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Title: Henriette Goldschmidt. Ihr Leben und ihr Schaffen
Author: Prüfer, Johannes, Siebe, Josephine
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Henriette Goldschmidt. Ihr Leben und ihr Schaffen" ***

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  [Illustration: Phot. a. d. Jahre 1919]



                        *Henriette Goldschmidt*

                       Ihr Leben und ihr Schaffen

                            Dargestellt von
                           _Josephine Siebe_
                                   und
                          _Dr. Johannes Prüfer_
                           Oberstudiendirektor

_Mit 2 Bildern_


Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H. in Leipzig
1922



           Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.



  [Illustration: Henriette Goldschmidt
  im Schillerjahr 1859]



                                 INHALT.


Inhalt
Zur Einführung
Henriette Goldschmidts Leben
   1. Jugend
   2. Die Bewegung der vierziger Jahre
   3. Die ersten Ehejahre in Warschau
   4. Die ersten Jahre in Leipzig
   5. Schaffensjahre
   6. Ausklang
Henriette Goldschmidts Schaffen
   1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit
      a) Anfänge der Frauenbewegung
      b) Friedrich Fröbel
   2. Ihr Wirken für die Kindergartensache
      a) Petition an die deutschen Regierungen
      b) Streitschrift gegen K. O. Beetz
   3. Ihre Reform der Frauenbildung
      a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung
      b) Allgemeine Frauenbildung
Die Nachwirkung und Fortentwicklung ihrer Ideen an der Leipziger
Hochschule für Frauen
Anmerkungen
Bemerkungen zur Textgestalt



                             ZUR EINFÜHRUNG.


Als der Allgemeine Deutsche Frauenverein, schon mitten in den Wirren des
Weltkrieges, seine Fünfzigjahrfeier in Leipzig beging, saß unter den
Ehrengästen auch eine kleine alte Dame. Silberweiße Löckchen – die
Haartracht einer vergangenen Zeit – umrahmten die Schläfen, und unter dem
schwarzen Spitzentuch blickten die großen, klugen Augen klar und gütig auf
das Treiben umher, anteilnehmend und doch schon von der Warte des hohen
Alters aus das Leben überschauend. Es klangen große, mutige Worte in den
Saal hinein; Worte von Erreichtem und zu Erhoffendem, auch Worte von
deutschem Siege, deutscher Kraft, und vielleicht war in dem übervollen
Saal niemand so tief, fast prophetisch klar von der Angst um das Vaterland
erschüttert, das Land, das sie seit ihrer Kindheit mit Bewußtsein liebte,
wie die alte Frau _Henriette Goldschmidt_. Sie, die einst in der frühesten
Jugend des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit ihren, ihr längst in
die unbekannten Weiten vorangegangenen Genossinnen, Luise Otto-Peters und
Auguste Schmidt, öffentlich für die Rechte der Frauen aufgetreten war,
hörte nun, wie im Krieg laut der Ruf nach der Mithilfe der Frauen ertönte.
Aus den wenigen von einst waren viele geworden, eine gewaltige Masse, und
die alte Frau sah Erreichtes, sah die Frauen, sich ihrer Bestimmung
bewußt, auf ihrem Posten stehen, sie sah aber auch das um die
Jahrhundertwende aufgerichtete Ideal eines Frauenweltbundes in Scherben am
Boden liegen. Würde sich die kraftvolle Hand finden, die Zerbrochenes,
Zertrümmertes wieder zusammenfügte?

Es gehört heute weniger Mut dazu, rechts oder links den steilen Gipfel zu
besteigen und Kampfrufe über die Masse hinauszuschreien, als ihn vor mehr
als einem halben Jahrhundert Henriette Goldschmidt aufbringen mußte, die
aus dem wohlumhegten Frieden des Hauses hinaustrat und zuerst die Frage
stellte: „Wir haben Väter der Stadt, wo bleiben die Mütter?“

Damals von der Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen Leben zu
sprechen war eine Tat; die Frauen aber, die zuerst diese Tat ausführten,
hatten im Grunde wohl viel weniger das stolze Bewußtsein auf einer hohen
Lebenswarte zu stehen, wie es dann viele ihrer Nachfolgerinnen bei
geringeren Leistungen aufgebracht haben. Sie begannen ihr Werk, weil ihr
innerstes Fühlen und Erkennen sie dazu trieb, sie standen im Bann einer
großen, sie erfüllenden Idee, und so wurden sie Pionierinnen in jener
unbewußten Sicherheit, die das Kind leicht auf einer lose schwankenden
Brücke über den Abgrund schreiten läßt.

Eine solche Pionierin, die bei aller Kraft des Wollens, unverrückt ein
hohes Ziel vor Augen, doch immer jene Kindlichkeit des Wesens wahrte, die
sie Abgründe nicht sehen ließ, war Henriette Goldschmidt. Sie blieb bis
über das biblische Alter hinaus eine Kämpferin und wurde dann mehr und
mehr die weise, gütige Lebensüberwinderin, die noch mit zitternder Hand
nach Lessing das Wort niederschrieb: „Müßte, so lange ich das leibliche
Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines inneren Auges
sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen
großen Wert auf den Verlust des ersten legen.“

Die Schwere des hohen Alters machte sich auch ihr fühlbar. Das Leben
rauschte immer lauter, drängender an ihr vorbei; fremde Melodien tönten
auf, die Menschen redeten nicht mehr die Sprache ihrer Jugend, und der
Geist von Weimar wurde in Deutschland von anderen Stimmen übergellt, aber
Henriette Goldschmidt fand doch immer in der anmutigen Beweglichkeit ihres
Geistes die Kraft, Verbindungswege herzustellen, sie fand das weise
Lächeln des „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Bis zuletzt aber
blieb ihr auch das ungeteilte Interesse an dem Werk ihres Lebens, dem
Leipziger Verein für Familien- und Volkserziehung und seinen Anstalten.
Und bis zur letzten Bewußtseinsstunde zehrte an ihr tief die trauernde
Sorge um das Vaterland.

Das Leben dieser Frau ist von einer seltenen Geschlossenheit; es geht die
ganz klare Linie folgerichtiger Entwicklung hindurch; es gibt keine
Brüche, kein sprunghaftes Hinundher in ihren Anschauungen, keine
Seitenpfade und Irrwege. Wir begegnen in diesem Leben nicht
unbegreiflichen Verwirrungen des Gefühlslebens, es quellen nicht plötzlich
aus dunklem Unterbewußtsein seltsame Lebensäußerungen und Empfindungen
auf, und schon das junge Mädchen findet ganz klar den Weg heraus aus der
Verstrickung, in die es sein Familiensinn für kurze Zeit hineingetrieben
hatte.

Wollte jemand diesen Lebensweg bildlich darstellen, er müßte die lange
gerade bergansteigende Landstraße wählen, ohne Seitenwege und Biegungen,
Baumschatten und Sonnenflecke darüber und in der Ferne das hohe, helle,
klare Ziel: die geistige Befreiung der Frauen, die Erziehung der Frau zum
tätig bewußten Glied der Volksfamilie, die innerliche Versöhnung dieser
Volksfamilie und das Überbrücken sozialer Unterschiede durch den Einfluß
und die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben.

Ehrenbezeigungen, wie Ordensverleihungen vermochten die überzeugte
Demokratin, die alte Achtundvierzigerin nicht zu beeinflussen und den Weg
des neuen Deutschland ging sie innerlich nicht mit, und vielleicht sah sie
gerade darum von Anfang, von der Stunde an, da England in den Weltkrieg
gegen Deutschland eintrat, so klar, daß Deutschland unterliegen würde. Bei
allem Siegesjubel der ersten Zeit blieb immer ihr Wort: „Ach, ich will
mich ja so gern irren!“

Bei der großen Schärfe ihres Verstandes, ihrem philosophischen Erkennen
des Lebens war Henriette Goldschmidt immer die Frau voll Anmut und
Kindlichkeit, sie besaß eine Grazie des Geistes, die immer ohne Schärfe
das richtige Wort fand. Sie sah aber daher auch das Dunkle, Lauernde am
Wege nicht; ein Ja war ihr ein Ja, ein Nein ein Nein, und sie hat es nie
verstanden, daß im Handumdrehen aus Neinsagern Jasager werden konnten. Und
wohl darum ist sie auch mitunter verkannt worden, auch von ihren
Mitarbeiterinnen in der Frauenbewegung; ihr unverrückbares Zielsehen wurde
nicht immer gewürdigt. Sie suchte immer die Einheit in der
Mannigfaltigkeit, nach der Lehre ihres Meisters Friedrich Fröbel. Sie aber
war selbst eine Einheit.

Leider sind die Aufzeichnungen, die Frau Henriette Goldschmidt
hinterlassen hat, nur lückenhaft. Sie hatte nie das Gefühl der
Verpflichtung, über jeden Lebensabschnitt der Nachwelt gewissermaßen
Rechenschaft abzulegen. Sie lebte dem Tag und seiner Arbeit, lebte mit
großer Leidenschaft ihrem Ziel, und die Vergangenheit war ihr goldenes
Buch, das sie selbst, dank ihres glänzenden Gedächtnisses, zu jeder Stunde
aufschlagen konnte, sich heiter daran freuend oder nachdenklich darüber
sinnend. Selbst schrieb sie darüber: „Ich bin häufig von älteren und
jüngeren Freunden, denen ich im geselligen Beisammensein Einzelheiten aus
meinem Leben mitteilte, gebeten worden, meine Lebensgeschichte zu
schreiben, doch konnte ich mich nicht dazu entschließen. In den Jahren
lebensvoller Betätigung war es nicht nur der Mangel an Zeit, es war
vielmehr der Mangel an Selbstbewußtsein. Durch meine öffentliche
Wirksamkeit sind biographische Notizen in Zeitungen und Zeitschriften
gelangt, so daß ich es für überflüssig hielt, meine Persönlichkeit noch
öffentlich vorzustellen.“

Über manche Zeit ihres Lebens, so ihre Anteilnahme an der deutschen
Frauenbewegung, sind schon Niederschriften vorhanden, und es ist nicht der
Zweck dieses kurzen Lebens- und Arbeitsbildes, zu schnell Festgelegtem
vielleicht, eine neue Beleuchtung zu geben, vielmehr soll hier das ganz
eigene persönliche Wirken Henriette Goldschmidts, besonders, wie sie neben
ihrer Pionierarbeit in der deutschen Frauenbewegung sich ihren eigenen
Wirkungskreis schuf, in den zwei Abschnitten „Leben“ und „Schaffen“
dargestellt werden.

Aus Niedergeschriebenem, Erzähltem, Erinnerungen, geführten Gesprächen und
flüchtig hingeworfenen Worten ist dieses kurze Lebensbild gewoben. Es
zeigt nicht die modernen grellen Linien derzeitiger Gewebe, der Hauch der
vergangenen, der wirklich guten alten Zeit ruht über diesem Leben, denn
seine Wurzeln hingen noch in der klassischen Zeit. Der Geist von Weimar
war es, der dieser Frau die Kraft und den Aufschwung gab, sich selbst zu
einer Persönlichkeit von ganz eigenartigem Gepräge zu entwickeln. Dem
Geist von Weimar blieb sie ihr Leben lang treu, von ihm wich sie nicht um
eines Halmes Breite ab, und so lebte sie ihr inneres und in seiner
Einfachheit auch ihr äußeres Leben in dem Lichte, das uns von Weimar
gekommen ist.



                       HENRIETTE GOLDSCHMIDTS LEBEN



                                1. Jugend.


Zwischen dem Weimar des Jahres 1825 und dem deutsch-polnischen Städtchen
Krotoschin von damals, welche ungeheure, geistige Entfernung! In der
kleinen Provinzstadt spürten wohl nur wenige den Hauch des Geistes von
Weimar; es war ein richtiges Philisternestchen, in dem am 23. November
1825 Henriette Benas als sechstes Kind eines jüdischen Kaufmanns geboren
wurde. Das wohlhabende Haus, in dem sie aufwuchs, war durch die kühle
Strenge der unmütterlichen zweiten Frau des Vaters der hellen Wärme einer
echten Heimstätte beraubt worden. Es ist bezeichnend für die geistige
Wertung des Fraueneinflusses in damaliger Zeit, daß der geistig
hochstehende Vater, von dem die Tochter sagte, er hätte seinen Kindern
„die Anregung für die Auffassung der Lebensverhältnisse über das ewig
Gestrige hinaus gegeben“, die zweite Frau wählte, weil sie nicht lesen und
schreiben konnte, seinen fünf mutterlosen Kindern also eine fürsorgliche
Mutter sein würde, deren Geist nicht durch überflüssige Lektüre abgelenkt
werden würde. Trotz ihrer Unbildung besaß die Frau aber eine gewisse Würde
des Wesens, sie war sich ihrer Stellung als Hausfrau bewußt, und der
Haushalt mit allen seinen Verzweigungen nahm, nicht immer zur Freude der
Kinder, ihr ganzes Denken in Anspruch, und sie verlangte dies gleichfalls
von den heranwachsenden Töchtern. Henriette schrieb später von dem Einfluß
der Stiefmutter: „Leider war unsere Stiefmutter keine mütterliche Natur,
und wie alle Vorurteile genährt und gestaltet werden durch die
Gedankenlosigkeit der Menschen, so wurde auch dies schwierige Verhältnis
der Stiefmutter durch liebevolle Verwandte und Freunde für uns Kinder
unnötig bedrückend gemacht. Es entwickelten sich nach und nach alle die
Unstimmigkeiten, die in solchem Verhältnis gang und gäbe sind. Ich kann
nicht behaupten, daß ich im Verkehr mit meiner Stiefmutter mich als
prädestiniert für eine Schülerin Fröbels betrachten kann, doch hatte das
Mißverhältnis einen Kampf in mir erzeugt, der mein Wesen, vielleicht mein
Leben hätte vernichten können.“

Von ihren Vorfahren wußte Henriette Goldschmidt-Benas nicht allzuviel; an
ihre eigne Mutter erinnert sie sich nicht mehr, sie war etwas über fünf
Jahre alt bei deren Tode. Den tiefsten Eindruck hat auf ihr Kindergemüt
das Schicksal ihres Großvaters gemacht. Sie schrieb von ihm: „Vor meinem
geistigen Auge steht mein Großvater so, wie er aus den Erzählungen seiner
Frau und seiner Kinder hervortrat. Ich selbst lernte ihn infolge seines
frühen Todes nicht kennen. Er war in Krotoschin geboren, wurde, wie es
damals üblich war, mit achtzehn Jahren verheiratet und entschloß sich,
seine Heimat, Frau und Kind zu verlassen, um sich eine umfassendere
Bildung zu verschaffen; seine einzigen Vorkenntnisse waren die des
hebräischen Schrifttums. Er wandte sich zuerst nach Berlin an Moses
Mendelssohn, den bekannten Philosophen ..... Mein Großvater suchte ihn auf
und erhielt durch seine gütige Vermittlung die Stelle eines Hauslehrers in
Fridericia in Dänemark. Im Hause eines begüterten Glaubensgenossen, namens
Rée, wurde er Lehrer des Hebräischen und blieb mehrere Jahre in dessen
Hause. Er nahm teil an dem wissenschaftlichen Unterricht seiner Schüler
und hatte somit Gelegenheit, sich ein gründliches Wissen anzueignen. Ja,
bei einem Besuche des Königs von Dänemark in Fridericia erhielt er den
Auftrag von der dortigen jüdischen Gemeinde, den König in französischer
Sprache zu begrüßen. Daß es ihm schwer fiel, das Land und die
Verhältnisse, die ihn zum Manne gereift hatten, zu verlassen, ist
begreiflich, aber seine Frau war nicht zu bewegen, von Krotoschin
fortzugehen, und so mußte er sich entschließen, in seine ihm fremd
gewordene Heimat zurückzukehren.“

Dieser Großvater, der in seinen letzten Lebensjahren immer weiß gekleidet
ging, stand seiner Frau wie ein höheres Wesen vor Augen, und die Ehrfurcht
vor der Weisheit des Mannes ging auch auf die Enkelkinder über. Die
Großmutter selbst mit ihrer liebevollen Güte lebte noch lebendig in der
Erinnerung der Enkelin. Von den Kindern blieb nur der Vater Henriettes in
Krotoschin. Henriette war Art von seiner Art, war es innerlich und wohl
auch äußerlich, denn noch in späteren Lebensjahren erinnerten die Greisin
selbst manche ihrer Bewegungen an den Vater. Dieser, ein sehr lebhafter,
fortschrittlich gesinnter Mann, pflegte manchmal zu sagen, wenn seine
Kinder allzu leidenschaftlich in politischen Fragen Partei nahmen: „Ich
habe doch sonderbare Kinder!“

Daß er selbst in seiner Art Vorbild der Kinder war und erheblich in seinem
Wesen von dem seiner Mitbürger abstach, kam ihm dabei kaum zum Bewußtsein.
Seine Tochter schildert ihn im Anschluß an den aus Kaufleuten bestehenden
jüdischen Teil der Bevölkerung Krotoschins:

„Meinem Vater sagte der Kleinkram des dortigen Geschäftslebens wenig zu,
er konnte sich nicht beschränken, an den zwei Markttagen der Woche von den
Bauern Getreide zu kaufen und an den Müller zu liefern, er trat in
Beziehung zu Geschäftshäusern in Stettin, Berlin und Hamburg. So waren
seine Unternehmungen als Kaufmann großzügiger Natur. Da seine Jugend in
den Anfang des 19. Jahrhunderts fiel, erlebte er die Befreiungskriege mit,
und sein Sinn blieb stets der Geschichte und den politischen Erscheinungen
der Gegenwart zugewendet. So verfolgte er, der überaus beschäftigte
Kaufmann, mit wärmster Anteilnahme und lebhaftestem Interesse die innere
Bewegung der vierziger Jahre, die auf allen Gebieten des Geisteslebens die
Gemüter ergriff.“

Neben dem Vater, der Stiefmutter und den Geschwistern (vier waren zwischen
ihr und der zehn Jahre älteren Schwester noch im frühesten Kindesalter
gestorben), mit denen die junge Henriette innige Liebe verband, waren es
noch einzelne Gestalten, die schattenhaft in der Erinnerung der alten Frau
auftauchten. Vor allem war es eine Tante Ninon, an die sie sich lebhaft
erinnerte. Diese Tante Ninon hatte offenbar ein großes schauspielerisches
Talent besessen, sie wußte ganze Rollen auswendig, mimte sie den Kindern
vor und fesselte die kleine Schar auch immer wieder durch phantastische
Erzählungen von einer Reise nach – Breslau. Dann lebte noch ein greiser
Onkel in der Erinnerung der alten Frau fort, der noch mit etwa neunzig
Jahren zu sagen pflegte, wenn jemand vom Tode sprach: „Zu was brauche ich
mich zu sputen auf das, was mir so gewiß ist.“

Ganz frühe Kindheitserinnerungen knüpften sich noch an einen Brand, bei
dem eine Anzahl Häuser vernichtet wurde, und der ihrem Vater, der sie
selbst aus seinem gefährdeten Hause trug, beinahe Freude bereitete, da er
in seinem Optimismus bereits an Stelle der engen, ungesunden, winkeligen
Quartiere neue helle Heimstätten erstehen sah.

Sonst hatten sich ihr die frühen Kindheitserinnerungen durch ihr reiches
späteres Erleben ziemlich verwischt; lebhaft gedachte sie noch eines
Gartens, in dem die Kinder für wenige Pfennige so viel Beerenobst essen
durften, wie sie wollten, und dabei manchmal des Guten etwas zuviel taten.
Es ist bezeichnend für das Kindheitserinnern, daß diese beiden zeitlich
auseinanderliegenden, ganz verschiedenen Tatsachen den stärksten Eindruck
hinterlassen haben.

Die Schule vermittelte der jungen Henriette nur geringe Bildungswerte, sie
war aber dennoch die Ursache, daß die Greisin, schon fast neunzig Jahre
alt, einige kurze Aufzeichnungen machte. Zur Eröffnung der Hochschule für
Frauen in Leipzig 1911 sandte nämlich der Direktor der Töchterschule in
Krotoschin einen Glückwunsch, verbunden mit einer Einladung zum
fünfundsiebzigjährigen Jubiläum der Schule, zu deren ersten Schülerinnen
die junge Henriette gehört hatte. Sie schrieb davon später nieder:

„Dieser Rückblick auf die lange hinter mir liegende Vergangenheit brachte
mir den Weg zum Bewußtsein, den ich zurückgelegt. Nur einem inneren Drange
folgend, bin ich von der kleinen Stadt in der Provinz Posen in die
deutsche Kulturwelt hineingewachsen. Ohne einen anderen Unterricht als den
dürftigen einer Elementarschule und den Besuch eines Jahreskursus in
einer, aus einer Klasse bestehenden Töchterschule, bin ich zur Gründung
einer Hochschule für Frauen gelangt in einer der anerkanntesten
Kulturstädte des Vaterlandes.

Mit vierzehn Jahren hatte ich meine Schulzeit beendet. Eine große
Bereicherung hat sie mir nicht gebracht, dennoch ist sie natürlich nicht
ohne Einfluß auf meine innere Entwicklung gewesen, brachte sie mich doch
in Beziehung zu Mitschülerinnen aus einem anderen, als dem gewohnten
Lebenskreise. Zum erstenmal trat ich Töchtern aus dem deutschen Beamten-
und Offizierstand nahe, empfand zum ersten Male, daß diese sich in
bevorzugter Stellung den jüdischen Mitschülerinnen, also auch mir
gegenüber zu befinden glaubten, und es kam zu kleinen Zwistigkeiten
zwischen uns. Einen Streit hatte ich mit einer adeligen Majorstochter, die
das vertrauliche Du, das wir fast alle untereinander gebrauchten, auch bei
mir anwendete, sich aber berechtigt fühlte, sich von mir den gleichen
Gebrauch ihr gegenüber zu verbitten. Ich war darüber derartig entrüstet,
daß ich den Eintritt des Lehrers überhörte, so daß er Zeuge des Streites
wurde. Zur Ehre dieses Lehrers sei erwähnt, daß er sich meiner, der
Herausgeforderten, annahm und das junge Fräulein von Soundso in seine
Schranken zurückwies. So jung ich damals war, so hatte ich doch in einer
Zeit und in Verhältnissen, in denen es als selbstverständlich galt, die
Juden nach Belieben zu behandeln, so viel Persönlichkeitsgefühl, um gegen
solche mich beleidigende Behandlungsweise gewappnet zu sein!“

Das starke Gerechtigkeitsgefühl, das leidenschaftliche Temperament rissen
die junge Henriette auch manchmal zu unbedachten Äußerungen hin. An den
Wortlaut des Streites mit einer Mitschülerin aus einer anderen
Gesellschaftsschicht erinnerte sie sich nicht mehr genau. An eine Szene
aber dachte die Greisin noch mit heiterem Lachen. Der Lehrer wandelte in
der Klasse auf und ab, und stieß von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus und
jedesmal sagte er, vor Henriette Benas stehenbleibend, dumpf: „Wem gelten
diese Seufzer? Dir, Benas, gelten sie!“ Die Szene machte einen tiefen
Eindruck auf die junge Henriette, noch schluchzend trat sie mit der
Freundin den Heimweg an und sagte zu dieser, auch einem Jettchen: „Du
wirst sehen, daß ich nie mehr im Leben lachen werde.“ Sie hat dann
freilich das gute herzbefreiende Lachen wieder gelernt, hat es bis in ihr
Alter sich bewahrt und pflegte später lobend von einem Menschen zu sagen:
„Er hat so ein gutes Lachen.“

Übrigens blieb sie mit dieser Freundin bis zu deren Tode in tiefster
Zuneigung verbunden, und als sich die alten Damen, so um die Wende ihres
achtzigsten Lebensjahres herum, endlich einmal wiedersahen, da standen die
kleine Stadt, das ganze Leben von damals vor beiden auf, und herüber und
hinüber tönte die Frage. „Jettchen, weißt du noch? – Jettchen denkst du
noch an unseren sächsischen Klavierlehrer, der immer verlangte, ich sollte
mit mehr „Gefiehl“ spielen.“ Jettchen hin, Jettchen her, es war die gute
alte Biedermeierzeit, die vor beiden aufstand.

