstmörder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze
Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry!
Siry! Siehst du, hier an der Schläfe habe ich ein winziges Loch. Ich kämme
das Haar darüber, immer elegant! --

Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke.

Die große selige Müdigkeit . . .

Ich höre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir?

Möchten sie pochen -- ruhig pochen -- mochten sie rufen, ruhig rufen
. . . . .



XVI.


Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.

Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er
träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf
einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner
Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches
paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer
Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen
und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten,
leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.

Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war
eine weibliche Stimme.

Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme,
dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die
Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.

Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens
abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die
Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische
Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als
schnitte jemand ein Buch auf.

Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich
sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde
dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und
las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein
blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der
linken Wange.

Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich
unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um,
ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang
und braun.

Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen.

Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, daß der
Betreffende beim Sprechen lächelte -- dicht neben ihm: »Wie fühlen Sie
sich?«

Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch
gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart.

Der verbeugte sich leicht und sagte: »Dr. Scholl.«

Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl
der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei.

Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe.

»Erklären Sie mir, bitte --? Bin ich krank?« fragte er.

Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette
nieder und entgegnete:

»Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen
Sie sich?«

»O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange
und tief geschlafen hatte.«

»Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen
hereinkommt?«

Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt
darüber.

Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges
Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes,
seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen.

Und der Blonde sagte: »Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.« Er
hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.

Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den
Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ
sich zurück in die Kissen fallen.

»Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte«, sagte er und
lächelte. Nein, er lachte.

Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!

Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel
leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch
Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.

Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend.

»Wie lange bin ich krank gewesen?«

Er sei acht Tage krank gewesen.

»Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein
Schuhmacher bestellen.«

Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine
Erregung zu verbergen.

»Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?«

»Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel
arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.«

Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.

Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand.

»Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie
erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?«

»Sie ist noch gar nicht abgereist.«

»So, Fräulein Schuhmacher --«

»Nein. Es gab ein Hindernis.«

»Jawohl.«

Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In
den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die
dort drunten herumsprangen und jauchzten.

Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle
Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er
unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste
eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses.

Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären,
aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege.

Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß
du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel,
wie kommt diese Leiste an deine Türe?

Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß
es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im
Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen.
Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen
tanzten -- waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im
Spiele gewesen.

Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in
ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden.
Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist.

Es war etwas dazwischen gekommen.

Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen
Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende
Luft! Nur heiß war es, sehr heiß.

Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze
vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten
gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe
und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die
Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft.

Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende
Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich.
Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume
herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte.

Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön
für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war
weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war
augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen
warmen Augen.

War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?

Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.

Bianka, Bianka . . .

Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das
Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße,
erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude.

Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.

Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte.

»Sind Sie müde?« fragte der Arzt.

Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde.

Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im
Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern
dargestellt.

Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige
Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.

Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage,
ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage
seiner Gedichte abgesetzt sei.

»Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr
Doktor!« sagte er lachend. »Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?«

Dr. Scholl lachte ebenfalls.

Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.

Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das
andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei
abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.

War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der
acht Tage im Fieber gelegen.

O, nun -- nun -- o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein.

Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn
berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem
anderen zuzurufen.

Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf,
wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz,
durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den
ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.

Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen
Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.

Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?

». . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den
Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der
Mensch mit dem Menschen ab . . .«

Ah, er sprach über moderne Literatur.

»Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama
noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner
schöpferischen Zeit.«

Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und
drehte den Kopf zur Wand.

Ob ihn das Sprechen störe?

»Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.«

Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein
Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder,
sanft und unaufhörlich.

». . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu
wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der
Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen
sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.«

»Wie sie die Straße dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete
Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.«

. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie
haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den
Adern. »Das ist die Rose«, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: »Ihr
mußtet sie holen.«

». . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung
schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst
eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich
für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen
Sie >Auferstehung<, ich finde --«

»Unser Ziel ist der Einzelne.«

»Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten
denken . . .«

. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den
Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen
Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie
sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will.
Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und
stirbt . . .

». . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz
befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die
Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --«

. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, König Skule -- es heulen die
Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt
ein Spatz -- o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in
deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen
-- klung -- klung . . . »Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind
ist morgen tot.« -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule
noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und
geht schellenklingelnd zur Tür hinaus.

Klung -- klung -- je schöner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod
gefällt -- klung -- -- kling -- klung --

König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal.
Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft
heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal.

Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?

Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das
Gesicht verhüllt wie das erste.

König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den
Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken.

Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist
wachsfahl und ohne Leben.

König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen
Kopf.

»Wann?« fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen
Blicken.

»Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen
kommt?«

Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden.

»Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.«

»So laß in die Posaunen stoßen.«

Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe
aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde
Roselinds Leben retten.

Still wird's um die Burg.

Die Posaunen rufen.

»Nimm dies!« König Skule entblößt die Brust.

