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Title: Empörung + Andacht, Ewigkeit
Author: Herrmann-Neiße, Max
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Empörung + Andacht, Ewigkeit" ***

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                             Max Herrmann



                          Empörung + Andacht
                               Ewigkeit


                     Kurt Wolff Verlag · Leipzig

                  Bücherei »Der jüngste Tag« Band 49
              Gedruckt bei Dietsch & Brückner in Weimar



Erkenntnis ist ein Wald von Schnee


   Erkenntnis ist ein Wald von Schnee um meine Stirn.
   Ich stehe still. Tatkraft zerbricht unter der Last.
   Zermalmter Zweig. Bin ich für immer ungebetner Gast
   und muß ein Leben lang von fremder Tür zu fremder Türe irrn?

   Im Sonnenaufgang stirbt mein Stern. Ein See
   von blauer Seele gibt sich einem Berg verkrümmten Dunkels hin.
   Ich weine selbstgefälliges Mitleid. Ängste mich nach einem Sinn,
   der leuchtend leitet durch den endlos aufgetürmten Wald von Schnee.

   Ich halte meine Hände unbewußt wie zum Gebet
   für einen fremden Mann, für eine fremde Frau.
   Ich zwinge mich zur Lust . . . zum Ernst . . . und ich verblasse
      grau
   ein wesenloser Schatten, der von seinem lang schon toten Herrn in
      wesenloser Zwietracht geht . . .

   Denn Liebe wird Verleumdung. Zweikampf prallt aus Glück.
   Kein Leichtsinn singt Verlorenes zurück.
   Dies starb: Frommsein, voll Heiterkeit, in allem ohne Sünde wider
      dich und mich.
   Jeder fühlt bei jedem Schritt im Herzen der einen unvergeßlichen
      Sekunde Messerstich.



Immanuel leidet in der großen Stadt


   In die große Stadt mochte Gott nicht mit mir gehen:
   er hat mich bis an die Grenze gebracht; am Kreuz mit dem
      goldbeschriebenen Stein,
   das ihm mein Vater auf unserm Felde weihte, blieb er plötzlich
      stehen,
   gab mir noch ein Lied seiner Augen zum Geleite, schwand ins Geriesel
      der Silberpappel und ließ mich
   allein. -- -- --

   Aber hier ist immer ein Flackern auf Tennisplätzen,
   kommt immer abends aus Gartenbühnen der Stimmen Sturz;
   Hunde (ach mein sehr geliebter Wolf daheim!) nicht mehr als einer
      Tapete Fetzen
   unbeachtet vorbeigeweht, und jedes Bild und Zeichen so
      herzzerreißend kurz!

   Willst du dich einem hingeben, steigt vom andern
   schon der Schein herauf und leuchtet und blitzt -- und zerstiebt
      . . .
   Tausend Gesichter hat meine Stube, immer entblößt sich eine neue
      Scham, und ich muß ewig wandern,
   o warum verließ mich Gott, der die Dinge deutlich machte, daß er
      jede Geste mit ihrer eignen Güte
   nahm und festhält und unverlierbar liebt!



Letzter Notschrei


   Alle Dinge tun
   meinem Kopfe weh:
   Klappern am Buffet
   und des Ventilators Lärm-Taifun.
   Wie die Zeitung schmal
   ist und allzu klein:
   wär' so gern allein
   hinter einer Larve im Lokal!
   Essender Geschmatz,
   Winke, mir geschickt,
   wie ein Spitzel blickt,
   zielen feindlich feig nach meinem Platz.
   Des Klavieres Klang
   und der Kellner dreist
   lauernd und ein feist
   böser Bürger -- ach wie bin ich krank!
   Gänge sind Gefahr,
   Dolche stehn versteckt,
   und nach Giften schmeckt
   alles, und entsetzlich welkt mein Haar!
   Meine Stube schreit
   wie ein sterbend Kind.
   Alle Dinge sind
   Mörder! Und die Heimat liegt so weit!
   Alles ist verspielt --
   was verweil' ich noch? --
   Daß die Mutter doch
   meinen armen Kopf in ihrem lieben Schoße hielt!



Keiner Seele darf ich Antwort geben


(Dem lieben, guten Fritz Grieger)

   Ihr im Sommer leeren Dächer, Dielen,
   Höfe, und ihr weißen Villen, deren
   schöne Fraun und Herrn an fernen Seen
   mit der Lässigkeit des Freiseins gehen;
   Bühnenhäuser, ausgebrannt wie Gruben;
   und ihr grün verstummten Vorstadtstuben,
   wo jetzt Stieglitze Verstecken spielen;
   Schulen, die in Ferien verwildern,
   Staub auf Bänken, Tafeln, Kaiserbildern,
   o wie lehnt ihr arm in eurer Leere,
   jede stöhnt: »Wie ich Getrieb entbehre!
   Wo sind meiner flinken Schwärme Füllen,
   daß sie mich in lauter Wärme hüllen,
   daß sie mich mit ihrem immer wachen
   Atemwind zu einer Harfe machen?«
   Ach, den Glocken auf den Korridoren
   ist die strenge Stimme wie erfroren,
   und die Geige hat Gefühl und Jung-Sein
   und die Uhr ihr Augenlicht verloren,
   und der Treppen frühes Auf-dem-Sprung-sein
   hängt wie umgebracht und ungeboren!

   O wie fühl ich eure arme Leere
   tief im Herzen mit und dieser bangen
   langen Weile laue Sonntags-Schwere!

   Und der Barren und die Kletterstangen
   und der lustige Rundlauf sind Gespenster
   wie die Furcht der lautlos starren Fenster,
   die zuvor wie Morgenwälder sangen,
   wenn das Lineal verstohlen Takt schlug
   und das Pfeifen auf dem Federkasten
   einen Träumer zur beglänzten Schlacht trug . . .