Der große Weise von Weimar lebte noch, als die junge Henriette zum ersten
bewußten Leben erwachte, doch seine Sonne stand nicht über ihrer Jugend,
ihr kam der Glanz von seinem frühe dahingegangenen Freund, von Schiller.
Dieser verklärte ihr Leben, und der Glanz blieb hell, verblich nicht bis
zu ihrer Todesstunde; Schiller war und blieb „ihr“ Dichter. Als sie mit 94
Jahren einen Unfall erlitt und sich in ihrer Wohnung eine schwere
Kopfverletzung zuzog, die mehrfach genäht werden mußte, fürchtete der
treue Arzt nach der Aufregung und dem großen Blutverlust Fieber. Ihre im
Hause wohnende jüngere Freundin übernahm die Nachtwache, und als sie an
das Bett der Kranken trat, sah diese mit großem tiefen, aus schönen Weiten
kommenden Blick zu ihr auf und sagte: „Mein Kind, eben habe ich mir die
Ideale von Schiller vorgesagt, wie schön sind sie doch!“

Die junge Henriette lernte ihren Schiller nicht durch Literaturunterricht
kennen, sie las, sie erlebte ihn. Als Elfjährige fand sie den Weg zu ihm.
Da die Mutter Lesen abends bei Licht für überflüssig hielt, saß sie im
Mondenschein auf dem kleinen engen Haushof und las mit klopfendem Herzen,
das Buch dicht vor die Augen haltend. Sie trank des Dichters Worte in sich
hinein, und sie war Johanna, sie war Maria Stuart, sie lebte und litt mit
den Gestalten seiner Werke und einmal ergriff sie sogar im Eifer eine
Stange, die auf dem Hofe stand, und rief mit lauter Stimme über den Hof:
Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften!

Ein so großes Verstehen der Werke unsrer schöpferischen Pädagogen sie
später als Henriette Goldschmidt zeigte, und so viel sie in ihrer Arbeit
der Jugend diente, auch einer unserer besten von den älteren
Jugendschriftstellerinnen, Emma Wuttke-Biller freundschaftlich nahe trat,
so hielt sie doch lange Schillers Werke für die geeignetsten
Jugendschriften. Sie fand, die Jugend, die Schiller besaß, brauche keine
anderen Bücher. Ihren drei Stiefsöhnen las sie in Krankheitstagen
besonders gern Schiller vor, und der eine, damals zehnjährig, fragte sie
einmal: „Mutter, warum ist es denn Unrecht, daß Don Carlos seine Mutter
liebt, ich liebe dich doch auch!“ Die Begeisterung für Schiller fand auch
bei den Geschwistern Widerhall, besonders wurde die fünf Jahre jüngere
Schwester Ulrike bald die vertrauteste Freundin der jungen Henriette. Das
hochbegabte Mädchen teilte ihre geistigen Interessen frühe, während die
anderen Schwestern etwas außerhalb standen, die älteste hatte sehr frühe
geheiratet, eine andere Schwester aber war schon als Kind schwer krank.
Mit dem Bruder dagegen waren die Schwestern innig vertraut, dennoch fand
er sich manchmal zurückgesetzt, und den Vorzug, der einzige Sohn im Hause
zu sein, nicht recht gewürdigt. Er klagte dann wohl: „Ich bin doch euer
einziger Bruder, den ihr habt.“

In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten,
als die älteste Schwester, noch nicht dreißigjährig, während einer
Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin
darüber: „Meine Schwester hinterließ drei Kinder, deren jüngstes noch bei
der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschüttert, tiefer und
nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschöpfen gestattet.
Mir, der nunmehr ältesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten
zu, während für den Haushalt des Schwagers eine ältere Verwandte eintrat.
Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste
Lösung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter
ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschluß
seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschloß er
sich zu verzichten und trat in das Geschäft meines Vaters ein. Wir lebten
in gutem geschwisterlichem Verhältnis miteinander und als er nach Ablauf
des Trauerjahres mit meinem Vater über die Verbindung mit mir sprach,
sagte dieser: „Sie können ja mit meiner Tochter über die Verbindung selbst
reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander.“

Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die
verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren.
Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, daß mein Gefühl für die
Kinder sich nicht auf den Vater übertragen ließ. Und so kämpfte ich in
jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel später
erkannte. Es war ein Kampf des unbewußten Gefühlslebens, das sich zu
behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines
Lebens könnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der für die
Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte.“

Die bald sich zeigende Eifersucht des Schwagers, der die junge,
ungewöhnlich reizvolle Schwägerin mißtrauisch überwachte, war der tiefste
Grund dieser immer mehr wachsenden Abwehr. Die junge Henriette fühlte, von
ihrem inneren Leben sollte Besitz ergriffen werden, und sie wehrte sich
mit aller Kraft dagegen; sie spürte es, nur der Mann, der ihrer eigenen
Natur gerecht wurde, der ihr den Eigenwert ihres inneren Menschen ließ,
konnte der sein, dem sie sich einmal zu eigen gab. So hatte sie schon
mehrfach Bewerber abgewiesen und so fand sie auch hier den Mut des
Neinsagens in diesem schweren seelischen Konflikt. Sie selbst bekannte:
„Ihn zu überstehen half mir die revolutionäre Bewegung der vierziger
Jahre, das Jahr 1848.“



                   2. Die Bewegung der vierziger Jahre.


In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne
Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewöhnliches, von
seinen Töchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl
der Spaziergänge gerade nicht groß war, gingen die beiden Mädchen
Henriette und Ulrike beinahe täglich die Landstraße entlang, die nach
Zduny führte. Den Reiz der großen Weite, die dem freien Blicke keine
Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden
Schwestern fanden daher ihren täglichen Weg einförmig genug. Die junge
Ulrike rief da manchmal verzagt: „Und von hier aus soll man eine
Weltanschauung bekommen?“

Sie gab damit einer Sehnsucht Ausdruck, die über das allgemeine
Mädchensehnen jener Tage weit hinausging. Aber in den Schwestern war
damals doch schon eine Weltanschauung im Werden, sie bildete sich an der
Bewegung der vierziger Jahre. In dem väterlichen Hause wurden viel
politische Gespräche geführt, und Henriette schrieb davon später nieder:
„Das Jahr 1848 fand uns nicht unvorbereitet für die Erkenntnis seiner
Bedeutung. Bereits im Jahre 1847 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Patent
vom 3. Februar erlassen, durch welches die sonst einzeln tagenden Landtage
als vereinigter Landtag nach Berlin berufen wurden. Einige Rechte wurden
eingeräumt, die ihm einen parlamentarischen Charakter geben sollten. Die
Veröffentlichung der Reden der Abgeordneten war von weittragenden Folgen.
In Krotoschin, das keine Zeitung besaß, wurde die Breslauer Zeitung jeden
Abend von der Post geholt und am anderen Morgen vom Vater am
Familientische vorgelesen. Wir hörten mit die Reden der damaligen
Abgeordneten Vincke, Beckerath, Hansemann u. a., und Begeisterung erfüllte
uns für die Redner. Die Verhandlungen betrafen meist Fragen, die außerhalb
der Sphäre unseres Verständnisses lagen – aber die Art der Behandlung
erhob sie in das Gebiet des allgemein Menschlichen, das auch politischen
Fragen nicht fehlt.

Das Hauptinteresse erregten natürlich die Verhandlungen über die
Emanzipation der Juden. Das war eine Menschheitsfrage, die den Herzpunkt
unseres Fühlens und Denkens bezeichnete. Diese Frage wurde von den
freisinnigen Abgeordneten, losgelöst vom konfessionellen, nationalen
Standpunkt, von dem ehemals noch ungekannten, neuesten Standpunkt, rein
menschlich behandelt. Vincke, der damals das Wort prägte: Von einem
christlichen Staat dürfte man nicht reden, das hieße ein Haus bauen wollen
und die Steine dazu vom Mond holen. – Beckerath, der in schmerzlichem
Mitgefühl die Ungerechtigkeit schilderte, die die Juden seit Jahrhunderten
erlitten, – es waren unauslöschliche Eindrücke, die diese Redner uns
gaben. Das war im Jahre 1847! In demselben Jahr lasen wir täglich einige
Stunden „Die Weltgeschichte von Rotteck und Welcker“ ohne zu ahnen, wie
bald die Stimmen der Geschichte, der Zeit, in der wir lebten, sich
vernehmen lassen würden.“

In diese Zeit fiel eine Reise, die die junge Henriette als Begleiterin
ihres Vaters unternahm, die erste Strecke wurde im eignen Wagen
zurückgelegt, dann stiegen die Reisenden in die Postkutsche. Ein junger
Mann stieg in Schmiedeberg in Schlesien zu ihnen, und während der Vater
schlief, begann zwischen den beiden jungen Menschen ein seltsames
Wechselgespräch. Sie redeten nicht von der Sommernacht draußen, nicht von
dem, was sonst wohl junge Menschen zusammen plaudern, von dem Schreiben
sprachen sie, das Georg Herwegh an den König Friedrich Wilhelm IV.
gerichtet hatte nach dem Verbot seiner Schriften. Von dem, der die
Gedichte eines Lebendigen geschrieben, sprachen sie beide, von ihm, der
alle nach Freiheit sehnsüchtigen Herzen entflammt hatte. Draußen verging
die Sommernacht, der Vater schlief ruhig weiter, aber den jungen Menschen
schlugen die Herzen heiß. Der Mann kannte die Gedichte auswendig, und da
erlebte die junge Henriette wieder einen Dichter ganz tief im Herzen, sie
rief endlich aus: „Hätte ich doch die Gedichte!“ und ihr Reisegefährte,
glücklich, ihr diesen Wunsch erfüllen zu können, legte ein schmales
Bändchen in ihre Hand. Davon schrieb noch später die Greisin: „Ich darf
wohl sagen der ‚Lebendige‘, dessen Wirkung auf seine Zeitgenossen eine
wahrhaft lebenerweckende war, hat kaum eine so bewegt, als mein junges,
nach Freiheit begehrendes Mädchenherz. Der Funken, der so schnell zündete,
hat während meines langen Lebens seine leuchtende und wärmende Kraft
bewahrt. Noch wenn ich nach Jahrzehnten mit meinem Manne durch Thüringens
Wälder zog, marschierten wir nach dem Rhythmus des Herweghschen Liedes:

  „Eure Tannen, eure Eichen
  Habt die grünen Fragezeichen
  Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
  Nein, sie soll nicht untergehen!
  Doch ihr fröhlich Auferstehen
  kostet eine Höllenfahrt!“

Ja, noch viel später, als sie die 90 schon überschritten hatte, konnte die
Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger
Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.

Und der junge Reisegefährte?

In den Erinnerungen heißt es von ihm: „Mein Reisegefährte war Julius
Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war,
die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der später als
der „rote Behrens“ bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der
Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der
preußischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fünfziger Jahren
in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in
vollem Gange, so daß er in sehr gedrückter Stimmung war und den Entschluß
gefaßt hatte, nach Australien zu gehen, den er später auch ausgeführt hat.
Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaßen entsetzt über
meine Bekanntschaft mit dem „roten Behrens“, die allerdings eine Aufregung
nach sich zog. Man hatte nämlich bei ihm, dem politisch Geächteten, eine
Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich
auf eine Erkundigung eines Berichterstatters über die Verhältnisse der
Provinz Posen für die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz
unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger
Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte.“

Mit den „Gedichten eines Lebendigen“ als Reiseergebnis kehrte die junge
Henriette nach Krotoschin zurück. In dem kleinen Nest waren es mehr oder
weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort
wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. „Mein Vater,“
schrieb Henriette Goldschmidt, „empfand den Segen der Kultur, den die
preußische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848
ausbrach, fühlte er sich als preußischer Bürger, ja – wir müssen im Geist
jener Zeit sagen, als preußischer Untertan.“ Daß dies nicht buchstäblich
zu nehmen ist, sehen wir daraus, daß er sich einen
Majestätsbeleidigungsprozeß zuzog.

Der Anlaß war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen
Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich
Wilhelm IV. an Stelle des März-Ministeriums berufen wollte. Er tat es
leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwägen,
war seine Sache nicht.“ Der Prozeß verlief ergebnislos im Sande, übrigens
nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen über
Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark
erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne
wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals
die Frauen keinerlei öffentliche Rechte hatten, mußten sie schon die
Unterschriften von Männern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzählt: „Da
wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom
Fenster aus alle vorübergehenden Männer herein und baten sie, die Petition
zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und
sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen
Männerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie
scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie
aber sagte: Ihr könnt sie selbst scheuern, ich habe für solche Sachen
keine Bedienung.“ Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies
Opfer für ihre politische Meinung zu bringen. „Wir schürzten unsere Röcke
und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten
Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat
man auch Gliederschmerzen.“

Die jungen Revolutionärinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in
dem tollen Jahr, sie übten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von
ihrem Gerechtigkeitsgefühl getrieben; auch davon erzählte die Greisin,
immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der für
Recht und Freiheit begeisterten Jugend: „Es gab in der Provinz Posen
Aufstand und auch in Krotoschin rückte Militär ein. So kam es, daß
preußische Offiziere auch in jüdische Familien einquartiert wurden und
sich ein gemütlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren
Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine
gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegründet und diese
veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preußischen Offiziere. Diese
sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergnügen
in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Töchtern des Hauses tanzen zu
dürfen. Das war eine große Verlegenheit für die guten Kinder, denn sie
schämten sich zu gestehen, daß sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten.
Wir hörten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource hätte in einer
Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen
werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer
neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Möglichkeit, daß Juden zu
den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekämen. Wir hörten nun, daß der
Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden
ausgesprochen hätte. Obgleich die Sache mich persönlich gar nicht
berührte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, kränkte meine junge
Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten
Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine große Schlafmütze
wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides
in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: ‚Die Schlafmütze und den
Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden
Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu
begrüßen!‘

Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an
meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache
nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner
Beurteilung das gleiche Gefühl wie seine Töchter, ähnliche Empörung für
eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit,
die damals über Deutschland dahinzog, wurde leicht ein törichter
Mädchenstreich vergessen.“

Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwühlenden Eindruck, den diese
Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht,
heißt es in ihren Erinnerungen: „Wie mächtig das Jahr 1848 die
Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausübte. Kein späteres
Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche
Erschütterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters
und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der
Überzeugung, daß die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit
ihre Entstehung verdankt.“

Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fünfziger Jahre trat ein. Fast
gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie,
gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen über. Sie fühlten sich dort
fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel
größeren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch,
die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. „In Posen habe ich
mich“, erzählt Henriette Goldschmidt, „zum erstenmal an freiwilliger
sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen
Verein zu gründen für ‚Frauen und Jungfrauen‘, die sich armer Kinder nach
den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen,
ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen überhaupt Schutz und Pflege
angedeihen lassen.“ Die junge Henriette interessierte sich lebhaft für
diese Gründung, nicht ahnend, daß sie damit etwas tat, das mit ihrer
späteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. „Zuerst sollten
eine Anzahl junger Damen Mitglieder für diesen Verein werben“, schreibt
sie. „Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mädchens dieser
Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bändern zusammengebunden waren,
die sich leicht lösten. So mußte bald meine Begleiterin stehenbleiben, um
wieder zu binden, bald mußte sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen
hatte. Ob dieses öfteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte:
Warum können wir nicht, wie die Männer mit Gummieinsatz die Schuhe
festhalten?

Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: ‚Was Sie für Ideen
haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!‘ Ich erwiderte
lachend, daß diese ja schon gewesen sei.“ Doch hat sie später bei dem
Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken müssen!

Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger
Jahren gesäte Saat reifen konnte, trat erst noch eine große Veränderung in
ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche
Fremde, sie, die Freiheitssehnsüchtige, kam in Europas unfreiestes Land,
nach Rußland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder,
die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.



                   3. Die ersten Ehejahre in Warschau.


Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an
der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt.
Diesmal brauchte es keiner schweren Überlegung, sie fühlte rasch heraus,
dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten
beglückenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es
später oft nannte, nach Halbasien führte.

Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer
kinderreichen, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Auch seine
Studien erstreckten sich zuerst wie die des Großvaters auf das Hebräische,
doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche
Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er
ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschränkten Mittel reichten
nicht zu einer Postfahrt aus. Kümmerlich genug mußte er sich
durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich
weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der
jüdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge
Henriette seine Schülerin, und von diesem Lehrer hörte sie auch die erste
Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner
Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr
dürftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der
Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen
Sitzplatz, damit sie in dem überfüllten Saal geschützt blieb. Die
Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der
Vetter, ein gereifter Mann, vor sie trat – er hatte in Breslau
weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine
Frau verloren – gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es
schreckte sie nicht, daß sie gleich die schwere und verantwortungsvolle
Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der älteste zehn
Jahre alt war(1).

Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag,
zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: „Meine Erzväter sind
Schiller, Lessing und Goethe.“

Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der
monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: „Wenn auch der Kultus im
Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der
innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip,
der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung
erklärt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfüllt von dem, was
der deutsche Geist gezeitigt hat, und begeistert von den Idealen, die der
deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Väter
heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religiöse Idee
Monotheismus.“

In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette
Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade
Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrückbare
Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mußte es später die
Greisin, die von jeher allen Auswüchsen des Judentums ganz fern stand,
tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch
erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr
reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung
einfach nicht verstehen. Zu einer jüngeren Freundin sagte sie einmal, es
war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung über die Gründe, die
zum Antisemitismus führen können, ganz still und feierlich wie ein Gebet
das Goethesche Wort:

  Gottes ist der Orient!
  Gottes ist der Okzident!
  Nord- und südliches Gelände
  ruht im Frieden seiner Hände.

Nur an eines Mannes Seite, der so vollkommen die gleiche Einstellung zur
Welt hatte, konnte Henriette Benas das Leben in Warschau ertragen. Sie
schrieb: „An unserem Verlobungstage sagte mein Bräutigam zu mir, wenn ich
nicht die Hoffnung hegte, nach Deutschland zurückzukehren, würde ich nicht
dein Schicksal an das meine gekettet haben! Die Bedeutung dieses
Ausspruches habe ich erst während meines Aufenthaltes in Warschau
erkannt!“

Es war noch das Rußland unter dem Zaren Nikolaus I., von dem man in
Deutschland sang:

  Gott schütz’ uns vor dem Frankenkind
  Und vor dem Zaren, deinem Schwager.

Zaristische Tyrannei und in dies Land ein junges Weib, in dessen Herzen
die Lieder der vierziger Jahre bluteten. Sie sang wohl mit heller Stimme
in ihrer Stube Herweghsche Lieder, innerlich noch ganz in dieser großen
Bewegung lebend.

Als sie mit ihrem Gatten die russische Grenze passierte und beide sahen,
wie ein Beamter einfach ganze Seiten eines Buches schwarz überstempelte,
sagte der Mann leise zu seiner jungen Frau: „Wenn die wüßten, welche
Bibliothek ich in dir über die Grenze bringe!“ Sie berichtet über ihren
ersten Eindruck in Warschau: „Ich kam aus der Hauptstadt der polnischen
Provinz Posen, die Preußen einverleibt war; so ganz fremdartig hätten mich
die Verhältnisse nicht berühren sollen, und doch war mir alles so fremd
und unheimlich. Zunächst in Rücksicht auf die jüdische Bevölkerung, die
unter einem besonderen Drucke lebte. Die preußische Regierung war
bestrebt, die Kultivierung des Landes und aller seiner Bewohner im Sinne
des fortgeschrittenen Geistes seines Staats- und Volkslebens zu
beeinflussen. So war es mir in dem großen glänzenden Warschau, als wäre
ich in einem Traumlande; ich fühlte mich um Hunderte von Jahren in einen
gewesenen Zustand versetzt. Unheimlich war es mir bei jeder Berührung mit
den äußeren Verhältnissen zumute, und am liebsten würde ich mit Mann und
Kindern zurückgewandert sein und wäre es auch nach Krotoschin gewesen.“

Aber Mann und Kinder bildeten bald das unlösbare Band, das die junge Frau
in der Fremde hielt. Die drei Kinder, drei begabte gutartige Knaben,
schlossen sich bald mit großer Liebe an die lebhafte geistvolle zweite
Mutter an. Eine kleine Geschichte zeigt, wie innig dieses Verhältnis war;
der jüngste Sohn Benno, den die Neunzigjährige noch „mein Bennochen“
nannte, trug noch Kleidchen, als ihm Henriette Goldschmidt Mutter wurde.
Bald darauf aber sollte er in Höslein gehen, die älteren Brüder spöttelten
schon über das „Mädchen“, da sagte die junge Stiefmutter einmal: „Ach, es
gefällt mir gar nicht, daß du nun auch schon ein großer Junge in Hosen
sein wirst“, und der Kleine antwortete treuherzig: „Wenn’s dir lieber ist,
Mamachen, kann ich ja noch ein Mädchen bleiben.“

Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Söhne brauchte die junge Frau
aber auch. Im Hause saß ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen,
liebenswürdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten
Volkserzählungen heißt, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie
erschwerte ihr das Leben in dem düsteren Hause der engen Gasse, und
draußen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt
hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefängnis. Die
Prügelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen
Rußland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die düstere Wohnung
hinein.

Glücklicherweise gab es ein schönes geistiges Miteinander der Gatten; in
Dr. Goldschmidts Bücherei standen die deutschen Klassiker, stand manch
verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich
und an manchem Abend ertönten hinter fest verschlossenen Fenstern die
deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke
gelesen und alles in allem, trotz den schweren äußeren Verhältnissen,
brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder
innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. „Einen
Höllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein
harmonisch schönes Leben. Daß aber diese Mischung den Wunsch in mir rege
erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden
konnte, war natürlich.“

Noch die Greisin hegte eine Abneigung gegen Warschau, und als einmal
jemand die Schönheit der Stadt rühmte, sagte sie mit leisem Lächeln: „Sie
haben aber nicht unter Nikolaus I. gegenüber dem Gefängnis gewohnt.“
Dieser Eindruck blieb ihr unauslöschlich, und immer sagte sie, längst vor
dem grauenvollen Schicksal Rußlands: Man müßte dies Land zerschlagen, ein
solches Riesenland unter einem Herrscher ist eine Unnatur. Sie müßten dort
jedesmal ein Genie, einen Titanen als Herrscher haben, wenn es
einigermaßen erträglich sein sollte. Und sie führte oft das bittere Wort
ihres Mannes an: „Es ist furchtbar, in einem Lande zu leben, in dem man
sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann!“

Nach reichlich fünfjährigem Aufenthalte schlug der Familie die Stunde der
Erlösung. In den Erinnerungen heißt es: „Und wie ein Wunder erschien es
mir, als nach fünf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal
die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte. Es war das
bedeutendste, folgenreichste Ereignis meines Lebens, als er den Entschluß
faßte, die Stellung eines Predigers bei der israelitischen Gemeinde in
Leipzig zu übernehmen. Als wir die Grenze überschritten hatten, das unter
dem zaristischen Drucke seufzende Land hinter uns liegen sahen, war es
mir, als hörte ich das erste Bundeswort am Sinai: ‚Ich bin der Ewige, dein
Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Lande der Knechtschaft, in ein
freies Land!‘“



                     4. Die ersten Jahre in Leipzig.


Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie
gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich
in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im
Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten
sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres Atmen;
Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte
man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem
Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung
wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis
gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch
nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz,
den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die
Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘
erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“

1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst
einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag.
Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah,
echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall.
Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden;
sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der
bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen
Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen
wie dem Vers:

  „Schillers Glocke, Schillers Locke,
  Schillers Faust und Schillers Tell“ –

Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses
Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren
Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug
war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am
10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der
deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit,
Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung
spottet.

Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der
selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale
uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem
Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer,
die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den
öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘
der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem
dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den
Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion
zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.

Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in
Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem
hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich
die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:

  ‚Lächle nur, du Mann im Leichenhemde –
  Die Freiheit naht – des Frühlings Herrlichkeit –
  sie ist dein Zaubermädchen aus der Fremde‘.“

Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden
Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes,
sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr
doch das große tiefe Erleben. –

Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre
hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte
aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer
dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin
ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem
Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich
zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in
Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war
1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher
Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie
Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu
suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859
symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den
Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für
mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als
Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden,
der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte
den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“

Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt
hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die
neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die
Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat.
Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von
heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte
oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner
sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre
schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine
Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und
Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer,
sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer
damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand
das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt.
Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so
groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren,
bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von
mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht
dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost
zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist
die Stadt der Humanität.‘

Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn
die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das
eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von
Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung,
recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir:
‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“

Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette
Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr
versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat
lieben.

Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt;
losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in
Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen
Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine
Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und
Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre
oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar;
aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die
letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte,
eine tiefe Erbauung.

„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des
Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste
gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich
Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor
Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen
Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald
kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold
Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar
schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute
sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals
und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau
Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von
einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei.
Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war
aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie
einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.

Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in
den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den
siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des
Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor
Wuttke hatte die Festrede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch
das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von
Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an,
in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte.
Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich
gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem
Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur,
war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der
Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen
hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und
Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig
betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich
sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte
die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr
schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in
dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins
lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über
die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später
las sie die Schriften Friedrich Fröbels, lernte aus seinen Erziehungsideen
und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg
dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so
verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte
Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.



                            5. Schaffensjahre.


Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich
der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne
ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden
sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen
selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der
engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen
Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch
Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen
Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter
einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr
völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das
Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am
öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese
hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen
Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der
Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der
mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der
Mutterschaft.

Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und
durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht
ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie
entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen
Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte,
Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre
ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie
vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von
der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und
sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach
Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des
geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen
Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes
unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch
Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine
geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht
öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung
der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach
Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als
Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate
überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische
Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu
meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen
könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die
preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr
ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr
Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese
traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte
mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie
zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in
ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich
sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und
erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen
dieses Bruderkrieges.

Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl,
daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der
politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine
Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten
Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben
sind wir Frauen da.‘“

Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in
Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar
der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten,
aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes,
daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie
sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht
entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und
geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden
Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes
mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise
Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum
sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).

Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß
genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im
Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).

Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und
alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit
in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und
mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung
leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in
anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um
Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu
erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch
starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an
tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte.
So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen
Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort
gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende
Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen,
die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten
sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag
vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten
die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie
sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den
Streit anhören.“

Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens.
Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen
gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat,
dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an
Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des
größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre
Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten,
fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe
auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um
unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich
ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende
Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern
zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht
geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte
ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu
halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“

Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie
vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall
Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der
Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte
ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen
aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz
ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach
„Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede
Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit
zu leisten.

In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb,
fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich
stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich
auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn
Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen
Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten
Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während
meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung
bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und
Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun,
die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich
der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.

Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der
Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift:
„Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch
selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören,
ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen
Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen
hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein
Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie
ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht,
daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu
erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und
die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel
zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan,
ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die
Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige
Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die
Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte –
‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.

Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften
aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels
fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch
begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten
in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch
nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht
erfüllte mich für das große Geheimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr
‚Es werde‘ der Welt verkündet.“

Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Fröbels
Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Fröbelsche Wort
von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die
Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten müsse. Sie
ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in
der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf für die
Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer
vertieften Durchbildung der Frauen aller Stände zu ihrem mütterlichen
Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung,
sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf gründet, weil
sich der erziehliche Einfluß der Frau durchaus nicht allein auf die
Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.

In dieser Zeit ihrer Beschäftigung mit Friedrich Fröbels Schriften las
Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle
einlud, die sich für die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin,
meinte in eine große Versammlung zu kommen und fand nur wenige
Kindergärtnerinnen, die sich in Klagen über die Schwierigkeit ihres
Berufes ergingen. Das war der Anstoß, der Henriette Goldschmidt
veranlaßte, den Verein für „Familien- und Volkserziehung“ in Leipzig zu
gründen; am 10. Dezember 1871 fand die Gründung mit etwa 150 Mitgliedern
statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten
Volks-Kindergarten in der Querstraße eröffnen. Der Aufbau des Vereins vom
Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu
schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.

Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Gründung sich nicht abseits von
ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und
Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen
Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl
Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von
ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch
nicht; die damals beinahe fünfzigjährige Frau stand auf der Höhe ihrer
Leistungsfähigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verständnisvolle
Gefährtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Söhne nahm sie
echt mütterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die
„Viktoria-Fortbildungsschule“ ins Leben rief, verband sie mehr als
schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende
Freundschaft war es.

Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vorträge, so sechs unter dem
Titel: „Ideen über weibliche Erziehung“, die sie später, als sie die 80
schon überschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: „Was ich von Fröbel
lernte und lehrte.“ Sie erteilte in dem bald darauf gegründeten Seminar
für Kindergärtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen für den
Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause
eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen
zierlichen Frau zugute, daß sie eine eisenfeste Gesundheit besaß. Sie
erzählte, daß sie um vier Uhr früh schon aufgestanden sei, um für sich zu
arbeiten – am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vorträge, da sie selbst
keinen Schreibtisch besaß. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem
Manne nach einem reichen Arbeitstag fünf Stunden hintereinander
vorzulesen.

Bei der Arbeit an ihren Vorträgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und
mehr die Lücken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Fleiß strebte sie,
diese auszufüllen. Sie studierte – sie las nicht nur die großen Pädagogen,
vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie
las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen
zu erweitern, ihr außerordentliches Gedächtnis kam ihr zur Hilfe, sie
schrieb ganze Bücher voll von Aussprüchen nieder, schrieb oft ihre eigenen
Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte,
_die_ man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, _aus_ der man
lernen soll: „Zunächst muß man Geschichte lernen, später erst in einem
Alter, wo man Geschichte kennt, läßt sich _aus_ ihr lernen.“ Oder sie
stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: „Hat es Sinn, die Kraft zu
rühmen und im Gefühl der Schwäche mit sich zufrieden zu sein?“

Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch
im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an
sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin für andere war. Ihr Geist ging
weite Wege, aber sie wußte auch das Schöne zu genießen, das sich ihr
darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich
genommene Arbeitsverpflichtung zu versäumen. Sie erzählte, daß sie einmal
auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fühlte, sich
selbst Vorwürfe gemacht habe über die unbeschreibliche Freude, die sie
beim Anblick der großen Natur ergriff. Überhaupt war es die große Natur,
deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, für das Idyll hätte sie
nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie
sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glänzende
Sprache sie immer wieder begeisterte.

Das schönste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in späteren
Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber
auch unter für sie äußerlich ungünstigen Umständen, bedrückt durch eine
lange Krankheit einer Enkelin. Den stärksten Eindruck als Stadt hinterließ
ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter
Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach
Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Gräber Heines und
Börnes zu sehen. Sie schreibt über den Besuch des _Père la Chaise_ und
Börnes Grab: „Nun aber noch einen Weg zu den ‚Träumen meiner Jugend‘:
‚Börnes Grab, gesegnet seist du mir!‘ Ein wundervolles Reliefbrustbild mit
einem so schönen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder
schmückt seine Grabstätte. Wie gut, daß ich nicht früher meinen Baedeker
gelesen, als auf dem _P. la Chaise_. Meine Nichte, die eigentlich eine
preußische Obertribunalratstochter und kein Judenmädchen aus Krotoschin
ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in
sich aufgenommen, daß sie auch mit mir die ganze Bedeutung fühlte, die für
mich in dem Anblick dieser Grabstätte lag. Schon des Morgens sagte sie:
Wir nehmen ein Bukett für Börne mit, – und als sie ein sehr schönes von
Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem großen Papier ohne die bei uns
so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen,
brachte, sagte sie: Tante, schreib’ doch was hinein. – Ich schrieb etwas
von der Verbrüderung des französischen und deutschen Volkes, die er
geträumt und die doch zur Wahrheit werden müsse – und als ich an seinem
Grabe stand, da sah ich unter einer Büste, die von David d’Angers
herrührt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die
Freiheit vereinigt. – So stand’s im Baedeker und so hatte ich es dem
Künstler nachgefühlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in
schönen Frauengestalten, sind neben der französischen die Namen der
französischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais – neben der
deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. – Ich wollte
in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein
gewöhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschäftigt war, trat heran
und legte es hin: _C’etait un poète allemand – je le sais – il nous a tant
aimé._ –“

Henriette Goldschmidts Reisewünsche blieben aber in der Hauptsache
unerfüllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palästina und Amerika zu
sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht
hin; die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung
lebte (ihr Vater hatte den größten Teil seines Vermögens verloren), und
die Großzügigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit für ihre Ziele
dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen
an sich blieb ihr stets ein Genuß, sie scheute auch im hohen Alter die
Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal für einige Sommerwochen
nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermüdung fühlte, beweist ein Wort, das
die beinahe 79jährige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Köln
heimkehrte. Sie war die Nacht über gefahren – nicht etwa im Schlafwagen –
hatte in Köln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus
dem Zuge stieg: „So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend.“

Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
ausgetreten war – Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr
1902 – gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschließlich ihren Anstalten
zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Tätigkeit, sah die von
ihr gegründeten Anstalten damals in den festen, sicheren Händen von Dr.
Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine große Arbeitswelle, in die sich
Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer stürzte.

Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun käme
das Alter, als sie plötzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen
konnte, die Gründung einer Hochschule für Frauen – ähnlich, nur erweitert,
wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte – mit der Tendenz „dem
mütterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu
geben,“ erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat
Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfügung, und, obwohl schon im
fünfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal
so ruhelos und zielbewußt zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr.
Johannes Prüfer einen tatkräftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am
29. Okt. 1911 die Hochschule eröffnet werden. – Es war erreichte
Lebenshöhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.

Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem
gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, daß in ihrer Arbeitsweise
auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem für ihre
Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen;
sie lebte nur – war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der
Verein für Familien- und Volkserziehung – den Zielen, die sie sich
gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im
Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie
es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus
sorgsam bereitgehaltenen Gefäßen trinken, sondern an die Tiefen der
Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in
Besprechungen bei Fragen, die ihr für das Ganze belanglos erschienen,
rücksichtslos zur Tagesordnung über, aber sie war doch keine Natur, die
nur Jasager wollte, im Gegenteil würdigte sie ein freies Neinsagen. Sie
schätzte einen logisch begründeten Widerspruch sehr, gab viel jüngeren
Menschen nach, wenn sie die Gegengründe einsehen konnte, und besaß die
Größe, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da
wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jüngeren Freundin, ja selbst ihrem
Hausmädchen gegenüber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verständigung
zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser große Zug ihres Charakters
war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab,
was man als „weises Darüberstehen“ bezeichnen kann.

Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive
Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten
jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gespräch etwas gab. Ihre Briefe
trugen bis zuletzt das persönliche Gepräge ihres Geistes, die Anmut im
Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die
Frauen der Romantik erinnerte.

Innere Treue, die man nicht mit äußerlichem Darandenken verwechseln muß,
gehörte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie
auch im tiefsten Grunde den führenden Geistern treu, denen sie, wie sie
erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehörte besonders
Friedrich Fröbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister
leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der
Frauenbewegung: sie verstehen die „alte Fröbeltante“ nicht, und sie hatte
damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette
Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den
Fröbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Fröbelschen
System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was
anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein
Talent zur Kindergärtnerin, hätte es nie werden können. Verstanden hat sie
darin Berta von Mahrenholtz-Bülow, die Henriette Goldschmidt den Apostel
Fröbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.

Berta von Mahrenholtz-Bülow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit
Friedrich Fröbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit über
Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Fröbel
zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort
gesagt: „Der Mann wird ein ‚_alter Narr_‘ von den Leuten genannt!
Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen
bespöttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmäler
errichtet.“

Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nähere
Verhältnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette
Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vorträgen und
in der Schrift: „Berta von Mahrenholtz-Bülow, Leben und Wirken“ (Hamburg
1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengänge der beiden Frauen
zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: „Mit der
Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit
dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknüpft, was die
Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwürde.“ Henriette Goldschmidt
aber prägte sich als Leitwort für ihre Arbeit: „Der Erziehungsberuf ist
der Kulturberuf der Frau.“ Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte
zuletzt ganz ihr Tun, und sie überwand in der festen Zuversicht, den
richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer
Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs
langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der
ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemütsrichtung entsprach.



                               6. Ausklang.


Auch dunkle Schatten sind über den Lebensweg von Henriette Goldschmidt
geglitten; der Vater verlor einen großen Teil des Vermögens, eine
Schwester war immer leidend, 1889 starb ihr Mann, Dr. Goldschmidt, nach
langem Leiden, treu von ihr gepflegt. Eine wirklich glückliche Ehe riß
damit auseinander, und nach einigen Jahren erlebte die vereinsamte Frau
den großen Schmerz, den ältesten, geliebten Stiefsohn Julius ganz
plötzlich zu verlieren. Auch die geliebte Schwester und Gesinnungsgenossin
Ulrike starb vor ihr. Sie stand aber damals noch mitten in der Arbeit, und
die Arbeit trug sie immer wieder aus dem Leidenstal empor.

Bei einem Alter, wie es Henriette Goldschmidt erreicht hat, bei dieser
Intensivität des Lebens fragt man sich unwillkürlich, wann begann diese
Frau die hohe Altersgrenze zu überschreiten, wann konnte man von
wirklichem Altwerden sprechen? Denkt man dieser Frage nach, so kommt wohl
allen denen, die sie wirklich genau gekannt haben, und das sind zuletzt
nur wenige gewesen, die Antwort: Bei Ausbruch des Weltkrieges. Nicht erst,
als die Entbehrungen des Krieges begannen, sondern in den ersten
Augusttagen von 1914. Für Henriette Goldschmidt brach da das hohe Ideal
der Völkerversöhnung, an das sie, eine überzeugte Pazifistin, stets
geglaubt hatte, zusammen. Sie sah nicht mehr eine friedlich
fortschreitende Entwicklung aller Völker vor sich, sie sah die gewaltsame
Zertrümmerung eines hohen Standbildes.

Von da an wurde sie alt.

Sie leitete noch eine Weile den Verein für Familien- und Volkserziehung,
dann legte sie den Vorsitz nieder. Wohl wohnte sie noch weiter den
Sitzungen des Vorstandes bei, zeigte bis zuletzt Interesse an allen
Anstalten, aber es war doch ein langsames, vielleicht nur den Eingeweihten
spürbares Sichloslösen von ihrer Lebensarbeit.

Dazu kam Kummer in der Familie. Die Tragik des hohen Alters, das Überleben
einer jüngeren Generation blieb auch ihr nicht erspart. Ihr zweiter Sohn
starb, liebe Freunde gingen dahin. Ihren neunzigsten Geburtstag beging sie
aber doch noch in einem großen Freundeskreis. Ihr jüngster Sohn,
Enkelkinder und vor allem die geliebten Nichten kamen, ihre Pflegetochter
Julia, die Tochter ihres Bruders, und die Töchter ihrer Schwester Ulrike,
von denen die ältere, Margarete Henschke, die von ihrer Mutter gegründete
Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin weiterführt. An diesem Tage war es
wirklich, wie es ein Künstler gesagt hatte: „Es kann in wenigen Stunden in
diesem Gesicht ein Unterschied von vierzig Jahren sich zeigen.“

Mit der ihr eignen geistvollen Anmut beantwortete sie die Glückwünsche der
zahlreichen Abordnungen. Von früh bis abends war es ein Kommen und Gehen,
sie erfuhr tiefste Liebe, ebenso Anerkennung von Behörden und Vereinen, es
war wirklich noch einmal, trotz des Krieges, ein Tag voll Sonne in ihrem
Leben. Selbst die greise Großherzogin von Baden sandte ihre Glückwünsche.

Aber dann senkten sich die schwarzen Schatten tiefer. Das Schicksal
Deutschlands, die lange Dauer des Krieges bedrückte sie tief. Nicht die
Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, lasteten auf ihr, sie sah
des Vaterlandes Zukunft dunkel verhüllt, sagte oft: „Es sind zu viele
gegen uns.“ Oft sagte sie auch: „Wenn alle diese ungezählten Millionen,
diese angesammelte Kraft für den Ausbau sozialer Einrichtungen verwendet
werden würde, wie glücklich könnten viele, viele leben!“

Und dann kam die trübe Wendung in Deutschlands Schicksal. Und kurz vor dem
Ausbruch der Revolution erlebte die alte gütige Frau noch den herbsten
Schmerz, der ihr werden konnte, sie verlor die geliebte Pflegetochter Frau
Dr. Julia Kalbfleisch an der Grippe.

In den ersten Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht war es wie ein
Aufbäumen der alten Kraft gegen das unbarmherzige Schicksal; es lohte im
Schmerz noch einmal das alte Feuer der Jugend auf, dann wurde Henriette
Goldschmidt still und gelassen. Und die Revolution, die wenige Tage später
ausbrach, zog sie wieder, wie vielfach große politische Ereignisse es
getan, von ihrem Ich ab, und noch einmal war es das große Weltgeschehen,
das sie in tiefster Seele erschütterte.

Aber der Glanz von Achtundvierzig lag für sie nicht auf den trüben
Novembertagen von 1918, die Deutschland, die das von ihr so heiß geliebte
Vaterland der Willkür der Feinde preisgaben. Ihr waren diese Tage keine
Erhebung, denn sie sah in ihnen keinen Fortschritt, sie verstand ihre
Ursachen, aber sie erblickte keinen Aufschwung.

Und als sie sah, wie langsam so vieles verworfen wurde, das mit innerster
Hingabe in freiwilliger selbstloser Arbeit aufgebaut worden war, ergriff
sie Angst um den Bestand ihres Lebenswerkes. Da war es ihr eine
trostreiche Freude, daß gerade in dem Revolutionswinter es dem Verein für
Familien- und Volkserziehung gelang, in einem eignen Hause ein
Kindertagesheim zu eröffnen, das ihren Namen trug. Sie sah darin ein
Vorwärtsschreiten; den Grundstock hatte eine Sammlung zu ihrem 90.
Geburtstag ergeben, Freunde hatten weiter geholfen, so konnte denn in dem
trüben Winter 1918/19 das Heim für neunzig Kinder seine Pforten auftun.

Auch die Freude ward ihr noch zuteil, daß die Leitung der Anstalt, die am
stärksten ihre persönliche Prägung trug, der Fröbel-Frauenschule, wenn
auch nur für wenige Jahre in die Hände ihrer Lieblingsschülerin, Marie
Luise Schumacher, überging.

An Sonntagnachmittagen sammelten sich um ihren Tisch noch immer liebe
Freunde, die Tochter ihres Bruders wohnte zu ihrer Freude in Leipzig, ein
Freund aus alter Zeit saß noch allsonntäglich in dem behaglichen
altmodischen Zimmer; im Hause lebten noch immer Menschen, die sich ihr
zugehörig fühlten. Das Haus, es heißt jetzt „Henriette-Goldschmidt-Haus“,
in der Weststraße in Leipzig, gehörte dem Verein, und sie war, wie sie
früher scherzend sagte, lange Jahre in der schwierigen Stellung, Mieterin
und zugleich Hauswirtin zu sein. Eine alte treue Hausmannsfrau hatte
einmal gesagt: „Bei uns ist alles wie eine Familie“. So war es auch, die
kleine weißlockige Frau war des Hauses Seele und Mittelpunkt.

Kurz vor ihrem 94. Geburtstag erlitt Henriette Goldschmidt einen schweren
Unfall in ihrer Wohnung, sie erholte sich aber überraschend schnell und
verlebte das Weihnachtsfest, zu dem wieder die Nichten aus Berlin gekommen
waren, heiterer als im vergangenen Jahre. Es war eine große
Sonnensehnsucht in der alten Frau lebendig. Wie oft stand sie am Fenster
neben ihrem Schreibtisch und sah still in die sinkende Sonne, still und
feierlich sah sie den Glanz am Himmel kommen und vergehen.

Ein sonniger Januartag lockte sie zum erstenmal wieder ins Freie, und sie
war über den Spaziergang und die helle Schöne an dem Tag fast kindlich
froh. Doch schon in der Nacht stellte sich Fieber ein, und wenige Tage
später, in der ersten Frühe des 30. Januar 1920, starb Henriette
Goldschmidt, starb ein großer, gütiger, warmherziger Mensch.

Ein sanftes, fast heiteres Hinübergehen war es in die unbekannte Weite, in
ihren Krankheitstagen, die schmerzlos waren, ließ sie sich noch Börne
vorlesen und besprach noch die politischen Ereignisse des Tages.

Es war eine seltene Lebensvollendung. An ihrem Sarg sprach als letzte ihre
Lieblingsschülerin das Goethewort, das sie besonders liebte und wenige
Tage vorher selbst ausgesprochen hatte, und das in dem Einklang steht zu
ihrem ganzen Wesen, wie sie ihn in allen Erscheinungen des Lebens zu
finden suchte:

  „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
  die Sonne stand zum Gruße der Planeten
  bist alsobald und fort und fort gediehen
  nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
  So _mußt_ du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
  so sagten schon Sybillen, so Propheten;
  und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
  geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“



                     HENRIETTE GOLDSCHMIDTS SCHAFFEN



                1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit.



                      a) Anfänge der Frauenbewegung.


Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte in der deutschen Frauenwelt
eine Bewegung ein, die im Jahre 1865 zur Gründung des „Allgemeinen
Deutschen Frauenvereins“ führte. Außer Luise Otto-Peters und Auguste
Schmidt hat wohl kaum eine andere der damaligen Frauen von Anfang an die
hohe Bedeutung der neuen Bewegung für unsere Gesamtkultur so scharf
erkannt wie Henriette Goldschmidt. Kaum eine andere aber hat sich auch so
begeistert in den Dienst der neuen Ideen gestellt wie sie.

Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfüllte, ein Gedanke, den der
„Allgemeine Deutsche Frauenverein“ auch mit in sein Programm aufgenommen
hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und
immer wieder zum Ausdruck brachte, nämlich der: _Die Arbeit ist die
Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist da__her Pflicht und Ehre des
weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse müssen beseitigt werden, die dem
im Wege stehen._ – Also in vollem Umfange die _schaffende Mitarbeit der
Frau an unserem Kulturleben zu ermöglichen_, das ist das hohe Ziel, das
ihr vorschwebte.

Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die *Rechte* zu
verschaffen, die die _Voraussetzungen_ für diese Mitarbeit sind, die
Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin
vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch
aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das
Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht
in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette
Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr
temperamentvoller Vortrag über „_Rechte und Pflichten der Frauen in
Gemeinde und Staat_“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung
des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie
in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben
und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in
Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht
diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht
„weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck
war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen
der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur _Mittel zum
Zweck_, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee _der
Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit_.

Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher
kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies
schon im Titel zum Ausdruck brachte. „_Die Frauenfrage eine Kulturfrage_“
lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der
bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies
vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte
der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie
seitdem oft und gern wiederholt hat: „_Wir haben wohl Väter der Stadt, wo
aber sind die Mütter?_“

„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie
anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte(2), „Wo sind die Mütter? _Hier ist
der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung._“

Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher
von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. _Was ist Kultur?_
– Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und
gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das
Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten
Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet
wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich
ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen
Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar
nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber
wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche
Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind
Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher
und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen
Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte
Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte
Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten
und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit
schlummern, sich _im Leben darstellen_, das Leben erhöhen und veredeln.

Das _spezifisch Weibliche_ nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt,
erblickt Henriette Goldschmidt in dem _Pflegesinn_, in dem mütterlichen
Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen
und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am
stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine
Eigenart _zum Bewußtsein zu bringen_, ist die nächstliegende Pflicht der
Führerinnen. Und dann _Freiheit_ für die Betätigung dieses Instinkts!
Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus
entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette
Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist
an ihn geglaubt hat.

Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste
Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung
des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß
sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder
übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in
historisches Geschehen. Aber den _Glauben_ hatte sie an eine bessere –
ferne Zukunft.

_Wie_ sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie
einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen
Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein
geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher
Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „_Die Frauenfrage innerhalb
der modernen Kulturentwicklung_,“ die Henriette Goldschmidt am 27.
September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist
nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger
Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten
gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:


    „Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt,
    so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde,
    als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das
    Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen
    nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst
    möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende
    Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so
    hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie
    wäre es zu erklären, als aus einem _inneren_ Gesetze, das uns oft
    gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß
    Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu
    verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich
    und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem
    unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das
    größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des
    Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in
    Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der
    Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur
    Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle
    Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes
    entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche
    Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an
    welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im
    Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.


