Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Die Lobensteiner reisen nach Böhmen - Zwölf Novellen und Geschichten
Author: Döblin, Alfred, 1878-1957
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Lobensteiner reisen nach Böhmen - Zwölf Novellen und Geschichten" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



Alfred Döblin

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen

Zwölf Novellen und Geschichten



Zweite Auflage

München 1917 bei Georg Müller



Inhalt


Linie Dresden-Bukarest
Das Femgericht
Die Schlacht, die Schlacht!
Der Kaplan
Die Nachtwandlerin
Von der himmlischen Gnade
Vom Hinzel und dem wilden Lenchen
Der Riese Wenzel
Das Krokodil
Das Gespenst vom Ritthof
Der vertauschte Knecht
Die Lobensteiner reisen nach Böhmen



Linie Dresden-Bukarest


Vor der Abfahrt des Zuges lächelte Frau Barinianu auf dem Bahnhof Bukarest.
Ihr Mann der Oberst, neben ihr promenierend, schob einen Zeitungsausrufer
beiseite, blähte die Nase, straffte seinen Uniformrock, indem er seinem
kolossalen Brustkasten einen scharfen Ruck gab: »Liebe Cesarine, ich weiß,
daß du von einer Last befreit bist, aber wir sind auf dem Hauptbahnhof und
du gehst in Trauer. Es brauchen nicht alle Leute sehen, daß dir mein
seliger Vater nichts bedeutet hat.«

Sie nahm sich kaum zusammen; mit heiter verwirrtem Ausdruck hauchte sie
hinter ihrem schwarzen Schleier: »Verzeih, ich geh heute zum ersten Male
ein paar Schritt.«

Er zog ein Portefeuille mit braunen Banknoten aus der Brusttasche. Als die
Maschine pfiff, rief er ins Coupéfenster hinauf, sie solle gleich ein paar
Aussteuersachen für Matilda in Dresden besorgen. Die Wagen rollten. Der
Oberst klappte etwas zusammen. Sie winkte und nickte. Er, träumerisch mit
dem Säbelknauf spielend, fuhr in der Kalesche ins Kasino zum Festdiner.

Frau Barinianu saß in dem schmetternden Zug auf dem roten Polster der
ersten Klasse. Das Coupé leer. Runde Backen hatte sie und sehr kleine Füße
in grauen Gamaschen. Der Hut neben ihr rutschte vom Sitz; sie beugte sich
zur Seite, um ihn festzuhalten. Sich aufrichtend sah sie im Rundspiegel
drüben, daß das Haar ihr über die Stirn gesunken war und vor der koketten
Nase wehte, ebenholzschwarz und ohne einen einzigen grauen Faden. Dunkler
Flaum auf der Oberlippe. Das Gesicht gerötet und weiß und so kindlich
lebendig, daß sie sich freudig zurücklehnte, den Hut hinuntergleiten ließ
und die metallstrahlenden Augen schloß. Den Gang kamen dauernd Menschen
herauf, Kinder sprangen vorbei, der Kellner warf eine Speisekarte herein.
Sie gähnte und zog sich die langen Lederhandschuhe ab.

Herr Fortunesku stieg in Plojescht ein und sah sie sitzen. Er schlenkerte
in seiner ausbaldowernden Art herum und drückte sein breites Gesicht
draußen viermal gegen die Scheibe. Seine durchgestoßenen Hosen rutschten
hoch. Als der Kontrolleur vorbeikam, las er angestrengt die Bestimmungen
über das Verhalten des Publikums bei Unglücksfällen. Mit festem Entschluß
sagte er: »Diese oder keine.« Er ging mit seinem Köfferchen auf die
Toilette, zog sich um, eleganter, etwas knapp sitzender Cutaway, schwarze
Samtweste, gestreifte braune Hosen, eng um die Kniee. Das braune Haar
klebte er mit Wasser in dünner Lage auf den Schädel. Gebürstet, mit
übertriebenen Bewegungen, die seine athletischen Muskeln hervortreten
ließen, spazierte er in das Nachbarcoupé Cesarines.

Während sanfter Fahrt stürzte plötzlich der Dame eine Hutschachtel über die
Arme und knallte vor ihre Füße. Sie schrie leise auf, sah über sich. Die
Türe des Abteils öffnete sich; ein gescheitelter Kopf streckte sich vor:
»Was ist? Um Gottes willen, ich eile zu Hilfe. Oh!« Und Herr Fortunesku
sammelte den Deckel, den Hut und die Apfelsinen auf, die unter die Sitze
gerollt waren; auch ein langer Lederhandschuh lag da. Sie rückte in die
Ecke, als er um ihre Füße herum tastete. Er stellte sich mit glatten Worten
als Verlagsdirektor aus Jassy vor, jawohl aus Jassy. Er schnalzte,
flüsterte, schmatzte, schon am Boden, in einer naiven Art. Es sei eine zu
lächerliche Geschichte; sie sei ihm schon mal passiert, vor vier fünf
Monaten, hinter Braila, zwischen Lanza und Braila; doch damals sei es keine
Hutschachtel gewesen, sondern in der Hutschachtel eine Bombe, so groß wie
ein Schneeball oder eine gewisse Sorte von Zwergäpfeln; freilich sei sie
nicht explodiert, die Bombe; es hat ja auch in der Zeitung davon gestanden.
Aber dieser Knall, es war unvergeßlich. Und so sang er bis Kronstadt in
Ungarn, wo er ihr ein Glas Milch brachte. Er beteuerte, daß sich manche
Damen bei dem Sturz von Hutschachteln verletzten; aber diese hätten dann
weniger volles Haar, als die Gnädige. Langes Haar mache es nicht, es müsse
auch volles sein.

Wie er sich vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Gepäckhalter bewegte,
entwickelte er eine außerordentliche Grazie. Er hatte großartige formvolle
Bewegungen. Sie verfolgte ihn aus ihrer Ecke mit den Blicken und sagte es
ihm. Er verkroch sich geschmeichelt in seinen Halskragen, so daß sie
erstaunte. Er sei nämlich Turner, Springer, Fechter, Stafettenläufer,
natürlich im Nebenberuf aus Sportleidenschaft. Auch wette er gelegentlich
bei schöner Sommerluft, alles Temperamentssache. »Und was sind Sie im
Hauptberuf?«

»Verlagsdirektor, meine Gnädige, ich sagte es schon.«

»Ah so.«

»Ich verlege Zeitungen, Broschüren, Bücher, am liebsten aus meinem
Interessengebiet. Turnen geht mir über alles; Müllerei, Müllerei erhält
mich. Sehn Sie so --«

Er begann eine Kniebeuge zu machen und den Rumpf zu verdrehen.

»Und sehen Sie so.«

Sie prustete heraus und versteckte sich hinter ihrer Muffe.

»Meine Übungen scheinen Sie zu belustigen.«

»Nein, Ihr Ärmel ist ja geplatzt.«

Er erstarrte, wurde lang: »Ah so, schlechter Stoff. Ziehen wir aus.
Gestatten Gnädige?« Noch als der Rock lag, boxte er ihn mit mißtrauischen
beleidigten Mienen: »Ziehen wir aus. Ein unerhörter Stoff. Gekauft in
Braila; schlechte Industrie, wo die Stoffe platzen.«

Er agierte in Hemdsärmeln langsam weiter, öfter mit Blicken auf den Rock.
Als sie ihn aufforderte, sich zu ruhen, machte er einen beschämten Hüpfer
ans Fenster: »Es ist dieselbe Stadt, wo die Bombe fiel. Dieser Ort ist mir
verhängnisvoll. Ich ruhe jetzt, meine Gnädige.«

Er plumpste keuchend auf den Sitz ihr gegenüber: »Nun ruhe ich.«

Inzwischen rutschte unter seinen Hemdsärmeln ein braunes dickes Flanellhemd
an den Knöcheln vor; leicht errötend nahm sie die Jacke auf, legte sie ihm
über: »Sie sind Junggeselle, Herr Fortunesku?«

Sein Mund verbreiterte sich, eine Feuchtigkeit schwamm über die drehenden
Augen, er fuhr nach ihrem Handgelenk: »Ein liebes Wesen starb mir vor
Jahresfrist; sagen wir rund ein Jahr und zwei Monate. Sie ist mir entrissen
worden.«

»Und warum schweigen Sie jetzt, mein Herr?«

»Situationen gibt es, die nicht nachlassen, an einem Männerherz zu pressen.
Bis es schwillt, schwillt; überschwillt.«

Sie klopfte warm seine Finger. Er schüttelte sich, wischte sich die Stirn
mit dem Zeigefinger, machte eine krampfhafte Klimmzugbewegung. Hin und her
wandernd stöhnte er. Die Schwermut riß ihn hin. Er beugte sich zu ihr; im
Nu hatte er sie an seiner Brust, saß eng bei ihr. Die Tropfen aus den Augen
des trostlosen Mannes fielen auf ihren Rock. Betäubt hielt sie still. »Was
ist das?« dachte sie, »ich kann mir das nicht gefallen lassen. Das ist ja
entsetzlich.« Sie brachte aber nur seufzend heraus: »Es ging aber doch
recht schnell. Sie halten mich fest, mein Herr.«

Triumphierend glänzte sein Gesicht. Sie flüsterte ängstlich: »Schließen Sie
wenigstens die Tür; ich habe Kaffee bestellt.«

Ein Zug am Riegel, Einschnappen des Schlosses. Sie hing gehoben auf seinem
Schoß, so daß sie die weichen Patschen faltete, befangen lächelte: »Es ist
wunderbar. Man muß das erlebt haben.«

An ihrem Spiegelbild sah sie vorbei. Die Wagen ratterten. Heller und
dumpfer klirrten die Scheiben in ihren Holzrahmen. Er strich sich den
Schnurrbart. Auch ihr Gesicht fing an zu glühen. Seine Brauen waren
borstig, seine Augen klein wie Murmeltiere. Ihr dicker runder Körper
sackte, von ihm losgelassen, gegen den roten Plüsch. Zwei Männerarme
schlossen sich um ihren atmenden widerstandslosen Rumpf, drückten ihn hoch;
eine stopplige nasse Haut rieb gegen ihre Wange. Während ihre Lippen
einander benetzten, Zähne über Zähne strichen, schwindelte ihr leicht
hinter der Stirn. Entfernt schnaubte die Lokomotive; sie fühlte das Stoßen
der Räder herauf. Seine Knie unter ihr zitterten.

Da kam ihr vor, als ob es seitlich von ihr irgendwo knackte. Und wie sie
den Kopf über seine Schulter schob und mit dem rechten Auge
herunterschielte an seinem Rücken, blinkte auf dem Polster eine kleine
Beißzange an ihrem Handgelenk, ihr Armband lag frei daneben. Unwillkürlich
zuckte ihr Arm. Blitzschnell waren Zange und Schmuck in seinem gebauschten
Hemdsärmel verschwunden, Schlaff wölbte sich ihr Rücken nach einem tiefen
Atemzug. Ihr Mund fiel auf seine knochige Schulter und mahlte das blaue
Westenfutter. Er, von unten den Blick zu ihr drehend, bettelte, ob ihr
schlecht wäre, ob er sie legen sollte. Sie fixierte ihn halb ohnmächtig aus
den schmalen Augenschlitzen: »Ist das ein Lump. Es ist ein Hochstapler, ein
Eisenbahnräuber. Ich setze mich in den Zug, um nach Dresden zu fahren und
er sieht mich und stiehlt meine Brillanten.«

Er kratzte sich mit der freien rechten Hand den Scheitel, so daß sich eine
Haarsträhne wie ein gebogenes Horn aufstellte: »Seelische Strapazen
peinigen mich, meine schöne Dame. Nennen Sie mir Ihren Namen, Ihren
Vornamen, geschwind, geschwind.«

Angstvoll, ohne ein Glied zu bewegen, lag sie. Sie dachte: »Es geschieht
mir recht. Wo ist er denn jetzt? Ich habe goldene Strumpfschnallen.«

Und schon knackte es wieder. Sie weinte halb, warf jammernde Blicke gegen
die Notbremse: »Ich kann nichts machen gegen ihn. Er kompromittiert mich,
wenn das Bahnpersonal kommt. Und diese Hemdsärmeln. Er ist solch Lump.«

»Ihren Vornamen, geschwind, geschwind.«

Sein Haar war dünn; seine Ohren standen ab, braune Büschel wuchsen daraus:
»Er ist vielleicht ausgebrochen aus dem Zuchthaus. Er hat im Zuchthaus
gesessen. -- Wie schrecklich wäre es, wenn er ein anständiger Mensch wäre
und ich mich so gehen ließe. Was würde er von mir denken, von mir erzählen.
Wo würde ich ihm begegnen können. Dem werde ich nie begegnen, dem Strolch.
Bei ihm bin ich gut aufgehoben.«

Sie drückte Auge und Nase fester gegen seinen Gummikragen: »Der prahlt
höchstens mit mir. In einer Kaschemme rühmt er sich.«

Sie spürte, wie er die Knie vorsichtig unter ihr wegzog, bog den
spitzenverhüllten Arm um seinen Hals: »Du prahlst mit mir, nicht wahr? Wenn
du mit deinen Freunden bist? Wo bist du her? Du mußt mir erzählen.«

Er fuhr hoch. Diese Frau duzte ihn. In einer Zuckung streckten sich seine
Beine quer über den Gang; sein linker Arm stemmte sich auf den Plüsch. Es
kollerte und klirrte etwas über seine Füße. Sie hielt ihn, ließ ihn nicht
los, Stirn dicht auf Stirn: »Ist dir was hingefallen? Hebs später auf. Laß
doch liegen. Du mußt mich nachher noch so lange begleiten. Ich fahre nach
Dresden. Ich hole meine Tochter aus dem Pensionat. Ja, ich bin verheiratet,
und mein Mann ist Offizier in Bukarest. Aber unseren Namen sag ich dir
nicht, denn du bist solch Strolch, ich durchschaue dich, solch frecher,
frecher Strolch.«

Fortunesku atemlos unter ihrem Drängen, schnitt ungeschickte Grimassen; er
gaffte aus dem Ring ihrer Arme auf die Leiste des Spiegels: »Das ist eine
besondere Frau. Sie bringt mich um. Ich will ihr alles wiedergeben.«

»Madame,« öffnete er indigniert den schlecht rasierten Mund. Aber sie hatte
ihn schon mit vergnügtem Gelächter um die Taille gefaßt. Sie kniff ihm in
den Arm, quietschte: »Bin ich froh, bin ich froh über dich, du Lump. Weil
du solch Lump bist.« Er wand sich, verdrehte sich schlangenhaft. Sie stand
zugleich mit ihm auf. Sie packte ihn bei den Hüften, ließ ihn nicht los,
ließ ihn nicht los. --

Als Cesarine zwischen Znaim und Iglau, wohlig ausgestreckt, sich von dem
Zug ab- und auffedern ließ, plauderte sie von Dresden, von ihrer Familie.
Sie blinzelte gegen die grelle Deckenbeleuchtung, lobte Matilda und ihren
Verlobten. »Madame,« fing Fortunesku an, von Zärtlichkeit und
Gewissensbissen überwältigt, während er sich ihr gegenüber den Schnürsenkel
festzog, »wollen Sie zwei Worte von mir anhören. Ich bin, wie Sie sehen,
Kavalier und Ritter. Ein Mann von meinem Temperament und Gewandtheit, in
meinem Gesellschaftsrang ist natürlich von einer Vielseitigkeit, die
anderen Berufsarten fremd erscheint. Ich hebe Lasten, öffne Schlösser. Ich
mache Scherze als Turner, die Uneingeweihte mißverstehen.«

Sie zog den Fenstervorhang vor ihr Gesicht: »Ja, Sie können turnen wie kein
Mensch auf der ganzen Erde.« Die Bremse knarrte, die Wagen schaukelten; ein
südlicher Vorort Dresdens blitzte. Cesarine rauschte hoch, stieß mit den
Füßen gegen Metall.

»Aber heben Sie doch Ihre Sachen auf.«

Unsicher lächelnd stemmte Fortunesku, noch sitzend, die Arme in die
Weichen; er streifte sich die geborstene Jacke über.

Der lange Ruck, die weiße Wölbung der Bahnhofshalle. Gepäckträger brüllten
in die Fenster.

Sie drehte sich sanft, in Trauerhut und Schleier, zu ihm, der gebückt
stand, hauchte: »Sind Sie fertig?«

Herr Fortunesku war edles Halbblut; seine Mutter hatte es ihm oft gesagt.
Beleidigt schnellte er durch das Coupé, tauchte unter die Sitze, kehrte ihr
den Rücken zu. Sie beobachtete ihn entzückt. Plötzlich scharrte er, giftig
ausspeiend, die Sachen zusammen, legte das Armband mit einer noblen Geste
offen um sein linkes Handgelenk. Sie bat ihn um ihren Handschuh, schwebte
duftend voran; der Trauerschleier wallte um sie; Arm in Arm verließen sie
den Bahnhof.

Sie nahmen Wohnung im Hotel »Zur goldenen Eintracht«. Verlagsdirektor
Fortunesku aus Jassy nebst Gemahlin. In ihrem Zimmer warf er, als sie Licht
knipste, Armband und Brillanten in der Ecke oben auf die Hutschachtel.
Schelmisch besänftigte sie ihn vom Lavoir her; was er gegen die
Hutschachtel habe. Sie bot ihm vor der Ausfahrt ihr Portemonnaie an. Er
schob den schwarzen Samthut in den Nacken, schob ihre Hand zurück, zeigte
voll unterdrückter Wut sein eigenes Portemonnaie. Mit einer heimtückischen
Süßigkeit schmeichelte er ihr in dem offenen Landauer. Sie sog die
abendliche Luft auf Lößnitz ein. Die Menschen murmelten, lachten,
murmelten. Glücklich rauschten die Akazien im Sommerwind. Wie seine Augen
grell seitlich funkelten, in einer fürchterlichen Drohung, schauerte ihr
über den Rücken. Dieser Mensch konnte morden, wie gut war sie bei ihm
angekommen.

Matilda hieß die Tochter Cesarinens; sie war achtzehn Jahr. Blonde Ponys
hingen ihr in die Stirn, die Nase kräftig geschwungen, graue stolze Augen.
Im weißen schlanken Sportkleid trat sie am Morgen der Mutter entgegen, die
ihr Fortunesku vorstellte, einen weitläufigen Verwandten in Jassy und
zufälligen Reisebegleiter. Fortunesku schwang den Hut. Das Silbergehenk am
gelben Ledergürtel Matildas klapperte, als sie sich zusammen an den
Frühstückstisch setzten. Die elegante Pensionswirtin zog Frau Barinianu
hinaus zu einer Besprechung.

Rasch drückte Fortunesku seinen veilchenblauen Selbstbinder fest, pfiff
hoch zwischen zwei Fingern, hob den Daumen. Das junge Mädchen legte das
Messer auf die Marmeladenschale.

»Ein Wink,« flüsterte er, schloß die faltige Portiere zur Bibliothek, »ein
Wink: Grigor Papiu, Petru Kostin.«

Dicht rückte er seinen Korbsessel an ihren: »Legen Sie die Serviette hin.
Sie wissen nicht, was die gnädige Frau mit Ihnen vorhat. Ich bin nicht
Fortunesku, wie sie sagte. Petru Kostin, heiße ich, Sekondeleutnant im
zweiten Infanterieregiment zu Jassy, Freund Ihres Verlobten Papiu. Ich habe
eine geheime Botschaft zu überbringen. Sie müssen schwören.«

»Petru Kostin?«

»Nicht sprechen, um Gottes willen nicht sprechen. Ich bin ohne Urlaub
gefahren. Kommen Sie in die Ecke, auf die Loggia; Ihre Mutter erschrickt,
wenn sie uns hört.«

»Mein lieber Gott, was ist das! Was will Grigor?«

Mit gefahrdrohenden Schritten ging er über den Teppich: »Sie haben Grund,
sich zu ängstigen. Auf der Hut sein vor der gnädigen Frau. Ich warne Sie
vor ihr.«

Ein Stelzen um das Büfett, Sprung, schlangenhaftes Umschleichen der Stühle.

»Sie kennen sie nicht. Niemand kennt Weiber. Sie hat sich mir anvertraut
auf der Fahrt. Mit Galanterie, mit bestrickendem Wesen habe ich alles
erreicht. Ich habe ihr entlockt, was sie für sich behalten wollte. Aus
Mitleid für Sie, deren Photographie sie mir zeigte, aus Kameraderie für
meinen Freund habe ich mich ins Zeug gelegt.«

»Mama hat doch keine Photographie von mir.«

Finster hielt er an der Anrichte und schwenkte ein Bein: »Dann war es eine
Täuschung, der Sie dankbar sein müssen.«

»Es war Olga.«

»Mag sein. Ich verwechsele Olga mit Ihnen. Auch Olga wird es nicht gut
haben. Sie sollen mit Ihrem Vetter verheiratet werden aus Bukarest; sie
wird es Ihnen auf der Reise sagen.«

»Nein, das ist nicht wahr.« Sie war erst starr, dann schluchzte sie und
krümmte sich über ihren Schoß.

»Es ist kein Zufall, daß ich mit Ihrer Mutter zugleich hier eintraf. Ihr
Verlobter Grigor hat es mir auf die Seele gebunden, vor Ihrer Heimreise mit
Ihnen zu sprechen, Ihnen alles vorzustellen, was auf dem Spiele steht,
seine Liebe, sein Leben, sein ganzes Dasein.«

Er zog aus der Hosentasche ein zerbrochenes Bild: »Sie sehen den Namenszug
Ihres Verlobten. Sie zweifeln nicht mehr an meiner Legitimation, mich Ihnen
vertraulich zu nähern.«

Matilda kniff ein böses Gesicht. Versunken stand sie auf, schleifte zwei
Schritt um den Tisch, befahl Fortunesku: »Setzen Sie sich.« Und dann das
harte Gesicht gegen die Hängelampe hebend, deren grüner Perlenbehang ihr
über die Nasenwurzel spielte: »Die letzten Briefe vom Vater klangen sehr
fremd. Ich dachte, es wäre wegen der Krankheit Großpapas.«

Fortunesku tobte durch das winklige verstellte Zimmer: »Weg von hier! Wie
können Sie daran zweifeln? Diese Frau im Stich lassen. Ich verlange das von
Ihnen im Namen meines Kameraden. Oh diese Frau will ich strafen für die
schlechte nichtsachtende Gesinnung, die schlechte Gesinnung, die sie mir
offenbart hat. Über Leichen geht sie, ein Ehrgefühl hat sie nicht.«

Matilda bewahrte kühle Haltung zur Mutter. Sobald sie allein war und sich
ausgeweint hatte, entschloß sie sich; sie stieg mit Fortunesku in den Zug
nach Bukarest.

»Ich bin jetzt wieder glücklich,« sagte Matilda, »und ich bin Ihnen so
dankbar.«

Sie drang in ihn, warum er so still wäre. Er redete von Aufgaben, denen
manche Menschen nicht gewachsen wären, ein liebes Wesen sei ihm vor einem
Jahr gestorben, vor etwa einem Jahr. Plötzlich erklärte er, daß er
schwitze. Sein breites Gesicht, -- die grauen Augenlider, die faltigen
Wangen mit den Narben am Kieferwinkel, die striemig rote Stirnhaut
vibrierten. Er zog mit ihrer Erlaubnis den Cutaway aus, streichelte
vorsichtig über ihre Ponys. Sie kicherte: »Sie sind doch nicht solch guter
Freund, wie Sie sagten, zu Grigor.«

»Es sind Wallungen, mein Fräulein, schmerzliche Wallungen. Ich glaube
freilich, daß sich manches Gefühl aus Wallungen zusammensetzt.«

Und dann nach einer Pause: »Der gute Grigor ist freilich etwas zahm.«

Sie warf sich in die Brust, machte einen spitzen Mund: »Aber das ist so
hübsch an einem jungen Mann, wenn er ernst und zahm ist. Und wenn er nicht
so frech ist wie --«

»Wie wer denn, meine Gnädige?«

»Wie Sie.«

Sie senkte umfaßt ihren lachenden Kopf an seine fleckige Samtweste: »Was
glauben Sie, Fräulein Matilda, was mich Grigor beneidet um diesen
Augenblick. Um meinen Schneid. Um meine Courage.«

Während er sie herzog und sie folgsam ihren geschmeidigen Oberkörper wiegen
ließ von ihm, sagte sie: »Aber viel Schneid hat Grigor doch auch. Und so
lieb ist mein Grigor.« Ihre Arme legten sich um seinen Gummikragen: »Und so
froh bin ich, daß Sie mich zu ihm führen, Herr Petru, lieber Herr Petru.«

Sie lachte und seufzte und lachte. --

Bei der kleinen Umsteigestation Beneschau, eine Minute Aufenthalt, kroch
aus dem letzten Waggon ein Mann, mit zerbeultem steifen Hut, gelbem
Sommerpaletot, durchgestoßenen Hosen, in der Hand einen kleinen platten
Koffer. Fortunesku schluckte auf dem Bahnsteig sein Glas Helles, rückte
matt seinen Stuhl aus der Sonne und sah die blanken Geleise entlang: »Es
ist nichts mit der Familie Barinianu.« Sein Magen kam ihm leer und
schwindlig vor; er bestellte einen Schnaps: »Strapazen, Strapazen; keinen
Pfennig verdient. Es geht abwärts mit dir, Franz; lauter Gefühle. Mutter
hat recht; aus mir wird nichts.«

Er flegelte am Schanktisch, schmatzte, massierte seine Waden, seinen Arm,
schlich in das Dorf.

Eine blonde junge Dame verließ unter allgemeiner Aufmerksamkeit in Tabor
ein Coupé erster Klasse. Sie schluchzte über den Perron; ein
Bahnhofsbeamter führte sie am Arm, trug ihren Handkoffer und grauen
Reisemantel. Sie schien betäubt oder wirr. Im Stationsgebäude erholte sich
Matilda etwas, als die Frau des Bahnhofswirts ihr zusprach, heißen Kaffee
brachte. Das Fräulein stieß mehrmals hervor, man möchte nach Dresden in das
Hotel »Eintracht« telephonieren, daß sie hier warte.

Nach fünf Stunden kam die Mutter im Auto. Sie nahmen den nächsten Zug nach
Bukarest. Im Coupé legte Frau Barinianu den Hut nicht ab; den
Trauerschleier knautschte sie in die Höhe, riß Matilda an sich. Cesarines
Gesicht war verschwollen; ihre kleine Nase dick und naß. Sie ließ von dem
Kind nicht ab, zitterte, schrie leise: »Ich habe gedacht, du bist ermordet,
ich hab gedacht, der Lump hat dich ermordet.«

Matilda rutschte mit dem Kopf an ihre Brust, schwieg, streichelte ihren
Rücken.

»Nein, du lebst, Matilda, du bist ja wieder da.«

»Sei gut zu mir, Mama. Sage nichts zu Hause. Bitte. Nichts zu Grigor. Sein
Freund hat mir den Kopf verdreht. Ich habe mich rechtzeitig besonnen, sag
Grigor so.«

»Es war ja ein Lump, ein Strolch. Es war nicht Grigors Freund. Ich weiß gar
nicht, wie er heißt.«

Die Tochter drängte sich an das zerpresste Jabot Cesarines: »Er war solch
Lügner, dieser Mann. Er war so flink mit Lügen und allem. So flink.«

Das Mädchen schlug sich die Hände vors Gesicht und stöhnte, stöhnte.

Frau Barinianu steckte die Haarnadeln Matildas zurecht, umarmte sie
heftiger. Dann ließ sie das Kind los, atmete tief. Sie rieb sich die Stirn.
Lange sprachen sie nicht.

Der Zug schwebte über den Schienen. Von Zeit zu Zeit kam ein Stoß der
Räder. Der Dampf der Lokomotive flog vorbei.

Langsam löste nun Frau Barinianu ihren Hut, wischte sanft über den
Schleier, während ihr Kopf zurück auf das Polster fiel. Sie lächelte mit
weichem Mund, indem sie träumerisch vor sich in den Spiegel sah: »Er ist in
die Welt verschwunden und kehrt nicht wieder. Oh, er konnte turnen, dieser
Lump. Ich habe noch nie einen Menschen so turnen sehen.«

Lauter und zärtlicher vibrierte ihre Stimme vor Vergnügen. Wie eine schöne
Bratsche klang es aus ihr. Sie drückte das zerzauste Fräulein an sich. Und
während die noch leise weinte, lachte die Mutter aus tiefem Herzen über sie
her: »Er war ein geborener Springer.« Bis auch die stolze Matilda mit
verschämter Bewegung hoch blinzelte: »Ja nicht wahr, Mutter, so springen
konnte er?« Die Stimme wie eine Hirtenflöte dünn und süß.

Und sie küßten sich. Der Wagen schmetterte über eine Eisenbahnbrücke. Sie
wiegten sich Wange an Wange.



Das Femgericht


Ein Mann namens Haslau, der im Württembergischen wohnte, wurde von
Diebsgesindel heimgesucht. Haslau hauste, ein Fettwanst, klein, mit
stoppligem braunen Haar auf einem kugelrunden Kopf, in seiner Herberge.
Zwischen den Bauern, die die breiten Sitzbänke drückten, humpelte er
freundlich herum; am Schanktisch stützte er die Arme auf, sah beobachtend
in die Stube rechts und links. Hausierer, Wanderburschen tauchten auf;
Karren hielten im Hof. Zweimal mußte Haslau auf den Leiterwagen steigen, in
die Stadt, sich selbst wegen Hehlerei und Begünstigung verantworten. Als er
den letzten Diebstahl auf dem Amt meldete und sich halb umdrehte, bevor er
die Türe hinter sich anzog, schmunzelten Schulze und Schreiber an ihren
Pulten; der langnäsige bebrillte Schreiber flüsterte mit dem Daumen gegen
Haslau: »Hacken die Krähen sich also doch die Augen aus? Wie spaßhaft, wie
spaßhaft!« Und dann kratzten beide das Papier, preßten dicke Querfalten auf
ihre Stirnen, weil Haslau noch an der Tür stand und grimmig zurückblickend
sich die Kolbennase rieb.

Im Frühjahr wurde das Schild an der Herberge neu gestrichen; der Name
Hitzinger wurde golden auf blauem Grunde über Haslaus gepinselt. Vier
verdeckte Rollwagen fuhren an dem Marienkirchlein vorbei aus dem Dorf auf
die Landstraße. Den letzten lenkte Haslau selbst. Nickte finster in die
Stuben hinein. Am Ende der Straße, wo die Feuerwehr in einer Scheune
wohnte, spuckte er aus, schlug den Braunen, schnalzte: »Hüh, hü-äh!«

Vor Eßlingen wurde die Ebene wellig. Pflaumen- und Kirschbäume blühten. Die
Pferde in Schweiß. Auf einer Anhöhe ein sauberes Häuschen; lächelnd und
knixend kam eine große Frau in blaukariertem Kleid zur Tür hinaus, nahm
Haslau die Peitsche ab. Sie hatte stopplige Haare wie er und ein rotes
Gesicht; seine Schwester Kathrine.

Haslau züchtete in dem Häuschen zwei Jahre lang belgische Kaninchen und
Schweine, pflanzte Kürbisse, war in Eßlingen geehrter Vorstand des
Gesangvereins, Mitglied der Männerriege; ab und zu übernachteten stille
Besucher in seiner Wohnung, die morgens mit ihrem Päckchen verschwanden.
Eines Sonnabends nahm Kathrine ein Küchenbeil, ergriff ein feistes
Kaninchen an den Hinterbeinen, erschlug es, häutete es ab. Am Sonntag
Morgen suchte sie im Keller nach dem Tier, von der Frühmesse bis Haslau
aufstand. Er hinkte ungläubig die Treppe herunter, leuchtete unter Kisten,
kratzte sich das Ohr: »Es fehlen sechs Weinflaschen und zwei sind leer.«
Kathrine machte maulsperrend drei Kreuze, zitterte »Jesus Maria«, latschte
nach oben, saß den vollen Vormittag bei der Nachbarin. Ihr Bruder zog sich
die grüne Joppe an, horchte im Verein, man steckte die Köpfe zusammen,
sprach mit Nachdruck und trank erregt. Der Kolonialwarenhändler hatte einen
Sohn, der beim Militär diente; er besuchte Haslau und sagte, man solle die
Sache der Polizei melden. Haslau schniefte: »Ich mach mir meine
Wasserleitung allein; einen Viehdoktor brauch ich nicht. Und die Polizei:
in Ehren, in Ehren, unberufen, aber wozu?«

Er lehnte die Haustür von jetzt ab nur an. Ein dralles Hausmädchen brachte
er aus der Stadt mit für Kathrine. Als Kathrine ihn verblüfft anglotzte,
strich er ihr über den Rücken, zog ihre steifen Schürzenbänder durch die
Finger: »Wegen der Luft ist es, Kathrine, wegen der Luft auf der Brust. Man
wird alt.« »Ja warum denn?« »Sie soll dir helfen. Man will, aber es geht
nicht mehr, -- so allmählich meine ich. Es kocht bei dir auf der Brust.
Knappe Luft.« Auf die Spitzen stellte er sich flüsternd, mit dem Daumen
zeigend: »Eine Falle, für den Lump. Bei der soll er anbeißen. Er wird's
tun, verlaß dich drauf. Eine leckere Falle, ein schönes Schmackhäppschen,
Trinchen.«

Im Hochsommer trug das saubere Mädchen einen versiegelten Brief von
Hitzinger und ein graues Paket mit zwei Schinken herauf, und dann drehte
sie sich vor Haslau und brachte nichts heraus. Er nahm die Pfeife aus dem
Mund, schimpfte bei Seite, was das solle. Sie flennte, sie sei nicht
schuld. Die Pfeife ließ Haslau auf die Rutsche poltern, das Mädchen faßte
er am Handgelenk, sprang mit ihr auf den Flur, auf die Kellertreppe:
»Kathrine, bring Licht.« Er fluchte zwischen Kisten, Säcken und Tonnen.
Acht Flaschen standen, ausgeleert auf dem Holzverschlag unter der Treppe,
davon fünf große Weinflaschen. Kathrine traute sich nicht herunter, dann
heulte sie um zwei Kartoffelsäcke und ein Beutelchen Korinthen. Er unter
dem Treppenabsatz, dick schwoll sein rundes Gesicht. Nach einer Weile hob
er eine Flasche auf, schmetterte sie grimmig auf die Steine, ohne ein Wort
zu sagen. »Es war was drin,« kreischte Kathrine. Haslau nahm stumm zehn
Flaschen unter den Arm, klirrte eine nach der andern auf das Pflaster unter
der dunklen Treppe. Als die lange Kathrine dem Besessenen in die Arme fiel,
schleuderte er sie selbst bei ihrer Korallenkette herum, so daß sie in die
feuchten Scherben rasselte, sitzen blieb und nach Luft rang. Der blumige
Wein spritzte über ihre blauweißen Backen. Sie machte ein Bein lang,
angelte mit dem nackten Fuß nach dem Pantoffel, der ganz unter dem roten
Wasser stand.

Abends kauerte Haslau an seinem Tisch, schrieb mit breiten Ellenbogen:
»Lieber Hitzinger, besuch mich mal. Deine Schinken sind schön. Kathrine
läßt dich grüßen. Bei Reutberg ist die Brücke wacklig; fahr langsam rüber.
Dein treuer Freund Oskar Haslau.«

Sie stakelten zwischen den Obstbäumen. Hitzinger im langen Rock mit der
schwarzen Weste und Messingknöpfen kniff ein Auge zu, zählte die Kastanien,
die Apfelbäume, die Birnbäume: »Hätt ich doch gedacht, daß es sumpfig ist
in Eßlingen. Und so schön fest alles!« Die Schiffermütze zog er schief in
die Stirn; aus seinem glatten viereckigen Gesicht blinzelte er zu Haslau
herunter, dessen kupferrote Backen und Nasenflügel verdrießlich zuckten. An
einer Wegkreuzung setzten sie sich auf einen Stein, verschnauften. Haslau
kramte sich Kiesel aus seinen Schuhen: »Der Strolch muß ein strammes
Bengelchen sein. Auf Essen und Trinken hat er's abgesehn. Aber mit dem
Mädel bändelt er nicht an.« Hitzinger spähte um sich, bog sich lang nach
vorn über sein Knie, flüsterte ins Gras: »Ein Schuft ist es, ein
undankbarer. Was hast du dich geschunden für sie. Wir haben immer
zusammengehalten. Meine Flaschen hätt ich zerschmissen, hoho! Vielleicht
ist es ein neuer. Müßt ihn erwischen und zu Kleinholz schlagen.« »Möcht
schon,« brummte Haslau, »aber wer ist es? Minzel Aloys ist in Stuttgart
verheiratet, Musikantenfranzele schwimmt auf dem Wasser, Fabian macht Uhren
im Zuchthaus.« Der Mann mit den Silberknöpfen wiegte sich: »Sollt mir
passieren, Haslau Oskar. Mein Vater erzählt: wenn früher einer so was
fingerte in der Sippe oder an Kameraden, so haben sie sich zusammengetan
die Leute allesamt, haben die Feme gemacht über ihn, so hats geheißen, und
ab mit der Kohlrübe. Leg ein Blatt Papier in den Keller, schreib rauf mit
dem roten Blei: >Bruder< und drei schwarze Kreuze hinterher.« Haslau leckte
sich die Lippen: »Er gefällt mir, das Bengelchen. Ich denke: Fuchseisen
oder Rattengift. Das zieht.« »Erst warnen!« »Das Vieh liest nicht, säuft
nur.« -- »Egal; er soll sein Fett kriegen, aber in Ordnung, mein Jung, in
Ordnung; also schreib du hier aufs Papier: Bruder und drei Kreuze; schwarz,
feste Handschrift, Oskar. Weiter scherts dich nicht.«

Eine Woche drauf, Mittwoch früh sechs Uhr in der tiefsten Stille, gellten
und gellten Schreie durch das Häuschen, überschlagende Frauengeschreie,
Geheul, Hinklatschen auf der Treppe. Gegen die Schlafstube schlug es; in
Schlafrock und Pantinen riegelte Haslau auf, packte das Mädchen, das
blökend ins Zimmer fiel, beim Arm: »Hat er dir etwas tun wollen?« Er riß
den Ochsenziemer von der Wand, zerrte das unbändige Geschöpf, das immer
heiserer brüllte, über den Flur, auf die Kellertreppe: »Schrei nicht,
sachte, sachte, sonst kommen die Leute von drüben.« Sie patschte in
sinnlosem Entsetzen die Hände zusammen, hatte Aufstoßen, spie. »Hast du
auch die Tür hinter ihm zugemacht?«

Aus dem Keller kam ein schmaler Lichtschein.

Krumm, in einer riesigen Lache Erbrochenem lag ein toter Mann neben
umgeworfenen Flaschen.

Still zog Haslau den Schlafrock über dem Bauch zusammen, ein
verständnisvolles Aufleuchten ging über sein Gesicht; er nickte: »So, so,
so, hin!« Das Mädchen sprang über eine Pfütze, kreischte draußen weiter.
Von oben trampelten schwere Schritte. Haslau bückte sich kopfschüttelnd
über seinen Zettel. Er leuchtete, während die beiden Männer sich
herandrängten, dem Toten über den besudelten Bart, den gesperrten Mund:
»Fabian, ausgerückt aus dem Kittchen, da sind wir ja wieder.« Der eine
Rollkutscher, mit dem hängenden zerfaserten Schnurrbart, fragte, was denn
hier wäre; nachdenklich blickte Haslau ihn und den Toten an, pfiff: »Wie
sind Sie eigentlich hier rein gekommen meine Herren? -- Ja, das ist der
Fabian. Ein guter alter Bekannter von mir. Was so aus einem Menschen wird.
Man möchte an aller Vernunft verzweifeln. Da hab ich diesen Dreideibelskerl
in meinem Keller erwischt. Das war ein Geriebener aus Stuttgart. Hat der
nötig gehabt, bei mir Kartoffeln zu stehlen?« Und er machte sich über die
Flaschen her: »Anderthalb Flaschen heute. Der Rest hat ihm nicht
geschmeckt.«

Die Männer sahen sich an, kletterten flüsternd die Treppe hinauf. Haslau
faßte den Toten bei den Beinen, schleifte ihn über die Stufen auf den Hof,
packte ihn auf den Buckel, so daß der geschorene Kopf auf das Pflaster
knallte und schmiß ihn an den Rand des Gartens hin. Brach ein Stück des
Holzgitters heraus, ließ den Körper, zwei heftige Stöße gegen das Kreuz,
bergab auf die Straße rollen. Unten kniete die Leiche, die sich mit einem
Arm an einem Pfahl verfing, nach einer Minute ruhig am Weg, beugte den Kopf
so tief ins Gras, daß sie durch ihre Beine hindurchsah. In der Stube wusch
er sich die Hände, rieb sich Weste und Hose ab, schrieb schnaufend an
seinen Freund: »Fabian muß in letzter Zeit sehr dick geworden sein; er war
sehr schwer. Nun werden wir Ruhe haben und das Mädchen kann ich entlassen.«

Der Gendarm riß an der Klingel, der Rollkutscher dabei. Als der mit dem
Helm brüllte, fragte Haslau verblüfft, ob er solchen stinkenden Kerl auf
seinem Grundstück liegen lassen sollte. »Holt Ihr ihn ab, Ihr
Polizeiherrchen. Ich mach meine Stube sauber, mit gütigem Verlaub.« Sie
packten ihn an. Mit gehässigen Blicken trat er rückwärts dem Kutscher gegen
das Schienbein, so daß er jaulte.

Im Gerichtssaale priemte er erregt. Hitzinger lümmelte an der Barriere.

Erst brummte Haslau: »Herr Richter, der Mann ist an das Zyankali für die
Wühlmäuse in meinem Keller geraten.«

»Es wird behauptet, Sie haben das Gift absichtlich in Weinflaschen
aufbewahrt.«

»Lassen wir doch die Leute reden, Herr Richter.«

Mit einmal verweigerte er die Antwort und suchte auf seiner Bank herum.
Dann protestierte er plötzlich mit vortretenden Augen, indem er sich über
die Schranke beugte, wegen Freiheitsberaubung.

Als die Richter nach kurzer Zwischenberatung auf das Podium wiederkehrten,
beobachtete er sie verbissen, keifte vor sich: »Was die geheim tun! Mit
ihren schwarzen Mützen! Die Herren Dokters! Die Herren Dokters! Den Dreck
kümmert sie mein Ding mit Fabian.«

Der Vorsitzende schlug auf den Tisch. Haslau schniefte herauf: »Wollt ihr
mir zeigen, was ich zu tun hab, ich alter Mann? In dieser Sache? Wißt ihr
was von diesem Prozeß? He?«

Prustend schüttelte er die Fäuste, während ihm blaue Ringe vor dem Gesicht
schwammen und er auf den Beinen schaukelte: »Ich verlange, daß ihr Fabian
vernehmt und mich rauslaßt. Fabian ist von meinen Leuten. Das ist hier kein
Gericht für unsereins. Wenn Fabian nicht recht geschehen ist, so soll er's
sagen.«

Müde kroch als Zeugin ein krummes Mütterchen heraus: »Ja, ja, wenn ich
sprechen dürft, und der Fabian hat gesagt, wenn er das nächste Mal
einbrechen tät bei Haslau Oskar, dann würd's wohl eine Geschichte geben.«

Der Vorsitzende fauchte über den Tisch gegen sie. Haslau zitterte,
brummelte: »Also ihr laßt mich raus, wenn ihr's doch hört! Die Sach ist
zwischen mir und Fabian. Die Sach ist beschlossen und gerichtet und
beendet. Ich misch mich auch nicht in euren Streit. Ihr laßt mich raus!«

Der Richter donnerte: »Sie haben sich ruhig zu verhalten hier.«

Mit unkenntlichem Gesichtsausdruck, fade schielend, die Augen etwas
wässerig leer, bewegte sich der Wirt an der Brüstung, setzte sich
schwerfällig, während er grunzte, und sein Brustkorb arbeitete. Seine
blaurote Unterlippe zuckte pulsierend. Hitzinger flüsterte hetzend; Haslau
winkte ab.

Es war nichts zu beweisen. Er wurde zu zehn Tagen Haft wegen Fahrlässigkeit
und so weiter verurteilt.

»Karl,« sagte er auf der Straße zu Hitzinger, »die wollten mich umbringen.
Wenn ichs nicht hintergeschluckt hätte, saß ich drin.«

Der lange Hitzinger beruhigte ihn. Zu Hause beim Anblick der grünen
Kognakflasche, die Kathrine hereintrug, weinte Haslau erbittert. Er zog die
karierten Vorhänge zu, schwieg erst, trank und gluckste finster: »Karl, ist
für die denn ein anständiger Mensch und ein Schwein dasselbe? Wegen des
dicken Fabian, des Viehs, der meinen Wein ausgesoffen hat, muß ich ins
Kittchen?«

»Wenn er's wüßt, krank lacht er sich.«

Haslau schrie: »Krank lachen tät er sich. Schlimmer als Minzel Aloys war
er.«

Als der andere bekümmert die Flasche an sich heranzog, legte der dicke Wirt
den aufgestützten Arm hin, sagte entschieden: »Ich nicht. Es gibt noch
Gerechtigkeit dafür. Bin kein Aff, Karl, sag ich dir, der sich kujonieren
läßt wie ein dummer Lausbub von den hergelaufenen Federfuchsern auf dem
Gericht. Bin ich ein solcher Aff?« und pflanzte sich im Zimmer neben
Hitzinger auf, den Hosengurt anziehend.

»Was denn, Oskar?«

»Meinen Wein soll er mir aussaufen dürfen und ich geh ins Kittchen?«

»Was denn, Oskar?«

»Meine Sach hab ich mit Fabian abgemacht, wie wir's besprochen haben.
Kommst du mit, ist's gut. Kommst du nicht mit, mach ich mein Ding allein,
Karl. Es muß ein End nehmen damit.« Haslau schloß die Kommode auf, stopfte
sich Geld aus einem braunen Strumpf in die Taschen. Den Schlüssel warf er
vor Hitzinger auf den Tisch. »Oskar, daß du dich vorsiehst. Wir können alle
zusammen nichts ausrichten gegen die Federfuchser. Es ist eine abgefeimte
Klique.«

»Wirst schon sehen, Karl. Wirst schon sehen.«

Nach vierundzwanzig Stunden brannte die Villa des Amtsrichters ab; das
Feuer brach im Dachstuhl aus, ein schlafendes Kindermädchen und viele
Tauben kamen um.

Haslau war verschwunden.

Erstach Vieh bei Begüterten, zündete Heuschober an. Wütete im Land. Nach
anderthalb Jahren ergriffen ihn zwei Gänsetreiber in der Nähe von
Hitzingers Gasthaus, als er sich mit einer Strickleiter hinter dem
Amtsgebäude des Dorfes zu schaffen machte. Nachdem man ihm mit Riemen Hände
und Füße verschnürt hatte, war er taumlig und bei Stimmung, sah tiefbraun
und sehr mager aus. Den gewaltigen Gendarm, der ihn hielt, seinen Feind
grinste er an: »Lebst auch noch, alter Sepp. Gönn's dir, daß du mich gefaßt
hast; sollst deine Freud haben.«

Aus den kleinen Türen polterten die Dorfgenossen in die graue Morgenfrühe;
reckten die Arme, stießen dem gebundenen Patron in die Weichen, klatschten
ihm mit einer Latte meckernd über die Waden. Er bläkte einknickend: »Jetzt
machts mit mir, was ihr wollt, ihr Grindköpfe. Jetzt kanns geschehen. Reißt
mir die Kaldaunen aus dem Leib. Leckt mir meine Lehmstiebeln ab, da, ihr
Borstenvieh, ausgesuchtes.«

Jäh packte ihn, als er spie, der Gendarm bei der Schulter und warf ihn mit
einem Ruck vor einen Misthaufen. Ein Bauer rief: »Jetzt gibt's nichts mehr
zu hehlen dahier, du Hehler.« Ein anderer lockerte den Mist mit einer
Gabel: »Zu essen, Herr Wirt, dahier! Kuhfleisch, laßt euch schmecken,
Lammbraten, da, fetter Schinken, Schinken mit Tunke.«

Er wälzte sein beschmiertes Gesicht hoch: »Hätt ich noch die Herberge, ich
wollte euch was zu trinken geben, was euch Maul und Magen zusammen
verbrennt und euch das leibhaftige Höllenfeuer bei Lebzeiten im Bauch
anrichtet. Mißgünstige ihr, Diebe allesamt, unehrliches Volk.«

Der lange Hitzinger war aus dem Bett gekrochen, stand mit sinkenden Hosen
auf der Treppe vor dem goldblitzenden Schild. Der Leiterwagen klapperte mit
Haslau, der ausgelassen höhnte, gröhlte und pfiff, aus dem Dorf. Hitzinger
zog sich die Hosen stramm, spuckte hinter den springenden, fuchtelnden
Bauern aus, bevor er mit einem Fluch über die Schwelle stolperte.



Die Schlacht, die Schlacht!


Armand Mercier geht seinen Freund Louis suchen.

Weiche schmelzende Schultern, Louis Poinsignon, in blaue Kittel gehüllter
dünner Rumpf, schiebende Beine in hohen schwarzen Stiefeln, Louis, den
blauen Schal um den Hals.

Daß er tot ist, wer glaubt das? Seine Mutter in Vareau heult, steckt sich
die Daumen in die Ohren, kaut Teeblätter. Seine Mutter heult! Hähä, wollen
sehen. Noch hat man einen Kopf und spuckt auf einen Wisch von Depesche.

Armand prustet neun Tage um sich, hat eine blasse Nase, merkt nicht, daß
Frost da ist; sein Schacht verdreckt, Wasser rennt armdick über den Boden,
Pumpen ziehen nicht.

Louis Poinsignon mit dem strohblonden glatten Haar steht nicht im
Maschinenhaus, kommt nicht zum Tricktrackspiel. Gegen die Preußen
gekrabbelt mit den andern; und ich auf eine Grube aufpassen. Die Ameise,
das Ameischen, Louis Poinsignon, das fleißige saubere Ameischen, das sie
zertreten haben, und ich auf die Grube aufpassen. Das alte Weib heult: was
geht's mich an! Die Frau hat keinen Begriff. Entweder ist er tot und dann,
-- Armand kaut an seiner Zunge und ist besinnungslos, -- oder eben: er ist
nicht tot. Oder er ist eben nicht tot. Er ist eben nicht tot. Ist nicht
tot. Louis ist nicht tot.

Am zehnten Tage sagt er sich: man ist kein Sklave; wenn Louis Poinsignon im
Hügelland von Roye gefallen ist, dann ist es um was geschehen. Pfeifen,
Trompeten, Trommeln, dann sollen sie mal trommeln, bumberum bumm bumm,
titiliti. Mütze in die Ecke, Rock in die Ecke, ein Bad genommen. Nach
Hause. Sieben Uhr abends. Armands Augen lesen die Schilder des Städtchens
ab: Féréol Gide, Drogerie; Witwe Walter, Kostüme; Camille Ticeuze,
Pfandleihe. Nun ade, du mein lieb Heimatland.

Elf Uhr; noch einmal in der Kammer rasiert. »Adieu, liebe Frau, ich geh'
ins Wirtshaus, Muscheln essen.«

»Pssst, Amélie schläft.«

»Nacht, lütte Amélie.«

Bergmannskappe über die Ohren, Finsternis in den gewundenen Straßen,
Novembersturm. Verkrochen in den steifen schwarzen Ledermantel,
Blendlaterne ins dritte Knopfloch gehakt. An den roten Wirtshausfenstern
geduckt vorbei. Witwe Walter, Kostüme; Féréol Gide, Drogerie; Metzgerei vom
dicken Camille.

Nasser Gischt in der Luft, freie Äcker. Preußen, Bayern, wenn ihr Louis
habt, gebt ihr ihn her. Weißer zappelnder Laternenkreis immer zwei Schritt
vor den Stiefelspitzen. Marschieren. Der Lehm saugt an den Stiefeln.
Marschieren.

Zunächst Dizennes; geschlossene Fensterläden. Dann der Besitz von Herrn
Uzaire; durch den gesperrten Wildpark; alles tot; die Vögel runtergeholt;
kein Wächter; ah, Kaninchen. Chaussee nach Craor. Ein Leiterwagen. »Nehmt
ihr mich mit nach Roye?« »Wenn du blechst, bis Craor.« »Und nach Roye?«
»Geht nicht weiter.«

Auf Mehlsäcken bis in den Vormittag hinein, schnarchend, kauernd,
hochfahrend. Einmal kollert er rückwärts, faßt einen Sackträger beim bloßen
Hals, rollt ihn seitlich über die Bretter; der wollte ihm was wegnehmen,
ihn berauben. Mißverständnis im Halbschlaf, aber das Glas der Blendlaterne
vorn ist kaputt, das Blech vom Gehäuse verbogen, das Mantelleder qualmt,
stinkt.

Kalte graue Helligkeit. Nackte Felder, endlose Felder. Es bullert. Es stößt
gegen den Horizont. Deutlicher, abgegrenzt, ein langgezogenes »Dumm«; immer
Orgelgrundbaß nachschwingend.

Gefahrenzone.

Radfahrersoldaten rechts nach vorn vorbei, links nach vorn vorbei;
Konservenbüchsen in den Tornistern klappern. Patrouillen latschen zu zwei,
zu fünf, Knarre auf dem Buckel, kalte Tabakspfeifen zwischen den Zähnen;
blinzeln gegen den Himmel; die Stiefel unten zerquarken den Lehm. Linker
Stiefel: »Wo liegt Frankreich?« rechter Stiefel: »Wo liegt Frankreich?«
linker Stiefel: »Wo liegt Frankreich?« rechter Stiefel: »Alles Wurscht«,
linker Stiefel: »Alles Wurscht«, rechter Stiefel. Pässe, Pässe. Man kommt
nicht durch. Runter vom Wagen. Dicke Menschenhaufen aus dem Dorf. Alle
rückwärts nach Bagolles, nach Petit-Bagolles, nach Bordigaux. Bettsäcke,
Kinderwagen, Handkarren, Vogelbauer. Armands Heimat wird morgen Großstadt,
der Heurige, die Schnecken werden nicht reichen. Alle rückwärts.

Dahinten brennt's doch nicht! Dahinten brennt's. Die Preußen schießen.

»Wo geht's nach Crataires?«

»Verrückt. Nicht durchzukommen. Die Preußen schießen.«

»Wo geht's nach Crataires?«

»Was willst du in Crataires? Die Großmutter abholen? Die wärmt sich die
Beine da. Guck hin.«

»Herr Wachtmeister, ich heiße Armand Mercier, ich muß durch. Ich habe
Verwandte in Crataires, eine Frau, meine Schwester, mit zwei Kindern, zwei
kleinen Kindern; das eine acht Monat. Der Mann steht in Toulon. Man kann
die Frau nicht umkommen lassen.«

»Wie lange wollen Sie noch reden.«

»Die Frau ist hilflos. Ich bin aus diesem Kreis, Mercier heiße ich, man muß
mich durchlassen. Ich kann es nicht auf mich nehmen.«

»Wie lange wollen Sie noch reden. Etappenwache drüben links, holen Sie
einen Paß.«

»Es eilt, sehen Sie ja, Herr Wachtmeister, um Marias willen. Bester Herr.
Der Mann steht bei der Hafenkommandantur, Vizefeldwebel, ein sehr
zuverlässiger Mann, Sie können sich denken. Ich werde es Ihnen nicht
vergessen. Ich wohne in der Straße, wenn Sie über Dizennes kommen, gleich
links die zweite Querstraße.«

»Hollah, hol-lah! Die Herrschaften da! Wo wollen die Herrschaften hin? Sie
in dem Auto! Haben Sie Paß! Kommen Sie runter, wenn Sie nicht verstehen. --
Drüben links, Etappenwache. Ich sage doch >links<. -- Wie lange wollen Sie
noch reden.«

Soldaten kommen durch. Eine Uniform stehlen. Wo liegen Verwundete? Wo ein
Schlachtfeld? Armand Mercier stellt sich in eine Nische neben den
Paßkontrolleur, studiert Menschen. Braucht Größe 1,80. Sachte trabt ein
Korbwägelchen an, herum rutscht es um den Zaun, auch zurück nach Dizennes.