   Wie vergeh ich im erzwungnen Fasten
   der Buffets und ungedeckten Tische,
   wo die hellen Frauen rastend saßen
   und mit schmalen Gesten tastend aßen,
   und im Garten sterben eure Fische,
   denen Fremde gutzutun vergaßen!

   Wie vergeh ich mit den leeren Stühlen
   der Parkette und der Logen-Lücken,
   und im Staub, wie eingestürzte Brücken,
   Trümmern so geblieben von Kulissen
   und Maschinen jäh gehemmt wie Mühlen,
   deren Rad mit Eins auf Halt gerissen!

   Wie vergeh ich mit den Sofakissen
   und den Vasen und dem Aschenbecher
   hinter den geschlossnen Jalousien --
   wann wird wieder heimlich an gewissen
   Sonntagnachmittagen Schal und Fächer
   bei euch sein und jemand auf euch knien,
   wann Beschwörung immer schwüler, wilder
   und verwirrter Zärtlichkeit Geraun
   rinnen über Spiegel, Buch und Bilder
   und euch wieder in das Leben baun?

   Wie vergeh ich grau in eurem Graun!

   Aber ihr seid nur für kurze Zeit
   leichthin weggelegt und fast vergessen,
   nur für Wochen sachte eingeschneit,
   ihr habt Pflicht und Werk besessen,
   und es wird euch immer wieder werden,
   wenn mit weichen Wiederkehr-Geberden
   sich Willkommenkränze wehend winden
   und die ausgeruhten, muntern Füße
   euren Fliesen flinkre Tänze finden,
   und die alten guten Morgengrüße
   und die alten guten Schluß-Choräle
   wieder Glied an Glied zur Kette binden.

   Wie beneid' ich eure lauten Säle!

   Denn ich bin ein ganzes banges Leben
   hilflos leergelassen und verschüttet,
   keiner Seele darf ich Antwort geben,
   keinem Lied im gleichen Echo schweben,
   keine müde Schwester betten, keiner
   Dürstenden den Krug zum Munde heben;
   niemand, wär' er noch so wüst zerrüttet,
   der vor meinem Haus um Obdach bittet,
   niemand, der mich »lieben Lehrer« nennt!
   Ungenützt verkümmern meine Gaben,
   weder Sommer darf, noch Herbst ich haben,
   und wie junges, grünes Gras verbrennt,
   geh' ich ungeerntet aus als einer,
   der die eignen Kinder nicht erkennt.



Mein Herz ist leergebrannt -- -- --


   Mein Herz ist leergebrannt. -- Den Herbstwind treibt
   trostlose Sehnsucht durch die welken Wege. --
   Jetzt weiß ich, daß mir auch kein Dunkel bleibt,
   wohin zu ewigem Schlaf mein Haupt ich lege.

   Ich höre meinen Gott nicht mehr: er hebt
   aus seinem Wald kein Wort zu mir hernieder.
   Mein Herz ist leergebrannt. Der Herbstwind gräbt
   mit hohlen Händen in sein Grab sich wieder.

   Wozu wird mir noch Tag an Tag getan?
   Was glotzt der Nächte gläserne Pagode?
   Mein Herz ist leergebrannt. Und Charons Kahn
   trägt mich durch welkes Laub zu wachem Tode.



Der Mutter


I

   Die Mutter schilt mich ohne Grund -- ich wehre mich -- wir zanken --
   wie kannst du wissen, was ich heimlich für und für gelitten
   und immer wieder durchgelitten hab' . . . ich möchte um Verzeihung
      bitten
   für jeden Schlag, den du mir gabst, und dir für jede Härte danken!
   Weißt du denn, wie das ist, wenn in einsamer Nacht
   ich wach sein muß und irgendein Tier vor mir flieht,
   wenn man im Spiegel sich selbst wie entzaubert sieht
   in roher Nacktheit, maskenlos ungeschlacht?
   Ich möchte dir so gern, so gern! stets etwas Schönes schenken,
   und hab' doch immer Angst vor deinem hilflos herben Staunen:
   Du hieltest es erbittert, oh! für eine von meinen erbarmungslosen
      Launen
   und weintest heimlich -- aber ich muß »Martyrblume! Schwester!«
      denken . . .

   Und -- Gott ist krumm! -- ich muß dich immer wieder kränken!


II

   Mein Leben ist aus deinem Glück und Gram
   ein Kreuz von süßem und von bittrem Holze;
   Entbehrung noch, der Fleck auf meinem Stolze,
   sei gut, weil sie aus deinem Kelche kam.
   Der Gang im Schnee; in Büchern wie in kalten,
   verlassnen Korridoren stumm zu stehn;
   oder wenn um die Stirne die Gestalten
   des eignen Schöpfersturms gespenstisch wehn:
   holt sich von dir Bestätigung und Stimme
   und weint und lacht sich reif an deiner Brust,
   denn dein war alles, eh es mir bewußt
   und wichtig ward: der Fluß, in dem ich schwimme,
   umflüsterte dein Haar. Ich rann wie Sand
   ganz weiß aus deiner spielgewölbten Hand,
   und wie ich selber mich im Spiel versinne,
   fließt Ernst und Lust in deine Hand zurück,
   und alles wird, was immer ich beginne,
   zu deinem Grame und zu deinem Glück.



Lob des Mondes

(Der Bresthaften Trostgesang)


(In ehrfürchtiger Zuneigung Else Lasker-Schüler gewidmet)

   Mitternacht ladet zu Gast die Gelähmten,
   hat für die Blinden Früchte und Wein;
   die sich des Leids vor der Sonne schämten,
   hüllt sie behutsam in Mondenschein.