»Es ist alt. Es muß ein junges sein.«

Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.

An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in
düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger
auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel
grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den
Vorhang.

Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in
der Schlacht.

Roselind -- -- --?

Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules
Thron und spricht: »Ich bringe dir mein Herz.«

Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.

Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand.

Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf
dem Fensterbrett und grinst. »O Skule -- König Skule --«

»Werft ihn in Ketten!« befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt
das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?

»Ich bringe dir mein Herz.«

Der König hebt die Hand.

In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand
reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe.

Stille.

Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt
verzückt die Hände.

Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt.

Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen.

Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.

Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden.
Tipp--tapp--tipp--tipp . . .

»Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!«

»Klung--klung--kling-- ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .« --

Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein
Gespräch beendend, wieder ans Bett.

»Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.«

Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.

»Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt.
Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja
interessieren.«

»Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.«

»Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten
gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.«

»Adieu.«

Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte.

Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag
im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . .

Roselind -- Roselind . . .

Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.

Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen
Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald.
In Skules Reichen ist nicht Schöneres.

Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.

Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön.

Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. --

Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang.
Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die
Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem
Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei
jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen.

Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: »Weh dir! Weh dir!« Der
andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: »Entfleuch!
Entfleuch!«

Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang!

Mein Sohn, mein Sohn, jammert es überm Meer. Liebster mein, Liebster mein,
schluchzt es weit hinter den Bergen.

Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in
den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald.

Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den
perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der
Herrin Land -- leuchtet der Son -- ne Brand -- --! -- leuchtet der Sonne
Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . .

Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat.

Die Köpfe am Tore sind steif und stumm.

»Mach auf.«

»Wen suchst du, Armer?« -- »Ich suche Roselind.« -- »O, weh dir!«

Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus.

Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . .

Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem
Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen.

»Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?«

»Ich suche dich.«

Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst.

»Ich sterbe gern für dich.«

Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein
Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das
Geäder.

»Er ists,« sagt er.

Roselind neigt sich im Sattel. »Du bists. König Skule suchte dich durchs
ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.«

Der Pilgrim beugt das Knie.

Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. »Er soll hundert Pferde mit
Geschmeide haben!«

»Ich will nicht dein Gold.«

»König Skule gibt dir einen Thron.«

»Was nützt mich König Skules Thron?«

»Beeile dich!«

»Ich will --«

»Werde nicht kühn!!«

»Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!«

Hahaha -- lacht das Gefolge -- hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald.
Hahaha . . . .

Halali heißt der Wald . . . .

Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf.



XVII.


Es gab eine Menge Neuigkeiten.

Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt.

Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und
rauchte seine Zigarre.

»Heute morgen um fünf Uhr«, sagte er und alle Vokale funkelten. »Es ist ein
Prachtwesen!«

Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann
sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der
ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen,
zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend
vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst
und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag
begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten
Zeit schwebten.

Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud
hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das
er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen.

Es gab noch manches andere.

Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam
-- er rechnete bestimmt darauf -- so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr --
da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie
ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das
»Schnuckerl« spazieren fahren konnte, meinte er.

Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er
feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und
Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten
sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte
nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten
hinwegsteigen zu müssen.

»Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?«

Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt
worden.

Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur
selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten.

»Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen
geholfen, aber das geht uns nichts an«, meinte Kapelli.

Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen.
Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein
schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes
erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als
Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude
darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht
war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte.

»Jetzt können Sie ruhig sterben,« scherzte er, indem er ihr nochmals die
Hand drückte.

»Ja«, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas;
»besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis
erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.«

Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann
hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in
diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet.

Sie lächelte und sagte: »Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit
unterstützte.«

Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an.

»Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht
auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?«

Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen.

»Nicht? -- Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um
etwas schmäler und blässer geworden.« »O, und graue Haare haben Sie auch
bekommen, eine ganze Menge«, setzte sie lächelnd dazu. --

Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien,
als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu
verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie
so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend
ersuchen, den Mund zu halten.

Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie
ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und
gleichzeitig sein Dank für »neulich«. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli
dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit
einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter.

Natürlich mußte er auch das Kind sehen.

Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem
unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten.

»Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?« sagte die Mutter. »Es
wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?«

Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden.

»Wenn es so fortfährt, sicherlich«, sagte er.

Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese »Skizze von Mensch«
in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen.

»Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese
Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar --«

Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu
einer verlangend ausgestreckten Hand löste.

Kapelli küßte sie.

»Du sollst nicht so viel reden«, sagte er.

»Ich hab ja nun gar nichts gesagt«, Frau Trud darauf.

Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen.

Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne
lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein
Mensch groß ward, stand in ihm auf.

Weder dies, noch das, sagte er sich.

Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr
fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben.
Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu
vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt.

Andere Sterne! Andere Sterne!

Ach, da war ja noch die Erinnerung -- und die Arbeit! --

Er ging.

Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu
sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.

Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand
gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen
Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden.

Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an
wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.

Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer
Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern
zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß
Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer
netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er
am Hause auf und ab ging.

Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig.

Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von
der »Religion der Gottlosen« handelte, zur Hand, um sich auf andere
Gedanken zu bringen. --

Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt.

Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden.
Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann
hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas
Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen
erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten
herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu
widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht
mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden,
keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck
fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie
die Zähne zweier Räder ineinander.

Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung
des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. --

Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre
Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte.

Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen
Spaziergang.

Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.



XVIII.


Drei Uhr.

Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und
steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege
entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm
auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An
der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer
durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt.

Ginstermann ist nicht hingegangen.

Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen.

Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war,
während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und
Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er
hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre
geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt
-- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben:
und er war nicht hingegangen.

Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht.

Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es.

Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und
sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie
immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf --

Adieu Bianka!

Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch
immerhin ein bißchen lieb, wie?

Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm
herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz.

Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . .

Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er
Treue bewahren.

In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her,
während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich
den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß.

Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an
den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war
Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden
Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist
du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige
Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer
schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand
ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist
»sie«? Kennt ihr »sie«? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das
Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum
Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine
Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die
Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum.

Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein
dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?

Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte
flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.

Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und
man prophezeite ihm eine große Zukunft.

Und dieses Mädchen . . .

Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt
sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit
beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und
küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt.
Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im
Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die
Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der
Boden wogt.

Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den
elfenbeinernen Tasten.

Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt
geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über
sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen
berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt
seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den
Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und
singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz.

Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den
Elfenbeintasten.

Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich.

Der Spielende steht auf und lächelt.

Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen.

Wissen Sie, wie das hieß?

Weshalb fragen Sie mich das?

Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei
Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind
heiß.

Das junge Weib regt sich nicht.

Das junge Weib regt sich nicht.

Es liebt ihn.

Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht.
Seine Augen sind schwarz und blitzen.

Es war ja nur eine Improvisation.

Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über
die Elfenbeintasten.

Und wieder lauscht das junge Weib.

Die silbernen Vögel singen seinen Namen.

Und wieder . . . .

Und wieder . . . .

Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten
Hände zittern.

Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde.

Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht.
Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken
über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter
Freund . . . .

Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens, da singen die silbernen
Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium!
Martyrium!

Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere
. . . .

Nun wollte er Bianka schreiben.

»Verehrte Freundin!« begann er.

Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin.

Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese
Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann
könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht.

Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so
sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine
Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu
beschönigen, ohne zu verschlimmern.

Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und
Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe.

Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen
Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es
für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den
Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren.

O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß
gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib
und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All
das. Aber das ging ja nicht.

Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen
heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht.

Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene
Freundschaft?

Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser
letztes Gebot.

Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten.

Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung
flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen,
das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein
Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft.

Er lächelte der Versuchung. --

Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug.

Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue
Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt,
erfüllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der
Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln
und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die
stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten.
Irgendwo heulte ein Hund.

Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich
selbst bezwang.

Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf.

Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde
Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. --

In dieser Nacht schloß er kein Auge.

Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen
Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich
flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde
schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer,
Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern
auf: der Tag.

Es schlug sechs, sieben, acht.

»Nun ist er dort,« sagt er, und die Augen fielen ihm zu.



XIX.


Sonne!

Überall Sonne! Rote Sonne!

Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still
nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am
Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hände
redete, und sie verstanden sich.

Es war ein heißer Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Körperchen
aufgelöst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen
Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfüllten den Park.
Überall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband
eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen
der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter
den in der Sonne sich ausdehnenden Büschen vorüber. Die Augen der Menschen
strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mädchen
leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten.

Es war ein Tag des Lichtes.

Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die
Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und
Farben.

Bianka trug ein duftig weißes Kleid, das sie größer, blühender machte.
Einen weißen Ledergürtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst
ihre Schuhe waren weiß.

Sie ging in ihrer nachdenklichen, verträumten Art neben Ginstermann einher.
Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen,
um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie älter, gereifter denn sonst.

Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die
Kühle zu genießen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des
Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, üppigen
Ufern. Dazwischen sprühte feiner Wasserstaub bis zum Geländer herauf, den
die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier
dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprühendes, lustiges
Feuerchen, das hartnäckig Fuß zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf
ein und dieselbe Stelle dirigiert.

Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden
Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der über
sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkäfer eilte über den
Weg. Er lief, was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei
seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem öffentlichen Garten lebte,
zum Instinkt geworden.

»Sehen Sie, wie schön!« sagte Bianka.

Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall
dankbar zu sein, der ihre Lippen löste.

Da kam ein Wagen und zerquetschte den Käfer. Seine schillernden Flügel
standen weit auseinander.

»O«, rief Bianka aus, »sehen Sie nicht hin!«

»Das war ein Stück Schicksal«, versetzte Ginstermann, das Bild des
zerquetschten Käfers vor Augen.

Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das über den Menschen
waltet, jedes in seiner Art.

Das Schicksal hält die Menschen in einem Sieb und rüttelt. Wer über einer
Masche ist, fällt durch, dachte Ginstermann.

Bianka blieb stehen und blickte ihn an.

Heute sei die Hitze unerträglich.

Das sei ein kleines Italien.

Ja.

Dieses »ja« zitterte, weil sie es lächelnd aussprach.

Wann geht nun die Reise?

Bald, bald.

Ob ihre Mama kränker geworden sei, weil man sie abermals verschob?

»Nein.« Sie lächelte mit leiser Wehmut. »Dieses Mal ist es etwas anderes
gewesen«, sagte sie.

Sie wandt den Kopf und sah durch die Bäume hindurch über die Wiese, wo
Männer und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu
ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie
natürlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts.

Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, daß sie nun über
den Brief sprechen würde. Er erschrak und suchte nervös in seiner Tasche
nach irgend etwas.

Tschin--da--tschin--da--dadada -- macht die Musik in der Ferne.

»Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich möchte es Ihnen
wiederholen«, sagte sie, »ich finde nicht die Worte, um Ihnen für dieses
Vertrauen zu danken!«

Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drückte.

Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lächelte unmerklich, und
dieses Lächeln ging auf seine Lippen über.

Tatatra--tatatra--bum -- machte die Musik.

»Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.«

Es war das erste Mal, daß sie ihn »Freund« nannte.

Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben
beschäftigten oder die Welt auch nicht beschäftigten. Aus irgend einem
Anlaß kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze.

Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er.

Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: »Nein, nicht.« Und sie
schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte
unter Freunden -- aber lieber nicht.« Das sagte sie ganz leise.

Die Schatten der Bäume streckten sich, die Wiese wurde rot.

Bianka mußte nach Hause.

Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstündchen zu
bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Tränen in den Augen bitten?

Nie liebte er sie mehr als heute.

Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf
einer öden einsamen Insel, vor dessen Augen ein Segel vorüberzog. --

Wieder kam der Abschied.

Bianka sah auf ihre Hände. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weißen
Däumling. Sie bewegte ihn leicht und lächelte.

»Ich habe mich geschnitten«, sagte sie. Dann riß sie mit einem Ruck den
Däumling herab und bot ihm die Hand.

Ihre Augen waren groß und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht
zu deuten wußte.

»Adieu!«

Er lächelte ein verzerrtes Lächeln und wiederholte mechanisch mit den
Lippen: »Adieu«. --

Das war alles so schnell geschehen, daß er es nicht zu fassen vermochte.

Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklären!

Dann kam es wie Rausch über ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles
geschrieben und trotzdem -- trotzdem --!

Heil Bianka! Heil Ginstermann!

Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum.

War er nicht ein Tor gewesen, seine Wünsche, seine Hoffnung so schnell in
einen schwarzen Sarg zu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein
dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm
lag köstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem Äther!

Er ging in den Park zurück, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam.

Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch
übers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mücken schützen.

Er weinte, still und leise. Das große Glück schluchzte in ihm.

Lange lag er so.

Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: »Das Betreten des Rasens
ist verboten.«

Ein Schutzmann.

Er stand auf und lächelte ihm unter Tränen zu.

»Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr.« Grüßte und ging.

Die Dämmerung füllte als blauer Dunst die Straßen, über die Stadt herauf
stieg jauchzend die Röte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte
mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen
hatte, um herab auf die Erde blicken zu können.

Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend. Jeder trug sein Glück mit
sich. Der heiße Sommertag hatte sie in übermütige Stimmung versetzt. Schöne
Mädchen glitten durch die Menge, von der Liebe träumend. Die Herren ließen
keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze über sie zu
machen, etwas lose Scherze.

Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute
sich ihres Tuns.

Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte.

Man mußte es ihm lehren! Man müßte ein Evangelium der Freude schreiben!
Über die Freude führt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das
Kleinliche und Mißgünstige fort aus seiner Brust.

Er schlenderte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde.

Dann überkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen
Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude
auszukosten. Urplötzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn
nun ungeduldig seiner Wohnung zu.

Er wollte die sehen, deren Freund er war, die für ihn das Leben bedeutete,
das warme, große Leben, ohne das er tot war.

In der Nähe seines Hauses ging er an einem Mädchen vorüber, das da, ein
Hündchen an der Leine, gemächlich promenierte.

Es war Fräulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um.

Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu.

»So etwas!« lachte sie, ihm die Hand voller Vergnügen hinstreckend. »Das
sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?«

»Guten Abend, Fräulein Scholl! Welches Unglück führt Sie denn durch diese
Straße?«

»Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die
Hanna Klett.«

Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den
unschuldigen Augen.