Zwei Soldaten drauf, stämmige Burschen, einer mit rotem Bändchen, aber Kopf
verbunden. »Dumm! Dumm!« Bullert gewaltig, man geht, fährt, läuft
schneller.

»Guten Morgen, Kamerad.« Sie schreien »runter«, der mit dem Kopfverband
will mit den Hacken gegen Merciers anklammernde Finger; schon kniet Mercier
auf der scharfen Bodenkante des Wägelchens, Seitenlatte angepackt, das
Pferd rast vorwärts, lang fegt der schwarze Ledermantel durch den
Straßenmist. Mercier keucht: »Nach Roye; ihr nehmt mich doch mit. Ich
zahle.« Mercier ist verbissen; er brabbelt den beiden stier ins Gesicht,
während er sich hochhangelt: »Meine Schwester hat zwei Kinder, der Mann
steht in Belfort, Vizefeldwebel, ein zuverlässiger Mann.«

»Wir fahren ja nach Dizennes, rückwärts fahren wir.«

»Ich meine Dizennes. Er hat mir ans Herz gelegt, für seine Kinder zu
sorgen.«

Vorn flüstern die beiden. Armand hockt hinter ihrem Rücken unter dem runden
Dach, schielt über ihre Schultern, prüft ihre Uniformen. Sie flüstern
schärfer. Als sie kurz vor Dizennes langsamer fahren, übernimmt der gesunde
schlankere die Zügel, der mit dem Bändchen stemmt sich plötzlich mit seinem
ganzen Katzenbuckel gegen den hochgestülpten Pferdetrog, ruckt nach hinten
herumschnellend die Beine gegen Armands Beine, wie ein Hampelmann. Rutscht
dabei vom Trog ab, gibt sich heftige Stöße gegen Kopf und linke Schulter an
zwei Kistchen mit Liebesgaben, weil Armand inzwischen seine Füße über den
Knöcheln zu fassen gekriegt hat und er nicht loskommt. Der Schlanke haut
das Pferd. Als sie sitzen und Armand sich die Hände an den Kistendeckeln
abgewischt hat, verlangt er von dem Schlanken, der kutschiert, Uniform und
Urlaubspaß, für fünfzig Frank in Gold, leihweise. Gelächter. Der mit der
Kopfwunde will kutschieren; hat vor, aus Wut, sie alle drei in Dreck zu
setzen. Vorher gelingt es Armand, nachdem er lange mit der Zunge geschnalzt
und ein verliebtes Schmunzeln hinter mehreren spazierenden Mädchen
aufgesteckt hat, den Schlanken, der rauflustig ist, hinter sich herzulocken
auf die Chaussee, einer kleinen Bäuerin nach, die auf dem Kopf mit dem
Strohkranz einen hohen Korb balanciert. Statt aber das Mädchen im
Birkengehölz hinzulegen, wird der Soldat dicht hinter der Fliehenden, die
den Korb schon in der linken Hand schwingt und den Mund atemlos zum
Schreien aufreißt, am Sandplatz vor dem Gehölz durch einen versehentlichen
Ellbogenstoß über eine Wurzel gerempelt. Armand stolpert über den
Gestürzten, der sich abwechselnd Kinn und Knie reibt, kriegt den schon
Hochkletternden am Hals über der Binde und fängt mit dem Schnappenden ein
Handelsgeschäft an. »Also fünfzig Frank, siebzig Frank und das Mädel für
dich allein. Aber fix, in zehn Minuten ist sie außer Sicht. Wir bleiben
gute Brüder. Hand weg. Es geht nicht anders.«

Der schluckt und juchzt wie ein Fisch, den man bei den Kiemen hat und der
nach hinten mit der Schwanzflosse schlägt. »Spion, ich schreie.«

»Schrei. Kriegst den Daumen drauf. Schreist? Also du ziehst meine Sachen
an, gehst in die Ferme und holst das Mädel. Kein Mensch fragt nach dir.«

»Ich schrei doch.«

»Kriegst den Daumen.«

Der Soldat zieht sich, während er in dem Sandloch sitzt, atmet und wieder
rosa wird, die Stiefeln aus, fragt unsicher, ob der andere einen Ausweis
hat. Der taucht aus seinem Mantel, hat im Nu die Stiefel erwischt. »Drei
Tage kriegst du meine Steigerkarte, für den Weg, für die Gendarme und so.
Bis man raus hat, wo du steckst, bist du wieder da.«

»Meine Kluft.«

»Wirst du wiederhaben.«

»Alles?«

»Zehn Frank nachher.«

Beide frieren im Hemd, zusammengekrümmt im Sandloch, belauern sich, kratzen
sich die Waden. Der schlanke, während er sich Armands Hosen anzieht, findet
in der Hintertasche etwas Hartes, ein Messer, verlangt plötzlich
fünfundachtzig Frank. Armand tut, als merkt er nichts, sagt zu und stellt
den Fuß auf das Seitengewehr am Boden. Damit abgemacht.

Drüben knallt der Blessierte, der sie in den Chausseegraben setzen will,
neben dem Wägelchen mit der Peitsche. Armand das leichte rote Käppi auf;
Pioupiou schlurrt im Ledermantel, Blendlaterne am Knopf, zufrieden mit
fünfundachtzig Frank Gold in der Faust. Wiedersehen hier in drei Tagen.
Pioupiou tänzelt bartzwirbelnd in die Ferne, rafft den Mantel wie einen
Damenrock.

Armand um den Wagen herum. Die Chaussee nach Nordosten. Wieder in die
Gefahrenzone. Der Tag ist um. Scharf durch die gegenflutenden
Menschenmengen, hinter Munitionskolonnen. Die Pferde stürzen auf dem
Glatteis; Peitschen, Gewehrkolben über sie. »Dumm, Dumm« von rechts hinten;
das Echo rollt »Dumm --« lang zwischen den Zähnen aus.

Kürassiere gehen ohne Pferd stumm jenseits des Bächleins. »Ich will zu
meinem Regiment, Territorial-Ersatzbataillon 81.«

»Gibt's das noch, dein Regiment?«

»Territorial 81 Ersatz. Oha, oha. Wo werden die sein.«

»Bruder, komm mit, wir wischen aus. Ich weiß Bescheid.«

»Oha, oha, sein Regiment, 81 Territorial-Ersatz.«

Der Etappenaufseher, Unteroffizier, weißköpfig, schreit ihn durch ein
Fenster am Torhaus an: »Sie hätten mit dem Zug fahren sollen um acht Uhr
zwanzig von Craor. Ihr seid Drückeberger, Vaterlandsverräter.«

»Hier ist mein Paß.«

»Sie haben noch bis zum 26. Urlaub.«

»Ich verzichte.«

Ein Sanitätsauto rasselt an und trillert. »Den Mann mitnehmen.«

Unterwegs, als schon der hohe Granatengesang deutlich vor ihnen ist,
lockert Armand heimlich den Drücker der Tür, denn er sitzt im Wagen auf der
Trage; helle Angst, daß sie ihn zur Stellung der 81er bringen und
entlarven. Läßt sich, als das Auto langsamer zu fahren scheint, der Weg
dunkel und voller Lärm ist, rasch rückwärts in den Dreck fallen. Ein
Radfahrer springt dicht vor ihm ab.

Heller Mond, durchsichtige Nacht. Rechts, links sanft ansteigende Hügel;
glatt rasierte Abhänge. Chausseen in der Talwindung; an schwarzen geteerten
Holzbaracken vorbei, Sägereien, auf vorgeschobenem Hügel eine drehende
Windmühle. Weißer, flirrender Bündel von der Mühlenspitze nordwärts in die
Nacht gebohrt, still sich kreuzend mit einem Schein, der von unsichtbarem
Orte in die Finsternis sich schiebt und schleicht und verschwindet und
plötzlich über das Tal mit aufblendendem Nebel schwimmt und kilometerweit
abgleitet. Menschen, Wagen drängen auseinander. Armand mit einer
Trainkolonne biegt links ab; bei Grandmoulin sind die Stellungen der
Reserven und Louis Poinsignon. Matt ist Armand Mercier; er reitet auf einem
Vorspannpferd und ißt Corned beef aus einer Schachtel. Immer neue Hügel.
Wenn das Wagenknarren aufhört, »Hui -- i -- i -- iahh!« der Granaten,
meckerndes »Päng --päng --päng« dazwischen. Die Eisschalen unter den
Pferdehufen knacken.

Breit und lang die Chaussee. Nur die Munitionskolonne reitet hier. Dies ist
der Weg zu Louis Poinsignon. Armand Mercier weint heiß vor Trauer, krampft
mit der linken Hand in die Mähne des Tieres, zieht die Knie an dem atmenden
Tierleib hoch. Wäre er zu Fuß, würde er sich haben hinsinken lassen und
stundenlang nicht aufgestanden sein. Das Pferd trägt ihn zu Louis
Poinsignon, der nicht da ist. Am Ende der Chaussee wird das Dorf mit dem
Quartier sein, und Louis Poinsignon ist nicht da. Die Schwäche hält ihn auf
dem Pferd; das trottet, hebt sich, senkt sich. Es geht wehrlos weiter durch
die stille Chaussee. Hier kann kein Louis Poinsignon existieren, es ist
unmöglich. Hier ist der Mann weggerafft.

Rot und röter loht von rechts der Himmel. Niedergebrochen blickt durch
Tränen Armand Mercier auf den Himmel, stumm geradeaus bewegt sich die
Kolonne. Seine Augen bleiben gefangen an der Röte, die hochdrängt, fast im
Halbkreis des Horizontes. Mit Befremden, Bitternis und Abscheu betrachtet
Armand den Flammenschein, die Chaussee, den vorüberziehenden Wald. Auf die
linke Chausseeseite herüber biegt sein Zug, hält an. Und da rattert es
vorbei, vom Dorf herunter, die hochtürmigen Transportautos, die
strohgefütterten Wagen, die offenen ungeschützten Bretterwagen mit den
Verwundeten, den zerschossenen Soldatenleibern, die angeblafft sind von den
aufbäumenden Granaten, die stöhnenden, über deren Köpfe Mauerwerk gepoltert
ist, die japsenden, halb erstickt aus den Giftdämpfen der Schützengräben
gezogen, ausgestreckte Leiber in nicht endender Reihe hintereinander, in
weiße Verbände geschlagen, durch die das Blut sickert, eine träumende
delirierende Schar, der furchtbar drängenden Macht drüben aus den Zähnen
gedreht.

Louis Poinsignon tot. Bevor das letzte Auto an der gebückt harrenden
Kolonne vorübersurrt, ist Armand Mercier in den Wald geglitten. Wandert um
das Dorf herum, er will nicht in das Quartier der Reserven. Von dem
grauroten Flammengewölbe schmettert es in malmenden Lagen nieder, haushohe
Feuergarben quellen aus der Erde. Eine Esse; Hammer, Amboß.

Schmerzvoll schleicht Armand Mercier aus dem Wald heraus; verstohlen
Flüchtende auf allen Seiten um ihn; eine schattige Figur kommt über die
Wiese gelaufen, hat einen weißgarnierten Hut in der Hand. Armand geht, ohne
zu wissen, was er tut, neben ihr her, als sie zwischen die erste Stammreihe
eingetreten ist. Das zarte Dämchen hat ein Plaid über der linken Schulter,
ihr Rock ist bis zur Hüfte mit Lehm bespritzt. Sie sagt entrüstet: »Ich
wohne in Roye; wir müssen fliehen, mein Vater und meine Schwestern kommen
gleich nach.«

»Aber Fräuleinchen, Fräuleinchen Nini.« Er tatscht sie zutraulich.

Sie reißt sich ab, sieht ängstlich um sich. »Ach Gott, Herr Mercier. Aber
Sie sind es.«

»Fräulein Nini.«

»Sehen Sie. Sie sagen nichts zu Hause. Ich bin erst drei Tage weg. Ich habe
George besucht, meinen Verlobten, den Buchbindersältesten, George steht
hier.«

»Mit dem sind Sie verlobt?«

»Heimlich. Sie sagen nichts zu Hause. Gott, ist das ein Zufall. Sie sind's
doch wirklich, Herr Mercier. Ich wußte gar nicht, daß Sie einberufen sind.
Bei welchem Regiment stehen Sie eigentlich.«

Armand aber wundert sich wenig. Setzt ihr den Hut auf, steckt die Nadeln
fest, nimmt das Plaid und legt ihn ihr um die Schultern, dann nimmt er sie
unter den Arm: »Kommen Sie mit.«

Sie lächelt ihn glücklich an: »Armand, ich habe gar nicht gewußt, daß Sie
eingezogen waren.«

»Ja, doch.«

»Sonst hätte ich Sie auch besucht.«

Er den Kopf tief zwischen den Schultern wandert mit ihr ziellos durch den
Wald. »Nini, man müßte etwas zu trinken haben.«

Er kneift sie und pfeift. Sie kichert ihn an: »Wie nett Sie sein können.
Wissen Sie, Armand, im Krieg sind alle Männer viel netter.«

Ihre Augen schließen sich, während sie sich an Armand schmiegt. Sie sind in
eine Lichtung getreten, ein Reiter kommt aus einem Seitenweg im Galopp auf
sie zu, ein Feldgendarm. Sie stäuben auseinander; beim Weglaufen winkt Nini
Armand zu, weist, wo sie sich versteckt. Nach einer Viertelstunde knackt es
im Buschwerk neben Armand; Nini zieht ihn am Arm: »Tippel, tappel, tippel,
tappel,« kichert sie; sie kommandiert, als sie sich, die Hände voraus,
vorsichtig durch das Dickicht drängen: »>Mann, wie heißen Sie? Wo stehen
Sie im Quartier? Wie können Sie sich hier mit einer Weibsperson
herumtreiben!< Hab' ich gehört; mit George. Der Unterleutnant hat gesagt:
>Daß mir keiner eine »Sie« bei sich hat. Ein Soldat mit 'ner Ziege saust
rin.< Armand, glauben Sie, daß ich Mut habe?«

Sie blickte ihn erwartend an.

»Doch, Nini.«

Ihr Gesicht leuchtet auf: »Oh! Aber pfui, das reißt ja. Ich war bei George
im Schützengraben. Es waren noch andere Fräuleins da. Als der Wachhabende
es merkt und mich sucht, versteckt mich George; er will mich verstecken,
aber er hat nur eine Kiste da, vorn an der Brustwehr, eine Brotkiste,
wissen Sie, so ein langes hohes Ding. In die Kiste bin ich reingesprungen,
wie ich war; er hat mich hochgehoben; lieber mich von den Preußen
totschießen, als von dem groben Kerl anfassen lassen. Oh, der ist grob. Der
weiß gar nicht, was er tut, so wütend ist er immer. Und auf mich hatte er
es immer abgesehen, der schlechte Mensch. Denken Sie, Armand -- Sie sind
mir nicht böse, wenn ich Sie Armand nenne? Sie sind doch heute so nett zu
mir. Da bin ich oben zwischen den Steinhaufen in der Kiste gesessen, die
hatte vorn ein großes Loch, fast wie ein Kopf groß, von einem Stück
Granate, und ich sitze da oben und höre den Wachhabenden schreien und tuen
und brüllen, er sucht mich im ganzen Graben. Und George hat immerzu
geschossen, oh, der kann schießen, ein Mal hinter dem andern, am
fleißigsten von allen; ich hab' nicht gesehen, wo er hingeschossen hat. Die
Preußen haben nichts dazu getan. Ich habe mich auch gar nicht gefürchtet;
ich habe immer zugehört, wie George geschossen hat. Er hat mir gesagt, er
hätte keinen Preußen an mich herangelassen; zwanzig oder dreißig hat er
totgeschossen in einer Stunde, bums, bums, immerzu. Nachher war ich ganz
glücklich. Ich geh' bald wieder zu ihm. Oh, mir gefällt der Krieg.«

Lichtschein zwischen den Stämmen vor ihnen; er arbeitet sich mit ihr
gedankenlos drauf zu; frieren beide nicht. Plötzlich zehn Schritt vor ihnen
grell bestrahlter Boden; geöffnete Blendlaterne im Moos, erzählende
Männerstimmen. Zwei Posten in weißen Pelzen, Gewehre hingelegt, lachen,
treten von Bein auf Bein, schlucken, kauen, was sie aus großem, dampfendem
Blechtopf neben der Laterne mit Fingern fischen.

»Der merkt nichts. Der weiß nicht mal genau, ob er seinen Topf noch hat.«

»Ein Schaf. Ich kenn' ihn dafür.«

»Wer sollte das kriegen?«

»Na, wer wohl? Na, rat mal! Wer kann wohl ein Huhn kriegen?«

»Na.«

»Na, rat mal. Immer derselbe. Immer derselbe dicke Vize; aus dem Lazarett
stiehlt er hintenrum, wo er's kann. Nebenbei schickt er das Schaf auf
Suche. Abends sitzt ihm eine gewisse auf dem Schoß.«

»Pass' auf, heut kontrolliert er Lazarettposten. Von mir findet er nichts.«

»Von mir nicht mal ein Knöchelchen; fress' alles reinweg runter. Er kann
schnüffeln.«

Hocken hinter der Laterne, gießen sich gegenseitig Suppe in zusammengelegte
Handteller.

Jenseits der Lazarettlichter hinten flackert es auf einmal, erlischt oft,
es ist Stroh, Männer schütten von einer Erhöhung Bettsäcke ins Feuer.
Armand kann sich nicht rühren; langsam hat sich Nini, während er hockt,
über seine Knie an seine Brust gedrückt, atmet tief und gleichmäßig.

Der Posten, schluckend: »Pierre Chavanne aus meiner Heimat ist gestern
gestorben drüben. Hat drin eine feine Sache gehabt. Also er lag mit einem
Pariser zusammen auf einer Stube. Wie es Chavanne schlecht geht, sagt der
Pariser: >Du, schenkst du mir nicht deinen Trauring? Nachher klaut ihn ein
Wärter.<«

Anderer Posten: »Chavanne, war der verheiratet?«

»Nein. Verheiratet? Tu doch nicht so? Hast du keinen.«

Der andere schluckt verdächtig laut, murmelt: »Ich hab keinen, habe keine
Furcht vor den Preußen.«

»>Also du schenkst mir den Trauring<, sagt der Pariser zu Chavanne; und
kriegt ihn. Aber Chavanne wird dir wieder besser und den Pariser packt es
derbe. Und wie der Pariser schon fast auf der Nase liegt, wird Chavanne ihn
bitten und sagen, er soll ihm seinen Trauring wiedergeben und den von dem
Pariser dazu. Der tut's auch. Mein Chavanne freut sich, guckt jeden Tag
hin, ob sein Nachbar noch nicht tot ist. Jeden Morgen guckt er rüber, jede
Nacht. Bis der Pariser auch wieder lebendig wird und nun Chavanne auf
einmal solche Wut darüber hat, daß er dir einen Herzschlag kriegt, gestern
mittag. Und mein Pariser hat beide Ringe.«

»Ist er tot, der Chavanne?«

»Ist tot.«

»So ein Dämlack.«

»Nein, alle beide Dämlacks. Ich hätte --«

»Sachte, sachte, psssst! Kontrolle!«

Gewehre hoch, Laterne geschlossen, getrennt zwischen den Bäumen durch.

Armand verträumt biegt die Arme. Die Kleine fest eingeschlafen, Kopf
zurückgefallen; ihr Hut schwebt frei abwärts am gelockerten Haar. Sie atmet
mit offenem Mund; durch eine Zahnlücke wird die nasse Zunge sichtbar. Als
er den Hut gegen ihren Kopf andrückt, sticht sie die Nadel, sie ist gleich
hoch und munter.

Wieder plappert es nicht weit: »Päng, päng, päng.« Wie Armand, das Mädchen
am Arm, über den Topf marschiert und die Knochen in Bewegung kommen, fühlt
er, schön frisch ist die Luft. Denkt: Louis Poinsignon ist tot und es muß
schön sein so wie er zu marschieren, zu rennen, zu klettern, zu schießen.
Braver Junge, Armand freut sich über ihn. Der Nini erzählt er von ihm, sie
lobt den Louis auch. Gar nicht traurig ist Armand über den Tod Poinsignons;
es ist wirklich gerade so, als wenn Louis, der Lange mit dem blauen Schal,
tot sein müßte. Kaputt muß doch alles gehen; es liegt hier so in der Luft.
Ran woll'n wir alle an den Tod. Armand und Nini haben ihren Spaß an dem
»Dumm dumm«. Beide hungrig, kommen ins laufen. Armand bittet: »Spring zu
meiner Kompagnie, frag nach dem Unterleutnant, aber komm bald wieder. Wenn
er abgeschossen ist, bin ich froh, dann tret ich in die Kompagnie ein.«
Beglückt läuft Nini. Und bei grauendem Morgen hört Armand, daß der
Unterleutnant und viele andere gefallen sind, fremder Nachschub, fast nur
Fremdes in der Kompagnie. Juchzt Armand Mercier, macht einen Sprung,
beschenkt Nini mit einem Schmatz, sagt: »Adieu!« Am Mittag schippt er
hinter dem Schützengraben, für den schlanken Pioupiou, der in der Ferme
flirtet. Zwei Tage: Schippen, Essenholen, Wachen.

Bis ihm am dritten jählings die Hände lahm werden und ihm einfällt, daß
alles schön und herzhafte Freude sei, aber schließlich ungewiß bliebe, was
aus Louis Poinsignon geworden ist. Ihm ist gegen Mittag so drängend zumute
und sein Gemüt so trübe verschleiert, daß er keine Ruhe findet. Muß seinen
Tornister nehmen; ohne etwas zu sagen, die Knarre über den Buckel hängen
und sich davonmachen. Und ehe er's sich versieht, ist er in der Nähe des
Lazaretts. Man läßt ihn in die Wachtstube. Dann nimmt ihn ein
Sanitätsfeldwebel mit, blättert in einem ungeheuren Buch, das auf dem
Korridor an einer Kette auf besonderem Pulte liegt, dick wie ein Adreßbuch.
Der glattrasierte Mann fragt, ob dieser Poinsignon Louis oder wie sonst
geheißen habe. Und dann hört Armand, daß sein Freund am soundsovielten an
Typhus gestorben sei.

Das wirkt gar nicht auf Armand Mercier. Grüßt stramm, geht und sagt sich:
»Nun habe ich es doch herausgekriegt.« Erst in dem Wald, wo ihm Nini und
der frische muntere Tag einfällt, an dem er zur Kompagnie gegangen ist,
wird er betrübt, recht kläglich, als wenn er enttäuscht wäre. Zankt mit
sich, hat Schmerzen im Kreuz; gar keine Freude werde ich mehr haben. Was
hab' ich nun? Uniform und Schießknüppel. Keinen Sarg hab' ich von ihm;
keine Leiche, nichts hat er mir hinterlassen. Sehr unfreundlich und
ungnädig denkt er an Louis, der einfach gestorben ist, am Typhus, im
Lazarett, womit sich nichts machen läßt.

Und in seinem Ärger marschiert er weiter, von ungefähr auf seine Stellung
zu. Vergißt nach einer Weile ganz, daß er Uniform trägt, plärrt. Denkt an
seine Heimat, an die Frau und Amélie, und das bereitet ihm alles solchen
Gram, daß er nicht satt werden kann zu weinen. Weil er auch so sterben wird
hier, an Typhus oder was sonst.

»Louis, Louis,« seufzt er und sitzt am Boden nahe dem Bagagewagen. Er
ringt, mit sich beschäftigt, die Hände und schlägt die Arme auf und ab. Der
Führer eines Wagens pflanzt sich vor ihm auf. Armand Mercier hört nicht,
was der schimpft. Der Unteroffizier reißt ihn hoch, und unversehens hat ihm
Armand, der ihm starr ins Gesicht geschaut hat, einen Faustschlag über die
Nasenwurzel versetzt, setzt sich wieder neben das Rad, heftiger über sich
und die Welt jammernd.

Wird nach fünf Minuten von vier Mann angefaßt, geschüttelt, Kolbenstöße.
Auf freiem Feld wird er, Tornister angeschnallt, an eine Kiefer mit
Stricken gebunden, Arme hoch. Zwei Stunden muß er stehen und frieren.

Zweite Stunde ist um; lahm und böse geht Armand vom Baum weg. Gewehr und
Säbel hat man ihm abgenommen. Da will er nichts weiter als über die Wiese
rennen, sein Gewehr haben, gegen die Preußen rennen und schießen, schießen.
Wird jenseits der Gräben zur Arbeitstruppe gejagt. Der vordere Teil des
Waldes wird umgekappt, Stammenden fest, Wipfel gegen den Feind, über- und
nebeneinanderlagernd weit vorgeworfen wie angewurzelte Kavallerie mit
Lanzen. Sein Arbeitstrupp schlägt mit Kreuzhacke und Wuchtbaum zwei kleine
Forsthäuser nieder. Von der gefrorenen Erde hauen und kratzen sie Staub ab,
füllen die Tonnen, Sandsäcke. Die Flüche der drängenden Kolonnenführer,
Klatschen der verirrten Sprengstücke gegen einen Stamm, das erregte
Arbeiten. Die Unruhe aller, das Umsichblicken, das Rückwärtsblicken.
Dichter, näher schießt es.

Wald nach rückwärts bis zur Eisenbahnböschung gebrochen, trampelt Armand
fluchend mit fünf anderen in die Schleusen-Kneipe hinter dem Bahndamm.

Ein Dörfler, Weißbart, Stahlbrille, zieht mit knickrigen Knien hinterher;
Fiedel unter dem rechten Arm, in der linken Hand im blauen Taschentuch
einen Igel. Wer ihm die Fiedel abkaufen will. Spielt gegen zwei Schnäpse
auf Armands galgenlaunigen Wunsch Ländler auf; ein Pionier sagt zu seinem
Nachbarn: »Wenn der Alte herauskommt, nehmen wir ihm die Fiedel ab.«
Draußen gleich neben der Tür fliegt der Alte in einen Asthaufen, Fiedel und
Igel im Taschentuch drüber weg. Gekreisch des Alten; der Pionier hat die
Geige unterm Arm; vier Soldaten heran. Der Pionier zerschlägt in Wut die
Geige an seiner Stiefelspitze. Gebrüll von drei Seiten, der Räuber droht
dem Weißbart mit den Geigentrümmern. Armand rafft mit: »Ei, ei« den Igel im
Taschentuch auf, will ihn unter seiner Jacke aufhängen.

Als er am Ellenbogen gefaßt, rechts herumgeworfen wird. »Lump, Lump,«
schreit was, »da haben wir ihn, meine Uniform.« Der verliebte schlanke
Pioupiou im Bergmannsmantel, Laterne im Knopfloch, Feldgendarm neben ihm.
Das Gekeif. Armand herausgerissen. »Spion,« brüllt der gefesselte Pioupiou.
Vor den Hauptmann in den Unterstand geschleppt. Der Gendarm stellt seinen
schwarzen Säbel vor, er hätte den Pioupiou in Wirtschaften herumstrolchen
sehn, mit einer großen Goldsumme, die wohl gestohlen sei; Pioupiou behaupte
Soldat und beraubt zu sein von diesem Bergmann Armand Mercier. Pioupiou
flennt; er habe allein ein Korbwägelchen gelenkt, Armand und drei andere
seien dem Pferde vor Dizennes in die Zügel gefallen, hätten ihn dann in
eine verlassene Ferme gelockt, ihm die Uniform ausgezogen; die drei anderen
hätten Pickelhauben gehabt, große Pickelhauben, es seien Deutsche gewesen,
und mit Armand Mercier Spione. Und das Gold? Das hätte er sich in einem
Wirtshaus geliehen.

Armand Mercier grollt, brummelt vor sich, sieht wehmütig allen drei unter
die Augen. Bückt sich nach vorn über seinen Bauch, um nicht den kleinen
Igel zu drücken. Er will im Krieg bleiben, will nicht wieder an den Baum.
Louis hat er schon verloren, nun nicht noch mehr. Ist genug dran gegeben.
Verflucht den Strolch von Pioupiou, der ihm in die Quere kommt. Leugnet,
als er von dem einen gehässigen Blick kriegt, steif, Armand Mercier zu
sein, hier seine Erkennungsmarke. Sie überschreien sich, Armand bettelt,
ohne den höhnisch lächelnden Hauptmann zu beachten, der mit seitlich
gelegtem Kopf dem Gendarm abwinkt. Bis schließlich Armand, als er nicht
fertig wird, an den Kerl herantritt, ihm die Faust vor die Nase drückt:
»Und du willst ein ehrlicher Kerl sein?« Wendet sich wutgeschwollen gegen
den Hauptmann um: »Bezahlen hat er sich lassen, mit fünfundachtzig Frank.
Meinen Freund Louis Poinsignon wollte ich begraben, der am Typhus gestorben
ist im Lazarett. Aber der da ist ein Lump, der zehn Stunden an den Baum
gehört. Herr Hauptmann, so ein Lump und verruchter Menschenverderber ist
das. Kein Kamerad ist der Ihnen, der Strolch.« Vor dem Blick des Hauptmanns
weicht Mercier zurück. Beide drei Tage je zwei Stunden an den Baum. Befehl
an den Feldwebel: sind bei den Pionierarbeiten an den vorderen
Schützenlinien zu beschäftigen. Brüllend lacht der Hauptmann hinter ihnen
her; Armand denkt, der hat den heiseren wütenden Ton in der Stimme; der
wird auch bald fallen.

Beginn der Nacht bricht die Kolonne Armand Merciers aus einem zerschossenen
Dörfchen hinter der Bahnüberführung auf. Pioupiou mit der Beilpicke im Zug.
Voll Wut marschiert er hinter Armand, möchte ihn erschlagen für die zwei
Stunden am Baume, Mercier weicht aus, wie er die Fußstöße von hinten
kriegt; grollt dem Pioupiou nicht; lohnt nicht, hier fluchen; man muß sich
schlagen, man wird fallen oder die Preußen werden fallen. Was der Igel für
ein drolliges Tier ist; ei, ei; ein Igel hängt im Taschentuch unter seinem
Waffenrock. Aus dem Dörfchen unterhalb des Bahndammes laufen zwei brennende
Kühe; ein brennender Hund, tanzend, heulend, findet Asyl in einem
klaffenden Pferdebauch, der zischt und qualmt. Die Schützengräben; gedrängt
hinein hintereinander Mann hinter Mann durch die schmalen
Verbindungsgräben, rechts links sich teilend, zusammenfließend; an den
Latrinen vorbei, durch die völlige Finsternis, die Meldestelle mit den
Telephonen, der stinkende gestöhnerfüllte Verbandraum. Jetzt die vorderste
Reihe; in dem kurzen Licht der Taschenlampen werden die stummen Gestalten
unter der Brustwehr sichtbar, in ihren lehmerstarrten Mänteln, den
abgemergelten grauen Gesichtern, den hohlen Augen, die Gewehrmündungen in
die Finsternis da draußen gerichtet. Lautlos über die Ausfallsstufen
heraus, zwischen den Drahtgassen über Granatlöcher auf den ebenen Boden
gedrückt vorwärts, Gewehr an der linken Schulter, Spaten mit Blatt unter
der rechten Achsel. Horchposten vor der Front am Boden. Das Richtband.
Heimlich gräbt die Schippe; nichts klappert, man wühlt, flüstert, ächzt im
Finstern. Oh, naht etwas? Man flüstert, tastet seinen Nachbarn. Die Nacht
vergeht, Horchposten zurück, Ablösung. In die eisigen Gruben rücken von
hinten die Arbeitsreserven an, schleppen Eisenbahnschienen für
Eindeckungen, Blech für die Scharten, Handsägen, Schrotsägen, Balleisen,
Stoßäxte, Taue, Eisenklammern; Telephondraht rollt.

Da schmettern die ersten Lagen aus den Feldhaubitzenbatterien von drüben.
Und dies ist der Moment des Sturms. Die hohläugigen Männer aus den Gräben
sind alle herausgestiegen, ihre starren Mäntel haben sie abgeworfen.
Überall sind sie in die graue Dämmerung heraufgestiegen, immer mehr quellen
herauf. Sie haben an der freien Luft die steifen Grimassen von Sterbenden
und Besinnungslosen. Sie sind wie Katzen, die in den Sumpf springen und
ertrinken, vor Durst, vor Durst. Sie rennen gegen das schwingende leere
Feld in einer blutroten Wildheit. Aber das ist nicht still, das Feld, das
schweigt, atmet, wartet. Die kleinen Flintenlagen, die herankommen.
Verlogener Köder; es sind mehr, viel viel mehr drüben, mit Speck fängt man
Mäuse.

Da!! -- Radumm, dummdumm, päng-päng, päng!!

So ist es. Barmherziger Gott, das ist es also.

Wie schießen die Preußen. Die prasselnde Angst, die schreiende Wut. Weiter,
weiter, wenn wir erst drin wären; nicht schießen, die Bajonette. Tornister
weg, Mützen weg, Stiefel aus, den Kolben hoch.

Radumm, dumm, päng, päng.

Armand Mercier knirscht die Zähne, hat das Gewehr weggeworfen, hebt
abwehrend das Spatenblatt über den Kopf. Zieht und zottelt mit der linken
Hand am Seitengewehr. Der Igel sticht ihn in den Oberschenkel. Hier müssen
wir laufen. Er schwenkt die Arme wie alle, brüllt: Weiter, weiter, oh, oh,
radum, radum, er ist das Echo, er blafft mit dem Mund zurück jeden Schuß;
drängt die Augen heraus, wo sind die Geschütze, wir werden sie kriegen, es
sind die Preußen, die haben das Land besetzt; die haben meinen Freund
getötet.

Louis! Louis Poinsignon! Louis!

Rache! Rache! Maul und Beine und lauernde Bajonettspitze. Tausend hungrige
Bajonette! Weiße auf- und abzappelnde Stacheln! Eisenwald, der
heranschaukelt!

Wie sich alles bewegt!

Wie das ist! Vorn, rechts, links stolpern Soldaten, im Lauf, man hört
nichts; Holzpuppen kippen vornüber; als wenn man einem Hammel die Beine
wegschlägt.

Infamie! Verrat! Infamie!

Die Preußen schießen mit Wasser, mit kaltem Wasser, mit Eis! Von hinten!
Stoß gegen den Rücken. Stich zwischen die Schulterblätter, etwas Kaltes,
Langes, eine Fischgräte, die gar nicht aufhört sich nach vorn in den Hals
hinaufzuschieben; sich nicht schlucken läßt. Das Bajonett des Pioupiou, der
weitertorkelt. Halt! Zappelnd, sich stemmend über einem Tornister. Die
Tritte der Folgenden über seine Knie, die rollenden Maschinengewehre.
Kommen sie weiter? Kommen sie durch?! Kommen sie weiter?!! Rache! Ich will
mit! Will mit! Der Igel sticht, eine halbgelähmte Hand knöpft das Tierchen
los, es kullert aus dem Taschentuch, rollt weiter. Er blafft am Boden:
»Vorwärts! radum radum dum!«

Platzender Vulkan eines Schrapnells. Noch ein Schrapnell. Sie rennen
zurück. Klappern der Gewehrkugeln. Die deutschen Signaltrompeten. Hurra,
hurra. Hurra! Eine schwarze Wolke, dann steinerner, eiserner; ein eiserner
Wagen über Schottersteine. Näher!

Hurra! Hurr-aaa!! Radum!

Maschinengewehre zurück! Reserven zurück! Keine Gewehre, keine Mützen. Sie
kommen ja zurück! Sie springen in die Löcher. Die Preußen.

Armand hat Erde zwischen den Zähnen und einen weißen Mund.

Zermanscht zehn Schritt vor ihm der Konditor, der die besten Witze machte
vor dem Schlafengehen, ein alter Junggeselle; auf der Pike ein kleiner
rundbäckiger Student, der wie achtzehn aussah und fünfundzwanzig war; der
Hauptmann; zweiundachtzig weiter. Wer kennt alle ihre Geschichten. Der Wald
bis an den Bahndamm verloren.



Der Kaplan


Weich dünstete der Nebel über den Potsdamer Platz und schwoll vom
Tiergarten her. Die Bogenlampen auf den hohen Kandelabern schienen weiß in
der Luft; kleine schwarze Fahrräder tauchten auf, klingelten und
verschwanden; zögernd schwirrten die Autos über das Asphalt. Über dem
Spiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine, Röcke, von denen der Regen
troff, verzerrte Konturen von lackierten Droschken, Stimmen, Traben,
Klirren, Rollen über dem Platz; in regelmäßigen Intervallen ein Pfiff.

Der Kaplan stieg aus der Untergrundbahn herauf und stand vor Stillers
Schuhgeschäft. Über das regenblanke Trottoir zog er, den Schirm
aufgespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her, überholten ihn. Eine
kleine Schlanke huschte ihm zur Seite über die Bordschwelle, in einem
himbeerroten Mantel glitt sie über den Fahrdamm, den Rock raffend, eine
Pfütze umgehend; das schwarze Haar wippte in einem Knoten unter der runden
Kappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans verfolgten die Bewegungen.

Dies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in der Beichte gehört hatte.

Und der Gedanke bewirkte, daß er seinen Schirm tiefer über sich zog, den
schmalen Kopf auf die fallende linke Schulter legte und ein paar Sekunden
die Augen schloß. Ihre schlängelnden Bewegungen verschwammen im Nebel, das
Rot leuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lächelte ohne Widerstreben. An den
erleuchteten Läden vorbei, folgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit
Fischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden Similibrillanten.
Zigarettenreklame erlosch, grellte auf. Als sie in die Uferpromenade einbog
an der Potsdamer Brücke, war er neben ihr mit langem drehenden Hals,
vorgebeugtem Kopf. Irgendwie dankbar sah er ihr in das volle, erhitzte
Gesicht, hob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weiße ihrer langwimprigen
Augen wurde sichtbar, der erschrockene schwarze Blick fuhr an seinem
zugeknöpften Gehrock herunter, sie standen an dem Eisengitter. In
französischem Akzent brachte sie heraus, daß es vielleicht ein Irrtum sei,
sie kenne Hochwürden nicht. Als er wieder langsam nach dem Hut griff, löste
sie die Hände von der kalten Eisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch
die Wasserflecke von den braunen Glaçes, sagte mit ruhigem Blick auf seine
Tuchknöpfe und dann auf sein hingeneigtes, unverändert verbindliches
Gesicht, daß sie sich freuen würde, mit ihm zu sprechen; sie sei fremd in
Berlin.

Sie gingen unter seinem Schirm am Kanal entlang; die Kastanien schnellten
plötzliche Regenschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Boden, spazierte
in Gummischuhen, die Füßchen spitzend, durch den Morast; ihre rote
Hutschleife ragte wie ein Horn über der Stirn, über der verwirrten Linie
ihrer Ponys. Sein magerer Oberkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.

Vor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie unter dem Schirmdach
hervor: »Ich wohne drei Treppen; Mademoiselle Alice Dufoult.«

Ohne es zu merken, kehrte er die Potsdamer Straße zurück, gelangte auf den
dunsthellen Platz. Er hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers
Schuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen hatte; schließlich trugen ihn
seine Beine vor die Schwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte in
einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht begreifend, eine Büchse
Schuhcreme und überlegte einen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben
solle. Und dann nach einem Hin und Her im Regen, unter dem der Nebel sank,
über den Kemperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens. Er öffnete, als
er allein auf einem großen Sandplatz stand neben einer Holzbude, seinen
verschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung hinein, stellte sich
dicht unter ihn, geschmiegt unter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel
gegen die streichelnde Hand hebt. So blieb er in der Lache neben der
Holzbude minutenlang, länger; es war ihm, als wenn er in einem warmen Bett
läge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich, ihn anrempelte und
schreiend, als der Mensch hervortrat, davonlief quer über den Platz,
purzelte, sich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge. Rasch klappte
der Kaplan den Schirm zusammen. In einer hellen Querallee stellte er
hochblickend einen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenkmals, umging mit
den Augen die Gruppe des Pferdebändigers. Ein Passant, den Kragen
hochgeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank aus, wie der Kaplan
mit dem Kopf ruckte, freudig sich streckte, seine Glieder bewegte, mit den
Fingern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte es, seine Knie krümmten
sich; eine Ungeduld, wie plötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte
mutig, wie das edle Roß da oben.

Seinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche; weiterschlendernd senkte er
den Kopf über den Kragen, seine Hände falteten sich über dem Leib. Die
kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der magere Kaplan murmelte abgeblendet
seine Gebete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.

An dem sonnigen Mainachmittag war der Tisch in ihrem Zimmer mit einer
zitronengelben Decke belegt; blauer Flieder duftete in einer kleinen
Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer Schüssel mit Streuselkuchen.
Alice schaukelte in ihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze; sein
nackter spiegelnder Schädel glänzte; wenn er lachte und sein junges,
blutrotes Gesicht ins Vibrieren kam, stieß er prächtige Fanfarenlaute aus;
sie stopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das blaue, faltenreiche
Kleid an, das ihr die Mutter vor einem halben Jahr in Grenoble mitgegeben
hatte: »Wenn du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf sitzst, kannst du
eine Weile damit auskommen.« Als sie es zum zweiten Male trug im
französischen Klub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr und gab ihr den
etwas lädierten Hornkamm wieder, der aus ihrem Haarknoten in seinen Schoß
gefallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz hielte sicherer; zog
aus seiner Brieftasche eins hervor und demonstrierte es ihr mit dem
Bemerken, daß er weder Friseurgehilfe sei noch solche Instrumente
fabriziere. Ein paar Wochen später zog er ihr eigenhändig das altmodische
Kostüm aus und probierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelinjäckchen,
eine Nachmittagstoilette aus altrosa Samt.

Wie Robert gerade die Backen prall aufblähte, aus einem Mundwinkel schräg
die Zigarettenasche von der gestickten weißen Weste paffte und mit der
mächtigen beringten Hand nach einer Papierserviette tastete, klopfte es und
der hagere Kaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchenkrümel auf den
Teppich: »Nein, das ist nicht möglich.« Sie zog die Silben, blieb länger
sitzen, um Zeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm ihm den Hut
ab und erzählte freudig, als sie zu dreien an dem Tisch saßen, gegen Robert
gewendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie reizend sich der Herr Kaplan
ihrer angenommen hätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen ihnen
beiden auf einem niedrigen Plüschfauteuil, mit dem Rücken gegen die
Butzenscheiben des Fensters; Robert machte sich lang, betrachtete von oben
die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher Dankbarkeit saß der Kaplan zwischen
ihnen. Die zitronengelbe Decke betrachtete er mit den plattgedrückten
Fransen, die Zinnkrüge auf den Konsolen. Dies stimmte alles, auch daß die
Gardinen schmutzig waren und die Überhänge nicht paßten, die Brillanten
dieses glattköpfigen jungen Menschen, das altmodische, blaue Kleid der
Mademoiselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich nachdenklich und ihm
kam, ohne daß er es wußte, warum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in
der Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen auf dem blanken Parkett.
Als aber Alice nach seinem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der
Kaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte: »Bitte, fassen Sie mich nicht
an.« Sie fragte: »Was haben Sie?« Er wurde blasser, sagte, er wäre so
empfindlich an den Händen. »Aber doch nicht an den Armen.« »Etwas an den
Armen auch, bitte!« Sie tupfte in seinen Handteller; er krümmte sich, der
Schweiß stand auf seiner Stirn, so daß sie sich abwandte: »Gott, sind Sie
komisch.« »Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein, Sie auch, mein
Herr, es ist vielleicht Gewohnheit, ich mache mich gewiß lächerlich.«
Darauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der Kaplan sich nicht
wieder in die Höhe richtete, sondern immer die Parkettfugen studierte.
Robert schnüffelte, schüttelte, immer mehr belustigt, den Kopf; er knipste
an seinen Manschetten: »Aber das ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder
wie nennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straßen, wie so, na, ich will mal
sagen, ein Flaneur, und werfen Ihre Blicke um sich auf die Töchter des
Landes.« »Ich freute mich über Mademoiselle Dufoult und war glücklich, sie
kennen zu lernen.«

»Sie sind ja ein großartiger Mensch. Wirklich, Sie gefallen mir
außergewöhnlich. Man soll niemals sagen, daß es irgend etwas im
menschlichen Leben nicht gibt.«

Der Kaplan ließ einen verehrenden Blick auf dem breitbrüstigen Herrn
liegen.

»Sie sind solch rüstiger Mann, mein Herr. Ich bewundere Sie; Sie scheinen
wie aus Eisen geschnitten.«

»Na, ich danke. Hab gedient: bin noch halber Soldat!« Er legte die Hände
auf seine Knie: »Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie hier? Störe
ich etwa jetzt, Sie und dich, Alice?« Er lachte und prustete gewaltig. Sie
schwankte zwischen entrüsteter Haltung und Vergnügen; ihre feine lange Nase
bog und streckte sich:

»Robert, nimm dich doch etwas zusammen.« Sie konnte nicht weiter, platzte
heraus in ihr Taschentuch.

»Soll ich rausgehen, Alice, ja?« Er quietschte schon. »Aber ich kann doch
durchs Schlüsselloch gucken? Entschuldigen Sie, Hochwürden, die Sache nimmt
mich gewaltig mit.«

Der Kaplan lächelte freundlich von einem zum andern, zog sein Fauteuil ganz
an den Tisch: »Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten ist. Ich bin
gern unter fröhlichen Menschen.«

Der neben ihm schrie aus vollem Hals: »Gotteswillen, du mußt mir den Kragen
aufmachen, Alice, den Schlips.«

Sie wälzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: »Ich kann ja selbst nicht.
Hochwürden muß eine schöne Meinung von uns kriegen, Robert.«

Und wieder sagte der Kaplan ruhig: »Aber nicht doch. Ich bin nur froh, daß
ich hier sitzen und alles mit ansehen darf.« »Ja, ja, Alice, er hat recht;«
mit tränenden Augen richtete sich Robert auf, wischte sich, betrachtete
plötzlich gähnend und etwas betreten den schwarzen Herrn im Fauteuil.
»Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Vielleicht erzählen Sie uns etwas
von ihrem Klosterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation ausnutzen.«

»Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie nicht betrübt, ernste Dinge zu
hören. Gern will ich Ihnen erzählen.«

»Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker? Wie kommen Sie auf betrüben?«

Während die Tassen klirrten, das junge Hausmädchen in hellblauer Schürze
Milch brachte, fixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner melodischen
Stimme zur Mademoiselle sprach. Robert kratzte sich das Kinn, wurde
wortkarg. Der Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte Gast machte
sich in einer sonderbaren Weise breit.

Alice legte die Arme von hinten um seine Schultern: »Du, hab ich dich
verletzt.« »Na, na, laß mal, Alice. Setz dich nur wieder hin. Es ist was
Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr, mein Kaffee ist kalt
geworden.« Der Kaplan schob den Fauteuil zurück: »Ich darf mich jetzt
verabschieden?« Robert drückte sich hoch. »Lieber Herr, Sie laufen weg. Die
Sache eilt nicht; übrigens: wir gehen zusammen.« Alice, ein Knie über ihren
Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den Augen, der an ihr vorübersah.
»Also, liebe Alice, nur eine halbe Stunde; du entschuldigst mich.« Sie
gingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben der Chaiselongue, brachte
mit kalter Miene Robert die dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zimmer
vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die Nägel ihrer linken Hand
betrachtend. Der Kaplan und der Reserveleutnant von Wahlen marschierten die
Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräftig. »Ja, das ist mal reizend,«
fing der robuste Mann an, »daß ich einen richtigen Menschen treffe, ein
Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir ist zwar wirklich nicht klar,
was Sie von meiner Freundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind
vorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.«

»Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von Wahlen, wenn Sie wollen, daß
ich mit Ihnen gehe.«

»Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. Alles an seinem Platz. Also, ich
wollte Sie um einen Gefallen bitten.« Er hakte sich bei dem langen Kaplan
mit seinem linken Arm ein. »Es wird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen.
Die Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie solch besonderer Mensch
und schließlich auch von Berufs wegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch
tadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!«

Als sie minutenlang weiter gegangen waren, wandte der Kaplan sein glattes
Schauspielergesicht zu ihm: »Wollten Sie nicht sprechen, Herr von Wahlen?«

»Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache wird mir schwer. Also mit einem
Wort gesagt: es handelt sich um ein früheres Verhältnis, genauer gesagt, um
mein letztes. Alice nicht, mein voriges. Sie sollen mir helfen, Herr
Kaplan.«

»Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Erzählen Sie mir von der
Dame, welche Situation vorliegt. Lassen Sie sich die Besprechung doch nicht
schwer werden.«

»Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und Dame und so, lieber Herr. Sie
sollen mir das Mädchen abnehmen, wenn ich's denn mal rausbringen soll!«
»Wie meinen Sie?« »Scheußliches Wort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der
Geschichte können Sie sich allein denken. Aber Sie sind Menschenfreund und
mein Mann.« »Ach, was soll ich mit dem Mädchen machen, Herr von Wahlen; ich
tue Ihnen ja gern jeden Gefallen.« »Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beißt
nicht. Ich muß das von Ihnen verlangen. Sie dürfen sich nicht sträuben. Sie
können dem Freund Ihrer Alice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen.« Sehr
bleich und schmerzlich verzog der Kaplan das Gesicht: »Lassen Sie das,
lassen Sie das, das sind schon nicht mehr Witze.«

»Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Entschuldigung, Hochwürden, ist
so meine Art Witze, ist mir vorbeigeraten.«

Dem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust, seine Hände falteten sich vor
der schüsselförmigen Vertiefung, die sein Leib war: »Was soll ich mit der
Dame, mit dem Mädchen machen?«

»Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und schlagen ihr einen Nagel in
jedes Ohr, dann steht sie bombenfest. Im übrigen lassen Sie sich von mir in
flagranti erwischen.«

Der Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann flüsterte er: »Das sind
gräßliche Dinge.« »Weiß ich.« »Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.«
»Weiß ich.«

»Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mißbrauchen Sie mich nicht, Sie lieben
Fräulein Alice Dufoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht kränken.« Dabei
sah er dem energisch ausschreitenden breitschultrigen Mann, dem der weiße
Strohhut schräg tief in der Stirn saß, bettelnd in die zwinkernden grauen
Augen. Sie schwenkten in die Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren
vorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und grüßte oft. Er kicherte,
nervös belustigt: »Etwas komisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie
wollen: ich liebe Fräulein Alice; es liegt mir an ihr.«

»Und es erfreut Sie, wenn ich diese -- Sache übernehme?« Der muskulöse Herr
im Strohhut blieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig aus der Kehle:
»Na, sind Sie komisch; ich komme doch zu Ihnen damit.«

»Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber Herr. Verzeihen Sie mir. Aber
gehen wir doch weiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das alles
nicht. Denken Sie nicht falsch von mir.« Immer wieder errötete er und wich
den scharfen Blicken des Leutnants aus. »Mal keine Redensarten,
Hochwürden,« damit klopfte er dem Kaplan auf den Rücken, »wir haben es alle
nicht leicht. Wenn ich Ihnen erzählen würde von mir allerlei, Sie würden
staunen.« Der Kaplan atmete freier: »Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen
gut geht und wenn ich Sie nicht gekränkt habe.«

Leicht angewidert wehrte der elegante Herr ab; er streckte die Hand hin,
schob den Kaplan beiseite: »Na, Schluß. Mal keine Redensarten. Auslagen
ersetze ich Ihnen natürlich. Sehen Sie zu und trösten Sie sich, wir müssen
alle unser Päckchen tragen. Das ist mal so im Leben. Auto! Auto! Puh!«

Das war eine andere Wohnung, als die Alice Dufoults. In einem westlichen
Gartenhaus ein mäßig dunkler Korridor und dann ein langes, schmales Zimmer.
Eine Petroleumlampe auf der Kommode; eine gelbe spanische Wand vor einem
Bett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand. Vor dem Fenster der
unbedeckte vierbeinige Ausziehtisch und Rohrstühle. Bertha saß in weißer
Untertaille und rotseidenem Rock hinter der Gardine und kaute einen Apfel.
Sie hatte ein festes energisches Gesicht und lebendige blaugraue Augen.
Ihre nackten massiven Arme waren weißgeschminkt, die Hände noch rot.

Als der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem Umschlagtuch greifen, rief
aber gleich: »Immer rinn!« Der Kaplan schloß die Tür hinter sich; sie riß
den Mund auf: »Nanu, was ist denn das für einer? Sie sind wohl von der
Heilsarmee?«

Der Kaplan murmelte seinen Namen. Sie winkte ab: »Bei mir ist nichts zu
machen damit. Hier wird überhaupt nicht hausiert.« Lauter nannte der Kaplan
seinen Namen, buchstabierte, trat mit dem Hut in den Händen näher.

Da kreischte sie auf, warf ihren Apfel, daß er zerplatzte, über den Tisch:
»Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft leisten soll, bis Robert
wiederkommt. Nu schläg's aber dreizehn, nee, kommen Sie mal ran, setzen Sie
sich mal hin.«

Der Kaplan rückte sich einen Stuhl zurecht: »Ich freue mich, Sie kennen zu
lernen, liebes Fräulein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes von Ihnen
erzählt.« »Nu fangen Sie mal nicht aus die Ecke an. Sie, die Geschichte mit
dem Verreisen glaub ich schon lange nicht. Das können Sie Robert sagen. Das
ist eine Drückebergerei. Aber --« und da quietschte sie auf und schlug sich
die Hände vor den Mund: »Menschenskind, wie sehen Sie bloß aus! Was haben
Sie für einen katholischen Rock an! Zum besten scheint's Ihnen auch nicht
zu gehen.«

Peinlich berührt seufzte der Kaplan: »Sprechen wir doch lieber von etwas
Schönem. Wie mir Herr von Wahlen sagte, lieben Sie gelbe Rosen sehr. Ich
habe mir erlaubt, Ihnen dies Sträußchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen
Sie meine freundliche Gesinnung daraus erkennen.« Sie betrachtete ihn
aufmerksam und mit Teilnahme. »Da hat Sie Robert aber schön reingelegt. Der
Filou, das sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade nicht. Warum machen
Sie sich aber bloß nicht wenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden sich
noch erkälten. Sone Tuerei steht einem jungen Mann gar nicht.«

»Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten Knopf auf.«

»Natürlichement. Mit etepetete kommt man bei mir überhaupt nicht weit.
Wissen Sie übrigens Männeken, was ich Ihnen sagen will?« Sie kaute ihren
Apfel: »Ich meine von wegen die Geschichte mit Ihnen und Robert: da liegt
eine gemeine Schiebung vor.« Und sie fixierte ihn schlau.

Gequält sah ihr der Kaplan ins Gesicht und studierte vertieft ihre Züge; er
äußerte ein paar stimmlose Sätze.

»Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lieber. Lassen Sie man sein. Sie
sind Strohmann von dem Filou. Und weil Sie schüchtern sind mit Damen, ist
Ihnen ganz paß, daß der Filou Sie so deichselt. Was?«

Nach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der Herr im schwarzem Gehrock
stockend fort: »Ich will Ihnen sagen, mein Fräulein, in gewissem Sinne
haben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum Teil nicht unbegründet.«

Sie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tischplatte, fuhr hoch: »Wissen
Sie, Sie sind zum Piepen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, -- wie ist
es dann mit der Vermutung?« Er verfolgte sie freudig, seine Stimme klang
befreit: »Ja, das wäre ganz passend und es würde mir recht geschehen.«

Das Gelächter Berthas wollte sich nicht beruhigen:

»Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst für nen Vogelnamen haben, Sie sind
zum Heulen. So ein Gerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder mal
den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man sitzen. Sie können einem leid
tun. Ich mache Ihnen noch einen Knopf auf.« Sie stand mit ihrem bloßen Arm
hinter seinem Stuhl, drückte ihn an seinen Schultern herunter: »Ordentlich
rausfüttern müßte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum Essen. Na nu
sagen Sie mal, Mamsell, wie steht's denn eigentlich mit uns? Wie sind wir
denn beide dran? Sie mögen mich wohl nicht?« Er steckte zwischen ihren
Armen; sein glattes Gesicht füllte sich, wurde gedunsen.

Sie ließ ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen Hut patschte sie ihm auf
die Erde; ihn zog sie zu sich auf den Schoß. Er schluchzte leise. Sie sah
zu ihm herauf; er drehte den Kopf weg. »Was hast du denn, Mamsell?«
»Nichts.« »Nanu, du heulst doch.« Er schluchzte unterdrückt: »Es ist
wirklich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf.« Er lächelte
seitlich zu ihr herunter. »Lang bist du, Mamsell. Komm doch mal runter zu
mir. Runter mußt du.«

Sie ließ das hilflose Menschengerüst halb über ihre Knie rutschen. Bertha
erstaunte: »Gotte doch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein propperer
Kerl. Mal was Besonderes. Das ist ein feiner Gedanke von Robert gewesen,
statt dem ausgebliebenen Geburtstagsgeschenk.«

Der Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den Knien wippte er gegen den
Boden; er balancierte sich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte sich
oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl, fiel wieder zurück. Sie
bückte sich über ihn. »Soll ich dich mal ordentlich abknutschen jetzt,
Mamsell, weil ich dich grad so habe; für die gelben Rosen, daß dir die
Ohrlappen brennen? Was meinste?«

Er flüsterte nach einer Pause, mit einem versonnenen Ausdruck: »Willst du
das tun? Bertha? Ja, so tu es doch.«

Sie küßte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wobei sie mit einem Blick auf die
Tonsur klagte, daß ihm schon die Haare ausfielen. Er hob sich währenddessen
immer mehr an ihr Gesicht, drängte sich gegen ihren Mund. Sie streichelte
ihn: »Was machst denn, Mamsell?«

Er blickte mit verwirrten Augen an die geweißte Wand: »Nur träumen tu ich.«

»Scheint dir ganz gut zu schmecken,« Schwach lächelnd saß er wieder auf
seinem Stuhl. Sie zog sich gegen das Fenster, lockte ihn: »Na, mein Junge,
hängste noch an der Stange? Komm mal zu mir: komm doch mal her. Gibt
Zucker. Beine durchgedrückt. Immer feste ran an die Gewehre.« Ihren feisten
Hals hielt sie ihm entgegen, er legte sein Gesicht an, schwindlig, mit
geschlossenen Augen. »Ne, du begaunerst mich. Augen aufgeklappt. Siehste.«

Am Sonnabend suchte der Kaplan seinen Beichtvater, den Bruder Vincenz auf,
der neben ihm wohnte. Er öffnete sich dem Pater, breitete es vor ihm aus,
führte den entsetzten Mann vor alle Dinge. Schließlich gingen sie auf das
Zimmer des Kaplans; der schloß seinen Schrank auf, zeigte den Schirm in der
Ecke, der mit Bindfäden zugebunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte
er den Schirm, hielt ihn lächelnd über ihre Köpfe mitten im Zimmer.
Friedlich und ganz unzugänglich blieb er: »Ich will alles tun, was Sie für
nötig erachten. Nur habe ich das Gefühl, das unabweisbare, unbezwingliche
Gefühl, daß ich nicht verstoße gegen die heiligen Vorschriften mit meinem
Tun.« Der elastische grauhaarige Pater setzte sich, die Arme kreuzend, auf
einen Schemel unter dem Bild des gemarterten Sebastian, der zum Himmel
blickt, während ihm die Pfeile im Fleisch stecken: »Wenn ich Sie nun
nochmal frage, Bruder Anselmus, ob Sie unzüchtige Gedanken gehegt haben in
den Straßen oder in den Wohnungen, unzüchtige Bewegungen ausgeführt oder
geduldet? Was antworten Sie ohne jeden Umschweif?« »Ich habe keine Unzucht
getrieben und nichts Schlechtes gedacht. Halten Sie mich nicht für einen
Verbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung für die Frau mit Namen Alice
Dufoult, aber ich kann nicht drüber sprechen. Ich dachte, vorhin, als ich
den Regenschirm über uns beide ausspannte, fühlten Sie es auch.« »Bruder
Anselm, Sie sind verliebt in das Mädchen, Sie begehren sie.«

»Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich habe eine sanfte Empfindung in
mir, die sehr stark ist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fühle mich
in keiner Weise geändert.« Und dann schwammem seine Augen, er berührte den
Pater am Ärmel. »Meine Auffassung klingt unmöglich, ich weiß. Ich staune,
was mit mir geschehen ist.« Wieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick
auf den umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die kahle Zimmerwand.
»Freilich schillert manchmal alles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg.
Dann habe ich den Wunsch, daß ein Ende einträte damit. Verstehen Sie das?«
Der Pater schüttelte den Kopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem
Kaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.

Am Abend, als es regnete, nahm der Bruder Anselmus, Berthas Haus
verlassend, eine Droschke, fuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht zu
Hause. Auf das Drängen des Kaplans nannte der Diener die Telephonnummer,
unter der sein Herr zu erreichen war; führte den Gast in das Rauchzimmer.
Auf den Öfen standen zahlreiche Photographien, auch Berthas, Alices,
mehrere Balletdamen, einige phantastisch schöne Köpfe. Beim Anblick eines
dieser schwermütig feinen Gesichter wurde der Kaplan von solchem schweren
krampfenden Mitgefühl ergriffen, daß er sich auf einen türkischen Sessel
setzte und den Diener bat, die Verbindung noch nicht herzustellen. Er
fragte den Mann in der Livree nach einem andern Apparat in einem andern
Raum. Und ging mit dem erstaunten durch viele Zimmer in die Küche hinaus,
flüsterte, er könne auch die leiseste Rauchluft nicht vertragen. Allein
telephonierte er dann. Seine Stimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte;
für Privates wäre aber der Herr Leutnant jetzt auf keinen Fall zu sprechen,
die Stimme flötete ihm ein paar Scherzworte zu, und wie er denn heiße, wie
groß er sei, ob er einen Schnurrbart trüge. Und dann entfernt vom Apparat
flüsterte sie vernehmlich: »Du, das scheint dein verliebter Pfaffe zu sein.
Ich hör nebenan mit zu?« Mit angehaltener Erregung sprach der Kaplan: »Ich
war zweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn nicht? Wo bleiben Sie?« »Sind
Sie denn schon so weit, Hochwürden?« »So kommen Sie doch.« »Eilt ja nicht,
Hochwürden. Sie gefällt Ihnen wohl nicht? Na, will dafür bald mit was
anderem aufwarten. Übrigens --« Er lud den Kaplan zu einem kleinen
Maskenspiel ein, das morgen in der Wohnung Alices stattfände; Alice bäte
ihn dringend zu kommen; sein Inkognito würde gewahrt bleiben.

Dem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor Schmerz. Er rieb sich die Ohren;
ein leiser Schreck war durch ihn gefahren, ohne daß er wußte, worüber. Er
atmete tief, noch vor dem Apparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen. Er
wollte Alicen sehen.

Und zu einer japanischen Frühlingslandschaft war die kleine Wohnung der
Mademoiselle gestutzt worden. Drei lustige Französinnen liefen zusammen,
Sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stelzen von einem Zimmer ins
andere, wedelten mit kleinen Fächern. Ein deutsches elegantes Fräulein
hatte sich eine turmhohe japanische Perücke aufgestülpt und schiefe
Augenlinien geschminkt; sie hielt sich krähend an die Herren. Das waren
Robert und zwei Männer, die sämtlich im schwarzen Trikot als Athleten und
Gaukler bizarre Purzelbäume schlugen, hin und wieder ein merkwürdiges
Glockeninstrument klöppelten, das sie am Handgelenk trugen. Als der Kaplan
erschien, kam Robert wie ein Dämon unter die rosa Ampel des Korridors
gestürzt, hielt ihn fest: »Sie dürfen nicht so herein. Maske. Lassen Sie
mich überlegen.« Verschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille wurde und
Tuscheln entstand; dann führte er den Kaplan in Alices Schlafzimmer. Alice
erschien, nur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem Mantel mit tollen
Fabelstickereien, einen züngelnden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die
weißen Sachen für den Kaplan aus einem Schrank herausholte und auf die
grüne Chaiselongue ausbreitete, wurde sie sehr langsam in ihren Bewegungen;
Robert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch hinlegte; er drängte sie,
schob sie, als sie zum Schluß zögernd vor der Chaiselongue stehen blieb,
zur Tür hinaus: »Hochwürden wird sich vor uns schämen.« Hochwürden aber
lachte und fieberte; er war leidend, hilfsbedürftig und fühlte dabei mit
Entsetzen, daß ein Rausch von seinem Kopf und seiner Brust Besitz nahm, daß
eine wilde Begierde über seine Arme, über seinen Mund schlich. Er knüllte
mit raschelnden Händen an den Sachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch
zog er an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig ging er auf den
Zehenspitzen über den Korridor in die bunten Zimmer. Gelächter, Kreischen
und Wiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie herbeigerannt waren,
versteckten sich in die verhängte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten
um ihn im Kreis; sie stampften bocksbeinig einen wütenden Ringeltanz um ihn
und zerrten ihn durch die Zimmer. Weit schlotterte und wehte, entblößend um
seinen schmächtigen Rumpf, das rotgebänderte ausgeschnittene Nachthemd
Alices; ein grünes Seidentuch, ein Zigeunertuch, hatte er über die nackten
dürren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm aber ab, legten es
über, bliesen es weg. Perlenbesetzte Nachtpantöffelchen schleifte er an den
Zehen, hellblaudurchbrochene Strümpfe rutschten ihm herab von den
Stöckerbeinen; über die angeklemmten Strumpfbänder stolperte er. Er hatte
nicht gesehen, was er anzog; er tanzte mit den Herren, freute sich, suchte
Alice, und lachte, weil alle lachten und hätte gern gesehen, daß sie
mitlachte. Seine langen graublassen Arme schwang er über seinen Kopf; wie
die Gebeine eines Totentanzes wehten und sanken sie oben durch den Dunst.
Die Katzenmaske griff ihn, als er zum zweiten Male durch die Wohnung
gewalzt und, gewirbelt wurde, am Hemdenausschnitt, fauchte die Herren weg,
zog ihn auf den Korridor. Sie riß sich die Fratze ab; ihr Gesicht glührot
bebte: »Was tun Sie hier in den Sachen, Hochwürden? Was lassen Sie sich
bieten?« »Wer bietet mir etwas? Ich weiß nicht, daß mir irgend jemand etwas
bietet.« »Es ist schon ganz unnatürlich, was Sie mit sich machen,
Hochwürden.« Der Kaplan sah an dem wallendem Hemd herunter, spielte mit den
roten Bändern, während sie sich abdrehte: »Nehmen Sie doch die Hände
davon.« Er zitterte sichtlich: »Ich finde, daß Sie mich alle mißverstehen.«
Resolut riß das Fräulein die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf: »Ziehen Sie
sich um und gehen Sie. Kommen Sie nicht wieder herein. Morgen will ich Sie
sprechen, Hochwürden. Ich muß Sie sprechen.« Er stöhnte: »Ich will hier
bleiben bei Ihnen. Was wird morgen sein? Warum schicken Sie mich hinaus,«
sie war schon fort.

In der Nacht heimkehrend steckte er die Gasflamme in seinem Zimmer an. Aus
seinem Schrank hob er mit schwankenden Armen den schwarzen Regenschirm,
tastete nach der Büchse Schuhcreme im Fach. Er fingerte unsicher über
Schirm und Büchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde des heiligen
Sebastian, warf sich in einer unbezwinglichen Bewegung auf den Boden,
aufgewirbelt und fast ohne Besinnung, schrie: »Herr, mach ein Ende! Noch
Sekunden laß mich irren, noch Minuten, wenn du es willst, nicht länger,
Herr ein Ende!«

Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas über ihm. Er war am Boden
eingeschlafen. Er fand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice und hatte
das Gefühl, daß dies ein gebenedeiter notwendiger Tag sei.

Er ging durch das Seitenportal seiner Kapelle auf die Straße. Er blickte
sich scheu um; über sein weißes Priesterkleid und die Stola hatte er eine
lange Pelerine geworfen; sein Kopf bloß. Am Rand des Rinnsteins in der
stillen Straße schlich er; ein Wagen knatterte über Steine; er winkte,
stieg ein. Blendende lebendige Frühlingssonne in allen Straßen. Der
Potsdamer Platz tauchte auf, menschenwogend, von Wagen durchschwungen.
Stillers Schuhgeschäft glitt vorbei. Läden an Läden, eine Allee von
Schaufenstern; die grünen Kastanien und Buchen des Schöneberger Ufers. Kein
Nebel, jedes aufblühend, schmelzend, hinfließend, alles du und du. Die
Pelerine, die auf den Rücken umgeschlagen war, zog der lange Kaplan nicht
nach vorn zurück, als der Wagen hielt; in der Flottwellstraße stieg er
langsam aus der Droschke, ging ruhig an den Staunenden vorbei in das Haus
Alices. Rauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und Girlanden hingen
noch und lagen zertreten auf dem Flurteppich. Als er den Korridor betrat
und alles schwieg, kam ihm vor, als ob er auf Daunen einherginge. Er dachte
zärtlich: wohl euch, was habe ich euch beschert.

Im Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster; das Zimmer völlig ausgeräumt;
der Parkettboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier begossen, ein
kleiner Haufen grüner und weißer Scherben mitten im Zimmer unter dem
bebänderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite wandte, stand in einer
Erkernische etwas Buntes; er faßte hin; es waren die Strümpfe Alicens die
er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen ausgestopft, an einer
Korsettstange darüber baumelte ihr Hemd, mit Rotwein begossen, den Abschluß
oben bildete eine Mütze aus Silberpapier; er erkannte, es war eine runde
Priestermütze. Er streichelte leidend den Haufen: wie gut sind sie, und was
muß ich ihnen antun! Der Aufbau raschelte hin, als er ihn losließ. Seine
Oberlippe zuckte. Er sollte warten; hörte nebenan im Schlafzimmer Alicens
Wasserplätschern, warf die Pelerine wie zum Schutz ab über die Figur und
ging ohne zu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hände in das Becken;
gellte kurz, stürzte ins offene Bett, verschwand unter der Decke. Der
Kaplan blieb an dem Waschbecken stehen, sagte leise, langsam und ruhig,
warum sie erschrecke; er wünsche sehnlich mit ihr zu sprechen. Unter dem
Deckbett wühlte es: »Rufen Sie sofort das Mädchen.« Er schloß die Tür;
setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre Kopfkonturen auf der Decke:
»Ich will mit Ihnen sprechen. Sie dürfen sich nicht mir vorenthalten.
Stehen Sie auf.« Ihr Gesicht kam hervor, sie sprang hinter ihm am Fußende
heraus; stellte sich, im Unterrock mit nackten Füßen und halboffener Brust,
Konfetti im hängenden Haar, jenseits des Betts an die Wand. »Hochwürden,«
sagte sie halb weinend, »was wollen Sie von mir? Warten Sie draußen.« Er
blieb auf der Bettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: »Seien Sie doch
ruhig, Fräulein Alice. Seh ich aus, wie einer, der Ihnen etwas tun will?
Seien Sie ruhig und lassen Sie mich hier.« Sie hing sich ihren Kimono um,
rauschte auf ihn zu, konvulsivisch ausbrechend warf sie sich vor ihm hin
und wühlte Hals und Kinn, Konfetti regnend, in den weißen Stoff über seinen
Knien. »Hochwürden, was wollen Sie so früh kommen. Ich will nicht mehr
hierbleiben, keine Minute länger. Was Robert macht, ist schändlich, ist
unerträglich. Ich ertrag es nicht. Sie müssen mir hier weg helfen.« »Robert
ist kein Schurke; er ist kein Schurke. Wie können Sie so sprechen!« Sie
schrie: »Was sind Sie für ein Mensch. Ich will nicht, daß Sie sich durch
den Sumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort geht, will ich Sie nicht
sehen und Robert nicht sehen. Hochwürden, was hab ich erduldet von diesem
Mann. Ich habe in den letzten Wochen alles gesehen. Lieber will ich Hunger
und Durst ertragen, als mit ihm länger zusammen sein. Ich weiß, daß Sie mir
gut sind, helfen Sie mir.« Der Kaplan war aufgestanden; sie stand dicht an
ihn gedrängt.

Er flüsterte mit unbeweglichem Gesicht: »Hier ist keine Rede von Hilfe.
Woher wissen Sie, daß ich Ihnen gut bin.« Er zitterte, als sie ihn
anblickte: »Aber jetzt glaub ich, daß Sie mich nicht mehr mißverstehen.
Mein Gott, es scheint durch meine Poren zu dringen.« »Was ist Ihnen?«

Der Taumel berührte sein Gehirn. Er hielt nicht mehr stand. »Ich weiß, ich
bin dir gut, Alice. Und gleichzeitig höre ich dich gar nicht. Ich kann mich
anstellen, wie ich will, ich höre nicht, was du sagst. Es schwingt in mir
nicht mit. Ich bin dir gut, und du verschwindest vor mir. Wie heißt du?«

»Alice, Alice Dufoult.«

»So gut bin ich dir. Du mußt dich nicht beklagen. Ich beklage mich auch
nicht. Ich weiß nicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir stehst in
diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und ich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und
darfst dich mir nicht vorenthalten.«

Sie riß an seiner Stola: »Du darfst nicht diesen Mantel tragen, wenn du
mich anfaßt.«

Er lachte mit einer quellenden Heiterkeit: »Faß meinen Mantel an, faß die
Stola an. Ich bin Priester. Fürchte dich nicht.«

»Aber ich fürchte mich nicht, Anselm.«

»Nein, das sollst du nicht. Nur ich muß mich fürchten. Und tus nicht, und
wills nicht tun.«

Sie streichelte seine Hand, die er sich vor den Mund hielt, als wollte er
sein Lachen darauf festdrücken und festklammern.

»Und wenn mich einer anklagt und ich verdammt werde, Alice, ich kann es
nicht mehr aufhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich muß dich in meine
Arme nehmen, und dich küssen.«

Sie ließ sich küssen, ja sie hängte sich an seinen Hals. Sie bettelte, er
solle den Mantel ablegen, aber er blieb dabei, er müsse ihn vor seinen
Augen haben, vor seinen Augen behalten; keine irdische Gewalt würde ihm das
rauben. Und so ging er hinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung stand
sie immer wieder da. Schließlich war sie angezogen und schlüpfte
entschlossen zu ihm hinein. Ins Grüne wollten sie fahren. Sie war fröhlich
und sagte ja, schickte das Mädchen herunter nach dem kleinen Tandem. An der
Tür drehte sie sich um, rief dem Mädchen zu, sie möchte nicht warten mit
dem Mittag, sie führen nach Döberitz zu auf die Heerstraße.

Die breite benzindampfende Chaussee, zwischen den beiden grünen Baumlinien,
trabte das Gefährt. Alice in grauer Sportmütze, die Peitsche in der Hand,
lenkte den Schimmel. Vor einem Blumengeschäft hielten sie, hängten große
Fliederbüsche, Goldlack, schneeweiße Myrrhen über ihren Sitzen auf. Hinter
schaukelnden Zweigen fuhren sie. Der junge Priester war ein Kind, drückte
ihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden, sagte, nun sei sie ein
Frosch und er hielte sie festgeklemmt: quak, sprang der Frosch heraus. Sie
bettelte, der Frosch wolle wieder hüpfen. Er träumte: ja, wohin?

Da sah sie zwischen den Blüten, daß drüben zwei Kinder, dort ein Pärchen,
rechts ein Herr auf dem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks etwas
hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes Trappen kam hinter ihnen her, wie
entferntes Teppichklopfen, Poltern über Trommeln, jetzt Klappern, Eisen auf
Stein, schmetternd und klirrend, heranstoßende Pferdehufe. Alice schoß
hoch, ihre Mütze riß die Zweige auseinander: »Robert, es ist Robert!« Von
hinten brüllte es her, während der Schimmel halb scheu die Hinterbeine
hochwarf, den Hals zurückbog und geifernd ein wütendes Tempo einschlug:
»Kanaillen, anhalten! Pfaffenhund anhalten!«

»Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlägt mich tot.«

Besinnungslos schob sie ihm die Zügel zu, drehte sich auf ihrem Platz
aufrecht um sich selbst, entwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem
blinden Blick über die lange vorbeifliegende Chaussee: »Er schlägt mich
tot, er schlägt mich tot! Hilfe!« Der Schimmel bockte, stürmte mit dem
kleinen Wagen davon, der rechts und links schleuderte, gegen die
Bordschwelle schlug, einen Baum anstreifte. Sie rasten zwischen den
Baumreihen hindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen. Die auf dem
Wagen blieben ohne Laut. Einen Moment, als er sie noch hielt, drehte sie
den Kopf zu ihm; in seinem Gesicht war etwas, daß das armselige Geschöpf
die Hufschläge des Reiters anhörte und es durch sie fuhr: »Was will der von
mir, und was will der von mir?« Die wirbelnde graue Luft war da. Die graue
fließende Luft deckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen Kopf von
vorn und hinten. Die Frau wand sich neben ihn herunter zwischen Pferd und
Deichsel, nach der Leine zuckend; er packte sie um den Rücken, griff ihr
unter die Arme. Und während er mit ihr rang, den Zügel in der Linken, und
sie ihm den Mund zerkratzte, von ihm abdrängend, war in seinem Kopf hell
das Bild des strampelnden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein
Körper strebte hoch, um sie auf den Sitz zurückzuschleudern, die Zügel
anzureißen. In seine Arme aber kam ein blinder Willen: weg von Alice, weg
von ihr. Die Hände mußten es tun, die Hände taten es. Vor seinen Augen
stand noch auf einem weißen Vorhang das Bild des davonstürmenden Rosses mit
der Frau auf dem Rücken; da sprachen seine Lippen in die Luft hinein das
Totengebet über der stürzenden Frau, jede Silbe ein betäubender
hirnfüllender Schluck Luft: »Commendo te omni potenti, aspectus mitis atqe
festivus tibi appareat.«

Der Körper des Kaplans lag atmend, blutbedeckt in einer Baubude der
Rohrleger. Die Arme hielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der er
Alicen sinken und zerschmettern ließ. Der Leutnant drang an den Männern
vorbei, hieb dem Kaplan mit seiner Reitgerte über die Arme; die Arme
schnellten wieder zurück. Der Bewußtlose zwinkerte, bebte auf, hielt sich
für Wasser, das man mit Ruten streicht.

Die Brüder fuhren ihn auf das Land in ein waldumstandenes Kloster. Er las
keine Totenmessen, duldete nicht, daß man sie las. Die Frau sollte brennen
in der Hölle, das legte er sich auf.

Drei Wochen brannte sie. Da merkte er, als er morgens erwachte und der
weiche Nebel vom Garten in seine Zelle wehte, daß die Bewegungen seiner
Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas anderes bedeuteten. Die Kutte
warf er sich über, auf nackten Füßen ging er bebend an seinen kleinen
Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer für Maria, das brachte er ihr
jetzt. Während er die Stirn auf den schwarzen Samt des Tischchens preßte,
fühlte er, daß Maria ihn verstand, daß sie sein Opfer annehmen wollte. Eine
Lösung kam in seine Glieder, seine Arme sanken herunter. Er zündete die
Kerzen an, las die Messe für die Tote.

Und während er die Hände aneinandergelegt vor die Stirn hielt, kam ihm vor,
als ob ein Frosch aus der Mulde zwischen ihnen hervorhüpfte, laut »quak,
quak« machte und behend vor die Füße der Gottesmutter sprang. Die Engel
lachten fein, wie wenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße Marias
bewegten sich wenig. Das rosige Wolkenkleid über ihren Schenkeln strich sie
glatt, da hüpfte der kleine braune Frosch empor. Auf ihrem Schoß saß er mit
seinen mächtigen Augenbällen und durfte still sitzen bleiben zwischen den
Englein.



Die Nachtwandlerin


Als es zur Abendmesse läutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen
Hedwigskirche vorüber und erwog, seine dünne goldene Uhr mit einer
eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest des Tages
verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fünf Uhr geschlossen, und
in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein für einen jungen Mann zu
flanieren.

Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen Spinnweben
abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft herschwammen,
zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor der blauen
Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten zierlich einher in
weißen Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der Charlottenstraße prustete
ein lahmes Auto vorbei; schnüffelnd hob sich die aufgestülpte Nase über dem
struppigen blonden Schnurrbart. Herr Priebe wedelte anmutig das Taschentuch
gegen den Staub, bog sich besänftigt in den Hüften vor. Er huschte über den
Damm.

Violette Strümpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen Schleuderns
der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; die Hosen waren
zu lang.

In der Friedrichstraße musterte er mit verwegenem Blick gleichmäßig Herren
und Damen, bereit nach Belieben als Schürzenjäger oder Männerfreund zu
gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die gutmütige
Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen Sprenkeln in der
Iris, stand etwas nach außen; auch zuckte Herr Priebe mit dem Kopf häufig
nach links, als wollte er über die Schulter nach hinten sehen.

In aufgelösten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Straße
entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, schlüpften
zwischen schnurrenden Autos über den Asphalt. Streifte ihn etwas am Arm in
der Mohrenstraße, lockte eine Stimme: »Na, Schatz?« Geschminktes feines
Gesicht, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Moschuswolke, Veilchenbukett
an der Brust. Blutübergossen wandte Herr Priebe den Kopf ab. Er sah
angestrengt auf den Damm, fixierte einen Radfahrer derart ängstlich, daß
der ihn anbläkte.

Wie er aus seiner Lähmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte er vor
das Schuhgeschäft von Barthmann und summte. Da kam dicht hinter ihm her ein
graziöses Püppchen, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Dessous schlenkernd
über durchbrochenen hellblauen Strümpfchen, plaudernd mit einem Geck im
Zylinder. Sie lachten an ihm vorüber. Herrn Priebe stand das Herz still.

Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und ab
die Hofjägerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer Droschke.
Er wohnte in der Brunnenstraße in einem Quergebäude. In der lauen Abendluft
lärmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah er sich um, ob ihm
jemand folgte. Sein Vater saß hemdsärmelig in der Wohnung unter der
Hängelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein kahlköpfiger Invalide mit
einer blauen Brille, krummem Rücken. Die kleine Ella war schon im Bett an
der Wand; sie zog Herrn Valentin das rosa Taschentuch aus der Jacke und
roch daran; er gab ihr eine Banane vom Tisch.

Am Montag zwängte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding hinauf. Er
ging über einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen lagen die schwarzen
rußigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem Staub bedeckt, unter dem
Schienenstränge in dem weißen Morgenlicht blitzten. Von schwarzen Bergen
rieselte es unaufhörlich herunter; starke Kräne knirschten hinein,
prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. Herr Priebe ging in einem
glanzigen schwarzen Überrock über den dunstigen Hof; seine grauen Hosen
waren abgestoßen. Er warf verschlafene Blicke über die Geleise, kletterte
die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses hinauf. Niedrige weite
Kontorräume, Holzladen an den Fenstern. Hinter den Pulten Männer; an der
Wand junge Mädchen in schwarzen Schürzen; sie spielten auf
Schreibmaschinen, machten metallischen Lärm.

Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut auf
und ab, rauchte eine zerblätterte Zigarre. Zwei Fräulein stießen sich an,
sagten laut zueinander: »Herr Priebe sieht eigentlich recht verlebt aus.«
Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter hörbarem Gähnen zu
seinem Nachbarn: »Das Großstadtleben bekommt einem auf die Dauer nicht. Ich
werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen.« Aß zum Frühstück einen sauren
Hering. Dann setzte er den horngefaßten Zwicker auf, schrie ein
engbrüstiges Mädchen an, einer anderen warf er den Durchschlag zerrissen
vor die Füße. Das Fräulein hob die Fetzen auf, maulte, plärrte laut los,
die Schürze ins Gesicht geknüllt. Entrüstet verlängerte der Herr sein
Gesicht, bewegte sich verlegen herum.

In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mädchen, das Antonie
gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, näselte neben ihr
leutselig, daß die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem
rauhen Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kündigung und weinte nochmals.
Er stieg zurück; die jungen Männer an den Pulten stießen sich lächelnd an.

Am nächsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit den
Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie
versehentlich, über die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und flüsterte
eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von ihr abwandte,
pfiff er gleichmütig und saß nägellutschend an seinem Pult, um seinem
glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein träumerisches »Ja, ja« zuzuwerfen.
Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein gut ausgefülltes Gesicht
in Falten, so daß es aussah, als wäre es mit Bindfäden verschnürt von den
Ohren her.

Antonie Kowalski war ein rundes ebenmäßiges Geschöpf. Sie trug große
unechte Ringe in beiden Ohren; an den feisten Armen breite metallene
Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige Mauer trennte
beide Höfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer Mutter. Die Frau,
eine Polin, hatte, während ihr Mann im Gefängnis saß, eine Liebschaft mit
einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. Als der Ehemann nach
dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis wiederkam und die einjährige Antonie
vorfand, setzte er Mutter und Kind aus der Wohnung. Sie zogen in die
Brunnenstraße, in eine Dachkammer. Antonie wuchs als ein jähzorniges,
leidenschaftliches und zärtliches Tierchen auf; nur daß sie in der Zeit
ihres monatlichen Ungemachs stiller und leidend wurde, sich verkroch, auch
viel mit der Mutter weinte. Um den Vollmond hatte die Mutter sie empfangen.
Die Frau stand damals spätabends mit dem Zigeuner in der Küche, als ihr der
branntweinduftende Geselle um den Leib griff. Sie war, Hilfe zu schreien,
an das Fenster gelaufen, hatte die Gardine und Flügel weit aufgerissen, so
daß plötzlich das prallweiße Mondlicht hart über Diele und Tisch fiel. Sie
fuhr einen Augenblick geblendet zurück. Der rasende Mann warf sie schon auf
den weiß bestrahlten Boden, riß ihr keuchend die Röcke ab, und so wurde sie
seine Geliebte. Jetzt lachte und schwatzte Antonie viel im Schlaf, wenn der
Mond vor ihr Fenster trat. Oft saß sie abends am Fenster, hatte die Augen
offen; die Mutter mußte sie schütteln und laut anrufen, ehe sie den Blick
herdrehte und aufstand.

Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin an der
Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht ansähe und warum
er sie vorige Woche sitzen gelassen hätte. »Hier sind zwei Billetts für das
Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder drin im Saal.«
Drückte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, lief über den
Kohlenhof.

Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hände schwitzten, als er wieder an
seinem Pult saß. Ihm wurde wüst und schwindelig. Der Speichel lief ihm
unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage: »Was nun?«
Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die Straße und ging
statt zu Tisch lange Straßenzüge rasch entlang, die Liebenwalder-Straße,
Prinz-Eugen-Straße, über die Pankstraße, zum grünumsäumten Bahnhof Wedding,
fuhr mit der Ringbahn um halb Berlin und zurück. Vom Kontor machte er sich
abends im schäbigen Gehrock auf den Weg zur Brauerei, erst als ein
hellgekleidetes Mädchen hinter ihm kicherte, fuhr er nach Hause,
parfümierte sich im Tennisanzug. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er
sich nach vielem Drehen von der kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er
so stöhne, wie ein Bär stöhne.

Musik schmetterte aus allen Gärten am Friedrichshain. Antonie war nicht an
der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tönte die Stimme des
Maitre. Herr Valentin stützte sich auf den Arm eines lustigen Kollegen, als
er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade am Arm eines
flotten Kommis vorbei. Gnädig begrüßte Herr Valentin das Fräulein im
Vorübergehen. Sie huschte am Schluß des Polkas auf ihn zu, stellte sich,
ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. »Da wären wir also, kleine Krabbe,«
sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Füßen mit Kennerblicken.

Sie trug ein weißes Waschkleid mit einem braunen Ledergürtel. Die schwarzen
Haare hatte sie über die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn gekämmt. Der
große weiße Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken gesunken, so daß das
dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite Nase, hervortretende
Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und feucht. Schweigend standen sie
sich gegenüber, dann legte sie ihren bloßen prallen Arm in seinen und zog
ihn mit ehrfürchtigen zärtlichen Blicken zum Saal hinaus in den
lampionbeschienenen Garten.

Draußen unter den alten Laubbäumen krachten die Schießbuden; die Karussells
dudelten. Herr Valentin schob keck den Samthut zurück, zündete eine
Zigarette an, führte Antonie in das Gewühl zwischen den Tischen. Mit
überlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie preßte seinen
rechten Arm fest an sich. Einem Fräulein, das mit einem Glas Bier
vorüberging, warf er einen schlüpfrigen Gruß zu. Antonie kicherte
begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich mit
einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hüpfte nach einer Pause
neben sie. Schon lehnte ihr weißer Federhut an seiner Wange, faßte sie ihn
zögernd um die Taille. Ein stoßweises Rucken ging durch seinen Körper, er
wand sich unter ihrem Arm, schauderte: »Ach Gott!« Der Samthut kollerte
hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: »Fräulein, ich habe heute
mittag ein Paar Würstchen gegessen; die müssen verdorben gewesen sein.« Sie
streichelte mit dem Handteller seine Wange, seufzte verschämt: »Sie müssen
was dagegen tun, Herr Priebe.« Er rutschte nach einer Pause mit einem
Grinsen von der Tischplatte, stand leichenblaß da. Sie kam nach.

In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: »Was soll daraus
werden? Was ist denn, was ist denn?« Der Vater schrie aus der Nebenstube:
»Immerfort kracht dein Bett. Wer soll denn dabei schlafen?« Priebe lag
ruhiger. Ihm fiel ein, daß Antonie eine Vase in einer Verkaufsbude schön
gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er vor einem Laden in der
Chausseestraße, betrat als erster Käufer das Geschäft und erstand für
achtundzwanzig Mark ein unförmiges Porzellanstück, eine Vase mit einem
Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten und einen Kranz hielten.

In der kühlen Fasanenallee traf er sich abends mit der kleinen Polin. Die
nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Sie riß das Papier ab,
sobald sie allein auf einer Bank saßen. Mit offenem Mund blieb sie vor der
bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich auf die
Bank, küßte und biß Herrn Priebe resolut in die Backe. Er streichelte ihr
mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter dem weißen Federhut
zurück und hielt es für angebracht, ihr unter schlüpfrigen Koseworten an
die Brust zu greifen. Sie bog kräftig seine Hand weg, nahm seinen Kopf und
küßte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen sie Arm in Arm die schmalen
Spazierwege, während er sie oft losließ, an einem Baum lehnte und mit einem
Gelächter losplatzte, das sie stutzig machte; schließlich sah sie
geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase aber warf er unter solchen
Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, zum schluchzenden Entsetzen
Antoniens, der er eine schönere versprach. Am Gitter des nebligen
Wasserstreifens krächzte er mit übermüdetem Gesicht: »Vase hin, Vase her,
was kommt es auf eine Vase an?«

Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzählt von einer
exotischen Mätresse, die er sich halte, und die ihn stark strapaziere; von
einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr geschenkt habe, und den
sie nun jetzt beim Tanz verloren hätte, ohne deswegen auch nur mit der
Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends von den Kollegen genötigt, mit
ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er meinte zuerst, das sei lächerlich
für sie, denn das Geld ginge dabei nur so hin, dann fuhr man zunehmend
heiter in Berlin herum. Valentin, in gehobener Laune, freudig über sich
erstaunt, lud sie zu immer neuen Lokalen ein, die er aus Plakaten kannte.
Sie hockten zu vieren in einer jämmerlichen Rumpeldroschke, tranken erst in
Mundts Tanzsalon, fuhren von Café zu Kneipe. Um drei Uhr morgens gröhlten
sie im Café Minerva, um halb vier torkelten sie untergefaßt in das Café
Greif, Elsässer-Straße. An einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu
Valentin, er sähe aus wie der keusche Josef; er sank über den Schoß einer
alten Vettel, die ihr Pilsener Bier wegrückte, und der er gestand, sie wäre
so zärtlich wie seine letzte Braut. Die drei anderen halsten ihm das Weib
auf, packten beide in eine Droschke und tobten hinter dem langsamen
Fuhrwerk mit Schirmen und Hüten her.

Kaum ein Wort sprach Valentin in den nächsten Tagen im Kontor. Sein Gesicht
hatte in manchen Minuten etwas von Versteinerung. Er war ernüchtert, fand
sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen war, wütete gegen die
Kollegen und hätte sie um Gnade bitten mögen. Abends blieb er zu Hause; vor
dem Einschlafen weinte er im Bett viel und kläglich. Antonien übersah er;
auch als sie ihm verstohlen auf dem Kohlenhof »Adieu« sagte, weil sie eine
Verwandte in Ostpreußen pflegen sollte, meinte er nur: »Ja, wenn Sie Urlaub
bekommen haben, Fräulein, -- dann, dann reisen Sie nur.« Er ließ sich
gehen, bürstete sich nicht ab, lief manchmal mittags unter einer Angst
spazieren.

Wenig über zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte Valentin seine
gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten Flanierzügen, um
nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte eine gelle,
herrische, aufgeregte Stimme, sonderbar auch, daß seine Augen
blutunterlaufen waren, wie bei einem Säufer. Erwachte eines Morgens mit
Halsschmerzen. Der Kloß, das Drücken ließ nicht nach. Eine fröhliche
Bewegung entstand in ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn
veranlaßte, alle Augenblicke »gluck, gluck« zu machen und dabei den Kopf
nach vorn wie eine Gans zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn
zu seinem Erstaunen zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanitätsrat
mit fleischigen Fingern, lächelte auf Valentins Frage, was er denn habe,
schnüffelte, während er in seinem Notizbuch kritzelte: »Müssen Sie sich mal
bei dem schönen Fräulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht
haben, hähä; die wird's wissen.« Er hörte schon nichts mehr. Er sprang mit
inwendigem Gelächter die Treppe herunter. Also das war es? Er prustete auf
der Königsstraße vor Vergnügen. In einer ihn plötzlich überkommenden
Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke Spandauer Straße; ob
etwas von seiner Sache drinstände. Nun war alles wieder gut. So hatte sich
die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich um und promenierte an der
strengen Winterluft. In seiner Pelzmütze und dem vermotteten Krimmerkragen
machte er einen entschieden russischen Eindruck. Er lupfte mit feiner
Verachtung das linke Bein, wenn er an einer Dame vorüberging. »In dieser
Gesellschaft wären wir also zu Hause. Die Krankheit paßt zur Pelzgarnitur.
Vom Scheitel bis zur Sohle.« Er hatte keine gewöhnlichen Halsschmerzen; es
war das Leiden der Roués, der Herrschaften von Welt. Es ist nicht
schrecklich; man kann damit spazieren gehen, Schokolade trinken. Er
lächelte in tief befriedigter Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er
traf, sagte er: »Wir haben unsere Bewegungsfreiheit wieder.«

Antonie kam zurück. Valentin begrüßte sie geringschätzig an der
Schreibmaschine. Sie sah recht gewöhnlich aus, schon die Beschäftigung
degradierte. Auf der Straße schmiegte sie sich mittags an ihn; sie
latschten durch die lange Turmstraße im Schnee. Auf die Frage, warum er so
sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie Berlin mancherlei
Dinge; Erlebnisse könne man sie nennen; er nähme sie belanglos. Sie bat
ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine Zigarette angezündet
hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte, gab er brockenweise von
sich, daß es mit der Offenheit solche Sache sei; man wüßte schlecht, wie
man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen gegenüber, man hört ja
manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie hatte tränenschwimmende
Augen, machte ein verschlossenes fremdes Gesicht. Ihm ging die Zigarette
aus; er stammelte beunruhigt, er werde sich die Sache überlegen. Dabei
klopfte er ihr den Schnee vom Rock ab, den sie beim Anlauf gegen einen Baum
abgestreift hatte.

Abends im Humboldthain empfand er vor ihrem verfrorenen Gesicht ein so
demütig anbetendes Gefühl und war so furchtsam, daß er wie ein getretener
Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, wie ein
Todgeweihter. Am Schluß seiner Rede fiel er vor Erregung von der Bank.
Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner Schulter,
bettelte, er möchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die hingefallen
war. Sie weinte und tröstete ihn plappernd, als sie nach der Stadt
zugingen; jeden Augenblick faßte sie ihn bei den Paletotknöpfen, umarmte
ihn mit Kraft, daß er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald trennten, beide
mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, ein fast glücklich
verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung gehen. Er warf
unruhige Blicke, schnaubte, rannte getrieben durch die hellen und engen
Straßen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem Geigengesang der Cafés,
auf Knien, die weicher und weicher wurden und ihm wie Wachs wegschmolzen.

Antonie und Valentin sprachen dann für lange Zeit nur noch zweimal
zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; da
trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. Sie hatte
einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; auf dem Kopf eine
samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt sie an ihn heran; öffnete
wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen Lippen, ging vertraulich dicht
neben Valentin im Schnee. Sie sprachen vom Geschäft, vom Wetter und blieben
vor den Schaufenstern stehen. Den Rest des Weges fuhren sie in der
Elektrischen. Nur beim Abschiede konnte er einmal ihren unverständlichen
Blick fassen, den sie auf die Seite drehte.

Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es ihr
ginge. Sie antwortete, während sie sich an einem Ohrring zupfte: »Gut«;
vielleicht könnten sie sich morgen unterhalten.

Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er
schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu Hause.
Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie ins
Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines
Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien
abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie wollte
nicht auf die Straßen gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als
die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte
er sich ihr gegenüber setzen; nur daß er sie berührte, duldete sie nicht.
Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher Trieb kam über sie,
sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll um sich
herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile. Sie setzte
ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie völlig und warm an. Sie lächelte
zur Mutter: »Geh du mit aus.« Die faßte sie bei den Ellbogen: »Hast du eine
Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen.« Sie gingen die Treppe
hinunter und wieder hinauf. »Ich freue mich allein viel mehr mit meinen
schönen Sachen.« Und wirklich saß sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter
gegenüber, plauderte schön und strahlend; sie strich über ihr Kleid. Das
Weiße ihres Auges war sichtbar. Sie war viel beschäftigt, ohne zu wissen,
womit. Oft wanderte sie im Zimmer herum mit glücklichem Gesicht, auf
lautlosen Pantoffeln. Sie gönnte sich feierlich keine Beschäftigung.
Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und
nach eine Puppe zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines
Mädchen, groß wie eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sie an sich,
bettete sie ein.

Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der Mutter
träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin wünschte
zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete ihn leer. Eine
Freundin riet Antonien, ihn doch wegzuschicken.

Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, sah
auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so wilder fuhren ihre Arme
zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre hellen Augen: »Ich
will ihn wieder lieben können. Ich kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich
will dich wieder lieben können.« Am Abend hatte er einen Zettel von ihr.
Sie waren allein. Das gräßlich geöffnete Gesicht stand vor seinem. Sie
hielt ihn, fordernd: »Küß mich, küß mich!« »Nein, ich darf nicht, ich darf
nicht.« »Der Arzt geht mich nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht
tot und nicht lebendig machen.« Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß
sich in seine Lippe fest; und dann biß er nach ihrer. Valentin torkelte.
Eine Schlange umwand sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ
sie liegen.

Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den Kopf
schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett
gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr
streicheln: »Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich geh, ins Geschäft.«
»Hast du dich mit Valentin vertragen?«

Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder einschliefe,
sagte Antonie: »Ich denke schon.«

Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie
mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der
Brunnenstraße und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin davon.
Sie stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends an dunklen
Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten.
Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés von Männern
begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen
Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an. Damals
begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns bei ihr.
Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei völliger Finsternis
durch Stube und Küche, an der schnarchenden Mutter vorbei über den Korridor
und wieder zurück. Keine Diele krachte, vorsichtig setzte sie die nackten
Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte zu der Puppe, die sie an
ihren Mund hochschwenkte: »Nimmst du mich mit? Du bist gut. Mit dir geh'
ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu mir. Mit dir geh, ich aus.
Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause setzen. Du bist so schön, so schön
zu mir. Mit wem kann man so schön sein wie mit dir?«

Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster
rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos zu
Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief.

Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er kam
heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten,
sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe. Und immer
ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster würde.
Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war, stöhnte sie
jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife, so daß sie
sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen. Die Mutter
tappte im Dunkeln durch die, Küche herein: »Bist du da, Toni?« »Willst du
die Toni sehen, Mutter?« Und während die Frau mit der Petroleumlampe
herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die Puppe, tränenübergossen
hin: »Das ist die Toni. Das ist meine kleine süße Toni. Nicht, Mutter, das
soll unsere kleine süße Toni sein?« Sie lachte und schmeichelte dem Lumpen;
die alte Frau lachte mit.

Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem
neueröffneten Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost; in
ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine Polin
in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden
Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da drehte sich
drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit zwei Herren über den
schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tänzelte graziös; er hatte
ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor oft zum allgemeinen Vergnügen
einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand malerisch vor seinem
zerknäulten Ulster. Antonie ging taumelig ein paar Schritte auf die Gruppe
zu, drückte sich, die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang.
Der amüsierte Herr griff mit feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine
Haarsträhne; im Vorübergehen stotterte er: »Alle Kinder sollen mitkommen.
Ihr braucht euch vor mir nicht zu fürchten.«

Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig
Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe sagte, den
Schlager: »Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.« Und während
sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten, kam in dem grellen
Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen Haar hervor,
bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im weißen Unterrock ein
Körper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte mit unregelmäßigem
Schritt die Regenrinne entlang; bloße Füße; an ihrer Hand, vor ihrem Rock
zappelte etwas Schwarzes, Kleines.

Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: »Ach, wenn das der Petrus
wüßte.«

Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht,
blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, aufgestreckte Beine ohne Strümpfe,
kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte gegen ein
Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte saftvoll dick und breit
auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, weiß; auf der Mauer
blieb etwas dunkles Lappiges liegen.

»Es ist einer aus dem Fenster gefallen.« Die fünf bewegungslos. Herr Lorenz
wischte sich die Lippen ab. »Wo war das?« gellte ein Fräulein; sie rannte
heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. »Ich kann so was
nicht sehen,« murmelte Herr Priebe, »mir wird ganz schlecht; ich leg' mich
schlafen.« Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. Valentin bewegte die
Lippen, was nun wirklich gewesen wäre, zitterte die Treppen hinauf in seine
Wohnung, hüllte sich bis über die Ohren ein: »Ich will von dem ganzen Hause
nichts wissen; ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.«

Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und
schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen in
der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen alten
Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre Puppe
nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. »Da ist nun der Lumpen. Kommen
Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« Valentin riß die kleine Ella
bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der Frau; den Vater
fuhr er an, wie er die Tür vor so was aufmachen könne. Das Kind bockte:
»Grade machen wir die Tür auf.«

Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau,
wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen des unmotivierten
Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich von Vater und
Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer Schleuse und nahm ein
möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, man habe ihn beneidet in Berlin
und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen; natürlich Weibergeschichten,
die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei Wochen würde er bleiben. Er
sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man
gegen ihn begangen habe. In einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er,
holte die Puppe zur Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er,
man müsse sich mangels anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß
schluchzend überfiel er den scheckigen Lumpen, pfiff: »Wir haben uns mit
solchen Sachen aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopf haben.«
Trostlos und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz
vor der Tür schlug.

Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: »Sie werden die Sachen
schon überwinden,« meinte er mit schiefem Grinsen: »Wir haben Kräfte, liebe
Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten heimzahlen mit
Zins und Zinseszins. Lassen sie uns mal wieder zu Haus sein.« Und er sang
so schön: »Wenn das der Petrus wüßte,« daß die Wirtin mit dem Kopf nickte:
»Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.«

Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: »Der Landaufenthalt ist
nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.«

Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen
Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für elf Uhr
abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. Er
pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen über die
Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor dem Spiegel an seinen
Bewegungen zu erfreuen. Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen
Puppenarm ragen. Er kehrte dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang
nach kurzem Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er
die Bartbinde abnahm und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder
hervor. Valentin riß den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des
Wäschebündels, schniefte gehässig: »Den Dreck werd' ich dir. Dich
rausholen. Die Zeiten sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.« Der
Deckel schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel
zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am
Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte
sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: »Zeitversäumnis! Gemeiner
Ulk!« Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe auf der Diele und fiel
wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte und kam
vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am Spind, schlüpfte in
den weißen Mondschein und glitt leicht gegen die Tür. Knarrte die Schwelle;
mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. Den Hut stülpte Valentin
wutgeschwollen auf den glattgekämmten Schädel, schlug auf die Türklinke. Da
schwang sich am Treppenabsatz das feine Geschöpf grade über das finstere
Geländer.

Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen; die Jacke unter dem linken Arm,
der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend:
»Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?« schlich schon die
Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch den langen
Hausflur stolperte, flüsterte er: »Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich --
ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.«

Nach, nach.

Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie im Bogen
herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. Sie wuchs, war
wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er schwenkte seine Jacke in
der Linken, schluckte Hagelkörner ein. Sie bog in die Hussitenstraße ein,
hielt an der Ecke an, war breit wie ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß,
wie sie sich duckte, schwankend auf ihren Schultern fest, und sie rannte
mit ihm fort.

Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten grunzenden
Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: »Ich will ja ehrlich
sein.«

Höhnend kam es herauf: »Willst du das? Willst du das?«

»Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten?«

»Noch nicht genug.«

Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. »Was
hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.«

Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in den
Wind. »Ich verlier' meinen Hut.«

»Brauchst keinen Hut.«

»Meine Jacke, meinen Kragen.«

»Kannst nackt kommen.«

Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: »Ich will nichts
mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz
fragen, was er dazu meint.«

Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert.
Valentin brüllte, warf sich: »Keiner hilft, keiner hilft.« Die Puppe hielt
ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen und Beinen in den
weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der schwarze
Humholdthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, starren Bäumen.

»Hi, hi, hi!« würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: »Nimmst du mich mit zu
Lorenz?« Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte
seine Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das
Wasser.

Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. »Ich sterbe
schon, laß mich los.« Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie ihn
unter das Wasser drückte: »Es fängt erst an! Verlogener Hund!« Das Wasser
spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. »Verfaulen
sollte ich dich lassen.«

Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.



Von der himmlischen Gnade


Kein Land ist an Friedlichkeit jenem zu vergleichen, das in den Tod führt.
Das Leben wölbt sich über dem Kopf wie ein Brückenbogen und unten fließt
das Wasser, trägt den Kahn, nimmt ihn weiter.

Friedrichsfelde bei Berlin; ein heller Sommerabend. Die Fredersdorferstraße
eng, schlecht gepflastert; eine Reihe niedriger verfallener Häuser,
Kohlenplätze, Baustellen. Die schmutzigen, verwachsenen Kinder lärmten
nicht mehr draußen. Gebückt zog ein altes Menschenpaar von der Chaussee her
in die Gasse ein. Er an der Deichsel des ratternden Hundewagens, sie
daneben, die Hände unter der schmierigen roten Schürze, die sie wie ein
Muff aufgerollt hatte. Sie fuhren blicklos die Gasse herauf, unter dem
blühenden Kastanienbaum hindurch, der schräg gegenüber ihrem jämmerlichen
Häuschen wuchs.

Ein Stieglitz sprang auf den Baum, hüpfte Zweig auf, Zweig ab; nach einigem
»Kiwitt, kiwitt, zwrr« sang er:

»Grün ist der Mai. Mit mancherlei schönen Blümelein gezieret sind Berg und
Tal. Viele kalte Brünnlein rauschen, darauf wir Waldvögelein lauschen.«

Die äußeren Äste der Kastanien berührten den hohen Bretterzaun vor Naßkes
Häuschen. Hinter einem verwilderten Hof, auf dem Brennholz und Ziegelsteine
stapelten, einen schmalen Gemüsegarten vor der Front, stand das einstöckige
Bauwerk. Die Fensterscheiben blind, mit Staub beladen, einige verhängt mit
Lumpen und Laken. Im ersten Stock waren Fenster geöffnet; irgend wer
bullerte oben und warf von Zeit zu Zeit etwas um. Sie fuhren in den Hof
ein, trabten drin langsam und blicklos.

Der Alte schirrte den Hund ab, an die Leine unter einem niedrigen Schuppen,
schüttete, den Eimer auf den Knien und geduckt, dem schnappenden Tier
Abfall vor. Sie gingen nicht gleich ins Haus. Neben dem Wagen, der sich in
den weichen Schutt tief mit den Rädern eingrub, saßen sie auf umgekehrten
Kiepen vor dem Gemüsegarten. Die Spatzen schrien, der Stieglitz rief
weiter. Der Alte murrte: »Wat die nu zu krähen haben.«

Sie saßen still nebeneinander und sahen geradeaus. Braune Klinkersteine von
Öfen lagen da und blitzten. Dann fing der Vogel wieder an: »Kwiwitt,
kwiwitt.«

»Man wird doch seine Ruhe haben können vor die Äser«; einen Stein nahm der
Alte, schmiß ihn über den Zaun in das Laub hinauf, der Vogel flog fort.
Nicht lange fing leise im ersten Stock eine Handharmonika an, wimmernd und
stöhnend; die Musik kam hinter ihren krummen Rücken her und ging mit der
Luft. Nach einer Weile wiegte die vertrocknete Großmutter den Kopf unter
ihrem Umschlagetuch: »Et zieht; ick jeh rin.« Unbeweglich saß er, mit den
Armen auf den Knien; die Klinkersteine flammten. »Jeh man.« Er hörte auf
die Musik.

Die Blicke der beiden waren wie Gummiringe, die allmählich überweitet
wurden; die Haut hing als ein zu weiter Lumpensack um ihr Gestell. Grausam
verrunzelte Gesichter boten sie dem Licht. Bei Tag fuhren sie Hundefutter
durch die Stadt, an den Markthallen lasen sie Fleischabfall, halbverweste
Fische, Kartoffeln, Schalen auf. Das Sprechen hatten sie sich abgewöhnt.
Ihre Knochen taten unermüdlich den Dienst, Maschinen, die einmal angelassen
waren, trugen das Herz, das träge und zögernd sein Ticktack machte, die
keuchenden Lungen; und die Köpfe schaukelten auf den verdorrten Hälsen.

