Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Die Nackten - Eine Dichtung
Author: Wolfenstein, Alfred
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Nackten - Eine Dichtung" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



                             Die Nackten


                            Eine Dichtung
                                 von
                          Alfred Wolfenstein

                     Kurt Wolff Verlag · Leipzig

                  Bücherei »Der jüngste Tag« Band 51
               Gedruckt bei Dietsch & Brückner, Weimar

Inmitten eines leeren Platzes

Ein jugendlicher Mann

   Von Dunkel brennt mir das Gesicht,
   Voll Betten stehn die Straßen, Schweigen schimpft: Nach Haus!
   Verschwinde, unzufriedener Mund, du mit dem Licht
   Im Aug, vor luftiger Seele flackernd, störe nicht --
   Hier ist es aus!

   Ich aber, wenn die Stadt auch steht,
   Jage die leere Zeit --
   Hier meiner Lungen wache Flügel, weit
   Gespannte Lider, noch von Stirn überweht.

   Mein Schicksal, das mit knappem Hohn
   Den Tag an mir vorüber führte, dämmernd Gift
   In Hunger rührte
   Und jetzt mit nächtlicher Keulenschwärze trifft:
   Ah, glaubt mein hageres Schicksal, ich verzweifle schon?

   Zwar blickte ich mich schon zu lang
   Nach Fremden um --
   Verwandt mit mir, Gesicht und Gang --
   Doch nicht Genuß! wie unberührtes Kloster lag
   Mein Gaumen stumm, als ich besprang
   Ich Tier mit eines Gottes züngelndem Geist den Tag.

   Denn euretwegen dacht ich euch
   Gewillt und groß,
   -- Entsetzlich, wenn entzückter Schoß
   Auf ödes Fleisch, auf kalter Lippen Lustgekeuch,
   Er bis zu seinem Haupt entblößt
   Auf steinernen Lärm und Bett entmenschter Arbeit stößt!

   Andröhnte euer Morgenleib mit Rad und Knien,
   Entlang den Häuserstrahlen kamen Augen schnell:
   Der Straßen Spitze, in der Vorstadt nebelndem Grün,
   Begann von Menschen neu zu glühn,
   Zusammenschoß mit immer dickeren Keilen hell
   Die Stadt, um rund des Platzes Tore aufzusperrn --
   Die Strahlen schufen hier den Stern.

   Doch als ein winzig Irrlicht über vielem Schlamm,
   Knattern mit kaltem Blitz
   Erschien er mir: Gewellt, gehöhlt, gebuckelt schwamm
   Von Wagen auf und ab der Damm,
   In Mäulern, Klingeln, Glocken, toll am toten Sitz,
   In Häusern, Domen, Warenhäusern zu und auf,
   In Zwergen, Riesen, starr im Lauf:
   Das Licht erfror --
   Das Sehen versank in brausendem Ohr.

   Was ist uns Stadt?
   Darf sie betäubend Herrin sein?
   O packten wir sie -- hielten das Haupt mit Macht hinein:
   Sei Spiegel uns und Mittel, des Bewußtseins Bad!
   Ihr aber drückt das vorgeschobene Kieferkinn,
   Geschäftiges Knie, euer ganz verkäufliches Magazin
   In ihren Stein,
   Alltäglich prägt der Stahlschrank eure Hand sich ein,
   In jede Sache wird gezeugt was Sache braucht,
   Halblebend platzt ein Menschending aus ihrem Bauch,
   Kriecht Zahlenbuch, thront Börsenschicksal, Wolken kratzt
   Ein Menschendüngerhaus,
   Maschine euer Held
   Hat eure Faust
   Und Fingerspitzen nimmt das Geld,
   Und also macht ihr sie zu euch, die Stadt -- die Welt!

