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Title: Die Welt in hundert Jahren
Author: Various
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Welt in hundert Jahren" ***

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                               Die Welt
                              in hundert
                                Jahren


                        Unter Mitwirkung von:
                   Hermann Bahr, Eduard Bernstein,
                  B. Björnson, Hofrat Max Burckhard,
              Dora Dyx, Alexander von Gleichen-Rußwurm,
                        Professor Dr. Everard
                  Hustler, Baronin von Hutten, Ellen
                   Key, Dr. Wilhelm Kienzl, Cesare
                  Lombroso, Reg.-Rat Martin, Hudson
                Maxim, Dr. Karl Peters, Prof. Garrett
                   P. Serviss, Robert Sloss, Jehan
                   van der Straaten, Bertha Baronin
                  von Suttner, Fred. Walworth Brown.

                  Herausgegeben von Arthur Brehmer.
                Mit Illustrationen von Ernst Lübbert.

                 Verlagsanstalt Buntdruck G. m. b. H.
                            Berlin SW. 68.



                               Vorwort.


Seit je war es das grosse Sehnen der Menschheit, von der Zukunft den
Schleier zu heben und einen Blick in die Zeiten zu tun, die kommen
werden, wenn wir nicht mehr sind. Propheten und Seher sind uns
erstanden, falsche und echte; Träumer und Wisser. Männer, die selbst den
Keim mit gelegt haben zu dem, was werden wird, und die gestützt auf das,
was jetzt schon erreicht ist, und was uns die Jahrhunderte brachten, in
klarer, logischer, wissenschaftlich unanfechtbarer Folgerung, das Bild
der Welt zu entwerfen vermögen, das die kommenden Zeiten uns zeichnet.
Und dieses Bild ist so grosser Verheissungen voll, daß diese uns oft
anmuten gleich Märchen, und doch ist in unserer alles überholenden Zeit
vieles von dem, was uns am märchenhaftesten scheint, seit der kurzen
Spanne Zeit, die vergangen ist, seit es geschrieben, doch schon zur
Wahrheit geworden. Dadurch aber erhält das, was uns als in der Zukunft
liegend noch weiter geschildert wird, doppelten Wert.

                                                           Der Verlag.



                            Hudson Maxim.
                Das 1000 jährige Reich der Maschinen.


                Das 1000 jährige Reich der Maschinen.
                          Von Hudson Maxim.

Könnten wir durch den weiten Weltenraum mit einer ausreichend großen
Geschwindigkeit fliegen, so würden wir die Strahlen des von unserer Erde
vor tausend und abertausend Jahren ausgegangenen Lichtes überholen; und
hätten wir unendlich weitblickende Augen, so könnten wir, während wir
dahinfliegen, zurückschauen und könnten die ganze Geschichte unserer
Erde sich wieder vor unseren Augen abwickeln sehen. Wir würden den
Menschen wieder zu dem affenähnlichen Geschöpfe werden sehen und würden
schließlich sehen, wie er und alle andern lebenden Wesen wieder zu dem
Urtierchen wird, das in dem azoischen Meere mit aufging.

Was für eine Wunderwelt aber würde sich uns erst erschließen, könnten
wir uns auf ähnliche Weise Flügel nehmen und der Zukunft entgegeneilen,
um dem Menschen auf seiner aufstrebenden Bahn zu folgen, bis er den
Höhepunkt allen physischen, intellektuellen und ethischen Lebens
erreicht haben wird, von dem aus der dann auf uns, seine Vorfahren, mit
demselben staunenden Blick zurückschauen wird, der uns bewegt, wenn wir
die Spur unseres Aufstieges bis zu dem Ursprung des Menschen verfolgen.
Denn wenn wir der irdischen Entwicklung immer weiter und weiter
nachgehen würden, dann würden wir sehen, wie die Sonne sich nach und
nach abkühlt und wie sie ihr Licht verliert und es auch uns damit nimmt,
und wir würden das seltsame Schauspiel vor uns sehen, daß die
ausgetrocknete Erde gierig die Seen aufschluckt und aufsaugt, und daß
der Mensch wieder gezwungen wird, ein Höhlenbewohner zu werden, der
ebenso nach Wasser gräbt, wie wir jetzt nach Gold. Denn das Wasser wird
seltener und kostbarer sein als jetzt das Gold ist.


                      Ein Blick in die Zukunft.

Kein Mensch ist imstande, die Zukunft voraus zu verkünden, es sei denn,
daß er dies aus der Kenntnis der Gegenwart heraus tut -- dann aber muß
eben das, was er voraussagt, notgedrungen das ideelle Resultat sein, das
sich aus den gegenwärtigen Strömungen, Errungenschaften und
Entwicklungsphasen ergibt. Es kann naturgemäß keine Wirkung ohne Ursache
geben, und widerum keine Ursache, die nicht an sich wieder eine Wirkung
einer vorhergegangenen Ursache ist. Jede Wirkung ist im ewigen Kreislauf
Ursache zu anderen Wirkungen, die ihr wieder genau gleich sind. Es kann
deshalb in der Natur keine Wirkungen mehr geben, die nicht den
veranlassenden Ursachen gleichen.

