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Title: Rückblicke
Author: Grünfeld, Walter, 1908-1988
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Rückblicke" ***

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Copyright (C) 1998 by Frank Dekker



Rückblicke

Dr. rer. pol. Walter Grünfeld



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Frühes Panorama und Vorgeschichte
Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz
Kapitel 3 Kindheit und frühe Jugend
Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen
Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik
  A) Berlin
    a) Leben und Studium
    b) ... und politische Betätigung
  B) München
  C) Zwischen Breslau und zu Hause
Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar
Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen
Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus
Kapitel 9 Kriegsflüchtling
Anmerkungen
Literatur



Kapitel 1

Frühes Panorama und Vorgeschichte

Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster
Panewnik durch einen damals reichen, grünen Laubwald zurückwanderte
und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhöhe, ein gutes
Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und
einigen noch weiter westlich und östlich gelegenen Industriegemeinden,
aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten
Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren.  Und
dort lebten wir also.  Mußte man also jetzt dorthin zurücklaufen?
Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, daß ich das als Kind
gefragt habe.  Für mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen­
und Zinkhütten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten
der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der
und mit der man lebte.  Ja, es gab dort oft so einen Geruch und
Geschmack nach Rauch, er war würzig, man kannte ihn.  Aber die Natur
reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld,
teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rüben,
teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten
Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.

Dann weiter im Süden begann der Wald, das waren die Ausläufer der
großen Wälder des Fürstentums Pleß, die etwa dreißig Kilometer bis
Pleß sich ausstreckten.  Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den
Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen.  Da war nicht nur eine
Gartenwirtschaft, sondern auch eine große Kohlengrube, die eigentlich
in einer sehr großen Lichtung im Wald lag.  Weiter südlich lag dann
in den Plesser Wäldern der Paprozaner See.  Dort gab es nicht nur das
Jagdschlößchen Promnitz.  Da war auch einmal ein "Eisenhammer".  Man
konnte die Überreste noch sehen.  Es wurde viel Holz und Holzkohle
dafür gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhüttung zu den
Kohlenflözen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das
oberschlesische Industrierevier.  Es entstand aus alten Dorfgemeinden
die Kette von Industrieortschaften.  Vor allem an den
Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander über.  Dazwischen waren
größere und alte Städte wie Beuthen und die viel jüngere, erst im 19.
Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz.  Die Orte hatten eine oder
mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten
Eisenhütten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und ­hütten.

Das war ein früher Eindruck meiner Kindheit.  Wir lebten in Kattowitz,
ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft.
Das waren etwa eineinhalbstündige Wagenreisen, später nach 1918 nur
noch halbstündige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers,
etwa fünfzehn Kilometer.  Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben
und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders
russig und rauchig.

Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien
zeigen kaum Spuren von den großen Konflikten späterer Jahre und wie
man von Heute darauf zurückblickt.  Ich war 1908 in Kattowitz geboren.
Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei
Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkämpfe der
Weimarer Republik und des unabhängigen Polens und dann die
Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch
so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.

Über den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden.  Die
Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden
Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch
sprechenden Oberschlesiern durchscheinen ließ, und durchsetzt war mit
manchen heimischen polnischen Kraftausdrücken.  Es war eine recht
hart klingende, aber eine gemütliche Sprache.  Bei uns zu Hause, in
der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die
Kraftausdrücke und der Akzent waren verpönt, aber das oberschlesische
Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit.  Auch das Polnisch
hörte man.  In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen,
aber polnisch hörte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern
und Bäuerinnen der Umgebung, die man bei den täglichen Spaziergängen

traf, oder wenn man auf den Markt mitging.

Aber mir fehlte als Kind das Gefühl für eine starke Spannung zwischen
deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich
glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, daß diese
Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war.  Es ist richtig,
Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen
Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und
Zeitungen, Wahlkämpfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.

Wenn man über die Jahrhunderte zurückblickt, dann war Schlesien, und
besonders Oberschlesien so stark und häufig ein Gebiet der Übergänge,
mit wechselnden Siedlungseinflüssen und politischen Oberhoheiten.
Die Bevölkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die
Zeichen davon.  Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns
Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in
Oberschlesien gesprochen wurde.  Es hatte ja lange getrennt vom
polnischen Hauptland und zeitweise unter böhmischen (tschechischen)
und deutschen Einflüssen gelebt, die zu dieser Dialektbildung
beigetragen hatten.  Die Südostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag,
war so ganz besonders ein Grenzland.  Wenn man an klaren Tagen nach
Süden sah, oder gar südlich auf dem Wege nach Pleß fuhr, dann sah man
die Gebirgskette der Beskiden, des nördlichen Teils der Karpaten, das
war in Österreich.  Es war das östereichische Schlesien, das der
preußische König Friedrich der Große am Ende seiner Schlesischen
Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen mußte.  Wenn man auf
einem größeren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann
ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt,
wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen
deutsch mit einem österreichischen Akzent.  Sie waren in
österreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es
preussische.  Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze.
Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo
das deutsche, österreichische und russische Kaiserreich
zusammenstießen.  Für uns als Kinder war diese Idee natürlich
faszinierend.  Aber die russische Grenze lief noch näher bei
Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und
Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natürlich
die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des
russichen Zaren stand.

Mein Großvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz.  In
Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere sächsische
Textilindustrielle niedergelassen.  Mein Großvater und Vater hatten
die Bauten ausgeführt, und waren mit der Familie Dietel befreundet.
Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen.  Ihr Wagen mir Pferden wurde
bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz
zum Einkaufen kam.  Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus
Rußland kam.  Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und
Fremde aus der Welt meiner Kindheit und früheren Jugend.  Es waren
Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien",
so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der
preußischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer
Jugend erschien.  Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von
dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu
werfen.  Bereits für die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche
Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen
Historikern.

Schriftliche Überlieferung beginnt spät, aber archäologische
Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der
Frühgeschichte des östlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit
vor der Völkerwanderung.  Vor den Kelten und nachwandernden Germanen
weiß man heute über die vorherige Bevölkerung und ihre Kulturen,
sieht früheste Einflüsse über das Donaugebiet von Süden(1), mit
eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien.  Nach
polnischen Auffassungen (2) waren Träger dieser frühen Kulturen
bereits indogermanische, nämlich slawische Stämme, so die bekannte
Lausitzer Kultur, und die später erscheinenden Kelten und Germanen
nur durchwandernde Völker, die vorübergehende Herrschaft über
bestehende Urbevölkerung ausübten, ähnlich wie man es von Awaren oder
Hunnen weiß.  Andere bleiben bei früherer Auffassung, daß slawische
Stämme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerückt sind.

Als frühe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr
ein Großmährisches Reich, bald überholt vom Böhmischen Reich der
Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen
Bistümern her zum römischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in
die abendländische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht,
von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.

Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter
dem Piasten Mieszko I. entwickelt.  Unter dem Einfluß sowohl von
Böhmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, überragte es
bald das ältere Böhmen und eroberte Schlesien, das für Jahrhunderte
nun Gebiet wechselnder Einflüsse und oft erneuerten Streits zwischen
Böhmen und Polen bleibt.

Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war
in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtümer.
Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und
im südlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit
wechselte und fiel schließlich durch Vertrag 1335 an die böhmische
Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der
Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.

Die Mongoleneinfälle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum
Benefit für ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und
deutschen Kräften aufgehalten worden, aber große Verwüstungen blieben.
Vielleicht waren diese Anlaß für verstärkte Siedlung von
Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Klöstern,
bestehend aus bäuerlicher und städtischer Siedlung, beide unter aus
deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch
über Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde.
Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert,
hinterließ unterschiedliche Spuren in der Bevölkerung, das Bild
verändert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man
fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende
Umgebung.  Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwägerung
schlesischer Piastenherzöge mit deutschen Fürstenfamilien könnten mit
ein Antrieb gewesen sein für die Entscheidung schlesischer Piasten
für böhmische statt polnischer Oberhoheit.  Man muß aber wohl
vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer
Entscheidungen.  Schlesien blieb nun bei der böhmischen Krone für 400
Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren
Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen,
ungarischen und dann polnisch­jagiellonischen Interregnen zwischen
Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles
1526 ererbten.

Die Reformation drang früh in Schlesien ein.  Die Struktur der
Herrschaft hatte sich geändert.  Die schlesischen Piastenherzogtümer
fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an
auswärtige Fürsten, darunter auch Hohen­ zollern, oder wurden durch
Prag an Neuankömmlinge vergeben.  Die schlesischen "Stände" wurden
somit eine immer komplexere Versammlung.

Die adligen Stände Böhmens und Mährens hatten während der Wirren um
die böhmische Krone sehr an Macht gewonnen.  Das trug dazu bei, daß
die Reformation in Böhmen und Mähren besonders große Fortschritte
machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einflüssen aus
verschiedenen Richtungen.  In Polen machte die Reformation zunächst
auch Eindruck und findet Anhänger auch unter polnischen Adligen und
Gemeinden in Oberschlesien.  Es war nicht so, daß mit dem Übergang
der Hoheit an Böhmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit
den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehört hätte.  Es bestand
weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen
Dekanate mit dem Bistum Krakau.  Auch zum Universitätstudium gehen
Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen
protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehörigen
Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).

Die Erwähnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort
später die ersten Spuren unserer Familie Grünfeld in Oberschlesien
finden.  Die Gegenreformation, mit äußerster Strenge von den
Habsburger Kaisern in Schlesien durchgeführt, reduzierte hier den
Protestantismus bald, aber in Böhmen blieben die Beziehungen der
Stände mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, daß von dort der
dreißigjährige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien
furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte.  Wallensteins und
Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der
Rückschlag im Wohlstand Schlesiens überwunden war.


Eine notwendige Anmerkung

Nach dem Rückblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien,
der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine
Familie dann im frühen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu
erinnern, daß dies eine jüdische Familie war, und das Schicksal der
Juden in Oberschlesien, wie in Europa überhaupt, noch eine besondere
Betrachtung erfordert.  Einer mündlichen Tradition nach soll unsere
Familie aus Mähren nach Oberschlesien gekommen sein und ursprünglich
aus Iglau stammen.  Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen
jüdischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein könnte, von der wir
gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in
Mähren.  Früheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte
Kaufleute" in Mähren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer
Ansiedlung wird erst für das 12. Jahrhundert angenommen (5).

Man bemerkt sie als städtische Siedlung, wie in den deutschen Städten
Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz für Juden als Minderheit.  In
Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam für deutsche,
flämische und jüdische Kaufleute geregelt, und in Mähren zuerst im
Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine
der größten jüdischen Gemeinden Mährens hatte, aber 1426 wurden die
Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstützt
hätten.  Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbstständigen
Städten, wegen des mehr gebräuchlichen Vorwurfs des Wuchers.  Gewiß
hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Städter mit
religiösem Eifer neuer Herrscher gepaart.  Die mährischen Juden
fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertänigen
Städten, konnten dort und auch den angrenzenden Dörfern, die oft
demselben Adligen gehörten, Handel treiben (6).

Sie konnten auch an den regelmässigen Märkten in den grösseren
Städten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von
Besuchergebühren.  Die schon erwähnte unabhängige Eigenwilligkeit des
Adels in Mähren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von
Protestanten, sondern auch im zähen Widerstand gegen Beschränkung
ihrer Möglichkeiten, von wirtschaftlicher Tätigkeit von Juden
Gebrauch zu machen.  Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden
Pächter oder Verleger für neue gewerbliche Betriebe adliger Güter,
wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7).  Der Refugiumcharakter
Mährens dehnte sich auch auf die Mähren benachbarten Gebiete der
einstigen oberschlesischen Herzogtümer Ratibor und Oppeln aus (8).
Mähren wurde auch Refugium für andere Juden, so bei
Judenvertreibungen aus Wien, während der Wirren des dreissigjährigen
Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im östlichen Polen
(Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen
Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der
wirtschaftlichen Gegnerschaft der Städte gegen die Juden gepaarte
antijüdische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert
soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in
den beiden Städten Glogau und Zülz gab, aber sich im südlichen
Oberschlesien eine kleine jüdische Bevölkerung auf dem Land erhalten
konnte.  Wirtschaftliche Bedürfnisse aber sprachen für
Aufrechterhaltung jüdischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den
städtischen Märkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr
Vater, die Beschränkungen gegen jüdische Residenz auch in Böhmen und
Mähren wieder zu verstärken, und 1744 verfügte sie die Ausweisung
aller Juden aus ihrem "Erbkönigreich Böheimb" wegen vermeintlicher
preußenfreundlicher Haltung der Juden während des Schlesischen Kriegs
(10).  Das betraf auch Mähren.  Die Fristen wurden örtlich
verschieden verlängert.  Es scheint also, daß Zuwanderung von
mährischen Juden in das nahe, unterdeß zu Preussen gehörige südliche
Oberschlesien gerade für diese Zeit gut erklärlich ist.



Kapitel 2

Die Familie in Kattowitz

Diese führt uns zu den Anfängen jüdischer Emanzipation, etwas vom
Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Städte wie Sohrau,
dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der
Entstehung der Stadt Kattowitz.  Die deutsch­polnische Problematik
stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preußen
gefallenen Provinzen Posen und Westpreußen, aber spielt auch eine
Rolle im stark polnisch­sprechenden Oberschlesien.  Wir denken an
kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz,
in der ich dann 1908 geboren wurde.

Meinen Urgroßvater Hirschel Grünfeld findet man in der Liste der
durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preußischen Staatsbürgern
werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und
drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau.  Nach dem Tod
seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (später Louise)
Huldschinsky (4).  Diese neue Familie Grünfeld hat dann drei Söhne
und fünf Töchter bis Hirschel Grünfeld 1840 in Sohrau stirbt.

Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen,
höchstens von der Umgebung, in der er gelebt hat.  Das Dorf
Woschczytz, schon von mir erwähnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer
Wasser­ und Sägemühle und einem Frischfeuer, 57 Häusern und 352
Einwohnern (5).  Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von
Juden in Oberschlesien wird es für 1693 erwähnt (6), aber bereits für
1678 erscheint ein jüdischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7).
Die Nähe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch jüdische Kaufleute nach
dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung für sie in Sohrau
begrenzt war.  Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll­
und später Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein
bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern.
Hirschel Grünfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben.
Über Umfang und Erfolg seines Geschäfts haben sich in der
Familie keine Informationen erhalten.  Er starb mit etwa 60 Jahren,
seine Frau war wesentlich jünger, das jüngste der acht Kinder wurde
erst im selben Jahr geboren.  Eine Schwester der Frau hatte den
Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet.  Mein Vater hat oft
betont, daß die Familien eng zusammenlebten, auch daß die Familie
Loebinger ebenso wie die Grünfelds von Mähren nach Oberschlesien
gekommen waren.

Die beiden älteren Söhne Hirschel Grünfelds verließen Sohrau bald
nach seinem Tode, also noch sehr jung, nämlich Abraham, geboren 1823
und Isaak, später Ignatz genannt, geboren 1826, mein Großvater.  Er
wird später ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen
als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf­ und
Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederläßt.  Einen Abraham
Grünfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer
bezeichnet, manchmal als Kaufmann.  Auch meine Urgroßmutter hat noch
bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch für meinen Vater eine Art
Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute
nachträglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt
eine sehr ausführliche Stadtgeschichte (9).  Meine Heimatstadt
Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Hälfte des 19.
Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem
bürgerlichem und Zunftleben, überwiegend katholisch geblieben.  Ich
fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgroßeltern das
Leben sich da veränderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was
man über die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen
kann.  Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange
verbunden.  Schon für 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt
erwähnt (10).  Die Städte ließen Juden zu ihren Märkten zu, auch wenn
sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften.  Erst für das 18.
Jahrhundert hören wir dann von jüdischen Einwohnern. 1791 leben aber
an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstädten". 1856
waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken
Zuzug jüdischer Familien vor allem aus den Dörfern der Kreise Rybnik
und Pless erhalten.  Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge
gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab
jüdische Lehrer.  Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der
Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.

Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur
einzelne jüdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die
Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch
zunächst in Sohrau.  Die öffentlichen beaufsichtigten Schulen, die
eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jüdischen Gemeinde
oblag nach Emanzipation, für die vorschriftsmäßige Schulung ihrer
Kinder zu sorgen.  Für kleinere Gemeinden war es finanziell nicht
einfach, den neuen behördlichen Verpflichtungen für die Erziehung
ihrer Kinder nachzukommen.  Ein System, junge jüdische Leute als
Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen.
Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genügen, wurden aber an
dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die
jüdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, für die von ihr
angestellten Lehrer behördliche Genehmigung zu bekommen.

Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen.
So gab es einen häufigen Wechsel.  Zeitweise konnte die Gemeinde eine
jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer
fortgeschrittenen Schule unterhalten.  Wenn in katholischen
Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen
werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien
das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer
Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben.  Aber noch 1858 muß
eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen
kein Platz ist.  Dazwischen gab es auch einen christlichen
Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen
Kinder unterhielt.  Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen,
mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen
hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen.  Als solcher wird
fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als
Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition
verhaftet.

In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild
fortschreitender Emanzipation und Assimilation.  Schon in der 1.
Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein
angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere
Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der
spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in
Sohrau).  Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh
jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B.
Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr.  Im 18. Jahrhundert gab es
noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau.  Industrie ist ein
handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation
des städtischen Lebens.  Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild.
Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden
gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.

Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis
er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner
Zeugnisse erhalten.  Nur mündlicher Überlieferung nach war er
zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister
Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle
und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau
der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in
Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in
Gleiwitz (Wachter und Lubowski).  Als Meisterbau wird im Zeugnis vom
16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz
genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch
mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.

Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des
Lehrers A. Grünfeld in Sohrau.  Mit einigem Stolz wurde noch uns
Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche
gearbeitet hatte.  Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens
hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die
erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre.  Aber das
Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf
(13).  Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in
Betrieb.  Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren
Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie
in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz
schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat
Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und
das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg­ und
Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind.  Nachdem die aus
England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam,
sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste
Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese
Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls
staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818)
Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau
eines Hochofens zu modernisieren.  Die Herrschaft erwarb 1839 Franz
Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon
erfolgreichen Karriere reich verheiratet.  Er entwickelte
entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von
Kattowitz und wurde 1840 geadelt.  Für die Kontinuität der Verwaltung
und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers
Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später
zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen
Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt,
die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.

Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die
1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des
Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14).  Die
industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk
Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt.  Nach der Königshütte
war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an
der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem
Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung
in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas
von Giesche.  Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters
Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum
stützen.  Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines
Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs,
und übernahm später das Restaurant.  Es wurde als "Grünfeld's Garten"
für viele Jahrzehnte sehr bekannt.

Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die
katholische Dorfschule.  Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit
dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen
Schulverhältnissen zu machen.  Dabei stößt man gleich auf die
Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch
sprechender Bevölkerung.  Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden,
aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst
einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16).  Die
Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die
schon für 1804 erwähnt wird (17).

Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung,
in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im
19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs­ und Zielwechseln.  Unter dem
Einfluß der Stein­Hardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert
durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant
gewesen (18).  Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens,
vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen
gewesen war.  Der polnische Aufstand in Russisch­Polen 1830/31 führte
zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der
aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz
machte.  Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der
liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue
preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen
nicht (19).  Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon
damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).

Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der
Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die
Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen
seinerzeit verwickelt hatte.  Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser
deutschen Einigung.  In Preußen verstärkten sich danach die
antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen
Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche
Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine
ganz neue Note.  Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der
polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert,
sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein.  So
verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische
Nationalitäten­ und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in
Erinnerung geblieben ist.  Es war überdies auch die Zeit des
"Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei
ausgesetzt fand.  Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für
Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und
sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz
wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen
Provinzen gegeben.  Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist
(21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die
staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates
auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen
Bevölkerung ging.  Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und
Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens
verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für
Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das
Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten.  Die beiden
Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu
haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische
Einigung davon abzuhängen scheint.

Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die
Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig
war.  Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische
Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten,
wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht
verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19.
Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige
Station der neuen Eisenbahn Breslau­Myslowitz als ein Umschlagplatz
für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und
Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften.  Schließlich war Kattowitz
so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde.  Dies geschah
aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den
alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen.  Unter der
Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der
Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h.
Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die
unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können.  Ursprünglich kamen
auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856
änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten
Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und
die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte
Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden.
Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen.  Für ein
Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen
Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen
gewogen.  Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den
Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit
eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung
etc. Für die eingesessenen Bauern hätte es schon eine naheliegende
Idee sein können, daß der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen
der großen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt
halten sollte.  War nun bäuerlicher Widerstand dagegen und gegen
Erwerb der Stadtrechte eine ganz übliche Situation und aus dem
Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verständlich,
oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensätze
in Oberschlesien?

Vom heutigen Blickpunkt des späten 20. Jahrhunderts könnte man auch
sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frühe Umweltschützer, die
ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrängt
sehen wollten.  Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird
hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in späteren Rückblicken, von
beiden Seiten als der Hauptgrund angeführt.  Schon Dr. Holtze
berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, daß die polnischen
Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden"
mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann
kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der
Widerstand des polnisch­bäuerlichen Elements gegen den von deutscher
und jüdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).

Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der
Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankömmlinge, denen
allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den
letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre
im Amt gewesen war, für polnische Sprache und Schule gekämpft und
eine große polnische Bibliothek für sich gesammelt habe (24).  Also
wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur bäuerlichen,
sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung
gedacht.  Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur
Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten
Städte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.

Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber
sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprünglichen Dorfbewohner.
Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwähnt sind, wird als erster
jüdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fröhlich erwähnt (25),
der 1825 die Arrende pachtete.  Seinen Sohn Heimann Fröhlich finden
wir prominent in den Berichten über den Streit zwischen Bauern und
Zuzüglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog.  Als
mein Großvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105
jüdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11.
9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26).  Durch
die Industrialisierung und als Folge der jüdischen Emanzipation zogen
die sich stärker entwickelnden Industriestädte viele Juden aus
kleineren oberschlesischen Städten und Dörfern an.  Kattowitz, die
sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne größeren
eingesessenen Bürgerstand bot ihnen besonders guten Raum für Tatkraft
und Profilierung.

Der Geist der Emanzipation, wie überall in Europa, mit der Anziehung
an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie
mehr zu integrieren, führte im damaligen Oberschlesien zu jüdischer
Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element.
Das war ja vielerorts so im östlichen Mitteleuropa; für Kattowitz
ist mir aufgefallen, daß dieses Zusammenleben damit auch angefangen
hatte, daß sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die
Stadtwerdung geführt hatten.

Ein Argument für das preußische Dreiklassenwahlrecht für
Stadtparlamente war, daß die beruflich und wirtschaftlich
Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen
werden sollten.  In vielen Teilen Preußens führte dies zu einem
verhältnismäßig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten.  Sie
müssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben,
denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt.  Das
war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und
Berlin.  Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevölkerung und in
städtischen Organen noch höher als in anderen oberschlesischen
Städten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der
unter den ersten 18 gewählten Stadtverordneten sieben Juden waren
(28), darunter auch Ignatz Grünfeld, der bis zu seinem Tod 1894
Stadtverordneter blieb.

Der Bruder meiner Großmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der
Stadtverwaltung.  Nach einer frühen meteorischen Karriere, er fing an
mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel für
die Hüttenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus,
gründete das erste Bankgeschäft in Kattowitz und beteiligte sich mit
zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der
Gründung der Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Hajduck (28),
in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb.
Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem
Wegzug nach Breslau zum Stadtältesten ernannt.  Das von meinem
Großvater Ignatz Grünfeld gegründete Baugeschäft war auch sehr
erfolgreich.  Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er
Jahre fortgeführt (29).

In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue
Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des
oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz
des Oberschlesischen Berg­ und Hüttenmännischen Vereins, der
Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen
nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der
neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion für den oberschlesischen
Industriebezirk bestimmt.  Dem gingen längere Verhandlungen mit der
Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums für
die neuen Beamten garantieren mußte.  Hierbei soll mein Großvater
noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.

Von den sechs Söhnen des Ignatz Grünfeld wählten zwei auch das
Baufach.  Der zweitälteste, Max, studierte Architektur und blieb im
Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach
Kattowitz zurück.  Der drittälteste, mein Vater Hugo Grünfeld,
besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister
noch sehr jung in das Baugeschäft seines Vaters ein.  Nach dem Tod
meines Großvaters 1894 führten diese beiden Brüder sein Baugeschäft
weiter und wurden auch in Ämter in der Stadtverwaltung gewählt.  Max
war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater
wurde Stadtverordneter (30).

Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu
Zeiten meines Großvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in
Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen.  Die
liberalen bürgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in
verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz
systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand,
mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen
Vorkämpfer der 1848er Ideale.  Rechts von den Nationalliberalen gab
es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale
Nationalisten.  Die führenden Leute der oberschlesischen
Schwerindustrie gehörten zum mehr rechtsgerichteten Lager der
Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die große gut
etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem
vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum überein.  Das
freisinnige Bürgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz
eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab
es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere
sehr bekannte in Berlin).

Bei den beiden Brüdern Grünfeld war das politische Engagement zu
Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen.  Sie
unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den
Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen.  Als
Redakteur war Balder Olden, Bruder des später bekannter gewordenen
Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden.  Die
Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mußte mit 300.000 Mark
Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzählt hat.

Das großväterliche Baugeschäft hatte sich aber weiter gut entwickelt.
Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine große
Ziegelei, die 1895 im Gebiet des früheren "Vorwerks" von Kattowitz,
Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut
wurde, auch für Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere
Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen
kann.  Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt
eröffnet.

Mein Onkel Max Grünfeld aber zog dann schon früh nach Berlin und
eröffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von
Wohnhäusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber
eins auch Unter den Linden.  Er praktizierte auch als Architekt,
wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das
bekannte Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf.  Er heiratete
erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschäft
zurückgezogen und starb 1932 in Berlin.

Von den vier anderen Brüdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der
älteste, Hermann, als praktischer Arzt in Berlin­Kreuzberg (31), und
Ernst (32) orthopädischer Chirurg in Beuthen.  Die anderen zwei
studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jüngste,
Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack &
Grünfeld in Beuthen ein, beteiligte sich später an einer chemischen
Fabrik in Nürnberg, aus der sich die Gesellschaft für
Elektrometallurgie (GfE), führend in der Ferrolegierungsindustrie,
entwickelte.  Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger
Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts
große Bedeutung und Möglichkeiten errang.

Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha
den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon
Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frühen Tod 1908 kurze
Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat
Max Hirschel in Gleiwitz.  Die jüngste Tochter, Ida, heiratete Felix
Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grünfeld,
Chef der Firma Rawack & Grünfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.

Die Familien Grünfeld und Sachs waren aber noch viel größer.  Jakob
Grünfeld in Zalenze hatte acht Töchter und zwei Söhne, Elias Sachs
vier Söhne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham
und weitere Schwestern Sachs meiner Großmutter.


Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger

Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren
meine Mutter, die 18 Jahre jüngere Margarete Oettinger aus Breslau
heiratete.  Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgroßvater Josef
Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen
(33).  Einer seiner Söhne, mein Urgroßvater Albert, wurde Arzt,
promovierte an der Universität Berlin 1835 (34), und ließ sich in
Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35).
Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr.
Riesenfeld in Breslau heiratete.

Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Urgroßvater starb
dort 1860. Bei seinem ältesten Sohn Richard war ungewöhnlich, daß er
als Junge bei einem der polnischen Aufstände mitgemacht haben soll.
Dann heiratete er eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im
Flachsgroßhandel sehr erfolgreich, so daß er zeitweilig als der
reichste Mann Breslaus angesehen wurde.  Sein Sohn, Richard, wuchs
als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen.
Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Großvater Max Oettinger,
gründeten zusammen ein Flachsgroßhandelsgeschäft und brachten es zu
Wohlstand, Siegmund später in Berlin.

Mein Großvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein
angesehener Mitbürger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer
von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen
Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der
Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise
zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten
Kaufmannsvereinigung des "Zwinger".  Er heiratete Minna Weinstein aus
Insterburg in Ostpreußen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war
(36).

Meine Mutter war das jüngste der drei Kinder.  Die ältere Schwester
Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Königsberg, Arzt und
auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt,
Bakteriologe, außerordentlicher Professor an der Universität Breslau
(38).  Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner
Mutter wurden protestantisch.  Eine der engsten Freundinnen meiner
Mutter in ihrer späten Jungmädchenzeit in Breslau war Stella
Whiteside, später verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei
englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen
Unterricht gaben.  Sie hat mir viel später, als ich sie nach dem 2.
Weltkrieg in London wiedersah, erzählt, daß sie dabei war, als meine
Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).



Kapitel 3

Kindheit und frühe Jugend

Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und
"background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen
Kindheits­ und Jugenderinnerungen zurück, mit denen wir begonnen
hatten.  Wir wohnten in einer großen Villa, von der Friedrichstraße,
Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Bäumen und
Sträuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen,
abgeschirmt.  Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die
Friedrichstraße hinaus ein großer Balkon, von dem man die Straße gut
sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte.  Da
zogen vorbei die jährliche große Fronleichnamsprozession und andere
festliche Umzüge, viele lange Beerdigungszüge, oft mit ein oder
mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schön uniformierten
Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen
und auch Schlimmeres.  Gegenüber unserem Vorgarten, an der anderen
Ecke der Schulstraße lag die evangelische Kirche, auch mit großem
Vorgarten, aber doch so, daß das Kommen und Gehen auch zu unserer
kindlichen Umwelt gehörte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen
uns gegenüber an der Schulstraße.

Westlich angrenzend, an der Friedrichstraße, war in meiner frühen
Kindheit das Haus der Großeltern Grünfeld, 1870 gebaut, in dem bis
1913 die Großmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des
Vaters und deren Kindern.  Nördlich von beiden Häusern zog sich ein
großer Garten bis zum Rawafluß hin, mit einer Spielwiese an der Rawa,
einem Tennisplatz, viel Obstbäume und Gemüsegarten, Holunder, Jasmin
und dann waren da auch Ställe für die Pferde und Haustiere.  Wir
Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen
Kindern, die beinahe täglich zum Spielen kamen.  Auch sonst war immer
viel Besuch.  Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe,
und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.

Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung,
sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein
besonders schönes Haus.  Im Erdgeschoß zog sich eine große Diele
beinahe durch die ganze Länge des Hauses, links waren ein Eßzimmer,
mit angrenzender Anrichte, Küche etc., rechts drei weitere Wohnräume,
Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer.  Im 1.Stock waren die Schlaf- und
Kinderzimmer und zwei Gästezimmer.

Da das Haus so groß war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn
dauernd Einquartierung.  Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die
Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch für uns Kinder
dabei wieder.

Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den großen Garten begrenzt.
Spazierengehen spielte eine große Rolle. 1910 wurde meine Schwester
Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten
wir für lange Zeit immer ein Kinderfräulein.  Bei der Ziegelei der
väterlichen Firma draußen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet,
hauptsächlich Gemüsegarten, auch mit Obst und Beeren.  Morgens wurde
wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der
Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen
wieder nach Haus.

Das waren diese Spaziergänge durch die Felder zwischen Kattowitz und
dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Bäuerinnen bekannt
wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch.  Wir
machten aber auch Spaziergänge in den "Südpark" von Kattowitz oder in
die Stadt.  Zu frühesten Erinnerungen gehört ein Besuch bei uns von
Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig
älter als ich.  Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet
wurde.  Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von
Ferien in Rauschen in Ostpreußen im Sommer 1912, so auch wie wir in
Königsberg bei den Verwandten Gerber im Garten saßen und der Onkel
Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten.  Das sind solche
blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher
Vergangenheit.

Zu den Erinnerungen aus frühester Kindheit gehören auch die
regelmäßigen Besuche bei den Großeltern Oettinger in Breslau.  Damals
fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten
Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht.  Die Großmutter
holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die
Wohnung der Großeltern.

Die Großmutter war immer ganz außer sich, wenn wir ankamen, und
überfiel uns mit vielen Küssen.  Sie war eine sehr lebhafte und, ich
glaube, recht kapriziöse Frau, hielt immer viel auf elegantes
Aussehen und elegante Kleidung.  Mutters sowohl wie unsere
Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es
folgten große Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch größere
und elegantere Geschäfte als in Kattowitz gab.  Meine Mutter war weit
weniger modebewußt als die Großmutter, ja ihr lag eigentlich viel
eher eine betonte Einfachheit, so mußten diese Einkaufsexpeditionen
ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Großmutter war sehr
lebhaft und energisch.  An den Großvater erinnere ich mich als sehr
ruhig, ausgewogen und verständnisvoll, er konnte auch manchmal sehr
böse werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim
kleinsten Anlaß geworden wäre.  Er bleibt mir von frühester Kindheit
an in sehr lieber Erinnerung.

In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die
Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse.  Zunächst in der Familie:
Im Herbst 1913 starb die Großmutter Grünfeld.  Der Großvater war
schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den großen Portraits
gekannt, die in Wohnung und Büro des Vaters hingen.  Auch die
Großmutter Grünfeld habe ich nur wenig gekannt.  Wenn wir sie
besuchen durften, saß sie fast immer in einem Sessel.  Ich weiß, daß
ich sie gerne besuchte und daß es mich beeindruckte, aber meine
Erinnerungen bleiben vage.  Meine Tante Grete Grünfeld, Tochter des
Bruders der Großmutter des Elias Sachs, und später nicht nur ihre
Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den jüngsten
Bruder des Vaters, Dr. Paul Grünfeld heiratete, beschreibt die
Großmutter Grünfeld als "eine schöne, naturhaftkraftvolle und
dominierende Persönlichkeit" und dann noch: " Die große Verwandtschaft.
.. vereinigte sich im schönen Grünfeldschen Heim in Kattowitz beim
allwöchentlichen Freitagabendessen um die dominierende
Schwiegermutter.  Diese naturhafte Frau strömt in meiner Erinnerung
immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltäglichen
Spaziergängen mitbrachte.  Zu ihrer außerordentlich kraftvollen
Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"...mitgegeben.
Schönes Haus, prächtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten
sie nicht ab, alljährlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad
zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten.  Niemand
konnte ihrer imponierenden Persönlichkeit etwas versagen oder sie
beeinflussen".

Das Haus der Großeltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja
gemeinsam, und da war ein großes Maiglöckchen Beet, das sie besonders
liebte, und ich erinnere mich auch, daß sie in den Garten kam.  Die
verwitweten Töchter, die mit ihr im großelterlichen Haus lebten,
waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904
in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und
Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein,
seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort
starb.  Von ihren zwei schon erwachsenen Töchtern wollte die jüngere
Ellen Pianistin werden, die ältere Margot war im Pestalozzi­Froebel
Haus in Berlin als Kindergärtnerin ausgebildet und hielt einen großen
Kindergarten im Hause ab.  Frühe Versuche, mich dort hinein zu
bringen, scheiterten.  Es tut mir noch jetzt leid.  War ich so scheu
oder so schwierig?  Ich bin doch dann ein sehr geselliger und
jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.

Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Großmutter
einlud.  Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am
Anfang durften wir es uns ansehen.  Es war ein Kostümfest mit vielen
Lampions und Musik.  Gretel Hirschel führte uns hin, nachdem wir
vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostüm anzog.  Sie war einige
Jahre älter als ich, ich war noch nicht fünf Jahre.  Bei dem Fest war
viel Jugend.  Die beiden Epstein Töchter und die Geschwister Hirschel
und ihre Freunde machten überhaupt den Garten belebter, und es wurde
auch viel Tennis gespielt.

Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Großmutter Grünfeld.  Es wurde
uns zunächst nichts gesagt.  Aber an einem Nachmittag sollten wir ins
Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Eßzimmer
in eine Art Loggia im Großelternhaus.  Es waren furchtbar viel
Menschen dort, viel Famìlie, und Tante Lucie Hirschel begrüßte uns,
ich fragte nach der Großmutter, und sie machte eine Handbewegung zur
Decke hinauf.  Jetzt verstand ich, Großmutter war nun im Himmel.

Das wußte ich also schon vom Tode.  Man hatte tote Tiere gesehen, es
gab so oft Beerdigungszüge, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am
evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem
Kinderfräulein auch manchmal da durch.  Am katholischen brannten zu
Allerheiligen und Allerseelen auf allen Gräbern kleine Kerzen, ein
starker Eindruck schon der frühesten Jugend.  Der jüdische Friedhof
lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wußte.

Religion wurde im Elternhaus nicht sehr groß geschrieben.  Wir
lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfräulein, auch
die Mutter hielten darauf, daß wir es nicht vergaßen, es wurde
Weihnachten mit großem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert
für uns Kinder und natürlich das Hauspersonal mit Familien, und noch
Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen.  Aber ich habe eigentlich
keine Erinnerung, daß der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle
spielte.  Daß wir jüdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich
durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehört zu haben,
daß es so etwas gab oder was es bedeutet.  Es war ein Tag des
Großreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen
alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch.  Es war
Spätnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen
konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie
ich es vorher von den Hausmädchen gesehen hatte.

Ich war wohl grade sechs Jahre.  Da kam das Kinderfräulein ganz
aufgeregt, ich muß sofort aufhören, was sollen denn die Leute draußen
denken, der jüdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du,
dort auf der Straße geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die
Synagoge.  Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem
Gehrock.  Am nächsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah
den Zylinder unten in der Diele liegen.  Ich weiß nicht, was und
wieviel mir die Eltern damals erklärten.  Es war mir in späterer Zeit
klar, daß es der Versöhnungstag war und der Vater am Vorabend zum
KolNidre Gottesdienst gegangen war.  Etwas mehr von der Bedeutung von
Religion und, daß wir jüdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar
werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jüdischem
Religionsunterricht kam.

Nach dem Tod der Großmutter gab es große Veränderungen.  Von ihren
zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwähnte Schwestern in
Kattowitz gewohnt, die älteste Schwester Martha Kaiser und der
jüngere Ernst, orthopädischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort
lebten auch die beiden jüngsten Kinder, Dr. Paul Grünfeld, Direktor
bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld und Ida Benjamin, deren
Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grünfeld führend wurde.  Rawack &
Grünfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin
zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grünfeld und Felix Benjamin
sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen.  Nun nach dem Tod der
Großmutter wurde das großelterliche Haus verkauft und zwar an die
Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch

nach Berlin.

Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in
Oberschlesien.  Für meine Eltern war das wohl noch eine viel größere
Veränderung als für uns Kinder.  Meine Mutter hatte sich mit Margot
Epstein angefreundet, die auch später zu Besuch kam oder mit Mutter
und uns auf Ferienreisen ging.

Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Böhnert, und
die Böhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei
Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben
dann viel mit ihnen gespielt.

Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel
weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs.  Ich hatte schon in den
Tagen vorher etwas von Krieg gehört, es war eine große Spannung, und
man spürte Angst und Aufregung in der Umgebung.  Am Tag davor, als
wir in der Stadt waren, lief ein älterer Offizier mit einem dicken
roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es
war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell über die
Straße, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn
der es so eilig hat.  Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung
an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.

Am nächsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus
unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen.  Vater war bald 49
Jahre und war dispensiert.  Auch hieß es, alle guten Pferde müßten
abgegeben werden.  Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am
Bezirkskommando des Militärs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und
man winkte, daß wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten.  Das
tat mein Vater nicht, aber dann mußten wir die Pferde doch bald
abgeben.  Sie hießen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr
zugetan.  Sie gehörten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie
oft in ihrem Stall.  Nun war ich untröstlich.  Bald erkundigte ich
mich, ob man gehört hat, wie es ihnen geht.  Man hatte noch nichts
gehört, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur
Seite, wahrscheinlich sind sie schon längst zerschossen.  Wieder eine
merkwürdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte
mir zunächst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht
hören sollte, was der Krieg ist.  Dabei brauchte es dies sehr bald
nicht mehr.  Der russische Vormarsch in Ostpreußen war durch die
Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Süden waren die
Russen in Galizien gegen die Österreicher für längere Zeit
erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen.  Wir
hörten Kanonenfeuer, wie es hieß von Olkusz, die Stadt füllte sich
mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenüber in den
Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt
und wir bekamen Einquartierung.

Ein oder beide Gästezimmer waren dann während des ganzen Kriegs von
deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an
die ich mich gut erinnere, war viel größer.  Im Erdgeschoß wurden
Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mölbe und seinem Stab
überlassen, der vorübergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der
Krisensituation stationiert war.  Schon Tage vorher hatte es geheißen,
daß wir alle nach Berlin abreisen müßten, es wurden große
Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt.  Die beiden
Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite
Schiebetür, die meist offen war, in unsere große Diele, es war ein
Kommen und Gehen.  Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde
dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war.  Erst viel
später wurde mir erklärt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter
Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universität
Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln
stationiert.  Er ließ sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten
wir nach Berlin abreisen.  Er hatte ja nicht gewußt, daß wir unterdeß
auch so gut informierte Einquartierung hatten.  Die waren dann der
Ansicht, daß die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen
behoben sei, und wir blieben.  Aber der Alarm wiederholte sich noch
mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt.  Die v.d.Mölbe
Einquartierung, die sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hat, war
bald vorüber.

Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aßen auch
oft bei den Eltern.  Sie wechselten oft, auch verschiedene Ränge,
manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a.
Main, kam beinahe täglich, sein Dialekt machte mir Spaß, es gab immer
Wein.

Inzwischen kam ich im April 1915 in die städtische Knabenmittelschule
als meine Vorschule.  Mein Vater war sehr stolz, daß die Stadt diese
Art Schulen unterhielt.  Die meisten Schüler würden dort ihre
Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr
gut, daß ich in so einer Schule anfing.  Ich weiß nicht mehr, ob ich
Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem
Schreiben war es schwer.  Ich war nämlich vorzugsweise Linkshänder,
manches machte ich automatisch rechtshändig, manches nicht, und beim
Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug für die linke Hand, aber
das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mühe es zu lernen,
ich bekam eine schlechte Schrift, noch für Jahre mahnte der Vater
immer, ich sollte Schönschreibeunterricht nehmen.

Das Kriegsgeschehen machte sich natürlich auch in der Schule
bemerkbar.  Es gab Siegesfeiern und Apelle für Sammlungen.

Ich konnte nun auch an der Tätigkeit und den vielen Interessen des
Vaters schon mehr Anteil nehmen.  Er wollte das sehr, und ich bin
dankbar dafür.

Trotz seinem vielfältigen Engagement im öffentlichen Leben glaube ich
doch, daß seine berufliche Tätigkeit als Baumeister ihm wirklich am
Herren lag.  Morgens ging er täglich zunächst auf Besuche der Bauten,
dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und
schließlich nach Hause ins Büro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf
dem Grundstück nunmehr der Deutschen Bank war.  Ich wurde schon
manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und
immer mehr, je älter ich wurde, besonders zu Fahrten über Nikolai
nach Lazisk, wo das Elektrizitäts­ und Karbidwerk der Prinzengrube
gebaut wurde.  Auch über Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher
wußte ich bald mehr.  Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und
Apelle, eine große Hindenburgbüste wurde aufgestellt, und das
Publikum sollte Nägel je nach gestifteten Beträgen aus verschiedenen
Metallen kaufen und selbst einschlagen.  Der Vater als
Stadtverordnetenvorsteher mußte auf einer Eröffnungsfeier den ersten
Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock.
Natürlich wurde in der Schule dann auch darüber gesprochen.

Beginn der Schulzeit hieß für mich das Aufhören der täglichen
Morgenausflüge nach Karbowa und dadurch ein Stück weniger von der
Naturnähe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren,
aufwachsen durften.  Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafür,
daß dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die
Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes.
Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde
ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr
hervorriefen.  Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hühner,
Enten, Gänse und dann auch Schweine.

Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es
noch heute so, daß die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule
hatte, auf mich einen überwältigenden Eindruck gemacht haben.  Der
Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weißen Bart, sah so etwa wie ein
Patriarch aus, und erklärte alles über den lieben Gott anhand des
alten jüdischen Gebets Adon olam, ein sehr schönes Gebet, das die
Macht Gottes beschreibt.  Ich war sehr beeindruckt durch alles
Religiöse und natürlich eingenommen für alles Jüdische, durch das mir
diese Welt der Religion nahegebracht worden war.  Wir wurden
aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen,
die Eltern erlaubten es mir schließlich, sie verstärkten meine
Faszinierung mit Religion und Jüdischsein.  Der Vater trug mir auf,
dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu
grüßen, ein angeheirateter Vetter des Vaters.  Auch stellte sich bald
heraus, daß der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde
angehörte.  Da meine Begeisterung für diese Sphäre aber beiden Eltern
zu viel wurde, mußte ich nach einiger Zeit die Besuche der
Jugendgottesdienste immer mehr einschränken, durfte auch zu den
Feiertagen nur nach harten Kämpfen zum Gottesdienst gehen, aber am
Versöhnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen,
eine wirkliche Versöhnung.  Es blieb ein großer Schmerz, daß meine
Mutter dem so fern stand.  Die anderen jüdischen Kinder gingen nach
einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebräische
Unterrichtsanstalt im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wohl so etwas
wie ein alter jüdischer Cheder.  Ich durfte das nicht.  Es wurde
gesagt, ich könnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde
in Hebräisch haben.

Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten
Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren
Großvater Fröhlich 1825 der erste jüdische Einwohner des Dorfes
Kattowitz war.  Sie war sehr begabt und anerkannt für ihre
öffentliche Tätigkeit.

Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des
Vaterländischen Frauenvereins, der im Krieg mit Fürsorge und
Lazaretten besonders aktiv wurde.  Meine Mutter war auch im Vorstand,
und wir haben als Kinder da auch viel darüber gehört und miterlebt.
Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr.
Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen
Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski.  Frau Dr. Lubowski und Dr.
Koenigfeld gehörten auch sehr aktiv zum Vaterländischen Frauenverein.
Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmäßig mit im
Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand.  Der Vorsitzende
des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehörte auch zum engeren Bekanntenkreis,
ebenso der Direktor der Kunigunde­Zinkhütte Zoellner, mit seiner
österreichischen Frau, die mit einer sehr schönen Altstimme
konzertierte.  Sie hatten zwei Söhne und Koenigfelds zwei Töchter in
unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den
andern Lubowskis Horst, die alle regelmäßig zu uns zum Spielen kamen
und den Kern der Freunde der Kindheits­ und Schulzeit bildeten.

Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen
viele Leute, der Oberbürgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich
konnte schon soweit zählen, daß ich feststellte, der Frühstückstisch
für den Empfang nach der Gratulationskur war für 50 Personen gedeckt.
Für uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa
Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, für uns drei Kinder mit
verteilten Rollen aufzuführen, auch Marianne, noch nicht ganz drei
Jahre, hatte etwas zu sagen.  Das ging weit über die kleinen Gedichte
heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte.  Wir
waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewußt.

Ich erinnere mich auch, daß Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht für
einen der öffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold für Eisen
oder so etwas ähnliches.  Es war uns schon zu Hause gezeigt worden,
und ich war begeistert.  Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es
auch war.  Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war
wieder begeistert, aber unser Lehrer hängte es auf die Innenseite des
Schulschranks.  So mußte man immer zum Schulschrank gehen und die Tür
aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen
lassen wollte.  Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwürdig
und enttäuschend und natürlich unbequem aber war ganz arglos.  Heute
frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pädagogischen
Gründen, daß man so etwas in eine Vorschulklasse hängt, oder war ihm
der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das
Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und
das fällt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher
Antisemitismus?  Ich wußte damals noch nicht, wie kompliziert das
Leben sein kann.

Die jüdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten
von jüdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater.  Dr.
Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend
in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen
Interessen und der Präsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins,
und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach
Religion oder Herkunft gefragt wurde.  Aber er war ein sehr bewußter
Jude, hatte der jüdischen Studentenverbindung KC angehört und blieb
ihr aktiv verbunden.  Mein Vater war auch ein bewußter Jude, aber er
war gegen betonte jüdische Absonderung.  Die beiden Brüder Lubowski
waren getauft, die Frauen nichtjüdisch.  Frau Else Lubowski, Frau des
Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsaß
stammte, ihre Mutter aus der Schweiz.  Der Sohn Karl­Heinz wurde
damals unter unseren Spielgefährten mein nächster Freund.  Nur in
puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen.  Seine Mutter
gehörte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, später
sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie.
Karl­Heinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten
war ein großes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine
Leiter auf und wollte zu uns predigen, während ich im Herbst immer
wollte, daß wir alle eine Laubhütte in unserem Garten zum jüdischen
Laubhüttenfest bauen sollten.

Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach
Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle
Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels.  Diese und die enorme
Stadt machten noch einen größeren Eindruck als Breslau.  Die Ferien
an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und
erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin,
es war schwierig mit ihnen fertig zu werden.  Als weitere
Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel
Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit
beiden Eltern hinfuhren.  Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine
Eröffnungsfeier mit Paraden und später als ich mehr wußte über solche
Sachen, erfuhr ich, daß das damals eine Eröffnungssitzung des
Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt
Kattowitz vertrat und dem auch mein Großvater Max Oettinger als einer
von vier Vertretern der Stadt Breslau angehörte.

1917 kam ein neues Kinderfräulein, Else Jeppesen.  Vorher hatten wir
einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi
Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert.  Sie hatte in dem
Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin
leitete.  Eigentlich hätte ich ja kein Kinderfräulein mehr haben
sollen, aber die Schwestern waren jünger.  Irgendwie gab es mit ihr
einen frischeren Ton.  Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut
und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen.  Alle Freunde, die
im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mußten mit uns im Herbst und
Winter Laubsägearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Dörfer und
Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen
Kindern geschenkt.

Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei städtischen Kinderhorten.
Ich weiß nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der
Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im
Vaterländischen Frauenverein.  Wir gingen öfters mit ihr hin, die
Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen
Alles was wir laubgesägt oder anderweitig fabriziert hatten zu den
Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.

Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit
Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwärmend und hatte
wirkliche Schönheit.  Wir waren ja auch gar nicht die einzige
jüdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte.  Das Jahr
1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel­ und
anderer Verknappung: Es gab viel Erdrüben, bei uns Klacken genannt,
das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten,
wir gingen in Holzpantoffeln.  Dann gab es auch die ersten

Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen für mich überhaupt,
und ich habe ja dann in späteren Jahren noch so oft unruhige, tobende
Mengen miterleben müssen.

Diesmal kam es zweifach sehr nahe.  Bei uns hörte man von der
Friedrichstraße die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns
gegenüber die Läden geplündert, die meisten Scheiben zerschlagen.  Es
gab auch antijüdische Untertöne, wurde uns gesagt.  Diese 1917er
Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschränkt.  Es gab auch
anderswo antijüdische Beitöne.  Ich erinnerte mich aber an das, was
ich eher für besonderen Umstände in unserer nächsten Nachbarschaft
hielt.  Trotz der Nähe Galiziens und Kongreßpolens waren eigentlich
Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so häufige
Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen.  Im Verlauf des
Krieges kam das bisherige Russisch­Polen unter deutsche Besetzung,
die Grenze war leichter geworden.  Im letzten Haus auf unserer
Schulstraße hatten sich einige ostjüdischen Familien eingemietet,
Geschäftsleute, die auch viel Besuch von Familie und
Geschäftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem
kongreßpolnischen Bendzin hatten.  Das hatte sich erst seit ganz
kurzer Zeit so entwickelt.  Ich erinnere mich, diese armen Leute
wurden um die Zeit der Unruhen belästigt und waren ein Thema.  Es
wurde aber auch erwähnt, daß es Ausrufe von Demonstranten einfach
gegen Juden gegeben hatte.

Ich bin mir nicht bewußt, daß diese Unruhen etwas mit polnischer
nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen
beschrieben.  Es gab natürlich auch, wie es einem bald klar werden
sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung.  Daß es zu
Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und
Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um.
Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde über alles, was den
Krieg und Politik betraf, viel gesprochen.  So wußte ich über die
Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in
den Krieg und die Debatten in Deutschland über die Stellungnahme zu
Friedensinitiativen.  Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der
deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im
oberschlesischen Pleß beim Fürsten von Pleß.  Der fatale deutsche
Beschluß zur Erklärung des "unbeschränkten U­Bootkrieges", auf den
Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pleß
gefaßt (2).

Die Büros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebäude
der Fürstlich Pleßschen Bergwerksdirektion.  Als Einquartierung
hatten wir damals Offiziere des Generalstabs.  Sie kamen nicht oft
zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten
deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn.
Viel hörte ich immer über die politische Lage, wenn die Freunde der
Eltern zu Besuch kamen.  Der Vater war aktiver Anhänger der
Freisinnigen Volkspartei.  Außer der damals eher rechtsstehenden oder
nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die
freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt.  Dr. Speier
und die Brüder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige
Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien,
aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte.  Bis weit in die
frühen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause
immer sehr interessiert.

Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin
noch heute dafür dankbar.  Ich hatte mich bald für Latein erwärmt.
Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und
immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in
meiner Klasse gab (3).

Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur für die
politischen Vorgänge um uns herum, sondern auch für alles
Geschichtliche.  So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibändige
"Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde überhaupt ein
eifriger Leser von Büchern.  Beide Eltern waren es und hatten jeder
eine große Bibliothek.  Es gab da nicht nur die ledergebundenen
vollzähligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Übersetzungen
auch französische und die meiner Mutter besonders nahe russische und
skandinavische Literatur, die ja alle im frühen 20. Jahrhundert im
deutschen Kulturleben großen Nachhall hatten.  Natürlich waren da
auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte,
Kunst und andere "Sachbücher".  Das wurde für mich bald eine
wunderbare Fundgrube.  Die Mutter war immer mit Anregungen bereit,
was ich als Nächstes lesen könnte.

Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Südpark und
fing an, über die Lage des Kriegs zu sprechen.  Sie sagte mir in so
vielen Worten, daß Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer
Revolution kommen würde.  Ich war wie versteinert.  Das hatte ich
nicht gewußt.  Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen
Offensiven und Schlachten die Rede.  Vater hatte zwar schon lange
keine der patriotischen Reden gehalten, aber daß es so kam, war kaum
vorstellbar.  Meine Mutter erklärte mir, daß das schon einige Zeit
vorauszusehen war, und sie daher für die Einstellung der
Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt
hätte.  Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame
Vorbereitung für mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach
einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militärischen
Zusammenbruch und der Revolution.  Sie ließen lange Gesichter, große
Ängste vor unbekannten Untiefen.  Für Oberschlesien hieß das
Kriegsende auch, daß das deutsch­polnische Problem nun weit aufbrach
und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fließen würde.
Natürlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten,
Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben
rechtsgerichteter Freischärler und die Inflation, aber der
deutsch­polnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte
Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die
dominierenden Ereignisse.

Zunächst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der
Weimarer Republik.  Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung,
auch zum preußischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung.
Der Oberbürgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen
Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen
Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als
deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsführer ins neue
Stadtparlament.  Für dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf.  Nach
der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts war die
Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden.  Die
katholische Zentrumspartei stellte als stärkste Fraktion den Arzt Dr.
Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher.  Wegen der langjährigen
Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr.
Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher.  Es gab
nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, geführt von dem
Frauenarzt Dr. v.Mielecki.

Ich habe ja schon bemerkt, daß einem als in der Stadt Kattowitz
lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der
polnischen Frage für Oberschlesien gar nicht so bewußt geworden war
(4).  Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem
unabhängigen polnischen Staat gehört, dessen Teilung und Verlust der
Unabhängigkeit bei der Bevölkerung der entstandenen Teilgebiete einen
starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres
unabhängigen Polens wach hielten.

So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstände des
früheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt.  In
Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die
Interessen der polnisch sprechenden Bevölkerung, aber es bildeten
sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal
Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag
gewählt und 1907 von weiteren gefolgt wurde.  Nach dem Eintritt der
USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Präsidenten Wilson
offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die
Wiederherstellung eines unabhängigen Polens vor (6).  Für
Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus.
Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen
gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung
bewohnten Gebiete".

Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet
war, deutlich anvisiert.  Nachdem wir in Kattowitz zunächst im
November die Aufregungen und Veränderungen der deutschen Revolution
von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, daß die
Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und für
die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang
Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen müssen (7),
ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden
polnischen Staat einschlossen.  Es entwickelte sich bald eine
lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszügen und
Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde.
Vor Wohnungen oder Geschäften von polnischen Führern wurde
demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin
garnicht so bekannt waren, aber die Gemüter wurden weitgehend

beherrscht von dem Namen Korfantys.

Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier.  In meiner Familie war er
nicht unbekannt.  Als Gymnasiast hatte er dem jüngsten Bruder meines
Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben.  Die Familie Grünfeld stand
damit nicht allein.  Ruth Storm, Tochter des Verlegers und
Buchhändlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung,
berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), daß der
Pfarrer sich bei ihrer katholischen Großmutter für den intelligenten,
aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern
ihres Vaters Nachhilfestunden gab.  Im Reichstag wurde er bald
prominent unter den polnischen Abgeordneten.  Nach dem Zusammenbruch
im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen
Volksrats.  Korfanty gehörte zu seiner Leitung, profilierte sich also
schon damals über seine oberschlesische Stellung hinaus auf der
gesamtpolnischen Szene.

Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie für einen Teil
Westpreußens vor allem für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9).
In Vorbereitung und während der Abstimmung sollte Oberschlesien von
deutschen Truppen geräumt und von alliierten Truppen besetzt werden.
Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner
Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung
Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920.
Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben,
mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die
Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfällig zu machen.  Er
dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen.
Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten,
die in die Kämpfe verwickelt waren und von nun an bis zur
Durchführung der späteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der
Szene verschwinden sollten.  Dieser erste polnische Aufstand war doch
ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachträglich Beunruhigung
und Bedrücktheit.  Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28.
November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).

In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfänglich
noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein
häufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an
Wochenendspaziergängen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde.  Er
wurde dann zu einer Schlüsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen
für die Abstimmung.  Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen,
und das taten auch alle in der Schule.

Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt.  Die
meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Söhne von
preußischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder
auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen
waren.  Katholiken waren in der Überzahl, ebenso gab es einen
verhältnismäßig hohen Anteil von Protestanten und einige jüdische
Mitschüler.  Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr.
de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr.  Karl­Heinz
Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr früher ins
Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse über mir blieb.  Er
hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war
diesem dann im Laufe der Jahre eher näher als meiner eigenen Klasse,
und das traf auch für die jüdischen Mitschüler zu.

Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen
Leben in Kattowitz mitbekommen konnten.  Das moderne Stadttheater am
Ring, das die Stadtväter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten,
präsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen
Stadt, die ja nicht reich an repräsentativen Bauten war.  Freunde der
Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit
Direktor Lischka­Raul und anderen im Theater befreundet.  Meine
Eltern allerdings interessierten sich mehr für Besuch der
Vorstellungen als hinter den Kulissen.  Wir Kinder hörten doch schon
darüber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir
auch hin.  Zu den Volks­ und Wanderliedern, die schon lange die
Kinderlieder abgelöst hatten, kamen nun auch Operetten und andere
Schlager, die populär wurden.  Bei der Operette war auch Mizzi Will,
die Tanzstunden für Kinder unseres Alters veranstalten wollte.  Das
sollte sich abwechselnd in verschiedenen Häusern abspielen, und es
gehörten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen
jüdischen Familien.  Es war ganz spaßig, richtige Salontänze für ganz
jugendliche Paare.

Ein Mädchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt
behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren.  Ihre
Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners
Samson Raphael Hirsch, Gründers der religiös sehr orthodoxen, aber
sonst für Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die
sich "Austrittsgemeinde" nannte.  Es gab manche Familien in
Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die große
Familie Altmann war prominent unter ihnen.  Ich erinnere mich an den
Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50.
Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren.  Er war viel älter als
mein Vater, war nicht zum Empfang und Frühstück gekommen.  Es bestand
eine deutliche Distanz in der privaten Sphäre zwischen diesen
orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jüdischen
Gebräuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine
gemeinsame Gemeinde.  Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von
Kattowitz nach Frankfurt.  Ich erinnere mich an sie als ein damals
sehr ernstes und stilles Mädchen und habe sie hier erwähnt, weil sie
in ihren späteren Jahren bekannt wurde als Sekretärin des
österreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm
verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.

Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft
gerühmt worden, man nannte es manchmal Klein­Paris.  Aus einer
rückblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren
wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, möchte ich hier zitieren (11).  Er
rühmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der
Oberrealschule waren einschließlich des Direktors Hacks.  Dazu möchte
ich erwähnen, daß diese Schule städtisch war und ihr Direktor Hacks
1908 Vorgänger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers.
Arnold Zweig fährt dann fort:

"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und
­freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der
Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck
verschollene Philologe Rudolf Clemens.  Ich nenne diese Namen, um
einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener
Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen
Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besaß und einen
wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Können fand in dem
Geiger und Weinhändler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner

moderner Literaturen...".

Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die
später bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich
Przywara.  Es gab in Kattowitz den Buchhändler Georg Hirsch, dem
nachgesagt wurde, daß er diesen Kreis heranwachsender Schüler sehr
angeregt und gefördert habe.  Seine Buchhandlung spielte auch in
meinen Zeiten, ja bis in die späten 30er Jahre eine Rolle.  Meine
Eltern waren eifrige Käufer von Büchern und Kunden von Georg Hirsch.
Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl
Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbühne".

Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine
große Rolle.  Meine Mutter hatte eine schöne Altstimme, nahm auch
weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hieß,
daß sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, später auch
meine Schwester Lotte.  In Konzerte durften wir schon früh gehen,
nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und
Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im
deutschen Konzertleben bedeutenden Künstler kennen.  Der von Arnold
Zweig erwähnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem
Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen.  Seine Tochter Hannah
Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde für Halbwüchsige teil, und
mit ihr und ihrem Mann war ich dann in späteren Jahren sehr
befreundet.

Nach diesem Rückblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muß
ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den
Kämpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.

Die Ankunft der französischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte
für uns zu Hause eine große Veränderung.  Da Oberschlesien auf
französisch Haute Silesie hieß, brachten die Franzosen Gebirgstruppen.
Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunächst eben wie
fremde Besatzungstruppen.  Etwas weiter weg in der Friedrichstraße
war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer großen
Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedländer liiert; wir kannten
uns gut, sie war mit den Eltern befreundet.  Sie war schon lange
verwitwet, hatte ein besonders schönes und sehr gastfreies Haus.  Die
Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino
einzurichten.  Sie durfte dort bleiben, mußte aber fast das ganze Haus
für das Kasino zur Verfügung stellen.  Als sich bald Differenzen
ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mußte ins Hotel ziehen.
Wir waren also verwarnt.

In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten.
Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses,
unsere Köchin durfte zunächst auch in der Küche für uns kochen, aber
als der französische Koch ein großes Stück Fleisch ins Feuer warf,
weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch große Knappheit bei
uns) es retten wollte, wurde sie aus der Küche geworfen und mußte
versuchen, für uns in der Waschküche im Dachgeschoß zu kochen.  So
bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, daß wir jetzt unter
französischer Besatzung waren.  Die große Diele war ihrer Lage nach
für die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele französische
Offiziere.  Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder
jeweils einen Offizier als Einquartierung.

Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach
seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg­ und Hüttenmännischen
Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie
hatte.  Ohnehin mußten wir größere Räume, nämlich zwei der Wohnzimmer
im Erdgeschoß, Damenzimmer und Salon, für den französischen Offizier
hergeben.  Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der
Oberstleutnant v.d.Mölbe hatte.  Diesmal sollte es 1925 werden, bis
wir sie wieder selbst bewohnen konnten.

Die Vorbereitungen beider Seiten für die Abstimmung waren schon in
Gang gekommen.  Korfanty wurde zum Chef des polnischen
Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche
übernahmen nacheinander die Landräte a.D. Urbanek und Dr. Hans
Lukaschek.  Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschärfte sich,
die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Häufigkeit und Hitze zu,
all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein.  Wie schon erwähnt,
es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher
gehörten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in
Deutschland gebildet hatten.  Auf polnischer Seite waren es Gruppen
von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat
organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehörige von
Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung
(12).

In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel über blutige
Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal
tödlichen Mißhandlungen von Einzelnen, die sich für die deutsche
Sache einsetzten.  Aber es gab große Gewalttätigkeit auch von der
deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofür sie ja auch anderswo
in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten.  Als wir
Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen
"Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die
provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttätigem
antisemitischem Refrain, und der alte Förster mit dem langen
anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts
gegen sie.  Man wußte von ihrer Rolle z.B.in Bayern.  Ein anderes
deutsches Freikorps, von dem man viel hörte, war die "Orgesch"
(Organisation Escherich).  Man sah sie auch in den Straßen.

Das Bild ist aber nicht vollständig, ohne sich auch zu erinnern, daß
sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der
1918er Revolution abspielte.  Die oberschlesische Arbeiterschaft
blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung.  Es gab viele Streiks
und Protestumzüge.  Man sah häufig rote Fahnen.  Ein großer Teil der
Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke
polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im
Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in
Arbeitskämpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte.  Links
von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhängigen
Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland
sympathisierten und daher prosowjetisch waren.  Das wurde ein sehr
brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen
Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der
Abstimmung hinfällig zu machen.

Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkämpft als
im Westen, und Polen hatte, nach längeren Verhandlungsphasen, im
April 1920 einen neuen Angriff auf Rußland begonnen, der zunächst zur
polnischen Besetzung von Kiew führte.  Aber das Blatt wandte sich,
und im August standen die Russen vor Warschau.  Die Existenz des
neuen Polens schien gefährdet.

Was mir für immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in
Erinnerung blieb, war der gewalttätige Mord an dem polnischen Arzt Dr.
v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nächster Nähe
unseres Hauses abspielte.  Die unheimliche Brisanz dieses tragischen
Vorgangs blieb für mich immer der größte Schock all dieser
umstrittenen und blutigen Jahre.

Es war uns Kindern gesagt worden, daß große Demonstrationen, größer
und vielleicht gefährlicher als bisher angesagt waren, und wir
sollten unter keinen Umständen das Haus verlassen.  Die Eltern hatten
jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal.  Das Haus
hatte ein großes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weißem
Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise
öfters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde.  Man hörte
nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstraße, und da mußte
man doch schnell aufs Dach.  Leute vom elterlichen Haushalt
entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, daß
einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende
Kommentare, was draußen vor sich ging.  Eine tobende Menge hatte sich
vor dem Haus der französischen Kommandantur angesammelt.

Das war schräg gegenüber dem benachbarten Haus, der früheren Villa
Sachs, Ecke Sedan­ und Friedrichstraße.  Man hörte Rufe, Schreie,
Singen von Liedern, Schüsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v.
Mielecki aus seiner Wohnung gegenüber der Kommandantur geholt (13),
er wurde auf der Straße schwer mißhandelt.  Dann kam eine Droschke,
es hieß, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge
folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang.  Dann hieß es,
er sei erschlagen worden.  Um unser Haus wurde es langsam ruhiger,
aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch für Stunden.  Mein
Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch
dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehört und
zum Teil gesehen hatten.  Ich habe ihn nie so erschüttert gesehen, er
war bleich und sprachlos.  Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als
Führer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in
Kattowitz.  Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, daß wir trotz
aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nächster
Nähe hatten miterleben müssen.

Es wurde dann gesagt, daß "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf
der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren.
Die Zusammenhänge waren aber viel komplizierter (14).  Es hatte
Berichte gegeben, daß die französischen Besatzungstruppen
Waffenvorräte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt hätten, um der
polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau
vorrückenden Russen zu helfen.  Arbeiterkreise wurden zum Protest
dagegen mobilisiert, daß die Franzosen die "Neutralität
Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen
hätten.  Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen
als eine Aktion gegen die französische Besatzungsmacht.  Die
französische Kommandantur wurde hart bedrängt und mußte sich mit dem
Abzug ihrer Truppen aus dem Gebäude und der Stadt einverstanden
erklären.  Es verhandelten darüber die Gewerkschaftsführer.  Aber
ganz eindeutige nationalistische Töne hatten die Oberhand gewonnen,
mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzösischen Schlagworten
und Liedern in höchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte,
daß die Kundgebung, ursprünglich von Sozialisten veranstaltet, von
gewalttätigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.

Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der
Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklärt, er persönlich
stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenüber (15).
Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, daß sie
abziehen und die Besetzung allein den Engländern und Italienern
überlassen sollten, waren schon früher erhoben worden.  Diese
mündeten nun auch in die Demonstration für die "Neutralität"
Oberschlesiens im polnisch­russischen Krieg ein, zu der die
Gewerkschaften für ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem
Generalstreik.  Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der
Unabhängigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:

"Die blutigen Zusammenstöße in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das
Verhalten deutscher Nationalisten zurückzuführen, die die
proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und
für Räterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem
Chauvinismus Luft zu machen" (16).

Weiter noch ging eine Erklärung des sozialistischen
Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem
Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhängigen
Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren
ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen
und die Entente losgehen wollten (17).  Die demokratische "Vossische
Zeitung" vom 27.August 1920 schließlich kritisiert die Gewerkschaften,
daß sie auf bloße Verdachtsgründe über französische
Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen
Generalstreiks griffen, "ohne Fühlungnahme mit der stärksten
deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).

Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion
hauptsächlich von Pilsudski und seinen Anhängern betrieben, einem
ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im
innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden.
Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17.
August erließ, klagt die preußischen Militaristen an, daß sie
gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und
Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemächtigen (19).

Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden
auch den Namen von J.Biniszkiewicz für die Polnische Sozialistische
Partei, Michael Grajek für die polnische Bergarbeitergewerkschaft und
mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsführer.  Man sieht also, es
gab auf beiden Seiten Flügel, deren nationalistischer Eifer viel
größer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien.
Während bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerüchte über
den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen
Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war
sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen
und die Polen gewannen damals die ihnen von Rußland bestrittenen
Ostprovinzen wieder.  In Oberschlesien brach der 2. polnische
Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene
Landkreise waren von den polnischen Aufständischen besetzt.  Während
in Kattowitz die französischen Truppen hatten abziehen müssen und
erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando
wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei
ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden
Bürgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.

Schließlich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden
Plebiszitkommissariaten in Beuthen.  Von polnischer Seite war es
Korfanty, von der deutschen Sanitätsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der
mit Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen
Plebiszitausschuß saß.  Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen,
das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche
Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurückgezogen werden und durch
eine 50/50 deutsch­polnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern
gebildet, ersetzt werden sollte (20).

Das war eine beträchtliche Veränderung auch für unser tägliches Leben.
Die Polizei sollte nun aus zum großen Teil nicht vorgebildeten
Kräften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung
politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale
Verbrechensbekämpfung, und das vertiefte das immer größer werdende
Gefühl um sich greifender Auflösung.

Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.März 1921 zu, mit
Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie
Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat.  Die Leitung
der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreiköpfige Kommission unter
dem französischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretär
Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater
als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter.  Wir
waren also durch seine Rolle den Vorgängen nahe.

Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften
Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die
ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter
Verwandter aus München meldete sich auch.  Unser Haus war voll von
Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag für uns noch ein
besonderes Gepräge.

Es waren auch außerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie
nach Oberschlesien gekommen.  Ich erinnere mich, daß ich die Tante
Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete.  Sie traf eine große
Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin.  Sie waren
auf dem Rückweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten.
Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender
Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das
ich dann vortragen wollte.  Das kam aber nicht zustande, und was ich
dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und
Tante Ida Benjamin, die jüngste Schwester des Vaters, zum Beispiel
konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht
verbergen.  Die Benjamins und Paul Grünfelds waren nur den Tag über
da, waren die Nacht über gefahren und fuhren abends wieder nach
Berlin zurück, andere Verwandte blieben etwas länger.  Aber in der
Atmosphäre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schönes Wiedersehen
mit der Familie zu feiern.

Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen
ruhig.  In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% für Verbleib bei
Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% für Polen, beide
zusammengerechnet ergab 51.7% für Deutschland, aber die benachbarten
Kreise Pleß und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Städten
viel größere Mehrheiten für Polen, während Stadt­und Landkreis
Beuthen zusammen gerade 50.3% für Deutschland entschieden.  Das
oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% für Deutschland.  Laut dem
Versailler Vertrag (21) sollte für "die als Grenze Deutschlands in
Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern
ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche
Lage der Ortschaften Berücksichtigung" finden.  Die Alliierten Mächte,
durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darüber befinden.

Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der
polnische Stimmenanteil, besonders in den südlichen Gebieten, war
sehr viel höher als die deutsche Seite erwartet hatte (22).  Alles
deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen
würde.  Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April
Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um
einflußreiche politische Kreise zuverlässig zu unterrichten" (23).
Mein Vater gehörte der vierköpfigen Delegation nach Italien an.  Sie
bestand außerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor,
Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er
später sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der
Fürstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch
stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem
sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Franz.  Warum der Vater in
den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns
natürlich ausführlich erklärt, und so erinnere ich mich auch, daß er
eine Einführung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz,
hatte, der damals ziemlich bekannt war.  Als Vertreter der Deutschen
Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein für Kontakte mit den
damals einflußreichen "laizistischen" Parteien zuständig, er war ja
auch Freimaurer.

So kam es denn auch, daß unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der
große 3.polnische Aufstand ausbrach.  Das wurde nun für unsere Jugend
eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewißheit,
was die nächste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen
würde.  Die Umgebung der Stadt war sofort in den Händen der
Aufständischen, als wir am 3.Mai aufwachten.  Der Chauffeur, mit dem
deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem
Hausschlüssel, es stellte sich heraus, daß er sich den Aufständischen
angeschlossen hatte.  Draußen in Karbowa waren auch die
Aufständischen, ein guter Geist für die Familie, der Portier des
Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen
wir Gemüse, aber sein ältester Sohn Heinrich hatte sich auch den
Aufständischen angeschlossen.  Das war eben Oberschlesien.

Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und
starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der
Aufständischen waren eben polnische Oberschlesier.  Es ging
rücksichtslos und zum Teil grausam zu.  Die Stadt war wie belagert,
aber es bestand hier und in anderen Städten eine Art modus vivendi
der Aufständischen mit den alliierten Besatzungstruppen, daß die
Städte selber nicht angegriffen oder von den Aufständischen besetzt
werden sollten.

Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in
die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts.  Unser großer Garten
hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine
Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehörte die Ferdinandgrube
schon den Aufständischen.  Auch von dort wurde manchmal geschossen.
Zuerst durften wir überhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise,
aber wenn man anfing, Schüsse zu hören, mußten wir sofort ins Haus.

Aber man weiß ja, wie das ist.  Wenn die Risiken über eine Zeit
andauern, dann wird man abgestumpft und fängt an, sie leichter zu
nehmen.  Schlimm war, daß nachdem nachts ganz systematisch für einige
Zeit geschossen wurde, man am nächsten Tag las, daß Kinder in ihren
Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die
unser Garten ging.

Wir hatten ja noch immer französische Einquartierung und zwar seit
einiger Zeit den französischen Platzkommandanten Colonel Ardisson,
der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die
Tochter hatte nachkommen lassen.  Der Herr v. Brunn war schon
ausgezogen, und so hatten wir Platz genug.  Natürlich empfand man die
französische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wußte doch
nie, was der nächste Tag bringen konnte.  Von der Ferdinandgrube war
es kaum mehr als fünf Minuten zu Fuß und einen Sprung über die kleine
Rawa bis zu unserem Garten, und überhaupt wer wußte, wie lange der
Waffenstillstand über Nichtbesetzung der Städte anhalten würde.

Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Händen der
Aufständischen.  Eisenbahn­ und Straßenverkehr waren praktisch
lahmgelegt, die Aufständischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafür,
auch ein interalliierter Zug, der täglich von Kattowitz nach Oppeln
und zurück ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.

Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch
bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen.  Nach
einiger Zeit konnte er aber für uns eine Genehmigung "zur Ausreise"
arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen
mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.

Diese Reise war natürlich eine ziemliche Aufregung.  Man wußte von
Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum
Beispiel der Pastor Voss von den Aufständischen aus dem Zug geholt,
allerdings dann nach einem Verhör wieder freigelassen worden.  Bei
uns aber ging es ohne Zwischenfall.  Wir wurden dann nach einem
Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhübel für die nächsten
Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln.
Natürlich war es sehr schön so lange im Riesengebirge zu sein, wir
hatten es schon im Vorjahr bei einem kürzeren Ferienaufenthalt in
Brückenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so großer
Unsicherheit über die Zukunft umwittert.  Die Verwandtschaft in
Berlin plädierte stark mit Vater, daß er den Familienbesitz in
Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte.  Onkel Felix
Benjamin war im Aufsichtsrat der Lübecker Hütte, an der Rawack &
Grünfeld damals maßgeblich beteiligt waren, und schlug vor, daß Vater
die Leitung von deren Zementfabrik übernehmen sollte und wir nach
Lübeck übersiedeln würden.

Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu
Hause aussieht.  Man hörte und konnte sich vorstellen, die Not und
Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen
Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden.  Es wurde ein besonders
heißer und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen große,
verheerende Waldbrände aus.  Als wir nach Beendigung des Aufstandes
im Juli zurückkehrten, war das Bild der Umgebung südlich nach Pleß
hin zunächst vollkommen verändert und trug noch weiter bei zu der
Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.

Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen
Freikorps nach Oberschlesien geführt, die nach dem 2.Aufstand sich
samt ihren Waffen hatten zurückziehen müssen.  In einer Kampfhandlung
am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg über Kräfte der Aufständischen
errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die
schließlich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1.
Juli, führte.  Die Vorgänge gelten aber als zu kompliziert für solche
Beurteilung (24).  Die Engländer wandten sich gegen die polnischen
Versuche, durch den Aufstand die für das weitere Schicksal
Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten
Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und
drohten, englische Truppen zur Unterstützung der
französisch/italienischen Besatzungen zu senden.

Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die
Unsicherheit über die bevorstehende Entscheidung der alliierten
Botschafterkonferenz über Oberschlesien beherrschte die Stimmung.
Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in
Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach
Frankreich zurückgekehrt.  So hatten wir wenigstens wieder Verfügung
über das Gastzimmer im oberen Stock.

Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit
meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet.  Ich
sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die
hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte.  Er war
einerseits ein jüdischer Gelehrter, aber auch preußischer
Volksschullehrer mit großer Allgemeinbildung.  Abgesehen von
hebräischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch
Grundkenntnissen in jüdischen Bräuchen und Gesetzen.  Die Zeit von
einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des
polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der
hebräischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen
war.  Ich hatte diese Stunden mit großen Erwartungen begonnen, sie
gaben meiner Anhänglichkeit an jüdische Religion und damit auch
jüdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.

Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung.  Sogar die
Mutter kam in die Synagoge.  Der Onkel Max Grünfeld aus Berlin als
Miterbauer der Synagoge und für den architektonischen Entwurf damals
verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen.  Zu Hause
kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme
entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten.
Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen.  Ich bekam, neben
anderen Geschenken, sehr viel Bücher, Grundlage einer noch wachsenden,
recht vielfältigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2.
Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.



Kapitel 4

Kattowitz kommt zu Polen

Die Botschafterkonferenz hatte zunächst keine Einigung über die
Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Völkerbundsrat um
ein Gutachten gebeten.  Es handelte sich dabei natürlich nicht nur um
eine möglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewürfelten
Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und
geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Möglichkeit
einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war.  Den
Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, daß die
Kreise Rybnik und Pleß zu Polen kommen würden.  Sie allein hätten
Polen wichtige Kohlegruben und ­vorkommen gegeben, aber nichts von
der Eisen­ und Stahlindustrie oder Zinkhütten.  Es wurde aber auch von
einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo
der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides
für Polen dazu kommen würde.

Die Engländer und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine
Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland,
von der man annahm, daß es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwächen
würde, und auch Deutschlands Möglichkeiten, die ihm in Versailles
auferlegten Reparationen zu bezahlen.  Die Polen besaßen eine Kohle­
und Stahlindustrie im östlich an Oberschlesien angrenzenden
Dombrowaer Gebiet, wo französisches Kapital stark beteiligt war.  Die
Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen
an der deutschen Ostgrenze interessiert.  Basierend auf den
Empfehlungen des Völkerbundsrats beschloß die Botschafterkonferenz am
20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis
Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden.  Die
beiden großen Industriestädte Kattowitz und Königshütte, die mit
großen Mehrheiten für Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu
Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hälfte der
Kohleproduktion und der Hochöfen, die Hälfte der Stahlwerke, fast die
ganze Zinkindustrie.  Das Industriegebiet sollte mitten
durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn­ und
Straßenbahnnetz, Wasser­ und Stromversorgung, ja auch unter Grund
wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen
und einem anderen auf deutscher Seite.