   Ihr wollt es? wollt euch nicht mehr sehn?
   Der Welt, dem Ungewissen,
   Soll nichts gegenüberstehn?
   Der Tat Gewißheit, spiegelndes Gewissen
   Verklebt von Massen,
   Vom regungslos arbeitenden Sumpf,
   Durchsichtigkeit stumpf,
   Daß Gesicht verholzt
   Und Phantasie im immergrünen Tische,
   Daß Seele Sand wird und Mensch sinkt ein
   Und nur um seinen Staub vermehrt
   Steigt rings nur Land:
   Ist das euer Wille,
   Leidlos abgekartet --
   Oder eines Unglücks
   Bewußtlose Wüste,
   Die schmerzlich auf des Denkenden Zurückkunft wartet?

   Zu fest am Körper fühle ich nun meinen Arm,
   Der euch zu halten wünschte, nicht bloß ich zu sein,
   Und fest nur, daß er helfen könnte.
   Da steht um mich des Dunkels Karussell, und ich
   Den Schaum der Worte kauend, unbeschäftigt Pferd,
   Nicht müde, denn ich tat nichts, denn ich drehte nicht
   Die Lampen, Wagen, Tiere, Kinder dieser Stadt:
   Doch aus dem bunten Kasten, der inmitten sitzt,
   Zäh orgelnd wallt -- frech pfeifend steigt -- aus meiner Stirn
   Musik des Tages -- -- eines andern Tages Traum --:

   Da schwankt die Wand der Häuser, wie ein Motor bebt,
   Dach flattert, Zimmer fahren an, und schneller noch
   Rollt euer Bett den Fenstern zu und schwebt hinaus:
   Es weht aus allen Vorhängen der Schlafesstadt --
   Hierher -- -- In langen Mondesstrahlen schwenkt zum Platz,
   Der purpurrot am Tage strahlte, kissenweiß
   Geheimnisvoll durchsichtig eurer Wünsche Schar --
   Fällt milchig her -- und auf dem Pflaster liegts vor mir
   Wie vieler Engel bittend flache Hände bleich.
   Denn ihr erträumtet: einer führt hinweg von hier --
   Und rief euch gut -- und fremd -- und gut: ich mache reich!
   Ich mache _reich_ --

   Doch was erblaßt ihr -- fliehet -- -- und statt eurer schon
   Tritt plötzlich aus dem nahen Prachtbau, reich verziert
   Mit Gold und Kürassieren, niedrer Kuppelstirn,
   Ein andrer Chor, von würdigem Bart und Gehrock schwarz --
   Sie ähneln euch und sinds nicht -- stampfen brüllend an --

Chor der Parteien

   Wir haben von dir gehört,
   Du kannst reich machen.

Chor der Partei der Stehenden

   Zwar wir besitzen schon viel,
   Der ganze Grund und Boden
   Ist uns vererbt und heilig,
   Drum glauben wir an Familie
   Und pflanzen steif uns fort.
   Wer sonst noch leben will,
   Von Erde abgeschnitten,
   Muß unser gehorsamer Knecht sein.
   Wir wurzeln, wurzeln ständig
   So treu und scharf und fromm,
   Doch treffen wir in der Erde,
   Auf der Erde, über der Erde
   Noch andre Menschen an:
   Dann knalln wir -- denn wir können
   Auch sehr aus uns herausgehn
   Für unseres Vaters Land --
   Sie weg von unsern Grenzen
   Und noch viel weiter weg.
   Wir schaffen außen Ordnung
   Und innen nichts als Ordnung,
   Drum wähle man unsere Partei.
   Wohl duldet Eiche nicht Sträucher,
   Erst in gemessner Entfernung
   Fängt allemal das Gras an:
   Doch jeder steht am Platze,
   Immer an seinem Platze,
   Ewig alles am selben Platze,
   Gott will Abhängigkeit.