Jedes vorhandene Atom folgt einer mathematisch genauen Bahn, die sicher
durch die von allen anderen bestehenden Atomen ausgeübten Kräfte genau
ebenso bestimmt ist, wie ein Stern nicht gehen kann, wohin er will,
sondern seiner vorgeschriebenen Himmelsbahn folgen muß. Wir wissen
daher, daß die Summe aller Kräfte der gesamten Natur bis zum
gegenwärtigen Augenblick genau der Summe der gesamten Kräfte gleich ist,
die von den Atomen unter sich auf einander ausgeübt werden. Und deshalb
wissen wir auch, daß alle Ereignisse der Geschichte, alle
Himmelserscheinungen, alle Produkte der organischen und anorganischen,
der beseelten und unbeseelten Natur die ganze Zeit hindurch genau
diejenigen gewesen sind, die der Summe der vereinten Kräfte aller
vorhandenen und auf einander wirkenden Atome entsprechen.

In der Natur gibt es keinen Zufall. Es gibt kein derartiges Ding, wie
Glück oder Gelegenheit. Unser Leben stellt nur ein ganz geringes
Teilchen der großen kosmischen Entwicklung dar, und sogar unser freier
Wille ist vorausbestimmt, gerade so zu wollen und nicht anders wie er
will; denn wir können, wenn keine Ursache zum Wollen da ist, ebenso
wenig wollen, wie eine Sonne von ihrer Bahn abgelenkt werden kann, wenn
keine Ablenkungsursache da ist.

Hätten wir, die wir auf der Schwelle alles dessen, was kommen wird,
stehen, von allen jetzt wirkenden Ursachen genaue Kenntnis, und würden
wir ihre Kraft und die Richtung kennen, in der sie sich äußern, dann
würden wir einen weitreichenden Ausblick in die Zukunft haben. Da aber
unser Wissen, so groß es auch ist, nur gering ist, und da unsere Kräfte
beschränkt sind, so können wir weiter nichts tun, als allgemeine
Betrachtungen anstellen, die auf dem, was wir wissen, aufgebaut sind.


                     Was Können wir prophezeien?

Es gibt mancherlei, was wir trotz unserer Unzulänglichkeit bis zu einem
gewissen Grade sicher voraussagen können. Man kann zum Beispiel sicher
vorhersagen, daß das menschliche Vorwärtsstreben von jetzt ab weit
schneller von statten gehen wird, als es jemals bisher der Fall gewesen
ist, und daß vermutlich das Jahrtausend der ideellen Vollendung nicht
mehr so fern sein kann, wie unsere Zeit dies anzunehmen gewohnt war.

Die Gegenwart ist ein Zeitalter mechanischer und chemischer Entdeckungen
und Erfindungen. Sie ist eine wissenschaftliche Epoche und eine Periode
materieller Vollendung; ihr aber wird eine soziologische Zeit folgen,
eine Aera der ethischen und philosophischen Vollendung und der
Entwicklung einer höheren psychischen Kultur -- kurz eine Reife der
geistigen und moralischen Eigenschaften, die zu höchster Blüte gelangen
werden.

Schon in der gegenwärtigen Zeit stehen wir, vom menschlichen
Gesichtspunkte aus betrachtet, auf einer ganz beträchtlich höheren Stufe
als die Alten. In den alten Zeiten gab es keine Anerkennung von Dingen,
wie beispielsweise unsere unveräußerlichen Menschenrechte es sind; und
ein Volk, in dessen Macht es stand, ein anderes mit Erfolg zu berauben
oder zu unterjochen, hielt es für eine Dummheit, ja für eine Schmach, es
nicht zu tun und es nicht zu berauben und nicht in die Sklaverei
schleppen.

Als Julius Cäsar über das Lager der Germanen herfiel, während die
Friedensverhandlungen schwebten, und er sie überraschte und in ein paar
Stunden zweihundertundfünfzigtausend Männer, Weiber und Kinder erschlug,
da hielt man das für ein Meisterstück echt römischer Politik; denn die
Römer ersahen ja für sich von seiten dieser Germanen gar keinen Nutzen.

Eine der größten Segnungen der modernen Zivilisation ist aber die
Erweiterung der menschlichen Nutzbarkeit. Und man würde es heutzutage
nicht nur als eine Grausamkeit, sondern geradezu als eine
unverantwortliche Verschwendung an Menschenleben ansehen, wenn jemand
über ein benachbartes Volk herfallen und es bis auf den letzten Mann
niedermetzeln wollte.

Es ist eben glücklicherweise ein wachsendes Verständnis dafür da, daß
die Welt, die wir bewohnen, nur ein einziges großes, einheitliches
Vaterland ist. Der Patriotismus wagt sich jetzt schon über die
nationalen Grenzlinien hinaus. Ein zunehmender Geist internationaler
Verbrüderung ist vorhanden, und eine immer allgemeiner werdende
Erkenntnis bricht sich Bahn, daß ja doch im Grunde alle Menschen an
einer gemeinsamen Tafel essen und an einem gemeinschaftlichen Herdfeuer
sitzen. Und sagen wir's uns doch selbst, erfreut man sich der Wärme
eines Feuers nicht mehr, wenn man auch andere sich mit daran wärmen
läßt, und wenn man sie nicht auf Kosten jener anderen, die in der Kälte
stehen und frieren müssen, für sich monopolisiert und mit Beschlag
belegt?

