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Title: Hermann Lauscher
Author: Hesse, Hermann, 1877-1962
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Hermann Lauscher
von
Hermann Hesse


Zweites Tausend.

Verlag der Rheinlande
Düsseldorf
1908.


Druck von August Bagel, Düsseldorf.



Inhalt:


   Vorrede zu dieser Ausgabe         1
   Vorwort der ersten Ausgabe        7
   Meine Kindheit                   11
   Die Novembernacht                43
   Lulu                             61
   Schlaflose Nächte               115
   Tagebuch 1900                   145
   Letzte Gedichte                 179



Vorrede zu dieser Ausgabe.


Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung
Wilhelm Schäfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder
ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich
denn eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine
bibliographische.

»Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher« war der Titel
einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in
der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen
Jünglingsträume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen
und totgesagten Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan
schienen, einzusargen und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster
Auflage, beinahe mit Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen
Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine
späteren Bücher kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin
eine Art von literarischem Kuriosum.

Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit
Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag
kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen,
und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin,
gab ich nach.

Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte.
Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und
Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu
redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im
Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu
beschönigen, schien mir wieder unerlaubt.

Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich
derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu
umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen
Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine
Dichtungen (»Lulu« und »Schlaflose Nächte«) aus jener Zeit. Die erste ist
bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht
veröffentlicht worden. Beide stehen zum »Lauscher« in engster Beziehung und
sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich
ein.

Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an:
Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was
ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam
beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt
betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und
Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von
denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe
verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir
selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt.

Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den
gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat,
der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche
sind.

Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als
wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan,
Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich
nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese
Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch
ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der
Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für
mich und meine Freunde sein.

_Hermann Hesse._

Dezember 1907.



Vorwort der ersten Ausgabe.
(Ende 1900).


Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten
Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im
Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt.

Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis
preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es
war ein Abend in der Weinstube des »Storchen«; Lauscher war von seiner
gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein
bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er
bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu
helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er
in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges
Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei
Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann
versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm
plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage
darauf starb er plötzlich auf einer Reise.

Lauschers literarischer Nachlaß enthielt fast nichts als die hier
mitgeteilten Stücke. Nächst dem rein persönlichen Wert, den diese für seine
Freunde haben, dürften sie als Dokumente der eigentümlichen Seele eines
modernen Ästheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser
verdienen, namentlich durch die herbe, selbstquälerische Wahrheitsliebe des
»Tagebuchs«. Sie entbehren fast ganz die fleißig geschliffene, preziöse
Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und dürften so, ganz im Sinn
ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Spürern keinerlei Schlüsse
auf dessen anderwärts existierende Autorschaft zulassen.

Durch weitere Notizen über den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht
zuweilen erwünscht scheinende abrundende Redaktion den persönlich
lebendigen Duft der nachstehenden Blätter zu beeinträchtigen, schien mir
unerlaubt.

Mögest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese
Veröffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem
stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht!



Meine Kindheit.
(Geschrieben 1896.)


Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen
Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses
Märchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten
heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer,
Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach
Streichelhänden und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen.

Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein
goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger
Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht
und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines
Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle
einsamen Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle
Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine
begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht
köstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grünen Bilde meines
frühesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als
Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang liebte und wünschte, alles
Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen, alles Liegen im grünen
Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern.

                   *       *       *       *       *

Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit
erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen.
Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine
weitläufige Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte.
Ein junger Onkel hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich
in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des
Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu
Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen,
denen ich damals oft zur Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor
meine Seele, daß ich im Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein
reiches und geheimnisvolles Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir
keine einzige Stunde bewußt ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein
Gedächtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich
aber streng auf meine früheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich
den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn für Wohlwollen kein Gefühl so früh
und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand
bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal Äußerungen der Schamfreiheit,
von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre
unfähig gewesen wäre.

Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann
ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde
ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses,
sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit
hat sich die freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt
mir eingeprägt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der
Stadt, das Rathaus, das Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein
weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und für meine
Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen,
selbst die Porträts meiner Eltern, scheinen mir nicht so früh deutlich
geworden, wie diese Wiese mit unzähligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an
sie scheint mir älter zu sein als diejenige an Menschengesichter und
erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon früh
von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung meines Leibes durch
fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hängt
vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die
vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die
unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten
der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders
stark mit dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf
Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener
Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine
andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und
Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene
Butterblumen und so reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen,
Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken
Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde
Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit
geringem Eifer auf der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich
seither so zum Üblen verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein
Auge.

Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später
mit Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen
die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins
Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde,
gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn,
blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber
flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten
Bläulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer
aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der
Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der
schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser,
den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines
Tages an, setzte sich in meiner Nähe an die Erde und regte langsam die
wunderbaren, alabasternen Flügel, daß ich ihre feine Zeichnung und Rundung
sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide
hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und
frisch in meinem Gedächtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende
Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der
unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle
Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem
Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft
verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in
meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der
Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, »Summervögli« genannt, waren mir
nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von
rötlichen Fliegen nannte ich »Zitterlinge«, eine Gattung brauner
»Schnabler«, und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und
anderer wenig schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen
Sammelnamen Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig
Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht.

Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu
finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor
den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn.

Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die
frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich
unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel.

Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer
kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang
nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt,
allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem
ungewohnten Gedräng der Menschen und Wagen abschreckte.

Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner, gleichmäßig
heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch einzelne
Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gäbe Schätze
dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So oft ich in
Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich eine milde
Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir
selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt
unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder
vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen
des menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in
Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und
über den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich
den Faden meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in
Duft und Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem
Gedächtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in
meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und
Anfängen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem
Schleier, der über Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist.

Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders
teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf
der von der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt
Margarethen, zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene
zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt
sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den
häufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater
unterscheidet sich von allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine
blonde Stirn und sein großes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich
glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene
Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken,
edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken,
dabei das große Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf
dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend.

Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne Zusammenhang,
aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die ganze hohe,
magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt einer
untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An
ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und
kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch
getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der
Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein
reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern
herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und
unverlöschlich geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das
mir in Linien und Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als
diese edlen Gestalten auf dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut
entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In
ungezählten Träumen und wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten
Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden.
So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot,
prächtig, friedsam, so voll Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es
wäre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich würde die vermissen, in
deren Schatten ich damals ging, müßte mich abwenden und trauern.

Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden.
Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches
Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und
Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im
Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der
Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir
unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus
etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher
dagewesen sein.

Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts
Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und
gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem
leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte
es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher,
Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch
Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die
Kasten der Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne
an weniger kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus
Tischen, Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand,
Ofenschirm und Bettdecke.

Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und
Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von
Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den
Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen
Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die
ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und
heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein
Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese
gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen
Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen
Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den
unvergleichlichen Braunaugen!

Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief
aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und
Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in
ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier
Kraft Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen
Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern,
Eremiten, Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein
schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich
der ständige Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter
Umgänger, traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß
ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur
mit äußerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte.
Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging
in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und
kehrte kleinlaut zurück, vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden.
Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der
Notlüge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das
Schlafzimmer, aber meine Angst war nur größer geworden, so daß ich
unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater,
der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: »Du lügst.
Sie müssen dort stehen.« Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine
Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den allmächtigen Vater
vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hängte,
wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel nicht zu
nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte
wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter
Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz
des lieben Gottes zuschrieb.

Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die
Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen
eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber
vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik.

Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus
der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr
Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf
die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein
Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln
aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir
vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir
raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern,
erzählte eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der
Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und
Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos
erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den
Mördern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird,
beginnt die Glocke aus der Erde laut und jämmerlich zu tönen:

   Barbara bin ich genannt,
   In der Barbara bin ich gehangt,
   Barbara ist mein Vaterland.

Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen
wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn
der kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den
Abend hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst
hatten und nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein
Schaudergefühl mit jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten.
Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke
zitternd anschlug, ließ ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen
fahren und rannte, von der ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein,
stolperte, stürzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze
Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging
mir, so oft ich das Wort Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste
Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse
Geister, denn sie waren mir mit allen unerhörten Schrecken selber im Nacken
gesessen.

Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten
Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von
machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit,
das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht,
der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer
Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich
litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß
den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte
unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als
Spott erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich
wankendes Gebäu von Mythen zurück.

Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen
werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über
die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt
der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen,
woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm?
Wohin geht am Abend die Sonne?

Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter
zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die
ständige Begründung »das hat der liebe Gott eben so gemacht« nicht mehr
zureichte, erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die
Oberfläche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne.
Zugleich ließ er neben meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten
Geschichte aufsteigen, und griechische Städte, und das alte Rom. Kinder
sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer
Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum
heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne
erfand, und mit der kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei
Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis
pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten
Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner
Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen
spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder
Originale in der wirklichen Welt besäßen und nicht lediglich ergötzliche
Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern
oder Bauten oder andern historischen Gegenständen erinnerte ich mich mit
behaglicher Schlauheit, daß ich auch Achillesse und große Kirchen und
ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge
oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam,
schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene
Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit großer
Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile
wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig.
Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der
»wilde Mann«, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten
Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem
Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens
ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon
nicht so deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch
und ungerührt, sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer
Genugtuung, er möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre
ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von
meinem Vater Prügel ein.

Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar
meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz
empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten
Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von
meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der
Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten
keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung,
mich zu demütigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern
wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und
durch die jedesmalige freundlich ernste Versöhnung der Züchtigung der
Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und verständig genug zum »Verzeih«
sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, tränenreichen Kampf. Der
erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne Begleitung der Mutter stumm und
scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft
auch später mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefühl namenlosen
Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsäglich auf mir gelastet, wie
an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht
zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der
Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und würgte mich wie
einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal
das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen.

Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und
Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen
Tätigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die
verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an.
Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß
schon Erinnerungen und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen
Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken.

                   *       *       *       *       *

Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre,
den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste
nicht auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und
beglückender Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und
Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden
und Wehen der späteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen
niederzuschreiben, deren ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche,
an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte
Lämmer.

Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule,
das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen zum
Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen
unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder
gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit
einem merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule,
und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser
Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses
zugewendet, und ich saß beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster.
Draußen war Spätherbst und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken
an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine
Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewußtes Rückverlangen nach
der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, daß ich
eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und
unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren
und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder
einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der
Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile
still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger Sternschnuppen
betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder, wie ich glaube,
mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die
gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde.

                   *       *       *       *       *

Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches
Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier
treten die Gesetze und Maßstäbe des »wirklichen« Lebens in Kraft, hier
beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person,
Ungenügen und Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose
Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man
muß nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und
seine feste Geltung und löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück
heraus. Die Unergründlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus
dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als
Überraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den
Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der
Zeiger braucht, bis er sie erreicht.

Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem
allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand.
Ich wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die
jährlich wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten.
Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei
Oberhäupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner
Furcht rechnen mußte. Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen
Lehrer an häufige Schläge und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald
nicht mehr in der früheren Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen
ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer
Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn
unendlich viel Sorge und Mühe und für mich viel Elend, da nun alle
Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In
solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge
und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger und Stolz. In der Schule
übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen Übeltat schweigend
bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden und rang
schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese Stunden am
Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst an die
nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte väterliche
Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten
in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergänge
mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine
Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt,
liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis.

Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle Raum
forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller
Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als
Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am
hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am
meisten die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines
Wildfangs und Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens
stumm und bedrückt umherschlich.

In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker
in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann
lief zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich
begangene Tat und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut
und Straßentyrann wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder
berichtete und auf ein Geständnis drang, war ich über den Ankläger so
empört, daß ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig
leugnete. Ich wurde ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends
meinen Trotz nicht brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige
Tage scheu und feindselig, während mein Vater schwieg und ein Schatten auf
dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals
vorher. Nun mußte mein Vater für eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag
aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein für mich
dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und
öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der
Hand des Vaters:

»Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast
du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann
noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen.
In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern
verzeihen können.

Dein Vater.«

Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und
Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue
und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten
Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine
Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit,
alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann
erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu
Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß
und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen.
Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre
Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem
Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von
meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.

Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen
Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung
kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der
Mutter zu, indem er sagte:

»Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.«

»Mir schon seit einer Woche!« rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen
fröhlich zu Tische.

Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie
ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und
Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte
mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde
weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten
Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg
tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf
stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen
neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder
Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger,
Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen
und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche,
Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein
Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten
Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter
Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht.
Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen
Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät
und Kasten zusammen.

In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich
mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu
gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu
hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang
auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle
und Liedermelodien frühe ein.

Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine
Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit
mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein
Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige
Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten.

Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und
peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was
den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die
ausdauernden, kräftigen Finger.

Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie
nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen
lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen
und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich
schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein
Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen
und zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges
Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein
festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate!
Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine
Natur doch einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich,
einer Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging
neben dem her und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten
hindurch die Schwüle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und
meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart
zur Last fällt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche
ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer,
den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig
kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das
Leiden, dessen ein Schulknabe fähig ist, und zittert noch in Scham und
Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der
Quälereien, der berührten Wunden, der grausamen Strafen, der unzähligen
Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleißige Rute, deren jeder
Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem
Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schüchterne
Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer
Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als
Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in
solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer
um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die
Verbitterung eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese
Klagen gehört. Ich weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu
rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen,
Beschneidungen und Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und
Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten.
Die ganze Zeit meines späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe
den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste
in errötenden Knabengesichtern wieder.

Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine
Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden
Jünglingszeit befangen und bedrückt umher.

Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die
Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater
genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und
der Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit
Heerzügen und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der
Griechen aus, und die der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten
Erdteilen und fabelhaften Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange
Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir
wenig Freude machten.

Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche
Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im
Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier
anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig.

In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist
mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen
Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte
ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein
Leben mir befreundet und geläufig.

So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische
gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste
Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem
ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte.

In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. Ȇber
allen Wipfeln« war sein Liebling.

An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem
bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem
ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen
Landschaft.

Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich
nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes
unergründliche, wunderbare Lied:

   Über allen Gipfeln
   Ist Ruh.
   In allen Wipfeln
   Spürest du
   Kaum einen Hauch,
   Die Vöglein schweigen im Walde,
   Warte nur, balde
   Ruhest du auch.

Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen,
in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vöglein schweigen im Walde -- und
jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte
ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die
Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen
Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine
leise Stimme.



Die Novembernacht.
Eine Tübinger Erinnerung.
(Geschrieben 1899.)


Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und
Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote
Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und
schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie
ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von
Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen
standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm
wie eine trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über
die feuchten Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den
Rändern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh
beleuchtet. Der langgezogene, müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang
vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und paßte mit seinem heiseren,
hinsterbenden Geräusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends.

In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die
Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen
liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so
wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den
zahlreichen, glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten
schwärmerische, dämmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne
nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin.
Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen
Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte
mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien,
Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen
aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht
auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und
deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein
junges, philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während
zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine
seines Trutzgebäudes legte.

Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die
Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig
Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in
grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende
Herbstnacht. »Hast du noch was drin?« fragte der Kandidat Otto Aber seinen
Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige
Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten
reichte.

»Der letzte Schluck!« rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das
jenseits des Flusses ragende Stift. »Prosit Stift!«

Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck.

»Was machen wir mit dem Scherben?« fragte Lauscher. »Wir könnten auf die
Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.«

»Was Stadtpolizei!« lachte Aber. »Da!« und er schleuderte die Flasche über
den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. »Jetzt
wohin?«

»Ja wohin?« sagte Lauscher nachdenklich. »In der Steinlach krepiert man am
Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der
Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Löwen --«

»Halloh, in den Löwen!« rief Aber. »Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und
der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag
verschwellen. Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.«

Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein
rascheres Tempo an.

»Was rennst du!« rief Lauscher. »Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir
paßt's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der
Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe.
Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald
wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit,
der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!«

»Weinprotz!« lachte Aber. »Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort
stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei
fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf
hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar
Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der
Zurückgewiesenen.«

»Gründen?« brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht
ahnte. »Lieber werd ich Eremit.«

»Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen
fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der
Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der
Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns
losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .«

»Und so weiter. Schon gut.«

»Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren,
Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der
Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum
ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der
Schnauzer ist reich und dumm --«

»Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche
>Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Füchse
keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.«

»Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle
anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula
betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß
. . .«

»Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.«

Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der
Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den
breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die
Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in
die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und
wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen
Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange
sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen,
nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in
beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die
eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll
und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem
ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen
waren.

Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt
hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und
den öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an
die Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab
direkt in das »Nebenzimmer« tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch
eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle
und Säbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen.

»Sie trinken Winkler!« frohlockte Aber. »Hab ich's nicht gesagt? Du meldest
dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.«

»Prolet! Meinetwegen,« murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür.
Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner
Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter
Mathilde den Mantel abnehmen.

Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden.

»Höchste Zeit,« rief der Säbelwetzer. »Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein
Bad nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben
mach ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum
Langweiligwerden?«

»Keine Angst!« rief Lauscher. »Mathilde, zwei Gläser!« Er prüfte eine der
im Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. »Meine Blume, Aber!«

»Saufs!«

»Na?« fragte der Säbelwetzer.

»Er ist gut,« gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die
Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen
sicheren Schluck hinunter.

»Wo spuckts wieder?« fragte der Säbelwetzer. »Du hast deinen
allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.«

»Du weißt,« fiel Aber ein, »Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner --«
Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff.

»Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.« Er
trank ein neues Glas an. »Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande,
liebe Freunde,« fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, »und mich wunderts
selber, daß ich allemal wieder bei euch bin.«

Elenderle lachte und trank dem Dichter zu.

»Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute
Brüder.«

»Hm -- hm --«

»Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist
zu verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat
einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --«

»Na hör mal,« lachte der Kandidat Aber, »eh du so proletest, sei doch so
gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor!
Er muß anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --«

»Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch
trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber,
Paläste, Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was
verbummelt ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein
Ämtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es
euch dämmert, daß es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich?
Schluck um Schluck ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz
meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner
Harfe, ein Stück Kunst, ein Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es
sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht
lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine
Plage.«

Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte
gutmütig: »Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!«

»Aber sag,« redete er darauf Elenderle an, »was machst du denn jetzt
eigentlich? Weiß dein Alter schon?«

»Was denn?« fragte Lauscher.

»Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und
außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?«

»Denken? Ich hab mich anwerben lassen.«

»Sakerlot! Anwerben?«

»Ja ja ja ja!«

»Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?«

»Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug
Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der
Seligen zu kaufen.«

»Auch gut,« lachte der Säbelwetzer. »Das ist nicht mehr als billig. In die
Hölle wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal
drei Semester württembergische evangelische Theologie studiert.«

»Aber wer hat dich denn angeworben?« fragte Lauscher.

»Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr
--«

»Rindvieh!« rief Lauscher. »Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner
als ich?«

»Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz!
-- er kommt heut abend her, er hats versprochen.«

»Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?«

»Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!«

»Prost, Elenderle!«

Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne
Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken,
streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und
verfiel in eine träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich
nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem
Tische, man hörte die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde
tranken Glas um Glas und saßen einander versonnen und fast völlig stumm
gegenüber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte
versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren.

»Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,« sagte Aber nach einer langen,
langen Pause.

Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer
schenkte ein.

»Übrigens,« begann Aber wieder, »übrigens, meine Lieben, was könnte
eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei
Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.«

»Und bei mir der Mammon,« sagte der Säbelwetzer. »Umsatteln kann ich
nimmer.«

»Ich auch nicht,« gähnte Aber. »Mein Alter ist jetzt schon scheu --
Amerika?«

Lauscher lachte.

»Afrika, Asien, Australien?« äffte er nach. »Das nenne ich Sorgen! Weißt du
denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in
zwei Semestern alles anders werden kann!«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre
anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein
schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut
ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --«

»Dunder!« rief Aber erregt. »Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!«

»Oder du gehst,« fuhr Lauscher fort, »du gehst --«

Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber
offenstehende Fenster.

»Na? Was ist los?« rief der Säbelwetzer.

Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster.

»Da!« rief er stotternd. »Wir spielen doch nicht Freischütz.«

Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand
ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit
Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen,
stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube.

Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack.

»Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,« lachte
er. »Soll ich den frechen Bruder anrempeln?«

Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür und
er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz.

Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit
fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand
entgegen und lachte.

»Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine
Freunde vorstellen?«

Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den Namen
des Fremden vergaß er zu nennen.

Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich
erhob.

»Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?«

Die Freunde schwiegen.

»Ich, wenn Sie wollen,« sagte aufstehend der Unbekannte. »Wir könnten ja
alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard
ist frei.«

Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war
frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war
bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im
Gang hielt Aber den Fremden an.

»Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!«

Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben.

»Nun?« fragte der Lange.

»Elenderle hat von Ihnen gesprochen,« sagte Aber verlegen. »Sie werben für
eine Gesellschaft?«

»Allerdings.«

»Ich könnte -- es wäre möglich, daß -- kurz, ich möchte Sie kennen lernen.«

»Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen
Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.«

Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf.
Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa
geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff
einen andern. Er spielte brillant.

Die Partie war schnell zu Ende.

»Sie spielen hübsch,« sagte der Lange zum Dichter. »Wenn Sie sich Ihre
Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial
spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --«

Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden,
fabelhaften Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in
einem eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten.

Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher
tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly
trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an.

»Was halten Sie von ihm?« fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach
jenem hindeutete. »Ein Schwein,« flüsterte Lauscher, »ein komplettes
Schwein. Aber seelengutmütig.«

»Und der?« Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer.

»Nicht ganz so dumm,« urteilte Lauscher, »und auch nicht so geschmacklos.
Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an
die Luft gesetzt hat.«

»Hm. Und der dritte?«

»Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen
heillos vor seiner Krisis Angst.«

»Sie sprechen nett von Ihren Freunden.«

»Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden
phosphoreszieren.«

»Sie gefallen mir.«

»So?«

Lauscher erhob sich. »Komm!« rief er Abern zu, »wir gehen.«

Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln. Der
Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit
anderer zu vergessen.

Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die
finsteren leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder
mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr.

»Komm, ich geh nach Haus!« rief Aber endlich ungeduldig aus.

»Ich nicht.« Lauscher blieb stehen und blickte um sich. »Alles tot! Was
diese Leute schlafen!«

»Komm, wir tun's auch.«

»Nein. Schlafen!« Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das
breite, etwas angetrunkene Gesicht. »Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch
>Pfui Teufel< zu allem sagen?«

»Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.«

»Was dasselbe ist. Meinetwegen.«

Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich
von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden
blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte
Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die
Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden
Augenblick in die Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man
den Regen tropfen.

»Nicht sentimental werden!« sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein
Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die
steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch
die Türen schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten
Ammerbrücke, hielten sie einen Augenblick an.

»Gehen wir links!« gähnte Aber.

»Es ist näher über die Brücke,« meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber.

Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein
Mensch.

»Holla,« rief Aber lachend, »der hat einen guten Schlaf.«

»Jedenfalls einer vom heiligen Verein,« sagte Lauscher und trat näher. »Er
wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.«

»Herrgott,« unterbrach ihn Aber plötzlich, »das ist ja der Elenderle. Kein
Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.«

Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den
Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht
verschmiert.

»Der ist bös gefallen!« seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der
starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die
Freunde auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher
steckte ein Streichholz an.

»Bleib du hier,« sagte Aber mit verwandelter Stimme, »ich gehe zur
Polizei.«

»Lassen Sie mich das besorgen,« rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam
vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut und
blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an.
Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon.

Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt zu
haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee
herein.

»Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student
das Leben genommen.«



Lulu.
Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis
E. T. A. Hoffmanns gewidmet.
(Geschrieben 1900.)


I.

Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen
Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und
Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten
freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner
steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen
Alters. Durch die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit
kräftiger Wärme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges
blitzende Funkenspiele entzündend, und die freundliche breite Wallstraße
floß vom Glanze über. Kinder sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein
kläffte jauchzend ihnen nach, die Häuserzeile entlang flatterte in
unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling.

Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der
Post, saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist
Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über
die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue
des Himmels. Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die
ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf
dem Anger seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters
lugte der stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die
Boihinger Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther
eintreffen sollte.

»Ists nicht, wie ich sage?« rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein
wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war
er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. »Ists nicht so?« rief er
aus und entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf
seiner Hose. »Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du
nicht auch, daß es da liegt?«

Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war,
und nur die letzte Frage Lauschers verstanden.

»Freilich, freilich,« entgegnete er hastig. »Nur kann man es von hier aus
nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.«

»Wie? Was?« rief Hermann heftig. »Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?«

»Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther
kommen.«

Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die
helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer
Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer
Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche
Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der
Schönheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den
Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo
er die Ferien zubrachte. Seine nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein
verfrühtes Fettwerden einen komisch behäbigen Anflug, und in seinem
gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die kräftige Nase mit den wunderlich
feisten Lippen und den übervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf
über dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut
ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er
lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen.

Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war
sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn
heimgesucht. Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande
unter sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit
Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander
geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt
nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt
der Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische
Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich
Bilder hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder,
einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die
nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte.

                   *       *       *       *       *

Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch
betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des
Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu
trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren
Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die
unterirdischen Gewölbe wankten und brachen teilweise zusammen, im
Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige
Königslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie
hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der
verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit und Musik, im Opalschlosse
selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe
Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine Bildsäule
allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den
Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller
Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der
König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich
wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des
Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am
Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von
der Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch
erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus
Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal
vierundzwanzigmal gelacht.

Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im
Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart
noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen
hatte.

In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst
mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem
Regimente zuging.

Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König
kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und
den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am
Himmel und leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem
Blitzen fahl herein.

»Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,« sagte der König Ohneleid.

Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die
jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt
aussahen, daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das
schwere Haupt schüttelte, ohne zu lachen.

»Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,« rief König Ohneleid. »Man
soll!« sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der
König wußte nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß
die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren.

»Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,« sagte der Geist Haderbart.

»Man soll aber dennoch spielen,« sagte der König.

Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus
dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur
versiegenden Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus
dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun
zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über
die Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin,
so daß sie von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit
der leeren Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch
einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und
als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und
brach die ganze Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen.
Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet:

   Silberlied muß schweigen;
   Aber einst muß steigen
   Aus der Harfe Silberlied
   Dieser selbe Reigen.

(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask).

                   *       *       *       *       *

Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die
beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße
entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über
seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit
Schweigen antwortete und sich nur zu einem flüchtig genickten »Guten
Morgen!« verstand.