Die praktischen Probleme waren enorm, für die menschlichen wurde
vorgesehen, daß beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen
abschließen würden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu
schützen.  Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den
Alliierten Mächten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner
verschiedenen Minderheiten abschließen müssen, und es wurde ihm nun
auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche
Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen,
während Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen für
die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu
schließen.

Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, daß diese
Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen.
Mit der Ungewißheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt.  Nun war
der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu.
Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und
Gespräche zur Lage verwickelt, nun wurden sie für die Stimmung
beherrschend.  Die Ideen vom frühen Sommer während des polnischen
Aufstands, daß man eventuell weggehen würde, waren ganz verflogen.
Unter den ansäßigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, daß man
sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als
deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im
polnischen Staat einrichten müsse.  Durch die Auflage eines
Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann
auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar
so angesprochen.  Es gehörte dazu, daß die Vertreter der deutschen
Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun
zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer
zukünftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mußten.  Dazu gehörte
auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalität für die neue
staatliche Souveränität, und das Alles geboren aus einem Heimatgefühl,
daß nämlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen,
sondern weiter gedeihen sollte.

Es liegen darüber mannigfache Äußerungen von maßgebenden deutschen
Funktionären aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der
Entscheidung vor.  Deutlich erinnere ich mich, daß mein Vater von
einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der
Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzählte, ein aus Berlin
anwesender Minister hätte gesagt, was die künftige deutsche Politik
zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wären doch wohl Alle mit der in
Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnüren und vernichten".

Ich nehme an, daß es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei
Oberschlesiens war.  Auf Provinzebene waren Sanitätsrat Bloch in
Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preußischen
Landtag saß, prominenter gewesen, für das Gebiet des künftigen
Polnisch­Oberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der führende
Exponent geworden.  Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf
widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns
darüber erzählte.  Für die Deutschen im künftigen
Polnisch­Ober­schlesien mußte es andere Wege des Denkens in ihrer
neuen Situation geben.  Es brachte sie in die Linie des Denkens der
nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten
Weltkrieg entwickelte.  Mich haben diese neuen Begriffe und
Vorstellungen auch später im Zusammenhang mit manchen anderen
Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.

Der Übergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen
Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen
werden.  In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von
Auflösungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behörden waren im
Übergang, wir merkten das auch in der Schule.  Laut Genfer Abkommen
mußte der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen
unterhalten.  Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium
sein, ein großer Teil des bisherigen Bestands seine
Minderheitsabteilung.  Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland
gehen, doch einige, vor allem jüngere, waren bereit zu bleiben.  Man
wußte noch nichts Genaues.  Als das letzte Abitur um Ostern
abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen
Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fühlen, daß der
traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art
Abschiedsfeier für den Lehrkörper wird.  Als wir Jüngeren am nächsten
Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die
Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen.  Die Schule
fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt.  Es war gewiß auch ganz
komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd.  Das Gefühl der
Auflösung nahm übergroße Proportionen an.

Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur
Führung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen.  Sein Name
war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer
Kriegsminister, also mußte er ein prominentes Mitglied der polnischen
Generalität sein.  Der Name der Familie ist unterdeß bekannter
geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an
die dortige westukrainische Bevölkerung hatte.  Sein Bruder Andrzej
wurde Metropolit der mit Rom Uniierten Slawisch­Orthodoxen Kirche (1).
Der General selber hatte im 1.Weltkrieg große Erfolge im Kampf
gegen russische Truppen im östlichen Polen errungen, er war zum

österreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski
zusammengearbeitet.  Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen
Seite Polens.

Der Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen
Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice,
ernannt, begrüßte den General mit seinen Truppen an der schlesischen
Grenze bei Schoppinitz.  An der Stadtgrenze sollte der neue
Oberbürgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit
dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begrüßen.  Von
unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf
seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen.  Er hatte,
da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm
zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.

Er sollte den General ohnehin noch treffen.  Da der Colonel Ardisson
schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert.  Er machte
bald einen formellen Höflichkeitsbesuch.  Wie schon oft bei den
französischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, daß ich dabei
bin.  Ich erinnere mich nur, daß zuerst einige etwas verlegene Worte
waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich
dann auf Französisch ab.

Sonst bestand für uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem
Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien plötzlich mit einem
kleinen Foxterrier.  Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schönen
Salonmöbel, sie waren mit Damast bezogen.  Aber der General fuhr bald
ab, ohne größeren Schaden anzurichten.

Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben.  Wir bekamen als
zivile Einquartierung den neuen polnischen Präsidenten der
Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein
sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit
uns.

Der größte Wechsel kam für uns Jungen, als die Schule wieder anfing.
Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hieß Wolff.  Die
meisten der bisherigen Schüler wollten in die deutsche
Minderheitsabteilung gehen.  Die Meldungen für die polnische
Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und
anderer Familien entwickelte sich erst.  Herr Wolff verfügte, daß
alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die
polnische Abteilung übergehen müßten, und er kam selbst, um uns
einzuteilen.  Es entstand Verwirrung und Aufruhr.  Die meisten der so
betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange
Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort
Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention
nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte.  Diese Frage,
wer zur deutschen Minderheit gehörte und wer nicht, brachte sehr
klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der
Minderheitsrechte für Volksgruppen zum Vorschein.  Hier wurde also
von deutscher Seite darauf bestanden, daß die Zugehörigkeit zur
Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein muß.
Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze
Reihe weiterer Gedanken.  Schließlich standen da bei uns in der
Untertertia unsere Mitschüler, ein guter Teil von ihnen, und Herr
Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule
zu gehen.  Die Freiheit, die er für sich selbst als polnischer
Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren
Mitschülern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon
seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.

Die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Minderheit habe ich
immer als sehr entscheidend empfunden.  Es entspricht wichtigen
liberalen Grundsätzen.  Die Forderung nach autonomer Verwaltung für
Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler
Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur
vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte.  Menschen
zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, würde neue Elemente
von Unfreiheit einführen.

Daß die deutsche Seite und dann auch die Führung der
Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja
eigentlich ein Abrücken vom strikten Sinn völkischer Denkweise.  Die
Konzeption des Nationalen war eben tatsächlich vielmehr verwandt mit
dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu
berufen.  Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und
bringt einen so zu einer Annäherung an europäische Wirklichkeit
zurück.  Man liest oft über anscheinend bedauernswerte Gebilde:
Vielvölker­ oder Gemischtvölkerstaaten, so die alte Donaumonarchie,
ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei.
Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands,
mehr als man davon Kenntnis genommen hatte.  Da war nichts
bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente völkische
Ideologien dahinein brachte.

Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale
Kräfte gegeben, die Sinn hatten für die europäische Bedeutung und
liberale Grundnote der Sache.  Aber es gab wohl auf deutscher Seite
auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalität
hochhielten, weil das für den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z.
B. in Polen zahlenmäßig so wichtig war.  Man sieht wieder, wenn es um
klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern
einfach Macht­ und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da
verschwanden Ideologien in den Hintergrund.  Dann blieb nur noch der
Antisemitismus als Kaffeesatz der völkischen Idee.

Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorüber, ja es
entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell
wieder in unsere Klasse zurück durften und das normale Schulleben
unter dem neuen Regime begann.  Dieser Vorfall war beigelegt.

Auf längere Sicht waren aber die Polonisierungsmaßnahmen auf anderen
Wegen erfolgreicher.  Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt
Kattowitz eine polnische Bevölkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche
Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner
geworden, schließlich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch
ein deutsches Privatgymnasium.  Der Direktor Wolff blieb nicht lange,
unser nächster polnische Direktor hieß Steuer, und unter ihm habe ich
noch 1926 dort mein Abitur gemacht.

Kurz nachdem wir in Kattowitz die Übergabe an Polen erlebt hatten,
wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsaußenminister Walter
Rathenau ermordet.  Für uns waren und blieben die Ereignisse in
Deutschland immer noch ganz hautnah.  Das Berliner Tageblatt und die
Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die
Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mußte ja auch mit dem
deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam
früh morgens am selben Tag.

Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit.
Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers
Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale
Freischärler.  Rathenau war Jude, er war für mich als 14jährigen
etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bücher gelesen.
Es war die menschliche Tragödie dieses Mordes an Rathenau, und eben
auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen
Weimarer Republik fiel, für die es dann mit vernichtender Inflation,
französischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum
eine Atempause gab.  Dieser Hitlerputsch damals war aber ein
theatralischer Fehlschlag.  Die Republik hatte doch schon Muskeln,
eine Regierung der Großen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum,
Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am
erfolgreichsten mit der Konsolidierung, unterstützt vom Erfolg der
Schacht'schen Währungsreform.

Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf
kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens,
mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden.  Für uns
heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in
Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung.  Wandervögelbünde
selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt während der Zeit
der Besetzung und politischen Kämpfe.  Es gab aber eine Gruppe des
jüdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde
gehörten dazu.  Es war ein nichtzionistischer Bund.  Beide Eltern
widersetzten sich meinen sehr dringenden Wünschen, da auch
beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen,
der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verließ.

Bedeutsam wurde, daß ich mit einigen Freunden, meist aus der nächst
höheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehörte, in dem gelesen, aber
auch viel diskutiert wurde.  Es waren Klassiker und zeitgenössische
Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing,
und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung.  Wir
trafen uns abwechselnd zu Hause.  Einige der "Kameraden"­Mitglieder
spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite
erinnere ich mich besonders an den alten Freund Karl­Heinz Lubowski

und an Wolfgang Juretzek.

Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehörte auch für
mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus
Breslau.  Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn
Jahre älter, aber noch ganz erfüllt mit solchen und anderen Ideen und
hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlüsselfiguren aus dieser
Welt (2).

Auch das kulturelle Umfeld blieb für uns eigentlich ganz unverändert
und weiter sehr reich und aktiv.  Das Stadt­Theater wurde nun
zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der
neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es
von der ebenfalls neuentstehenden Landesbühne aus dem
deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt".  Das war dann doch eine
sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich stützende
Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Kräfte.  Die
Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine führende Rolle übernahm,
veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils für einige Wochen
Gastspiele der Wiener Volksoper.  Bis dahin hatte ich Opern nur bei
Besuchen bei den Großeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze
wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknüpft, weil mehrmals
Künstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten.  Auch wurde der
Meister'sche Gesangsverein für einige Opern zu Chorszenen
hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf
der Bühne sehen.

Überhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine große Quelle
musikalischen Miterlebens.  Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum
einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus
Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher,
und für die Aufführungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns
wohnte, ebenso für Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten,
Kammermusik­ und Gesang.  So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre
viele sehr bekannte Künstler, die bei uns als Gäste wohnten.
Unverändert machten wir auch die regelmäßigen Besuche bei den
Großeltern in Breslau.  Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den
70. Geburtstag der Großmutter, 80. des Großvaters und ihre Goldene
Hochzeit, mit einem großen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten
schöne und sehr große Familienfeier.  Wir drei Kinder spielten ein
von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstücks verfaßtes, langes
Gedicht.  Es gab viele brilliante Reden.  Besonders erinnere ich mich
an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehörigen Herrn
Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden übersät, ein Kampfflieger im
1.Weltkrieg gewesen.

Meine Großeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung
gezogen, der Großvater war nicht mehr so aktiv und prominent im
bürgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen
Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbürgermeister
Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch für die in Breslau
bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein
Großvater für über 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.

Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn
Oettinger an der Universität gearbeitet und gelehrt hatte.  Bis ins
hohe Alter blieb der Großvater geistig rege und sehr interessiert und
nahm an seinem Stammtisch im Café Fahrig teil.  Er gehörte aber zu
denen, die die Inflation schlecht überstanden, fast das ganze
Vermögen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die
Unterstützung seiner Kinder angewiesen.  Er starb Mitte der zwanziger
Jahre.  Ich fuhr mit zur Beerdigung.  Es rührte mich, meiner Mutter
zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein
neuer Eindruck.  Ich selbst habe ja dann während des 2.Weltkriegs und
danach nie an den Gräbern meiner Eltern stehen können.  Nach der
Beerdigung des Großvaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch
das Grab meines Urgroßvaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.

Die Schulzeit von Untertertia an brachte natürlich auch ein
zunehmendes Maß von Bekanntschaft mit polnischen Dingen.  Polnisch
als Sprache gab es zunächst nur zweimal die Woche.  Die Regierung
fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern
weggehen, aber das änderte sich im Lauf der Jahre.  Natürlich
interessierte einen bald, etwas über polnische Geschichte, ja auch
Literatur zu hören, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle
im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr
nach Krakau zu den sehr schönen Sehenswürdigkeiten aus polnischer
Vergangenheit.

Die polnische Politik dieser frühen zwanziger Jahre nahm auch einen
sehr turbulenten Verlauf.  Es gab immer wieder die scharfen
Spannungen zwischen Ost­ und Westschwergewicht, einst durch den
Gegensatz Pilsudski­Dmowski gekennzeichnet, es war auch einer
zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die
Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen
Ländern widerspiegelnd.  Es ging gewaltätig zu, auch mit
Putschversuchen.  Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen,
und Pilsudski trat als Staatspräsident zurück; als Nachfolger wurde
Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski
nahestehend, gewählt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922
ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland.
Als Einführung zu regelmäßiger Anteilnahme an politischen
Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis.
Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz­ und Inflationswirren
ausgesetzt, hatte dann aber unter Führung von Grabski von Ende 1923
bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer
Stabilität.

Auch in Polnisch­Oberschlesien entwickelte sich die Industrie
zunächst bis 1925 ganz hoffnungsvoll.  Das Baugeschäft des Vaters
hatte auch aktive Zeiten.  Abgesehen vom Regierungssektor hatte
Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles
Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der
Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen.
Mein Onkel Max Grünfeld schied aus der Firma aus und ging in
Ruhestand.  Der große Hausbesitz in Berlin hatte in der
Inflationszeit verkauft werden müssen.

Die politische Lage und Spannungen in Polnisch­Oberschlesien aber
wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch
wirtschaftlich bedingt.  Es gab etwas in Oberschlesien, was man als
"schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3).  Ein Teil der damaligen
oberschlesischen Bevölkerung fühlte sich auch bei
polnisch­oberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so
festgeschrieben.  Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch
Stimmverhältnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht
beeinflussen, wie sie eben beeinflußt werden, wenn Wähler
wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung
dafür verantwortlich zu machen.

In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen
Parteien gut abgeschnitten.  In Kattowitz selbst blieb aber die
Mehrheit deutsch.  Die Regierung löste das Stadtparlament auf und die
Stadt wurde für zwei Jahre kommissarisch regiert.  Die
wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich 1925 in Polen
verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches
Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr,
nun als Diktator, beendet wurde.

In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders
verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag
für Einfuhr polnisch­oberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni
1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen
abzuschließen (8).  Polen konnte dann neue Märkte finden, begünstigt
durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in
Skandinavien, aber unterdeß litt die Beschäftigung in den
Kohlengruben.

Für November 1926 waren Wahlen für ein neues Kattowitzer
Stadtparlament ausgeschrieben.  Umliegende, viel stärker polnische
Industriedörfer waren unterdeß eingemeindet worden, was eine
polnische Mehrheit hätte sichern sollen.  Der Eindruck verstärkte
sich aber, daß die deutsche Seite doch stark an Rückhalt gewonnen
hatte (4).  Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen
Pilsudski­Regierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttäuschungen:
die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty
und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition
erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.

Da der älteste gewählte Stadtverordnete, der deutsche
Katholikenführer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war,
mußte mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert
hatte, die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen, und das war
eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach.
Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der Übersetzung und schrieb
dann den Text für ihn phonetisch auf.  Es war nicht erfolgreich.
Nach Vaters Rede verlangte der besonders kämpferische Führer der
polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, daß die Rede nun ins Polnische
übersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht
auf Chinesisch gehalten worden.  Die Sitzung verlief auch sonst sehr
stürmisch, da die Deutschen als stärkste Fraktion darauf bestanden,
einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretär Jankowski,
der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu wählen, und
die Polen daraufhin die Versammlung verließen.

Die "Kattowitzer Zeitung" aber bestätigt in ihrem Bericht (5), daß
"bei der deprimierenden Atmosphäre des 1.Teils der Sitzung" die
polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater
(bei seinen weiteren Amtshandlungen als Alterspräsident) mit ihren
polnischen Übersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen.
Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im
Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurücktrat.

Nachdem er 1922 an der Gründung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt
hatte, gehörte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde später einer
der beiden Vizepräsidenten, bis zu seinem Rücktritt 1933. Bis dahin
nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die
Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der Öffentlichkeit kaum auf.
Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins
Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere
Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.

Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit
dem Prozeß zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des
Deutschen Volksbunds einleitete.  Die polnische Politik gegenüber der
deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschärft.  Das wird
erklärt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag
von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergänzen,
was in Polen unvermeidlich verstärkte Furcht, Wachsamkeit und
Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mußte (6).

Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden,
um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber
auch, um die Stellung der Sanacja gegenüber dem
nationaldemokratischen Korfanty zu stärken.  Die von der polnischen
Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Füßen,
nämlich Dokumenten, die dem Verdacht der Fälschung ausgesetzt waren.
Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkämpfer,
Rechtsanwalt Wolny, einem Korfanty­Anhänger, lehnte eine Aufhebung
der Immunität des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des
Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht.  Für seine Verteidigung
war aus Warschau ein Führer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann
Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafür hatte mein
Vater zu tun.

Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein
interessantes Erlebnis für mich.  Er war schon als Anwalt und
politisch im österreichischen Galizien aktiv gewesen.  Als später
Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er
auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch
Korfanty hinkam.  Dr. Liebermann war während des 2.Weltkriegs dann
Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).

Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des
Deutschen Volksbunds sehr klar, daß er sich ganz als
Minderheitenvertretung fühlte und auftrat.  Dr. Liebermann gehörte
eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der
Minderheitenverträge waren (8).

Es gab damals schon in Deutschland auch außerhalb der Rechtsradikalen
unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verständnis
der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten.  Die
aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die
deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die
Hände, wie man so oft findet, daß die Radikalsten auf beiden Seiten
sich unwissentlich/wissentlich Bälle zuwerfen.

Nun will ich meinen Rückblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch
mit ganz persönlichen Erinnerungen abschließen.  So zum Beispiel, daß
da auch lauter Mädchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties
gab, Verliebtheiten und Spaziergänge.  Es wurde so absorbierend, daß
der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurücktraten und sich
die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch änderten.  Man fing an,
auch mit Vergnügen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.

Viele aus diesem Kreis wurden später Korporationsstudenten.  Ein
guter Freund wurde Hans Kuhnert.  Ein anderer neuer Freund aus den
späten Schuljahren war Hans Werner Niemann.  Er kam wie aus einer
anderen Welt, war eine Klasse jünger, voll aggressivem,
aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen
Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so über meine
damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"

eingestellt.  Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki,
wir waren oft dort, das einzige Mal, daß ich eine Kohlengrube
untergrund besuchte.

Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der großen
oberschlesischen Eisenhütten und Stahlwerke, der Julienhütte in
Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag.  Diese
erste Bekanntschaft mit dem Hüttenwesen interessierte mich sehr, die
Umformung des Metalls von Erz über Roheisen zum Stahl, und was man
das "bulk handling" der Materialien nennt.

Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmännische Direktor der Hütte, seine
Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch
lebenden acht Kindern des Jakob Grünfeld und der Maria geb. Sachs in
Zalenze (9).  Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer
Kontakt.  Der jüngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Göttingen war gut
situierter Eisen­ und Stahlkaufmann in Beuthen.  Sie waren sehr
lebenslustige Leute mit viel Stil.  Er war Mitglied der Schlaraffia,
die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden
gute Freunde.

Häufige Ausflüge "über die Grenze" nach Beuthen wurden für uns
ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre.  Dort war
der jüngere Bruder des Vaters, der Orthopäde Ernst, mit seiner netten,
manchmal etwas rauhen Art und sein orthopädischer Turnsaal, und dann
eben das soviel jüngere Ehepaar Paul Grünfeld.  Aber es waren gar
nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen.
Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen
entstand.  Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum
Reiten.  Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht,
während Lotte bald Preise im Springen sammelte.

Für die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jährlicher
Höhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht großem Kreis, vor allem
nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren
Wohnzimmer auch frei waren.  Mit die ältesten Gäste waren Dr. Speiers,
und sie blieben dann auch die letzten in den späten 30er Jahren vor
Ausbruch des Krieges.  Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet
mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, daß die Dr. Lukascheks auch
für einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der
unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten
Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit
ihnen später auch Freiherr v. Grünau mit Familie, der einige Jahre
deutscher Generalkonsul in Kattowitz war.  Manche unserer jungen
Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.

Der jüdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren für mich
immer von ergreifendem Interesse geblieben.  Als Rabbiner und
Religionslehrer hatten wir in den frühen zwanziger Jahren den älteren
Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng
verbunden war.  Wir waren schon etwas aufsässiger gewordene
Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht
nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn ärgerten.

Wir waren bei jüdischer Geschichte.  Wie können wir, so fragte man
ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil
nehmen wie andere Deutsche?  Natürlich, sagte er, wenn ich vor der
alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und
bewegt wie alle Deutschen.  Das sagte er.

Es blieben Zweifel.  Heute würde ich sagen: Vorfahren von heutigen
Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der
Entwicklung der abendländischen Welt in Europa, und haben eine
Beziehung zu diesen historischen Stätten, und eine besondere zu denen
der abendländischen Nationalität, der sie sich selbst zugehörig
fühlen.  Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jüdischen
Geschichtsbewußtseins.

Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurück.  Der Übergang an Polen
machte sich später bemerkbar.  Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz
anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien.  Sein Vater
war Präsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde
später in Palästina und Israel einer ihrer Führer.  Er war sehr
gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und
unserem background waren es sehr interessante Stunden.  Er blieb
nicht lange in Kattowitz.

Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur.  Mit seinem Herannahen schon
war meine Berufswahl dringend geworden.  Ich war seit langem zwischen
zwei Polen hin­ und hergerissen.  Natürlich hatte mein Vater immer
gewollt, daß ich, als dritte Generation, in das Baugeschäft eintreten
und dafür Architektur studieren würde.  Es war ein schöner Gedanke
und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten.
Dahin gehörten die ja von früher Jugend her gewohnten Rundgänge durch
Vaters Neubauten und Ziegelei, schließlich auch einfache Lehrbücher
über Architektur, Fassaden und Grundrißlösungen, und Zeichen­ und
Malstunden bei der Künstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche
Bekanntschaft auch später eine große Bereicherung war.  Meine
wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich
wollte Jura studieren.  Es gab sehr ernste Gespräche.  Meine Mutter
überraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will
und mich auch nicht für sehr begabt für das Baufach halte, dann
sollte ich doch meinen größten Interessen und anscheinender Begabung
nach Geschichte studieren.

Wahrscheinlich hatte sie recht.  Ihr Bruder Walter und meines Vaters
Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten
sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und
das war auch meiner Mutter Ehrgeiz für mich.  Wenn nicht das, dann
fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wäre doch auch
vielversprechend.  Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bücher über
Nationalökonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und
Zeitgemäße.

Zunächst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschäft bis April
1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen
in Deutschland.  So machte ich noch einen Winter "Saison" in
Kattowitz mit, lernte die väterlichen Betriebe besser, auch mit
Handangreifen kennen.

Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grünfeld in Beuthen; zur Beerdigung
kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack &
Grünfeld aus Berlin.  Er fragte nach meinen Berufsplänen, hielt aber
gar nichts von einem Nationalökonomie Studium.  Natürlich, wenn ich
dem Vater zuliebe Architektur studieren will, könnte er nichts sagen,
aber er lud mich ein, für einige Wochen nach Berlin zu kommen, und
das tat ich auch.

Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee
in Grunewald.  Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich
lernte etwas vom Großstadtleben Berlins kennen.  Bei einem früheren
Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin für einige Wochen im Haus
in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld mit Vettern Herbert
und Ernst eingeladen gewesen.  Das war ein ganz anderer Stil, mit
viel Betonung auf die Reitpferde und die große Gartenliebe, aber auch
viel Anregung für Kunst und Musik.  Jetzt bei Benjamins fehlte die
Tante Ida, sie litt an Depressionen.

Natürlich hörte ich viel über Rawack & Grünfeld, besuchte das Büro,
mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongespräche
und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust
oder Eignung fürs Baufach verspürte, warum soll ich nicht bei meinem
Onkel bei Rawack & Grünfeld ins Erzgeschäft eintreten, anstatt zu
studieren?  Ich fuhr wie vorgesehen zurück nach Kattowitz; dort fiel
der Entscheid für des Vaters Wünsche, und ich bereitete mich vor, zum
Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule
Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grünfeld
mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch
Kattowitz kannte, alles Nötige für meine Aufnahme und Förderung
meines Studiums einleitete.



Kapitel 5

Als Student in der Weimarer Republik


A) Berlin


a) Leben und Studium

Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul
und Tante Grete Grünfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel
ein möbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte.  In späteren
Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg.  Das Haus in Dahlem
blieb mir während der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium
und Quelle vieler Anregungen auch für alle die großen Attraktionen
des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer
viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet
wurde.  Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch,
aber auch sehr begeisterungsfähig.

Für mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem
Onkel Max halten.  Neben der Einführung in das Bauwesen bei Dr. Weiss
hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch
"Freihandzeichnen".  Grade das war ein früher Kampf, und meine
Unbegabtheit bald eine Warnung, daß ich es mit dem Architekturstudium
schwer haben würde.  Ich kämpfte drei Semester mit diesem Problem,
und je näher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im
Studium kam, desto stärker wurde die Überzeugung, daß ich aussteigen
müßte.  Dabei kann ich nicht sagen, daß ich nicht vieles an diesem
Studium gern hatte, aber es war eine unglückliche Liebe.

Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein großer
Kenner der alten preußischen Schlösser war, zog es mich zur modernen
Architektur, und für die Sommerferien plante ich eine Reise zur
Bauaustellung in Stuttgart.  Vorher traf ich mich mit Karl­Heinz
Lubowski und Freunden in Bayern für eine Wanderung über das
"Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck.  Schon in
der Schulzeit waren wir in Bayern, München, Tegernsee und Mittenwald
gewesen.  Nun lernte ich noch mehr von Süddeutschland kennen, ich
ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels
Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte.
Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom
Leben in Heidelberg.  Für den Rest der Ferien ging ich nach Hause und
arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.

Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner
Tageblatt" bemerkt, daß es in Berlin einen Demokratischen
Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein
Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt.  Ich besuchte gleich ihre
nächste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastraße,
wo sie tagten.  Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin
fortging, sehr zu Hause gefühlt.  Rückblickend auf mein 1.Semester
wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der
Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen
Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung für mein Leben,
über die ich zusammenhängend berichten will.

Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen
Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten
und stets politisch orientierten Atmosphäre des Demokratischen
Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine
"Fraternity", mit Betonung auf die persönlichen Beziehungen der
Bundesbrüder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende,
obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine
entscheidende politische Note gewesen war.  Die Formen entstammten
den alten an deutschen Universitäten gewohnten.  Ein kurzer Blick auf
einige Studenten­Verbindungen ist da angebracht.

Wie schon erwähnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frühen
19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der
1848er Zeit.  Die Burschenschaften hatten die schwarz­rot­goldenen
Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und für deutsche Einigung
gewählt, aber das völkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als
Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich
durchgesetzt.  Für Fraternities hat es ja solche Exklusivität, ebenso
wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland,
aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "völkischen
Prinzips" wurde für die deutsche und vielleicht noch mehr für die
österreichische Studentenschaft charakteristisch.  Trotzdem hatten
während des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen
Zeiträumen immer wieder jüdische Mitglieder, unter ihnen auch manche
später prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder
getaufter Juden (1).

Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht,
einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC)
zusammen, andere blieben unabhängig.  So entstanden sogenannte
"paritätische" Verbindungen, was schon anzeigt, daß der Anteil der
jüdischen Mitglieder unverhältnismäßig zunahm und bald ganz stark
überwog.  Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten
Gebräuchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mützen und
obligatorisch Fechten.  Andere jüdische Studenten hatten dagegen
Korporationen gebildet, die rein jüdische Verbindungen sein wollten,
aus Überzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige
Antwort auf die Exklusivität und deutsch­völkische Richtung der
Überzahl der deutschen Korporationen.

Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung.
Weder ein Beitritt zu einer paritätischen Burschenschaft noch zum
jüdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die
Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen
Ansichten und Neigungen.  Sie war 1886 gegründet worden, nachdem von
Berlin durch die Tätigkeit des Predigers Stöcker ausgehend eine neue
antisemitische und deutschnationale Welle zur Gründung des Vereins
Deutscher Studenten (VDSt) geführt hatte.  Das war eine neue Art von
Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und
Fechten, dafür aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung
scharf rechts.

Als Opposition gegen diese gründeten prominente Liberale die FWV,
führend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen.  Der lebendige
Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb
das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre
Vergangenheit stolz war.  Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine
der "paritätischen" Verbindungen mit überwiegend jüdischer oder
jüdischstämmiger Mitgliedschaft (2).  Dies war keineswegs so bei den
verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen
oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Großteil der
außerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft
organisierten republikanischen Studenten stellten (3).

Die FWV hatte an der Technischen Hochschule eine eigene Verbindung,
die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender für
meinen Beitritt zur FWV war wohl, daß ich durch meinen Vetter Herbert
Grünfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm
in Heidelberg studiert hatten.  Er war dort der FWV beigetreten und
hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in
Berlin weiter studierten.

Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und
interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner.
Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den
Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der
republikanischen Seite aktiv und führend geworden waren, wie Heinz
Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred
Rothberg und Kurt Lange.  Wie andere Verbindungen hatte die FWV das
Amt des "Fuchsmajor" zur Einführung der Neulinge, das war der junge
Anwalt Günter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und
Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in
Zusammenstößen mit Nazis verwickelten Republikanern.

Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter
solchen Zeichen.  Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung
und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen
20er Jahre entsprach und dazu beitrug, daß man sich mit
Gleichgestimmten daran soweit als möglich beteiligte und es mitgenoß.
Natürlich kamen dafür auch immer wieder Anregungen von andersher,
auch der großen Verwandtschaft.  Im Haus Grünfeld in Dahlem sah
besonders Tante Grete immer, daß man die richtigen Konzerte und
Theateraufführungen mitmachte und Gemäldeausstellungen besuchte, wo
man damals viele französischen Impressionisten sah, aber auch eigenen
Neigungen folgen konnte.

Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum
kulturellen Leben Berlins.  Verglichen mit der Generation meines
Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die väterliche Familie in
meiner Generation nicht so groß geworden.  Während meiner
Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen,
die in meiner frühen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen
waren.  Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte
Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als
Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbüchern, Ellen
Epstein war konzertierende Pianistin, Schülerin von Schnabel, und
Hans Hirschel hatte für seine literarische Tätigkeit eine Basis in
Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen
anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im
Erzgeschäft von Rawack & Grünfeld.  Mir war Das Dreieck zu
"avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und
herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten
exzellentes Essen.

In der mütterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder
Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg,
unverheiratet.  In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem
Breslauer Akademisch­Literarischen Verein eine große Rolle (4).
Dieser war auch das, was ich als "paritätische" Verbindung
beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden.  Die literarische
Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter
Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein
großer Kenner und Sammler.  Er war politisch konservativ, hielt den
Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner
Tageblatt.

Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem
Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen,
nun bei der AEG, dem ich während meiner Berliner Zeit sehr
nahegestanden habe.  Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen
und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch
während meiner Studentenzeit sehr früh gestorben.

Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends
unzufriedener wurde, begann ich mich für Fortsetzung des Studiums an
der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren,
auf betriebswirtschaftliche Führung von Industriebetrieben
ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fächern kombiniert.
Für meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei
der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im
nordöstlichen Berlin.  Ich war kein geborener Maurer, aber so zu
arbeiten entsprach mir für zwei Monate durchaus, es war gut, diese
Welt kennenzulernen.  Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt,
aber das war nun etwas anderes.  Mein Maurerpolier, ein richtiger
Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschluß kamen
manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man
trank Bier.

Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer,
daß das nicht mein Beruf war.  Ich habe das dann noch zu Hause
besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen.  Ich wollte
nicht endgültig einen Studiengang wählen, der zu eventueller späterer
Arbeit oder Übernahme des väterlichen Geschäfts keine Beziehung mehr
hatte.  Ein Weg wäre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die
Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung,
hauptsächlich allerdings auf Maschinenbau gestützt, die in der
Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr
an.

Entscheidend wurden für mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger,
ich fand, daß er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir
unabhängigen Rat zu geben und die Courage, die ich für so einen, den
Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschluß brauchte.  Nach
unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen
ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach
sollte ich eigentlich Soziologie studieren.  Das war eine gerade sehr
stark beachtete Wissenschaft geworden.  Mein hochrangiger
nationalökonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred
Tismer, hatte dafür nur das Wort "Schmonzologie".

Ich entschied mich für die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete
Lösung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg.  Die
Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden
Industriehochschule gegründet worden.  Eine ähnliche gab es in
Deutschland in München aus der Vereinigung der dortigen
Handelshochschule mit der Technischen Hochschule.  Dort stand als
Abschluß immer noch ein Diplomkaufmannsexamen.  In Charlottenburg
aber war es ein Diplomingeneur auch für die
Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.

Dort konnte ich nun Nationalökonomie bei dem sehr geachteten Dr.
Goetz Briefs hören, er war katholisch eingestellt, auch im Verband
republikanischer Hochschullehrer tätig.  Sein Assistent, der
Privatdozent Fischer, war, wie sich später herausstellte, weit mehr
rechts, aber diskret damit.  In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar
hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen über die Überlebenschancen
des Britischen Empires zu referieren.  Er hatte mich auf die
zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mußte
die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten überall studieren
und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien.  Ich kam zu einem
für England positiven Schluß, und sah dann, daß er seine Enttäuschung
nur schwer verbergen konnte.  Er hatte mich auf die vielen
Fragezeichen überall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war
ja allgemein bekannt an der Hochschule).  Es gab sie ja auch, aber
ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei
Dank recht behalten.  Gründliche Ausbildung in Betriebswirtschaft,
Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fächer
mußten meist an der Universität und Handelshochschule belegt werden.
Die technischen Fächer, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren
für mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen
mußte, nicht nach meiner Wahl, aber dann später belegte ich
Eisenhüttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das
mich wirklich interessierte.  Als weitere Nebenfächer an der TH
belegte ich dann später noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rühl,
einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und
auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter
meiner Mutter.  Das neue Studium gab mir also ein ziemlich großes
Programm.

Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in
Kattowitz.  Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mädchen, es
gab viel Geselligkeit.  Die Studenten, die in den Ferien nach Hause
kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich
hatte mich an der ursprünglichen Initiative stark beteiligt.  Zum
Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gäste, Frau Dr.
Göppert aus Göttingen, mit Tochter Maria, die in Göttingen Physik
studierte.  Sie war etwas älter als ich und mir sehr sympathisch (6),
war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr
Vater an die Universität Göttingen ging.

Eine Folge des Sylvesterabends war, daß Maria Goeppert, Karl Heinz
Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte
polnische Stadt zu zeigen, die für Kattowitz ja nun eine Art
Nachbarstadt und kulturell ein großer Anziehungspunkt geworden war.
Ich kannte es natürlich schon, aber dieser Ausflug verstärkte den
Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden
für polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich
daraus entwickeln mußten.  Man hatte ja schon Unterricht in
polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht.  Im Studium in Berlin
war man dem etwas mehr entrückt.  Karl Heinz zum Beispiel hatte sich
entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.

Das Sommersemester 1929 war für meine politische Betätigung zusammen
mit Studium, besonders hektisch verlaufen.  Während der
Semesterferien mußte ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit
machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte.  Erich
Oettinger schlug die Lehrlings­ und Fortbildungsschule der AEG in
Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter.  Ich wollte nicht
wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, täglich von meiner
Bude in Charlottenburg hin­ und herfahren.  Ich gab mein Zimmer auf,
mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem
unteren Mittelstands­ und Arbeiterbezirk.  Die Belegschaft in
Arbeit/Schule war auch ganz anders, darüber mehr später, wenn ich
über die politische Entwicklung spreche.

In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem
die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein großes
Geburtstagsdinner statt.  Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie
wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren,
man wollte sehen, daß sie anständig untergebracht war.  Wir sollten
versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei
möblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstraße.  Der Besuch
meiner Eltern war eine große Freude, und die gemeinsame Wohnung mit
Lotte wurde auch eine große Bereicherung meines Lebens in Berlin.
Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten
Freunde einladen.  Die jüdischen Feiertage Neujahr und Versöhnungstag
verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis
wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der
Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu.
Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen
Urlaub für Neujahr geben wollte.  Ich nahm ihn mir einfach,
schließlich war das doch eine von Rathenau gegründete Firma, fand ich.
Erich Oettinger war über meinen Entschluß ebenso kritisch wie das
AEG Management.  Er meinte, ich hätte den Technischen Direktor
anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben.
Für den Versöhnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da
schon bei Jachmann, wo man mehr Verständnis für meine immer wieder
starken religiösen Bedürfnisse um diese Jahreszeit hatte.  Ich wußte
allerdings damals gar nicht, daß die Jachmann Familie jüdisch war.
In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und
Stahlindustrie im damaligen Palästina.


Meine religiöse Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue
Dimensionen zu entwickeln.  Es war einerseits die Welt von Martin
Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der großen Eindruck auf mich
machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten
bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung
menschlicher religiöser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden
Beiträge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben.
Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jüdische
Thora und dann die Prophetenbücher, über Jahrhunderte von Menschen
geschrieben, waren das Bild der jüdischen Entwicklung, die dann eben
auch zur Entstehung des Christentums führte.

Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde
zunächst von meist protestantischen Alttestamentlern und von
Historikern getragen, aber bald kamen auch jüdische Autoren zu diesen
nicht­fundamentalistischen Forschungen.  In der Preußischen
Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und für die
politische Tätigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser
religionsgeschichtlichen Literatur.  Meine religiösen Gefühle aber
blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jährlich an den
jüdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.

Nur ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1930, es gab schon
weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer
Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, daß nicht
alles beim Alten blieb.  Das väterliche Baugeschäft war sehr ruhig
geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig.
Die Ziegelei war sehr beschäftigt gewesen, sodaß mein Vater
Expansionspläne durchführte, für deren Finanzierung die Konjunktur
aber nicht ausreichte.  Es wurde daran gedacht, das große,
gutgelegene Stadtgrundstück, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und
ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tür
zu stehen.

Mit diesen möglichen Veränderungen auch vor mir, ging ich dann wieder
nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen
wollte.  Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen.
Mein Vater schien besonders glücklich damit.  Ich machte nur einen
kurzen Besuch zu Hause, wo die große Änderung mit Umzug der Wohnung,
Verkauf eines Teils der schönen Einrichtung der großen Villa usw.
schon im Zuge waren.

Für August war nämlich bei mir eine Blinddarm Operation im
Krankenhaus Westend in Berlin fällig, in dem mein Onkel Walter
Oettinger mich dafür untergebracht hatte.  Gesundheitlich war ich
seit einiger Zeit angeschlagen.  Allergisches Asthma und dann die
Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt.  Ich wollte die Ferien dazu
benutzen, das hinter mich zu bringen.

Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr
schweres Asthma, ein großer Schock, und es sollte für Jahrzehnte auf
und ab ein ständiger Begleiter bleiben.

Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der
Dahlemer Verwandten erholen.  Ich war ja dort immer wieder zu sehr
herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden.  Das
Büro meines Onkels Paul bei Rawack & Grünfeld war in Charlottenburg
an der Hardenberg­ Ecke Schillerstraße, also direkt bei der
Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft
mit ihm in die Stadt fahren.  Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz
seiner industriellen Firma GFE von Nürnberg dorthin verlegt.  Wenn
ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem
Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls
Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.

Da waren die Brüder Forchheimer, der ältere Dr. Jakob hatte als
Techniker die Firma ursprünglich mitgegründet und war Partner meines
Onkels, der jüngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma
geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft.  Auch kam Ragnar
Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar,
und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen,
die damals mit meinem Onkel über einen Zusammenschluß der Interessen
in Europa Verhandlungen führten, die aber in der Weltwirtschaftskrise
dann aufgegeben wurden.  Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch
manchmal über laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und
Geschäftsprobleme gesprochen.

Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschäftlichen Karriere zur
Ausbildung von Rawack & Grünfeld zunächst nach Beuthen, dann von GFE
zu ihren verschiedenen Werken und schließlich nach England geschickt
worden.  Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den
Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht
da.  Der jüngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.

1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der
Kunstgewerbeschule, für die sie sehr begabt war, zum
Pestalozzi­Fröbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen
hatte und sie einführte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem.  Natürlich
brachte mich das dann noch öfter dorthin.  Dann war dort oft der Sohn
des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am
Kaiser­Wilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie
arbeitete.  Er war auch ein Mensch mit großen allgemeinen Interessen,
auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer
interessante Begegnungen.

Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger
Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch
Hans Bethe, Physikstudent.  Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter
kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling.  Hans
trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner
Sachs auf der technischen Seite.  Seine Schwester Ilse,
Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche
andere Verwandte und überhaupt viele interessante Menschen mit
verschiedenstem background und Begabungen.  Sehr enge Freunde waren
auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnisch­schlesischen
Grenze, die ich viel in Dahlem sah.

Dieser weitere Rückblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja
nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach
Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte.  Ich
konnte sie brauchen, denn für September stand mir Teilnahme an einer
politischen Tagung in Genf bevor.  Auf dem Heimweg von der Tagung
verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jüdische
Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne
Chor, dann erste Durchreise durch Zürich, umsteigen in München und
noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz.  Mich interessierte in
München die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen
Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger
Betonung auf die technischen Fächer abschließen konnte.  Darüber
wollte ich mich orientieren.

Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Versöhnungstag und machte
mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte
war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause.  Ich ging
wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot
neue Anregung, aber mein Interesse für Nationalökonomie war eben doch
so viel stärker als die technische Seite, ein Wechsel nach München
versprach einen viel schnelleren Abschluß dieses Studiums.  Ich hatte
ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach
München im Laufe des Semesters immer festere Formen an.  Für meine
politische Tätigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch
eine sehr an­ und aufregende Zeit.


b)... und politische Bestätigung

Das Gefüge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner
Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den stürmischen und
gefährlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler
Vertrag folgten, nach Spartakus­ und Freikorpsrebellionen, Inflation,
Ruhrbesetzung und gelungener Währungsreform, es entstand auch ein
besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann.  Zunächst
hatten die Rechtsparteien an Einfluß gewonnen, Hindenburg wurde 1925
zum Reichspräsidenten gewählt (der Gegenkandidat der mittleren Linken
Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thählmann hatte als Dritter
kandidiert).  Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther
ein Kabinett des Zentrumsführers Marx, an dem außer Stresemann auch
die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren.  Wirtschaftlich
hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien
in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik
ungeliebt blieb, und monarchistische Gefühle in weiten Kreisen der
Rechten sich zäh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in
weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der
Studentenschaft.

Dabei spielte das "Völkische", immer in unvermeidlicher Verquickung
mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine
besondere Rolle.  Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen
schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts über 50%
der Studentenschaft stellte.

So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines
Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin
besuchte.  Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war
Richard Winners, der mir gleich einiges über den Verein erzählte,
aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war.  Winners, aus
westfälischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem
Seminar Friedrich Meineskes.  Er war dann auch Herausgeber des
Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei.  Vorsitzender des
Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Müllerburg, und
weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der
Jurist Kurt Kronheim, die Nationalökonomen Alfred Tismer und Gaedecke,
Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen
Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge
und Lotte Kronheim.

Für die wöchentlichen Zusammenkünfte im Demokratischen Klub wurden
oft demokratische Politiker und andere zu Vorträgen gebeten,
dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion,
auf die man sich vorbereiten sollte.  Es war hochinteressant,
anregend und eine gute Schule.  Danach konnte man noch ins Restaurant
des Demokratischen Klubs gehen und saß dann manchmal zu einem Bier
mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen
Klubmitgliedern.

Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer
Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwölf, wanderten
von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende
Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung
und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.

Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen
Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus
einem besonderen Zusammenhang ergeben.  Die Studenten einer
Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft
zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen
Studentenschaft.  Diese war nach 1918 unter Führung von
zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch
republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke,
ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B.
auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach.  Aber die alten
studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben
ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutsch­völkische
Gruppen.

Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf
"völkisch"­deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß
jüdischer Studenten.  Die Verfassungen mußten aber von den
zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um
öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die
Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen
wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte.  Die
Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen
Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen
Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin.  Die Studentenschaft
hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm
festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche
Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip",
auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und
auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie
das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von
Studenten jüdischer Abstammung.

Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der
rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt,
besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich
rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen
Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche
Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph,
und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit
österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei
sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur
solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.

Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen,
sondern auch Parlament und Tagespresse.  Es war mir somit vor
Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutsch­jüdischer
Herkunft aus Polnisch­Oberschlesien, zu dem umstrittenen
Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und
stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn.  Mir wurde
zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der
Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.

Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die
Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr.
Wegscheider im preußischen Landtag zu melden.  Ich traf eine sehr
resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie
sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in
die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid
wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte
ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto
Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium.
Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im
preußischen Kultusministerium.  Nach einiger Zeit wurde ich zur
Studentenschaft gebeten.  Der Schriftführer Walther Nothis, der
konservativ­katholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine
Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).

Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit
dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß.
Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften
in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft
daraufhin vom Ministerium aufgelöst.  Meine Mitgliedschaft währte
also nicht lange.

Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen
für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten
studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben,
unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der
Deutschen Studentenschaft entwickelt.  Sie sollten weiter bestehen,
unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf
gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V.
mit Sitz in Dresden zusammengefaßt.  Die Wirtschaftseinrichtungen
wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären
geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil
halb­ oder sogar vollberuflich dort tätig waren.  Es hatte sich also
eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen
entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben
konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei
Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der
Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den
Landesbehörden interessiert waren.

Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens
in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta)
gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen
herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die
eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft
anzustreben.  Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger
Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten
Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag
der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt
mitvertreten(8).

Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen
Studentenschaft ausgeschlossen.  Die Leipziger Studentenschaft war
auch nahe dran.  Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun
von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer
Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den
nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.

An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die
Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der
Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die
Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht.
An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche
Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg
nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort
mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda.
An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische
Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber
sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei
Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen
vertreten.  An unserer TH waren sie nicht vertreten.  Die
Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter
Studentenvertreter für ihre Gremien.  Die erste wichtige Aufgabe war
lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu
verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den
Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte.
Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und
mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet.  Die
Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder
sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers
veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten
auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros
in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.

Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die
republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen
Hochschulen so ergab.  Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur
für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe
und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung
von Bürostunden.  Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten
Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund,
und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber
Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender
dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere
Semester.  Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC
und später der Sozialist Ahrens.

Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner
größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement.  Nichts
ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen
Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß
Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten
Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte"
auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.

Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten
politischen Themen etwas zu sagen gehabt.  Die maßgebenden Mitglieder
hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals
plausiblen Nachfolger.  Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war
bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem
Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel.  Müllerburg, Tismer,
Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch
noch sehen, wie man die übrigen Vorstands­ und anderen Mitglieder
dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit
einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch
im Wasser.

Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt
hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung,
die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen
Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den
Hochschullehrern, die ihr nahestanden.  Sie gehörten teilweise zu der
Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor
Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war
Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige
Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts.  Dann
waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen
auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten
Zeitungen.  Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen
Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über
Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen
in der Studentenschaft hatten.  Besonders Werner Mahrholz galt als so
etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der
Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste.  Die Besuche
bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.

Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue
Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden.  Wir Studenten mußten an
den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen
besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben.  Die Wahl
wurde ein großer Erfolg für die republikanischen Parteien, und man
teilte das Hochgefühl einer beginnenden politischen Sicherheit für
die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete.  Es bildete
sich eine Reichsregierung der Großen Koalition unter dem
Sozialdemokraten Hermann Müller und als Außenminister dem
Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler.  Die
Demokraten waren vertreten durch ihren Parteiführer Erich Koch­Weser
(Justiz) und Hermann Dietrich (Ernährung).  Dies ging zusammen mit
einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und
aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom
Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der
Republik zu Hilfe zu kommen.  Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor
die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwölf
Mandate.  Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden
Regierung der Großen Koalition stärkten auch die Stellung unserer
republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben.  Es war
eben nicht mehr nur der preußische Kultusminister, der hinter uns
stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war für die Republik und
auch die beiden größeren republikfeindlichen Parteien, die
Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu
bestellen.

Ein besonderes Anliegen, das ich verspürte, war Kontakt mit dem
Verein für das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jährliche
Pfingsttagungen mit großer Beteiligung der Schul­ und studentischen
Jugend abhielt.  Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde
gingen dorthin.  Der VDA war damals schon stark auf die
Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz
lagen.  Der Anhängerkreis rekrutierte sich aber stark aus
rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus
Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war,
meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache.
Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher
wünschenswert.  Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren
für Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner
schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit interessiert, und
mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der
Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen.  Ich meldete mich vorher bei
der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdST­er Neumann
geleitet wurde, erklärte, wer ich bin und daß ich teilnehmen würde.

Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin.  In meinem Abteil saßen drei
VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die
Stimmung war antagonistisch.  Auf einer der Haltestellen kam ein
anderer Student dazu und setzte sich mir gegenüber; wir hatten eine
sehr angeregte und auch recht persönliche Unterhaltung.  Man konnte
mit ihm sehr vernünftig über viele politische und weltanschauliche
Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegensätzlich
waren.  Es stellte sich bald heraus, daß der mir gegenüber sitzende
Zusteiger Hermann Pröbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen
Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich.
Er schien ein recht gemäßigter Mann im Führungsgremium der Deutschen
Studentenschaft zu sein.  Abgesehen von einer wirklich interessanten
und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der
Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlöst.
Ich habe nie erfahren, ob er zufällig zustieg. Erst nach beinahe zwei
Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.

Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee,
sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend,
aber es war nicht wirklich interessant.  Die Formen der
Studententagung waren konventionell, ein großer Kommers als Höhepunkt.
Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als
nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem
Lied "Schleswig­Holstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten
mich herausreißen.  Das war es also "von der Etsch bis an den Belt".
Gehörte das mit Dänemark auch zum Katalog der Revision des Versailler
Vertrages?  Plötzlich kam mir die Unterhaltung über die Kaiserpfalz
von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und
wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?

Nach meiner Rückkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA,
wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar über die Tagung zu geben.
Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht
gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form
des Kommerses verleitet dazu.  Eine zeitgemäßere Form wäre besser,
zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung.
Er notierte das.

Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im
Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft
der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit
Sitz im neugebildeten Hauptausschuß.  In der ersten Sitzung war ich
dafür, die Gründungserklärung so zu halten, daß ein Weg offen blieb
für Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der
praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit.  Meine Einstellung
war beeinflußt davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt
hatten.  Mir schien immer wesentlich, eine Brücke zu den Gemäßigten
im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance für eine
Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu
dem Gremium, das da beisammen war, gehörten auch ältere, frühere
republikanische Studentenführer, die im ersten Jahr des Deutschen
Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen.  Ich blieb aber
ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann während
unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklärung der

Deutschen Studentenschaft zur Gründung unseres Verbands
veröffentlicht wurde, da war jede Mäßigung vom Tisch.  Einer unserer
älteren Mentoren, Hans­Helmuth Preuss(9), wandte sich etwas höhnisch
zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im
Stich".

Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist
mir auch für politsche Eindrücke in Erinnerung geblieben.  Es war ja
grade erst nach den für die Sozialdemokraten und die Republik so
erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von
Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hören.  Mein
Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen
Parteiorganisation miterlebt.  Es gab mir aber einen neuen Einblick
über deutsch­jüdische Beziehungen.  Er machte durchaus einen
Unterschied daraus, daß ich jüdisch war.  Er grenzte es ganz scharf
ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon
damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten
jüdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in
seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden,
sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein
Raum für die Art von Tabu, das jüdische Assmilation oft errichten zu
wollen schien.  Mir war das recht so.  Im Grunde genommen hat es mir
geholfen, spätere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in
Studentenversammlungen an der TH mit größerem Gleichmut zu ertragen.

Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen
Aktivität.  Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfältige
Reihe von Vortragenden bei den wöchentlichen Zusammenkünften.  Einmal
hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen
Vortrag besprechen.  So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein
richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemütlich, wo man sich unterhielt, er
bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit größer und schwerer als
ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit
der Rückfahrt vertrug.

In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegensätze und
Spannungen zwischen linken und rechten Flügeln, das machte sich auch
beim Studentenbund bemerkbar.  Der demokratische
Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Präsident des Hansabundes,
eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er
galt als Inhaber der größten Zahl von Aufsichtsratsitzen in
Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten
Flügel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte großes Interesse
für unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden.  Der
Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber
Einflüsse von Wirtschaftsverbänden waren nicht populär.  Da war schon
viel mehr Sympathie für Anton Erkelenz, Gewerkschaftsführer.  Eine
große Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden,
und als die ihm nächsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und
Gertrud Bäumer, die auch bei uns sprach.

Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flügel
der Partei gehörten, sie waren betont national in der Außenpolitik,
wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich,
also eher rechts, ohne daß dies von der wirtschaftspolitischen Seite
her kam.  Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einfluß (10) in
Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der
Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts.  Auch Dr. Ludwig
Haas, als alter süddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener
Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jüdisch und ein KCer.

Die Geister schieden sich damals vehement an einer gespenstischen
Frage: dem Bau des Panzerkreuzers "A".  Unter den Beschränkungen des
Versailler Vertrages für deutsche Rüstung war der Bau von vier solchen
Schiffen erlaubt.  Die neue Regierung der Großen Koalition hatte von
der vorherigen den Beschluß zum Bau geerbt, und als dies in den Etat
aufzunehmen war, entstand starke Opposition innerhalb der
sozialdemokratischen Partei und auch bei Teilen der Demokraten.  Die
Polemik und Presseagitation nahm Ausmaße an, die meinem Gefühl nach
in keinem Verhältnis zum wirklichen Gewicht der Sache standen.  Der
Kampf darüber hatte eine lähmende Wirkung im Gefüge der Großen
Koalition.  Auch in unserem Studentenbund gab es Gegensätze darüber,
wie die Demokratische Partei sich dazu stellen sollte.  Ich fand, da
der Versailler Vertrag das vorsah, sollte der Panzerkreuzer gebaut
werden und die Demokraten mit Zentrum und Deutscher Volkspartei dafür
stimmen.  Es gab auch verantwortliche sozialdemokratische Politiker,
die dafür stimmen wollten (12).

Im Studentenbund war ich allerdings in der Minderheit damit.  Im
November 1928 fuhren wir nach Frankfurt zu einer Tagung des
Reichsbunds Deutscher Demokratischer Studenten, wo diese Frage auch
eine gewaltige Rolle spielte und ebenso dann auf einer Sitzung des
Parteiausschußes, an der ich als einer der Studentenvertreter
teilnahm (13).  Der demokratische Parteiausschuß war vollkommen
gespalten um den Panzerkreuzer; ich erinnere mich am stärksten an das
Auftreten von Dietrich dabei(14), und mir ist das alles so lebhaft in
Erinnerung, weil es mich irritierte, daß ich eine so verschiedene
Meinung von vielen meiner guten Freunde im Studentenbund hatte, auch
wenn ich nicht ganz allein damit stand.

Aus heutiger Sicht wird dieses Argument um den Bau des Panzerkreuzers
A mit den deutschen Zielen für Revision der deutschen Ostgrenzen mit
Polen und diese schon damals als virulent angesehen (15).  Man kann
heute aus unterdessen veröffentlichen Akten herauslesen (16), daß
diese Revisionsziele bei manchen deutschen Amtsstellen und Politikern
immer eine Rolle spielten, aber die Spuren, die einem heute aus den
Akten in die Augen springen, geben meiner Erinnerung nach nicht ein
wirkliches Bild des Klimas in der Öffentlichkeit der späten 1920er
Jahre.

Diese Frage der Ostgrenzen gehörte doch damals nicht zu einem
politischen Aktionsprogramm, sie war ein "Vorbehalt".  Deutschland
war schwach, Ruhrbesetzung und Inflation gerade überstanden, das
Hauptthema der Gegner der "Erfüllungspolitik" der Weimarer Parteien,
auf die Stresemann und seine Partei eingeschwenkt waren, war die Last
der Reparationen.  Frankreich, Polen und die Kleine Entente waren
militärisch unvergleichlich stärker als die Weimarer Republik.  Das
Argument, daß der Panzerkreuzer als eines der im Versailler Vertrag
erlaubten Verteidigungsmittel dann auch gebaut werden sollte, schien
plausibel.

Die deutschen Vorbehalte über die Ostgrenzen waren publizistisch
hochgespielt worden, um den Locarno Westpakt der deutschen Rechten
mehr schmackhaft zu machen.  Die Linke ergriff Aktion gegen den
Panzerkreuzer, aber nahm nicht entscheidend Stellung gegen Wünsche
nach Revision der Ostgrenzen, was wirklich der Kern der Sache gewesen
wäre, wenn man dem Bau dieses Panzerkreuzers einen aggressiven
Anstrich beimaß.  Die Frage der Ostgrenzen aber war ein heißes Eisen,
sie war eher Tabu, man wollte sie nicht wirklich in den Bereich
ernster öffentlicher Diskussion bringen.  Nachdem Hitler 1939 die
Bevölkerung über diese Frage der deutsch­polnischen Grenzen in den 2.
Weltkrieg führen konnte, wird einem klar, welche fatalen Wirkungen
manchmal auch solche "Vorbehalte" haben können, wenn sie zu oft und
lange genug gemacht werden.


Auch in der damaligen Stimmung in Oberschlesien lag die Idee einer
Rückkehr des abgetretenen Gebiets sehr fern.  Die deutsche Minderheit
war in einem andauernden Kampf um die Behauptung ihrer
Minderheitsrechte auf Defensive ausgerichtet, und das waren die
motivierenden Gesichtspunkte des täglichen Lebens.

Als Karl­Heinz Lubowsksi in Krakau studierte, trat er dort auch dem
Verband deutscher Studenten bei, und durch ihn lernte ich auch dessen
damaligen Vorsitzenden Jobst v. Idendorff kennen, mit dem er sich sehr
angefreundet hatte.  Wendorff stand politisch auf der deutschen
Rechten, war sehr intelligent und recht vorurteilslos.  Scherzend
betonte er mir gegenüber immer, daß sein mecklenburgischer Verwandter
ja Demokrat und preußischer Landwirtschaftsminister im Kabinett Braun
war.

Es war interessant, die verschiedenen Stimmungen unter diesen
deutschen Studenten in Polen zu beobachten.  Sie waren ja dauernd den
Polen, polnischer Kultur und Geschichtsvorstellungen nahe, das
tägliche Leben sozusagen in sie eingebunden.  Manche von ihnen kamen
aus deutschen Siedlungsinseln im Innern Polens, z.B. Lodz oder
Ostgalizien.  Ihre Existenz als Deutsche in Polen hatte also damals
nichts direkt zu tun mit deutschen Wünschen nach Revision der
Versailler Ostgrenzen.  Sie waren in einer typischen deutschen
Minderheitssituation.  Es hieß aber nicht, daß sich unter ihnen nicht
manchmal die radikalsten deutschen Nationalisten fanden (17).

Um nun von der Betrachtung mehr schicksalsvoller Fragen zu meinen
Erinnerungen an den demokratischen Studentenbund zurückzukehren, es
gab dort auch gesellschaftliche Veranstaltungen.  So hatten wir ein
Sommerfest draußen im Westen, als Redner hatte ich Gertrud Bäumer
gewonnen, man mußte sie dort an einem Bus abholen, mit mir machen
wollte das Gabriele Müller.  Sie war die Schwester der
Filmschauspielerin Renate Müller, deren Vater beim Berliner Tageblatt
war.  Gabriele war überhaupt ein sehr eifriges und ehrgeiziges
Mitglied unseres Studentenbunds, wo wir also nicht nur Talent sondern
auch Charme versammelt hatten (18).

Im Wintersemester gab es dann den jährlichen Ball im Kaiserhof, den
ich damals mit vorbereiten und eröffnen mußte.  Es waren alle
demokratischen Minister gekommen, und viele andere prominente Freunde.
Die Damenrede sollte Dr. E. Willy Hellpach halten, der grade von
einer Operation ins politische Leben zurückgekehrt war, wozu ich ihn
bei der Einführung herzlich beglückwünschte.  Er dankte dafür
überschwenglich (19), und ich hatte mit ihm seitdem guten Kontakt.
Die Abfassung eines kleinen Theaterstücks war dem im linken Flügel
stehenden Berthold Weinberg überlassen worden, es wurde eifrig dafür
geprobt, ich hatte es nicht gesehen.  Das Theaterstück erregte den
Unwillen von Koch­Weser und die Minister verließen bald nach der
Aufführung unseren Ball.

Kurz darauf bat mich Oskar Meyer in den Reichstag.  Er war ein guter
Freund unseres Studentenbunds geworden, und wollte mir sagen, daß es
nicht richtig war, Koch­Weser als schlafenden Minister darzustellen,
und ihn dann die Visionen haben zu lassen, die man auf linker Seite
bei uns über die Entwicklung der Weimarer Republik hatte.  Ich war
erstaunt über die Empfindlichkeit, hatte den frühen geschlossenen
Aufbruch einiger Gäste als unerfreulich empfunden, aber nicht als so
ernst, wie er anscheinend gemeint war.  Oskar Meyer setzte noch hinzu,
das Stück wäre ja auch schlecht geschrieben gewesen und "es war
nicht einmal gereimt." Das schien mir eine erstaunliche Bemerkung.
Als ob das anscheinend politische Odium des Stückes dadurch gelindert
gewesen wäre, wenn es besser geschrieben und gereimt war.  Vielleicht
hatte er recht.  Zum Schluß des Semesters gab ich den Vorsitz im
Berliner demokratischen Studentenbund ab, da ich in den Vorstand des
Deutschen Studentenverbands gewählt werden sollte, und damit begann
noch ein neues Kapitel in meiner hochschulpolitischen Tätigkeit.  In
studentischen Organisationen war ja die zeitliche Begrenzung der
Tätigkeit des Einzelnen ein zwingendes Merkmal.  Das Studium war an
sich begrenzt in Zeit, oder sollte es sein, und Examenszwänge kamen
auch während des Studiums oft dazwischen, so finden wir einen steten
Wechsel in der Mitarbeiterschaft.

Im ersten nur dreiköpfigen Vorstand des DStV waren Heinz Ollendorf
(FWV) als Vorsitzender, Kurt Berlowitz (Sozialist) und Wolfram
Müllerburg (Demokrat).  Im neuen fünfköpfigen Vorstand mußten die
Gewichte anders, den Kräfteverhältnissen entsprechend verteilt werden.
Die Sozialistische Studentenschaft war die bei weitem stärkste der
republikanischen Studentengruppen, und ihr Vorsitzender Kurt
Berlowitz übernahm den Vorsitz im DStV, und sie erhielten noch einen
weiteren Sitz mit Gerhard Geisler aus Leipzig.  Die sehr aktive
sozialistische Studentengruppe dort galt als ziemlich linksstehend.
Geissler hatte ein sehr starkes Verhältnis zu den Aufgaben der
studentischen Selbstverwaltung, die im Studentenverband auch sein
Ressort wurden.  Einer wichtigen Entwicklung mußte bei der
Vorstandsumbildung Ausdruck gegeben werden:

Der Verband der Zentrumsstudenten hatte beschlossen. dem Deutschen
Studentenverband beizutreten, ihr Vorsitzender Felix Raddatz kam in
den Vorstand.  Er wurde ein wirklicher Eckpfeiler der
republikanischen Studentenorganisation, und ich habe ihn sehr
geschätzt.  Die Zentrumsstudenten standen in ihrer Partei
verhältismäßig links, ganz anders als die katholischen Korporationen
CV und KV, die nur sehr langsam ihre Verbindung zur Deutschen
Studentenschaft lösten.  Felix Raddatz, etwas älteren Semesters, war
mit dem katholischen Sozialfürsorgewerk des Dr. Sonnenschein
verbunden gewesen.  Je ein Sitz sollte den Demokraten und den
freiheitlichen Korporationen zukommen.  Die Demokraten waren bereit,
den in Auslandsbeziehungen und fremden Sprachen besonders erfahrenen
Joachim Joesten, ein Mitglied des Demokratischen Studentenbunds
Berlin, in den Vorstand zu entsenden, wo er dann ein Auslandsamt des
Deutschen Studentenverbands aufbauen sollte und das auch sehr
erfolgreich tat.  Er machte es aber zur Bedingung, daß er sich nicht
mit Vertretung der Interessen der Demokraten den anderen
Mitgliedsorganisationen gegenüber und auch mit allgemeinen
hochschulpolitischen Fragen nicht befassen muß.  Er hatte ja auch in
der demokratischen Studentenorganisation nie eine Stellung bekleidet
oder sich mit solchen Sachen beschäftigt.

Dem sollte damit abgeholfen werden, daß ich als Mitglied der FWV
Vertreter der freiheitlichen Verbindungen werde und dabei dann auch
die spezifischen Interessen des Reichsbundes Demokratischer Studenten
wahrnehmen würde, dessen größte Ortsgruppe, die Berliner, ich ja für
ein Jahr grade geleitet hatte.  Von den freiheitlichen Verbindungen
war außer der FWV hauptsächlich der KC im Deutschen Studentenverband
tätig und im Hauptausschuß vertreten und stimmte gegen meine Wahl in
den Vorstand (20).

Mein Vorstandsamt im Deutschen Studentenverband lief nur vom Frühjahr
1929 bis wir dann den 1.Republikanischen Studententag im Januar 1930
veranstalteten.  Es war eine erfüllte und aufregende Zeit für mich,
in sehr guter Zusammenarbeit mit den anderen Vorstandsmitgliedern.
Ich hatte, was wir das "Innenamt" nannten, den Kontakt mit allen
Ortsgruppen an den verschiedenen Hochschulen, und den Kreisleitern
und ­Ausschüssen, in denen sie zusammengefaßt wurden.  Es gab in
diesen Kreis­ und Ortsgruppenführungen starke und eindrucksvolle
junge Persönlichkeiten, zum Teil schon durch Hauptausschußitzungen
des Verbandes in Berlin bekannt, der Kontakt von Berlin wurde durch
häufige Rundschreiben aufrecht erhalten, Kreistage wurden
veranstaltet und besucht (21).

Im DStV wurden auch die entsprechenden österreichischen
Studentengruppen Mitglieder.  Besonders die Sozialistische
Studentenschaft hatte eine sehr starke und aktive Mitgliedsgruppe in
Wien, es gab auch eine Freiheitliche Gruppe dort, und es schien
selbstverständlich, daß die republikanischen Studenten sich auch auf
großdeutscher Basis organisieren würden, wie es die Deutsche
Studentenschaft war.  Ähnliche Gruppen an den deutschen
Hochschulen in Prag und Brünn sollten auch in den Deutschen
Studentenverband einbezogen werden, der so zeigte, daß er sich dieser
außerhalb Deutschlands lebenden Deutschen durchaus bewußt war und von
seinem politischen Standpunkt eine Haltung und Lösungen dazu
entwickeln wollte.

So wurde dem Innenamt im Vorstand noch ein Grenzlandamt angegliedert.
Anfang Mai 1929 hielten wir eine Grenzlandtagung in Dresden
gemeinsam mit den "Lese­ und Redehallen der Deutschen Studenten" von
Prag und Brünn ab (22).  Das waren schon alte Institutionen
freiheitlicher Studenten, also mit der deutschsprachigen liberalen
Prager Kulturszene verwandt.  Dazu kamen noch sozialistische
Vertreter.  Unsere Tagung, stark besucht und recht repräsentativ im
Weißen Hirsch aufgezogen, war eine Notwendigkeit für eine lebendige
Eingliederung der Prager und Brünner Gruppen und war auf dem Programm
unseres Vorstands.  Für mich traf es sich mit dem lebhaften Interesse
an der Problematik und Bewegung der Minderheiten in Europa, das ich
von meiner oberschlesischen Heimat her hatte (23).

Die DStV Gruppe an der TH Dresden und auch der demokratische
Studentenbund, von Helmut Eichler geleitet, bereitete die Tagung gut
vor, und sie stärkte auch seine Stellung in Dresden, wo es in der
Studentenschaft der TH ebenso wie in Leipzig auch Strömungen für
Distanzierung von der Deutschen Studentenschaft gab.  Von dieser
wurde nach 1927 auch die zentrale Organisation für die studentische
Wirtschafthilfe abgetrennt, das Deutsche Studentenwerk mit Sitz in
Dresden, und die Tagung gab uns auch willkommene Gelegenheit für
engeren Kontakt mit führenden Leuten im Studentenwerk(24).

Danach kam Pfingsten, immer eine schöne Zeit für politische Jugend­
und Studententagungen.  Die Jungdemokraten hatten ihre Jahrestagung
in Worms als ein deutsch­französisches Jugendtreffen mit der
Jugendorganisation der französischen Radikalsozialistischen Partei
Herriots.  Die demokratischen Studenten beteiligten sich mit ihrer
Jahresversammlung aller Mitgliedsgruppen und auf französischer Seite
entsprach dem die "Ligue d'Action..."unter Führung von Pierre
Mendès­France.  Auf der Sitzung des Reichsbunds demokratischer
Studenten sollte Joachim Joesten als demokratischer Vertreter über
die Arbeit des Deutschen Studentenverbands berichten.

Ich selbst wollte wieder die Pfingsttagung des VDA, diesmal in Kiel,
besuchen.  Der Leiter des DStV in Kiel war Helmuth Spiegel, er führte
auch die Sozialistische Studentengruppe und beteiligte sich auch
aktiv beim VDA in Kiel.  Sein Vater, Rechtsanwalt und altverdienter
Sozialdemokrat, war damals Stadtverordnetenvorsteher von Kiel.  Meine
vorjährige Unterhaltung mit Neumann hatte anscheinend Eindruck
gemacht.  Im Mittelpunkt der Studententagung stand nicht mehr ein
Festkommers, sondern eine Art Akademie in einer Kapelle, mit Vortrag
des bekannten Berliner Historikers Pflug­Hartung und mit
Kammermusikumrahmung.  Abends gab es einen Vortrag des eindeutig auf
republikanischer Seite stehenden Schriftstellers Walter v.  Molo über
"Dichtkunst und Volkstum".  Da hatte sich doch das Blatt etwas
gewendet.

Es war eben die Zeit, als die Regierung der Großen Koalition noch
intakt war, die Republik zunehmend an Achtung und Stärke zu gewinnen
schien.  Helmuth Spiegel wollte eine Anzahl republikanischer
Studenten aus umliegenden Hochschulen zur Teilnahme gewinnen, und
auch unser norddeutscher Kreisleiter Kreye aus Hamburg, ein linker
Sozialist, kam.  Kurz vor meiner Abreise nach Kiel ergab sich eine
Komplikation: Joachim Joesten weigerte sich nach Worms zu kommen und
die ihm dort zugedachte Rolle zu übernehmen.  Müllerburg bat mich,
meine Pläne für Kiel aufzugeben und statt dessen nach Worms zu kommen,
unser Studententag würde erwarten, von einem Vorstandsmitglied des
Deutschen Studentenverbands aus erster Hand einen Bericht zu bekommen.
Diese Sitzung sollte erst am Pfingstmontag stattfinden.  Wir
verabredeten, wenn ich wirklich dabei sein muß, würde er ein
Telegramm nach Kiel schikken, und er versprach, sein Bestes zu tun,
das zu vermeiden.  So fuhr ich also nach Kiel, die Spiegels hatten
ein sehr gastliches Haus, viele sozialdemokratische Prominente hatten
sich im Gästebuch eingetragen, wir waren nun eine ganze Anzahl
republikanischer Studenten beisammen.  Es gab einen Republikanischen
Akademikerklub in Kiel, der für uns einen Begrüßungsabend
veranstaltete, ich mußte über den Deutschen Studentenverband sprechen.

Es gab mehrere angesehene republikanische Hochschullehrer in Kiel:
Baumgarten, Schücking, Tönnies, Kantorowicz u.a.  Die VDA Tagung ließ
sich auch interessant an, ich traf ja auch Bekannte aus Kattowitz,
darunter Otto Ulitz und die alte Familienfreundin Rosa Speier, und
natürlich traf ich auch Werner Mahrholz, dem der so viel besser
republikanische Anstrich dieser Kieler VDA Tagung auch sehr zusagte.
Bei der Studententagung gab es aber doch noch einen peinlichen Mißton.
Wir saßen alle zusammen in dem Kirchenschiff, als Dr. Pflug­Hartung
seinen Vortrag hielt und eine scharf gegen die Weimarer Republik
gerichtete Äußerung nach der anderen von ihm zu hören war.  Es wurde
immer ungemütlicher, Kreye neben mir zupfte an meinem Ärmel, wir
guckten uns alle an, und schließlich beschloß ich, aufzustehen und
den Saal zu verlassen.  So taten acht bis zehn von uns hinter mir,
wie wir da herausdefilierten.  Das war eigentlich schade, die Form
der Veranstaltung gut gedacht, der für den Abend geplante Vortrag
Walter v.  Molo's ebenso, aber ich hatte keine Wahl, so ausfällig war
Pflug­ Hartung geworden.

Am Samstagabend kam Müllerburgs Telegram, das mich um Hilfe für
Montagmorgen in Worms bat.  Ich nahm es mit sehr gemischten Gefühlen
auf.  Am Pfingstsonntagmorgen packte ich meinen Koffer, gab ihn nach
Worms auf und ging nur mit meiner Aktentasche voll mit Papieren,
Waschzeug, Pyjama etc. zur Morgenfeier der VDA Tagung auf die
Festwiese.  Dort sah ich Werner Mahrholz, er stand mit dem
demokratischen Reichstagsabgeordneten, dem früheren
Reichsinnenminister Külz, der sich auch für den VDA interessierte, am
Rande der Festwiese.  Mahrholz winkte mir zu, und ich stand dann dort
mit den beiden, aber vor dem Ende mußte ich gehen, um meinen Zug nach
Worms zu erreichen, was ich Mahrholz auch erklären wollte.  Am
nächsten Morgen war ich in Worms.

Der Jungdemokratentag war auch ein fröhliches Treiben, aber ich mußte
sofort zur Sitzung der Studententagung; es war eine recht große
Versammlung aus allen Teilen Deutschlands und gut, so viele
wiederzusehen oder kennenzulernen.  Es sind mir viele in guter
Erinnerung geblieben, Hamburg, München, Marburg, Köln.  Es war ganz
klar, sie wollten wirklich über den Deutschen Studentenverband
sprechen und hatten was zu sagen.  Zum Schluß wurde ich zum
stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbunds der demokratischen
Studenten gewählt.  Nach unseren Sitzungen nahm ich noch teil an
einer Zusammenkunft mit den französischen radikal­sozialistischen
Studenten über Pläne für weitere Zusammenarbeit.  Ich saß Pierre
Mendès­France gegenüber.

Danach kam eine Rheinfahrt von Besuchern der Jugend­ und der
Studententagungen, an der ich nun auch teilnahm, und auch später in
der Woche an einem Westdeutschen Kreistag des DStV in Köln.  Die
Rheinfahrt von Mainz nach Königswinter war wirklich schön.  Als
stärkste Persönlichkeit unter den Jungdemokraten auf dieser
Rheinfahrt ist mir der Hamburger Erich Lüth in Erinnerung geblieben,
von großer Vitalität, etwas wild, er hat ja auch im politischen Leben
der jungen Bundesrepublik sich wieder einen Namen gemacht.  Mit Hans
Fest und Paul Freitag von der Hamburger Studentengruppe verstand ich
mich besonders gut, und dann war dort noch Tantzen aus Göttingen, der
"junge" im Gegensatz zu seinem Vater, der demokratischer
Reichtstagsabgeordneter, ein oldenburgischer Bauernführer und dort
Ministerpräsident war.  Der Sohn war ein sehr begeisteter und
ungestümer Kämpfer für die republikanische Sache, repräsentierte die
Demokraten und den DStV in Göttingen.

Er hatte sich mehrfach bei uns in Berlin über die Göttinger
Universität, Rektor und vor allem den Kurator Schulz beschwert, die
es weiter zuließen, daß die Deutsche Studentenschaft mit ihren
Anschlagbrettern als die offizielle Studentenvertretung auftrat.  Zu
meinen Aufgaben im "Innenamt" des DStV gehörte laufender Kontakt mit
dem preußischen Kultusministerium, vor allem mit Ministerialrat Leist,
auch in solchen Fragen.  Der Kurator hatte Leist gegenüber alle
Anschuldigungen Tantzens zurückgewiesen und ihn als einen Krakehler
bezeichnet.  Leist meinte, jemand sollte doch mal hinfahren und ihm
berichten.  Tantzen hatte das selbst schon gefordert und auf der
Rheinfahrt überredete er mich, nach der Kölner Kreistagung auf dem
Rückweg nach Berlin mit ihm über Göttingen zu fahren.  Meine kurze
Zeit dort teilte ich zwischen ihm, der Besichtigung der mit Recht
beanstandeten Anschlagbretter und dem alten Freund Karl­Heinz
Lubowski, der sein Studium in Krakau aufgegeben und nun in Göttingen
weiter Jura studierte.  Er war oft bei Göpperts, leider war Maria
Göppert, meine so begeisternde Bekanntschaft vom vorherigen Sylvester
nicht da, die alte Frau Professor lud mich mit Karl­Heinz zum Tee ein.
Zurück in Berlin, berichtete ich Ministerialrat Leist über die
Göttinger Anschlagbretter.  Er wollte veranlassen, daß der Geheimrat
Schultz seines Postens als Kurator der Universität enthoben würde.
So endete mein ausgedehnter Pfingstausflug in diesem so lebhaften
Sommersemester 1929.

Die Aktivitäten des DStV entfalteten sich gut, überall im Reich
wurden Versammlungen und Vortragsabende unter Mitwirkung
republikanischer Hochschullehrer und Politiker veranstaltet, im Juli
1929 kam unsere neue Zeitschrift "Student und Hochschule" heraus.  In
unserem Büro lernte ich viele der jungen sich bei den
Sozialdemokraten profilierenden Politiker und Publizisten kennen, die
uns dort besuchten, darunter Adolf Reichwein, damals Pressechef des
Kultusministers Becker, Theo Haubach, Walther Pahl, Immanuel Birnbaum,
damals Korrespondent der Vossischen Zeitung in Warschau, und Rudolf
Küstermeyer, Veteran der Studentenbewegung aus Freiburg.

Da zu meinem neuen Studium juristische Vorlesungen und Übungen an der
Universität und Handelshochschule gehörten, führte mich mein Weg
ohnehin mehrmals die Woche ins Zentrum Berlins und eben auch in unser
DStV Büro in der Albrechtstraße gegenüber dem Schiffbauerdamm.  Dazu
kam noch die Preußische Staatsbibliothek und dann war noch das Caffee
Schön (Unter den Linden).  Mein Nachfolger im Demokratischen
Studentenbund Berlin, Robert Hess, gestaltete das Leben und Programm
der Berliner Ortsgruppe sehr lebendig und hatte besondere Begabung
für menschliche Kontakte.  Es hatte sich ein regelmäßiger
Mittagsstammtisch im 1.Stock des Caffee Schön gebildet, er war der
eigentliche Promotor und blieb die Seele dieser Einrichtung.  Die
Teilnehmerzahl konnte so zwischen vier und zwölf schwanken; es fing
mit uns demokratischen Studenten an, aber dann kamen auch Freunde aus
den anderen republikanischen Gruppen, auch regelmäßig Veteranen wie
Winners, damals Korrespondent des Christian Science Monitor, später
bei der Chicago Herald Tribune in Berlin, sein Freund Dr. Brock, sehr
katholisch, auch bei einer ausländischen Zeitung.