   Fiebernde kühlt die Milch ihrer Sterne,
   Stotternde singen mit ihrem Wind,
   aus dem Geröll der verfallnen Zisterne
   hebt die Verlorne ihr aussätzig Kind.

   Bucklige, die sich mit Eifersucht grämten,
   finden den Sesam, Götter zu sein --
   Die sich des Leids vor der Sonne schämten,
   gehn durch den Mond in den Himmel hinein.

   Und der Taube, im Rauschen der Sterne,
   lächelt, weil Hymnen im Herzen ihm sind.
   Aus dem Geröll der verfallnen Zisterne
   hebt die Verlorne ihr aussätzig Kind.

   Daß aus den blutenden Wachtfeuer-Bächen
   eine Hand seine Wunden berührt.
   Stummgeborene glühn von Gesprächen,
   in das Pathos der Wolken entführt.

   Flüchtige Schwalbe die Hand des Gelähmten,
   Blick des Blinden im spiegelnden Wein:
   die sich des Leids vor der Sonne schämten,
   gehn durch den Mond in den Himmel hinein.



Bettler, wo kehrtest du ein


   Bettler, wo kehrtest du ein, mit dem ich einst sprach,
   der seines Lebens Pein wie Brot mit mir brach?

   Deine Stimme fiel hart, wund, wie ein Stein ins Gras,
   ich fühlte mich schuldig und schenkte dir was.

   Du logst mich an, aber dein Blick bat: Ich kann ja nicht anders,
      verzeih!
   Und dein ins Joch gezwängtes Rückgrat sprach dich von allem frei.

   Dann schrittest du weiter, das Haupt verklärt von Weh und Hohn;
   über dir sangen die Vögel im Laub: Das ist mein lieber Sohn!

   Manchmal bange mit trostlosen Träumen allein
   ruf ich dich lange: Bettler du, liebe Lüge, wo kehrtest du ein?



Verirrt in dieser Fremdheit Not


   Was hab' ich noch mit euch zu tun:
   mit dir, du Frau, mit dir, du Mann;
   der ich mich selbst nicht trösten kann,
   vergrämt und grau
   muß fremd in fremdem Bette ruhn.

   Wie bang ich dann verloren bin
   in fremdem Zug zu fremder Zeit
   und ohne Sinn getragen hin
   von jeder Heimat weit, so weit --
   kein Haus hält still, kein Waldrand will
   den Weg zurück Gefährte sein,
   und Sterne stehn auf Bergen stumm --
   ich aber muß, vor Angst ganz klein,
   in einen fremden Raum hinein;
   der wächst wie Dornen rings herum.

   Und bin mit keinem Ding vereint,
   so schlaflos fremd in fremdem Bette
   und noch den eignen Füßen feind,
   und warte, daß mich Gott errette . . .

   Die Wagen rollen immerzu
   hin durch mein Herz, die ganze Nacht,
   auf falschem Gleis zu falscher Ruh,
   und bang am Wagenfenster wacht,
   der sich verirrte -- Bruder du
   im gleichen Bann,
   daß nichts, daß nichts ihn trösten kann,
   verängstet fremd in fremdem Bett
   und schlummerlos als wie geschnürt
   auf das verhaßte Henkers-Brett,
   von dem kein Flügel ihn entführt --
   Groß Tore drohn. Spitz schielt ein Licht
   mit bösem Auge unerlöst.
   Der Morgen wie ein Grab aufbricht,
   in das ein fremder Tod mich stößt.



Türme in der großen Stadt


   Wir wollen uns immer die Hände reichen
   über Patina-Grün und Lichter-Flug,
   doch unsrer ehernen Zungen Zeichen
   (Wo ist die Stille, die einst uns trug?)
   haben sich nie vereint,
   immer war irgendein Feind
   zwischen uns: Räderspeichen,
   Autohupen, Reklamen, ein Stadtbahnzug!

   Wir starren, verdorrte Bäume, in Schwüle
   (Manchmal schwebt uns ein Luftschiff nah . . .)
   dürstend nach der Sterne Kühle
   und der Wolken Gloria.
   Rauch erdrosselt weh
   unser: Kyrie!
   und wie Henkerstühle
   stehn Plätze; Drähte sind wie Mördernetze da.

   Über uns kommen Nachtmanöver, Kanonen,
   wir möchten ausschlagen wie auf dem Wall
   junge Pferde, aber wir müssen uns schonen
   und stehen immer wie im Stall.
   Goldner Kreuze Last
   liegt auf uns verhaßt.
   Wo unsre Brüder wohnen,
   wissen wir nicht. In Scherben zerschellt unsrer einsamen Stimmen
      Schall . . .

   Unsre Leiber sinken verloren, erbleichen
   bei Patina-Grün und Lichter-Flug.
   Wir liegen wie einbalsamierte Leichen,
   ewiger Krieg tausend Wunden uns schlug.
   Sind nie vereint,
   immer trennt uns ein Feind,
   daß wir uns nie erreichen --
   Wo ist die Stille, die einst uns trug . . . und ertrug?



Ein Abend ist vertan -- ein Tag zerschlagen -- --


   Ich muß mich wieder in dies Glashaus bannen,
   an das kein Echo und kein Lockruf pocht,
   wo Träume, trostlos wie erfrorne Tannen,
   sich ducken um ein bald verdämmernd Docht.

   Ein Abend ist vertan . . . ein Tag zerschlagen . . .
   vernichtet Liebe viel und wie erstickt
   in Gittern, wo der Nachtigallen Schlagen
   verstummt und unstet die Gazelle blickt.