Rasch wurde es finster. Und wie die beiden auf ihrem stummen Zimmer
wirtschafteten, schlug der Hund an. Mannesschritt auf den Stufen, eine
derbe Gestalt steckte den Kopf in die dunkle Küche, knipste und der weiße
Lichtkreis lief über Säcke, Töpfe, Herd und ein Durcheinander von
Konservenbüchsen: »Sind Naßkes hier? Ist das dunkel! Ne, ist das dunkel!«
Ein zweiter Mann kam herauf, stand neben ihm, behelmt, ein Schutzmann mit
dem Revolver am braunen Gurt. Die beiden Alten saßen auf der Matratze im
Zimmer nebenan. Sie knuffte ihn in die Seite, zischte: »Du« und zeigte nach
der Küche. Er tat als ob er schlief. »Warten Sie mal, Fiebig, Sie brauchen
nicht mitzukommen,« sagte der bärtige Mann an der Küchentür, »bleiben Sie
draußen, lassen Sie aber die Hoftür offen.« Vorsichtig stieg er durch die
verstellte Küche, stieß die Stubentür auf: »Warum meldet ihr euch denn
nicht? Wenn man euch ruft? Was? Sie sind Naßke?« Der Alte krabbelte unter
dem stechenden fahndenden Lichtkreis hoch, stützte sich gegen die Wand.
»Sind Sie Naßke? Sagen Sies doch. Wo ist denn die Alte? Na, verkriechen Sie
sich man nicht, Großmutterken; wir kriegen Ihnen schon.«

Er hob sie unter den Lumpen hoch: »Die Beenekens taugen wohl nicht mehr.
Aber es langt noch.« Die Alte kreischte, hob die Hände über den Kopf und
drehte sich nach der dunklen Wand zu. »Ne, olle Dame, schreien hilft
nischt. Stehen Sie mal janz uff; Sie sollen mitkommen uff's Revier.« »Ick
hab' nich jestohlen, Herr Wachtmeester,« plärrte die Frau. »Das können Se
nachher erzählen. Hut haben Sie woll nich?« »Ick hab' nischt jestohlen und
ick hab, nischt jestohlen.« Sie gingen vor dem kräftigen Mann mit gesenkten
Köpfen her. »Nu mach man bloß kein Klamauk hier. Fiebig, Sie gehen mal rauf
hier oben. Dett sind doch eure Freinde, die lange Emma und der dufte
Rutschinski, alles auf einen Haufen. Den Leutchen gehört der Hund, Fiebig;
sagen Sie von wegen Nummer sicher mit die Naßkes und kucken Sie sich bei
die Jelegenheit ein bißchen um.« Er flüsterte dem Schutzmann ins Ohr:
»Vorsicht; ich warte solange.«

Sie hatten am Vormittag in einem Haus von Rummelsburg den Mülleimer
durchsucht. Als sie mit ihrem Sack durch den Hausflur kamen, stand ein
Bierwagen vor der Tür; der Bierfahrer hatte einen leeren Bierkasten im
Hausflur abgestellt, während er durch einen Hintereingang eine frische
Ladung in die Restauration trug. Versehentlich tat der Mann sein Beutelchen
mit Kleingeld statt in die Tasche in ein Schubfach des leeren Kastens.
Naßke griff unbedenklich im Vorübergehen danach; sie fuhr ängstlich hinter
ihm her, schimpfte leise: »Wat willste denn damit? Leg wieder hin.« Er
tauchte den Beutel in seinen gleichmütig abgeschulterten Lumpensack,
öffnete die Tür, sie sockten langsam mit ihrem Wagen um die nächste Ecke.
Die Frau schob hinten an dem Karren; sie war ängstlich; er hatte das
Gefühl: »Die Sache hat ihre Ordnung; dem Dicken haben wirs besorgt.« Er
kaufte sich bei einem Händler in der Kneipe eine Stange extrafeinen Priem;
sie ein paar wollene Pulswärmer, eine Flasche süßen Likör und ein kariertes
Umschlagetuch. Der Rest des Geldes wurde am Boden zwischen die Bretter des
Karrens geklemmt.

Man fuhr die abgelebten widerspenstigen Geschöpfe nach Moabit hinaus. Ihn
steckte man zusammen mit einem behäbigen schlauen Bruder, der schon öfter
ein Ding gedreht hatte. Zuletzt hätte er eine schöne Stange Geld geerbt,
erzählte er dem Alten, den er mit den Worten begrüßte: »Mensch, dir hätten
Se ooch lieber gleich in de Müllkute lassen können.« Er suchte »die olle
Mumie« zu bewegen, ihm etwas zu erzählen. Als der schwieg und immer giftig
auf die Diele hinsah, reizte er ihn: »Wat hast du denn jeklaut? Nen doten
Heringsschwanz, wat? Und denn gleich jekocht in de Sechserkneipe und
alleene uffjefressen.« Der Alte blieb stumm. Er war mit einem dumpfen Grimm
gefüllt; wenn er störrisch die Suppe herunterschluckte und seinen Teller
ausleckte, fuhr der Dicke vor ihm zurück: »Beiß mir man nicht; sonstens
bestell ick 'nen Maulkorb.«

Eines Morgens greinte und quakte Naßke: »Mein Zahn wackelt.« »Wat soll ick
denn damit?« »Ick will 'nen Balbier haben für mein Zahn.« »Wat is?« »Ick
will 'nen Balbier haben.« »Laß dir ausstellen im Zoologischen, oller Affe
mit dein Zahn.« Der Alte knarrte weiter; der andere meinte ruhig: »Wenn de
noch viel jaulst, kriegst eins in die Fresse und der Zahn hoppst raus.«
Zwei Wochen saß Naßke; am Abend bevor er entlassen wurde, brummte er
wieder. Der Gauner fragte: »Wat möchste?« Naßke sah vergrämt vor sich hin
und sagte nach einer Pause: »Wat man möchte? Man möchte am liebsten dot
sin.«

Im ersten Stock bei Naßkes wohnte Emma mit dem duften Rutschinski.
Rutschinski ging in der Zeit, während die beiden festgenommen wurden, nicht
aus, weil er sich den Fuß auf der Treppe umgeknickt hatte. Er war ein
großer schlanker Mann, hatte ein schönes volles Gesicht. Seine schöne Figur
hatte sein Schicksal bestimmt. Sobald er das erste Mal keine Arbeit fand
und spazieren ging, entdeckten zwei ledige Fräuleins seine schwarzen Haare
und die stumpfe Nase, dazu ein Paar grade Beine. So spazierte er bald
weiter mit einer samtenen Mütze und der kecken Strizzilocke auf der Stirn;
die ledigen Fräuleins arbeiteten für ihn. Nun beschützte er die lange Emma,
ein blondes ehemaliges Kindermädchen. Wenn es soweit war mit dem Geld,
wollten sie heiraten und ein Gemüsegeschäft aufmachen. Als die Naßkes in
Moabit saßen, sagte Rutschinski, Emma solle flott verdienen gehen, sie
wollten den alten Leuten ein kesses Abendbrot zukommen lassen und einen
Anwalt bestellen.

Am nächsten Morgen um sechs entstand vor der Rettungswache Ecke
Fredersdorfer Straße ein großer Lärm. Emma wurde von einem Mann
hereingeführt am Arm. Sie torkelte. Sie hatte eine Kratzwunde an der Stirn,
ihre Nase und Oberlippe blutete; in Strähnen fiel ihr das blonde Haar
zottelig auf die Schulter. Die Blumen auf ihrem Hut halb heruntergerissen;
die weiße Bluse mit Straßenschmutz beklebt. Der Mann hielt ihren
Sonnenschirm in der Hand; er war mitten entzweigebrochen, die Stangen mit
dem roten Bezug hingen. Aus einer Seitentür des hellen viereckigen Raumes,
in dem Instrumentenschränke, Verbandkästen standen, stampfte gewichtig ein
älterer Mann in einer weißrotgestreiften Bluse mit bloßen Armen; er trug
eine Stahlbrille, in der Mitte des Schädels waren ihm die Haare
ausgegangen; an den Seiten wuchsen sie buschig, bösartig nach vorn, schwarz
und grau. Er sah, die Arme in die Seiten gestemmt, zu, wie der Arbeiter
prustend das Mädchen über den Boden schleifte und hingleiten ließ. Er
kommandierte grimmig: »Legen Sie den Schirm daneben. Die Person kennen Sie
natürlich nich? Na, dann kennen Se gehen.«

Emma schnarchte am Boden; der Schleim hing ihr aus dem Mund und bildete
schon eine Lache auf dem Linoleum; ein Dunst von Schnaps und Tabakrauch
ging von ihr aus. Die Treppe im Hintergrund des Raumes sprang ein Herr im
weißen Mantel herunter; lang, schmalwangiges Gesicht, geschäftsschlaue
Züge, muntere Bewegungen. »Herr Doktor,« rief ihm der Heilgehilfe entgegen,
der noch immer mit eingestemmten Armen vor Emma stand, »ein neuer Fall.«
»Das sieht ein Blinder, Walter. Wenn Sie weiter nischt von mir wollen, kann
ich ja wieder gehen. Aber 'ne feine Nummer für den frühen Morgen. Man
sollte es nicht für möglich halten. Die hat sich aus der Linienstraße hier
rauf verirrt.« »Haben wir jetzt alle selber hier am Ort, Herr Doktor.« »Na
sehen Sie zu, Walter, klingeln Sie's Revier an.«

Der Heilgehilfe war mit dem Mädchen allein. Er ging um sie herum, spuckte
verächtlich zu ihren Füßen aus: »Pfui!« Aus dem Verbandsschrank holte er
einen Wattebausch, goß einen Schuß Salmiak darauf, stubbste es hinkniend
der schnarchenden Person unter die Nase. Die drehte den Kopf ab, spuckte
aus. Er folgte hingekniet mit dem Bausch, klammerte ihren zerzausten Kopf
in seinen linken Arm fest. Sie schlug mit den Beinen. »Wat hat det Luder
für 'ne Kledasche an. Stiefeletten bis unter die Knie.« Ihre blauseidenen
durchbrochenen Strümpfe kamen zum Vorschein. Mit einem Ruck wand sie ihren
Kopf aus seinem Arm, kauerte hin, dann kroch sie wie ein Hund auf allen
Vieren bis an den Verbandtisch, während ihr die Haare über das
verschwollene Gesicht hingen, richtete sich prustend hoch; er dicht hinter
ihr mit dem Lappen. Sie taumelte zur Wand hin, zerrte an dem Schloß des
Verbandskastens, beschmierte die Scheibe mit ihrem angepreßten Gesicht. Er
schleuderte sie zur Seite: »Mensch, nimmste die Pfoten weg.« Von hinten
preßte er der Torkelnden wieder den scharf riechenden Bausch von den Mund,
sie würgte, brüllte, stürzte seitwärts auf die Hände. Der Doktor rief hell
von drinnen: »Sie werden wohl mit dem Weib nicht fertig, daß die so
schreit?« »Wird eben wach, Herr Doktor.« »Na schön.« Das Gesicht Emmas war
dick gequollen, ihre Augen tränten. Der Mann mit der Glatze nahm sie, die
wieder kroch, von rückwärts über sie gebeugt, die Zähne zusammenbeißend,
auf den Arm, schleppte und krachte sie auf den Verbandstisch hin; er
flüsterte: »Jetzt bleibste aber liegen, olle Toppsau du.« Schwapp, die
feuchte Ladung saß wieder im Gesicht. Sie fing an zu ringen, mit den Beinen
zu strampeln, um vom Tisch zu kommen und dem stechenden Dunst zu entgehen.
Er drückte sie mit seinem breiten Oberkörper nieder, stemmte ihre Knie
herunter, hielt sie umklammernd gegen die Tischplatte. Er knirschte, der
Schweiß machte seine Glatze feucht und glänzend: »Läßt du meine Bluse los,
Dreckfink gemeiner. Schämen sollste dich, daß du dich so aufführst, schämen
sollste dich, schämen sollste dich!« Sie kämpfte erwachend immer heftiger,
er ließ von ihrer Nase nicht ab. Wie sie, während ihr die Kleider bis an
das Gesäß hochrutschten, vom Tisch herunterstrampelte und ihm über die
Backe kratzte, wuchtete der grimmige Mann zurückfahrend, atemlos seine
rechte Faust mit dem Lappen zweimal auf ihrem Mund, gegen ihre Zähne, daß
sie stöhnte, geiferte, die Augen aufriß. Sie saß auf dem Boden vor dem
Tisch, sabberte: »Herr Rat, ich kann ja nichts davor. Tun Sie mir nichts.«
»Tu man nich noch so dämlich.« »Der Franz hat mir zuerst geschlagen mit
mein Schirm, Herr Rat.« »Jetzt stehste uff und hältst die Klappe.« Er ging
an den kleinen Spiegel über dem Waschbecken, wischte sich mit einem
Sublimattupfer die lange Kratzstrieme.

Draußen klinkte die Türe; ein fahler junger Mann in einer blauen Pelerine
polterte herein. »Franz,« gröhlte Emma heiser, »Liebling, Liebling! Komm
doch her. Es ist mein Bräutigam.« »Ja, sie meint mir.« »Ick tu mir was an,
wenn du nicht zu mir kommst.« »Beruhige dir doch, Emma; es is weiter
nischt.«

Mit einmal blinzte sie gegen ihn hin: »Det will 'n Rechtsanwalt sind,«
sagte sie blickend, am Boden herumkrabbelnd, »det will mein Bräutigam sind?
Un nachher wird er mein Schirm an mir kaputt hauen. Wat willste denn hieer?
Die Naßkes kommen ooch ohne dir raus.« »Aber Emma.« »Wo bin ich denn deine
Emma, du Bedrieger. Herr Rat, det is ein Bedrieger.« Sie hatte sich am
Tisch aufgerichtet, schimpfte lauter und drohte gegen den kleinen Mann, der
sich neben den Heilgehilten stellte: »Mit dir wer ick schon mal abrechnen.
Erst macht er ein besoffen und nachher will er Vorschuß von eim habn. Wofür
denn? Der 'n Rechtsanwalt? Du --« Sie wollte auf ihn zu, der Mann mit der
Bluse hielt sie fest; er drückte sie auf den Stuhl: »Setzen Se sich man und
quasseln Se hier nich noch.« Sie fuchtelte, rückte sich den Hut zurecht.
Der alte Mann verpflasterte ihre Nase, steckte ihr mit bösen Blicken die
Haare fest.

Am folgenden Tage wurde Emma von der Polizei entlassen. Die Naßkes hockten
schon wieder zu Hause. Rutschinski empfing seine Braut mit den Worten: »Dir
sollten sie lieber rausgeschmissen haben auf der Unfallstation statts dir
zu verbinden.« Sie holte aus ihrem Strumpf Geld, das sie von ihrem
ersparten genommen hatte; er zählte besänftigt: »Na fleißig bist ja
gewesen, Emma, olle Schmalzbacke. Aber mach mir bloß nich sone Zicken,
besonders wenn ick een krankes Been habe und nicht mitkann.« Als er nach
ihrem Schirm fragte, erzählte sie ablenkend, schmeichelnd von dem kleinen
Franz, den er kannte; er kriegte einen Grimm, versprach, indem er sich in
die Hand spuckte, die Handflächen gegeneinander rieb und dabei pfiff,
Abhilfe zu schaffen.

Naßke konnte sein Hundefutter nicht mehr loswerden. Zwei Kollegen waren ihm
zuvorgekommen. Er fand aus seinem Groll nicht heraus. Der Hunger war in
ihrer Wohnung; der Alte ließ sich nicht bewegen zu arbeiten. Wenn er bloß
den dicken Bierfahrer unter die Finger kriegte. Sie wickelte sich große
Zeuglappen um ihr geschwollenes Bein, legte gekautes Brot unter. Er
näselte: »Wat pusselste immerzu an det Been? Det schene Brot rufflegen.
Wennstes bloß ausspucken tust, brauchst et ooch nich zu essen.« Sie keifte
und stubbste ihn unter das Kinn: »Und wenn du oller Dusselbart bloß
quasseln tust, kannste gehn. Mit deine Schlauheit brauchste dir nich dicke
zu tun.« Sie schwiegen auf ihren Matratzen. Dann sagte er: »Ick häng mir
uff.« Sie packte ihn vor Wut und schüttelte ihn: »Uffhängen kannste dir
soviel du willst. Und ick zahl noch een Jroschen zu und jeh mit Emman in
'nen Kientopp.«

Rutschinski hinkte herunter zu dem Alten, der sich nicht aus dem Haus
bewegte und die Alte allein mit dem Wagen ließ; er fragte ihn, warum er
sich denn aufhängen wollte. Naßke bellte: »Wat jeht denn dir det an? Ihr
seid Grünschnäbel. Du fragst mir ooch nich, wennste deine Emma vermöbelst.
Ick kann mir uffhängen, wenn ick will.« Rutschinski stellte ihm eine
Flasche Schnaps auf das Fensterbrett: »Son oller Mann und sich uffhängen,
det hat keenen Dreh. Naßken trinken Se man eins mit Muttern.« Der Alte
winkte ab. Er saß in dem wüsten Zimmer allein auf der Matratze, hockte
stundenlang. Sein welkes Gesicht war bitter. Wie es Abend wurde, die Vögel
zankten und sangen, trank er in einem Winkel einen Schluck Schnaps, ging in
den Hof, holte eine alte Hundeleine aus dem Schuppen und hängte sich an
einem Fensterhaken auf.

Da hing er, hinter einem übergelegten Sacklumpen, mit zusammengeschnürtem
Hals, wie ein leichtes langes Paket an einem Seil und schwankte nicht.

Der Brückenbogen schwamm über den Kopf weg; eine Schnelle hob den Kahn,
senkte ihn in einen Brunnen; glatt und frei sank der Kahn, eine angeblasene
Feder, versank.

Die Alte zottelte mit dem Hundewagen an; kauerte auf der Kiepe vor dem
Gemüsegarten. Müde lahmte sie durch die Küche ins Zimmer. Als sie das
Bündel am Fensterhaken hängen sah, stand sie gebückt, faltete die Hände
über der Schürze und sah regungslos lange Minuten hinüber. Sie blieb ganz
kalt, schüttelte den Kopf: »Nu hat er sich richtig uffjehängt, der olle
Struckräuber. Der fragt ooch nich nach Gott und de Welt.« Durch die Tür
keifte sie nach Emma und Rutschinski, zeigte ihnen die Leiche: »Da hängt
er.« Rutschinski fragte: »Aber Großmutterken, warum schneiden Se denn Ihren
Ollen nich ab?« Sie scharrte ärgerlich in die Küche; nach einer Weile
piepste es zurück: »Ick soll ihn nu noch abschneiden, den Struckräuber. Vor
sonen Doten ekle ick mir.« Später, als die Leiche auf der Matratze lag,
sagte sie zu Rutschinski: »Raus mit dem. Mach dir uff die Socken.«

Die Tage vor dem Begräbnis fuhr die alte Naßke nicht mit dem Karren; Emma
brachte ihr zu essen; wenn sie im Garten auf ihrer Kiepe saß, spielte
Rutschinski der Großmutter auf seiner Mundharmonika vor, aber nur lustige
Stücke, Gassenhauer. Und nach der Beerdigung, am Nachmittag nahmen Emma und
Rutschinski die Frau unter die Arme, und sie marschierten langsam die
sommerlich warme Chaussee herunter. Emma trug eine kleine schwarze Kapotte;
ihr Gesicht war noch verpflastert, die Lippe geschwollen; an den
Mundwinkeln der tiefe Dirnenzug; über ihr helles Kleid hatte sie ein
dunkles langes Jackett gelegt. Der dufte Rutschinski, blaß, den schwarzen
Schnurrbart mit Bartwichse hochgezwirbelt, ließ seine lebendigen Augen
rechts und links gehen; auf dem glattgescheitelten Kopf saß der steife
schwarze Hut schief, die Strizzilocke unentwegt in der Stirn, im schicken
grauen Anzug mit einem Knotenstock; eine rote Nelke im Knopfloch. Sie
schleppten die Alte, die unter ihrem neuen karierten Umschlagetuch
verschwand, in den grünumzäunten Garten einer Budike, an dem Eingang war
ein kleines Holzschild angebracht: »Hier spielt Bismarck.« Sie setzten
sich; Emma raffte ihr Kleid, holte aus dem rechten Strumpf über dem Knie
ihr Portemonnaie, gab es Rutschinski.

Frau Naßke schwieg hinter ihrem Kognak, sie schien zu frieren. Emma
flüsterte: »Sie is noch jiftig auf den Ollen; nich dran tippen.« Der dicke
Kneipier mit einer mächtigen Bierschürze stellte sich neben den Tisch;
Rutschinski stand auf: »Ein scheener Dag, aber traurig. Der olle Mann hat
mit Hundekuchen gehandelt und denn, wie et is in die schlechte Zeit, Se
können sich denken --« »Is woll dot?« Rutschinski sagte bei Seite: »Hat
sich das Jas alleene abjedreht.« »Ne sowat. Die arme olle Frau.« »Die redt
keen Ton. Machen Se 'n bisken Musike. Wo is denn Bismarck?« »Wird gleich
serviert.« Der Hausdiener mit der ungeheuren Glatze setzte sich drin an das
Tafelklavier. Rutschinski faßte seinen Stock kurz; wenn mal der kleine
Franz hier wieder einkehrte, solle der Kneipier nach ihm schicken: »Mit dem
will ick mal unter vier Oogen sprechen. Det is mein Freind. Kucken Sie sich
mal die Neese von meine Braut an.« Emma mit den blonden Haaren hielt die
alte Naßken umfaßt, redete ihr zu einem Schnäpschen zu. Die nippte und
lächelte schwach. Bismarck klimperte. Auf der Buche vor dem Lokal
zwitscherten die Vögel; ein Junge klatschte mit seiner Peitsche: »Sie, mein
Triesel, nich rufftreten.«

Der Stieglitz sang:

»Des Menschen Gemüt hoch aufgeblüht soll sich nun auch ergötzen zu dieser
Zeit, mit Lust und Freud sich an dem Maien letzen. Und bitten Gott gar
eben, er wolle weiter Gnade geben.«



Vom Hinzel und dem wilden Lenchen


Im Schwarzwald, nicht weit vom Mummelsee, wo es herunter geht nach
Rappweiler, mitten auf einem grünen Wiesenanger lag ein Anwesen, das
behütete allein der alte Herkel, Bill geheißen, mit seiner Tochter Lene.
Sie wohnten in einem Häuschen, das ganz aus wurmstichigem Holz und
verfallen war. Das schräge Moosdach fiel auf der einen Seite bis auf die
Erde; die Schweine quietschten hinten im Stall und der große Hund Wulfi
schnüffelte und kratzte am Zaun. Der alte Bill rasierte sich nicht und ließ
sich nicht den Bart scheren, seitdem Frau Suse gestorben war. Mit Stiefeln,
durch die das Wasser rann, mit einem Gesicht, bewachsen wie der Rübezahl,
braunrot, schlurrte er morgens auf das Äckerchen; Wulfi bellte, bis er ihn
losband. Und manchmal, wenn Bill spät aufstand und vor der Türe in der
Sonne saß, nahm er einen Sack aus dem Stall, warf ein ganzes Brot und sechs
Hände Kartoffeln hinein; er hustete lange und spuckte und sagte durch die
Küchentür: »Ich geh mal rüber, ob die Zwetschgen schon reif sind.« Dann
kramte er den Stecken aus der Lade, schulterte den Sack um und zottelte
langsam über das Feld, tapps, tapps, tapps, bis er nicht mehr zu hören war.
Lenchen wußte, daß er dann drei Tage nicht wiederkam.

Hinzel, der Knecht, schlurrte öfter herüber zu Lenchen, und einmal war der
Vater nicht da, und am nächsten Tage war der Vater auch nicht da. Da fragte
Hinzel: »Wo ist denn Bill, Lenchen?« Sie maulte: »Er ist krank und sitzt
oben in seiner Stube.« Aber wie er mit einer Speckschwarte hinaufgehen
wollte zum alten Bill, um ihm das Bein einzureiben, stampfte Lene: »Er
sitzt neben dem Schweinestall und schneidet Pfeifen aus Weidenholz.« Hinzel
fragte: »Für wen denn?« Da nahm Lenchen ihre schöne rote Schürze, weinte:
»Du hast mich nicht lieb,« schluchzte sie, »mir tuen die Augen schon weh
von dem vielen Weinen.« Und sie erzählte, daß sie den Vater schon mit einem
Karnickelfell und einem Fuchsschwanz geschlagen hätte, aber er holte sich
doch immer wieder den Sack mit Brot und Kartoffeln, und dann geht er zu ihr
und bleibt drei lange Tage und kein Mensch ist da. »Zu wem geht er denn,
Lenchen?«

»Was kann hier nicht alles passieren. Mir tuen die Augen schon weh. Wenn
ich sie bloß zu sehen kriege, kratz ich ihr das Gesicht entzwei.«

Hinzel hob traurig den Kopf.

»Ist es die Frau Kirbelei?«

»Die Hexe ist es, ja die Hexe,« und Lenchen wurde ganz unbändig, schrie,
daß Hinzel die Ohren klangen, warf sich lang hin auf die Diele.

Als der stille Hinzel gehört hatte, daß Bill zur Hexe Kirbelei ging,
schlich er nach Hause. Er kehrte viele Tage nicht wieder. Lene nahm, wie
sie ihn kommen sah, einen Schrubber aus der Ecke, goß Wasser auf den Gang
und scheuerte, daß die Nähte ihrer blauen Ärmel krachten. »Ich habe viel zu
tun,« sagte sie atemlos zu Hinzel, »komm ein andermal.« Er kam am nächsten
Morgen: »Heute habe ich Schoten zu knacken. So viel Schoten hab ich zu
knacken, oh!« Hinzel setzte sich mit ihr an die Schüssel, aber wie er den
Haufen sah, bat er, sie möchte doch heut nicht alle machen. Der Vater Bill
tue ihm solchen Herzenskummer an; er hätte so Angst vor Hexen. Ach wenn
doch Bill nicht zur Frau Kirbelei ginge. Da wurde Lenchen wieder gut,
streichelte und küßte den traurigen Hinzel.

Dem alten Bill aber versteckte sie das Essen; sie fütterte ihn mit rohem
Salat und gab ihm salzige Schweinsohren zu essen. Und wenn er Durst hatte,
lief sie ihm voraus, trank rasch das Bier aus und sagte unschuldig: »Es ist
nichts da, ha, alles weg.«

Einmal klopfte Hinzel an die Fensterlade: »Ist Bill zu Hause?« Da lachte
Lene heraus: »Seine Stiefel sind ja entzwei, zerschnitten habe ich sie mit
dem Messer, jetzt sitzt er unter der Traufe und muß Tropfen zählen.«

Wie nun Hinzel immer betrübter wurde und jammerte, daß sie nicht heiraten
könnten und die Hexe wäre ihre Schwiegermutter, machte sie die Türe zu und
schlang ihre Arme um ihn: »Geh du doch hin, Hinzel. Bind ihr Eppich um den
Hals, und wenn sie drinsteckt, wird sie ein altes Weib und alle laufen weg
vor ihr. Oder nimm einen Tropfen Fingerblut und streiche ihr's unter die
Sohle, dann ist sie tot. Die Mareike hat's mir gesagt.«

»Ach ich kann doch nicht an ihre Sohle kommen.«

»Tus doch, Hinzel, sag ihr so und so, streich ihr unter die Sohle und denk
herzlich an mich.«

Sie stopfte ihm eine Tasche mit frischem Eppich und tat ihm eine Stecknadel
an seinen Schürzenlatz. Dann sagte er: »Adiö, liebes Lenchen,« und zog den
Fußtapfen des Alten nach, über den Acker, an den Tannen vorbei, am Berg
entlang. Die Spechte klopften an den Stämmen, der Kuckuck rief. Zwischen
gefallenem Laub rieselte ein Bach herunter, ein graugrüner See lag da,
viele Bäume waren über ihn gestürzt und faulten. Hinzel wußte nicht wo er
gehen sollte, Lene hatte nur gesagt: immer den Fußtapfen nach. Jetzt waren
die Fußtapfen zu Ende. Er setzte sich auf einen Stein und schälte Rüben,
die sie ihm eingesteckt hatte. Die Schalen fielen herunter, mit einmal
waren sie weg. Er wühlte mit seinen Haken, wo sie wären. Sie waren in ein
Maulwurfsloch gefallen. Er stocherte weiter. Es schien sehr tief zu sein.
Er hockte hin, räumte die Erde mit den Händen weg. So tief war das Loch,
daß man bequem einsteigen konnte. Hinzel legte seinen Hut oben hin, damit
nicht einer das Loche zuwerfe, und ließ sich herunter. Er schlüpfte voran;
es war ein Gang, ein schmaler Gang. Unten lagen die Schalen. Das
Kuckucksrufen wurde leiser. Er freute sich, hier wanderte man sanft unter
dem Rasen, und kein Wind wehte; er wanderte zur Frau Kirbelei und konnte
Lenchen heiraten. Gar nicht dunkel wurde es. Man spazierte wie durch einen
langen Keller. Der Weg wurde breiter, die Wände liefen auseinander. Da war
es, als wenn er auf dem Grund eines Meeres ginge. Sand rauschte unter
seinen Füßen, weißer Sand. Die Luft war grünlich, und ein Dämmern, Blinken,
Wallen, daß er schwindlig wurde, wenn er nicht auf den Boden sah. Die
Fische schwammen lautlos um ihn herum, strichen mit ihren Flossen über sein
Haar. Braune Seepferdchen ohne Arm und Beine stiegen hoch und nieder, wie
hängende Raupen; sie streckten ihren eingerollten Schweif; auf ihrem Rücken
flimmerte ein seidener Saum. In kleinen Schwärmen zogen die Schlammpeizger
mit ihren Bärten, die Karpfen sprangen zur Seite und schnappten. Hinzel
dachte: »Wie freundschaftlich sie miteinander tänzeln; sie säen nicht, sie
ernten nicht.« Ganz munter trieben es platte Fische, sie sahen aus wie
Flundern mit einem weißen Bauch, wedelten mit ihrem Mantel, warfen sich hin
und her und lagen auf dem Sande, so daß man sie gar nicht erkennen konnte;
nur mit einem Auge plinkten sie. Da sich Hinzel fürchtete, sie zu treten,
ging er auf den Zehenspitzen; aber seine Stiefel waren zu breit und mit
einmal schwappte einer unter seinen Füßen auf. Hinzel schrie, schwankte.

Etwas rief fein: »Komm doch her, komm doch hierher, nein hierher.«

»Wo denn, wo denn?«

»Hierher, nein, hierher.«

Er strengte sich an. Rosigweiß bewegte es sich um ihn, ganz dicht vor
seiner Wange, glitzerte wie Glas, auf das die Sonne scheint. Sie hatte
rote, starre Augen; zwei Zöpfe schwammen ihr nach vorn über die Schultern
und zitterten lebendig. Auf dem Kopf trug sie ein großes braunes
Schneckengehäuse, in das sie manchmal tauchte, wie hochgesogen, aus dem sie
wieder hervorwallte. Einen Mantel hatte sie an, der schaukelte und war
nicht dicker als eine Wurstpelle. Hinzel griff nach ihrem Arm: »Wohnst du
hier unten? Man kann gar nicht gehen. Die Flundern liegen überall herum.«

»Bist du jung, bist du jung,« kreischte sie und zog ihn an seinem
Schürzenband auf einen Steinblock; ihre Zöpfe tasteten vor ihr. Und während
sie sprach, achtete er auf ihren Mund; denn kaum hatte sie ausgesprochen,
kam es ihm vor, als ob sie gar keine Stimme hätte, und er hatte doch alles
verstanden. Sie lächelte und blickte ihn an; ihr Gesicht war klein und aus
rotem Korall. Er paßte ängstlich auf die Fische auf, weil sie gegen seine
Stirn fuhren und es leicht passieren konnte, daß er einen Stichling, ein
Moderlieschen verschluckte. Dann stand er ungeduldig auf: »Ich muß ja
weiter, ich kann hier nicht bleiben.«

»Wo willst du denn hin?«

»Ich muß zu der Frau Kirbelei. Geht es hier lang?«

»Was willst du bei Frau Kirbelei?«

»Die will ich umbringen. Mein Lenchen ihr Vater ist ein schlechter Mann. Er
nimmt alle Woche einen Sack mit Kartoffeln und geht zu der Hexe. Ich binde
ihr Eppich um den Hals, und dann --«

»Und dann?«

»Und dann streich ich ihr mein Fingerblut unter die Sohle und denk herzlich
an Lenchen. Aber ich kann doch nicht an ihre Sohle.«

»Warum denn nicht? Versuchs mal bei mir.«

»Ja, deine Sohle. Du hast eine feine Sohle. Ihr seid alle beinah wie
Fische. Ich hab noch nie gehört, daß es bei uns im Schwarzwald sowas gibt.
Dreiäuglein und Trullmänner wohl, Hochwürden hat uns erzählt. Was du für
schöne Nägel an den Zehen hast.«

»Komm doch öfter zu mir.«

»Ja, und Lenchen bring ich mit.«

»Nicht. Komm allein und sag ihr nichts. Dann zeig ich dir den Weg zur Frau
Kirbelei.«

Er stelzte nach Hause, dachte fröhlich, als draußen die Krähen und
Rotamseln zankten und er seinen Hut nahm, wie verschieden die Welt sei an
allen Orten.

Lenchen schluckte ihre Tränen herunter, als er zurückkam, und seine Tasche
war noch voll und die Nadel steckte im Schürzenlatz. »Ihr Männer seid alles
Tolpatsche. Du hast gewiß den Niklas aus Rappweiler getroffen, ihr seid ins
Wirtshaus gegangen und dann habt ihr euch schlafen gelegt.«

Als er sie trösten wollte, patschte sie ihm über den Mund: »Ich will nichts
von dir wissen.«

»Aber Lenchen, ich konnt' sie nicht finden.«

Sie streckte ihm die Zunge heraus: »Dann geh da hin und da hin und da hin
und find sie. Wenn ich ein Mann wär, würd' ich sie schon finden.«

Und sie ließ ihn in der Küche stehen. Seufzend klopfte er Tags drauf bei
ihr an, ließ sich frischen Eppich geben, marschierte zu dem Maulwurfsloche.
Er schwitzte in der Sonne; in der Maulwurfshöhle ging es sich gut. Unten
besah er sich einen Hecht, der still und silberglänzend an einem Fleck
stand und sich nicht rührte; manchmal war er grünweiß und durchsichtig wie
ein Geist. Hinzel überlegte, was sich wohl der Hecht die ganze Zeit dachte.
Da kam das Schneckenfräulein und sie schwatzten zusammen. Sie gab ihm
wieder ihren Fuß zu spielen; er sagte: »Wenn Lenchen das wüßte, würde sie
mich schön knuffen.«

Schlief nachmittags müde im Garten Bills ein. Und als Lenchen ihn schlafen
fand unter dem Apfelbaum, beschnüffelte sie ihn, fühlte sein warmes Gesicht
ab. Er träumte von den Fischen, die so auf und nieder schwammen, von den
drolligen Seepferdchen und Aalen. Sie krallte ihn in den Arm: »Woran du
denkst! Nur an Saufen und Spielen denkst du. Da liegst du und schläfst. Wir
können nicht heiraten!«

»Was soll ich denn machen?«

»Du sollst sie umbringen. Du sollst sie totschlagen. Du sollst einen Hammer
nehmen und geradeaus laufen, bis du sie triffst und ihr vor den Kopf hauen,
eins, zwei, drei, bis sie tot ist.« Und da geriet er in ein Zittern, seine
Hände zitterten, seine Arme zitterten, sein Kopf zitterte: »Ich will nicht.
Ich kann keinen umbringen.«

»Weil du mich nicht liebst,« schrie sie ihn an und warf ihm die ganze
Tasche vor die Füße. »Wenn du sie mir nicht bringst, sperre ich dich unter
das Dach und geb dir nichts zu essen.«

Er kam zu ihr gerannt am nächsten Morgen. Da spannte sie grade den alten
Bill vor den Pflug wie einen Ochsen, nahm die Peitsche und schlug ihn:
»hüah, hüah!« Sie fuhr an Hinzel vorbei ohne ihn anzusehen. Er lief heulend
hinter ihr her. Sie zog ihm eins mit dem Riemen über, und als er nach ihrer
Hand faßte, noch eins und trat ihm mit dem Fuß gegen die Wade. Er wankte
auf den Feldweg, vergaß, daß er nichts gegessen und nichts getrunken hatte
seit gestern abend, weinte, weinte. Bis er an den See kam.

»Warum weinst du denn?« fragte das Schneckenfräulein.

»Weil ich die Frau Kirbelei nicht finde.«

»Hier hast du meinen Hals.«

»Ich will deinen Hals nicht. Ach meine Striemen brennen.«

»Wer hat dich denn geschlagen?«

»Lenchen.«

»Hier hast du meinen Fuß. Nimm die Nadel, streich mir dein Fingerblut unter
die Sohle.«

»Was willst du von mir?«

»Ich bin ja die Frau Kirbelei.«

»Nein, nein, das bist du nicht. Du bist doch nicht schlecht. Mein Lenchen
ist schlechter.«

»Nun kannst du mich totschlagen, Hinzel.«

»Ich geh' nicht zu Lenchen. Sie hat ihren Vater vor den Pflug gespannt. Ich
möchte hier bleiben, bei dir bleiben.«

»Ja, du darfst bleiben.«

Und während er weinte um Lenchen, sah er sehnsüchtig hin zu einem Molch,
der eben mit dem Schneckenfräulein gespielt hatte. Sein Mund wurde breit
und breiter.

»Mir ist ganz lustig in den Gliedern,« sagte er zu dem Fräulein, das neben
ihm schwamm. »Du heißest Schnickedei. Ich möchte mit dir walzen und
schrammen wie der Molch.«

Er drehte sich mit ihr, da wurde sein Leib rund und schlank wie eine Rolle.
Er warf sich zur Seite und in die Höhe, da legten sich die Arme dicht an
und schrumpften ein wie die Beinchen. Lang wuchs ihm ein Schweif heraus,
braun und goldig fing seine Haut zu schillern an. Ein schöner bunter Molch
war er geworden, der tanzte mit der Schnickedei.

Seinen Hut hat ein Geisbub gefunden. Der lief zur Mutter: »Mutter, am
Mummelsee ist ein Loch; da ist ein Mann reingefallen.« Die Mutter sagte:
»Geh hin und grabs zu.« Da fand am Mittag der alte Bill, wie er antappste
mit Sack und Stecken, nicht mehr herunter in den See. Lenchen lachte hell,
als der Bauer brummig in die Stube kam, sich die Stiefeln auszog und sich
auf den Strohsack legte unter dem Bilde der Frau Suse. Lange stand sie an
der Zaunlücke neben dem Hundestall, wartete auf Hinzel. Der aber saß in dem
kühlen See auf einem Stein. Die feinen Moderlieschen schwammen über ihm, er
nickte mit dem Kopf und schnappte Fliegen.



Der Riese Wenzel


Hinter Jüterbog lag der junge Riese Wenzel auf dem Bauch und schlief. Als
der Morgentau fiel, träumte Wenzel, er tauche mit dem Kopf in einen Pfuhl
und eine Padde scharwänzele dicht unter seinem Gesicht. Drehte sich um,
rieb sich die Nase mit einer Hand ausgerupfter Erde, wurde im Niesen wach.
Quarig richtete er sich auf. Es regnete vom grauen Himmel in das Tal
herunter. Er meckerte, arbeitete mit Borke an seinen schmierigen Fingern.
Ein altes Strohdach hing ihm mit einem Bindfaden von der Schulter, auf dem
spitzen Kopf saß ihm gestülpt ein Blechkessel mit Beulen und Löchern. Sein
plattes langes Gesicht grün von dem zerpreßten Gras. Er sabberte in seinen
Bart. Ein alter Gänsetreiber lahmte an mit einem Eimer Stutenmilch. Als
Wenzel den Eimer glucksend absetzte, quetschte er versehentlich einem
Gänschen den Hals; da weinte er: »Heut ist ein unglücklicher Tag.« Suchte
seine Beine zusammen, um aufzustehen; eins lag in der Tannenschonung des
Jochen Dietrich, das andere war dicht an die Chaussee nach Jüterbog
gerutscht. Der Gänsetreiber flüchtete um die Ecke. Wenzel latschte fort,
schrammte mit jeder Ferse eine Furche in den Acker.

Bei Kräknitz dampfte eine Wolke um den Berg, zwei Riesen qualmten
Buchenblätter aus ihren Pfeifen. Wenzel schwenkte von weitem die Arme: »Ich
halts nicht mehr aus.« Brüllte, wie er hinaufkletterte: »Ich will in die
Stadt gehen.«

»Hast keine Milch gekriegt?«

»Trink keine Milch, will Besseres saufen. Hab genug von Jüterbog.«

Sie lachten so grob, daß den Bauern die Erbsen von den Tischen hopsten und
einer zum andern sagte: »Wir wollen Hasenpfeffer auf die Wege streuen, daß
die Riesen gute Laune haben.«

Die drei stalpten herunter nach Luckenwalde auf ein verlassenes
Schienengleis. Neben dem Rangierbahnhof saß ein Alter, dem die Augen schon
erloschen waren; er hatte sich Igel in die Augenhöhlen gesetzt, die für ihn
sehen mußten. Einen zerrissenen Teppich hatte er um und fror sehr in dem
Regen. »Gebt mir eine Pfeife,« dröhnte er, als er den Qualm schnubberte.

»Wenzel will in die Stadt,« grunzte einer.

Der alte Kilian schmauchte: »Was willst du in der Stadt?«

»Will tanzen, will mich amüsieren.«

Seufzte Kilian: »Oh weh.« Seine Nase, über die Hirschkäfer krochen, fing an
zu zittern; sie war dürr und blaublaß wie ein Spargel.

Plärrend drohte Wenzel mit den Fäusten und trampelte: »Will in die Stadt,
in die Stadt!«

»Hornvieh,« schrie der Alte, schwang die Pfeife, »dumme Kröte. Werden dir
die Lumpen abreißen, dich ins Wasser schmeißen, daß du versaufst.«

»Die mir was tun in der Stadt?« Wenzel kicherte, wie wenn eine Fliege am
Fenster brummt. »Die sind ja so sanft, so fein, so gut. Sind nicht wie
Bauern. Nehmen den Hut ab, machen Knix und noch Knix: >Lieber Wenzel,
liebes Wenzelchen, guten Tag, wie gehts?< Kenne sie schon, hab gesehen,
wenn sie vorbeigefahren sind im Zug. Haben samtene Kleider, essen Marmelade
und geben mir davon, soviel ich will. Und dann sage ich: >Ich komm ja
schon, ich komm ja schon. Da bin ich.<«

Den beiden jüngeren Riesen kollerte ein dumpfes Lachen aus dem Bauch, dem
uralten Kilian aber tropfte das Wasser über die geriefte Lippe; er fütterte
sein linkes Auge mit einem Regenwurm, denn der Igel stach ihn. Er prustete,
mit der Hacke wühlte er voll Wut ein Loch in die Erde, daß eine Schiene
heraussprang: »In den Paddenpfuhl werden sie dich schmeißen. Wirst schreien
nach uns, daß wir dir helfen.«

»Und dann versauf ich lieber, äh, als daß ich fresse trockene Kastanien in
Jüterbog und laß mir die Zehen abfrieren.«

Der Alte holte mit Pfeifenrohr und nassem Teppich aus; die beiden andern
klafterten Fuder Sand über Wenzels Buckel.

Der junge Riese Wenzel rannte durch den Regen; eine Tanne riß er hoch und
soff im Zorn ihr Harz; eine andere nahm er als Spazierstock. Er lief auf
Berlin zu. Seine Mutter scharrte mit einem Fischnetz hinter ihm durch die
Heide, sechs Krebse zog sie heraus; klammerte seinen Strohmantel fest und
das rote Bettlaken, das ihm um die Beine flog; ach Wenzel sollte nicht
frieren.

Er keuchte bei Tempelhof heran, ging gebückt unter den blanken Drähten der
Elektrischen, vor denen er sich fürchtete. Grenzenloses Gekreisch um ihn,
Wallen von Menschen; Schnarren, Schnattern. Kleine Männer, kleine Frauen
stiegen in kleine rollende Wagen; im Husch waren die langen Straßen vor ihm
frei. Es stank nach Qualm, bösen Dünsten. Wenzel zog beschämt von
Häuserreihe nach Häuserreihe, drückte eine Scheibe ein, bog sich eine
Regenröhre um; guckte hindurch zum Himmel. Über leere Plätze schlurrte er;
als er mit krummen Knien sich über ein Häuschen bückte, auf die
Nachbarstraße hinübersah, rief er leise: »Ihr! Nehmt mich mit. In euren
Ballsaal.« Aber die Stimme blieb ihm stecken, als alle davonliefen. »Wo
habt ihr eure Marmelade?«

Die Städter, verängstigt, versteckt, merkten, was er für ein Tolpatsch war,
als er so verspielt sachte herumflanierte, kamen in Haufen, hetzten: »Den
haben wir bald, den kriegen wir schon.« Wenzel kauerte grade auf dem
Königsplatz, lutschte an der Siegessäule, da fing eine Glocke zu läuten an,
eine andere bullerte, dann viele, alle in der ganzen Stadt, Dröhnen,
Brummen. Still legte Wenzel den Kopf an die Säule, freute sich, was die
Berliner für fromme Leute wären. Klingelnd rückte die Feuerwehr durch den
Tiergarten, zwanzig Wagen hintereinander, spritzte scharf auf einen Pfiff
gegen Wenzels Beine, daß er zögernd davor auswich, erstaunt Straße nach
Straße, über einen Platz, über eine Brücke, bis er an ein Fabriktor kam, da
riß plötzlich ein eiserner Krahn seinen linken Fuß hoch und eine Dampframme
schmetterte einen Keil durch die Ferse. An einer Kette hinkte er
schmerzheulend, wo sie ihn führten. Wie ein Bär tanzte er auf dem Neuen
Markt; Berliner und Berlinerinnen liefen hinzu und lachten. Er hatte Angst;
seinen Strohmantel zerrten sie herunter. Zwei Männer legten eine Leiter an,
kitzelten ihn unter der Achsel, hörten nicht auf. Und da er sich fürchtete
sie zu zerdrücken, wirbelte er im Kreise herum, knackte vier Laternen ab,
bog sich, streckte sich, lachte und heulte in einem Atem. Wie er etwas Luft
schöpfen wollte, saßen zwei graue Katzen auf dem Dach. Er ächzte: »Lauft zu
Kilian hin und sagt ihm: das machen sie mit Wenzel in Berlin.«

Die Riesen standen hinter Jüterbog auf dem Floriansberg und horchten, als
der Lärm und das Läuten entstand. Einmal sahen sie, wie der junge Wenzel
auf das Pflaster hingeledert wurde, dann stiegen sie auf einen Kirchturm,
putzten sich die Augen. Schauten nicht lange hin, ihnen wurde angst und
bange.

Die Katzen sprangen über Dächer und Böden, sie ließen sich an hohen
Schornsteinen herunter, rannten Wette über den Belle-Alliance-Platz, ohne
Rast zum Floriansberg.

Mit Kugeln schossen die Städter in Wenzels Fell; da dämmerte dem jungen
Riesen, daß die Städter schlecht mit ihm waren. Seine Augen wurden weit und
trübe; eine Kälte rieselte von seinen Füßen herauf; er ließ mit sich
geschehen.

Der Wind ließ am Abend nach. Von Jüterbog torkelten die drei Riesen her.
Ihre Kessel hatten sie vom Kopf genommen, paukten drauf, um Furcht zu
erwecken. Die beiden grauen Katzen mit blutig bösen Augen sprangen neben
ihnen. Bei Tempelhof, dicht vor Mariendorf, ragte etwas aus dem Sande und
bewegte sich. Sie hoben Wenzel an den Schultern hoch; seine Beine steckten
tief im Boden, klirrten und klapperten; bis an die Brust war der junge
Riese versteinert. Sein Mund lappig und schwer; er stöhnte: »Tut ihnen
nichts. Tut ihnen nichts.« Dann versteinerte er ganz und war tot. Ein Krebs
hing noch über seinem Arm, der zappelte, weil er mit der braunen Schere im
Stein fest saß. Die Riesen schaufelten mit den Händen ein großes Loch in
die Erde, damit der Stein nicht umfiel. Da wackelte die Mutter herzu. Sie
stellten sich hin zu dreien, sahen sich auf die Füße: »Wenzel ist König
geworden in der Stadt. Geh nicht hin. Die Leute sind böse und schießen.
Wenn er eine neue Kutsche hat, holt er dich ab.« Die Mutter warf ihr blaues
Tuch ab, weinte: »Das glaub ich nicht. Dieser Stein, das ist mein Kind.«

Und fallend glitt sie über den Stein und bedeckte ihn als ein schöner,
warmer, grüner Rasen. Und fließend bedeckte sie den Boden und die ganze
Umgebung. Die Riesen zupften sich die Bärte, pflanzten Hanfnessel,
Löwenmaul und Bilsenkraut.



Das Krokodil


Unter der ungeheuren Aracee lag Julie wie ein blauer feistgefressener
Drache. Sie wühlte sich im schattigen Klee, an der Allee, die sich grell in
der Hitze hinwand. Die prallen, lederartigen Blätter des Gewächses deckten
sich gleich Ziegeln und aus rosa Blattscheiden züngelten die purpurroten
fingerlangen Fruchtknoten, weißgesprenkelt, schleimglänzend, an den Spitzen
wurmartig gewunden. Sie zog die Äste zu einem Vorhang vor ihre lauernden,
gelbbraunen Augen; sie blinzelte tückisch, machte mit zwei dünnen
Fingerchen einen Spalt, sobald Schritte die Chaussee heraufklapperten.
Trollte ein Kind vorbei, ächzte ein Weibchen unter seiner Kiepe, Julie
schaukelte ein Blatt vor die weiße Nase, leckte über die breit
glührotgesäumte Oberlippe, auf der schwarze Härchen standen, wie
Grasspitzen auf einer Wiese, leckte das Blattende herunter, um daran zu
saugen. Beim harten gleichmäßigen Trampeln stemmte sie den Oberleib auf den
Ellbogen hoch; der Männerstock klirrte, schnellend schaukelte der Vorhang
auseinander und wiegte sich, durch die schwankende Blätterlücke fuhr auf
den gelben Blicken ein giftiger Haß hinter den Wanderer, geschient wie ein
Eisenbahnzug. Einen Augenblick, dann spuckte sie die angekaute
Pflanzenfaser auf die weißen Kleeköpfe zwischen ihren Händen, wölbte den
Mund breit und »Öh«, ein dickes kehlgequetschtes »Öh, öh« höhnisch und
langgetrieben, wobei sie ihren kleinen Körper verkürzte und den Bauch
hervortrieb, blökte hinter dem Gartengitter über den stummen Weg; wer sich
umdrehte, sah die beglänzte gummiblättrige Aracee.

Weiß lag auf dem Wiesenhügel hinter der Aracee die zweistöckige Villa mit
den grünen Fensterläden, dem geschnitzten schmalen Balkon; Glasveranda
rechts und links. Juliens grauer stiller Vater, der Ostindienfahrer und
Seelord, der zwanzig Jahre an asiatischen Küsten gefochten hatte, spazierte
oben im gelben Khakikleid mit seiner schönen weißhaarigen Schwester; aus
grünem Samt war ihr Kleid und ihre fürstlich lange Schleppe, die über den
chinesischen Mosaikboden strich. Er hob schwer an seinen langen Knochen und
Knien; steif als wenn er einen Türrahmen um sich trug, ging er; die beiden
grübelten zusammen in den Gewächshäusern, vor den bläulichen ungeheuren
Glasfenstern, stopften Vogelbälge aus, putzten Orden.

Sonntags sprang das kleine eiserne, mit Lotosblumen besetzte Gartentor auf.
Zwischen der steinernen Doppelreihe grauer Löwen, die mit riesigen
Lappohren wedelten, bewegte sich Julie, um in die Dorfkirche über die
steinige Allee zu gehen. Die üppige sanfte Tante wallte träumend unter der
warmen Sonne, Julie neben ihr; schwer wackelte ihr draller seidenverhängter
Körper, nach rechts stieg er herunter, pumpte hoch, nach links fiel er und
raffte sich. Wie ein Kalb an der Stange, das der Schlächter den Rumpf
abwärts auf dem Rücken trägt, die eine Schulter senkend, die andere
senkend, so trottete sie, stampfte den Sand. Die schwarzhaarige wilde Julie
trug ein blaues Barett mit einer silbernen Feder fest über der
quergefalteten Stirn, eine lange breit gebundene Schleife aus dem grünen
Samt der Tante fiel hinten über das dunkelblaue Seidenkleid, weiß ihre
Schuhchen, weiß die hohe Halsrüsche und die wehenden Spitzen der Ärmel.
Aber ein Korsett hatte man nicht um den kleinen Leib gespannt. Es war ihr
ganz früh um Weichen und Hüften herumgesprossen, kleine Plättchen in der
Haut, Einlagen, die wie Perlmutter glänzten und die man salbte und rieb. Um
den weißen, festen, üppigen Leib wuchs es schauerlich mit dicken dunklen
Lederschalen, die manchmal blätterten. Gell hatte Julie gelacht, als sie
einmal aus dem Bad stieg und ihr einfiel, sie sähe aus wie das Krokodil des
Vaters im Gewächshaus. Zu der weißhaarigen Tante, die längst tote
Jugendlieben pflegte, watschelte sie, zeigte im blauen Bademantel halbnackt
ihre Hüften, jauchzte: »Ich bin ein Krokodil. Ich werde ganz ein Krokodil
und freß euch alle auf.« Die Dame weinte, deckte das Fräulein zu, sie
mochte es nicht hören; erinnerte sich entsetzt, daß Juliens Mutter immer
geklagt hatte über den kühlen Seehelden, der Kinder nicht mochte und dem
ein Alligator lieber war als eine Tochter. Und als das übermütige Fräulein
sich von der grün samtenen Dame losmachte und nacktfüßig auf der Veranda
dem Vater, der die Pfeife im Mund sich ein Messerchen zum Präparieren
schliff, zustammelte, kichernd: »Ein Krokodil, sieh nur, ich bin ein
Krokodil,« da betastete der gelbe Herr ungläubig die Hüfte, schlug sich vor
Vergnügen den Schenkel, umarmte die Tochter, während er das Messerchen aus
der linken Hand fallen ließ; er fluchte englisch, küßte sie, sie lachten
sich, Hand in Hand gegenüberstehend, an. Der Kapitän bestellte Sekt für den
Abend, als wäre ihm heute ein Kind geboren; allein pokulierte er über dem
dunklen Dorf, für die Tochter ließ er einen Perlenschmuck kommen. Den Arzt,
dazu die zwei Masseusen und die Badefrau schickte Julie, den Perlenschmuck
am Hals, an diesem Tage weg. Mit funkelnden Blicken und Gebärden vertrieb
sie den behäbigen Hausarzt, der gelehrte Warnungen über den Fortschritt der
Krankheit murmelte; er stolzierte hinüber zum Vater; aber als der zwischen
dem Rühren und Schäumen seiner Bowle hörte, was Julie gesagt hatte, kratzte
er sich dicht vor dem Gesicht des Sanitätsrats den grauen Kinnbart und
knarrte ironisch: »Da wird sich wohl nichts machen lassen,« worauf der
Mediziner heftig mit dem Ebenholzstock aufstampfte und abwanderte über den
Hügel.

Wie ein blauer feistgefressener Drache lag Julie unter der Aracee. Eines
Tages vor Pfingsten ritt Herr von Wetzling, der Dragoner, mit zwei fremden
Kürassieren und vier Damen aus den Nachbarvillen die versengte Allee
herauf. Auf seinem schweren braunen Gaul saß er in der lichtblauen Uniform;
rosa sein Halskragen; der lange schwarze Degen schleppte zur Linken des
Pferdes herunter, verheißend blickte der Dragoner seitwärts und zu den
Damen. Die lächelten alle und die Kürassiere schoben ihre blanken
Prunkhelme rückwärts, um gut sehen zu können. Zierlich beugte sich der
Dragoner seitwärts, sein Pferd sprengte der Kavalkade voraus, durch die
rechte hohle Hand, durch den rotbraunen Handschuh sang er leise vor dem
exotischen Gebüsch das Lied von Sankt Nikolaus, und seine warmen Augen
schimmerten verführerisch. Die Blätter drüben schwankten, der Baum zitterte
allgemein, die purpurroten Fruchtknoten schraubten sich höher. Zwei
Fingerchen, fünf Fingerchen, zwei Hände, zwei Arme breiteten einen Spalt;
ein weißes Kinn, eine weiße Nase, rußschwarze Haarmassen; die Stirn
verdeckt und die Augen verdeckt in der grünen Höhle.

Ein frommer Mann war Nikolaus, er führte zwei Reiter auf die Brücke hinaus,
breit war das Brückengeländer, schmal war der Weg.