Zu den besonders engen Kontakten hatte beim Demokratischen
Studentenbund der Staatssekretär im preußischen Innenministerium Dr.
Abegg gehört, und jetzt im Deutschen Studentenverband wurde das noch
ausgesprochener.  Er war in vielem ein wichtiger Mentor.  Das
Reichsbanner Schwarz­Rot­Gold hatte im politischen Leben Deutschlands
eine immer stärkere Bedeutung bekommen.  Stoßtrupps von
Nationalsozialisten und Kommunisten spielten eine zunehmende Rolle im
politischen Kampf.  Das Reichsbanner sollte eine Schutzbewegung
dagegen sein, und Studenten waren auch beteiligt.  Der auch zum VDST
gehörige Republikanische Studentenbund von Prinz Hubertus Löwenstein
und Walter Kolb hatte Pfingsten 1929 eine Wartburgtagung gemeinsam
mit dem Reichsbanner abgehalten und ein süddeutscher Kreistag des
DStV wurde anläßlich einer Reichsbannertagung abgehalten.

Am 28.Juni 1929 war der 10.Jahrestag der Unterzeichnung des
Versailler Friedensvertrags.  Die Reichsregierung, in delikaten
Verhandlungen mit den Alliierten über eine bessere Regelung der
Reparationsfrage durch den Young­Vertrag verwickelt, hatte sich jede
Demonstrationen aus diesem Anlaß verbeten, aber die Deutsche
Studentenschaft rief zu solchen Demonstrationen an den Universitäten
auf, und es gab an der Universität Berlin die ersten gewalttätigen
Zwischenfälle.  War es zulässig, daß die Polizei eingriff, trotz der
Autonomie der Hochschulen, auf der der Chirurg Dr. His als Rektor
bestand, und sich damit dem Vorwurf antirepublikanischer Haltung
aussetzte?  Auf der anderen Seite war Dr. Abegg, dem die preußische
Polizei unterstand, als eines der stärksten Instrumente der Weimarer
Republik angesehen.

Am 15.Juli fand in Kiel die regelmäßig veranstaltete Norddeutsche
Woche statt.  Die Deutsche Studentenschaft war immer sehr prominent
dabei gewesen, auch bei den Sportveranstaltungen, und diesmal wurde
der DStV auch eingeladen.  Kurt Berlowitz und ich sollten dorthin
fahren.  Gleichzeitig sollte dann dort der Norddeutsche Kreistag des
DStV stattfinden.

Als wir bei einem Besuch bei Staatssekretär Abegg unsere Reise
erwähnten, stellte sich heraus, daß sein Bruder Regierungspräsident
in Schleswig­Holstein war und sozusagen der Gastgeber der Tagung.
Wir sollten uns bei ihm melden, ja er wollte veranlassen, daß sein
Auto uns am Bahnhof abholt.  So kam es dann auch, eigentlich etwas zu
viel.  Die Teilnahme an der Tagung war ja eine rein repräsentative
Sache, aber der Kreistag war gut, außer Hamburg und Kiel hatten wir
auch in Greifswald und Rostock sehr lebhafte Gruppen, und das Haus
Spiegel war wieder sehr gastlich.

Auf der Rückreise standen wir im Zugkorridor nahe dem Berliner Rektor
His, der Berlowitz erkannte und uns in ein langes Gespräch
verwickelte, von Politik und Hochschule über Probleme der heutigen
Jugend, Weltanschauung und Religion.  Es bezeugte seine tiefe
Menschlichkeit, konnte aber nicht verhindern, daß man bei neuen
Studenten Unruhen in kommenden Monaten entgegengesetzter Meinung über
Schutz für rechtsradikale Auschreitungen durch eine
Hochschulautonomie war.  Gerade weil diese Studentenausschreitungen
in den Rahmen zunehmender Gewalttätigkeit der Stoßtrupps der
radikalen Parteien zu kommen schienen, durften sie nicht allein
gelassen werden.

Noch aber schien die Republik auf recht festen Füßen zu stehen.  Zu
ihrem 10.Jahrestag am 11.August 1929 fanden große Feiern statt.  Wir
gingen alle in das Stadium zum offiziellen Festakt, das Reichsbanner
trat in Stärke auf, es gab keine Störungen.  Beim Rückweg im
Tiergarten zwischen Zelten und Brandenburger Tor sahen wir Carl
Severing, den Reichsinnenminister, vor uns, es war ein lebhafter
Betrieb festlich gestimmter Mengen, weit und breit war kein Schutz
oder Bewachung für ihn zu sehen.  Wir dachten, wo könnte man das
sonst so sehen, es schien doch gut um die Republik bestellt.  Aber
das Hochgefühl dieses Tages blieb mir als Episode eben so in
Erinnerung, weil es doch schon zu dieser Zeit, kaum ein Jahr nach den
Wahlen in Mai 1928 so viel stärkere Anzeichen fortwährender Bedrohung
der Republik gab, die ich selbst auch zu spüren bekam.

Ich wohnte schon für die Ferienpraxis in Reinickendorf, im Norden
Berlins.  Die Belegschaft war ganz anders als auf dem Bau im Vorjahr,
hauptsächlich junge Lehrlinge oder Praktikanten wie ich, und es war
nicht nur das sondern auch das Jahr, das vergangen war.  Es gab unter
den jungen Leuten Gruppen von Nationalsozialisten und Kommunisten und
dauernd Spannungen.  Von den kursleitenden zwei Werkmeistern war
einer deutlich in Sympathie mit seinen Nazischülern.  Die standen ja
schon unter enormem emotionellem Auftrieb und das geisterte durch die
Werkräume.  Gott sei Dank war das Arbeitsklima in der Gießerei
Jachmann, in der ich abschloß, noch normaler, Arbeiter und
Angestellte aller Altersklassen, Spannungen zwischen etwaigen Nazis
und Kommunisten kaum zu merken.  Ich war aber froh, als ich wieder
nach Charlottenburg ziehen konnte.

Die nationalsozialistische Studentengruppe an unserer TH war sehr
gewachsen, trat ungeheuer aggressiv gegen jeden auf, es war an der TH
besonders stark und rapide; in dem fanatischen, von Haß platzenden
Hammersen hatten sie einen rasanten Führer.  Er stand dem Dr. von
Leers nahe, gehörte also zu den Radikalsten unter den Nazis.  Die
Mehrheit der rechtsgerichteten Großdeutschen Studentenschaft war noch
immer durch die Korporationen des Waffenrings vertreten, aber die
Nationalsozialisten bauten eine eigene Studentenorganisation auf.
Die Korporationen hatten Schwierigkeiten, ein Teil ihrer Mitglieder
wurden Nazianhänger.

Im Ausschuß der Wirtschaftshilfe, damals vom Chemiker Dr. Pschorr
sehr unparteiisch präsidiert, saßen Korporarionsstudenten als
Vertreter der Großdeutschen Studentenschaft, die Zusammenarbeit war
sachlich.  Es wurden aber von Zeit zu Zeit Vollversammlungen aller
Studenten abgehalten, und Hammersen benutzte das für die
Nationalsozialisten, um ganz radikale Anträge zu stellen.  Ich
stellte sofort Antrag auf Ablehnung, er wetterte gegen den "Juden
Grünfeld", Geheimrat Pschorr entzog ihm schließlich das Wort.  Die
Anhänger der Großdeutschen Studentenschaft waren gespalten, ihre
gemäßigteren Korporationen stimmten für Ablehnung.  Sollte das eine
neue Entwicklung werden?

In Leopold Schwarzschild's "Das Tagebuch" drängte der demokratische
Politiker Dr. F.Friedensburg auf energischeren Kampf gegen die
Republikfeindlichkeit der Studenten, und sah die Hauptursache in den
Korporationen.  Am 31.Oktober sprach er auf einem Diskussionsabend,
der dafür vom Deutschen Republikanischen Reichsbund und der
republikanischen Alt­Akademikervereinigung "Der Bund" in dem
Demokratischen Klub einberufen wurde.  Es sprachen in lebhafter
Diskussion u.a.  Kultusminister Bekker, manche andere Prominente und
für die Studenten Kurt Berlowitz.  Daher meldete ich mich nicht zum
Wort, aber als uns nachher Leopold Schwarzschild um sich versammelte,
um zu fragen, was nun gegen die Korporationen getan werden sollte, da
wies ich auf meine Erfahrung an der TH Charlottenburg hin, wo sich
als die gefährlichsten Hauptgegner der Republik bereits die
organisierten Nationalsozialisten profiliert hatten, daß also von
meiner Sicht her die größere Gefahr nun von Hitlers Bewegung kam, die
auch in manchen Korporationen als Bedrohung von außen empfunden wurde.
Das hieß nicht, daß ich nicht auch in Zukunft gegen die schlechten
Einflüsse der Korporationen sprach oder schrieb, ja ich sollte sogar
wegen solcher Äußerungen noch bald einem speziellen Boykott durch
meine Schulkameraden ausgesetzt sein, aber die politische Entwicklung
hatte ich von meiner zugespitzten Erfahrung an der TH her schon
damals richtiger gesehen als die anderen Teilnehmer an der Diskussion.

Am 3.Oktober war Stresemann gestorben.  Ich erinnere mich deutlich an
das Gefühl des Verlusts und auch einer deutlichen Gefährdung der
Republik, denn es war zu diesem Zeitpunkt er, der die Große Koalition
zusammen zu halten schien.  Nach Locarno und Briand­Kellog Pakt
führte die Verständigungspolitik zum Abkommen über den Young Plan für
die Abwicklung der Reparationen, eine Erleichterung gegenüber
früheren Reglungen, aber doch neuerliche Festschreibung einer
gewaltigen Last.  Die Zustimmung zum Young­Plan durch Stresemann auf
einer ersten Haager Konferenz im August 1929 war die logische und
unausweichliche Kulmination der durch Locarno eingeleiteten
Verständigungspolitik, ein Schlüsselpunkt in der Politik der
republikanischen Parteien, einschließlich Stresemanns Deutscher
Volkspartei.  Man darf nicht vergessen, das Rheinland war noch von
alliierten Truppen besetzt.  Rheinlandräumung und Annahme des
Youngplans hingen zusammen.

Zu den deutschen Sachverständigen, die zur Abfassung des Planes
zugezogen wurden, gehörte auch der Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar
Schacht, und er wandte sich plötzlich gegen die Annahme des Plans.

Die Deutschnationale Partei Hugenbergs leitete ein Volksbegehren
gegen die Annahme des Youngplans ein, und die Nationalsozialisten
schlossen sich an.  Es trug dazu bei, ihnen entscheidenden Auftrieb
zu geben.  Wo sie im Mai 1928 noch mit 12 Mandaten gegen 73 Mandate
der Deutschnationalen in den Reichstag gezogen waren, wurden sie nun,
schon durch die Vehemenz ihrer Propaganda, gleich lautstarke Partner
auf der Rechten.  Das Referendum am 22.Dezember 1929 ging aber für
Annahme des Youngplans aus, die Republik hatte nochmals gewonnen.  In
einigen Kommunal­ und Landtagswahlen aber zeigten sich bald
beunruhigende Gewinne für die Nationalsozialisten.  Zu den
Erinnerungen an diese turbulenten ausgehenden Monate des Jahres 1929
gehören natürlich auch die ersten Nachrichten aus New York über
Börsenkrach und beginnende schwere amerikanische Wirtschaftskrise.
In Deutschland wurde man sich bald der ernsten Bedeutung, die das
haben würde, bewußt.  Noch aber bestand, durch den Ausgang des
Youngplan Referendums bestärkt, starke Zuversicht für die Sache der
Weimarer Republik, und der DStV bereitete seinen 2. Studententag für
Anfang Januar 1930 vor.

Für den Hauptfestakt suchten wir je einen Redner der drei Parteien
oder jedenfalls der politischen Richtungen, die sie für uns
repräsentierten.  Als Redner für die demokratische Richtung wurde der
Historiker Friedrich Meinecke vorgeschlagen.  Berlowitz wollte das
Privileg, ihn um seinen Vortrag zu bitten, ich ging in den Reichstag
zum Prälaten Dr. Schreiber und Felix Raddatz sah den
Sozialdemokratischen Staatsrechtler Heller.

Vor dem Studententag fuhr ich für Weihnachten und Sylvester nach
Hause.  Als ganz persönliche Erinnerung: ich wollte gleich danach
wegfahren für die Vorbereitungen zum Studententag, da brach ein Sturm
los.  Mein Vater beklagte sich, daß mein Studium zu kurz kommt, und
wozu das alles gut sei, zum Beispiel in Kiel bei der VDA Tagung hätte
ich bloß die Aktentasche von Herrn Külz getragen.  Er mußte sich sehr
geärgert haben, was unsere Freundin Rosa Speier glaubte, in Kiel
gesehen zu haben, und meinen Eltern erzählt hatte.  Das Bild da am
Rande der Festwiese kam mir wieder in Erinnerung.  "Aber es war doch
meine Aktentasche.." sagte ich und mußte den Zusammenhang mit der
frühen Abreise nach Worms erklären.  Die Erwähnung von Worms machte
die Lage nur wenig besser.  Meine Eltern hatten damals tagelang nicht
gewußt, wo ich eigentlich bin.  Schließlich sprach Vater noch ein
ernstes Wort, ich täte jetzt viel zu viel in meinem Alter, verausgabe
mich, und dann würde ich später viel weniger Erfolg haben.  Daran
habe ich oft gedacht.  Wir einigten uns auf einen mittleren
Abreisetermin.

Von den zum republikanischen Studententag sich versammelnden
demokratischen Delegierten wurde vorher eine Tagung des Reichsbunds
demokratischer Studenten abgehalten.  Wolfram Müllerburg wollte dafür
als Hauptredner neue, nicht so parteipolitisch abgestempelte Namen,
und damit vielleicht neues Blut und Ideen zeigen.  Es kamen Alfred
Weber aus Heidelberg und Heinrich Simon, Herausgeber der Frankfurter
Zeitung.  Hier war also ein Versuch der Neuerung aus der liberalen
Mitte heraus.  Ich fand mich auf der Abendveranstaltung, auf der sie
sprachen, zwischen den beiden sitzend, die Tagung verlief in
Begeisterung und Kampfstimmung.

Auf der DStV Tagung mußte ein neuer Vorstand gewählt werden.
Studenten konnten ja solche Ämter nie lange wahrnehmen, Berlowitz
wollte ins Referendar­, ich im Juni ins Vorexamen an der TH gehen,
Raddatz war schon berufstätig.  Als neuen demokratischen Vertreter
wollte ich unbedingt Helmuth Eichler aus Dresden gewählt haben, sehr
energisch und mit Durchschlagskraft, eher leicht rechts von der Mitte
und mit gutem Kontakt mit gemäßigt rechten Gruppen auch im Deutschen
Studentenwerk in Dresden, dessen Direktor Dr. Schairer auch als Gast
bei einigen Veranstaltungen der DStV Tagung teilnahm.  Diese Kreise
schienen gerade auf dem Weg, sich mit der Republik besser zu
befreunden.  Trotzdem viele links von Eichler standen, fand der
Vorschlag beim demokratischen Studententag Zustimmung, und ich wurde
beauftragt, den Vorschlag auf der DStV Tagung mit Bestimmtheit zu
vertreten.  Man wußte schon, daß es gegen Eichlers Wahl bei den
Sozialisten Widerstand gab.

Der DStV republikanische Studententag wurde dann eine starke
Kundgebung von gemeinsamer Einsatzbereitschaft und Kampfstimmung.
Der äußere Rahmen war anspruchsvoll aufgezogen (25).  Am Vorabend gab
Minister Becker einen Empfang im Preußischen Kultusministerium, zu
der Eröffnung der Tagung am 10.Januar kam der Reichsinnenminister
Severing.  Am Abend gab uns die Vereinigung freiheitlicher Akademiker
"Der Bund" einen vom demokratischen Abgeordneten Dr. Bohnert (26)
geleiteten Empfang im Preußischen Landtag, wo der Reichskanzler
Hermann Müller sprach.  Die Akademische Kundgebung mit den Reden von
Meinecke (Geschichte, Staat und Gegenwart), Hermann Heller (Die
Bedeutung der gesellschaftlich­wissenschaftlichen Auffassung in allen
Geisteswissenschaften) und Prälat Schreiber (Die politische Bedeutung
des Auslandsdeutschtums) fand auch gute Beachtung.

Bei der folgenden Schlußsitzung nominierte ich Eichler für den
demokratischen Vorstandsposten, es gab heftige
Meinungsverschiedenheiten, ein zunehmendes Patt.  Ein Freund sagte
mir nachher, daß ich trotz kompromißlosem Bestehen auf unserem Antrag
durch die Art meiner Reden es verstanden hätte, die Wogen zu glätten,
statt sie weiter aufzurühren.  Ich habe mich im späteren Leben oft an
diese Wertung erinnert.  Es überzeugte jedenfalls den
Zentrumskollegen Felix Raddatz, der die Sozialisten zum Einlenken
bewegte.

Ein Nachwort zum Studententag von Werner Mahrholz "Aufbruch zur
Fahrt" (27) enthielt auch kritische Töne.  Er bejahte den Erfolg in
der Suche nach einem unmittelbaren Aktionsprogramm, auch mit einigen
Ideen für eine Hochschulreform, aber war kritisch, daß der
Studententag eine Wiederherstellung studentischer Selbstverwaltung
erst sich vorstellen konnte, wenn "das Bekenntnis zur Republik für
die überwiegende Mehrheit der Studenten selbstverständlich ist", und
daß zunächst auch die Wirtschaftshilfe als staatliche Organisation
auszubauen sei.  Das scheint ihm zu viel Hang zum
'Gouvernmentalismus'...man erwartet viel, ja alles vom Vater Staat,
und man verläßt sich doch, trotz allen Minderheitscharakter des
jetzigen Deutschen Studentenverbandes, zu wenig auf die eigene Kraft".

Das linke Argument dagegen war, die Volksmehrheit hatte sich
besonders 1928 eindeutig für die Republik entschieden, es durfte
keine studentischen Parlamente geben, die von der klassenmäßig
verschiedenen Zusammensetzung der Studentenschaft her staatsfeindlich
sein würden.  Ich war damals, wie Mahrholz, auch für eine positivere
Einstellung zu den Führern, die von gemäßigteren Leuten der
Studentenschaft kamen, eine Selbstverwaltung mit für die
republikanischen Parteien annehmbarer Verfassung zu planen.  Mein
Bestehen auf der Wahl Eichlers hatte damit zu tun.  Man mußte
versuchen, die Schichten auf der gemäßigten Rechten zu erreichen, von
denen man vielleicht kein "Bekenntnis zur Republik", aber die
Bereitschaft, mit der Republik als selbstverständlich zu leben, im
Laufe der Zeit erwarten konnte.  Als die Republik 1928 stark war, gab
es schon Zeichen solcher Entwicklung im politischen Leben.  Der
Monarchismus, ursprünglich Hauptquelle der Gegnerschaft gegen die
Republik verblaßte, wenn auch nicht im Militär, doch in Bürgerschaft
und Jugend.  Auch wenn man schon die nationalsozialistische Drohung
sah, daß dies wirklich Hitlers Ernte werden würde, schien nicht
vorbestimmt.  Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und
Auseinanderfallen der Großen Koalition standen noch bevor.

Eichler war also gewählt worden.  Als mein eigentlicher Nachfolger im
Vorstand des DStV, nämlich als Vertreter der freien Verbindungen,
wurde der Mediziner und FWVer Kurt Lange gewählt, der eine lange
Erfahrung in hochschulpolitischer Arbeit noch aus der Zeit der alten
Selbstverwaltung an der Universität Berlin hatte.  Die anderen drei
neuen Vorstandsmitglieder, die Sozialisten Heinrich Kaun (Vorsitz),
Martin Böttcher und Zentrumsmann Mielnickel erschienen mir damals,
als wenn sie zu einer jüngeren Generation gehörten.  Ich wurde
gebeten, von Heinz Ollendorf die Herausgeberschaft unserer
Zeitschrift "Student & Hochschule" zu übernehmen, was auch zur
Kontinuität der Vorstandsarbeit beitragen sollte.  Das schien
zeitlich kaum so eine schwere Belastung, und ich nahm es gern an.
Man gehörte zu den etwas älteren Semestern in der Hochschulpolitik,
und es ergaben sich neben den Vorbereitungen zum Examen und der
Herausgeberschaft der DStV Zeitschrift noch andere interessante
Aufgaben.

Bald nach unserem Studententag fanden zwei sehr aktuell scheinende
Vortragsabende im Demokratischen Studentenbund unter Robert Hess
statt.  Erst kam Hans Zehrer, dann Gustav Stolper, Herausgeber der
sehr erfolgreich und angesehen gewordenen Wochenschrift "Der deutsche
Volkswirt", verantwortlich für ein neues Wirtschaftsprogramm der
Demokraten (28) und einer ihrer prominenten Reichstagsabgeordneten.
Der außenpolitische Redakteur der "Vossischen Zeitung" Hans Zehrer
war im Oktober 1929 in der Zeitschrift "Die Tat" als Wortführer einer
neuen Bewegung der politischen Mitte hervorgetreten, mit sehr
unherkömmlichen Akzenten und starkem Abstand vom Parteienspektrum.
Für die Dezemberausgabe 1929 von "Student und Hochschule" hatten wir
programmatische Beiträge von den verschiedenen im DStV
zusammenarbeitenden Richtungen gesucht.  Ich suchte einen für die
Demokraten, also die politische Mitte, und wurde mit der Frage
überrascht, warum nehmen Sie nicht Hans Zehrer, er will ja für die
junge Mitte sprechen.  Mich hatte an seinem Artikel in der Tat
manches beeindruckt, hatte ihn nie kennengelernt, aber kannte mich ja
in der Vossischen Zeitung aus, erklärte ihm, worum es uns ging, und
er gab mir dann seinen Artikel "Die Ideologie der Studenten" (29).

Als Zehrer nun Anfang 1930 im Demokratischen Studentenbund sprach,
war er noch ganz im Vordergrund in der Tat, spätere enfants terribles
wie Ferdinand Fried oder Giselher Wirsing hatten sich noch nicht
profiliert.  Zehrer gab eine gute Präsentation seiner Ideen, vieles
sehr erstaunlich, manches zum Nachdenken.  Als heftigster Opponent
gegen seine Angriffe auf das liberale Gedankengut in Politik und
Wirtschaft trat Rudolf Olden hervor, der auf die nächste
Veranstaltung, den Vortrag seines Freundes Gustav Stolper hinwies,
dem man vertrauen könne, Hans Zehrer endgültig ad absurdum zu führen.
Es meldete sich auch ein junger intellektueller Typ von gutem
Auftreten und Benehmen, der sich aber als Nationalsozialist
vorstellte und voraussagte, daß Hans Zehrer sich ihnen bald
anschließen würde.  An diese Voraussage habe ich in den nächsten drei
Jahren oft denken müssen.

Für den Vortrag von Gustav Stolper bat mich Robert Hess, in der
Diskussion den Standpunkt der demokratischen Studenten zu vertreten.
Das war natürlich nicht so gemeint, daß dieser in Richtung von Hans
Zehrers Ideen in der "Tat" ging, gemeint waren die alten Gegensätze
in Betonung und Zielen zwischen linken und rechten Flügeln der Partei,
Jungdemokraten und Parteizentrale, Erkelenz und Hermann Fischer.
Gustav Stolpers Ideen und ein neues Wirtschaftsprogramm luden zu
neuer Stellungnahme ein.  Ich wollte dieses Mandat nicht annehmen,
sagte aber zu an der Diskussion teilzunehmen.  Es war ein schwieriges
Thema, keineswegs war einem die Lage klar, Spannung zwischen
marktwirtschaftlichen und sozialpolitischen Geboten beherrscht ja
auch heute noch die theoretische und politische Diskussion.

Gustav Stolper kam mit dem ihm sehr befreundeten Theodor Heuss (30),
beide mit ihren Frauen, da war also auch Elli Heuss­Knapp.  Gustav
Stolper kam also in sehr guter Gesellschaft und vertrat sein
marktwirtschaftlich orientiertes Programm auch für Zeiten einer Krise
mit großem Elan für sozialpolitische Belange, ein Ausblick die
Krönung des Wohlstands der Arbeiterschaft durch weite Streuung des
Aktienbesitzes.  Kaum hatte er geschlossen, erteilte Robert Hess mir
das Wort.  Das war nicht so verabredet, ich mußte gute Miene zum
bösen Spiel machen, konnte einige sachbezogene in diese Richtung
gehende Kommentare geben und Fragen an den Redner stellen, aber die
beschwingte Phillipika gegen ihn von linksdemokratischer Seite, die
kam nicht von mir, dafür aber dann von Dr. Bruno Ravecker,
Geschäftsführer des Arbeitnehmerausschusses der Partei, der eine
Broschüre über "Wirtschaftsdemokratie" veröffentlicht hatte (31).
Gustav Stolper hatte sich zwar ausdrücklich gegen die "Tabuisierung"
dieses Begriffes durch den rechten Flügel der Partei unter Hermann
Fischer gewandt, aber für Dr. Ravecker, in der demokratischen
Gewerkschaftsbewegung prominent, gab es da noch immer einen großen
Graben.  Es war eine gute Lehre: die Mitte, wenn man ihr verhaftet
ist, bleibt ein schwieriger politscher Standort.

In der deutschen Innenpolitik war Anlaß zu Sorge über die Zukunft der
politischen Mitte.  Deren Parteien hatten entscheidende Stimmeinbußen
erlitten in Zwischenwahlen, in denen neben links­ und rechtsradikalen
auch neuentstandene Splitterparteien der Mitte die Statur besonders
der Demokraten reduziert hatten.  Schon seit langem war das Gebot
einer Konsolidation der Kräfte der Mitte, Zusammenschlusses
wenigstens von Demokraten und Volkspartei immer wieder unter
Diskussion, aber an Widerständen in beiden Parteien gescheitert.  In
der Deutschen Volkspartei gehörten die Hochschulgruppen zu den
Aufgeschlossenen und Fortschrittlichen, die gerade damals im Januar
1930 für solche Bestrebungen sehr offen waren.

Aus Unterhaltungen, an denen ich sehr aktiv teilnahm, ergab sich die
Idee, daß wir Studenten eine Initiative ergreifen und mit gutem
Beispiel vorangehen sollten, und anstelle der Verhandlungen der
Parteipersönlichkeiten hinter den Kulissen, unter den Studenten eine
öffentliche Parole setzen sollten.  Wir bildeten eine lose Gruppe,
nannten es "Arbeitsring der politischen Mitte" und luden zu einer
Kundgebung gleichgesinnter Studenten ein (32).  Der Raum war voll,
die Stimmung sehr ernst.  Dazu war aller Grund.

Die Weltwirtschaftskrise traf zunehmend die deutsche Wirtschaft, die
Arbeitslosenzahl betrug schon 2.5 Millionen, die finanziellen Lasten
ihrer Unterstützung verlangte Steuererhöhungen, auf die sich die
Parteien der Großen Koalition nicht einigen konnten.  Es gab das
lähmende Gefühl einer möglichen Regierungskrise, die zu einer Krise
des parlamentarischen Parteienstaats werden könnte.  Unsere
Versammlung schien ein Erfolg, und eine größere sollte für März
vorbereitet werden mit einem prominenten, allen Beteiligten genehmen
Redner.  Ich schlug Dr. Hellpach vor, er war demokratischer
Reichstagsabgeordeter, aber hatte eine sehr unabhängige Haltung, alle
Veranstalter stimmten zu und ich übernahm, ihn dafür zu gewinnen.
Ich schrieb ihm nach Heidelberg, und er gab mir das Datum seines
nächsten Reichstagsbesuchs in Berlin, an dem ich mich dort bei ihm
morgens melden sollte.  Er war sehr begeistert über unseren Vorschlag
und verwickelte mich in längere Unterhaltung über die Lage und
Zukunft, ich wollte eigentlich schon gehen, aber er hielt mich bis
zur Mittagstunde dort in der Wandelhalle des Reichstags.  Datum und
Thema waren nun verabredet.

Einige Tage später brachten die Zeitungen die Nachricht, daß er sein
Reichstagsmandat niedergelegt hatte, aber im Vorstand der
demokratischen Partei bleiben würde.  Er hatte mir nichts darüber
gesagt, als er seine Beteiligung an unserer Versammlung des
Arbeitsrings der politischen Mitte zusagte.  Aber eine der
Begründungen war jetzt, daß er für eine Einigung der politischen
Mitte arbeiten wollte (33).

Die Versammlung war gut besucht, zu beiden unserer Versammlungen
kamen viele, die nicht Mitglieder der beteiligten politischen Gruppen
waren, wo also das Thema "politische Mitte" ein Anreiz zur Sammlung
zu sein schien, und das war ja die Idee.  Nach dem Vortrag kam man
noch zu einem Glas Bier zusammen, gekommen waren auch, ich hatte
meinen Augen kaum getraut, Hermann Pröbst und Kurt Kersten, beide
immer noch aktiv in der Führung der Deutschen Studentenschaft.  Die
beiden hatten seinerzeit die scharfe Erklärung der Deutschen
Studentenschaft gegen die Gründung des DStV unterzeichnet, nun kamen
sie beide zu einer maßgeblich von mir mitveranstalteten Versammlung.
Hermann Pröbst hatte ich ja auf meiner langen Bahnfahrt nach Gmunden
Pfingsten 1928 kennengelernt.  Wir kamen auch nun wieder ins Gespräch.
Es war mir nicht klar, wo der Hauptantrieb für ihren Besuch lag.
Sie gehörten zu denen in der Deutschen Studentenschaft, die für neue
Bemühungen um Wiederherstellung einer studentischen Selbstverwaltung
selbst unter Aufgabe gewisser rechtsradikaler Bedingungen standen und
schon daher an Kontakten mit der Mitte interessiert.  Aber es war
doch wohl auch eine mehr politische Note dabei.  So wie meine
Erinnerung an Proebst war, schien mir das schon plausibel.  In der
Deutschen Studentenschaft und den Korporationen gab es ja schon
scharfe Konflikte mit den totalen Herrschafts­ und
Gleichschaltungszielen des Nationalsozialistischen Studentenbunds und
seiner von außen her kommenden radikalen Führungsschicht.  Die
Anderen mußten oft das Gefühl bekommen, daß sie mit dem Rücken gegen
die Wand standen (34).

Wenige Tage später änderte sich die Lage der Weimarer Republik
entscheidend.  Die Regierung der Großen Koalition konnte sich nicht
über die Finanzpolitik einigen und trat zurück.  Die Demokraten waren
entsetzt über diese Entwicklung (35).  Spätere Beurteilung sieht den
neuen Reichskanzler und Zentrumsführer Heinrich Brüning, obgleich den
Christlichen Gewerkschaften nahestehend, doch auch rechtsgerichteten
Einflüssen in seiner Partei und auch vom Reichspräsidenten und dem
General v.Schleicher kommend, ausgesetzt mit dem Ziel einer Regierung
ohne Sozialdemokraten.  Bei diesen wird dem Arbeitsminister Wissell
zugeschrieben, daß kein Kompromiß zustande kam, für das der
Reichskanzler Müller gewesen wäre, gegen das aber auch in der
Deutschen Volkspartei von Schwerindustrie und nationalistischem
Flügel her starke Kräfte arbeiteten.  So war Unvernunft weit verteilt
und die Weimarer Republik begann ihre tragische Talfahrt.

Die Zentrumspartei blieb aber zusammen mit ihren Partnern der
Weimarer Koalition in der preußischen Regierung Otto Brauns und
unsere Freunde bei den Zentrumsstudenten mit uns weiter im Deutschen
Studentenverband.

Da die Regierung Brüning keine eigene parlamentarische Mehrheit hatte,
beherrschte das Leben von nun an nicht nur die schwere
wirtschaftliche Depression, sondern auch eine permanente ungelöste
politische Krise.  Fühlungnahme unter den Parteien der Mitte stand
nun unter deutlichem Druck, es war gewiß nun ein Thema geworden, aber
im Sommersemester 1930 wurde der studentische Arbeitsring selbst
nicht mehr aktiv.  Ich hatte ja aber auch andere Aufgaben.

Für meine Herausgeberschaft der Zeitschrift des DStV "Student und
Hochschule" hatten wir erst ein neues Heim suchen müssen, da der
Verlag Mosse es nicht weiter machen wollte.  Nach einigem Zureden,
unter anderem vom Präsidenten des Reichsbanner Hörsing, war Ullstein
schließlich bereit, unsere Zeitschrift zu drucken, vorausgesetzt ein
Redakteur der Vossischen Zeitung würde bei der Redaktion mitzureden
haben.  Zu meiner Erleichterung wurde unser alter Freund Richard
Winners, unterdeß von seiner amerikanischen Zeitung zur Vossischen
Zeitung übergetreten, dazu delegiert.  Ich mußte, bevor der Verlag
sich entschied, noch Unterhaltungen mit den Herren Ernst Schäffer, Dr.
Magnus und Müller haben, und dann kam ich also bis zu meinem Weggang
von Berlin mehrmals im Monat in die Kochstraße zu Ullstein, wo ich ja
schon vorher nicht fremd war.

Werner Mahrholz aber lebte nicht mehr.  Er war an einem damals
unheilbaren Nierenleiden erkrankt.  Ich hatte ihn noch in seiner
Redaktionsstube öfters besucht, auf Vorschlag seiner Frau dann auch
zu Hause, wo ich einmal seinen engen Freund Theodor Däubler traf.
Ich nahm später an der Urnenbeisetzung teil, es war eine für
intellektuell Interessierte selten erlauchte Versammlung.  Ich hatte
einen sehr bewegten Nachruf in unserer Zeitschrift "Der demokratische
Student" geschrieben.

Winners teilte das Redaktionszimmer mit Hans Zehrer und Friedrich
Wilhelm v. Oertzen zu meiner großen Überraschung, und unsere
regelmäßigen Besprechungen spielten sich meist in deren Gegenwart ab.
Einige Male gingen wir auch alle zusammen zum Mittagbrot in die
Kantine.

Es kam aber nicht zu wirklichen Unterhaltungen über die großen
Probleme dieser Jahre, jedenfalls nicht während meiner Besuche in
ihrem gemeinsamen Redaktionszimmer.  Auch sonst schien eher eine
Distanz, Winners stand viel mehr links als sie.  Zu anderen
Bekanntschaften, die ich in der Vossischen Zeitung gemacht habe,
gehörte Erich Kramer, als er einmal Mahrholz vertrat (36).  Ein
anderer guter Bekannter wurde Carl Misch; durch ihn kam auch später
einmal ein politischer Artikel von mir in die Vossische Zeitung.

Ich hatte auch bei einer Aufgabe auf ganz anderem Feld mitgewirkt.
Auf unseren Januar Studententagungen war die Notwendigkeit eines
Programms für Hochschulreform betont worden.  Wolfram Müllerburg,
Robert Hess, Erwin Oeser, Rudolf Sobernheim und ich bildeten die
Gruppe, die es für die demokratischen Studenten ausarbeiten wollte.
Die wichtigste Mentorin dabei wurde Gertrud Bäumer, die unser
Programm dann auch in der von ihr mitherausgegebenen Monatsschrift
"Die Hilfe", ursprünglich von Friedrich Naumann gegründet, im Rahmen
einer speziellen Hochschulnummer im Juli 1930 veröffentlichte.  Ich
hatte mehrere Besprechungen mit ihr, es halfen uns auch u.a. Dr.
Theodor Bohner,verschiedene Professoren und Ministerialrat Leist.
Wir waren manchmal ziemlich halsstarrig und bestanden auf Punkten,
von denen einige ältere Freunde abrieten, so die Idee der
Humanistischen Fakultät, an der alle Studenten auch an
allgemeinbildenden Vorlesungen teilnehmen sollten, um ein
Gegengewicht gegen die zunehmende Spezialisierung herzustellen.

Für die Mitarbeit an diesem Programm begann ich auch einige Literatur
über Bildungsfragen zu lesen, so Scheler und Spranger, man verfolgte
ja überhaupt immer weiter die geistesgeschichtliche Entwicklung
dieser Jahre als unabdingbar für ein intelligentes Interesse am
Zeitgeschehen.  Da war das ursprüngliche Interesse an Geschichte,
einige Ideen der Jugendbewegung, und nun auch, wenn man zu
grundlegenden Dingen des Denkens kam, ein starker Eindruck von der
Phänomenologie, Bergson und Husserl.  Zu den neuen Leuchten der sich
bildenden marxistischen Frankfurter Schule konnte ich kein Verhältnis
gewinnen, aber das Denken von Karl Mannheim machte mir Eindruck, die
Herausforderung der Intelligenz zu einem über Ideologieverdacht
stehenden, unabhängigen Denken.

Man bewegte sich damals im Demokratischen Studentenbund und FWV in
einem Kreis, der an diesen Fragen lebhaft Anteil nahm.  Da wir bei
Büchern und Ideen sind, will ich noch ein Buch erwähnen, auf das mich
ein nichtjüdischer Freund bei den Demokraten damals hinwies:
"Nationalismus im Vorderen Orient" von Hans Kohn, damals
Nahostkorrespondent der Frankfurter Zeitung, später recht anerkannter
Historiker.  Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die von ihm
geschilderte Entwicklung eines säkularistischen Nationalismus unter
den Arabern der Nachfolgestaaten des türkischen Imperiums eine
schwere Behinderung für die zionistischen Ziele werden könnte.  An
diesen frühen Hinweis habe ich noch oft gedacht.

Um mit unseren Gedanken zur innenpolitischen Entwicklung in
Deutschland zurückzukehren, Anstrengungen, doch noch einen Block der
Parteien der Mitte in den frühen Sommermonaten 1930 zu bilden, kamen
nicht vorwärts, einige jüngere Kräfte aus der Deutschen Volkspartei
blieben in Kontakt darüber mit den Demokraten.  Ein anderer
Gesprächspartner war der Jungdeutsche Orden (37), mit seinen 800.000
Mitgliedern auch ein Zeichen für die Anziehungskraft
außerparlamentarischer Bewegungen mit Frontkämpfer­ und
Jugendbewegungshintergrund.  Mit seiner Studentengruppe waren wir
schon im "Arbeitsring der politischen Mitte" zusammengekommen,
hielten Kontakt und ich wurde gut bekannt mit deren Führer Söhlmann.

Im demokratischen Parteivorstand trat Hellpach entschieden für nach
der rechten Mitte zielende Fusionsverhandlungen ein bis zu den gerade
von den Deutschnationalen abgefallenen Freikonservativen um
Treviranus (38).  Am nächsten kam ich der Stimmung, als während eines
Besuches bei Staatssekretär Abegg er uns für eine Unterredung bei
Hermann Dietrich, damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister,
anmeldete.  Die anscheinende Unentschlossenheit der Parteispitze
beunruhigte uns, sie schien den Kopf verloren zu haben.  Er
versicherte, es gäbe zwar manche, von denen man das sagen könnte,
aber er wisse genau, was zu tun.  Es klang zuversichtlich, aber was
war gemeint?

Für die Sommersemesterferien 1930 hatte ich zunächst den Plan, den
Studententag der gegnerischen Deutschen Studentenschaft in Breslau
als Pressekorrespondent zu besuchen, was mir der Breslauer Vertreter
der Vossischen Zeitung auch möglich machte.  Während der Tage wurde
bekannt, daß Demokraten und Jungdeutscher Orden (Jungdo) ihren
Zusammenschluß verkündet hatten.  Söhlmann vom Jungdo nahm auch als
Gast an der Tagung teil, wir begegneten uns nun unter scheinbar ganz
neuen Vorzeichen, mit viel Händeschütteln natürlich, aber ganz
freimütig auch gegenseitiges Erstaunen.  Ganz so hatten wir uns das
eigentlich nicht vorgestellt, daß ein Zweiergespann von Demokraten
und Jungdeutschen Orden die Antwort für den Drang nach einem starken,
vereinten Block der politischen Mitte sein könnte (39).  Die geplante
neue "Staatspartei" sollte auch Zuzug von einigen jüngeren Leuten aus
der Deutschen Volkspartei bekommen (40).

Bei den Demokraten hatte es wochenlange Debatten, aber keine
erkennbare einheitliche Linie oder Entscheidungen gegeben.  Als
Damoklesschwert hatte über allen die mögliche Auflösung des
Reichstags und Neuwahlen geschwebt, falls das ohne parlamentarische
Mehrheit regierende Kabinett Brüning, das von den Demokraten
mitgetragen wurde, nicht seine finanzpolitischen Notverordnungen
gegen Vetoanträge im Reichstag durchbringen könnte.  Dietrich,
unterdeß von Brüning zum Reichfinanzminister ernannt, kämpfte hart um
eine Mehrheit für seine Finanzvorlagen.  Aus einer lebhaften
Schilderung (41) geht hervor, daß er sehr wohl einen Plan hatte, was
zu tun sei.  Es gelang ihm auch, aus der damals durch Abspaltungen
nach der Mitte zu bedrohten Deutschnationalen Partei 25 Abgeordnete
auszubrechen, aber 32 Hugenbergtreue blieben hart in ihrer Ablehnung
ebenso wie die Sozialdemokraten.  Der Reichstag wurde von Brüning
aufgelöst.  Nachdem sich die Parteien der Großen Koalition im März
nicht auf die Fortsetzung ihrer gemeinsamen Regierung hatten einigen
können, war es ein weiterer Schritt zu der Katastrophe, die
Deutschland bevorstand, daß die Weimarer Republik im Juli 1930 nicht
vor der Auflösung des bis 1932 gewählten Reichstags bewahrt werden
konnte.  Um die Chancen bei den Neuwahlen am 14.September zu
verbessern, entschied sich Koch­Weser für die Gründung der
Staatspartei mit dem "Jungdo".

Ich war nun aber grade bei diesem Breslauer Studententag, eine
Herausforderung, die ich gesucht und nun zu bestehen hatte.  Auch
früher waren republikanische Studenten als Beobachter an solchen
Tagungen, Werner Mahrholz ein regelmäßiger Besucher gewesen.  Ich
hatte Hoffnung auf Gruppen, die sich von radikalen und besonders
nationalsozialistischen Tendenzen distanzieren würden.  Um für
Anhänger einer breiteren Mitte zu werben, ließ ich die Juli
Hochschulnummer der "Hilfe" mit unserem Hochschulreform­Programm vor
der Festhalle verteilen.

Bei Ankunft legte ich meinen Presseausweis vor, traf einige Bekannte
und hörte plötzlich während der Eröffnungsprozedur vorne meinen Namen.
Hammersen von der TH Charlottenburg (42) protestierte gegen meine
Anwesenheit.  Der Jude Grünfeld sei ein unbequemer, ja gefährlicher
Gegner der Großdeutschen Studentenschaft an seiner TH und müßte des
Saales verwiesen werden.  Die Tagungsleitung sagte Prüfung seines
Antrags zu.  Nun ging die Tagung weiter, ich war nicht sehr
beunruhigt, weniger eine negative Entscheidung als eventuelle
Aufreizung zu Gewalttätigkeit durch Hammersen hätten mich beunruhigen
können.

Das war ja ein gewisses Risiko, wenn man mit Nationalsozialisten zu
tun hatte.  Ich erinnerte mich an frühere Hochschulunruhen an der
Universität Berlin.  Die republikanischen Studenten hatten
beschlossen, sich bei einer angesagten völkischen Kundgebung zu einer
Gegendemonstration zu stellen, und wir Älteren sollten das nicht nur
den jungen Leuten überlassen.  Vergeblich versuchte der
deutschnationale Kollege in der Zentralstelle für studentische
Völkerbundsarbeit, Wolfgang Straede, als ich ihn auf dem Weg zur
Universität traf, mich zu einem friedlichen Kaffee irgendwo anders zu
überreden.  Ich ging zur Universität, es war höchst ungemütlich dort,
aber es blieb bei einer hautnah drohenden Gewalttätigkeit.

Jetzt saß ich also da in Breslau, mein Name war mit heftigen
Angriffen auf mich genannt worden, ich saß ganz hinten unter anderen
Pressevertretern und Gästen.  Plötzlich sah ich Hermann Proebst, er
schien mich zu suchen, kam auf mich zu, überreichte mir meinen
Presseausweis und sagte, die Sache ist jetzt erledigt.  Das war also
gut so.  Ich habe ihn dann nie wieder gesehen, aber die Begegnungen
mit ihm habe ich in guter Erinnerung behalten (43).

Die "Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit" wurde gebildet
von den Studentengruppen der politischen Parteien von den
Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen als akademische Gruppe der
Deutschen Liga für Völkerbund, deren Büro sie auch teilte.  Als
Nachfolger von Müllerburg wurde ich dort Vertreter der Demokraten,
hatte an Veranstaltungen schon oft teilgenommen.  Es hatte auch ein
Seminar über Minderheitspolitik unter dem Demokraten Dr. Junghann
dort gegeben, das ja sehr in meinem Interessenkreis war und auch in
deutscher Völkerbundspolitik eine zunehmende Rolle spielte.

Über den Weimarer Koalitionsrahmen des DStV hinaus gab uns die
Völkerbundsgruppe einen gewissen Kontakt zu den Studentengruppen der
Deutschen Volkspartei und auch der Deutschnationalen, erstere durch
Dr. Kurt Goepel und letztere durch Wolfgang Straede vertreten.  Der
Vorsitz rotierte jährlich, Straede wurde Vorsitzender für 1930/31,
danach kam die Reihe an die Demokraten.  Ich wurde für 1930/31 der
aktivste Vertreter der Linken in der Zusammenarbeit mit Straede als
Vorsitzendem.  Das persönliche Verhältnis dabei gestaltete sich gut.
Er kam aus Schleswig­Holstein.  Die deutschnationale Studentengruppe
arbeitete natürlich mit in der Deutschen Studentenschaft.  Die
Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei war dabei, sich von ihr zu
distanzieren.

An diese Mitarbeit in der Völkerbundgruppe erinnere ich mich als das
wohl Interessanteste aus meiner politischen Tätigkeit während der
Zeit in Berlin.  Unsere "Zentralstelle" war Mitglied des Verbands der
akademischen Völkerbundsligen (FUI), der jährliche Tagungen im Herbst
in Genf abhielt, Ende August kam ich in der Pension an, wo unsere
Delegation wohnte.  Sie wurde von Strade geführt, mit mir als seinem
Stellvertreter.  Die Vorbereitung auf die Teilnahme an dieser Tagung
und die Hauptthemen, die dort zur Sprache kommen würden, hatten
natürlich schon in den Vormonaten Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht.
Die jährlichen Tagungen waren verbunden mit Sommerseminaren, die
unter dem Patronat des englischen Historikers H. Zimmern standen; er
hatte eine Tendenz sein Patronat auch etwas auf die Tagungen der FUI
auszudehnen.  Deutsche Teilnehmer des Seminars waren vorher immer nur
von den Mitgliedsgruppen unserer Zentralstelle, also den
Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu
den Deutschnationalen ausgewählt worden.  Dr. Zimmern hatte gefunden,
daß dies nicht genug begabte junge Wissenschaftler für den
anspruchsvollen Charakter seiner Seminare gebracht habe, und er einen
Teil der deutschen Kandidaten selbst suchen will.  Das hatte dann
aber mit der deutschen Delegation und der FUI Tagung nichts zu tun.

Deren Themen waren weitgehend bestimmt von den gerade in der
Völkerbundspolitik vorherrschenden, und es waren Themen, an denen der
deutschen Außenpolitik besonders gelegen war.  Die politische
Situation in Europa stand noch im Zeichen der PostLocarno Aera.  Die
Alliierten Truppen wurden aus dem Rheinland zurückgezogen, der
Young­Plan war angenommen.  Ein weiteres Anliegen der Deutschen war
die durch die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages
entstandene Ungleichheit der militärischen Rüstungen, was sich in ein
deutsches Anliegen für Allgemeine Abrüstung als ein Hauptthema für
den Völkerbund umsetzte.  Der französische Einwand dagegen war die
Forderung nach "Sicherheit" als Vorbedingung für Abrüstung.  Das hieß
wohl Sicherheit gegen deutsche Versuche, Revisionen des Versailler
Vertrages mit Gewalt zu erzwingen, wofür die Deutschen aber keine
Rüstung hatten.

Der ernsthafteste Schatten blieb die Weigerung der Deutschen, auch
die östlichen Grenzen zu garantieren, also auf Revisionansprüche zu
verzichten.  Diese wurden zwar nicht für öffentliche Diskussion auf
der Agenda gehalten, aber ein verwandtes Thema war der
Minderheitenschutz.  Er konnte jederzeit zum Tagesthema werden, wenn
immer Verletzungen der wirtschaftlichen oder kulturellen Rechte
deutscher Minderheiten in den östlichen Nachbarstaaten vorkamen, und
sie taten es.  Heutige Geschichtsschreibung (44), die dazu neigt,
polnische Unterdrückungspolitik gegen die deutsche Minderheit nach
Locarno als Abwehrstellung gegen die nicht aufgegebenen deutschen
Grenzrevisionswünsche zu sehen, weist damit auf einen "circulus
vitiosus", einen Teufelskreis hin.  Das entsprach nicht den
eigentlichen Zielen der Minderheitenbewegung, zu der deutsche
Minderheitenführer und Außenpolitik erheblichen Impetus und Gedanken
beisteuerten.  Ein großer Teil der Minderheiten, darunter auch
deutscher, lebten doch in Landstrichen, die gar nicht Gegenstand
territorialer Dispute waren, wo sie aber eben in ihren nationalen
Minderheitsrechten geschützt sein sollten.  Aktiven Anteil an den
Arbeiten der Minderheitenbewegung nahm auch die große jüdische
Minderheit in Polen.

Die mir von zu Hause aus so naheliegende Minderheitenfrage war neben
dem Thema Abrüstung damals ein wichtiges deutsches Anliegen im
Völkerbund.  Briand hatte als Überholungsmanöver für das Argument
Abrüstungs­Sicherheit den Europagedanken vorgebracht, aber das hatte
noch kaum feste Formen angenommen.  Mir schien die Europa­Idee die
natürliche Lösung auch für die Minderheitenprobleme, die unter
föderalistischen Strukturen ihre potentielle Aggressivität und
Sprengstoffwirkungen verlieren könnten.  Das war natürlich nicht in
jedermanns Sinn.  Europa bestand eben aus alten Nationalstaaten, wie
Frankreich, und aus Nationalitätenstaaten, wie den Nachfolgestaaten
der Donaumonarchie und Polen, aber auch Belgien und Spanien.  Da gab
es so explosiv irridentistische Teile in der Minderheitenbewegung wie
die Katalanen oder Wallonen oder damalige Kroaten.  Aber die Führung
des Minderheitenkongresses lag doch in weniger aggressiven, mehr
verantwortungsbewußten Händen.

Zu gleicher Zeit wie unser FUI Kongreß fand in Genf auch der
jährliche Minderheitenkongreß statt, und ich ging als Zuhörer auch
hin, es kamen auch andere von unserem FUI Kongreß.  Das Thema
Minderheitenschutz war auch auf die Agenda der nachfolgenden
Septembertagung des Völkerbunds gekommen und ebenso als
"wissenschaftlicher Teil" auf unsere FUI Agenda (45).

Dafür waren drei Vorträge vorbereitet worden, und einer von Dr.
Mirkine­Guzewich, Generalsekretär des Instituts für Internationales
Recht, zeigte die Unterschiede des Denkens am deutlichsten.  Seiner
war nationalstaatlich, französisch und englisch beeinflußt.  Nation
war der Staat, es war bei Definition der Paß, die Staatsangehörigkeit,
die man hatte, und da war gar kein Raum für Nationalität als eine
andere Kategorie.  Nicht nur für die Deutschen, auch für Polen und
Tschechen war das aus eigenem Erleben gar nicht so, eben in ganz
Mittel­, Südost­ und Osteuropa.  Mein eigenes Miterleben an dieser
Problematik wurde in dieser Genfer Woche immer wieder stark berührt.

Auf dem Minderheitenkongreß hatte ich auch Otto Ulitz als einen der
Delegierten der deutschen Minderheit in Polen getroffen.  Wir sahen
uns wieder in der Bierstube "Bavaria", so berühmt damals als
internationaler Treffpunkt, wo die Studentendelegationen auch oft
zusammen saßen.  Ulitz lud mich an seinen Tisch und stellte mich dort
einem seiner Minderheitenkongreß­Kollegen vor, nämlich Dr. Motzkin,
jüdischer Abgeordneter im polnischen Sejm und bekannter
Zionistenführer in Polen.  Nach ihm wurde später eine Siedlung in
Israel genannt.  Das war für mich eine nachdenklich machende
Begegnung in der "Bavaria".

Die Kongresse aber spielten sich nicht nur in der "Bavaria" ab.
Zunächst vertrat ich die deutsche Delegation in der Unterkommission
für Abrüstung und das fand wirklich im Sitzungssaal des
Völkerbundrates statt.  Hauptaktivität wurde dann "la question
danzigoise".  Danzig war durch den Versailler Vertrag zu einer Freien
Stadt gemacht worden, vertraglich mit Polen verbunden.  Es hatte eine
deutschsprachige Technische Hochschule, an der auch eine Gruppe für
Völkerbundsarbeit gegründet wurde, die nun Aufnahme in die FUI
beantragte.  Die polnische Delegation widersprach und forderte, die
Danziger Gruppe sollte zum polnischen Verband gehören.  Auf der
deutschen Rechten war der Plan, sich für Aufnahme einer
selbstständigen Danziger Gruppe einzusetzen, auch etwas Ungewohntes.
Die Deutsche Studentenschaft, auf dem "großdeutschen Prinzip"
aufgebaut, umfaßte ja alle deutschsprachigen Hochschulen,
einschließlich Österreich und der Tschechoslowakei, und natürlich
auch Danzig, wo sie sogar einmal ihren Studententag abgehalten hatte.

In der FUI war das anders.  Die österreichischen und Prager/Brünner
Hochschulen gehörten nicht zur deutschen FUI "Zentralstelle".  Die
rechtlichen Aspekte von Danzig's Stellung waren kompliziert; ein
Präzedenzfall war, daß im Verband der Völkerbundsligen auch eine
selbstständige Danziger Liga für Völkerbund Aufnahme gefunden hatte.
Es gab in Danzig nur die eine Hochschule, und da war nur eine sehr
kleine Minderheit von polnischen Studenten.  Die Auseinandersetzungen,
an denen ich auch schon im Kommissionsstadium verwickelt war, wurden
sehr heftig.  Als unser Standpunkt nach anfänglichen Schwierigkeiten
sich durchzusetzen begann, machten wir mit Mitgliedern der polnischen
Delegation zusammen einen Ausflug zum noch im Bau befindlichen neuen
Völkerbundsgebäude draußen am See.  Es wurde eine gar nicht
unfreundliche Begegnung, an die ich mich oft erinnert habe.  Die
Aufnahme der Danziger Gruppe wurde schließlich vom Plenum einstimmig
bestätigt, nachdem eine Zusammenarbeit zwischen der selbständigen
Danziger Gruppe und der polnischen Minderheit in Danzig vereinbart
und eine dementsprechende Berücksichtigung bei der Zusammensetzung
der Delegationen für spätere FUI Kongresse in Aussicht gestellt
worden war (46).

Zu den wichtigen Gewohnheiten des Kongresses gehörten auch
Zusammenkünfte zwischen verschiedenen einzelnen Delegationen,
befreundeten sowohl wie ferneren.  Die politische Lage in Europa
stand immer mehr unter dem Impakt der Weltwirtschaftskrise.  Ihre
Einwirkungen außerhalb der USA waren unverkennbar verschieden je nach
wirtschaftlicher Struktur und finanzieller Lage der betreffenden
Länder oder Ländergruppen.  So kam es, daß der Begriff Mitteleuropa
wieder in ganz ernsten wirtschaftspolitischen Überlegungen erschien.
Da war der Zusammenbruch der internationalen Agrarmärkte, ebenso wie
die drastische Schutzzollpolitik, mit der die USA auf die Krise
reagierten.  Der Smoot­Hawle, Tariff Act war am 17.Juni 1930 von
Präsident Hoover unterzeichnet worden.  All das sandte Wellen des
Schauderns durch Kanzleien, Bankkontore und Redaktionsstuben, und es
zeigte sich, daß Länder in Mitteleuropa dabei besonders betroffen
sein würden.  Es ergab sich geradezu das Gefühl von Mitteleuropa als
einer Betroffenheitsgemeinschaft in dieser Weltwirtschaftskrise.

In manchen deutschen Kreisen war der Begriff Mitteleuropa mit
Anklängen an sich natürlich ergebende deutsche Vorherrschaft verfärbt
worden.  Sogar das Buch, das der Altvater der Demokratischen Partei,
Friedrich Naumann, über Mitteleuropa geschrieben hatte, war nicht
frei davon.  Es war, als ob man in Deutschland zurückrevidieren
wollte, was Bismarck 1866/1871 zerbrach.  Aber das Heilige Römische
Reich deutscher Nation bestand eben nicht mehr, auch die
Donaumonarchie war zerfallen, die meisten der Nachfolgestaaten waren
politisch in der Kleinen Entente und in einem Bündnis mit Frankreich
zusammengeschlossen.

Die gemeinsame wirtschaftspolitische Betroffenheit aber war da, und
in einer Zusammenkunft von Mitgliedern der deutschen und
tschechischen Delegationen wurde darüber gesprochen.  Was war also
Geschichte und heutige Basis solcher gemeinsamen mitteleuropäischen
Situation?  Es entstand der Plan, eine mitteleuropäische
Studentenkonferenz im Rahmen der FUI zu veranstalten, auf der die
Fragen mehr wissenschaftlich behandelt werden könnten.  Wir
verabredeten, daß dies eine gemeinsame Initiative der deutschen und
tschechoslowakischen Mitgliedgruppen der FUI sein sollte und die
beiden Delegationen sich zu Beginn des Wintersemesters wieder in
Verbindung setzen würden.  Dieses Projekt schien mir ein gutes
Vorhaben.

Später, vom 16. bis 21. September, hielt der Deutsche Studentenverband
zusammen mit französischen Studentenorganisationen in Mannheim ein
deutsch­französisches Studententreffen ab, an dem ich diesmal nicht
teilnahm.

Wir hatten in Genf auch Zusammenkünfte mit der französischen
Delegation, zu der auch der Radikalsozialist Robert Lange gehörte,
bald darauf das jüngste Mitglied der französischen Kammer.  Ein sehr
enger französischer Kontakt wurde Jean Dupuy, der als Generalsekretär
der FUI wiedergewählt wurde.  Wir hatten uns gut kennengelernt.  Bei
dem Mannheimer deutsch­französischen Treffen war bereits der
bedrohliche Ausgang der deutschen Reichstagswahl vom 14.September
bekannt und hatte vor allem zum Thema deutsch­französischer
Verständigung Bestürzung hervorgerufen.

Die Nationalsozialisten hatten ihre Mandatszahl von 12 auf 107 erhöht
und waren zur zweitstärksten Partei nach den Sozialdemokraten
geworden.  Man war sich ihrer zunehmenden Stärke bewußt gewesen, aber
das Resultat ging weit über schlimmste Erwartungen.  Die Welt schien
nicht mehr ganz dieselbe nach diesem ersten Erdrutsch.  Uns in Genf
war das noch erspart geblieben, die Tagung schloß vorher, und die
böse Nachricht traf mich auf dem Rückweg.

Danach war für mich das nächste Berliner Wintersemester, das mein
letztes werden sollte, eine sehr aufregende Zeit.  Hatte nun der
Hitler'sche Wahlerfolg eine Schneeballwirkung im Publikum?  Oder
brachte es Besinnung in breite gemäßigt rechts eingestellte Kreise,
daß man mit den republikanischen Parteien zusammenrücken mußte, um
sich gegen weiteres Anwachsen dieser rechtsradikalen Außenseiter zu
stemmen.

Leider waren es nur Bruchteile dieser Kreise, die so reagierten.  Bei
uns an der Technischen Hochschule gewannen die Nazis bald absolut die
Oberhand innerhalb der Großdeutschen Studentenschaft.  In der
studentischen Wirtschaftshilfe machte das noch keinen Unterschied.
Der Geschäftsführer Hans Menzel blieb entschieden bei der
republikfreundlichen Haltung, die er gezeigt hatte.  Sein Kollege
Voth änderte zwar nicht seine Haltung in der Verwaltung seines Amts,
aber er vertraute mir eines Tages an, daß er am Abend vorher im
Sportpalast Hitler sprechen gehört hatte und sich der Partei
anschließen würde.  Er bat mich sozusagen um Entschuldigung, es täte
ihm leid, daß er mir das sagen müsse.  Ähnlich ging es mir mit
Jobst v. Wendorff.  Er kam aus Krakau an, kam gleich noch mit seinem
Koffer zu mir, am Abend aber wollte er in den Sportpalast, das mal
sehen.  Am nächsten Tag war es dasselbe wie mit Voth.  Es tat ihm
leid, aber er mußte es mir sagen.  Er war beindruckt.  Er ist, soviel
ich weiß, dann wieder einen ganz anderen Weg gegangen.

Was mich bei diesen beiden so bestürzte, war die Wirkung, die
Hitler's Auftritte anscheinend selbst auf gemäßigt und nüchtern
Denkende haben konnten, während man eigentlich annahm, daß die Person
Hitler's selber auch in vielen Rechtskreisen eher Mißtrauen, ja sogar
Abscheu auslösen müßte.  Das beschränkte sich nicht nur auf des
General Hindenburg's und anderer Offiziere Abneigung gegen den
"böhmischen Gefreiten", es gab ähnliche Gefühle nicht nur im
Bürgertum, sondern auch bei rechtsradikalen Gesinnungsgenossen (47).

Die Regierung Brüning blieb weiter im Sattel, prekär wie bisher, mit
Hilfe von Notverordnungen des Präsidenten Hindenburg,
stillschweigender Zustimmung der Reichswehr durch General Schleicher,
aber stets drohenden weiteren Neuwahlen.  Wo solche stattfanden,
verloren vor allem die Parteien der Mitte, die Neugründung der
Staatspartei hatte sich schon im September 1930 als kein Erfolg
erwiesen.  Unterhalb der Reichsregierung aber waltete das
republikanische Establishment auch noch weiter, vor allem die
preußische Regierung der Weimarer Koalition mit aktiver
Zentrumsbeteiligung.  Gewalttätigkeit in Straßenkämpfen nahmen immer
mehr zu, SA und Rote Front, dazwischen das Reichsbanner, aber da war
die preußische Polizei, Severing nun dort Innenminister und
Staatssekretär Abegg mit seiner starken Haltung.

Unsere Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit beruhte
weiter auf Zusammenarbeit von den Sozialdemokraten bis zu den
Deutschnationalen, und Gerhard Hauke, unser Sekretär und Sekretär der
Deutschen Liga für Völkerbund, war, wie Hans Menzel an der TH, ganz
der Alte geblieben.

Um unsere Vereinbarungen mit den tschechischen Studenten weiter zu
verfolgen, wandten wir uns, nach Beratung mit der Liga für Völkerbund
an das Auswärtige Amt, wo ein regelmäßiger Kontakt für die
Völkerbundsarbeit das Kulturdezernat war, und Legationssekretär
Freudenthal nach Besprechung mit dem Dezernatschef Geheimrat Terdenge
uns Bescheid gab, das Amt habe nichts gegen eine von uns gemeinsam
mit den Tschechen veranstaltete Mitteleuropäische Studententagung.
Wir müßten aber noch Einzelheiten vorlegen, und sie würden das
Vorhaben dann eventuell auch unterstützen (48).

Wir arrangierten nun ein Treffen mit den Tschechen, man einigte sich
dafür auf Dresden, wo Wolfgang Straede und ich hinfuhren.  Der Leiter
der tschechoslowakischen FUI Gruppe war schon berufstätig als
Assistent des Bürgermeisters von Prag, eines engen Parteifreunds von
Benesch, und kam mit Frl.  Pekarzova, Tochter des bekannten
tschechischen Historikers Pekar.  Unsere Unterhaltungen in Genf
hatten sich strikt auf französisch abgespielt, und so begrüßten wir
unsere Besucher auch in Dresden, aber es ergab sich bald, daß man
deutsch sprach.  Mein Französisch war nicht so gut, und dann war der
Einfluß der Umgebung und Frl.Pekazova setzte noch hinzu, sie war ja,
ich glaube, in Aussig aufgewachsen.  Es lag nahe, sich darauf zu
einigen, daß die Tagung in der Tschechoslowakei stattfinden würde,
und die Tschechen erleichterten das noch, indem sie Bratislava, das
alte Preßburg, als Tagungsort vorschlugen.  Es war die Hauptstadt der
Slowakei, in nächster Nachbarschaft Ungarns und Österreichs, auch mit
entsprechenden sprachlichen Minderheiten.

Die Vorbereitungen und Einladungen würden gemeinsam von Deutschen und
Tschechen gemacht, teilnehmen würden Österreicher, Ungarn, Jugoslawen,
Rumänen, Bulgaren, sowie auch Polen und ein Schweizer Vertreter (49).

 Über die Abgrenzung, was unter Mitteleuropa zu verstehen ist,
sollte dann auf der Tagung in Vorträgen und Debatte gesprochen werden.
Das Vortragsprogramm sollte starken Akzent auf wirtschaftlichen,
besonders agrarpolitischen Fragen haben, aber auch kulturelle und
geschichtlich/politische Fragen umfassen.

Nach Rückkehr in Berlin stellten wir nun unsere Liste von
Vortragenden, im Parteienspektrum gut verteilt, zusammen, nachdem
Herr Terdenge die in Dresden besprochenen Pläne gebilligt hatte.
Dann kam der von den Tschechen vorgeschlagene Text der Einladungen
plötzlich mit ihrem Ministerpräsidenten Benesch als Protektor der
Tagung.  Das war nicht verabredet worden und erregte Stirnrunzeln.
Es wurde aber hingenommen, nachdem man sich ja aus guten Gründen auf
einen Tagungsort in der Tschechoslowakei geeinigt hatte.  Es kamen
weitere Besprechungen mit den für Vorträge gewonnenen Rednern und mit
führenden Mitgliedern der Deutschen Liga für Völkerbund, u.a.  Harry
Graf Kessler.

Neben der Teilnahme an den Vorbereitungen für diese Preßburger Tagung
stand bei mir weiter die Herausgabe von "Student & Hochschule".  Die
Januarausgabe 1931 war weitgehend dem deutsch­französischen
Verhältnis gewidmet, im Verfolg der Mannheimer DStV Tagung, mit
Beiträgen u.a. von Wladimir d'Ormesson und Max Clauss, Herausgeber der
Europäischen Revue des Prinzen Rohan, einer von Coudenhove­Kalergi
unabhängig arbeitenden europäischen Bewegung.  Ich brachte auch eine
Besprechung der FUI Tagung in Genf (50).

Im Februar brachten wir Teile des Vortrags, den Staatskommissar
Rönneburg auf einer "Ostkundgebung" des Deutschen Studentenverbands
gehalten hatte, mit Schwerpunkt auf Agrarreform in den Ostprovinzen
zwecks Bauernansiedlung.  Ich erinnere mich, daß damals in der
Diskussion auch Dr. Walther Maas sprach, ein junger Geograph,
Mitarbeiter der Sozialistischen Monatshefte, und dafür eintrat, alle
deutschen Ansprüche auf Rückgabe des polnischen Korridors aufzugeben.
Ich hatte solch eine offene Meinungsäußerung darüber noch nie gehört.
Unzufriedenheit mit der Ostgrenze war ein häufiger Refrain in
Deutschland, aber das klang deklamatorisch, kein aktuelles
politisches Thema.  Die systematische und im Auswärtigen Amt durchaus
artikulierte Politik einer Ostgrenzenrevision (51) war auch dort
umstrittene Sache einiger Vorausplaner, in der Öffentlichkeit nicht
so bekannt, wie es in den Akten steht, also nicht das politische
Klima.  So schien es mir jedenfalls noch anno 1930. Die
Reparationsfrage war durch die Annahme des Youngplans einen Schritt
weitergekommen, das Rheinland wurde geräumt von fremder Besetzung,
nun bedurfte man weiterer Erleichterung bei den Reparationen, das
waren die aktuellen Probleme.  Man konnte sich doch ein Ziel wie die
Grenzrevision nur auf Kosten kriegerischen Konflagrationen vorstellen.
Sollte man dann überhaupt daran denken?

Walther Maas's Bemerkung über den Korridor erregte gleich Widerspruch,
auch in diesem republikanischen Gremium.  In einer kleinen Gruppe
nach Schluß der Versammlung gab ich zu bedenken, daß doch im Grunde
Dr. Maas ganz recht hatte, wie konnte man an friedliche Grenzrevision,
und das hieß doch an Grenzrevision überhaupt, denken oder gar davon
sprechen.  Es gab entschiedenen Widerspruch und jemand in der Gruppe
sagte, wenn man von Revision des Versailler Vertrags spricht, da gibt
es immer zwei Kategorien von deutschen Forderungen.  Für eine gilt,
immer davon sprechen, nie daran denken, das ist z.B. der Anschluß
Österreichs.  Das andere ist umgekehrt, nie davon sprechen, immer
daran denken, das ist z.B. der polnische Korridor.  Dr. Walther Maas
schrieb dann ausführlicher über den "sogenannten" polnischen Korridor
in den Sozialistischen Monatsheften (52) und erwähnte, daß es ein
Gebiet breiter als Schleswig­Holstein oder die Rheinprovinz sei,
betonte auch deutsche Verflechtung mit diesem Gebiet, auch wenn es
von 1466 bis zur ersten Teilung 1772 zu Polen gehört hatte.  Es wäre
allerdings schon vor 1772 mehrheitlich deutsch besiedelt, also
ethnographisch diese Maßnahme der ersten Teilung Polens kein Unrecht
gewesen, die Zuteilung an Polen 1919 bezeichnet er ethnographisch als
Unrecht, aber durch deutsche Abwanderung sei das 1931 schon wieder
verändert, das Gebiet wirtschaftlich Polen eingegliedert, und wird
nicht von ihnen herausgegeben werden.  Deutschland sollte jetzt in
der schwersten Krise der Nachkriegszeit andere Sorgen haben, als die
Auseinandersetzung mit Polen.  Für das Korridorproblem gäbe es keine
isolierte deutsche oder polnische, es gibt nur eine europäische
Lösung, aber die Beantwortung der Korridorfrage darf nicht als
Vorraussetzung der kontinentalen Einigung verlangt werden.  So Maas
1931 in der sozialdemokratischen Zeitschrift.

Mich hat das nachdenklich gemacht.  Ich sprach darüber in Kattowitz
mit dem alten Jugendfreund Karl­Heinz Lubowski und war überrascht,
daß er auch zur Auffassung gekommen war, die Deutschen sollten keine
Forderungen an Polen stellen.  Er kam aus einem sehr national
gesinnten Haus, aber dachte sehr unabhängig, hatte eine Zeit lang in
Krakau studiert; jetzt bereitete er sich in Deutschland auf eine
juristische Karriere vor.  Außer den vorrängigen Geboten praktischer
Politik und Prioritäten gab es ja auch historische Eindrücke, die man
hatte.

Es war ja gar nicht so, daß der "Korridor" in Versailles erfunden
worden war.  Man konnte ihn auf allen Karten Polens vor 1772 gut
sehen, er war nur noch breiter.  Nach den Teilungen Polens im 18.
Jahrhundert war ja im 19. Jahrhundert eine, immer wiederkehrende
Forderung der jungen nationalen und liberalen Bewegung in Europa, die
Wiederherstellung Polens in seinen historischen Grenzen gewesen.  Die
14 Punkte Wilson's hatten alles viel spezifischer auf das
Selbstbestimmungsrecht der Völker eingestellt, und die
deutsch­polnische Grenzregelung darauf, aber auch auf die
Notwendigkeit polnischen Zugangs zur See gestützt.  An die kurze
Diskussion über den Korridor, über die ich etwas ausführlich
geschrieben habe, mußte ich in späteren Jahren noch oft denken, bis
es dann 1939 Hitler darüber zum Krieg kommen ließ.

In diesem Winter 1930/31 verfolgte man weiter aufmerksam den
erstaunlichen Aufschwung der Zeitschrift "Die Tat".  Sie sammelte um
sich eine respektable Anhängerschaft, es bildeten sich "Tatkreise",
aber interessante und gewichtige ihrer Gedankenansätze vermengten
sich zusehends mit radikalsten Parolen, nicht zuletzt in der
Außenpolitik, und da besonders bezüglich einer aggressiven deutschen
Politik in Ost­ und Mitteleuropa.

Für diese zeichnete neuerdings ein Giselher Wirsing.  In der
"Bavaria" in Genf hatten wir friedlich gesessen, als ein schrecklich
impertinenter jüngerer Mann, einigen Mitgliedern unserer Delegation
bekannt, vorbeiging, sich zu uns setzte und einen vernichtende Kritik
am Völkerbundtreiben als leere, papierne Kulissen, die bald
zusammenfallen würden, losließ.  Er schien wohlberedt, sehr
intelligent, aber gnadenlos in seinen Ansichten und seiner
abscheuerregenden Aggressivität und Arroganz.  Seinen Namen hatte ich
nicht verstanden, und hätte ihn auch nicht gekannt.  Erst Monate
später erfuhr ich, daß das dieser Giselher Wirsing gewesen war.  Er
gehörte zu denen, die Dr. Brinkmann in Heidelberg dem Dr. Zimmern zur
Teilnahme an seinem internationalen Seminar in Genf als mehr
aufgeweckten und repräsentativen Vertreter deutscher Studenten
empfohlen hatte.  Er war sein Assistent in Heidelberg gewesen.  Es
war in diesen Fragen deutscher Politik in Europa, daß ich dann immer
die größte Distanz zur "Tat" empfunden habe.  Wirsing kam dazu, und
bezeichnete die Staaten Mittel­ und Osteuropas als die
"zwischeneuropäische Trümmerzone".

Da blieb die Zusammenarbeit in unserer Völkerbundsgruppe und auch
persönlich mit Wolfgang Straede auf viel besserer Ebene.  Ein Vorfall
blieb mir in Erinnerung, der das unterschiedliche politische
Herkommen beleuchtet.  Der Generalsekretär der FUI Jean Dupuy
besuchte uns kurz in Berlin.  Er war wohl auf der Durchreise nach
Danzig, wo er prüfen sollte, ob die Auflage betreffs Teilnahme der

polnischen Minderheit an der neuen Danziger Mitgliedsgruppe der FUI
richtig durchgeführt wird.  Während seines kurzen Aufenthalts in
Berlin sollten Wolfgang Straede und ich ihm etwas von Berlin zeigen.
Wolfgang Straede schlug zunächst einen Ausflug nach Potsdam vor,
Dupuy war einverstanden und wurde so zunächst mit dem alten Preußen
gut bekannt gemacht.  Am Sarge Friedrich des Großens erinnerte er
sich, daß Napoleon bei der Gelegenheit gesagt hatte: "voila un honme".
Auf dieser Note endete unser Besuch in Potsdam und Dupuy wollte nun
unbedingt noch mit uns in den Reichtstag gehen.  Straede bat mich,
das zu übernehmen; er entschuldigte sich, als Monarchist wollte er
einen Besuch im Reichstag nicht unternehmen.  Ich starrte ihn an, und
Jean Dupuy wohl auch.  Natürlich, manche unserer Professoren, viele
alte Herren der studentischen Korporationen, sie waren noch
Monarchisten und daher Republikgegner, aber war das wirklich auch
mein Altersgenosse Straede, Führer der deutschnationalen
Studentengruppe?

Ich zog also mit Jean Dupuy allein zum Reichstag, so ohne
Vorbereitung schien das gar nicht so einfach, jemanden zu erreichen,
der einem Zutritt zur Wandelhalle ermöglicht und einen empfangen
hätte.  Ich meldete mich erst bei Ernst Lemmer.  Er war schließlich
Führer der Jungdemokraten; obgleich ich ihn wenig kannte, schien er
mir der Nächstverantwortliche für solch ein Anliegen, von einem
Vertreter der demokratischen Studenten, als welcher ich mich
schließlich da im Reichstag befand, zu sein.  Er entschuldigte sich,
er hatte keine Zeit.  Kurz entschlossen meldete ich mich bei Carl
Mierendorf, der ja nicht nur bei seinen jungen sozialistischen
Freunden, sondern auch bei den jungen Demokraten sehr verehrt wurde.
Ich kannte ihn gar nicht, sagte gleich er brauchte uns nicht zu sehen,
aber ich wollte unserem französischen Gast den Reichstag zeigen, und
sein Passierschein kam auch sofort zurück.  Wir blieben eine Zeit
lang in der Wandelhalle, Dupuy hoffte Brüning zu sehen, und dann rief
er auch ganz aufgeregt "le chancelier", Brüning eilte vorüber.  So
waren denn Dupuy's beide Programmpunkte erfüllt, aber mein Freund
Straede und die Monarchie, im Winter 1930/31, das hat mich immer
wieder gewundert.

Während die "Tat" sich von ihrem anfänglichen Anklang an eine Stimme
der jungen Mitte unterdeß weit nach rechts entwickelt hatte, wurde
eine neue Gruppe um die Monatsschrift "Neue Blätter für den
Sozialismus" bedeutsam.  Sie sammelte Anhänger des religiösen
Sozialismus Paul Tillichs, überhaupt eines nicht­marxistischen
Sozialismus, vieles aus der Jugendbewegung.  Mitherausgeber war Fritz
Klatt, unabhängig von der SPD Parteistruktur auf ihrem rechten Flügel.
Es gab auch Elemente eines Suchens nach neuen politischen
Strukturen, die manchmal an ähnliches im Gedankengut der "Tat" zu
erinnern schienen.  Auf der wirtschaftspolitischen Seite dieses
Kreises waren die Professoren Eduard Heimann und Adolf Loewe
prominent; aktiv verbunden waren auch, die mir von ihrem Kontakt mit
unserer republikanischen Studentenorganisation bekannten, Theo
Haubach, Adolf Reichwein, Rudolf Küstermeier und Carlo Mierendorf.

In der politischen Mitte sah es immer trostloser aus, mit zunehmender
Desillusionierung auch beim demokratischen Studentenbund.  Es hatte
demokratische Splittergruppen gegeben, die sich der Verbindung mit
den Jungdeutschen in der Staatspartei nicht anschließen wollten.  Bei
den Studenten blieben die Meinungen geteilt, die Studentengruppen
hielten aber zusammen, blieben unabhängig.  Die Führer Franz Suchan
und Horst Mendershausen wollten einen Zusammenschluß mit dem
Republikanischen Studentenbund des Prionen Hubertus von Löwenstein
durchführen.  Ich versuchte, dabei zu helfen, aber sie wurden
überstimmt.

Ich hatte zu der Zeit bereits beschlossen, meine berliner Tage zu
beenden und im Sommersemester nach München zu gehen.  Das hieß auch,
daß ich aus der hochschulpolitischen Arbeit ausscheiden und meine
Ämter aufgeben würde.  An der TH Charlottenburg hatte ich das schon
getan, der Sozialist Ahrends war mein Nachfolger geworden.  In der
Schriftleitung von "Student und Hochschule" hatte mich schon der
demokratische Freund Erwin Oeser unterstützt, mit dem Zentrumsmann
Lothar Hartmann wurde er Nachfolger, und danach übernahmen es Heinz
Krüger (Sozialist) zusammen mit Franz Suchan (Demokrat), die die
Zeitschrift tatsächlich bis zum Februar 1933 weiterführten.

In der Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit war es ja der
Turnus der Demokraten, ab April 1931 den Vorsitz zu übernehmen.  Ich
muß gestehen, daß ich da für mich doch einige Bedenken hatte.  Mußte
es jetzt gerade sein, daß ein Jude den Vorsitz übernahm?  Auch von
diesem Gesichtspunkt trieb es mich, den Wechsel nach München
vorzunehmen und zu sehen, daß statt dessen Wolfram Müllerburg
zurückkommen und die Vakanz füllen würde.  Er war schon in seiner
Referendarszeit, aber konnte doch für Sommer 1931 zusagen.  Zunächst
stand aber noch für den 19.März unsere Mitteleuropäische
Studententagung in Preßburg bevor und im Zusammenhang damit noch ein
ominöser Schock.