   Und draußen ist vielleicht der Witwer Wald,
   der neben meinem Lied am Morgen lief,
   den weiten Weg zu seinem Grab gegangen.

   Und draußen kniet vielleicht in Knechtsgestalt
   der Strahlende, den meine Sehnsucht rief,
   sich hin, den Todesstreich jetzt zu empfangen.



Wenn ich wieder durch die Fremde irre . . .


(Einem sehr geliebten Dichter)

   Und gewiß, wenn Kleinmut mich zersplittert,
   nur ein Wort von dir mir Wimpel wird,
   wenn der Trambahnzug auf Brücken zittert,
   daß ich mich an Fremde wie verirrt
   schmiege und erwarte hilflos Zeichen
   einer Freundschaft, die nicht kommen kann,
   blüht aus Gesten, die den deinen gleichen,
   alle Labsal unsrer Liebe dann.

   Häuserschatten schweben schonungsvoller,
   wenn in Dämmerung mich mein Schicksal fängt,
   allerwegen in des Irrwahns toller
   Glücksjagd meine Not zu deiner drängt.
   Wenn ich, aus mir selbst geworfen, stürme,
   überholt mich deines Himmels Chor,
   und aus diesen fremden hohen Türmen
   reißt mich eine Flut zu dir empor.



Werd' ich noch einmal Bruder entgürteter Geister?


(Der unerschütterlichen Geradheit und aufrechten Bereitschaft Franz
Pfemferts dankbarst zugedacht)

   Werd' ich mich noch einmal durch alles Bittre durchbeißen,
   nahe den Alpen der Tat fliegen durch Gluten von Glück,
   gütig durch Gärten gehn und Blutenden Heiland heißen,
   Neid aus den Augen nehmen und vom zitternden Nacken Gebück?

   Werd' ich noch einmal mein Ringen ins Reine reißen,
   Rad eurer Rede sein und vom Starren der Steine ein Stück,
   stummen Dunkels ein Busch und eine Welle vom Weißen,
   und die Tücke der Not zwingen in Tränen zurück?

   Werd' ich noch einmal über das Morden Meister
   von Mund zu Mund in aller Gedächtnisse Bund,
   wird mein Belastetes lächelnd wieder sich lehnen

   an ein Geländer von goldener Güte, die rund
   göttlich Umarmung ufert um wunder-wahrmachende Geister? --
   Oder bleib ich auf fremder Spur kreisend ein sinnloses Sehnen
      . . .



Zum Herzen meines Vaters

(das, Opfer des Weltkrieges, am 20. 12. 1916, jäh brach)


   Vater, bleibe über deinem Sohne
   und erlöse mich in deinem Schlaf,
   eh ich alt an deiner Arbeit frohne,
   fruchtlos bin wie du, vom gleichen Hohne
   durch die Welt getrieben, der dich traf.

   Vater, segne meinen Weg ins Weite,
   daß er deine Knechtschaft segnen kann!
   Gib mir durch die Lande das Geleite,
   daß ich Sanftmut säend dir zur Seite
   sühne, was in deinem Gram begann.

   Vater, fahre fort mit mir zu reden
   von der Rache, die du dir verschwiegst,
   daß du endlich jauchzend über jeden
   Gegner deiner schamverschwiegnen Fehden
   in dem offnen Feld der Güte siegst.

   Vater, laß mein Werk sich furchtlos breiten
   über jeden Bruder unsrer Brust:
   Vater, wenn wir sanften Sinnes schreiten
   in dem großen Reigen der Befreiten,
   hat dein Sterben seinen Stern gewußt!

   Vater, sieh: dann schlichtet sich in schöne
   Friedlichkeit dein mühevoller Pfad . . .
   Frühlingswind im Wald verklärter Töne,
   Vater, wache über deine Söhne
   und erlöse dich in unsrer Tat!

   »Wir gehen im Rosengarten, da
   sind Lilien und Blumen genug; wir
   wollen unserer Schwester einen
   Kranz machen, so wird sie sich vor
   uns freuen.«

   _Jakob Böhme_,
   ^De triplici vita hominis.^



Was ihr verschenkt, wird euer Reichtum werden


   Keine Finsternis, kein Schlummer euch ganz verschlingt:
   einer Geliebten Verstummen die weißen Sterne euch bringt.

   Schüttelt die Kissen und schöpft in den Morgenkrug
   aus dem himmlischen Bronn kühles Licht euch genug.

   Geht mit Zauberworten weiche Wand sanft entlang,
   pflückt die blauen Monde aus dem Maskenschrank.

   In ihrem Schweigen wird der Vogel Herzeleid
   heimatlich wie im Gezweige grüner Müdigkeit.

   Was den Tag euch taub macht, was euren Abend bestiehlt,
   segnet euch, wenn unterm Laubdach Gottes ihr Psalmen spielt.



Schweigen mit dir


   Schweigen mit dir: das ist ein schönes Schwingen
   von Engelsfittichen und Gottes Kleid
   und süß, unsagbar sanftes Geigenklingen
   verweht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

   Schweigen mit dir: das ist verschwistert Schweifen
   auf weißen Wegen und geliebtem Pfad
   und Fühlen, wie sich Blut zu Blute reifen
   und ranken will aus segensreicher Saat.

   Schweigen mit dir: das ist der Schwalben Schwirren
   um abendliche Türme sonnensatt
   und Wonnig-Wissen, wenn wir uns verirren,
   uns blüht gemeinsam doch die Ruhestatt.

   Schweigen mit dir: das ist aus Schwachsein Schwellen
   zu immer größrer Fülle, Form und Frucht,
   ist Wärme von Kaminen, Hut in hellen,
   verstohlnen Stuben, Bad in blauer Bucht.