Das Fräulein verschlafen; seufzend und vertrauensselig schwammen ihre
Blicke auf den blauen singenden Mann, sie hob das schwere Blatt von der
Stirn, durch die Blattlücke zwischen ihren haltenden Armen steckte sie den
feinen schwarzüberwolkten Kopf, die gelbe Sonne lag über dem weißen
freudigen Gesicht.

Aber als die zwei Reiter über die Brücke trabten, da kniete eine Bettlerin,
das schwarze Lumpentuch über den Schultern.

Der Dragoner sah das strenge adlige Gesicht des Fräuleins vor die Blätter
sich schieben, hörte zu singen auf; er winkte ihr zu mit seinen
Reithandschuhen, denn er kannte sie und sie kannte ihn, und er bat sie,
doch herauszutreten, mit ihm im Schatten zu plaudern. Sie lachte entzückt;
leise klirrte das Gitter, einem Löwenhund trat sie auf die Schnauze,
zerknittert näherte sie sich über den Rasen, tauchte rechts, pumpte links,
beide Arme balancierend und grüßend in der Luft vor ihrer Brust. Ob sie ein
Drache sei oder eine Schlange, wolle er wissen, und sprang vom Pferd, aber
es hieße, daß sie unter der Aracee die Menschen wie ein Teufel belaure,
ängstige. Julie, die kleine, stand mit ihm vor dem mächtigen Brunnen, sie
stützte sich an dem Zügel des schwitzenden Tieres, strahlte die braunen
Wangen des falschen Mannes an, seinen atmenden Brustkorb, seine langen
graden Beine in den schwarzen Schaftstiefeln.

»Ach,« sagte sie und hörte kaum, was sie sagte, was sie sei, Drache oder
Schlange, wisse sie selbst nicht, aber es sei egal, sie belle nur hinter
den schlechten Menschen her, damit jeder höre, wer da komme. Der Dragoner
löste ihre Hand vom Riemen, drängte das Fräulein gegen das Gitter, so daß
es aussah, als suchten sie das Versteck der Aracee; ungerufen klapperte das
Pferd neben ihnen.

Auf der Brücke stand die Bettlerin; ein Reiter warf ihr einen Heller zu,
der andere nahm ihr das Tuch vom Kopf, da saß ein wunderbares Fräulein
darunter, das hob er auf das Brückengeländer.

Aber was hatte das Jungfräulein auf dem Kopf? Unter dem Tuche? Einen Hut
aus Zittergras, ganz dicht geflochten.

»Den habe ich nicht,« lächelte Julie und ließ sich über das Haar
streicheln.

Was hatte das Jungfräulein um die Hüften?

»Einen Gürtel,« sagte Julie.

»Einen Gürtel aus gelbem Marmelstein.«

»Aus gelbem Marmelstein.« Sie wiederholte gedankenlos. Gegen den
lichtblauen Waffenrock drückte sie ihren schwarzen glühenden Kopf.
Schamhaft fühlte sie seine Hand an ihrer Hüfte. Da war ein Schlitz an der
linken Seite und wie an dem Araceenbaum sperrten seine Finger einen Spalt,
zwei Finger, vier Finger, während ihre Augen fragend in seinen falschen
suchten. Breit riß er, seinen Kopf herunterbeugend, in den Stoff hinein.
Sie versteckte ihr Gesicht in den Händen.

Das Pferd losgerissen galoppierte auf die Chaussee. Lachend, dankend,
winkend, sprengten zugleich die beiden Kürassiere und die vier Damen heran,
vorüber.

Das Krokodil, das Krokodil des Dorfes, sie sahen es, Herr von Wetzling
hatte es ihnen gezeigt. Er rannte seinem Pferde nach, die Mütze flog ihm im
Lauf ab, haschend, winkend rief er gegen das Gitter, er werde morgen das
Lied vom Nikolaus, morgen zu Ende singen. Zuckend lag Julie und schrie in
ihrem geschlossenen Munde.

Da wohnte am Ende des Dorfes ein völliger Narr mitten im Gehölz, hieß van
der Meeren, sollte aus Gent stammen. Er wohnte zusammen mit seinem Sohne,
der ein Nichtstuer war und sich auf Landstraßen herumtrieb. Diese wurden im
Dorfe dazu verwandt, Schafe zu heilen und Hunden die Ohren zu schneiden. In
die Villa des Seehelden war der Alte oft geklettert; Schnecken und
Blattpflanzen starben viel und van der Meeren verstand es schnüffelnd,
greinend, mauzend, das Zimmer von Menschen zu säubern, und liebevoll mit
dem Wasser, den Tieren und Gewächsen umzugehen; war er da, so konnte
Wasser, Tier, Pflanze wieder eine Zeitlang leben. Meeren vermochte beinah
jedes verkümmerte Pflänzlein wiederzuerkennen, bediente die jungen und
alten Blättlein in gemurmeltem Gespräch: das Wasser sprudelte aus seinem
Schlauch gebogen in das Becken. Drückte man ihm Geld in die Hand, so
schnitt er eine grimmige Miene, er schwang die Fäuste im Herauspoltern, als
ob er Steine wiegte.

In seinem Haus draußen lebte eine schwarze Mutterziege und drei gefleckte
Geißen; Finken und Zeisige flogen durch die Fenster; unter den Dachsparren
klebten Nester, in den Winkeln der beiden Stuben und der Küche wohnten und
sprangen Kaninchen.

An regnerischen Tagen nahm der Alte einen Karren, zog in den dunklen Wald;
er suchte gefallenes Wild, tote Vögel, war der Totengräber der Tiere.

Zu ihm schlich Julie, zwei Tage nachdem der Dragoner, die Kürassiere mit
ihren Damen über die Allee gesprengt waren.

Van der Meeren hobelte vor seiner Tür grade einen Sarg für eine weiße
Katze, die er ersäufen wollte für ihr mörderisches Wesen. Da stellte sich
Julie hin und sagte, sie wolle sich in Pension geben zu ihm.

»Wo hast du deinen Vater?«

Julie faßte sich an die Brust, weil der Narr es wagte, sie zu duzen, dann
meinte sie ängstlich: »Er jagt.«

»Werden wir schon kriegen.«

»Ich will mich bei Ihnen in Pension geben.«

»Sieh mal an, das Krokodil!«

»Nun ja,« sagte sie furchtsam aber entschlossen, zog das blaugemusterte
Umschlagtuch vom Kopf.

»Haben wohl die Doktorsch und die Mamsellchens nichts ausgerichtet? Wie,
he? Kommt dann der Meeren dran. Mag dich nicht.«

Die Späne flogen.

Bettelnd verzog Julie den Mund, faltete die Hände vor dem Leib, während ihr
das Tuch über dem Arm hing, trat an den Sarg.

»Mag dich nicht,« brüllte der Alte über sein Brett, »scher dich weg. Wenn
der Herr Vater ein großer Jäger ist, soll er wissen wie es ist, wenn die
Hunde kommen und sein Kind beißen.«

Sie weinte und rührte sich nicht.

»Soll ich den Hunden pfeifen?«

Nach einer Weile hob sie den Kopf: »Pfeifen Sie.«

Nun fing das mächtige Hämmern an; harte Buchenstifte trieb er durch das
junge Holz seiner Bretter; die Katze, die er erschlagen wollte, ging
spionierend über den Dachgiebel und sah rotäugig herunter.

»Ich will in Ihr Aquarium,« flüsterte Julie, »ich schwöre, ich will Ihnen
ganz gehorchen.«

»Solch großes Aquarium haben die Lumpen im Walde nicht. Muß der Herr Vater
selber kommen und eins bauen.«

Aber seine Augen waren milder, so blickte er, wenn er ein Blättchen
streichelte.

»Ich will, daß Sie mich ins Aquarium setzen. Wenn ich schon ein Krokodil
bin, will ichs auch ganz sein.«

»Bist du trotzig. Sie werden dich zurichten, die Eidechsen, die Molche, die
Stichlinge.«

So fein sie war, so merkte sie nicht, daß er spaßte.

»Mich stechen sie nicht. Irgendwohin muß ich doch gehören.«

Er spöttelte weiter, öffnete die Haustür, rief hinein und der junge
Tunichtsgut kam.

Schlaff und sanft war der, wie ein kleines Mädchen. Verschlafen war sein
Gesicht immer; rotes Haar zottelte in seinen Nacken; einen kurzen Stecken
zwirbelte er zwischen drei Fingern und verfolgte im Gehen, wie rasch sich
der Stecken drehte. Seine Hände waren rußig vom Herd, in nackten Füßen
strich er her, denn er kochte und putzte die Wirtschaft für den alten
Meeren.

»Bring eine Leiter, Ziwel,« brummte Meeren, »das gnädige Fräulein will ins
Aquarium.«

Der wurde feuerrot, steckte sein Hölzchen in den Mund; an jeder Seite
konnte man darauf blasen: »Ich bring einen Lappen, damit sie durch's Glas
sehen kann.«

»Nichts von Durchsehen. Das Fräulein will hinein.«

Ziwel schwieg darauf eine Weile, probierte die Enden des Steckens. Dann
huschte er rasch dicht an Julie, streichelte bewundernd ihre beiden Ärmel
und blies, während van Meeren lächelnd einen Kieselstein aufhob, ein langes
Lied vor ihren Ohren. Der Kiesel, den van Meeren warf, klappte auf den
Nagel an seiner großen Zeh, da hörte Ziwel auf.

»Sie ist keine Wachtel. Wo ist das Aquarium für das Fräulein?«

»So groß hab ich keins.«

Traurig schob Ziwel in das Haus; er dachte, Julie wolle vielleicht ein Glas
Milch trinken.

»Wir werden dir einen Bottich bauen,« sagte sanft van Meeren; »wenn du
zweimal mit einem Stein in dies Fenster wirfst, wird Ziwel aufmachen. Dann
kannst du schwimmen und dich mit den Fischen unterhalten.«

Zaghaft kam nach zwei Wochen Julie daher. Hinter dem Häuschen im Freien,
zwischen einem wüsten Scherbenhaufen und einem Erlengebüsch, stand mit
riesiger Öffnung der Bottich, hoch wie zwei Männer, mit Holzlatten
umschlagen. Weinend zog Julie um den Bau, van der Meeren schleppte hinter
sich die Leiter aus der Küche; da sei kein Taschentuch not und sie brauche
nicht zu weinen.

Ob sie die Kleider anbehalten könnte und die Stiefel.

Er pfiff durch die Zähne, sah rückwärts, drohte über die Schulter einem
jungen Hündchen. Stiefel und Kleider, die brauche sie für die Eidechsen
nicht, die liefen auch über den Sand, wie sie unser Herrgott geschaffen
habe, und die Frösche haben nur ihre Haut bei sich. Ein wollenes großes
Tuch brachte der Alte ihr, dann schwieg er und betrachtete Julie mit
wiegendem Kopf, wie sie ganz bloß oben stand. Er schwelgte: »Ein feines
Krokodil bist du geworden. Ei.« Streichelte ihre Hüften und Lenden und sie
weinte.

Als sie drin im warmen Sand, zwischen Laub- und Astwerk lag, rief der Alte
am Fenster: »Liegst du schön?« Und ein paar Stunden später: »Scheint auch
die Sonne gut?« Die Vögel flogen zu ihr herunter. Sie hatte zuerst Angst.
Eidechsen liefen neben ihr, die Stichlinge schwammen im Tümpel. Dann dachte
sie: »Ich bin ein Krokodil und kann euch alle auffressen.« Da fürchtete sie
sich nicht mehr. Nach einer Weile standen Ziwels rote Haare oben am Rand
des Bottichs; sie hatte sich unter ihrer Decke versteckt, ihr war bange, er
würde mit einem Stein nach ihr werfen. Aber er schlüpfte herunter.

In ihren Ohren tönte noch grausig das Hufklappern der Kavalkade, Sankt
Nikolaus. Wie die Tante in der Villa sorgfältig alles umstellte, die Türen
verhängte, dreifache Vorhänge vor ihrem Bett anlegen ließ, damit niemand
ihr Fell sehen sollte. Wie sie sich heimlich gequält in ihr Bett drücken
mußte. Sie biß sich auf die Unterlippe, blickte um sich: »Hier wird mich
keiner verjagen.«

Sie rief Ziwel. Van der Meeren meldete sich; wenn ihr der Rotkopf lästig
würde mit seinem Blasen, sollte sie ihn wegschicken.

Ziwel balancierte mit einem Suppenteller in den Bottich herunter. Der Alte
warnte: »Du tust unserem Krokodil nichts.« Ziwel tauchte die nackten Füße
in den Tümpel; die Fische schnappten nach seinen Zehen, als wenn es Köder
wäre. Julie lachte. Die Backen blies er auf, hüpfte mit hervorquellenden
Augen wie ein Frosch zu ihren Füßen und quakte. Den Teller setzte er sich
auf den Kopf, das war ihr Tisch.

Abend um Abend hob sie van der Meeren aus dem Bottich, die Röcke band er
ihr im Erlengebüsch. Sanft blies Ziwel oft im Bottich; die Stare und
Rotfinken setzten sich im Kreis auf den Bottich und hörten zu. Aber wie es
Winter wurde, merkte der Alte, daß das Krokodil schwerer geworden war. Sie
seufzte mit, wenn er unter ihrem Gewicht seufzte; zwischen den Erlen fragte
er: »Soll dich Ziwel noch bedienen?« So demütig antwortete sie: »Laß ihn
kommen; er soll nur immer kommen.«

Ihr Leib nahm nicht zu an Umfang; sie atmete tief und schwer; nach dem
Herzen drängte es ihr herauf. Ziwel kam nicht mehr in den Bottich; der
schweigende Alte wälzte ihre hölzerne Wohnung in seine niedrige warme
Stube; auch da umschwärmte sie das Getier. Vergeblich rief sie nach dem
sanften Rothaar; der mußte immer weg; der Alte brummte, er müsse in den
Wald, Tierfallen zerstören, Vögelchen, die aus dem Nest gefallen waren,
füttern.

Wie der Seelord den Zobelkragen hochschlug und die Schneeblumen an seinem
Fenster mit kleinen Augen bewunderte, knarrte Julie ungeduldig mit ihren
roten Schuhen auf dem Teppich, so daß er sich umdrehte. Aber dann fand sie
nur den Mut, sich von ihm unter der Drachenampel küssen zu lassen. Der
prunkvollen schönen Tante, dieser mochte Julie gern etwas antun; am weißen
Winternachmittag saß die Dame großäugig, mit warmen Mienen vor ihrer
breiten Kaffeetasse; ein Araceenblatt kaute das Fräulein und erzählte von
Ziwel und wie es draußen ginge so schön. Das Fenster mußte Julie bald
schließen, laut stöhnte die weiche Dame; in die Tasse, auf das Samtkleid
fielen tausend Tränen.

Der Bottich des van der Meeren stand von nun an leer; das eiserne Gittertor
öffnete sich nicht mehr für Julie. Sechs und eine halbe Woche vergingen,
dann brachte Julie ein totes Kind zur Welt, und niemand wußte davon als die
dreifachen schweren Vorhänge ihres Bettes, die traurige Tante und ein
schwarzgekleideter fremder Mann. Als wäre sie sich selbst fremd, lag Julie
gewickelt im Bett. Wie sie im neuen Jahr aufgestanden war, schleppte sie
sich matt ins Badezimmer, wollte wieder in ein Wasser gehen, Vögel hören,
die Frösche springen sehen. Das Fenster öffnete sie. Als sie sich die
Strümpfe abstreifen wollte, wurde ihr das Bücken so leicht. Und dann, ach,
waren die braunen Schalen um ihren Leib so taubengrau, so dünn geworden;
sie konnte sie biegen; sie schilferten wie Fischschuppen. Julie blickte
sich um; niemand war da. Das Herz schlug ihr pulsierend in den Hals. Ihre
Unruhe, ihre Angst wurde groß. Sie raffte ein unscheinbares
Winterkleidchen, zog es an. So schnell stahl sie sich zu Meeren in den
verschneiten Wald.

Der Alte schürte sein Feuer am Herd. Als sie mit unsicherer Stimme,
zähneschlagend, stammelte, sie wolle wieder zu ihm kommen, in den Bottich
steigen, betrachtete er sie aufmerksam. »Warum zitterst du?« fragte er. Sie
nahm sein großes Tuch. Lange stand sie an der Leiter und beobachtete
fiebernd sein Gesicht. Ganz bloß stand sie unten. Aber der gütige Blick kam
nicht wieder; sie regnete Schälchen auf den Stufen. Hastig, glühend
entglitt sie ihm, kletterte höher. Sie war glücklich: Meeren nahm sie nicht
für ein Tier: »Werd' ich ein Mensch, werd, ich ein Mensch?«

In dem stillen Haus lag sie stundenlang. Der Alte hob sie nicht heraus,
sprach nicht. Nach drei Tagen lief sie wieder hin. Ob Ziwel kommen würde?
Sie fürchtete, Ziwel könnte kommen. Eng wurde es im Bottich, sie gähnte,
die Fische rochen; heimlich schlug sie die Finger um den Rand des Bottichs,
konnte sich hochziehen; wie der Alte in den Wald stalpte, stand sie
horchend auf der Leiter und war fort.

Und nun kam sie nicht wieder. Sie fürchtete sich vor dem Erlenbusch, daß er
sie holen könnte; eine Kette ließ sie am Gartengitter anschmieden, einen
bissigen Hund anlegen, daß niemand hinübersteige. Und bald blies Ziwel aus
der dichten Aracee; eines Abends kletterte er vor ihr Fenster und blickte
traurig durch die Scheiben. Sie stand dahinter. Sie wies ihm beide Fäuste
und schüttelte den Kopf. Als er stumm auf dem Sims kauerte, riß sie den
Flügel auf. »Ich bin eine Herrin,« schrie sie; böse war ihr Gesicht. »Du
ein Strolch. Dein Vater ein Bettler. Ich werde euch bezahlen. Was willst
du?« Als er wehmütig eine Hand nach ihrer Schulter bog, stieß sie ihn vor
die Brust, daß er in den Kies stürzte. Die Dogge schlug vor ihm kurz an,
kuschte vor Ziwels Hand.

Nun kutschierten die feinen Kaufleute mit ihren Stoffen täglich vor die
Villa des Seelords. Französische Tänzerinnen kamen aus der Stadt und
schwebten mit Julie durch leere Säle; man hörte ihre Füße und Julies Füße
nicht auf dem Boden. Weit offen stand das Gartentor; das Gitter breit
durchbrochen zur mächtigen Auffahrt zwischen Beeten, Bäumen und
chinesischen Fabeltieren. Und niemand von allen Villenbewohnerinnen trug
sich bei den Festen so hochmütig wie Julie, stieg so kühl in den Wagen zu
Ausflügen, drehte sich so unberührbar im Tanze. Ein rehbraunes Kleid mit
Gold gestickt hatte das zierliche Fräulein eines lauen Frühjahrabends an,
die pfaugraue Schärpe fiel seitlich bis an den Käferschuh. Herr Wetzling,
der Dragoner in lichtblauer Uniform, wickelte die Schleife um seinen Arm,
damit er nicht darüber stolpere; unter der Aracee setzte er ihren Schuh vor
seinen Mund, damit er den Käfer nicht zerträte. Dann hielt sie der Dragoner
unter den Gummiblättern in den Armen und sie knisterte darin und dachte an
nichts, er war so fröhlich. So glühend wie Pechfackeln brannte es aus ihren
Augen gegen ihn; Julie lohte, wie eine Flamme, die trockenes Gebälk
ergriffen hat und durch die der singende Wind streicht; ihr Leben lang, kam
ihr vor, war sie nichts bis zu diesem Augenblick.

Die Felder, Wiesen und Berge nahmen Tag um Tag an ihrem Übermut teil. Sie
hatte einen Schimmel und ritt auf die Jagd. Der Seelord trabte ihnen voran.
Hand in Hand, eine rote klingelnde Schnur zwischen sich, ritten der
Dragoner und Julie durch die dämmrige, knackende Schonung; dahinter fremde
Herren und Damen. Die Damen zwitscherten und jauchzten von ihren
hochbeinigen Pferden.

Als sie einmal über eine sumpfige Wiese setzten, kreischte eine
Männerstimme hinten. Der rotverknüpfte Schimmel und Rappen hielten und
machten kehrt; es trabten langsam zwei Damen näher, trieben zwischen sich
etwas Menschenähnliches, das sich wand und oft auf den Rasen schlüpfte, ein
Peitschenband um den nackten verbrannten Hals. »Der Rotkopf, der Rotkopf,«
lachten sie und verdrehten falsch die sanften Augen zueinander und zu
Wetzling, »wir haben ihn gefangen, den Wilderer, den Fallensteller.« Wie
die Pferdepaare Kopf an Kopf rieben, kroch der Rothaarige am Boden, so daß
sich die Reiterin ihm nach krümmen mußte; sie rief, schräg liegend: »Was
wollen wir mit ihm machen? Julie!«

Das kleine Fräulein im schwarzen Jagdkleid schwankte blutlos auf dem
Pferde, plötzlich zuckte ihr Tier hoch mit dem Kopf, schlug mit den
Hinterbeinen aus, die rote Leine zu dem Rappen riß; der Schimmel
galoppierte mit Julie tobend, graswerfend in den Wald. Am Rand des Waldes
hörte sie den verwehten jauchzenden Aufschrei; Ziwel hatte die Dame vom
Pferd gerissen; mit der Peitsche auf dem Rücken rannte, kroch, sprang er
über das Gras, in ein Kohlfeld; die Damen standen vergnügt um das
strampelnde Fräulein.

Als am Abend Wetzling sporenklirrend in die Villa kam, stellte sich ihm
Julie mit finsterem Mund auf der Treppe entgegen; er strich ihr bedauernd
das schlaffe Händchen. »Einen Spaß,« sagte er, »haben sich die Damen
gemacht. Sie haben den Sohn deines Wunderarztes ausfindig gemacht, den
Strolch. Er soll dich verehren. Sie wollten dich damit necken; nichts als
necken, Julie.«

»Er soll mich verehren.«

»Du weißt es nicht. Er trägt ein Beutelchen auf der Brust. Sie haben es
gesehen. Aber ich sage dir nicht, womit das Beutelchen gefüllt ist.«

Sie antwortete nichts. Mit ihren Schuppen war das Beutelchen gefüllt. Er
legte einen Arm um ihren Leib, sie duldete es; als sie nach oben stiegen,
fühlte sie staunend, erschreckt, wie er ihr mitleidig eine Wange strich.

Wetzling war ein Sammler von Perlen; die bleichen Ketten seiner Mutter
hängte er um Julie. Wetzling hatte englische und französische Pferde; die
leichtesten führte er in Juliens Stall. Julie war wie Eisen heiß; die Kühle
von Wasser schenkte sie Wetzling; sie konnte bei Tag und Nacht wispern vor
Verlangen, Stummheit; die unfaßbare Leere einer Sandwüste: damit kleidete
sie sich für ihn. Die schöne prunkvolle Tante wandelte hoheitsvoll neben
dem Fräulein durch die Villa. Ohne zu reden trug sie nach und nach jede
Erinnerung an Juliens Jugend aus den Zimmern; kehrte Julie zurück vom Ritt,
dem Spaziergang, dem Kirchweg, immer fehlte etwas, eine Decke, ein Bild,
ein Kasten, ein Teppich, war ersetzt durch ein Neues. Die Dame nagte an dem
Haus.

In den Vorgarten an den exotischen Baum zerrte der Dragoner einmal seine
Geliebte; auch er war ernster geworden; er seufzte: »So still und fremd
bist du; warum? Was tu' ich dir?«

Sie fragte zurück: »Hast du Auftrag gegeben, die Bäder, die Wannen und
Salben aus meinem Zimmer zu schaffen?«

»Nein, nein. Aber du brauchst die Bäder und die Salben nicht mehr.«

»Ich kann so springen. Aber sie stören mich nicht. Sie können da stehen.«

»Du bist schön, die schönste von allen. Ich will dich nicht erinnern lassen
an die Zeit, wo du leidend warst.«

»Wo ich nicht schön war. Herr Nikolaus, meine Hüfte ist nicht mehr aus
Marmelstein.«

»Wir wollen gut zueinander sein.«

»Willst du aufhören zu sprechen. Glaubst du, daß ich ein Wort davon höre.
Du kannst noch eine halbe Stunde sprechen.«

»Julie, ich will gut zu dir sein.«

»Willst du etwa sagen, daß du mich gesucht hast.«

»Ja.«

»Mach deine Brust auf, zeig deine Brust. Was trägst du da, zeig es mir.«

»Nichts, Julie.«

»Nichts, kein Beutelchen! Nein, wahrhaftig nicht, kein Beutelchen!«

Julie sperrte ihre Tür ab. Sehnsüchtig sah sie zum Fenster herunter auf den
Araceenbaum. Voll Angst erwartete sie den Bräutigam: »Was werdet ihr mir
heute tun? Was wirst du mir heute tun?« Sie hängte sich an seinen Hals:
»Laß mich bleiben wie ich bin. Laß mich nicht werden wie früher.«

Sie weinte und küßte ihn. Er fragte: »Was fürchtest du, Julie?«

Sie strömte Tränen: »Ich muß wieder unter die Aracee.«

Und nach zehn Tagen zog sie in das stockdunkle Haus die Tante auf ihr
Zimmer; eine Kerze trug Julie, ein kleines brennendes Licht vor sich. Der
Bräutigam stieg hinter ihnen. Von dem Bett waren die dreifachen schweren
Vorhänge gerissen, blütenweiße neue, mit Bändern geziert hingen an ihrer
Statt. Die Kerze fiel Julie aus der Hand und zersprang. Sie schrie und
schrie, daß die Tante davon lief im Finstern.

»Meine Vorhänge, meine Vorhänge? Herr Wetzling, wo stehen Sie?«

Die Tante erschien mit einem Licht.

»Sie fürchten sich vor meinen Vorhängen, vor meinen Salben, Herr Wetzling.
Und meine Bäder mögen Sie auch nicht leiden. Dann will ich Ihnen etwas
anderes melden. Hebe das Licht höher, Tante, damit er mir auch gut ins
Gesicht sehen kann.«

Sie drehte sich um und zerrte die Bänder aus dem Bettvorhang und zerkrallte
sie. Sie biß wie eine Rasende in die weißen Betttücher: »Ich schäme mich
nicht, nein ich schäme mich nicht. Ich will mich nicht schämen brauchen.«

Sie brüllte, über dem Bett liegend; ein Schuh fiel ihr ab.

»Wo ist mein Kind? Wer hat mein Kind begraben?«

Der Freiherr zitterte mit den Lippen, die Tante drehte sich gegen die Tür.

»Wissen Sie nichts von meinem Kind? Man hat es ihnen nicht gesagt? Ich bin
ein Krokodil und habe eins geboren. Mein Mann ist Ziwel, der rote, das ist
mein Gemahl. Wissen Sie's nicht? Wissen Sie's jetzt?«

Die Tür schlug ein; man ließ sie im Finstern arbeiten.

Im Garten kroch am regnerischen Morgen eine große Weinbergschnecke über den
Kies. Das Fräulein sagte, über die Schnecke gebeugt, auf den Knien: »Wenn
man mich sticht, geh ich in mein Haus zurück; sonst krieche ich wie du. Man
kann meine Spur sehen; jeder, der will, kann sie sehen. Schneckchen, wir
dürfen uns nicht beschämen lassen. Wir sind keine Diener.« »Ach,« flüsterte
sie nach einer Weile, streichelte an sich herum; sie war vom Wasser
begossen, »mein süßer süßer Leib, ich bin froh, daß ich dich habe. Ich laß
dich von keinem beschmutzen, und wenn ich auch noch Schuppen hätte. Es geht
keinen was an. Wo kriechen wir hin, wir beide, mein süßes Schneckchen, mein
feines Herrchen, mein schnupperndes Tierchen. Wohin, wohin.«

Die Schnecke kroch unter den Baum, die Aracee, blieb da. Julie glühte und
jammerte, warf sich in den Klee, zog die Gummiblätter über das Gesicht.

Am Mittag hörte der Regen auf. Den steinigen Weg herauf ratterte ein
kleiner tropfender Wagen. Vor dem Baum hielt er; eine tiefe Stimme: »Hier
stinkt es. Ziwel, halt an.«

Eisen klapperte, Meeren nahm seine Schippe über die Schulter, stieß ohne zu
klingeln das Gartentor auf. Mit dem Fuß klopfte er an das Knie des
Fräuleins am Boden: »Wer fault hier bei lebendigem Leibe. Ziwel, komm greif
zu.«

Zwei Hände faßten Julie unter den Kopf und die Schulter, zwei an den
Beinen. »Wir wollen sie begraben.« Sie schleppten Julie auf den harten
Wagen. Julie blinzelte, ob die Dogge die Männer beißen werde; aber das
gelbe Tier sprang vor die Deichsel und ließ sich anspannen. Im Wald, wo sie
die Blätter beiseite schippten, winselte sie: »Ich will nicht. Ich will
nicht begraben werden.«

»Was willst du denn,« schrie Meeren grimmig »glaubst du, du hältst uns zum
Narren.«

»Ich will leben,« flehte sie, »bitte, bitte.«

Er schleuderte ihr die Schippe vor den Leib. Er schimpfte in seinen Bart.
»Das weiß ich nicht, ob sich sowas wie du noch brauchen läßt zum Leben.«

Ziwel verkroch sich unter einem Haufen von Laub. Klein lag Julie neben dem
angestochenen Grab. Der Alte schrie, ihr die Faust ins Gesicht steckend:
»Wenn du nicht Mist schlucken kannst, können wir dich nicht brauchen.«

Sie warf sich und heulte. Er krümmte sich nach der Schippe. Sie bettelte:
»Ich kann Mist schlucken.«

»Wenn du rohe Kartoffeln und rohe Rüben essen kannst, kannst du bleiben.«

»Ich kann essen.«

Sie warfen Julie auf den Wagen, fuhren nach Hause vor das Erlengebüsch. Sie
half den Bottich zerschlagen, machte Feuer für Ziwel und den Alten.

Sie schluckte, was man ihr gab, brach, hungerte, aber wehrte sich nicht. Es
war genug, daß sie leben blieb. Dann nähte sie aus alten Fellen und Säcken
ein Kleid; ihr eigenes, aus rosa Seide, steckte sie in den Herd.

Die Tage gingen vorbei, die Wochen.

Sie diente den Männern und Tieren. Ziwel blieb gut zu ihr, sie verlangte
nur den sanften Blick des alten Meeren wieder.

Die Kastanienblüte war zu Ende, überall lagen die weißen Blättchen auf den
Wegen, bald mußte der Flieder kommen. Da ritt der alte Seelord auf schwerer
brauner Stute hinüber in den Wald, ein Junge barfuß neben ihm mit einem
Zobelpelz. Vier Tage wohnte der steife Mann in dem Häuschen des Meeren, bis
ihn die Gicht in der Schulter und den Zehen zu heftig stach. Als am Morgen
der Regen über den trüben Tümpel strich und Rauschen, Tropfen und
Plätschern unter den Bäumen nah und fern zu hören war, half ihm Julie,
mager, sonnengebräunt, klein und barfuß in den Steigbügel, küßte demütig
seine geschwollene Hand am Hals der Stute. »Du bist so stolz, Julie, du
bist zu stolz,« sagte er vom Pferderücken herab. »Du bist von meiner Art.
Ich hätte es nicht gedacht.«

Er lobte sie und Meeren und den treuen Ziwel. Julie legte den Pelz vor ihm
auf den Sattel. Sie winkte hinter ihm her; ihre gelben Augen und ihr
gespitzter Mund waren freudig. Die hohe Dogge tanzte um sie. »Hui-ih,«
machte der Wind.

In das Haus, in das Haus.



Das Gespenst vom Ritthof


Wie des Karl Völkers Sohn Johann vom Ritthof herunterging, wo er den heißen
Nachmittagskaffee getrunken hatte, rieselte am Wege nach Fechingen etwas
Wolkigblaues, Niedriges von Menschengestalt an ihm vorbei. Er verfolgte den
Schatten, träumend: »Dich kenn ich, oh, wir haben uns schon gesehen.« Die
Haare der Gestalt wurden von dem Märzenwind lang und wagerecht ausgezogen,
sanft lief sie und bewegte kaum die Füße und die Arme, als wäre sie mit
Bändern umwickelt. Sie mußte von der Gegend der Fähre herkommen;
gleichmäßig lief sie über das dünne Grün der Wiese wie aufrechter Rauch.
Über den Bühlbach floß sie; er suchte lange, bis er eine schmale Stelle
fand. In weiten Sätzen machte er sich hinter ihr her. An der Holzbrücke vor
dem Dorf drehte sie sich, rechts, links. Da hatte er sie aus den Augen
verloren.

Dicht am Eingang zu Bliesschweien, dem Dorf, wehte das Fähnchen vom
Wirtshaus. Dort trank Johann Völker in der niedrigen langen Stube ein Glas
gelben Saarwein. Und als er eine Viertelstunde am Kieferntisch gekauzt
hatte, kam ein scheues, bäurisch gekleidetes Mädchen ohne Hut zur Tür
herein, das einen Eimer und ein Tablett mit leeren Weinkaraffen trug. Sie
bewegte sich, als sie den Eimer neben dem Schenktisch abgesetzt hatte, blaß
und erschrocken zwischen den dicht belagerten Tischen herum, warf die Augen
auf Johann. Er fragte sie, indem er das leere Glas von sich schob, ob sie
mit ihm trinken wolle und warum sie so erschrocken sei. Ach, lächelte sie,
das sei nur, weil er eine blaue Mütze trüge, die stünde ihm so gut, darüber
habe sie sich gefreut. »Wir wollen zusammen essen,« schlug Johann mit der
Faust auf die Holzplatte, da er das Mädchen immer schöner fand. Aber sie
zwinkerte mit den Augen, kniff ein verschmitztes Grübchen in die Wange,
kicherte ganz hoch in der Kehle mit geschlossenen Lippen, ließ die Karaffen
füllen.

Johann blieb die Nacht über in dem fremden Wirtshaus. Tags drauf und öfter
begegnete er dem Mädchen mit dem Eimer; sie war die Tochter des Schmiedes
Liewennen und hieß Kätti. Er wanderte mit seiner blauen Mütze, in dem
jungen ebenmäßigen Gesicht die randlose Brille, an den dünnen langen Beinen
Radfahrhosen und braune Segeltuchschuhe, wanderte zwischen der Schmiede und
der Schenke des Nikolaus Schlöser her und hin. Sie freuten sich miteinander
den ganzen Sommer. Sein Vater wußte nicht, wo er hauste, glaubte, Johann
hätte eine Reise wieder über den Ozean auf einem Frachtdampfer oder auf
einem Segelschiff angetreten.

Im August quartierten sich vier lustige Herren aus Trier beim Nikolaus
Schlöser ein. Mit denen ritt Johann auf die Hühnerjagd; sie knallten den
halben Tag über, abends warfen sie sich in der Laube neben der Bliesbrücke
auf den Rasen, stießen den Gartentisch um, pflanzten eine brennende Kerze
in die Erde und spielten Karten, bis die Hühner krähten. Kätti hörte nichts
von Johann. Feine Mädchen brachten die Trierer Herren in die Laube und zum
Schlöser. Johanns Gesicht wurde vom Trinken und Lumpen dick. Statt der
leichten Füße in Segeltuchschuhen scharrten die Latschen eines Jungen zur
Schmiede herüber; er brachte Grüße und ein Bündel Rosen von Herrn Johann
Völker.

Aber sie war schlauer als er hinter seiner gläsernen Brille. Sie ging in
die Honoratiorenstube, wenn die fremden Weiber mitpokulierten, sangen und
kreischten, ließ sich verschämt bei der Hand fassen, ihre
hochausgeschnittenen Augen wanderten; den Fingern, die nach ihren Zöpfen
tasteten, wich sie aus; sie warf sich dem schmunzelnden Johann, zwischen
Tischkante und Stuhl sich einzwängend, brustangeschmiegt auf den Schoß. Und
als sie ihn mit der Eitelkeit gefangen hatte, kicherte sie eines lärmenden
Abends, während er im Korridor ihren Kopf nehmen wollte: »Guten Tag,
Johann, lebwohl,« hing sich an den Arm des spitzbärtigen Jägers aus Trier,
der eben in grünen Wickelgamaschen, geschniegelt, gescheitelt, keck aus
seiner Stube spazierte und im Vorüberziehen, elegant fußscharrend, Johann
mit einem Finger auf die zuckende Schulter tippte.

Das war an einem Sonntag. Karl Völkers Sohn vergaß den Tag nicht. Und im
Moment, wo sie vorüber waren, fühlte er einen Zwang, aus dem Flurfenster
nach der Brücke hinzusehen, und wie er sich abwandte und nach unten vor die
Haustür blickte, da hatte sich die Liewennen, -- im sauber gewaschenen
weißen Kleidchen hüpfte sie hinter einer kleiderrauschenden Dame in das
Kabriolet, -- da hatte sich die Liewennen verändert. Über ihrem gebügelten
Rock lag es, der Rock dampfte; streifig, der Länge nach war er tausendfach
gefältet; von dem rosenblumigen Hut, den sie sich eben weit in den Nacken
stülpte, goß sich ein Staub, ein feiner Ruß, der um ihre Schultern
schwelte.

Johann verließ seine Stube nicht; eine höllische Wut und Raserei nahm ihn
gefangen. Er berührte keine Flinte; die Karten, die man mit rotem Wein
begossen zu ihm hinaufschickte, streute er auf den Flur vor die Stube der
vier. Dann machte er sich verbissen hinter die Schmiedstochter her. Er sah,
er übersah dieses Flüssige, Dünne, Zittrige, das sie umgab, das aus ihren
Kleidern, von ihrem freudevollen Gesicht wie der Dunst aus warmem Wasser
aufstieg. Es beunruhigte ihn nicht. Er brütete, war der Spürhund hinter
ihr, haßte sie. Aber so oft er sich auch in seiner Stube einschloß und den
Federhalter zur Hand nahm, er konnte sich nicht entschließen, dem alten
Karl Völker im Hessischen zu schreiben, daß man mit der Schiffahrt mal ein
Ende machen müsse; im Mittelmeer sei es jetzt sehr heiß, sein Kapitän wolle
nach Rumänien, um Petroleum zu laden, und das könne er nicht mehr riechen.
Er kaufte sich einen grünen Jägerhut, ließ sich die Haare bis auf den
Wirbel scheren, frech wuchs auf seiner Lippe ein blondes Schnurrbärtchen.
So ritt er und schlampte mit den Tieren, den wilden Vögeln. Seine schlanken
Rennerbeine zitterten und wackelten wie einem Greis, wenn sie Arm in Arm
auf den finsteren Kuckucksberg seitlich von Ransbach schlenderten und
Speere warfen nach einer angebundenen schneeweißen Geiß, die ängstlich
meckerte, Blut spritzte, unter Gebrüll zertreten wurde. »Aas!« keifte
Hannes Völker heiser, zog sich die rotbefleckten Schuhe aus und hackte
tobend dem verreckenden Vieh rechts und links in das Maul auf die Zähne;
Gras und Erde stopfte er in den Schlund hinzu, während die anderen vier
ihre Eisenstäbe gegen die entzündeten übernächtigen Larven drückten, vor
Lachen den Buckel krümmten.

Des Schmiedes Liewennen Kätti mied das Wirtshaus; es hieß, der Pfarrer habe
mit ihr gesprochen. Aber das stillte seine Wut nicht. Im bäurisch weiten
Rock, mit berußter armloser Taille trug sie ihrem Vater vom Brunnen die
Wassereimer Tag um Tag; schon wurden die Blätter an den Bäumen bunt; warm
und traurig hielt sie das Gesicht gesenkt, wenn der lange Hesse ihr über
den Weg stolperte. Wenn sie lief und die Eimer schwappten über, sah er ihr
nach, und da liefen doch zwei. Gedoppelt lief es, machte ihn eine Minute
stumm, hielt sein Herz an. Zweimal waren es zwei bloße Arme, zweimal
schoben sich zwei Füße eng nebeneinander vor; ihr Kopf hatte hinten dicke,
festgesteckte und bebänderte Flechten, der andere war glatt, er schwankte
bald rückwärts bald seitwärts von ihrem, und wenn sie ihren auf die Brust
legte, so stand der andere dünn in der Luft da, gegen dunkle Baumstämme hob
er sich hell ab; so glattgestrichen war er von allen Seiten. In einem
dunklen Grimm duldete er den Anblick: »Das ist das Zeichen; daran sollst du
sie erkennen.« Sie blieb eines Mittags, ohne die Eimer abzusetzen, vor dem
Denkmal des heiligen Quirin auf dem Dorfplatz stehen neben ihm und
flüsterte rasch, das schräge Hütchen kleide ihn nicht gut, er solle sich
die Haare wachsen lassen und die blaue Mütze aufsetzen. Johann schnalzte
verächtlich mit der Zunge, daß es über den Platz knallte, schleuderte mit
einem stolzen »Juhu« das Hütchen an der Krempe in die Luft, fing es auf,
während er ein Bein hochzog, wie ein Storch auf einer Spitze stand. Die
Eimer schlugen ihr gegen die Hacken, das Wasser spritzte gegen ihren Rock,
rasch lief sie.

Und eines Sonntags fuhr ein Wandertheater auf den Marktplatz vor das
Gemeindehaus mit drei grünen Wagen, schlug seine Bretterbude seitlich vom
heiligen Quirin auf. Da brachte der geschminkte Ausläufer des Direktors dem
Hessen ein Billett, das habe, so erwähnte er mit graziösen Hin- und
Herwinden und süßem Gurgeln vor dem Herausgehen, eine bekannte unbekannte
Person bezahlt, beglichen, honoriert. Das Schicksal der Kaiserin Dorothea
von Byzanz würde nach dem Gottesdienst die Bewohner von Bliesschweien
erschüttern, auch viele Nachbarorte seien voll Teilnahme, kein Auge würde
tränenleer bleiben.

Der Hesse nahm ein rotes Taschentuch und legte es auf seinen Platz, erste
Bank vor der Bühne, stellte sich an sein Fenster, um das rote Taschentuch
und den Nachbarplatz zu beobachten. Nun sollte die Liewennen, die Liewennen
bestraft werden für ihren Verrat. Das Theater begann. An dem Haustor des
Bäckers, im Schatten, spielte Kätti mit den Kindern, in ihrem weißen
bauschigen Kleid; sie warf von Minute zu Minute einen Blick gegen das Seil
am Denkmal, wo die Billettabnehmerin auf einem Stuhl schlief.
Dreivierteldes Stückes waren zu Ende, längst ging keiner durch die
Billettsperre, schon wanderten ältere Leute zurück, um noch vor Nacht ihre
Dörfer zu erreichen oder sich einen Platz in der Schänke zu sichern. Die
Liewennen kletterte auf den kleinen Tritt, lugte vorgebeugt, an der
mörtelstreuenden Wand sich haltend, über das leinwandumspannte Karee; ganz
leer die erste Bank, aber auf einem Platz sorgfältig hingebreitet ein rotes
Taschentuch.

Sie fühlte einen Stich im Herz, vorsichtig, blaß stieg sie den Tritt
herunter, dann rasch zum Seil über den leeren heißen Platz, scheuchte die
Kinder zurück, die weinten und mit hineinwollten; gleich wäre sie wieder
da. Das Gedränge im Gang; »ach, bitt euch, mein Platz ist vorne, laßt mich
durch.« Nun saß sie vorn, drückte zitternd das Tuch gegen ihre weiße Bluse,
wagte nicht, von allen Seiten beobachtet, unter dem Rollen der
Bühnenrhetorik, den roten Stoff zu entfalten, das Zettelchen zu lesen, das
wohl drin lag. Schon waren oben die vier Anstifter und Mörder der
gottesfürchtigen Kaiserin handelseins; wieder drängte ein Ehepaar heraus.
Die Liewennen, glühend, kopfgeduckt, schob sich hinter sie, wie ein
Hähnchen unter die Flügel der Henne. Aufgeschreckt rückte die hutzlige
verschlafene Frau, die Billettabnehmerin, mit dem Stuhl nach rechts. Die
Liewennen rannte an den jauchzenden Kindern vorbei; »Kättchen« riefen sie,
»komm her; hier sind wir ja, hier.« In die Blindgasse des Fuhrherrn Bell
floh sie; nichts in dem Taschentuch; ein blaues Zeichen, J. V. Da knüllte
sie es in dem kühlen Gang vor ihrem gespitzten Mund zusammen, weinte und
hatte den Wunsch, das Tuch sich über die Stirn, die Augen zu legen, über
den Kopf zu breiten.

Plötzlich hörten die Kinder auf zu kreischen. Hinter ihr, neben ihr bewegte
sich der verlumpte Hesse in rosa Hemdsärmeln, hatte die Brille auf die
Stirn geschoben und stierte sie mit wasserblauen Blicken über ihre Schulter
an; sein Atem strich an ihrem Hals entlang.

»Für wen willst du dich mit meinem Taschentuch putzen?«

Sie zuckte mit lautem Aufweinen nach dem roten Lappen auf ihrem Haar,
stopfte ihn in ihren Brustausschnitt, hatte die Hände frei, tastete flehend
nach seinem Ärmel.

»Wen willst du mit meinem Taschentuch locken?«

Es lag ihm nichts an ihr. Nun sollte sie gerichtet werden. Sie war ihm
gleichgültig wie die abgebrochene Deichsel zu seinen Füßen. Er bedauerte
sie, während er nach ihr griff. Als das Mädchen mit heißem Wimmern über ein
Rad in die Knie stürzte, fuhr eine ungesehene Hand vor seinen Hals,
schnürte seinen Hemdkragen zusammen. Das Gespenst drängte sich, während er
torkelte, in seine leer rudernden, schlingenden Arme, mit roten Äderchen
überzogen wie ein angebrütetes Ei. Zwischen zwei Ställe schob ihn die
bewegungslose, wie auf Rädern gleitende Gestalt, rammte ihn gegen einen
Pfosten. Er rang mit ihr keuchend, sie zu bewältigen, sie totzumachen,
wegzuwischen. Als er ihren Kopf zwischen den Handtellern einspannte, wollte
er ihr ins Gesicht speien. Aber sie, ohne die Miene zu verziehen, machte
langsam langsam eine Bewegung von unten herauf mit beiden Mittelfingern,
eine Bewegung, die er nicht verstand, wiegte ihren Kopf aus seinen
nachgebenden Händen rückwärts. Schamlos grinste sie lippenwulstend und kam
näher. Sie strich dicht, Nase an Nase mit ihm, kitzelnd unter sein Kinn,
unter seine Achseln. Und ihr Gesicht, -- er konnte aufseufzend nicht sagen,
wie es aussah. Es war ihm bekannt, so bekannt, so unheimlich vertraut.

Er wollte, das Kinn andrückend, die gelähmten Arme von ihrem Hals sinken
lassen, da hatte er dicke Beulen auf der Stirn; seine Weste war aufgerissen
und es klatschte gegen seine Brust. An die Hand faßte sie ihn und warf ihn
mit einem Schwung herum, über die Beine der winselnden Liewennen, durch das
offene Tor, in den Pferdestall zwischen die Pferde.



Der vertauschte Knecht


Der junge Graf Bertran vertrieb sich in Abwesenheit seines Vaters auf der
Burg Beaucair die Zeit mit Spielleuten, Seiltänzern, Gauklern und anderem
fahrenden Volk. Hinter dem Frauenhaus stand eine niedrige Halle mit kleinen
Galerien, in der er das zweifelhafte Gesindel amüsierte mit Kampfwachteln,
flinken kräftigen Tierchen, die sich in der Arena eines roten Holzbottichs
anfielen. Die Wartung dieser Vögel unterlag einem Knecht, namens Philipp.
Der alte Graf schätzte den dicken zuverlässigen Mann sehr, der
jahrzehntelang in seiner unmittelbaren Umgebung gelebt hatte. Und Bertran,
der Sohn, behandelte ihn gut wie alle Leute aus den niederen Ständen;
ignorierte Verstöße, die sich Philipp herausnahm im Hinblick auf seine
angeblichen Verdienste um die herrschenden Grafen, so als er sich weigerte,
die damals beliebten anderen Kampfvögel anzuschaffen und zu pflegen. Sogar
die schlimme Sitte des Philipp, viel von gestohlenem Cypernwein zu trinken,
beachtete Bertran nicht.

Dies wurde auch zunächst nicht anders nach der plötzlichen Abreise des
regierenden Grafen. Die Ringkämpfer, Balanciermeister, Taschenspieler,
Rezitatoren füllten das Haus Bertrans täglich; elegante Courtisanen wurden
mit ihnen eingeführt und Philipp verfehlte nicht, seine Abneigung gegen
diese Gesellschaft zu äußern, die sich auf der Burg den Leib vollstopfte,
stahl, und offen über Bertran lustig machte. Die Schimpfszenen zwischen ihm
und den geschäftskundigen Leuten waren an der Tagesordnung. Es gehörte zu
den unvermeidlichen Späßen für die Besucher, den Neulingen Philipp als
ehemaligen Burgvogt vorzustellen, der durch seine Wettleidenschaft bei
Wachtelkämpfen sein Vermögen, seinen Rang, und was hinreichend laut gesagt
wurde, seinen Verstand verloren hätte.

Einmal führten die Schauspieler nachmittags aus einem Kriegsstück eine
Szene auf, in der der Sohn eines regierenden Grafen anscheinend schlafend
einer Verschwörung gegen den Vater beiwohnt. Man suchte den Schauspieler,
der diese Rolle zu übernehmen pflegte. Über den hinteren Hof in den
Schneeballgärten laufend sahen zwei der Burschen Philipp vor seinem
Wachtelstall schlafen, betrunken, in der Sonne.

Sie hoben ihn, noch zwei hinzurufend, auf, schleppten ihn in die
Theatergarderobe, schminkten und putzten ihn, und als die Szene herankam,
saß Philipp in dem prächtigsten braunen Pelzrock mit fliegenden Ärmeln auf
der Bühne; seine schmutzigen Strohsandalen hatte man ihm angelassen, der
edelsteinbesetzte Säbel hing am Silbergehenke über seine Brust; friedlich
daneben der zerschlissene Strohhutteller des Tierwärters.

Das so harmlos und spaßhaft begonnene Spiel erhielt durch das ganz
außerordentliche Vergnügen, das der vornehme Bertran an dem Anblick nahm,
eine erregtere Wendung. Bertran ließ, als Philipp zu rülpsen und erwachen
begann, das Spiel abbrechen, rief fünf Diener, befahl Philipp zu behandeln
als wäre er ein Sohn des regierenden Herrn, man solle ihn rasch von der
Bühne herunter in den Saal tragen; er selbst werde die Vorgänge durch einen
Seitenvorhang beobachten.

Die Durchführung des Einfalls wurde im Beginn gehindert durch einen
wasserköpfigen Meßdiener. Der klagte, man dürfe nicht Scherze treiben mit
der Seele eines Christenmenschen, und suchte Philipp mit seinem dünnen
Körper zu decken. Die Gaukler stülpten ihm einen Sack über, rollten ihn auf
den Hof.

Leicht gelang dann alles bei dem eitlen, halb schwachsinnigen angetrunkenen
Mann. Nach der ersten Verwunderung wurde mit starkem Realismus von dem
Hofmeister Bertrans vorgetragen: Bertran sei in völlige Ungnade beim
regierenden Herren gefallen; ein Kurier habe aus Toulouse einen gnädigen
Brief gebracht, wonach dem alten verdienten Philipp der Rang eines
Grafensohnes verliehen und das ehemalige Besitztum Bertrans übertragen sei.
Ein Schriftstück mit dem hängenden Siegel, das in italienischer Sprache
gehalten war, zeigte er dem glotzenden Fettwanst vor, der nicht italienisch
lesen konnte und nur den gräflichen Siegel an der Rolle, einem Steuererlaß,
erkannte.

Überaus rasch ernüchterte er sich; nahm das Schreiben des gnädigen Herrn
mit Ehrfurcht an sich, riß sich den Strohhut ab, schimpfte grob über die
unsaubere oberfächliche Art, mit der man ihn angezogen hatte; wo der Hut
mit der Seidenbinde sei, und zeigte sich in seinem Benehmen derart völlig
seiner Rolle gewachsen.

Bertran zog sich zurück, sobald er sah, wie rasch sich Philipp in die
Situation einlebte, und gab Auftrag, die Täuschung nach Möglichkeit zwei
drei Tage durchzuführen. Ihn fesselte die ungewollte Travestie auf sich.

Der Knecht warf den größten Teil der Lumpen und Schauspieler, der
Nimmersatts heraus, rieb den vielen Bedienten ihre Unterschlagungen und
sonstige Betrügereien unter die Nase, keifte über die eingerissene
Lotterwirtschaft, war besorgt, seinen Stall in gute Hände zu bringen. Er
ging in die Backstube, sah dem Werkmeister in den Teig, er zählte das
Schlachtvieh, forschte nach den Frohngaben der Bauern.

Der schwachsinnige Mensch zeigte sich in einer bald langweilenden Weise
vernünftig, mäklig. Er führte den Namen seines gräflichen Beschützers mit
einer peinlichen Häufigkeit im Munde, trug sich damit, einen Besuch bei dem
alten Herrn in Toulouse vorzubereiten, um ihn zu trösten über das
schimpfliche Verhalten Bertrans, Äußerungen, die Bertran bestimmten, am
dritten Tage seinen Spielgefährten den Auftrag zur Beendigung der Sache zu
geben.

Man wollte nun den Spaß so enden, wie er begonnen hatte, aber dieser Plan
scheiterte an der Entschiedenheit, mit der Philipp die Einladung zum
Saufgelage ablehnte, sich sogar piquiert fühlte und einem von den
Schauspielern, der ihm besonders zusetzte, einen derben Backenstreich
überzog. Der Geschlagene, in Wut versetzt, fing an auf Philipp zu
schimpfen, als wenn er noch Tierwärter wäre, ließ sich durch die
Flüsterworte der beiden Kameraden nicht begütigen. Als der Knecht, außer
sich, sein Schwert zog, blieb freilich auch diesen beiden nichts weiter
übrig, als über ihn herzufallen. Und nun benützten sie die Gelegenheit, um
ganze Arbeit zu machen: der feiste Mann wurde halbnackt ausgezogen, zwei
Dirnen liefen, hinzu und halfen kreischend und kichernd, den Fettwanst
durch den Kot zu rollen. Mit Schmutz beschmiert, verprügelt, warfen sie den
Hilflosen auf den Hof vor seinen Stall.

Diese Szene hatte Bertran nicht mit angesehen; er wohnte wieder in seinem
Palaste, nachdem er die beiden Tage vorher bei dem Burgvogt logiert hatte,
und dachte nicht mehr an den langweiligen Einfall. Gegen Abend öffnete
heimlich jemand ohne Anmeldung die Tür seines Zimmer. Im Dunkel schlich
etwas Großes über den Teppich und der ganz entstellte Philipp, der alte
Tierwärter, flegelte sich, die Arme über sein stinkendes Lumpenkleid,
seinen Arbeitskittel verschränkend, vor den Grafen hin, der in eine Ecke
gewichen war, aus Angst vor der Berührung. Philipp brach in lautes Höhnen
und Lachen aus; also das sei die Ursache! Das verstoßene degradierte
Gräflein habe die Abwesenheit seines Vaters benutzt und sich mit Hilfe
seiner lausigen Spießgesellen wieder in den Besitz des Hauses gesetzt.

Bertran wehrte ab; er bat Philipp zu gehen; die Gaukler hätten sich einen
Spaß mit ihm gemacht, und es sei doch das ganze Grafenspielen nur ein
Scherz gewesen.