Die Vorbereitungen waren ganz nach Plan gelaufen, als wir plötzlich
eine Mitteilung vom Auswärtigen Amt erhielten, man es hätte es sich
anders überlegt und wir sollten die ganze Tagung absagen.  Es war gar
nicht mehr so lange bis zum Tagungsdatum, und wir protestierten
heftigst.  Erklärungen über die Gründe wurden uns nicht gegeben.  Was
immer die Gründe für diesen Gesinnungswechsel des Amtes sein könnten,
wir wollten unseren Mitveranstaltern, den tschechischen Studenten,
allen anderen eingeladenen Delegationen und der FUI nicht jetzt
plötzlich, so kurz vor der Tagung, absagen.  Wir hatten eine weitere
Besprechung im Amt bei dem Geheimrat Terdenge, der uns auch etwas
über die Gründe sagen sollte, es aber nicht tat.  Er schien etwas
belustigt über die verschiedenen Interventionen, die wir im Amt
veranlaßt hatten, und auch sein Kollege, Legationsrat Dr. Sobernheim,
wollte, daß sein Sohn Rudolf, ein sehr aktives Mitglied unserer
Gruppe, teilnehmen sollte.  Da bin ich wirklich explodiert und fragte,
wie man sich das vorstellt, wir haben mit den Tschechen das
Tagungsprogramm ausgearbeitet, die Vorbereitungen gemeinsam getroffen,
die anderen eingeladen, jetzt sollen wir ohne Erklärung kurzfristig
alles absagen, was für ein Affront politisch und persönlich.  Uns ist
darüber sehr ernst zumute, und gar keine Gelegenheit für scherzhafte
Bemerkungen.

Es blieb aber dabei; über die Hintergründe erfuhren wir nichts, die
versprochenen Mittel standen nicht mehr zur Verfügung und soweit es
das Amt betraf, empfahlen sie uns, die Tagung abzusagen.  Die
Deutsche Liga für Völkerbund machte weitere Anstrengungen, aber
Haucke teilte uns dann mit, man müsse die Tagung wohl nun absagen.
Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.

Das Semester ging schon zu Ende und ich reiste nach Kattowitz.  Wir
verabredeten, Hauke würde mir telegraphieren, wenn die Tagung doch
noch stattfindet, und wirklich, die Liga konnte mit diskreter
Zustimmung im Amt doch noch das arrangieren.  Es kam das Telegramm
von Haucke, in dem es hieß, ich sollte zunächst nach Prag fahren und
dort bei der Lese­ und Redehalle nachfragen, wo man sich zur
gemeinsamen Weiterreise nach Preßburg treffen könne.

Das wurde mein 2.Besuch in Prag (53).  Die Nachricht, die ich vorfand,
brachte mich zunächst zusammen mit einem Dr. Foerster, der zu den
wissenschaftlichen Tagungsteilnehmern von der Rechten gehörte.  Er
war Historiker von der Universität Tübingen, derzeit aber an der
deutschen Universität Prag und mit den deutsch­tschechischen
Problemen und Geschichte eng vertraut.  Wir machten einen gemeinsamen
Stadtspaziergang, der auf dem Hradschin mit Blick auf die Stadt
abschloß.  Er war wohl nur einige Jahre älter als ich, bezeichnete
sich als Konservativen und plädierte eindringlich und ernsthaft für
die Anerkennung auch des deutschen Elements in der Geschichte Böhmens
und eben auch Prags, man nehme doch nur die Karls Universität, die
eben auch eine deutsche Universität gewesen ist.  Mehr wollen wir ja
nicht, sagte er, man soll uns das aber nicht immer ganz in Abrede
stellen.  Das klang und er war überhaupt recht vernünftig; er sprach
mit so ehrlicher Wärme, daß ich noch manchmal, besonders dann 1938/39,
als Hitler ja ganz andere Forderungen mit Gewalt durchsetzte, an
diese Unterhaltung auf der Terrasse des Hradschins gedacht habe.  Wir
waren dann zusammen in der Gruppe, die von Prag nach Preßburg fuhr.

Dieses Bratislava, nun in der Tschechoslowakei als Hauptstadt der
Slowakei, war faszinierend und auch herzerwärmend.  Man war sich
bewußt, daß es auch dadurch jahrhundertealter Ort vieler Spannungen
und Konflikte war, aber das Zusammenfließen so verschiedener
Traditionen und das Zusammenleben so vieler Bevölkerungsteile machte
es zu einer sehr mitteleuropäischen Szene, und die Donau floß
majestätisch dahin, auf dem Weg von Wien nach Budapest.  Die
offizielle Sprache war slowakisch, aber ebenso wie bei Eß­ und
Trinksitten gab es viel ungarisches, österreichisches oder deutsches.
Die lokale Vorbereitung und dann auch Leitung der Veranstaltung lag
in den Händen der slowakischen Studenten unter der sehr
selbstbewußten und sich profilierenden Leitung von Dr. A. Kunosi, auch
das schien mir ein Unterstreichen mitteleuropäischer Vielfalt.  Die
Tagung (54) mit etwa 100 Teilnehmern sollte einer wissenschaftlichen
Diskussion der verschiedenen Themenkreise dienen, einer klareren
Definition gemeinsamer mitteleuropäischer Interessen und kulturellen
Zusammenhänge.  Letztere mündeten auch wieder in Betonung der
nationalen Minderheitenprobleme und wurden unterstrichen durch einen
Überraschungsbesuch und Ansprache des Sekretärs des
Minderheitenkongresses Dr. Ewald Amende.  Ich habe gar nicht
nachgeforscht, wer den inszeniert hatte.

Die österreichische Delegation hatte auf der Tagung einige neue, und
zwar rechtsgerichtete Mitglieder, was sich später dann zunächst
wieder geändert hat, aber dort fiel es mir sehr auf (55).

Das Hauptgewicht der Tagung lag auf den gemeinsamen wirtschaftlichen
Interessen der mitteleuropäischen Staaten (56).  Das war ja schon der
aktuelle Ausgangspunkt für unsere Initiative im September 1930 in
Genf für solch eine mitteleuropäische Studentenkonferenz.  Gemeinsame
wirtschaftliche Schutzmaßnahmen waren gewiß nicht im Sinne einer
freien internationalen Marktwirtschaft, aber der Glaube daran war
unter den schweren Stößen der Krise mit ihrem Verfall der Agrarmärkte
und den einseitigen amerikanischen Zollmaßnahmen verblaßt.  Für eine
wirtschaftliche Zusammenarbeit betroffener mitteleuropäischer Staaten
gab es aber wenig politisches und kulturelles Gemeinschaftsgefühl
nach 1918 und es galt, dies zu erarbeiten.  Wie hätte das besser
eingeleitet werden können als durch eine Inititative der Deutschen
und Tschechen, wie wir es getan hatten, wenn auch nur auf einer
kleinen Nebenbühne, und wir hatten Zustimmung gefunden (57).

Auf der Hauptbühne der Geschichte aber nahmen die Dinge einen ganz
anderen, einen verhängnisvollen Kurs.  Nach Abschluß der Preßburger
Tagung fuhren wir alle nach Wien, wo am 22. März die Ratstagung der
FUI begann.  Man fuhr in einem noch aus österreichischen Tagen
bestehendem Lokalzug, eigentlich war es eine Art Straßenbahn, die
Bratislava mit Wien verband, und die Tagungsteilnehmer verschiedener
Nationen saßen in großen Gruppen zusammen in den Wagen dieser Bahn.
Plötzlich eilte die Meldung durch unsere Gruppen, Morgenzeitungen
wurden herumgereicht, Deutschland verkündete den Abschluß einer
Zollunion mit Österreich.  Die Überraschung war übergroß, auch die
Befremdung.  Niemand in der deutschen Delegation von links bis rechts
hatte vorher davon gehört oder es ahnen können.  Es war den anderen
Delegationen gegenüber natürlich peinlich.  Da hatte man noch am
Vortag über Verständigung und Zusammenarbeit in und für Mitteleuropa
diskutiert, und am nächsten morgen kommen die deutsche und
österreichische Regierung mit diesem Überraschungscoup heraus, der
anscheinend mit keiner anderen Regierung vorher besprochen, sondern
vollkommen geheim gehalten worden war.

Jetzt dämmerte einem auch, warum möglicherweise das deutsche
Auswärtige Amt einige Wochen vorher plötzlich unsere Tagung abgesagt
haben wollte.  Da saßen wir also nun alle zusammen in dem Zug, der
der Donau entlang fuhr.  Es klang gar nicht gut, diese Nachricht von
der Zollunion, und besonders in der Gesellschaft, in der wir uns
befanden (58).

Zunächst wickelte sich dann die FUI Ratstagung in Wien ganz planmäßig
ab, die Atmosphäre des alten und neueren Wiens tat auch das ihre (59).
Auf der Tagung beantragte die Schweizer Delegation, geführt von
Jacques Kunstenaar, gemeinsam mit den Kanadiern, daß die FUI sich für
einen Erfolg der vom Völkerbund geplanten Abrüstungskonferenz
aussprechen und in allen Ländern dafür aktive Propaganda machen
sollte.

In der Danziger Frage wurde die Aufnahme der FUI Gruppe bis 1932
bestätigt, mit Auflagen für guten Willen, bei der vorgeschriebenen
Konsultation zwischen deutschen und polnischen Mitgliedern.  Eine
bemerkenswerte Einigung zwischen verschiedenen Gruppen in der
Tschechoslowakei wurde während der Wiener Ratstagung für deren
Vertretung in der FUI erzielt.  Sie sollte in Zukunft aus zwei
tschechischen, einer slowakischen und einer deutschen Gruppe bestehen,
die jede je zwei Vertreter in den Vorstand entsenden, der Vorsitz
jährlich rotieren sollte (60).  Dies schien wirklich ein guter
Schritt in Richtung pluralistischer Lösungen und ein guter Nachklang
zu unserer Preßburg Tagung zu sein.

Umso schlimmer war der Nachhall zum deutsch­österreichischen
Zollunionsplan.  Auch in heutiger Literatur wird das Katastrophale
dieser Wende voll gewürdigt (61).  Wirtschaftlich wuchs es sich zur
entscheidenden Katastrophe aus, der Abzug ausländischer Kredite aus
Österreich verstärkte sich dramatisch.  Ein großer Teil wurde
gezielten Vergeltungsmaßnahmen der Franzosen zugeschrieben, bis im
Mai 1931 die Wiener Kreditanstalt zusammenbrach, gefolgt im Juli 1931
vom Zusammenbruch der deutschen Danatbank und Devisenbewirtschaftung
in Deutschland.

Auf der politischen Seite brachten die Engländer den Streit vor den
Völkerbundsrat, der ihn dem Haager Gericht überwieß.  Vor dessen
Urteil schon zog sich Österreich von dem Plan zurück, das Urteil
erging dann gegen die Zollunion als eine Verletzung bestehender
völkerrechtlicher Verpflichtungen.  Anfang Oktober 1931 trat der
deutsche Außenminister Curtius von seinem Amt zurück.  Die Politik
des Auswärtigen Amts änderte sich aber nicht, die Zeiten allerdings
wohl.  Während der Zollunionsplan 1931 am allgemeinen Widerstand in
Europa gescheitert war, brachten spätere vertragswidrige deutsche
Schritte wie Hitlers Wiederaufrüstung und Remilitarisierung des
Rheinlands 1936 keine entsprechenden Reaktionen der anderen Mächte.
1939 wurde das Maß voll, und nach österreichischem Anschluß, München
und Prag kam es dann über die deutschen Revisionsansprüche auf den
polnischen Korridor, Danzig und Ostoberschlesien zu entschiedener
Ablehnung seitens der Alliierten, zu Hitlers bewaffneten Angriff auf
Polen und zum 2. Weltkrieg.

Der Anfang, der "Sündenfall", war mir immer in so lebhafter
Erinnerung geblieben, weil ich ihn von so nahe erlebt hatte.  Die
Sünde war durchaus nicht nur die irrige Einschätzung der eigenen
Stärke und der wahrscheinlichen Reaktion der anderen, nein, es war
der Irrtum, daß Deutschland in Europa anders als unter dem Leitstern
föderativer Politik und Gesinnung handeln kann.  Meine Rückkehr von
der Wiener Ratstagung bedeutete auch meinen Abschied von aktiver
politischer Tätigkeit im Studentenleben.



B) München

Wie zur Vorbereitung auf den neuen Abschnitt meines Studiums in
München war grade der dort spielende große zeithistorische Roman Lion
Feuchtwangers "Der Erfolg" erschienen, ich hatte ihn verschlungen.
Diese Art von Porträtieren, alles Politische, die kulturelle
Geschichte und Szene, mit so lebendig werdenden Personen, teils
Fiktion, teils Schlüsselroman schien mir der Gipfel zeitgenössischer
Erzählkunst.  Gewiß, es gab da auch neben der lebendigen, wenn
manchmal auch derben Menschlichkeit viel Unrecht, Gewalt und Intrige,
aber ich sah meiner Zeit in München erwartungsvoll entgegen.  Ich
wurde auch nicht enttäuscht.  Menschen und Klima, Stadtbild und Land
waren wie ein kräftiger Trunk nach vier hektischen Jahren in Berlin.
Hier lebte man auch mit Zeugnissen noch längerer geschichtlicher
Vergangenheit, mir besonders in Erinnerung von einem Wochenende in
dem benachbarten Augsburg, mit seinen alten Kirchen und Bürgerhäusern.
Nun wußte ich schon, Augsburg war schon schwäbisch, der Norden
Bayerns war ja fränkisch.  Von den "complexities", die ich von
Schlesien und Berlin, von ihren "ostmärkischen" Ursprüngen her
gewohnt war, gab es hier in Bayern neue Vielfalt, eigentlich selbst
ein erfolgreicher Föderativstaat, aber es wurde nicht viel darüber
gesprochen und es gab ja auch keine dem entsprechende Struktur.  Von
der langen, gemeinsamen monarchischen Geschichte her schien das alles
gut unter Dach und Fach.

Die absorbierende Beanspruchung durch verschiedene politische Pläne
und Funktionen hatte ich nun hinter mir, die neue Umgebung war
fruchtbarer Boden für den Drang, nun neben Studium mehr Raum für
eigenes Privatleben und Neigungen zu lassen.  Guter Freund in der FWV
München wurde Ralph Kleemann (1), der aus Nürnberg kam.  Durch ihn
lernte ich auch eine Psychologiestudentin aus Nürnberg kennen, mit
der ich mich sehr anfreundete.  Das Leben sah ganz anders aus da in
München.

An der Technischen Hochschule sah ich Chancen, das Diplomexamen schon
Ende des Sommersemester zu machen, aber ich ging dafür auch zu dem
"Repetitor" Dr. Broich, sehr kompetent, von nüchternem, sachlichen
Urteil, außer wenn seine nationalistischen Ansichten berührt waren.
Er kam aus dem 1918 von Deutschland an Belgien abgetretenen
Eupen­Malmedy, ein Original, arbeitete trotz vorgerückter Jahre an
seinem dritten Doktortitel.  Ich brauchte für mein Examen
Finanzwissenschaft, was in Charlottenburg nicht zum Curriculum gehört
hatte, mehr Volkswirtschaft und Jura, alles an der Universität zu
belegen, wo ich also oft hinkam.  Das Repetitorium war direkt
gegenüber der Rückseite der Universität.

Natürlich ging ich auch zum Demokratischen Studentenbund München.  Er
war auch hin­ und hergerissen zwischen Staatspartei, aber eher
neigend zu der von Nürnberg her aktiven Gruppe, die sich unter dem
Pazifisten Ludwig Quidde und dem Nürnberger Oberbürgermeister Lubbe
nach links abgespalten hatte.  Zu ihnen neigte damals auch ein
aktives Mitglied des Demokratischen Studentenbundes, Walter Seuffert,
mit dem ich während meiner Münchner Zeit viel zusammen war und auch
noch später korrespondiert habe.  Trotz manchmal gegensätzlicher
Einstellungen verstanden wir uns, aber es gab manche nächtliche
Spaziergänge mit lebhaften Auseinandersetzungen.

Nicht nur, daß er ganz klar für Quidde­Lubbe war, das schien mir eine
schmale politische Basis und ich wollte die Hoffnung auf die
Staatspartei noch nicht ganz aufgeben, aber die Aufmerksamkeit, die
ich einigen Ansichten des "Tatkreises" zu geben bereit war, brachte
ihn sehr auf, und er fing da bei Kant an, das heißt, schon mein
Interesse an Bergson und Husserl war ihm suspekt.  Es waren
interessante Unterhaltungen mit ihm, an die ich oft gedacht habe.  Er
kam aus Darmstadt, von einer Familie bekannter deutscher Juristen,
und war damals an der Universität München auch Assistent des
Staatsrechtlers Dr. Nawiaski.

Eine andere Bekanntschaft, die ich im Demokratischen Studentenbund
machte, war der Buchhändler Sternecke und seine Tochter.  Er war in
der demokratischen Partei aktiv gewesen, seine Buchhandlung ein
Sammelpunkt für fortschrittlich und liberal denkende Menschen.  Es
erstaunte mich aber, als ich erzählte, mit welcher Erwartung ich nach
München gekommen war nach der Lektüre von Lion Feuchtwangers "Erfolg",
daß er sehr antagonistisch reagierte.  Er sagte, Feuchtwanger sei
ein guter Freund und im selben Kreis gewesen, aber habe alle
enttäuscht, er habe München in den Rücken gestoßen mit diesem Buch.

Eine große Patronin des Demokratischen Studentenbunds in München war
Frau Constanze Hallgarten.  Schon in meiner Zeit im Deutschen
Studentenverband in Berlin hatte ich von ihr gehört.  Sie hatte
unsere Münchner Freunde Hammelburger (er lebte leider nicht mehr als
ich nun dort studierte) und Oldenburg sehr unterstützt in ihrem Kampf,
den Status der Deutschen Studentenschaft in Bayern zu reduzieren,
wie sie mir während des Republikanischen Studententags im Januar 1930
sehr lebhaft berichtet hatten.  Sie lud jedes Jahr die demokratischen
Studenten für einen Abend in ihr Haus; die Chance habe ich verfehlt.

Es interessierte mich natürlich, wie sich die Verhältnisse in der
Hochschulpolitik in München entwickelten, und will das auch noch
skizzieren, nachdem ich schon soviel über Berlin berichtet habe (2).
In Bayern waren die staatlich anerkannten Studentenschaften nicht
aufgelöst worden.  Es gab also weiter allgemeine "Asta" Wahlen und
diese hatten immer eine hohe Beteiligung.  Wie überall war die
beherschende Kraft bisher die Gemeinschaft der "waffentragenden"
völkischen Korporationen, in München der "Waffenring", den man
gewöhnlich als deutsch­national eingestellt ansah, obwohl er durchaus
nicht parteipolitisch gebunden oder organisiert war.  Es gab aber
außerdem dort eine katholische Liste, die politisch gemäßigter war.
Auch die Nationalsozialisten traten mit mit einer eigenen Liste auf.
1928 errangen sie an der Universität drei und 1929 dann fünf Sitze
(auf Kosten des Waffenrings) von gesamt 30. Die republikanischen
Studenten blieben bei ihren drei Sitzen und die Katholiken bei ihren
sieben (3).  Es gelang den republikanischen Studenten und ihren
Parteien nicht, von der bayrischen Regierung oder im Parlament die
Entziehung der staatlichen Anerkennung der von den völkischen Rechten
beherrschten Studentenschaft zu erreichen, aber die katholische
Bayrische Volkspartei, Hauptregierungspartei, schloß sich
republikanischer Initiative und damit der Politik des preußischen
Kultusministers Becker soweit an, daß der bayrische Kultusminister
die Beiträge der bayrischen Studentenschaften an die Zentrale der
Deutschen Studentenschaft in Berlin sperrte.  Diese Deutsche
Studentenschaft war, da die preußischen Studenten seit 1928 keine
Zwangsbeiträge mehr zu zahlen hatten, schon in finanzielle Engpässe
geraten.  An diesem Erfolg in Bayern hatte auch der
sozialdemokratische Abgeordnete im bayrischen Landtag Dr. Hoegner
großen Anteil, aber eben auch die diskrete Tätigkeit von Constanze
Hallgarten.

Das Anwachsen der Nationalsozialisten auf Kosten des Waffenrings
brachte diesen und gemäßigtere Rechtsgruppen in eine latente
Abwehrstellung.  Die Nationalsozialisten traten sehr provokativ auf,
mehrfach waren sie im Asta ganz isoliert und die gemäßigtere Rechte
mit den Katholiken stimmten zusammen mit den republikanischen
Vertretern gegen die Nazis (4).  Das erinnerte mich zeitweise an
Vorgänge an der TH Charlottenburg, aber in München machte die
Existenz des geschlossenen, eigenständigen katholischen Blocks einen
weiteren Unterschied.  Es gab also immer wieder Machtkämpfe im
Münchner Asta, so wie es schon in Berlin sogar Ehrengerichtssachen
zwischen Korporations­ und Nazivertretern in den zentralen Gremien
der Deutschen Studentenschaft gegeben hatte.

Die Münchner Universität hatte ihre schwersten Unruhen im Sommer 1931
mit dem "Fall Nawiasky" zu bestehen.  Die Wahlen danach im November
1931 brachten den Nazis nicht die erwartete Astamehrheit, sondern nur
elf von 30 Sitzen, die Wahlen ein Jahr später im November 1932
zeigten bereits eine Reduktion der Nationalsozialisten auf zehn Sitze.

Schon 1931 hatten sich die Gegner der Nazis gut konsolidiert, zu den
Katholiken war eine Liste für Fachschaftsarbeit gekommen, 1932
erschienen unter den Nichtnazis auch eine Deutschnationale und eine
Stahlhelmgruppe mit je zwei Sitzen, der Waffenring war reduziert auf
nur vier Sitze.  Das war also das Bild der Münchner
Universitätsstudentenschaft kurz vor Hitlers Machtübernahme.  Die
Nazis erhielten nur 37% der Stimmen, die Wahlbeteiligung war von 93%
auf 80% gesunken.

Die Nazis hatten es immer wieder verstanden, durch patriotische
Parolen die anderen nationalistischen Astagruppen für gemeinsame
Aktionen mit sich zu reißen, aber sie brachten die anderen "Partner"
durch maßloses Verhalten immer wieder in Verlegenheit mit Hochschule
und bayrischer Regierung, so daß sie sich bis zur Machtübernahme
Hitlers wiederholt isoliert fanden.  Bei der Reichspräsidentenwahl
1932 beschloß der Asta eine Adresse an Hindenburg, d.h., er
unterstützte die damalige Kandidatur Hindenburgs gegen Hitler, wieder
eine Abstimmung, bei der sich die Nazivertreter isoliert sahen.  Es
kam zu einer Maßregelung des Naziführers durch Rektor und Senat,
schließlich sogar zur Suspendierung des Nationalsozialistischen
Studentenbundes für das Wintersemester 1931/32.

Diese Einzelheiten (aus den vielen Pressezitaten in der Dissertation
von L. Franz gefunden, und vielleicht von gewissem zeitgeschichtlichen
Interesse) habe ich hier kurz erwähnt, sie nehmen spätere Vorgänge
voraus, ich selbst habe ja nur das Sommersemester 1931 in München
zugebracht.

Zu den engsten Freunden Walter Seuffert's gehörte damals Ernst v.
Borsig, den ich auch schon beim Repetitor Broich kennengelernt hatte.
Wir trafen uns öfters, besonders zum Mittagessen in der Osteria
Bavaria an der Schellingstraße, es war ein recht gutes, gepflegtes
und ruhiges, aber zwangloses Restaurant, einige Studenten, viele
höhere Beamte, man saß oft im Garten.  Wir gingen auch manchmal
zusammen zu Veranstaltungen, so zu einem Vortragsabend der
Staatspartei, an dem der Nationalökonom Dr. v. Zwiedeneck­Südenhorst
sprach, und einem Abend im Politisch­Akademischen Klub, eine
spezifische Münchner Einrichtung, überparteilich, an dem der frühere
preußische Kultusminister Becker sprach.  Ich kannte ihn ja aus
Berlin, und meldete mich auch bei ihm.

Wenn man an Politik interessiert und schon in München war, gehörte
dazu natürlich auch, daß man sich dafür interessierte, wie Hitlers
Partei aus nächster Nähe aussah und was man über sie am Ort erfahren
und sehen würde.  Es war allerdings keineswegs so, daß sie im München
von 1931 eine wirklich überbordende Erscheinung waren, so etwa ganz
München, die "Stadt der Bewegung".  Ich fragte mal, ob man die
führenden Leute der Partei auch sonst mal sehe, was für Lokale sie
besuchen.  Da war, wurde gesagt, ein Bräu in der Schellingstraße, wo
z.b.  Gregor Strasser und Frick oft saßen.  Auch Hitler, nein wurde
gesagt, eigentlich nicht.

Als ich eines Tages mit Seuffert und v. Borsig in der Osteria Bavaria
saß, sah ich einen untersetzten, eher dunkel wirkenden Mann zwei
Tische entfernt, ich weiß noch heute nicht wieso, aber meine Blicke
gingen immer wieder auf diesen Mann, er schaute eher finster drein,
und schien einen auch anzustarren.  Plötzlich dämmerte mir etwas, ich
fragte meine Freunde, ob das nicht der Hitler wäre, ja, sagten sie,
der kommt hier öfters her.  Mein Erstaunen schien also ganz
unangebracht, niemand schien ihn zu beachten, er saß mit drei anderen
Männern an einem Vierertisch, wie die meisten waren.  Ich habe ihn
dort dann noch öfters gesehen, aber nie mehr in so großer Nähe, also
diesen merkwürdigen Zwang, mir einen noch Unbekannten immer wieder
anzusehen, als ob ein böses Fluidum von ihm ausgehe, das war eine
einmalige Begebenheit, aber seine weiteren Auftritte waren aus
anderen Gründen kaum zu übersehen.  Er kam meist in größerer
Gesellschaft von acht bis zehn Personen und die schien so merkwürdig,
daß ich mich an diesen Aufzug oft erinnert habe.  Fast immer war der
Photograph Hoffman, Hitlers Chauffeur und ein anderer Chauffeur des
Braunen Hauses, wie man mir erklärte und natürlich Brückner, den man
meist schon vorher sah, da er das Gelände anscheinend zu erkunden und
einen Tisch zu arrangieren hatte, dabei.  Es waren manchmal auch
einige andere Uniformierte, manchmal auch eine jüngere Frau, die an
der untersten Ecke des Tisches saß.  Was für ein eigenartiger Aufzug,
was für ein Mann mußte das sein.  Kam er in dieser Gesellschaft
dorthin, um die Bürger zu schockieren, oder weil er es so am liebsten
hatte?  Die Auftritte blieben nicht so unbeachtet, als der Sommer
voranging, als man merkte, daß ein oder zwei der alten Kellnerinnen
ihre Begeisterung für den Gast kaum verbergen konnten, die sich aber
sonst kaum jemandem unter den Gästen dieses bourgeois­intellektuellen
Lokals sichtbar mitzuteilen schien.

Es hatte schon an verschiedenen Hochschulen Naziagitationen gegen
einzelne politisch linke Professoren gegeben, in München gab es am 26.
Juni 1931 dann die Auschreitungen gegen den bekannten Staatsrechtler
Hans Nawiasky.  Obgleich sie wie eine Reaktion auf seine Äußerungen
in einer Vorlesung, über die der Völkische Beobachter am Vortage
berichtet hatte, aussehen sollten, gab es Anzeichen, daß sie von den
Nazis schon vorher geplant waren (5).  Nawiasky war jüdischer
Abstammung, in Czernowitz geboren, aber ein prominenter katholischer
Staatsrechtslehrer geworden, der nun allerdings durchaus nicht
politisch links stand.  Er war erst in der angestammten
österreichischen Monarchie, dann in Bayern, auch Rechtsberater der
bayrischen Regierung gewesen.  In einer Vorlesung hatte er,
ausdrücklich nur für seine Hörer bestimmt, Fragen internationaler
Verträge erörtert, es näherte sich der Jahrestag des Versailler
Vertrages, und bemerkt, daß die Deutschen ja den Russen 1917 in
Brest­Litowsk auch sehr harte Friedensbedingungen auferlegt hatten.
Da hatte es zunächst gar keine Unruhe gegeben, aber Nawiasky erhielt
Warnungen, daß solche geplant seien.  In der schon spät am 25.Juni
erscheinenden Ausgabe des Naziorgans vom 26.Juni war der Fall
Nawiasky ganz groß und hetzerisch aufgemacht, ganz klar als Signal zu
gewalttätigen Protestaktionen an der Universität.

Meine Verwicklung darin blieb begrenzt, ich war ja an der TH und
schon so gut wie im Examen, aber gleich früh war es bei dem Repetitor
Broich beinahe zu einem Handgemenge zwischen einem Nazistudenten in
SA Uniform und v. Borsig gekommen, der sich sehr scharf gegen die
Angriffe der Nazis auf Nawiasky gewandt hatte.  Broich, selbst
kritisch gegen Nawiasky, konnte Gewalttätigkeit verhindern, aber
gegenüber in der Universität brach sie dann aus.  Walther Seuffert
wurde dabei verletzt.  Ich war in die TH gegangen, aber besorgt, was
passieren würde, ging zum Mittagbrot in die Osteria, und da saß
Seuffert ganz allein, immer noch sehr erregt, unter dem Auge noch
immer eine blutende Wunde (6).  Er wollte nicht zum Arzt gehen,
erzählte statt dessen, wie sich die Krawalle um Nawiaskys Vorlesung
an diesem Morgen abgespielt hatten und er selbst dabei tätlich
angegriffen und verletzt wurde.

Die Nazis setzten die Krawalle noch in der folgenden Woche fort, bis
der Rektor am Dienstag 2.Juli die Universität schloß.  Sie wurde am 6.
Juli wieder geöffnet.  Nicht nur Nawiasky, auch der Rektor hatten
sich sehr vorbildlich benommen, und am 8.Juli verurteilte dann auch
der Asta der Studentenschaft die nationalsozialistischen
Ausschreitungen (7).  So endete der Fall Nawiasky wieder mit erneuter
Isolierung der Nationalsozialisten, aber sie hatten von sich reden
gemacht.

Während meines Münchner Studiums hatte ich mich noch für ein
hochschulpolitisches Anliegen interessiert, die Bildung von
Fachschaften, durch die Studenten einer Fachrichtung ihre besonderen
Interesen wahrnehmen könnten, und daß eine Zusammenarbeit solcher
Fachschaften dann vielleicht die studentische Selbstverwaltung
anstelle der so hochpolitisierten Studentenschaft und ihrer Astas
übernehmen könnte.  Das war schon in Charlottenburg nach Auflösung
der staatlich anerkannten Studentenschaft ein Plan gewesen (8).
Meine demokratischen Freunde baten mich auch an den Besprechungen
teilzunehmen, die grade in München aktuell wurden.  Sie gingen noch
nicht sehr weit damals, aber ein Stein kam ins Rollen.  In späteren
Semstern gab es dann in München eine Fachschaftsliste bei den
Astawahlen, die dazu beitrug, eine Nazimehrheit an der Universität
bis zu Hitlers Machtübernahme zu verhindern.

Für mich aber war nun das Examen für den Diplomkaufmann gekommen, das
ich auch ganz gut bestand.  Am 13. Juli saß ich bei einer der
schriftlichen Prüfungen, und wieder gingen Nachrichten im Raum herum,
Zeitungen wurden gezeigt, die deutsche Bankenkrise war ausgebrochen,
die Danatbank hatte schließen müssen.  Ein Gefühl tiefster
allgemeiner Krise verbreitete sich.  Die staatliche Bewirtschaftung
aller Devisenvorräte, die eingeführt werden mußte, relativierte
ferner alle Vorstellungen von freier Marktwirtschaft und trug so zur
Krise des bisher vorgestellten Systems bei, eine Erscheinung, mit der
viele Länder für Jahrzehnte zu leben haben würden.


C) Zwischen Breslau und zu Hause

Mit dem bestandenen Examen endete nun meine kurze Studentenzeit in
München.  Für meine weiteren Pläne war die Wirtschaftskrise nicht gut.
Ich wollte weiteres Studium der Nationalökonomie zur Erlangung
eines Doktorates mit einer Praktikantenstellung irgendwo vereinigen.

Zunächst bewarb ich mich bei der Frankfurter Zeitung um eine Stelle
in ihrem Handelsteil.  Die Frankfurter Fakultät war sehr gut, und
dort eine Dissertation zu machen, schien mir ein großer Preis.  Ich
fuhr nach Frankfurt, Heinrich Simon hatte mir gesagt, ich könnte mich
jederzeit bei ihm melden.  Erst sah ich den einstigen
Jungdemokratenführer Hans Kallmann (1), der dort zur Redaktion
gehörte, aber er war skeptisch, daß sich nun in der Krisensituation
etwas machen läßt, und Heinrich Simon fand das dann auch.  So gab ich
Frankfurt auf und ging nach Berlin.

Rawack & Grünfeld bauten Personal ab, hatten in der Krise große
Verluste durch Vorkäufe von Eisen­ und Manganerzen erlitten, das
entscheidende Gewicht war von Felix Benjamin auf Vertreter der Banken
übergegangen.  Die GFE meines Onkels Paul Grünfeld behauptete ihre
führende Stellung in der Ferrolegierungsindustrie, die Krise machte
sich aber auch bemerkbar.  Mein Onkel Paul wollte mir helfen, aber
meinte, daß meine besten Möglichkeiten nicht auf der rein
kaufmännischen Seite oder Industrieverwaltung, sondern zum Beispiel
bei Tätigkeit in einem wirtschaftlichen Verband liegen würden.  Er
kannte mich ja gut, ich war so viel dort im Haus, und es war
vielleicht nicht unbedingt gebilligt, aber immerhin bemerkt worden,
wie ich mich in politischen Dingen profiliert hatte.  Die GFE gehörte
dem Verband zur Wahrung der Interessen der Chemischen Industrie
(genannt Langnamverband) an, und mein Onkel empfahl mich an den
Geschäftsführer Dr. U..  Mein Interview verlief erfolgreich, und er
war bereit, mich anzustellen und das schien unter Dach und Fach.
Bald mußte er mir aber mitteilen, daß sein Kollege Dr. Pietrikowski
ein Veto eingelegt hat, weil es der Vertraulichkeit wegen nicht geht,
daß ein Verwandter eines Verbandsmitgliedes in der Verwaltung
beschäftigt wird.  Es war eine große Enttäuschung für mich, und
unerwartet, daß es grade von Dr. Pietrikowski kam.  Er war früher mit
dem von einer Posener Familie kontrollierten Ostwerkekonzern
verbunden gewesen und einige Zeit auch Direktor bei Rawack & Grünfeld,
aber ich mußte das einstecken.  Dr. U. gab mir statt dessen eine
Empfehlung an seinen Freund Leo Gross, Geschäftsführer des Verbands
des deutschen Großhandels.

Das Interview mit ihm brachte mich nochmals nach Berlin.  Wieder sah
ich auch die alten Freunde aus der Hochschulpolitik, auch Wolfgang
Straede kam zu uns ins Kaffee Schön, um mich zu sehen.  Einige Tage
vorher war gerade die Gründung der Harzburger Front verkündet worden,
also die Deutschnationalen hatten sich mit Hitler verbündet.  Wir im
Kaffee Schön waren voll Empörung und großen Befürchtungen, man fragte
Straede, wie man sich das eigentlich vorstellt, Hitler zur Macht
kommen zu lassen heißt doch, daß es in seiner Alleinmacht enden wird.
Wir schrieben Oktober 1931. Straede bemühte sich, uns zu beruhigen,
nichts werde außer Kontrolle geraten, alles sei dafür vorgesorgt.
Ich verließ das Kaffee mit ihm, und als wir uns unter den Linden
verabschiedeten, fragte ich, was er denn für Änderungen erwartet von
der Harzburger Front.  Es wurde deutlich, er meinte auch nicht, daß
alles beim Alten bleibt, diese Harzburger Front hieß viel für ihn,
eben doch eher, daß eine neue Zeit in Deutschland anfangen wird.  Ich
erwähnte die Stellung der Juden.  Er zögerte ganz kurz, als um
nachzudenken, als ob er bisher, oben im Kaffee, an diesen Punkt gar
nicht besonders gedacht hätte.  Ich sah, es kam plötzlich ein etwas
stählerner Blick in das vertraute Gesicht, als ob es einer gewissen
Anstrengung und Entschlossenheit bedurfte, wie er dann sagte, ja, es
wird sich vieles ändern.  So trennten wir uns, es gab mir das Gefühl,
daß sich da ein Graben aufgetan hatte.

Da ich wegen einer Praktikantenstelle aus Berlin nichts mehr hörte,
fiel dann die Entscheidung, für meine Dissertation nach Breslau zu
gehen und dabei soviel Zeit wie möglich auch im Geschäft in Kattowitz
zu verbringen.  Das schien auch angezeigt, die finanzielle Lage war
dort angespannt geblieben der schlechten Konjunktur wegen.  Für die
Ziegelei war als Betriebsleiter ein aus Krakau stammender junger, auf
Keramik spezialisierter Chemischer Ingenieur, Zygmunt Weingrün,
engagiert worden, er schien sehr intelligent und energisch.  Meine
Schwester Lotte kam auch nach Kattowitz zurück, um dort in der
Tischlerei der Firma sich auf Möbelfabrikation auszubilden.  Die
jüngere Schwester Marianne war noch zu Hause.  Ich hatte ja seit 1928
nie mehr viel Zeit in Kattowitz verbracht, mußte mich nun neu mit
manchem vertraut machen.

Meine polnischen Schulkenntnisse hatten sich noch wenig verbessert,
nur gelegentlche Anläufe mit Privatstunden in Ferien, Bemühungen,
Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, aber im privaten Leben gab es
noch kaum polnisch sprechende Kontakte, auch bei der Jugend.  Die
meisten meiner deutschen Schulfreunde waren fort in Deutschland, auch
die jüdischen unter ihnen, aber es gab Ferienbesuche von manchen, und
so blieben alte Freunde wie Karl­Heinz Lubowski und Hans­Werner
Niemann, der jetzt auch in Breslau studierte.  Als neue, sehr
interessante Kontakte in Kattowitz ergaben sich 2 etwas ältere
jüdische Intellektuelle, die beide Journalisten geworden waren, auch
aus alten deutsch­jüdischen Kattowitzer Familien stammend und dorthin
zurückgekehrt.  Einer war Dr. Fritz Guttmann, Nationalökonom aber
auch mit großen Kenntnissen und Urteil in Literatur und Musik.  Er
war bei der "Kattowitzer Zeitung" Leiter des Wirtschaftsteils und
auch des Feuilletons geworden.  Fritz Guttmann war verheiratet und
lebte mit seiner Familie auf der deutschen Seite in Beuthen, ein
weiterer Grund dort manchmal einen Abend zu verbringen.  Das war kein
Problem, der kleine Grenzverkehr, durch das Genfer Abkommen
eingeführt, war ja noch bis 1937 in Kraft.  Vorläufig war es
attraktiv für uns, manchmal nach Beuthen zu fahren.  Nach 1933 wurde
es dann für manche in Deutsch­Oberschlesien attraktiv, mal nach
Kattowitz zu kommen.

Die andere neue Bekanntschaft in Kattowitz war Dr. Franz Goldstein,
ganz und gar literarisch und künstlerisch eingestellt, unverheiratet.
Die "Wirtschaftliche Vereinigung für Polnisch­Oberschlesien" umfaßte
deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende, wobei die deutsch­jüdischen
natürlich einiges Gewicht hatten.  Sie wurde, ebenso wie ihre
Wochenzeitung, die "Wirtschaftskorrespondenz für Polen" von Dr.
Alfred Gawlik, zur deutschen katholischen Gruppe gehörend, geleitet,
und bei der Wirtschaftskorrespondenz war Franz Goldstein als
Redakteur angestellt.  Er entwickelte dort als Beilage eine Buchrevue
verbunden mit Theater­, Konzert und Filmkritik, durch die er mit
vielen bekannten Schriftstellern in Korrespondenz oder persönlichen
Kontakt kam.  Von seiner Münchner Studentenzeit stand er Arnold Zweig
nahe und zeigte sich sehr begeisterungsfähig für manche junge Talente,
zu denen auch Klaus Mann gehört hatte.  So gab es in Kattowitz 1931
zwei sehr fortschrittlich und modern eingestellte Feuilletons, die
sich, als ich 1927 zum Studium nach Berlin ging, noch nicht so
profiliert hatten.  Die Lage der deutschen Minderheit hatte sich
weiter verschlechtert.  Zwar hatten die Wahlen zum Schlesischen Sejm
den Deutschen im Mai 1930 noch ein Drittel der Sitze gebracht, aber
bei einer neuen Wahl im November waren die deutschen Stimmen stark
reduziert und es kam zu deutschen Protesten im Völkerbund gegen
polnischen Wahlterror.

Entscheidend für die weitere Schwächung der deutschen Minderheit
wurde dann im Laufe der Zeit der zunehmende polnische Einfluß in den
Verwaltungen der verschiedenen Industriegesellschaften, die das Bild
seit dem Beginn der 1930er Jahre bald vollkommen veränderten.  Der
polnische Staat half nach durch Zwangsaufsichten z.B. nach
Steuerstreits.  Es erschien in Oberschlesien eine ganz neue Schicht
von gut ausgebildeten und erfahrenen polnischen Industrieverwaltern
und Ingeneuren, wie es ja auch im übrigen Polen in diesen Jahren zu
einer stärkeren Profilierung industrieller Aktivität kam, zum Teil
unter dem Zeichen des sich in Polen entwickelnden Systems des
"Etatismus".  Die Geschäftsaufsichten über Teile der oberschlesischen,
von ausländischem Kapital oder deutschen Adelsfamilien
kontrollierten Schwerindustrie gehörten in dieses Bild.

In Breslau meldete ich mich bei Dr. G. Hesse als Doktorand.  Er war zu
seiner Zeit anerkannt als sehr solider Nationalökonom, war Verfasser
eines vielgebrauchten Lehrbuchs und außerdem Leiter des in Breslau
bestehenden Osteuropainstituts.  Er nahm mich als Doktorand gleich an
und da ich einiges Polnisch auch die Verhältnisse in Polen etwas
kannte, schlug er vor, als Dissertation eine Arbeit für das
Osteuropainstitut zu machen, und zwar über "Die Auslandsverschuldung
Polens", über die noch keine Publikationen vorlägen.  Das nahm ich
auch an und machte mich gleich an die Arbeit.  Ich mußte natürlich
auch die verschiedensten Vorlesungen belegen und vor allem an den
volkswirtschaftlichen Seminaren teilnehmen.  Sie waren interessant,
Hesses Seminar sehr sachlich, nüchtern und gründlich, viel über
wirtschaftspolitische Fragen, ich sprach selten, aber wurde beachtet.
Der andere Ordinarius war Dr. Bräuer.  Sein Seminar war eher
lebhafter, mehr zu Gedankenflügen gegeben.  Auch ich sprach öfter,
mußte auch ein Referat über Krise und Konsum halten.  Das
Hauptprogramm über ein ganzes Semester wurde J.M. Keynes's "Treatise
on Money" gewidmet, das 1930 erschienen, grade erst in deutscher
Übersetzung vorlag und in Deutschland gleich großes Interesse fand.
Auch ich hatte damals das Gefühl, daß einem die Augen für die
finanziellen Zusammenhänge im modernen wirtschaftlichen Geschehen
geöffnet wurden.  Die wöchentlichen Sitzungen über Keynes's Buch, auf
die man sich entsprechend vorbereiten mußte, wurden eine
eindringliche Erfahrung.

Breslau kannte ich ja gut von Jugend auf, meine Großmutter und andere
Verwandte lebten noch dort.  In der FWV traf ich wieder viele
Breslauer, die in Berlin mit mir studiert hatten, ein neuer Freund
wurde Heinz Kretschmer, dort war auch der alte Schulfreund Manfred
Danziger.  Mit den Schulfreunden, die zu den Korporationen gehörten,
traf ich mich nicht, außer Hans Kuhnert, sie hatten mich ja auf die
Boykottliste gesetzt.  Wirkliche Freundschaft verband mich in Breslau
wieder mit Hans­Werner Niemann und ein anderer menschlich wichtiger
Kontakt wurde wieder Rudi Treuenfels.  Ich hatte ihn jetzt auch als
Chef seiner großväterlichen Breslauer Großhandelsfirma Grund & Lion
in seinem Büro kennengelernt und seine politischen Verbindungen
hatten weiteres Profil gewonnen.  Fritz Klatt war nicht nur ein mit
der Jugendbewegung verbundener Pädagoge, er war auch einer der
Mitbegründer der "Neuen Blätter für den Sozialismus" geworden, die
immer noch eine der wenigen Leitplanken für mich blieben, von denen
man in den aufgeregten Wogen jener Jahre Land glaubte sehen zu können.

Wegen meines starken Asthmas wurde mir für Ende des Wintersemesters
ein Hochgebirgsaufenthalt im Sanatorium des Dr. Guhr auf der
slovakischen Seite der Hohen Tatra verschrieben.  Die herrliche
Bergwelt der Tatra, unten das Popradtal und die alten Zipser Städte
und Dörfer gehören zu meinen schönsten Erinnerungen an das alte
Europa.

Das Kurpublikum im Sanatorium und anderen Gebirgsorten war ein buntes
Völkergemisch.  Da waren viele tschechische Krankenkassenmitglieder,
ungarische Besucher, manche davon jüdisch, ebenso wie Gäste von den
vielen Tälern der Slowakai, wo es ja außer Slowaken auch noch viele
ungarisch oder deutschspechende Bewohner gab, darunter auch Juden.
Ins Sanatorium kamen viele aus der Umgebung zu Besuch, meist Zipser,
und die hatten auch oft in Budapest studiert.  So war das auch mit Dr.
Nitsch, der weniger als Arzt im Sanatorium arbeitete und eigentlich
ein Patient war.  Dafür aber gab er Bridge Stunden, und ich wurde
dort ein recht begeisterter aber von Anfang an nicht sehr
vielversprechender Bridge Spieler, nahm auch bald auserhalb der
Stunden viel an Spielen teil, die sich oft auf ungarisch abspielten.

Nach dem Wintersemester 1931/32 verteilte sich meine Aufmerksamkeit
und Zeit mehr gleichmäßig zwischen Anteilnahme am Breslauer Studium,
den geschäftlichen Dingen zu Haus und Entwicklungen in Polen, die
mich nun auch für meine Dissertation sehr angingen.

Die Aufenthalte in Breslau gaben weiter engsten Kontakt mit der
politischen Entwicklung in Deutschland.  Sie wurde so beängstigend
und turbulent, daß sie, wo immer man war und sich beschäftigte, die
alles überhängende und beschattende große Beklemmung in diesen
Monaten blieb.  Die Arbeitslosenzahl stieg auf über 6 Millionen, die
Nationalsozialisten nahmen weiter an Stimmen und an Kraft und
Rücksichtslosigkeit im häufigen Straßenkampf zu.  Die Diskussion über
die Deflationspolitik des Kabinetts Brüning war auch immer heftiger
geworden.  Die Meinungen sind noch heute geteilt, ich war sehr gegen
diese Politik eingestellt (2).

Im März 1932 lief Hindenburgs Amtszeit als Reichspräsident ab.
Hitler kandidierte für die Nachfolge, aber Hindenburg war bereit,
sich zur Wiederwahl zu stellen, auch mit der gegen Hitler notwendigen
Unterstützung der Sozialdemokraten, und dieser ProHindenburgblock
gewann auch die Wahl gegen die Nationalsozialisten.  Es brachte
Aufatmen und Erleichterung, aber der Block versagte wieder nach dem
erfolgreichen Wahlgang, wenn es zu Kompromissen über Wirtschafts­ und
Außenpolitik hätte kommen müssen.  Es gab bei den wichtigsten
Faktoren der bürgerlichen Rechten die irrationale Vorstellung, daß
zwar möglichst ohne Hitler, aber jedenfalls ohne und gegen die
Sozialdemokratie "halbautoritär" regiert werden müsse, als neue
Daseinsform für Deutschland.  Schwerindustrie und Reichswehr übten
ihre Einflüsse in dieser Richtung aus.  Bald verlor auch Brüning das
Vertrauen Hindenburgs, und schon damals war die Version, daß dies
durch Hindenburgs Mißtrauen wegen der Pläne für Landreform und
bäuerliche Siedlung in Ostelbien verursacht war.

Brüning wurde als Reichskanzler durch einen Herrn v.Papen ersetzt,
vom rechtesten Flügel des Zentrums, als Politiker bisher fast
unbekannt.  Die andere Schlüsselfigur im neuen Kabinett blieb der
General v.Schleicher.  Brünings Regierung war ja noch eine
parlamentarische gewesen.  Wenn auch ohne parlamentarische Mehrheit,
war sie doch personell parlamentarischen Ursprungs.  Das neue
Kabinett Papen war das nicht und sein Hervortreten löste Skepsis und
vermehrte Unsicherheit aus.  Brüning hatte mit Hindenburgs und
Schleichers Zusstimmung nach der erfolgreichen Wiederwahl Hindenburgs
eine Verordnung für Auflösung und Verbot der bewaffneten
nationalsozialistischen Kampforganisation SA erlassen, die Regierung
Papen hob es wieder auf (3).  Als etwas wie Papens politische Heimat
und Profil wurde der "Herrenklub" in Berlin genannt, der breiten
Öffentlichkeit ganz unbekannt.

Er war einige Wochen im Amt, als ich in Kattowitz zum Bridge bei der
Frau Else Silberstein eingeladen war und dort Herrn v.d.  Knesebeck
traf, Leiter des Büros der Kohlenhandelsfirma Caesar Wollheim im
deutsch­oberschlesischen Gleiwitz.  Er schien öfters nach Kattowitz
zu kommen und wohnte bei Frau Silberstein, die ja seit vielen
Jahrzehnten weiter eine Position im Kohlenhandel aufrecht erhalten
hatte.  Der andere Gast war Direktor Waclawek der Kattowitzer Firma
"Progress", welche die polnischoberschlesischen Geschäfte von Caesar
Wollheim übernommen hatte.  Er war ein guter Pole.  Zum abendlichen
Bridge war ich dazugeladen worden.  Mein Bridge war nicht so
wunderbar, aber es gab angeregte Unterhaltung, und als Besorgnis über
die neue Regierung in Deutschland laut wurde, stellte es sich heraus,
daß v.d. Knesebeck ein Mitglied des Herrenklubs in Berlin war.
Vermutlich hätte er das nie erwähnt, aber die Eröffnung war gewiss
zeitgemäß.  Er stellte Herrn v. Papen in bestem Licht dar, den
Herrenklub als die Elite der Besonnenen und Verantwortungsvollen und
die sicherste Bastion gegen eine Machtübernahme Hitlers.  So war es
ja dann leider nicht.

Die Regierung Papen schien zunächst auf Distanz zu Hitler zu halten,
schwächte aber die Weimarer Republik entscheidend durch die
gewaltsame Absetzung der preußischen Regierung, ein großer Schock,
auch weil es so glatt und widerstandslos vor sich ging.  Es war
traurig.  Aus gingen Otto Braun und Severing, Abegg und die
republikanische Gewalt über und durch die von ihnen so
wohlorganisierte preußische Polizei.

Als ich zum Beginn des Wintersemesters 1932/33 nach Breslau, mit
meiner Dissertation schon weit gediehen, zurückkam, hatten sich die
politischen Verwicklungen weiter gesteigert, aber es gab auch einige
scheinbare Lichtblicke.  Bei einer Reichstagswahl im Juli hatten die
Nazis selbst mit ihrem Harzburg­Partner Hugenberg zusammen nicht die
Mehrheit der Stimmen errungen.  Die Reichstagsmehrheit allerdings
bestand nun aus Nazis und Kommunisten.  Diese lehnten mehr noch
stärker als bisher jegliche Fühlungnahme oder gar Zusammenarbeit mit
den Sozialdemokraten und anderen Arbeiterorganisationen ab.  Als ihre
Parole verbreitete sich, man müsse nun auf das Vierte Reich warten.
Das also war Moskaus Politik.

Eine niederschmetternde Erfahrung und Gefühl eines beginnenden Chaos
wurde für mich der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom 3. November
1932, der zu einer fünftägigen Lähmung der Berliner Verkehrsmittel
gerade im Augenblick der weiteren Reichtagswahl vom 6. November
führte, und zu dem, gegen den Willen der sozialdemokratischen Freien
Gewerkschaften, die Nationalsozialisten und Kommunisten gleichzeitig
aufgerufen hatten (4).

Die Juliwahl hatte den Nationalsozialisten mit 37.8% (5) die höchste
Stimmenzahl vor ihrer Machtergreifung gebracht.  Die Regierung
Papen/Schleicher, im Einverständnis mit Hindenburg und Hugenberg,
versuchte auf eine Lösung durch erhoffte "Zähmung der
Nationalsozialisten" hin zu arbeiten, eine Illusion, die Hitler bald
durch Forderung auf die ganze Macht zerstörte.  Der Reichstag wurde
wieder aufgelöst und die Wahlen vom 6. November 1932 brachten zum
ersten Mal wieder einen Rückgang der nationalsozialistischen Stimmen.
Auch die Finanzen der Partei hatten gelitten.  Es gab unterdeß auch
Anzeichen einer beginnenden Verbesserung in Weltwirtschafts­ und
deutscher Wirtschaftskrise.  Die parlamentarische Lähmung im
Reichstag aber dauerte an mit Nazis und Kommunisten in knapper
Mehrheit, Hitler bestand weiter auf der Kanzlerschaft, die Hindenburg
ihm mit Schleicher verweigerte.  So erschien ein neues Konzept für
eine von außerhalb des Parlaments kommende Lösung ein Gebot der
Stunde.  Der "Tatkreis" hatte dafür seit langem agitiert, mit
Schleicher als Schlüsselfigur für eine "Dritte Front", gestützt auf
der einen Seite auf die Freien Gewerkschaften unter Führung von
Leipart, wo es Bedenken gab gegen den sozialdemokratischen Kurs
weiterer Verweigerung von Hilfe für die Politik der herrschenden
halbmilitärischen Regierung, um Hitler von der Macht fernzuhalten.
Auf der anderen Seite gab es die mehr zum Sozialismus drängenden
Kreise der Nazipartei um den scheinbar mächtigen
"Reichsorganistionsleiter" der Partei, Gregor Strasser, der sich
gegen Hitlers Bestehen auf totaler Machtübernahme gewandt hatte.

Eine bekannte Berliner Tageszeitung, die "Tägliche Rundschau", war
für den "Tatkreis" gekauft worden, vermeintlich mit Schleichers
Unterstützung, mit Zehrer seit September 1932 als Chefredakteur.
Papen hatte Hindenburg keine parlamentarische Mehrheit für seine
Regierung beschafft und mußte zurücktreten, Hindenburg machte Ende
November 1932 Schleicher zum Reichskanzler.  Zehrers Aktivitäten und
Entwicklung hatte ich ja seit Herbst 1929 aufmerksam und mit, wenn
auch gar nicht unqualifizierter Anteilnahme verfolgt, seine
Schlüsselstellung als scheinbarer Sprecher Schleichers (6) brachte
mich diesen letzten verzweifelten Anstrengungen gegen Hitlers
Machtübernahme besonders nahe.

Auch sonst gab es auf der Linken neben den Gewerkschaften Leiparts
Zeichen von Zustimmung.  Leopold Schwarzschild hatte mit seiner
antideflationistischen Kampagne zur Arbeitsbeschaffung in einer
gemeinsamen Front mit Leipart und den Gewerkschaften Stellung bezogen.
Bei allem Abstand zwischen ihm und der "Tat" kam er zum Schluß, daß
nur die Unterstützung einer aufgeklärten autoritären Regierung das
Schlimmste, nämlich Hitler's Machtübernahme, verhindern könne (7).

Der Kreis um die "Neuen Blätter für den Sozialismus" hatte auch an
"Brückenbau" zwischen links­ und rechtsgerichteten sozialistischen
Kräften gearbeitet, auch mit Kontakt u.a. mit Otto Strasser (8).  Bei
den Neuen Blättern war man aber anscheinend skeptisch über eine
solche "Einheitsfront" um Schleicher, aber die Fühlungnahme wird als
Teil der in diese Richtung gehenden Anstrengungen gesehen (9).

Schleicher's Pläne für eine "Dritte Front" kamen nicht zum Zug.  Er
dachte wohl auch immer noch an eine "Zähmung" der Nationalsozialisten
als Alternative.  Die Heeresleitung war zweifelhaft, ob ein Einsatz
der Reichswehr gegen Hitlers Kampfverbände noch durchführbar sein
würde.  Strasser schien den Stein ins Rollen zu bringen und legte mit
einem Applomb am 8. Dezember alle seine Ämter in der NSDAP nieder.
Es schockierte Hitler, er soll von Selbstmord gesprochen haben (10),
aber es kam nicht zur erwarteten Spaltung der Partei.  Auf der
anderen Seite wurde auch Leipart vom Parteivorstand der SPD
zurückbeordert (11), der abgesetzte v. Papen sorgte über Schleichers
Kopf für neuen rechtsbürgerlichen Support für Hitler und schließlich
für Hindenburgs Beschluß, Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler
zu ernennen (12).

Nicht alle der in diesem Rückblick erwähnten Zusammenhänge und
Vorgänge sind dem Miterlebenden in jenen schicksalshaften Monaten
schon vollkommen klar geworden.  Ich habe für meine Darstellung auch
auf die reichhaltige Nachkriegsliteratur und Aktenforschung hinweisen
können (13).  Ich habe diese bewegten Monate zwischen der Universität
Breslau und Kattowitz miterlebt, wo man natürlich viele Kontakte, wie
auch alle Zeitungen und Zeitschriften hatte.  Mit "Tat" und "Neuen
Blätter" war ich ja seit langem vertraut, ebenso mit Schwarzschilds
Tagebuch, nun las man auch die "Tägliche Rundschau".  Aber es kam
anders, das Unheil Hitler wurde nicht aufgehalten.  Einem grausigen
Vorfall auf dem tragischen Weg zu Hitlers Machtergreifung war ich
auch besonders nahe gewesen.  Im August 1932 hatte die Mordtat der
Nationalsozialisten im deutsch­oberschlesischen Potempa, bei Gleiwitz,
die Gemüter in ganz Deutschland erregt.  Hitler hatte sich mit den
Tätern voll und ganz solidarisch erklärt, die ihr Opfer zu fünft zu
Hause überfallen und durch wiederholte Tritte in den Hals ermordet
hatten (14).  Ich war damals im August in Kattowitz auf der
polnischen Seite Oberschlesiens nur etwa 30 km vom Tatort entfernt,
wo Presse­ und Rundfunknachhall noch intensiver waren.  Ich wußte,
was die Nazis sind, da war ja nicht nur Hammersen gewesen, es hatte
ständig schwere nationalsozialistische Grausamkeiten in
Straßenkämpfen gegeben.  Potempa war nicht im Straßenkampf, es war
ein Überfall von fünf Nazis auf einen als kommunistisch verdächtigten
jungen Arbeiter.  Ob auch mitspielte, daß die Familie des Opfers
polnisch­sprechend war, ist nicht klar.  Erschütternd war danach
wieder, wie bedrohlich eine mögliche Machtergreifung Hitlers für
Deutschland sein würde, und man mußte dabei nun auch an die sich
abzeichnende Drohung für die Juden in Deutschland denken.

Wie Hitler die Täter des Potempa Mordes als Helden seiner Bewegung
herausstellte, machte klar, daß es bei ihm keine Schranken gab für
die Anwendung brutalster, rechtloser physischer Gewalt.  Aber er
wurde Reichskanzler.  Was würde nun wohl aus Deutschland werden?



Kapitel 6

Nach dem Ende von Weimar

Die Machtübernahme Hitlers als Reichskanzler erlebte ich nun in
Kattowitz mit Rundfunk, Zeitungen, einigen Telefongesprächen, dann
gab es Filmwochenschauen.  Es war ganz eindeutig mit dem Aufgebot an
SA Märschen und Publikumserregung, obwohl das Kabinett noch eine
Mehrheit von bürgerlichen und Fachministern hatte, das war die
Machtergreifung.  Hitler und seine Nazis schienen eine
nachtwandlerische Begabung zu haben, solche Ereignisse zu inszenieren.
Von den Festmärschen ging die SA wieder direkt zurück auf die
Straße und Schlimmeres.  Es kamen die Meldungen von blutigem Terror
und Vergeltungsmaßnahmen.  Bald mußte ich lesen, daß mein älterer FWV
Bundesbruder Günter Joachim in Berlin von SA­Leuten abgeholt und
grausam erschlagen wurde.  Die Meldungen über Menschen, die als
bekannte Gegner der Nationalsozialisten umgebracht oder in eines der
schnell entstehenden Konzentrationslager gebracht wurden, häuften
sich, besonders nachdem der Reichstagsbrand die Szene in Deutschland
hell beleuchtet hatte, und es waren darunter immer wieder Namen, die
ich gut kannte, und manche, denen ich begegnet war.  Eine ganze Reihe
meiner Freunde verließ Deutschland schon damals.

Bei den neuen Reichstagswahlen am 4. März 1933 erhielt Hitlers Partei
immer noch keine 50% der Stimmen, mit Hugenbergs Partei aber hatten
sie es nun, und andere Parteien wurden soweit eingeschüchtert, daß
ein Ermächtigungsgesetz Hitler vollkommene Macht gab.  Es hatte von
Nazis und ihrer SA veranstaltete antijüdische Kundgebungen gegeben,
und am 1.April kam ein Tag des Boykotts aller jüdischen Geschäfte als
Signal, daß die Unterdrückung des jüdischen Bevölkerungsteils nun im
Ernst einsetzte.  Es war gut, daß ich in diesen Wochen sehr
beschäftigt war mit meiner Dissertation.  Auch nahm ich ja an den
Vorgängen im Geschäft und zu Hause in Kattowitz teil.  Es war im
Geschäft 1932 eine Veränderung eingetreten, die auch meine eigene
Stellung und Zukunft betreffen sollte.  Die Liquidität im Geschäft
war angespannt geblieben, der Absatz der Ziegelei kam erst langsam
aus der Wirtschaftskrise, weitere Kredite hatten beschafft werden
müssen, wobei ich entscheidend mitgeholfen hatte.  Dann kam 1932 der
Tod des früheren Partners Max Grünfeld, für dessen Kremation Vater
und ich nach Berlin gefahren waren.  Nach seinem Ausscheiden hatte er
in Berlin ein bequemes und geruhsames Leben führen können und danach
noch geheiratet.  Es war ihm noch ein verzinsliches Guthaben in der
Firma verblieben, nach seinem Tode wurde nun verlangt, daß das für
die Erben gesichert wird, und zu denen gehörte nicht nur die Witwe,
Tante Mucke, sondern nach ihr alle Vettern und Kusinen, die etwas
von solcher Erbschaft brauchen konnten, und da gab es einige.  Daher
waren nun an solcher Sicherung auch die interessiert, die sich als
Sachwalter solcher Familieninteressen fühlten.  Zu deren Auflagen
gehörte außer hypothekarischer Sicherung auch, daß ich keine anderen
Pläne für meine Karriere machen, sondern bei meinem Vater in
Kattowitz bleiben sollte.

Mit Verhältnissen in Polen hatte ich mich ja nicht nur durch die im
Osteuropainstitut in Breslau vorhandene Literatur und Zeitschriften,
sondern auch in Kattowitz vertraut machen können.  Mein Polnisch
hatte sich zusehends verbessert, wenn auch mehr zum Lesen solcher
Literatur und Zeitungen oder auch Geschäftspapieren als für
Konversation und Umgangssprache.

Im Spätsommer 1932 besuchte ich zum ersten Mal Warschau.  Meine
Münchner Freundin hatte sich einer Rußland­Exkursion des
Kutscher'schen Theaterwissenschaftlichen Seminars der Universität
München angeschlossen, zu der auf der Rückreise ein Aufenthalt in
Warschau gehörte, und ich wollte sie dort treffen.  Sie kam dann auch
nach Kattowitz.

Meine Schwester Lotte hatte sich unterdessen mit dem Betriebsleiter
der Ziegelei Zygmunt Weingrün, der überhaupt eine Stütze des
Geschäfts geworden war, sehr angefreundet, sie schienen es sehr ernst
zu nehmen.  Bei Familie und Freunden traf Lotte damit zunächst auf
Erstaunen, nicht nur, da er polnisch­jüdisch war und dementsprechend
seine Familie und sein Freundeskreis, aber viele empfanden ihn auch
als einen recht harten Menschen.  Ich habe ihn im Laufe vieler Jahre
dann eben als nicht nur sehr intelligent und tatkräftig, sondern auch
als besonders zuverlässig für alle Dinge, für die er sich einsetzte,
schätzen gelernt.  In den Monaten nach Hitlers Machtübernahme, die
ich in Kattowitz verbrachte, hatte sich Lotte mit ihm bereits verlobt,
die Hochzeit sollte im Juni stattfinden.  Ich aber wollte zu
Semesterbeginn Anfang Mai doch wieder nach Breslau gehen, um meine
Dissertation bei Dr. Hesse einzureichen.  Zur Hochzeit meiner
Schwester hätte ich ja dann kurz nach Kattowitz kommen können.  Aber
das kam dann anders.

Ich hatte natürlich ein merkwürdiges Gefühl, jetzt nach Breslau zu
kommen.  Ich hatte mich ja als Gegner der Nazis exponiert und
Hammersen wäre ich gewiß nicht gern begegnet.  Aber wie eigenartig
sich das jetzt fügte.  Ich hatte ja einen polnischen Paß, und was man
so hörte, auch mißliebigen fremden Staatsbürgern wurde damals
gewöhnlich keine rohe Gewalt angetan.  Ich unterhielt mich mit Dr.
Hesse ganz offen über die Lage; an der Universität war man noch
unsicher, neue Richtlinien über eine Sonderstellung jüdischer
Studenten waren nicht ergangen, aber wurden erwartet, er nahm aber
meine Dissertation entgegen und wollte mir Bescheid geben.  Unterdeß
nahm ich an Seminaren teil, seines war sachlich und diszipliniert,
etwas ungemütlicher fühlte ich mich im Seminar des Dr. Bräuer.  Ich
konnte zunächst bei den Eltern meines FWV Bundesbruders Kurt
Leipziger übernachten, bis ich ein möbliertes Zimmer fand.  Ich
meldete mich auch bei Rudi Treuenfels, er bat mich, ihn sofort zu
verständigen, wenn ich in der Universität irgendwelche
Schwierigkeiten habe.

Ein Zimmer fand ich durch Hans­Werner Niemann.  Er hatte eines in der
sehr großen Wohnung von Dr. Ernst Fraenkel am Nikolaistadtgraben und
es war noch ein anderes frei.  Frau Fraenkel war eine sehr
eindrucksvolle Frau, es waren viele Kinder im Haus (den Sohn Ernst,
damals 9 Jahre alt, sollte ich 23 Jahre später in London
wiedertreffen).  Ihr Mann, Jurist, sehr kämpferisch gesinnter KCer
und mit Auszeichnungen versehener Frontkämpfer des 1.Weltkriegs,
widmete sich jetzt voll seinem Amt im Reichsbund jüdischer
Frontsoldaten, durch dem bedrängten jüdischen Kriegsteilnehmern oft
geholfen werden konnte.  Dazu gehörten Vorstellungen von ihren
Spitzenfunktionären sogar bei Hindenburg, aber Dr. Fraenkel war
besonders bekannt dafür geworden, daß er sich in die Höhle des Löwens
zum Breslauer Gauleiter Heines, einem der berüchtigsten SA Führer,
gewagt und mit großem Schneid diese Intervention überstanden hatte.
Er war jetzt meist im Berliner Büro des Jüdischen Frontkämpferbundes;
wenn er am Wochenende nach Hause kam, reihten sich Besucher an
Besucher, die Hilfe oder auch nur Rat von ihm haben wollten.

Es war ein Zufall, daß ich nun dort war, ein sehr passenden Rahmen
für meinen kurzen Mai 1933 Aufenthalt in Breslau, so kurz, weil Dr.
Hesse mir bald mitteilte, daß neue Anweisungen nun vorlägen und
jüdische Studenten nicht mehr promovieren dürften.  Er bedauerte das,
bot an, mir eine Empfehlung an Dr. Büchner, früher auch in Breslau,
jetzt Ordinarius in Zürich zu geben, die ich auch gerne annahm.  Man
hatte ja solch eine Sperre nicht ausschließen können, und ich hatte
für diesen Fall nicht nur an die Schweiz, sondern auch an die
deutsche Universität in Prag gedacht, wo ich eventuell mit meiner
Dissertation noch promovieren könnte.  Zunächst verständigte ich auch
Rudi Treuenfels; für meinen Besuch bei ihm hatte er auch seinen
Freund Dr. Rademacher, früher so aktiv als republikanischer Professor,
ein bekannter Mathematiker, gebeten.  Beide bestanden darauf, daß
man eine Beschwerde an das Kultusministerium machen müßte.  Rudi
Treuenfels, der ja zur Abstimmungszeit oft bei uns in Kattowitz war,
fand, das wäre doch ein ausgezeichneter Fall, der Regierung die
Unsinnigkeit ihrer Verfügungen nahe zu bringen.  Ich war nicht sehr
für diesen Plan, war dann doch bereit, eine solche Eingabe da und
dort mitzuverfassen und zu unterschreiben, aber machte ganz klar, daß
ich mich dadurch nicht gebunden fühlte und wahrscheinlich Breslau
sofort verlassen und eine andere Universität außerhalb Deutschlands
mir suchen würde.

Nach Verständigung mit zu Hause beschloß ich, es erst in Prag zu
versuchen.  Nazi Grenzkontrollen beim Verlassen Deutschlands waren
schon etwas wie ein Schreckgespenst geworden.  Eine Bekannte von Kurt
Leipziger wollte auch über Prag ausreisen; wir fuhren zusammen, man
war bange, aber es gab gar keine Zwischenfälle.  In Prag sah ich
meine Freunde von der Rede­ und Lesehalle, man war dort schon
Emigranten gewöhnt, und auf der Straße begegnete ich Dr. Otto
Friedländer, einst Vorgänger meines Freundes Berlowitz an der Spitze
der Sozialistischen Studenten in Deutschland.  Wir kannten uns gut,
er war dann später sehr aktiv in der studentischen Völkerbundsgruppe,
wie ich ja auch.  Er war nun schon einige Zeit in Prag als
politischer Flüchtling, und ich hörte viel über die sich dort
versammelnde politische Emigration, ihre Probleme, Pläne und
beginnenden Aktivitäten.  Er arbeitete auch zusammen mit Kurt
Großmann, bekannt gewesen als Sekretär der Deutschen Liga für
Menschenrechte, auf dessen Bitte ich auch bereit war, daß sein
Haushaltsgut von Deutschland über meine Adresse in Kattowitz geleitet
würde, sodaß es von dort nach Prag gehen konnte.

An der Deutschen Universität Prag war man nicht bereit, mich noch für
das Sommersemester einzuschreiben, und so fuhr ich über München
weiter nach Zürich.  Beim Umsteigen in München besuchte ich ganz
schnell noch meine Freundin; sie war krank, und so ging ich allein
essen, in die Osteria Bavaria, es war ziemlich leer, aber da saß Hans
Bethe, Freund meines Vetters Werner Sachs, ich hatte ihn öfters in
Dahlem getroffen, und so aß ich mit ihm.  Als Physiker schien er
schon weit aufgestiegen, war gerade von einer Gastdozentur in England
zurückgekommen, es gefiel ihm nicht in Deutschland, er würde gleich
wieder weggehen.  Von Heisenberg und Schrödinger sprach er schon
damals wie von Gleichgestellten.

In Zürich, nach September 1930 war dies nun mein 2.Besuch und es
regnete wieder, wurde ich sehr freundlich und hilfsbereit von Dr.
Büchner empfangen und hätte bei ihm meine Dissertation fertigstellen
können.  Er konnte aber nicht garantieren, daß die Vorschriften
erlauben würden, daß ich noch für das Sommersemester immatrikuliert
werde.  Das Sekretariat der Universität lehnte das dann auch ab, für
das Wintersemester sollte es möglich sein, aber zusagen könne man es
jetzt nicht.

Ich traf in Zürich an diesem Tag auch die, wie ich schon von Hans
Wener Niemann gehört hatte, unterdeß im Breslauer Seminar zu
Rabbinern promovierten Bekannten Schlesinger und Funkenstein.  Wir
gingen zusammen essen, es gab da ein koscheres Restaurant in Zürich,
und meiner neuen Lage war das ja auch sehr angemessen, daß ich dort
so viel jüdische Atmosphäre zu spüren bekam und soviel darüber hörte.

Unsere Unterhaltung war sehr lebhaft.  Sie wollten durchaus ihr
Bestes tun, um mich etwas mehr auf jüdische Wellenlängen zu bringen.
Als sie besonders lebhaft sprachen und gestikulierten, wie ich es bei
ihnen von Breslau her gar nicht gewöhnt war, schreckte ich wohl etwas
zurück, und da meinte Schlesinger halb Scherz, halb Ernst, ich müsse
mich eben daran gewöhnen, daß wir Juden eine orientalische
Bevölkerung sind.  Mein nächstes Ziel sollte die Universität Basel
sein, sie gaben mir die Adresse ihres Kollegen Lothar Rothschild in
Basel.

Dort ging ich sofort zur Universität, die für mich unterdeß eine
gewisse Gloriole als ein Wunschziel bekommen hatte.  Sie war sehr alt
und voller Prestige, man brachte sie schon mit Erasmus von Rotterdams
Aufenthalt in Basel in Verbindung, dann waren da so bedeutende Namen
wie Jakob Burkhardt und Friedrich Nietzsche.  In der Kanzlei schien
der Pedell die Szene zu beherrschen, seine Erscheinung entsprach so
ganz dem Ruhm der Universität, wie ich ihn zu sehen begonnen hatte.
Er hatte einen wundervollen Vollbart, an den ich mich als
rötlich­braun erinnere, und er stand ganz vorn, wo der Amtsraum von
den Besuchern abgegrenzt war, vor ihm lag ein großes ledergebundenes
Buch.  Ich trug ihm meinen Fall vor, und mit einer einladenden
Handbewegung schlug er das Buch auf und bat mich, meinen Namen
einzutragen.  Damit war ich immatrikuliert.

Es hatten sich damals in Basel seit Beginn des Sommersemesters 1933
eine größere Zahl von Studenten versammelt, die aus politischen oder
"rassischen" Gründen ihr Studium in Deutschland abbrechen mußten.
Ich war denn auch keineswegs der letzte Refugee, der noch im Laufe
des Sommersemesters angenommen wurde.  Diesmal ohne jede Empfehlung
meldete ich mich mit meiner Dissertation bei Dr. Edgar Salin, der
mich als Doktorand annahm.

Die Begegnung mit ihm beeindruckte mich sehr und eröffnete viele neue
Dimensionen (1).  Wenn man ihm zuhörte, begann man zu vergessen, daß
er als so rechtsgerichtet galt.  Er war vehement gegen die
Erfüllungspolitik für die deutschen Reparationen aufgetreten, als
Gegenpol zu dem mir vom Demokratischen Studentenbund einst als
häufiger Gast so gut bekannten Dr. M.J. Bonn.  Aber es war schwer
möglich, sich Edgar Salin in der Nähe auch nur Hugenbergs
vorzustellen.  Wesentlich war bei ihm Friedrich List, der deutsche
Nationalökonom des frühen 19. Jahrhunderts, der an deutschen
Hochschulen kaum noch neben Adam Smith oder Ricardo erwähnt worden
war.  List war ein "Nationaler" Ökonomist gewesen, für den
staatliches Denken die Basis war, so etwas wie ein
post­absolutistischer Merkantilist.  Bei Edgar Salin war es auch die
Staatsidee, die mit seiner Verbundenheit mit dem Stefan George Kreis
zusammenhing, er hatte auch über Plato's Staatsidee ein Buch
geschrieben.  Bemerkenswert war dabei, daß er in allen Problemen der
modernen Markt­ und Verkehrswirtschaft meisterhaft zu Hause war und
sich dafür in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch einen erheblichen
Ruf errang.  Sein Seminar auch in 1933 war mehr davon erfüllt als von
Plato und Friedrich List, und man hörte viel auch über Schumpeter und
Keynes.  Es ging damals dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise
entgegen, Roosevelt hatte sein Amt angetreten, die Allgegenwart des
Staates in der kapitalistischen Wirtschaft war einem sehr stark
bewußt geworden.  Schutzzölle waren noch durch Devisenbewirtschaftung
aufgestockt worden, und der Weg aus der Krise schien in den USA
Roosevelts wie auch im Deutschland Hitlers und Schachts wiederum
durch massives Einwirken des Staates zu führen.  Edgar Salin schien
die auf Adam Smith und Ricardo basierenden Theorien der reinen
Verkehrswirtschaft als Abstraktionen zu sehen, nützlich für die
erstrebenswerten Ziele der Marktwirtschaft, aber eben kein
vollständiges Bild der Wirklichkeit, aus der "die öffentliche Hand"
im Wirtschaftsgeschehen intern und international durch die
Jahrhunderte, ganz gleich unter welcher Herrschaft, gar nicht weg zu
denken ist (2).

Neben den so interessanten Seminaren Edgar Salins und dort gemachten
Bekanntschaften bot die Zeit in Basel auch andere anregende
Abwechselung.  Es gab die schönen Sommerabend­Konzerte im Hof des
alten Münsters mit seinen Kreuzgängen, Orchesterkonzerte unter Felix
Weingartner.  Die Frau unseres Kattowitzer Anwalts und entfernten
Vetters Hans Loebinger hatte mir Empfehlungen an zwei Verwandte in
Basel gegeben, die beide aus Schlesien stammten.  Der eine war Dr.
Karl Joel, als Ordinarius der Philosophie Nachfolger auf dem
Lehrstuhl Friedrich Nietzsches.  Er lebte mit seiner Schwester; sie
hatten Sonntagmittag jetzt oft eine Reihe von Emigrantenstudenten
eingeladen.  Sie waren beide sehr warm empfindende und geistig
lebhafte Menschen.  Auch wenn er nach einem Schlaganfall war, hielt
er immer noch Vorlesungen.  Sie gehörten sehr zu Basel und seiner
Universität, aus den Unterhaltungen ergab sich, daß Albert Schweizer
und Heinrich Wölfflin zu den engsten Freunden gehörten.

Die andere Einführung war an Dr. Ludwig Scherbel, führend in der
Motor Columbus, die seinerzeit auch das Elektrizitätswerk in
Prinzengrube in Oberschlesien, eine alte Kindheitserinnerung von mir,
mitfinanziert hatte.  Er war nicht nur ein prominenter und
sachverständiger Geschäftsmann, sondern auch ein Mensch mit
auserlesenen kulturellen Interessen und Geschmack, großer Bibliophile
und Kunstsammler.  Er empfing mich überaus freundlich, ich lernte
viele interessante Leute in seinem Haus kennen und war dort sehr gern.
In der Universität hatte ich im Seminar den etwas älteren
sozialistischen Studentenführer Beyer aus Berlin wiedergetroffen.  Er
erkannte mich vom DStV her, wir sahen uns auch sonst, meist saß ich
im Seminar neben ihm.  Auch in Basel war von FWVern wieder der schon
von München her befreundete Ralph Kleeman und von Breslau Franz
Ledermann, und ich war viel zusammen mit einigen Medizinstudentinnen,
auch emigriert aus Deutschland.