Chor der Partei der Schreitenden

   Zwar wir sind weit gekommen
   Aus eigenen bürgerlichen Kräften,
   Die Erde ist beweglich,
   Da sollten wir nicht drehn?
   Wohl sieht man deren Lauf nicht,
   Das kann uns nicht beirren,
   Die Wissenschaft beruhigt.
   So ist es auch mit Gott.
   Der Mensch ist affenartig
   Geschwind in Gang und Intelligenz,
   Doch sei's mit Maß, mit Maßen.
   Er hat unzählige Rechte,
   Wird ziemlich frei geboren,
   Er gehet an der Kirche
   Vorüber ins Kontor.
   Er pafft aus seinen Schloten
   Und pfeift durch Räderzähne,
   Den Himmel klärt er auf,
   Die Erde wird verraucht:
   Da schützen wiederum Häuser
   (Denn Zivilisation beschmutzt nur,
   Ums wieder auszugleichen)
   In immer besseren Zimmern
   Stets fortschreitende Menschen,
   In immer glatteren Kleidern
   Stets amtlichere Bürger,
   Drin geht hochaufgerichtet
   Die reinste Vernunft dahin.
   Alles geht und es geht alles,
   Unser leichtes Programm besteht nicht
   Wie Vorredner auf Scholle:
   Wir machen alles zu Geld.
   Geld rollt. Und heckt idyllisch,
   Gleicht Brandung aus, Geld ölet.
   Geld ist. Geld ist kein Schwindel,
   So ausgedehnt und faßlich --:
   Wir brauchen das Abstrakte
   Bloß anzufassen: siehe,
   Da werden schon Ideen
   Für sichere Zwecke brauchbar,
   Der Geist ein fester Körper
   Und Zeit wird Geld.

Chor der Partei der Rennenden

   Zwar wir, wir sind die Starken
   Und reißen der ganzen Geschichte
   Zusammenhang auseinander!
   Und vereinigen doch jeden Vorzug
   Dieser feinen Parteien
   Und sprechen noch viel schneller
   Und sind nur scheinbar Pack.
   Was eigentümliche Klassen
   Frech lange zusammenpackten,
   Wir packens wieder aus.
   Das kommt! das kommt von selber,
   Denn unser kalter Keller
   Wächst groß wie Warenhäuser,
   Steigt unsichtbar aufs Dach --
   Bis plötzlich auf ein Zeichen
   Das ganze reiche Gebäude
   Zerfällt -- -- in unsern Schoß.
   So kommts mit Riesenschritten,
   Indem wir einfach rennen
   An unsere Riesenarbeit,
   Wir mästen euch für uns.
   Es trappelt morgens Erde
   Vom Regen unsrer Beine
   -- Und manchmal schweigts an manchen
   Stellen -- kleiner Vorschreck!
   Zum ganzen Fressen fehlte
   Bisher die Einigkeit.
   Man sieht, eure Welt ist unsre,
   Ein wenig breit geschlagen,
   Ihr pflegtet sie zu rund.
   Auch unsre schnelleren Füße
   Werden so langsam wie ihr,
   Wenn unser Gewicht sich steigert --
   Wir, nicht besessen wie manche,
   Die nicht besitzen wollen,
   Wir sehen nur die Geister,
   Die Genossen sind,
   Wir werden steif wie Raupen,
   Wenn Fremdes uns berührt --
   Kurz, wünschen sicheren Boden
   Unter unseren Füßen
   Und über unseren Köpfen
   Sicheres Geld und Heu.
   Wir müssen nicht mehr stehlen,
   Wir sind nur unsere Knechte,
   Nicht zweifeln, träumen, denken,
   Die Zukunft macht der Staat.

Chor aller Parteien

   Zwar ist das wie gesagt --
   Doch können wir immer noch mehr gebrauchen.
   Wir haben von dir gehört,
   Du willst reich machen.