Das versetzte den Mann in die größte Heiterkeit, die in Wut umschlug; es
sei vielmehr ein Übermaß von Frechheit, jetzt die Sache noch damit zu
krönen, daß er behauptete, auch das gräfliche Siegel mit der Ernennung sei
falsch. Er habe lange genug in Treue, Anhänglichkeit neben dem gnädigen
Herrn gelebt, um sein Siegel zu kennen. Was soll denn noch alles falsch
sein? Vielleicht, sei er, Philipp, schon gar tot?

Bertran bat ihn wieder, doch zu gehen, er sei mit Cypernwein wie so oft
betrunken gelegen, die Urkunde enthielte einen Steuererlaß in italienischer
Sprache. Aber Philipp blieb ungerührt, der das alles nur als Ausflüchte
ansah, den jungen Grafen ruhig betteln ließ, und ihn angrinste: ob es nicht
wahrscheinlicher sei, daß Bertran degradiert als daß er selbst betrogen
sei, er der Günstling des gnädigen Herrn, wie der Dummkopf sich in diesen
Tagen nannte. Kurz und gut, schloß er violett vor Zorn, Bertran solle keine
Umstände machen und seiner Wege gehen.

Als er dabei die Schulter des Herrn berührte, sank dieser halb um und
schlotterte aus dem Zimmer.

Philipps Freude war kurz; er wurde nach einer Viertelstunde in den Stall
gesperrt, erhielt zwanzig Hiebe auf die Hände mit dem Stecken.

Es konnte bei dieser Strafe nicht bleiben. Dem jungen Grafen, der nach
diesem Abend in den entsetzlichsten Zuständen lebte, konnte keiner helfen;
nichts beruhigte ihn; der Gedanke, daß der schmutzige Tierwärter ihn
angefaßt hatte, brachte ihn fast um.

Dann entwich der Knecht nach einer Woche aus dem Stall. Der rasende, von
seinem Recht überzeugte Schwachsinnige wurde noch innerhalb der Burg
festgenommen, wo er sich bei dem schmächtigen Meßdiener aufhielt; er wollte
wirklich nach Toulouse hin, um seinen alten Herrn aufzuklären.

Der Jungherr raste, weil der Mensch schon unter dem Gesinde von der
angeblichen Degradation Bertrans erzählt hatte, von seiner eigenen
Beförderung; diesen Gerüchten mußte Einhalt geboten werden. Es ging nicht
an, Philipp dauernd in seinem Stall festzuhalten. Ehe Bertran in seinen
Zweifeln noch zu einer Entscheidung gekommen war, erzwang Philipp selber
einen raschen Beschluß und ein Ende.

Nachdem die Schauspieler ihn in seinem lärmenden übelduftenden Vogelstall
besucht hatten, ihn anflehend, die Verneigungen und Begrüßungen der
Wachteln huldvoll anzunehmen und sich in diesem wahrhaft gräflichen Palast
bei herrlichem Gesang und Geruch wohlzufühlen, wurde er vor Bertran
geführt, der dem gereizten, gehässigen Mann freundlich zuredete, ihm
Belohnungen versprach. Wie ein Käufer, der merkt, daß er übertölpelt werden
soll, schüttelte der giftige Alte schlau seinen kugligen Kopf. Er stellte
sich in eine gewisse vornehme Positur, die er dem alten Herrn abgesehen
hatte, den Hals eingezogen, das Gesicht in strenge Falten geworfen, die
Hände in die Hüften gestützt, einen Fuß vor den andern geschoben, lächelte
ab und zu verständnisinnig. Dieses Benehmen des Mannes vor den Bedienten
und Schauspielern ertrug Bertran nicht. Er stampfte mit dem Fuß, drehte
sich um, gab einen raschen Befehl. Nach wenigen Stunden, vor Anbruch des
Abends, schrillten hohe grauenvolle Töne über die Höfe.

Man hatte Philipp mit Tüchern umhüllt, mit Wachs begossen, wie ein Licht
angezündet.

Der Meßdiener, allein mit ihm auf dem Hof, wirbelte die Arme vor dem
Balkon, wie ein Wechselbalg anzusehen, einen grauenvollen Fluch schmetternd
auf die, die einem Christenmenschen die Seele gestohlen hätten und den Leib
als eine Teufelskerze ansteckten. Er sprang tränenüberströmend um die
lodernde Puppe, küßte sie und wurde halb verbrannt mit Zangen von ihr
losgerissen.

Der große Bischof von Toulouse erschien nach einer Woche mit fünfhundert
Mann vor Beaucair; den Meßdiener trug man dem Heere voran. Graf Bertran
ließ die Fallbrücken herunter, öffnete die Tore der Burg und setzte sich an
die Spitze seiner Knechte und der jubilierenden Gauklerbande. In einem
blutigen Treffen schlug er wider alles Erwarten den Bischof auf der schönen
Wiese Langedraine. Er zeigte mit seiner Lanze nach der Bahre, auf der jener
angesengte Freund Philipps lag; unter Gelächter und kampfberauscht zog man
mit ihm zurück auf die Burg. Als der wehleidige bigotte Geselle dort
trotzig tat, geiferndes Gerede machte von der sündhaft vertauschten Seele
des Knechts, ließ Bertran ihn zunächst in den Wachtelstall einsperren. Am
Sonntag wurde dann die Glocke der Kapelle geläutet, aber statt in die
Kirche, wie die Strolche unter Grinsen dem Mann versprochen hatten, führten
sie ihn in einen runden Käfig, eine Art großen Vogelbauer, der vor der
Kapellentür aufgestellt war im Grünen. Der Boden des Käfigs war aus Eisen,
und wie die Orgelmusik drin anfing zu spielen, tanzte der gläubige Ankläger
sonderbar, weil ein paar klingelnde Spielleute ein sanftes Holzfeuer
schürten unter seinen Fußsohlen. Da über dem Kopf des Meßners die blanken
Knochen des alten Philipp von den Käfigstangen herabhingen, so sah es aus,
als ob ein Vogel nach den Knochen schnappte. Am Schluß der Andacht klirrte
Graf Bertran waffenstrahlend an der Spitze seiner bunten Spießgesellen her,
ließ den Mann fragen, da er sich vor ihm ekelte, ob also dieser betrunkene
Philipp mit Recht gegen seine Behandlung protestiert hätte. Auf das
bejahende Geschrei zuckte er mit der Achsel und ging weiter. Die Spielleute
ließen den Meßner höher hüpfen. Eintönig brüllte der Krüppel seine Flüche,
rief den Himmel an zur Bestrafung der teuflischen Sünder. Die Gaukler
fiedelten.

Die Rückkehr des alten Grafen machte dem allen ein Ende. Er hatte schon von
dem Sieg gehört und freute sich über seinen Sohn. Der alte Philipp tat ihm
leid, und als er von dem Getu des Meßners hörte, sah er sich im
Vorübergehen den krummen Narren an. Das Hüpfen langweilte ihn, auch das
wichtigtuerische Beten des Menschen langweilte ihn, und so ließ er denn die
springende Heuschrecke, wie er sich ausdrückte, auf eine neumodische Art
mittels Rädern umbringen, auch für ein paar Tage in den Käfig hängen zu den
andern Knochen. Dem Bischof von Toulouse nahm er noch ein Stück Land weg,
das lange strittig war, so daß er schließlich meinte, im ganzen bliebe es
doch erstaunlich, wie die Wege des Himmels seien. Und es hätte wohl niemand
gedacht, wozu letzten Endes der abgelebte schwachsinnige Philipp gut wäre,
angesichts der fünfzig Morgen Weideland und dieses reich bestandenen
Weinberges.



Die Lobensteiner reisen nach Böhmen


Bei Olmütz in Böhmen liegt die schöne Landschaft Padrutz.

Sie hatte die Herrschaft eines tüchtigen Grafengeschlechts zwei
Jahrhunderte ertragen, war dabei leidlich gediehen. Etwa dreitausend
Menschen hausten hier, bebauten das Land, waren Schmiede, Schreiner,
Spengler, Bäcker, und was die Notdurft noch erfordert. Der Graf war
Kirchenpatron und ließ Katholiken und Protestanten, dazu ein paar
hergelaufene verwachsene Kalvinisten und dienstbeflissene Juden
gleichermaßen ungeschoren. Die Linie erlosch nun im Mannesstamm und der
letzte Graf hatte festgelegt, daß seine blühende Tochter das Reich
übernehmen sollte, um mit einem rasch zu erwählenden Herrn Gemahl die
Regierung über die dreitausend Menschen, Protestanten, Katholiken,
Kalvinisten und Juden in die Hand zu nehmen. Leopold Christoph, Herzog in
rheinisch Lobenstein bei Kurhessen, hörte davon und schickte seinen
Generaloberst Ekbert hin, der sollte die Erbin heiraten. Sie mochte ihn
nicht; wolle überhaupt keinen Generaloberst und im übrigen nur einen Mann
aus Olmütz und zwar einen ganz gewissen. Das machte Leopold Christoph,
genannt Stoffel, nachdenklich; er setzte sich mit seinem ältesten
Kabinettsrat in die Bibliothek und diktierte dem Mann nach Einsicht in ein
älteres Ehestandsregister, daß er ihre Wahl billige, im übrigen aber auf
Grund einer genau explizierten Verwandtschaftstafel sie besuchen werde, aus
welcher Tafel klipp und klar hervorgehe, daß man mit Fug von einer
Padrutzer Seitenlinie der Lobensteiner Dynastie sprechen könne. Den Beweis,
Beleg usw. dafür werde er der schönen Dame in zwei Monaten selbst
überbringen. Vorläufig suspendiere er als Familienoberhaupt trotz
erheblichen Wohlwollens das Fräulein von der Herrschaft und setze sie ab
wegen landeskundiger Mesalliance.

Er schloß in Eile ein Schutz- und Trutzbündnis mit zwei kleinen
Reichsfürsten an der Grenze Hessens, die versprachen, dies Gebiet zum
Abschrecken auf sechs Meilen zu verwüsten, tobte waffenschüttelnd durch das
erstaunte Europa, das sich von den Kriegen des Napoleon sehr langsam
erholte und nicht daran dachte, wegen Lobenstein und Padrutz einem Soldaten
die Patronentasche umzuhängen. Der versprochene Beweis, Beleg gelang unter
diesen Umständen dem entschlossenen Stoffel außerordentlich glatt; er zwang
die kratzbürstige Philine von Padrutz, die sich mit einer neumodischen
Krinoline wichtig tat, sich sofort mit jenem gewissen Hauptmann und
Fouragehändler aus der Stadt zu verheiraten, obwohl sie erklärte in
Anbetracht der sechshundert blanken Gewehrläufe, daß sie sich besonnen
hätte im letzten Augenblick und leidenschaftlich für Familientradition
schwärme; auch Herr Ekbert wäre nicht ohne nennenswerten Charme. Aber der
Herzog Christoph erklärte, daß eine schwankende Gesinnung keinen guten
Eindruck auf ihn mache, bei den Lobensteinern auch der entfernten Linie nie
vorkomme und daß er sich daher des Verdachts nicht erwehren könne, mit ihr
als einer untergeschobenen Tochter zu verhandeln. Angesichts dieser
Sachlage und des passiven Verhaltens der Wiener kaiserlichen Behörden ließ
Philine dann ihr Reich, samt allem Volk, Kirchen, Boden, Vieh und Vogel auf
knapp fünfundzwanzigtausend Gulden abschätzen, wurde Frau Hauptmann, zog
nach Prag in die Nepomukgasse und war erledigt.

Einmal da, besah sich Herzog Stoffel Land und Leute, ließ alles Hab und Gut
von seinem Sekretariat in zwei Folianten nebst Anhang und Register
aufschreiben; die bemerkenswerten Menschen- und Tiertypen des Gebiets ließ
er zeichnen und kolorieren, und zog wieder unter großem Gedröhn, furiösen
Siegesbulletins quer durch das schlafende Deutschland nach dem stillen
Lobenstein. Da sagte er: »Wir wollen uns jetzt einmal in Ruhe des neuen
Besitztums erfreuen.« Stracks ging die Regiererei los. Herzog Christoph
verlangte von seinem Ministerium täglich nach dem Morgenkaffee eine gewisse
Mindestzahl von Edikten, Erlassen zur Unterschrift; lieferte das
Ministerium weniger Erlasse, so war es notorisch faul. Jetzt schwelgte er;
genoß die Padrutzer Akquisition; in Stößen rückten die Manuskripte und
Aktenbündel an, krachten auf seine Dielen, Das Kabinett lieferte dem
Padrutzer Lande, Mann und Maus, in Vor- und Nachsitzungen neue Schlachten.
Es waren die mannigfachsten Behörden einzusetzen über die Padrutzer
Erblande, Steuer-, Kirchen-, Verwaltungsbehörden, Gendarmerie,
Obergendarmerie, ein Heroldsamt, Unter- und Oberrechnungskammer. Man gab
den Metzgern die Lobensteiner Originalvorschriften über das Schlachten, den
Böttchern einen erprobten Anweis über die Zahl der Hiebe, nach denen ein
regelrechtes Faß rund wird; sollte es in dieser Zeit nicht rund werden, so
fange man getrost ein neues Faß an, denn aus dem widerwilligen alten wird
doch nichts. Um etwaigen Hungersnöten vorzubeugen, belehrte das bewegte
Kabinett die Insassen der Padrutzer Erblande im vornherein, man könne mit
den Bissen in guten Zeiten sparen; ein Maul, das sich gewöhnt hätte, in
zehn und zwanzig Bissen einen Wecken klein zu kriegen, würde viel eher dem
grausen Hungersgespenst entrinnen als eins, das »Haps« macht und schon ist
alles verschlungen wie ein biblischer Jonas von seinem gefräßigen
Leviathan. Man hatte damals noch keine regelrechten Posten oder
Telegraphen; das Befördern der herzoglichen Edikte stieß auf
Schwierigkeiten; jetzt waren immer an zweihundert Mann mit Pferden, Wagen,
Gewehren, großem Proviant unterwegs, zogen zur Donau herunter, durch das
rauflustige Bayerland, auf Schlängel- und Schleichwegen, heimlich und
verschwiegen mit ihren gewichtigen Dokumenten, fingen, sobald sie zwischen
den Padrutzer Grenzpfählen einrückten, ein gräßliches Tuten und Trompeten
an auf Lobensteiner Art und rächten sich in dieser Weise für ihre
Verschwiegenheit während der Fahrt.

Die Padrutzer waren wie Bauern, kümmerten sich den Teufel um Grafen,
Patrone und Erbfolge, um Ekbert, Wien und die Nepomukgasse, stachen ihre
Schweine, fuhren ihren Mist. Wie der Lobensteiner Herzog für das Regieren
sein Kabinett hatte, so hatten sie für das Regiertwerden ihre drei
Schultheiße. Die schwitzten sich zusammen auf ihren Ämtern die Kleider naß,
wenn eine Fuhre Erlasse gekommen war. Als sie aber mit dem Lobensteiner
Stil nicht fertig wurden und ihre Frauen gewalttätig gegen sie verfuhren
wegen ihres langen Ausbleibens, hingen sie den ganzen Plunder an ein paar
Scheunentore, damit die Bauern selbst nachläsen, was sie tun und
unterlassen sollten, ließen die Sonne drauf scheinen, den Regen drüber
gehen. Die Bauern besahen sich den Behang, wußten nicht genau, was das
bedeutete, und dachten, das mochte wohl zum Auslüften dahängen oder von der
Art der neuen Herrschaft sein und waren damit ganz zufrieden. Als alle
größeren Scheunentore des Hauptdorfes Padrutz behängt waren, und nun auch
die kleinen Kaschemmen und Kossätenbuden um ihre Erlasse einkamen,
bestimmten die Schultheiße hochfahrend: »Nein, wo das Papier blaß geworden
ist, da gehört neues hin.« Diese Ungerechtigkeit trieben sie einige Monate
so, bis einmal vor die Kuriere beim Einzug das Schimpfen drang, warum sie,
die Kuriere, nicht selbst die Papiere an die Bauern verteilten und zwar mit
gleicher Hand; denn wer schon zehn schöne dicke Lagen auf seiner Tür hätte,
kriegte noch zehn mehr und ein kleiner Mann kriege nichts. Die aufsässigen
Bauern schleppten ihren lamentierenden Schultheiß vor die erstaunten
Kuriere, verlangten Ordnung und Bestrafung. Die Kuriere stießen sich mit
den Ellbogen an, knauten »hm hm und so so,« schnitten sich eine Kerbe in
ihre Gewehrläufe, um diese absonderliche Sache nicht zu vergessen, gaben
vorläufig den Schultheißen einen kräftigen Kolbenstoß gegen die Schulter
auf Abzahlung, weil Gerechtigkeit in jedem Falle zum Lobensteiner Regime
gehörte.

In Lobenstein, dem Herzog und dem Kabinett hinterbracht, verursachte die
Meldung höchlichstes Befremden. Der Herzog tanzte in seinem blaugrünen
Schlafrock hin und her vor seinen Ministern, er schrie den ganzen sonnigen
Tag: »Da haben wir's, da haben wir's.« Als Ursache für die ganze
erschreckende Angelegenheit entdeckte er gegen Abend, als er sich nach dem
Mittagessen erkundigte und die Schloßtore zugemacht wurden, das Fehlen
eines Erlasses über die Aufbewahrung von Edikten und Verordnungen in
Kolonien. Wie aber am nächsten Morgen nach dem Kaffee zur Unterschrift
dieser Erlaß hereingetragen wurde, saß der kleine Herzog schon auf dem
Balkon in voller prächtigen Uniform mit wallender Schärpe, hohen
Glanzstiefeln. Er trug ein rotes Jägerhütchen mit goldenem Trottelband, war
in heiterster Laune; mit seinem Fernglas blickte er nach Kurhessen herüber
und sagte zu dem verblüfften Kavalier: »Heute schreiben wir nicht, rühren
wir keine Feder an. Heute wird geredet. Eins, zwei, drei, in einer
Viertelstunde sind alle Minister da!« Die Minister stürzten Hals über Kopf
aus ihren Häusern, banden sich noch im Laufen ihre Orden zurecht,
zwirbelten ihre Schnurrbärte und probierten mit ein paar Versen ihren
Stimmklang, denn seine Durchlaucht liebte es nur, wenn man mit tiefer
kloßiger Stimme zu ihm sprach; das schien ihm respektvoll. Sie wischten in
das Schloßtor herein, an den Schranzen vorbei; der probierte: »Guten
Morgen, schöne Müllerin,« der lächelte: »Frei ist die Schweiz,« der gröhlte
andächtig: »Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas, einen Fleck, einen
Fleck auf der Nas.« Sie waren so im Eifer und mit ihren Vorbereitungen noch
beschäftigt, daß nicht viel fehlte, daß sie seine herzogliche Gnaden
begrüßten mit einem zarten: »Guten Morgen, schöne Müllerin« und melodisch
»Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas.«

Der Herzog aber frisch gewaschen, adrett, in seiner strahlenden Uniform sah
sie ungemein verächtlich und überlegen an; sie wußten sofort, hier war
etwas geschehen, was vernichtend für sie war. Der Kloß sank ihnen in den
Magen. Der vierschrötige Kriegsminister suchte abzulenken, indem er
untertänigst fragte, ob Parade befohlen werde. »Nein, nein, mein Lieber,«
winkte der Herzog ab, »lassen Sie mal. Bleiben Sie ruhig etwas da stehen.
Ich sage schon alles.« Damit ging er mehrmals säbelklirrend an der
Herrenreihe auf und ab; der knüpfte sich noch heimlich die Weste zu, der
polkte sich den Schlaf aus den Augen. Er blickte sie von Zeit zu Zeit
triumphierend an, winkte nach einer reichlichen Pause seinem Kavalier; er
solle Wein, Gernsheimer Auslese, bringen lassen. »Trinken Sie nur, meine
Herren,« ermutigte er; es war ihnen klar, er bereitete einen Schlag von
langer Hand vor. »Na,« fragte er dann den kirschroten Kriegsminister, der
einen viereckigen Mund hatte wie ein Nußknacker, und zwei Schultern, die
aussahen, als hätte er sich zwei Prellblöcke unter die Uniform gestopft,
»was denken Sie nun? Was fällt ihnen nun ein?« Der kaute nach einer Pause:
»Die Gnade Eurer Durchlaucht.« Der Herzog zum dickbauchigen Kultusminister:
»Na Ihnen wohl auch nichts?« Und dann lächelnd: »Dann trinken wir noch
eins.« Der Kammerdiener, wie eine Eidechse, brachte jedem ein frisches
Glas, es war Rüdesheimer. Der Herzog spazierte weiter, hob den Finger:
»Unbesorgt trinken.« Dann: »Wie steht's nun, Herr Kriegsminister?« Als der
nur mit den Fußspitzen wackelte und etwas Tiefergebenes brummte wie »Guten
Morgen, schöne Müllerin,« schüttelte der Herzog nicht unbefriedigt den
Kopf, daß seine Troddeln schwankten, blickte lange auf seine Reiterstiefel,
wippte versuchend seine schmächtige Figur hoch, seufzte beendend aus tiefem
Herzen: »Na, nu setzen wir uns, meine Herren.«

Er sah zu, wie sie auf den Stühlen Platz nahmen, bemerkte schwermütig: »Ein
Herr nach dem andern; sechs Herren, sieben Herren. Ich bin der achte.« Er
rückte gemütlich dicht vor sie, lächelte ihnen unter die Augen: »Ja, da
sitzen wir nun, acht leibhaftige Herren, alles echte Lobensteiner, bis auf
unsern Konsistorialrat, der ist noch aus Zeuthen. Ja, Sie sind aus Zeuthen,
lieber Konsistorialrat, aber selbst Zeuthen ist nicht das Land, in dem
Milch und Honig fließt. Machen wir keine Vorreden. Die Gebrechen meines
Staates sind mir heute nacht durch den Kopf gegangen, die schweren
Ereignisse, über die wir gestern konferiert haben, ließen mir keine Ruhe.
Durch Politik und unvergeßliche Taten sind meiner Dynastie die Padrutzer
Erblande zugefallen, und: da haben wir's. Die Sache funktioniert nicht. Das
Land liegt zu weit von unserem Mutterland entfernt.«

Der Kriegsminister beugte vor: »Näher bringen geht nicht, aber ich möchte
vorschlagen, systematisch und sukzessive die zwischenliegenden Gebiete zu
erobern, die Armee ist bereit.« Der Monarch spitzte kühl den Mund: »Sehr
richtig. Ist alles von mir schon erwogen. Wird für später geplant. Für den
Moment schaltet dieser Punkt aus. Es liegt überhaupt nicht an dem Lande,
meine Herren; es denkt gar nicht daran. Das Land kann im Mond liegen. Das
Land ist unschuldig an dem ungeheuerlichen Affront. Sondern es liegt,« und
da bog er sich über den Tisch vor und spielte seinen ersten Trumpf aus, »es
liegt an den Menschen, an den bodenständigen leiblichen Padrutzern.« Die
Minister blickten sich an, wie aus den Wolken gefallen, der Stoffel genoß
ihre Verstörtheit, er donnerte siegesbewußt: »Ändern Sie die Padrutzer, so
ändern Sie die Verhältnisse. Das haben wir übersehen, als wir das Land
eroberten. Setzen Sie die Menschen hin, die gehorchen, so tritt kein
Ungehorsam ein. In den Padrutzern steckt Gedankenarmut, Leichtfertigkeit,
Rebellenblut, vom jüngsten bis zum ältesten. Ich rasiere das Land, schaffe
mir ein neues Padrutz.« Der schattenhafte Konsistorialrat konnte nicht an
sich halten; er schrie: »Es lebe Groß-Lobenstein, es lebe seine erlauchte
Dynastie.« Die Minister, fortgerissen, schwenkten die Arme. Stoffel stand
auf, klopfte leutselig einem der Herren nach dem andern auf den Rücken:
»Meine Herren, wir werden uns nicht lange unterhalten; wir werden
kolonisieren. Trinken Sie nur aus. Es ist guter Wein, selbstgepflanzt.
Lobensteiner müssen nach Padrutz. Ich mache keine Vorwürfe.«

Die Vorhänge wurden heruntergelassen an dem Balkon; ein gedämpft angenehmes
Licht herrschte in dem zeltartigen Bereich. Denn der Herzog liebte es, sich
bewaffnet in Räumen wie auf einem Feldzug aufzuhalten. Man debattierte noch
hin und her. Den Ministern wurden die Stimmen freier. Dies war der
politische Auftakt zu großen, erregenden Ereignissen im Lande. Es erschien
am nächsten Morgen, getragen von büschelgeschmückten Soldaten, unter
Trompetensignalen, ausgerufen an den Straßenecken, auf den Feldern, ein
herzogliches Reskript. Wie es sich begeben habe in Padrutz, wo die
bestgemeinten Erlasse an die Scheunentore gehängt wurden aus barem
Padrutzer Unverstand. Wie sich herzogliche Regierung bemüht habe, dort in
dem fernen Gebiet Glück und Ordnung zu schaffen. Vergeblich, vergebens!
weswegen, weshalb und warum nunmehr beschlossen sei, die tüchtigsten
Lobensteiner Bauern geradewegs nach Padrutz zu verpflanzen, auf daß sie
dort Wurzel fassen, keimen und Blüten treiben auf die herkömmliche Art.
Rundweg: Volksversammlung auf dem Gänsemarkt in acht Tagen. Trompeten
schmetterten, Ausrufer wischten sich den Schweiß ab, Bauern und Bürger
zogen weiter.

Der Gänsemarkt war eine riesige Fläche Land. Da strömten nach acht Tagen,
wie nur die Sonne aufging, die Menschen zusammen. Es war ihnen allen
vorgeschrieben, was sie mitbringen sollten: den Bauern zwei Paar Stiefel,
ein Paar dreckige fürs Land, ein Paar weniger dreckige für die Stadt. Den
alten Weibern über sechzig je zehn Flaschen Pfefferminzgeist und
Karmeliter, wenn ihnen üblig würde im Gedränge, jungen Weibern Brausepulver
zur Beruhigung. Die Städter hatten Nahrungsmittel für zwei Tage und eine
Nacht zu bringen; der Grund war nicht angegeben; bei den Ministerialbeamten
aber war bekannt, daß man den Bauern das Schleppen der vielen Lebensmittel
und noch dazu zweier Stiefelpaare ersparen wollte; man vertraute darauf,
daß die kräftigen Bauern, wenn sich Hunger bei ihnen einstellen sollte, den
Städtern das entsprechende Eßquantum wegnehmen würden, dazu den Weibern die
Hälfte der Fläschchen. Man hatte Vorsorge getroffen, daß der Schutt und
Müll des Herzogtums, der auf dem Gänsemarkt abzuladen war, schon drei Tage
vorher zurückgehalten wurde; so daß also am Tage der Volksversammlung
mächtige Massen anfuhren und den Kehricht dampfend und staubend zwischen
die Menschen schleuderten; die Menschen, das berechnete man richtig, würden
auseinander rennen und wenigstens um den Kehrichthaufen war kein Gedränge.
Besonders viel Frauen und Männer mit Beingeschwüren, Hühneraugen und
Krampfadern waren aus dem gleichen Grunde eingeladen worden und zwar
planmäßig; man hoffte so Polizei zu sparen und Stauungen der Menge und
großes Gedränge zu verhindern; die hühneräugischen Leute würden schon im
Gedränge, getreten oder gestoßen, von Zeit zu Zeit ein derartig
mordsmäßiges Geschrei erheben, daß sich die Menschenmassen wie Blasen von
ihnen abheben würden, und so hatte man Fluktuation, Bewegung. Einzelne
Dorfbehörden waren töricht genug, den Einwohnern ihres Bezirks Hängematten
mitzugeben, zu bequemer Lagerung bei der Beratung usw., wobei sie ganz
übersahen, daß auf dem Gänsemarkt keine Bäume wuchsen, abgesehen von zwei
Wacholderbüschen und einer Radieschenpflanzung, welche der Frau Raspel
gehörte. Es wäre noch sonst mancherlei zu berichten über die sonderbaren
und einfältigen Vorbereitungen zu dem großen Fest; zum Teil zerschlugen
sich diese Pläne; so die Absicht des Fürsten, sich dem Volk überhaupt nicht
zu zeigen, sondern unnahbar hinter einem blaugrünen Vorhang zu thronen, der
so groß sein sollte wie der ganze Gänsemarkt; man konnte in der Eile nicht
genügend farbige Leinwand auftreiben; schließlich: wie hoch sollte der
Vorhang sein, bis zum Himmel? Darüber zerfiel die Sache.

Das große Geheimnis des Tages war, daß bis zuletzt niemand aus dem Volk
wußte, was man denn auf dem Gänsemarkt sollte. Kein Minister wußte es,
nicht einmal der Fürst; weit gefehlt, das dies irgendeine der Instanzen
beunruhigte, erhöhte es nur die Feierlichkeit der Stimmung. Es konnte nach
drei Tagen niemand leugnen, daß die Sache außerordentlich drängenden
Charakter hatte. In den Ministerien saß man schwermütig herum; man zog sich
schon jetzt festlich an und trug sämtliche Orden; man blickte erregt zum
Fenster hinaus und erschrak beim Knarren der Gemüsewagen; man trank in den
letzten Tagen nur Rum und aß eine gewisse Sorte gepfefferte Roulade, die,
von der Witwe eines bei Zeuthen gefallenen Feldwebels hergestellt, das
Allerheiligste des Ministeriums darstellte.

Am Tage vor dem Ereignisse wurden die Sachen des Herzogs auf dem Gänsemarkt
gründlich ausgeklopft; er selbst mußte währenddessen im Bett bleiben. An
solchen Tagen schwebte der Herzog in der größten Angst, daß ein Attentat
auf ihn erfolgte oder daß man sich unziemlich gegen ihn benehmen könnte,
denn wie Simson in seinen Haaren, fühlte er sich nur in seinen Kleidern
geborgen. Heute rief er rasch die Minister in sein Schlafzimmer, befahl,
seinen Holzelefanten, auf dem er Paraden abnahm, neu anzustreichen, und
irgendein vertrauenswerter Mensch solle statt seiner während des ganzen
morgigen Tages sich auf dem Ungetüm aufhalten; er selbst werde auf dem
Pferde sitzen, so daß also das Volk nicht aus dem Staunen herauskäme, daß
sein Herrscher einmal auf dem Elefanten, das andere Mal auf dem Pferde
säße. Dies sei eine Überraschung, die er sich für morgen ausgedacht habe;
es würde ein gewisses überirdisches Aufsehen geben. Die Minister bemerkten,
das wäre ein grandioser Einfall, sie würden alles recht in die Wege leiten.

Alles kam wie vorausgesehen; die Bauern brachten zwei Paar mehr oder
weniger dreckige Stiefel, die alten Weiber tranken Anis, die Hühneräugigen
schrien und der Mist dampfte. Dann gab's ein Lamento, weil die Bauern mit
den Hängematten nach Bäumen suchen gingen und sich überall Weg bahnten, und
als sie keine fanden, rechts und links beschuldigten, man hätte ihnen zum
Schabernack die Bäume ausgerissen. Schließlich zogen sie über den
Gänsemarkt hinaus, wo hinter den ersten Straßen ein kleiner Park war, da
hingen sie ihre Gurte an, legten sich hinein, schimpften gewaltig, daß sie
nun nichts von der Versammlung hätten und die Häuser ständen ihnen gänzlich
im Wege. Ein weiterer Trupp drang ganz frech in das herzogliche Schloß
selbst ein und mußte mit Gewalt daraus verjagt werden; in ihrer Verfügung
stand, sie sollten nicht vergessen, dem Herrn Herzog guten Tag zu wünschen;
und weil der grauhaarige Bauernführer meinte, sein Gedächtnis wäre schon
schwach, wollten sie es gleich bei der Ankunft abmachen. Man aß und trank
und raufte sich; das Wetter war sehr schön. Als gegen Mittag alles verzehrt
war, die Bauern sich in den Hängematten ausgeschlafen hatten, wollte alles
zufrieden nach Hause gehen. Da sprengte der Fürst aus dem Schloß hervor und
schrie: »Halt!« Rasch sagten die Bauern: »Guten Tag« und latschten weiter,
waren guter Dinge, daß alles vorbei wäre und ihnen nichts zugestoßen. Der
Herzog rief nochmal: »Halt.« Und in demselben Augenblick tauchten an den
vier Seiten des Platzes mit erschreckendem Ernst Trompeter auf, schwenkten
Fahnen, und neben ihnen blitzten gepanzerte Herolde mit riesigen schwarzen
Schalltrichtern, die tuteten: es sollten alle Obacht geben auf den Herzog;
er wolle jetzt die Tüchtigsten auswählen, die nach Padrutz, dem gesegneten
Lande, übersiedeln dürften.

Sofort entstand große Zwietracht unter den Leuten. »Wer der Tüchtigste
ist,« gifteten sie, »das wollen wir mal sehen!«

Sie ballten sich zu Haufen zusammen und bewegten sich nicht. Sie hielten
sich fest an den Röcken. »Keiner läuft hin zum Herrn Herzog. Das machen wir
erst unter uns ab.«

Und so standen sie mit funkelnden Augen in zusammengeknäulten Horden,
bissig einer den andern einklemmend.

Plötzlich keifte und keuchte einer: »Was drückst du mich so. Willst mich
wohl schwach machen?« Der andere: »Hältst mich für deinen Affen, daß du mir
ein Bein stellst? Nimmst du das Bein weg!« »Laß du deine Hand von meiner
Schulter.« »Reingeschmettert kriegst du eins, daß du Matthäi für Ostern
hältst und deine Backen für eine Kesselpauke.« »Wo die Kesselpauke ist,
wirst du bald besser wissen, als wo dein Maul steckt.« Und rasch sausten
die Hiebe. Die Fesseln lockerten sich. Zwei stürzten in den Kreis hinein.
Die entfernteren bekamen es mit der Angst, daß die beiden sich für die
Besten hielten und hier ihren Entscheidungsmatsch ausfochten, ließen ihren
jeweiligen Gegner los, sperrten um die Kämpfenden mit ihren Leibern ein
Gitter. Rockzipfel, Kragen wurden frei. »Haut euch!« hetzten sie, freuten
sich und griffen sich dabei eisern um die Taillen. »Nicht rauslassen, nicht
heraus!« Zwei andere stürzten sich aber in den Kreis, Vettern der Kämpfer,
ergriffen Partei, wieder andere wirbelten wie Häscher hinterher, einige
lauerten im Hintergrunde. Und diesen Moment benutzten ein paar lange Kerle,
die sich schon vorher bedeutsame Winke gegeben hatten, rasten wie die
Windhunde davon zum Herzog. Ein Wutschrei der Hinterbliebenen, eine kurze
Starre. Dann wälzte sich das strampelnde schlagende Feld über den Markt,
mit Knuffen, Stoßen, Würfen, Purzeln. Die beiden Boxer blieben allein,
bearbeiteten sich das Fell, blickten plötzlich um sich, schrieen, gaben
sich verloren, verprügelten sich noch einmal in Verzweiflung und Ingrimm,
schleppten ihre Lächerlichkeit über den Gänsemarkt.

Bei den Leuten, die mit den Hängematten gekommen waren, herrschte von
vornherein Eintracht; sie sagten zueinander: »Wer mag wohl der Tüchtigste
von uns sein, hä? Sepp, lauf du!« Und der lief. Damit waren sie zufrieden
und sahen sich alles in Ruhe an.

Der Herzog Stoffel saß in seiner prächtigen Generalsuniform auf dem Pferde.
Die Minister hatte er auf den Balkon geschickt, damit sie ihn gehörig
bewunderten. Blindlings sprengte er in die Menge, geradenwegs und in Bogen
sauste er, fünf Offiziere neben ihm. Er schwang den Ehrendegen, den ihm
sein Kabinett nach der Okkupation von Padrutz überreicht hatte, und schrie:
»Hierher die Tüchtigsten, hierher!« Er ritt den Menschen voran, die ihm wie
eine Meute Hunde folgten. Wie der Blitz notierten die landeskundigen fünf
Begleiter die Namen derer, die zuerst Hals über Kopf angeschossen kamen.

Ein Jammer war bei alledem der Anblick biederer Bürger. Diese würdigen
Männer traten sonst ansehnlich als Seifensieder, Tuchverkäufer in ihren
Läden auf, drückten sich als Bürokraten gewichtig den Hosenboden durch. Der
Herzog sah sie stehen, spannte sich in dem Bügel hoch, schwenkte ihnen den
Degen zu. Die Ehefrauen keiften und stießen sie: »Lauft doch.« Sie drehten
sich verlegen, schielten hochrot um sich, probierten unglücklich ihre Beine
auf dem Fleck. Die Frauen schrieen: »Er ruiniert uns, er ruiniert Frau und
Familie; die Kinder müssen betteln.« »Wo müssen denn die Kinder betteln?«
»Wir verlieren alles. Sieh, der kleine Drogenmax von drüben läuft schon.
Zieh dir die Stiefel aus, Vater.« Stoßseufzend ließen die Väter mit sich
geschehen: »Gott mit uns;« sie sockten davon.

Sooft Stoffel den Haufen wachsen sah, gab er den Offizieren einen Wink; sie
schwenkten um und horridoh! ging die Jagd einen unerwarteten Weg über den
Markt. Während er am Balkon vorüberritt, riefen die Minister herunter: »Es
gibt Schwierigkeiten, Durchlaucht.« »Warum?« »Die Stadt wird leer.« »Lassen
Sie mich nur machen,« rief er im Feuer seiner Tätigkeit zurück, galoppierte
weiter. Und während die Minister sich stritten, reizte, lockte unentwegt
sein: »Hierher die Tüchtigsten, hierher!«

Einen drolligen Eindruck machten die Kaufleute, die sich nach und nach bis
auf die Hosen entkleideten und sachte Bogen auf Bogen abschnitten von einem
Kampfplatz zum andern. Sie trabten ruhig und geduldig. In dieser trägen Art
liefen ganze Gilden zusammen nebeneinander; es hieß immer an der Spitze:
»Jetzt geht's dahin. Jetzt geht's dahin.« Während sie zuerst vor Eile die
Blicke nicht von dem Boden nahmen, sahen sie jetzt gelassen um sich. Sie
waren ganz friedlich, amüsierten sich: »Die Hutmacher habens aber mal
eilig. Immer mit der Ruhe.« Bei diesen Kämpfern verbreitete sich das
Gerücht, daß es überhaupt nicht auf die Schnelligkeit ankomme; solche
Dummheit habe herzogliche Regierung nicht vor, sondern auf die Qualität des
Laufens, die Beherrschung der Gangart. Die Vorsicht in der Bewältigung des
Geländes, überhaupt auf die durchscheinenden Charaktere. Der Herzog wolle
auch sehen, ob sie zusammenhielten oder nicht. Und so explodierte von Zeit
zu Zeit, wenn der Herzog mit Halloh an ihnen vorbeiflitzte, aus der Mitte
einer geschlossenen Mannschaft ein kerniges: »Hoch die Dynastie!« »Hie gut
Lobenstein!« Dieser friedliche Wettstreit brachte ein gewisses männlich
ruhiges Element in das Hasten und Jagen.

Inzwischen vollendete der Herzog sein Examen. Die großartigsten Evolutionen
ließ er sein gesamtes Volk machen, die Masse folgte in stufenweiser
Behendigkeit. Der Staub schwebte über dem Markt, die Luft hallte von
Schreien, Brüllen, Juchzern. Unter dem Trampeln wogte der Boden; der
Schweiß eines ganzen Volkes machte die Luft feucht.

Vor dem Palast, zur Seite des Balkons, stand der hölzerne Elefant, sein
Leib war grün bemalt, die Augen rot, die Ohren schwarz und weiß; das Gesäß
hatte man planvoll angestrichen mit den Farben Kurhessens. Oben im
blaugrünen Zelt saß ein einsamer Lobensteiner und ließ es sich gut sein
beim Weine, hochbeneidet von den wissenden Ministern. Der Herzog hatte das
Arrangement längst vergessen und brauste in heller Begeisterung an seinem
thronenden stummen Widerpart vorüber.

Dann war der Streit beendet. Steifbeinig stieg Stoffel vom Pferd. Über
tausend Namen standen auf den Tafeln. Das treue Volk wurde entlassen und
nach Hause geschickt. Während sich tosend das dunkle Feld leerte, plumpste
eine reife Frucht vom Elefanten herunter ins Gras: »Jetzt kommen wir;
hierher die Tüchtigsten, hierher!«

Nun verstrichen Wochen, während derer das ganze Land unter den
Vorbereitungen der Padrutzer Reise stand. Keine Kuriere wurden mehr dorthin
geschickt; man überließ die Padrutzer sich selbst; der Stoffel sagte, sie
hätten kein anderes Schicksal verdient. Den Padrutzern schwante nichts
Gutes; sie dachten bei der eingetretenen Stille an die blanken Gewehre zu
Lebzeiten der seligen Philine, nunmehrigen Fouragehändlerin zu Prag. Die
Schultheiße und ein großer Teil des Volkes machten heimlich Hab und Gut
mobil, um, sobald das Massaker losging, Reißaus zu nehmen. Der Bischof von
Prag, von Philine gedrängt, schickte den Schultheißen durch Sendboten
seinen Segen, verhieß den Padrutzern für schwierige Fälle freies Asyl.

In Lobenstein waren mit Weib, Kind und Kegel an dreitausend tüchtige
Menschen auf die Beine gestellt, um nach Böhmen zu reisen. Festliche
Gottesdienste fanden allerorten statt. Eine Woche vor der Abreise
veranstaltete der Herzog eine große Feier im Schlosse für die Obrigkeiten
des Landes. Es kam bei dieser Gelegenheit auch die Frage der
Musikinstrumente zur Entscheidung, die gelegentlich während des langen
Marsches geblasen werden sollten. Nämlich verlockt durch die vielen
sonderbaren Begebenheiten, Feste und Affären in Lobenstein war damals grade
eine südländische Musikkapelle an dem Hof eingetroffen, welche dem Herzog
enorm imponierte. Sie brachte mit aus Verona ein wunderbar gebogenes Horn,
auf dessen einer Biegung ein schlafender Bernhardinerhund in Silber
angebracht war, ferner zwei verschiedene Posaunen, die je einen tiefen
kräftigen Ton von sich gaben und wie Fernrohre von den Musikern vor die
Münder gefahren wurden auf einem Holzgestell mit Räderchen. Der Herzog
hörte sich bei schönem Wetter täglich die neue Musik an und schalt auf die
einheimischen Künstler, die den Auszug der Kolonisten mit Trommeln und
Pfeifen begleiten wollten, was er im höchsten Maße ordinär und direkt
gräßlich fand. Als er bei der gedachten großen Feier wieder die Südländer
lobte, erklärte der bullenbeißige Kriegsminister untertänigst mit massivem
Kloß, daß sich die Instrumente anhörten wie das perpetuirliche Leibweh und
in Gegenwart von Frauenzimmern leicht unziemlich wirken können. Der Herzog
aber, der sich die Nase putzte, fand, es höre sich an wie das Rülpsen und
Röcheln eines Zugstieres voll Kraft und Zufriedenheit; soweit die Posaune.
Das gebogene Horn freilich mit dem silbernen Bernhardinerhund keifte
erbärmlich, und man könne dies nicht anders vergleichen als mit dem Schmerz
eines eingewachsenen Nagels am Fuß, günstigsten Falls wirke es beunruhigend
wie ein Faserchen Fleisch nach der Mahlzeit, das zwischen den Zähnen
stecken geblieben sei und sich mit dem Zahnstocher nicht fassen lasse. Dazu
fiele ihm zum Überfluß jetzt auf, daß das Ding verschiedene Töne blase,
welche wechselnden Äußerungen für ein Instrument von so gewaltiger Größe
wie eine Armbrust ungehörig seien und bei Bürgern und Bauern leicht
schlechtes Beispiel gäbe. So wurde bei der Gelegenheit allein die
welschländische Posaune in die Lobensteiner Staatsmusik aufgenommen, das
Horn aber, trotz Anerkennung seiner unglaublichen Biegung und prunkvollen
tierischen Ausstattung, blieb den Fremden überlassen zu ihren übrigen
Kinkerlitzchen.

Und im Monat Juni, an einem schönen Sonntag, läuteten im ganzen lieblichen
Herzogtum die Kirchenglocken, gingen alle Menschen in festlichen Kleidern,
Musik und Tanz fing am frühen Morgen an; heute sollten die Lobensteiner
ihre Wanderung antreten. Die Erwählten trugen blaugrünrote Bänder am Hut,
die bis auf die Erde schleiften; das Rot war zu den Landesfarben
hinzugekommen und bezeichnete das herzlich ersehnte Padrutz. Die Reisenden
benahmen sich seit der Volksversammlung gerade so, als wenn sie das große
Los gewonnen hätten; sie fühlten sich ganz als die Elite des Volkes. Einige
hatten sich gleich nach jener Auslese Siegel und Stempel angeschafft, und
wenngleich sie nicht lesen und schreiben konnten, so patzten sie überall,
wo es ihnen gut dünkte, ihr schnörkliges Wappen hin, als wenn es ein Titel
wäre. Die Auserlesenen hielten im ganzen Lande zusammen, hatten geheime
Versammlungen und Beratungen, die nach außen immer damit endeten, daß eine
Deputation an Stoffel abging und Treue über den Tod hinaus schwor. Stoffel
sammelte solche Ergebenheitskundgebungen und klebte sie in ein Lederalbum
ein, das er später seinen hohen Besuchern vorlegte. Ihre Äcker, Häuser und
Güter hatte jene Elite längst verkauft und verschleudert. Den Batzen Geld,
den sie bekommen hatten, verjubelten und vertranken viele, setzten
Stiftungen für die hinterbliebenen Landsleute aus. Die vorsichtiger waren,
schlugen öffentlich unter Lamento irgend einen Hund tot, zogen ihm jammernd
das Fell ab und gruben den Leib in die Erde ein, nicht ohne heimlich ihr
Geld mit in das Grab fallen zu lassen; sie hielten ihre Habe in dieser
stinkenden Umgebung für doppelt sicher. Von Kurhessen her erfolgte damals
ein großer Zustrom liederlicher Personen, die den vorhandenen Lobensteiner
Übermut ausbeuteten; man sagte später nicht zu Unrecht, daß dieser Afflux
staatlicherseits von Hessen begünstigt wurde; wo Lobenstein ein Abbruch
getan werden konnte, war Kurhessen immer voran. Die Schankwirtschaften
schossen in die Höhe, über Nacht bildeten sich Ruderklubs, Wandervereine,
Keglerbünde und ähnliche Nichtstuereien, die sich mit einer Aureole von
Heldentum umgaben und auf allen Plätzen breit machten. Allgemein hieß es in
der Nachbarschaft: in Lobenstein geht die Welt unter.

Unter Böllerschüssen und Raketen setzte sich am Spätnachmittag der Zug in
Bewegung. Sie mußten mit Pferd und Wagen und allem Gepäck erst den
Rößleberg hinauf und dann in feierlicher Prozession an der anderen Seite
herunter, wo der Herzog auf der Kuppe seines asiatischen Geschöpfs sie an
sich defilieren ließ; der Herzog meinte, dieses Hinauf und Hinab mache sich
weihevoll in der Abendbeleuchtung. Zweihundert Soldaten bedeckten den Zug
mit zwei Batterien, hundert voran und hundert am Schluß; der Herzog selbst
kam in einer sechsspännigen Kutsche nach und begleitete die Kolonne fünf
Tage weit nach Deutschland hinein. Zigeuner, Diebsvolk, Dirnen,
Gaukelspieler erwarteten sie an der Lobensteiner Grenze in Massen, sie
umschwärmten den Zug wie Fliegen und Feldmäuse.

Sobald man über die blaugrünen Grenzpfähle hinausgeschritten war,
veränderte sich rasch das Bild. Das lärmende Treiben verbot sich von
selbst; man konnte nicht wissen, wie das von den anwohnenden Staaten
aufgenommen würde. Das Einherspazieren mit Fahnen mußte aufgegeben werden;
die Fahnen wurden sachte eingezogen und die ganze gestickte und bemalte
Herrlichkeit fuhr man auf verdeckten Ochsenwagen hinterdrein. Die Gaukler
und der ganze üble Troß roch frühzeitig den Braten, verzettelte sich,
flirrte durch Deutschland, war lange vor den Bauern in Padrutz, wohin sie
das Gerücht der drohenden Ereignisse trugen. Still und geduckt, nicht
anders als sonst die Kuriere, mußten die Lobensteiner jetzt ziehen. Was war
aus der schönen Staatsmusik geworden, aus den welschländischen Posaunen, wo
lagen die Trommeln und Pfeifen, die man zur Reserve mitgenommen hatte?
Nicht besser als eine gewaltige Diebs-Bettlerbande zog man einher, bei
Nacht an den zweifelhaften Städten vorüber, bei Tag in Furcht vor jedem
höheren Kirchturm.

Bei Kinzelheim im Bayrischen, nächst der Stadt Augsburg, gab es eine große
Affäre. Kinzelheim war freie Reichsstadt geblieben und übte in seinem
kleinen Gebiet eine Souveränität aus, die sich von besonderen
Gesichtspunkten leiten ließ. Es herrschte da auf dem Magistrat neben den
eigentlichen Magistratsbeamten gewissermaßen unbeamtet eine gelehrte
Körperschaft, der alle Juristen, Professoren, Historiker, Ärzte der Stadt
angehörten; an den Rathaussitzungen nahmen, das war Gewohnheitsrecht, immer
vier, fünf der Gelehrten teil; sie schrieben sich gewisse autonome
Funktionen zu; es war üblich, daß bei wichtigen Beratungen der
Professorenpartei direkt Stimmrecht verliehen wurde und sie trotz ihrer
privaten Natur eingreifen durfte. Nun waren durch die Napoleonischen
Feldzüge, besonders durch die Truppenbewegungen nach Österreich zu, welche
mit der Schlacht von Aspern zusammenhingen, in der ganzen Umgebung von
Kinzelheim die Straßen ruiniert worden; die fliehenden Truppen hatten
hinter sich von den Bergen herab Felsblöcke auf die Straßen rollen lassen;
rücksichtslos war jede Brücke demoliert, Wegweiser waren abgerissen oder
böswillig vertauscht; es herrschte um Kinzelheim ein kulturwidriges
Durcheinander. Im Rathaus standen sich zwei Parteien gegenüber; die einen,
es waren die Gelehrten, hielten den Zustand belanglos für die Entwicklung
der Stadt; sie betonten die Kostspieligkeit der Neuanlagen, ja der Verfall
der Straßen wäre opportun, weil er gleichsam eine Mauer um Kinzelheim setze
und der Stadt ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten garantiere. Sie sahen
nämlich mit dem zunehmenden Verkehr die Unabhängigkeit der Stadt gefährdet.
Die andern von der Magistratspartei aber traten für Ausbau der Wege und
freien Verkehr ein; hier ging man soweit, von Zollbündnissen mit Augsburg
und der übrigen Nachbarschaft zu reden, von gemeinsamen Interessen mit
Augsburg, gemeinsamen Wegebaukommissionen. Es waren die Händler, Krämer,
Steuerzahler, die so zu Wort kamen, die glaubten, für ihr Geld auch etwas
haben zu müssen; sie waren wie immer wütend auf die autoritativen
Gelehrten, denen sie aber nicht beikommen konnten. Nachdem man sich
beiderseits mancherlei vorgeworfen hatte, wurde der Streit durch eine
Maßnahme des wegefreundlichen Magistrats auf die Spitze getrieben. Nämlich
die Ehefrau eines Bürgermeisters hatte zu ihrer Steinkrankheit einen
berühmten schwedischen Arzt, der sich Lysarius nannte, aus der Lausitz, wo
er wohnte, zugezogen; der Fremde hatte damals nicht nur die Frau
überraschend schnell kuriert, sondern auch durch sein kenntnisreiches
weltmännisches Wesen sowohl Gelehrte wie Magistratler fasziniert. Als die
Debatten über den Wegebau erregter wurden, faßte man im Rathaus den
Beschluß, sich diesen Schweden zu verschreiben, er sollte sich rasch in die
Materie einarbeiten und sagen, was er meine. Diese kompetente
Persönlichkeit war mit vier Dienern angefahren, hatte sich über alles
orientieren lassen und sich dann kurzerhand auf Seite der Gelehrten
geschlagen. Er stöberte im Rathauskeller unter alten Büchern umher, las und
kroch in die Kisten, bis sein langer brauner Bart voll Spinnweben hing, und
entdeckte schließlich ein Edikt aus der Zeit Karls des Sanftmütigen, wonach
alle Versuche, der Stadt Kinzelheim ihre Reichsunabhängigkeit zu nehmen,
als Hochverrat zu bestrafen seien; als Strafe war für den mindesten Fall
der Pranger genannt. Heimlich stellten nun die Gelehrten, die über den Fund
des Lysarius entzückt waren, Nachforschungen nach dem Pranger an, sie
konnten ihn aber in der Stadt nicht entdecken. So lange wollten sie nicht
mit der Sache hervortreten. Erst als der Nachtwächter ein Liebespärchen auf
dem Balkon eines verlassenen Hauses erwischte, -- ein Pärchen, das durch
sein allnächtliches ungeniertes Schwärmen und Küssen Aufsehen erregte, noch
mehr freilich Neid eines benachbarten hagestolzen Ratsherrn, -- kam man
hinter das Geheimnis. Man sah, daß diese sonderbar schwebende Laube, dieses
enge Asyl der Verliebten der ehemalige Pranger war. Noch konnte man die
Richtschwerter sehen, die beiderseits an den Wänden aus dem Stein gehauen
waren, noch bläkte oberhalb der Laube eine scheußliche Frauenmaske die
Zunge; aber dem Pärchen hatte der schreckliche Wust nicht die Brust
beklommen. Entschlossen holten die Gelehrten nach diesem Fund zu einem
Streiche aus. Sie schickten, als die Ratsversammlung ohne sie tagte,
Spitzel hinein in der Gestalt von Federschneidern, Sandstreuern, ließen auf
Blättchen notieren, was ein Mann namens Schaffelhuber dort geredet hatte
über den Weg nach Strunzelbach, und denunzierten den Schaffelhuber sowohl
bei Gericht als beim Magistrat, da es sich um eine staatsfeindliche
Angelegenheit handele. Sie verlangten Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person
und nach dem Buchstaben Anwendung des Ediktes Karls des Sanftmütigen. In
aller Form verlangten sie, daß sofort in den Etat einige hundert Goldgulden
eingestellt würden zur Ausstattung und Wiederherstellung des alten
Prangers. Die Erregung über das entschiedene Auftreten der
Gelehrtenkorporation war allgemein; man war sicher, daß die Gelehrten noch
andere Schritte planten. Der Name Lysarius' ging von Mund zu Munde; man
amüsierte sich weidlich, was sich der biedere Magistrat für einen Floh ins
Uhr gesetzt hatte. Am liebsten hätte der Rat ihn sofort ausgewiesen, aber
man fürchtete, es mit dem Königreich Schweden zu verderben. Lysarius fuhr
so stolz durch die Straßen; er war anzusehen wie die inkarnierte Arroganz,
wenn er mit halbverschlossenen Augen die Rathaustreppe hinaufstieg; seine
Diener in brauner Livree mit dem schnörklichen Wappen seines Herrn und dem
schwedischen Löwen rissen vor ihm die Türen auf. Die jungen Männer in den
Kantinen schlossen Wetten, wer siegen würde; die Bevölkerung begann sich zu
gruppieren, auf den Straßen nach Gesinnung zu applaudieren und zu pfeifen.
Die Gelehrten blieben dickfellig, sie traten mehr und mehr aus ihrer
Reserve heraus und waren entschlossen, sich auf keine Konzession
einzulassen und den Schaffelhuber auf den Pranger zu schaffen, koste es was
es wolle. Da traf dicht hintereinander der Entscheid von Magistrat und
Magistratsgericht: beide Instanzen lehnten ab, auf das Edikt Karls des
Sanftmütigen zu rekurrieren, erklärten den Schaffelhuber für frei und
gesetzlich; der Magistrat trieb die Sache sogar so weit, dem Beklagten, da
er Steinmetz war im Privatleben, den Strunzelbacher Weg zur Pflege zu
überantworten. Damit war der Krieg in brutalster Form erklärt. Die
Gelehrten erließen Tags drauf eine Proklamation, die auf blaue zierliche
Zettel geschrieben an alle Mauern angeschlagen wurde: Recht, Ansehen,
Autorität werde in Kinzelheim zum öffentlichen Gespött gemacht, die
Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei ruiniert, Magistrat und sein
Gericht strebten nach Tyrannei; nicht anders könne daher die Parole von nun
ab lauten als: Karl der Sanftmütige contra Schaffelhuber. »Lanzen heraus!
Kinzelheimer, beißt zu! Euer Heiligstes steht auf dem Spiel!« Beide
Parteien gingen mit glühenden Backen herum; die Magistratler waren
gedrückt, weil sie ohne Hilfe der Professoren keine Gegenproklamation
verfassen konnten, und das Elaborat der Gelehrten stach ihnen, wo sie
gingen, mit seinem satten Meeresblau in die Augen. Lysarius, obwohl nur
Fremder, wenngleich Schwede, ließ seine vier Diener mit sonderbaren
Hellebarden bewaffnen; sie lungerten in den Straßen und tauchten überall
plötzlich auf, wo Menschen vor dem künstlerischen Maueranschlag standen und
einer sich anheischig machte, er wolle das Blatt abreißen. Im Rathaus
schwitzten die Magistratler ihre Giftigkeit aus; auf sonniger Straße unter
jenem Pranger ratschlagten mit großem Pathos die Gelehrten; die wüste Laube
war die Rednerbühne; und der Beschluß, den man unter Abnehmen der
bekränzten Mützen und Aufheben der Hände faßte, lautete: man wirft alle
Staatsgeschäfte dem verräterischen Magistrat vor die Füße; Diplomatie,
Gericht, Unterricht, Gottesdienst werden den Kinzelheimern genommen, bis
daß der Steinmetz Schaffelhuber auf dem Pranger angekettet schreit und die
Gassenjungen mit Kieseln nach ihm werfen. Die Gelehrten aber werden jeden
Stein zählen, den er nach Strunzelbach legt und ihn heimzahlen. Sie nehmen
feierlich nunmehr vor aller Welt den Namen »Karolinger« an; sie verlassen
die Stadt und beziehen vor der Mauer ein Lager.