Ugel war besonders ungehalten. »Ja, Guten Morgen!« zürnte er. »Es ist lang
nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du
gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!«

Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. »Nun, laß
gut sein!« sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt,
am Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem
Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur
der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die
derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters.

Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die
schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit
Blitzesschnelle ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht
in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den
alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der
Treppe den Weg.

»Halt, werter Herr Drehdichum!« rief ihm der Dichter Lauscher entgegen.
»Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um,
Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!«

Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph
seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer.

»Ah, da seid ihr,« rief er, »das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere,
Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die
Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen
wühlen!«

»Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?«
fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die
Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite
versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße.

»Infame Zischelgift,« brüllte er im Wegeilen, »unglückseliger Talisman, in
rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten
. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .«

Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden
laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die
Türe sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten
freundlichen Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er
wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen
um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt
vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den
Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr:
»Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und
zwar soeben!«

Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die
schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. »Sag ihn!« rief er laut. Der
Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger
und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf:

   Vollkommenheit,
   Man sieht dich selten, aber heut!

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die
Kameraden.

»Donnerwetter!« sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl
Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich
gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: »Der Vers ist gut!«

Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere
Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone,
und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte
und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der
Frau ihre scherzhaften Höflichkeiten trieben.

Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und
Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute
zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder
im stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke
Galerie der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte.


II.

Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen
Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der
elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des
Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher
helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine
gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig
hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus.
Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr,
wobei er einen nahezu unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf
hinüberlenkte, ohne daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich
gewonnen hätte.

Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte
Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des
Kronenwirts Kubazigarren im Munde.

»Zum Teufel, Herr Drehdichum,« rief aufspringend Hermann Lauscher, »wie
kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen
. . .«

»Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust
in den Magen gebohrt!« rief Ludwig Ugel.

»Nichts für ungut,« rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln
zurück, »nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das
Kulmbacher, meine Herren!« Damit leerte er ruhig sein Glas.

Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer
entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß.

»Erich, schläfst du?«

Erich antwortete ohne aufzusehen: »Ich schläfe nicht.«

»Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,« rief Ugel.

Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die
ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.

»Was wünschen die Herren?«

Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger
Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die
Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle
in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen
und machten drei Verbeugungen, jeder eine. »Schöne, teure Dame!« sagte der
Dichter. »Gnädiges Fräulein!« sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar
nichts.

»Nun, trinken Sie Kulmbacher?« fragte die Schöne.

»Ja bitte,« sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen
Becher Rotwein.

Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert
wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da
kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen.

»Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,« sagte sie, »mit dem
dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen,
weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh' ins Büffet, Lulu; es schickt
sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.«

Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich
Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das
Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und
verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu
machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am
Tische vor.

»Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die
allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf
oder zehn Jahre.«

Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen
langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte.
Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen
schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand
beachtete.

Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume
mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins
Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die
Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock
am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über
ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß.
Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die
Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und
Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten.
In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt,
half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten
Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu
weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus.
Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er
aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und
gewann ohne Hut das Freie.


III.

Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und
Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine
neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch,
aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder
vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er
las: »An die Prinzessin Lilia . . .«

»Wie?« rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert
wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem
Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:

   Ich weiß einen alten Reigen,
   Ein helles Silberlied,
   Das lautet fremd und eigen,
   Wie wenn aus leisen Geigen
   Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .

Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung
des Liedes ab. »Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen
. . .« wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die
Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und
heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete
aufschauend diesem Blicke.

»Was ist?« rief er verwundert. »Willst du den Blick der Klapperschlange an
mir armem Vogel versuchen?«

Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. »Woher hast du dieses Lied?«
fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. »Woher ich alle
habe,« sagte er.

»Und die Prinzessin Lilia?« fragte Hamelt wieder. »Und der alte Reigen?
Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du
gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .« Lauscher unterbrach ihn
schnell.

»Schon gut; aber in der Tat,« fuhr er fort, »in der Tat, liebe Freunde, ist
dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte
nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf
das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier.
Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!«

Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt
es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank
alsdann mit dem lauten Ausruf: »Lulu!« in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt
stürzten hinzu und schauten auf das Papier. »Alle Wetter!« rief Ugel aus;
Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das
merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste
Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.

»Nun sag mir, Lauscher,« rief er endlich aus, »ist dies unsere Lulu oder
ist es die Prinzessin Lilia?«

»Unsinn!« rief ärgerlich der Dichter. »Gib mir's her!«

Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte
plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die
unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise
zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten
entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die
niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.

Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee
neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und
verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und
als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und
grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.

»Drehdichum!« rief der Dichter erstaunt. »Zum Hagel, sind Sie durch den
Plafond herabgefallen?«

»Wieso?« entgegnete lächelnd der Alte.

»Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie
sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!« Er nahm das Lied
oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. »Sie erlauben doch,
daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?«

»Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?«
Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.

»Ei freilich,« erwiderte er schmunzelnd, »ein schönes Stück eines wenn
schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.«

»Askisch?« rief Karl Hamelt.

»Nun ja, Herr Kandidat,« sagte freundlich der Philosoph. »Aber gestehen Sie
doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es
möchte weitere Nachforschungen lohnen.«

»Sie fabeln, Herr Drehdichum,« lachte beklommen der Dichter. »Dieses Blatt
ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.«

Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.

»Ich muß gestehen,« antwortete er, »ich muß wirklich gestehen, mein lieber
junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.«

Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.

»Herr Drehdichum,« rief er heftig, »ich muß Sie bitten, mich nicht mit
einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint,
diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als
meine Wohnung zu suchen.«

»Nun, nun,« lächelte gutmütig Drehdichum, »vielleicht denken Sie der Sache
noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!« Damit
rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und
verließ lautlos das Zimmer.

Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen
und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher
selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch.
Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen
Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr
unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres
geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den
er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam
ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald
schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das
feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem
ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase
weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze
Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und
dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind.

»Lebt noch der alte König Ohneleid?« vernahm sie eine Stimme fragen und
wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton
des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie
wußte nicht warum.

»Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?«

Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die
Stimme fragte:

»Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?«

Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da
mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.

Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.

»Warum weinen Sie, Lulu?« fragte Drehdichum.

»Ach, hab ich geweint?« antwortete sie schüchtern. »Mir wollte ein Lied aus
meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.«

Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt.
»Was, noch immer an den paar Gläsern?« rief sie keifend. Lulu weinte
wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der
Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich
darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster
fuhr.


IV.

Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der
Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen
Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase
liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des
Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und
Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise
antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.

»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und
wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal
zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens
und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir
alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon
fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.«

»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler,
speziell Dichter, hätten wir genug.«

»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist
zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte
Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den
Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man
mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert
mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil
seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der
früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den
versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit
der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist
schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.«

»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt.

»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich
gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen
lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues
zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich
möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen
oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue
hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos
und ängstlich nachjagen.«

»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem
Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen
stehen blieb.

»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten
Morgen, Herr Überall!«

Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein
wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.

»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne
wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme
ich an Ihrer Unterhaltung teil.«

»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie
ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller
Wissenschaft gedient sei.«

»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern
eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft
nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere
Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und
Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte
Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die
Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber
nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem
Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir
die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines
Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten
Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.«

»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr
Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist
vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man
träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in
den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen
Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er
träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .«

»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind
auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben
langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und
Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese
allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir
hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.«

»Erzählen Sie doch!« bat der Alte.

»Ein ander Mal!«

»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum.
Karl Hamelt lachte laut auf.

»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf
welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars
doch ein lustiger Zeitvertreib!«

Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu
fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die
Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume
Wasser vor?«

»Ja.«

Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.

»Quellwasser?«

»Ja.«

»Wasser aus einer Wunderquelle?«

»Ja.«

»Wurde das Wasser ausgeschöpft?«

»Ja.«

»Von einem Mädchen?«

»Ja.«

»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!«

»Ja doch!«

»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?«

»Ja.«

Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat
wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?«

»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst
schöpfte.«

»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze
Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.

Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.

»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch
die Namen so bekannt?«

»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,
die Sie mir gestern zeigten.«

»In meinem Liede!« seufzte der Dichter.

»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich.

Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte
mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch
eingehüllt war.

»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der
Wolke aus. »Und was für ein Kraut!«

»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf
zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von
hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.

Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den
Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das
unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und
Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren
Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.

Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der
Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche
still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu
kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.

»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese
Seite!«

Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der
wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.

»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir
Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher,
interessieren mich.«

»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um
des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.«

»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu.

»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,
wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin
Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.«

»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn
diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch
niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede
unseres Lauscher so auffallend anklingt?«

Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich
mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt
man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin
Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt
und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme
Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst,
deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung
stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher
Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst
sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum,
und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen,
brach sie in Tränen aus.«

Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.
Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen
Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die
Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.

»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen,
wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen
Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft
keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen
Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien,
sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar
einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und
gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der
Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das
Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia
bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele
die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das
Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller
großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied
erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen,
und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang
im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des
hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe
Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im
verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln
mein König im zertrümmerten Saal!«


V.

Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen
sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer
hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren.
Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden
aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen
Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber
Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und
fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den
hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet,
aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf
der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.

»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön
macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt
teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.«

»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen
Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die
ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde
über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter
auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad
der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und
traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege
liegen.«

Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige
Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und
allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge
lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln
Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume
aus der Brust der einschlummernden Erde.

   Aller Friede senkt sich nieder
   Aus des Himmels klaren Weiten,
   Alles Freuen, alles Leiden
   Stirbt den süßen Tod der Lieder.

Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel,
der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:

   O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,
   Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!
   Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,
   Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.
   Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:
   Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.
   Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:
   Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!
   Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,
   Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:
   Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,
   So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!

                   *       *       *       *       *

Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:

   Der müde Sommer senkt das Haupt
   Und schaut sein falbes Bild im See;
   Ich wandle müde und bestaubt
   Im Schatten der Allee.

   Ich wandle müde und bestaubt,
   Und hinter mir bleibt zögernd stehn
   Die Jugend, neigt das schöne Haupt
   Und will nicht fürder mit mir gehn.

                   *       *       *       *       *

Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.
Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen,
da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen:

   Mein Vater hat viel Schlösser
   Und Städte weit und breit,
   Mein Vater ist der König,
   Der König Ohneleid.

   Und käm ein schöner Ritter
   Und wollte mich befrein,
   Dem würde wohl mein Vater
   Sein halbes Reich verleihn.

Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits
auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen
Sonne.

»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.

»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie
ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu
spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.

»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. »Überhaupt habe ich
im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde
sie schon . . .«

»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur
schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt
wird.«

»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine
Prinzessin und ich könnte Sie befreien.«

»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin,
und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich?
Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .«

»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal
allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.«

Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu
von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe
sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.

   »Mein Vater ist der König,
   Der König Ohneleid . . .«

summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem
Dorfe Wendlingen.


VI.

Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus,
bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er
allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da
stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des
schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede:
»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der
künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind
schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich.
Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und
mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des
bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so
mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das
Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur
noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du
Schönste, o du Allerschönste!«

Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen
modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand.
Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet
schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.

Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück
Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und
flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu
hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt
Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte
plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:

   Herrin, wirst du lachen müssen?
   Sieh, ein heißes Dichterhaupt,
   Das du stolz und kühl geglaubt,
   Liegt beschämt nun dir zu Füßen,
   Und ein Herz, dem alle höchste Lust
   Wie das tiefste Leiden ward bewußt,
   Zittert scheu in deiner kleinen Hand!
   Rote Rosen, die ich Wandrer fand,
   Rote Lieder, die ich Sänger sang,
   Sehnen sich und welken bang,
   Liegen arm zu deinen Füßen -- -- --
   Wirst du lachen müssen?

»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben,
es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was
schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine
Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von
dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang
dazu:

   Ich stehe hier und harre
   Und spiele die Guitarre . . .
   O zögere nicht länger
   Und liebe deinen Sänger!

Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte
der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich
warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube
und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in
den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun
mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.

Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg
in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers
Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd
erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht
sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie
lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie
ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen
darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber
dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und
liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme
Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im
Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort
von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um
sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an
ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese
Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im
Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.

Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war
schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen
Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß
darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen
einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken
folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:

      Vollkommenheit,
   Man sieht dich selten, aber heut . . .

bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den
Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner
Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß
wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse
gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen
der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen
Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig
seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des
Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle
plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er
selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger
vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor,
als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines
phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem
schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander
und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem
Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte
Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich
alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte
sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem
Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen
Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im
Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten
zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen
der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in
Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der
Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen
Sinn.


VII.

Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon
mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu
erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit
leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und
Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen.

»Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,« sagte Lauscher bewundernd.
»Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.«

Sie lächelte nickend: »Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .«

Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.

»Nein,« sagte sie. »Ich darf ihn nicht erzählen.«

In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die
dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig
mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu
nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: »Ich muß Ihnen noch danken,
lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch
erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.«

»Es war ein schwüler Abend gestern,« sagte Lauscher und blickte der Schönen
in die Augen. »Darf ich das Blatt noch einmal sehen?«

Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen
und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und
nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang
auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt
herein.

»Guten Morgen, Herr Müller!« antwortete Hermann Lauscher. »Ich bin heute
zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.«

»Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .«

»Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt
und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!«

»Wie Herr Lauscher befehlen!«

Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig
Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.

Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel
stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave
Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.

»Ist's wahr, du willst morgen reisen?« rief Ugel dem Dichter entgegen. Der
war nicht wenig verwundert.

»Woher weißt du's denn schon?«

»Von Drehdichum.«

»Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!«

»Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte
wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten
und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in
dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht?
Ich verstand kein Wort.«

»Ich verstehe es,« sagte Lauscher leise. »Der Alte hat recht.«

Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende
spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und
wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig;
der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den
schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die
Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.

»Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,« sagte Ugel und begann
im Liegen große Farnkräuter zu brechen.

»Ja,« sagte der andere leise, »einen Strauß für die schöne Lulu!« Er riß
eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. »Nimm das dazu! Roter
Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig
. . .«

Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie
Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine
Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor
in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den
beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit,
Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle
Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige
Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu
singen:

      Die Fürstin heißt Elisabeth --
   Ein Hauch von Sonne, die vergeht.
   Ich wollt, ich hätte einen Namen,
   Der sich verneigt vor lieben Damen,
   Vor Schönheit, vor Elisabeth,
   Der süß von zarten Rosen weht,
   Von Blättern lind, so leicht, so laß,
   Von Rosen weiß, von Rosen blaß,
   Ein Schimmer späten Abendgolds
   Und wie der Fürstin Mund so stolz
   Und wie der Fürstin Stirn so rein,
   Und müßte singen von Glück und Pein --
   So froh und traurig müßt er sein!

Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in
Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der
schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so
sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in
erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über
die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:

   Ich will mich tief verneigen
   Vor dir und ziehen den Hut,
   Ich will dir Lieder geigen
   Rot wie Rosen und rot wie Blut.

   Ich will mich vor dir bücken,
   Wie man vor Fürstinnen tut,
   Und will dich mit Rosen schmücken,
   Mit Rosen rot wie Blut.

   Ich will auch zu dir beten,
   Wie man vor Heiligen kniet,
   Mit meiner wilden, verschmähten
   Liebe und meinem Lied.

                   *       *       *       *       *

Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph
Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den
Gebüschen treten.

»Guten Tag,« rief er näherkommend, »guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies
zu euerm Strauß für die schöne Lulu!« Damit gab er Lauschern eine große
weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden
gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder.

»Sagen Sie, Zauberer,« redete Lauscher ihn an, »da Sie doch überall sind
und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?«

»Viel gefragt!« schmunzelte der Graubart. »Sie weiß es selber nicht. Daß
sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht,
und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und
ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie
zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater
nennt.«

»Dummes Zeug!« fluchte Ugel ärgerlich.

»Weshalb, lieber Herr?« entgegnete sanftmütig der Alte. »Aber dem sei wie
ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . .
Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land
verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch
länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .«

»Genug, genug, Herr!« fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. »Was
zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!«

»Nicht so heftig!« beruhigte lächelnd der Philosoph. »Davon,
Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den
Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale,
beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel
darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische
Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen
Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.«

»Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!« sagte der Dichter kühl,
aber doch neugierig.

Der Alte zuckte die Achseln. »Ei nun,« sagte er, »jedes irgend höher
stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im
glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange
aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein
scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu
Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche
Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können
wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken.
Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des
persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen,
was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche,
wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung
und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht
jener Sympathie sich entzieht.«

»Ich verstehe Sie,« sagte Lauscher mit verändertem Ton. »Sie scheinen mein
Freund zu sein, Herr Drehdichum!«

»Zweifelten Sie daran?« lächelte dieser fröhlich.

»Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!«

»Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen
Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen
. . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!« Er sprang
auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts
führenden Straße.

Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken
und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen
gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden
Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide
geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den
Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen
pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend
mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim
Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter
Abschiedsfeier.

»Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,« sagte Lulu;
»wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein
nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .«

»Besorgen wir schon,« fiel ihr Ugel in die Rede.

»Gut,« lächelte sie. »Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige
Bänder zu haben.«

»Soviel Sie wollen!« rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.

»Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!« zürnte nun Lulu. »Sind Sie
nicht einverstanden?« Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während
sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: »Wie
schön Sie heute sind, Lulu!« Und noch einmal: »Wie schön Sie sind!«

Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu
sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb,
verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und
verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und
bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er
ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner
Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und
rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie
von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den
andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in
hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches
Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem
Heimweh.

Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch
drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit
seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen,
feierlich komischen Ton: »Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die
Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte
Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren,
befehlet mir . . .«

»Gut, mein Ritter,« unterbrach Lulu ihn lächelnd. »Ich fordere einen Dienst
von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter
und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen
helfe. Wollet Ihr das?«

Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit
komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer
Feierlichkeit: »Ich gelobe es, edle Dame!«

Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne
Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere
ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu
halten. »Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,« rief er wiederholt,
wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu
Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den
Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo
etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher,
Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein
starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit
Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half
ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.


VIII.

Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr
Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als
alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die
schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren
alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger
Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große
Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen
überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen,
steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den
Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied
eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen,
überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich
Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit
Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und
Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne
Lulu ein Lied, das hieß:

   Ein König lag in Banden
   Und tief in Dunkelheit --
   Nun ist er auferstanden
   Und heißet Ohneleid.

   Nun glänzen bunte Lichter
   Und Lieder blank ins Land,
   Nun tragen alle Dichter
   Ihr farbigstes Festgewand.

   Nun blühen Lilien und Rosen
   So weiß und rot wie nie,
   Nun singt die Harfe Silberlied
   Ihre seligste Melodie.

Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden
Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen
zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,
Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der
graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an
Mitternacht, und begann zu reden:

»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs
Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,
doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich
zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr
Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte
von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des
poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen,
welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser,
euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen
zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!«

Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen
gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser
Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe
von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke
Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so
wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß
man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles
Rauschen stark vernahm.

Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß
schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten
entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter
achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und
anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf
ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in
ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.

Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem
seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung
hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von
Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell
rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in
tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie
er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne,
Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von
einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle
und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und
rauschend zu erblicken waren.

Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten
Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit
das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der
König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht
immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich
bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der
Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und
schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern
hin.

Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein
großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des
Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne
herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu,
schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte
sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung
überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen
klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem
Bart zur Erde.

Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie
streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die
Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten.
Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten
sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die
tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang
nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze
durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien
durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger
silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis
versank.

Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.
Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch
Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit
abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten
und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an
die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern
hin.

Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der
Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;
doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen
und hatte von innen geriegelt.

Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch
keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er
über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung
machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß
aufgeschrieben.



Schlaflose Nächte.
(Geschrieben 1901.)


Widmung.

Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an
einsamen Betten sitzt?

An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die
geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer
müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der
Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen
Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen
Schleier der Erinnerung und der Phantasie.

O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle
tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen,
Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft
klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider
uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese
Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst
zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt
es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche
Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne
unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?

Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen
Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler
Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.

Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen
mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und
widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte.
Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über
meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der
Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge
in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke
märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest,
wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand
mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe
über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!

Wie schön du warst!

                   *       *       *       *       *


Die erste Nacht.

Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du
legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie
Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.

Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher
nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene
Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither
schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle
abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an
meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen
zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns
selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen
zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.

Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln
schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft
wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große
Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft.
Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war
beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach
hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von
deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang
unsre Nachtigall.

Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach
derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind
voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter,
sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf
jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und
stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar
nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst
du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet --
warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie
gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn
die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend
leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf
einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht
jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste,
erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste,
Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem
Augenblicke fehlt?

Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun,
ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du
noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich
erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch
graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk'
dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen,
zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den
großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die
Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes
helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die
warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. --

                   *       *       *       *       *

O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,
bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.

Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und
liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und
wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.

                   *       *       *       *       *


Die zweite Nacht.

Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht
ist so lang! Was spielen wir?

Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser
schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den
geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen
Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die
geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern
vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden
Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel
rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die
offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf
dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien.
Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche
einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.

»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse.

Du hast recht. Sie ängstigt nur.

»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen
gelesen.«

Freilich -- damals.

»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.«

Aber doch, -- damals.

»Nein! Das macht traurig.«

Möchtest du lustig sein?

»Man kann es nicht in diesem Saal.«

Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her.

»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses
Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.«

Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem
Platanenwald. Einen roten Saal. --

»Rot?«

Meinst du nicht?

»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs
schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und
sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir
traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu.
Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen
wir traurig sein können.«

Dann ist es besser, hier zu bleiben.

»Und traurig zu sein.«

Was fehlt dir nur?

»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!«

Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?

»Das mit dem Neptun? Nein, nein.«

Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln --

»Ich weiß schon. Was soll er mir?«

Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti
gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora -- ich weiß einen Maler,
einen Franzosen --

»Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.«

Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus
den Schatzkammern des --

»Ich will keine Harfe.«

Dann -- ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?

»Ja, wenn du kannst. Ich warte.«

Aber ich kann doch nicht ohne dich --

»Also, was willst du?«

Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?

»Frag nicht! Frag nicht!«

So will ich dir erzählen. Willst du?

»Von den sieben Prinzessinnen?«

Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem
kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen
lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen
Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. --

»Weiter! Und dann --?«

Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie
hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein
liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes
Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein
helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger
Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem
Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände
ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß
jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt
und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß
eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner
Sprung durch klares Glas.

»Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?«

Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du
nicht auch?

»Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch
immer liebt.«

Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?

                   *       *       *       *       *


Die dritte Nacht.

Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl
auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl
beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch
wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu
lesen.

Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der
unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch
auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als
auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl:
es ist zu früh, es ist zu früh!

Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können.
Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge
unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser
Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.

Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so
viel zarten Fäden an uns -- laß ihnen ihr schmerzlich schönes
Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir
wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit
und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden,
wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir
wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns
zu schmücken und zu warten -- auf unser Lied.

Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit
unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo
sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen
Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene
Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und
traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen
Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die
steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben,
der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des
Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen
Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die
großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren
und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd
und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere
Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,
zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte
Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer
Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von
den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst
mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder
fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern
wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den
vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken
und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie
eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem
ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen.
Unser Lied!

Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus
dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit
schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die
heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne,
müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde
allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch
würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. »Der arme Dichter!«
würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches
Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.

Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih
mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den
wir aneinander begangen haben!

                   *       *       *       *       *


Die vierte Nacht.

Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast
vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.

-- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den
alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und
regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm
liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die
alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden
Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken
Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche
Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt
seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten,
zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte,
spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in
melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte
sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren
Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in
derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der
nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe
Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte -- aber eben in diesem
einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen,
zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.

Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser
Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen
Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen,
erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen
Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der
großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten
Wanderung im Keller des Kornhauses.

Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen
Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und
dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht
ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch
wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen.
Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und
ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er
lächelte rauh und sagte: »Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man
überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so
derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand
hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren
nicht wieder treffen wirst?« Mir wurde sonderbar zu Mut. »An wen denkst du
denn dabei?« fragte ich fast schüchtern. Er lachte. »Ei,« sagte er dann,
»ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es
hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.«

Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und
Liebe den Takt verlor. »Woher weißt du?« fragte ich Lauschern heftig, »ich
habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie
und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in
Bern?«

Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. »Ob sie noch
lebt,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht
wiedergesehen.«

»Wann war das?« fragte ich atemlos.

»Hab ich dirs nie erzählt?« sagte er und nahm einen starken Schluck. »Sie
war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die
Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen
Buch --«

»Halt ein,« rief ich totblaß, »halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja
ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch --«

»Schrei doch nicht so,« sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.

»Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen --« flehte ich.

»Bibamus! Dein Wohl!« lächelte er und stieß an. »Soll ich weiter erzählen?
Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu
lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte
Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.«

»Maria und ich!« rief ich aus.

»Nun ja, wie ich sage,« fuhr Lauscher fort. »Maria aber las unruhig und
zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie
eine ganze Handvoll Blätter um und --«

»Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!«

»Bibamus,« sagte Lauscher.

Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut
geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit
schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz
vor Lauschers Tod.

                   *       *       *       *       *


Die fünfte Nacht.

Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der
Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der
seither mein Leben verblutet.

Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele
die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß
die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und
sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im
dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.

O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die
liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle
Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu
träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke
schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste,
seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt
geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte,
zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben.

Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner
letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach
seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem
Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in
Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch
ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus
deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte
Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel
rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf
seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen.
Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er
sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten
Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und
nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und
doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut
mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt --
diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer
enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton
erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und
Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese
vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen
Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen,
unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel
Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und
wissen sie selber und halten es ängstlich geheim -- sogar vor den eigenen
Augen!

                   *       *       *       *       *


Die sechste Nacht.

Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für
das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen
fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken,
ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des
Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst,
und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand.
Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle
Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte -- ich würde lächeln und
nicht weniger leiden.

O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines
Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos
müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid,
hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine
meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen
Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde
erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein
Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie
fremde Schattenbilder berühren.

Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf
seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen
trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur
Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen,
deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und
leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern
voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr
leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der
Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet.
Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander
dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde
hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven
wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über
viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und
Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen
und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden
Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei
Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden,
deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und
Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen
Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben
weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein
nicht tun können.

Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht
mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.

Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie
ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner
alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!

Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter,
und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu
lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank,
das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet
habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber
und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung
und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!

                   *       *       *       *       *


Die siebente Nacht.

Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir
erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern
-- lauter Liebesgeschichten?

Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere,
wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche
mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und
schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,
Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt
ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte
mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und
feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend,
Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in
der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten
Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende,
tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon
unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer
wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem
Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus
zerspringenden Gläsern in die Nacht.

Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom
Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen
einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert
ist, gelebt zu werden. -- Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden!
Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in
großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und
Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie
nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.

Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als
den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Daß
einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe
verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und
Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen?
Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem
Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit
irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder
Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen
einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom
trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod --
wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild
des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es
dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge,
traurige Auge des Dulders Odysseus hing.

O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen!
Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes
körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du
schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser,
ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser
Stirn verglüht sein werden?

Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät
mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia
und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte
es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen
dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz
unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener
schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las.

Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir
den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge
jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes
halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die
spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?

Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen
Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen
antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst
sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch
dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst
sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?

Du weißt: Er sagt nicht Ja.

                   *       *       *       *       *


Die achte Nacht.

Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter
den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute,
noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens
um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind
mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend,
vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr
zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir
Bestimmten.

Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen
Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt
werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd.
Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas
die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!

Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen
und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen
Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner
unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil,
ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer
Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance
deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir
gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam
wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich
überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und
den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und
verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird,
wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten
Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den
besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch
wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich
gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener
Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch
Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind.

Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne
unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im
Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa,
die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick
getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit
Jahrtausenden vergangenen Tage.

Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet
dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht
verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. »Wie komisch!«
-- so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind,
die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant
zu sterben!

Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine
Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst
du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein
nervöser, unangenehmer Augenblick. »Nachher« -- das heißt: wenn ich tot
sein werde. »Ein unangenehmer Augenblick« -- das heißt: mein Leben vom
ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und
Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser
Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große
Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein
Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer
ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm
wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit
würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame
Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden
Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze!

O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,
und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes
schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen
meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein
Pinselzug an deinem Bilde.

Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden
nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir,
daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir
leidet.

Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte
dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die
Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel
lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo
ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch
in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch
von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie
über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen,
andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend
andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein.

Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten
Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind -- das ist
die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!



Tagebuch 1900.


Basel, 7. April 1900.

Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois »Auferstehung« aus der
Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll
davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von
der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich
noch -- es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi
geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel
und zwanzig andern Größen -- sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen,
wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer
imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit
gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und
dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das
Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an
Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin
und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen
ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi
dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen,
kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben,
frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und
länger reifen.

Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen
Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich
ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an
Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein
glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe,
daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges,
verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die
ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.

In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde
Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des
östlichen Barbaren.

Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen
Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.

Basel, 11. April 1900.

Glaubst du an Christus?

Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war
zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in
herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene
glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste,
Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten
Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes
Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes
Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen
Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen
des Novalis.

Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast
vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei
solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer
Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und
Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner
und sehnsüchtiger werde.

Basel, 15. April 1900.

Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir
keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse,
Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges
Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die
Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im
Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß
und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von
schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß
diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß
ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes,
Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter
hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode
gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine
und sind es die Zeilen:

   Sag nicht, daß du mich liebst,
   Ich weiß, das Schönste auf Erden,
   Der Frühling und die Liebe,
   Es muß zu schanden werden.

Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und
bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als
besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als
schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn
Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen
sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache
ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den
unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen
Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit
Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen,
brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der
ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten
Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken
gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise
viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut
zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und
kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in
Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher
elegischen Gedichtes -- und schließlich eben dennoch seit Jahren die
einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel.
Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel
Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists
doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot
und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und
bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser
Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der
alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser
Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener
Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen,
dämonischen Takt von Chopin und Wagner?

Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens
und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im
Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine
flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt.
Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und
sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge.

Axenstein, 3. Mai 1900.

Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.

Basel, 13. Mai 1900.

Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist
jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So
oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und
Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine
Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die
schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den
langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die
Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau
bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das
Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein
kühles Hellgrün, bald ist »Öl auf dem See«, wie die Maler verzweifelnd
sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft
mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen
aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je
nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast
allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von
Morschach oder Seelisberg.

Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das
Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, --
diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber
gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom
Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und
ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz
Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck
künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe
versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche
Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im
Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen
Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich
nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen
landläufigen Angriffen gegen die »ästhetische Weltanschauung« Recht zu
geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich
lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur
Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann,
die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht
nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht
geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der
Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und
Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im
Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns
Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief
wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit,
das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die
schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer
nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden
Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich
die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der
Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er
irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden,
durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung
in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die
Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der
Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche »Welt«
im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei
verschmähen die Kompromisse, also das »von Fall zu Fall«, und den Humor.
Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen
letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor
der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht
in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt
an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den
Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann
man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der
Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt
für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im
Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem
Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die
schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe
Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem
im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit
verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren
applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der
heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von
diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der
Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind,
applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das
Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir
selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient,
rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen.
Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich
meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität.

Basel, 19. Mai 1900.

Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr
einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein
schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es
wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich
begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war.
Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr
zu dedizieren versprach.

Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen
Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade,
fällt mir ein.

Basel, 23. Mai 1900.

Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder
nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet
mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als
schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen,
alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes
Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in
Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht?
Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit
seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein.

Basel, 30. Mai 1900.

Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne
daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber
es ist zu schwer und unversucht zum Sagen.

Basel, 6. Juni 1900.

Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis.
Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den
Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de
tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung
Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die »Minnelieder« von 1803 und der
erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als
romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch
öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano
ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch,
oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen
abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die
»Brambilla« am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige
minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen
erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in
Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.

Vitznau, 4. September 1900.

In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und
eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück
Wasser.

September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden,
kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes
Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den
Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den
überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und
leuchtend.

Vitznau, 5. September 1900.

O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte,
wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens
fähig wäre!

Aber trotzdem -- ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See
entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun
fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen
gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann
unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die
wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und
Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das
überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu
Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert!

Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und
Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege
unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze
Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick
von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist
das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet
Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf
und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine
Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien-
und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren.

Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne
daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der
Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen
eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine
Ausrüstung.

Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten
Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können?
Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen
Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und
prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es
überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und
genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu
folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten
Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege
gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch
-- was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen
etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt
in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer
beglückenden Kombination beschlossen.

Vitznau, 6. September 1900.

Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh
genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen
und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege
nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so
konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich
-- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei.
Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze
trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in
die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so
liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer
bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des
Schönen.

Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der
herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich
lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine
Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin.
Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches
Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen
Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen
und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener
Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug
eines Falters.

Vitznau, 7. September 1900.

Der äußerste Vorsprung der »oberen Nase«, vom Lande unzugänglich, ist mit
einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen
bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen
wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne
ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend
köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese
scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne
Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze
zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der
Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging
ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines
flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene
Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt
goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige
Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge
diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie
den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.

Vitznau, 8. September 1900.

Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs
gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin
unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie
blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe
des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen
Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen
unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht
und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns
erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den großen
Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an
die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind.

Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten,
um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger
Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl,
fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um
die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen
zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten
dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.

Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen
Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des
Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn
nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die
blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil,
er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen
Matten. -- Herbst!

Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser
Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige
Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich
nicht mehr würden berühren können.

Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es
in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir
gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der
Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges
Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen,
vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des
Unpersönlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug!

Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank
von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich
wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes
Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte
mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich
und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.

Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle
Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und
meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In
dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne
Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten,
denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich
wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.

Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende
Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien,
einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf
mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen
Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte
meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in
die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des
Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige
Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein
klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in
eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir
zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein
Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das
Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz
langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt,
überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses
gegeben, nach dem ich dürstete.

Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen
dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.

Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun
diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch
schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede
mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll
gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als
eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?

Vitznau, 9. September 1900.

Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen
Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen.
Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so
daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte.
Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita
nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach
Basel zurückgekehrt wäre.

Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren.
Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die
Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen
frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten
Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall
am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein
Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann.

Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein
Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem
jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer
körperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe,
das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht,
ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in
ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle
unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis
einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen
und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst,
meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des
herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft
und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren
Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen
bleibt.

Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer
seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und
verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer
niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie
gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen.

O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer!
Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose,
befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein
fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von
unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes
vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört.

Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied,
das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich
auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene
Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so
reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte
Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen
Blutes!

Vitznau, 10. September 1900.

Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu
Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher,
mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles
fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten
Gegenwart bedrückend.

O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner
unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf
mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust,
mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und
Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam
vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden
zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.

Nach einem schweren, traurigmüden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie
ich nie einen gesehen -- legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster
dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern.
Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da
begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes
unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte,
Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle
wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen
neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem
naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen
hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem
Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich
plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze
untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und
kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer
und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten
Erinnerungen und Kindertage.

Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter
durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen
marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes,
ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen
ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd.

Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht
wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge
Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher
schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen,
ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein!

Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher
Gewißheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein
Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes,
Störendes in mir spüre. Herbst.

Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück.
Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen
Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt
auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen,
Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den
frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich
danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen
gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten
zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls
aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger
ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es
muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare
Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte
Musik.

Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich
werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden,
sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister
hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle
Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich
ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das
Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es
ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd
berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz -- aber ein Takt zu
viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten
Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.

Elisabeth -- . . . . .

Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch
respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie,
eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und
Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von »Seele«,
der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe
leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu
eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen
und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen
dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine
Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne
persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen
übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich
Neudeutsch und Wienerisch gelernt?

Basel, 16. September 1900.

Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt,
die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt,
in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen
Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor
meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft,
ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der »Gottselige
Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus« mit seiner ganzen Theosophia
revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz
vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu
lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich
mir doch notieren: »Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift,
und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen
Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist
ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so
verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern
kommt von der Galle.« Und dann: »Eben einen solchen Quell hat auch die
Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich
die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was
dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem
manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die
Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.«

Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den
ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte
mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach
seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und
Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis
das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge.
Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die
Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft
schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein
tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast
verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt -- die
wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine
zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften,
nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände
fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit
dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat
einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt -- ein
Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden
Befriedigungen.

Basel, ohne Datum.

Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal
kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse
heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen
bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab
und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher
die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich
heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen
antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem
Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend
mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in
die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein
Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt
Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht
mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und
verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.

Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in
zahlreichen Bechern die »süße Qualität« herbei, nachdem die Reaktion der
Galle auf die »liebhabende Qualität« den guten Böhme Lügen gestraft hatte.
Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder
nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch,
und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender
Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.

Basel, ohne Datum.

Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im
Tübinger »Walfisch« erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern
famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen »Klub der
Entgleisten« gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel
vermag in dieser Branche nicht mehr.

Basel, ohne Datum.

Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen
müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die
zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben
sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum
Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und
Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft
mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur
künstlerischen Ironie.

Basel, ohne Datum.

Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohème!

Basel, ohne Datum.

Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der
Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes »Weg zu Christo«,
wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für
Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. »Ich will dich aber gewarnet haben,«
sagt der Theosophus, »ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen
Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.« Und
später: »Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen
Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder
sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.«

Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser
traurig und »wirken Verzweiflung«, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft
und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit
Neid und Heimweh erfüllt.

Basel, ohne Datum.

Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne
sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch
war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem
Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur
Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein
geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und
verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem
Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene
Jugend in heimlichen Untertönen mit.



Letzte Gedichte.
(Sommer und Herbst 1900.)


Meiner Liebe.

I.

   An meine Schulter lehne
   Dein schweres Haupt und schweige
   Und koste jeder Träne
   Wehsüße, lasse Neige.

   Es werden Tage kommen,
   Da du nach diesen Tränen
   Verdürstend und beklommen
   Dich wirst vergebens sehnen.

II.

   Leg mir aufs Haar
   Die Hand; schwer ist mein Haupt.
   Was meine Jugend war,
   Hast du geraubt.

   Unwiederbringlich ist dahin
   Der Jugend Glanz, der Freude Born,
   Der mir so unerschöpflich golden schien,
   Und überblieben Weh und Zorn
   Und Nächte, Nächte ohne End,
   In denen wild und fieberheiß
   Der alten Liebeslüste Kreis
   Mein waches Träumen wund durchrennt.

   Nur noch in Stunden seltner Rast
   Tritt manchmal meine Jugend her
   Zu mir, ein scheuer blasser Gast,
   Und stöhnt, und macht das Herz mir schwer . . .

   Leg mir aufs Haar
   Die Hand. Schwer ist mein Haupt.
   Was meine Jugend war,
   Hast du geraubt.


Dennoch.

   Dennoch von meiner Jugend Stunden
   Genoß ich jede. Soll ich klagen,
   Daß die gehegte Blust nur Wunden
   Und Bitternis und Weh getragen?

   Wenn sie noch einmal wiederkäme
   Und trüge alle holden Züge
   Von ehmals -- fänd ich mein Genüge,
   Wenn sie ein andres Ende nähme.


Philosophie.

   Vom Unbewußten zum Bewußten,
   Von da zurück durch viele Pfade
   Zu dem, was unbewußt wir wußten,
   Von dort verstoßen ohne Gnade
   Zum Zweifel, zur Philosophie,
   Erreichen wir die ersten Grade
   Der Ironie.

   Sodann durch emsige Betrachtung,
   Durch scharfe Spiegel mannigfalt
   Nimmt uns zu frierender Umnachtung
   In grausam eiserne Gewalt
   Die kühle Kluft der Weltverachtung.
   Die aber lenkt uns klug zurück
   Durch der Erkenntnis schmalen Spalt
   Zum bittersüßen Greisenglück
   Der Selbstverachtung.


Marienlied.

   Ohne Schmuck und Perlenglanz
   Laß mich auf die Stufen legen,
   Stumm erflehend deinen Segen,
   Meiner Jugend welken Kranz.

   Kämpfe, Fahrten, Wunden viel,
   Ungenossene herbe Siege
   Ruhmlos durchgekämpfter Kriege
   Finden müde nun ihr Ziel.

   Lüste bunt und freudefarb
   Senken müdgewordene Hände,
   Ihr Gelächter ist zu Ende,
   Ihre rote Flamme starb.

   Sterbend, blaß und fieberwund
   Wollen sie, der Welt vergessen,
   Müd auf harte Stufen pressen
   Den verblühten Liebesmund.


Das ist mein Leid.

   Das ist mein Leid, daß ich in allzuvielen
   Bemalten Masken allzu gut zu spielen
   Und mich und andre allzu gut
   Zu täuschen lernte. Keine leise Regung
   Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung,
   In der nicht Spiel und Absicht ruht.

   Das muß ich meinen Jammer nennen:
   Mich selber so ins Innerste zu kennen,
   Vorwissend jedes Pulses Schlag,
   Daß keines Traumes unbewußte Mahnung
   Und keiner Lust und keines Leides Ahnung
   Mir mehr die Seele rühren mag.


Spielmann.

   Frühlinge und Sommer steigen
   Grün herauf und singen Lieder,
   Schmücken bunt die Welt, und neigen
   Müde sich zur Erde wieder.

   Träumend aus dem Kranz der Tage
   Grüßen flüchtig helle Stunden
   Mir herauf wie schöne Sage,
   Lächeln, leuchten, sind verschwunden.

   Schauernd in der Tage Wende,
   Mag auch Gold und Liebe winken,
   Lassen traurig meine Hände
   Die geschmückte Leier sinken.


Italienische Nacht.

   Ich liebe solche bunt beglänzte Nächte
   Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte
   Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein.
   Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drängt
   Im späten Tanz, und wie für uns allein
   Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hängt.

   In solchen Nächten lauscht mein zitternd Herz
   Mit Qual und Lust heimat- und jugendwärts,
   Und schlägt im Takt verliebter Melodien.
   Mein Auge aber schaut den fremden Mond
   Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen
   Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt.

   Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel,
   Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel
   Und schwand verknisternd wie ein Meteor.
   Dann kreuzt' ich unstät durch die Welt und fand
   Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr,
   Und nur im Traum ein blasses Heimwehland.

   Schau dort! Die heiße Menge wogt im Tanz
   Und glüht vor Lust und wirft den Loderkranz
   Der kurzen Freude jauchzend in die Lüfte.
   Ists doch, als spielte meine Jugend dort
   Im süßen Rausch fremdländisch heißer Düfte
   Das alte Spiel in neuen Tänzen fort.

   Das alte Spiel! Nur daß ich jetzt abseits
   Zuschauend lehne und den süßen Reiz
   Des Taumeltranks auf kühler Lippe wäge,
   Und daß mein Geist gleichgültig Umschau hält
   Und meines Herzens heimwehrasche Schläge
   Lächelnd wie Takte eines Liedes zählt.


Der schwarze Ritter.

   Ich reite stumm aus dem Turnier,
   Ich trage aller Siege Namen,
   Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
   Tief. Aber keine winkt nach mir.

   Ich singe zu der Harfe Ton,
   Aus der die tiefen Laute steigen.
   Alle Harfner lauschen und schweigen,
   Aber die holden Frauen sind entflohn.

   In meines Wappens schwarzem Feld
   Sind hundert Kränze aufgehangen,
   Die gold von hundert Siegen prangen.
   Aber der Kranz der Liebe fehlt.

   An meinem Sarge werden sich bücken
   Ritter und Sänger und werden ihn
   Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin.
   Aber keine Rose wird ihn schmücken.


Marienlied.

   Deinem Blick darf meiner nicht begegnen,
   Meine Seele, die so viel gelitten,
   Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten:
   Wolle die verlorene Schwester segnen!

   Leise nur im allertiefsten Innern
   Will sie der gewesenen Schwesterzeiten,
   Der in Schmach verspielten Seligkeiten
   Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern.



Anmerkungen zur Transkription


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