    So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist,
    gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und
    Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger
    _dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse
    bestimmt_. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen
    Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher
    Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen:


    _Die Natur hat für alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz
    gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie
    sollen wir als Menschen nicht in einem höheren Sinne einer
    Fortentwickelung bedürfen!_ Und die Geschichte belehrt uns, daß
    wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese
    Entwickelung ist abhängig von der Kultur der Zeit, des Volkes und
    von tausend unberechenbaren Einflüssen. Ist es auch unmöglich,
    selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen,
    so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle
    Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurückführen, das sich im Laufe
    der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere
    Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken
    Kulturvölker heißt das Gesetz moderner Kulturentwickelung: „_Das
    Recht der Persönlichkeit nach individueller Freiheit._“


    In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der
    Gemeinde, im Staate die Würde seiner Persönlichkeit. Der Einzelne
    hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien-
    und Volksgenossenschaft.


    In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert
    und Gepräge verlieh, der Staat, dem jeder Bürger seine
    Persönlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das
    Volk und sein Verhältnis zu Gott, die religiöse Idee, die dem
    Einzelnen zur idealen, ihn erfüllenden Lebensaufgabe wurde. Aus
    diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht
    gegen Volk und Staat und Gott, _eine Familie zu begründen_, und
    mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je stärker das
    Volksbewußtsein war. Erst in den späteren Zeiten des kaiserlichen
    Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrömischen
    Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.


    _Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der
    alten Welt._ War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-,
    Volks- und Staatsganzen eine Persönlichkeit, wie sollte die Frau
    sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken können? Im
    Familienverband waltete ja überdies noch sichtbarer als im
    Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und
    naturbestimmt für die Ehe, für die Familie dachte man sich nicht
    nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der
    Verpflichtung zur Heirat, zur Begründung einer Familie richtete
    sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet
    gebliebene Männer waren in allen antiken Kulturstaaten
    festgestellt.


    Wurde demnach das eheliche Verhältnis als ein Pflichtverhältnis
    aufgefaßt, so ergab es sich von selbst, daß die Neigung eine
    untergeordnete Rolle spielte, ja, fast gar nicht in Betracht kam.
    Während – und ich erlaube mir, diesen Punkt ganz besonders Ihrer
    Beachtung zu empfehlen – _während unsere Dichtungen es fast
    ausschließlich mit den Konflikten des Herzens in Rücksicht auf die
    Gattenwahl zu tun haben, erzählen uns die Dichtungen des so hoch
    kultivierten griechischen Volkes wenig oder nichts von einem
    Konflikt des in unserer Zeit so eigenwillig gewordenen Herzens der
    Jugend gegen die von den Eltern oder Vormündern bestimmte
    Gattenwahl_. Die griechischen Tragödien, diese Meister- und
    Musterwerke, haben es mit den erschütterndsten Kämpfen innerhalb
    der Familie, _nicht mit dem Liebesleben und -leiden_ jugendlicher
    Gemüter zu tun. In unserer Zeit hat die Ehe nicht das Zwingende
    eines Natur-, Staats- oder Religionsgesetzes, sie wird nicht im
    Interesse einer zu gründenden Familie geschlossen, sie soll _ein
    freies Bündnis zweier __Menschen in Liebe_ sein, durch nichts
    bestimmt als durch die eigene freie Entschließung.


    Wir sehen, durch welche Gegensätze wir uns durchkämpfen müssen.
    Aus der idealen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter, aus
    der freien Entfaltung des Gemütslebens, wie sie das Altertum nicht
    kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so
    prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht
    kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt für die Ehe, war
    namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war
    bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die
    Notwendigkeit anerkannt, daß die Familie der verlassenen Waise,
    der verwitweten Frau die Existenz verbürgte. Der _Pater familias_
    im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer
    Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit,
    hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete
    Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem
    bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.


    Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist
    der bestimmende Mittelpunkt für einen größeren Familienkreis. Sein
    Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mündig
    gewordenen Söhne und Töchter. Und nur wenige Väter sind selbst in
    der Lage, über ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu
    versorgen.


    Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur
    fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese
    Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die
    von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die _oft
    selbstgewählte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit_, von der
    andern die _Unmöglichkeit, in den gegebenen Familienverhältnissen
    Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden_.


    Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in
    bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits
    vollbrachten an Kühnheit und Gefahr vergleichen ließe; sie
    schließt die gefährlichste Freiheit in sich, die Freiheit des
    Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht
    auf die Ehe den Einzelnen überläßt, so ist wenigstens das letztere
    _eine Freiheit, die sich über die Naturgesetze erhebt_. Und es
    wird nicht mehr als eine Kühnheit erscheinen, die Formen für die
    gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die
    absolute Gültigkeit von Naturgesetzen beanspruchen können.


    Hier sehen wir den _Keim_ der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man
    es prinzipiell zugegeben, daß die Gattenwahl sowie der Verzicht
    auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhänge, so können
    tausend Fälle eintreten, wo diese Gattenwahl unmöglich ist. „Sie
    hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden,“ sie hat sich in dem
    Erwählten getäuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.


    _Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich
    vorzüglich gegen unser Geschlecht._


    Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf
    eigene Existenz dem _Manne_ in höherem Grade zuteil werden lassen,
    als die antike Kultur.


    Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes
    Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte
    bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der
    geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher
    Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, _unsere Kultur
    hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen
    Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht
    der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als
    gewährt_.


    Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es
    selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten,
    ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die
    alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit
    nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir
    noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit
    Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft,
    und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie
    existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur
    antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte
    geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der
    Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit
    der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen
    mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau
    eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus
    verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich
    auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den
    Frauen im Hause genommen.“


    Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und
    geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit
    gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch
    die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel
    zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit
    vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so
    lange, bis man zu der Meinung kam, _die Frau sei zu einer
    wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt_. Das Wort: „Im
    Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich
    nicht auf die Frau.


    Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende,
    einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das
    sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden
    Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten
    romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es
    sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre
    Persönlichkeit soweit ausdehnen können, _daß sie in geselligen
    Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen,
    in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei
    doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu
    erfüllen_? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine _gefährliche_
    Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. _Wie aber
    soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen?_ Man
    faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit
    Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und
    diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit,
    über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht
    emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur
    Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, _zum Egoismus_, wenn die
    Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu
    verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein
    erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als
    schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu
    solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?


    Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die
    Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten,
    von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade
    unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so
    wird man sich nicht wundern, _daß die Ehelosigkeit in den höheren,
    gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen_. – So teile ich
    aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten
    großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals
    die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren
    1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre
    keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich
    schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer
    im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die
    Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der
    Ehestandskandidaten vorhanden.


    In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen
    unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in
    hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die
    Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe
    beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals
    sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung
    festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet,
    für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.


    Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur
    begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten.
    Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden
    Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur
    verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen,
    das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an
    Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich
    entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre
    1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als
    Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund
    700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab
    es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende
    Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand:
    Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten
    französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben,
    dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von
    beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die
    Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als
    die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die
    schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen
    Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns
    nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt
    mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben
    raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft
    erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der
    einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde,
    einsame Frau!


    Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das
    uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen
    einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst
    gestellt, und _die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit
    den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören_. Denn ist
    es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um
    des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen
    entgegentritt, zu entrollen?


    Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als
    eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es
    uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk
    richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur
    gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine
    Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch
    muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer
    Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher
    Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen,
    kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht
    bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen
    nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend
    verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere
    lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend
    von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß
    es eine bestätigte Tatsache ist: „_Der größte Teil dieses
    elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter
    Erziehung._“


    Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem
    so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl
    berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe
    Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist
    für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß
    wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen
    aufgeben müssen. _Wir sind in Übereinstimmung mit unserem
    Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das
    Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in
    Anspruch nehmen._ Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu
    seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein?
    Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung,
    so ist das Recht auf _menschenwürdige_ Existenz gewiß das Urrecht
    jedes in _Gottes Ebenbilde_ geschaffenen Wesens. _Menschenwürdig
    ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu
    gebrauchen_, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen
    willen, um der Gesamtheit willen.


    Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern
    entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer
    geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den
    Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger
    Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende,
    hier sind alle gleich bedürftig.“


Die _Lösung der Frauenfrage_ ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie
sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur
möglich _durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung_. Es war daher
kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle
großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von
Resolutionen, mit der _Gründung eines Frauenbildungsvereins_, der es für
seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt),
_Fortbildungsschulen für Mädchen_ zu errichten.“ Jeder, der die
Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird
wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der
meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch
eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.

Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen:
_die Schaffung eines_ dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts
adäquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu
wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer
Kultur führenden _Frauenbildungswesens_. Vieler Jahrhunderte hatte es
bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen.
Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der
Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das
letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt
vorschwebte: _die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der
tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte_.

Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt
es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in
Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich
zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles
Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:

„_Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der
Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd
und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des
Lebens._ Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe
bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend –
*die Frau*!“



                           b) Friedrich Fröbel.


Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und
Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –

Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei
ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide
verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde
Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das
Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in
ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen
die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.

Friedrich Fröbel war nicht nur der Gründer der Kindergärten, als den ihn
die Welt fast ausschließlich kennt, sondern er war ein Pädagog ganz großen
Stils, ein Kulturpädagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei
dem Wort „Pädagog“ immer nur an „Lehrer“, und sie meinen, ein „großer
Pädagog“ sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren
Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen
mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Fröbel
nicht. Sein Blick war auf Höheres gerichtet.

_Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen._ Unter
Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu
verstehen, sondern es heißt hier soviel wie Menschentum. Es ist das
Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich
auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Kräfte und Fähigkeiten, die
im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind.
Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden
gemeinsam war.

Es drängt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles
Menschentum, alle Menschenleistung ist eine Äußerung dieses Geistigen.
Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz
alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die
_Menschheit_ ist Ursprung und Schöpfer der _Kultur_ – wie die _Gottheit_
Ursprung und Schöpfer der _Natur_ und der _Menschheit_ ist. Menschheit und
Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.

Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der
_Schöpferwille_ und die _Schöpferkraft_, der Drang und die Fähigkeit, sich
(d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich
gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse _Gestalt_ zu geben. Stoff
an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit
Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst überlassen, ist Chaos,
erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Geist wird sie zum Kosmos.

Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen
kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das
Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer höher. „Alles
Innere wird von dem Innern an dem Äußern und durch das Äußere erkannt. Das
Wesen, der Geist, das Göttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt
an seinen, an ihren Äußerungen“ (Fröbel).

Die Entwicklung der Menschheit hängt also davon ab, daß sie sich
_ungehemmt_ und _frei_ entfalten, darstellen, objektivieren kann.

Dazu gehört dreierlei:

_Erstens_ muß sie sich in ihrem innersten Wesen _rein_ erhalten. Das
geschieht, wenn sie sich stets ihres göttlichen Ursprungs bewußt bleibt.
Darum setzt Fröbel an den Anfang seiner „Menschenerziehung“ (1826) das
tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit
zitieren konnte: „In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es
sprach und spricht sich im _Äußern_, in der Natur, wie im _Innern_, in dem
Geiste, und in dem _beides Einenden_, in dem Leben, immer gleich klar und
gleich bestimmt dem aus, den entweder _von dem Gemüte und Glauben_ aus die
_Notwendigkeit_ erfüllt, durchdringt und belebt, daß es gar nicht anders
sein kann, oder dem, dessen _klares ruhiges Geistesauge_ in dem Äußern und
durch das Äußere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das
Äußere mit Notwendigkeit und Sicherheit _hervorgehen sieht_. Diesem
allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare,
lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde.
Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie – die Einheit selbst –
entweder durch _Glauben_ oder durch Schauen lebendig, gleich er- und
umfassend erkannt, so daß sie auch von einem still achtsamen menschlichen
Gemüte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher
erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.

Diese Einheit ist Gott.

Alles ist hervorgegangen aus dem Göttlichen, aus Gott, und durch das
Göttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller
Dinge.

In allem ruht, wirkt, herrscht Göttliches, Gott.

Alles ruht, lebt, besteht in dem Göttlichen, in Gott und durch dasselbe,
durch Gott.

Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt.

Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das _Wesen jedes Dinges_.

Die _Bestimmung_ und der _Beruf aller Dinge_ ist: ihr Wesen, so ihr
Göttliches, und so das Göttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am
Äußerlichen und durch Vergängliches kundzutun, zu offenbaren.“ –

_Zweitens_ muß sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung _bewußt_
werden. Darin erblickt Fröbel die besondere Bestimmung, den besonderen
Beruf des Menschlichen. Die übrigen Geschöpfe entfalten ihr Wesen nur
einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewußtsein tun.
Dadurch erhebt er sich über alle anderen Kreaturen. Dadurch nähert er sich
der Gottheit.

_Drittens_ braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu
können: Stoff, Gelegenheit, Möglichkeit zur _Betätigung_. Das Bewußtsein
ihres göttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein genügt
noch nicht zur Höherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und
Entwicklung. Arbeit muß dazukommen, _Arbeit und Schaffen_ am Materiellen,
am „Äußeren“. Dadurch gewinnt die Arbeit bei Fröbel einen ganz neuen Sinn.
Sie ist nicht mehr wie im „Alten Testament“ _Strafe_ für die im Paradies
begangene menschliche Sünde („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein
Brot essen!“), sie ist auch nicht nur unangenehme _Notwendigkeit zur
Erhaltung des Körpers_ (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist
_Mittel zur Entfaltung des Geistigen_. Sie ist der stärkste und
unentbehrlichste _Kulturfaktor_ überhaupt. „Erniedrigend ist der Wahn“,
hat Fröbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses
Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt,
„erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur
darum, seinen Körper, seine Hülle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider
zu erwerben; nein – _der Mensch schafft ursprünglich nur darum, damit das
in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte_ und er so
sein eigenes göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm
dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe.“

Mit diesem weiten Blick tritt nun Fröbel _an das Erziehungsproblem heran_.
Erziehung kann ihm – nach dem Vorangegangenen – nichts anderes sein als:

1. Hinlenken des Blickes der Menschen _auf den ewigen Ursprung alles
Seins_ und Pflegen des Gefühls des inneren Verbundenseins mit dem
Göttlichen,

2. Anregen und Hinführen zur _Selbstbesinnung über das Wesen und die
Bestimmung des Menschen_, und

3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu _produktiver Arbeit_.

Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und
stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die
überhaupt erst Kultur möglich machen.

_Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“
in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner
Kulturleistung_, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.

Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!

Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am
einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt
Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst
(oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es
kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen,
gleichsam _auf die Menschheit im Menschen_ an. Wenn je ein Pädagog, so
betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit _sub specie aeternitatis_.

Am _reinsten_ und noch völlig „unverletzt“ tritt uns _die Menschheit im
Kinde_, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des
Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an,
daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das
kann nur geschehen durch _angemessene bewußte Pflege_. Darum ist die
früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen
Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein
solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird
seine Bestimmung _nicht_ erfüllen.

Es gilt also _die Menschheit zu pflegen in den Kindern_. Das ist das erste
und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.

Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und
planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben
nur ein – _Pflegen_.

Das Bild des _Gärtners_ schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch
nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er
sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes
Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß
es also sein _Wesen_ (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und
unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen
diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den
Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine
Schützlinge – _pflegen_.

Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es _in der ersten Erziehung_. Hier gilt
es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu
_pflegen_, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit
zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für
die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und
Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen –
oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: _Kindergärtnerinnen_.
Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur
eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf
keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche
Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste
Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend
und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“
Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut,
muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß
voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn
auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das
Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz
angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und
Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und
in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die
junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt.
Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und
Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen
wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren
und jungen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende
Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine
Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem
Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er
will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und
Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was
die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr
Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere
Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im
Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in
allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine
gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten,
Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur
aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln,
auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“

Was wir also brauchen für unsere Kleinen, ist gleichsam ein _Garten der
Kindheit_, in dem die jungen Geschöpfe heranwachsen können, gepflegt und
behütet von treuen Gärtnerinnen. Was wir brauchen, sind _Kindergärten_,
d. h. Stätten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend
sich entfalten, an denen sie ihr Göttliches – die Menschheit – „darleben“
können.

Wie kann das geschehen?

Der tiefste Wesenszug der Gottheit – und daher auch der Menschheit – ist,
wie oben bereits erwähnt, der _Schöpferwille_, der _Gestaltungsdrang_. Im
frühen Kindesalter äußert sich dieser als _Tätigkeits- und
Beschäftigungstrieb_. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung
und Tätigkeit so stark wie in diesen frühen Jahren. Schon der alte Pädagog
Comenius hatte das erkannt und in seinem „Informatorium der Mutter Schul“
(1632) geschrieben: „Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge
Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll
man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anlaß geben, daß sie
immer etwas zu tun haben. Laß sie Ameislein werden, welche immer
herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen“ usw.

_Die bewußte Pflege dieses stärksten aller kindlichen Triebe, des
Tätigkeits- und Beschäftigungstriebes_ war für Fröbel der Anfang wahrer
Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in
der Kindheit. „Menschheitspflege und Kindheitspflege,“ schrieb er einmal
„wohnen in einem Tempel.“

Fröbel begnügte sich nun aber nicht damit, die Pflege des
Tätigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie
der Tätigkeitstrieb gepflegt werden könne, er wollte den Kindern Material
in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und äußeren Kräfte entfalten
würden. So schuf er:

1. seine „_Mutter- und Koselieder_. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege
des Kindheitlebens. Ein Familienbuch“ (1844). Mit 50 großen Kupfern von
Friedrich Unger(3);

2. seine _Gabenreihe_ (Ball – Kugel, Würfel, Walze – Baukästen) mit den
dazu gehörigen „Anleitungen“ (für die Erwachsenen);

3. seine _zahlreichen sonstigen Beschäftigungen_ (Legetäfelchen, Flecht-
und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnähblätter u. dgl.).

Es würde zu weit führen, im einzelnen zu zeigen, wie Fröbel sich diese
neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen
Maßnahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den
_Geist_, in dem das Ganze aufgefaßt und ausgeübt wurde.

Und da setzte er seine ganze Hoffnung _auf die Frauenwelt_.

In dem _mütterlichen Instinkt_, in dem angeborenen _Pflegesinn_ des Weibes
sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege.
„Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn,“ schreibt er
einmal, „überhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemüt trennt nur der
Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie
das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in
das Frauenherz und -gemüt, in den echten Frauensinn gelegt.“

Freilich, diese _Einigung von Kindheit und Frauenleben_, die früher wohl
bestand, ist durch die Riesengewalt äußerer Verhältnisse und die
wirtschaftlichen Nöte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich
ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht _bewußt_
waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben.
Aber die unnatürliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen
Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu geführt, daß allmählich das
_Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von „Kinderleben und Frauensinn_“
erwacht ist und das _Streben_, diese natürliche Einheit wieder
herzustellen. „Der ersten Kindheitpflege muß das Frauenleben wieder ganz
zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege muß allgemein wieder
geeint, weibliches Gemüt und sinnige Kinderbeachtung muß wieder ein
Einiges werden.“ (Fröbel.)

Was das weibliche Geschlecht bisher rein _instinktiv_ getan, nur seinem
Naturtriebe folgend – also im Grunde _passiv_ –, das soll und wird es in
Zukunft bewußt ausüben, aus höherer Einsicht, aus eigenem Willen – also im
Grunde _aktiv_. Dadurch wird das bisherige natürliche Tun der Frau zur
Kulturleistung. Denn alles natürliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle
Kulturleistung aber auf dem Bewußtsein und dem Willen des Menschen.

Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur möglich, wenn
es _zuvor_ seine „menschheitspflegende Bestimmung“ erkannt, d. h. wenn es
im einzelnen Kinde nicht mehr _nur das seelisch-körperliche Einzelwesen_
erblickt – was das Kind natürlich zunächst ist – sondern darüber hinaus in
jedem Kinde _das ewig Geistige, die Mensch__heit_ (in dem oben dargelegten
Sinne) und damit _Göttliches_ ahnt.

Damit ändert sich die ganze Stellung der Frau zum _Kinde_ und zur
_Menschheit_.

Sie ist nicht nur mehr _Hüterin eines Einzelgeschöpfes_, sondern
_Priesterin des Ewigen_: sie pflegt Unvergängliches – Göttliches – in
ihrem Kinde. Der natürliche _Pflegesinn des Weibes_ – der tiefste
Wesenszug ihres Geschlechts – erhält dadurch eine viel umfassendere
Bedeutung, ein viel höheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer
_Kulturnotwendigkeit_.

Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung
_kulturfördernd in großem Stil_ werden will, muß sie diese ihre tiefste
Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken
Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist
_dem weiblichen Geschlecht als Ganzem_ eine Möglichkeit zur
Höherentwicklung „_von seinem Wesen aus_“ gegeben. Mögen einzelne begabte
Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Großes leisten, das weibliche
Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner
mütterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und
den Kulturtaten des männlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen)
_Gleichwertiges_ schaffen können.

Die _Pflege der Menschheit in der Kindheit_, also das Erhalten und
Behüten, das Üben und Starkmachen der eigentlichen _kulturschaffenden
Kraft_ ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt
der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit
_gleichwertig_.

In diesem tiefen und umfassenden Sinne muß das Lieblingswort Henriette
Goldschmidts verstanden werden, das sie Fröbel entnommen hat und von dem
sie wünschte, daß es in ihrer Anstalt unter ihre Büste gesetzt würde, da
es besser als jedes andere zum Ausdruck brächte, was sie erkannt und
gewollt habe, das Wort:

„_Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner
instinktiven passiven Tätigkeit – als Glied der Menschheit – zu entheben
und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung
willen, ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben._“

Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort
entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glücklichen Stunde
geprägt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum
„geflügelten“ geworden ist:

„_Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau._“

Auch dieses Wort weist in die Zukunft.

Viele verstehen es so, als habe Henriette Goldschmidt einfach konstatieren
wollen: Der Erziehungsberuf sei der Kulturberuf der Frau. Nein! Der
Erziehungsberuf, wie er von den allermeisten Menschen jetzt noch aufgefaßt
und geübt wird, ist noch _kein_ Kulturberuf. Er ist noch eine
„instinktive, passive Tätigkeit.“ – Aber er soll ein Kulturberuf, er wird
_der_ Kulturberuf der Frau werden.

Henriette Goldschmidt hat dieses Wort zunächst den suchenden und
gebildeten Frauen zugerufen, die ihre Kräfte in den Dienst der Kultur
stellen möchten, ohne bereits ein klares Ziel für ihre Arbeit zu haben.
Denen will sie mit diesen. Wort sagen: Sucht das Ziel nicht draußen,
sondern _in euch selbst_! Erkennt die menschheitpflegende Bestimmung des
weiblichen Geschlechts und weiht eure Kräfte einer Arbeit, die euerm
innersten Wesen gerecht wird! Die Frau kann „als Glied der Menschheit“
nichts Höheres vollbringen, als ihren Erziehungs- und Pflegeberuf als
Kulturberuf aufzufassen und auszuüben.

Freilich, die Frauenwelt wird und kann diesen Weg nur gehen, wenn ihre
Führerinnen sich zu diesem Ziel bekennen und wenn sie die _Bildung des
weiblichen Geschlechts_ in diesem Sinne gestalten. Friedrich Fröbel
bezeichnete am Ende seines Lebens seinen für Marienthal entworfenem Plan
einer in dieser Art gedachten Bildungsanstalt für das weibliche Geschlecht
_als die letzte Konsequenz seines Grundgedankens_.

Die Errichtung einer solchen Bildungsstätte war auch für Henriette
Goldschmidt _die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung, die Synthese
ihrer aus der deutschen Frauenbewegung und aus der Fröbelschen Pädagogik
entwickelten Ideen_.



                 2. Ihr Wirken für die Kindergartensache.



                a) Petition an die deutschen Regierungen.


Fast 50 Jahre hat Henriette Goldschmidt im Dienste der Kindergartensache
gestanden. Sie hat zahllose Vorträge über die Idee des Kindergartens
gehalten, hat jahrzehntelang intensiv im „Deutschen Fröbelverband“
mitgearbeitet, hat in Leipzig vier große Volkskindergärten geschaffen, die
noch heute als städtische Anstalten blühen. Aber über all das soll hier
nicht ausführlich gesprochen werden. So verdienstvoll es natürlich war, es
unterschied sich doch nicht wesentlich von der gleichen Arbeit
geistesverwandter Frauen in anderen Städten. Hier sei nur von dem
berichtet, was sie _mehr geleistet_ hat als die andern.