Und dies war der Zustand, in dem die reisenden Lobensteiner die Stadt
Kinzelheim antrafen. Sie hatten schon vorher bemerkt, daß man sich einem
besondern Stadtwesen näherte, denn weit und breit waren die Chausseen
verlassen, Leichen gefallener Pferde verwesten auf den Straßen, die Äcker
brach; eine drückende Stille in der ganzen Umgebung. Vorsichtig brach die
herzogliche Avantgarde in das verzauberte wüste Gebiet ein; man mußte auf
Strickleitern und Balken über haushohe Steine klimmen. Wenn eine Kompagnie
sich an eine gefährliche Partie machte, stellten zwei, drei Mann die
Nachhut, schossen: piff paff ihre Gewehre in die Luft ab, recht oft
hintereinander, um den Anschein einer großen Armee zu erwecken, auch die
Wandernden schossen, sobald sie die Hände frei bekamen. So gelangten sie
nach drei mühseligen Tagen und Verbrauch vieler Munition an einen weiten
Platz, dessen letzte Barrikade sie unter Geknatter überwanden, als sich
ihnen unvermutet und erschreckend der Anblick eines mächtigen
wimpelgezierten Lagers bot; Zelte waren aufgeschlagen, Feuer brannten,
Tiere wurden getrieben, Menschen in unbekannten Uniformen mit wilden
Feldzeichen wimmelten in den Gängen; lautes Geschrei und Brodeln von
Stimmen schwoll. Stoffel, benachrichtigt, stieg aus seinem Wagen, schwang
sich auf seinen Hengst. Da er von dem langen Sitzen im Wagen mutig geworden
war, wollte er erst das Zeichen zum Angriff geben, zumal ihm sein
Kammerdiener einen samtumwickelten Feldherrnstab in die Hand drückte, mit
dem sich große und mächtige Bewegungen machen ließen. Im letzten Augenblick
besann sich der Held aber auf die Regeln der Strategie, schickte eine
Umzinglungsmannschaft von achtzig Soldaten ab; einem Leutnant, der eine
gute Figur hatte, zeigte er dann den graden Weg über den morgenlich
beschienenen Plan ins Lager der Widersacher, ließ ihm eine weiße Fahne
geben und die Augen mit einem Taschentuch verbinden; denn Stoffel hatte
gehört, daß ein Parlamentär nur mit verbundenen Augen sich dem feindlichen
Gebiet nähern dürfe. Der Marsch des blinden Leutnants begann. Alle
Lobensteiner mit Sack und Pack machten halt, Allein über den großen Sand
tappte der Parlamentär. Oft stürzte er, manchmal, wenn er hochkroch,
verfehlte er die Richtung und kam mit vorgestreckten Armen auf die
Lobensteiner zurück, aber orientierte sich immer wieder an dem Brüllen der
Kühe im Lager. Denn nach den Stimmen der Menschen hätte er sich nicht
richten können; wenn auch zuerst eine rege Bewegung von den Feinden
herlärmte. Bald ließ alles nach; diesseits und jenseits standen die Scharen
stumm, auf einander gemauert, und beobachteten atemlos und staunend, was
der Leutnant mit den verbundenen Augen und der weißen Fahne machte und ob
er sich wohl zurecht finden würde. Die Karolinger hatten sofort erfaßt, daß
er zu ihnen wollte als Parlamentär; Lysarius hielt es sogar nicht für
ausgeschlossen, ja für wahrscheinlich und verkündete volltönig, daß man ein
nordisches Heer vor sich habe, das ihm zu Hilfe eile. Sobald aber der
Offizier in die Nähe eines Zeltes tappte, -- Stoffel strahlte vor
Vergnügen, die Lobensteiner jubelten, -- die Fahne schwang und rief: »Wer
da? Wer da?« wichen die Karolinger vor ihm aus; keine Stimme antwortete; er
stand allein vor einer Lagerstange, die er abtastete, hörte dicht neben
sich die Kühe brüllen, ein Hund sprang an ihm hoch, beleckte seine Hand.
Den Karolingern schien der Vorfall im letzten Augenblick zu wichtig; sie
waren fortgeschlichen hinter die letzten Zelte und wollten beratschlagen.
»Wer da, wer da?« schrie der blinde einsame Offizier; ein ganzes Rudel
Hunde bellte besessen um ihn. Als der Herzog von seinem Pferd aus diese
Behandlung seines Abgesandten beobachtete, sah er darin eine schnöde
Verletzung des Völkerrechts; er gebot Ruhe, schwenkte mit der Linken den
Samtstab; die beiden Posaunen des Veronesen, die man rechtzeitig neben ihm
aufgestellt hatte, bliesen und dröhnten mit warnender Gewalt über das Feld.
Und während Stoffel den Degen mit der Rechten zog und an der Spitze von
fünfzig Reitern dahingaloppierte auf die blendende breite Sandfläche
tauchte auf der anderen Seite des Lagers plötzlich die
Umzinglungsmannschaft vor den flüsternden Karolingern auf, warf sich in
Schützenlinie hin und legte an. Nicht Lysarius war es, der in diesem
gefährlichen Augenblick der höchsten Verwirrung, der Todesrufe das Unheil
abwehrte, sondern ein älterer Gerichtsdiener. Diesem tat schon vorher der
adrette Leutnant leid, wie er so oft hinstolperte, sich den sauberen Anzug
beschmutzte und sich wehtat. Er war heimlich zu dem Offizier geschlichen,
hatte ihm die Binde abgenommen, ihn unter vielen Beileids- und Koseworten
abgeklopft; dann gebeten, an der Stange einen Augenblick zu verweilen. Er
selbst lief nun mit der Fahne, die er hoch schwenkte, spornstreichs an die
Beratungsstelle zurück. Wenngleich er die Fahne weniger schwenkte, um
Friedensliebe zu zeigen, als um seine Freude an dem schönen echt
lobensteinisch prunkhaft bestickten Instrument zu bekunden, so bewirkte er
doch, daß man vorn und rückwärts halt machte, hüben aus dem Sande sich
unmutig erhob und herüberlugte, drüben von den schäumenden Pferden absaß.
Der Herzog selbst stolperte, die Hand am Zaum, neben seinem Schimmel her;
er zog, von zwei Mann gefolgt, kaltblütig ins Lager. Der Parlamentär
salutierte; in einer Lagergasse trat Lysarius an der Spitze von zwanzig
alten Männern heran und rührte sich dann nicht vom Fleck. Rasch sprang der
Parlamentärleutnant her, entwand dem verblüfften Gerichtsdiener die weiße
Fahne; hin- und herwandernd zwischen den beiden starren Gruppen vollzog er
Vorstellung und Annäherung. Bald stand Stoffel in einem leutseligen
Gespräch mit Lysarius, der sich vergeblich als Souverän aufspielte, vom
Herzog aber wegen seines langen Bartes nicht estimiert wurde.

Was die Lobensteiner, die nun in Scharen friedfertig und neugierig,
anzogen, bei den Karolingern vorfanden, war so merkwürdig, wie sie nie
erlebt hatten. Die Karolinger hatten sich mehr oder weniger fragmentarisch
in geradezu vorweltliche Kostüme geworfen. Alles, wessen man in Kinzelheim
habhaft werden konnte an Panzern, Arm- und Beinschienen, heldenhafter
Maskengarderobe, legendären Perücken hatten sie an sich gerafft und trugen
es am lichten Alltag. Da tänzelte mit einem Besen in der Hand eine junge
Dame einher in grünem ungegürteten Kleid, blonde Haare bis auf die Hüften,
von der Achsel an bloße Arme; sie fegte ein Zeltdach und war wie Thusnelda
anzusehen, hätte sie nicht ein spitzbübisch kleines kokettes Mundwerk nach
allen Richtungen hören lassen. Man mochte von Karl dem Sanftmütigen und
seiner Zeit nur eine unklare Vorstellung haben, denn durcheinander hatten
diese Historiker geschlitzte grellfarbige Pluderhosen an, Bärenfelle, die
vielleicht sonst als Bettvorleger dienten, Lederriemen, Fuß- und
Kniebinden, die aus der Südsee zu stammen schienen. Theatralisch
stolzierten junge Herrchen in roten und braunen Togen; sie schnitten
finstere, prähistorische Grimassen, ließen ihre gekräuselten oder
aufgelockerten Haare von Zeit zu Zeit auf die Stirn und dann zurück in den
Nacken fallen; sie lugten eifrig, ob ihnen einer mit Gefallen zusähe;
keiner von ihnen hielt die rechte Hand anders als unter der Toga verborgen,
den Dolch im Gewande. Friedlich spazierten neben der Römerin klobige
Urgermanen, die ihre Stammesangehörigkeit durch mitgeschleppte Methörner
mächtigen Volumens, Fellkleidung und rasselnde Armspangen kundtaten; die
glatten Holzkeulen schwangen sie verbrüdert neben dem kurzen Schwert jener
Gladiatoren; sie taten Wachdienst auf den Chausseen und vor den Stadttoren.
Das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten hatte seine Vertreter entsandt vor
Kinzelheim; die Geistlichen gingen wie spanische Großinquisitoren in
wallenden Federhüten, in engem schwarzem Talar mit Ordensketten. Nicht mehr
brauchten die Pärchen sich nachts auf jenem verhängnisvollen Pranger
treffen; sie legten die Gewande der klassischen Liebespaare an, als Hero
und Leander begegneten sie sich und niemand konnte den Schlauköpfen mehr
die Aufwallung klassischer und authentisch belegter Gefühle verwehren. In
diesen heißen Tagen erstach sich zahllose Male die unselige Lukretia,
Gemahlin des Königs Tarquinius Collatinus, nicht ohne vorher von einem der
vielen Söhne des Tarquinius Superbus mit schmachvoller Gewalt umarmt zu
sein. Den Lobensteinern wurde in der Umgebung schwül, mancher leckte sich
die Lippen. Der Herzog aber bewies ungerührt materielle Gelüste. Er ließ
zum allgemeinen Erstaunen seine beiden Kanonen auffahren zwischen Stadt und
Lager, dann schickte er trotz der Vorhaltungen des Lysarius einige Männer
in die Stadt, um in den Büchern nachzuforschen, ob eine Verwandtschaft
zwischen ihm und irgend jemand, gleichviel auf welcher Seite, bestände. Er
plante dann die andere Partei niederzuwerfen und einige Lobensteiner hier
auf der Etappe anzusiedeln. Als sich nichts Verdächtiges ergab, der Herzog
auch keinen sonderlichen Gefallen fand an der Stadt und der Umgebung,
bestimmte er den Abzug.

Da zeigte sich bald, wie heimtückisch die Karolinger an ihm gehandelt
hatten. Nämlich zwei tüchtige Lobensteiner Offiziere, darunter der
Parlamentär, waren zu den Gelehrten übergetreten. Bei Gelegenheit der
mehrfach geübten Ermordung einer gewissen klassischen Dame hatten die Opfer
vor ihrem jeweiligen Tode die fremden Henker ausspioniert und die so
erlangte Kenntnis schnurstracks bei ihren Vätern verbreitet; die
Karolinger, noch wütend über das anmaßliche Auftreten des entschwundenen
Stoffel, schickten alsdann Kundschafter weithin auf die Dörfer und Städte,
warnten vor den nahenden Lobensteinern; die hätten wenig Geld, täten nur
schießen und würgen und seien von einer ganz afrikanischen Wildheit. Sobald
Stoffel hiervon Lunte bekam, trennte er sich zorngeschwollen von den
Lobensteinern. Er kehrte mit achtzig Mann Bedeckung und einer Kanone um.
Von nun an waren die Lobensteiner ohne ihren Herzog und vollendeten allein
ihre Reise nach Padrutz.

Stoffel langte vor Kinzelheim in Kürze an, wagte aber nicht, die Gelehrten
anzugreifen, weniger aus humanitären Rücksichten, als weil seine tüchtigen
Offiziere schon eine ansehnliche Jungmannschaft ausgehoben und gedrillt
hatten und mit bemerkenswerter Verve daran gingen, den Sturm auf die Stadt
auszuführen. Er schlich sich nach Umgehung der Belagerer hinein zu der
Partei der armen Sünder; so nannten sich die Magistratler, einmütig mit dem
zum Pranger verurteilten Schaffelhuber. Drin in der Stadt stockte jede
Rechtspflege, Verwaltung. Es ging drunter und drüber; keine Kindtaufen
fanden statt, der Küster predigte am Sonntag, aber mit so bellender Stimme
und großmäulig, daß die verwöhnten Kinzelheimer keine Freude dran hatten.
Wie groß die Wut der Eingeschlossenen war, ließ sich auf Schritt und Tritt
erkennen; so stellten sie Tag aus Tag ein einen verkommenen Trottel in den
Mittagsstunden an den Pranger, angetan mit karolingischen Lumpen, zum
Schmerz der zurückgebliebenen Verliebten, die ihr Geheimasyl entweiht
sahen, sich überhaupt beeinträchtigt fanden gegenüber ihren glücklichen
Genossen draußen, in jenem freien Paradies der Ebene. Stoffel tat drin so,
als schlösse er sich den armen Sündern an. Er ließ auf die friedlichen
alten Männer, die sich am Lagerrande ergingen, einen Ausfall machen. Unter
höllischem Krakeel, wilden Sprüngen drangen die Lobensteiner Soldaten an;
fünf schöne Mädchen von erlesener Grazie wurden erbeutet und die dazu
gehörigen Väter; sie wurden gefesselt und vor den Rat geführt. Jetzt
forderte Stoffel hochfahrend von den Karolingern seine Offiziere zurück.
Sie antworteten mit lateinischen Zitaten, die niemand übersetzen konnte.
Der Herzog, in eine außerordentliche Situation getrieben, angestaunt von
den Kinzelheimern, sann, wie er sich rächen und auch wahrhaft Größe
bezeigen solle. Erst dachte er die Gefangenen gebunden an die Erde werfen
zu lassen und auf der Mauer hinter seinem Wagen her zu schleifen; aber das
würde nicht ohne Blutvergießen abgehen. So spannte er die fünf erbeuteten
Greise vor eine große Egge außerhalb der Mauer; zehn Knechte mußten zur
Seite gehen, mit geknoteten Peitschen die Männer antreiben. Er selbst unter
dem Schutz einer trommelnden Kompagnie saß auf einem breiten Rollwagen,
angeschirrt an die Egge, und ließ sich oben von den fünf liebreizenden
Karolingerinnen bedienen, die in Armesündertracht, dem Seil um den Hals,
Schenkendienste tun mußten angesichts ihrer Brüder und Geliebten in dem
Lager. Sehnsüchtig blickten die armen Mädchen herüber; drüben war es still;
nichts ließ sich erblicken von rettenden Gladiatorenschwertern und von
Keulen. Was mußten die Karolinger drüben erdulden! Da senkte sich plötzlich
die Egge an einem Rain, in dem aufgeweichten Boden überschlug sie sich; die
Greise stürzten hin, getroffen von dem Eisen kamen sie jämmerlich zu
Schaden. Ihr Wehegeschrei tönte über das Feld. Die Sünderinnen auf den
Wagen kreischten, sie warfen die Gläser hin, faßten sich bei den Händen; es
wurde an der Lagergrenze regsam. Der Herzog, vertieft und verblüfft,
übersah nicht rasch die Situation, obwohl gewarnt von einem Soldaten.
Während ungehindert vier der Mädchen vom Wagen herunter ihren Vätern zu
Hilfe liefen, schlang sich eine das Seil ab und warf es mit einem Ruck um
Stoffel. Schlagend und wälzend stürzten der Herzog und das Mädchen von der
Plattform; der Strick lag fest um seinen Arm; er konnte sich in der
aufgelockerten Erde schwer erheben. Die Person verlor bei dem Fall das
Bewußtsein. Er selbst beschmutzt, mit blutender Nase wurde wie ein Kind von
seinen Soldaten gerafft und noch rechtzeitig in die Stadt getragen, bevor
die feindliche Mannschaft, die aus dem Lager herjohlte, sie erreichte. Die
Egge, sämtliche Gefangenen, dazu einige der begleitenden Knechte und
Trommeln fielen in die Hände der Karolinger. Der Herzog war tagelang
gänzlich außerstande zu sprechen; er saß meist mit rotem Gesicht in seinem
Zimmer und bearbeitete Teppiche und Wände mit dem Degen. Dann zog er seine
Mannschaft zusammen. Ohne der Stadt einen Gruß zu entbieten, verließ er
Kinzelheim heimlich bei Nacht. Er kehrte in Eilmärschen zurück. Vor Scham
konnte er in Lobenstein zuerst seine Minister nicht empfangen; sehr langsam
stellte sich seine Ruhe wieder ein. Der Kriegsminister mußte ihm
wöchentlich Angriffspläne auf Kinzelheim vorlegen, später ließ er alles
fallen, erzählte vor Paraden von einer ganz unmilitärischen Bevölkerung in
Bayern, die er wie Hammel hätte zu Paaren treiben können, aber er hatte ja
Besseres zu tun: »Eine Sandwüste, was soll man in einer Sandwüste? Und
außerdem Kinzelheim, haben Sie schon von Kinzelheim gehört?« Und alles
krähte mit ihm vor Vergnügen; er klatschte seinen Reitstiefel mit der
Peitsche. Bald gehörte es auch zu den beliebten Gepflogenheiten der
herzoglichen Regierungskunst, daß er gegen mißfällige Personen auf dem
Ausweisungsdekret bemerkte: »Gehört nach Kaledonien oder Kinzelheim.« Ein
Jahr drauf bekam er einen abschließenden authentischen Bericht von der
sonderbaren Gemeinsame. In der Stadt und außerhalb der Stadt war bald
Hungersnot ausgebrochen; die neidischen verliebten Leute innerhalb der
Mauern benahmen sich rebellisch und wollten zu den Karolingern gehen. Die
alten Männer draußen entbehrten der Pflege; sie sahen auch, wie ihre
Angehörigen in der Freiheit verwilderten, in die vorweltlichen Kostüme
hineinwuchsen; dazu war niemand da, den die grauen Knasterbärte ihre
bösartige Überlegenheit kosten lassen konnten; so fielen sie sich
untereinander an und kamen aus dem Keifen nicht heraus. Schließlich
verschwand Lysarius. Seine vier Diener erzählten, daß er gar kein Schwede,
sondern ein vielgewandter Barbiergehilfe aus der Niederlausitz sei; mit der
steinkranken Frau des Ratsherrn hätte er eine Liebschaft gehabt; zu den
Karolingern habe er sich nur geschlagen, weil die nach seiner Äußerung so
dumm wären, daß sie ihm nie auf die Schliche kommen würden. Darum habe er
auch die ganze Aktion so betrieben. Man jagte die Diener mit Schimpf aus
dem Lager. Griesgrämig hockte man in den albernen Kostümen herum, fror, sah
sich gegängelt von einem Schwindler. Als die Vermittlungsverhandlungen
schon in die Wege geleitet waren, erschienen Ratsherren von Augsburg und
erklärten eine Einigung herbeiführen zu wollen. In den Karolingern flammte
der alte Stolz auf, sie lehnten jede Einmischung ab. Aber es war zu spät.
Die armen Sünder, die Praktiker in den Mauern, hielten eine feste Hand über
sich für besser als einen gelehrten Mund. Sie luden Augsburg zu einer
Besprechung ein. Soldaten machten die Wege frei, massenhaft blökendes Vieh
wurde angetrieben unter das verhungerte Volk. Das Augsburger Wappen, das
Säulenkapitäl mit dem Oleanderbaum, hing bald an dem Rathaus Kinzelheims.

Inzwischen bekamen die wandernden Lobensteiner alle Wechsel des Glücks zu
kosten. Ihre Fahnen stahl man ihnen von den Wagen, vielleicht wurden sie
auch von Marketenderinnen und Mitläufern verkauft. Sie trauten sich vor
Angst, als man entdeckt hatte, was für dumme unter ihnen waren, nicht in
die Städte hinein, die sie einluden. Da die Witterung schlechter wurde,
froren sie viel, verloren den Mut. Zerrissen und geschunden traten sie in
das neue Staatsgebiet ein, das von seinen Bewohnern fluchtartig verlassen
war. Die Padrutzer waren fortgelaufen, weil der schlaue Bischof von Prag im
Einvernehmen mit der Philine entsetzliche Nachrichten über die nahende
Heeresmacht der Lobensteiner verbreitet hatte bei ihnen. Und während sich
die übrige Welt amüsierte über die Lächerlichkeit des wandernden
Lobensteiner Volks, stürzten die Padrutzer Hals über Kopf von ihren alten
Wohnsitzen, aus ihren warmen Betten, sobald das Knarren des vordersten
Wagens sich auf der Chaussee vernehmen ließ, fluteten beglückt über das
leere Prager Gelände, das der Bischof ihnen reserviert hatte. Er wollte mit
den Padrutzern nichts Besonderes anfangen, nur warten wollte er geduldig,
was aus den Lobensteinern werden würde. Philine kehrte mit ihrem Gemahl und
einem kleinen dicken Mädchen manchmal bei den Vertriebenen ein, lächelte
viel herum und gluckste wie eine Henne im Stall. Dann tat sie so scharmant
mit einem Schultheiß, daß die Padrutzer trotz allen Respekts vor Lachen
tobten und sie heimtückisch einluden zu öfterem Besuch, der ihnen einen
ganz neuartigen Spaß bereitete. Philine war hochbeglückt in dem frohen
Kreise ihrer Landeskinder.

Die ersten menschlichen Wesen, welche den Lobensteinern an der Grenze von
Padrutz begegneten, waren jene Bettler, Zigeuner, Schauspieler und das
ganze durchtriebene Volk, das sie am Rhein verlassen hatte. Unter den
Girlanden und Ehrenbögen, welche die Gauner ihnen errichtet hatten, zogen
sie in die neue Welt ein. Es war genug Platz drin für sie; Häuser,
Stallungen, Schulen, Kirchen, hier und da blökte ein vergessener Hammel,
schlüpften Kücken zwischen den Latten hindurch. Sonst war nur das Rauschen
der schönen vollen Obstbäume, der alten Kastanien und das Summen einiger
Bienenvölker zu hören auf dem weiten verlassenen Gebiet. Die Lobensteiner
gingen wie Rentiers herum, die Pfeife schief im Mund und besahen ein jedes.
Alles lag und stand, als wäre es einem plötzlich Verschiedenen aus der Hand
geglitten.

Rasch sprangen die Behörden ein mit Listen und Registern, in einem Tage
vollzog sich die Aufteilung des ganzen Geländes. Keine Mißhelligkeit, die
Lobensteiner waren gewohnt zu gehorchen. Während man noch mit dem Verstauen
des Gepäcks, der Unterbringung des mitgetriebenen Viehs beschäftigt war,
langte der erste Stoß der Verfügungen an. Die Kuriere waren rascher auf den
Beinen als der anfängliche Troß. Und als wichtigste Verfügung wurde unter
Trommelwirbel der ganzen Gemeinde verkündet, daß jede Verbindung und
Vermischung mit der neuen Umgebung verboten werde, ein für allemal und in
Ewigkeit, jede Hinzuziehung fremder Arbeiter sei untersagt, die
Lobensteiner sollten sich und ihre Art rein erhalten; sollten etwa
Lobensteiner mit Ausländern Kinder haben, so würden die nicht höher
geachtet werden vor dem Gesetz als Mulatten und Mongolen. Als das
notwendigste wurde ihnen bei der Verfügung daher die Grenzsicherung
bezeichnet; die Regierung befahl an, Stachelzäune, Mauern und Fallgraben
allenthalben an den Grenzen vorzusehen, Gruben mit stinkenden oder
gefärbten Flüssigkeiten anzufüllen, damit Eindringlingen ein für allemal
der Appetit verginge. Der nächste Kurierposten würde einen Transport von
blaugrünen Schildern heranschaffen, welche überall an den zuführenden
Straßen anzubringen seien: »Warnung! Todesgetahr! Lobensteiner Edikt 1829.«

Von den mitreisenden Beamten wurde nach dem erprobten alten System regiert.
Als nun einige Bauern daran gingen, ihre Ställe aufzubessern, fehlte es an
Mörtel. So hieß es in dem Lobensteiner Manuale für Verwaltungstechniker:
man holt sich Mörtel aus Krummbach an der Lahn. Einer las es den Bauern vor
aus dem Buch; so antwortete ein Bauer: »Dann gehn wir eben rüber nach
Krummbach. Ja, gehen wir nach Krummbach; den Mörtel braucht man eben.« Der
Registrator aber zupfte sich die Nasenspitze, meinte mürrisch, es sei recht
weit und der Mörtel würde trocken bis da; er würde einmal in einem andern
Buche nachsehen; er hätte noch ein älteres. In dem stand aber nur, wie man
die Balken zusammenschlägt, daß sie fest zusammensitzen und das Haus nicht
bei Sturm aus den Fugen geht. So sei es geschehen bei Quantberg 1408 im
November. Die Bauern meinten, es ginge auch so, aber mit Mörtel ginge es
noch besser, sie wollten doch lieber nach Krummbach. Da zupfte sich der
dürre Mensch noch heftiger die blasse Nasenspitze, murmelte entrüstet etwas
von Ungeschicklichkeit, unmodernem Wesen, sie könnten sich nicht in die
Verhältnisse fügen, und er würde die nächsten Kuriere beauftragen, von
Krummbach einige Lasten Mörtel heranzuschaffen. Die Stellbauer nickten
friedlich und sagten: »Schönen Dank.« Bald kamen einige daher, zogen die
Mütze und sagten, ihre Pferde müßten neu beschlagen werden. Der Registrator
hüpfte auf seinen Schemel, tauchte in die Aktenmappe und verschrieb aus
Lobenstein einen Hufschmied.

Als bei den Pferdebesitzern nach ein paar Wochen noch kein Hufschmied
vorgesprochen hatte, stellten sie sich selbst an den Amboß, um das Eisen zu
schlagen. Sie verbrannten sich die Hände, tobten und wimmerten, ohne etwas
zustande zu bringen, bis das Schmieden verboten wurde.

Da erschien eines Tages ein Zug von mehreren Männern auf der Landstraße.
Den Lobensteinern war verboten, Fremde einzulassen, aber die Neugierde war
bei allen Ständen groß, und so hatten die Behörden gestattet, daß unter
strenger Aufsicht Reisende durch das Land geleitet und nach Neuigkeiten
ausgeforscht werden dürften. Das besorgte eine bewaffnete Wegekommission.
Diese saß eines Tages vor dem Tore von Padrutz und blies Posaunen auf dem
Wall, wie sie es gewöhnt war, um Reisenden den Weg zu zeigen. Da kamen
sechs Handwerker zwischen den Bäumen daher, hörten erst neugierig zu,
flogen dann auf die tönende Musik wie Motten aufs Licht. Sie rannten rasch
wieder in das stille Land, als sie die drei mit Gewehr und Helm wie
Gendarme sitzen sahen. Die ließen sich nicht beirren, bliesen vollmundig
weiter. Jene sechs studierten aus dem Gebüsch die eigentümlich ernsten,
enttäuschten Mienen der Posaunisten. Es schien ihnen sogar, als ob bald
der, bald jener verstohlen nach ihnen mit der Hand winkte, freilich konnte
es auch eine versehentliche Bewegung sein. Ein Handwerker nach dem andern
schlüpfte nach einer Weile aus dem Busch, auch wie versehentlich, gähnte
verschlafen, blinzelte gegen die Sonne, schlenderte ein paar Schritte des
Weges heran; sie unterhielten sich dann, zu einer Gruppe zusammentretend,
erstaunt über die Musik, ließen sie andächtig über sich ergehen und nickten
gelegentlich träumerisch mit den Köpfen. Schließlich faßten sie sich unter,
trollten erquickt an das Tor und begrüßten die drei Musikanten. Sie fragten
nebenbei, ob sie nicht irgendwo Unterricht im Posaunenblasen nehmen
könnten; diese Musik hätte es ihnen allen zumal angetan. Als man sich die
blitzenden Instrumente besehen hatte, baten die sechs um eine Unterkunft
für die Nacht; was die Wegekommission nach abseitiger Diskussion huldvoll
gewährte. Die schlauen Käuze nahmen im Dorfe Quartier. Sogleich fiel ihnen
auf, wie freudig man sie ansah, freilich auch, wie wenig eigentlich die
allgemeine Verwahrlosung in Einklang stand mit der herrschenden
Festesstimmung. Die Hausfrau erklärte, es fehle noch am Notwendigsten am
Orte, man hätte noch keine Instruktionen über die Zahl der erlaubten
Butterfässer usw.; es schwatzte nämlich jeder Lobensteiner, sobald er in
die Schule kam, von Instruktionen und gebrauchte gegen ahnungslose Menschen
unversehens den Kurialstil. Die Handwerker hielten die Augen offen,
durchschauten die Situation, und bevor sie am nächsten Morgen abgeschoben
wurden, baten sie, man möchte sie zum Hauptregistrator führen; sie wüßten
allerhand Lebenswichtiges. Dem Oberregistrator erklärten sie in einem
scheunenartigen Gebäude: die letzten Kuriere seien, bei Kinzelheim, wo ein
Lobensteiner sein Gewehr verloren hatte, überfallen und ihrer Papiere
beraubt worden; neue Kuriere kämen erst in sechs Wochen; denn inzwischen
fiele Fronleichnam, und der bestellte Hufschmied könne auch nicht früher
kommen, weil seine Schwägerin entbunden habe, einen reizenden dicken
Knaben, Paul heiße er, geradeso wie sein Vater; aber kommen täte sein Onkel
nicht vor der Taufe. Der Registrator fand das sehr begreiflich, er dankte
ihnen für den Bescheid, und wenn sie den Vater Paul wieder träfen, sollten
sie ihn schön grüßen, und ihm Glück und der jungen Frau ein gesundes
Wochenbett wünschen. Die Boten verneigten sich, wedelten mit der Mütze,
berichteten weiter: Der Hufschmied Paul habe sie beauftragt, ihn so lange
zu vertreten, rein privatim, für eilige Fälle, und den Neupadrutzern
vorläufig allerlei Handgriffe des Schmiedens zu zeigen. Wofern dies
angenommen würde, wären sie bereit, stellten sich zur Verfügung usw. Man
war des sehr zufrieden. Die Handwerker waren zwar jung, aber von guten
Manieren und erweckten Vertrauen. Dazu drängte die Schmiedearbeit aufs
äußerste; die Pferde hinkten im ganzen Lande; vor die Pflüge spannten
couragierte Frauen ihre Männer und sonstiges Gesinde; zu schwere Lasten
blieben liegen und das Land schien übersät von Abfall. Man räumte den
Handwerkern ein schönes kleines Haus ein mitten im Dorf, setzte ihnen eine
Wirtschaftsfrau hinzu und hieß die Frau, die Fremden ordentlich
herauszufüttern, damit sie zu ihrer Arbeit gut im Stand wären. Die Schelme
ließen sich das gefallen. Sie erklärten, fünf, sechs Tage zu brauchen zu
den Vorbereitungen für die große Schau. Nachdem sie schön rund gemästet
waren, ließen sie vernehmen, sie wären jetzt so weit. Und am achten Tage
stellten sie sich auf dem Markt ein, mit einer Fahne, die noch weit über
Lobensteiner Art war. Grün schillerte das Tuch; in einem roten Feld drin
sprangen sechs muntere Füllen und rupften das Gras; von allen vier Ecken
her schwammen veilchenfarbene Fische, es mochten Karpfen sein oder Hechte;
sie sperrten die Mäuler und schienen in das rote Feld hinein zu wollen.
Sogar die Fahnenstange war nicht ohne Pracht; sie hatte einen goldenen
Anstrich; in der Mitte der Stange stand auf einem kleinen Vorsprung, wie
auf einem Altar, ein ganz weißer Mann, ohne Hut, mit einem riesigen
Zwickelbart; seine Augen waren geschlossen; er hatte eine richtige Klingel
in der Hand; es mochte sein, daß er im Schnee ging und daher geblendet war.
Das Bild machte auf die Lobensteiner einen besonderen Eindruck. Sie trauten
sich nicht zu fragen, was es bedeute, um nicht lächerlich zu erscheinen vor
den Fremden, aber sie gingen immer auf und zu, besahen den stolzen
Fahnenträger und sein Kunstwerk; wenn er sich bewegte, klingelte oben leise
das Männchen mit der Glocke, und alle sechs Handwerker machten dann ein
ernstes, ja schwermütiges Gesicht. So viel war allen Lobensteinern klar,
daß die Sache etwas auf sich hatte. Man fand sich in großen Haufen und
wartete auf den Verlauf der Dinge. In der Mitte des Marktes war ein Amboß
mit allem Zubehör gerichtet. Plötzlich ertönte zu aller Schreck ein Schuß;
aus dem Fenster eines Hauses am Markte scholl Geschrei; eine Frau erschien
mit aufgelöstem Haar, einen Rahmen in der Hand, brüllte hinaus, der Spiegel
sei entzwei, die Waschschüssel sei entzwei, ganz entzwei: »Mord, Mord, man
schießt!« Ungerührt lud einer der Handwerker noch einmal und schoß nach
einer andern Seite, während die fünf übrigen ihn deckten und drohend die
Fahne rauschen, das Männlein klingeln ließen. Die Leute vor ihnen stoben
auseinander; ein paar Beherzte fuhren hinterrücks auf sie zu, was das zu
bedeuten habe. Höhnend erwiderten sie, das sei bei ihnen so Brauch. Da kam
aus dem angeschossenen Haus schon die Frau mit ihrem Rahmen gerannt, das
Gesicht puterrot, ihre Röcke flatterten, sie schwang einen Regenschirm,
zwei andere Frauen und ein Mann mit Feuerzange und Besen flitzten
hinterdrein. Die Handwerker zückten die Fahne auf sie wie einen Spieß,
schrieen: »Wehe, wehe über Lobenstein; es wird vergehen wie der große
Napoleon!« Und damit nahmen sie ihre Beine in die Hand und rannten davon.
Sie konnten aber nicht so schnell laufen wegen ihrer ungewohnten
Leibesfülle, schnauften in ein grade offnes Haus, dessen Besitzer nicht
anwesend war, und verbarrikadierten sich. Da saßen die Schelme nun fest.
Sie waren die Tage vorher in Verzweiflung gewesen, wußten nicht, wie heraus
aus der Klemme, da sie Schneider und Schuster waren, aber keiner Schmied.
Das Essen schmeckte immer besser, und in ihrer Verlegenheit fingen sie an,
sich die Fahne zu sticken und zusammenzuflicken; sie hofften todesmutig auf
irgendeinen rettenden Zwischenfall. Die Beine schlotterten ihnen, als sie
auf den Markt zogen, das Gewehr hatten sie noch zu guter Letzt in der
Dachkammer des Hauses aufgestöbert und mitgenommen. Jetzt schoß der eine in
einer Art ängstlicher Berauschtheit, in einem unsicheren Gefühl, daß hier
etwas geschehen müsse, bevor der Registrator eintraf; der Amboß erschien
allen wie ein Richtblock; er schoß in Todesfurcht und hätte, wenn es sein
müßte, die ganze Stadt und seine Kameraden erschossen. Die Lobensteiner
rissen aus, und die Gesellen, Hals über Kopf, brüllend flohen hinterher.

Ab und auf wogte die Menge vor dem Kastell; bisweilen steckte ein Schelm
den Kopf zum Fenster hinaus und schrie etwas Befehlendes in einer fremden
Sprache. Gegen Mittag erschien der uniformierte Oberregistrator vor dem
Haus. Sie riefen ihm zu, es liege ein Bruch des Völkerrechts vor; man hätte
sie verjagt, mit Besen und Feuerzangen bedroht. »Wehe, wehe.« Warum hätten
sie geschossen? -- Geschossen? Das seien Salutschüsse gewesen, wie sie in
ganz Böhmen, Mähren, Istrien, Venetien bis zur Lombardei herunter täglich
bei freudvollen Ereignissen losgingen; und wenn schon ein Spiegel dabei
zerbräche, was mache das aus! Ein Spiegel! Wehe, wehe! Sie würden ihn
bezahlen. -- Dem Registrator wurde fade zumut bei diesen Reden; das
Völkerrecht gebrochen zu haben, war für einen Lobensteiner kein kleiner
Vorwurf; er hatte dazu das Bewußtsein, überhaupt ein Unrecht begangen zu
haben mit der Zulassung dieser Fremden. Er gab innerlich klein bei und
parlamentierte herum. Da öffnete sich unversehens oben eine Dachluke, auf
einer Leiter stieg geheimnisvoll heraus an die Luft ein weiß bemalter Mann,
anzusehen wie jenes Schneemännchen, klingelte laut, eine Stille trat ein
und sprach einen furchtbaren Fluch über Lobenstein aus. Dann sank er wie
ein Geist nieder. Es war ein entsetzlicher Moment; die Bauern standen da
wie Steine. In dem anhaltenden Schweigen pochte der Beamte an die Tür,
versprach Genugtuung. Aber lange dauerte es, bis sich drin etwas rührte.
Die Türe öffnete sich. Stumm zogen die verstörten sechs Handwerker heraus,
reichten feierlich dem Regierungsvertreter die Hand. Ihr Schutzgeist, das
Männlein im Schnee, hätte sie verlassen; das hätte sie bekümmert; es sei
einen Moment von ihnen gegangen, eben im Häuschen, von der Stange sei es
heruntergeschritten die Treppen hinauf; sie seien froh, jetzt stünde es
wieder ganz klein auf seinem Eckchen. Ein paar Lobensteiner Frauen ächzten:
»Des hat ja auf dem Dach gestanden; geklingelt hat es.« Schwermütig winkten
die Gauner, scharten sich um die Fahne und blickten zu dem Klingelgeist
herauf. In der gesammelten Stimmung begegnete man nun einander mit Ruhe.
Der Beamte lud die sechs Fremden in sein Haus zum Mittagsmahle ein. Vorerst
übten die Gesellen an ihrer Fahnenstange eine umständliche Art Neuweihe vor
dem Haus unter einer Laube, umzogen die Stange, murmelten allerlei,
besprengten sich und das ragende Holz, verhüllten zum Schluß das
umfangreiche Möbel in ein bereitgehaltenes blaues Tuch. Nunmehr nahmen sie
auch den Fluch von Lobenstein zurück und begaben sich an die Mahlzeit. Dann
wie es Zeit war, hieß es Abschied nehmen. Sie waren zu erschüttert, um noch
zu guter Letzt, wie sie vorhatten, den Stallbauern ein paar
Schmiedehandgriffe beizubringen im Auftrag ihres verhinderten Freundes; sie
baten um den gern gewährten Dispens. Von der Wegekommission unter
Posaunenstößen an die Grenze geleitet, sagten sie allen Hinterbliebenen
ihren Dank, sprachen auch den ausdrücklichen Wunsch aus, daß jener
spiegellosen Witwe von Staatswegen Ersatz geschaffen würde. Sie selbst
nahmen neben vielen sonstigen Grüßen eine Empfehlung an den König von
Böhmen mit, dem sie dienten. Es wurde von ihnen dem Anführer der
Wegekommission eine Art Schärpe überreicht, mit welcher der Älteste der
Gesellen selbst paradiert hatte; unter Segenswünschen und beiderseitiger
Erleichterung ging es dann den Wall hinunter in das heimatliche stille Land
hinein.

Keineswegs war mit dem Abzug der sechs Schelme die Angelegenheit erledigt.
Der Anführer der Wegekommission bemerkte schon bald, nachdem er die Schärpe
angelegt hatte, einen eigentümlichen Geruch an sich. Er schämte sich, gab
das Blasen auf und schwand nach Hause. Während er in Anbetracht seiner
Auszeichnung würdevoll spazierte, merkte er doch, daß er hinterwärts
tropfte und daß die Schärpe auch seitlich etwas sickern ließ. In seiner
Kammer vor der Welt verborgen, stellte er fest, daß das bunte Tuch mit
saftigen Kuhfladen gefüllt war. Er hätte drüber geschwiegen, nur seine
Frau, die ihn im Verpacken der ungewohnten Massen antraf, meldete den
Betrug dem Amtmann, und heimlich vor dem Volk wurden im Schoß der Padrutzer
Regierung Nachforschungen, Verhöre und Beratungen angestellt.

Die Einwohner blieben ruhig. Man diskutierte öfter, ob der Fluch des
Schneemännchens seine Geltung habe oder nicht. Die mit der Sache nicht
Vertrauten berichteten ihren Bekannten, es seien Vertreter einer großen,
fischfangenden Nation dagewesen, aber abgewiesen worden, die Lobensteiner
gäben sich nicht für fremde Affären her. Während die Regierung noch beriet,
ob die sechs Gesellen Musikbeflissene oder Spione einer der umliegenden
Großmächte wären, verfiel das Volk in einen kläglichen Zustand. Das Geld,
das die Leutchen wenig brauchen konnten, nahmen ihnen die Zigeuner und
Gaukler weg. Viele Padrutzer kamen aus der einmal überkommenen
Feiertagsstimmung nicht heraus; sie blieben bei ihren Großmannsmanieren,
der Spaziergängerei und dem Wirtshaussitzen. Sie waren die Auserwählten und
bewiesen es in mannigfachen Wettläufen zu jeder Unzeit; es ließe sich nicht
dran rütteln, wie tüchtig sie wären, und sie lauerten nur auf den Moment,
wo sich junge Burschen der Nachbarschaft hereinverirrten nach Padrutz, um
sie einzuladen und mit Trompeten unterliegen zu lassen. Mit dem
Hereinverirren war es freilich solche Sache; die Stachelzäune um Padrutz
waren hoch, viele Fuchsfallen hatte man gestellt und schon waren an
dreihundert Mann damit beschäftigt, die Gräben und schlau versteckten
Tümpel anzulegen, in die sich Eindringlinge stürzen sollten; es stank im
Umkreis nach dem Unrat, den man hier anhäufte. Reich waren die Seen und
Bäche des neuen Gebietes an Fischen, starke Karpfen sah man sich tummeln,
räuberische Hechte und sonstiges Schuppengetier; man griff sie heimlich mit
den Händen; aber Netze besaß man nicht; es war außerdem noch nicht heraus
und stand nicht fest, ob die Behörden den Übergang von Fleisch- zur
Fischnahrung billigten. Schon stach der Hunger und man verschlang, was in
die Hände fiel. Da liefen traurige Räsonneure herum, die geradezu
behaupteten, sie könnten die Fäuste nicht dauernd, bis alle Materialien und
Erlasse kämen, in die Tasche stecken, und die Glieder würden ihnen klamm
vom vielen Herumhocken. Schöne Weinberge gab es in Padrutz; scharf fuhr die
Polizei dazwischen, wenn sich solch Räsonneur an den Reben zu schaffen
machte; er solle gehen, wo er hingehöre; welschländische Sitten hier
einzuführen solle niemand sich unterstehen; man bliebe Lobensteiner unter
jedem Himmel. So trockneten die Weinberge; aber auch die Äcker wurden
schlecht bestellt und brachten wenig, herein durfte nichts, die Amtmänner,
Kommissare fingen an, selber unruhig zu werden. Es starben Leute weg, weil
sie schlecht ernährt wurden; die Kinder sahen blaß aus und quarrten. Die
Kommissare faßten Mut, schickten Boten in die nahen Ortschaften, ließen
Brot und frisches Vieh aufkaufen. Nachts saßen sie in Gebüschen bei den
duftenden Tümpeln mit den Juden, die hier ehemals gehaust hatten, und
handelten. Bei Tag taten sie streng, sahen übernächtig aus und benahmen
sich zum Schein, als ob sie nicht übel getafelt hätten. Erlasse und Verbote
liefen weiter ein; es besserte sich manches, aber das meiste ließ sich
nicht ändern. Die Lobensteiner waren nur an Lobensteiner Verhältnisse
gewöhnt, dazu an das Drängen und Schieben von oben; hier wußte sich niemand
aus; sie trösteten sich, sie stöhnten: »Unsere Kinder werden es besser
haben.«

Von der Unbehilflichkeit der Leute sind zahllose Geschichten im Schwange.
Sie alle zu erzählen ist ein einzelner gar nicht fähig. Worauf die Leute
verfielen, zeigt sinnfällig die Geschichte von der Kuh. Eine Mutter hatte
ein kleines Kind, das sie mit Milch füttern mußte. Weil sie nun viel
ausging und ihr Mann zu den eingebildeten Springern und Flaneuren gehörte,
so legte sie das Kindchen oft im Stall in eine Ecke, damit sie es gleich
zur Hand hätte, wenn sie die Kuh melkte. Bald schien ihr auch das zu viel;
sie flocht sich ein Körbchen und band es der Kuh auf den Rücken; oben lag
in einem Bettchen das Kind und sie brauchte sich nicht zu bücken. Damit nun
die Kuh niemanden heranlasse und das Kind ihr nicht gestohlen werde, vergaß
sie nicht, dem Vieh einen großen Stein an den Schwanz zu knüpfen, damit es
Angreifern eins vor die Brust versetzte. Es hätte natürlich nicht viel
gefehlt, daß statt dessen das unvernünftige Tier das Kindchen in seiner
Unruhe schlug. Wie die Mutter am Morgen das Tier wild mit dem Schwanz
fechten sah, -- sie hatte sich schon Bänderchen um den Kopf und eine rote
Schärpe umgehängt, weil heute ein noch unbekannter Heiliger durch eine
Prozession verehrt werden sollte, -- traute sie sich nicht an die Kuh
heran, denn das schlagende bewaffnete Wesen schien es nun auch direkt auf
sie abgesehen zu haben. Das Kind schrie nach seiner Milch und in ihrer Not
und Einfalt holte sie sich einen kleinen dünnen Schlauch, stieg, von dem
grimmigen Rindsvieh entfernt, auf eine Leiter, rutschte auf einem
Dachsparren entlang, bis sie über dem Kindchen saß mit ihrer Spritze und
ließ die Milch dem Kind von oben in den Mund fließen, sachte und unter
vorsichtigem Zielen. Es versteht sich, daß das Geschöpf sich oft
verschluckte und völlig begossen wurde; daß auch die Kuh hin- und hertrabte
und nach den Beinen der schwebenden Mutter schnappte. Bei dieser Prozedur
kam eine andere Frau an, blieb im Stalleingang stehen und schrie, die
Mutter solle der Kuh ordentlich eins mit dem Schuh auf die Nüstern geben.
Die Mutter tat es, und diesen Augenblick der Verblüffung des Viehs benützte
jene Frau, um hinterrücks anzuspringen, den Schwanz zu packen und den
gefährlichen Stein abzuschirren. Froh kletterte die Mutter abwärts, lief,
um mit der Hand noch einmal die Schwere des Steines zu prüfen. Die
Nachbarin aber hielt sie mit schlauer Miene bei der schönen Schürze fest,
steckte den Finger in den Mund, und nun setzten die ungezogenen Weiber
folgendes ins Werk: sie drehten sachte das Körbchen, aus dem sie das
Geschöpfchen herausgehoben hatten, abwärts, ließen es an dem Strick, der um
die Kuh reichte, heruntergleiten um die Bauchwölbung des Tieres, bis es
unten hing. Da hinein versenkten sie den Säugling, nahe dem Euter und der
frischen Milch. Sie schlüpften zurück und bewunderten von der Stalltür
entzückt ihre Arbeit, und wie gut das Würmchen aufgehoben war an der warmen
Quelle. Es wäre wohl alles so verblieben, hätten nicht die Kuh selbst und
zwei daneben stehende Ochsen der Sache ein Ende gemacht. Das Kindchen noch
naß, ließ sein Stimmchen aus dem wogenden Versteck erschallen; die Kuh,
wahrscheinlich in der Meinung, daß sie Bauchrednerin geworden sei, stand
stumm und unbeweglich, glotzte entgeistert und horchte. Die beiden Ochsen
stellten sich herzu, senkten die Köpfe und schwankten zwischen Ehrfurcht
und Mitgefühl, äußerten sich in einem ungeheuren Brüllen, fragend,
antwortend, tröstend. Auf das unglaubliche Getöse lugten einige Männer
herein. Diese klärten die Situation allseitig. Sie holten das Kind; dann
nahmen sie ihre Hosengürtel und schlugen damit den Weibern ums Maul;
vielfach holten sie aus; die eine verlor dabei ihre Bänder, die andere
verwünschte ihre Schlauheit. Kuh und Ochsen fanden sich erleichtert.

Es wohnte da auch in einem dunklen Hause ein älterer Barbier. Der hatte von
seinem Vater ein großes Ofenrohr geerbt, welches unten zugelötet war. Warum
es zugelötet war, ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls stand es
seit altersher in der Wohnstube des Barbiers. Eine besonders finstere Ecke
wurde stets ausgewählt für das Ofenrohr; da hielt sich das rauchschwarze
zylindrische Instrument auf, zwischen hochlehnigen Stühlen und Körben, die
vergeblich suchten, den ungewöhnlichen Gegenstand zu verdecken. Das
zugeschweißte Ding wurde von dem Barbier benutzt als Opferstock und
vorübergehende Depositenkasse; wenn er etwas wieder haben wollte, so nahm
er eine reservierte Schere seiner Barbierstube, deren beide Flügel durch
mächtige Holzgriffe verlängert waren und ließ sie in die Tiefe nach der
Beute schnappen. Oder er griff zu einem übermäßig gestreckten Löffel,
scharrte und angelte am Boden. Die Röhre war mit nach Padrutz gewandert, in
dem Barbierhäuschen hatte sie ihren angestammten Eckplatz gefunden. Einmal
ging der Mann am Feierabend in die Ecke, packte die Röhre bei ihrer
Öffnung, wippte und drehte sie leicht, ließ Schere und Löffel herabspielen.
Aber wie sie auch schnappten, sie fanden nichts. Der angeschweißte Boden
hatte sich nämlich gelöst von dem Rohr; Geld und Boden stand etwas entfernt
auf der Erde. Er schob alle Kästen, Koffer und Stühle beiseite, rollte die
polternde Röhre an das Fenster, richtete sie auf und begann das Visitieren
von neuem. Der Schweiß lief dem kleinen kahlköpfigen Mann über die
Nasenflanken, sein schmales graues Gesicht vibrierte: mit Löffel und Schere
spazierte er auf und ab, umging seinen Tresor, ließ seine Füße dagegen
pendeln; aber kein herzliches Geld klapperte. Wie er auch entsetzt und
giftig über die Röhre herfiel, sie drückte und rüttelte, ihr Bauch blieb
still, »es ist weg!« Er hatte vor einer Stunde noch die letzten Heller
hinuntergeworfen, nicht aus dem Zimmer war er gegangen! Der Barbier lief zu
seinem Nachbar, der sein letzter Kunde gewesen war, holte ihn in die Stube
und fragte, ob er ihn nicht vor grad einer Stunde barbiert hätte nach allen
Regeln seiner Kunst. Der schmunzelte: »Ei ja,« und seine Frau habe ihn
bewundert, weil er so schön gerochen hätte und acht Heller habe er dafür
geleistet: »Ei ja, ist schon alles recht.« Der Mann wollte dem Barbier
wieder die Hand geben, aber der verängstigte Mensch hielt ihn beim
Rockkragen: »Und die acht Heller, die hab' ich da aus dem Fenster
geschmissen oder aus dem?« »Ei nein,« brummte der andere und nahm die
Pfeife aus dem Mund, »wie wirst du denn meine guten acht Heller aus deinem
Fenster werfen. Das Geld steht zwar schlecht im Kurs hierzulande, aber hast
sie dir doch sauer verdient an meinen Stoppeln.« Er lachte behaglich,
betrachtete seinen Mann zweifelnd. Der ließ den Rockkragen los. »Es ist
weg, die acht Heller sind weg; die zwanzig Heller für Pomade sind weg; das
ganze Geld vom langen Tag ist weg.«

Der Nachbar begütigte unverändert lächelnd: »Ei nein. Wie wird doch das
ganze Geld weg sein, für die Pomade und das Barbieren? Wo wird es sein? In
der Röhre, in der Röhre; bei der alten Tante.« Der Barbier auf dem
niedrigen Schemel, der mit Blutflecken bedeckt zum Zahnziehen diente,
stöhnte: »Nicht bei der Tante.« Resolut nahm der Nachbar Löffel und Schere
vom Fensterbrett, suchte erst in der Ecke nach dem Rohr, stieg am Fenster
in den Abgrund. Er machte den Mund nicht wieder zu. Flüsternd kam er hinter
dem Barbier her: »Bist du nicht rausgegangen?« »Nicht rausgegangen.«
»Giebst dein Wort drauf, Barbier?« Da pfiff der Nachbar, ging auf den
Spitzen mit Löffel und Schere ans Fenster, legte alles vorsichtig
nebeneinander, schlüpfte ohne eine Silbe, nur mit der Hand den Barbier
leicht am Ärmel streifend, zur Tür hinaus. Allein saß der kleine Meister in
der Stube mit der schwarzen Ofenröhre.