Natürlich beschäftigte einen damals die jüdische Frage besonders und
Kontakte die damit zusammenhingen waren intensiv.  Bei Lothar
Rothschild hatte ich mich schon gleich nach Ankunft gemeldet und
wurde gleich zum Freitagabend eingeladen.  Er war noch ohne Stellung
als Rabbiner, der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterland, wie er
meinte.  Er lebte zu Haus bei seinem verwitweten Vater, wir hatten
lange Spaziergänge und Gespräche über Gott, vor allem aber den
damaligen Zustand der Welt und die jüdische Lage.  Durch ihn und
Funkenstein lernte ich auch andere, meistens auch Emigranten kennen,
die stark in jüdischem Bewußtsein und Interessen verwurzelt waren.
Es gab auch einen Diskussionsabend von einer zionistischen
Studentengruppe arrangiert, wo die in Basel angekommenen sich
aussprechen sollten.  Die meisten kamen als bisherige Gegner oder
Skeptiker, jemand, es wurde mir berichtet, es war einer meiner FWV er
Freunde, sagte, wir selbst können einen Weg zum Zionismus nicht mehr
finden (man war in seinen frühen zwanziger Jahren), vielleicht mal
unsere Kinder.  Ich fühlte, auch wenn man für sich selber aus der
hergebrachten Abwehrstellung und Skepsis schwer herauskam, daß es
doch ein natürliches Bedürfnis wurde, in der für die Juden durch
Hitlers Machtübernahme in Deutschland sichtbaren Entwicklung den
zionistischen Gedanken und Bestrebungen Interesse und aktive
Sympathie entgegen zu bringen.  Man wußte ja von ihnen, man war aber
ein eher ablehnender Beobachter gewesen, der Akzent wurde jetzt doch
anders.  Ich hörte auch Martin Buber, der als diesjähriger Gast der
Studentenschaft Basel in ihren Vortragsreihen einen
religionsphilosophischen Vortrag hielt und ihn mit den Worten "Sören
Kierkegaard.." anfing.  Da war also ein alter Zionist der frühen
Stunde, der den Zusammenhang mit europäischer Geistesgeschichte so
betonte und in ihr seinen Platz einnahm.

Am Ende des Sommersemesters besuchte ich auf dem Weg nach Hause
meinen Vetter Ernst Grünfeld in Freiburg i.Br., wo er weiter Chemie
studierte.  Wir waren während des Semesters in nachbarschaftlichen
Kontakt getreten, und nun zeigte er mir Freiburg.  Wir tranken Wein
auf dem Münsterplatz, aber obwohl es so eine katholische Stadt war,
sah man auch viele Naziuniformen, und als das große Skandalum war da
natürlich die Befremdung über die nazifreundliche Haltung, die der
bekannte Philisoph Martin Heidegger als damaliger Rektor der
Universität zeigte.  Man hatte darüber in Basel mehr gesprochen als
anscheinend in Freiburg.  Es war für mich keine persönliche
Enttäuschung, bei allem Interesse für seinen Lehrer Husserl, er war
für mich ein Buch mit sieben Siegeln geblieben.  Husserl hatte ja
auch in Freiburg gelehrt, auch der alte Nationalökonom
Schultze­Gaevernitz, häufiger Gast bei uns im Demokratischen
Studentenbund in Berlin, ebenso wie seine Tochter, und ich erinnerte
mich an Rudolf Küstermeyer, treibender Geist für unseren DStV. Jetzt
stand über allem in Freiburg ein großes Fragezeichen.

Ich fuhr nach Hause mit einem Zug, der mich direkt durch den
Schwarzwald nach Osten führte und mir noch ein neues, schönes Stück
Süddeutschlands zeigte.  Irgendwo in Bayern saß ich im Abteil mit
einem Bauern, er war sichtlich nicht sehr eingenommen von Hitler,
aber lassen wir es mal, sagte er, der muß ja jetzt zeigen, was er
kann, wahrscheinlich dauert das Ganze nur ein paar Monate.  Solche
Äußerungen hörte man gern, aber konnte man wirklich hoffen, daß es so
ausgeht?

Bei Beginn des Wintersemesters stellte es sich heraus, daß ich es gar
nicht mehr auszusitzen brauchte, schon im Dezember konnte ich meine
Prüfungen ablegen und am 15. Dezember erfolgte meine Promotion.  Der
Pedell mit dem wunderbaren Bart zog in einem Talar mir voran und dann
wurde ich vom Dekan promoviert, langer Mühe und mancher Hindernisse
Lohn.

Nach meinem Examen lud ich zum Abschied zu einem kleinen Abendessen
ein, italienisch, für mich damals ganz neu, aber so hatten es sich
die Medizinstudentinnen gewünscht, und eine von ihnen fuhr mit mir,
als ich vor der Rückkehr nach Kattowitz noch über Weihnachten und
Neujahr meine Schwester Marianne in Paris besuchen wollte.  Sie hatte
aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen Chemie zu studieren und
war zu Sprachkursen nach Paris gegangen.

Paris und etwas vom Leben in Frankreich war nochmals ein neues
Erlebnis und eine neue Erfahrung, und auch eine aktuelle.  Es hatte
in der Politik gerade den Stavisky Skandal gegeben, man wußte nicht,
war das auch eine tödliche Krise der Republik, es gab auch
Straßendemonstrationen, Ausschreitungen.  Werden sie das System
umstürzen?  Nein, sagte Kurt Kronheim, der alte Freund vom
Demokratischen Studentenbund, die französische Republik steht fest
auf ihren Füßen, und er schien recht zu behalten.  Er war einer von
vielen deutschen Emigranten, die ich in Paris nun wiedertraf, auch
Kurt Berlowitz war darunter.  Marianne wohnte am Boulevard des
Augustins, nahe dem Quartier Latin.  Auch hier waren, wie in Prag,
bereits viele der deutschen Emigrantenzeitschriften entstanden, die
bis zum Kriegsausbruch 1939 für mich wichtige Beziehungspunkte mit
politischen Entwicklungen bleiben sollten.  Marianne und ihre Freunde
führten mich zu Weihnachten in ein elsässisches Restaurant, sie
hatten alle noch Heimweh.  Berlowitz war vom Weltstudentenwerk
gebeten worden, einen Artikel über die Lage der jüdischen Studenten
zu schreiben.  Er schlug vor, ich sollte das an seiner Stelle tun,
ich wüßte ja mehr z.B. über Polen, und jetzt in Basel hatte ich ja
nicht nur deutsche Emigranten getroffen, sondern auch jüdische
Studenten aus Ost und Südosteuropa, von denen seit Jahren viele ins
Ausland gehen mußten, um zu studieren.  Es war ein wirkliches Problem,
über das ich da nachdenken sollte, das die Sorgen jüngster
deutsch­jüdischer Emigration in einen viel weiteren Rahmen stellte.
Wo gab es da Wegweiser, war eine verstärkte jüdische
Berufsumschichtung zu einer normaleren soziologischen Struktur, weg
vom hohen Prozentsatz akademischer Berufe und Ambitionen, wie ihn ja
nicht nur die Zionisten für die Möglichkeiten, die sich ihnen in
Palästina bieten könnten, sondern auch für die weite Diaspora zum
Beispiel die Gesellschaft "Ort" als Ziel hatte?  Aber welche Chancen
konnten verloren gehen für wirkliche Intelligenz aus dieser jüdischen
Bevölkerung Europas, man mußte nur an die vielen Nobelpreisträger
denken, die aus ihr hervorgegangen waren.  Mit diesem zu verfassenden
Artikel im Gepäck fuhr ich dann von Paris nach Hause.



Kapitel 7

Emigration nach Hause, in Polen

Wenn ich mir vorstellte, wo ich mir einst eine Karriere und
Aufgabenfeld für meine Zukunft aufbauen würde, war mir im Laufe
meiner Studentenjahre doch immer die Weimarer Republik als das
natürliche Habitat für die Zukunft erschienen.  Die gab es nun nicht
mehr.  Meine Freunde aus der Studentenzeit emigrierten, meist in die
weite Welt, wo immer man ein Visum bekommen konnte, manche auch nach
Palästina, für manche hieß es Umschulung weg von ihrem Studiengebiet
auf einen praktischen Beruf.  Für mich aber hatte wieder gegolten,
daß ich jedenfalls zur Zeit an der Seite des Vaters gebraucht würde,
und so sollte Mitarbeit im Familiengeschäft jetzt meine
Hauptbeschäftigung werden.  Man mußte sehen, wie sich das gestalten
würde.  Für weitere Sicht blieb Auswanderung, weiter weg von Hitlers
Deutschland, immer noch im Blickfeld.  Geschäftlich aber konnten wir
damals in Kattowitz mit sich verbessernder Konjunktur wieder
zuversichtlicher sein.  Die Ziegelei stellte als eine ihrer
Spezialitäten aus ihren Tonreserven Eisenklinker her, für die sich
plötzlich substantielles Interesse für den Straßenbau ergab.  Das
Projekt war im Verhandlungsstadium und interessierte mich sehr.

Im Verhältnis der deutschen Juden zu den offiziellen deutschen
Organisationen hatte sich nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland
alles geändert.  Es gab gewiß auch Kräfte bei den Deutschen dort
gegen eine Gleichschaltung dieser Organisationen mit den
Nationalsozialisten in Deutschland (1), aber es wurde doch unmöglich
für jüdische Mitglieder, in einer Organisation zu bleiben, die nicht
offiziell von der judenfeindlichen Linie der Nazis abrückte.  Mein
Vater legte sein Amt als Vizepräsident des Deutschen Volksbunds sehr
bald unter Protest dagegen nieder und schied aus der
Stadtverordnetenversammlung aus (2).

Die persönlichen Kontakte zum Leben der deutschen Minderheitsgruppen
und zu manchen guten Freunden wurden auch betroffen.  Meine Mutter
und andere jüdische Mitglieder zogen sich nach einiger Zeit aus dem
Meister'schen Gesangverein zurück, auch aus dem Hilfsverein Deutscher
Frauen, und man ging nicht mehr in die Veranstaltungen der Deutschen
Theatergemeinde, deren Spielplan ja von Deutsch­Oberschlesien herkam.
Zum Teil war das ein langsamer Erosionsprozeß, es gab ja doch die
verschiedensten Deutschen, die das wirklich bedauerten und aus ihrer
Distanzierung zu den Nationalsozialisten keinen Hehl machten, es war
ja auch nicht so wie in Deutschland, daß ein behördlicher Druck
dagegen stand.

Als bezeichnend für das Bild der deutschen Minderheit vor 1933 sehe
ich, daß am Vortragsprogramm des Deutschen Kulturbunds, unter Leitung
von Viktor Kauder, auch viele republikanische Akademiker und
Schriftsteller aus Deutschland teilnahmen, so die Professoren G.
Kessler, Th.Litt, Bergsträsser, H.v.Eckart, unter den Schriftstellern
Walter v.Molo und Klaus Mann, der sich damals für den noch sehr
jungen Autor Dr. Franz Goldstein sehr einsetzte (3).  Bis
Kriegsausbruch gab es dann zwei deutsche politische Gruppen im
damaligen Polnisch­Schlesien, die sich offen gegen Hitler stellten.
Da war die deutsche Sozialdemokratische Partei unter ihrem schon
langjährigen oberschlesischen Führer Johann Kowoll und Dr. Siegfried
Glücksmann aus dem früher östereichischen Teil (Bielitz).  Sie hatte
weiter ihre eigene Fraktion im Schlesischen Sejm, unterhielt ihre
Zeitung "Volkswille", aber verglichen mit den 1920er Jahren waren
ihre Statur und Einfluß zurückgegangen.  Bei hoher Arbeitslosigkeit
und der gegen deutsche Arbeiter gerichteten Einstellungspolitik der
polnischen Regierungspartei hatten die deutschen Gewerkschaften an
Boden verloren, und als 1933 die Freien Gewerkschaften in Deutschland
gleichgeschaltet wurden, verloren die deutschen Sozialdemokraten in
Polnisch­Oberschlesien noch mehr an Rückhalt.  Ihre Partei und einige
ihrer Organisationen blieben aber aktiv und arbeiteten effektiv mit
an der gefährlichen Tätigkeit des sozialdemokratischen Widerstands
gegen Hitler in Deutschland zusammen mit der deutschen
sozialdemokratischen Emigration in Prag.  Dazu gehörte sowohl
"Kuriertätigkeit" für Einschleusen von Flugblättern und anderer
Literatur, wie auch Rettung von politisch Verfolgten, die Deutschland
heimlich verlassen mußten (4).  Ich wußte damals nicht im Einzelnen
über diese Aktivitäten, aber kannte den Gewerkschaftsvertreter Johann
Kowoll.  Mein Vater hatte ja auch einige Ämter in seiner Berufssphäre

gehabt, Obermeister der Maurer­ und Zimmererinnung, Vorsitzender der
Arbeitgeberverbände für Bau­ und Ziegeleiindustrie, und da hatten die
Gewerkschaften ja auf der anderen Seite des Tisches gesessen.

Der Syndikus der vom Vater geleiteten Arbeitgeberverbände war Franz
Cichon.  Er stand der anderen Gruppe von deutschen Hitlergegnern in
Polnisch­Schlesien nahe, deren Auftreten besonders bemerkenswert ist.
Sie bestand aus einem Teil der ursprünglichen Deutschen Katholischen
Volkspartei.  Unter deren Vorsitzenden Dr. Eduard Pant war diese
Partei und ihre Zeitung "Oberschlesischer Kurier" zunächst ganz offen
gegen den Machtwechsel in Deutschland aufgetreten (5).  Auf Pants
Antrag hatte sie gleich im März 1933 ihren Namen in Deutsche
Christliche Volkspartei gewechselt, um auch anderen christlichen
Hitlergegnern Zusammenarbeit anzubieten, und Dr. Pant fand dafür noch
im August 1933 eine Mehrheit seines Parteitags.  Daneben gab es noch
den "Verband der Deutschen Katholiken", wo er auch bis Dezember 1934
die Oberhand behielt.

Seit Februar 1934 gab er eine Wochenzeitung, "Der Deutsche in Polen",
heraus; der bisherige Chefredakteur des Oberschlesischen Kuriers J.C.
Maier wurde dort schon früher wegen seiner offenen antihitlerischen
Haltung sehr angefeindet und wechselte zu Dr. Pants Zeitung als
Chefredakteur.  Im Juni 1934 legte Dr. Pant sein Amt im Deutschen
Volksbund nieder, und im Dezember 1934 erzielten die Gruppen der
deutschen Katholiken, die es vorzogen sich nicht offen gegen
Nationalsozialisten zu stellen, eine Mehrheit gegen Dr. Pant im
Verband der deutschen Katholiken.  Dr. Pant und seine Gruppe blieben
danach isoliert, ihre Haltung blieb eindeutig gegen die
Nationalsozialisten gerichtet, und der "Deutsche in Polen" brachte
fortlaufend viele kritische Berichte über Nazigreueltaten und auch
die antisemitischen Exzesse.

Natürlich wurden in deutsch­jüdischen Kreisen die Entwicklung von Dr.
Pants Partei zu einer so entschlossenen antihitler Organisation mit
ihrer eigenen sehr gut redigierten Zeitung außerordentlich begrüßt
und bewundert.  Wir waren Abonnenten der Zeitung und verbundene Leser,
es war aber eine sehr betont auf christlicher und eigentlich eben
katholischer Basis bestehende Gruppierung, so daß sich die Frage
einer eventuellen Mitarbeit oder Einbeziehung deutsch­jüdischer
Kreise nie stellte.

Ich erinnere mich auch nicht an persönliche Kontakte mit Dr. Pant
selber aus dieser Zeit.  Er war aus dem österreichischen Teil
Schlesiens gekommen, von daher in seine führende Stellung unter den
deutschen Katholiken Polnisch­Schlesiens aufgestiegen und später nach
Kattowitz gezogen, gehörte also nicht zu den alten Bekannten (6).  In
der ideologischen Einstellung gab es einen gewissen Unterschied
zwischen reichsdeutschen und den österreichischen Katholiken, mit
ihrer stärkeren Betonung einer völkischen Note und damit einem
gewissen offenen Antisemitismus, anders als man es gewöhnlich von
einem Führer des katholischen Zentrums in Deutschland gewohnt war (7).

Bei Dr. Pant hatte man Anfang der dreißiger Jahre vor Hitlers
Machtergreifung einen Kampf um den Vorsitz der Deutschen
Theatergemeinde in Kattowitz, vielleicht zu Unrecht, etwas in diesem
Licht gesehen.  Die langjährige Vorsitzende Rosa Speyer sah sich
einer Gegenkandidatur Dr. Pants gegenüber.  Ich war bei dieser
erregten Versammlung, die Wogen gingen hoch, es wurde durchaus nichts
antisemitisches gesagt, für Dr. Pant schien es eine Sache
christlich­nationaler Thematik für das Kulturprogramm im Gegensatz zu
dem vermeintlich bisher vorherrschenden liberalem Einfluß (8).  Es
ist eigenartig: protestantische Gruppen und Jugend, aus der sich
später viele pro­Nazis rekrutierten, stimmten damals gegen Dr. Pant
für die Wiederwahl der langjährigen Vorsitzenden Rosa Speier, und als
einer ihrer Freunde beschwerte ich mich beim katholischen
Abgeordneten Jankowski, daß seine Organisation die Einheit stören
wolle.  Er selbst aber war dann in der Hitlerzeit unter den
Katholiken nicht mehr auf der Seite Dr. Pants.

Nun war also gerade Dr. Pant an die Spitze der katholischen
Abwehrbewegung gegen Hitler getreten und gab ihr soviel Profil und
Aggressivität.  Persönlich besser bekannt waren uns einige der
angestammten Oberschlesier, die zu ihm hielten, so der langjährige
Kattowitzer Stadtrat Schmiegel, Dr. Alfons Rojek von den Christlichen
Gewerkschaften und Dr. Alfred Gawlik, Geschäftsführer der
"Wirtschaftlichen Vereinigung in Polnisch­Schlesien".  Ihn sah ich
dann oft, denn die Vereinigung ermöglichte es Dr. Franz Goldstern,
Redakteur ihrer Wochenzeitung "Wirtschaftskorrespondenz in Polen" zu
bleiben und auch seine literarische Beilage im bisherigen Stil
weiterzuführen.  Er hatte mich gebeten, Buchrezensionen über
politische und geschichtliche Themen zu übernehmen, da seine
Interesse mehr Literatur und Musik galten, und ich hatte auch
angefangen, über aktuelle wirtschaftspolitische Tagesthemen
Leitartikel für das Hauptblatt zu schreiben.  Dabei bewegten mich
auch Sorgen wegen der polnischen Finanzpolitik, die sich strikt an
französischen Theorien modellierte, während woanders eine
expansionistische Geldpolitik basierend auf den Ideen von Keynes
betrieben wurde.

Das Amerika Roosevelts war das einprägsamste Beispiel dafür, über das
ich oft schrieb.  Für Polen sollte ja die Nähe des sich auch mit
expansionistischer Geldpolitik rapide aufrüstenden Hitlerdeutschlands
ein Grund gewesen sein, seine Geldpolitik zu überdenken und sich von
den Fesseln der französischen Schule von Gide und Rist zu
emanzipieren, wovon ich auch sprach.  Polen schien sich lange durch
seine Finanzpolitik den notwendigen Spielraum zur erforderlichen
Weiteraufrüstung zu verbauen.  Zur Zeit der Weimarer Republik mit
ihrer 100.000 Mann Reichswehr galt ja wohl in Deutschland mit Recht
die polnische Armee als eine mögliche Bedrohung.  Die Welt erwachte
nur sehr langsam zu dem Ausmaß der von Hitler seit 1934 betriebenen,
viele Vorstellungen sprengenden deutschen Aufrüstung.  Jemand, der
darüber laut und stark sprach, war Leopold Schwarzschild in seinem in
Paris erscheinenden Neuen Tagebuch, das wir in Kattowitz natürlich
abonnierten.  Überhaupt war nun die in allen ihren Schattierungen
bei uns vorhandene deutsche Emigrationspresse eine wesentliche Quelle
von Information und Verbindung mit den Vorgängen in der Westlichen
Welt.

Man hatte sich ja auch neue Tageszeitungen suchen müssen, die
Vossische Zeitung gab es nicht mehr, die lokale Kattowitzer Zeitung
war gleichgeschaltet, so kamen wir zunächst zum "Prager Tagblatt",
eine liberale Zeitung, die durch den Zuzug so vieler deutscher
Emigranten nach Prag an Profil noch gewonnen hatte.  Als sie nachließ,
war da die "Prager Presse", im Besitz der tschechischen Regierung,
aber auch mit Beiträgen von deutschen Emigranten, zum Schluß, wohl
bis März 1939 war es dann noch die Mährisch­Ostrauer Morgenzeitung,
die uns in Kattowitz ganz gut versorgte.  Mein Freund Dr. Fritz
Guttmann wurde auch von Kattowitz aus ein Mitarbeiter.

Von allen politischen Emigrantenzeitschriften hat mich
Schwarzschild's Neues Tagebuch immer am nachhaltigsten beeindruckt.
Um die Warnungen vor der tödlichen Bedrohlichkeit der Hitler'schen
Aufrüstung zu unterstreichen, brachte er häufig Beiträge von Winston
Churchill und André Tardieu, den prominentesten der einsamen Rufer
unter westlichen Politikern, die das Gleiche fühlten.  Meine
Mitarbeit an der Wirtschaftskorrespondenz für Polen gab mir natürlich
einige Genugtuung.  Meine Schwester Marianne erzählte nach einem
Skiausflug in die Beskiden, daß auf der Rückfahrt in ihrem Abteil
zwei Beamte des Wojewodschaftsamts saßen, die sich über meine
prokeynesianischen Artikel lebhaft unterhielten.  Ich wurde also
gelesen.  Es änderte sich aber wenig in der Politik.

Was wir in der Wirtschaftskorrespondenz schrieben, machte sie nicht
zu einem politischen antihitler Kampforgan, wie es Dr. Pant's "Der
Deutsche in Polen" war.  Es war ja eine Wirtschaftszeitung mit
Literaturbeilage, aber aus der klaren antinationalsozialistischen
Einstellung wurde kein Hehl gemacht, und unter den Büchern, die
besprochen wurden, waren viele, die in Deutschland verboten worden
waren.  Für mich blieb das eine Nebenbeschäftigung, für die ich kein
Honorar bezog.  Ich schrieb unter einem Pseudonym, denn meine
Hauptaufgabe dort in Kattowitz war ja im väterlichen Geschäft.

Dort war das Projekt für Bau großer Straßen mit Eisenklinkern weiter
fortgeschritten, der Initiator war der frühere polnische
Finanzminister Wladyslaw Grasbki in Warschau, auch Eigentümer einer
großen Ziegelei und sehr interessiert an der Mitwirkung unserer
Ziegelei, die ihrer Kapazität nach eine der größten in Polen war.
Der Vater fuhr nach Warschau mit Zygmunt Weingrün zu einer
Besprechung mit Grabski, der zwar ein Politiker der
nationaldemokratischen Opposition, aber doch mit guten Verbindungen
war, und das Projekt sah weiter vielversprechend aus.  Zusätzliche
Kredite wurden von der Stadtsparkasse in Kattowitz dafür in Aussicht
gestellt, und ich sollte nach Berlin fahren, um das dafür nötige
Einverständnis der Witwe des Onkel Max zu erlangen, die von der
dortigen Familie beraten wurde.

Bevor ich nach Berlin fuhr, kamen die Nachrichten von der politischen
Mordaktion Hitlers am 30. Juni 1934. Ich war gerade für einen Tag nach
Krakau gefahren, man saß im Kaffee auf dem Platz vor den Tuchlauben

gegenüber der alten Marienkirche; Kaffeehaus dort schien ein Anklang
an die österreichische Vergangenheit Galiziens.  Da kamen die
Zeitungen heraus mit den Nachrichten über Hitlers Mordaktion und die
Kommentare, die Hitler dazu abgab.  Es war unbeschreiblich und
unfaßbar, wie so etwas vom Zaune gebrochen, wie es aufgezogen war,
dahin also waren die Deutschen gekommen, so sah ihre Regierung aus
(9).

Kurz danach fuhr ich also nach Berlin.  Die alten Kumpane vom
Demokratischen Studentenbund Franz Suchan und Horst Mendershausen
holten mich am Bahnhof ab.  Ich wohnte in Dahlem, die geschäftlichen
Unterhaltungen spielten sich im Büro der GfE an der Hardenbergstraße
ab.  Mein Vetter Herbert schien dort im Sattel als ein Primus inter
pares in der GfE Leitung mit Leo Forchheimer und Dr. Hans
Krakenberger.  Mein Onkel Paul war viel abwesend durch Krankheit.
Meine geschäftlichen Gespräche verliefen befriedigend, also stand der
Aufnahme des Kredits in Kattowitz, der für das neue Projekt gebraucht
wurde, nichts mehr entgegen.

Die Eindrücke während des Besuchs in Berlin waren schlimm.  Die
meisten Menschen, die ich traf, waren verwundert und verschreckt.
Freunde, die nahe bei den Kasernen in Lichterfelde wohnten, wo man
die ganze Nacht die Schüsse gehört hatte, ja es wurde immer noch
weiter geschossen, waren ein lebhaftes Beispiel.  Ich besuchte auch
Richard Winners und Else Runge, er arbeitete jetzt wieder für eine
amerikanische Zeitung.  Ich fragte, was nun wirklich passiert wäre,
das können Sie uns doch viel besser erzählen.  Da meinten beide, Sie
kommen ja aus dem Ausland, und das hörte ich noch oft.  Dabei gehörte
Winners' amerikanische Zeitung zu den prominentesten, die sich durch
konsequente antihitlerische Berichterstattung und Haltung
auszeichneten, und das war auch ganz energisch wie je seine Haltung.
Bei manchen anderen schienen es nicht nur die Schwierigkeiten zu sein,
richtige Informationen zu bekommen, sondern auch das Risiko, dem man
sich aussetzte, wenn man zuviel herumzuhören schien.  Ich glaube da
eine beginnende Übung zu entdecken, möglichst nicht mehr zu viel zu
sehen und zu hören.  Das waren also die Wochen nach dem 30. Juni 1934.

Auf der Rückfahrt von einer meiner Reisen nach Berlin während der
Hitlerzeit hatte ich in Breslau Station gemacht und war auf der
Schweidnitzer Straße Dr. Hans Lukaschek begegnet.  Er hatte bei
Hitlers Machtübernahme sein Amt als Oberpräsident von
Deutsch­Oberschlesien verloren, ein engagierter Zentrumsmann.  Er
hatte sich als Anwalt in Breslau niedergelassen, erkundigte sich nach
meinen Eltern.  Als ich fragte, was er über die Entwicklung in
Deutschland denke, sagte er, Sie haben es doch nun selbst gesehen,
Sie wissen es doch, ich sah zu ihm auf, es liefen Tränen über seine
Backen.  So stand dieser große, starke Mann vor mir, für den ich
immer soviel Sympathie und Hochachtung gehabt hatte, ein Eindruck,
den ich in den kommenden Jahren nie vergessen konnte.

Am Morgen nach meiner Rückkehr gab es bei uns Alarm.  In der Ziegelei
war in der Nacht ein Feuer ausgebrochen, sie war weitgehend zerstört,
es hatte lange gedauert, bis die vielen Feuerwehren, die von der
ganzen Umgebung zusammenkamen, den Brand unter Kontrolle bringen
konnten.  Für den Vater war es besonders tragisch, das Werk, auf das
er so stolz war, als Ruine zu sehen; für uns alle war es ein großer
Schock.  Der Betrieb mußte eingestellt werden, für mich wurde die
Auseinandersetzung mit den Versicherungsgesellschaften, die das
Feuerrisiko teilten, die Hauptaufgabe.

Die Sachverständigengutachten der beiden Seiten über die Schadenshöhe
gingen weit auseinander, es kam zu einem Prozeß.  Da der Grund von
der Kopalnia Wujek (Oheimgrube) der Hohenlohewerke unterbaut war,
wurden diese auch in die Auseinandersetzungen verwickelt, da die
Sachverständigen der Versicherungen einen Teil der festgestellten
Schäden, besonders an den großen Öfen, als Bergbauschäden
bezeichneten.  Die Hohenlohewerke, damals von den Gebrüdern Petchek
kontrolliert, waren ja immer wieder wegen drohender Bergschäden im
Gespräch gewesen, sogar ihr Ankauf des Grunds als Lösung.  Jetzt gab
es erneuten Kontakt, ihr Markscheider Dlugoborski war ein häufiger
Besucher in den Ruinen der Ziegelei, für die sie ihren Abbau in
diesem Teil der Oheimgrube hatten beschränken müssen.  Ich hatte also
einiges zu tun, und gut, daß ich da war.  Unser Anwalt Hans Loebinger
hatte unterdeß einen neuen, sehr intelligenten und versierten
polnisch­jüdischen Partner in Marek Reichmann bekommen.  Er kam aus
der Gegend Lembergs, war erst kürzlich von Bielitz nach Kattowitz
übergesiedelt.  Es wurde 1935, bis wir den Prozeß gewannen und sich
viele neue Fragen ergaben.  Wiederaufbau der Ziegelei schien ein sehr
schwieriges Vorhaben, und die Kosten hätten die Entschädigungssumme
überschritten, die Rehabilitierung der Schornsteine alleine wäre der
bergbaulichen Situation wegen zweifelhaft gewesen.  In der Nähe war
der Flugplatz entstanden, auch von da war Widerstand zu erwarten.
Für vorstädtische Bebauung für Wohnzwecke wurde das Gelände aber als
geeignet gefunden, und wir entschlossen uns dazu.  Das Stadtbauamt
befürwortete den Plan für die Parzellierung in Villengrundstücke.

Die Tischlerei sollte aber vorläufig weiter bestehen, hatte sich
schon in eine erfolgreiche Möbelfabrik entwickelt, es wurde noch dort
investiert, ein Verkaufgeschäft in der Stadt eröffnet, so hatten
Lotte und ihr Mann dort eine Existenz, die sie voll ausfüllte.  Im
August 1935 wurde ihre Tochter Nina geboren.  Sie bekam ein
deutschsprechendes Kinderfräulein, Thea, und wuchs damals mit Deutsch
als ihrer Muttersprache auf.

Ich mußte nach dem Ausgang des Prozesses wieder nach Berlin, Tante
Mucke beanspruchte einen Teil der Entschädigung, ihre Hypothek mußte
für die Parzellierungsaktion gelöscht werden.  Es gab wieder die
vielen Sitzungen im Büro der GFE, Onkel Felix Benjamin, Vetter
Herbert Grünfeld, Anwälte.  Der von uns an die Tante zu bezahlende
Betrag wurde vereinbart (10).

Von meinen jüdischen Freunden in Berlin waren die meisten schon
ausgewandert, Kurt und Elli Lange, er erfolgreicher Mediziner,
warteten darauf.  Otto und Lore Lilien wollten nach Palästina und
dort eine Druckerei aufmachen.  Das hat mich interessiert, ich wollte
sehen, ob ich mich daran nicht beteiligen könnte.  Nicht nur in
Deutschland, ich sah auch eigentlich nicht in Kattowitz oder
überhaupt in Polen eine wirkliche Zukunft für mich.  Wenn die
Parzellierung erfolgreich eingeleitet ist, wäre für mich doch
Auswanderung auch der richtige Weg gewesen.  In der Einstellung zu
zionistischen Hoffnungen in Palästina hatte sich doch manches
geändert.

Wie konnte es auch anders sein.  Auch wenn die Aussonderung der Juden
aus der deutschen Gesellschaft, zu der sie doch so stark und lebendig
gehörten, und eben die nationalsozialistische Herrschaft nichts
Endgültiges sein mußten, die Ungewißheiten jüdischen Diasporadaseins
waren in neues Licht gerückt.  Was für Möglichkeiten die
zionistischen Hoffnungen wirklich bieten würden, das mußte sich noch
zeigen, und eigene Identifikation mit nationalen jüdischen Zielen war
noch wieder eine andere Frage, aber aktiver Sympathie für diejenigen,
die sich dafür voll einsetzen wollten, konnte man sich nicht mehr
verschließen.  Wir waren zu Hause auch bald Abonnenten der in Berlin
von Robert Weltsch herausgegebenen "Jüdischen Rundschau" geworden,
die ein hervorragendes Forum für die Familiarisierung weiter Kreise
des deutschen Judentums mit zionistischem Gedankengut und der
politischen Entwicklung in und um Palästina wurde.

Nun erlebte ich ja Zionismus auch aus nächster Nähe von einer anderen
Seite, durch meinen zunehmenden Kontakt mit polnischen Juden.  Hier
waren seit langem auch in Intelligenz und Bürgertum fast alle
prozionistisch eingestellt.  Polen, das Zufluchtsland für europäische
Juden nach mittelalterlichen und späteren Verfolgungen, hatte ein
wirkliches jüdisches Bevölkerungsproblem im Zuge rapide wachsender
Industrialisierung und Urbanisierung seiner Bevölkerung.  Es gab Rufe
nach einer drastischen Berufsumschichtung in der jüdischen
Bevölkerung oder eben auch massiver Auswanderung, und das waren
Fragen, die auch von den einsichtigsten Leuten auf jüdischer Seite
empfunden wurden.  Zionisten und Ort hatten daher einen fruchtbaren
Boden für ihre Bestrebungen.  In Krakau gab es eine jüdische
polnische Tageszeitung "Nowy Dziennik", auch prozionistisch
eingestellt, und die habe ich auch verfolgt.  Ich nahm auch an
Veranstaltungen der Zionistischen Vereinigung in Kattowitz teil, sie
bestand aus einigen alteingesessenen deutschen Juden, Zionisten der
ersten oder jedenfalls frühen Stunden und manchen der
polnisch­jüdischen Zuzügler.  Zu Vorträgen kamen Martin Buber, Harry
Torczyner, Dr. Elias Auerbach, Olschwang u.a., nach denen man die
Redner auch noch beim Tee kennen lernen konnte.  Hannah Rappaport,
vorher kurze Zeit mit Franz Neumann verlobt, hatte den aus Krakau
stammenden Zygmunt Krieger, Importeur Schweizer Uhren, Bruder des
sehr erfolgreichen Bankiers Hennek Krieger, geheiratet, ich wurde ein
enger Freund.  Sie war sehr aktiv bei den Zionisten, und ich erklärte
mich bereit, an Spendenwerbungen teilzunehmen, man wies mir als
Mitglied der entferntesten Kreise die "hoffnungslosen Fälle" zu.
Dazu gehörte auch die Frau Else Silberstein.  Ich rief an und sagte,
ich wolle sie zusammen mit Hannah Krieger besuchen.  Sie wußte daher
gleich, worum es gehen sollte und sagte, Herr Walter, Sie wissen doch
wie gern ich Sie habe, und Sie sind doch immer bei mir willkommen,
aber, bitte, kommen Sie mir doch nicht "mit diesen Leuten".  Ich
mußte mich darauf einigen, daß sie eine Spende per Post schicken
würde.  Sie tat es auch, aber die Spende war sehr klein.

Es schien nicht einmal ein hoffnungsvoller Anfang, und leider konnte
es auch keiner werden, denn sie wurde bald schwer krank.  Bei der
Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof fand ich mich in der Reihe, die
am Grab vorbeizog, um Erde auf den Sarg zu streuen, plötzlich hinter
den einstigen Bridgepartnern v.d. Knesebeck und Waclawek.  Jeder
verabschiedete sich von der alten Dame noch mit einer formellen
Verbeugung wie einem militärischen Salut.  Es schien wie das Symbol
einer vergehenden Zeit.  Es blieb schon dabei, das zentrale Anliegen
war einem der Sturz des Hitlerregimes in Deutschland, die
Verbundenheit mit der deutschen Emigration und ihrer Publizistik das
eigentliche Medium.  Das war nicht nur das persönliche, jüdische
Interesse, sondern auch die deutsche und schlechthin europäische
Betroffenheit, die man darüber empfand.  Das jüdische Interesse aber
an neuen Lösungen und dann auch die Lage Polens, seine Probleme und
Innenpolitik waren Fragen des Alltags geworden, mit denen man auch
zunehmend befaßt war.  Einige meiner jüdischen Schulfreunde waren aus
ihrer juristischen Karriere in Deutschland geworfen worden, lebten
zeitweilig auch wieder in Kattowitz.  So hatten wir einen kleinen
Kreis ähnlich gestellter (11).

Meine Großmutter Oettinger war von Breslau nach Berlin zu ihrem Sohn
gezogen.  Er war nach den Nürnberger Gesetzen vorzeitig pensioniert
worden und war im Verein nicht­arischer Christen tätig.  Sie kamen
beide öfters für lange Besuche zu uns.  Weiterer von Hitler bedingter
langer Besuch waren meine Vettern Gerber.  Wolfgang, nachdem er den
Juristischen Dienst quittieren mußte, war im Berliner Büro der GfE
untergekommen.  Der Rassenschande angeklagt, kam er schnellstens zu
uns, sein Bruder Hans, Mediziner, später auch.  Die polnische
Regierung gab Aufenthaltsbewilligungen, aber nicht unbegrenzt,
Wolfgang mußte später nach Prag gehen, Hans ging nochmal zurück nach
Deutschland.  Sie waren beide als Protestanten aufgewachsen, nun
lernten sie auch unsere vielen neuen Kontake aus polnisch­jüdischen
Kreisen kennen.  Diese waren fast alle in polnischer Sprache
aufgewachsen, Anwälte, Ärzte, Ingenieure oder Geschäftsleute, sie
gehörten zu den jüdischen Gebildeten, die mit ihren lebhaften
Interessen, gutem Geschmack und Temperament viel beitrugen zum
pulsierenden Leben und der kulturellen Szene von Städten wie Warschau
und Krakau.  Die wir kannten, waren eben die, die es nach
Oberschlesien verschlagen hatte.  Meine Eltern nahmen an neuen
Kontakten mit polnisch­jüdischen Kreisen kaum Teil, aber die mit
deutsch­jüdischen wurden enger und vielfältiger.

Unsere Parzellierung hatte gute Anfangserfolge aber ging dann langsam,
ein neuer Durchbruch mußte noch kommen.  Mein Vater hatte im Oktober
1935 seinen 70.Geburtstag gefeiert.  Er meinte, wenn man genug Grund
verkaufen könnte, müßte die Familie wieder eine neue
"Produktionsstätte" aufbauen.  Das blieb sein wirklicher Wunsch.  Ich
begann verschiedentlich, mich auch nach einstweiliger anderer
Beschäftigung in der Nähe von zu Hause umzusehen.

Dabei helfen wollte mir Hans Proskauer, Sohn unseres einstigen
Hausarztes, der Karriere als Syndikus der Oberschlesischen
Kohlenkonvention noch unter dem alten Geheimrat Williger gemacht
hatte und nun auch unter den neuen polnischen Führungskräften in der
Industrie in seiner wichtigen Stellung blieb.  Er war einiges älter
als ich, aber wie seine Eltern Freund unserer Familie.  Dann waren
Pläne für eine Beteiligung an einem Transportgeschäft in Danzig
zwecks Eröffnung einer Filiale im neuen polnischen Hafen Gdyngen für
mich, und schließlich näher dem Kriegsausbruch Ankauf eines
Agenturgeschäfts in Kattowitz, das den Import von Rohstoffen für
kleinere Industrien betrieb.  Es hätte Kommissionsguthaben im Ausland
gebracht.  In Polen war seit 1936 auch volle Devisenbeschränkung
eingeführt und Auswanderungspläne waren sehr erschwert.

Es kam aber doch so, daß ich ganz mit den Angelegenheiten des
väterlichen Vermögens in Kattowitz befaßt blieb.  Wegen der
Baubeschränkungen sollten Entschädigung von Hohenlohe und der
Luftverteidigungsliga (LOP) gezahlt werden, ich fuhr mehrfach nach
Warschau mit unserem Anwalt, der mit dem Syndikus der LOP gut bekannt
war, die auch bereit schien, etwas zu tun. In der großen Tongrube der
Ziegelei war ein sehr schöner Teich entstanden.  Wir hörten über
einen Plan in der Wojewodschaft in Kattowitz, daß dieses Teichgelände
uns abgekauft und als Erholungsgebiet gestaltet werden sollte, als
Abgeltung etwaiger Ansprüche von uns an die LOP. Das war dann aber
schon sehr nahe dem Kriegsausbruch, und so blieben das alles Probleme
und Hoffnungen, die sich in der dann einsetzenden Katastrophe wie
Rauch und Dunst verflüchtigten.

In diesen späteren 1930er Jahren ging ich auch noch mehrfach auf
Ferien in die Hohe Tatra, wieder auf die slowakische Seite, nun in
das Sanatorium des Dr. Holtzmann.  Die Mischung war von ungarischem,
slowakischen und deutschem Element, auch recht viel jüdisches
Publikum, es war noch das einstige Mitteleuropa in einer so
anziehenden Form.

Nach Berlin war ich seit Mai 1936 nicht mehr gekommen.  Kontakt mit
den Berliner Verwandten gab es dann immer noch, da Vetter Herbert
öfters auf Geschäftsreisen nach Polen kam und uns besuchte, einmal
traf ich ihn sogar zufällig in Warschau.  Im September 1937 starb der
Onkel Paul Grünfeld.  Er hatte sich immer geweigert, an Aufgabe der
deutschen GfE Werke und Auswanderung zu denken.  Die Familie war aber
unter zunehmenden Druck der Nazis gekommen, mußte verkaufen und
Deutschland verlassen.  Tante Grete und die beiden Söhne Herbert und
Ernst wanderten nach England aus.

Für uns in Kattowitz wurde die weitere politische Entwicklung auch
Grund zunehmender Beängstigung.  Hitler hatte provokativ einen
einseitigen Bruch des Versailler Vertrags nach dem anderen verkünden
und durchführen können, ohne Widerstand seitens der Westmächte, das
flagranteste die Remilitarisierung des Rheinlandes Anfang 1936, bei
der man allgemein und wohl auch in Kreisen der deutschen
Heeresleitung französische und englische Militäraktionen erwartet
hatte, die, hoffnungsvoll, vielleicht zu einem Ende des Hitlerregimes
hätten führen können.  Diese Erwartung, daß eines Tages die
Heeresleitung es ablehnen würde, die Verantwortung für Hitlers
abenteuerliche Kriegspolitik weiter mitzutragen, gab es ja immer
wieder, aber die Erfolge, die ihm wiederholt vergönnt wurden,
schwächten in Deutschland Skepsis und Widerstandswillen gegen Hitler
und schienen bei den Westmächten das Streben nach Appeasement nur
noch zu vergrößern.

Im September 1936 kam Stella Braham zu Besuch, Mutters Freundin aus
Breslauer Jungmädchenjahren.  Ihr Mann Dudley Braham war unterdeß
einer der Editors der "Times" in London.  Sie war nach Schlesien
gekommen, um zu sehen, wie es den alten Freunden, die noch dort waren,
in der Hitlerzeit erging, und so kam sie auch über die Grenze zu uns.
Marianne hatte ihre Zeit in Frankreich abgeschlossen,
Arbeitsgenehmigungen waren schwer, sie hatte zum Schluß dort als Au
Pair oder Praktikantin in Bauernbetrieben auf dem Land verbracht, das
hatte ihr sehr gelegen.  Tante Stella lud sie nach London ein, sehr
wesentliche Folge ihres Besuchs.  Marianne war immer ein Mensch mit
einem Lächeln und gewinnendem Wesen, sehr natürlich und "down to
earth".  Sie gewann dann auch in England viele Freunde.

Mit unserem Besuch sprachen wir auch viel über Politik.  Die "Times"
war ja später ein Hauptpfeiler für Neville Chamberlains Appeasement
Politik.  Wie immer stark unter dem Eindruck von Leopold
Schwarzschild's "Tagebuch" über die Gefahren deutscher Aufrüstung und
drohenden Krieges und die Artikel Churchills, die dort veröffentlicht
wurden, fragte ich sie, wann denn in England Winston Churchill in die
Regierung aufgenommen würde.  Nein, sagte sie, uns in England ist er
zu abenteuerlich, man hat Mißtrauen, er wird nicht wieder in die
Regierung kommen.  Ich war sehr betroffen über diese Antwort, und das
steigerte sich zur kritischen Verzweiflung beim Miterleben der
ständig sich brauenden Katastrophe, die sich dann von Beginn des
Jahres 1938 an unaufhaltsam entwickelte (12).

Im Februar hörte man vom erzwungenen Rücktritt des Chefs der
deutschen Heeresleitung v. Fritsch wie von einem Warnzeichen weiterer
Zuspitzung.  Viele hatten ihn für eine Hoffnung militärischen
Widerstands gegen Hitler angesehen.  Danach folgte der Einmarsch in
Wien.  Von Oberschlesien aus war man Wien näher gerückt, es war noch
ein deutsches Gebiet gewesen, das nicht gleichgeschaltet war, auch
viele unserer polnischen Freunde waren noch aus galizischer
Vergangenheit her gewohnt, nach Wien als Beziehungspunkt zu sehen, so
für Einkauf, Mode, Theater, ärztliche und zahnärztliche Kapazitäten.
Wellen von politischen und jüdischen Flüchtlingen strömten nach Prag
und manche kamen schon von dort nach Polnisch­Schlesien, als Hitler
seine Aggressivität und Propaganda gleich nach dem österreichischen
Anschluß auf die Tschechoslowakei richtete, mit der er dann im
September in München einen vollen Erfolg erzielte: die
Tschechoslowakei wurde ihm von Neville Chamberlain und Daladier
ausgeliefert.  Schon für einige Zeit hatte sie Zweifel am Wert des
französischen Bündnisses gehabt und einen Vertrag auch mit Rußland
abgeschlossen.

Es schien uns in diesen späten Septembertagen 1938 ungewiß, ob die
Russen, selbst wenn das Münchener Abkommen zustande kam, was ja auch
bis zum letzten Moment unsicher war, nicht doch zunächst durch
Luftangriffe bei einem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei
intervenieren würden, und dann wohl nicht ohne Auswirkungen auf das
benachbarte Oberschlesien.  Überhaupt waren diese Tage des
Münchner Abkommens für uns ja nicht nur Tage aufregender Radio­ und
Zeitungsmeldungen.  Polen selber hatte eine sehr eigenartige Stellung
bezogen.

Schon im Januar 1934 hatte Pilsudski, nachdem die Westmächte seinen
Vorschlag (13) gemeinsamer militärischer Intervention gegen den
damals noch schlecht bewaffneten Hitler abgelehnt hatten, einen
Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen, durch den Hitler auch
die bestehenden Grenzen für zehn Jahre anerkannte.  Auch nach
Pilsudskis Tod 1935 änderte sich wenig in dem semiautoritären Regime
Polens, dessen "Obersten"Regierung versuchte, Konflikte mit
Deutschland zu vermeiden und eine gute Atmosphäre zu erhalten.  So
wurden, obgleich die Kreise um Pilsudski eher von linker,
nichtklerikaler Seite kamen, eines Tages alle Freimaurerlogen
verboten.  Es gab keine Gesetze, die jüdische bürgerliche
Gleichberechtigung einschränkte und schon gar nicht Rassengesetze,
aber zunehmende Diskussion über die Notwendigkeit verstärkter
jüdischer Auswanderung z.B. durch eine spezielle Aktion nach
Madagaskar, und es kam ein stark umstrittenes Verbot ritueller
Schächtung, das der polnischen Regierung auch wirtschaftlich
vorteilhaft erschien.

Am auffälligsten aber wurde die eigenhändige außenpolitische Linie
der polnischen Oberstenregierung in den beiden großen Krisen des
Jahres 1938. Die Zeit des österreichischen Anschlusses benutzten sie,
um ultimativ eine alte Rechnung mit Litauen zu begleichen, und in der
Krise der Tschechoslowakei verlangte Polen die Zuteilung des 1920 bei
der Tschechoslowakei verbliebenen westlichen Olzateils des früheren
Österreich­Schlesiens und bereitete sich vor, dort mit polnischen
Truppen einzurücken, sobald Hitler die Tschechoslowakei angreifen
würde.  Gewiß war das nicht als deutschfreundliche Maßnahme gedacht,
es war der verzweifelte Versuch, wenn die westlichen Alliierten die
CSR nicht verteidigen würden, die Grenze zu Hitler dort wenigstens
etwas nach Westen zu schieben.  Es war aber auch die polnische
Verweigerung russischer Durchmarschrechte, die eine Einigung des
Westens mit Rußland hinderte und zum Weg nach München führte.

So erlebten wir denn die Tage um München bei uns in Kattowitz als
wirkliche Vorboten kriegerischer Verwicklungen, als polnische
Militärbewegungen sich in der Stadt bemerkbar machten.  Wir hatten
auch Grundstücke in Nikolai, bei Kattowitz, es war auf dem Weg nach
der Tschechoslowakischen Grenze bei Teschen.  Ich mußte gerade
dorthin fahren, es wurde eine Reise mit Hindernissen, die Straße war
voll mit motorisiertem Militärtransport, auch Artillerie war zu sehen.
Man konnte nur den Kopf schütteln, es sollte also wirklich dort
einmarschiert werden, und es wurde auch.

Der Versöhnungstag 1938 stimmte einen besonders ernst, als ob man
ahnte, es könnte der letzte in Kattowitz sein (14).  Zunächst gab es
neue dramatische Vorfälle, auch für uns persönlich.  Die
Naziregierung hatte bisher Aufenthaltsrechte jüdischer polnischer
Bürger in Deutschland respektiert.  Gleich nach München hatten sie
begonnen, ihre Aggressivität auch gegen Polen zu richten, noch im
Oktober gab es Forderungen und dann plötzliche gewalttätige
Ausweisung aller polnischer Juden, die einfach abgeführt und an die
nächste polnische Grenzstation transportiert wurden.  Man kann sich
vorstellen, was solch eine spätherbstliche, nächtliche Aktion gegen
ganze Familien und viele ältere Menschen an Härte und Grausamkeit
bedeutete.  Jenny Grünfeld, die schon betagte, unverheiratete Kusine
des Vaters aus der Zalenzer Grünfeld Familie, war einer Erbschaft
wegen unlängst von Kattowitz nach Beuthen gezogen, hatte einen
polnischen Paß.  Sie wurde auch zwangsweise nachts an die Grenze
gestellt, die von den Polen zunächst geschlossen wurde.  An manchen
Stellen zwangen die Nazis die Deportierten zu Fuß auf die polnischen
Grenzposten zuzulaufen, es wurde eine grausame Nacht für alle
Betroffenen.  Bei uns läutete morgens das Telefon, meine Mutter fuhr
an die Grenze, um die Tante auszulösen.  Sie hat dann in Kattowitz
bei uns zu Hause bis zu Kriegsausbruch und Flucht gewohnt.

Man erinnert sich, in Paris war der junge Grünspan so erschüttert
über die Deportation seiner Eltern, daß er auf einen deutschen
Diplomaten, der das nicht verdiente, ein Attentat verübte.  Die Nazis
benutzten das in der Nacht des 9.November 1938 als Anlaß für die
"Reichskristallnacht".  In allen jüdischen Geschäften wurden die
Schaufenster eingeschlagen, und alle Synagogen in Deutschland sollten
angezündet werden.

Durch einen seltsamen Zufall kamen wir diesem bis dahin massivsten
Nazi Gewaltausbruch gegen die Juden auch selber ganz nahe.
Großmutter und Walter Oettinger hatten uns nicht mehr in Kattowitz
besuchen können.  Ein "J" war in ihren Paß gestempelt und Ausreise
nur mit ordnungsgemäßen Auswanderungspapieren erlaubt.  Wir hatten mit
dem Onkel ein Treffen in Beuthen für 9.November verabredet, bevor man
ahnen konnte, was an dem Tag passieren wird.  Erika Schlesinger,
Kusine aus der Zalenzer Grünfeld Familie, hatte angeboten, in ihrer
Wohnung in Beuthen zusammenzukommen.  Auch mein Vater wollte
mitfahren, um den Onkel Walter zu sehen.  Am Morgen wußte man schon
in Kattowitz, was sich in der Nacht in ganz Deutschland und auch in
Beuthen ereignet hatte.

Wir hörten von Erika, daß inzwischen weiter alle jüdischen Männer
abgeholt oder gesucht und in Konzentrationslager gebracht wurden.
Ihr Mann, er war protestantisch, war noch nicht abgeholt worden, aber
man befürchtete es.  Da Onkel Walter schon angekommen war, fuhren wir
auch nach Beuthen und nahmen teil an den Gefühlen und der Beklemmung,
die die Vorgänge der Kristallnacht bei den deutschen Juden auslösten.
In der Wohnung wartete man ängstlich jede Minute, ob SS oder Polizei
doch kommt, um den Arzt Dr. Schlesinger abzuholen.  Man hörte über
andere Beuthener Verwandte, darunter den über 80 jährigen Onkel
Wachsmann und Frau Bertha, älteste Tochter der Zalenzer Grünfelds,
und deren Kinder Weissenberg und Brann, die abgeholt und gezwungen
wurden, die Nacht über mit an der brennenden Synagoge zu stehen.  Am
Nachmittag gingen wir auf die Rückreise, die Straßen immer noch voll
Glas und Trümmer, eine bedrückende Stimmung lag in der Luft.

Die Vorgänge hatten großen Nachhall von Abscheu und Zweifel im
Ausland.  So kurz nach den unerwarteten Konzessionen, die Hitler in
München gemacht worden waren und "Frieden für unsere Generation"
bedeuten sollten, brachte diese massive Exhibition Hitler'scher
Grausamkeit und Zerstörungswut große Ernüchterung und damit einen
Schritt weg vom Geiste des Appeasements.  Auch in Deutschland schien
Zustimmung zu diesen Vorgängen nicht allgemein zu sein.  Unser
jüngerer Onkel Paul hatte 1937, als der Ablauf des Genfer
Minderheitenschutzabkommens auch die Juden in Deutsch-Oberschlesien
voll der Nazi Gesetzgebung aussetzte, sein Geschäft in Beuthen
aufgeben müssen und es seinem bisherigen Geschäftsführer Slamal,
einem guten oberschlesischen Deutschen überlassen.  Er selbst konnte
sich nicht zur Auswanderung entschließen und zog nach Berlin.  Herr
Slamal kam kurz nach der Kristallnacht nach Kattowitz und besuchte
uns.

Er war sehr erschüttert und in Aufruhr über die Vorgänge der
Kristallnacht, es gäbe viele, die seine Entrüstung teilten.  Er fand
überhaupt, daß es viel Ablehnung gäbe.  Neulich hatte er Besuch von
einem Verkaufsdirektor von Krupp aus dem Westen, war zum Frühstück
mit ihm verabredet.  Als er ihn pflichtgemäß mit dem Hitlergruß
begrüßte, winkte der Besucher ab, nein bitte, daß könne er vor dem
Frühstück schon überhaupt nicht vertragen.  So etwas gab es also,
auch in solchen Kreisen, aber es hatte, leider, keine Konsequenzen.

Im weiteren Verlauf des Winters wurde die Wendung Hitlers nun zu
aggressiver Frontstellung auch gegen Polen immer klarer.  Weihnachten
besuchte uns Marianne.  Sie hatte in England nach der Einladung bei
Brahams und Sprachkursen eine Au Pair Stellung bei dem älteren,
kinderlosen Ehepaar Dr. Kidd, er Naturwissenschaftler, gefunden, was
auch mit Landwirtschaft zu tun hatte, und sie wurden ihr sehr gute
Freunde.  Daraus wurde dann Studium des Gartenbaus an der Universität
Reading, so daß sie für diese Zeit keine Aufenthalts­Schwierigkeiten
in England hatte.  Für nachher machte sie sich Sorgen.  Man hatte sie
für Auswanderung nach Neuseeland begeistert, oder, wenn wir ihr
finanziell von Kattowitz dafür helfen konnten, wollte sie ein kleines
Gartenbaugrundstück in England kaufen, wovon man bei harter Arbeit
gut leben könnte.  Die Eltern, meinte sie, könnten dann auch
hinkommen, wenn Hitler auch bei uns angreift.

Das Ehepaar Kidd wollte sie adoptieren, wie würde Vater das nehmen?
Ich fand man sollte ihm das nicht antun.  Natürlich war das ganz
falsch.  Sie wollte sich auch taufen lassen, was ohnehin ihren
Neigungen entsprach, anders als Lotte und ich hatte sie nie eine
positive Beziehung zu ihrem Jüdischsein.

Arme Marianne, die Tragweite des Ernstes unserer Situation hatte man
nicht richtig begriffen.  Heute weiß ich es, man hätte alles in
Bewegung setzen, alles andere hintanstellen sollen, und versuchen
sollen, ihr das Geld für die kleine Gartenwirtschaft freizumachen und
ihr nach England zu transferieren, und ihr zur Adoption durch die
Professor Kidds zuraten sollen.  Als ich sie zum Abschied auf die
Bahn brachte, erzählte sie, Vater hatte ihr beim Abschied gesagt, sie
würden sich wohl nicht wiedersehen.  Er ahnte und verstand es
vielleicht viel besser.

Die Stimmung ängstlicher Ungewißheit erreichte einen neuen Höhepunkt
und eigentlich den entscheidenden Wendepunkt mit Hitlers Einmarsch am
15. März 1939 in die nach München noch unabhängig verbliebenen Teile
Böhmens und Mährens, und Abtrennung der Slowakei von was bis dahin
der tschechoslowakische Staat gewesen war.  Es war mit hergebrachten
Kategorien des Denkens schwer faßbar.  Nach all den Zusicherungen,
die Hitler in München gegeben hatte, marschierte er weiter.
Churchill hatte es immer gesagt, Leute wie Schwarzschild hatten
vergeblich versucht, Hitler die biedere Maske vom Gesicht zu reißen,
jetzt ließ er sie selber ganz unverfroren fallen.  Die Wirkung war
momentan.  Als Hitler gleich darauf seine Forderungen an Polen
betreffs Danzig und den Korridor stellte, verpflichtete sich England
schon am 31.März zu gemeinsamer englisch­französischer Hilfe für
Polen.  Nach weiteren fünf Monaten brach der 2.Weltkrieg aus.

Nach der Besetzung Prags durch die Nazis ergoß sich ein Strom von
politischen und jüdischen Flüchtlingen an und über die
tschechisch­polnische Grenze.  Es waren dabei auch viele, die erst
ein Jahr vorher von Wien nach Prag entkommen waren.  Es fanden sich
verborgene Wege über "die grüne Grenze" und wegkundige Begleiter, für
politische Flüchtlinge einschließlich Journalisten wurde auch viel
getan von den Deutschen Sozialdemokraten in Kattowitz unter Johann
Kowoll.  Viele, die entkommen konnten, lernte man in Kattowitz kennen,
die Kaffeehäuser Skala und Opera waren voll von ihnen, es entstanden
gute Bekanntschaften, ja Freundschaften, bei uns zu Hause kamen immer
irgendwelche neue oder auch wiedergefundene Flüchtlingsfreunde zum
Essen.

Viele blieben nur kurz, hatten schon von Prag aus an Visas gearbeitet,
oder konnten sie jetzt sich verschaffen, die Konsulate, besonders
das englische hatten viel zu tun und versuchten so viel zu helfen,
wie es London ihnen erlaubte, die polnischen Behörden drückten alle
Augen zu.  Polen war ja nun selber in der heißesten Schußlinie.  Die
Leute, die da geflohen waren, sie erschienen beinahe schon

Schicksalsgenossen.

Viele der Flüchtlinge aber wurden von den Nazis bei Ankunft von Prag
an der Grenze geschnappt und für weitere Untersuchung interniert.  So
erging es meinem armen Vetter Wolfgang Gerber.  Er war einige Zeit in
Prag geblieben, er kannte ja das GfE Geschäft und sie hatten dort
Aufträge für ihn, mit späteren Bemühungen um Auslandsvisas hatte er
noch keinen Erfolg gehabt, er war aus Prag geflohen, aber nicht bei
uns angekommen, und wir hatten keine Nachricht.  Bei Rosa Speier
hatte ich damals das Ehepaar Kowoll getroffen, schließlich fuhr ich
mit ihm wieder auf der Straße nach Teschen zu seinen Kontakten an der
Grenze.  Er erfuhr, daß Wolfgang auf der anderen Seite im Gefängnis
saß, es wurden in Berlin Nachforschungen gemacht, ob etwas gegen ihn
vorliegt.

Das klang nicht gut.  Wenn man etwas über das Rassenschandeverfahren
gegen ihn fand, würde er wohl zur Aburteilung nach Deutschland
gebracht werden.  Wenn nichts vorlag, wurden die Flüchtlinge meist
entlassen und konnten dann sehen, wie sie über die Grenze kamen.  Die
Fahrt mit Kowoll gab mir eine Idee von seiner wichtigen Arbeit, ich
hielt mit ihm Kontakt aufrecht.

Die wachsende Spannung zwischen Deutschland und Polen machte sich in
Polens westlichen Provinzen besonders bemerkbar, Zeichen von
Sympathie, ja Begeisterung von großen Teilen der deutschen Minderheit
für Hitlers Forderungen auf Abtretung polnischer Gebiete wurden immer
markanter, es kam zu Zusammenstößen, jugendliche Deutsche flohen auf
die deutsche Seite und bildeten dort Stoßtrupps für den Tag, der
kommen sollte.  Man war umgeben von dauernder Kampfstimmung um die
Zukunft Polens, und es waren nicht nur die vielen Flüchtlinge aus
Prag, die einem die Lage deutlich machten.

Einer unser häufigen Flüchtlingsgäste, früher Syndikus der
österreichisch­englischen Handelskammer in Wien, schlug meinem Vater
Besorgung von brasilianischen Einwanderungsvisen für die ganze
Familie vor.  Es war schwer vorstellbar, mein Vater nahe 74 Jahre,
finanziell waren wir sehr gebunden, die Parzellierung kam nur langsam
vorwärts, so auch unsere Entschädigungsklagen.  Als sich die Lage so
zuspitzte, machten wir besondere Anstrengungen auch für billigen
Verkauf des gesamten Grundbesitzes.  Als ein Interessent erschien
unerwartet der polnische Bergarbeiterverband, noch immer unter
Führung von Herrn Grajek wie zur Abstimmungszeit, jetzt war er
Mitglied des polnischen Senats in Warschau.  Er fand, sein Verband
sollte die Grundstücke erwerben, aber konnte nicht allein entscheiden.
Ich war interessiert zu hören, wie das mit seinen Erwartungen über
Aussichten für einen Krieg zusammenhing.  Ja, sagte der Senator
Grajek, ich weiß, was Sie denken, aber die Schicksale des Krieges
sind wechselhaft, ich weiß, wenn die Deutschen angreifen, wir werden
schon weichen und Grund aufgeben müssen, aber wir werden dann
wiederkommen.  Das war also ein alter polnischer Oberschlesier,
Bergarbeiterführer.  Ich habe oft an diesen Ausspruch gedacht.  So
wie es dann kam, haben wir es uns beide wahrscheinlich in diesem
Sommer 1939 kaum vorgestellt.  Die Verhandlungen kamen nicht zum Zuge.

Es gelang uns aber in den Wochen vor Kriegsausbruch die vier Gebäude,
Wohn­ und Bürohäuser, die noch von dem Betrieb der Ziegelei her
bestanden, zu verkaufen, und so hatten wir bei Kriegsausbruch etwas
flüssige Mittel, um für das Gröbste zunächst gerüstet zu sein.  Das
brachte uns dann aber schon bis in die letzten Tage des August 1939.
Es gab immer stärkere Anzeichen, daß Hitler eine Vermittlung
überhaupt nicht haben wollte, daß er ganz auf Krieg setzte.  Ich
hoffte noch, wenn er sich überzeugt, daß England und Frankreich
wirklich für Polen in den Krieg gehen, er doch noch zurückschreckt.
Aber die Spannung wuchs, wir begannen, wieder zu beraten, was man tun
würde, wenn es wirklich...

Die Eltern würden in Kattowitz bleiben, das wurde eigentlich immer
angenommen.  Wenn die Deutschen kommen sollten, für die Eltern als
alte Leute, und sie hatten ja auch verschiedene alte Bekannte, hoffte
man, es könnte kaum so schlimm werden, wie auf einer Flucht.  Wir
Kinder würden weggehen, weder ich noch mein Schwager sollten
riskieren, den Nazis, falls sie in Kattowitz einrückten, in die Hände
zu fallen.

Da war, wenn man die Lage betrachtete, noch die offene Frage, was
Rußland im Konfliktfall tun würde.  Man wußte, London und Paris
verhandelten intensiv, aber es schien zu keiner Vereinbarung zu
kommen.  Trotz aller politischen Aggressivität und autokratischem
Gebaren, wie sie es zum Beispiel im Spanischen Bürgerkrieg gezeigt
hatten, ich selbst sah die Russen nicht als militärisch aggressiv an.
Waren sie dafür genug gerüstet?  Einstellung zu ihnen war eine sich
wiederholende Kette von versuchtem positivem Interesse und gewaltiger
Enttäuschung.  Ich hatte das ja auch lebhaft in Literatur und Presse
der deutschen Emigration verfolgt.  Mitte der dreißiger Jahre, als
man desillusioniert wurde über die Haltung der Westmächte gegenüber
Hitler, bemühte man sich, herauszufinden, ob Rußland doch sich als
eine Hoffnung für fortschrittliche und freiheitliche Gesinnung
entwickeln könnte.  Die Vergangenheit war nicht ermutigend.  Gab es
Entwicklungen, die zu Hoffnung berechtigen konnten?  Zu wem konnte
man hinsehen, wenn der Westen zu beginnen schien, sich mit Hitler
abzufinden?

Es gab Erkundigungs­Pilgerschaften nach Moskau, auch Thomas Mann ging.
Lion Feuchtwanger blieb sogar lange ein Getreuer, Schwarzschild
hielt Distanz, und in Prag machte Willy Schlamm in der Weltbühne
sogar einen Salto und wurde einer der heftigsten Rußlandgegner.  Das
hat man damals alles sehr miterlebt.  Für mich war mit Stalins
Säuberungsprozessen und Exekutionen wieder einmal alles vorüber.  So
war es ja schon in Deutschland spätestens 1932 beim
Verkehrsarbeiterstreik in Berlin gewesen.  Man konnte sich nur
abwenden, und so war es ja auch mit der Behandlung von linken
Abweichlern im Spanischen Bürgerkrieg, die Orwell zum Feinde machten,
und auch als Arthur Koestler enttäuscht aus Rußland in den Westen
zurückkehrte.  Nun wartete man, konnten die Westmächte als
Trumpfkarte gegen Hitler doch noch zu einem Abkommen mit Rußland
kommen?  Dann kam das rüde Erwachen als Stalin einen Pakt mit Hitler
schloß.  Nun schien der Ausbruch des Krieges fast unabwendbar.

Viele gingen schon fort von Kattowitz.  Lotte reiste mit Nina nach
Lemberg ab, viel Haushaltsgut, auch z.B. Silber von den Eltern wurde
dorthin geschickt.  Ich war zweifelhaft über die Wahl von Lemberg in
ukrainischer Umgebung, würde ein Krieg sich nicht auch bald auf den
Balkan ausdehnen, mit Rumänien und Jugoslawien, Restmitglieder der
Kleinen Entente und Verbündete Frankreichs?  Aber viele Bekannte und
Freunde gingen nach Lemberg.  Manche aber waren schon vor Monaten
nach Warschau gegangen, hatten dort Wohnungen gemietet.  Ich war auch
für Flucht in Richtung Warschau, wenn einem schon nicht mehr Chance
und Zeit blieb, noch eine Reise ins westliche Ausland zu versuchen.
Manche unserer Bekannten waren vorsorglich auf Ferien gegangen.  Man
konnte in Polen damals Ausreiseerlaubnis und kleine Devisenzuteilung
für Ferienreisen nach Frankreich oder England bekommen.  Bis in die
allerletzten Tage des August war ich aber mit Vater noch mit den
verschiedenen Notariatsterminen und anderem im Zusammenhang mit den
Hausverkäufen "unabkömmlich".  Mein Schwager plante schon während
dieser Tage, auch nach Lemberg zu fahren, aber er war noch in
Kattowitz, als es im Laufe des 31. August ganz klar wurde, daß
Hitlers Angriff auf Polen unmittelbar bevorsteht.  In Polen wurde
Mobilmachung erklärt, der zivile Verkehr auf der Eisenbahn sollte um
Mitternacht eingestellt werden, der letzte Zug von Kattowitz nach
Warschau um 9.30 Uhr abends abgehen.  Ich begann meinen Koffer zu
packen.  Mein Schwager wollte im kleineren Skoda Wagen, den er immer
benutzte, nach Lemberg fahren.

Manchmal hatte ich gedacht mit unserem alten großen Mercedes
wegzufahren, hatte Telefongespräche mit Johann Kowoll über die Lage
und ob wir nicht zusammen wegfahren würden, aber woher sollte das
Benzin für so einen schweren Mercedes im Kriegsfall kommen?  Ich war
auch kein guter Fahrer, es kam also für mich auf die Eisenbahn heraus.
Ich rief Kowoll noch an, er hatte auch gesagt, J. Maier vom "Der
Deutsche in Polen" war auch interessiert, aber es war niemand mehr da,
das Telefon antwortete nicht mehr.  Ich packte fertig, nur ein
handlicher Koffer, man mußte leicht und beweglich sein, es waren sehr
heiße Sommertage, so packte man also.  Ahnte man, wie lange es sein
würde, daß man nie wiederkommen, die Eltern nie mehr sehen würde?
Man konnte es nicht ausschließen.  Es gab einen herzzerreißenden,
ganz kurzen Abschied, es war beinahe, als ob Mutter doch dachte, die
Eltern sollten auch mitfahren.  Mein Schwager brachte mich auf den
Bahnhof, wir verabschiedeten uns, er wollte noch die Nacht durch nach
Lemberg zu Lotte und Tochter fahren.

Als polnischer Staatsbürger war ich ja militärpflichtig, hatte
zunächst Aufschub für mein Studium erhalten.  Als ich mich 1931 zur
Musterung stellen mußte, wurde ich wegen Kurzsichtigkeit zur
Kategorie C eingeteilt, vom Dienst befreit, aber konnte im Fall einer
Mobilmachung doch eingezogen werden.  Ich hatte einen entsprechenden
Militärausweis erhalten, unter Personalien stand da auch
"Nationalität: Deutsch", "Religion: mosaisch".  Neben meinem Paß hatte
ich diesen Ausweis auch bei mir, als ich nun meinen Zug bestieg.



Kapitel 8

Der 2.Weltkrieg bricht aus

Der Zug war übervoll.  Mein einziger Koffer lag da irgendwo oben, ich
stand oder vielmehr hing an dem Handgriff, der von der Decke kam, so
voll war das Coupé, gesprochen wurde kaum.  Von Station zu Station
kamen noch Leute in den Zug, erst nach langer Zeit erreichte der Zug
das so nahe Sosnowiec, und da es Mitternacht war und der Zivilverkehr
eingestellt wurde, sollte der Zug nicht weitergehen.  Man sollte aber
warten.  Auf dem Bahnsteig sprach mich ein untersetzter Mann
mittleren Alters auf deutsch an.  Er war ein jüdischer Anwalt aus
Chemnitz, der aus Prag nach Kattowitz geflohen war, und hatte mich,
wie er sagte, öfters im Café Skala gesehen.  Er war ganz allein,
sprach kein Wort polnisch.  Was für ein Elend, dachte ich.  Er hatte
gehört, am Ende des Zugs sei ein spezieller Wagen für Flüchtlinge aus
der Tschechoslowakei, könnte ich ihm helfen, dorthin zu kommen.  Wir
kamen auch dort an, es war ein Salonwagen, für tschechische
politische Flüchtlinge, wie es sich herausstellte, vielleicht waren
auch einige Prominente darunter, sie taten eher so, jedenfalls für
ihn hatten sie keinen Platz, er wäre ja nur ein "wirtschaftlicher"
Flüchtling.  Wir mußten abziehen, er sprach immerfort deutsch mit mir,
wir wurden aufgehalten, mußten uns ausweisen, er fuhr dabei gut, er
hatte von der polnischen Polizei in Kattowitz einen
Flüchtlingsausweis erhalten.  Ich mußte meinen Militärausweis zeigen,
da stand ja Nationalität deutsch, Bekenntnis mosaisch.  Das schien
schwieriger für die Bahnhofspolizei, er konnte gehen, ich blieb
verhaftet.  Dann hieß es, der Zug geht doch weiter, ich wurde
freigelassen und stieg wieder in mein Coupé, es war mehr Platz, ich
konnte sitzen, und wir fuhren auf Umwegen Dombrowa­Olkusz, kamen nach
Wolbrom.  Es kam schon die Morgendämmerung und man sah eine Gruppe
von Flugzeugen, sie flogen niedrig, paßten sich den Konturen des
hügeligen Geländes an, eigenartig und unheimlich.  Waren das schon
deutsche Flugzeuge?  Man wußte es nicht, aber konnte wenig Illusionen
haben.  Es gab also doch Krieg, all die letzten Bemühungen des 31.
August, belgischholländisch noch, waren wohl gescheitert, es war nun
der frühe Morgen des 1. September.  Die eigene Situation war schwer
zu glauben.  Zu Hause waren die Eltern geblieben, hier war ich allein
in diesem Zug, wohin fuhr er?  Wo führte das alles hin, versank jetzt
alles, was man kannte?  Ich sah einen Lichtblick: Es würde wohl das
Ende Hitlers sein, auch Deutschland würde von ihm befreit werden,
aber was war der Preis?  Was hieß Krieg 1939 verglichen mit 1914?
Was würde die Zerstörung durch Flugzeugbomben sein?  Man hatte von
Guernica viel gehört, würden alle Städte im Nu zerstört werden?

Für meine eigene Situation hatte ich ja schon in Sosnowiec noch einen
zusätzlichen gehörigen Schock bekommen.  Schon in den Wochen vor
Kriegsausbruch war ja die Luft voll gewesen von Furcht und
Verdächtigungen gegen eine 5. Kolonne, jetzt nahm das noch ganz
andere Formen an.

Auf einer Zwischenstation hatte ich die Abteiltür geöffnet, mein
Weggenosse aus Chemnitz war froh, mich wiederzuentdecken und stieg
ein, wir sprachen wieder deutsch, ich versuchte, es zu beschränken.
Man wartete auf die nächste größere Station, Tunel, Knotenpunkt mit
der Bahn von Krakau nach Warschau, was würde man dort hören, wie war
das mit diesen Flugzeugen?  Die Abteiltüren gingen auf, man sprach
die ersten Leute, ja, deutsche Flugzeuge waren gekommen und hatten
Bomben abgeworfen.  Also das war es, der Krieg war da.

Es war noch früher Morgen am 1.September.  Alles war bedrückt und
aufgeregt, dann kam Polizei, jemand im Coupé mußte sie gerufen haben,
wir beide wurden verhaftet.  Es war wieder dasselbe, auf seinen
Flüchtlingsausweis wurde er gleich freigelassen, ich mußte warten.
Es war wohl auch besser, daß wir uns trennten.  Schließlich konnte
ich auch weiterfahren, mußte nochmals den Zug wechseln, es gab
weitere deutsche Fliegerangriffe, aber ich kam in Warschau an und
fand ein Zimmer im Hotel Angielski.

Meine Freunde Zygmunt und Hannah Krieger hatten auch eine Wohnung in
Warschau gemietet und waren schon vor Wochen dorthin gezogen.  Ich
rief an, sein Bruder, Bankier Hennek, war auch da, wohnte bei ihnen,
ein Prokurist der Bank, Zygmunt Rosshändler war grade angekommen, da
ich ein Doppelzimmer im Hotel hatte, könnte er nicht zu mir kommen.
Ja, natürlich.  Auf der Straße und im Café traf ich einige
Kattowitzer, den Schulkameraden "Julek" darunter, überhaupt manche
deutsche Juden mit polnischen oder deutschen Pässen.  Von der
Vereinigten Holzindustrie Viktor Bulowa und Frau, sie wollten mit
ihrem Auto nach Schweden, ja das würde mich interessieren, sie
wollten mich wissen lassen.  Es gab Sirenen, Luftangriffe, schon
schlechte Nachrichten von deutschen Erfolgen in den Grenzgebieten.
Am Sonntag 3.September saßen wir im Café vor dem Hotel Europejski,
als die Nachricht über Englands Kriegserklärung durchkam, es war eine
enorme Erleichterung, man spürte es allgemein, vor den Botschaften
Englands und Frankreichs gab es Sympathiekundgebungen (1).

Zum Abendbrot verabredete ich mich dort also mit dem Schulfreund,
mein Hotel war ganz nahe dem Europejski.  Es entsprach zwar den
Gewohnheiten für einen Besuch in Warschau, aber an dem Tag war es
wohl eine irre Idee.  Ich bekam eine Tisch für zwei, aber er kam
nicht, ich sah immerfort nach ihm aus, fiel wahrscheinlich auf,
bestellte mein Essen, nachher in der Toilette verwickelte mich einer
von diesen pfadfinderähnlich grün gekleideten jungen Männern mit
Luftschutzabwehrtaschen umgehängt in eine Unterhaltung, erzählte mir
über verschiedene deutsche Angriffe und die Wirkungen, die sie hatten,
wollte wissen, was ich gehört hätte.  Mit meinem holprigen Polnisch
und heftigem Akzent sprach ich so wenig wie möglich, ging zum Tisch
und zahlte.  Als ich aus der Tür auf die Straße kam, wurde ich von
zwei Bewaffneten verhaftet und in die Festung von Warschau gebracht,
tief im Keller.

In einem ziemlich großen Raum waren schon etwa 40 Leute, man konnte
sitzen.  Es war eine eigenartige Mischung, ich sah Bekannte, das
Ehepaar Löbel aus Kattowitz, er aus Bayern mit deutschem Paß, ich
hatte sie schon am Morgen getroffen, einige ähnliche Fälle.  Von
verschiedenen Polen, die dort auch saßen, wurde besonders ein
deutscher katholischer Geistlicher beschimpft, dem man nicht glauben
wollte, daß er vor Hitler auf der Flucht war.  Es wurde nicht viel
gesprochen, plötzlich sah ich Ernst Berliner hereinkommen.  Der
jüngste Bruder des Schulfreundes Ludel Berliner hatte spät in
Freiburg sein Chemiestudium beendet, war dann auch mit uns in
Kattowitz, wir hatten uns gut kennengelernt.  Da er ein sehr gutes
Examen gemacht hatte, bekam er ein Stipendium für die Harvard
University, ein amerikanisches Visum und Schiffsbillet von Gdyngen
für die letzten Augusttage.  Würde er es noch schaffen?  Nun sah ich,
er hatte es nicht mehr geschafft, war offensichtlich von Gdyngen noch
nach Warschau gekommen, und nun fand man sich im Keller der Citadelle.

Zunächst blieben wir alle dort unten.  Bei mir meldete sich mein
Asthma besonders stark, und ich hatte meine Tabletten gar nicht mit.
Die Nacht wurde eine Qual.  Morgens wurden wir in Gruppen in ein Büro
geführt, ein sehr ruhiger und sachlich scheinender Offizier prüfte
die Ausweise; man wurde dazu aufgerufen, er sah meinen Militärpaß,
fragte nach meinem zweiten Vornamen.  Ich kannte ihn als Hans, aber
zögerte, stand da vielleicht auf polnisch Jan?  Ich entschied mich
dafür, es stimmte, ich wurde entlassen, ging eine schiefe Ebene
hinauf, an deren Ende man von weitem Licht sah.  Mir entgegen wankte
ein vollkommen mit stellenweise durchbluteten weißen Verbänden
bedeckter Mann, er schien im Delirium, an den Seiten standen mehrere
Wachen mit ihren Gewehren auf ihn gerichtet, anscheinend um sein
Entkommen zu verhindern.

Ich konnte durchgehen, ein grausiger Eindruck, dieses Ende einer
schrecklichen Episode.  Auf der Straße sah ich bald eine Apotheke,
sie war schon offen, kaufte meine Tabletten, konnte dann besser gehen.
Im Hotel ging ich nach dieser Nacht im Festungskerker gleich unter
die Dusche, und da war ich noch, als Zygmunt Rosshändler
hereinstürzte, seine Sachen zusammenpackte und Adieu sagte.  Er fahre
mit Dr. Krieger weg aus Warschau, hoffe über Lemberg herauszukommen.
Wie ich da stand, konnte ich nicht gut mitfahren.  Das war's denn.