Da ist in erster Linie die Petition des „Bundes deutscher Frauenvereine“
an die deutschen Regierungen zu nennen. Pfingsten 1897 hatte Henriette
Goldschmidt auf der Generalversammlung des Bundes den Antrag gestellt,
eine Petition an die deutschen Regierungen wegen „Einordnung der
Fröbelschen Erziehungs- und Bildungsanstalten (Kindergärten und Seminare
für Kindergärtnerinnen) in das Schulwesen der Gemeinden und des Staates“
zu richten. Der Antrag fand die Zustimmung des Bundes, und die
„Erziehungskommission“ wurde beauftragt, die Petition auszuarbeiten. Die
eigentliche Arbeit hatte Henriette Goldschmidt zu leisten, die die
Vorsitzende dieser Erziehungskommission war. Aus dem Briefwechsel
Henriette Goldschmidts mit ihrer Freundin, Frau Jenny Asch in Breslau(4),
wissen wir Näheres über die Schwierigkeiten, unter denen diese Petition
zustande kam: Einige Mitglieder der Kommission standen der ganzen Sache
kühl gegenüber, andere wohnten auswärts (z. B. Eleonore Heerwart in
Eisenach, Martha Back in Frankfurt a. M.), der Vorsitzende des „Deutschen
Fröbelverbandes“ (Prof. Dr. Eugen Pappenheim in Berlin) war überhaupt
gegen die Eingabe. Schließlich blieb Henriette Goldschmidt nichts anderes
übrig, als die Petition selbst auszuarbeiten und dann den übrigen
Mitgliedern der Kommission zur Billigung zuzuschicken. Im November 1898
sandte dann der Vorstand des „Bundes deutscher Frauenvereine“ die Petition
an die Regierungen ab.

Henriette Goldschmidt hatte auf einen raschen Erfolg dieser Eingabe kaum
allzu große Hoffnungen gesetzt. Sie wollte damit nur die ganze
Angelegenheit überhaupt in Fluß bringen. Daß sich nicht alles, was sie
darin forderte, in kurzer Zeit werde verwirklichen lassen, das wußte sie.
Wenn die Regierungen nur überhaupt anfingen, der Kindergartensache näher
zu treten, das genügte zunächst schon. Zehn Jahre später zeigten sich die
ersten Spuren: 1908 im Lehrplan der preußischen Frauenschulen, 1911 in den
Prüfungsbestimmungen für Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen. Wenn
naturgemäß zwischen 1898 und 1908 auch noch andere maßgebende
Persönlichkeiten in dieser Richtung auf das preußische Kultusministerium
eingewirkt haben mögen, so ist doch die Tatsache nicht zu leugnen, daß
Henriette Goldschmidt _den ersten mutigen Schritt in dieser Sache getan
hat_ und daß daher ihre Petition von 1898 ein _Markstein_ in der
Geschichte des deutschen Kindergartenwesens bleiben wird.

Damit dieses _historisch bedeutsame Schriftstück_ nicht so schnell der
völligen Vergessenheit anheimfällt, sei es nachstehend im Wortlaut
wiedergegeben, zumal es auch in Einzelheiten überaus charakteristisch für
Henriette Goldschmidt ist:


    „Das Gesuch betrifft das für unsere Familien- und Volkserziehung
    so wichtige Gebiet der _Kindergärten_ und _Seminare für
    Kindergärtnerinnen_.


    Beide Anstalten verdanken ihr Entstehen bekanntlich dem jüngsten
    schöpferischen deutschen Pädagogen _Friedrich Fröbel_. Auf die
    Initiative von Männern und Frauen (Diesterweg, Frau von
    Mahrenholtz-Bülow, Johanna Goldschmidt u. a. m.), die noch
    unmittelbar unter dem Einflusse des Meisters standen und von
    seinen Ideen begeistert waren, ist die Errichtung von Kindergärten
    und Seminaren zurückzuführen.


    Dieser selbstlosen Hingabe und opferwilligen Arbeit für die
    Realisierung des Fröbelschen Erziehungswerkes folgte eine
    Privattätigkeit einzelner Personen, die unter eigener
    Verantwortlichkeit Kindergärten und Seminare für
    Kindergärtnerinnen errichteten, ohne eine andere Kontrolle als die
    ihrer eigenen Gewissenhaftigkeit. Die Folge davon ist, daß
    Erziehungsstätten, die sich auf die wichtigsten Lebensalter – auf
    die Kindheit beider Geschlechter und auf das jungfräuliche Alter –
    beziehen, den Charakter industrieller Unternehmungen angenommen
    haben. _Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen
    unterliegen bisher dem Gewerbe- und nicht dem Schulgesetze._


    Welch eine große Schädigung der Sache dieser Umstand mit sich
    führt, das kann hier nicht erörtert werden. Hinweisen wollen wir
    darauf, daß Erziehungsstätten für das erste Kindesalter nur einer
    _früheren_, nicht einer _niedrigeren_ Stufe unseres Lebens dienen
    als die _Volksschulen_. Wie aber die Errichtung einer Schule ohne
    Befähigungsnachweis unstatthaft ist, so dürfte mit gleichem Rechte
    die Gründung eines Kindergartens ohne Befähigungsnachweis
    unstatthaft sein. Dasselbe, nur in verschärfter Form, gilt für die
    Errichtung von _Seminaren für Kindergärtnerinnen_.


    Diese Anstalten sind bestimmt, Erzieherinnen zu bilden und haben
    daher eine Aufgabe zu erfüllen, welche derjenigen der Seminare für
    Lehrerinnen kaum nachsteht.


    Bezieht sich daher unser Gesuch zunächst darauf, _daß die
    genannten Anstalten der Willkür enthoben und einer behördlichen
    Kontrolle unterworfen werden_, so beschränkt es sich nicht darauf.


    Es wird im allgemeinen zugegeben, daß die Grundlagen der
    Charakterbildung im Kinde geschaffen sind, wenn dasselbe in die
    Volksschule eintritt. Die hochwichtige erzieherische Aufgabe,
    welche dem vorschulpflichtigen Alter zugewiesen ist, wird zur
    Stunde lediglich dem Zufall überlassen. – Die weitaus größere Zahl
    der Eltern hat für die Lösung derselben entweder keine Zeit oder
    kein Verständnis, oder keine Neigung. Es erscheint demgemäß
    dringend geboten, die Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes
    im vorschulpflichtigen Alter von Staats wegen im Interesse des
    Staates sicherzustellen. Weder Vereine, noch private
    Unternehmungen sind imstande, eine Aufgabe zu lösen, die sich auf
    die gesamte Bevölkerung bezieht – sie konnten nur die notwendige
    Vorarbeit leisten. – Weil aber die Erziehung der Kinder im
    vorschulpflichtigen Lebensalter für die Zukunft des
    heranwachsenden Geschlechtes, also für unser Volk und den Staat,
    von höchster Bedeutung ist, bitten wir eine hohe Regierung,
    hochdieselbe wolle durch ein besonderes Gesetz oder durch eine
    Novelle zum Schulgesetze die Frage der Kindergärten einer Regelung
    unterziehen, und zwar wolle hochdieselbe in dem erbetenen Gesetze
    anordnen, daß innerhalb eines festzustellenden Zeitraumes jede
    Gemeinde in Verbindung mit ihrer Volksschule einen oder mehrere
    Kindergärten zu errichten habe, zu dessen Besuche alle Kinder
    mindestens zwei Jahre vor ihrem Eintritt in die Volksschule
    verpflichtet sind. Diese Kindergärten bitten wir den staatlichen
    Schulaufsichtsbehörden zu unterstellen.


    Auch wenn die hohe Regierung nicht für baldigen Erlaß eines
    derartigen Gesetzes sich entschließen könnte, wird sich
    hochdieselbe nicht verschweigen dürfen, daß die derzeitige
    Ausbildung der Kindergärtnerinnen nicht immer der Bedeutung
    entspricht, welche die erzieherische Tätigkeit erfordert. Wir
    fühlen uns deshalb verpflichtet, eine hohe Regierung gehorsamst zu
    bitten:


    Hochdieselbe wolle anordnen, daß _die Seminare für
    Kindergärtnerinnen_ der staatlichen Prüfung unterstellt und daß
    die Abgangsprüfungen der Seminaristinnen vor einer vom Staate
    eingesetzten Kommission abgelegt würden. Außerdem ersuchen wir
    aber die hohe Regierung, mit der Errichtung staatlicher Anstalten
    für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen vorgehen zu wollen.


    Angesichts der Übelstände, welche auf diesem so hochwichtigen
    Gebiete vorhanden, bitten wir ferner eine hohe Regierung:


    Hochdieselbe wolle gütigst anordnen, daß nach einem gewissen
    Zeitraum, dessen Dauer dieselbe bestimmen wolle, die Lehrerinnen
    an Kindergärten vor einer staatlichen Kommission ihre Prüfung
    bestanden haben müssen.


    So lange, als die hohe Regierung noch nicht die Errichtung von
    Kindergärten im Anschluß an die Volksschule durch die Gemeinden
    angeordnet hat, bitten wir:


    Eine hohe Regierung wolle die bestehenden privaten, von Vereinen,
    sonstigen Korporationen oder Einzelnen errichteten und erhaltenen
    Kindergärten unter die Aufsicht der staatlichen Behörde stellen.


    Schließlich geben wir uns der Hoffnung hin, daß nach der
    Einführung der gesetzlich angeordneten Gemeinde-Kindergärten die
    Leiterinnen derselben, ebenso wie die Lehrerinnen das Recht auf
    Pensionsbezug erlangen.


    Wir glauben einer Frage des Staatswohles von hoher Bedeutung zu
    entsprechen, wenn wir uns gestatten, die Aufmerksamkeit einer
    hohen Regierung für dieselbe zu erbitten. Es handelt sich um eine
    sorgfältige naturgemäße Erziehung großer Massen von Kindern zu
    einer Zeit, die für die Richtung des Gemütslebens, für die
    Charakterbildung ausschlaggebend ist.


    Wir gestatten uns, auf die Begleitschrift zu verweisen, welche die
    wesentlichsten Punkte der Begründung der Petition enthält und
    geben uns der Hoffnung hin:


    Eine hohe Regierung werde unser Gesuch einer wohlwollenden Prüfung
    unterziehen und uns gütige Genehmigung unserer Bitten zuteil
    werden lassen.


    Leipzig, November 1898.


    *Der Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine.*
    _Auguste Schmidt_, Vorsitzende.


    _Henriette Goldschmidt_,
    Vorsitzende der Erziehungskommission des
    Bundes deutscher Frauenvereine.“


Ein reiches Programm! Jeder einzelne Punkt desselben beweist, wie
gründlich Henriette Goldschmidt die Kindergartenarbeit kannte, wie sehr
die Mißstände auf diesem Gebiet sie schmerzten und wie sie auf Besserung
sann. In der dieser Petition beigefügten „_Begleitschrift_“ geht sie noch
ausführlicher auf alle diese Einzelheiten ein. Es würde zu weit führen,
auch den Inhalt dieser Begleitschrift hier wiederzugeben.

Nur darauf sei noch ausdrücklich hingewiesen: Für Henriette Goldschmidt
ist der Kindergarten – wie übrigens auch für Fröbel – _nicht eine
Einrichtung der Not_. Er ist in erster Linie eine _pädagogische Anstalt_.
Die _Kleinkinderbewahranstalten_ Oberlins entstanden aus wirtschaftlichen
und sozialen Notständen heraus, der _Kindergarten_ Fröbels aber verdankt
seine Existenz einer pädagogischen Idee (vgl. S. 93 ff.). Das darf man nie
aus dem Auge verlieren.



                   b) Streitschrift gegen K. O. Beetz.


Die Eingabe des „Bundes deutscher Frauenvereine“ an die deutschen
Regierungen veranlaßte den damaligen Schuldirektor in Gotha _K. O. Beetz_
zur Veröffentlichung einer Gegenschrift: „_Kindergartenzwang! Ein Weck-
und Mahnruf an Deutschlands Eltern und Lehrer_“ (Verlag Emil Behrend in
Wiesbaden 1900). In scharfsinniger und temperamentvoller Weise greift
Beetz in diesem Schriftchen den Kindergarten und die Eingabe des Bundes
an. Man spürt es beim Lesen dieser Broschüre, daß hier nicht nur „irgend
jemand“ seine Meinung äußert, sondern ein Pädagog von ausgeprägter
Eigenart und nicht gewöhnlicher Begabung. Manches in seinen Ausführungen
ist prachtvoll. Das Ganze stilistisch gewandt und glänzend geschrieben.
Jedenfalls der geistvollste Angriff, der je gegen den Kindergarten geführt
worden ist.

Um so größer war die _Gefahr_, die von dieser Schrift ausgehen mußte. Denn
daß Beetz trotz alles Scharfsinns die Ideen Fröbels nicht richtig erkannt
und daher das Wesen des Kindergartens falsch aufgefaßt hatte, das konnte
höchstens ein Kenner, keinesfalls aber das große Publikum merken. Es war
daher dringend nötig, daß der Beetzschen Schrift entgegengetreten wurde.
Unbegreiflich ist es, daß dies nicht von der in erster Linie in Frage
kommenden Stelle, vom damaligen Vorstand des „_Deutschen Fröbelverbandes_“
sofort geschehen ist.

Da kein andrer Zeit oder Mut fand, den schweren Angriff auf Fröbel und
sein Werk abzuwehren, trat nochmals Henriette Goldschmidt auf den Plan.
Und sie schrieb eine Schrift, die in der Geschichte des Kindergartenwesens
stets einen Ehrenplatz einnehmen wird: „_Ist der Kindergarten eine
Erziehungs- oder Zwangsanstalt? Zur Abwehr und Erwiderung auf Herrn K. O.
Beetzs ‚Kindergartenzwang‘!_“

Mit feinem Spott leitet sie ihre Streitschrift ein: „_Kindergartenzwang!_
Gleich einem Posaunenruf, vor dem die mühsam aufgebauten Fröbelschen
Erziehungsstätten niederstürzen müssen, ertönt die Stimme des Herrn
Schuldirektor Beetz:

Gefahr ist im Verzuge – Gefahr für die Grundvesten der Gesittung, Gefahr
für unser Familien- und Volksleben, Gefahr für den _Staat_! Alle Mann auf
Deck! Eltern, Lehrer, Staatslenker! Die Kindergärten vernichten die
Grundlagen jeder menschenwürdigen Gemeinschaft – sie vernichten das
_Familienleben_!“

Freilich, Herr Beetz ist nicht der erste, der dem Kindergarten solche
gefährlichen Dinge zutraut. Der preußische Kultusminister _von Raumer_ sah
in der Zeit der preußischen Reaktion im Kindergarten das gleiche Gespenst
und verbot daher 1851 die Kindergärten für die ganze preußische Monarchie.
Ungefähr zehn Jahre hat dieses unsinnige Verbot bestanden(5). Dann fiel
es, wie so manche Fessel jener bösen Zeit.

Es würde zu weit führen, hier das Duell Beetz-Goldschmidt bis ins
Einzelnste – bis auf jeden Hieb und Gegenhieb – zu verfolgen. Nur auf
einige wichtige Punkte sei kurz eingegangen.

_Beetz_ hatte im Hinblick auf Fröbels Ideen u. a. ausgeführt: „Der
Entwicklungsgang des Menschengeistes gründet sich auf unveräußerliche
Naturgesetze, die aus eigner Kraft der Verwirklichung zustreben. Wir
können diesen Prozeß durch naturgemäße Eingriffe fördern, durch
widernatürliche aufhalten, überhasten, schädigen. Ihm nach Willkür und
gegen sein Wesen ein Tempo, eine Richtung aufzwingen, ein Ziel stecken zu
wollen ist verkehrt und rächt sich an der Menschheit selbst.“

In dieser allgemeinen Fassung zweifellos ein sehr beachtlicher Einwurf!

Schlagfertig antwortet Henriette Goldschmidt: „Wer bestreitet, daß der
Entwicklungsgang des Menschengeistes sich auf unveräußerliche Naturgesetze
gründet? Aber wer weiß es nicht, daß es unsere Aufgabe ist, diesen
Gesetzen nachzugehen, sie zu erforschen, um aus ihnen die Erkenntnis für
die Erziehung zu gewinnen? Und so würde es uns folgerichtiger erschienen
sein, wenn Herr Beetz dem Satze: ‚Wir können den Prozeß (der Entwicklung)
durch naturgemäße Eingriffe fördern, durch widernatürliche überhasten,
aufhalten, schädigen‘ hinzugefügt hätte: _Deshalb wäre es so hochwichtig,
daß die Frauen, die Mütter, für die Erziehungsaufgabe vorbereitet würden,
damit sie fördernd, nicht hemmend, nicht schädigend einwirken_; denn die
Unkenntnis, die jetzt noch in Rücksicht auf den mütterlich-erziehlichen
Beruf des weiblichen Geschlechtes herrscht – _rächt sich an der Menschheit
selbst_.“

Es hätte weiter gesagt werden können, daß Fröbel dem Entwicklungsgange des
Menschengeistes ja eben gerade _nicht_ „nach Willkür“ oder gar „gegen sein
Wesen“ Tempo und Richtung aufzwingen und ein Ziel stecken will, sondern
daß – außer Pestalozzi – wohl kein anderer Pädagog so heiß gerungen hat um
die Erkenntnis des innersten Wesens des Menschengeistes – der Menschheit
und der Gottheit – wie gerade Fröbel. Wie ernst es Fröbel in dieser
Beziehung nahm, dafür nur ein Beispiel! Als junger Mann schrieb er einmal
einem Freunde ins Stammbuch: „Dir gebe das Schicksal bald einen sicheren
Herd und ein liebendes Weib; mich treibe es rastlos umher, und lasse mir
nur so viel Zeit, _um mein Verhältnis zu meinem inneren Sein und zur Welt
gehörig zu erkennen_.“ – Wenn je einer tiefe Blicke ins Innerste der
Menschennatur getan hat, dann war es Friedrich Fröbel. Jeder, der Fröbels
Schriften wirklich studiert – nicht nur einmal flüchtig gelesen – hat, muß
dies bestätigen. Und Fröbels Ideen standen durchaus in Übereinstimmung mit
der Philosophie seiner Zeit (Schelling, Krause!). Gewiß kann man über das
innerste Wesen der Menschennatur verschiedener Meinung sein, und unser
menschliches Wissen wird auch hier, wie in so vielen anderen Dingen, ewig
Stückwerk bleiben, aber „Willkür“ und Unnatur kann man den Fröbelschen
Ideen in dieser Beziehung nicht vorwerfen. Dieser Angriff der Beetzschen
Schrift kann nicht scharf genug zurückgewiesen werden.

In einem weiteren Kapitel hat _Beetz_ dann mit feinem Geschick die große
_Bedeutung der Familie_ für das Leben des Einzelnen und des Staates
dargelegt; er hat dabei goldene Worte gefunden und damit die Familie in
das hellste und schönste Licht gerückt. Er tut es aber nur, damit um so
dunklere Schatten auf den Kindergarten fallen. Die Abwehr Henriette
Goldschmidts gerade auf diesen gefährlichsten Vorstoß des Gegners bildet
den Höhepunkt ihrer Schrift. Sie geht hier – der alten Weisheit folgend:
„Die beste Parade ist der Hieb!“ – gleichsam selbst zum Angriff vor und
stellt dabei die _innere Notwendigkeit des Kindergartens_ dar. Wir hören
sie auch hier wieder am besten selbst:

„In dem vierten Kapitel ‚Kindergartenzwang und Familie‘ stellt Herr Beetz
der Familie den Kindergarten als feindliche Macht gegenüber und bedient
sich hier einer Waffe, die zur Vernichtung der Kindergärten führen soll.
Denn wer wird, wenn von beiden Potenzen die Rede ist, _Familie oder
Kindergarten_, die Familie nicht als die wichtigere anerkennen?, wer wird,
wenn es sich in der Tat um eine Schädigung des Familienlebens durch den
Kindergarten handelte, nicht dem letzteren den Garaus machen wollen? Wie
sehr stimmen wir mit Herrn Beetz überein, daß ‚die Familie das Produkt
natürlicher Kräfte ist, daß, wenn die Menschheit heute wieder ihren großen
Kulturlauf anträte, die erste Errungenschaft genau wie zum erstenmal die
Bildung der Familie sein würde‘? Diese Tatsachen erfahren meine
Schülerinnen in der ersten Unterrichtsstunde der Fröbelschen
Erziehungslehre. Und all die schönen wohlgefügten Sätze der Schilderung
der Familie und ihres Einflusses hätte Herr Beetz noch illustrieren können
durch folgenden Ausspruch _Friedrich Fröbels_ über die Familie:

‚Familienleben! Wie so hochwichtig bist du! Du bist das Heiligtum der
Menschheit, du bist das Allerheiligste der Pflege des Göttlichen. Familie!
lasse es uns unumwunden und offen aussprechen, du bist mehr als Schule und
Kirche und mehr noch als alles, was das Bedürfnis als Schutz des Rechtes
und des Eigentums hervorrief. Familie! wo du nicht den Geist der
Sinnigkeit und Sittlichkeit, des Beachtens und Nachdenkens in die Schulen
bringst, da sind sie, und seien sie noch so gefüllt, leer wie ein
unfruchtbares Ei, aus dem sich nie neues und frisches Leben entwickelt.
Familie! was sind ohne dich Altar und Kirche, wo du ihnen nicht die Weihe
gibst und Seele, Herz, Gemüt und Geist, Tun und Leben all der Deinen zum
Altar und Tempel des lebendigen Gottes erhebst.‘“ –

Dann wendet sich Henriette Goldschmidt den Einzelheiten des Beetzschen
Angriffes zu. Der Kindergarten entfremde die Kinder der Familie, das Haus
sei die einzige Stätte, an der eine wirkliche Erziehung des Kindes möglich
sei, behauptet der Gegner. Darauf erwidert die Verteidigerin sehr richtig:

„Bedeutet eine 3 oder 4 Stunden dauernde Abwesenheit vom Elternhause eine
Entfremdung von der Familie, so dürfte die Schulzeit, die mit dem sechsten
Lebensjahre beginnt, doch ebensowohl schädlich auf die Innigkeit des
Familienlebens wirken. Das wird Herr Beetz als ‚_Schulmann_‘, der die
sittlich und geistig bildenden Einflüsse der Schule mit Recht hoch
veranschlagt, nicht zugeben. _Der Kindergarten aber kann sich mit
Rücksicht auf den sittlich bildenden, geistig entwickelnden Einfluß mit
der Schule messen_: seine Spiele, Liedchen und Beschäftigungen geben
Gelegenheit, Sinn und Gemüt des Kindes auf das Familienleben zu lenken.
Der Kindergarten entläßt die Kinder keinen Tag, ohne sie auf die Fürsorge
der Mutter, auf das von ihr bereitete Mittagbrot usw. hinzuweisen: _der
Kindergarten festigt das Band, das Eltern und Kinder umschlingt_.

Ob jede Mutter, auch die, die ohne genügende Hilfskräfte des Morgens die
Wirtschaft zu besorgen, die Kleinen zu waschen – und anzuziehen –
vielleicht noch ein Kleines zu pflegen und ihm Nahrung zu reichen hat – ob
jede dieser nach Tausenden zählenden Mütter wirklich die körperliche und
seelische Kraft hat, trotz dieser aufreibenden Obliegenheiten sich die
innere Ruhe und Harmonie zu erhalten, um den Kindern ein erziehliches
Vorbild sein zu können? Wieviel wird an Kindern durch die erklärliche
Aufregung, die sich der Frau bei Erfüllung von Pflichten bemächtigt, ‚die
hundert Männer verbunden nicht ertrügen‘, gesündigt! Ich spreche nur von
den mittleren, noch nicht von den unteren Ständen der Bevölkerung, ich
spreche nur von normalen Verhältnissen – nicht von denen, wo die Mutter
leidend, der Vater ungeduldig, das Verhältnis der Ehegatten zueinander das
Gemüt der Kinder in der schlimmsten Weise beeinflußt. Solchem Einflusse
die Kinder täglich auf einige Stunden entziehen, ist eine Wohltat in
seelischer Beziehung.“ –

_Beetz_ hatte ferner behauptet, eine Mutter brauche keine pädagogische
Führung und Belehrung. Es genüge, wenn sie sich von ihrem Instinkt leiten
lasse. Hier war der schwächste Punkt des Gegners. Geschickt führte daher
Henriette Goldschmidt hier ihren stärksten Gegenschlag, indem sie mit
feiner Ironie schrieb:

„Redensarten wie die, ‚die Mutter erzieht mit dem Herzen, sie ist in ihrem
dunkeln Drange sich des rechten Weges bewußt, sie ist zur Erzieherin
geboren‘, gewinnen nicht an Bedeutung, wenn sie ein ‚Schulmann‘
ausspricht. Alle diese Redensarten von der Unfehlbarkeit des Instinktes
der Frau schaffen die Tatsache nicht aus der Welt, daß der weitaus größere
Teil der Mütter – auch aus den höheren Gesellschaftskreisen – es nicht
versteht, sich mit den Kleinen zu beschäftigen. Die Frauen engagieren die
Kindergärtnerinnen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sie fühlen, und zwar
oft recht schmerzlich, daß ihr ‚Instinkt‘ nicht ausreicht und daß die
Kindergärtnerin sich mehr Verständnis und Geschick, ja sogar mehr Geduld
für den Verkehr mit den Kleinen angeeignet hat, als sie, die gewiß gern
ihre Kinder mit dem ‚Herzen‘ erziehen möchten.