   Schweigen mit dir: so sicher singt das Sehnen
   von Seele sich zu Seele wunderbar --
   ich weiß mein Haupt in deinem Schoße lehnen
   und deine Hände streicheln hold mein Haar!



Verse von Ausreise und Wiederkehr


   Wie eines armen Schächers Nacken
   vor dem verfluchten Beil des Henkers friert,
   das schrecklich nah und immer näher rückt,
   daß er in schlaflos schlimme Nächte stiert
   und hört im Traum, schrill, seine Knochen knacken,
   und geht durch den Gefängnishof verzerrt, gebückt:
   so ängstet mich die Stunde, da ich von dir scheiden muß
   und ganz allein durch fremde Straßen streifen soll
   ins Schreckhaft-Leere nach deinen Händen greifen soll,
   und recht verlassen Sehnsucht leiden muß -- -- --

   Du mußt mir deine Sterne schicken
   und deine Gedanken mir zu Gerten geben,
   die mein zages, verzärteltes Zögern züchtigen,
   du mußt mich mit Träumen von dir zu tüchtigen
   Taten tauglich machen und mit deinen Blicken,
   die mir kommen, wenn meine Augen sich zum Himmel heben,
   trösten, daß die Freude auf meine Wiederkehr
   und auf das neue Glück mit dir mich nicht verzweifeln läßt,
   wenn ich in fremder Kammer tränenübernäßt
   nachts zum bestirnten Firmamente bete --
   (denn ich bin allzu sehr
   verschüchtert, wenn ich feindliche Triften betrete.)

   Dann aber macht mich deine Liebe entschlossen
   und hält mein Herz hoch und meinen Mut! -- -- --

   Und plötzlich ist die bange Zeit verflossen,
   und ich bin wieder bei dir,
   und du wiegst den heimgekehrten Odysseus auf deinem Blut.



Blumenlied


   Noch sind die Blumen von dir
   frisch wie am Tag,
   da deine Hand abschieds-zitternd in meiner Hand lag,
   und dein Herz tat sich auf wie ein Brevier!

   Der Zug stand fahrtbereit,
   aus manchem Fenster fiel ein gleichgültiger Blick --
   Meine Augen sagten zu dir: »Erschrick
   nicht vor unserer Einsamkeit!«

   Dann zerriß uns das Signal wie ein Schlag --
   Nachts: du schläfst einsam, ich wache einsam am Tisch --
   und deine Blumen sind frisch
   wie am Abschiedstag.



Mein Gethsemane


   Dies ist mein schwerstes Kreuz und schwerer noch als Armut,
      Krankheit, Dunkelsein zu
   tragen:
   wenn plötzlich, eben als mein Herz noch voller Übermut und
      Zärtlichkeiten sang,
   aus meinem Munde oder meinen Augen Geißeln gehn, die unser Innigstes
      zerschlagen,
   und lassen unsern Abend leerer noch als trunkner Jähzorn oder
      ungelenker Zank.

   Aber ich weiß doch nicht und werde es mein Leben lang nicht wissen,
   woher die Tränen kamen und worin ich schuldig war,
   und ist auch meine Ruhe zur Nacht von Tränen verschwommen, von Reue
      zerrissen,
   und mein Gehirn wie unfruchtbare Erde und verdorrtes Laub mein Haar,
   in dem Stürme, vor denen ich hilflos bin, Stürme ohne Sinn und
      Ursprung wühlen,
   und bleibt nur Hoffen, daß du mir verzeihst, wie Sonne im April
   über Entsagung als der heilige Geist, der alle Fieber kühlen
   und alle Wunden heilen und sich an jede Lende legen will --

   Spür' ich doch stets, und bis zum Tod nach Jahren noch,
   wie jetzt in dieser Schuld, die ich nicht weiß, ganze Saaten von
      Glücklichsein versanken,
   wie ich mit einemmal verlassen und belastet mit unsichtbarem Joch
   nichts hab', als die Geduld mehr, es zu leiden ohne feig aufsässige
      Gedanken,
   es hinzunehmen wie alles, was aus deiner Nähe sich zu mir
      herniederneigt,
   als mir zu Recht bestimmt, und selbst wenn Unrecht mir geschähe, so
      zu schweigen und ohne
   Wanken
   mich zu erfüllen, daß ich auf die eigne Zagheit zeigen kann, wie
      Jesus in Gethsemane auf seine
   ohne Schuld zitternden Hände zeigt.



Abendliches Leni-Lied


   Wir wandeln wieder lässig über Land,
   ich und mein Hund. Die ersten Blätter bleichen.
   Der Abendwind kommt kühl wie deine Hand
   und will die Striemen aus der Stirn mir streichen.

   Und plötzlich rührt es mich, zu meinem Hund
   verinnigt Zärtliches von dir zu sagen,
   wie eine Blumenurne wird mein Mund
   von Liebesgöttern an dein Herz getragen.

   Der Mond steigt langsam aus dem Wolkenwald,
   an Sternen tastet sich die Nacht, die blinde,
   stöhnend herauf. Ich bete, daß ich bald
   mein Lied auf deinen Lippen wiederfinde.



Du meiner Beete stille Gärtnerin


   Wo deine Füße wandeln, blüht Vergißmeinnicht,
   du meiner Beete stille Gärtnerin.

   Du öffnest deine Hand und wirfst die weißen Wellen
   wippender Sätze über meinen Geist.

   -- Gedanken gehn in Waffen . . . Glied an Glied . . .

   Im Mond sind Mühlen, winterlich verwaist,
   so braun wie ausgebrannt, umzäunt von Nervenlicht.

   -- Schläfst du? Träumst du von mir? Entstellen
   dein Atmen Ängste? Fühlst du, wie ich bei dir bin?