Ich rief bei meinen Freunden Krieger an, erzählte, was mir passiert
war.  Da der Bruder Hennek nun weg war, hatten sie das Zimmer frei
und luden mich ein, zu ihnen heraus zu kommen.  Das paßte mir sehr.
Sulkiewicza 8 war ein ganz neues Sechsfamilienhaus in einer kleinen
Seitenstraße der Belwederska, direkt am Lazienki Park, es hätte nicht
schöner, passender und ruhiger sein können.  Passend auch, denn außer
meinen Freunden Kriegers hatten noch zwei andere Zuzügler aus
Kattowitz dort Wohnungen gemietet: Ferdinand Baender mit Frau und
noch sehr junger Tochter Steffi; er besaß ein großes Haus an der
Grundmannstraße in Kattowitz mit einem Konfektionsgeschäft, hatte
aber in Breslau gelebt, war von dort 1938 mit der Oktoberaktion der
Nazis vertrieben worden und dann nach Warschau gekommen.  Die anderen
Zuzügler waren Erich Steinitz mit Familie; seine Firma L. Borinski,
liiert mit der Familie Weichmann, hatte den alten Kolonialwaren­ und
Produktengroßhandel in Kattowitz durch ein großartiges
Delikatessengeschäft ergänzt.  Beide hatten schon Logierbesuch aus
Kattowitz.  Bei Steinitzs wohnten die alten elterlichen Freunde Dr.
Max Koenigsfelds und bei Baenders Dr. Hurtigs (2).

Der Hausbesitzer Rosen.....hatte auch eine der Wohnungen, eine andere
Ing.Zandberg, der selber beim Militär war, seine Familie war da und
mit ihnen Frau Dr. Krz. aus Gdyngen und Tochter Helena, Studentin.
Sie war zum Luftschutzwart des Gebäudes ernannt worden.  Das war also
das Kompliment unseres Hauses, in dem wir die kommenden Wochen
Belagerung, Fall und Okkupation von Warschau zusammen erleben sollten.
Ich erzählte Kriegers, wie ich Ernst Berliner traf, und sie
schlugen vor, daß er auch kommen sollte.  Die Kriegers selber zogen
dann bald in eine Pension in der Stadt und ließen uns die Wohnung
(mit Dienstmädchen Bolla) hüten.

Man war natürlich fast dauernd mit allen Hausbewohnern zusammen, denn
zunehmend spielte sich das Leben im Luftschutzkeller ab.  Das Radio
spielte eine große Rolle, es wurde sehr gut geführt, dem Ernst der
Stunden angemessen, viele Bekanntmachungen, Reden, Kommentare, Musik,
viel klassische, auch das bekannte Warschauer Orchester unter dem
alten Fitelberg.  Am stärksten in Erinnerung blieb das Pausenzeichen,
der Anfang von Chopins Polonaise A­dur, immer wieder, und dann die
ominösen Signale: "uwaga, uwaga nadchodzi..", es schien die
Möglichkeit eines baldigen Airraid Alarms anzudeuten, Sirenen und
alles wieder in den Keller.  Dazwischen sollte man auf der
Belwederska helfen, Luftabwehrgräben auszuheben.  Helena war
verantwortlich, daß man da mithalf.  Ich habe das erklärt, ich wollte
nicht nochmals riskieren, als verdächtig von patriotisch begeisterten
Mithelfern denunziert zu werden.  Das verstand man auch.  Wenn ich
hinausging, dann um mitzuhelfen bei der Versorgung der Freunde mit
Lebensmitteln.

Diese wurden sehr knapp, je mehr sich die Lage in Warschau
verschärfte.  Man mußte alle Vorkost­, Fleischer­ und Bäckerläden der
Umgebung abklappern, um einfach irgendetwas zu beschaffen.  Für
besondere Gelegenheiten erwies sich Erich Steinitz sehr großzügig und
verteilte Konserven und anderes von den Vorräten, die er aus seinem
Geschäft nach Warschau gebracht hatte.  Ihm gebührte wirklicher Dank
dafür.

Es war sehr schnell gegangen, daß die Stadt Warschau de fakto von
deutschen Truppen belagert war.  Schon vom 3.September an hatten sich
die Luftangriffe sehr verstärkt und schlechte Nachrichten über
Zusammenbruch polnischer Verteidigung in den Westgebieten Polens
häuften sich.  Die Deutschen hatten ja zugeschlagen, als die
Mobilisierung in Polen noch in den Anfängen war, Teile der
Zivilbevölkerung in den polnischen Westgebieten begaben sich auf
panische Flucht, überfüllten Verkehrsmittel und Straßen, auch
Warschau füllte sich mit Flüchtlingen, aber auch mit versprengten
Truppen von Heeresteilen, die im Westen aufgerieben wurden, und es
kamen die ersten Transporte von Verwundeten.  Die Möglichkeit
Warschau zu halten wurde bald in Zweifel gestellt, die Regierung
ordnete zunächst Verlegung der Ämter auf das Ostufer der Weichsel an
und beschloß schon am 4.September Verlegung von Warschau nach Lublin,
die am 5 und 6 eilig durchgeführt wurde; auch der Staatspräsident
verließ Warschau.  Aber der Gedanke, Warschau aufzugeben, drang nicht
durch, der Bürgermeister Stefan Starzynski wurde zum Zivilen
Kommissar für die Verteidigung ernannt, und schließlich gab auch der
Oberkommandierende General Rydz­Smigly von Lublin aus den Befehl zur
Verteidung Warschaus und ernannte dafür einen militärischen
Kommandanten.  Starzynski gab ihr seine starke Note.

Sein Name war mir gut bekannt, er war ein prominenter Vertreter der
wirtschaftspolitischen Ideen des Pilsudski Regimes, eben des
Etatismus, und ich hatte viel über und von ihm gelesen.  Nun hörte
man ihn täglich mit seinen Radioansprachen an die Bevölkerung und
mußte seine Energie und seinen Mut bewundern, mit der er alles
versuchte, die Verteidigung, das Funktionieren der technischen
Einrichtungen und Feuerwehr und die Versorgung der Bevölkerung so
lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Als Übergang von "mittelbarer" zu "unmittelbarer" Verteidigung
Warschaus wird der 8.September angesehen, als Beschießung mit
Feldartillerie begann und die ersten deutschen Panzerabteilungen in
der Umgebung von Warschau getroffen wurden, am 9.

begann schon Feuer von schwerer Artillerie.  Obgleich die Stadt schon
von den verschiedensten Seiten her unter Angriff war, gab es immer
wieder Reste polnischer Heeresgruppen, die sich durchschlugen und in
die Stadt kamen, ebenso wie viele Zivilflüchtlinge.  Neben dem
Artilleriefeuer und meist mit ihm abwechselnd, gab es fortgesetzte
Luftangriffe, die Zerstörung und großen Brände waren furchtbar, viele
Tote wurden schon oft nur an Straßenrändern begraben.  Die Spitäler
waren überfüllt, viele fielen Zerstörung oder Bränden zum Opfer, über
der geschundenen, verzweifelt kämpfenden Stadt breitete sich eine
riesige Rauchschicht, der Himmel wurde gelb von all dem Schwefel, den
man auch stark riechen konnte und einatmen mußte, er wechselte bald
von gelb in lila­gelb, rotgelb, blaugelb, die Detonationen peinigten.
Die Haltung und Stimmung der Bevölkerung in allen Teilen blieb
exemplarisch, es war eine Atmosphäre der Bereitschaft und Einigkeit,
solidarischer Handlungen und Verständnisses.

Starzynski trug mit seinen Ansprachen wohl entscheidend dazu bei,
aber auch viele Organisationen von Bürger­ und Arbeiterschaft.
Während von außerhalb der Regierungslager stehenden Kräften die
sozialistischen Arbeitergruppen unter dem Veteranen Niedzialkowski
einen prominenten Platz im Beirat des kommandierenden Generals

einnahmen (3), nahm man die Mitarbeit, zu der die Jüdische Gemeinde
und andere Jüdische Organisationen aufgerufen hatten, wohl als
gegeben an, sie waren im Verteidigungsrat nicht vertreten.  Dabei war
etwa ein Drittel der Bevölkerung Warschaus jüdisch.

Starzynski hatte in seinen Ermahnungen an die Bevölkerung häufig von
der Wichtigkeit der Sauberhaltung von Straßen und Häusern gesprochen
und dabei auch das dicht besiedelte jüdische Viertel, das Warschauer
Ghetto erwähnt und an die jüdische Bevölkerung appelliert.

Außer den deutsch­jüdischen Bewohnern unseres Hauses hatten sich noch
eine ganze Reihe anderer in der näheren Umgebung gefunden, auch
hatten wir Besuch von dem ursprünglich polnisch­jüdischen Dr. Alberg
aus Kattowitz, wo er als Syndikus von Giesche arbeitete, auch
spanischer Honorarkonsul war.  Er war Katholik geworden.  Nun schien
er sehr aktiv bei der Verteidigung Warschaus.  Sein Vater aber war
ein sehr typischer Warschauer Jude, mit entsprechendem Akzent, er kam
uns öfters besuchen.  Als das jüdische Neujahrsfest kam, wurde in
Erich Steinitz's Wohnung gebetet, er war sehr kompetent dafür, es
waren nostalgische Stunden.

Die Chronik verzeichnet etwas ruhigere Tage vorher, da deutsche
Truppen von Warschau wegen der Schlacht mit polnischen Heeresteilen
an der Bzura abgezogen wurden, aber am 13.September griff die
deutsche Luftwaffe mit größter Vehemenz wieder an, mit 150
Großbränden verzeichnet für diesen Tag, mit besonders heftigen
Verlusten im jüdischen Stadtteil.  Die Bevölkerung der Stadt zeigte
große Beherrschung und Starzynski dankt ihr besonders für den Einsatz
beim Löschen der Brände.  Die Deutschen melden am 14., die Polen dann
für den 16., daß der Ring um Warschau vom Osten her auch geschlossen
ist.  Deutsche Versuche, in die Stadt einzudringen, werden noch
erfolgreich abgewiesen, Artilleriefeuer steigert sich am 17. zu
bisher unerlebter Intensität, die Chronik berichtet über um 5000
Geschosse in weniger als 20 Stunden, und dazu kamen noch die
Luftangriffe wie eine Arbeitsteilung der Angreifer.  Auch machte sich
ein Rhythmus bei der Artillerie bemerkbar, die Batterien strichen mit
ihrem Feuer in bestimmten Abständen und Intervallen über unseren
Stadtteil oder Vorort, so daß man schon erwarten konnte, wann sie bei
uns oder in nächster Nähe einschlagen könnten.  Dann gab es auch
Pausen, vermutlich für Frühstück etc. Als es zu solch enggezieltem
Artilleriefeuer kam, war der Platz doch auch im Luftschutzkeller,
vorher hatte man sich schon so an Artillerie gewöhnt, daß man auch
bei leichterer Beschießung heraus oder auch in die Stadt ging.  Am 17.
September wurde auch das Elektrizitätswerk durch Feuer beschädigt.

Als das wichtigste Ereignis dieses 17.September erwies sich aber die
Meldung vom Einmarsch russischer Truppen in die Ostgebiete Polens.
Kriegers hatten in ihrer Wohnung einen sehr guten Radioapparat und
wir konnten uns gut informiert halten.  Außer dem Warschauer Radio
hörten wir nicht nur deutsche Stationen, sondern auch Sendungen der
BBC, und so hörten wir auch sofort über dieses schicksalhafte
Ereignis.  So empfand ich es und habe spontan gesagt, wir haben schon
viel erlebt, aber das wird sich als das schwerwiegendste erweisen,
die Russen haben angefangen zu marschieren, wahrscheinlich werden sie
erst am Rhein halt machen.  Warum ich diesen blitzschnellen Gedanken
hatte?  Es stellte sich ja auch zunächst als ganz falsch heraus, dann
aber auch gar nicht, es wurde aber nur die Elbe, und das ist
schwerwiegend genug geworden für Europa.  Man wußte damals dort in
Warschau am 17.September 1939 nicht, ob das eine gezielte aber
einseitige Abwehrmaßnahme der Russen im Hinblick auf die schnellen
deutschen Erfolge in Polen war.  Daß es ein abgekartetes Spiel war,
schon im Hitler­Stalin Abkommen vom 22.August vorgesehen, das begann
man erst langsam zu ahnen.

Der Warschauer Bevölkerung wurde die Nachricht zunächst vorenthalten.
Es war ja auch für die Menschen im belagerten und verzweifelt sich
verteidigenden Warschau eine erschütternde Wendung.  Als Ernst
Berliner und ich in den Luftschutzkeller kamen und niemand etwas
gehört hatte, haben wir zunächst auch nichts gesagt, aber am nächsten
Tag ging das dann im Laufe von den üblichen Unterhaltungen über die
Lage doch nicht mehr.  Warum hatte das Warschauer Radio nichts
gesagt?  Außer unseren engeren Bekannten glaubte man uns nicht recht,
nur Frau Zandberg schien anzunehmen, daß ich nicht Unsinn rede.  Aber
als die nächsten Nachrichtensendungen des Warschauer Radios immer
noch nichts sagten, da sah sie mich auch vorwurfsvoll an, und Helena
sagte, wenn wir Sie nicht schätzten und sie nicht ganz sympathisch
fänden, müßte ich eigentlich jetzt dafür sorgen, daß Sie an die Wand
gestellt und erschossen werden.  Dann am 19.September kam doch die
Nachricht, und die Betretenheit schlug breite Wellen.  Nichts über
Hilfe hatte man vom Westen gehört, jetzt wurde der Rest Polens von
den Russen verschlungen, Warschau und sein Kampf blieben einsam und
allein.  Die Not wuchs ins Ungeheuerliche, Straßenränder und Plätze
füllten sich weiter mit Gräbern, es brannte überall, Häuser stürzten
ein, in der Versorgung mit Strom gab es Störungen.  Die Chronik
verzeichnet schon für den 16. September Anstrengungen des
Diplomatischen Korps, auf ein Abkommen mit den Deutschen für eine
Evakuierung der Ausländer hinzuarbeiten, und verzeichnet die
Evakuierung am 21. September von 178 Mitgliedern des Diplomatischen
Korps und 1200 anderen Ausländern (4).

Im noch immer intensiver werdenden Artilleriefeuer und bei
Fliegerangriffen verbrachten wir dann den Versöhnungstag, wieder auch
mit Gebet bei Steinitz, oft unterbrochen, wenn man doch in den Keller
mußte, und an diesem 23. September deutete die Intensität des Feuers
darauf hin, daß die Deutschen den Angriff auf die Stadt vorbereiteten.
Lärm, Feuer, Rauch, Schwefelgeruch, der gelb­rote Himmel ließen
einem kaum Atem daran zu denken, was uns passieren wird, wenn die
Deutschen einrücken sollten.  Die Elektrizitätsversorgung brach am 24.
September vollkommen zusammen und damit auch die Radiosendungen, die
Wasserversorgung versagte weitgehend, Feuer konnte kaum noch gelöscht
werden.  Für den 25. verzeichnet die Chronik Luftangriffe von 7 Uhr
morgens bis abends.  Ich erinnere mich, das waren Stuka (Sturzkampf)
Flieger, eine unbeschreibliche Tortur, und es gab zu jeder Zeit des
Tages etwa 200 gleichzeitige Brände in der Stadt.

Am 26. September beschloß die militärische Führung und der
Verteidigungsrat mit den Deutschen über Kapitulation zu verhandeln.
Am 27.September, um 14 Uhr, trat ein Waffenstillstand ein, die
deutschen Truppen waren jetzt unter dem Kommando des Generals v.
Blaskowitz, der die wenigen von polnischer Seite gestellten
Bedingungen annahm.  Dann gab es Verhandlungen, zu denen außer den
Bevollmächtigten des polnischen Militärs auch der Bürgermeister
Starzynski zusammen mit technischen Beamten der Stadtverwaltung
kommen mußte, die für Gesundheit, Elektrizitäts­ und Wasserversorgung
verantwortlich waren.  Die Deutschen verlangten die Stellung von
zwölf Geiseln aus allen Teilen der Bevölkerung, unter ihnen war auch
Schmuel Zygielboim von der jüdischen Arbeiterorganisation "Bund",
dessen Name ich vorher noch nicht gehört hatte (5).


Unter deutscher Besetzung

Der erste Eindruck war, daß die Deutschen sich mit einiger Vorsicht
an die Aufgabe des Einmarsches und der Besetzung der Stadt
herantasteten.  Es war ja wohl auch keine alltägliche Operation, eine
Millionenstadt, die sich militärisch verteidigt hatte, ihre
technischen Einrichtungen weitgehend zerstört, zu besetzen und dafür
ein Abkommen mit Militär und Stadtverwaltung zu verhandeln.  Der
Einmarsch deutscher Truppen war erst für die nächsten Tage angesagt,
aber aus der Stadt wurde uns berichtet, daß an einigen Punkten
Soldaten in polnischer Uniform erschienen, die Deutsche waren.  Noch
am 30.September schien es unklar, ob der Einmarsch stattgefunden
hatte oder wie weit er gekommen war (6).

In unserem Haus Sulkowicza 8 habe ich damals keine deutschen Truppen
erlebt, wie ein Wunder blieben wir verschont, aber aus naher
Nachbarschaft gab es bald schreckenerregende Berichte.  Es war nun
nicht so, daß deutsche Einheiten und schon gar nicht Militär kamen
und blindlings Juden ermordeten, aber es zeigte sich sofort, daß
Juden weitgehend vogelfrei waren, jeder Willkür ausgesetzt und eben
in ständiger persönlicher Gefahr, auch Gefahr ihres Lebens.  Meine
erste Assoziation war, Leben unter dieser deutschen Okkupation in
Warschau, das war wie "die ganze Zeit Reichskristallnacht".

Soldaten waren zunächst gleich auf Missionen geschickt,
Wohnungseinrichtungen zu requirieren, die von der Besatzungsmacht
gebraucht wurden.  Das war wohl nicht ungewöhnlich, wenn fremdes
Militär einrückte.  Aber hier wurden sie in jüdische Wohnungen
geschickt.  In der Nachbarschaft kam eine Truppe, ließ sich
bestätigen, daß die Bewohner Juden sind und begannen, alle Betten
wegzutragen.  Die alte Großmutter war krank, sie wurden gebeten,
wenigstens das eine Bett ihr zu lassen, der befehlende Leutnant
wollte das auch tun, da trat einer seiner Leute hervor und fragte ihn,
"sind das nun Juden, oder nicht?".  Das Bett wurde auch mitgenommen.

Das war so einer der Berichte, die einem vermeintlich Anhaltspunkte
geben konnten, wie es bei den Deutschen damals aussah.  Die Frage
danach hatte ja einen wesentlich weiteren Rahmen, als wie sie es mit
dem Antisemitismus hielten: Es hatte immer wieder Anzeichen und
Berichte gegeben über hohe militärische Opposition gegen die
nationalsozialistische Regierung, die dann im Widerspruch gegen die
mehr abenteuerlichen Pläne Hitlers zum Vorschein kam.  Darüber hatte
man vor dem Einmarsch in Österreich und der Tschechoslowakei gehört,
es gab die Rücktritte v. Fritzschs und v. Becks, und nun hatte man
während der Belagerung gehört, daß der frühere Oberbefehlshaber
Generaloberst v. Fritzsch aus seinem 1938 erzwungenen Ruhestand heraus
mit den deutschen Truppen vor Warschau gekämpft habe.  Hieß das, daß
er dann von Warschau zurückkommen und die Wehrmacht dann Hitler zum
Rücktritt zwingen würde, um einen Friedensschluß mit England und
Frankreich zu erreichen?

Das war so eine der flüchtigen Spekulationen über ein mögliches
rechtzeitiges Ende der Katastrophe, in die Hitler die Welt gestürzt
hatte.  In unserer deutsch­jüdischen Enklave dort in Warschau hatten
wir von den Meldungen oder Gerüchten über Fritzsches Anwesenheit
außerhalb Warschaus Notiz genommen (7).  Noch zwei weitere Episoden
aus den ersten Tagen der Okkupation fallen mir ein zu unserer sehr
intensiven Frage, wie es bei den Deutschen damals aussah.  Der alte
Dr. Koenigsfeld kam von einem ersten Erkundungsgang in die Stadt
zurück.  Vor dem nahen Eingang zum Schloß Lazienki hatten zwei
Schilderhäuser gestanden, jetzt mit zwei deutschen Soldaten besetzt,
auf der Belwederskastraße fuhren gerade Lastautos vorbei, voll
besetzt mit schwarzuniformierten SS Leuten, die ersten, die er in
Warschau sah, und so ging es anscheinend auch den beiden Soldaten; er
hörte, wie der eine zum anderen rief "na, die haben uns hier grade
noch gefehlt".  Der alte Dr. Königsfeld freute sich diebisch, das zu
hören.  Also so etwas gab es doch noch.

Dann war da noch Gustav T. aus Karlsruhe, der in eine der alten
deutsch­jüdischen Familien nach Kattowitz geheiratet hatte und auch
in Warschau gestrandet war.  An einer Straßenecke hatte ein Auto mit
deutschen Offizieren gehalten und die dort wartenden Passanten
gefragt, ob jemand deutsch spricht.  Neben ihm Stehende hatten auf
ihn gewiesen, und er sollte ins Auto zusteigen, wurde gleich gefragt,
wie er mit seinem Badenser Akzent hier nach Warschau verschlagen
wurde.  So wie er uns das erzählt hat, betonte er, ich muß Ihnen
gleich sagen, ich bin Jude, vielleicht hatten sie es ohnehin gesehen,
jedenfalls sagte der Höchstrangige sofort, aber das macht uns gar
nichts, das wird jetzt sowieso alles anders, da können Sie versichert
sein.  Das gab es also auch.  Aber ausgemacht für den weiteren
Verlauf der Dinge hat es eben nichts.

Außer unserem besonderen Problem, wie sich die Okkupation für die
Juden gestalten wird, gab es ja aber noch die allgemeine Not der
Stadt, wie sie langsam nach der Belagerung wieder zum Leben finden
könnte.  Die ersten Tage, mit Wasser und Strom noch unterbrochen,
waren schwierig, daß es nicht mehr schoß, brannte, der Himmel langsam
nicht mehr gelb und schweflig war, half, aber man mußte weit laufen,
um sich nach Wasser anzustellen.  Es war nach dem heißen September
früh herbstlich kühl geworden, die modernsten Häuser, wo es nicht mal
mehr Herde für ein Küchenfeuer gab, sondern alles auf Strom
eingestellt war, hatten es am Schlimmsten, in Höfen, Gartenplätzen
und Straßen stellten die Bewohner kleine Roste auf, um sich eine
Suppe zu kochen; den Anblick werde ich nicht vergessen.  Der
öffentliche Verkehr spielte sich ausschließlich mit Leiterwagen ab,
große und kleinere, man konnte Plätze bekommen, aber eigentlich lief
man nur, weite Wege in die Stadt und dort und wieder zurück, viele
waren auf den Beinen, es kamen nach der Belagerung neue Schübe von
Flüchtlingen aus der Provinz in großen Mengen, es kamen aber auch
langsam mehr Lebensmittel.  Das schien leichter zu bekommen als
manches andere.

Statt der Geschäfte gab es zunächst an den Straßen nur Händler, die
von Bänken oder in Ständen verkauften, was grade noch zu bekommen
gewesen war aus den Trümmern und nach Plünderungen in den
allerletzten Tagen der Belagerung.  Die Zerstörung in der Stadt war
groß und bedrückend, nach meinem Eindruck war es etwa ein Drittel
aller Gebäude, die durch Bomben­ oder Brandschäden zerstört waren,
und da waren die vielen Gräber auf den Straßen.  Ich ging auch bald
in die Stadt, ich hatte ja nur Sommerkleidung mitgenommen, es dauerte
eine Weile, bis ich etwas finden konnte, Geschäfte richteten sich
langsam wieder ein, sogar einen Wintermantel konnte ich auftreiben.

Ein wichtiger Besuch war zu dem Rechtsanwaltsfreund aus Kattowitz
Marek Reichmann, der schon eine ganze Reihe Verbindungen aufgenommen
hatte, die mit dem brennendsten Thema, wie man aus Warschau wegkommen
könnte, zu tun hatten.  Auf dem Weg nicht so weit von unserer Wohnung
hatte ich die Schwedische Botschaft entdeckt, und daß da jemand drin
war (8).  Am nächsten Tag warf ich einen Brief ein, adressiert an
Ragnar Nilson, Chef der immer noch zum Restbesitz meiner nach London
ausgewanderten Dahlemer Verwandten gehörenden AB Ferrolegeringar
Stockholm, den ich in Dahlem öfters getroffen hatte.  Ich bat ihn,
nach London mit meiner Adresse mitzuteilen, daß ich in Warschau die
Belagerung überlebt habe.  Ich hoffte, so auch vielleicht etwas über
meine Eltern und Schwestern zu hören.

Es gab unterdessen auch Verbindungen mit Kattowitz, und ich habe da
schon gehört, daß meine Eltern gar nicht dort geblieben waren.  Als
ich mich am Bahnhof am 31.August nachts von meinem Schwager
verabschiedete, fuhr er nicht sofort zu Lotte nach Lemberg, sondern
übernachtete noch bei sich zu Hause.  Als die deutschen Bomber am
frühen Morgen gekommen waren, fuhr er erst zu meinen Eltern, und da
entschlossen sie sich, doch mit ihm die Autofahrt nach Lemberg zu
riskieren.  Von Lemberg, nun unter russischer Besetzung, hatten wir
zunächst in Warschau noch keine Nachrichten.  Mittlerweile war
verschiedentliche Bewegung in die Frage des Wegkommens von Warschau
gekommen.  Erstens gab es schon Traffik über die "grüne Grenze" von
und nach dem russisch besetzten Teil Polens, eben auch Lemberg, wo
ich Lotte und ihre Familie und vielleicht auch meine Eltern glaubte
(9).  In Kattowitz waren eines Tages alle jüngeren jüdischen Männer
verhaftet und nach Osten abtransportiert worden (10), nämlich an die
Grenze der russischen Besetzungszone, dort wurden sie herausgelassen
und befohlen über die Grenze zu rennen.  Es wurde auch nach ihnen
geschossen dabei, einige, so auch mein Freund Ludel Berliner kamen in
Lemberg an, andere zögerten, verbargen sich und tauchten dann bei uns
in Warschau auf, konnten alles erzählen.

Für ein Wegkommen setzte ich aber Hoffnungen auf doch noch einen Weg
nach dem Westen, denn es gab auch die Italienische Botschaft, die
offen war und Transitvisa erteilte.  Von anderen Konsulaten, zum Teil
wohl auch Honorarkonsulen, tauchten unterdeß Pässe auf, die man
kaufen konnte, und einige Bekannte hatten schon beinahe alles
zusammen um abzureisen.  Es war eine Verordnung ergangen, die auch
Ausreisegenehmigungen für Juden vorsah, ähnlich wie ja auch in
Deutschland auch nach der Kristallnacht und noch nach Kriegsausbruch
Ausreise von Juden zunächst möglich war.  Meine Freunde Krieger, die
wieder in ihre Wohnung gezogen waren, hatten sich auch bald
irgendwelche Visa beschafft, auf die hin man dann ein italienisches
Transitvisum und durch das polnische Reisebüro "Orbis" auch eine
Ausreisegenehmigung der deutschen Besatzungsbehörde erhielt.  Sie
reisten ab, wohl schon gegen Ende Oktober, und Ernst Berliner und ich
zogen in die untere Wohnung in unserem Hause, von wo die Familie
Steinitz auch schon ins Ausland abgereist war.

Eines Abends wurde ich in Sulkowicka 8 mit sehr ernster Miene
empfangen.  Am Nachmittag war meine Tante Jenny Grünfeld da, nach
einem Fußmarsch über die russisch­deutsche Zonengrenze von Lemberg
her in Warschau angekommen.  Sie wollte mir berichten, daß meine
Eltern mit ihr und meinem Schwager am Morgen des 1.September auch
nach Lemberg geflohen und dort angekommen waren, am 17.September
Lotte und Familie weiter gefahren sind, in der Hoffnung nach Rumänien
zu entkommen.  Meine Eltern blieben mit ihr in Lemberg, mein Vater
kam in ein Krankenhaus mit einer Lungenentzündung und starb dort am
20.September.

Tante Jenny war mit meiner Mutter allein zurückgeblieben, aber wollte
zurück nach Beuthen gehen, meine Mutter wollte in Lemberg bleiben,
ließ mir aber sagen, ich sollte auf keinen Fall dorthin kommen,
sondern versuchen, nach dem Westen auszureisen.  Da Tante Jenny auf
mich gar nicht mehr warten wollte, wurde mir das alles von dem
Ehepaar Dr. Königsfeld schonend beigebracht.  Ich war wie erschlagen,
das war ein trauriges Ende für meinen Vater, Ende eines einst so
stolzen Lebens.  Und die Situation meiner Mutter dort in Lemberg, es
war kaum auszudenken, mein Vater starb an dem Tag, als Lemberg schon
von deutschen Truppen angegriffen, sich ihnen ergeben hatte, sie
zogen aber nicht ein, sondern übergaben die Stadt den Russen.  Am Tag
ihres Einzugs wurde mein Vater begraben.  Das spiegelt so die ganze
Verwicklung dieser ersten Kriegswochen wider.  Heute, wo man über das
Schicksal der unter deutscher Hoheit verbliebenen Juden, Auschwitz
und Theresienstadt weiß, muß man es eigentlich noch als ein gnädiges
Schicksal empfinden, aber das war damals nicht so, es war eine
bittere Nachricht, inmitten all des Unglücks um mich herum in
Warschau (11).

Ende Oktober mußten sich alle jüdischen Einwohner Warschaus
registrieren(12), der Aufruf ging an alle Juden, also nicht wie
deutsche Rassegesetze.  Es ließen sich noch manche schnell taufen, um
zu vermeiden, sich durch Nichtregistrierung strafbar zu machen.  Ich
tat das nicht, wir registrierten uns.  Der Aufruf schuf große
Verängstigung, war das nun die Einleitung zu strengeren Maßnahmen
gegen die Juden?  Es hatte ja immerfort Grausamkeiten und Schikanen
gegeben.  Auf der Straße konnte man von unterschiedlich Uniformierten
angehalten und, wenn man Jude war, um Pelz, Mantel oder Geld gebracht
werden.  Juden wurden zur Zwangsarbeit in den Ruinen requiriert, man
sah dort in zunehmender Kälte die bejammernswerten Gestalten von
bärtigen Kaftanjuden, auf zusammenstürzenden Ruinenmauern oder
­gerüsten bei der ungewohnten und ungelernten Zwangsarbeit.  Was für
ein Elend.  Mit der polnischen Bevölkerung teilte man die Furcht vor
Vergeltungsmaßnahmen des deutschen Militärs: wenn einem Deutschen
etwas zustieß, wurden 100 Leute als Geiseln zusammen gelesen und
erschossen; es konnte jeden treffen, der grade vorüberging.

Für die polnische Bevölkerung wurden die katholischen Feiertage
Allerheiligen/Allerseelen am 1.und 2.November eine eindrucksvolle
Kundgebung stillen Widerstands.  Ich kannte diese katholischen
Totengedenktage von Oberschlesien, wo man auf den Friedhöfen Kerzen
auf meist blumen­ oder tannengeschmückten Gräbern sah.  Nun hier in
Warschau brannten sie auch auf den vielen Gräbern, die auf Straßen
und Plätzen während der Belagerung entstanden waren, es war bewegend
zu sehen.  Es konnten ja kaum nur Angehörige von Umgekommenen sein,
die das ganze Lichtermeer bereitet hatten, man schloß, daß dies
organisiert war, als Demonstration eines Untergrundwiderstands.
Weiteres wurde dann von den Deutschen für den 11. November befürchtet,
Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges und Jahrestag der Gründung der
Polnischen Republik 1918. Es entstand erhebliche Nervosität und
Spannung, man erwartete eine Verhaftungswelle, und wie viele andere
zog ich es vor, diesen Tag nicht in der Wohnung, wo ich registriert
war, zu verbringen.  Ich fand Unterkunft bei Dzidzia Kapellner, einer
Verwandten der Krieger Familie.

Für die Juden war unterdeß weitere Panik und Verzweiflung
ausgebrochen, da bekannt gemacht wurde, daß in Kürze für alle die
sofortige Umsiedlung in die Gegend des alten Warschauer Ghettos
angeordnet wird.  Das konnte dann nur der Anfang zu wesentlich
Schlimmerem sein.  Man wußte schon, daß es bisher in Warschau noch
eher besser zugegangen war als zum Beispiel in Lodz und vielen
kleineren Orten.  Aus Lodz waren viele Flüchtlinge weiter nach
Warschau gekommen.  In unserer Enklave hatten wir Besuch von Bruno
Altmann, dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Kattowitz, der
zunächst nach Lodz entkommen war und nun in Warschau ankam.  Der
Schreck und Kelch mit dem Umzug ins Ghetto ging zunächst vorüber, der
Plan wurde verschoben (13).

Wie man weiß, wurde die Umsiedlung ins Ghetto dann aber doch im
Herbst 1940 begonnen.  Zu dieser Zeit war ich schon aus Warschau
entkommen.  Bemühungen um eine Ausreisemöglichkeit hatten bei mir
ganz absolute Priorität, nur so konnte ich es doch noch schaffen.
Kein Risiko konnte mich abhalten, dafür immer wieder in die Stadt zu
wandern.

Es wurde auch höchste Zeit.  Man konnte mit seinem polnischen Paß
abreisen, die deutsche Ausreisegenehmigung beschaffte das alte
polnische Reisebüro Orbis als separate Bescheinigung, man brauchte
gar keine deutschen Amtsstellen zu sehen.  Die Schwierigkeit war ein
Visum zu bekommen, auf das die Italiener dann ein Transitvisum
erteilen konnten.  Gut hatten es Bekannte wie Ernst Berliner mit
seinem amerikanischen Stipendium und Visum, ausnahmsweise hatten die
Italiener einmal ein echtes Visum zur Weiterreise von Italien vor
sich.  Die beiden Töchter der Dr. Koenigsfelds waren schon vor dem
Krieg nach Brasilien ausgewandert, die Eltern erwarteten also auch
echte Auswanderungsvisen.  Für Andere mußte versucht werden, Visas zu
kaufen.  Es mußten immer wieder neue Kombinationen gefunden werden,
die für ein italienisches Transitvisum gut waren.  So bereitwillig
anscheinend die Italienische Botschaft war, es mußte ja dann auch in
Italien klappen.

Das erste Pech dabei hatten schon die Zygmunt Kriegers gehabt.  Die
italienischen Grenzbehörden hatten schon etwas Nachteiliges über die
spezifische Kombination bemerkt, die Kriegers wurden trotz
Transitvisum nicht hereingelassen und kamen in ein deutsches
Transitlager.  In dieser Notlage konnten ihre Geschäftsfreunde aber
sehr schnell damals ein Visum nach der Schweiz für sie bekommen, von
wo aus sie dann Auswanderung nach Brasilien arrangieren konnten.  Das
waren eben die Risiken mit diesen "Kombinationen", denen ich auch ins
Auge sehen mußte.  Was immer man hatte, konnte sich als schon
"abgenutzt" herausstellen, wenn man an der italienischen Grenze ankam,
und dann war man in großer Gefahr.  Der Weg hinaus führte von
Warschau mit schon verkehrendem Schnellzug nach Wien und dann nach
Triest über die Grenze bei Tarvisio.

Es gab schon auch eine "Grüne Grenze" nicht nur nach Rußland, sondern
auch nach Süden, Slowakei und Ungarn.  Das war die Route besonders
für Polen, die sich der in Frankreich entstehenden polnischen Armee
anschließen wollten, aber man konnte auch für private
Fluchtmöglichkeiten sorgen.  Gesundheitlich kam das für mich aber gar
nicht in Frage, nach schweren Asthmaanfällen in den letzten Tagen der
Belagerung war ich noch immer in schlechtem Zustand, wir waren ja
alle ziemlich verhungert gewesen, ich konnte an eine Flucht zu Fuß
über die Karpathen nicht denken.

Ragnar Nilson hatte mich unterdeß mit dem seit einiger Zeit in Zürich
eröffneten Büro der Ferrolegeringar in Verbindung gebracht, wo mir Dr.
Hans Krakenberger und Hans Grelling von Berlin her noch gut bekannt
waren.  Sie gaben mir die Warschauer Adresse von Frau Janina Nejfeld,
falls man sich wegen Ausreisemöglichkeiten gegenseitig helfen könnte.
Sie war Witwe des früheren Vertreters des Konzerns in Polen und
hatte selbst die Vertretung noch weitergeführt.  Sie war jetzt aus
Lodz nach Warschau gekommen und hatte mit Zürich Kontakt aufgenommen.
Wir hatten beide das Gefühl, daß man bei Ankunft in Italien auf
erste Hilfe von diesem Büro in Zürich hoffen konnte.

Visas waren schon schwer zu beschaffen.  Die nächste "Kombination",
die Marek Reichmann fand, dann auch selbst benutzte und mir anbot,
war einfach eine Bescheinigung in den Paß geklebt, daß für den
Inhaber bei Ankunft in Triest ein Zertifikat zur Einreise nach
Palästina bereit liegt.  Die Italienische Botschaft war bereit, auch
darauf ein Transitvisum zu geben.  Es kostete ebenso viel wie ein
"besseres" "richtiges" Visum; das ganze wurde für eine Gruppe
arrangiert, wobei die Hälfte, ich eingeschlossen, zahlt, und die
andere Hälfte nicht, nämlich alles verdiente zionistische Funktionäre
mit Familien, und zwar, etwas zu meinem Leidwesen, Revisionisten.  So
jedenfalls wurde mir das erklärt.  Ich lernte zwei der Revisionisten
auch kennen (14).  Alles ging auch durch "Orbis", wo ich außer in
Marek Reichmanns Wohnung ein beinahe täglicher Besucher wurde.

Vom 1.Dezember an (15) wurde für Juden das Tragen eines weiß­blauen
Davidsternabzeichens verordnet.  Es war also kein "Gelber Fleck" wie
in den Deutschland einverleibten westlichen Gebieten.  Was es auch
war, das Leben wurde gefährlicher, nicht zuletzt das Risiko von der
Straße weg zu Zwangsarbeit requiriert zu werden.  Man überlegte sich
jeden Morgen, was das größere Risiko war, mit oder ohne den
Davidstern auszugehen.  Wochentags in die Stadt ging ich meist ohne
das Abzeichen, für sonntägliche Besuche von Freunden in den Vororten
dachte ich, man kann sich den Luxus des Davidsterns erlauben, denn es
wurde ja kaum gearbeitet.  Das Risiko ihn nicht tragend ertappt zu
werden war wochentags geringer als das Tragen des Sterns, wenn man
ertappt wurde, konnte es aber total sein.  Daran hatte man sich eben
gewöhnen müssen, nach dem Risiko von Artilleriefeuer und Bomben
während der Belagerung war jetzt das Risiko der Konfrontation mit SS
und Gestapo oder ihren geringeren Helfern getreten.

Ich mußte Gott danken, mit welchem Glück ich in der Okkupationszeit
meine Anonymität behalten konnte und davonkam.  Die einzige Begegnung
mit einem SS­Mann in Warschau verlief auch harmlos.  In der Wohnung
von Marek Reichmann, der selbst schon abgereist war, erschien ein
junger, anscheinend oberschlesischer SS­Mann, gestikulierte wild und
machte Ansätze zu schreien, wollte prüfen, wer da ist.  Er war
offenkundig ein Anfänger, noch nicht lange bei der SS, das Schreien
kam ihm nicht natürlich.  Eine andere Besucherin Frau B., gefragt ob
sie jüdisch ist, sagte nein, aber setzte dann hinzu, sie sei getauft,
seit dem 24.Oktober (also eben vor dem Registrierungsstichtag 29.
Oktober).  Ich sah sie fassungslos an, dann mußte ich lächeln, auf
dem Gesicht des SS Manns war auch ein breites Grinsen.  Er zog sich
bald zurück, er hatte wohl gemerkt, daß er sich hatte ertappen lassen,
daß er doch ein Mensch war.

Noch war die Gefahr für mich nicht vorüber, meine Abreise verzögerte
sich.  Für Benutzung eines Schnellzuges brauchte man eine Genehmigung,
und Juden waren Schnellzüge neuerdings verboten.  Orbis hatte noch
keine Lösung für mich.  Eine kleine Verbesserung in den Verhältnissen
war noch gewesen, daß der Postverkehr von und zwischen dem besetzten
Warschau und Orten in Deutschland aber auch dem neutralen Ausland
schon gut funktionierte.  So hatte ich Kontakt nicht nur mit Zürich,
sondern auch der noch in Berlin lebenden Familie, Großmutter und
Onkel Walter Oettinger, von der Grünfeld Familie die Epsteins und
Hans Hirschel.

Kontakt hatten wir von unserer Enklave auch weiter mit Erika
Schlesinger in Beuthen, wo Tante Jenny unterdeß zurückgekehrt war, und
durch das Hausmädchen von Königsfelds mit den vielen traurigen
Vorgängen in Kattowitz.  Ich war sehr gerührt, als durch sie der
Kürschnermeister Klimanek, zur katholischen deutschen Gruppe gehörend,
bei dem wir jeden Sommer unsere Pelze aufbewahrten, mir den Pelz
meines Vaters nach Warschau schickte.  Ich bekam auch einige
Kondolationen zum Tode meines Vaters, so eine besonders bewegende von
dem deutschen Baumeister Kutchera, Nachfolger meines Vaters in
verschiedenen Berufsverbänden.

Die Verwandten in Berlin rieten, ich soll doch versuchen, zu ihnen zu
kommen.  In diesen ersten Kriegsmonaten hatte man wohl noch keine
richtige Vorstellung dort, was das Schicksal der in Deutschland
zurückgebliebenen Juden sein würde.  Als ich meine Papiere mit
D­Zugbillet nach Triest bei Orbis endlich abholen konnte, um mit dem
nächsten D­Zug am 10. Januar 1940 abzufahren, wurde ich gefragt, ob
ich bereit bin, mit einer alten polnischen Dame und ihrem Enkelsohn
zusammen zu fahren, da sie gar kein Deutsch sprechen.  Es war eine
Frau Aleksandrowicz, Mutter des amtierenden polnischen Konsuls in
Triest, und dessen kleiner Sohn.  Ich war verwundert, vielleicht war
es ganz natürlich, daß man bei Orbis auf diese Idee kam, aber in
Wirklichkeit, dachte ich, war meine Passage unter einem größeren
Risiko als die der alten Dame.  Ich sagte aber doch zu.

In der Sulkiewicza 8 gab es einen bewegten Abschied.  Bei den
freundschaftlichen Gefühlen, die sich entwickelt hatten, wurde es so
schwer, sie alle dort ihrem so ungewissen, aber doch so bedrohend
schwer aussehende Schicksal zurückzulassen.  Ich hatte schon lange
versucht, besonders den Familien Baender und Hurtig zur Ausreise
zuzureden, sie hätten die Mittel in Warschau gehabt aber hatten Sorge
für das Leben im Ausland.  Ich meinte, es ist noch niemand verhungert,
und was einen in Warschau erwartete, sah grimm aus.  Ich nahm
Abschied.

Es war ein sehr kalter Winter geworden, 1939/40, so war es ja in ganz
Europa.  Der Zug sollte gegen 10 Uhr abends gehen, ich traf jemanden
von Orbis auf dem Perron, der mich mit Frau Aleksandrowicz bekannt
machte.  Wegen des Wetters verspätete sich die Abfahrt des Zuges um
einige Stunden, wir mußten bei minus 26 Grad auf dem überfüllten
Bahnsteig warten.  So fing die Fahrt schon mit einer schweren Probe
an, dann ging es ganz glatt, vor Kattowitz verschwand mein Gesicht
unter meinem Mantel und blieb.  Man mußte annehmen, daß wir den
Anschluß an den Zug, der unsere Wagen durchgehend nach Wien plombiert
und ohne Grenzkontrolle durch das "Protektorat" (die besetzte
Tschechoslowakei) bringen sollte, schon längst versäumt hatten, die
Verspätung war des kalten Wetters wegen nur noch größer geworden.
Mir ahnte nichts Gutes, selbst nachdem ich Kattowitz ohne
Zwischenfall passiert hatte.

So war es auch; wir hatten keinen durchgehenden Zug nach Wien, mußten
einen Zug im "Protektorat" nehmen und eine unvorhergesehene
Grenzkontrolle zwischen dem "Protektorat" und Österreich in Breclav
(Lundenburg) passieren.  Sie wurde für mich sehr unangenehm.  Männer
und Frauen wurden getrennt, Frau Aleskandrowicz konnte mit ihrem
Enkelsohn gehen, mich grillten drei SS­Leute.  Ich dachte zeitweise
nicht, daß ich davon komme, einer schien ein fanatischer und grober
Judenhasser, die beiden anderen mehr zivilisiert, zum Schluß fanden
sie wohl, sie sollten meine Ausreisegenehmigung aus Warschau
honorieren.  Die Aleksandrowiczs warteten schon besorgt auf mich, wir
fuhren nach Wien weiter, mußten den Bahnhof wechseln.  Das waren wohl
auch die Dinge, wegen der man mich gebeten hatte, sie unter meine
Obhut zu nehmen.  Wir aßen Abendbrot am Südbahnhof und fuhren dann
nach Triest weiter.  An der deutschen Grenzkontrolle nach Italien
erschienen nochmals SS Leute, stolzten provokativ umher, schrien,
aber es war wohl mehr ein Einschüchterungsmanöver, wir kamen ohne
Schwierigkeiten durch, dann auch an der italienischen Kontrolle,
meine "Kombination" schien also noch zu halten.

Als der Zug weiter fuhr in Richtung Udine überkam mich ein großes,
unvergeßliches Gefühl der Erleichterung.  Es war kaum vorstellbar,
nun schien ich gerettet vor Nazis und Gestapo, was für eine Wendung.
Sicher, die Zukunft war ungewiß, noch mit vielen undurchsichtigen
Wolken verhüllt, aber das war eine Erlösung, wie man sie selten
empfinden konnte.  Frau Aleksandrowicz bemerkte das gleich, wie ich
fühlte und nahm Anteil.  Die Fahrt hinein nach Triest hoch über den
unwirtlichen, windgefegten Karst nahm sich auch wie eine
schicksalsvolle Reise aus, beim Abschied bat sie, ich möchte doch
ihren Sohn bald im polnischen Konsulat besuchen.



Kapitel 9

Kriegsflüchtling

In Transit in Italien

Es war mein erster Besuch in Italien.  In Triest war es auch kalt und
unfreundlich, mich reizte der bunte, geschichtliche Hintergrund, man
spürte die Nachbarschaft Jugoslawiens und manches von der
österreichischen Vergangenheit.  Es gab viele Flüchtlinge und andere
Reisende.  Von meinen Kattowitz­Warschauer Freunden war die Familie
Steinitz noch dort, auf Emigration wartend.  Er war ein großer
Lehrmeister, wie man als Flüchtling so sparsam wie möglich leben
mußte.  Ich nahm gleich Kontakt mit Zürich auf, die Nachricht, daß
ich aus Warschau entkommen war, wurde schnell in der Familie
verbreitet, Lotte und Familie waren in Bukarest, standen in Kontakt
mit meiner Mutter in Lemberg.  Jetzt konnte ich wenigstens in
Korrespondenz mit ihnen sein.  Von Marianne hörte ich aus England und
auch von der Dahlemer Familie, Tante Grete, Herbert mit Frau Ery und
der jüngere Bruder Ernst.  Er hatte arrangiert, daß Lotte und Familie
in Bukarest bei den Eltern des gemeinsamen Freundes Ralph Kleeman
wohnen konnten.

Beim polnischen Konsul Aleksandrowicz wurde ich freundlich, aber
etwas zurückhaltend empfangen.  Ich vermutete, daß er über mich
rätselte, als ich meine Personalien und Lage erklärte.  Mit meinen
Papieren sollte ich so schnell wie möglich Italien verlassen, und
Frankreich schien am nächsten.  Ich erkundete mich beim Konsul, ob er
mir dabei helfen könnte, ich würde mich dann für die polnische Armee
stellen.  Er winkte gleich ab, ich war ja Kategorie "C" wegen
Kurzsichtigkeit, die polnische Armee in Frankreich war noch sehr
klein und konnte nur gut trainierte Leute mit vorherigem Armeedienst
brauchen.

Der nächste Besuch war beim Büro der Jewish Agency.  Laut meinen
Papieren lag dort für mich ein Zertifikat für Einwanderung nach
Palästina, was ich ja natürlich gar nicht geltend machen wollte, aber
ich sah den Leiter des Büros Dr. Goldin, um mich über Möglichkeiten
zu erkunden, wie man nach Palästina kommen kann.  Ich fand auch, daß
ich die Bescheinigung in meinem Paß über ein Zertifikat erwähnen
mußte.  Es war mir nicht klar, ob er über diese "Kombination" aus
Warschau zu fliehen, zum ersten Mal hörte, jedenfalls zeigte er sich
empört und sagte mir, ich hätte in Warschau bleiben sollen.  So
provoziert, teilte ich noch mit, daß auch andere, darunter sehr
aktive Zionisten, und zwar Revisionisten mit solchen Papieren
ankommen, da sagte er, die sollen dort bleiben.  Ich traute meinen
Ohren nicht, weiß er, was er da sagt, fragte ich.  Ich begann zu
verstehen, daß es in Zionistischen Ämtern nur strikt politische
Kategorien gab, die hatten mit charitativem Denken oder Gefühlen
nichts zu tun.

Seit der Nachricht vom Tod meines Vaters hatte ich an keinem
Gottesdienst mehr teilgenommen, in Triest nun ging ich Freitag abends
in die Synagoge, um das Kaddisch Gebet zu sagen, und das habe ich
dann versucht, bis zum Ende des Trauerjahrs aufrecht zu erhalten, wo
immer ich nahe einer Synagoge war.  Es hieß Bekanntschaft mit ganz
verschiedenen Gemeinden und Gottesdienstformen, eine traurige, aber
auch anregende und wichtige Erfahrung gerade in dieser Zeit der
Verfolgung.  Ich blieb nicht lange in Triest, fand, daß Marek
Reichmann und Familie sich in San Remo aufhielten, und beschloß, dort
herauszufinden, wie man nach Frankreich gelangen kann.  Anscheinend
gab es dafür Wege über die Grüne oder auch die Blaue Grenze, nämlich
mit einer Motorbootfahrt, aber sehr riskant.  Ich machte Halt in
Mailand, wo Ernst Berliner war, auch Danek Zins aus Kattowitz,
Pianist und Begleiter des Tenors Jan Kiepuras, und Frau B. mit
Tochter, und traf einen polnischen Diplomaten, früher
Handelsdelegierter in Hongkong, der erklärte, warum Leute wie er
jetzt in der Emigration soviel Kontakt mit jüdischen Landsleuten
suchten.  Die Juden, fand er, haben einen so ausgeprägten Sinn für
Kommunikation, und das ist, was wir jetzt als Emigranten alle
brauchen.  Es war auffällig, wie eng sich der Kontakt in der
Emigration, wo immer man hinkam, gestaltete.  In Mailand lernte ich
auch einen älteren Mitemigranten, Anwalt aus Lemberg, auch Danzig, Dr.
Parnes kennen, den ich später in Rom wiedertraf.  Er wurde dann für
mein rechtzeitiges Wegkommen von Italien entscheidend.

Der kalte Winter 1939/40 hielt noch immer an, Mailand war tief im
Schnee.  Erst auf der Fahrt nach Genua südlich der Bergkette änderte
es sich etwas, und da war auch das Erlebnis der Mittelmeer­Vegetation
mit Pinien anstatt der gewohnten Bäume.

In San Remo fand ich eine billige Pension.  Die Unbilden von
Belagerung, Okkupation, Reise und andauernder Ungewißheit machten
sich bemerkbar, ich wurde sehr krank, an die Motorbootfahrt nach
Frankreich war ohnehin nicht zu denken.  Mein Vetter Herbert in
London wollte mir Einwanderung nach Bolivien ermöglichen.  Nach dem
Tod meines Onkels Paul Grünfeld und der Auswanderung der Familie mit
einigen Mitarbeitern nach London wurde dort eine neue Firma gegründet,
die schwedischen Werke und Chromerzgruben in Türkei und Cypern
gehörten weiter dazu.  Lotte und Familie konnten am 21.März von
Bukarest nach Cypern abreisen, wo ihr Mann durch Herbert eine
Stellung als Chemiker erhielt.  Bei einer neuentstandenen Verbindung
in Bolivien für Einkauf von Erzen wollte Herbert mich unterbringen.
Ich wartete sehr, daß das zustandekommt.

Ernst Berliner fuhr von Genua nach den USA ab, und dann auch Dr.
Koenigsfelds, direkt aus Warschau nach Genua kommend, auf dem Weg
nach Brasilien.  Die Abschiede waren immer bewegend, man hoffte, auch
einmal so weit zu sein, aber der Bolivienplan für mich schien nicht
gut zu gehen.

Statt dessen bekam ich von der Fremdenpolizei in San Remo Ende März
einen Ausweisungsbefehl, die Zeit für ein Transitvisum sei abgelaufen.
Ich sollte mich sofort bei der italienischen Grenzpolizei in
Tarvisio melden, um über die Grenze, über die ich hereingekomen war,
wieder zurückgestellt zu werden.  Anstatt der vorläufigen, nun nicht
verlängerten Aufenthaltsgenehmigung der Fremdenpolizei, wurde das von
nun an mein einziger gültiger polizeilicher Ausweis, den ich in
Italien vorzeigen konnte.  Kaum von schwerer Erkrankung etwas erholt,
befand ich mich also erneut in Alarmzustand.

Inzwischen war Marek Reichmann nach Rom gefahren, um dort an seiner
weiteren Auswanderung zu arbeiten, ich mußte jedenfalls aus San Remo
verschwinden und beschloß, nach Rom zu gehen.  Die Geschwister
Grelling hatten einen Teil ihrer Jugend in Florenz verbracht, ihr
Vater hatte Deutschland im 1.Weltkrieg als Gegner des Kriegs
verlassen, seinerzeit eine "cause celebre".  Die Tochter Annemarie
kannte ich von Dahlem her, sie hatte unterdeß den jungen Verleger
Gentile geheiratet, Sohn des bekannten italienischen Philosophen,
Senators und zeitweiligen Kultusministers Mussolinis, Dr. Giovanni
Gentile.  Ich hatte Annemarie's Adresse in Florenz (Fiesole) von Hans
Grelling aus Zürich erhalten, hatte ihr schon geschrieben und gehört,
daß ich jederzeit zu einem Besuch willkommen sei.

So meldete ich mich an, um auf der Reise nach Rom kurz in Florenz
halt zu machen.  Dieser Tag in Florenz war ein Lichtblick in meinem
oft so bedrückenden und angespannten Flüchtlingsaufenthalt in Italien.
Früh schaute ich mich um in den großen Kunstschätzen in Florenz und
genoß das Stadtbild, machte einen Besuch im Verlag Olschki, worum
mich Warschauer Leidensgenossen gebeten hatten.  Die
freundschaftliche Aufnahme zum Mittagessen in der alten Villa in
Fiesole bei Annemarie und ihrem Verlegergatten war so wohltuend, man
saß im Freien in der Frühlingssonne, es wurde viel Interessantes
erzählt.  Der kleine Sohn Giovanni spielte herum und machte die
Verzauberung vollkommen durch sein Lächeln, wenn auch soviel
Trauriges zu erzählen war.  Ich sollte mich gleich am nächsten Tag
bei Dr. Gentile (1) in Rom melden, fuhr über Nacht hin.

Er war nun Präsident der Italienischen Akademie der Wissenschaften,
ein imposantes Gebäude und Büro.  Auch hier war der Empfang wieder
überaus freundlich.  Er erkundigte sich nach "Tante Grete", wie er
sie wohl in der Sprache seiner Schwiegertochter Annemarie nannte.  Er
verfaßte eine Eingabe an ein Ministerium und beruhigte mich.  Wenn
ich in Schwierigkeiten mit der Polizei komme, sollte ich ihn sofort
anrufen.  Es kam nicht dazu, aber ich konnte auch nicht sicher sein,
wie es ausgegangen wäre, ob noch Zeit geblieben wäre für einen Anruf.
Das Damoklesschwert war noch nicht wirklich fort in meinen Gedanken,
und die Wochen in Rom blieben davon beschwert.  Es war nicht so
einfach, sich ein Bild von der politischen Stimmung in Italien zu
machen.  Der 9.April, an dem ich in Rom ankam, brachte auch die
Nachricht vom Angriff Hitlers auf Dänemark und Norwegen, also das
Ende des angespannten Zwischenstadiums, in dem der Krieg seit dem
Zusammenbruch Polens geblieben war.  Das trug natürlich dazu bei, das
Gefühl eigener Bedrohtheit zu steigern.  Man kam nicht heraus aus dem
Staunen über die Pracht von Rom, und doch hatte man dafür zunächst
nur einige flüchtige Blicke, man war unter lauter Flüchtlingen, die
Suche nach Reisezielen und Visen verdrängte alles.  Man traf nicht
nur jüdische oder polnische Flüchtlinge.  So teilte ich in Rom einen
Tisch in der Pension mit einem jungen lettischen Historiker und
Journalisten, es war interessant und neu.  In Triest war es ein alter
griechischer Politiker gewesen, der zu Steinitz und mir sagte, wir
hätten doch in Polen bleiben und gegen Hitler kämpfen sollen, wie das
eben die Griechen seit Jahrhunderten für ihre nationale Sache tun
mußten.

Ein Merkmal des Flüchtlingsdaseins wurde eine immer größer werdende
Korrespondenz.  So lange man noch im neutralen Ausland war, wie
damals noch Italien, gab es Kontakt mit zu Hause, der nahen Schweiz,
ebenso wie England, Frankreich und USA. Man hatte viele Bitten,
Nachrichten zu übermitteln, auch an die in Warschau, Oberschlesien
oder Berlin/Breslau Zurückgebliebenen.

Mein Vetter Herbert konnte den Bolivienplan für mich nicht
weiterverfolgen, aber durch meine Bekanntschaft mit Dr. Parnes fand
ich unerwartet die Möglichkeit, ein Visum nach der Türkei zu bekommen.
Sie wurde zusehends ein Zufluchtshafen für die polnischen
Flüchtlinge, meistens nur auf Transitbasis.  Ich bekam ein
Einreisevisum.  Herbert bot sofort an, daß die Firma der türkischen
Chromgruben, Türk Maden, sich um mich kümmern würde, aber
Arbeitsgenehmigung für eine Anstellung bei ihnen könnten sie nicht
bekommen.  Lotte und Familie waren bei kurzer Durchreise nach Cypern
schon in Istanbul betreut worden, hatten mir davon geschrieben.  In
Dahlem hatte ich einst die Tänzerin Palukka kennengelernt, ihr Vater
war der Chef der Türk Maden in Istanbul, ich wußte auch, daß eine
Reihe deutscher, darunter viele jüdische Emigranten als Professoren
von der türkischen Regierung nach der Türkei gerufen worden waren.
Es gab also Bezugspunkte.  In Rom traf ich auch wieder Frau Nejfeld
und sie bekam auch ein türkisches Visum.  Während des Wartens auf die
Visaausfertigung und Buchung einer Schiffspassage
Neapel­Piräus­Izmir­Istanbul hatte ich doch noch mir viel von Rom,
auch seinen Museen und Kirchen in etwas größerer Ruhe ansehen können.
Neapel ging an mir schnell vorüber, dafür war aber die Schiffsreise
schön, wenn auch ins so ziemlich Ungewisse, und schön war auch der
erste Blick auf Istanbul.


In der Türkei

Alfred Palukka hatte im Park Hotel für mich gebucht.  Ein älterer
Herr, viele Jahre mit der Firma meines Onkels Paul in der Türkei
verbunden, er war albanischer Herkunft, sehr ruhig und weise, gab mir
freundliche Einführung ins Leben in der Türkei, im Nahen Osten
überhaupt, und nun mußte ich mich umsehen.

Zu den deutschen Emigrantenprofessoren an der Universität Istanbul
gehörte der Breslauer Mediziner, Internist, Dr. Frank.  Er war ein
jüngerer Vereinsbruder meines Onkels Walter Oettinger.  Meine
Großmutter schrieb sofort von Berlin, ich muß mich bei Franks melden,
mit denen die Familie in Breslau gut bekannt war.  Dann stellte sich
auch heraus, daß Frau Frank aus Kattowitz kam, Mitschülerin meiner
Kusine Margot Epstein, die mir auch darüber schrieb.  Sie hatten
zusammen viel Tennis auf unserem Tennisplatz gespielt.  Franks hatten
eine Tochter Sabine, die in Istanbul Orientalistik studierte, und
einen jüngeren Sohn.  Ich wurde sehr freundschaftlich aufgenommen und
bin der Familie immer wirklich dankbar dafür gewesen.

Durch sie lernte ich auch viele andere Mitglieder der deutschen
akademischen Emigration in Istanbul kennen; das wurde einer der recht
verschiedenen Kreise, die ich dort hatte.  Für meine Suche nach einer
beruflichen Lösung hatte Dr. Frank mich an einen aus rassischen
Gründen abgesetzten Direktor der Deutschen Bank in Istanbul empfohlen,
der nach seinem Auscheiden eine Handelsfirma gegründet hatte.

Es ergab sich aber ein anderer Plan.  Frau Nejfeld brachte mich mit
ihrem Lodzer Landsmann Podczaski zusammen, ein mit einer Türkin
verheirateter Pole, deren Bruder Tekim durch Podczaski zu einer
Zusammenarbeit mit der polnischen staatlichen Exportgesellschaft für
Agrarprodukte "Dal" gekommen war.  Es gab eine Tochterfirma "Turkdal"
in der Türkei, für die neue Geschäftstätigkeit gesucht wurde.  Ich
hoffte, für Außenhandelsgeschäfte Verbindungen durch Ferrolegeringar
in Stockholm und Zürich anzuknüpfen, das Türkdal interessierte, und
wir kamen zu einer Vereinbarung.  Sie sollten alle Kosten tragen, ich
selbst war auf Gewinnbeteiligung angewiesen, also es hing für mich
alles davon ab, daß auch Geschäfte zustande kommen.  Ich begann
gleich aus ihrem Büro eine lebhafte Korrespondenz, der türkische
Partner Tekim brachte viele mögliche Kunden.

Bald zog ich aus dem Parkhotel, in dem Herr Palukka mich glaubte
zunächst unterbringen zu müssen, in die Pension Hella, die er mir
empfohlen hatte.  Sie gehörte Herrn Errol, der ursprünglich Grünfeld
hieß, aus Ungarn.  Es war eine interessant gemischte kleine
Gesellschaft dort.  Dr. Weiss aus Wien, ein Chemiker, gehörte zu den
jüdischen Emigranten an der Universität, dann waren verschiedene
Engländer da, ein älterer war in Istanbul als Sachverständiger für
Marinetransport stationiert, ein junger Mann von der japanischen
Botschaft und das Ehepaar Daniec, aus Polen geflohen, er war dort
einer der Direktoren von Dal gewesen und jetzt in Istanbul
verantwortlich für Türkdal.  Mit ihm hatte ich auch die
Vereinbarungen mit Turkdal abgeschlossen, und es ergab sich eine gute
und freundschaftliche Zusammenarbeit.  Er schien mir ein besonders
guter Prototyp der neuen Wirtschaftselite, die sich im Polen der
Zwischenkriegszeit unter den Zeichen des Etatismus gebildet hatte.
Dal war eine unabhängige staatliche Wirtschaftsgesellschaft.
Ausbildung und geschäftlichem Denken nach schienen Dals Leute aber
ganz wie nach privatwirtschaftlichen Kategorien zu arbeiten und
hatten in und für Polen gute Erfolge erzielt, zum Beispiel im Aufbau
eines großen Exports polnischer prozessierter Schinken u.a. nach
England.

Es war nur ein Zufall, daß ich in dieser Pension nun auch mit dem
Ehepaar Daniec zusammen war.  Zur Gesellschaft beim Mittagessen
gehörte auch noch ein jugoslawischer Journalist, politisch gut
informiert, schien manchmal ins Revolutionäre zu tendieren, so alles
zusammen, es war eine lebhafte Tafelrunde mit oft ganz offener
Diskussion über die Kriegsereignisse, die sich unterdeß dramatisch
entwickelt hatten.  Schon zwei Tage nach meiner Ankunft in der Türkei
kamen die Meldungen über Hitlers Angriff an der Westfront, Einmarsch
in Holland und Belgien, in London übernahm sofort Winston Churchill
die Regierung.  Der deutsche, uns atemlos haltende Vormarsch in
Frankreich bedeutete den Zusammenbruch einer Welt und ließ einen
sprachlos.  Es waren Wochen der Agonie Europas, die man miterlebte,
wie man es und wie es die Geschichte nie gekannt hatte.  Rotterdam
war Warschau gefolgt mit großen Verwüstungen durch erbarmungslosen
deutschen Angriff.

Mit meiner Mutter in Lemberg hatte ich von Istanbul gute
Postverbindung, mit den regelmäßigen Schiffen aus Odessa kamen auch
öfters Ausreisende von dort, die einem über die Verhältnisse
berichteten.  Für Mutter wurde durch Stella Braham und ihren Mann ein
Einreisevisum nach England besorgt, es machte einen hoffnungsvoll,
daß sie eines Tages auch mit einem dieser russischen Schiffe in
Istanbul ankommen könnte.  Bei dieser Aktion für ein englisches Visum
hatte Herbert geholfen und auch Marianne.  Sie hatte sich aber im
April entschlossen, eine Stellung auf Guernsey in den Channel Islands
anzunehmen und war dorthin abgereist, grade als ich dabei war, von
Italien nach der Türkei zu gehen.  Sie hatte keine richtige
Arbeitsgenehmigung in England selbst bekommen, lebte von temporären
Jobs, die sich ergaben.  Für landwirtschaftlichen Betrieb zog
Guernsey sie an, so schrieb sie.

Als Erleichterung und jedenfalls Versprechen für fortgesetzten
Widerstand gegen Hitler empfand man die erfolgreiche Evakuation der
britischen Truppen von Dunkerque, auch General de Gaulle entkam nach
England.  Sein Name war mir gut bekannt, schon durch Schwarzschilds
Tagebuch, durch seinen vergeblichen Kampf um stärkere Tankausrüstung
der französischen Armee.  Noch in Warschau hatte man gesagt, wenn
doch nur die polnische Armee seinen Ansichten in den späteren 30er
Jahren mehr Beachtung geschenkt hätte.  Die Lage nach der Evakuation
von Dunkerque machte mir schwere Sorgen über Mariannes Schicksal.
Hatte sie sich evakuieren können, hatte sie die richtige Entscheidung
dafür getroffen?  Sollte man telegraphieren, mit Zensur im Kriege?
"Nihil nocere" hatte mir einmal ein Arzt als seine wichtigste Maxime
genannt.  Es ist eben nicht immer richtig.  Ich habe nicht
telegraphiert, ich weiß nicht, ob es sie erreicht und auch noch hätte
helfen können.  Sie ging einem tragischen Schicksal entgegen.

Die nationalsozialistische Propaganda über bevorstehende Invasion in
England stiftete Verwirrung und Unsicherheit.  Aus Berlin schrieb
Margot Epstein mit großer Besorgnis über die Verwandten, die es
geschafft hatten, nach England auszuwandern.  Diese Gedanken teilte
ich nicht, der Kampfwille und die Zuversicht, die von Churchill
ausgingen, waren sehr überzeugend, die Türken blieben auch bei ihrer
ganz eindeutigen proenglischen Haltung.  Man sagte ihnen nach, daß
sie eine gute Armee hatten, jedenfalls bedeutende Truppenstärke.
Nachdem Italien im Juni auch in den Krieg eingetreten war, schien
eine Ausdehnung auf das Mittelmeer zu drohen.  Ich fand vieles an der
türkischen Machtstruktur damals eindrucksvoll.  Die modernistische
und laizistische Bewegung Kemal Atatürks versuchte Land und
Gesellschaft an westliche Ideen und Formen anzugleichen.  Verglichen
mit anderen "Parteidiktaturen", die im 20.Jahrhundert erwachsen waren,
schien mir diese 1940 zivilisiert und mit einer grundsätzlichen
Ausrichtung, die zu der stillen Allianz mit den Westmächten durchaus
paßte.  Eine Richtlinie war gewiß auch das alte Gefühl der Bedrohung
durch Rußland, das immer dominiernd zu sein schien.

Ich hatte angefangen, etwas Türkisch zu lernen, so konnte ich auch
verstehen, woher der Drang nach einem türkischen Geschichtsbewußtsein,
unabhängig von arabisch­islamischer Kultur genommen wurde.  Es war
ja alles auf lateinische Schrift umgestellt, in Postämtern konnte man
noch manchmal sehen, wie ältere Beamte sich unter dem Schaltertisch
noch Notizen oder Kalkulationen in arabischer Schrift machten,
eigentlich war es verboten.  Die Verwaltung beruhte auf ältester
Tradition, manches noch von Byzanz herkommend, sagte man.  Es gab
einen Bazar, aber Handel und Wirtschaft waren doch stark in den
Händen von Minderheiten, Griechen und Armeniern und nicht zuletzt den
Juden, den länger eingesessenen sephardischen und auch später einigen
aus Rußland zugewanderten.  In türkischen Familien war es mehr üblich,
seine Karriere im Militär oder der Verwaltung zu suchen.  So ergab
sich für die neue modernistische Jungtürkenpartei ein Aufgabenraum,
türkische Wirtschaftsentwicklung vom Staat her zu stimulieren, also
eine ähnliche Ausgangposition für Etatismus, wie ich sie von Polen
her kannte.

Von polnischem Etatismus und neuer wirtschaftliche Intelligenz bekam
ich in Istanbul noch einiges mehr zu sehen, mein Freund Daniec blieb
nicht der einzige, Istanbul war ja ein lebhafter Durchreisepunkt für
die verschiedensten polnischen Flüchtlinge geworden.  Der Präsident
von Dal in Polen war der Senator Roman Przedpelski gewesen, er wurde
oft erwähnt, war auch aus Polen entkommen, noch im Balkan, sollte
auch auf der Weiterreise durch Istanbul kommen.  Dieser Name war mir
sehr bekannt, denn sein Bruder war in Oberschlesien als Verwalter des
größten Bergbau­ und Hüttenkonzerns vom Staat eingesetzt worden (2).
Als Zeichen für die erfolgreiche Profilierung solcher neuen
polnischen Wirtschaftselite schien mir auch bemerkenswert, daß im
Verlaufe des Krieges und danach eine Reihe polnischer Berg­ und
Hüttenfachleute in westlichen Ländern große Anerkennung fanden.

Meine Eindrücke und Kenntnisse der wirtschaftlichen Entwicklung in
der Türkei waren in der nur kurzen Zeit meines Aufenthalts nicht sehr
eingehend, aber da ich mich interessierte und durch meine
geschäftlichen Anstrengungen bekam ich doch Einiges zu hören.

Es gab die beiden zur Wirtschaftsförderung gegründeten neuen
staatlichen Banken, die Etibank, hauptsächlich für Bergbau, die
Sumerbank für Verwaltung und Entwicklung von Industrie.  Die Etibank
hatte seit Kriegsausbruch das Monopol für Chromerzexport, damals
sollte keines nach Deutschland gehen.  Schon die Namen der beiden
Banken fand ich interessant, bei Etibank kam er von den alten
Hethitern, Sumerbank von den Sumerern.  Mit dem Streben nach einem
neuen, säkularisierten, von jeder arabischen Akulturierung
unabhängigen türkischen Nationalbewußtsein wollte man also weit
zurück in die Vergangenheit reichen.  Die archäologische Suche nach
den Hethitern erregte damals viel Aufmerksamkeit, es wurde viel über
Bogazhkoi gesprochen, ich hatte auch unter den deutschen
Emigrantenakademikern in Istanbul den jungen, aber schon damals
anerkannten Hethitologen Dr. Güterbok kennengelernt.

Eine für mich nähere Bekanntschaft wurde aber der Nationalökonom Dr.
Kessler, aus Leipzig aus politischen Gründen emigriert, der
Vorsitzender des Verbands Republikanischer Hochschullehrer zu Zeiten
der Weimarer Republik gewesen war.  Er war auch einmal in Kattowitz
zu einem Vortrag im Deutschen Kulturbund, wo ich ihn gehört hatte.
Franks riefen an, um mich einzuführen.  Sabine Frank nahm regelmäßig
teil an Abenden bei ihm, wo oft Schauspiele deutscher Klassiker mit
verteilten Rollen gelesen wurden, und ich ging mit ihr.  Er
beeindruckte mich sehr, das Bild eines deutschen Wissenschaftlers,
von gediegener Sachlichkeit, mit einem weiten Blick, nicht nur auf
seinem Fachgebiet, sondern alles kulturelle und auch religiöse
einbeziehend, man konnte ihm nur mit großer Hochschätzung und im
Laufe der Monate auch Zuneigung begegnen.  Sein Vater war
protestantischer Geistlicher gewesen, Generalsuperintendent der
Kurmark, und er schrieb, unter anderem, gerade an einer Biographie
seines Vaters.  Er selbst war ursprünglich erst Althistoriker
geworden und dann zur Nationalökonomie gekommen, für die er den
Lehrstuhl in Leipzig hatte.  Dort war er bald nach Hitlers
Machtübernahme verhaftet worden.  Für mein Verständnis des türkischen
Wirtschaftslebens, aber auch des Kriegsgeschehens, war diese
Bekanntschaft sehr interessant, ich habe ihn oft gesehen.  Er nahm
mich auch mit in sein Institut an der Universität, und ich lernte die
türkischen Assistenten kennen, die er dort in
Wirtschaftswissenschaften ausbildete.  Von einigen anderen
Wirtschaftsexperten unter den deutschen Emigranten, die nicht an der
Universität, sondern in Regierungsämtern arbeiteten, lernte ich auch
den Agrarexperten Dr. Wilfrid Baade kennen (auch seine Frau, die aus
der Leinenfabrikantenfamilie F.V. Grünfeld aus Landeshut stammte), und
sah auch wieder Dr. Hans Wilbrandt, der bei unserer
mitteleuropäischen Studententagung 1931 in Preßburg gesprochen hatte.

Die Sommermonate 1940 der "Battle of Britain" waren für die Engländer
grausam und verzweifelt, aber doch erfolgreich verlaufen, und das
Gefühl unmittelbarer weiterer Bedrohung hatte sich gewendet.  Wie
aber sollte es weitergehen, woher sollte eine wirkliche Wende kommen?
Es war immer noch schwer, wirklich Zuversicht zu gewinnen.  Da
erinnere ich mich an meine Unterhaltungen mit Lotek Potok aus Bendzin,
der einer der vielen polnischen Flüchtlingspassanten auf dem Weg vom
Balkan nach dem Westen oder nach Palästina war.  Er war ein sehr
erfolgreicher Industrieller in der weiterverarbeitenden
Stahlindustrie gewesen, einer der Partner in dem Syndikat, das
gewalzte verzinkte Bleche nach dem Verfahren des polnischen
Ingenieur­Erfinders Sendzimir herstellte und diesem damit zu seinem
großen Erfolg verhalf.  Potok fand die Lage ganz einfach.  Die
Amerikaner hatten schon angefangen, England industriell massiv zu
unterstützen.  Sehen Sie, sagte er, wenn sie die Stahlproduktion der
Welt zusammenrechnen, auch wenn der ganze Kontinent Europa jetzt in
deutscher Hand ist, das Übergewicht bleibt schwer gegen die Deutschen,
und man kann sich darauf verlassen, sie müssen den Krieg verlieren.
Es war das Zuversichtlichste, was ich in jenen Tagen hörte, hatte er
Recht?  War das der allein wichtige Schlüssel?  Immerhin, ich habe
diese Unterhaltung mit ihm in Istanbul nie vergessen.

Aber mit Stahl allein Hitler aus Europa zu vertreiben, da fehlte wohl
doch etwas.  Wieder, wie Mitte der dreißiger Jahre, mußte einem dabei
auch Rußland einfallen.  War das nun doch der fehlende Faktor, auf
den man noch hoffen mußte?  Es interessierte mich immer sehr, Leute
zu treffen, die noch immer vereinzelt aus Lemberg mit den russischen
Schiffen ankamen, die vom Schwarzen Meer her durch den Bosporus ihren
Weg zum Hafen Istanbul nahmen, mit lauten Klängen der Internationalen.
Es gibt manchmal so Reaktionen, die man nur als ganz emotionell und
primitiv bezeichnen kann, so ging es mir einmal.  Jemand beschreibt,
wie die russische Polizei auftritt.  Man sitzt in einem Kaffee, in
Lemberg, sie kommen herein für eine Kontrolle, jeder mit zwei
Schußwaffen, eine nach rechts, die andere nach links vom Gang her
gerichtet.  Ich habe mir das vorgestellt, ich hatte von so einer
Szene noch nie gehört, die zwei Pistolen, oder was es war, für jeden,
das war mir zuviel.  Ich wußte wieder, das ist nicht für uns, es
bleibt ganz fremd.

Über meine Mutter hatte ich am 15. Juli aus Lemberg eine, wie ich es
damals empfand, Schreckensnachricht bekommen.  Sie war "nach Rußland
abgereist", und, wie sich bei Nachfrage herausstellte, sie war ins
Innere Rußland zunächst mit unbekanntem Ziel deportiert worden.  Die
Briefe, in denen sie die Reise in Viehwagen mit allen Entbehrungen
schilderte, waren herzzerbrechend, aber es waren gar nicht die
Grausamkeiten und Demütigungen erwähnt, über die man von
Deportationen in Viehwagen durch Hitlerdeutschland später hören
sollte.  Ich telegraphierte gleich an Brahams nach London und die
Britische Botschaft in Moskau, wo ja ein englisches Visum für meine
Mutter angekommen war.  Dr. Frank empfahl mich an einen prominenten
Patienten, der seit einiger Zeit in Istanbul stationiert war.  Sir
Dennison Ross war einer der führenden englischen Orientspezialisten,
ein älterer, sehr freundlicher Mann, halb Gelehrter, halb eben ein
prominenter Regierungsmann.  Er bot sofort an, einen Freund in der
Moskauer Botschaft zu alarmieren.  Ich blieb in schrecklichster
Ungewissheit, bis am 1.August Nachricht kam, daß meine Mutter in der
Sowjetrepublik Mariskaja angekommen war, anscheinend interniert in
einem Barackenlager im Wald.

Das Gute war, die Eltern und zwei Schwestern von Zygmunt Weingrün
waren im selben Transport und sie blieben zusammen.  Der Winter in
dieser entlegenen Gegend wurde hart.  Nach dem Krieg erfuhr ich, daß
man meiner Mutter Aufnahme in ein russisches Altersheim angeboten
hatte, aber sie dachte nur daran, uns Kinder so schnell wie möglich
wiederzusehen.  Vielleicht hätte sie eine bessere Chance gehabt, den
Krieg dort in einem Altersheim zu überleben.

Es wurde noch viel versucht, Mutters Ausreise aus Rußland zu
erreichen.  Die Russen verweigerten damals Gebrauch der alten
polnischen Pässe, wie meine Mutter ja einen hatte, für die Ausreise.
Die Britische Botschaft konnte kein "Laissez Passer" ausstellen.
Schließlich konnte ich durch den befreundeten Kattowitzer Zahnarzt Dr.
Fritz Reichmann aus Lissabon einen mittelamerikanischen Paß für
Mutter besorgen.  Mit dem englischen Visum, oder für Türkei und
Cypern, um die wir uns bemühten, hoffte man, darauf russische
Ausreiseerlaubnis zu bekommen.  Frau und zwei Kinder Dr. Reichmanns
waren in Lemberg immer sehr hilfreich zu meiner Mutter, ich hielt
auch weiter von Istanbul aus durch sie Verbindung mit Mutter im
fernen Marijskaja aufrecht.