Es ist eine bereits populär gewordene wissenschaftlich begründete
Erfahrung, _daß der Instinkt um so sicherer leitet, je nie__driger das
Geschöpf auf der Stufenleiter der Naturwesen steht_. Unfehlbarkeit des
Instinkts ist das Kennzeichen niederer Organismen.

Ganz gewiß mag in früheren Jahrhunderten, in denen die Frau als
Gattungswesen ihr Dasein innerhalb der Aufgabe, die ihrem Geschlechte als
solchem zufiel, lebte, einen sicheren Instinkt für die Pflege und
Erziehung, namentlich des ersten Kindesalters gehabt haben. Instinkte
verlieren an Kraft bei fortschreitender Entwicklung.

Ich würde Herrn Beetz ersuchen, von Zeit zu Zeit in meine Sprechstunde zu
kommen, um zu erfahren, _wie sicher_ die Frauen von ihrem ‚Instinkte‘, von
ihrem ‚dunkeln Drange‘, von ihrem ‚Herzen‘ bei der Erziehung ihrer Kinder
geleitet werden. Die Kindergärtnerinnen, die in Familienstellung sich
befinden, erzählen allerdings noch etwas mehr, als man durch einen Blick
auf die Straße wahrnehmen kann: den sinnlosen Luxus, die
Glacéhandschuhchen, die Schnürstiefelchen, die Spitzenhäubchen, die
Federhüte, die Kindergesellschaften, die Kinderbälle – die kostbaren
Puppen, die Modelle für Balldamen sein können, samt all dem Trödel, der
nicht nur Leib und Seele des einzelnen Kindes schädigt, der einen Keim für
den Standeshochmut in seine unschuldige Seele bringt, wohl geeignet, die
Kluft zu vergrößern, die die Glieder einer Volksfamilie voneinander
trennt.

Die Frau aus dem Volk steht allerdings der Kindesnatur näher, als die
durch alle Sprachen und Künste gebildete Mutter: jene befindet sich näher
der primitiven Entwicklungsstufe des Kindesalters. Weil aber dem so ist
und kein Zurückkehren zu dem Standpunkte des bloßen Natur- und
Gattungslebens möglich – deshalb muß die Frau auf dem Wege der _Kultur_ zu
der Erkenntnis der _Natur_ und ihrer Aufgabe als mütterliche Erzieherin
gelangen.

Nur auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis ist es heutzutage der Frau
möglich, zu den natürlichen Bedingungen des Lebens zurückzukehren.

In diesem Sinne können wir die Erscheinung Friedrich Fröbels eine
providenzielle nennen: Er zeigt uns den Weg, den wir zu beschreiten haben,
‚um von dem instinktiven, passiven Sein zu einem bewußten – und zu ganz
gleicher Höhe wie das männliche Geschlecht zu gelangen‘.

Hier ist auch der Grund für das Verständnis vorhanden, mit dem die
denkenden Frauen die Erscheinung Fröbels begrüßten. Sie anerkannten und
anerkennen, daß echte Kultur keinen anderen Zweck habe, als uns unser
eigentliches Wesen und unsere Aufgabe als Menschen besser verstehen zu
lehren; auch sie wissen, daß kein Wort so sehr das dem Menschen
Angemessene ausdrückt, als das Wort ‚natürlich‘.

Und so beginnt der Prozeß sich zu vollziehen, der zu einem wahren
Fortschritt der geistigen und seelischen Entwicklung des weiblichen
Geschlechtes führen wird: _zur Erkenntnis ihres natürlichen Berufs_.

Für den, der seit Beginn der Frauenfrage innerhalb derselben nicht nur
tätig ist, sondern auch in objektiver Weise diese Bewegung beobachtet, für
den muß die Tatsache hochbedeutsam erscheinen, daß auch diejenigen
Führerinnen dieser Bewegung, die seitab von der Fröbelschen Pädagogik
stehen, seit einer Reihe von Jahren nichts so sehr betonen, als die
_Mütterlichkeit_ der Frau. Es zeigt sich auch hier die Weisheit des
Kinderfreundes Fröbel, der zwar kein philosophisches System über das
‚Unbewußte‘ geschrieben, der aber die Bedeutung unbewußt aufgenommener
Eindrücke tiefer erkannt hat, als es vor ihm geschehen. Ich stehe nicht
an, es auszusprechen, daß die jetzt allseitig so sehr betonte Forderung
der Frauen, das Muttergefühl für unsere sozialen Aufgaben in Tätigkeit zu
setzen, zu einem großen Teile auf die _unbewußt_ aufgenommenen Ideen
Fröbels zurückzuführen ist, wie denn auch _die_ Frau, die als erste – in
jedem Wortverstande – die Bedeutung Fröbels erkannt und seine Jüngerin
geworden, es ausgesprochen: ‚Die erziehliche Mission, zu welcher Fröbel
das weibliche Geschlecht aufruft, wendet sich unmittelbar an die Seite der
weiblichen Natur, die den Kernpunkt seines Wesens ausmacht: an die Liebe,
die heiligste Liebe, die der Mutter. Diese neue Erziehung soll den
weiblichen Genius entfesseln, ihn erheben zur geistigen Mutter der
Menschheit. – Die Liebe zur Menschheit soll dem weiblichen Geschlecht zum
Kultus werden in der Pflege der Kindheit, in der Pflege des Gottesfunkens,
den die Kinderseele birgt‘ (Bertha von Mahrenholtz-Bülow).“ –

Die beiden Schriften von Beetz und Goldschmidt wurden in den Fachkreisen
vielfach besprochen. Viele Lehrer und Lehrerinnen wurden dadurch
veranlaßt, sich mit der _Frage des Kindergartens_ eingehender zu
beschäftigen, um Stellung in dem Streit nehmen zu können. So hat also
durch die Entgegnung Henriette Goldschmidts der Angriff des Direktors
Beetz im Grunde _zur Klärung der Kindergartensache_ wesentlich
beigetragen. Jeder, der die Angelegenheit objektiv prüfte, mußte jetzt zu
der Überzeugung kommen, daß die Vorstellung, wie sie Beetz und viele
andere Schulmänner vom Kindergarten hatten, unrichtig ist. Die Idee des
Kindergartens ist viel größer, als die meisten ahnen. Nicht
_Sonderanstalten_ wollte Fröbel schaffen, Sonderanstalten, die neben
Schule und Familie ein getrenntes, ein Sonderdasein führten, sondern die
gesamte früheste Erziehung wollte er durch die Idee seines Kindergartens
auf eine natürliche Grundlage stellen. Gewiß hat Fröbel in vielen Städten
Kindergärten als besondere Anstalten gegründet und gewiß müssen in jedem
Ort solche Einrichtungen geschaffen werden, das gehört mit zur Idee seines
deutschen Kindergartens. Diese einzelnen Kindergartenanstalten sind aber
noch _nicht die eigentliche Verwirklichung der Idee_. Sie sind nur ein
Teil der Verwirklichung, sie sind in der Hauptsache nur _Mittel zur
Verwirklichung_ der Idee. Als _Teil_ der Verwirklichung muß man sie
ansprechen, soweit sie die Familienerziehung _ergänzen_, d. h. soweit sie
Kindern, die in der Familie nicht den für die kindliche Entwicklung
nötigen Kreis gleichaltriger Geschwister haben, Kameraden und
Gemeinschaftsleben bieten, bzw. indem sie Kindern, die daheim infolge
wirtschaftlicher und sonstiger Nöte keine Erziehung genießen können, diese
geben. Als _Mittel_ zur Verwirklichung der Idee sind sie dort anzusehen,
wo sie Pfleg- und Anschauungsstätten der neuen Erziehungs_gesinnung_ sind.
Gerade dieser Gedanke war Fröbel besonders wichtig. In jeder – auch der
kleinsten – Gemeinde sollte neben Kirche und Schule ein Kindergarten
bestehen – weniger unmittelbar der Kinder, als vielmehr der Frauen und
Mütter wegen. Zu ihm sollten die heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen
kommen – getrieben von ihrem mütterlichen Instinkt, von dem ihnen
angeborenen Pflegesinn, von der höheren Liebe zur Kindheit, um sich hier –
als Gärtnerinnen an der Kindheit – zu betätigen, um nach dem Vorbild und
unter der Anleitung _einer echten Kindergärtnerin_ tätig zu sein und zu
lernen, dadurch ihr Edelstes zu stärken und zu entfalten, sich dadurch
ihres Frauen- und Muttertums immer klarer bewußt und auf diese Weise in
höherem und geistigerem Sinne _Mutter_ zu werden.

Hier liegt für Henriette Goldschmidt der Kernpunkt der ganzen Frage: _Die
Entfaltung des innersten weiblichen Wesens, die Erhebung ihres bisherigen
instinktiven passiven Tuns zu wirklicher, zu bewußter schöpferischer
Kulturleistung_ ist nur möglich mit Hilfe des Kindergartens. Sie sieht
keinen anderen Weg. _Hier allein bietet sich dem weiblichen Geschlecht
Gelegenheit, __durch Tun und Arbeit (an den Kindern) seine ureigensten
Kräfte und Anlagen zur Entwicklung zu bringen und im steten Hinblick auf
die Idee Fröbels sich des ewigen Wesens der Frau und ihrer tiefsten
Bestimmung bewußt zu werden._

Der Frauenwelt dieses hohe Ziel für die Entwicklung gesteckt und ihr im
Kindergarten zugleich den Weg zu diesem Ziel gezeigt zu haben, das ist –
nach Henriette Goldschmidts Meinung – die große historische Mission
Friedrich Fröbels gewesen.

Wer von der Verwirklichung dieser Idee einen Zusammenbruch der Familie
befürchtet, wie dies Beetz tut, der kann die Idee in ihrer ganzen Größe
nicht erfaßt haben. Wenn irgend etwas, so ist Fröbels Idee des
Kindergartens ein Schritt zur Vergeistigung und Erhöhung des
Menschengeschlechts.

„_Baut das Haus zum frohen Kindergarten!_“ hatte Fröbel den Müttern
zugerufen. Das sollte nicht heißen – wie das später fälschlicherweise oft
ausgelegt wurde – „sammelt Gelder, damit wir das Haus für einen
Kindergarten bauen können“, sondern Fröbel meinte damit: Macht euer Haus,
macht jedes Haus zu einem Kindergarten! _Jede Familienstube __ein Garten
der Kindheit!_ Jede Mutter in diesem Sinne eine Kindergärtnerin,
ausgezeichnet durch Liebe und echten Pflegesinn, ihren Beruf bewußt als
Kulturberuf ausübend, geadelt von der Erkenntnis, daß Geistiges, daß
Göttliches ihrer Obhut und Pflege anvertraut ist. Wenn man sich in Fröbels
sinnigstes und eigenartigstes Werk vertieft, in seine „_Mutter- und
Koselieder_“, dann wird einem das Ideal dieser Mutter deutlicher.

Wo ein _Weib dieser Art_ wirkt, sei es in der Familie, sei es in einer
besonderen Anstalt für Kinder – in einer Kleinkinderbewahranstalt, in
einem Waisenhaus, in einer Schule – _da ist ein wirklicher Kindergarten_.

_Und überall, wo Kinder sind, da sollte ein solcher Garten der Kindheit
entstehen._ Das ist Fröbels sehnlichster Wunsch. Darum ruft er: „Baut das
Haus zum frohen Kindergarten!“ – Können daran unsere deutsche Familie und
unser Volk zugrunde gehen, wie Beetz befürchtet? Das Gegenteil würde
eintreten. Darum sollten wir alles tun, um möglichst viele solcher Mütter
zu erhalten. _Damit führt Fröbels Kindergartenidee hinüber ins Gebiet der
Frauenbildung._



                    3. Ihre Reform der Frauenbildung.



                    a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung.


Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich mit Notwendigkeit, daß
zunächst echte _Kindergärtnerinnen_ herangebildet werden müssen, die in
der Frauenwelt dann gleichsam als Sauerteig wirken können. Denn erst, wenn
in jeder Gemeinde eine von wahrer Gärtnergesinnung erfüllte gebildete Frau
als Leiterin des Kindergartens tätig ist, erst dann ist ja die
Voraussetzung dazu erfüllt, daß alle heranwachsenden Mädchen und jungen
Mütter der Gemeinde an ihrem Vorbild und in ihrer Art sich bilden zu
wahren Pflegerinnen der Kindheit.

Diese Notwendigkeit hatte schon Fröbel erkannt. Daher bemühte er sich
bereits seit 1839, in besonderen Kursen (in Blankenburg, Keilhau, Dresden,
Hamburg und zuletzt in Marienthal bei Liebenstein) Mädchen und Frauen zu
solchen wahren Kindheitpflegerinnen heranzubilden. Nach seinem Tode
setzten seine Freunde (bes. Wilhelm Middendorff), vor allem auch seine
zweite Frau (Louise Fröbel), diese Arbeit fort. Später entstanden in
vielen Städten Deutschlands besondere „_Seminare für Kindergärtnerinnen_“.
Die preußische Regierung gliederte 1911 solche Ausbildungskurse für
Kindergärtnerinnen sogar in die allgemeine Frauenschule ein und erließ
besondere Vorschriften für die staatliche Prüfung der Kindergärtnerinnen.
Andere deutsche Staaten folgten, z. B. Sachsen 1918.

Auch Henriette Goldschmidt hatte in Leipzig ein solches Seminar für
Kindergärtnerinnen gegründet, und zwar bereits im Jahre 1872. Es war eine
der ersten derartigen Anstalten in Deutschland. Und zweifellos eine der
besten.

Der Ausbau der Kindergärtnerinnen-Seminare stieß auf große
Schwierigkeiten. Er war viel schwerer als der einige Jahrzehnte vorher
erfolgte Ausbau der Lehrerinnenseminare. Denn bei diesen letzteren war
bereits das Vorbild der Lehrerseminare vorhanden und ein Stab vorzüglicher
Seminarlehrer, die den Unterricht in sachgemäßer Weise übernehmen konnten.
Beim Kindergärtnerinnenseminar fehlte beides. Wie bei jeder völligen
Neuschöpfung war auch hier zunächst nur ein chaotischer Zustand vorhanden,
aus dem sich erst ganz allmählich festere Formen heraus entwickelten. Daß
sich dieser Klärungs- und Gestaltungsprozeß vollzog, daß mehr und mehr die
frühere „vom Zufall, von der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse abhängige
Bildnerei der Kindergärtnerinnen“ einem geordneten systematischen Lehrgang
wich, das ist in erster Linie ein Verdienst Henriette Goldschmidts. Sie
übte strenge Kritik an sich und anderen. Noch 1909 erklärte sie auf der
Hauptversammlung des „Deutschen Fröbelverbandes“ in Magdeburg – also vor
den versammelten Leiterinnen der Kindergärtnerinnen-Seminare Deutschlands:
„Gestehen wir es uns offen, _unsere Seminare_, die Fachschulen, die einer
Anzahl von jungen Mädchen, die öfter der Not gehorchen als einem inneren
Drange, die Vorbereitung zur Kindergärtnerin geben, _entsprechen nicht der
Idee Fröbels_, das weibliche Geschlecht um seiner menschheitpflegenden
Bestimmung willen zu ganz gleicher Höhe wie das männliche zu erheben.“ –

Man hatte in der Ausübung des Kindergärtnerinnenberufs eine
_Erwerbsquelle_ entdeckt und Seminare aus diesem Grunde ins Leben gerufen.
Gewiß hat Fröbel dadurch, daß er einen neuen Beruf für Frauen geschaffen
hat, eben den Beruf der Kindergärtnerin, unendlich viel für die
„Brotfrage“ des weiblichen Geschlechts getan, aber die Seminare dürfen
nicht dieser Brotfrage wegen gegründet werden, sie müssen vielmehr stets
der Tatsache eingedenk bleiben, daß sie _einer großen Idee entsprungen_
sind. Verlieren sie diese aus den Augen, dann sinken sie zu einer
gewöhnlichen Fachschule herab, in der man sich begnügt, die Schüler
äußerlich auf den zukünftigen Beruf zuzustutzen. Diese äußerliche
Abrichtung ist aber nirgends gefährlicher als gerade hier, wo es sich
darum handelt, _Trägerinnen einer neuen Frauenkultur_ heranzubilden. Für
viele Berufe mag es genügen, die Schüler in äußerer Technik zu schulen,
_für den Beruf der Kindergärtnerin genügt es nicht_. In ihr muß der innere
Sinn für die Bestimmung des weiblichen Geschlechts geweckt sein, sie muß
das spezifische Wesen der Frau erkannt, _innerlich erlebt_ haben, sie muß
im Kinde die Kindheit, das Göttliche ahnen: wie kann sie sonst _Pflegerin
der Kindheit_ werden? wie kann sie sonst Mädchen und Frauen zum Bewußtsein
ihrer menschheitpflegenden Bestimmung verhelfen?

Es genügt also nicht, daß die zukünftige Kindergärtnerin auf dem Seminar
in die Handhabung der Fröbelschen Gaben und Beschäftigungen eingeführt
wird. Sie muß tiefer eindringen. Also nicht nur enge Berufs- und
Fachbildung, sondern allgemeine Vertiefung in Menschen- und
Welterkenntnis.

Das hat Henriette Goldschmidt tief empfunden. Und sie hat sich bemüht,
dies durch zeitliche Ausdehnung der Lehrgänge und durch Aufnahme
allgemeinbildender Fächer in den Lehrplan zu erreichen. Freilich in vollem
Umfange ist ihr die Lösung des schwierigen Problems noch nicht gelungen.
Dessen war sie sich auch vollkommen bewußt.

Am ehesten noch hoffte Henriette Goldschmidt den inneren Sinn der
Schülerinnen erschließen zu können durch die _kulturhistorische
Begründung_, die sie der Fröbelschen Pädagogik gab. Sie ging dabei aus von
dem Wort Fröbels: „In der Entwicklung des inneren Lebens des einzelnen
Menschen spricht sich die geistige Entwicklungsgeschichte des
Menschengeschlechts aus, so daß das gesamte Menschengeschlecht als _ein_
Mensch angeschaut werden kann, da in ihm die Entwicklungsstufen des
Einzelnen nachzuweisen sind.“ Also: _Die Entwicklung des Einzelnen gleicht
der Entwicklung der Gesamtheit_, oder wie Karl Lamprecht es einmal
ausgedrückt hat: „Der heutige Stand der Wissenschaft läßt keinen Zweifel
mehr daran bestehen, daß die Entwicklung des Einzelmenschen nicht nur
physisch, sondern auch psychisch im allgemeinen analog der Entwicklung der
Rasse verläuft. Die natürliche Konsequenz dieser Tatsache ist, daß, um die
Entwicklung der Rasse zu verstehen, es nötig ist, die Wissenschaft der
Entwicklung des Einzelmenschen zu Hilfe zu nehmen und umgekehrt.
Insbesondere kommt hier in Betracht der seelische Werdegang des Kindes, in
vielen Punkten verläuft er parallel zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte,
die man als Prähistorie bezeichnet, nicht minder weist er Merkmale auf,
die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen
stehenden Naturvölker eigentümlich sind.“

Dieses _biogenetische Grundgesetz_, wie man es in der Wissenschaft genannt
hatte, spielte in der Pädagogik bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts
eine Rolle. Der Leipziger Universitätsprofessor Ziller wollte die
Verteilung des Lehrstoffes für die Volksschule auf Grund dieses Gesetzes
vornehmen. Er meinte damit dem jeweiligen Fassungsvermögen der Kinder am
besten Rechnung zu tragen. So kam er zu seinen bekannten acht
„_Kulturstufen_“. Den gesamten Unterricht während eines Schuljahres
gruppierte er um ein wertvolles Kulturerzeugnis, das ungefähr der
geistigen Reife der Kinder des betreffenden Jahrgangs entsprach, und zwar
hatte er ausgewählt:

für das erste Schuljahr:       zwölf Märchen der Gebrüder Grimm,
für das zweite Schuljahr:      Robinson,
für das dritte Schuljahr:      die Geschichten der biblischen
                               Patriarchen,
für das vierte Schuljahr:      die Geschichte von Moses usw.

Es ist hier nicht der Ort, die Richtigkeit des biogenetischen
Grundgesetzes nachzuprüfen oder die Berechtigung seiner Anwendung auf die
praktische Erziehungs- und Unterrichtsarbeit zu erörtern. Uns interessiert
hier nur die Art und Weise, wie Henriette Goldschmidt mit Hilfe dieses
Gesetzes die zukünftigen Kindergärtnerinnen in das Verständnis der
Fröbelschen Pädagogik einführte. Hören wir sie selbst! – In ihren „Ideen
über weibliche Erziehung“ (1882) gibt Henriette Goldschmidt einige
Andeutungen darüber, wie sie sich diesen Unterricht denkt. Sie schreibt:
„Die Freiheitsgeschichte des Menschen, sowie die unstreitige Ursache der
Ungleichheit und aller aus ihr resultierenden Übel hat mit dem Bebauen des
Bodens begonnen. Das erste Korn, von Menschenhand in die Erde gelegt,
enthielt auch den Kern ‚mit der Frucht geschwellt‘, die unser
vielgestaltiges Kulturleben birgt. Der Ackerbau bedingt den festen
Wohnsitz, der feste Wohnsitz ermöglicht ein inniges vertrauliches
Familienleben. Der Kranke, der Schwache, der Alte, das Kind, jetzt sind
sie nicht die Last, die auf Streifzügen gar nicht mitgenommen werden
konnten, deren Tötung als Wohltat betrachtet wurde – sie können in den
Räumen versorgt, gepflegt, behütet werden, die eine bestimmte Umgrenzung,
eine Wohnung bilden. Tugenden der Geduld, der Nachsicht werden entwickelt,
Neigungen werden zu Empfindungen, Liebe verbindet sich mit Treue und wird
zu edler Gesinnung. Die Frau wird schon dadurch zur Gehilfin des Mannes,
wenn die Speise nicht mehr roh, sondern zubereitet genossen wird. Der
Wohnungsraum, der Kochtopf, das sind die wichtigsten Bedingungen für die
Kultur. Alles andere ergibt sich bei einigem Nachdenken von selbst. Dem
Familienleben folgt das Gemeinde-, das Volks- und Staatsleben. Der
Ackerbau erfordert Werkzeuge. Es entsteht der Handwerkerstand, es folgt
der Handels-, Kaufmannsstand, ‚der Güter zu suchen ausgeht, an dessen
Schiff das Gute sich knüpft‘. Die religiöse, die wissenschaftliche, die
künstlerische Bildung gewinnt die ersten Anregungen, die ersten
Anschauungen durch die Beobachtung und durch die Beschäftigung mit der
Natur und schreitet fort zur Ahnung, zur Erkenntnis des Göttlichen – zu
dem ‚über Zeit und Raum thronenden höchsten Gedanken.‘

Haben wir mit diesem Ausgangspunkte, den wir als den kulturgeschichtlichen
bezeichnen, einen festen Punkt für die Erziehung des Einzelnen in unserer
Zeit gewonnen? Was hilft uns die Erkenntnis von dem naturgemäßen
Ausgangspunkte der Kultur der Gesamtheit in Rücksicht auf die
Erziehungsaufgabe im einzelnen? Entwicklung bedeutet ja bei dem Menschen
nicht Wiederholung derselben Stadien wie bei Naturwesen, wozu nützt es
uns, auf die primitiven Stufen zurückzugehen? Wir werden nicht jedes Kind
erst Ackerbau treiben lassen, damit es den richtigen Ausgangspunkt für die
Kultur empfängt. Gewiß, so wenig ‚Entwicklung‘ bei dem Menschen
Wiederholung derselben Stadien bedeutet, so wenig können wir uns von den
allerersten Bedingungen unserer Existenz so loslösen, daß wir nicht mit
ihnen anfangen müßten. Die ersten Kulturstufen können niemals von den
folgenden ganz überwunden werden, sie sind auch für die nächsten zu
benutzen. Jeder Mensch fängt noch heute als ein Kind an und deshalb als
ein ‚_Naturwesen_‘, und so steht das Kind bei seiner Geburt viel näher dem
Zustande der Naturvölker als dem seiner gebildeten Eltern. Wir werden
demnach, wenn wir an die Erziehung des Kindes herantreten, es als
‚_Naturwesen_‘ zu achten und zu beachten haben und zunächst die
Bedingungen erfüllen, auf die es als Naturwesen ein Recht hat. _Die
Existenz um der Existenz willen, ist das Recht des Geschöpfes._ Doch wir
werden diesen Bedingungen in der Erkenntnis zu entsprechen suchen, die wir
aus der Beachtung eines naturgemäßen sittlich-geistigen Entwicklungsganges
gewannen. Wir sehen, daß auch die sittlich-geistigen Einflüsse durch die
verschiedene Art der Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse bedingt sind,
und wir werden folgerichtig schließen, daß die sittliche Gewöhnung des
Kindes schon hier, bei der Verabreichung von Nahrung zu beginnen hat.“
(S. 53 ff.)