   Stumm singt die Nacht ihr namenloses Lied.



Dialog an den Drei-Steinen


Der Mann:

   Ich weiß den Winter noch, mit den erstarrten
   hungernden Händen durch den Schnee im Traum
   empor sich grabend, und in einem Garten
   uns zwei erwachend, hier, am blauen Saum
   unendlich aufgetaner Farbigkeit --
   und schon die Tage zählend, die zum Turm
   mit neuen Opferflammen himmelweit
   aufzüngelten im ewigen Koppensturm --
   wie Maulwurf stoßend aufwärts nach dem Licht,
   was ewige Lampe der Erinnerung strahlt,
   schon Frühling, der das göttliche Gedicht
   der bunten Matten um die Bauden malt . . .
   so träumte ich --

Die Frau:

   Und nun es wahr geworden
   und Regenbogen überm Weg uns ist,
   fühl' ich nur dies: wie fern du von mir bist!
   Oft lauerst du, als möchtest du mich morden
   um irgendeiner unbewußten Schuld
   und nicht gewollter alter Sünde willen;
   dann rührt dich nicht die Demut, die Geduld,
   zu der sich meines Blutes Stürme stillen . . .

Der Mann:

   Verzeih! . . ich weiß, du mußt viel Nachsicht haben:
   es quälten dort mich, in der Niederung,
   zuviele Schatten, die sich kleiner gaben,
   als ihnen gut war, und Zergliederung
   der eignen Schwäche stets aufwühlend wie
   Selbstmord hat mich so sehr betäubt, erblindet,
   daß meine Freude keinen Pfad mehr findet,
   auf dem sie fußfrei schreitet --

Die Frau:

   Du, ich schrie,
   als ich dein Antlitz sah, dort an der Bahn,
   so überwältigt von geheimem Wahn,
   vom Zwiespalt war es als wie eines Henkers
   Gesicht! -- ich schrie trostlos in mich hinein
   und betete nur dieses: tot zu sein
   vor deinem Tod! --

Der Mann:

   Ich bin vor dir sehr klein!
   Ich wollte mit der Fülle des Beschenkers,
   des Früchtereichenden, des Spendenden,
   mit goldnen Festen, niemals endenden,
   dir nahn -- ich wollte diese hohen Tage
   zu einem Reigen reiner Lust dir machen,
   verheimlichen, wie ich mich selbst zernage
   im Leid, und wollte lachen, über Trümmern lachen! --

Die Frau:

   Du -- dieser Ton zerschneidet mir die Sinne!
   Glaubst du noch immer: opfern hieße lieben?

Der Mann:

   Jetzt werd' ich erst mit Mörderreue inne,
   wie sehr mein Mut vor dir zurückgeblieben
   und zahm geworden ist; ich war ein Hund,
   den nur sein Hunger auf die Fährte hetzte,
   ich jagte, jagte mir die Füße wund --

Die Frau (innig):

   Du bist der Erste und du bist der Letzte;
   du hast mich nie getäuscht; oft war es schwer,
   dir gut zu sein -- was wäre denn die Güte,
   wenn sie uns mühelos im Gärtchen blühte --
   ohne dich wäre mein Erleben leer!

Der Mann:

   -- Deute mir dies: ich wandle auf den Höhen,
   die ich ersehnte wie ein Hungerbrot,
   wandle mit dir allein, und spüre Not
   und Nichtigkeit, und ist mir nun, als flöhen
   mich alle Engel dieser grünen Gründe
   und aller ihrer Felsen In-Sich-Ruhn
   und ihrer Teiche Paradies, als stünde
   auf heiligem Boden ich mit staubigen Schuhn
   unwürdig, anzubeten!

Die Frau:

   Was ist Sünde?
   Wir tun ja doch nur, was wir müssen tun!
   Und du hast immer so an dir gelitten,
   daß tausendfach dir längst vergeben ist.

Der Mann:

   Vielleicht war meine Einsamkeit nur List,
   das zu erschleichen, was sich die erstritten,
   die Freundschaft über sich ergehen ließen
   und nicht verzweifelten, wenn Liebe schlug . . .

Die Frau:

   . . . und die im ersten Bilde Helden hießen,
   im letzten: töricht vor dem kleinsten Trug.

Der Mann:

   Du reifst und reifst mit dieser Berge Reifen,
   ich schrumpfe immer widriger zum Zwerg.

Die Frau:

   Denk' an dein Werk, an nichts als an dein Werk,
   so wirst du dich als Siegenden begreifen!

Der Mann:

   Ich schäme mich der Unrast, die mich knechtet:
   nicht eine Stunde leb' ich meinem Stern!
   Ich setzte meinen Sklaven mir zum Herrn
   und hab' mich selbst aus Eigennutz entrechtet.
   Wie schäm' ich mich vor dieser Dinge Größe,
   wie wünschte ich, ein Baum, ein Fels zu sein:
   Zwecklosigkeit des Gottes ist im Stein,
   im Zweige mehr als in der Menschenblöße,
   die immer nach dem Mantel jagen muß
   und immer, in ein kleinlich Ziel gezäunt,
   zum Finstern Feind sagt und zum Frohen Freund!

Die Frau:

   Du quälst dich so . . . ich weiß nicht . . . dieser Kuß
   auf deine wehzerquälte Stirn, das Letzte,
   was ich zu geben habe . . . ich bin arm . . .
   ein Obdach nur . . . ich weiß wie dich der Schwarm
   der bösen Ängste durch das Dickicht hetzte . . .
   o hetzte er dich doch an meine Brust!
   ich will dich hüten und ich will dich halten,
   und wenn du wieder einsam wandern mußt,
   will ich zu Haus sein und die Hände falten,
   für dich zu beten, will gern einsam bleiben
   und nur mit deiner Einsamkeit vermählt!