Unterdeß hatte sich die Kriegssituation im Balkan und am Mittelmeer
sehr zugespitzt.  Schon im Juni war Rumänien gezwungen worden,
Bessarabien an Rußland abzutreten, im August/September andere Gebiete
an Ungarn und Bulgarien, und es war in Rumänien eine Nazifreundliche
Diktatur entstanden, der König Karol geflohen, antisemitische
Richtungen hatten die Oberhand.  Im Oktober besetzten die Deutschen
Rumänien, und es verbreitete sich Besorgnis in der Türkei, daß
deutsche Truppen auch Bulgarien besetzen und so an der türkischen
Grenze erscheinen würden.  Man gab sich zuversichtlich in der Türkei,
daß die Deutschen dort nicht einfallen würden, weil die türkische
Armee auf ihrem Gebiet erfolgreich Widerstand leisten könnte, aber
als Flüchtling vor Hitler wurde ich, wie viele ähnlich placierte,
doch sehr unruhig.  Es kamen viele weitere polnische
Flüchtlingsfamilien aus Bukarest auf der Durchreise nach Istanbul,
viele gingen nach Palästina, andere konnten sich z.B. brasilianische
Visen beschaffen.  Das tat ich denn auch und dazu noch von der
englischen Botschaft ein dazugehöriges Transitvisum für Palästina.

Italien griff Ende Oktober Griechenland an.  Die Türkei war
weitgehend abgeschnitten, jedenfalls für unsereinen.  Syrien, damals
noch von der mit Hitler zusammenarbeitenden französischen Regierung
von Vichy kontrolliert, kam als Durchgangsland auch nicht in Frage.
Der einzige Weg für Ausreise führte über den Hafen Mersin im Süden
der Türkei mit Schiff nach Haifa, und alle, die nicht Hitler oder
anderen Axismächten in die Hand fallen wollten, mußten ihn nehmen.

Man traf sich oft mit anderen polnischen Flüchtlingen.  Als
Neuankömmling stellte sich eines Tages Jozef Winiewicz vor, der
Chefredakteur des Dziennik Poznanski in Posen gewesen war, und setzte
gleich noch hinzu, er sei ein Endek, also zur nationalistischen
Rechtspartei der Dmowski Richtung gehörend.  Ich wunderte mich
eigentlich, wieso er das so betonen mußte.  Man sah ihn dann nicht
oft, aber eines Tages sah ich Daniec mit ihm durch den ganzen Raum
schnurstracks auf mich zukommen, und Daniec sagt mir, Winiewicz will
mich etwas fragen.  Er wollte wissen, wie ich mir für nach dem Krieg
die Grenze zwischen Polen und Deutschland vorstelle.  Offenbar wußte
er, wer ich war, woher ich kam.  Wie Daniec gesagt hatte, ich trug ja
meinen "preußischen Akzent" wie eine Fahne umher.  Ich war ganz
unvorbereitet auf diese Frage.  Es war schon richtig, die Battle of
Britain hatte Hitler schon so gut wie verloren und alle, die seine
Niederlage herbeiwünschten, sollten sich Gedanken über die Gestaltung
der Nachkriegszeit machen und dabei auch über künftige
deutsch­polnische Grenzen.

Wie es in Europa damals im Spätherbst 1940 aussah, schien mir die
Frage früh, und ich mußte sehr schnell denken.  Mit voller
Überzeugung habe ich dann geantwortet, ich fände die 1939
Vorkriegsgrenzen sollten wiederhergestellt werden.  Sie waren doch
gar nicht so schlecht gewesen, meinte ich.  Daniec schien meine
Antwort ganz gut und natürlich für mich zu finden, aber Winiewicz
erklärte nach einer Pause sehr entschieden und aggressiv, die Grenze
müsse weit nach Westen bis ganz an die Oder verschoben werden.  Ich
gab zu bedenken, daß dort doch gar nicht polnisch gesprochen wird.
Nach ihm war das belanglos, es seien alte slawische Gebiete und sie
müßten zu Polen kommen.  Daniec klopfte mir beruhigend auf die
Schulter und wir trennten uns (3).  Während der größten Nervosität
über deutschen Einmarsch in Bulgarien im November 1940 war ich nicht
nach Mersin abgefahren, um zunächst einmal nach Palästina
weiterzukommen, was viele gemacht haben.  Es stellte sich heraus, die
Flucht wäre auch nicht nötig gewesen.  Bulgarien wurde zwar im März
1941 doch von deutschen Truppen besetzt, aber Hitler hat die Türkei
nie angegriffen, und alle, die in Istambul blieben, sollten es gut
überleben.

Im September war Sir Dennison Ross gestorben, der sich für die
Ausreise meiner Mutter aus Rußland miteingesetzt hatte; ich nahm teil
am Trauergottesdienst in der Englischen Botschaft.  Nun am 14.
Dezember starb Alfed Palukka nach monatelangem Leiden, ich hatte ihn
immer seltener sehen können.  Bei der katholischen Beerdigung sah man
auch viele Deutsche.  Zu Weihnachten lud Dr. Kessler seine jungen
Freunde ein, sein Sohn lebte auch bei ihm, es war ein kleiner Kreis,
es waren auch mit mir einige andere jüdische Flüchtlinge da.  Es war
etwas Tragisches dabei, wie er sein Weihnachtsfest verbringen mußte,
denn seine Frau war in Deutschland, in Bethel beim Pastor
Bodelschwing.

Es gab anscheinend nicht nur den Herrn Winiewicz, der sich mit den
Problemen der Nachkriegszeit beschäftigte.  In der englischen
Botschaft sollte jemand auf Dr. Kessler als einen möglichen deutschen
Reichspräsidenten hingewiesen haben, wenn Hitler abgesetzt wird.
Vielleicht war Kessler durchaus geschmeichelt, als wir darüber
sprachen, aber er wollte nichts davon wissen, er könnte es sich gar
nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren und einigen
Leipziger Kollegen zu begegnen, die ihn nicht einmal im Gefängnis
besucht hatten.

Die Entscheidung, ob und wann ich weiterreisen sollte, wurde mir am
31. Dezember abgenommen.  Die Türkische Polizei verlängerte meine
Aufenthaltsgenehmigung nicht, und ich mußte sofort nach Mersin
abreisen.  Die Bahnfahrt ging durch Anatolien und dann die aufregende
Gebirgsszenerie des Taurus, ein großartiges Naturschauspiel.  An der
Mittelmeerküste in Mersin war man schon wieder in einer anderen Welt
nahe Syrien, auch bei der Bevölkerung merkte man das.  Das Hotel
hatte damals viele fremde Transitgäste verschiedener Nationen und
Herkunft, die den Weg rund um das Vichy Syrien machen wollten.

Man traf viele Bekannte, die kamen und gingen, ich versäumte die
nächsten Schiffe und war nicht der einzige.  Nachdem meine Mutter nun
im Innern Rußlands war, schien ihre baldige Ausreise noch schwieriger.
Man wußte damals nicht, daß nach schon sechs Monaten sich Rußlands
Stellung im Krieg und damit auch die Bedingungen der dorthin
verschlagenen polnischen Flüchtlinge entscheidend ändern würden.

Damals, Januar 1941, sah ich Erlangung eines türkischen Transitvisums
für sie zur Weiterreise nach Cypern als eine der wenigen Chancen für
sie, wieder mit ihren Kindern zusammenzukommen.  Ich wäre gern mit
dem Anwalt Halil Bey in Istanbul in engem Kontakt geblieben.  So
versuchte ich, wie ein Freund das nannte, mich noch in Mersin etwas
am Rand der Türkei festzuhalten.  Es war ja auch noch Vorsorge zu
treffen für Finanzierung der Weiterreise.  Viele polnische
Kriegsflüchtlinge wurden damals von der Exilregierung in London
unterstützt, doch dazu gehörte ich nicht.  Die Polizei drängte, wenn
immer ein Schiff abgehen sollte, und schließlich mußte ich auch eines
besteigen.  "Vous vous devez débrouiller" sagte der Beamte, und das
war es dann.  Es war ein kleiner ägyptischer Frachter mit
Passagierverkehr.  Die Hauptfracht schienen Schafe zu sein, in einem
großen offenen "Hold", aus dem ein penetranter Geruch strömte, der
den abenteuerlichen Charakter unserer Reise noch verstärkte.  Darum
herum saßen hunderte von einfachen Passagieren, die man um ihr Los
nicht beneiden konnte.

Etwas weg davon waren Kajüten, ich bekam einen Platz dort, mit
anderen polnischen Flüchtlingen.  Im Hotel hatte ich Jerzy Nowak aus
Kattowitz kennengelernt, er gehörte zu einer Gruppe, seine Schwester
war mit Lotte in der Schule bekannt, er wußte, wer ich war, zeigte
sich hilfreich.  Zu den Passagieren gehörten der Senator Roman
Przedpelski und Sohn, er hatte von meiner Assoziation mit TürkDal und
meiner Anwesenheit in Mersin bei der Durchfahrt in Istanbul gehört
und begrüßte mich schon im Hotel in Mersin dem entsprechend.  Er
erwähnte wieder, wie es schon Podczaski und Daniec in Istanbul getan
hatten, daß ich in Palästina mich immer an den dortigen langjährigen
Vertreter von Dal, Hermann Safir, auch aus Polen stammend, um Rat
wenden kann.  Das Schiff fuhr verdunkelt, das östliche Mittelmeer war
Kriegsgebiet.  Der Seegang war beträchtlich, meine Anfälligkeit für
Seekrankheit ominös.  Nach dem Abendbrot suchte der Ingenieur K., wir
hatten uns öfters im Hotel gesprochen, einen Vierten für eine
Bridgepartie, ich war bereit.  Die beiden anderen Partner, die K.
gefunden hatte, waren Roman Maier, den ich auch schon im Hotel in
Mersin kennengelernt hatte, Chefredakteur der Sanacja
Regierungszeitung in Kattowitz: "Polska Zachodnia", der andere war
Josef Winiewicz, und den kannte ich ja auch schon.  Ich konnte nicht
lange mitspielen, der Seegang wurde immer heftiger, einige verließen
schon den Raum, Bridge verpflichtet ja zu mehr, aber ich mußte mich
dann auch entschuldigen und in die Kajüte fliehen.  Mit Mühe schaffte
ich es am nächsten Morgen noch zum Frühstück, dann kamen wir in Haifa
an.  Die Polen hatten alle kaum Schwierigkeiten, Senator Przedpelski
wurde von Hermann Safir abgeholt und stellte mich ihm vor, er sagte,
ich solle ihn später in Tel Aviv anrufen, falls ich bei der Landung
Schwierigkeiten habe.  Bei mir verlief die Paßkontrolle gar nicht
glatt.  Der für die britische Mandatsverwaltung amtierende Inspektor
Tabori, wie man mir nachher sagte, ein ungarischer Jude, sehr bekannt
in Palästina, wollte alles über mich wissen.  Er prüfte auch die
ganze Korrespondenz, die ich mit mir führte, also mit meinen
Verwandten in London, auch der Mutter in Rußland, es war ja dort sehr
Verschiedenes.  Er mußte mich wohl nicht nur vom Standpunkt der
Mandatseinwanderungsbestimmungen prüfen, das war ja auch mein
Übergang in Kriegszeiten vom neutralen Ausland in Englisch
verwaltetes Gebiet.  Vielleicht war es Tabori gar nicht so vollkommen
fremd, ein polnischer Paß, aber jemand offensichtlich, auch in seiner
ganzen Korrespondenz deutschsprachig, und jüdisch, kam nicht mit
einem Zertifikat, sondern Transitvisum nach Brasilien, er wollte wohl
seiner Sache ganz sicher gehen.  Dabei war er sehr freundlich, aber
Landegenehmigung gab er mir nur gegen Zahlung eines Deposits von
Sechzig Pfund.

Ich konnte auf den Quai gehen, jedenfalls um zu telefonieren.  Das
Geld für das Deposit hatte ich nicht, ich war zuversichtlich, Herbert
würde mich da auslösen, aber anscheinend hatte ich nur drei Stunden,
dann sollte das Schiff nach Alexandria weiterfahren.  Es kam schon
ein Matrose, der mein Gepäck wieder an Bord nehmen wollte.  Man hatte
viel gehört über Flüchtlinge, die monatelang auf dem Mittelmeer
herumkreuzten, von manchen hatte man nie wieder gehört.  Ich hatte ja
schon manches mitgemacht, aber geriet in ziemliche Panik.  Sobald ich
annehmen konnte, daß Hermann Safir und die Przedpelskis schon in Tel
Aviv angekommen sind, rief ich dort an und erklärte meine Lage, hörte,
wie er mit Przedpelski sprach, und dann sagte er zu, das Deposit für
mich vorzuschießen und sofort alles Nötige zu veranlassen.  Das
Schiff wurde schon zur Abreise gerüstet, ich aufgefordert, wieder an
Bord zu gehen, da kam zur Zeit noch die Bestätigung, daß mein Deposit
bezahlt worden war.  Ich konnte an Land bleiben (4).


Aufenthalt in Palästina

Jetzt war ich also in Palästina, eine sehr wichtige, neue Begegnung.
Einmal das Land altzeitlicher jüdischer Vergangenheit, sehnsüchtiges
Ziel zionistischer Hoffnungen auf jüdische nationale Existenz, ein
Thema, dem ich neuerdings mit viel Sympathie, aber als wirkliche
persönliche Identifikation doch mit angeborenen Hemmnissen und
Vorbehalten bisher begegnet war.  Ich wollte es nun wirklich ganz
unvoreingenommen und mit soviel Idealismus wie möglich erleben.  Der
andere Aspekt, und vom Standpunkt meines Erlebens des Krieges ebenso
wichtig, ich war jetzt auf englischem Gebiet, auf der Seite, von wo
der Kampf gegen Hitler geführt wurde, die Seite der Alliierten, die
die Hoffnung aller Gegner des Nationalsozialismus wurde.

Meine Kontakte sollten sehr mannigfach sein, und da war die Frage, ob
ich werde bleiben wollen, und ob überhaupt bleiben können.
Aussichten für Weiterreise nach Brasilien waren ganz undeutlich, im
Gegensatz zu Bolivien hatte Herbert schon geschrieben, daß er in
Brasilien keine passenden Verbindungen hätte und mir dorthin nicht
helfen kann.  Man hatte mir für die Nacht ein Hotel am Hafen in Haifa
genannt, es gehörte Arabern.  Die arabische Umgebung im Hafengebiet
und Hotel war natürlich recht fremd.  Ich wußte von einigen alten und
neueren Bekannten in Palästina, aber von wenigen in Haifa.  Ich sah
den FWFer Grünpeter, auch aus Oberschlesien, der bei einer Bank
arbeitete, mir erste Informationen und auch die Adressen von
Bekannten gab, und beschloß, nach Jerusalem zu fahren.

Es war nicht leicht, dort Unterkunft zu finden, und ich weiß nicht,
wer mich ins Hotel Zion brachte.  Es wurde von einem vollbärtigen
Besitzer streng orthodox geführt, so streng, das war wieder soviel
fremder als alle die guten Bekannten und Freunde, die ich in
Jerusalem wiedertraf.  Das Klima schien mir gar nicht zu bekommen,
ich hatte das stärkste Asthma und andere allergische Krämpfe,
Freitagabend ging das Licht aus, und man konnte es auch nicht mehr
anzünden im Hotel.  Die Wirtsfamilie nahm auch gar keine Notiz davon,
daß es einem schlecht ging, etwelcher Enthusiasmus über die neue
Umgebung wurde bald gedämpft.

Es war anders mit den vielen Freunden und Bekannten, die ich
wiedertraf.  Da war Erich Markus aus Gleiwitz, Musikenthusiast; als
Zahnarzt hatte er wohl Telefon, das war dort gar nicht so
selbstverständlich damals.  Otto Lilien selbst war bei der Royal
Airforce in Kairo, aber Lore Lilien war da, auch der einstige
Schulkamerad und FWV Bundesbruder Hans Roman.  Ganz große Hilfe in
meinen Krankheitsproblemen wurde der FWVer Max Altmann, einstiger
Mitarbeiter und Nachfolger von Kurt Lange in der Krankenkasse der
Studentenhilfe der Universität Berlin, jetzt Assistenzarzt am
Hadassahhospital bei seinem Onkel, dem Laryngologen Dr. Lachmann aus
Berlin.  Bald traf ich auch Franz Goldstein, von seinem ersten Exil
Prag noch rechtzeitig nach Jerusalem gelangt, mit seiner großen
Bibliothek, und als Musik­ und Filmkritiker bei der Palästine Post
tätig.

Mein Asthma nahm aber in wenigen Tagen solche Formen an, daß Max
Altmann mich ins Hadassahhospital in die 2. Medizinische Abteilung
bei Dr. Rachmilewitz einlieferte, der sich für mich als wunderbarer
Arzt erwies.  Ich teilte das Krankenzimmer mit einem jungen
Kibbutznik.  Mit seiner guten Stimme hatte sein Kibbutz ihn zur
Ausbildung nach Jerusalem geschickt.  Er schien ein einfacher Mensch,
aber sehr geweckt, gut gebildet, mit großem Enthusiasmus für die
Ideen des Kibbutz und das neue jüdische Palästina.  Meine Aussprache
der ersten hebräischen Worte fand er zwischen bedauernswert und
belustigend.  Ich sollte am Wort "bachur" versuchen, mich von meinem
hochdeutschen Akzent dabei zu befreien.  Es schien hoffnungslos.
"Jecke potz" sagte er verzweifelt, ich mußte an Daniec's Ausspruch
über meine preußische Akzentfahne denken, anscheinend blieb man
Fremder überall.  Verstehen lernte ich gut in den wenigen Tagen dort,
wie auch in einem bewußt nichtreligiösen Kibbutz jüdische biblische
Überlieferung ganz wie gegenwärtig als Folklore, wie
Sagenüberlieferung oder Märchen weitergelebt, ja erlebt wird, und es
wurde eine meiner wichtigsten Erfahrungen in Palästina.

Mein Aufenthalt war diesmal recht kurz, ich konnte bald entlassen
werden und zog in die Pension Shalwa, von polnisch­jüdischen
Einwanderen aus Sosnowitz geführt.  Die Gäste waren mehr im gewohnten
Stil, auch deutsch­jüdische, auch von der Universität.  Nun hatte ich
einige Wochen vor mir, in denen ich am Leben in Jerusalem teilnehmen
konnte.  Franz Goldstein war wieder ein interessanter Kontakt (5).
Seine Bibliothek war gut installiert, ganz anheimelnd für Besucher,
oft kam zum Beispiel Else Lasker­Schüler, schon sehr alt, mit viel
Zauber und Humor.

Eines Tages wollte sie eine Art Séance vorbereiten, so viele wie
möglich sollten zusammensitzen und durch ganz starke Konzentration
ein Ereignis herbeiwünschen, das den Fall des Hitlerregimes nach sich
zieht.  Sie war sicher, durch starke Konzentration könnte man das
erreichen.  Ihre Idee war, man muß sich ganz auf die Person Hitlers
konzentrieren und wünschen, daß er eine ganz große Dummheit begeht,
zum Beispiel in einem Argument mit einem seiner Generäle diesen
ohrfeigt.  Bin ich nicht auch der Ansicht, fragte sie mich, daß
Hitler dann gestürzt werden würde?  Das habe ich schon bestätigt,
aber taktvolle Zweifel angemeldet, daß man so etwas tatsächlich
herbeiwünschen kann.  Mit einem so wundersamen Menschen wie ihr mußte
man ja behutsam umgehen.  Das Thema wurde auch allgemein akzeptiert,
die Session fand später auch statt, aber ich mußte mich entschuldigen.

Heute weiß ich nicht einmal mehr, nach aller Literatur, die es über
die Reaktionen und Nichtreaktionen der Generäle in der Hitlerzeit
gibt, ob solch eine Entgleisung Hitlers damals wirklich zu seinem
Sturz geführt hätte.

In seinen Anschauungen hatte sich Franz Goldstein, er schrieb immer
noch als "Frango", immer besonders mit Max Brod und Arnold Zweig
verbunden gefühlt und war in Kontakt mit beiden geblieben.  Max Brod
blieb eine Säule zionistischer Gesinnung, aber Arnold Zweig war, so
erzählte Frango, von viel stärkeren Zweifeln und Entfremdung befallen.
Frango war es ähnlich ergangen, seit er von Prag nach Palästina
weiterreisen mußte.  Er hatte in Jerusalem durchaus Anklang und
Anschluß gefunden, materiell aber war es noch problematisch, aber da
war er nicht allein.

Außer für die Palästine Post schrieb er dann auch für die Zeitschrift
"Orient" (6), die von Arnold Zweig und Wolfgang Yourgrau
herausgegeben wurde und sich stark für jüdisch­arabische
Verständigung einsetzte.  Darin gehörte sie zu der vom Rektor der
Universität Dr. Magnes geführten Bewegung, der auch Martin Buber
nahestand.  Dessen Rolle im damaligen jüdischen Palästina schien mir
bezeichnend für die Schwierigkeiten, einige Züge deutsch­jüdischer
Tradition in den Strom der Entwicklung zionistischen Denkens
einzufügen.  Das betraf nicht nur solch geistige Prominenz, auch alte
oberschlesische Zionistenführer, die ich traf, fühlten sich deutlich
ausgelassen, als ob sie nicht Jahrzehnte lang für den Zionismus
gearbeitet hätten.  Es gab nur wenige, die damals ihren Begabungen
und früherem Wirkungskreis entsprechende Stellungen einnahmen, z.B.in
der Verwaltung Fritz Naphtali und im Bildungswesen Ernst Simon.
Durch Lore Lilien lernte ich im jüdischen Bezalel Museum in Jerusalem
Jakob Steinhardt kennen, einen alten Freund des Malers E.M. Lilien,
und eine andere interessante Begegnung arrangierte sie für mich mit
der Witwe Eliezer ben Jehudas, Pioniers der neuen Hebräischen Sprache,
nach dem prominente Straßen in allen Städten benannt waren.  Die
eindrucksvolle alte Dame kam wie ihr Mann aus Rußland, sprach
fließendes Deutsch, verwaltete sehr aktiv die Herausgabe des
Hebräischen Lexikons und anderer Werke.  In der lebhaften
Unterhaltung stellte ich auch Fragen über weitere Entwicklungen, denn
ich wußte, daß ein Sohn in Tel Aviv für die Übernahme lateinischer
Schrift für das Neue Hebräisch eintrat, ein paralleles Thema war mir
ja vom Aufenthalt in der Türkei her geläufig.  Es schien mir nicht,
daß sich die Frau Elieser ben Jehudas mit den Bestrebungen des Sohnes
identifizierte.  Sie erwähnte aber ein anderes Thema, Reform der
hebräischen Grammatik, das hätte ihrem Mann sehr am Herzen gelegen,
aber, sagte sie, wie mir schien etwas kryptisch, jetzt während des
Krieges kann dafür ohnehin nichts getan werden.  Wieso, fragte ich.
Ihr Mann hatte immer gesagt, daran würde er nur mit Hilfe eines
bestimmten deutschen Philologen arbeiten können, und den könnte man
ja jetzt während des Krieges eben nicht hinzuziehen.  Ich war
erstaunt, es schlug da ein Cord an, der mir ja von meiner
Beschäftigung mit der Literatur deutscher Alttestamentler über
israelitische Geschichte und Religion so vertraut war, aus der ich ja
eigentlich glaube, mein bestes Verständnis für diese mir so wichtigen
Themen gewonnen zu haben.  So fühlte ich mich unerwartet recht zu
Hause bei dieser Unterhaltung.

Eine, wie mir schien, wichtige Perspektive für Palästina wurde mir
nahegebracht, als ich mich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühte.
Einer meiner Bekannten aus dem Demokratischen Studentenbund Berlin
war in Jerusalem erfolgreich geworden in einer der deutsch­jüdischen
Privatbanken.  Deren Anwalt arrangierte für mich einen Besuch im
Immigrationsdepartment der Britischen Mandatsverwaltung, wo ich von
einem Mitglied der arabischen Familie Nashashibi empfangen wurde.  Im
Gegensatz zu dem Großmufti aus der Familie Husseini, der scharf gegen
England Stellung nahm, waren Mitglieder der arabischen Familie
Nashashibi auf Seite der Alliierten und, so meinte man, vielleicht
eher zu einem Zusammenleben mit den Juden in Palästina bereit.  Die
Unterhaltung spielte sich in vollendeter Höflichkeit ab, und ich habe
mich oft an die Haltung dieses damals noch jüngeren Mannes erinnert.
Sie vermittelte mir den Eindruck der starken, alteingesessenen
Stellung der arabischen Palästinenser, aber, so dachte ich, auch eine
mögliche Hoffnung, daß bei gegenseitigem Respekt es eine Möglichkeit
für ein Zusammenleben geben könnte.  Ich erhielt eine mehrmonatige
Aufenthaltsverlängerung für mein Transitvisum.

In diesen Wochen konnte ich auch die Altstadt, Klagemauer und andere
berühmte Stätten in Jerusalem besuchen, die Hebräische Universität
und die Bibliothek.  Aber meine Zeit dafür lief bald ab.  Von der
Pension Shalwa war ich grade in eine Wohnung im gleichen Haus
umquartiert worden, und die Frau Justizrat aus Köln war, wie sich
herausstellte, die Schwester des Dirigenten Otto Klemperers, es waren
all die alten Möbel da.  Mein Asthma nahm wieder bedrohliche Formen
an, Max Altmann nahm mich wieder in die Hadassah, diesmal in die 1.
Medizinische Klinik, wo mich ein deutscher Professor behandelte.  Ich
wurde dort vier Wochen gehalten, quälend und mit nachhaltigem Schaden,
trotz des Vorgangs der früheren erfolgreichen Behandlung.  Zum
Schluß entschied der Professor, man müßte einfach einen Tag wählen,
wo es mir einigermaßen ging, und dann sollte ich schnell packen und
nach Tel Aviv übersiedeln in der Hoffnung, daß es mir dort besser
gehen wird.  Ich hatte durch Beobachtungen festgestellt, daß ich,
wenn dem in Jerusalem besonders heftigen Chamsinwind zugekehrt, mehr
litt als abgekehrt vom Wind.  Es bestätigte sich auch, daß es mir
dann in Tel Aviv weit besser, wenn auch nie wirklich gut ging.

Im Hotel Hayarkon an der Ben­Yehuda­Straße in Tel Aviv war erster
neuer Eindruck die vielen Leute von der jüdischen "Bürgerwehr"­Truppe
der Haganah, die dort ein und ausgingen.  Diese jüdische
Selbstverteidigungsbewegung war gegenüber den schon so lange
anhaltenden Angriffen arabischer bewaffneter Gegner des Zionismus
entstanden.  Die jüdische Arbeiterbewegung schien ihre Hauptstütze zu
sein.  Meine Erinnerung aus diesen Tagen in Tel Aviv bleibt an
vernünftige und entschlossene Leute, oft schon gesetzteren Alters,
man fühlte die große Zuverlässigkeit ihres Einsatzes.  Unterdeß war
der Krieg dem östlichen Mittelmeer immer näher gerückt.  Die
Deutschen waren nach einem Proachse­Staatsstreich in Jugoslawien
eingefallen, machten die anfänglichen Rückschläge der Italiener in
Griechenland und Nordafrika wieder gut.  Tel Aviv war schon von
deutschen Luftangriffen bedroht, und Anfang Mai gab es in Irak einen
pro Hitler Putsch gegen die Engländer durch Raschid Ali, vom
Jerusalemer Mufti Husseini unterstützt, man war wieder im Feld
äußerster Spannungen.  Der Putsch im Irak wurde von den Engländern
bald unterdrückt, aber im Mittelmeer spitzte die deutsche Invasion
Kretas die Lage weiter zu.

In Tel Aviv hatte ich Verwandte wiedergefunden.  Meine Tante Edith
Samuelssohn aus Königsberg, Arztwitwe, selber einst schriftstellernd
und Mitglied des Deutschen Penclubs dort gewesen, war eine
Lieblingskousine meiner Mutter.  Ihre Tochter Eva war diejenige, die
sich für den Zionismus begeistert und bei Paltreu, der in Deutschland
entstandenen Treuhandgesellschaft für Auswanderer nach Palästina,
gearbeitet hatte.  So kam dann auch ihre Mutter, recht
unwahrscheinliche Kandidatin dafür von ihrem bisherigen Leben her,
nach Palästina, und auch Schwester Lilly, Goldschmiedin, mit zweitem
Vornamen Margarethe, die mit einem Arzt verheiratet war.  Ich lernte
in ihrem Haus viele ihrer meist Königsberger Freunde kennen und hatte
oft guten Rat und Zuspruch.  Tante Ediths Bruder war Paul Riesenfeld
aus Breslau, ein Musikkritiker und ­lehrer, etwas exzentrisch, der
nun für eine in deutscher Sprache erscheinende kleine
Emigrantenzeitung in Tel Aviv schrieb.

Zu meinen bereicherndsten neuen Bekanntschaften in Tel Aviv gehörte
Conrad Kaiser, der entfernt verwandt war.  Als Lotte später auch nach
Tel Aviv kam, wohnte sie mit Nina bei Kaisers, und ich nahm am
Mittagstisch teil.  Er war ein alter Zionist, KIVer, aber auch mit
erfolgreicher Karriere im preußischen Staatsdienst, zuletzt
Regierungsdirektor im Berliner Polizeipräsidium, mit weitem Horizont
und Interessen, besonders Geschichte, hatte eine ausgewählte, große
Bibliothek.  In seinen Ansichten war er ein Beispiel konsequenter
zionistischer Einstellung und Reaktionen auf alles was vorkam, und er
versuchte mir, das jeweils ganz klar zu machen.  Ich glaube, es war
ein Raubmord in Tel Aviv über den die Zeitungen berichteten.  Er
brach in Jubel aus, das war es, nun gab es auch jüdische Verbrecher,
die Juden waren auf dem Weg, ein normales Volk zu werden (7), das war
die Essenz des Zionismus.  Er konnte sehen, wie diese Interpretation
mich überraschte und mir gegen den Strich ging, aber er ließ nicht
locker.  Eine starke Bewunderung, die ich teilte, verband ihn mit dem
Werk Jakob Burkhardts, aber was für ein schrecklicher Antisemit er
gewesen sei.  Da war alle Literatur in seiner Bibliothek, auch
Burkhardts Briefwechsel mit seinem Freund Prehn, es war wirklich so.
Ein gemeinsames Interesse mit Conrad Kaiser war die Betrachtung
jüdischer Ursprünge und Geschichte im Lichte der Erkenntnisse der
alttestamentlichen Bibelkritik, auch hier war seine Bibliothek reich
versehen.

Einige der alten Freunde Conrad Kaisers lernte ich auch kennen und
besuchte auch Dr. Badt, den früheren Ministerialdirektor beim
preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun.  Er war selbst
Sozialdemokrat aber auch immer alter Zionist gewesen stark
angegriffen von der Rechten.  Seine Schwester Bertha Badt­Strauss,
Schriftstellerin, hatte ich oft in Dahlem gesehen, eine Schulfreundin
meiner Tante Grete, so auch eine Jugendbekanntschaft des Dr. Badt,
und er sprach von ihr.  Ich hatte wieder denselben Eindruck; Badt,
trotz großer Erfahrung in Politik und Verwaltung und alter Zionist,
wurde wie mancher andere deutsch­jüdische Einwanderer damals
außerhalb des zionistischen Establishment gehalten.

Als wie eine persönliche Ermahnung blieb am stärksten in Erinnerung
von allen deutsch­jüdischen Begegnungen mein FWV Bundesbruder Max
Pinn.  Er hatte sich in Berlin dem Kreis um Robert Weltsch
angeschlossen, war überzeugter Zionist geworden, arbeitete bei
Paltreu und war erst im letzten Moment nach Palästina gekommen,
studierte nun nochmals für sein juristisches Examen dort.  Wir hatten
einige lange abendliche Spaziergänge in lebhafter
Meinungsverschiedenheit.  Ich mußte mich an meine Spaziergänge in
München mit Walther Seuffert erinnern, aber diesmal ging es um ein
anderes Thema.  Ich hatte große Schwierigkeiten nicht nur für mich
selbst, sondern auch vom Standpunkt des deutsch­jüdischen
Assimilanten, und das waren wir ja beide gewesen, eine positive
Bilanz über das, was ich dort sah, zu ziehen.  Zuviel schien mir
verloren zu gehen, nicht bei der zionistischen Zielsetzung an sich,
sondern wie ich es empfand, daß sich die Dinge im Lande tatsächlich
entwickelten.  Sein Enthusiasmus war so groß, daß er all das bei
Seite schob.  Das ist die geschichtliche Entwicklung, sagte er, was
Du dabei empfindest, ist ohne Belang, wenn die Zeit über in der
Diaspora entwickeltes Gedankengut hinweggeht, dann muß es halt sein,
das wichtige ist, daß es ein jüdisches Palästina geben wird.  Strenge
Ermahnungen, er war ein Mensch geneigt zu einer Art eiserner
Disziplin, eigentlich sehr preußisch in seinem Charakter (8).  Wir
haben uns nicht geeinigt, ich fand, entscheidend muß sein, wie so ein
neues Judentum aussehen, sich gestalten kann.  Vor dieser großen
Frage war ich so skeptisch, ja vielleicht kann man sagen, entfremdet
geworden.  Das war noch ganz unabhängig von dem großen Problem des
Verhältnisses zionistischer territorialer Ziele zu der arabischen
Umwelt.

Ich hatte natürlich auch lebhafte Kontakte mit polnisch­jüdischen
Kreisen.  Abgesehen von vielen Kattowitzer Bekannten, zum Teil schon
in kurzer Zeit als Neuankömmlinge erfolgreich, so in der jungen
Diamantenindustrie, aber auch viele, die sich sehr quälten, sah ich
beinahe täglich einen Kreis, zu dem der mir von vielen
Vorkriegsartikeln bekannte Krakauer Nationalökonom Dr. Ludwik Berger
gehörte.  Ich hatte da schon einige gemeinsame Anschauungen über
polnische wirtschaftliche Probleme gefunden, und auch jetzt
verstanden wir uns gut über nun aktuelle Fragen.  Zu dem Kreis, den
ich fast täglich in einem Caffee am Dyzengoff Platz traf, ich war
unterdeß aus dem Hotel in ein möbliertes Zimmer in dieser Gegend
gezogen, gehörte auch Zygmunt Hochwald, Herausgeber der Krakauer
jüdischen Tageszeitung "Nowy Dziennik", eine der repäsentativsten der
großen jüdischen Minderheit in Polen.  Sie war prozionistisch,
säkular, für bürgerliche, assimilierte polnische Juden mit jüdischem
politischen Bewußtsein.  Es waren mehrere Journalisten da, und das
heißt ja oft, daß die Stimmung aufsässig ist, so gab es auch manche
Kritik an jüdischer Entwicklung und Politik in Palästina.  Die
offizielle Spitze der jüdischen Präsenz in Palästina war die Jewish
Agency, Sochnuth im jüdischen Sprachgebrauch dort.  Weitzmann war ja
im Ausland, der Statthalter war Ben Gurion.  Einige prominente
Vertreter der polnischen Juden gehörten zur Spitze.  Meine
Stammtischfreunde am Dyzengoff Platz schienen einen ganz guten
"Draht" dorthin zu haben.  Eines Tages kam jemand zurück aus
Jerusalem und sagte, wenn man da in die Sochnuth kommt, die sprechen
schon so, als ob sie morgen die Regierung des Landes sein werden.
Ich war bestürzt.  Das hatte nie zu meinem Blickfeld gehört.

Die Balfour Deklaration hatte eine "Heimstätte" für das jüdische Volk
in Palästina proklamiert, es war daraus schon eine starke jüdische
Siedlung entstanden, der Jischuw genannt.  Juden konnten auf vieles
dabei stolz sein und weitere gute Hoffnung haben, aber die Idee eines
jüdischen Staates anstelle eines Schutzes wie des von England
ausgeübten Mandates, das schien mir ein verwegener Gedanke mit all
den alteingesessenen Arabern herum.  Man war im ganz arabischen Jaffa
gewesen, im Bus von Jerusalem nach Tel Aviv durch ganz arabische
Gegenden gefahren, sollte, ja konnte es da einen jüdischen Staat
geben, war das sinngemäß, im wirklichen Interesse der Zukunft des
Jischuws?  Man schien auch etwas skeptisch an dem Caffeehaustisch, ob
solche Stimmung in der Sochnuth zeitgemäß oder wirklichkeitsfremd ist,
aber meine Reaktion war viel stärker, für mich ging schon die
Konzeption eines jüdischen Staats als Staat in Palästina zu weit.
Ereignisse seitdem haben meine damalige Reaktion ja weitgehend
überholt.  Ich frage mich heute, war das mein Wirklichkeitsempfinden
nach mehrmonatigem Aufenthalt in Palästina, oder ist da ein
Ideologieverdacht: die Idee einer Zionistischen Heimstätte schon,
aber die eines jüdischen Staates konnte meine assimilierte
Grundhaltung schwer vertragen.  Von dem eigentlichen Holocaust mit
Millionen jüdischen Lebens vernichtet, wußte man damals im frühen
Sommer 1941 noch nicht.  Es ging alles darum, daß Hitler besiegt wird
und das Hitlerregime von der politischen Szene Europas verschwindet.

Die Frage der Gestaltung der Nachkriegswelt in Europa beschäftigte
mich immer mehr.  Die Unterhaltung mit Winiewicz war da ein Stachel.
Mit solchen polnischen Zielsetzungen schien es mir schwer, sich ein
friedliches neues Europa vorzustellen.  Ich versuchte für solch ein
Europa eine Konzeption zu entwerfen und das sozusagen als
ausführliche Antwort in die Form eines Memorandums an die polnische
Exilsregierung in London zu bringen.  Ein wesentlicher Gedanke war,
die Formulierung von Kriegszielen der Alliierten dürfe sich nicht im
luftleeren Raum bewegen, eine Schlüsselfrage mußte sein, wie man sich
die Entwicklung in einem besiegten und von den Nazis befreiten
Deutschland vorstellen kann.  Das Postulat einer zunächst
vollständigen Entwaffnung Deutschlands nach diesem 2.Weltkrieg schien
unabweisbar, politisch sah ich die Antwort damals im Sommer 1941 in
der sofortigen Gründung einer Europäischen Union mit Einschluß
Englands.  Nach Wiederherstellung Frankreichs müßten auch die mittel­
und osteuropäischen Nachbarn Deutschlands so gestärkt werden, daß sie
eine wichtige Stütze für eine Europäische Union wären.  Deutschland,
zunächst unvermeidlich ganz entmachtet, könnte dann in eine solche
Union hineinwachsen.  Für WiederIdentifikation und gute Nachbarschaft
wäre das der hoffnungsvollste Weg. Darauf, daß dies dann auch gelingt,
muß man aber bedacht sein, daß drastische Grenzrevisionen auf Kosten
Deutschlands da nichts Gutes für die Zukunft bringen würden.

Meine Hoffnung war, daß entgegen den Ansichten von Jozef Winiewicz,
auf polnischer Seite die Konzeption eines starken Polens in einer
Europäischen Union, aber letzten Endes eben unausweichlich als guter
Nachbar eines reformierten, demokratischen Deutschlands Anklang
finden könnte.  Ich sprach häufig mit Ludwik Berger über mein Thema,
er verstand das gut.  Außerhalb des Zirkels, in dem wir uns trafen,
hatte er auch Verbindungen zu Kreisen der Londoner Exilsregierung.
Mein Entwurf für ein Memorandum wurde ganz umfangreich, ich gab es
ihm zu lesen, aber er kam zurück und fand, es sei für die damalige
Lage viel "zu liberal" und würde seine Wirkung verfehlen.  Ich hatte
es auf deutsch geschrieben, weder mein Polnisch noch damals mein
Englisch waren gut genug, ohne diesen Umweg auszukommen, ich hätte es
noch übersetzen lassen müssen.

Die "damalige Lage" hatte sich in diesen Wochen ganz entscheidend
geändert, schwerwiegendst durch den Einfall Hitlers in die
Sowietunion am 22.Juni 1941. Es war eine Überraschung, eine, meiner
Ansicht nach, nicht rational erklärliche Entscheidung Hitlers.  Auch
dabei machten also seine Generäle mit.  Da hatten Hitlers Gegener
gewartet, daß Rußland und die Alliierten sich doch noch
zusammenfinden, jetzt sorgte Hitler selbst dafür.  Die Chancen, daß
der Krieg gegen Hitler nicht nur in ein stalemate verwandelt, daß er
auch gewonnen werden könnte, schienen nun weit besser.  Die ersten
Nachrichten von der russischen Front waren allerdings beängstigend,
es war furchtbar von dem neuen riesigen Blutvergießen zu hören, das
Hitler da angefangen hatte.  Näher, im Mittelmeerraum, hatten die
Deutschen aber vorher nicht nur Kreta erobert, auch in Nordafrika
waren sie unter Rommel bis an die ägyptische Grenze vorgestoßen und
stellten eine akute Bedrohung dar.  Auf Cypern fühlten sich nach dem
Fall Kretas alle bedroht, die Grund hatten, vor Hitler zu fliehen,
und die britische Regierung veranlaßte ihre Evakuation, mit ihnen
auch die Familie Weingrün.  Es handelte sich aber um eine sehr viel
umfangreichere Aktion für polnische Flüchtlinge, denn die britische
Regierung hatte früher 500 polnische Flüchtlinge aus Rumänien nach
Cypern evakuiert, wobei es sich um die im Falle einer deutschen
Besetzung Rumäniens politisch am meisten bedrohten Personen handeln
sollte.  Die polnische Exilregierung in London war unter General
Sikorski als breite Koalition aller der Parteien von den
Nationaldemokraten bis zu den Sozialisten entstanden, die sich in
Opposition gegen die Sanacjagruppierung um Pilsudski gehalten hatten.
Deren Anhänger wurden von der Exilregierung so gut wie
ausgeschlossen.  Dafür wurden sie vornehmlich berücksichtigt, als die
Liste für die Evakuation von 500 Flüchtlingen nach Cypern aufgestellt
wurde.  Die eigenen Anhänger wollten die Parteien der Exilsregierung
lieber in wichtigere Zentren bringen.  Lotte und ihre Familie wurden
nun bei ihrer Evakuation von Cypern dieser polnischen Cyperngruppe
angeschlossen.  Für mich wurde es eine sehr bewegende Veränderung,
daß ich jetzt Lotte und ihre Familie wiedersehen sollte.  Die erste
Station der Evakuierung sollte Palästina sein.  Zygmunt Weingrün
wurde bei Landung gleich zur polnischen Armee eingezogen, er hatte
einst seinen Armeedienst gemacht.  Er war nicht der einzige, die
Gruppe war also kleiner geworden, es hieß bald, die Engländer würden
sie nach Nordrhodesien weiterevakuieren, um die Zahl der polnischen
Flüchtlinge in Palästina nicht weiter anschwellen zu lassen.

Unerwartet stellte sich für mich nun dieselbe Frage.  Ich hatte
beantragt, auf die Liste der polnischen Kriegsflüchtlinge gesetzt zu
werden, die vorläufig in Palästina bleiben konnten und als
Flüchtlinge betreut wurden.  In Istanbul hatte ich nur im polnischen
Konsulat einen neuen Paß bekommen und mich dabei auch zum Militär
nochmals stellen müssen, wurde aber nicht genommen; es war nun wieder
so.  Dann kam Bescheid, für Kriegsflüchtlingsstatus könnten sie mich
in Palästina nicht annehmen, aber mich als "War Evacuee" auf die
Listen für den Transport der Britischen Regierung nach Nordrhodesien
setzen.  Das war eine frappierende Entwicklung, da Lotte und ihre
Tochter auch dorthin gehen sollten.  Ich entschloß mich dazu.  Die
Weiterreise nach Nordrhodesien schien gar nicht so populär bei
manchen Mitgliedern der Cyperngruppe zu sein.  Einige der zum Militär
eingezogenen Männer hofften, ihre Familien könnten ihnen näher in
Palästina bleiben, auch andere zogen das vor, es wurde nur in
Ausnahmefällen erlaubt.

Immerhin ergaben sich verschiedene freie Plätze in der Gruppe, unter
den neu in Palästina hinzukommenden waren auch einige andere jüdische
Flüchtlinge aus Polen.  Alter und sehr gern wiedergesehener Bekannter
aus Kattowitz war der Tierarzt Dr. Ignacy Mann, er hatte unterdeß
eine rumänische Architektin geheiratet, und dann war dort das mir aus
Kattowitz bekannte polnisch­jüdische Arztehepaar Berman.  Lotte, die
von Cypern her schon viele Bekannte in der Gruppe hatte, versäumte
aber die Abreise der ersten Teilgruppe, Zyga wollte sehr, daß sie in
Palästina bleibt.  Vor der Abreise der weiteren Gruppe wurde sie
krank, ich stieg allein in den Zug, ohne sie.  Es war ein
schmerzlicher Abschied gewesen.

Der Transportleiter war Ing. K., Bekannter von Mersin und der
Bridgepartie auf der Schiffsreise, und es war gut, daß Dr. Manns da
waren.  Einige Tage vorher war ich noch nach Jerusalem gefahren, um
von Freunden Abschied zu nehmen.  Franz Goldstein benutzte immer noch
die Schreibmaschine, die ich ihm 1937 bei seinem Weggang von
Kattowitz gegeben hatte.  Nun borgte ich sie, um mir einige meiner
Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz abzuschreiben.  Ich dachte,
da ich jetzt auch ein Flüchtling war und weit weg ging, könnte ich
nicht jetzt die Maschine wiederhaben.  Er hatte eine Redaktion in
Jerusalem, ich dachte an mein Manuskript, an dem ich weiter arbeiten
wollte.  Er war sehr bestürzt, es ist doch sein Brot, sagte er, ohne
diese Maschine wäre er vollkommen gelähmt.  Ich habe sie dort
gelassen.

Eine Bekannte in einer Pension etwas außerhalb Jerusalems sagte mir,
es wäre ein Verwandter von mir da, Dr. Erich Sachs, von der Berliner
Konzertdirektion Wolf & Sachs, wir hatten uns nie kennengelernt.  Der
Weg zur Pension führte durch das Quartier Mea Shearim der
Ultraorthodoxen Juden, noch heute oft erwähnt und umstritten, und so
lernte ich noch einen weiteren Aspekt des jüdischen Palästinas kennen.
Besucht hatte ich auch von Tel Aviv aus verschiedene
genossenschaftliche Siedlungen, Moshaws, deutsch­jüdische
Hühnerfarmen, aber zu einem Kibbutz brachte ich es damals nicht.  Vor
der Abreise hatte man natürlich versucht, etwas über Nordrhodesien zu
erfahren.  Geographische Nachschlagewerke mußten her, etwas
Geschichte, aber Augenzeugen fanden wir nicht, es wurde doch
weitgehend eine Reise ins Unbekannte.


Reise nach Nordrhodesien

Die Eisenbahnfahrt in Palästina ging vorüber an einigen Siedlungen,
noch mit viel Grün, dann Wüste, bei El Kantara kamen wir an den
Suezkanal und Grenzkontrolle nach Ägypten, britische
Militärverwaltung.  Meine Korrespondenz und andere Papiere wurden
wieder eingehend geprüft, man nahm einige meiner Artikel aus der
Wirtschaftskorrespondenz für Polen und den Entwurf für das Memorandum
an die polnische Exilregierung weg, versprach, ich würde es später
wiederbekommen.  Ich war perplex, wie hatte man ausgesucht, welche
meiner Artikel zu weiterer Prüfung mitzunehmen und welche mir zu
belassen?  Aber es gab genug, was einen zunächst jetzt beschäftigte.
Der neue Zug, der uns nach Cairo bringen sollte, hielt auf einem
Bahnhof, als Alarm wegen eines deutschen Luftangriffs ertönte.
Schneller konnte es einem nicht klargemacht werden, daß man in
Kriegsgebiet war.  Es wurden ängstliche Minuten, umso mehr, als das
Gerücht aufkam, der Zug, der neben unserem stand, sei ein
Munitionszug.

In Kairo kamen wir zunächst in ein Lager, ein Teil des Transports
reiste weiter, aber das nächste Schiff mit Platz für unsere
Restgruppe ging erst in einigen Wochen.  Wir wurden ins Hotel
Lunapark, gut gelegen in der Stadt, einquartiert.  Natürlich bekam
ich kein Einzelzimmer, ich mußte es teilen, mein Zimmergenosse war
der Senator Rudolf Kornke, prominent in Oberschlesien als
Vorsitzender des Verbands der polnischen Aufständischen.  Als wenn
sich das jemand ausgedacht hätte.  Um mich klar zu identifizieren,
habe ich gleich gesagt, wer ich bin, nämlich der Sohn meines Vaters,
dessen Namen er ja gut kannte.  Er war ein sehr ruhiger Mann nicht
vieler Worte, aber mit sehr bestimmten Ansichten.  Bei einer
Unterhaltung über die Kriegslage, die Nachrichten von der russischen
Front waren weiter schlecht, fragte ich, hätte der Eintritt Rußlands
in den Krieg auf Seiten der Alliierten nicht die Aussichten auf eine
Niederlage Hitlers entscheidend verbessert?  Es entsprach der
allgemeinen Stimmung.  Nein, sagte Kornke, ohne den Eintritt der USA
in den Krieg kann Hitler nie besiegt werden.  Aber, meinte ich,
Roosevelt hat ja schon die vollste industrielle Unterstützung für die
gegen Hitler vereinigten Kriegspartner organisiert.  Nein, sagte
Kornke, das genügt nicht, nur Einsatz amerikanischer Truppen in
Europa kann die Situation wenden.  Es schien die nüchternste Analyse,
die ich bis dahin gehört hatte.  Die Japaner haben ja dann dafür
gesorgt, daß es dazu kam.  Als sie in Pearl Harbour angriffen, mußte
ich an den Senator Kornke denken.

Unseres war ein Turmzimmer, direkt unter dem Dach.  Es gab damals
auch in Kairo deutsche Luftangriffe.  Bei einem Alarm, und es wurde
ziemlich heiß, wollte ich ins Vestibül des Hotels gehen, wo in Mangel
eines Luftschutzkellers sich die Bewohner versammeln sollten.  Kornke
bestand darauf, oben zu bleiben.  Sind Sie wahnsinnig, sagte er, dort
unten fällt das ganze Haus auf Sie, wenn wir getroffen werden, hier
oben ist es vielleicht halb so schlimm.  Er klang sehr überzeugend,
ich blieb mit ihm oben, ungemütlich wie es wurde.

Tagsüber sahen wir uns kaum, er hatte seine Kreise und Freunde, und
ich hatte meine gefunden.  Mit den Manns und anderen meistens
jüdischen Evacuees machte ich Ausflüge zu den Pyramiden, auch den
Ausgrabungen in Sakara, die Museen waren leider wegen des Krieges
geschlossen oder sogar evakuiert.  Man besuchte Moscheen in der Stadt,
aber ich hatte auch noch meine eigenen, deutsch­jüdischen Kontakte.
Otto Lilien war im Stab der Royal Air Force als Experte für Aerial
Photography.  Er nahm mich in den jüdischen Servicemen Club mit, ins
Haus des FWV Bundesbruder Dr. Hermann Engel, als bekannter
Orthopädischer Chirurg aus Berlin nach Kairo emigriert und dort sehr
anerkannt, so war der Internist Dr. Rosenberg, den ich durch meinen
Onkel Walter Oettinger in Berlin kannte.  Ich ging in Synagogen, wie
ich es auch in Istanbul und Palästina getan hatte, der sephardische
Gottesdienst war schon vertraut geworden.  Assimilation gab es, viele
gute Bürger kamen mit Fez als Kopfbedeckung in die Synagoge.  Man
merkte sie aber auch sonst, es gab da reiche und vornehme
Kaufmannsfamilien, deren Häupter den Paschatitel trugen und gute
Beziehungen zum Königshof hatten.

Dann sah ich Dr. Hans Nissel, verwandt mit Familie Landshut in
Jerusalem, Verwandschaft unserer Sachs Familie.  Er war
deutsch­jüdischer Emigrant, Elektroingenieur, arbeitete in einer
dieser jüdischen Firmen und wohnte mit seiner Familie im schönen
Gartenvorort Madi.  Es waren viele Engländer da, zum ersten Mal kam
ich mit ihm auf einen Bowlinggreen.  Er war auch ein passionierter
Cellospieler, ich sah so auch Leben in Kairo von angenehmster Seite.
Aber der Krieg war furchtbar nahe, die Nazis machten nicht nur
Luftangriffe, sie waren vor der Tür, und der König, der es mit den
Engländern hielt, im Lande stark umstritten.

Die Britische Armee und ihre Verwaltung war überall sichtbar.  Es war
ein eindrucksvoller Apparat, der da zur Verteidigung Ägyptens und des
Mittleren Ostens aufgebaut wurde.  Die polnische Armee, die im
mittleren Osten gebildet wurde, war auch dabei, mein Schwager
Weingrün war damals bei Tobruk stationiert, ich habe ihn während
unseres Aufenthalts in Kairo nicht sehen können.  Es kamen dann die
Tage, wo wir stündlich auf den Befehl zur Weiterreise warteten.  Es
sollte ein nächtlicher Konvoy zur Hafenstadt Suez sein, sobald ein
Schiff zur Abfahrt bereit ist, und es durfte dann niemandem gesagt
werden, wann wir abfahren.  Es konnte also gar keine Abschiede geben.
Indem man selbst Abschied von Kairo nahm, wurde man nachdenklich.
Jetzt hatte ich seit Kriegsbeginn vom altbekannten mitteleuropäischen
Gebiet weg soviele alte Kulturstätten, Rom, Istanbul, Jerusalem und
Kairo gesehen, und nun ging es wirklich weit weg, ins Innere Afrikas,
wie mir schien.  Aber auch der Besuch in Kairo war ganz unter dem
Zeichen des Krieges, die Sorge, wie er weiter geht, und um all die
Lieben, die weiter in großer Not oder Bedrohung waren, die Mutter in
Rußland.  Von Marianne hatte man nur Rotkreuznachricht, sie war unter
Naziokkupation in Guernsey gekommen, und soviel Familie doch noch in
Deutschland, Beuthen, Breslau und Berlin zurückgeblieben.  Man fuhr
schweren Herzens in die unbekannte neue Welt.

Der Konvoy fuhr mit viel Vorsicht durch die Wüstennacht, in Suez
erwartete uns die "New Amsterdam", größtes, neugebautes holländisches
Passagierschiff gewesen, jetzt von den Alliierten als wichtiges
Truppentransportschiff benutzt.  Unsere polnische Evacuee Gruppe war
zusammen untergebracht, aber in den allgemeinen Räumen traf man sich
mit vielen Soldaten, die das Gros der Passagiere waren.  Die meisten
waren Urlauber, viele auch aus Südafrika.  Das wurde also gleich ein
Hauch der neuen Welt, in die wir reisten.  Gleich auf den Anfang der
Reise fiel das jüdische Neujahrsfest.  Einige in unserer Gruppe
legten Wert darauf, ich tat es auch, und so war es auch bei einigen
der Soldaten und Offiziere aus England und Südafrika, es gab einen
gut besuchten Gottesdienst.  Natürlich gab es dann auch viele
Unterhaltungen über Leben in Südafrika, wie war es im Vergleich dazu
in Nordrhodesien, wollten wir wissen.  Es war aber niemand da, der
wirklich dort gewesen war.

Auch die Schiffsreise stand ganz unter Vorsicht vor dem Feind, nicht
nur das Rote Meer, auch der Ozean bis nach Süden hinunter galt als
bedrohtes Gewässer.  Wir erfuhren, daß das Schiff uns nach Durban
bringen und wir von dort ohne Aufenthalt mit dem Zug nach
Nordrhodesien fahren würden.  Die Reise nach Durban dauerte wohl
etwas über zehn Tage, das kann ich noch gut schätzen, denn der letzte
Tag der Reise war der Versöhnungstag, es gab wieder Gottesdienst und
ich fastete, aber aß noch das letzte frühe Abendbrot, bevor wir in
Durban landeten.

In Afrika gelandet

Eine nächtliche Zugfahrt sollte unsere Gruppe zunächst von Durban
nach Johannesburg führen.  Dort hatten wir einige Stunden Aufenthalt.
Ich wußte, dorthin waren die Verwandten Mia Weissenberg und Kurt
Koenigsfeld emigriert und die Freunde Hans Kunz mit Frau Margot,
deren Eltern und ihr Bruder Ernst Koenigsfeld (EK).  Ich hatte die
Adresse von Kunz, alle kamen schnell auf den Bahnhof, mich zu sehen,
ich war ja von soviel näher ihrer Heimat frisch angekommen.  Sie
wollten viel von mir hören, aber es war auch schon Monate her, daß
ich von Kurts Schwester Erika Schlesinger aus Beuthen vor meiner
Abreise aus der Türkei noch gehört und Kurt nach Pretoria darüber
geschrieben hatte.  Es wurde ein sehr bewegtes Wiedersehen, dann ging
der Zug mit unserer polnischen Evacuee Gruppe weiter nach Bulawayo im
damaligen Südrhodesien.  Ich bekam noch die Adresse von Franz
Schalscha, ursprünglich aus Kattowitz, der zu den dort eingewanderten
deutschen Emigranten gehörte.  Wir mußten dort den Zug wechseln, mit
mehreren Stunden Aufenthalt konnte ich mich bei den Schalschas melden,
wurde sehr herzlich begrüßt und hatte nun einen freundschaftlichen
Kontakt in Bulawayo, der Stadt, die für das ganze damalige
Nordrhodesien die nächste "Metropole" war, zu der Eisenbahnverbindung
bestand.  Die ging über die Viktoria Falls, erste vorüberfahrende
Begegnung mit diesem großen Naturschauspiel, und dann Livingstone,
unser erster Halt in Nordrhodesien.  Auf dem Bahnhof erste Neugier,
man trifft einen Transportunternehmer, der Taxis hat, Furmanovsky,
Jude, das gibt es also auch.

Einige von unserem Transport waren dort platziert worden und stiegen
aus.  Ein Teil unserer "Cypern Gruppe" war ja schon vorher angekommen,
auf verschiedene Orte in Nordrhodesien verteilt worden, meist nicht
in Lagern, sondern in Hotels, und unsere Gruppe wurde auf diese Orte
nun auch verteilt.  Ich aber kam zu einer kleinen Gruppe, etwa zwölf,
die auf einer Farm 15 Meilen von dem Ort Monze wohnen sollten.  Auf
der Reise hatte uns von der nordrhodesischen Regierung aus Major
McKee, ein Geschäftsmann aus der Hauptstadt Lusaka begleitet, der dem
Parlament (Legislative Council) angehörte und uns nicht nur empfangen,
sondern auch beraten wollte.  Es hieß, natürlich wird arbeiten
können, wer eine Stellung finden kann.  Ich verwies weniger auf
meinen nationalökonomischen Doktor, als mein Diplom Kaufmanns Grad,
mit Betonung auf Buchhaltungskenntnisse; er meinte, wenn das so etwas
wie ein Chartered Accountant wäre, dann würde ich bestimmt gleich
eine Stellung finden.  Nordrhodesien war eine britische Kronkolonie,
deren Verwaltung und Beamte dem Colonial Office in London
unterstanden.  Im Norden hatte sich bedeutender Kupferbergbau
entwickelt, der die Kolonie kriegswichtig machte.  Neben Kupfer, Zink
und Blei fielen auch Kobalt und Vanadium an.

Der Farmer H.L. Savory erwartete uns an der Station Monze, wo auch
eine größere Gruppe ausstieg, die dort im Hotel untergebracht wurde.
Die Farm der Familie Savory war schon alt und für nordrhodesische
Begriffe ehrwürdig, ursprünglich vom Vater Savory angelegt, einstigem
Landvermesser der ersten englischen Kolonialregierung Nordrhodesiens.
Man hatte für uns sogenannte Rondavels (9) errichtet, ich bewohnte
eins allein.  Im alten Farmhaus hatte unsere Gruppe ihr Eßzimmer und
Aufenthaltsräume mit sehr schönem Garten, eine lange Allee mit
riesengroßen alten Bäumen führte vom Farmhaus des jetzigen
Farmerehepaars Savory zu unserem kleinen Evacuee Compound.  Von
meinen Freunden und Bekannten in unserer Reisegesellschaft hatte ich
mich in Monze verabschieden müssen, von der kleinen Gruppe auf der
Farm Savory kannte ich niemanden, es waren zum Teil etwas schwierige
Leute, aber ich kam gut aus.  Die Farm war für unsere Begriffe
riesengroß, hatte einen Viehbestand von etwa 2000 und großen
Maisanbau.  Die Schwarzen wohnten mit ihren Familien in Dörfern um
die Farm, zu der sie zur Arbeit kamen.

Natürlich war bei der Ankunft in Afrika diese Frage, wie es mit den
Schwarzen stand, ein Hauptgegenstand meines Interesses.  Ich
erinnerte mich an ein Buch, wohl etwa 1931 verfaßt, des damals
sozialdemokratischen Geographen Walter Pahl, der die Frage der
Schwarzen in Afrika als ein kritisches Problem der nahen Zukunft
beschrieben hatte.  Ich selbst hatte ja einmal diesen Seminarvortrag
über die Zukunft des Britischen Empires halten müssen, aber da
schienen etwaige Probleme auf den zentrifugalen Tendenzen in einigen
weißen Dominien und Indien, und nicht so stark auf der Frage der
Schwarzen in afrikanischen Kolonien zu liegen.  Pahl hat das wenig
später mit Blick auf Südafrika anders dargestellt.  Es war eine ganz
neue Begegnung für mich, nun inmitten dieser Fragestellung zu leben,
und da waren rein menschlich nun auch die ersten Kontakte mit
Schwarzen, zunächst einfach zu den Bediensteten, die für unsere
Gruppe in dem kleinen Evacuee Compound beschäftigt wurden, oder dann
auch die Hausangestellten des Ehepaars Savory oder Arbeiter auf der
Farm.

Die sechs Monate dort waren eine gute Einführung ins Leben in Afrika
(10), seine Reize als Gegensatz zum Leben in Europa, viele seiner
Probleme, Leben mit englischen Menschen in den Kolonien.  Mein
Englisch verbesserte sich entscheidend, ich hatte soviel Zeit dafür
und viel Verständnis und Hilfe von den Savorys.  Mit einigen aus
unserer Gruppe, die auch etwas Englisch konnten, hielten wir engen
Kontakt mit der Farmer Familie, spielten auch Bridge dort oder
sollten sie zum "Sundowner" besuchen.  Das waren die abendlichen
"Drinks" bei Sonnenuntergang, eine typisch koloniale Sitte, wurde mir
gesagt, man mußte um die Zeit seine Chininpillen nehmen, und dazu
mußte man natürlich etwas trinken.  Die Pillen mußte ich auch nehmen,
aber bekam trotzdem bald meine erste Malaria.

Als Tageszeitung brachte die Post das "Bulawayo Chronicle" mit kurzer
Verspätung, auch gab es die "Sunday Times" aus Johannesburg, aber für
wirkliche tägliche Nachrichten versorgte uns die BBC. Man konnte sich,
wie es die Savorys taten, Bücher aus den guten Beständen der
öffentlichen Bibliothek in Bulawayo kommen lassen.  In diesen sechs
Monaten wurde ich in meinem Rondavel, es hatte eine typische hohe
Decke, die auch das Dach war, aus Gras, ein unermüdlicher Leser,
natürlich nur englischer Bücher, viel Anthropologie, das war ja ein
sehr aktuelles Interesse in der neuen Umgebung, aber auch alle
politischen Fragen, die mit Afrika oder dem Kriegsgeschehen und
seiner Vorgeschichte zu tun hatten.

Es war ein großes Programm, aber bald nahm ich auch wieder mein
Memorandum über das erhoffte Nachkriegseuropa zur Hand.  Ich weiß
nicht mehr, wieviel mir davon nach der Grenzkontrolle am Suezkanal
noch übrig geblieben war, ich bekam meine Papiere von dort nie zurück,
ich machte wohl eine ziemlich neue Fassung jetzt, konnte eine
Schreibmaschine der Savorys dazu benutzen.  Ich konnte es doch
vorläufig erst in Deutsch schreiben, ein früherer polnischer Richter
jüdischer Herkunft hatte zugesagt, es mir ins Polnische zu übersetzen,
es kam aber nie dazu.

Im April 1942 fing ich dann an, in der Wirtschaft des "Copperbelt" zu
arbeiten, und da gab es neue Prioritäten.  Auch wurde dann klarer,
daß mein Bild einer Europäischen Union mit Rußland ruhig hinter
seinen alten Grenzen sitzend, kaum den Realitäten entsprechen würde.
Ich hatte es so erhofft, als beste Sicherheit nach dem Kriege für
alle, ich hatte beiseite geschoben, daß am 17. September 1939 ich ja
so spontan und panisch auf den russischen Einmarsch in Ostpolen mit
der Vermutung reagiert hatte, sie würden erst am Rhein Halt machen.

Durch die polnische Vertretung in Lusaka erhielt man auch regelmäßig
die in London erscheinende Exilpresse und Literatur.  Als wir in
Nordrhodesien ankamen, gab es dort eine Welle von Sympathie für die
Russen, die unter den heftigen Angriffen Hitlers verzweifelt kämpften,
und man konnte sich dem gar nicht verschließen.  Für mich kam noch
das Gefühl dazu, daß meine Mutter nun in deren Obhut war, durch die
Deportation vor den Nazis gerettet.  Die Freunde, die in Lemberg
blieben, waren den Nazis in die Hände gefallen, die ja in von den
Russen eroberten Gebieten sofort mit systematischen Massenmorden
begannen.

Die Lage der polnischen Flüchtlinge in Rußland dagegen hatte sich
langsam verbessert.  Die Sowjetregierung erkannte die polnische
Exilregierung in London an, es wurden Vereinbarungen über Bildung
einer polnischen Armee in Rußland aus dort befindlichen Flüchtlingen
getroffen, dann aber Pläne für deren Evakuation über Persien in den
Westen gemacht.  Meine Mutter konnte zusammen mit den alten Weingrüns
und Töchtern Andzia und Irene aus der Internierung in Marijskaja auf
langem Weg zunächst in die provisorische Hauptstadt Rußlands in
Kuybishew auf der Wolga fahren, wo auch die englische und polnische
Botschaft waren.  Meine Mutter erhielt dort im Oktober 1941 einen
neuen Paß und ihr englisches Visum, dann fuhren sie weiter nach
Uzbekistan, von wo manche polnischen Flüchtlinge dann über die Grenze
nach Persien gehen konnten.  Besonders diejenigen, die Angehörige in
der polnischen Armee hatten, bekamen dazu die Erlaubnis.  Obwohl mein
Schwager in der polnischen Armee in Egypten diente und meine Mutter
ein Visum nach England hatte, wurde sie in keinem der polnischen
Transporte mitgenommen.  Auch vorsorgliche Bitten um Hilfe bei der
polnischen Regierung in London hatten nicht geholfen.

Der Vater Weingrün war unterwegs in Taschkent gestorben.  Als meiner
Mutter die Ausreise verweigert wurde, blieben die alte Frau Weingrün
und Tochter Andzia mit ihr zusammen in Uzbekistan in der Stadt
Kermine zwischen Bokhara und Samarkand.  Für viele ein Land
märchenhafter Erzählungen, aber sie haben dort sicher in großem Elend
leben müssen.  Meine Mutter ist dort am 30.November 1942, wie man mir
später sagte, an Typhus gestorben.  Der Taschenkalender, den sie seit
1939 führte, hat sich erhalten, da steht noch unter den Adressen
"Mein geliebter Walter c/o Savory Monze Northern Rhodesia", also daß
ich in Nordrhodesien gelandet war, hat sie noch erfahren, hoffentlich
auch noch Briefe von mir gehabt.  Über ihren Tod hörte ich erst im
April 1943 von Lotte aus Tel Aviv, es war eine tragische Botschaft,
sehr großes Leid.

Damals war ich schon ein Jahr lang weg von der Farm bei Monze und
arbeitete im Copperbelt.  Als es in meinen ersten Monaten auf der
Farm diese Welle der Sympathie für das mitkämpfende Rußland gegeben
hatte, wurde zu Spenden aufgefordert durch eine Gesellschaft der
Freunde Rußlands, und ich gab eine kleine Spende, die Savorys fanden
das richtig, sie hatten es auch getan.  Wie das aber schon mehrmals
gewesen war, dann gab es wieder Nachrichten über die abstoßenden Züge
des dortigen Regimes, es kam eine, die bei mir wieder eine
entschiedene Abwendung brachte.  Zwei Führer des
jüdisch­sozialistischen "Bund" aus Polen, Alter und Ehrlich, die auch
als Flüchtlinge in Rußland waren, wurden nach einem Prozeß erschossen.
Ich hatte die Nachricht in der polnischen Exilpresse gelesen.
Diese Sowjets waren immer wieder die alten.  Wer für Ansichten stand,
die nicht 100% Konform waren, mußte umgebracht werden.  Man konnte
sich nur abwenden, was für eine Tragik.  Es hieß nichts Gutes für die
Zukunft.

Mein Vetter Herbert hatte Verbindungen zu den zwei großen
Bergbaukonzernen, die in Nordrhodesien Gruben besaßen, da sie ja auch
Kobalt bzw.  Vanadium produzierten.  Es gab keine Vakanz bei
Anglo­American, aber durch Ronald Prain bekam ich eine Stellung bei
Mufulira Copper Mines, ging April 1942 dorthin, fing an im Magazin zu
arbeiten.  Der Chefarzt aber fand, daß mein Röntgenbild
Silikosisverdacht (Steinstaublunge) zeigte.  Es war gegen die Politik
der Grubengesellschaften, Silikosisverdächtige anzustellen.  Ich fand
eine andere Stellung im Copperbelt bei Northern Caterers, die alle
Hotels und Bäckereien dort betrieben.  Abgesehen von einigen
dienstlichen Zwischenaufenthalten in Kitwe und Luanshya blieb ich in
Mufulira, mit wechselnden Stellungen allerdings, bis Anfang 1947.
Dort habe ich dann also auch den weiteren Verlauf der Kriegsjahre
miterlebt.

Es waren dieselben Zeitungen wie in Monze, ich wurde auch Abonnent
der "Time".  Radioempfang war gut, man blieb doch ganz gut informiert,
außer der polnischen Exilpresse sah ich manchmal das deutsche
Emigrantenblatt "Aufbau" aus New York.  Ich teilte alle diese
Erlebnisse mit den etwa 2000 Europäern (10) in Mufulira.  Die
Mehrheit waren die Englischstämmigen, darunter manche Bergleute aus
Yorkshire oder Wales, viele Beamten der Grube, auch Südafrikaner,
englische oder Buren, auch einige jüngere ostjüdische Einwanderer und
sephardische Juden aus Rhodos und drei andere von den polnischen
Evakuees, zwei Juristen und ein Bankdirektor; wir hielten engen
Kontakt.

Von den nicht zur Grube, sondern wie ich zur kommerziellen Township
gehörigen, wurden zu engsten Freunden die Familien Mohrer und
Messerer aus Frankfurt und zwei Familien Illion aus Libau.  Es gab
eine sehr ungezwungene Gesellschaft, viel angeregte Unterhaltung und
auch Meinungsverschiedenheiten.  Zu den jüdischen Feiertagen gab es
kleine Gottesdienste, erst im Hause Mohrer, schließlich wurde eine
jüdische Gemeinde gegründet und sogar eine schöne, nicht zu große
Synagoge gebaut.  Es waren doch etwa 100 Mitglieder.  Die
Begeisterung besonders des jungen Messerers war inspirierend.
Schließlich war ich auch im Vorstand, als Kassierer.  Der Verlauf des
Krieges gab mehr Zuversicht, daß er mit einem Sieg der Alliierten
über Hitlers Axismächte enden würde.  Es gab immer noch viel
Ungewißheit, so im Fernen Osten und den U­Bootkrieg, aber in
Nordafrika und an der Ostfront hatte es doch deutliche Fortschritte
gegeben.  Zwei große Felder von Sorgen zeichneten sich ab.  Das eine
war das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, die in Hitlers Hand
gefallen war.  Man wußte über die Vorgänge in den Anfängen der
Besetzung Polens, hatte immer wieder von dort gehört.  Mit dem
Eindringen der Deutschen in Rußland waren noch schrecklichere
Nachrichten über systematische Ausrottung der dortigen jüdischen
Bevölkerung gekommen.  Eines Tages kam die Nachricht, daß aus dem
polnischen Untergrund Berichte nach London gekommen waren über den
Beginn von systematischen Vernichtungsaktionen auch im besetzten
Polen.  Die Meldung kam in sehr eindringlicher Form, nämlich daß der
Abgeordnete im polnischen Exilparlament in London, Schmuel Zygielboim,
sich aus dem Fenster gestürzt und das Leben genommen hatte, aus
Protest dagegen, daß es keine wirkliche Reaktion auf diese
Todesberichte aus Polen gegeben hatte.  Sein Selbstmord wurde
verschiedentlich von der Presse berichtet, aber die polnische
Exilpresse gab ihm natürlich das weiteste Profil.  Sein Name als
Führer des jüdischen "Bund" war mir ja von der Besetzung Warschaus
her vertraut.  Er hatte zu den zwölf Geiseln gehört, die für die Zeit
der Übernahme den Deutschen vom polnischen Verteidigungskomitee
hatten gestellt werden müssen.  Er war dann entkommen und nach
Aufenthalten in Brüssel und New York 1941 nach London gelangt.  Es war
eine erschütternde Nachricht zu einer Zeit, als das Vernichtungslager
Auschwitz mit seinen Cyclon B Anlagen noch nicht bekannt war.  Lager
wie Treblinka wurden aber schon erwähnt.  Man hörte auch von
Deportationen aus Holland und Frankreich und es gab so viele, um die
man sich persönlich Sorgen machte, eben auch die Schwester Marianne.
Es schien nichts zu geben, was von alliierter Seite getan werden
konnte, auch nicht nach dem großen Signal, das Schmuel Zygielbojm als
Protest des jüdischen Volkes gesetzt hatte.

Das andere Problem, auf das man zunehmend aufmerksam wurde, waren die
sich abzeichnenden Interessengegensätze zwischen den Anhängern
Rußlands und seines kommunistischen Regimes und den anderen Gegnern
Hitlers.  Da war nicht nur die wachsende Antipodie Rußlands gegenüber
der polnischen Exilregierung in London, mit der sie schon April 1943
die Beziehungen abbrachen und dann zur Bildung einer eigenen
polnischen, kommunistisch geführten Exilregierung in Rußland
schritten.  Es war auch die Entwicklung in Jugoslawien, die einen
beunruhigte.  Die von Moskau unterstützten Antihitlerguerillas Titos
machten bald bessere Fortschritte als die den alten jugoslawischen
Regimes treuen Guerillas Michajlowiczs, gegen die auch zu kämpfen den
Gruppen Titos gar nichts ausmachte, im Gegenteil, dieser Kampf schien
genauso ihr Ziel zu sein wie der Kampf gegen Hitler.  Das war auch
wieder beängstigend.  Auf alliierter Seite war die Entschlossenheit
zur siegreichen Beendigung des Krieges absolut vorherrschend, daher
hat auch die englische Regierung Churchills dann Tito aktiv
unterstützt, weil es die besseren Chancen für baldige Beendigung des
Krieges zu bieten schien.  Mit den polnischen Evacuee Freunden in
Mufulira teilte ich stark die Besorgnisse, die man für die künftige
Gestaltung der Dinge in Polen deswegen haben mußte.

In diesen Jahren waren für mich die Sylvesterabende immer ein Anlaß
für wehmütige Erinnerungen an das zu Hause, die Eltern, und alles,
was so vollkommen untergegangen zu sein schien.  Es gab immer Feiern
im Freundeskreis, einmal, wohl 1943/44 war es bei den jungen Illions
gewesen.  Danach hatte ich eine so besonders starke Erinnerung an
diese Abende einst zu Hause, und ich sah vor mir auch das Bild des Dr.
Hans Lukaschek, der ja einige Male Gast bei uns zu Hause an
Sylvesterabenden gewesen war.  Es war beinahe wie eine Vision, und
ich erinnerte mich an die spätere Begegnung in Breslau, als ihm die
Tränen über die Backen liefen wegen der Verhältnisse in Deutschland
unter Hitler.  Wo war das alles, gab es solche Leute noch in
Deutschland, fragte ich mich dann gerade in dieser Sylvesternacht im
fernen Mufulira.

Das nächste Jahr 1944/45, die Illions waren von Mufulira weggezogen,
beging ich den Sylvesterabend bei mir zu Haus mit den zwei Polen
Notar P. und Bankdirektor D. als meinen Gästen.  Mein Hausgehilfe und
Koch Moffat hatte eine schöne Ente bereitet, wir tranken
südafrikanischen Rotwein, es war ein nachdenklicher und sorgenvoller
Abend.  Eine Radiorede des neuen Premiers der polnischen
Exilregierung in London Mikolajczyk wurde von der BBC übertragen.
Die Russen hatten im Juli 1944 das Moskauer polnische Komitee als
polnische Regierung anerkannt; als die mit der Londoner Regierung
zusammenarbeitende polnische Untergrundarmee und die Bevölkerung eine
Aufstand in Warschau gegen die Deutstschen machten, verweigerte die
nahestehende russische Armee jede Unterstützung und erlaubte den
Deutschen diesen Aufstand blutig zu liquidieren.  Trotz
Luftunterstützung von den westlichen Alliierten kam es dazu.  Grund
für uns an diesem Tag zu düsteren Erwartungen.  Für mich waren das
nicht nur Gedanken an Polen und meine oberschlesische Heimat, ich
fühlte, wenn die Alliierten sich nicht stark machen, eine wirkliche
Unabhängigkeit Polens zu schützen, dann ist das ein schlechtes Omen
für das zukünftige Bild Europas.  Da war ich von den Ideen meines
Memorandums noch nicht weggekommen.  Ich habe damals wegen meiner
starken Gefühle für die Interessen der Polen gegenüber russischen
Vormachttendenzen viele Argumente mit meinen jüdischen Freunden und
Anfeindungen von Fernerstehenden gehabt.  Es war da ganz allgemein,
einfach wegen vermeintlichem besonders großem Antisemitismus der
Polen, ein starkes Vorurteil zugunsten der Sowjetunion bemerkbar.

Unter den ostjüdischen Minenarbeitern gab es einige, die stark
kommunistisch eingestellt schienen, es gab aber auch
revisionistisch­zionistische, alle etwas rabiater Disposition.  Von
den Linksstehenden wurde mir ausgerichtet, wenn mein Freund P. nicht
mit seinen besorgten polnischen, d.h. antirussischen Ansichten
zurückhält, dann könnte ihm eines Tages untergrund etwas passieren.
Das möchte ich ihm doch bitte sagen, es sei ernst gemeint.  Ich war
konsterniert, so eine Drohung von Leuten, die der Gesellschaft der
Freunde Rußlands nahestanden.  Sie hatte einmal eine Versammlung
gehalten mit Rednern aus Südafrika, zufällig saßen sie im Hotel am
Nebentisch, daher habe ich mir die Namen so gemerkt, es waren die
Advokaten Abraham Fischer und Zwarenstein.  Man hat die Namen dann
oft in Südafrika gehört.