Der Mann

   Mich schmerzen meine Ohren, meine Augen auch,
   Wie wenn man hinter Kulissen einige Leute sieht
   Als Menge Volk, das da mit Absicht etwas brummt,
   Und sei es Welt und sei es Geld es klingt da gleich.
   -- Wohin, die mich verstanden, seid ihr, Träumende --?
   Die schoben sich wie fremde falsche Kleider dick
   Auf eure Blöße, drängten zwischen euch und mich --

   Da leuchten plötzlich wieder mit entwolktem Mond
   Die Häuser milchig gläsern auf --: Und Schatten drehn
   Sich zitternd gleich Spiralen aus den Winkeln drin,
   Durch ihre blassen Glieder scheinen Mauern durch,
   Wo Wasser wie die einzige Nahrung niedertropft,
   Sie werfen ihrer Seele Schein einander zu,
   Unzählige Armen, ein durchspiegelt Krankenhaus,
   Ihr Schmerz nur, als ein starrer Knochen, läßt sich sehn.
   Durch andre wieder schimmert reiche Seidenwand,
   Die ruhlos über Teppich wandern hin und her.
   Am Pflaster, hoch im Himmel oder ganzen Haus
   Durchkrümmen bittre Würmer die geweißte Stadt,
   Es zeichnen sich die vielen Arme stehend ab,
   An jener dicken Kuppel zart vorbeigestreckt,
   Vorbei an diesen -- auf zur aufgewölbten Nacht --
   O welche Menge -- überall --

Chor der Armen

   Der Lichtraum sank. Ein Loch gähnt ihm nach,
   Wir atemlos starrn --
   Es stecken darin steife Gesichter
   Wie Zähne scharf, ein wuchriges Maul,
   Das dick mit erstickend bequemem Gesetz
   Und Verordnung polstert den Abgrund.
   Doch wissen wir lang, es beißt wie ein Tier,
   Gehorchen wir nicht und sehen es fremd
   An, so fremd wie wir sind.
   Und schleudern ihm stumm ins schallende Haus
   Auf Tribünen voll Speichel des Tagesprogramms,
   Auf Zungen, wo klappernd ein Schild klebt: Ich
   Spreche für Hunderttausend -- schleudern
   Ins Auge, das ausweicht zum Fenster hinaus,
   In den Aufbau der Bravos und klingelnden Lärm
   Die Fackel des Blicks,
   Der fragt: _Vertrittst du den Menschen?_
   Ich nackt, ganz nackt, arm und nackt,
   Ich reich und doch arm und nackt,
   Ich stählern das Haar von Hunger gesträubt,
   Ich den Spalt in der Stirn, die vom Lichtanprall sprang,
   Ich durchgraben die Schläfe von Qual im Glück,
   Vom ruhlosen Gedanken, der schöpft und strömt,
   Ich Tänzer im Nichts, in Traum und Buch,
   Ich, Milch in der Brust, die küßte den Schmerz,
   Ich von williger Liebe schmal und verblüht,
   Ich knochiger Rest des verschenkten Golds,
   Ich Mauer für Händler, ich Wiese dem Tier,
   Ich schwarz vom Kampf mit Nacht und Gewalt,
   Vom nie mich durchdringenden Kerker.
   Und seht auch mich, mit Maschinen zerfleischt,
   Den Blick unversehrt,
   Mich taub von Fabrik, das Ohr voll Gesang,
   Mich gekreuzigt von Mann zu Mann, mit fernem Schoß,
   Mich jung genagelt ans lange Büro
   Mit fernem Gesicht,
   Mich alt, doch im Untergang euch brennend nah,
   Mich, die Füße ins Loch der Holzbank gezwängt
   Doch lehrerlos federnd zum Himmel.
   Und ich bin schwach und schlage mein Herz,
   Es arbeite noch für dich, und ich,
   Den Flüstern erschreckt, lasse den Tod
   Wie Dampfhammer mir in die Ohren schrein,
   Ich gegen das Maul, das Geister bespuckt,
   Werfe mich Schüchternen rasend, und ich
   Durchbohre mein Glück mit Schicksal.
   Ich spreche und stehe in Einsamkeit
   So wahr wie vor andern, und ich bin schön
   Um ein Tier zu erfreun, ich sterbe im Fest,
   Ich blühe im Schlamm, ich nicke entzückt,
   Wenn Gebärde das Dunkel des Innern erschließt,
   Ich enthülle mein Haupt den Häuptern.
   Wir Nackten und Armen, so fühlen wir nicht
   Sachen, nur Kampf, der daran sich fühlt!
   Gewißheit des Menschen, ragend erkämpft
   An der schwankenden Erde der Sachen.
   Umrandete Welt umfängt grenzenlos
   Ein Mensch und außer sich, reich an sich,
   An riesigem Schmuck
   Der Armut und Kraft,
   Gewillt und willig dem Schicksal.
   So brennt er in Blitzen des kurzen Besitz
   Als Sonne, allein rings und ist rings alles
   Und ist nackter Mensch, der über sie auf
   Sich schwingt und bewältigt die Welten.