„Das Eleusische Fest“ von Schiller diente ihr meist als Ausgangspunkt für
diese kulturhistorischen Besprechungen. In ihrer größeren Schrift „Was ich
von Fröbel lernte und lehrte“ hat sie sich über diesen wichtigen Teil
ihres Unterrichts weiter verbreitet.



                       b) Allgemeine Frauenbildung.


_Friedrich Fröbel_ hatte sich die Veredelung des bisherigen instinktiven
Tuns der Frau zu einer bewußten Kulturleistung, also die kulturelle
_Höherentwicklung_ des weiblichen Geschlechts „von seinem Wesen aus“ nur
mit Hilfe der Kindergärtnerinnen in den, bzw. durch die Kindergärten
gedacht. Darum erblickte er in der Ausbildung von echten
Kindheitspflegerinnen seine wichtigste Aufgabe.

_Henriette Goldschmidt_ ging in dieser Beziehung über Fröbel hinaus. Sie
faßte die Aufgabe weiter. Zwischen Fröbel und ihr lag eben – schon rein
zeitlich betrachtet – der Anfang der deutschen Frauenbewegung. Von einer
neuen, von einer umfassenden Frauenbildung allein erwartete man einen
Aufstieg des weiblichen Geschlechts. Diese Gedanken hatten in Henriette
Goldschmidt begeisterten Widerhall gefunden. Zu ihrer Verwirklichung
beizutragen, galt ihr als heiligste Pflicht.

Um das ganz zu verstehen, muß man bedenken, daß die Mädchen damals noch
vom Besuch öffentlicher höherer Schulen ausgeschlossen waren. Es gab für
sie nur private – zum Teil recht minderwertige –
Fortbildungseinrichtungen.

Durch das berechtigte Streben der Frauen, nicht eine schlechtere Bildung
zu erhalten als die Männer, entstand die Gefahr, die für Knaben bestimmten
Schulen sklavisch nachzuahmen. Nicht alle Vorkämpferinnen für
Frauenbildung sind dieser Gefahr entronnen. Henriette Goldschmidt dagegen
erkannte von vornherein, daß es ein Widerspruch wäre, mit den bisherigen
(also auf Männer zugeschnittenen) Schuleinrichtungen und
Unterrichtsmethoden das tiefinnerste Wesen des Weibes entfalten, den
mütterlichen Instinkt zum Bewußtsein erheben zu wollen. Dadurch erhielt
ihr Wirken für Frauenbildung die starke, _spezifisch weibliche Note_.
Schon 1871 konnte sie daher in einem in Kassel gehaltenen Vortrage über
„die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ jede Nachahmung
der Knaben- und Männerbildungsanstalten ablehnen und erklären: „_Nur durch
ein ganz verändertes Prinzip der Erziehung kann die Umbildung unseres
Geschlechtes vor sich gehen._“

In Fröbels Pädagogik fand sie diesen neuen Weg. Sie spürte in seiner Idee,
den Erziehungsberuf der Frau zu einem Kulturberuf zu erheben, die
Keimkraft einer neuen Epoche der Menschheit sich regen. „Zum ersten Male,“
schrieb sie 1909, „erhielten die Frauen (durch Fröbel) nicht nur guten Rat
und gute Lehren als Brosamen von der bisherigen wissenschaftlichen
Pädagogik, sondern eine _Lehre_ in systematischer Form, eine neue Lehre
von einem neuen Quellpunkte aus, aus einer neuen Erkenntnis.“

_Anders_ also sollte der Bildungsgang des Weibes sein als der des Mannes,
andersartig aber _nicht minderwertiger_, nicht „leichter“, nicht
„bequemer“, nicht „oberflächlicher“. Im Gegenteil! An Arbeit, an harte
Arbeit soll das weibliche Geschlecht sich gewöhnen. Das fand damals –
besonders bei den Frauen der höheren Schichten – noch viel Widerspruch.
Aber in ihrem tiefsinnigen Vortrag „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“
(1870!) zerstreute sie diese Bedenken mit folgenden feinen und klugen
Worten: „_Die Arbeit_, die sich segensreich bewährt auf allen Gebieten des
Lebens, die Ausbildung des Geistes, die bei unsern Männern die
Gemütsinnigkeit steigert, _sollte für die Frau gefährlicher sein als die
Ausbildung des Phantasie- und Genußlebens_? Ich meine, selbst die
weitgehendste wissenschaftliche Ausbildung, selbst eine einseitigste
Berufsbildung stellt uns auf den Boden der Pflicht und bildet den
Menschen. Denn arbeiten muß der ganze Mensch, weder die Phantasie allein,
noch das Herz allein. In der Arbeit kommt Herz und Geist zur
Durchdringung, zur Übereinstimmung, zur Einheit; die Arbeit schafft den
Charakter, und _Charakter sollen auch unsere Frauen haben_, nicht
willenlose Schwärmerei, nicht Phantasterei, nicht lethargisches
Genußleben.“

Die wichtigste Sorge ist ihr nur, daß die Bildung des weiblichen
Geschlechts auch Früchte trage, daß sie zu positiven Leistungen führe. Sie
hat ein sehr richtiges Gefühl dafür, daß nämlich durch die den Frauen
eingeräumten Rechte auf Bildung dem weiblichen Geschlechte auch Pflichten
erwachsen, daß man von ihm nun eine tatsächliche Bereicherung bzw.
Veredelung unseres Kulturlebens erwarten wird. Ob die Frau, soweit sie in
Schule und Beruf in den Bahnen des Mannes wandelt, zu fruchtbarer
Kulturarbeit sich wird erheben können, erscheint ihr mindestens
zweifelhaft. Wenn sie dagegen „von ihrem Wesen aus“, innerhalb ihrer
Bestimmung sich ungehemmt entfalten kann, dann wird sie Kulturleistungen
hervorbringen, Kulturleistungen, deren der Mann nicht fähig ist. Das ist
Henriette Goldschmidts fester Glaube.



Es kommt also alles darauf an, die Frauenbildung _naturgemäß_ zu
gestalten, sie zu gründen auf das Wesen, auf die Natur des Weibes. Darum
ist ihr „der Pflegesinn des Weibes, seine seelische Besonderheit, seine
ihm eigentümliche Aufgabe“ Mittelpunkt für den Lehrplan und Ziel aller
höheren weiblichen Fortbildung (nach Verlassen der Schule!). Pflegen und
Erziehen muß dem weiblichen Geschlechte nicht nur als wichtigste, sondern
zugleich als schönste Aufgabe des Lebens erscheinen.



Die Entfaltung dieses idealen Sinns denkt sich Henriette Goldschmidt nicht
nur mit Hilfe der Fröbelschen Pädagogik – wenn auch durch sie in erster
Linie –, sondern auch durch Einführung in die Ideenwelt unserer Klassiker.
Sie hat erkannt, daß es von großem erziehlichen Einfluß ist, wenn „unsere
Jugend ihre Ideale durch die Erkenntnis der Ideale unserer Klassiker
läutert“. In diesem Sinne schreibt sie in ihren „Ideen über weibliche
Bildung“ (1882): „Ich bin mir bewußt, daß meine Ansichten dem Geiste einer
Zeit verwandt sind, die unmittelbarer unter dem Einflusse unserer
klassischen Literatur, eines Herder, Lessing, Schiller sich befand, als
die unsrige. Mag eine gelehrte Jugend lächeln über die Träume einer
idealistisch gestimmten Vergangenheit. _Wir leben der Überzeugung, daß das
deutsche Volk mehr als einmal im Laufe seiner Entwicklung zurückkehren_
wird zu den Idealen jener Zeit, und daß es auch aus dem Drucke unserer
pessimistisch-materialistisch gestimmten Gegenwart, die ihren Gegensatz in
einem romantisch sinnlich-übersinnlichen Rausche sucht, erwachen muß bei
dem Morgenlichte jener einzigen Zeit, die unsere Dichter und Denker
heraufgeführt. In diesem Sinne und im Zusammenhange mit den großen
Pädagogen außerhalb der Schule hat sich mir das Verständnis der
Fröbelschen Erziehungslehre erschlossen, und in diesem Sinne möchte ich zu
ihrem Verständnis anregen.“ (S. 26.)

Damit ist in allgemeinen Zügen der Charakter einer höheren
Fortbildungsschule für Mädchen bzw. Frauen gezeichnet, wie sie Henriette
Goldschmidt vorschwebte. Der Kindergarten und die Arbeit in ihm ist das
Fundament, auf dem sie aufgebaut ist. Jedes heranwachsende Mädchen sollte
durch ihn hindurchgehen! Eine Art _weibliches Dienstjahr_ schwebt ihr vor.
In unseren Tagen wird viel von einem „Freiwilligenjahr der Frau“ geredet.
Da ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß dieser Gedanke nicht so
funkelnagelneu ist, wie manche glauben. Bereits _1868_ hat Henriette
Goldschmidt auf der Generalversammlung des „Allgemeinen deutschen
Frauenvereins“ in Braunschweig dieser Idee mit folgenden Worten Ausdruck
verliehen: „Die Männer zahlen ihre Schuld dem Vaterlande, indem sie es
gegen den Feind verteidigen, und indem sie die Bürger gegen Gefahren
schützen. _Vertreter des Volks, wir Frauen verlangen eine gleiche Last!_
Alle jungen Mädchen müßten, ehe sie heiraten, _wenigstens ein Jahr lang_
täglich mehrere Stunden in den Hospitälern zubringen, in den
Wohltätigkeitsanstalten, in allen Orten, die zum Schutz der Unglücklichen
gestiftet sind. Hier müßten sie die augenblickliche und natürliche
Erregtheit ihres weichen Herzens, die vorübergehend und deshalb
unfruchtbar ist, in ein tätiges Gefühl verwandeln. Die Frauen müßten auch
den Eid der Treue leisten, und zwar nicht dem Staat, sondern Gott und den
Armen – und nachdem sie ihre Pflicht getan haben, ebensogut und ebenso
stolz wie der Soldat sagen können: ‚Ich habe gedient‘.“ –

Später wollte sie dieses „Dienstjahr“ ausschließlich auf dem Gebiete der
Erziehung abgeleistet wissen. So schrieb sie 1918: „Das Dienstjahr für die
weibliche Jugend sei ein Lehrjahr in einer gutgeleiteten Fröbelschule.“
Und sie fügt hinzu, warum sie gerade den Kindergarten für die geeignetste
Stätte zur Ableistung der weiblichen Dienstpflicht hält: Der „Schrei nach
dem Kinde“ ertönt jetzt lauter denn je. „Hier, im Kindergarten, ist die
Stätte, _wo der Wille zum Kinde_ in der keuschesten Weise in den
jugendlichen Gemütern erweckt wird und das mütterliche Gefühl in einer
unserer Kultur gemäßen Weise sich betätigt.“

Jedenfalls soll die heranwachsende weibliche Jugend zu der Erkenntnis
geführt werden, daß _die Erziehungsaufgabe eine wichtige allgemein
menschliche Angelegenheit_ ist, insbesondere eine Pflicht des weiblichen
Geschlechts, auf deren Ausübung man sich vorbereiten muß. Daß in dieser
Beziehung bisher eine Lücke in unserem Schulwesen bestand, brachte
Henriette Goldschmidt ihren Lesern bzw. Hörern gern dadurch zum
Bewußtsein, daß sie ein Wort des Philosophen _Herbert Spencer_ zitierte,
nämlich folgendes: „Wenn durch irgendeinen Zufall keine Spur von uns bis
auf die ferne Zukunft erhalten bliebe, außer einem Haufen unserer
Schulbücher oder einigen Prüfungsheften der Schule, so könnten wir uns
ausmalen, in welche Verlegenheit ein Altertumsforscher jener Periode käme,
in ihnen keine Zeichen zu finden, daß die Schüler jemals möglicherweise
Eltern werden würden. Wir können uns vorstellen, daß er folgendermaßen
schließt: _Dies muß der Schulplan für die ehelosen Stände gewesen
sein ..._ ich finde nicht die geringste Berücksichtigung der
Kindererziehung. Sie konnten nicht so töricht sein, für diese schwerste
aller Verantwortlichkeiten jeglichen Unterricht zu unterlassen. Offenbar
also war dies der Schulkursus eines ihrer Klosterorden.“

Die Verwirklichung ihrer Ideen über allgemeine weibliche Höherbildung
versucht sie in ihrem, 1878 gegründeten, „_Lyzeum für Damen_“ in Leipzig
(jetzt „Fröbel-Frauenschule“). – 1911 hat sie in ihrer Denkschrift „Vom
Kindergarten zur Hochschule für Frauen“, unter Anlehnung an das 1878
erschienene erste Programm dieser Anstalt, _das Wesen dieser neuartigen
höheren Frauenbildungsstätte_ in folgender Weise dargelegt:

„Das Lyzeum will der Idee dienen; ‚_das instinktive passive Tun der Frau_‘
auf ihrem _eigensten_ Gebiete in ein _bewußtes_ zu wandeln: es will die
weibliche Jugend der wohlhabenden, der gebildeten Stände mit dem Wissen
und Können ausstatten, das der Erziehungsberuf innerhalb der _eigenen_
Familie erfordert. _Der Erziehungsberuf der Frau ist als gleichwertig der
Berufsbildung des Mannes zu betrachten, er bedarf der Vorbereitung._

Kein Mann beschränkt sich, darf sich auf diejenige Wissenschaft
beschränken, die seine Fachbildung erheischt. Der Arzt studiert nicht nur
Naturwissenschaften, der Jurist nicht nur Rechtswissenschaft, der
Geistliche nicht nur theologische Schriften usf., – sondern ein jeder
lernt sein besonderes Fach erst recht kennen, wenn er durch das Studium
der Geschichte, Literatur, Philosophie usw. Klarheit über die Stellung
gewinnt, die seine Spezialwissenschaft innerhalb der Gesamtwissenschaft
einnimmt.

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat das Lyzeum in seinem Lehrplan:
Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte, Mathematik, Naturwissenschaften
und die Fortführung des fremdsprachlichen Unterrichts aufgenommen.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt für die weibliche Jugend,
wenn nicht Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre,
Psychologie den Mittelpunkt des Planes bildeten.

Das Lyzeum wäre keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer neuen
Pädagogik, wenn es sich mit theoretischen „anschauungslosen Definitionen“
begnügte. „Erziehung“ verlangt: „Willen und Können.“ Dieses Wollen und
Können ist durch Fröbels Lehre und Methode gegeben: die letztere verlangt
künstlerische Übungen, das Zeichnen, das Tonen usw. – Gymnastik und
Gesang.

Das Lyzeum wäre aber auch keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste
_unserer auf soziale Hilfsarbeit gerichteten Zeit_, wenn es die weibliche
Jugend nicht zu solcher Hilfsarbeit erzöge. _Das Lyzeum steht in
Verbindung mit den Volkskindergärten_ und gibt den jungen Mädchen
Gelegenheit zum Verkehr mit den Kindern des Volkes, – zur Dienstleistung
für dieselben. Es bahnt den Weg zum Verständnis und zur Würdigung der
sogenannten untern Stände und zur Versöhnung der schroffen Gegensätze
innerhalb der verschiedenen Glieder der Volksfamilie.

Das Lyzeum ist bestrebt:

   1. die Kluft überbrücken zu helfen, welche zwischen männlichem und
      weiblichem Geistesleben, namentlich in den höheren Ständen vorhanden
      ist,
   2. das instinktive, passive Tun der Frau in ein bewußtes zu wandeln,
      damit sie den mütterlichen Erziehungsberuf in seiner ganzen
      Bedeutung und Verpflichtung erkenne,
   3. in der weiblichen Jugend das Gefühl und das Gewissen zu erwecken für
      unsere sozialen Notstände, – sie aufzurütteln aus dem trägen
      Genußleben, in dem mehr Kräfte verbraucht werden als in der
      angestrengtesten Tätigkeit.

In aller Kürze haben wir die _idealen_, die _humanen_ Ziele des Lyzeums
bezeichnet.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt im Sinne und nach den
Forderungen unserer auf die _wirtschaftliche Selbständigkeit_ der Frau
gerichteten Zeit, wenn es nicht zur Lösung der so brennend gewordenen
Erwerbsfrage beitragen könnte.“

Die Berufe, für die das Lyzeum vorbereitet, sind:

   a. Erzieherin in der Familie,
   b. Leiterin von Kindergärten und ähnlichen Anstalten,
   c. Lehrerin der Fröbelschen Pädagogik an Kindergärtnerinnenseminaren.

Henriette Goldschmidt erkannte aber bald, daß in dem engen Rahmen eines
„Lyzeums für Damen“ ihre große Idee nicht volle Verwirklichung finden
konnte. Darum erhob sie fast jedes Jahr in den Programmen des Lyzeums den
Ruf:

„_Das Lyzeum soll zu einer Hochschule sich gestalten_, an der
wissenschaftlich tüchtige Männer und Frauen unserer weiblichen Jugend zu
dem schwierigsten, verantwortlichsten und idealsten Berufe, dem der
Erziehung des Geschlechtes der Zukunft die Weihe der Wissenschaft geben.“

Der Gedanke einer Hochschule für Frauen war nicht neu. Bereits im Dezember
1849 war der Plan, solche Hochschulen zu gründen, in _Hamburg_
aufgetaucht, und zwar in Fröbelkreisen. Es bildete sich damals in der
Hansestadt ein „Allgemeiner Bildungsverein deutscher Frauen“, aus dessen
Statuten in diesem Zusammenhang folgendes interessiert:

„1. _Zweck_: Verbreitung humaner Bildung ohne Rücksicht auf konfessionelle
Unterschiede.

2. _Bildungsmittel_: Hochschulen für das weibliche Geschlecht,
Kindergärten, Verbindung der Erziehung der Familie mit dem Unterricht der
Schule, Armenpflege, Krankenpflege.

3. _Stellung_: Hamburg ist vorläufig der Sitz des Zentralvereins, welcher
zur Förderung der allgemeinen Zwecke sich mit allen deutschen
Frauenvereinen in Verbindung setzt. Diese schließen sich dem Zentralverein
an, indem sie sich zu regelmäßiger Unterstützung der gemeinsamen Zwecke
verpflichten.

4. _Das erste gemeinsame Unternehmen_ ist die Stiftung einer Hochschule
für Mädchen in Hamburg in Verbindung mit der Beförderung der
Kindergärten.“

Im Januar 1850 wurde die neue Anstalt eröffnet. Ein Neffe Friedrich
Fröbels: _Carl Fröbel_ war ihr erster Rektor. Ihm zur Seite stand ein
Verwaltungsausschuß, dem folgende Frauen angehörten: Emma Isler geb.
Meyer, Bertha Traun geb. Meyer, Elise Bieling geb. Ström, Mathilde Seybold
geb. Mohrmann, Henriette Salomon geb. Goldschmidt, Emilie Wüstenfeld geb.
Capelle.

Auch Friedrich Fröbel, der während des Winters 1849/50 in Hamburg weilte
und pädagogische Vortragskurse abhielt, unterstützte die junge Anstalt.
Zur Charakterisierung der Hamburger Frauenhochschule sei aus dem ersten
Programm derselben noch folgendes mitgeteilt:

„Die Anstalt soll erwachsenen Mädchen nach vollendetem Schulkursus eine
weitere Ausbildung gewähren, die alles umfaßt, was das praktische,
gesellige und geistige Leben in seinen höchsten Sphären von gebildeten
Frauen verlangen kann.

Die eigentlichen Schülerinnen, von welchen eine Ausbildung nach allen drei
Richtungen gewünscht wird, wohnen als Pensionärinnen in dem Pensionshause
der Anstalt, welchem Professor Carl Fröbel und seine Frau Johanna Fröbel
geb. Küstner vorstehen. Wenn die Zahl der Pensionärinnen zwanzig
übersteigt, wird ein zweites Pensionshaus errichtet.

Zur Übung für das praktische Leben werden die Schülerinnen auf möglichst
zweckmäßige Weise mit den Haushaltsgeschäften und der dazu nötigen
Buchhaltung vertraut gemacht. In dem zur Anstalt gehörenden Kindergarten
lernen sie die erziehende Beschäftigung und naturgemäße Behandlung der
Kinder kennen.

Für das gesellige Leben bieten außer der Anstalt die Familien des
Bildungsvereins und andere die den Schülerinnen wünschbaren Gelegenheiten
dar.

Der wissenschaftliche Unterricht wird in halbjährliche Lehrkurse
eingeteilt und zum Teil in Vorträgen, zum Teil an Übungen geknüpft.

Auch außer der Anstalt wohnende Mädchen und Frauen werden zur Teilnahme an
den Lehrkursen als Hochschülerinnen oder als Zuhörerinnen einzelner
Vorlesungen zugelassen.“

Der erste _Lehrplan_ der Hamburger Frauenhochschule umfaßte: Einleitung in
die Philosophie, Erziehungslehre, Erklärung der Gedichte Schillers,
Geschichte der Religionen, Englisch, Französisch, Geschichte, Geographie,
Literatur, Sprachlehre, Formenlehre, Zeichnen, Gesang, Übungen im
Kindergarten.

Außerdem war den Hochschülerinnen Gelegenheit gegeben, an den außerhalb
der Anstalt stattfindenden Vorträgen Friedrich Fröbels teilzunehmen.

Es herrschte ein frisches, geistig reges Leben in der jungen
Frauenhochschule. _Malvida von Meysenbug_, die die Anstalt damals
besuchte, erzählt anschaulich davon in ihren berühmten „Memoiren einer
Idealistin“:

„Ich war keine junge Schülerin mehr, ich war ein gereiftes Wesen, das aus
den Konflikten des Daseins zu der einzig wahren Zuflucht flüchtete, zu
einer edlen nutzbringenden Tätigkeit. Ein eigenes, beinahe feierliches
Gefühl erfaßte mich, als ich die Schwelle des Hauses, in welchem ich ein
neues Leben beginnen wollte, überschritt.“ Und dann schildert sie ihr
Bekanntwerden mit Fröbels pädagogischem System: „Ich hatte bereits davon
reden hören, sah es hier zuerst in der Praxis (in dem Kindergarten der
Hochschule!) und war entzückt davon. Psychologisch tief und geistvoll fand
ich alle Grundsätze, welche Fröbels System zugrunde liegen und worin sein
eigentlicher Wert besteht. Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war
eine wahrhaft beglückende.“

Die Hochschülerinnen wurden aber nicht nur in das Reich des Geistes
eingeführt, sondern sie mußten auch häusliche Arbeiten verrichten. Malvida
von Meysenbug erzählt z. B. u. a.: „Einmal in der Woche standen wir im
Garten fröhlich um einen Waschtrog, und während die Hände Wäsche rieben,
besprachen wir Gegenstände aus den Vorträgen oder sonst wichtige Fragen.
Wir taten die gröbere Arbeit, weil es zum Vorteil der Anstalt diente, die
unser allerhöchstes Interesse war, und wir fühlten uns dadurch nicht
gedemütigt. Viele der begabtesten Schülerinnen, denen bisher jede
häusliche Beschäftigung ein Greuel war, suchten diese jetzt mit der
geistigen Arbeit zu vereinen. Die Leichtsinnigen wurden ernst, die Faulen
fleißig. _Es __war eine Strömung, die sie alle zum Guten fortriß_.“

Der jungen Anstalt war aber nur ein kurzes Dasein beschieden. Sie fiel der
– nach der Revolution von 1848 – einsetzenden Reaktion zum Opfer. Die
Beziehungen der Hamburger Frauenhochschule zu den _freireligiösen
Gemeinden_ genügten den Gegnern, die Anstalt durch gedruckte Pamphlete zu
verdächtigen. Sie wurde „als ein Herd der Demagogie dargestellt, wo unter
dem Mantel der Wissenschaft revolutionäre Pläne geschmiedet würden.“ Viele
Eltern wurden dadurch irre gemacht und erlaubten ihren Töchtern nicht den
Besuch der Schule. Der Mangel an Hörerinnen brachte die Anstalt in
finanzielle Schwierigkeiten, und sie mußte geschlossen werden.