Der Mann:

   Ich habe dich so namenlos gequält . . .

Die Frau:

   Wie du dich selbst gequält hast!

Der Mann:

   Sieh, es treiben
   die Nebel durch den schmalen Klippenspalt . . .
   die Wälder singen . . . Orgelfugen rauschen . . .

Die Frau:

   Es rauscht mein Blut! -- Hier will ich stehn und lauschen,
   ob unserm Weh kein Echo widerhallt . . .
   Gott, sei uns gut!

Der Mann:

   Versuche nicht die Tiefen,
   wenn du mit mir bist, denn an mir ist Fluch,
   seit Kain!

Die Frau (mutig):

   Wie meine Mütter einst dich riefen,
   rufe ich dich: laß jenen durch ein Buch,
   durch eine schemenhafte Pflicht . . . um kleiner
   Hingebung willen nicht zuschanden werden!
   Gott, sei uns gut! -- -- oder du hast auf Erden
   nicht einen Spiegel mehr! . . .

Der Mann (mit ihr knieend):

   Gott! mach' uns reiner
   als Morgenröte über Gipfelwiesen!
   Laß deine Liebe sich mit ihrer Liebe
   verschwistern! -- Gott! Ich Zwerg vor ewig Riesen! . . .
   Und daß mir nur ein Traum von ihren bliebe!

Die Frau:

   Nimm ihm die Demut, nimm ihm alles Bange
   und mach' ihn so mit meinem Leben reich! -- --
   Ich sterbe gern . . .

Der Mann:

   Wir sterben Wang' an Wange . . .

Stimme aus den Wolken:

   Und werdet Ihm mit Stein und Sternen gleich.



Aus der Nachfolge Jakob Böhmes


(Mit brüderlichen Grüßen zu Franz Jung)

   »Gestellet für uns selbsten zum Ingedenk
   und Aufrichtung in dieser
   verwirreten, elenden und trübseligen
   Zeit . . .«

   _Jakob Böhme_
   ^De triplici vita hominis.^



In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen


   In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen
   erzittre ich mit dem verirrten Kinde,
   das fremde Menschen auf die Festtribüne tragen,
   und der Trompeter bläst, daß es die Mutter finde.

   Die Grillen zirpten und die Sterne sangen,
   und Gott ging neben mir und war so gut,
   und lächelnd spielt' ich mit den goldnen Spangen
   an seinem Hut.

   Und fremde Schatten silberten sich seiden
   aus einem großen fremden Mond,
   mein Herz sprang brennend durch die dunklen Weiden
   und sang: O kommt!

   Kommt wieder Lampen meiner Stadt und Hallen
   und hebt mein Haupt
   in weiße Kissen, die sich wallend ballen,
   und Lieder, die von Gottes Abschied fallen
   in einen Traum, der an ihn glaubt.



Dieser Welt entgrüntes Witwentum


   Witwe wurde ich der Wunder weiland,
   welche Gottes Bräutigam verhieß,
   und ich warf mich vom verzückten Heiland,
   der die Kindlein zu sich kommen ließ.

   Was entlief ich, ehe der Empfängnis
   überschwenglich Rauschen mich befiel,
   zirkelte Mariens Herbstbedrängnis
   in ein fruchtlos spottend Frühlingsspiel?

   Und verfrühte, was mir frommen konnte:
   wachen Abend, den der Sommer segnet;
   goldnen Mittag, den September sonnte -- -- --

   Und von nichts als Eitelkeit umflossen,
   bin ich allzu herb in mir verschlossen,
   daß mein Herz vergißt, wem es begegnet.



Auch der Zweifler bleibt in Gottes Sphäre


   Heile Hunger, Giftqual und Begierde
   und verschütte jede Leidenschaft,
   jeden Zank, der nicht zu Gottes Zierde
   seine Schiedlichkeit zusammenrafft!

   Aber was, noch mit sich selber streitend,
   seine Fackel nach den Wolken wirft,
   Schild und Schild zur Sonnenbrücke breitend,
   über die der Fuß gen Eden schlürft:

   sei geschürt zum ungeheuren Brande,
   der in einer Flamme sich verzehrt
   über Feindes-Lande, Freundes-Lande!

   Und die Stadt, die sich vor Gott verstockt,
   weil sie ihn noch gütiger begehrt,
   gilt ihm mehr, als die ihn lächelnd lockt.



Herr, kannst du nicht die Dinge strafen


   Herr, kannst du nicht die Dinge strafen,
   sie widerstreben deinem Sohn:
   der Kissen Eigensinn läßt ihn nicht schlafen
   und in Verzweiflung treibt das Telephon.

   Die Lampe macht sich launenhaft zum Feinde,
   mit dem ein ungewisser Krieg beginnt,
   und eine ganze drohende Gemeinde
   hat Hinterhälte, wo sie Aufruhr sinnt.

   Die Dunkelheit ist stumm im Bunde
   mit jeder Ecke, jeder Wand,
   es höhnt die Uhr mit falscher Stunde
   und Rundes rinnt aus meiner Hand.

   Und viel ist störrisch in Verstecken,
   die Riegel geben mir nicht nach --
   Herr, soll mich noch ein Stein beflecken,
   ein hohles Holz mit solcher Schmach?

   Oder: sind dir die Dinge näher
   und mehr dein Sohn, als ich es bin,
   und stelltest du sie mir als Späher
   um meine Leidenschaften hin?

   Damit sie mich vor dir erproben
   und Spiegel meiner Schwachheit sind --
   wie wird mein Bitten, wird mein Toben
   an ihnen ein vertaner Wind!