Der Mann

   Ein Wald von guten Geistern dicht umflüstert mich
   Wie ein Vertrauens wertes zugehöriges Tier --
   O ihr Vergessenen, Fremden, _Unvertretenen_,
   Und unsichtbar wie Lüfte über Ländern hin,
   Für alle Welten stimmend, doch in eurem Volke
   Überzählig, im Gesetze nie genannt,
   Weil ihr bei jeder Wahl ja schutzlos übrig bleibt --:
   So blickt an diesem Hause -- nicht an mir vorbei!
   Dort bröckeln schon die schwärzlichen Gestalten ab
   Und ducken sich, vom heiligen Worte Mensch gekreuzt,
   Verschwindend --. Aber purpurrot von Ungeduld,
   Wild und bescheiden aufgerichtet: bleibe ich!
   Und zügle mich und sage: Wohl seid ihr allein
   Die wahre Welt, o ihr ins Herz Entzückenden,
   Und Seligkeit, die, um zu sein, nicht sterben muß,
   Und seid ja auch die Irdischen wie Himmlischen
   Und duldet, auch zyklopisches Geschick zu sein,
   In dem ein helles Auge mitten aus der Stirn,
   Ein Wille, stammt und opfert seines Stoffes Scheu.
   Zu lieben auf der Möglichkeiten Leibern wird
   Mit ewig jungem Samen euer Geist nicht matt --
   Ihr seid so neu
   Und auch des Ganzen niemals satt:

   Und daß ihr doch so starr untätig seid!
   Ihr Wundersamen -- so allein?
   Ihr streckt die Menschenarme weit
   Hinauf aus eurer Wohnungen gekreuzten Reihn,
   So marmorn parallel euch meidend zur Unendlichkeit?

   Wohl rühret ihr einander mit den Herzen an,
   Doch dies ist nicht genug,
   Verwebt auch eurer Schicksalshäupter Licht und Flug!
   Und laßt es nun die Erde fühlen, daß ihr mehr
   Als jene seid, kein Volk sich euch vergleichen kann.
   Und gegen jedes riesenhohle Kuppelhaus
   (Darin ihr so gut fehlt, ihr füllt das Offne aus)
   Zusammenziehet euren Bann! gegen des Scheins
   Vertreter, o Partei der Sterne,
   Ihr müßt euch ja nur zeigen, denn ihr seid schon eins,
   Müßt nur den inwendigen Glanz aufwenden
   Und euren Blick, der erst am Firmament
   Sich traf, ins ungewölbte Leben senden,
   Tief in euch greifen, wo es brennt
   Von Wirklichkeit,
   Und opfern aus den eigenen guten Sternen
   Dem Kampf! euer Denken
   Dem Kampf ums himmlisch Menschliche!
   Die willenlose Erde
   Mit eurer Schicksalswilligkeit durchtränken,
   Ausstoßen eurer leise singenden Sphären Schrei,
   Damit euer Ewiges unsterblich sei,
   Und daß auch dieser wuchtigen Welt
   Wucht gegenüberrückt,
   Der Schwebenden gesammelte Schwere sich eindrückt
   Und Hülle und Besitztum von ihr füllt.