Fräulein Scholl blickte ihn an und lächelte verlegen.

»N--nein«, sagte sie.

»Nicht?« Er lachte. »Seien Sie nicht böse. Ich kenne das Fräulein nicht.«

Das wäre auch gar nicht möglich.

Natürlich.

Wieso natürlich?

Naja -- haha -- es sei natürlich ebensogut möglich.

Sie blieb stehen und wirbelte die Leine um Bijouchens Näschen. »Weshalb
sind Sie mir eigentlich böse, Herr Ginstermann?« Sie sah zu Boden.

Er, ihr?

Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. »Ich sehe Sie gar nicht mehr,
wenn ich in die Violinstunde gehe.«

Ach so. Nun, sie wisse doch, daß er krank war.

»Ja, aber --? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?«

»Nicht das mindeste.«

Sie lächelte: »Ich dachte, ich hätte Sie irgendwie gekränkt. -- Geht es
Ihnen nun wieder gut?«

Sie gingen an einem Bäckerladen vorbei, und für einen Augenblick huschte
der Lichtschein über ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, daß sie an der
Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mädchen, mit dem
man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt.

»Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.«

»Er hat mir von Ihnen erzählt.« Sie blickte ihn an, und ein Lächeln
schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen.

»Was sagte er? Hat er mich recht angeschwärzt.«

»Ach nein -- er sagte -- er sagte: an Ihnen sei was.«

»So, was ist denn an mir?«

»Ach Gott!« Das war Martha Scholl von neulich.

Sie waren an seiner Türe angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine
Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe.
Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzündete ein Streichholz und
flüsterte, als das marmorweiße Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er
wieder rasch die Treppe hinunter.

Biankas Antlitz schwebte vor ihm, während des ganzen Weges, den er mit
Fräulein Scholl zurücklegte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken davon
loszulösen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal
mußte er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehört
hatte.

Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich
unsäglich glücklich, dachte er, während er Fräulein Scholl antwortete: »In
Genf ist es prächtig, da haben Sie allerdings recht.«

Glaube mir, nie soll ein Gedanke über die Grenze hinausgehen, die du mir
gesetzt hast, Bianka, Herrlichste -- und er sagte: »In so einer Pension muß
es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.«

Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Fräulein
Scholl von ihr.

»Sind Sie nicht recht glücklich, daß Fräulein Schuhmacher noch hier ist?«
fragte Ginstermann.

»Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.«

»Das begreife ich. Fräulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke,
auf diese Freundschaft können Sie stolz sein. Fräulein Schuhmacher ist sehr
exklusiv, wie ich weiß.«

»Ja, Bianka ist sehr wählerisch.«

»Fräulein Schuhmacher« --

Da unterbrach sie ihn. Sie müsse jetzt gehen.

Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt
hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer
ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: »Adieu, Herr Ginstermann«, und sprang in den
Hausflur hinein.

Bijou galoppierte hinter ihr her.

Ginstermann ging einigermaßen verwundert über ihr Benehmen weiter. Er
wanderte langsam die Leopoldstraße hinunter, an all die Qual denkend, die
er hier auf und ab geschleppt hatte.

Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem
erleuchteten Fenster hinauf.

Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem
Gedanken.

Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten.

Wie komme ich nur hierher, sagte er lächelnd zu sich.

Die Nacht war ganz weiß.

Übergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Körperhafte nahm,
erfüllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres
von Grillen, das die Stille zauberhaft erhöhte, lag der Garten da gleich
einem Schmuckkästchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen
übersäten Deckel abgeschlossen.

Ah -- das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der
Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister
springen lassen.

Hier stand Yester und Lis Haus!

Er nahm den Hut ab und schritt die kühlen Laubgänge entlang, die ihre
Blütenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den
Wundern der Welt um ihn her und seines Herzens. Geschichten fielen ihm ein,
hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzählte. Und in
all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mädchen mit einer innigen,
demütigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Träumen, die sie
keusch kosend umhüllten, wie die weißen Rosen die Prinzessinnen im Märchen.

Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig
umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie
schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über
die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts
silberne Fische.

Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser
Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der
weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß.

Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber.
Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein
Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen.

Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die
Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg
der Lichtschein gleich weißem Opferrauche.

Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede.

Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn,
alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier
empfunden, schwebten um ihn.

Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den
Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß.

Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein
Hauch dieser Nacht selbst.

Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein
Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen?

Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über
ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne
gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den
Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . .

Früh am Morgen ging er nach Hause. Es war kühl geworden, und sein Blut floß
langsam durch den Körper --

Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht,
er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die
Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es
war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber.

Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder.

Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich.

Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang
tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien,
mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem
Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr
Gesang.

O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . .

Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden.

Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . .



XX.


Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief:

Werter Herr Ginstermann!

Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine
Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben.

Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und
klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben.

Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X.

PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der
Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O.

Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du
Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand
abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein
andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich
schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lächelt: Schlage mich,
schlage mich doch, Liebster!

Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder
gelesen habe.



XXI.


»Kann ich weiter lesen?«

»Ja, lesen Sie weiter.«

Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der
Ginstermann den Namen »zum schlafenden Brahmanen« gab.

Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her
wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu
ihnen herunter.

Sie waren ganz allein.

Und Ginstermann fuhr fort:

Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück.

Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die
ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache
gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen
zumute.

Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die
Hyazinthen, in denen es stand.

Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend.

Da stand Li! Da stand Li!

Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und
regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne
daran zu riechen. Sie stand schon lange so.

Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in
die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen
Nacken und küßte seine Haare.

Er umschlang sie und küßte ihre Lippen.

»Li! Li!« flüsterte er.

Sie sah ihn an. »Deine Stimme ist ganz anders,« sagte sie.

Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust.

Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen,
mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen
Schatten.

Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und
atmeten schwermütig süßen Duft.

Da fing Li plötzlich an zu weinen.

Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu
beruhigen.

»Li, Li,« flüsterte er in seiner Ratlosigkeit.

Li preßte die Wange an seine Brust und weinte.

Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare,
ihre Schultern. Die Birken sangen.

»O Li, o Li -- Li, o Li?«

Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor.

»Ich sehne mich so, Liebster,« sagte sie leise, ganz leise.

Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker,
sie litten mit Li.

»Ist es nicht schön bei uns, Li?«

Li nickte.

»Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert
nicht der Tau an den Rosen des Morgens?«

Li nickte.

»Und lieb ich dich nicht?«

»O Yester!«

»Und doch -- und doch -- Li?«

»Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .«

Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde,
da antwortete es ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei,
nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie
antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain.

Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten.

Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten
durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen,
schöne, sanfte Augen.

In der Ferne schrie ein Pfau.

Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen.

»Li, Li,« schluchzte er.

Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da
droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . .

Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen
das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn »Blaue Tulpe«.

Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die
Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das
sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug,
das sie gefertigt.

»Blaue Tulpe« hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis
Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges,
goldenes Herz.

Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die
Art, Li zu lieben . . .

Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme.
Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen.

Sie saßen beide und waren stille.

Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten.

Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: »Wir sind so
allein.«

Und sie ging.

Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt,
dann stand er auf, ihr zu folgen.



XXII.


Wie war es doch gewesen?

Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen,
das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und
probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während
Frau Trud sich schüttelte vor Lachen.

Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von
Sacken trat ein.

»Verzeihung«, sagte sie, »ich habe gar nicht geklopft,« und lachte.

Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei.

Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb
sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:

»Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!«

»-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,«
summte Kapelli und klimperte in den Saiten.

»Vom Sekretariat?«

»Ja!« Sie setzte sich, stand wieder auf. »Vom Sekretariat -- soeben bin ich
gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!«

Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie
endlich glücklich zu sehen.

»Ich gri -- gra -- gratuliere!« sang Kapelli mit hellem Tenor.

Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit
triumphierenden Augen an. »Nun noch das!« rief sie. »Erst die Rezensionen
und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese
nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!«

Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß.

Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis
schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach.

Und nun heute?

Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand
unter der Türe und winkte ihn herein.

»Kommen Sie schnell!« rief er. Er war erregt wie noch nie.

Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte.

Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.

Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück.

»Wein nur, wein nur Trud,« sagte er, selbst dem Weinen nahe.

Ja, was denn nur sei?

Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.

»Nun ja -- die Sacken --«

Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .

»Warum nur? Warum nur?« stieß Frau Trud heraus. »Gerade jetzt --!«

Ginstermann wußte es.

Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze
Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt.

Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der
Türe.

Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die
Scheiben. Nichts regte sich.

»Schuft!« rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das
finstere Atelier.

»Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!«

Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war.

Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz.

»Verreist.«

»Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!« --

Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein
die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der
er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater.

Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern
erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge
zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu.

Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar.

»Heben Sie höher!« befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.

Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den
Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe.

Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken
möchte und nicht kann.

»Da drinnen liegt ein Mensch!« sagte er und begab sich zurück in sein
Zimmer.

Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig
Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus
blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!

Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart,
kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.

»Major von Sacken«, sagte er, sich kühl verbeugend.

Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen
Wünschen.

»Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher
standen?«

Nein, er sei ihr nicht näher gestanden.

»So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!« Er warf ein Päckchen Briefe auf den
Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an.

Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der
seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese
Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.

Und dann noch etwas . . .

Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine
kleine Windmühle in Gang halten.

Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn
durchdringend anblickend:

»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!«

Der alte Herr stand auf und maß ihn.

»Wie können Sie es wagen --!«

Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: »Sie haben ein Verbrechen
begangen, Herr!«

Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine
Augen waren stahlgrau.

Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:

»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!«

Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und
krallte die Finger in seinen Kopf.

»Wer konnte es denn wissen!« schrie er.

Dann stand er auf und räusperte sich.

»Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein,
sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen
geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie,
sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als
Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!«

Er streckte Ginstermann die Hand hin.

Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.

Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich
der Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er
nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor.

»Adieu, mein Herr«, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.



XXIII.


Der Hymnus der Morgenröte.

11. Hymnus an Bianka.


Stimme vom Berge:   Gott ist groß! -- Licht gleißt sein Antlitz.
   Sein Lächeln
   Streut Rosen und Myrrhen
   Auf das dunkle Haupt der Welt.

Stimme in der Ferne:   -- -- -- scheucht die Schatten
   In ihr finstres Reich
   Mit goldnen Pfeilen. -- Groß ist Gott!

Chor der Betenden:   Der das Licht aus dem Dunkel schlug,
   Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut,
   Ist unser Herr!
   Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel,
   Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen,
   Dem Büffel, dem Krokodil,
   Das Korn, die Lotos schuf,
   Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde,
   Ist unser Herr!

Chor der Suchenden:   Wir gehen rechts -- wir gehen links,
   Wir gehen links -- wir gehen rechts,
   Wissen wir's?
   Wir gehen vorwärts -- wir gehen zurück,
   Rund herum um das Glück.
   Das finden wir nicht.
   Uns trägt der Rücken eines Tiers.
   Das kennen wir nicht.
   Wir pochen an der dunklen Wand,
   Ob nicht die Pforte einmal springt,
   Die keiner fand.
   Wir trinken Nächte,
   Uns trinkt die Nacht.
   Wir schleppen die Kette von Menschenleid,
   Die endlose Kette von Menschenleid,
   Die jedes Herz noch schwerer macht,
   Durch die engen Dornentore der Zelt.
   Und tragen sie ringsherum um die Welt,
   Und immer ringsherum um die Welt,
   Und harren der Stunde, da sie fällt.
   Und suchen das Lachen.
   Und suchen unsere Ewigkeit.
   Und tasten weinend der Finsternis Pfade.
      Rate!
      Rate!

                   *       *       *       *       *

Eine Stimme singt:   Mit Blüten bestreu ich euch,
   Ihr Bittren!
   Mit süßen,
   Wohlriechend wie der Morgenwind,
   Die in den ewigen Gärten sprießen,
   Die ferne von der Erde sind . . .

                   *       *       *       *       *

   Alles, was klingt,
   Zerspringt.
   Das tiefste Meer
   Verrinnt.
   Alles, was Staub ist,
   Wird Wind.
   Wird Wind!
   Alle Zeit
   Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit.
   Und denkst du an den letzten Tag
   Gibt's keinen Tag!
      Öffne dein Herz.
      Schwester, Bruder,
      Bruder, Schwester,
      Öffne dein Herz!
   Die Zeit der Saat -- naht!
   Denke an mich:
      Die Lebensgebärerin,
      Die Lebensernährerin,
      Die Lebenserweckerin,
      Die Lebensvollstreckerin
      Bin ich!
   Denke an mich:
      Was schläft, das muß reden.
      Was tot ist, will ich töten.
      Und keine Tiefe ist mit zu tief,
      Die ich nicht rief.
      Flügel schenk ich dir, die tragen
      Dich über die Erde.
      Wer über der Erde
      Nicht lebt,
      Lebt nicht
      Auf der Erde,
      Und nimmer ist's nötig,
      Daß er begraben werde.
   Denke an mich:
      Die Lebensgebärerin,
      Die Lebensernährerin,
      Die Lebenserweckerin,
      Die Lebensvollstreckerin
      Bin ich!
   Im Herzen des Alls,
   Da quillt ein See,
   Er hat nicht Grund.
   Gott warf sein Herz hinein,
   Daß ich entsteh!
   Gott warf sein Herz hinein,
   Warf seines Sohnes Herz hinein,
   Warf aller Weisen und Guten
   Herz in den See,
   Daß ich entsteh!
      Öffne dein Herz,
      Schwester, Bruder,
      Bruder, Schwester,
      Öffne dein Herz.
   O, öffne dein Herz!
   Die Zeit der Saat -- naht!
   Schmücke dich!
   Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit,
   Der Dorre sinkt!
   Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht!

                   *       *       *       *       *

Chor der Erlösten, jubelnd:   Liebe! Liebe!!

Chor der Verlornen, schluchzend:   Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . .



XXIV.


Der letzte Tag.

Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer
kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz
hinein: Was bringst du mir?

Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider
geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese
dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.

Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte.
Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen?

Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen,
soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine
verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte
kämpfen, so lange es ging.