Vielleicht wäre es gelungen, die Hamburger Frauenhochschule zu erhalten,
wenn man sich dazu hätte entschließen können, dem damals herrschenden
Geist der Reaktion Zugeständnisse zu machen. Aber das wollte man nicht.
„Man fand es besser, die Verwirklichung der Idee der Zukunft zu
überlassen, als einen Kompromiß mit der alten Welt zu machen.“ Die
Stimmung, die damals bei den Freunden der Anstalt herrschte, bringt
Malvida von Meysenbug in den Worten zum Ausdruck: „Die Erfahrung war
gemacht, ein Resultat war gewonnen. Der Gedanke, die Frau zur völligen
Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen Unabhängigkeit und
zum Besitze aller bürgerlichen Rechte zu führen, war in die Bahn zur
Verwirklichung getreten: _Dieser Gedanke konnte nicht wieder sterben._ Wir
zweifelten nicht, daß viele von denen, welche seine erste Inkarnation in
unserer Hochschule gesehen hatten, noch seinen völligen Triumph sehen
würden, wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt.“

Diese Hoffnungen erfüllten sich – durch _Henriette Goldschmidt_.

Eine der Mitbegründerinnen der Hamburger Frauenhochschule – und zugleich
eine der geistig bedeutendsten Frauen jener Kreise – _Emilie Wüstenfeld_ –
stellte gleichsam die Verbindung zwischen Hamburg und Henriette
Goldschmidt dar. Die beiden Frauen kannten sich persönlich und Henriette
Goldschmidt nannte später Emilie Wüstenfeld „ihre liebe
Gesinnungsgenossin“, da diese, ebenso wie sie selbst, „eine Reform der
Erziehung des weiblichen Geschlechtes, eine neue Grundlage für die
Fortbildung der erwachsenen weiblichen Jugend _als notwendigen
Ausgangspunkt für den Eintritt der Frau in die Kulturarbeit der Zeit_ für
notwendig hielt,“ vor allem aber war sie Henriette Goldschmidt deshalb
eine „liebe Gesinnungsgenossin“, weil Emilie Wüstenfeld Henriette
Goldschmidts Überzeugung teilte, „_daß dieser Ausgangspunkt in der
glücklichsten Weise in der Pädagogik Fröbels vorhanden_“ sei.

Das also war die historische Grundlage für Henriette Goldschmidts _Idee
einer Frauenhochschule_.

Im Jahre 1910 endlich – sie war inzwischen 84 Jahre alt geworden – erhielt
Henriette Goldschmidt eine große Stiftung zur Verwirklichung ihres
Gedankens.

Und nun ging sie ans Werk.

Bereits im Oktober 1911 konnte die neue Anstalt in ihrem stattlichen Heim
zu Leipzig eröffnet werden.

_Klarer und zielsicherer als einst die Hamburger Frauenhochschule wollte
die Leipziger Anstalt den großen Gedanken Fröbels verwirklichen_, den
Gedanken, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven Tätigkeit zu
entheben und es von seiten seines Wesens und seiner menschheitpflegenden
Bestimmung ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben.
– Das erste (von Henriette Goldschmidt entworfene) Programm der neuen
Anstalt verkündete daher: „Die Hochschule will

   1. der Frau für die Ausübung des mütterlichen Erziehungsberufes eine
      auf gründlicher Einsicht beruhende Vorbereitung geben und
   2. die Frau befähigen, sich den mannigfaltigen gemeinnützigen Aufgaben,
      die ihr innerhalb der Gemeinde des Staates und der Gesellschaft
      erwachsen, mit weitem Blick und mit vollem Verständnis für die
      Bedürfnisse der Gegenwart zu widmen.“

Zu diesem Zweck wurde die regelmäßige Abhaltung „_freier Vorlesungen_“ ins
Auge gefaßt, und zwar wurden drei Gruppen gebildet, nämlich

   I. Vorlesungen für allgemeine Bildung,
  II. Pädagogische Vorlesungen,
 III. Sozialwissenschaftliche Vorlesungen.

Das Programm sah für die verschiedenen Gruppen im einzelnen vor:

                „*I. Vorlesungen für allgemeine Bildung.*

                     A. _Philosophische Vorlesungen_.

   1. Einleitung in die Philosophie,
   2. Geschichte der Philosophie,
   3. Darstellung der Philosophie einzelner hervorragender Denker,
   4. Allgemeine Psychologie,
   5. Ethik,
   6. Ästhetik.

                     B. _Geschichtliche Vorlesungen_.

Vorlesungen

   1. aus Kulturgeschichte,
   2. aus solchen Abschnitten der politischen Geschichte, die zum
      Verständnis der Gegenwart dienen,
   3. aus Literaturgeschichte,
   4. aus Kunstgeschichte.

                 C. _Naturwissenschaftliche Vorlesungen_.

Vorzugsweise sind Vorlesungen über Fragen der Biologie in Aussicht
genommen. Doch sollen auch Geologie, Physik und Chemie in den Umkreis der
Vorlesungen gezogen werden.

                     II. *Pädagogische Vorlesungen.*

   1. Kinderpsychologie,
   2. Vorlesungen aus der Geschichte der pädagogischen Bewegungen,
      besonders des 18. und 19. Jahrhunderts und der Gegenwart,
   3. Geschichte der Erziehung des weiblichen Geschlechts,
   4. Erziehungsprobleme,
   5. Gesundheitspflege in Haus und Schule.

               III. *Sozialwissenschaftliche Vorlesungen*
                (einschl. Staats- u. Rechtswissenschaft).

   1. Vorlesungen allgemeineren national-ökonomischen Charakters,
   2. Geschichte der Frauenbewegung,
   3. Die soziale Arbeit der Frau,
   4. Die Stellung der Frau im Recht,
   5. Geschichte der politischen Parteien der neuesten Zeit,
   6. Einführung in die Staatswissenschaft.“

Neben diesen freien Vorlesungen, die für alle nach Bildung strebenden
Frauen zugänglich sein sollten, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten,
waren _Studienkurse_ zur Ausbildung auf bestimmte Frauenberufe vorgesehen.
Der Eintritt in diese Studienkurse setzte eine sachgemäße Vorbildung
voraus. Es wurden eingerichtet:

   I. Studienkurse für Lehrerinnen der pädagogischen Fächer an
      Kindergartenseminaren, Frauenschulen und anderen Lehranstalten und
  II. Studienkurse für soziale Berufstätigkeit.

Das war die Anstalt, die 1911 als „Hochschule für Frauen“ in Leipzig
eröffnet wurde, die Anstalt, die nach Henriette Goldschmidts eigenen
Worten die Krönung ihres Lebenswerkes darstellte und über deren Pforte ihr
Lieblingswort leuchtete:

          ‚_Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau_‘.



     DIE NACHWIRKUNG UND FORTENTWICKLUNG IHRER IDEEN AN DER LEIPZIGER
                          HOCHSCHULE FÜR FRAUEN.


Zehn Jahre hat die Anstalt als „Hochschule für Frauen“ bestanden. Der im
Voranstehenden abgedruckte Plan von 1911 wurde im Laufe dieser Jahre
vielfach abgeändert und erweitert. Aber die treibende Kraft für all diese
Reformen war nicht eigentlich mehr Henriette Goldschmidt, sondern die
Initiative ging jetzt aus von den verschiedenen _Vertretern der einzelnen
Hauptfächer_, die ihr Lehr- und Arbeitsgebiet – zum Teil auf Anregungen
von außen – erweitern und ausbauen mußten. Eine ausführliche Darstellung
dieser Entwicklung gehört daher nicht in eine Biographie Henriette
Goldschmidts. Immerhin wird es den Lesern erwünscht sein, die Nachwirkung
und allmähliche Realisierung der Goldschmidtschen Ideen wenigstens in
großen Zügen kennen zu lernen. Darum seien im folgenden aus der Geschichte
der Leipziger Frauenhochschule die wichtigsten Daten angegeben:

_Im Winter-Semester 1911/12_ wurde die „Hochschule für Frauen“ als Anstalt
des „Vereins für Familien- und Volkserziehung“ mit zusammen 898 Hörerinnen
und Studierenden eröffnet. Sie umfaßte damals drei Abteilungen, nämlich

   a. die _Allgemeine Abteilung_ (in erster Linie für Hörerinnen
      bestimmt),
   b. die _Pädagogische Abteilung_ (bestimmt zur Ausbildung von
      Lehrerinnen der Fröbelschen Pädagogik an
      Kindergärtnerinnenseminaren, Frauenschulen usw.),
   c. die _Sozialwissenschaftliche Abteilung_ (bestimmt zur Ausbildung von
      beruflichen und ehrenamtlichen Kräften für das gesamte Gebiet der
      sozialen Arbeit).

Im _Sommer-Semester 1913_ traten neu hinzu besondere Kurse zur
_Fortbildung staatlich geprüfter_ und in längerer Praxis bewährter
_Krankenschwestern_ für leitende Posten (Oberinnen, Oberschwestern,
lehrende Schwestern). Im Herbst 1916 wurden diese Kurse in eine
selbständige Abteilung umgewandelt.

_Ostern 1914_ wurde der umfangreiche, mit allen Einrichtungen moderner
Unterrichtstechnik ausgestattete _Erweiterungsbau_ in Benutzung genommen.
(Königstr. 18/20).

Vom _Sommer-Semester 1914_ an wurde – nachdem die dazu nötigen
Laboratorien in der Anstalt geschaffen worden waren – die _Naturkundliche
Abteilung_ ausgebaut, die der Ausbildung technischer Assistentinnen für
medizinische und industrielle Laboratorien dient.

Im _Winter-Semester 1916/17_ erfolgte die rechtliche und finanzielle
Loslösung der Hochschule vom „Verein für Familien- und Volkserziehung“ und
ihre Umwandlung in eine selbständige, dem sächsischen Ministerium des
Kultus und öffentlichen Unterrichts unmittelbar unterstellte _rechtsfähige
Stiftung_.

_Ostern 1917_ wurden Lehrgänge zur Ausbildung staatlich geprüfter
_Jugendleiterinnen_ an die Anstalt angegliedert.

Seit _Sommer-Semester 1917_ wurden allmählich für alle Abteilungen (mit
Ausnahme der Allgemeinen Abteilung) _staatliche Prüfungen_ eingerichtet.

Am _1. April 1921_ löste sich der „_Verein für Familien- und
Volkserziehung_“ auf und vermachte der Hochschule neben seinen
Grundstücken und sonstigen Vermögenswerten seine sämtlichen Anstalten
(Fröbel-Frauenschule, Seminar für Kinderpflegerinnen,
Henriette-Goldschmidt-Kinderheim und drei Volkskindergärten).

Am _1. Oktober 1921_ ging die Stiftung „Hochschule für Frauen“ mit ihren
gesamten Anstalten _in den Besitz der Stadt Leipzig_ über unter
gleichzeitiger Umgestaltung und Verschmelzung der verschiedenen
Lehranstalten zu einem „_Sozial-pädagogischen Frauenseminar_“, bestehend
aus folgenden Abteilungen:

_   1. Frauenhochschulkurse_ (bisherige Allgemeine Abteilung).
_   2. Wohlfahrtsschule_ (zur Ausbildung von Wohlfahrtspflegerinnen und
      sonstigen Sozialbeamtinnen auf Grund der staatlichen Prüfungsordnung
      von 1921).
_   3. Ausbildungsanstalt für Jugendleiterinnen_ (Lehrbetrieb und Prüfung
      geregelt nach den staatlichen Bestimmungen Sachsens vom 6. Februar
      1918).
_   4. Oberinnen-Lehrgang_ zur Fortbildung staatlich geprüfter
      Krankenschwestern für leitende Stellungen in der Krankenpflege (mit
      staatlich genehmigter Prüfungsordnung von 1917).
_   5. Lehranstalt für technische Assistentinnen_ (mit staatlich
      genehmigter Prüfungsordnung vom 15. Oktober 1917).
_   6. Fröbel-Frauenschule bzw. Kindergärtnerinnenseminar_ (Lehrbetrieb
      und Prüfung geregelt nach den sächsischen Bestimmungen vom 6.
      Februar 1918).
_   7. Seminar für Kinderpflegerinnen_ (ohne staatliche Prüfung).
_   8. Soziale Anstalten bzw. Übungsstätten_
      (Henriette-Goldschmidt-Kinderheim, 3 Volkskindergärten und eine
      Kinderlesehalle).

Es ist häufig die Frage aufgeworfen worden, _warum die Umwandlung der
Frauenhochschule in ein sozial-pädagogisches Frauenseminar erfolgt sei_.

Die Umwandlung hat sich in Wirklichkeit allmählich ganz von selbst
vollzogen.

Der Entfaltung des innersten Frauentums im Sinne der
Fröbel-Goldschmidtschen Idee der allgemeinen Höherbildung des weiblichen
Geschlechts „um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen“ (vgl. S.
146 ff.) sollte die Anstalt _ursprünglich_ dienen. Dieser hohen
Kulturaufgabe wegen war bei der Gründung der Name „Hochschule für Frauen“
gewählt worden. Man hatte geglaubt, daß zahlreiche Frauen rein um dieser
Idee willen die Anstalt besuchen würden.

Aber die Entwicklung verlief anders.

Die große Idee der Anstalt wurde nur von ganz wenigen richtig verstanden.
Diese wenigen konnten sich meist aus wirtschaftlichen Gründen nicht eine
hochschulmäßige Weiterbildung leisten, die nicht mit Sicherheit
unmittelbaren praktischen Nutzen versprach. Die Verhältnisse in unserem
Vaterlande haben es nun einmal mit sich gebracht, daß jetzt die meisten
Frauen eine _gründliche Ausbildung für bestimmte, wirtschaftliche
Sicherheit bietende Berufe_ suchen müssen. Dieses immer stärker
hervortretende Bedürfnis nach _solcher_ Berufsbildung bestimmte mit Recht
in der Folge mehr und mehr den weiteren Ausbau der Anstalt (vgl. S.
170–172). Die ursprüngliche Idee wurde dadurch allmählich in den
Hintergrund gedrängt und schließlich ganz vergessen.

Man beschränkte sich bei der Auswahl der Berufe, für die die
Frauenhochschule vorbereiten sollte, bewußt auf spezifische Frauenberufe,
also auf solche, die den Frauen Gelegenheit geben, ihre ursprüngliche
Naturanlage zu entfalten. Es kamen da in erster Linie in Frage die uralten
Domänen der Frauenarbeit: Kinderpflege, Wohlfahrtspflege und
Krankenpflege. Zwar konnte man sich auch auf anderen Schulen dafür
ausbilden. Die Hochschule aber beabsichtigte, für diese wichtigen
Arbeitsgebiete gründlicher und umfassender, eben hochschulmäßiger
vorzubereiten, als dies anderswo geschah. – Aber auch dieser Gedanke ließ
sich nicht dauernd verwirklichen, da inzwischen der Staat nach und nach
für alle in Betracht kommenden Frauenberufe allgemeinverbindliche
Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften erließ, denen sich naturgemäß auch
die Frauenhochschule anpassen mußte, was Erleichterungen ihrer bisherigen
Aufnahme- und Prüfungsvorschriften sowie Kürzungen ihrer Studienpläne
nötig machte.

So war denn die Anstalt im Jahre 1921 tatsächlich bereits eine
Berufsschule für Frauen geworden, die in äußeren und rechtlichen
Beziehungen (Aufnahmebestimmungen, Dauer der Ausbildung, Kosten, Prüfungen
und Anstellungsmöglichkeiten) mit entsprechenden anderen Anstalten in
Deutschland übereinstimmte. Es war daher nur eine letzte Konsequenz dieser
Entwicklung, daß beim Übergang der Anstalt an die Stadt Leipzig dies auch
im Namen der Schule zum Ausdruck gebracht wurde. Es wäre innerlich unwahr
gewesen, wenn der Name „Hochschule“ beibehalten worden wäre, nachdem die
Entwicklung außerhalb und innerhalb der Anstalt sich im Laufe eines
Jahrzehnts anders vollzogen hatte, als man bei der Gründung der
Frauenhochschule anzunehmen berechtigt gewesen war.

Im gewissen Sinne aber besitzt das Leipziger Sozial-pädagogische
Frauenseminar auch nach seiner Anpassung an die gegenwärtigen
Zeitverhältnisse noch eine gewisse Eigenart, und zwar unterscheidet es
sich durch folgendes von allen ähnlichen Anstalten:

1. Die Anstalt hat sich in gewissem Umfang die früheren guten Beziehungen
der Frauenhochschule zur Universität Leipzig bewahrt, wodurch die
Vielseitigkeit und Qualität des Lehrkörpers und damit das Niveau sowie der
vorwiegend akademische Charakter des Unterrichtsbetriebs in den höheren
Abteilungen des Sozial-pädagogischen Frauenseminars sichergestellt ist.

2. Die Anstalt vermeidet bewußt die Einstellung auf die Fachausbildung für
nur einen Frauenberuf, wie das die sonstigen Fröbelseminare, sozialen
Frauenschulen u. dgl. tun. Die bisherige zehnjährige Erfahrung hat
gezeigt, wie vorteilhaft es für die Erweiterung des Gesichtskreises der
Schülerinnen ist, wenn sich an derselben Bildungsstätte Lehrer und
Schülerinnen mit den verschiedensten geistigen Interessen und Berufszielen
zusammenfinden. Aus diesem Grunde wird neben gründlicher theoretischer und
praktischer Fachausbildung Gelegenheit geboten zu umfassender allgemeiner
Fortbildung der Schülerinnen nach eigener Wahl. Ohne dem eigentlichen
pädagogischen Großbetrieb das Wort reden zu wollen, muß doch gesagt
werden, daß nun einmal ein pädagogischer Zwergbetrieb – wie ihn die
meisten derartigen Anstalten darstellen – von wenigen, besonders günstig
liegenden Ausnahmefällen abgesehen, in persönlicher und sachlicher
Beziehung nicht die gleiche Leistungsfähigkeit entfalten kann, wie eine
große öffentliche Lehranstalt.

Henriette Goldschmidt schrieb 1911 im ersten Plan für die
Frauenhochschule: „_Es fehlt bisher an einer höheren pädagogisch-sozialen
Bildungsstätte für die Frauenwelt._“ – Und sie hatte Recht. Überall
bestanden pädagogische und soziale Berufsschulen für Frauen _nur
getrennt_. Unsere moderne Kulturentwicklung aber, besonders der starke
soziale Zug unserer Zeit und die jetzt immer mehr sich verbreitende
Erkenntnis, daß gewisse Nöte unseres Volkes nur durch großangelegte
Erziehungsmaßnahmen beseitigt werden können, _macht eine Vereinigung
pädagogischer und sozialer Arbeit_ dringend nötig. Je inniger die
Verbindung beider ist, umso reicher werden sich beide Teile gegenseitig
befruchten. Darum müssen schon während der Ausbildungszeit unserer
zukünftigen pädagogischen und sozialen Berufsarbeiterinnen so viel als
möglich Fäden hinüber und herüber gesponnen werden. Das hatte Henriette
Goldschmidt erkannt und _erstrebt_, das will – getreu seiner Tradition –
das Sozial-pädagogische Frauenseminar der Stadt Leipzig in seiner jetzigen
Form _verwirklichen_.

Das Erbe Henriette Goldschmidts ist also nicht aufgegeben worden, _es lebt
fort_, nur in anderer, in zeitgemäßerer Gestalt, es lebt und wirkt fort
zum Segen unseres Volkes.



                               ANMERKUNGEN


    1 In seinen Briefen schrieb später _Karl Jatho_ über Dr. Goldschmidt
      an seine Eltern:



                                                  Leipzig, d. 9. 11. 1872.

      Eine ebenso angenehme wie nützliche und belebende Bekanntschaft habe
      ich gemacht an dem hiesigen Rabbiner Dr. Goldschmidt – seine Frau
      hielt vor einigen Jahren in einer Weiberemanzipationsversammlung zu
      Kassel eine Rede, vielleicht erinnert Ihr Euch dieses Vorfalles
      noch. Er ist ein Mann von ebenso wahrem Wissen als Gemüt und Herz;
      seine Religion ist die Menschenliebe, sein Glaube hält sich an einen
      Gott, der in der Seele vorgebildet ist; im übrigen unerkennbar, also
      nur demütiger Verehrung zugänglich. Daraus wird es erklärlich, daß
      er ebenso teilnehmend in seiner nationalen wie in der christlichen
      Theologie jeder Konfession arbeitet und lebt, überdies aber die
      Philosophie als Mutter und Grund aller idealen Wissenschaften hoch
      schätzt und gründlich studiert hat ... Und so kamen wir in ein
      Gespräch über den Zwiespalt der Bekenntnisse, welcher umso
      betrübender sei, je klarer sich die Einheit des rein menschlichen,
      der guten wie schlechten Eigenschaften herausstelle ...



      Leipzig, d. 21. 12. 72.

      Da ist hier mein Gönner, der Rabbiner (Dr. Goldschmidt), mit dem ich
      sehr rege und freudig verkehre, nach wie vor meine innigste Freude
      und Verehrung. Nicht einmal verlasse ich sein Haus, wo ich nicht
      eine frische Anregung zum Guten, zum Nützlichen empfangen hätte; er
      zieht alles Entgegentretende in den Ring seiner Tätigkeit, die rein
      wie lauteres Gold im Wohl und Glück der Mitmenschen ihren sich
      selbstumfassenden Abschluß findet. Dabei stehen ihm die Mittel der
      Gelehrsamkeit, der Weltkenntnis, der eindringlichen Rede zu Gebote,
      kurz, er besitzt so vielerlei, was ich mit keinem anderen Ausdruck
      zu benennen weiß als einer gesunden Religiosität, die, frei von
      aller Dogmatik, nur in der Tat ihr höchstes Ziel erkennt. Wirken ist
      sein Losungswort, Menschlichkeit der Grundton seines Charakters. Er
      sucht den Himmel auf der Erde und in seinem Herzen, das im
      Bewußtsein einer guten Tat den vollen Genuß eines göttlichen
      Friedens empfindet ...



    2 „Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen. Ein Rückblick auf die
      Anfänge der deutschen Frauenbewegung und das Erziehungswerk
      Friedrich Fröbels.“ (Zeitschrift für pädagogische Psychologie 1918.)

_    3 Originalgetreue Neuausgabe_ erschien im Verlag Ernst Wiegandt,
      Leipzig. _Abgeänderte Neuausgabe_ (bearbeitet von Henriette
      Goldschmidt) in der Jaeger’schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig.

    4 Aufbewahrt im Archiv des Sozialpädagogischen Frauenseminars der
      Stadt Leipzig.

    5 Ich habe in meiner Schrift „_Friedrich Fröbel_“ II. Aufl. 1920 (Bd.
      82 der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“. B. G. Teubner, Leipzig)
      an der Hand zahlreicher neuer Quellen gezeigt daß das
      „_Kindergartenverbot_“ wahrscheinlich eine Maßnahme gegen die damals
      zahlreich entstandenen freien Gemeinden sein sollte. Darum darf ich
      in diesem Zusammenhang von einer näheren Darstellung jener Vorgänge
      absehen.



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