   Denn euch allein
   Ist es gegeben, Schein
   Von allem abzuheben, -- ich auch fühlte
   In eurem Sang letztes Kleid.
   Niederstürzen von meinem Gesicht,
   Die fremden Zutaten, die seit der Kindheit
   Mich bedeckten mit Schutt der Zeit,
   Daß die eigenen Säulen mir
   Immer schwerer sich öffneten,
   -- Gruben sich auf!
   Und dieser Lügen täglicher Schmutz,
   Die letzte der Hüllen ist nun nieder,
   Die Fäuste, die mich lähmend packten,
   Die steinerne Bemäntelung auch des Elternhauses,
   Denn ich begriff euch ganz. O nur
   Dies unterscheidet mich von euch, ihr Nackten:
   Daß ich es sage!
   Und glaube, dieser Wunsch sei nicht wider den Sinn,
   Den innig ich zu wünschen wage:
   Verwirklicht euch!
   Laßt euch -- euch nicht verloren gehn,
   Setzt eure Schönheit ein in die Gewalten,
   Die Erde macht mit eurem Sehen sehn!

   Und ihr Entblößten, auch des Führers bloß,
   Die aufgesprungene Frühlinge durchfliedern,
   Und die mit aller Seel und Kraft
   Vor mir stehn, mit allen weißen Gliedern
   Eures Schicksals, namenlos besonnt,
   Und eingefaßt nur geisterhaft
   Vom ewig unfaßbaren Horizont,
   Euer Schoß ein Meer, zum Himmel ohne Deich --:
   Ihr seid reich,
   Und darum kann ich euch reich machen,
   Lenken in ein Land,
   Das blühend liegt über der Sündflut Sachen.
   Ihr -- sichtbar -- sichtbar,
   Und sehet selbst euch grenzenlos erhellt,
   Ihr laßt zwischen euch und Schöpfung nichts mehr klaffen.
   Denn euer Leiden, euer Jubeln, ganzgeschwellt,
   Euer ganz Überwaltigtsein: ist schon die Welt --
   Und ihr sollt ihre Wirklichkeit
   Nur noch erschaffen!
   Weil ihr nicht Gott sondern Menschen seid.

   Es dämmert, blinkt,
   Wind wirft der Stoß der Sonne auf,
   Der Boden summt, die Erde beginnt sich zu drehn,
   Der Morgen steigt aus tiefem Ton.
   Doch eure Häuser, mit des Mondes fliehendem Licht,
   Schließen mir erstarrend wieder ihr Gesicht,
   In blinden Stein entschwindet ihr -- ummauert schon --
   Und ich will gehen
   Und euch im Tage wiedersehen --
   Und glauben:
   Daß in eines neuen Reiches Tag,
   In hallendem Haus,
   Von Weltenfenstern hell wie freier Himmel,
   Wir plötzlich gleich Gewählten stehen --
   Weil unser Kampf, der fest hinaus
   Ins Sichtbare aus unserer Seele springt
   Und nun sein Feld entfaltet als die Fahne
   Gelingt -- und in dem großen Haus
   Die Rede immer leiser klingt,
   Doch donnert Tat und nie genug getane
   Liebe, nie genug geliebter Geist,
   Der jedes nun geschriebene Gesetz durchdringt,
   Das immer neuen Jubelsturmes angenommen
   Stets Freiheit heißt.
   An die gebeugten Rücken Flügel heftend winkt
   Der Geist sie ewig-täglich aus der langen Blendung
   Hinweg und in das nackte Licht hinan --:
   Und mit dem strahlenden Gesicht
   Des Schicksals und des Menschen
   Vertritt ihn dann
   _Das gute Volk_, noch unerfüllter Sendung.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Nackten - Eine Dichtung" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home