»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann
mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff
mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr
ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!«

Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese
dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein
Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag.

Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel
in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du
magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.«

Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen,
die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt.

All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!

So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam
und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er,
immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte
Wahrheit.

Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen
hatte wie über weite, weite Ebenen!

Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja,
du bist gezeichnet!«

Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm
einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?

Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen
vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse
deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden,
immerzu nach Süden.

Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von
Zufällen.

Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt:
Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die
Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben.
Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr
applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt
. . .

Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die
Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für
verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß
hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom
Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde.
Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme
ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein
Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit
einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der
Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die
vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers
verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was
kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen
Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie.
Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht.
Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . .

Endlich graute der Tag.

Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.

Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit
erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine
Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt
auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen.

Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es.

Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen.

Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die
Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die
Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem
Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der
Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen
aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen
und lauschten.

Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf.

Bianka stand schon oben.

»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.

Seit wann sie schon da sei?

Ungefähr zehn Minuten.

Wenn er es nur geahnt hätte!

Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel.

Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher.

Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag
am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben
fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter
Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.

Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.

»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.«

Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons.

»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.«

Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren
Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese
herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und
lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in
die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und
Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste
Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der
andere sie für ernst nehme.

Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die
bekannten Wege schritten.

Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das
Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen.

Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß
sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone.

Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.

»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?«

»Nein, nein.«

»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?«

»Nein, nein.«

So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte.

»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte
sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im
schönen Mailand.«

»Und übermorgen in Nizza?«

»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser
aus dem Hutrande zu schaffen.

»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?«

»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.«

»Nach Ka--iro!«

Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er
biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch.

Dann lachte er heraus.

»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!«
rief er aus.

Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.

»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!«

Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte.

Bianka nahm seine Hand und flüsterte: »Bitte.«

»Bitte«, flüsterte sie.

Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber
seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka
nach Kairo übersiedeln würde. Da gab es zwei Wege: einen übers Meer, einen
über Kleinasien.

Heizer, Steward?

Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon
verzweifeln.

Da stand Bianka still und sagte: »Wir müssen nun Abschied nehmen.«

»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.«

Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.

Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte
Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den
Lippen.

Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.

»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte
sie und lächelte.

»Wie Sie wünschen.«

Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem
Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine
Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen.

»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im
Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er
sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er
zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen
unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und
ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .«

Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab.

Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn,
Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie
ein Kind.

Sie waren oben.

Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen
blinkten.

Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen
durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben
gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen
über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel
um seinen Herrn.

Bianka wandte ihm den Blick zu.

Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen,
durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß.

Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war.
Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie
er.

Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem
Hühnerhund auf der Wiese drunten zu.

Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn
fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu
Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen.

»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur
ein Hauch.

»Ja«, sagte er, laut.

»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin.
Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte.

Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.

»Es ist so schön. Gerade jetzt.«

Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer
phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.

»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.

In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht
möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete.

Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.

Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter,
ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.

Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte.

Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand
und sagte:

»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! --

Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede
Linie verändernd.

Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.

Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen.

Ihr Herz pochte gegen das seine.

Er gab ihr den Kuß zurück.

»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen.

Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im
Laubgang.

Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht.

Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese.

Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . .



XXV.


Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel.
Ginstermann dachte nichts.

Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte
nur, daß ihn neue Kraft durchströmte.

Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts.

Am Abend pochte es, und er sagte herein.

Bianka trat ins Zimmer.

Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht.

Sie blieb an der Türe stehen und sagte: »Bleib, bleib.«

So blieb er auf derselben Stelle stehen.

Sie blickten einander an, eine Ewigkeit.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?« fragte er endlich.

Sie antwortete ihm mit einem langen Blick.

»Sage doch du zu mir.«

»Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?«

Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle
gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur
gekommen, um es ihm zu sagen . . .

Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe.

Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme:

»Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.«

»Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.«

Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an.

Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht.

Sie brach in Weinen aus.

Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand
auf ihre Schulter, ganz sachte.

»Bianka?«

Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die
Augen pressend.

Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte.

Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu
stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück.

»Ich kann nicht«, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah
zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf.

»Härme dich nicht, Beste«, sagte er,

Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen.

Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen.
Er wußte . . .

Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände.

»O du!« stammelte sie.

Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das
Herz.

Sie lächelte verzückt.

Dann ging sie . . . . .



XXVI.


Drei Uhr morgens.

Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die
Stadt.

Er geht immerzu.

Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der
Mond steht am Himmel und alle seine Sterne.

Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt.

Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft
von Rosen steigt in die Nacht.

Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an.

Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein
Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er
plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt
gemächlich seinen Weg fort.

Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt.

Er wirft die Rosen über die Schienen.

Dann wartet er.

Er steht und wartet.

Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her.

In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt.

Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen.

Der Mann tritt zurück.

Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei.

Er entblößt sein Haupt.

Ende.



Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Yester und Li - Die Geschichte einer Sehnsucht" ***

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