Die Yaltakonferenz einige Wochen nach unserem Sylversterabend gab den
Russen weitgehende Handlungsfreiheit gegenüber der Londoner
Exilregierung Polens.  Es gab zwar Versprechen demokratischer
Verfassungen, man konnte hoffen gegen alle Anzeichen, aber im Grunde
genommen zeichnete sich eben ab, wozu es dann kam, die Zweiteilung
Europas.  Der Putsch gegen Hitler am 20.Juli 1944 war gescheitert,
der Putsch, den die deutsche Heeresleitung allerspätestens nach
Stalingrad hätte machen sollen, hatte nie stattgefunden.  Die
Alliierten hatten die bedingungslose Kapitulation Deutschlands schon
1943 als Ziel formuliert.  Es wurde klar, die Russen würden vorrücken
bis zu Linien, die man vereinbart hatte, und was hinter ihren Linien
sich politisch gestalten würde, darüber sollte man keine Illusionen
haben.

Ein anderes Thema heftiger Diskussion mit den jüdischen Freunden war
die Entwicklung in Palästina.  Für mich war die Verfolgung
zionistischer Ziele ohne Rücksicht auf bestehende arabische
Interessen nicht vorstellbar.  Eine alte Dame wies mich zurecht, sie
war nicht nur eifrige Zionistin sondern auch sozialistisch
eingestellt gewesen.  Sie sagte, die Interessen der Araber, das wären
doch nur feudalistische Interessen, sehen Sie sich doch ihre
Gesellschaftsordnung und Rückständigkeit an, Palästina kann doch nur
gewinnen durch einen zionistischen Staat.  Gewiß, ich dachte an
manches, was ich gesehen, und Rückständigkeit war schon da, aber
schon 15 Jahre vorher hatte ich Hans Kohns Buch "Nationalismus im
Vorderen Orient" gelesen, das hatte ein ganz anderes Bild der
nationalistischen Bewegung der Araber gegeben.

Im Argument über Polen und die Sowjetunion hat sich seitdem das Blatt
sehr gewendet.  Manche meiner Freunde von damals habe ich
wiedergetroffen, sie haben mir unterdeß Recht gegeben.  Nicht ganz so
ist es mit dem Argument über zionistsiche Ziele, unterdeß also den
Staat Israel.  Dabei hatte ich damals auch nach dem Weggang von
Palästina keineswegs meine Sympathie aufgegeben, war auch dem
Zionistischen Verein in Mufulira beigetreten, sogar sein Sekretär
geworden, lernte einige der südafrikanischen aktiven Zionisten kennen,
aber auf meine grundlegenden Vorbehalte bin ich immer wieder
zurückgekommen.

Um noch einen kurzen Blick auf meine berufliche Tätigkeit zu werfen,
Northern Caterers hatten mich zunehmend als Vertreter für abwesende
leitende Leute verwendet, auch in Kitwe im Hauptbüro der Gesellschaft.
Dort war wieder der Freund Wasserberger, als Neuankömmlinge das
jüngere Ehepaar Banasz, die in Polen nahe uns in Bendzin gelebt
hatten, er war Ingenieur, erfahren in Zinkweißproduktion.  Sie waren
intelligente und anregende Gesellschaft dort.  Ich verließ meine
Firma, denn ich hatte mich dort in Abwesenheit des befreundeten
Schulmanns von seinem Boss aus Bulawayo zurückgesetzt gefühlt, und
fand gleich eine neue Stellung bei den griechischen Unternehmern
Tatalias & Samaras in Mufulira, wo ich die administrative Seite zu
betreuen hatte.  Sie waren Kontraktoren mit Holzwirtschaft, Ziegelei
und hatten ein Fleischgeschäft, das aber bald von der größeren Firma
Werner & Co. übernommen wurde, die mir bei sich eine ähnliche
Stellung anboten, und dort habe ich dann bis Anfang 1947 gearbeitet.

Die Firma hatte die Verträge für die Fleischversorgung der großen
Mufulira­ und Luanshya­Minen.  Ich hatte als Dienstwohnung die Hälfte
eines Zweifamilienhauses, aber noch keine Familie, hatte mir ein Auto
gekauft.  Als nach Kriegsende der Leiter der Firma auf Urlaub nach
England ging, übernahm ich die Vertretung und bekam als Dienstwagen
einen großen Ford Mercury, also ich brauchte mich gar nicht zu
beklagen.  Die Arbeit hat mich auch interessiert.  Diese
Viehwirtschaft hatte schon ihre anregenden Seiten.  Es handelte sich
um große vertragliche Verpflichtungen.  In diesen halbtropischen
Gebieten konnte Vieh nur in bestimmten krankheitsfreien Zonen
gehalten werden.  Das Vieh für den Copperbelt mußte zum Teil über
große Entfernungen z.B. aus Bechuanaland (heute Botswana)
herangebracht werden, dazu über den Zambesi Fluß getrieben und dann
auf dafür gekauften Ranchen vorübergehend gehalten werden.  Der
energische Junior Partner der Firma war Harry Wulfsohn in Livingstone,
ein sehr begabter junger Mensch, mit dem ich gut auskam.  Er war zu
mir ausgesprochen freundschaftlich.  Es war verabredet, daß ich als
Nebenbeschäftigung weiter die Bücher des Kontraktorgeschäfts meiner
griechischen Freunde führen konnte, es gab sogar noch einen
Bauunternehmer in Mufulira, für den ich das auch tat, ich habe also
sehr hart dort gearbeitet.  Man fühlte sich auch wohl.

Der VE Day und wie sich Dinge, wo ich in Europa her kam, zu gestalten
schienen, machten eine Rückkehr nach Hause nicht ratsam.  Als
dauernde Lösung aber fand ich Nordrhodesien wohl doch nicht richtig,
weder für meine beruflichen Ambitionen noch die kulturellen
Interessen.  Ich ging zunächst einmal im September 1945 auf Ferien
nach Johannesburg und fand Atmosphäre und Leben dort sehr angenehm.
Unter den Verwandten, die ich auf der Durchreise im Oktober 1941 auf
dem Bahnhof wiedergesehen hatte, war Mia, nun Mary, Weissenberg,
unterdeß mit Herbert Priebatsch verheirat.  Sie hatten einen Sohn
Norman, Kurt Kingsfield war verheiratet mit Violet.  Was 1941 noch
gemeinsame Besorgnis war um die Familie, die unter Hitlers Gewalt
zurückblieb, nun war es Trauer und unbeschreiblicher Schmerz,
manchmal auch noch Ungewißheit und Warten auf weitere Informationen.
Volles Begreifen, was die Nationalsozialisten mit der jüdischen
Bevölkerung getan hatten, die ihnen in die Hände fiel, kam ja doch
erst nachdem alliierte Truppen diese Gebiete Europas befreit hatten.
Die Geographie dieser Vernichtungsgreuel nahm langsam Gestalt an vor
den Augen der Welt.  Da waren die Berichte über Lager wie
Bergen­Belsen, Buchenwald und andere, dann über Auschwitz und
Birkenthal, so nah bei Kattowitz, und man hörte immer mehr über die
Vernichtungslager weiter in Polen.

Mary und Kurt waren sicher, die Familie, die sie in Beuthen
zurückgelassen hatten, lebte nicht mehr, waren deportiert worden,
Mary's Eltern und Großeltern, Kurts Schwester Erika und ihre Familie.
Ich hatte von Marianne nichts mehr gehört, es war jetzt fünf Monate
nach Kriegsende in Europa, sie war wohl nicht mehr am Leben.  Hatte
man noch, gegen alles Wissen, gehofft?  Es gab ja einige wenige
Überlebende, die sich hatten verbergen können.  Es schrieb dann ihre
Kollegin, Mary Edwards, von ihrem Arbeitsplatz in Guernsay.  Marianne
hatte ihr noch nach ihrer Deportation aus Frankreich 1942 geschrieben,
sie war dann vom Sammellager Drancy im August 1942 nach Auschwitz
deportiert worden.  Solche Tragik des Schicksals, von den englischen
Channel Islands zu dieser Greuelstätte, so nahe ihrem zu Hause, wo
sie geboren war und aufwuchs, und wir alle waren schon lange weg (11).

Von den in Berlin zurückgebliebenen Mitgliedern der Grünfeld Familie
überlebte als einziger Hans Hirschel.  Er hatte eine wundersame
Rettung durch die mutige und aufopfernde Haltung und Tätigkeit von
Maria Gräfin von Maltzan, die ihn verbarg und ihm das Leben retten
konnte.  Sie heirateten nach Kriegsende (12).  Ich hatte auch bald
Briefe von Hans Hirschel und nahm Anteil an dem Wunder seiner Rettung.
Von den anderen Mitglieder der Familie waren die älteren Luzie
Hirschel und Felix Benjamin nach Theresienstadt, die vier Kusinen,
Kaiser und Epstein, nach dem Osten deportiert worden, Paul und Mimi
Grünfeld nach Lodz.  Sie kamen alle um.  Walter Oettinger wurde, wie
ich erst nach vielen Jahren feststellen konnte, im August 1942 zum
Ghetto Riga als "Jude" durch die Gestapo Berlin "evakuiert, ein
Todesnachweis...liegt nicht vor".

Mein Vetter Hans Gerber war noch 1939 nach England emigriert, diente
als Arzt in der englischen Armee, nach Indien und Burma gesandt als
Antimalaria­ und Bilharzia Spezialist.  Er blieb auch später ein
Fachmann auf diesem Gebiet.  Bald nach dem Krieg arbeitete er für
UNRA auch in Europa, wußte, daß sein Bruder Wolfgang im
Konzentrationslager umkam.

In Johannesburg lernte ich 1945 als weitere Verwandte Robert Grünfeld
und Joan kennen, er der jüngere Bruder des zum bekannten Bankier in
London gewordenen Vetters Henry Grünfeld aus der Zalenzer Linie der
Familie.  Ich traf weitere Freunde aus der FWV, Fred Rothberg und
Frau Grete geb. Schild, Heinz Kretschmer und andere Breslauer mit
ihren Familien.  Auch durch meine Kontakte in Mufulira machte ich
Bekanntschaften in Johannesburg.  Es war gut, andere Menschen, auch
Zeitungen und Buchhandlungen zu sehen, in einer größeren Stadt mal zu
sein, mit Naturschönheit mußte Johannesburg ja nicht unbedingt mit
der subtropischen Landschaft Nordrhodesiens konkurrieren.  Auf der
Bahnfahrt zurück entlang durch Bechuanaland machte ich die
interessante Bekanntschaft des Anthropologen Max Gluckmann, der
damals das Rhodes­Livingstone Institute in Livingstone leitete.
Durch meine anthropologische Lektüre noch auf der Farm Savory war ich
auf dessen Arbeiten und Veröffentlichungen aufmerksam geworden und
ein Leser geblieben.  Wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung, er
stand sehr links, wie mir schien.  Ihn interessierte, daß ich etwas
über Max Weber wußte, er meinte, ich könnte vielleicht am Institut
mitarbeiten, denn das würde gut passen.

Das hätte mich schon interessiert, aber ich dachte doch mehr an eine
Tätigkeit in der Wirtschaft.  Ich fühlte, ich hatte mich da gut
eingearbeitet und hatte Erfolg und Anerkennung gehabt.  Ich fragte
meinen Vetter Herbert, ob er Möglichkeiten in Südafrika und Rhodesien
für mich sehe z.B. für Einkauf von Erzen.  Ich berichtete ihm auch
über die Pläne für Bau eines Staudammes entweder am Zambesi vor der
Kariba Gorge oder am Kafue Fluß in Nordrhodesien, durch den billiger
Strom unter anderem für die Produktion von Ferrochrome aus
südrhodesischen Chromerzen bereitgestellt werden sollte.  Für das
nordrhodesische Kafue­Projekt trat besonders der Ingenieur Morris ein,
Mitglied des Legislative Councils für Mufulira, den ich auch besuchte.
Herbert zeigte sich damals sehr interessiert; seine Gruppe sei eine
der ganz wenigen im Britischen Commonwealth mit Erfahrung in
Ferrochrome Produktion.  Morris zeigte sich auch sehr interessiert,
aber die Pläne waren noch sehr unbestimmt.  Für Einkauf von Erzen im
südlichen Afrika erwähnte Herbert, daß er diese viel durch die Firma
Derby & Co. Ltd in London gekauft hätte, einer deren Direktoren,
Frederik Rau, käme demnächst nach Salisbury in Südrhodesien und würde
mich gern kennenlernen.  Ich traf ihn dort im Mai 1946.

Er erschien mir ganz als der gebürtige Engländer, der er war und den
ich erwartet hatte, aber dann stellte sich heraus, daß er einer sehr
frommen jüdischen Familie angehörte; der Vater war aus Fürth gekommen,
er sprach auch fließend Deutsch.  Fred Rau machte einen starken
Eindruck auf mich und ich konnte sehen, daß er das auf viele machte,
geschäftlich sowohl wie als Persönlichkeit.  Herberts Firma schien
ein wichtiger Kunde Derbys für ihre rhodesischen und südafrikanischen
Erze zu sein, und die Beziehungen sehr freundschaftlich.  Rau hatte
das Geschäft von Derby im südlichen Afrika besonders gepflegt, hatte
viele Monate im Krieg dort mit einem Auftrag des British Ministry of
Supply für die Beschaffung kriegswichtiger Rohstoffe zugebracht.
Derby dachten daran, jetzt eine Vertretung in Johannesburg
einzurichten, ich war daran natürlich sehr interessiert, er würde das
erwägen, sagte er, als ich an meinen Posten im Copperbelt zurückflog.
Nur nach wenigen Tagen bekam ich dort ein Telegram von ihm aus
Johannesburg, ob ich dort zu einer weiteren Besprechung sofort
hinkommen könnte.  Ich mußte nochmals um kurzen Urlaub bitten und
fuhr mit der Bahn.

Am Bahnhof wurde ich abgeholt von Fred Rau und Oskar Lazar, Inhaber
des Chemischen Laboratoriums McLachlan & Lazar, ein guter Freund
Derbys in Südafrika, der eine Handelsfirma "Minerals & Plant (Pty.)
Ltd" in Johannesburg gegründet hatte, um die Vertretung von Derby zu
übernehmen.  Der als geschäftsführender Partner von Lazar
vorgeschlagene junge Anwalt, den Fred Rau jetzt hatte kennenlernen
sollen, erwies sich als unverträglich und gab auf.  Fred Rau schlug
vor, daß ich in die neue Firma als geschäftsführender Partner
eintreten soll und diese dann die gemeinsame Vertretung von Derby und
der von Herbert geführten Grünfeld Gruppe übernehmen würde.  Man
besprach die Grundlinien von Verträgen dafür, nach wenigen Tagen flog
ich zurück auf meinen Posten in Mufulira.  Plan und
Vertragsbedingungen brauchten noch die Zustimmung aller Beteiligten
in London, ich mußte Einwanderungsgenehmigung für Südafrika
beantragen und sechs Monate Kündigung meines Postens in Mufulira
geben.

Wenn ich auf meinen Lebenslauf bis dahin, zum Jahre 1946,
zurückblickte, hatte ich ja immer wieder eine Menge gutes Glück
gehabt, aber es oft auch bitter nötig, denn so vieles kam mir da
nicht leicht bei.  Auch hier wieder gab es unerwartete
Schwierigkeiten, die Bearbeitung meines Einwanderungsgesuchs zog sich
hin, dann wurde es abgelehnt.  Es gab einen starken
Einwanderungsdrang, technische Berufe hatten bessere Chancen, für
meine geplante kaufmännische Tätigkeit war das schon schwerer, aber
mit den Empfehlungen der Beteiligten, der Auslandsvertretung des
südafrikanischen Bergbaudepartments in London und der Schwedischen
Botschaft in Pretoria hatte man gedacht, mein Antrag würde eine
sichere Passage haben.  Alle Beteiligten beschlossen erneute
Interventionen in Pretoria.

Unterdeß war meine Kündigungszeit aber abgelaufen, der Manager, den
ich vertreten hatte, aus Wales zurückgekehrt und ein Nachfolger für
mich aus Johannesburg geholt worden.  Ich verließ meinen Job und
beschloß aus Mufulira abzureisen, zurückblickend auf eine sehr
bedeutsame, auch etwas eigenartige und zurückgezogene, aber doch auch
wieder anregende und lehrreiche Zeit in meinem Leben.  Ich hatte mir
etwas Geld gespart und beschloß in Ruhe den Ausgang der weiteren
Anstrengungen in Pretoria abzuwarten.  Für einige Wochen ging ich in
die Hauptstadt Lusaka.  Dort gab es auch interessante Bekanntschaften
unter polnischen Evacuees, die in der Regierung Stellungen hatten,
zum Teil im Audit­ aber auch in anderen Departments.  Eine Bekannte,
Janka Süsskind­Scheck, hat dann sogar im nordrhodesischen
Regierungsdienst bis in die Jahre nach der 1964er Übergabe von der
englischen Kolonialverwaltung an die neue Regierung des unabhängigen
Zambias gearbeitet.

Dann ging ich nach Livingstone, die ursprüngliche Hauptstadt am
Zambesi, nahe den Victoriafällen.  Die ganze koloniale Besiedlung
Nordrhodesiens war ja sehr jung, sogar bei den Maßstäben meiner
Heimat im oberschlesischen Industriegebiet, aber diese kleine
koloniale Stadt Livingstone hatte schon so etwas wie Patina,
verglichen mit den ganz neuen Siedlungen im Copperbelt.  So
erschienen einem auch die jüdischen Kaufleute dort mehr
alteingesessen als alte Kumpanen anderer Alteingesessener in Bowling
oder Golfclubs und die Frauen bei durch die Kriegzeiten gegebenen
charitativen Gelegenheiten in Uniformen der St.Johns Brigade.
Besonders in Erinnerung bleibt mir die Familie Kopelowitz.  Sie
führten ein gar nicht pompöses, aber sehr stilvolles und gastfreies
Haus.  Er präsidierte auch über die jüdische Gemeinde, die Synagoge
war viel benutzt, es gab auch viel Jugend und verschiedene
Bekanntschaften mit deutschen jüdischen Emigrantenfamilien.  Auch
polnische Evacuees gab es in Livingstone.  Eines Tages hörte ich, daß
unter denen, die durchgereist waren, um nun doch nach Hause in die
Volksrepublik Polen zu gehen, auch der alte Senator Kornke war.
Meine Freunde aus Mufulira sind einige Jahre später dann auch zu
ihren Familien nach Polen zurückgekehrt.

Als Höhepunkt des Aufenthalts in Livingstone bleibt mir aber der
Besuch der Englischen Königsfamilie im Juni 1947 in Erinnerung.
Dieser war ausgedehnter für Südafrika und Südrhodesien.  Für die
damalige Kronkolonie Nordrhodesien war Livingstone der einzige Punkt,
in dem sich so alles für den Empfang des Königspaars zusammenzog.  Es
war eine außerordentlich wirksame und malerisch geplante
Veranstaltung.  Alle waren sehr aufgeregt und die Stimmung herzlich.
Außer den üblichen Empfängen für Behörden und Honoratioren unter der
Bürgerschaft gab es auch zwei großartig ausgedachte und aufgezogene
Veranstaltungen, die die Begegnung des Königpaares mit den schwarzen
Eingeborenen darstellten.  Sie waren dem Publikum zugänglich, ich
erinnere mich gut an sie.  Eine besondere Ehrung wurde dem Chief des
Barotse Stammes zuteil.  Er beanspruchte königlichen Rang, sein Stamm
hatte einst die meisten anderen im nachmaligen Nordrhodesien
tributpflichtig gemacht.  Symbol seiner königlichen Würde war eine
zeremonielle Barke, in der er jährlich auf dem Zambesi von der
Sommer­ in die Winterhauptstadt seines Stammesreiches fuhr.  Nun
wurde arrangiert, daß diese Barke am Ufer des Zambesi bis in die Nähe
der Viktoriafälle transportiert wurde.  Als Beginn ihres
nordrhodesischen Besuchs fuhren der Englische König mit Familie und
Begleitern in einem Motorschiff vom südrhodesischen Ufer des Zambesi
herüber zum nordrhodesischen Ufer, in der Mitte des Flusses
begegneten sie der traditionell geruderten königlichen Barke der
Barotses mit dem Chief und Gefolge, es gab die entsprechenden Salute
und Respektsbezeigung.  Sehr aufgeregt über diese spektakuläre
Veranstaltung, an deren Erfolg er auch, wohl schon im Zusammenhang
mit dem schwierigen Transport der anthropologisch so interessanten
Barke Anteil zu haben schien, war der Dr. Max Gluckmann.  Ich hatte
viel Zeit in seinem Rhodes­Livingstone Institut zugebracht, wunderte
mich, wie jemand, dem man kommunistische Neigungen nachsagte, sich
emotionell so stark mit der Stammestradition der Barotse verbunden
fühlte, die einst fast ganz Nordrhodesien unterworfen hatten.
Trotzdem fand ich seine professionelle Begeisterung über diese
Zeremonie sehr sympathisch und nachdenklich machend.  Später gab es
dann die offizielle Begegnung des Englischen Königs mit den
Vertretern der gesamten eingeborenen Bevölkerung, wozu die vier
Chieftains der wichtigsten Stammesgruppen ausgewählt wurden.  Es war
eine Art Indaba auf einer großen Wiese, tausende von Schwarzen waren
da, einer der Chieftains war natürlich der König der Barotse.  Drei
von ihnen erschienen in traditionellem Gewand oder in einer
prunkvollen Uniform, aber der Häuptling des größten der Stämme, der
Bemba, erschien wie ich mich erinnere, ganz ohne Prunk in einem
grauen Lounge Anzug.  Die Bemba waren mir gut vertraut, stellten
einen großen Teil der Bevölkerung des Copperbelts.

Auf der Empore für die Begegnung mit dem englischen König konnte man
auch den Chief­Induna, also etwa Kanzler, der Barotse sehen.  Man
hatte ihn öfters erwähnt in diesen Tagen als vermeintlich den
klügsten Mann in Nordrhodesien überhaupt, dessen Rat oft bei der
Regierung in Lusaka gefragt war.  Ich sah ihn also, ein älterer Mann,
auch in einer schönen Uniform oder Hoftracht.  Viele Jahre später
sollte mir auffallen, als Nordrhodesien unabhängig und der Staat
Zambia wurde, da war von einem Mann seiner Stellung wenig die Rede
mehr.  Es waren ganz andere Kräfte, die dabei in den Vordergrund
traten.

Eines Tages traf ich in Livingstone Frau Savory.  Ich hatte die
Savorys in den über fünf Jahren, seit ich von der Farm bei Monze
wegzog, nicht mehr gesehen, aber manchmal geschrieben.  Sie lud mich
ein, doch einige Tage bei ihnen auf der Farm zu verbringen, wenn ich
noch auf das Permit von Südafrika warten muß.  Ich habe das sehr gern
getan.  Es war schön die Menschen und die alte Szene meiner ersten
Monate im Lande wiederzusehen und diese Freundschaftlichkeit der
Savorys wieder zu erfahren.  Es war dann wirklich so, nach schon zwei
Tagen kam das Telegramm von Oskar Lazar, mein Einwanderungsvisum war
bewilligt, ich mußte mich bei den liebenswürdigen Gastgebern
entschuldigen, fuhr zurück nach Livingstone und dann bald auch mit
dem Zug nach Johannesburg.  Es war der 17. August 1947. Mein Dasein
als Kriegsflüchtling und Evakuee war nun vorüber.  Ich war jetzt
eingewandert in Südafrika, damals ein Dominium im Britischen
Commonwealth.

P.S.: In Johannesburg war man Informationen und Literatur über die
Welt meiner Vorkriegs­ und Kriegserlebnisse wieder soviel näher
gekommen, als ich es in Nordrhodesien haben konnte.  Bald nach meiner
Ankunft 1947 sah ich in einer Buchhandlung eine dünne Broschüre "A
German of the Resistance".  Das interessierte mich brennend, ich
hatte so wenig darüber lesen können.  Es hieß weiter "The Last
Letters of Count Helmuth James von Moltke".  Ich hatte von ihm und
dem Kreisauer Kreis im Zusammenhang mit dem mißlungenen Putsch vom 20.
Juli 1944 gehört, aber nie Einzelheiten erfahren.  Ich sah, daß die
Mutter dieses Grafen Moltke englischer Herkunft war, die Tochter des
Chief Justice des Transvaal, Sir James Rose­Inness.  Die Broschüre,
die ich gekauft habe, war in Südafrika herausgegeben "wegen des
Papiermangels in England, um die Briefe den vielen Freunden des
Grafen Moltke und der Familie Rose­Inness in Südafrika zugänglich zu
machen".  Es war ein Nachdruck, von dem "Round Table" herausgegeben.

Die Broschüre brachte mit Abdruck einzelner Briefe auch eine Liste
der Hauptteilnehmer des Kreisauer Kreises, der sich um den Grafen
Moltke gebildet hatte.  Ich war sehr bewegt, als ich unter den 16
Namen, die genannt waren, so viele mir bekannt sah, so Carlo
Mierendorf und Paul van Husen, der auch in Kattowitz amtiert hatte,
und persönlich hatte ich drei von ihnen gekannt, es waren Theo
Haubach, Adolf Reichwein und Hans Lukaschek, ich habe ihn öfters
erwähnt in meinen Rückblicken.  Es gab mir doch das Gefühl einer noch
immer bestehenden Verbundenheit mit diesen Menschen, für die man nur
die größte Bewunderung haben konnte, etwas, was einem neue Zuversicht
für die europäische Zukunft geben konnte.



Anmerkungen


Anmerkungen zu "Frühes Panorama und Vorgeschichte"

1) So Thomas G.E. Powell in "Europe, Prehistory..", Encyclopaedia
Britannica 1964, Bd.8 S.852/3.

2) Jazdzewski, Konrad "Urgeschichte Mitteleuropas" Wroclaw 1984 S.
271/486; auch A. Gieysztor u.a.  "History of Poland", Warszawa 1968 S.
31. Als gegenteilige Meinung O. Kleemann "Vorgeschichte Schlesiens" in
"Geschichte Schlesiens", Stuttgart 1961.

3) Darüber siehe ausführlich O. Pustejowsky "Schlesiens Übergang an
die böhmische Krone", Köln 1975.

4) O. Karzel, "Die Reformation in Oberschlesien", Würzburg 1979, S.224,
allgemein für Ausbreitung der Reformation im südlichen Oberschlesien
S.150f.,206f.  Maßnahmen der Gegenreformation waren aber früh wirksam:
die Kirche in Woschczytz wurde für den lutherischen Gottesdienst
1628 gesperrt.

5) Für die frühen Besuche zeugt die "Raffelstädter Zollurkunde".  Ein
früher Reisebericht stammt von dem jüdischen Kaufmann aus Spanien
Ibrahim ibn Jaqub (G. Rhode "Kleine Geschichte Polens", S.8 und A.
Gieysztor a.a.O S...  Für spätere jüdische Ansiedlung siehe B.
Bretholz "Geschichte der Juden in Mähren im Mittelalter" I, Brünn
1934.

6) V. Lipscher: "Die Juden im Habsburgerreich des 17.und 18.
Jahrhunderts am Beispiel Böhmens und Mährens", Dissertation Zürich
1983, S.103 undS.141.

7) H. Teufel: "Zur politischen und sozialen Geschichte der Juden in
Mähren vom Antritt der Habsburger bis zur Schlacht am Weissen Berg
(1526­1620)", Phil. Dissertation Erlangen 1971, S.74,S.84.

8) S. Dubnow: "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes", Berlin 1928, Bd.
VI, S.225 und C. d'Elvert: "Zur Geschichte der Juden in Mähren und
Österr.­Schlesien", Brünn, 1895, S.123.

9) B Brilling: "Die schlesische Judenschaft im Jahre 1737" im
Jahrbuch der Schlesischen Friedrichs­Wilhelm­Universität zu Breslau,
Bd. XVII, Berlin 1972.

10) S. Dubnow a.a.O., Bd. VII, S.286f.



Anmerkungen zu "Die Familie und Kattowitz"


1) Nr.1256 des Staatsbürgerverzeichnis im Amtsblatt der Königlichen
Breslauschen Regierung vom 16.November 1814, Beilage S.16, sein
Wohnsitz Woschczytz.  Er ist auch verzeichnet im Register der im
Kreis Pless damals wohnenden Juden im Zydowski Instytut Historyczny w
Polsce, Warszawa, als 1782 geboren, seit 1808 verheiratet mit Saara,
und zu seinem Hausstand gehören 4 zwischen 1799 und 1806 geborene
Stiefkinder mit dem Namen "Walder".  Laut Überlieferung und anderer
Evidenz war die Ehefrau Sarah geb.  Holländer, verwitwete Waldau.
Keines der beiden Register hat Rubriken für den Geburtsort oder Namen
des Vaters.  Über diesen, meinen Ururgroßvater haben wir nur die
mündliche Tradition, daß er in seinem Alter von Woschczütz als
Schriftkundiger nach Pilica gerufen wurde und dort starb.  Das könnte
zu der Zeit gewesen sein, als Pilica durch die Teilungen Polens an
der Grenze des preußischen und österreichischem Teilgebiet lag
(Gieysztor "History of Poland", Karte Nr.25).

2) Siehe "Mormonen" Film 579598 Bd.29 Familienregister der Juden von
Sohrau Nr.39. In der 1817 Zuzugseintragung ist sein Geburtsjahr als
1779 verzeichnet, sein Beruf als Lederhandel.

3) Von den Kindern seiner verstorbenen Frau adoptiert er den 1802
geborenen jüngsten Stiefsohn Isaak, dessen Sohn Louis später
Mitgründer der bekannten Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld wird.

4) Vermutlich eine Tochter des 1768 geborenen, seit 1809 in
Nieborowitz, Kreis Rybnik, ansässigen Gastwirts Samuel Huldschinsky.

5) Handbuch zu dem Atlas von Preußen, Erfurt 1836.

6) Im Zuge der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in
Oberschlesien wird Woschczytz für 1693 erwähnt(....), und ein
jüdischer Toleranzsteuerzahler in 1737 ist auch für Woschczytz
erwähnt bei Brilling S...

7) M. Freudenthal "Leipziger Messgäste"...

8) Nerlich S.51.

9) A. Weltzel, Geschichte der Stadt Sohrau, Sohrau 1897, und die
neuere von G. Nerlich, Dortmund 1972.

10) Weltzel S.65.

11) Weltzel S.431.

12) Nerlich S.46.

13) Das Rittergut Bogutzker Hammer mit Kattowitz und Brynow wurde
1702 an die Plesser Standesherren v. Promnitz verkauft.  Das Inventar
(Urbar), das dafür gemacht wurde, verzeichnet die Namen der
angesiedelten Gärtner, darunter Skiba (Hofmann S.30) und erwähnt wird
auch (Majowski 1958, S.25) der "Kretschem, von dem wegen Bier­und
Brannweinverlag der Jude jährlich Mittem zu geben pfleget".  Eine
ausführliche und, in vieler Beziehung sich um Abgewogenheit bemühende
Darstellung der Geschichte des Dorfes Kattowitz und der nachfolgenden
Stadtwerdung bringt auch S. Karski in Kattowitz (1985).

Unter den jüdischen Toleranzsteuerzahlern 1737 (Brilling S.57) ist
für Bogutzker Hammer ein Abraham Moses verzeichnet, auch je ein Name
für die Dörfer Bogutschütz und Zalenze, ebenso wie für Woschczytz.
Das Rittergut mit den Dörfern ging 1736 von den v. Promnitz wieder an
die Myslowitzer Standesherren, die polnische Adelsfamilie v.
Mieroszowski über.

14) Dieser Urgroßvater Peretz (oder Perens) Sachs, 1794 geboren, Sohn
des dann 1812 in Maczejkowitz, Kreis Beuthen, ansässigen und
Staatsbürger gewordenen Isaac Sachs, zog 1819 von Hajduck, Kreis
Beuthen, nach Smilowitz, bei Nikolai, Kreis Pless und heiratete dort
die 1799 geborene Tochter Minel des 1812 dort ansässigen Joachim
Ludniowski, der selbst als 1763 geboren ausgewiesen wird.  Das
Ehepaar Peretz Sachs zog 1827 mit 3 Kindern von Smilowitz nach
Zalenze, damals im Kreis Beuthen gelegen.

15) Unter den Veröffentlichungen über ihn siehe Dr. Ernst Koenigsfeld
in "Schlesien" IV, 1984. Von polnischer Seite, wo man sich auch gern
an diesen Engländer unter den Pionieren der oberschlesischen
Stahlindustrie erinnert, die Broschüre "John Baildon" von Jerzy
Sikora (Katowickie­Tow.Spo.Kult.).

16) Majowski 1958 S.55/6.

17) Hoffmann S.34.

18) Broszat, Martin "Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik" S.90.

19) Broszat S.105. Es ist interessant, daß die Betonung auf dem
Erfordernis der Loyalität gegenüber dem preußischen Staat und seiner
Monarchie lag, zu deren Stärkung Kenntnis der deutschen Amtssprache
verbreitet werden sollte, aber sie sollte nicht aufgedrängt werden
und "jeder Anschein einer versuchten Verdrängung oder Beeinträchtigung
des polnischen Elements vermieden werden" (Denkschrift des v.
Arnim­Boitzenburg, zitiert von M. Broszat).

20) In einer Atmosphäre, die sich schon zu der liberalen 1848
Revolution hin entwickelte, hatte der Führer der Liberalen im
Preußischen Landtag, Georg v. Vincke, erklärt, nicht nur das
Großherzogtum Posen, auch Teile anderer preußischer Provinzen, so
Oberschlesien müßten "als der polnischen Nationalität zugehörig"
angesehen werden.  S. Broszat, S.108.

21) Broszat, S.116.

22) Für 1783 verzeichnet Hoffmann 490 Einwohner für Kattowitz mit
Brynow, 1825 675, 1836 sind es laut Atlas von Preußen, Erfurt, 785
Einwohner.  Für 1867 sind es schon 4.815 ohne Brynow, das nicht ins
neue Stadtgebiet einbezogen wurde.

23) Hoffmann S.54.

24) Veröffentlichungen des Katowickie Towarzystwo
Spoleczno­Kulturalne und auch dort Krystyna Szaraniec "Znani i
nieznani Katowiczanie".

25) Dr. J. Cohn, Geschichte der Synagogengemeinde Kattowitz, S.1.

26) Hoffmann, S.71. Auch die neue Veröffentlichung Kattowitz 1985
behandelt die damaligen Vorgänge ausführlich, so Dr. S. Karski S.30/37.

27) S. Wenzel, "Jüdische Bürger und Kommunale Selbstverwaltung", S.
126/8.

28) Fuchs, Konrad, Wirtschaftshistoriker in Mainz, erwähnt die
Gründung des Unternehmens durch diese 3 "Kattowitzer Finanziers"; in
"Die Bismarckhütte in Oberschlesien..." in der Schriftenreihe
"Tradition" 15/1970 gibt er eine ausführliche Darstellung des Werks,
das bald auf Wunsch seines technischen Pioniers Wilhelm Kollmann in
Bismarckhütte umbenannt wurde.

29) Das Baugeschäft war sehr erfolgreich und hatte meinen Großvater
zu einem sehr anerkannten und wohlhabenden Mann gemacht.  Aus dem
Jahr 1877 stammen Zeugnisse über von ihm ausgeführte Arbeiten in der
oberschlesischen Industrie.  So bescheinigt Wilhelm Kollmann den Um­
und Neubau (1869/72) des ganzen Hüttenwerks der damals W.
Hegenscheidt'schen Baildonhütte unter den schwierigsten Verhältnissen,
während die Hütte selbst in fortwährendem Betrieb war,
einschließlich schwieriger Fundament­ und Zementarbeiten für die
Maschinen, Dampfhämmer, Kessel und Schornsteine.  Das zweite Zeugnis
von Kollmann bescheinigt die Bauten an der Bismarckhütte 1872/4 (das
ganze Puddel­ und Walzwerk mit 12 großen Kaminen, das
Verwaltungsgebäude und 10 große Arbeiterwohnhäuser).  \XC4hnlich
preisend ist das Zeugnis des Herrn Bernhardi für Giesche über
Arbeiten 1874/76 u.a. an den Wilhelm­ und Pauli­Zinkhütten.  Es
erwähnt besonders eine 302 Fuß hohe Esse.  Es gibt dann noch alte
Zeugnisse der Schlesag (einer Zinkhüttengesellschaft), der
Thiele­Winkler'schen Verwaltung und der Eisenbahnverwaltung
betreffend Arbeiten in Kattowitz, Königshütte, Beuthen, Gleiwitz und
Neuberun.

30) In einem Bericht über die Einweihung des neuen Gymnasiums 1900
(aus Kattowitzer Zeitung, abgedruckt im Oberschlesischen Kurier,
Salzgitter) sind beide Brüder in diesen Eigenschaften erwähnt, der
Stadtbaurat Max Grünfeld wurde dabei mit einem Orden ausgezeichnet,
da das Gymnasium nach seinen Entwürfen gebaut wurde.  Viele Jahre
später erwähnt (auch in einem Beitrag in der Kattowitzer Zeitung,
abgedruckt im Oberschlesischen Kurier) der einstmalige Kattowitzer
Stadtrat Louis Dame, auch ein Baumeister, in seinen Erinnerungen an
Kattowitz, die städtebaulich hervorragende Bebauung der damaligen
August Schneiderstraße (später und noch heute ulica Mickiewicza): das
städtische Badehaus, danach die Synagoge (die ebenfalls von meinem
Onkel Max Grünfeld entworfen war) und dann eben das Gymnasium, alle
in einer Reihe, in ähnlichem roten Backsteinbau.  Er erinnerte sich
damals an diese Lösung als ein besonderes städtebauliches
Schmuckstück für Kattowitz.  Für eine Abbildung siehe Sammelwerk
Kattowitz, 1985, S.92. 1939 haben die Nationalsozialisten als
Eindringlinge die Reihe gestört, als eine ihrer ersten Taten
sprengten sie die Synagoge.

31) Maximilian Harden in seinem Buch "Köpfe", S. 141, erwähnt ihn als
Hausarzt des Geheimrat Holstein, der bekannten "Grauen Eminenz" im
Auswärtigen Amt.

32) Als Student in Würzburg trat er der "Deutschen Burschenschaft"
bei, wie damals manche aus stark assimilierten jüdischen Familien.

33) Die Stadt Rackwitz hatte laut Atlas von Preußen 1836 1494
Einwohner, "besuchte Getreidemärkte".  Josef Oettinger war ca.50
Jahre Gemeindevorsteher, gründete 1806 die "Chevra Kadisha", er starb
1862. Ein Sohn, Hermann Noah, als "fromm und wohltätig bekannt",
gründete das Handelshaus H.N. Oettinger & Cie. in Hamburg (Hepner S.
879).

34) Eine Kopie seiner Dissertation (mit Lebenslauf: Geburtsdatum 1808,
hatte das Gymnasium in Posen besucht) zum Thema "Hippokrates, vita,
philosophia et ars medica", in lateinischer Sprache verfaßt, habe ich
in der Zentralbibliothek Zürich gefunden und kopieren können.

35) Ihre Familie gab es in Wollstein, zu ihr gehörte Moritz Schiff
und Frau Sydonie geb. v. Taussig, die Verwandtschaft in Ungarn hatte.

36) Er soll ein sehr erfolgreicher Industrieller geworden sein, der
in jungen Jahren mittellos aus Litauen nach Ostpreußen kam, mit einem
jüngeren Bruder, den er studieren ließ und der als Beamter und
Wissenschaftler in preußischen Statistischen Ämtern eine Karriere
machte und den Geheimratstitel erhielt.  Das war dann wohl der
früheste in meiner Familie, aber ich habe keine Details darüber
gefunden.

37) Paul Gerber war Hals­, Nasen­ und Ohrenarzt, Professor an der
Universität Koenigsberg, auch mit Geheimratstitel, veröffentlichte
aber auch Gedichte und auch kleine politische Schriften, so eine um
1918 betitelt "Goethe und die französische Revolution, ein blaues
Trostbüchlein in roter Zeit".  Politisch gehörte er zur
Deutschnationalen Volkspartei, er starb schon jung 1919.

38) Er war Assistenzarzt des bekannten Dr. Flügge und danach, bis er
1914 in den Krieg ging, Oberarzt des Dr. Pfeiffer in Breslau.  Als
Student gehörte er zum "Akademisch Literarischen Verein" in Breslau.



Anmerkungen zu "Kindheit und frühe Jugend"

1) Es gibt dafür Hinweise in der nach dem 2.Weltkrieg sich
profilierenden Literatur über Anzeichen von Antisemitismus in
Deutschland vor der Hitlerzeit.

2) An Encyclopaedia of World History ed. W. Langer, London 1948, S.936.

3) Verfasser der Geschichte der Stadt Kattowitz (1895), hatte lange
dort gelebt, mein Vater kannte ihn gut.  Wie mir erzählt wurde,
verließ er mit anderen seine Burschenschaft aus Protest gegen den
Ausschluß jüdischer Altburschenschaftler, also ein liberaler Zug,
aber in die Weimarer Nationalversammlung ging er 1919 als
deutsch­nationaler Abgeordneter.

4) Über die sprachliche Verhältnisse im Regierungsbezirk Oppeln zu
Beginn des 19. Jahrhunderts heißt es im "Handbuch zu dem Atlas von
Preußen" (Erfurt, 1836): "Die herrschende Sprache ist die polnische,
um Neisse und Grottkau wird ganz, um Falkenberg und Neustadt viel
deutsch, in den Kolonien Friedrichgrätz, Buddenbrock und Prittwitz
böhmisch, an der österreichischen Grenze mährisch gesprochen" (S.l91).
Dann werden die einzelnen Kreise besprochen, so zu Beuthen: "die
Sprache der Bevölkerung ist fast überall polnisch", Lublinitz: "die
polnische Sprache ist fast überall die herrschende", Kreis Neustadt:
"die Sprache ist um Neustadt die deutsche, übrigens wird mehr
polnisch gesprochen", Kreis Pless: "In Pless wird deutsch, übrigens
polnisch gesprochen", Rybnik: "die Einwohner, welche sich der
polnischen Sprache bedienen..." (S.207).

Exkurs

Die Struktur der polnisch­sprechenden Bevölkerung hatte sich mit der
Zeit geändert.  Es hatte nicht nur polnische Landbevölkerung gegeben.
Noch im 18. Jahrhundert waren viele Städte katholisch und polnisch
sprechend.  Durch die schnelle Industrialisierung im 19. Jahrhundert
entstand dann eine starke polnische Industriearbeiterschaft, bei der
nationale polnische Bestrebungen einen ebenso aktiven Anklang fanden
wie bei der bäuerlichen polnischen Landbevölkerung.  Andererseits gab
es aber auch zunehmende Assimilation (Germanisierung), besonders bei
Intelligenz und wirtschaftlich gehobeneren Schichten.  Das preußische
Schulwesen und die Anziehungskraft des damals hauptsächlich von der
deutschsprechenden Bevölkerung vorwärts getriebenen wirtschaftlichen
Fortschritts verfehlten nicht eine gewisse Wirkung.  So finden sich
unter den deutschsprechenden und deutschgesinnten Oberschlesiern
viele mit polnischen Namen.

Andererseits war das Polentum unter oberschlesischer Intelligenz und
Mittelstand nicht im Verhältnis zu seiner Bevölkerungsstärke
vertreten.  Die nationalpolnische Bewegung, in die polnische Kräfte

in Posen und Westpreußen auch die oberschlesischen Polen einbeziehen
wollten, führte dazu, daß bewährte Kräfte z.B. aus der Provinz Posen
sich in Oberschlesien ansiedelten, mitführend in der
nationalpolnischen Bewegung wurden und zur Stärkung eines polnischen
Mittelstands beitrugen.

5) M. Broszat a.a.O, S.176.

6) do.  S.193.

7) do.  S.199.

8) Ruth Storm "..und wurden nicht gefragt", Augsburg 1972, S.50.

9) Laut A.J.P. Taylor (Encyclopaedia Britannica 1964, Bd.10/S.327) die
einzige wichtige Konzession, die Deutschland in Versailles erreichen
konnte.

10) O. Ulitz a.a.O.S.42.

11) aus "Atlas zusammengestellt von deutschen Autoren" (Moderner
Buchklub, Darmstadt, zitiert im Oberschlesischen Kurier, Salzgitter)

12) G. Rhode, a.a.O. S.477.

13) Ein ausführlicher Bericht bei Krzystof Brozek in "Andrzej
Mielecki" (Katowickie Towarzystwo Spoleczno­Kulturalne, Katowice
1983) erwähnt auch 2 etwas unterschiedliche Erinnerungen.

14) Im seinerzeit vom Polnischen Plebiszitkommissariat auf
französisch veröffentlichen "Memoire.. sur les Troubles en Haute
Silesie" finden sich viele Zeitungsausschnitte meist deutscher
Zeitungen, aus denen ich Informationen über die damaligen Vorgänge
entnehmen konnte.

15) M. Broszat a.a.O. S.209.

16) "Memoire", a.a.O. S.25.

17) do.  S.32.

18) do.  S.24.

19) do.  S.9.

20) do.  S.49.

21) Item 5 des Anhangs zu Art.88.

22) G. Webersinn, "Otto Ulitz, ein Leben für Oberschlesien", Augsburg
1974, S.27.

22) do.  S.28.

23) Ulitz, a.a.O.S.59.



Anmerkungen zu "Kattowitz kommt zu Polen"

1) Über den Metropoliten entwirft ein Bild Hansjakob Stehle in "Die
Zeit" 5. Juli 1985.

2) Dazu siehe Walter Laqueur "Die deutsche Jugendbewegung" Köln 1962.

3) Ulitz a.a.O.S.81.

4) Ein alter Oberschlesier bei uns in der Ziegelei, sein Sohn hatte
am polnischen Aufstand 1921 teilgenommen, bestätigte das und
überraschte mich ungemein, wie er das ausdrückte: ja, die Leute
fühlen, es geht nicht gut, und es ist Zeit, das der Herr Williger und
der Herr Baumeister die Sache wieder in die Hand nehmen.  Also
Sehnsucht nach vermeintlich guten alten Zeiten, wo Schwerindustrie
und die durch das Dreiklassenwahlrecht bestellte Stadtverwaltung sich
in die lokale Verantwortung zu teilen schienen.

5) Bericht der "Kattowitzer Zeitung" vom 10.März 1927, abgedruckt im
"Oberschlesischen Kurier" Salzgitter.

6) Broszat,a.a.O.S.225f.

7) Über ihn findet sich ein Beitrag in der Zeitschrift des Jüdischen
Historischen Instituts, Warszawa.

8) Desgleichen auch die beiden der Polnischen Sozialistischen Partei
angehörigen Kattowitzer Anwälte Dr. Baj und Dr. Karol Stach, die mit
Dr. Liebermann als Verteidiger auftraten.

9) Die älteste unter diesen Kusinen des Vaters Bertha Wachsmann mit
zwei Töchtern: Erna Weissenberg (deren auch schon erwachsene Kinder
Mia und Ernst) und Martha Brann (mit Tochter Ruth).  Weitere Zalenzer
Kusinen des Vaters waren Minna Koenigsfeld (mit Tochter Erika
Schlesinger und Sohn Kurt), Trude Koenigsberger in Lublinitz(ein Sohn
hieß Herbert, verheiratet in Neisse), Johanna Frankenstein und die
unverheiratete Jenny Grünfeld in Kattowitz.  Der älteste Bruder Max
lebte in Berlin, Direktor des Deutschen Eisenhandels, sein Sohn Heinz,
später als Henry Grunfeld sehr erfolgreich und bekannt in London als
Bankier (Kinder Thomas und Luise) weitere Kinder von Max und Rosa
Grünfeld in Berlin waren Edith Kosterlitz und Sohn Robert.

10) Die älteste Tochter Susi wurde Kinderärztin, später in New York
(Suzanne Forrest). die zweite Käthe war Bildhauerin, Lotte mehr in
meinem Alter heiratete den Anwalt Helmuth Margoninski, lebten in
Kanada, die jürigste Ruth in Florida.



Anmerkungen zu "Als Student in der Weimarer Republik"


A) Berlin:


a) "Leben und Studium"

1) Dazu O.F. Scheuer "Burschenschaft und Judenfrage S.30f und S.40. Zu
bekannten Burschenschaftern jüdischer Abstammung gehörten Heinrich
Heine, Ferdinand Lasalle, Friedrich Stahl.

2) Zu Geschichte und Entwicklung "FWVer Taschenbuch", Berlin 1931,
Schriftleitung Kurt Wilk mit Beiträgen von Alfred Rothberg und Max
Pinn (Mein Dank an R.Gräupner, London, für Beschaffung dieser Quelle).

3) Hans Peter Bleuel, Ernst Klinnert: "Deutsche Studenten auf dem Weg
ins Dritte Reich" S.262.

4) Zu diesen Freunden gehörte auch der Chemiker Fritz Haber.

5) Sie wurde sehr erfolgreich in ihrem Fach in den USA und teilte den
Nobelpreis für Physik 1963. Zu ihrem Lebenslauf Siehe "Kattowitz"
1985 S.46.


b) "...und politische Betätigung".

6) Unser sozialdemokratisch gesinnter Mathematiklehrer in Kattowitz,
Rath, hatte die ihm bekannte Frau Wegscheider, ohne mein Wissen, auf
meinen Studienbeginn aufmerksam gemacht.

7) Die Studentenschaft der TH Charlottenburg hatte sich innerhalb der
Deutschen Studentenschaft stark gegen jeden Kompromiß mit dem
Minister exponiert (siehe Akten der Deutschen Studentenschaft,
Bundesarchiv Koblenz ZSG 129).  Mein Antrag muß an meiner TH also im
Mai ein recht heißes Eisen gewesen sein.

8) Heinz Ollendorf in "Student und Hochschule" 20. Juli 1929, I/2.

9) Er war einer der bei der Gründung des DStV beteiligten Veteranen
der Hochschulpolitik, Sohn von Hugo Preuss.

10) Werner Stephan: "Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus
1918­1933", Göttingen, S.416/7.

11) Theodor Heuss "Erinnerungen 1905­1933", Tübingen 1963.

12) Heuss, a.a.O. S.386.

13) Stephan a.a.O S...

14) Das vorherige Kabinett Marx hatte den Bau beschlossen, der neue
Finanzminister Hilferding bestätigt, daß die nötigen Mittel da sind.
Dietrich fand, die Demokraten sollten nicht dabei sein, den dadurch
wirksam gewordenen früheren Kabinettsbeschluß jetzt umzustoßen.

15) Hermann Graml, "Europa zwischen den Kriegen", DTV 1974 S.216.

16) Peter Krüger "Die Außenpolitik der Republik von Weimar",
Darmstadt 1985.

17) Broszat a.a.O.S.219/31.

18) Fred­Hildenbrandt in "...ich soll dich grüssen von Berlin"
(München l966) bringt eine Erinnerung an die beiden Schwestern(S.
98/9).

19) In seinen Erinnerungen "Wirken in Wirren" (Hamburg 1950) beklagt

sich Hellpach über mangelnde menschliche Nähe für ihn in der
demokratischen Reichstagsfraktion, z.B. bei Rückkehr von schweren
Erkrankungen sei er nie entsprechend begrüßt worden.  Davon wußte ich
damals nichts.

20) Der KCer Rudi Samuel, mein Mitkämpfer an der TH Charlottenburg
zeigte sich eines Tages erstaunt über meine Kenntnisse jüdischer
Feiertage, ich sei doch getauft, der KC habe damals gegen mein

Vorstandsamt im DStV gestimmt, weil sie sich nicht von einem
getauften Juden vertreten lassen wollten.  Er wußte nicht, warum man
sich nicht besser erkundigt hatte.

21) Die seit dem Juli 1929 erscheinende Zeitschrift des DStV "Student
und Hochschule" war, wie mir bei heutiger Durchsicht scheint viel zu
wenig auf Mitarbeit aus Kreisen und Ortsgruppen im Lande gestützt und
zu sehr von Berlin aus bestritten.

22) Presseberichte darüber im Bundesarchiv Koblenz ZSG 189 und
"Student & Hochschule" I/1.

23) Über diese Bewegung hielt ich mich ständig auf dem Laufenden,
außer durch persönliche Kontakte auch durch ihre Zeitschrift "Nation
und Staat", Wien.

24) Der Leiter war Dr. H. Schairer, der auf seinem Spezialgebiet auch
international anerkannt war und sich später als aktiver Hitlergegner
erwies.

25) Über den Verlauf der Tagung fand ich viele Zeitungsausschnitte in
den Akten der damals gegnerischen Deutschen Studentenschaft im
Deutschen Bundesarchiv Koblenz ZSG 129.

26) Dr. Theodor Bohner war der Fachreferent der demokratischen
Fraktion im preußischen Landtag für Kultur­ und Bildungswesen, also
die Stellung, die Frau Dr. Wegscheider bei den Sozialdemokraten hatte.
Er war ein besonders enger Freund des Demokratischen Studentenbunds
und ich erinnere mich lebhaft an viele erfreuliche Gespräche mit ihm.

27) siehe Vossische Zeitung 15. Januar 1930.

28) W. Stephan a.a.O. S.391.

29) "Student und Hochschule", 1929 Nr.5/6.: "die Ideologie der
heutigen Studenten ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die
Soziologie der Studenten untersucht" begann Zehrer seinen Beitrag.
Weit über die Hälfte kommen vom durch die Inflation verarmten
Mittelstand, zwischen dem "Kapital" und den "Organisationen der
Masse" zerrieben, die ältere Generation mürbe und resigniert, wachsen
die Söhne schon in einer anderen Wirklichkeit auf, daher die
Ideologie der vom Faschismus und Nationalsozialismus Angezogenen.
Der Faschismus aber hat die Mittelklassen bereits 1924 "wieder
ausgeschaltet", der Nationalsozialismus "aber verrannte sich im
Antisemitismus und im Kampf gegen Rom und die Freimaurer".  Viel
wichtiger als gegen Republikfeindlichkeit und Unruhestifter in der
Studentenschaft vorzugehen, wäre durch ein neues großes
Wirtschaftsprogramm die Lage der Mittelklasse zu verbessern.  Das
kann nur durch eine "tiefgreifende Aktivierung der heutigen, alten
Mittelparteien" geschehen.  So Zehrer im November/Dezember l929.

30) Über diese sehr enge Verbindung siehe Th. Heuss S.375 f.

31) W. Stephan S.395.

32) Die Versammlung fand in der Hochschule für Politik statt.

33) Vossische Zeitung 4. März 1930 und W. Stephan S.425.

34) Die politische Mitte versäumte eine mögliche Chance, da sie sich
nicht zu einem Kraftzentrum formieren konnte.  Die Konflikte zwischen
Korporationen und Nationalsozialistischer Partei setzten sich auch
später fort, und verschärften sich noch nach Hitlers Machtergreifung.
Darüber Bleuel S220f.

35) So eine Rede Dietrichs, Vossische Zeitung, 8/3/1930.

36) Damals wußte ich noch nicht, daß er als der Schriftsteller galt,
der unter dem Namen Erich Maria Remarque schrieb.

37) Über diesen siehe Heuss S.392/3, Stephan S.444f.

38) Stephan S.431/2 über Parteiausschußsitzung in Halle 25.Mai 1930.

39) Stephan berichtet, daß in der letzten Unterredung des
demokratischen Parteiführers Koch­Weser mit dem kranken Streseman im
September 1929, dieser eine Verschmelzung der beiden liberalen
Parteien als derzeit unmöglich bezeichnete, aber Koch­Weser riet, auf
eine Vereinigung der Demokraten mit dem Jungdeutschen Orden
hinzuarbeiten.  Davon wußten wir damals nichts.

40) Stephan S.446. Von den dort genannten "intellektuellen jungen
Menschen", wurden bei uns im Demokratischen Studentenbund Theodor
Eschenburg und Josef Winschuh zu Vortragsabenden eingeladen.

41) Stephan S.434/8.

42) Nach Stephan S.48 hatte Richard Otto Frankfurter noch auf der
Vorstandssitzung vom 25.Juli gefordert, die Partei solle als
"Dietrich Partei" allein in den Wahlkampf gehen.  Frankfurter kannte
ich als Präsidenten der Altherren der FWV, als ich 1929 als
Nachfolger Ollendorfs Außenvertreter der FWV wurde, nahm ich an
Sitzungen des Präsidiums in seinem Hause teil.  Wie aktiv und
anscheinend sehr angesehen er damals auch noch in den Gremien der
Demokratischen Partei war, habe ich dem Buch von W. Stephan mit
Interesse entnommen.  Sein Vertrauen in Dietrich habe ich damals
geteilt.

43) Hermann Proebst wurde nach dem 2. Weltkrieg als Chefredakteur der
"Süddeutschen Zeitung" sehr bekannt und angesehen.

44) Hermann Graml S.214f.

45) Das war auf dem vorjährigen Kongreß, an dem ich noch nicht
teilgenommen hatte, beschlossen worden.  Führer der deutschen
Delegation war damals der.  Zentrumsstudent Felix Raddatz gewesen.
Für viele Informationen über die FUI bin ich Dr. Jacques Kunstenaar,
Zürich, den ich damals als Leiter der Schweizer Delegation kennen
lernte, zu Dank verpflichtet.

46) In seinem Bericht (Der Student 18/S.6) über den FUI Kongreß
kommentiert Wolfgang Straede dann "..ein von den Deutschen wegen
seines wichtigen Präzedenzcharakters ohne weiteres angenommener
Vorschlag".  Für mich war das ein Erfolg für was man heute
pluralistische Lösungen nennen könnte, verglichen mit der vorherigen
Haltung der Deutschen Studentenschaft, und ich meinte, daß ich denen
dabei beteiligten Exponenten Wolfgang Straede und Dr. Walther Reusch
auf dem Wege zu diesem Schritt geholfen hatte.

47) Ich erinnere mich dabei an Ernst v.  Salomon "Der Fragebogen".

48) Während der Genfer FUI Tagung war bei dem üblichen Besuch der
deutschen Studentendelegation bei der Deutschen Vertretung beim
Völkerbund auch das Thema Mitteleuropa erwähnt worden und der Plan,
daß wir darüber mit den tschechischen Studenten sprechen würden.

49) Informationen über Teilnehmerzahl (etwa 100 "Studenten und
jüngere Altakademiker") und vertretene Länder (10) enthält dann der
Bericht über die Tagung in "Der Student" 1931 Folge 7 S.10.

50) "Student & Hochschule" Jahrgang 3 Nr.1/2 S.22.

51) Dazu siehe ausführlich in Peter Krüger a.a.O. schon S.382/3, wo v.
Schubert und Köpke als Gegner solcher Erwägungen erwähnt werden, die
aber andere tatsächlich beschäftigten.

52) Sozialistische Monatshefte 12/10/1931 S.960 "Die internationale
Diskussion über den polnischen Korridor".

53) Nicht lange nach unserer Grenzlandtagung Mai 1929 in Dresden
hatte ich Prag zum ersten Mal mit großer Begeisterung gesehen, um der
dortigen befreundeten "Lese- und Redehalle deutscher Studenten" einen
Besuch abzustatten.

54) Für Berichte siehe vossische Zeitung 2.April 1931, Journal de
Genève 31. März, "Der Student", Folge 7/1931 S.10, "Student &
Hochschule", Mai 1931.

55) Ich wurde gebeten, einen Dr. G. dem Führer der Schweizer
Delegation Jaques Kunstenaar vorzustellen, denn G. sei auch Schweizer,
dann stammelte er aber, daß er eigentlich aus Vorarlberg sei, aber
das wäre doch beinahe dasselbe.  Ich fand das sehr merkwürdig und
besprach es mit Jacques Kunstenaar.  Ein Dr. G. wird später als
nationalsozialistischer Staatsrechtler bekannt.  Jacques Kunstenaar
war in dieser Zeit schon ein prominentes Mitglied der Spitze der FUI
geworden und wurde dann auf der anschließenden Ratstagung in Wien
zum nächstjährigen Präsidenten bestimmt.

56) Die damalige Lage wird knapp zusammengefaßt von P. Krüger a.a.O.S.
531.

57) Die wirtschaftlichen Referate wurden gehalten von dem
tschechischen Dr. Schuster aus Prag und Dr. Kanas aus Pressburg, von
deutscher Seite Dr. Fischer, Berlin und Dr. Hans Wilbrandt als
agrarpolitischer Experte, der auch Mitarbeiter der "Sozialistischen
Monatshefte" war.  Ein deutscher Bericht ("Der Student" 7/10) zitiert
als Äußerung eines tschechischen Delegierten: "es ist das Problem
eines gemeinsamen Lebensraums, das doch mehr ist als bloße
Nachbarschaft".

58) Die Veröffentlichung des Zollunionsplans war anscheinend für
einen etwas späteren Termin geplant, aber wurde dann wegen
befürchteter Indiskretionen auf diesen Tag vorverlegt (Krüger, S.533,
"Der Student" 7/S.4).

59) Vossische Zeitung 2. April 1931: "Die Tagung, die von Vizekanzler
Schober eröffnet wurde, zeigte einen erfreulichen Aufschwung der
studentischen Völkerbundsarbeit und ein Anwachsen der Organisation in
fast allen Ländern".

60) Journal de Genève 31.31.1931 und Der Student Folge 13/14 S.11/12.

61) Siehe P. Krüger's Kommentar S.533: "Dies war wirklich der
Sündenfall der deutschen Außenpolitik, eine Herausforderung des
europäischen Staatensystems und eine schlecht kalkulierte dazu" und
seine weiteren Informationen über Opposition im Auswärtigen Amt gegen
diese Pläne von Curtius und seinen neuen Staatssekretär v. Bülow, und
eine warnende Aufzeichnung von Köpke vom 21.2.1931, "daß die
Tschechoslowakei und Frankreich wegen Bedrohung der
tschechoslowakischen Unabhängigkeit die folgenreiche Veränderung der
europäischen Machtverhältnisse durch die Zollunion keineswegs
hinnehmen könnten.  Als einzige Möglichkeit, dem Ziel näher zu kommen,
schlug Köpke jenen Weg vor, der in den Unterredungen zwischen Benes
und Schubert im Mai 1928 sich als allein wirklichkeitsnah
herausgestellt hatte, nämlich beide Länder von vornherein in die
deutsch­österreichischen Verhandlungen einzubeziehen..".  Eine
ähnlich kritische Betrachtung auch bei Graml a.a.O. S.260/1.



B) München


1) Ralph Kleemann war mit meinem Vetter Ernst Grünfeld befreundet,
den er in einem früheren Semester getroffen hatte.

2) Ausführliche Informationen lieferte mir dafür die Münchner
Dissertation aus dem Jahr 1949 "Der politische Kampf an den Münchner
Hochschulen von 1929 bis 1933 im Spiegel der Presse" von Ludwig Franz.

3) Franz S.49.

4) Franz S.49/53.

5) Franz S.74.

6) Franz S.79 berichtet über diese Verwundung von Nawiaskis
Assistenten.

7) Franz vermutet, weil sie nicht das Fortbestehen der staatlichen
Anerkennung gefährden wollten.



C) Zwischen Breslau und zu Hause

1) Mit ihm und seiner Freundin Lilo Linke waren wir im Demokratischen
Studentenbund sehr eng verbunden gewesen, von Stephan S.394 als
begabter Journalist und geistig führender Jungdemokrat bezeichnet.

2) Leopold Schwarzschild in seinem "Tagebuch" war einer der
ausgesprochendsten Gegner, siehe "Die letzten Jahre vor Hitler",
Auszüge aus dem Tagebuch 1929/33 mit Vorwort von Golo Mann.  Der
frühere Staatssekretär Hans Schaeffer nennt als Hauptursache von
Brünings Deflationspolitik die Zwangsvorschriften für deutsche
Wirtschaftspolitik, die in den Dawesund Youngplanabkommen festgelegt
waren, ohne deren Einhaltung Brüning niemals hoffen konnte, die
wirtschaftlich absolut notwendige Stundung weiterer
Reparationszahlungen zu erreichen.  Unter heutigen Historikern gibt
es aber auch den Vorwurf, daß Brüning die schrecklichen Auswirkungen
seiner Deflationspolitik gar nicht bereute, er sah sie nicht nur als
wirtschaftstheoretisch unvermeidlich an, sondern Verarmung, steigende
Arbeitslosigkeit, ja sogar politische Unruhe in Deutschland schienen
ihm gute Mittel, die Alliierten von der Undurchführbarkeit weiterer
Reparationszahlungen zu überzeugen, und dadurch die Revision des
Versailler Vertrages einen Schritt weiterzubringen (s.  Graml.S245/
6).  Ich erinnere mich nicht, daß es solchen Verdacht oder Vorwürfe
schon damals gab.  Man findet ihn auch heute nicht z.B. bei Martin
Broszat in seiner Darstellung von Brünings Politik in "Die
Machtergreifung" S.132/4.

3) Die Vorgänge, die schon nach weiteren acht Monaten zur
Machtergreifung Hitlers führten, wurden früh eingehend dargestellt
von Karl Dietrich Bracher "Die Auflösung der Weimarer Republik", S.
529f.  Auf den neuesten Stand der Forschung und Meinungsbildung
bringt Martin Broszat "Die Machtergreifung" DTV 1984­(1987).  Siehe
auch Kurt Sontheimer "Deutschland zwischen Demokratie und
Antidemokratie", besonders sein Aufsatz über den "Tatkreis" S.56f.,
ferner Ebbo Demant "Hans Zehrer als politischer Publizist" S.84f.

4) Bracher S.644.

5) Bracher S.645.

6) Sontheimer S.81.

7) Schwarzschild in seinem Artikel im "Tagebuch" vom 31.12.1932 und
in Golo Mann's Vorwort S.28/29.

8) August Rathmann "Ein Arbeiterleben" (Wuppertal 1983) S.182/3.

9) siehe auch Heinrich August Winkler über diese "Gratwanderung" in
seiner Besprechung von August Rathmanns Buch in die "Zeit".

10) Bracher S.681.

11) dazu Bracher S.699 und Golo Mann bei Schwarzschild S.29 "sie
haben Schwarzschilds Rat, die Regentschaft zu dulden, ja ihr nach
Kräften zu helfen und so ihr eine breite Basis zu geben, nicht
beherzigt...".

12) Siehe auch Bracher S.681f., 684/S.699 und ausführlich aber
konzise Broszat "Die Machtergreifung" S.156/174.

Dazu auch Bracher S.681f, besonders Anmerkung 148 S.684/S und S.699.

13) Dazu gehört auch die damalige Rolle des Reichslandbunds,
Hindenburgs Verwundbarkeit in Sachen Osthilfe und Gegnerschaft zu
Plänen für Bauernsiedlung in Ostelbien spielte, stark hervorgestellt
bei Broszat "Die Machtergreifung" S.162/165. Ich war diesem Projekt
zuerst als Anliegen fortschrittlicher Bauernpolitik begegnet.
(Rönneburgs Vortrag auf Ostkundgebung des DStV, in unserer
Zeitschrift abgedruckt).  Später hörte man, andere Kreise waren an
den verteidigungspolitischen Aspekten dichterer Besiedlung Ostelbiens
interessiert.

14) Bracher S.619 "Der Mord in Potempa war mehr als ein
symptomatisches Ereignis des latenten Bürgerkriegs.  Er mußte der
Öffentlichkeit endlich die Augen öffnen...".



Anmerkungen zu "Nach dem Ende von Weimar"


1) Eine Schilderung seiner Persönlichkeit fand ich bei Marion Cräfin
Döhnhoff: "Menschen, die wissen, worum es geht" im Kapitel "Der
Basler Gelehrte: Verzauberer und Entzauberer zugleich".  Ich erinnere
mich an die Seminarsitzung, in der er die Verfasserin als
Neuankömmling einführte, als er von Frankfurt aus politischen Gründen
weggegangen war.

2) Meine Dissertation hatte ich mit einer Darstellung der klassischen
Theorie der internationalen Kapitalbewegungen eingeleitet, basierend
auf Franz Gutmanns Beitrag im Handwörterbuch der Staatswissenschaften,
4.Auflage Ergzgbd.  Laufende Erfahrungen während der
Weltwirtschaftskrise, legten viele Vorbehalte betreffs des
Funktionierens dieses Mechanismus nahe, und zwar in Richtung der von
E. Salin vertretenen Auffassungen.  Nach mehr als 50 Jahren finden
heute diese Vorbehalte immer wieder Bestätigung durch die Probleme
der Drittweltverschuldung und Rolle von IMF und Weltbank.



Anmerkungen zu "Emigration nach Hause, in Polen"

1) Dazu siehe Beitrag von S. Karski in "Kattowitz, seine Geschichte
und Gegenwart", Dülmen 1985,.S.122,4.

2) Den Vorsitz der deutschen Fraktion hatte er schon 1930 abgegeben.

3) Siehe V. Kauder "Das Deutschtum in Polnisch­Schlesien", Plauen 1932
S.326/7. Dort erwähnt ist auch ein Rezitationsabend von Edith
Herrnstadt Oettingen, Berlin, einer Cousine meiner Mutter, man sieht
also, daß das liberale Element in diesem Kulturprogramm gut vertreten
war.

4) siehe Lucjan Meissner: "Niemieckie Organizacje Antyfaszystowskie w
Polsce 19331939".  Warszawa 1973 S.163f.

5) Meissner a.a.O. S.227f.

6) Meissner S.233.

7) W. Hellpach erinnert sich in "Wirken in Wirren" I S.88 und 90/1 an
die Unterschiede nationaler Einstellung. die er als Jugendlicher
zwischen dem deutschen Landeshut und Trautenau auf der böhmischen
Seite der Sudeten beobachtet hatte.

8) Dr. E. Pant war eng verbunden mit Pater Friedrich Muckermann S.J.,
der auch durch seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten
bekannt wurde.  In Pater Mukkermanns Erinnerungen "im Kampf zwischen
zwei Epochen" ist Dr. Pant eingehend erwähnt (S.503/6) und man findet
auch den starken Vorbehalt gegen liberale Einflüsse.

9) Dazu Hans Bernd Cisevius "Bis zum bitteren Ende", Zürich 1946. I S.
207f und S.282.

10) Auswanderung aus Deutschland schien mir schon damals dringend für
alle Juden.  Wir hatten noch keine Devisenbeschränkungen dagegen in
Polen und hätten ihr das Geld z.B. nach London überweisen können, wo
es für ihr Leben gereicht hätte.  Ich traf mich mit ihr allein in
einem Cafe am Zoo, und riet ihr dazu, aber ihre Berater waren dagegen.

11) Dazu gehören der Schulfreund Ludel Berliner, die jüngeren Ernst
Berliner und Walter Rosenbusch.  Auch Karl­Heinz Lubowski war von den
Rassegesetzen von 1935 betroffen, gab sein juristische Laufbahn auf,
studierte in Basel protestantische Theologie. kam immer wieder nach
Hause, hoffte, nach England auszuwandern, aber fand dann im Krieg
Unterschlupf in einer Stellung im Konsistorium in Königsberg; auf der
Flucht bei Kriegsende ist er umgekommen.

12) In 1937 lief der 15jährige Genfer Minderheitenschutzvertrag ab.
Es hatte in Deutsch­Oberschlesien die dortigen Juden in
unvorhergesehener Weise von manchen Bestimmungen Hitler'scher
Rassengesetzgebung vorläufig geschützt.  Das änderte sich nun.  Auf
der polnischen Seite betraf es auch, wer 1922 für Deutsche
Staatsbürgerschaft optiert hatte, sie durften nicht mehr in Polen
bleiben.  Dazu gehörte auch Franz Goldstein, er wurde ein deutscher
Emigrant, ging zunächst nach Prag, dann nach Palästina.  Die
Literaturbeilage der Wirtschaftskorrespondenz wurde aufgegeben, und
meine Artikel auch.

13) G. Rhode a.a.O S.,491.

14) Nach einem Jahr war die Synagoge schon in Trümmern, die Familie
zerstreut, der Vater nicht mehr am Leben.



Anmerkungen zu "Der 2. Weltkrieg bricht aus"

1) Meine Absicht ist nicht, hier eine eingehende Schilderung des
September 1939 in Warschau zu geben, für die großen Züge und einige
Einzelheiten, die meinem Gedächtnis nicht mehr genau gegenwärtig
waren, stütze ich mich auf das Werk "Cywilna Obrona Warszawy we
wrzesniu 1939", Warszawa 1964, im wesentlichen auf die einleitende
Chronik von Wladyslaw Bartoszewski.

2) Ein tragischer Gefühlskonflikt hatte Dr. Hurtigs dorthin gebracht.
Sie waren im August auf Ferien in Frankreich; als Krieg
unvermeidlich schien, kehrten sie zurück.  In Kattowitz angekommen,
fanden sie alle Freunde schon fort, und fuhren noch schnell nach
Warschau, und haben nicht überlebt.

3) siehe Cywilna Obrona S.107.

4) Der Schweizer Exporteur J. und Frau, Geschäftsfreund Zygmunt
Kriegers war auf der Rückkehr von einer Uhrenverkaufsreise nach
Russland in Warschau steckengeblieben, und sie wurden auch evakuiert,
ich besuchte sie vorher, wir wurden verhaftet und in heftigem Feuer
auf eine Polizeiwache geführt, aber bald freigelassen.

5) Meine Erinnerung war, daß auch ein zweiter jüdischer Vertreter,
der Bankier Rotwand, unter den Geiseln war, aber ich habe dafür keine
Belege gefunden.

6) Dazu bemerkt Chaim Kaplan in "Buch der Agonie" S.46 für den 1.
Oktober: "Die Deutschen bewahrten bei ihrem Einmarsch in die
Hauptstadt die Disziplin..", und weiter für den 3.Oktober, der
deutsche Oberbefehlshaber habe wissen lassen, "daß er den Juden keine
Schwierigkeiten zu bereiten wünsche".  Aber das sei nur ein
politischer Schachzug, kommentiert Kaplan weiter, "in der
tagtäglichen Wirklichkeit werden die Juden diskriminiert".

7) Wie man weiß, ist v.Fritzsch vor der Kapitulation Warschaus
umgekommen, man weiß nicht, ob seine Anwesenheit dort wirklich die
Bedeutung hatte, die man ihr meinte zumessen zu können.  Eine spätere
Version von deutscher Seite ist, daß er dort den Tod gesucht hat.
(siehe u.a. Gisevius a.a.O.Bd.I. S.459).

8) Erst in jüngster Zeit habe ich erfahren, daß der Schwedische
Botschafter sich damals um Hilfe für von den Nazis bedrohte
Flüchtlinge sehr verdient gemacht hat, auch schon bei der Evakuation
von Ausländern während der Belagerung.

9) Über diese "grüne Grenze" siehe auch Kaplan a.a.O S.82f. und S.91.

10) Siehe dazu: Walter Laquer / Richard Breitmann "Der Mann, der das
Schweigen brach", wonach der SS Funktionär Adolf Eichmann aus Berlin
im Oktober 1939 nach Kattowitz gekommen war, die Deportation der
Juden in das eigentliche Polen zu beaufsichtigen.  Die Stadt sollte
von Juden geräumt, sie sollte "judenrein" werden.  (S.71).

11) Es gab weiter Kommen und Gehen über die Zonengrenze, und ich
bekam noch mehrere Nachrichten von meiner Mutter, immer mit dem
absoluten Rat, nicht nach Lemberg zu kommen.  Es gab dort auch
Bedrücktheit, Hunger und Ungewissheit.

12) Kaplan a.a.O S.66.

13) siehe Kaplan S.84/S. Es hieß damals, daß der Armeekorpshygieniker
Dr. Richter gegen diese massive Bevölkerungsbewegung wegen
Seuchengefahr Einspruch erhoben hatte.

14) Ausreise von neun jüdischen Familien nach Palästina ist auch
erwähnt in Kaplans Tagebuch in der Eintragung vom 25.11.1939 (s.90).
Ich weiß nicht, ob er von Angehörigen dieser Gruppe spricht.

15) Kaplan S,.92.



Anmerkungen zu "Kriegsflüchtling"

1) Er war ein Philosoph im laizistischent Flügel, ursprünglich mir
dem Liberalen Benedetto Croce eng verbunden, wurde dann aber
Mussolinis Kultusminister, nun aber nicht mehr aktiv politisch,
schien er eine ehrenvolle Stellung im italienischen Geistesleben
bezogen zu haben.

2) "Wspólnota Interesów" vorher zum Flickkonzern gehörig.  Der sich
unter staatlicher Zwangsverwaltung weitgehend neu bildende
Verwaltungsstab unter Przedpelski wurde wichtigster Repräsentant des
polnischen Etatismus in Oberschlesien.

3) Winiewicz hatte bereits in Budapest 1940 eine polnische Zeitung
herausgegeben, für 1941 wird er als Presseattaché der Polnischen
Botschaft in der Türkei bezeichnet, von 1942 an "Senior Official,
Polish Ministry of Preparatory Work, Peace Conference".  Ich wußte
damals nicht, daß er offizielle Funktionen hatte.  Die Frage, die er
mir stellte, kam aber nicht von ungefähr.  Trotz seiner Herkunft von
der äußersten polnischen Rechten, ist er aber schon 1945 "Councillor"
und 1946 Charge d'Affairs der polnischen Botschaft in London, also
schon der neuen Volksrepublik Polen, dann ihr Delegierter zur ersten
UNO Tagung, 1947, Botschafter in Washington und schließlich
Außenminister.  War es der Drang nach Eroberung der Westgebiete, der
ihn auf eine, für seine politische Herkunft, so erstaunliche Laufbahn
gebracht hat?  (Für seine Biography "World Biography").

4) Als ich später Roman Przedpelski fragte, was ihn bewog, mir zu
helfen, da er mich doch kaum kannte, erwähnte er meine Korrespondenz
für die Entwicklung von neuen Geschäften für Türkdal, die er in
Istanbul gesehen hatte.  Ich hätte die energischsten Bemühungen dafür
gemacht, also wollte er mir helfen und hielt es für ein
verantwortbares Risiko.

5) Klaus Täubert "Die Welt des Franz Goldstein" in "Tribüne",
Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, Heft 98, 1986, beschreibt
Lebenslauf, Tätigkeit in Kattowitz, später Jerusalem, und den
Anziehungspunkt, den seine Bibliothek dort bildete.

6) Siehe "Handbuch der Deutschen Exilpresse", herausgegeben von
Liselotte Maas I S.86, II S.436.

7) Ich konnte seine Begeisterung nicht teilen, anscheinend nicht dazu
geboren, ein guter Zionist zu sein.  Zwar kaum im stark
verbürgerlichten deutschen Judentum, aber bei Juden im Osten oder
New York hatte es wohl auch gewalttätiges Verbrechertum gegeben.

8) Max Pinn hat die Verwirklichung seiner Hoffnungen nicht mehr
erlebt, er fiel auf dem Weg nach Jerusalem einem arabischen Überfall
zum Opfer.

9) Rondavels sind runde Hütten kolonialen Stils, meist gebrannter Ton
oder Ziegelwerk mit Gras­ oder Strohdach, sie konnten ganz geräumig
und komfortabel sein.

10) Die Einwohnerzahl Nordrhodesiens, des heutigen Zambias, wird für
1942 auf etwa 1.380.000 geschätzt, wovon nur etwa 15.000 Europäer,
auf 288.000 Quadratmeilen.  Die Südgrenze bildete der große Zambesi
Fluß, die einzige Eisenbahn durchquerte das Land von Süd nach Nord
über etwa 500 Meilen zur nördlichen Grenze mit dem damaligen
belgischen Kongo.  Das Klima ist zwischen subtropisch und tropisch,
der "Copperbelt", wo ich später in Mufulira arbeitete, lag dicht an
der Grenze zum Kongo, mit seinem benachbarten Katanga Bergbaugebiet.

11) Zum Schicksal unter deutscher Okkupation siehe Charles Cruikshank
"The German Occupation of the Channel Islands" S.113 und Artikel im
"Observer" vom 12.Mai 1985 über die vier Jüdinnen, die von dort
deportiert wurden, mit Photographie auch meiner Schwester Marianne
Grünfeld.

12) Hierzu siehe Leonard Gross "The last Jews of Berlin" und die
Erinnerungen von Maria Gräfin von Maltzan "Schlage die Trommel und
fürchte Dich nicht" (Berlin 1986).



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James von Moltke", published in South Africa 1947.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Rückblicke, von Dr. rer. pol.
Walter Grünfeld.





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