   Daß ich an ihnen Demut lerne
   und die Geduld, die bei dir thront,
   damit ein Hauch von deinem Sterne
   mit mir im gleichen Raume wohnt.

   Damit ich ohne Überheben
   behüte, was mir Nachbar bleibt,
   und weiß: der Dinge Dämmern und mein Leben
   sind deiner Einsamkeit gleich einverleibt.



Ich nahm den sehr verhaßten Pfad -- --


   Ich nahm den sehr verhaßten Pfad, wo zwischen
   modernden Teichen dich ein Hohlweg fängt;
   wo Dunst von Unrat und verwesten Fischen
   als Wolke über deinem Atem hängt;
   wo immer Nacht ist; wo sich die Gedanken
   wie Kröten ducken in das düstre Moor
   und deine Wünsche sich mit widrig kranken,
   geifernden Gliedern klammern an das Rohr.
   Dort suchte ich das Letzte zu erschleichen,
   ob es mir irgend noch beschieden sei,
   in deiner frechsten Fratze zu erbleichen,
   Mißton zu spein aus deinem Eulenschrei.
   Ich suche dich in deiner letzten Öde,
   in deiner Scham, in der dich keiner liebt,
   ich aber suche noch die glücklos blöde
   Grimasse, die dein Angesicht verschiebt,
   und ich will lieben deine scheelste Schande,
   der ich in deinem Stolz nicht leuchten darf,
   und den sein Schicksal aus dem Morgenlande
   erträumter Heimat als Enterbten warf.
   Leicht ist es, dich im lichten Laub zu finden, --
   ich will dich, wo du heillos häßlich bist,
   feindselig und entstellt, mit gierig blinden,
   tappenden Gesten abgefeimter List
   Nachstellungen ersinnst und Hinterhälte
   und nicht das eigne Königtum mehr kennst,
   wo eine künstlich hingehaltne Kälte
   die Flamme leugnet, drin du qualvoll brennst.
   Ich suche dich in deinem schlimmsten Flecken,
   dort, wo du wertlos und voll Ekel sinkst,
   will ich für meine Demut dich entdecken,
   daß du mit mir aus einem Scherben trinkst,
   die schale Fäulnis trinkst, und doch derselben
   lechzenden Durstbegierde einverleibt
   dein Mund und meiner, und in schmutzig gelben
   Lehmfurchen meine Spur an deiner bleibt;
   mit dir ein Schade sein und ein Gebrechen,
   die letzte Gnade, die ich mir erbat,
   mit dir die lästerlichsten Zoten sprechen,
   mit dir der Helfer widerlichster Tat:
   doch irgendwie in deine Schlucht zu schlüpfen
   und teilzuhaben, sei es, wo zuletzt
   du dich verlierst, mich innig zu verknüpfen
   dem Netz, in das der gleiche Haß uns hetzt,
   ist Gnade vor der einsam blauen Lichtung,
   wo Reinheit Rache wird am fernen Mond,
   und noch mit dir Verrat und Selbstvernichtung
   ist mehr als Ewigkeit, die einsam thront.



Veracht' ich mich, um Gott mehr zu gefallen?


   Veracht' ich mich, um Gott mehr zu gefallen?
   Mach' ich ein Fest aus abgeschriebnen Federn?
   Wein' ich mich sacht in Schlaf . . . und werden Zedern
   entrücken mich in endlos grüne Hallen?

   Fühl' ich, wie du mich trägst? Schöpft aus der Quelle
   die Hand, die mich behütete, ein Leben,
   das nie vergeht? Und kehrt nicht zaghaft eben
   der Zweifler in das Dunkel der Kapelle?

   Soll meinen Schlummer fremder Atem kräuseln,
   der Irrtum dessen, dem ich mich entäußre
   und dienen will, wenn mich Erkenntnis stäupt?

   Du tust mich in dein Rechnen, und betäubt
   erduld' ich es, und, ob mein Stolz sich sträubt,
   ist nur mein Herz noch Uhrwerk im Gehäuse.



Himmelfahrt


   Brand in Inbrunst himmlischer Essenz
   brach aus seines Hingangs Heiligkeiten,
   Strahl des ersten Blütenlichts im Lenz
   und der Schatten schräg an seinem Schreiten.

   Und das Feuer unter seines Fußes
   hingewölbter Schwinge ward Figur,
   und der Mondschein des Mariengrußes
   spiegelte die Perlen auf der Schnur.

   Da er zögert im Triumph der Zeichen,
   lockt verfänglich Satans letzte Lust:
   sich dem Gärtner Gottes zu vergleichen.

   Und er strauchelt fast . . . und bleibt gebückt . . .
   bis sein Gang, sein Lächeln, seiner Brust
   tiefe Melodie ihn weit entrückt.



Des Erlösers letzter Sieg


   Seine stillen Augen sind Kristalle,
   die des Tages dunkles Kreuz bewahren
   aufgehängt in seinen hellen Haaren
   schaukelt klingend unsers Abends Halle . . .

   Aber als ein Sturm mit den Gestirnen
   unsanft spielt, birst seines wolkenbleichen
   Angesichtes Schild und züngelt Zeichen,
   die bedrohn, und Wunder, welche zürnen.

   Aus der Brust, die plötzlich aufgebrochen
   rot Vulkan ist, sprengt das Herz Verbluten
   unter den entbrannten Dornenruten
   seiner schmerzhaft steilgebäumten Knochen.

   Doch zwei Hände bleiben, die erblindet
   auf dem grünen Hirtenstabe rasten,
   daß zur Nacht, die zärtlich sie betasten,
   alles wieder seinen Frieden findet.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Empörung + Andacht, Ewigkeit" ***

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