Nach einer Viertelstunde stiegen drei Männer unter Führung des Nachbarn
ein, flüsterten mit dem Nachbarn, der zeigte: »Da am Fenster.« Sie hatten
alle vier bebänderte Mützen in der Hand, taten sich ein Langes und ein
Breites mit Dienern und Grüßen vor dem Barbier im Angststuhl, umstanden,
Arme über den Leib geschlagen, im Kreis die schwarze stille Blechrundung.
Der Nachbar klopfte dagegen: »Es ist Blech.« Die nickten: »Blech, von oben
bis unten.« Als ein jüngerer die Fingerspitze nach dem Rand ausstreckte,
hielt ihn mit hohen Augenbrauen ein anderer zurück: »Was mußt du gleich
anfassen?« Der ernste Nachbar bog die Knie, stelzte zum Barbier, hauchte
ihm gebückt ins Ohr: »Verhext.« Der Barbier stellte sich leicht zitternd
unter sie; die drei neuen befühlten nacheinander das glatte Kinn des
offiziell dreinschauenden Nachbarn, der auch seinen Geldbeutel klappern und
drücken ließ. Im Gänsemarsch zogen sie hinaus, schüttelten draußen ihre
Jacken. Vorübergehend sagte der Nachbar noch, nicht anrühren sollte der
Barbier die Röhre; wer weiß, wenn man sie sich über den Kopf zieht, wird
man unsichtbar und nachher findet man nicht heraus oder was sonst.

Am nächsten Morgen rückte die Bauernkommission an, sechs Mann stark, nahm
vor der Tür den blanken Barbierteller ab, damit sie keiner störe und begann
das Untersuchen. Zwei Goldgulden hatte jeder mitgebracht, darauf das
Kreuzzeichen mit Kohle gemalt. Das graue Männchen rollte seine Röhre in der
dunklen Ecke; dann wurde er beiseite gewiesen. Ein Bauer trat nach dem
andern an die Höhlung heran, warf seine Gulden herunter. Man hieß den
Barbier nun das Möbel ergreifen, und während alle beiseite traten, an das
Fenster wälzen und aufrichten. Gewichtig trampste ein Bauer an das Regal,
nahm Schere und Löffel herunter und fing an nach abgelegter Jacke zu
scharren, zu angeln und zu schnappen. Es währte geraume Zeit, bis er
abließ. Von allen Seiten versuchten sie ihr Heil, schweißtriefend scharrten
sie sich um das wackelnde Rohr und unternahmen Angriffe. Nunmehr hieß der
Anführer der Kommission den Barbier, das Rohr zu kippen; zwei Mann luden es
sich auf die Schulter und postierten sich damit vor ihren Befehlshaber. Der
ließ Platz machen und schaute in die Höhlung hinein. Er setzte sich auf
einen Stuhl. Als das Fenster geöffnet war, richtete er sich auf, schüttelte
den Kopf: »Der Boden ist durchsichtig, völlig durchsichtig! Man sieht den
leibhaftigen Himmel.« Die Übrigen nahten sich hintereinander, das
Kopfschütteln und betretene Herumblicken nahm kein Ende: »Man kann den
Himmel erblicken durch den Boden.« Der Barbier hatte die Nacht über geweint
nach seinem Geld; nunmehr drückten ihm die Bauern einer nach dem andern die
Hand, sahen ihn ernst und gefaßt an und verschwanden. Draußen standen sie
noch in einer Reihe unter dem Scheunendach, guckten und zeigten nach dem
Haus herüber. Bald hinter ihnen her spazierte der Nachbar mit Frau und
Schwagersleuten herein zum Barbier, sie hatten die Kommission draußen
parlamentieren hören und wollten einmal sehen, was die Röhre blicken lasse.
Abwechselnd hielten sie das Blech auf ihren Buckeln; der Nachbar äußerte
befriedigt: »Ja es ist ein schöner Durchblick.« Und alle sahen hindurch und
freuten sich des schönen Himmels; und erzählten zu Hause, welch schönen
Himmel man dies Jahr durch die Wunderröhre des Barbiers sehen könne, so daß
am selben Nachmittag schon welche gelaufen kamen mit Würsten, Pulswärmern,
Messingknöpfen, Schnupftabak und zu der Stube hereindrangen. Der wollte
wissen, ob man auch fragen könne, wie es der Schatz mit einem meine, der,
wie das Bier wird, der, ob das Rohr auch wisse, wo Geld vergraben liege; er
wüßte nämlich ein sonderbares Loch in der Nähe. Der angestaunte Besitzer
ging erregt durch das Zimmer: »Man muß halt alles versuchen: fragt's mich
nicht. Die Haare können einem zu Berge stehen ob dero Geschichten.« Er
erinnerte sich in all dem Gedränge, daß sein Großvater, der erste Besitzer
des Rohrs, ein frommer, seliger, freilich auch verdächtiger Mann gewesen
sei, sofern er nämlich unter merkwürdigen Umständen starb mitten beim
Essen, nachdem er dreimal auffällig mit dem Mund geschnappt hatte. Das war
ein Zeichen, er hatte etwas sagen wollen wegen des Rohrs. Ein altes Weib
tat wehmütig einen flüchtigen Blick durch das Rohr, dann machte sie den
Mund ganz schief, schluchzte und bellte: »Man kann den Himmel sehen samt
den Englein. Mein Philipp ist da, ja mein Philipp ist da.« Ein dickes
junges Wesen mit vielem Putz tröstete die Witwe, meinte: »Ich schau nicht
durch. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen. Der Magen könnt' sich einem
umkehren.«

Der Barbier machte hinter den Leuten die Tür zu; er stellte das Rohr in
seinen finstern Winkel, legte das Ohr an das Blech; er hörte es deutlich
flattern und pfeifen von vielen himmlischen Vögeln; dann gab es eine
beängstigende Stille. Er warf einen Heller hinein, wartete etwas; dann
kniff er die Augen zu, faßte sich ein Herz, angelte und schüttelte das
Blech. Die Buben standen vor dem Fenster, schrieen: »Gold macht er, Gold
macht er.« Er drohte hinaus, zog die Vorhänge zu, schmunzelte bösartig:
»Nun, wenn ich schon Gold mache; ihr kriegt nichts ab, verschmutztes
Gesindel.«

Mariandel hieß seine Tochter, sie war nicht sonderlich schön; sie erlebte
in diesen Tagen eine feine Zeit. Die Burschen liefen ihr zu Dutzenden nach.
Sie ließ ihre böse Zunge, wegen der sie auch gehaßt war, gehen, fischte
sich die am meisten umschwärmten Burschen heraus und führte ein großes
Getue mit ihnen beim Kirchgang und auf dem Marktplatz. Die Burschen, ob der
drohenden fabelhaften Mitgift, ließen die Weinflaschen anspringen,
schmeichelten der dürren eitlen Person um Schulter und Brust. Die Mädchen
weinten zu Dutzenden. Ein furchtbares Regiment führte sie, ja der ganze
Tanzhoden zitterte vor ihr, und manche Wirte klagten über das hochmütige
Volk, weil die Barbierstochter den großen Schwarm der Burschen hinter sich
herzog und sich nach Laune bald da, bald da blicken ließ.

Für den Barbier lief die Sache nicht gut ab. Ein anderer Bartscherer trug
gegen ihn eine große Wut zur Schau, weil zu dem Zauberer die Leute liefen
wie in eine Schenke; es hofften nämlich viele, der Barbier würde
gelegentlich etwas für sie abfallen lassen. Jener Bartscherer gewöhnte sich
in seinem Grimm ein besonderes Zucken der linken Backe an; er kehrte den
Spieß um; der alte Barbier und Kollege sei ein Hexerich, und was für einer,
und was es da zu bewundern und was es zu beneiden gäbe? Seit wann werden
Hexeriche angestaunt? Wer garantiere, was dieser Mann alles vor habe?
Alles, alles, noch alles! An euren Früchten soll man euch erkennen; man
frage einen gewissen Wirt zum Goldenen Elch, wie lange sich nächtens eine
gewisse unansehnliche Dame, Fräulein oder Jungfer, Mariandel geschimpft, in
einem gewissen Garten mit Burschen aufhalte, heute den, morgen den, und
übermorgen den umhalse? Wie gewonnen, so zerronnen, hieße es, und ferner:
Untreue schlägt seinen eigenen Herrn, und ferner: es ist noch nicht aller
Tage Abend. Der Widersacher, in seiner mageren Existenz bedroht, bestimmte
einige ausgeschlossene Freiersleute, dazu eine kleine Horde unbegüterter
Mädchen, sich ihm anzuschließen und einen Vorstoß zu unternehmen gegen das
Hexen- und Zauberwesen im neuen Padrutz. Sie schmiedeten mancherlei Pläne
und schließlich wurde ein Komplott reif gegen den Barbier. Eines sehr
dunklen Abends rückte eine Schar Mädchen mit wenigen Männern in den Garten
zum Goldenen Elchen ein, schwang Besenstiele und Stangen, vertrieb und
prügelte die hinter Bäumen lauernden Burschen, die auf einer Wiese kosende
Mariandel wurde aus ihren Träumen gerissen, windelweich gegerbt, alsdann
gebunden in eine entfernte Scheune transportiert. Inzwischen marschierte
der hetzende Widersacher mit seiner Mannschaft vor das Barbierhaus; ganz
still war es da und schöne Sommerluft wehte; der gewandte Mann schwang sich
anschleichend durch ein offenes Fenster, wand sich ohne zu poltern in die
Nähe der gefährlichen Röhre und plötzlich, als er den Barbier schnarchen
hörte, gab er einen lauten Schrei von sich, die Mannschaft stürmte herein
durch die springende Türe. Eine rasende Schlägerei entspann sich mit
Möbeln, Gegenständen, denn man fürchtete überall Hexenkram. Der Zauberer
suchte in seiner Todesangst nach dem Rohr zu entwischen; sobald er nackt
den Angreifern ausglitt und fortschlüpfte, stand der andere Pomadenkünstler
drohend mit seinem Knüttel da, wie der Erzengel vor dem Paradies, und die
Hiebe sausten auf den kollegialen Buckel. Wie man ihn im Finstern
überwältigt hatte und zwischen Betten festgeschnürt auf den Boden legte,
stürzte unvermutet das Rohr um; es hatte sich nämlich der Widersacher unter
heftigem Zucken seiner Backe daran zu schaffen gemacht, um hinterrücks zu
seinem Glück zu kommen. Aber in dem kleinen Zimmer purzelte alles
durcheinander; mehrere rutschten aus über das rollende Blech; es war im Nu
verbogen, und wurde von einem, der sich die Hose daran aufriß, in der Wut
zertreten, zerbogen und völlig seiner Form beraubt. Nachdem die höllische
Schar das Geschirr im Laden, Seifenbecken, Waschkanne und Zierkrüge kurz
und klein geschlagen hatte, verschwand sie im Dunklen, von wo sie
angeschwirrt war. Unter den heißen Betten wimmerte der geprügelte Barbier;
die unansehnliche Tochter wurde vor Anbruch des Tages noch von drei
Mädchen, die in ihrer Rachsucht nicht schlafen konnten, zwei- dreimal in
einen der nahen Stinkseen getaucht und so besudelt am Ufer hingeworfen. Mit
der nächsten Morgensonne ward alles aufgedeckt. Der Barbier erstattete
Anzeige, er sah sich vor dem Ruin. Bei der ersten Vernehmung jedoch ließ er
die Anklage fallen, denn er durfte nichts von dem Zauberrohr verlauten
lassen vor der Behörde. So wäre der graue geplagte Mensch schrecklich von
dem Schicksal gefoppt worden, nachdem er sein Rohr, viel Handwerksgeschirr
und manchen Kunden verloren hatte. Aber wie er einmal auffegte in jener
dunklen Stubenecke, sehnsüchtig bei der Erinnerung an sein Rohr, erfüllte
sich ein Wunder: plötzlich lagen da, von Staub bedeckt, zahlreiche blanke
Goldgulden und massenhaft kleine Heller. Auch der Boden des Rohres lag da,
freilich das Trümmerstück war ganz gewöhnliches Blech und nicht mehr
durchsichtig. Beglückt und gequält sammelte er alles zusammen; er dachte,
am Boden hockend, den Fund im Schoß, was sich alles hätte erreichen lassen
mit dem Rohr, wenn es sogar in der Abwesenheit an seiner Wohnstatt Geld
hinstreute, wie eine Henne, die nach ihrem Tode noch Eier legt. Als er
jegliches in Gedanken durchgegangen war, hob er sein mageres Körperchen
auf, legte alles Geld in seinen Beutel, umstellte nun die Fundstelle, wie
früher das Rohr, mit Kästen, hohen Stühlen und Gerümpel. Er gelobte in dem
ungezäunten Revier über Jahr und Tag wieder zu fegen. Die mißachtete
Mariandel wagte sich kaum ans Licht; sie war von ihrer Höhe gestürzt. Es
dauerte lange, bis sie ihr Zünglein wieder entdeckte, und das Zünglein,
nicht mehr als zehn Zentimeter lang, fünf breit und kürbisrot, half dem
schweren verzagten Körper wieder auf. Mit Schnattern und Sticheln kam
Mariandel wieder angerückt. Das Geheimnis der Ofenröhre hat bis heute kein
Lobensteiner entdecken können.

Im Laufe von wenigen Monaten vollzog sich in Padrutz ein mächtiger
Umschwung. Die Beamten, die das Volk zugrunde gehen sahen, duldeten
bedenkenlos mehr, daß Fremde eingelassen wurden. Insbesondere war die
Sehnsucht der alten Padrutzer groß nach ihrer Heimat. Philine schmeichelte
zwar, sie möchten zusammenhalten, aber sie mischten sich mehr und mehr
unter die Lobensteiner, wurden Gläubiger der lustigen Rheinländer und
setzten sich nach und nach in ihre Häuser. An den Herzog Stoffel ließ man
nichts verlauten. Er wußte nicht, daß nach einer scharfen Hungersnot viele
Stacheldrähte entfernt und die Stinkseen eingetrocknet wurden, daß die
Beamten die alten Landstraßen wiederherstellten. Ihn ehrte man nach wie vor
mit den fröhlichsten Berichten und feierte seine Erlasse, die zweifellos
nach dem Abgang der Kuriere in einen der Seen versenkt wurden, friedlich zu
heimlicher Nachtzeit. Die Scheunentore, wie einstmals die alten Padrutzer,
wagte man nicht zu behelligen. Was für Fälle man dem Stoffel in dieser Zeit
zur Beurteilung und Anweisung unterbreitete, soll an dem Beispiel der
fatalen Tür gewiesen werden.

Da hatte man in ein sonst unbrauchbares Häuschen ein altes Männchen
hineingesetzt, das dort allein wohnte. Einige Zeit, nachdem die Erregung
über den Barbier verklungen war, verfaßte dieses Männchen eine Eingabe an
das Padrutzer Amt, daß auch er in einem verhexten Hause wohne. Drei Türen
gäbe es hier, alle, soweit er sehen könne, gut gezimmert und in Angeln
befindlich, aber keine vermöchte er zu schließen. Soviel man an den Klinken
zöge, die Türen fielen nicht zu, und er sei, soviele Schlosser er auch
gefragt habe, nicht mehr imstande, mit privatem Verstand die Sache zu
klären und sich vor Zugluft zu schützen. Zwei behördlich ernannte Schreiner
wurden angewiesen, die Türen herauszunehmen, alles gut abzumessen, zurecht
zu hobeln; ein Schlosser hatte von neuem das Schloß zu kontrollieren. Alles
vollzogen, lief eine neue jammernde Eingabe des Greises ein: nichts sei
geholfen, die Sache vielmehr erschwert. Bei den Bemühungen, die Türe zu
schließen, hätte er sich schon die Füße zerschunden; dick seien sie und
verbeult; nur in Filzschuhen könne er noch gehen. Man lud den klagenden
Herrn auf das Amt; es erwies sich, daß er tatsächlich in Filzschuhen ging;
auch waren seine Füße rot und in einem unschönen Zustand allgemeiner
Schwellung. Die Berichte von Schreiner und Schlosser ging man durch, die
Türen seien nunmehr vollkommen und fügten sich in den Rahmen wie ein guter
Lobensteiner in das Gesetz. Der Schlosser resümierte sich: die drei
Schlösser sind tadellos, täten schnappen und schließen, wie man wolle;
alles sei freundlich und adrett, daß man seine Freude an dem artigen Ding
haben könne. Aber die Füße des Greises sprachen dagegen; er trug nicht ohne
Not Filzschuhe. Ein junger Beamter, ein Referendar, wurde damit beauftragt,
Pantoffeln und Füße des Greises zu beschreiben, dann die Akten
zusammenzubinden und mit dem nächsten Kurier nach Lobenstein an den Herzog
Stoffel zu schicken. Stoffel, im Besitz des Manuskriptes, dachte lange über
den Fall nach; der Verdacht der Hexerei war nicht von der Hand zu weisen.
Ein Entschluß war eilig zu fassen, da man fürchten mußte, daß dem
verdienten Greis die Füße gänzlich abgequetscht wurden. Er schrieb: Die
Füße des Greises sind mit Speck einzureiben und nicht zu benutzen, bis sie
sich verdünnt haben; das Häuschen schlage oder schieße man ohne viel
Aufsehen zusammen. Der alte Mann geriet außer sich, als ihm dieser
Entscheid wurde; er weigerte sich, sein Haus zu verlassen, und der gute
Speck jammere ihn. So griff die Regierung zu einem Gewaltmittel, um den
offenbar Lebensüberdrüssigen zu retten. Sie versteckte eines Abends sechs
Mann in dem Häuschen und ebensoviel vor der Tür, alle scharf bewaffnet, um
einen eindringenden oder entweichenden Schatten sofort zu stellen; sollte
sich nichts ergeben, so wollten sie den Todeswütigen kurzer Hand im Schlaf
packen, herausschleppen und das Gebäude anzünden. Als die sechs nun
verstreut im Hause herumlagen, sollten sie die Sache in einer
überraschenden Weise geklärt sehen. In der Dunkelheit schlurrte der alte
weitsichtige Mann an, suchte auf dem Tisch unter Käsetellern,
Zeitungsblättern und Kartoffelpellen nach seiner Brille; die fand er nicht,
aber einen Teller und mehrere Gabeln warf er herunter, so daß er mürrisch
davon abstand herumzukramen und in dem fast leeren Zimmer ab und auf
spazierte; der Greis konnte offenbar nicht den Abstand der Gegenstände
richtig schätzen, denn er ging forsch auf nahe Dinge los, auf einen Stuhl,
gegen das Bett, auf das Fenster, rannte im Sturmschritt gegen sie an. Mit
Bedauern sah die versammelte Mannschaft, wie der verehrte Greis in seinem
Ungestüm Beulen und Blessuren davontrug und nach kurzem Ausruhen die Jagd
von neuem begann. Nebenan lag eine Kammer. Die Beobachter stellten fest,
daß der Interpellant mit einem gewissen Argwohn vor der Tür herumschritt,
sich über seine Füße ein Paar ungeheure Wollschuhe zog, die ihm von der
Regierung zur Verfügung gestellt waren. Ein kühler feuchter Zug kam herein
von nebenan; er schien den Greis zu beschweren. Er wich der Zugluft aus,
stellte sich vor die Tür, ging wieder seitlich und rückte abermals an. Man
sah, nicht er war der Angreifer. Mit einem Sprung packte er die Türklinke
und riß die Tür wie einen Bock bei den Hörnern. Aus den Ecken, unter den
Sofas richteten sich blasse Gesichter auf, Gewehrläufe wiesen ihre
Mündungen gegen den Kampfplatz. Pappelnd und murmelnd arbeitete der Greis,
ein lautes Stöhnen schwang aus seiner Brust; aber wie er zog, die Tür ging
nicht zu. Ein Ingrimm schien den alten Mann bei den Schultern zu schütteln;
er trommelte und spuckte gegen die rabiate Tür, er trampelte mit den Füßen
gegen die Füllung, und schon hatte er sie wieder bei den Hörnern und
zerrte. Aber statt des ersehnten Einschnappens hörte man nur das
Jammergeschrei des Geklemmten. Ein Führer der Mannschaft unter dem Sofa
vergoß Tränen bei dem Anblick, es war ein klügerer Bauer, den das Unglück
der Lobensteiner gewitzigt hatte; er sah wie der Alte sich zwischen Tür und
Schwelle klemmte; ja, zwischen Tür und Schwelle stand der altersschwache
Lobensteiner Mensch, mühte sich die Türe zu schließen und wunderte sich,
daß unten seine armen gepanzerten Füße gequetscht wurden. Neben diesem
Führer lag einer, der flüsterte: »Wir müssen ihm die Brille geben; er weiß
nicht, wo er steht.« Der erfahrene lächelte wehmütig: »Die Brille macht's
nicht.« Er räumte heimlich die Porzellansplitter vor sich weg, gab den
andern ein leises Signal, während der gequälte Greis in den höchsten Tönen
Zetermordio schrie. Dann schmetterte ein Soldat einen Teller gegen die
Wand; in gellender Angst stürzte der Greis, der sich von seinem Quälgeist
übermannt glaubte, auf den Boden. Und nun packten ihn die Soldaten,
schleppten ihn vor das Häuschen, nagelten rasch die Haustür zu. Die
benachrichtigten Nachbarn, hinaustrabend ins Dunkle, fanden den Alten bei
halber Besinnung vor seiner Wohnung hingestreckt. Sie fragten ihn, was
geschehen wäre; er jammerte verwirrt, tastete nach seinen Füßen, sie mußten
alle seine Füße anfassen und sagen, daß sie noch dran wären. Er wurde von
den gutmütigen Leuten, da er nicht zu seinem Sohn ziehen wollte,
aufgenommen. Von seinem Wunsch, in dem Teufelshaus zu wohnen, war er
geheilt. Die Nachbarn banden ihm seine Brille an einer festen Schnur um den
Hals, so konnte er sie nicht verkramen; die Füße heilten sie aus mit Binden
und lauem Fencheltee. Dem Herzog Stoffel wurde der erfreuliche Verlauf der
Sache mitgeteilt; er war befriedigt, daß in seinen Landen sich nichts
Überirdisches und Abnormes ereignete. Aber er sann doch ernst in dem hohen
Vortragszimmer vor sich hin: wie rasch das Augenlicht der Menschen abnehme;
ob es sich nicht empfehle, schon frühzeitig die Lobensteiner daran zu
gewöhnen, eine Brille zu tragen. Freilich; es sehe nicht schön aus: aber
man könnte vielleicht für die Füße der Bauern Vorsorge treffen; bei kräftig
entwickelten Füßen des Greisen wäre es auf die Stöße der Tür nicht zu
Schwellungen und Schmerzen gekommen. Schmerzlich sei ein Hühnerauge nur,
wenn es vereinzelt vorkommt; dagegen breit ausgedehnt über die ganze Fläche
des Fußes könne es nur wohltuen. Die Minister notierten ehrerbietig die
Weisung.

In Padrutz wurde es Winter. Das Land hatte ein anderes Gesicht bekommen,
auch das Volk sah anders aus. In Amt und Würden saßen noch die Lobensteiner
Beamten, Registratoren, Oberregistratoren, Kirchenbehörden. Ihre Gaukler
aber waren in die weite Welt zerstreut. Bei Fremden taten viele der
Auserwählten Dienst, in Häusern, die ihnen selbst einmal gehört hatten, und
waren damit zufrieden: denn überall in der Welt, so sagten sie, muß einer
befehlen und einer gehorchen. Sonderbar waren manche anzusehen, die als
Knechte Dung und Stroh fuhren und dabei nicht von ihren blaugrünen Schärpen
ließen, mächtige Uhrketten aus Tombak trugen und allabendlich im Wirtshaus
die hohen stolzen Lieder von Lobenstein und dem Stoffel sangen. Die
Fremden, teils Böhmaken gewöhnlichen Schlages, teils ehemalige Padrutzer,
blieben in der Minderzahl; sie behandelten die Lobensteiner wie große
Kinder, aber auch boshaft, mit Ironie und als Ausbeuter. Wo die Fremden
konnten, ließen sie die Lobensteiner ihre Dummheit spüren; sie engagierten
sich aus ihnen Spaßmacher und Tölpel zur Belustigung der Familien. Darin
sahen die Lobensteiner nichts; denn jene gaben ihnen Brot und Arbeit und
waren ihre Herren. Die Fremden luden sich von weither, aus Prag und Wien,
Gäste ein und zeigten ihnen ihre Tölpel, die großen gehorsamen Deutschen,
die mit Bändern und Ringen einhergingen, von ihrem fernen Herzog sangen und
die Windel der Kinder wuschen. Sie lockten auf jede Weise die eigentümliche
Leichtgläubigkeit der Lobensteiner zutage, und hier ist wieder eine derart
traurig-spaßige Geschichte zu melden und läßt sich schwer unterdrücken.

Die Fremden hatten einen Schornsteinfeger mitgebracht, der viel mit den
Lobensteinern zusammensaß und sich an ihnen delektierte. Dieser erklärte
eines Tages, er könne den Blitzschlag aus den Wolken herunterholen; er
wolle eine Wette schließen auf zehn Gulden, daß er es vermöchte. Die
Lobensteiner fanden, das wäre ein billiges Geschäft für eine so große
Sache, schlugen ein und vertagten sich bis zum nächsten Gewitter. Als nach
ein paar Tagen die ersten Wolken hinter dem Gemeindewald heraufzogen, stieg
der Schornsteinfeger, ein langer Schlacks mit veilchenblauen Augen, auf das
Dach des Wirtshauses und benahm sich da oben sonderbar unter Pfeifen,
Flöten und Herumtänzeln, als ob er das Gewitter verlocken wollte. Wie er
lange genug gewinkt hatte und halsbrecherisch seine dünnen Knochen über die
Schiefer schleppte, standen auch ein Häufchen schwarzer Wolken über dem
Dorf; es grollte recht vernehmlich, dicker blähte sich oben das finstere
Getümmel, das Rumoren nahm erschreckende Formen an. Und immer noch ließ der
Schornsteinfeger nicht ab zu locken, zu rufen, zu winken. Plötzlich riß
sich der erste gezackte Blitz vom Himmel los, krachend warf sich der Donner
hinterher und prasselte seinen Grimm aus mit Hall und Widerhall über
Straßen, Türme und Giebel. Gleich nach diesem Vorkommnis tönte die Stimme
des Schornsteinfegers herunter: »Teller herauf, Geschirr, Glas, Porzellan,
was ihr mir bringen könnt.« Der Lobensteiner Widerpart unten im Gastzimmer
kaufte in Eile dem Wirt ab an Flaschen und zerbrechlichem Hausrat, was sich
entbehren ließ, schickte es nach oben durch eine Magd. Und nun hörte das
Flöten auf dem Dache auf; zwischen den langsamen schiebenden Geräuschen der
geballten Luftmassen, klatschte und klirrte es Schlag um Schlag in den
Kamin hinein, auf den Kochherd, splitterndes Glas, zerknackendes und
zerstäubendes Porzellan; in Angst schrieen die Gesellen in der Stube, sie
verkrochen sich vor den Splittern in alle Ecken, unter Tisch und Stühle.
Dabei schrie der Dachbewohner zum Himmel: »Hoho, so so, so so, noch
einmal!« Immerhin erreichte er durch seine Maßnahmen schon, daß es im
Umkreis nicht einschlug; noch aber brummten und kolksten die Wolken und
hatten sich nicht entleert; und plötzlich fing es erst richtig an, das
Unwetter, das mit grausamem Pauken- und Trommelschall um die kleinen Häuser
toste. Da benahm sich der verregnete Schornsteinfeger wie ein Narr. Man
hörte ihn jauchzen in den Pausen zwischen den Donnerschlägen: »Jetzt hab,
ich ihn! Noch einen! Immer her, immer ran!« Den Moment, wo es am Himmel
aufflammte, machte er einen Satz in die Höhe, sperrte die Hand auf, griff
zu in die Luft und steckte die geschlossene Faust sofort in die Tasche.
Einen Lacher stieß er aus, wenn es hell wurde, das Gewitter erschreckte ihn
nicht, er arbeitete droben in seinem Element. Als eine längere Stille
eintrat, rief er atemlos durch den Schornstein herunter: »Sepp,« so hieß
sein Hauptgegner, »komm ran, faß zu. Schon hab ich ihn. Ich schick dir
runter den ersten Beweis, ho ho, vom Blitz. Sollst sehen, ho ho! Ich hab
ihn, ho ho, den Beweis.« Sepp stelzte vor, streckte die Hände und Arme aus
unter den Schornstein, dabei duckte er sich etwas, weil es eine schwere
Last werden mußte. Und während er wartete, regnete es herunter, eine heiße
Flüssigkeit, immer über die Finger weg, und dann einige absonderliche
weiche latschige Klumpen, die von den Händen und Armen Sepps herabliefen.
Der stieg mit seinen Beweisen wieder ins Zimmer zurück, wagte sich erst
verdutzt, wie er war, nicht an den Tisch, sagte unter der Hängelampe
stehend: »Man möcht's für was Menschliches halten.« Die anderen Wetthalter
krochen heran, hielten sich die Nasen, tupften hinein: »Aber brühwarm ist's
noch.« Sepp bestätigte unsicher: »Wie das heiße höllische Feuer brennt's.«
Sie standen mit dem Wirt um den betroffenen Sepp herum, der seine Arme und
Hände von sich abhielt und sie mit den Augen alle um Entschuldigung zu
betteln schien. Sie sagten: »Gekommen ist's doch von oben?« »Freilich von
oben, ganz von oben.« Sie schwiegen und blickten sich an. »Jedenfalls
waschen wir's mal ab.« Sepp verduftete. Sie saßen finster und zweifelnd um
den Tisch. Einer fing an: »Na, und ob's nun menschlich oder nicht
menschlich ist, irgendwohin muß es der Blitzschlag doch auch tun.« »Ja, ja
in die Luft geht's da auch nicht. Bei keinem Kaiser und Herren geht das
so.« »Das meine ich auch.« Der Schornsteinfeger rief durch den Kamin:
»Ist's angekommen?« »Ja, ja,« riefen sie gemeinsam, »ist alles schön
angekommen. Ist schon da, jawohl.« »Kommt noch mehr.« »Nein, nein, ist
nicht nötig; es langt schon.« Trotzdem bemerkten sie bald darauf, wie es
rumorte im Kamin und dunkle dampfende Massen in großer Menge niedersausten
auf den Herd. Der Wirt nahm einen Knüppel und schrie herauf: »Hast nicht
gehört, es langt schon. Glaubst ich werd' mir den ganzen Herd versauen
lassen mit deinen Beweisen? Es langt schon!« »Nun also,« klang es zurück,
»dacht' nur, sicher ist sicher.«

Als das Gewitter abgezogen war, kam der Schornsteinfeger pitschnaß vom
Dach, stellte sich in die Stube und sagte: »Hier riecht's aber nicht
schön.« Sepp meinte traurig: »Freilich riecht's. Sind die Beweise.« »So so,
die Beweise. Da haben wir's, da ist es heraus; wie ich gesagt habe, die
Beweise. Es ist deutlich zu spüren.« Und dann stellte er sich hohnlachend
an die Wand, hatte beide Fäuste in den Taschen, sah sie aus seinen
veilchenblauen Augen an und sagte kein Wort. Sepp fuhr trotzig auf: »Was
lachst denn du?« »Weil du wirst zahlen müssen, Sepp. Was glaubst du wohl,
Sepp, was ich hier habe in beiden Taschen? Hä? In meinen Taschen?« »Deine
Fäuste wirst du drin haben.« »Und was werd' ich wohl in den Fäusten haben?
Hä?« Sie tuschelten untereinander, der lange Schlacks ließ sich nicht
beirren. »Zeig einmal her,« rief Sepp. »Das könnte dir so gefallen. Damit
du's mir wegnimmst, davonläufst und ich kriege keinen Heller. Was ich in
der Faust habe, hä? Ich habe ihn selber, ja, ja, ich habe ihn eben.« »Na
zeig ihn doch.« »Den Blitzschlag. Ich hab, ihn geholt. Drüben die in der
Scheune haben gesehen, wie ich ihn geholt habe; dreimal; einmal ist er mir
vorbeigefahren.« Als sie nichts erwiderten, schlängelte er sich vorsichtig
näher an den Tisch, langte eine Faust heraus und schlug sie auf den Tisch:
»Jetzt sollt Ihr einmal sehen, daß euch die Augen übergehen werden.« Und
wie er die Faust öffnete, hatte er darin eine kleine Schachtel aus Holz;
und wie er den Deckel der Schachtel abhob, saßen in der Schachtel zwei
kleine Käfer. Die Bauern schoben die Köpfe übereinander, starrten hinein.
Der Schornsteinfeger riß den Mund bis zu den Ohren auf, triumphierend
spießte er seine Finger hinein: »Der Blitzschlag.« Die Bauern staunten: »Es
sieht aus wie ein großes Marienkäferchen und ein kleines.« »Man möchte
glauben nach dem Anblick, es sind zwei Marienkäferchen.« Der
Schornsteinfeger bekräftigte nach einem kritischen Blick: »Ja, es hat eine
gewisse Ähnlichkeit mit einem Marienkäferchen. Aber schon der Gang ist
anders; ihr hättet sehen müssen, wie sie gehen, wie sie fliegen. Ich mach's
euch nachher vor wie das Volk geht. Ich habe sie mit der Waschleine fangen
müssen, als sie grade aufs Dach fahren wollten. Ungestüm wie zehn Männer
haben sie daran gezogen und wollten mich runter kriegen, aber, da sitzen
sie, und ich steh hier!« Er holte die andere Faust aus der Tasche: »Da sind
noch zwei; aber fest, fest muß man sie halten, sonst schlüpfen sie davon
und explodieren.« Er steckte sie sogleich in die Tasche und trank Sepp das
Bier weg. Sepp fragte: »Sind immer zwei beisammen?« »Immer zwei sind ein
Blitzschlag. Aber groß wie die Bullen sind sie, wenn sie aufs Dach stürzen.
Erst wenn man sie fängt und in die Schachtel tun will, werden sie klein.«
Die Bauern waren ganz gedrückt. Der Schornsteinfeger schlurrte an die Wand,
zog seine nasse Jacke aus, nahm einen wollenen Überrock; seinen braunen
Kinnbart streichelte er vor dem viereckigen Wandspiegel, über dem
ausgestopft ein Igel und ein Marder hingen: »Das ganze Ohr haben sie mir
zerkratzt, die Untiere, die mörderischen.« »Na sag aber mal, du
Turnmeister, was ist denn da heruntergekommen von oben, und der Sepp hat's
in die Stube tragen müssen auf den Armen; da liegt's noch auf dem Herd?«
»Ja, das ist gekommen -- man möchte sagen, wie es gekommen ist. Direkt ist
es gekommen. Gekommen ist es von ihnen, wie sie mich nur gespürt haben.
Sind einmal an den rechten geraten, die Untiere, die Landsverderber. Man
möchte es Angstschweiß nennen. In ihrer Not ist es von ihnen gelaufen. Ich
hab' sie grade über den Schornstein gehalten, damit Ihr was merkt.« »Oh ja,
man merkt's. Daß kleine Tiere so stark schwitzen können.« »In ihrer Angst,
in ihrer Angst.« Nachdenklich saß man bei offenem Fenster um den Tisch.
Draußen tropfte es sanft, Der vielfarbene Regenbogen spannte sich über den
Kirchturm. Sie fragten den Schornsteinfeger noch einmal, ob in der
Schachtel also der wirkliche Blitzschlag säße; und sie wollten das auch
schriftlich haben von ihm. Er gab ihnen den geschriebenen Beleg und sie
bezahlten darauf die Wette. Als der Fremde fortging, saßen sie noch
stundenlang beisammen, beobachteten, wie der Wirt wütend die »Beweise« vom
Herd räumte; er schimpfte, es sei leibhaftiger Menschendreck und der
Schornsteinfeger ein Durchtriebener. Sie legten Streichhölzchen in die
beiden Schächtelchen, aus denen der Fremde je ein Tier herausgenommen hatte
und stritten sich über den Gang des Tieres. Urteilen könne man ja über die
Sache nicht, da nur ein Tier noch drin säße, aber der Schweiß der Käfer
rieche sehr verdächtig. Der Wirt meinte, Sepp stinke so, aber Sepp blieb
dabei, es habe seine Richtigkeit, die Käfer hätten einen beweiskräftigen
Geruch, einen sehr überzeugenden Geruch. Und alle schüttelten an der
Schachtel, schüttelten daran und suchten die Tiere zum Stinken zu bringen.
Und dann wurde man grob gegen den Wirt, wies auf den Zettel und parlierte
ostentativ über die Wunder dieser Welt. Bis der Nachtwächter blies und der
Wirt kurz Feierabend gebot.

Solche Stücke blieben keineswegs ohne Einfluß auf die Lobensteiner. Die
vielen Nasführereien machten die Leutchen kopfscheu. Sie nahmen etwas
Mürrisches an, das ihnen sonst ganz fremd war. Das Mißtrauen schlich sich
bei ihnen ein gegen alle Welt. Sie brachten einen summarischen Widerwillen
hervor auf dies böhmische Land. Ihre Erbitterung machte sich in häufigen
Schlägereien mit den Fremden Luft. Schließlich überkam sie der Unmut über
sich in so verzweifelter Weise, daß sie beschlossen, die Nachbarschaft
einmal gründlich allerlei kosten zu lassen. Das war ein Vorhaben, aus dem
Nichts geboren und momentan feststehend wie eine bereits geschehene Tat.
Agitatoren rollten in den Häusern mit den Zungen: »Sind wir Laffen, daß man
uns zum Besten hält? Wir sind fröhliche Leute und tun unsere Arbeit.« Den
Behörden gaben sie nichts kund davon. Die Frauen weinten, aber billigten
die Sache. An zweihundert Lobensteiner kamen in den Wirtshäusern zusammen,
trotzige ehrenhafte, wenn auch etwas langsame Männer, gute Bürger und
Bauern; sie nahmen sich vor, in der Padrutzer Umgebung bis nach Olmütz hin
totzuschlagen, was ihnen in die Quere kam. Einige kramten bedächtig ein
paar Fähnchen aus, die sie aufbewahrt hatten von dem Herzog Stoffel und dem
Auszug; man wies sie zurück und ohrfeigte sie, auch die, welche mit Bändern
und Gürteln ankamen. Bei der Padrutzer Grafschaft lagen zwei große
Ortschaften, Reutte und Kamsen. Da hinaus liefen die Padrutzer eines
Morgens. Nicht schön waren sie anzusehen. Wie sie von ihrer Morgenarbeit
kamen, stelzten sie. Viele trugen keine Waffen und Geräte; an den Armen
baumelten ihre schweren Fäuste; die sollten Hämmer sein. Einige beugten die
dicken Schädel und glaubten, die besten Sturmböcke da zu haben. Geschosse
führten sie nicht, aber laufen konnten sie wie Kugeln. Wenn sie brüllten,
sollte keiner Trommeln vermissen. Die, welche Waffen trugen, hatten sich
auf ihre Weise versehen. Auf den Schürzen und Jacken schaukelten ihnen wie
Hampelmänner die Bilder ihrer besten Heiligen, aus buntem Papier roh mit
der Schere geschnitten. Einige sah man lose Wagenräder neben sich rollen;
die waren an einer Speiche mit einem Strick befestigt; die Bauern wollten
sie um sich wirbeln über die Köpfe und alles einklaftern um sich. Viele
hatten weiter nichts bei sich, als das kurze breite Messer, mit dem man
Schweine absticht. Rodehacken und Eisen von zerbrochenen Pflugscharen nahm
man mit, ließ aber manches davon unterwegs fallen. Wie überhaupt der Zug
der zweihundert Lobensteiner über den Grenzäckern von Stunde zu Stunde
weniger kriegerisch erschien, so daß man sie bald gänzlich für betrübte
Bittsteller halten konnte. Gegen Mittag, eine halbe Stunde vor Reutte,
standen auf einem Acker zwei junge Männer mit Dünger in der Schürze; die
grinsten behaglich, und zogen in demütiger Unverschämtheit ihre Mützen, als
sie die Lobensteiner erkannten. Nach einer knappen Minute waren sie
erstochen von den vordersten Wanderern, ohne daß die folgenden die Köpfe
hoben. Ein paar Weiber liefen darauf unter entsetzlichem Gekeif und
Händeschwingen querfeldein auf Reutte zu. Die Bauern hielten am Kragen fest
zwei hitzige Kameraden, die mit Beilen hinter den Weibern her wollten. »Wir
sind keine Füchse und Bären, daß wir springen.« Ein Viertelstündchen vor
Reutte hörte man es blasen in dem Ort, wie wenn Feuer wäre. Als die
Lobensteiner über die Brücke gingen, fing man an auf sie zu schießen. Wer
getroffen war kippte rechts und links in das helle Wasser und kam nicht
wieder hoch. Die Schützen von Reutte hatten sich in einigen Häusern dicht
am Fluß verschanzt und schossen in Ruhe die vordringenden Lobensteiner ab;
zwanzig kamen immer über die Brücke, acht warfen die Hände in die Luft,
machten einen Bogen nach rückwärts wie Fische im Netz, und ließen den Boden
unter den Füßen. Jenseits des Flusses im Ort fing das Schlagen und Morden
an. Die von Reutte wußten nicht, was die Lobensteiner im Sinn hatten; darum
hielten sie sich eifrig daran sie umzubringen. Man schob sich ineinander
und suchte zu sehen, was sich machen ließ. Sehr langsam kamen neue
Lobensteiner über die Brücke, und das war ihr Fehler. Denn die ankommenden
Haufen wurden von denen drüben nur erwartet, empfangen, und nach einigem
Stich, Stoß und Wurf auf den Boden gelegt. Die Reutter arbeiteten wie eine
Walkmühle. Fünfzig bis sechzig Mann waren zum Schluß übrig von den
Padrutzern, die blieben jenseits der Brücke stehen, drohten herüber. Die
Reutter foppten und hetzten: »Späßchenmacher, Zigeunerchen, Zigeunerchen!«
Wütend liefen sie davon: »Wir holen uns Gewehre!«

Und während sie rannten, wurden sie so giftig, daß sie sich an Bäumen
vergriffen, Scheunentüren einen Tritt gaben, ja, daß sie sich beim Kragen
packten, wenn einer zufällig den andern mit der Schulter stieß. Hinter
ihrem Rücken aber, ohne daß sie es bemerkten, rückten die von Reutte und
Kamsen gewaltig an, dreihundert Männer, und noch mehr kamen zu, mit
Gewehren, Spießen und Sensen, machten gar keinen Lärm. Wenn es schoß, sah
sich kein Lobensteiner um im Lauf; wenn einer fiel, schimpfte der Nachbar:
»Wer purzelt, bleibt liegen,« und war noch zornig auf ihn, weil er nicht
mitkam. An den beiden erstochenen Jünglingen vorbei, über Stoppelfelder
nach Padrutz.

Als in Padrutz die Behörden die ausgerückten Krieger am Mittag vermißten
und zu untersuchen anfingen, wo sie verblieben waren, läutete es Sturm vor
dem Grenzwall. Schüsse fielen, das Schießen näherte sich. Die kleine
zerfetzte blutende Schar der Kämpfer brach über dem Wall herein und wie sie
kam, verstreute sie sich finster in die Häuser, sagte kein Wort, suchte nur
nach Waffen. Den Rückweg nach Reutte konnten sie sich ersparen. Denn das
Sturmläuten hörte dicht hinter ihnen auf. Die Lobensteiner Polizisten und
Beamten klapperten mit ihren Stiefeln auf den Straßen, um zu sehen, was
war. Da sprangen um die Ecken die von Reutte und Kamsen her, hatten ihre
Schießprügel und Kolben und Dengel und schlugen die Lobensteiner, Mann und
Weib, auf den Straßen tot. Die Polizisten und alle, die Vernunft behielten,
verschlossen sich in die Häuser und fingen ihrerseits mit Schießen an auf
die Eindringlinge. Und so heftig wurde das Knattern der Verteidiger, daß
die von Reutte und Kamsen sich in den Gassen nicht halten konnten, sich auf
dem Markt sammelten und da in einigen Häusern Feuer anlegten. Bei diesem
Handwerk wurden sie überrascht von einer Handvoll der verzagten
Lobensteiner, die gewillt waren, mit ihren Gewehren nach Reutte zu laufen
zur Brücke. Der Berserkerwut dieser Männer, denen sich ihre Frauen
beigesellten, -- sie warfen ein paar Reutter gradewegs ins Feuer, --
vermochten die schon stark zusammengeschmolzenen Reutter nicht
standzuhalten, sie schlugen sich unentschlossen eine Zeitlang herum, bis
sie auf das Signal eines ihrer Hauptmänner eine Art Sturmangriff vom Markt
her auf die Peripherie unternahmen und so tatsächlich ungestört entflohen.

Die in Padrutz aber wagten sich nun nicht mehr hinaus; sie besahen sich den
Schaden. Den Brand löschten sie in traurigem Schweigen. Man suchte, sobald
man sich hinaustraute vor das Dorf, Tote und Verwundete zusammen, schleppte
sie auf Wagen in das Dorf hinein. Dort standen in einer Reihe mit grimmigen
Gesichtern die behördlichen Personen. Sie behaupteten, durch ihre
Entschlossenheit die Situation gerettet zu haben, und nahmen schon beim
Zählen der Toten einen bedrohlichen Ton gegen die gebrochenen Insurgenten
an, welche ohne ihre Genehmigung den Ausfall gemacht hatten; sie stellten
eine peinliche Untersuchung in Aussicht. Die verbrecherischen Toten, welche
außerhalb gefallen waren, ebenso die dort Verwundeten hießen sie sich
besonders zusammenzuhäufen. Mit Polizeiaugen beschauten sie sich
Ausstaffierung der Blessierten und Märtyrer und kritzelten alles in eine
große Anklageakte. Wenngleich die Beamten nun keineswegs vorhatten, dem
Herzog reinen Wein über die Vorgänge einzuschenken, so planten sie, ihn um
militärische Hilfe zu bitten unter Zugrundelegung des Materials zugleich
zur Bewältigung der inneren und äußeren Unruhen.

Sie waren völlig verblendet. Drei Wochen liefen die Akten den Instanzenweg.
Inzwischen geschah im Lande alles, was notwendig war.

Die Lobensteiner kamen nicht zur Ruhe. Sie hatten keinen Groll auf die von
Reutte und Kamsen, mehr auf sich, und den heftigsten auf die Behörden. Es
konnte nicht so weiter gehen. Da die Straßen wieder gesperrt werden mußten
wegen befürchteter Attacken von außen und die Not groß wurde, berieten sie
untereinander und schickten eine heimliche Deputation an die wieder
befreundeten beiden Orte und zugleich an die alten Padrutzer, ihnen
beizustehen, mit ihnen Frieden zu schließen und nach Padrutz zu kommen. Die
nahmen alle die Einladung mit Freuden an. Sie kamen nacheinander, und da
sie keinen weiteren Widerstand fanden als bei der neueingesetzten
Wegekommission, welche vergeblich ihre rostigen Posaunen blies, so nahm die
Absetzung der Lobensteiner Behörden, die Überflutung des Landes mit fremdem
Volk ihren glatten Verlauf. In ihrem Kummer und ihrer Erbitterung wanderten
manche Lobensteiner aus, in die Nachbarschaft und weiter weg; wenige zogen
in die Heimat zurück, aber es hieß, daß auch dort Kriegszustand herrsche.

Damals lieferte Herzog Stoffel mit schwankendem Glück die letzten
Schlachten dem Kurhessen; noch zwei Jahre dauerte es, bis Hessen seine Hand
auf Lobenstein legte und den Herzog samt seinem Hofstaat zu dauerndem
Kuraufenthalt nach Bad Pyrmont verbannte. Als einige alte Lobensteiner von
ihrem Fenster in Padrutz sahen, wie die ganz veränderten Landsleute selbst
die Behörden fortschleppten ins Gewahrsam, weinten sie und riefen herunter:
»Vertragt euch, Kinder, vertragt euch! Wenn das unser guter Stoffel wüßte!«
Aber nicht einmal der Appell, daß sie, vom Herzog selbst als die
Tüchtigsten erwählt, nun solche Undankbarkeit erwiesen, fruchtete mehr; in
diesen Entmenschten unten waren alle patriotischen Regungen erstorben. Es
war kurz und gut zu Ende mit den Lobensteinern, und so weit war es
gekommen, daß die Lobensteiner selbst wünschten, unter Fremdherrschaft zu
leben und ihre Heimat zu vergessen.

Nach wenigen Monaten war in Padrutz alles auf ein gesundes Geleise geführt.
Altpadrutzer, Neupadrutzer, Männer von Reutte und Kamsen, die sich so
kriegerisch befeindet hatten, wohnten durcheinander, zwischeneinander. Die
böhmische Stadt Olmütz hatte die Herrschaft übernommen in teilnehmender
Angst, daß unter den Dörfern in ihrer Nähe Rangstreitigkeiten entständen;
auch erhob sie deswegen im Namen des Königreichs Böhmen Steuern von allen.
Manchen Lobensteinern ging das Akklimatisieren schwer an; sie hatten ihr
festfrohes Blut noch nicht besänftigt. Das war oft noch ein schmerzliches
Prahlen, Stolzieren, Schmuckreichtum auf den belebten Plätzen von Padrutz;
ja diese taten sich, als wenn sie adlig wären unter den anderen und
sprudelten ihre Meinung wie sonst heraus. Da griff aufgehetzt die
königliche Stadt Olmütz ein und benutzte ihre Kreishoheit dazu, den
Leutchen in umschriebener Weise ihren Adel zu bestätigen: sie ließ von
einigen geübten Kupferstechern und Holzbrandmalern Schablonen herstellen
mit dem Lobensteiner Doppeladler; diese Schablone ließ sie bei offenem
Markt einigen ertappten rheinischen Herrschaften auf das unbekleidete
Rückgrat drücken und nunmehr dort als unvergängliches Signum mit Ätzstichen
befestigen. Die Stadt Olmütz stellte den kehrseitig so gezierten frei,
jederzeit ihr approbiertes Wappen offen zur Schau zu tragen, verfügte
sogar, sobald einer sich auf Lobensteiner Manier öffentlich erginge,
sollten alle Padrutzer Männer und Frauen das Recht haben, sich zu
überzeugen, ob jener durch sein Wappen zu solchem Tun ermächtigt sei.

Dies war also das Grabsiegel, das endgültige, das auf die Lobensteiner
Regierung gedrückt wurde. Zu guter Letzt stellte sich noch eines Tages die
kratzbürstige Philine aus der Nepomukgasse zu Prag ein; Sie hatte vom Rhein
vernommen, daß der Stoffel in Pyrmont wohne, wie sie in Prag; nur bezöge
der Herzog eine kurhessische Apanage, eine Oppositionspartei unterhielte er
in Lobenstein und geheime Akten liefen nur so hin und her wie geölt. Das
hatte einen gewissen Anstrich. Sie fuhr deshalb eines schönen Vormittags
von Olmütz her die Chaussee nach Padrutz hinauf; sechsspännig fuhr sie. Vor
dem letzten Wirtshaus ließ sie halt machen, Pferde und Begleiter tränken,
Laternen, Räder putzen und blank machen. Dann ging es feierlich mit
Trompetengeschmetter nach Padrutz hinein. Das alte grafschaftliche Wappen
prunkte an dem Wagenschlag, auf den Schabracken; zwei Kutscher auf dem Bock
in gelbroter Livree mit Schnüren an den Ärmeln und goldgezierten Chapeaus;
drei Vorreiter mit blitzenden Trompeten und Degen; drei Jäger hinterdrein.
Im Wagen die pompöse Philine mit rotem Gesicht, Puderperücke. Eine Hofdame
ihr gegenüber auf dem gelbseidenen Polster, das pausbackige Kind im Arm,
dessen Kleidchen himmelblau bis auf den Boden floß. Das war ein Gedrehe und
Geziere im Wagen. Über das unerwartete Ereignis liefen die Leute von allen
Seiten herbei. Philine lächelte immer gnädig aus ihrem fetten Antlitz, ließ
jeden Augenblick halten, sprach mit Bekannten, reichte die rechte Hand, die
linke Hand, tat als wenn sie wiederkehrte: »Wie froh bin ich, daß es euch
gut geht. Und da steht ja auch der Franzel, der ist aber schön groß und
rund geworden. Und das Häuschen drüben ist abgebrannt samt den
Kuchenkringeln, ja Ihr habt nette Sachen gemacht bei eurer Revolution! Aber
es wird alles gut werden, verlaßt euch drauf. Guten Tag, Sepp, guten Tag,
Gottlieb.« Die Altpadrutzer rieben sich unentschlossen die Nase, sagten
zumeist: »Guten Tag,« dachten, lebt denn die auch noch und zogen ihrer
Wege. Viele grinsten offen über das Getue. Auf dem Markt, wo die abgesetzte
Dame lange verweilte und mehrfach im Kreise herumfuhr, stellten sich auch
bald Magistratspersonen ein. Ein alter Mann trat aus seiner Haustür, über
der ein großer vergoldeter Schirm hing. Dieses war ein bekehrter
Lobensteiner, der sich dem Olmützer und königlich-böhmischen Regiment
verschworen hatte. Er sah mit Grimm die verflossene Philine einherkariolen.
Als die Kutsche in seiner Nähe war, bewegte er den schweren Leib hin an
ihren Wagenschlag, streckte den Kopf vor und bat Philine knurrig, sich sein
neues Schaufenster anzusehen. Sie rauschte gerührt in ihrer gelbrosa Pracht
hinaus, wackelte vor dem Laden leutselig mit dem puderstäubenden Haupte. Er
aber, als sich viel schmunzelndes Volk angesammelt hatte, grunzte grob, er
wolle sie sich auch einmal betrachten. Sie hätte eine so schöne runde Figur
von allen Seiten; da eigne sie sich ja vorzüglich für die hier moderne Art
der Wappentracht. Die Lobensteiner wüßten darüber Bescheid; sie solle sich
einmal informieren, zur Rechten oder Linken; er selbst würde dafür Sorge
tragen, daß ihr der neue Orden verliehen würde, der Doppeladler, wenn sie
das nächste Mal vorbeikäme. Sie dankte von oben herab, wußte nicht, was das
brüllende Lachen bedeute und der unflätige Ton des Menschen. Sie ließ den
Wagen umkehren nach einer Nebenstraße, aber zwei junge Leute, die Söhne des
Alten, fühlten sich berufen noch mitzusprechen. Sie baten mit wenig
merklichem Hohn und großer Fixigkeit um die Erlaubnis, ihre geliebte
Herrscherin kutschieren zu dürfen. Und während die galonierten Kutscher zur
Seite marschierten, lenkten oben die ernsten augendrehenden Gesellen, und
sie lenkten, ob die verehrte Landesmutter wollte oder nicht, die Kutsche
aus dem Ort hinaus, nach Olmütz hinein in einem glatten Trapp und setzten
die Herrscherin ab vor dem Verleihinstitut, aus dem Kutsche und Pferde
stammten. Dort verneigten sie sich, verzichteten auf jedes Trinkgeld und
versprachen allseits das Beste, wenn man wiederkäme. Philine stand mit der
blauseidenen Erbprinzessin auf der Straße und vergoß Tränen. Sie hatte
zuletzt die beiden Burschen noch am Dialekt als ihre alten Lobensteiner
Feinde erkannt, und der Tort, den man ihr antat, schmerzte darum doppelt.
Ein Korbwägelchen mußte sie besteigen; das Kind und die Perücke hatte sie
auf dem Schoß. In Prag warf sie sich in die Arme ihres Fouragehändlers; der
welterfahrene Mann legte erst das Kind trocken, dann tröstete er die
enttäuschte Landesmutter.

Und damit ist alles beendet von der Lobensteiner Reise nach Böhmen. Heute
wissen die Padrutzer nichts mehr von ihrer zusammengesetzten Natur. Sie tun
ihre Feldarbeit und vielerlei Handwerk tapfer und wohl vergleichbar unter
selbst gewählten Schulzen. Einen Doppeladler sieht man auch jetzt bei
ihnen, aber über ihren Köpfen, an den Fahnenstangen. Denn das kaiserliche
Österreich führt sein stolzes Regiment über sie.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Lobensteiner reisen nach Böhmen - Zwölf Novellen und Geschichten" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home