Die Hälfte eines Bissens, von dem man anderen abgibt, schmeckt
tausendmal besser als der ganze Bissen, den man ungeteilt selber
genießt. Nur die volle Gegenseitigkeit im Genuß des Besitzes gibt diesem
seinen Wert.


                          Gütergemeinschaft.

Carnegie bringt Hunderte von Bibliotheken in dem großen Hause »Welt«
unter, das er mit der Menschheit bewohnt. J. P. Morgan hängt an die
Mauern dieses Hauses lauter Bilder, die er den Museen seines Landes
schenkt. Rockefeller gibt Millionen aus, um seinen Einfluß zu vergrößern
und sich in der Welt Anerkennung zu verschaffen, in der ja auch er und
seine Kinder leben müssen. Menschenfreunde aller Art spenden jährlich
große Summen für die Ausgestaltung der Städte und machen sie dadurch
nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst reizvoller und
schöner.

Ein großer französischer Philosoph sagte einst mit Recht: »Alles Gesetz,
alle Philosophie und alle Weisheit hängen nur von der Anwendung
folgender Grundsätze ab: Mäßige Dich. Erziehe Dich und lebe für Deine
Mitmenschen, auf daß auch sie für Dich leben.« Und der, der nach diesen
Gesichtspunkten lebt, ist sicherlich der tüchtigste Geschäftsmann.

Es gibt keinen allgemeiner verbreiteten Fehler, als den, zu glauben, daß
Selbstlosigkeit und Nächstenliebe eine bloße Gefühlssache seien. Nein,
sie haben eine recht große praktische, ich möchte sagen geschäftliche
Seite, eine Seite, die ein klein wenig von kühler, berechnender Politik
an sich hat. Gänzliche Selbstlosigkeit und vollkommene Nächstenliebe
führen zu einem gemeinsamen Ziel, an welchem das Leben in der Formel
einer Gleichung steht: hier ich -- dort die anderen, und ich und die
anderen sind gleich.

Wenn es zwei Menschen gäbe, die beide mit demselben Wissen, derselben
Klugheit und demselben Können ihren Weg gehen, von denen aber der eine
von ausschließlich selbstischen Motiven getrieben wird, während der
andere von rein menschenfreundlichen Beweggründen ausgehen würde, so
würde der eine, Anderen durch seinen eigenen Selbstdienst, der andere
aber sich selber dadurch dienen, daß er den Anderen einen Dienst
erwiesen hat. Der Altruist würde es für nötig halten, sich selber im
Interesse der anderen zu erhalten, der Egoist aber würde finden, daß er
die anderen in seinem Interesse erhalten müsse.

Wenn wir -- um ein Beispiel anzuführen -- einen Zustand so großer
mechanischer und wissenschaftlicher Vollendung annehmen könnten, daß
alles, was wir wollen und brauchen, durch den bloßen Druck
auf einen Knopf herbeigeschafft werden könnte -- nur unser
Zusammengehörigkeitsgefühl, unsere Sympathie und unsere Liebe nicht,
dann würde es keinen Platz auf der Welt geben, der nicht einem
Gefängnisse gliche, denn jedes Glücksempfinden würde uns fehlen, und wir
würden alle Qualen durchmachen, die der Sträfling in der Einzelhaft
durchmacht. Ja, das würden wir, denn so sehr sind wir auch in seelischer
Hinsicht aufeinander angewiesen.

Der erste Schritt, den man beim Herannahen des tausendjährigen
Reiches[1] unternehmen muß, ist der, den großen menschlichen
Entwicklungsgang den tausendfältigen Möglichkeiten desselben anzupassen.
Es kann kein tausendjähriges Reich, d. h. keinen Weg, ein vollkommenes
Gemeinwesen zu schaffen, geben, ehe nicht das Unkraut aus dem großen
Garten der Menschheit ausgejätet ist, dieses Unkraut, das jetzt in dem
Gewächshaus unserer ungezähmten Leidenschaften wild emporwuchert, in dem
es mit Gift befruchtet und mit Alkohol getränkt wird.


                     Der humanitäre Fortschritt.

Gerade so, wie, sich Amerika das Recht vorbehalten hat, nur _die_
Einwanderer aufzunehmen, die ganz bestimmten Bedingungen entsprechen,
und die sie geeignet machen, in der neuen Heimat zu wohnen und ihr Blut
mit den bisherigen Bürgern zu mischen, ebenso hat auch die Menschheit
das Recht, zu bestimmen, was für ein Blut sie auch fernerhin in dem
großen Menschenstrom fließen lassen will, und wir werden zweifellos auch
bald dazu kommen, dieses unser Recht auszuüben und den Menschen
aufzuzwingen. Damit, daß wir einen Missetäter bestrafen und ihn dann
wieder freilassen, ist für die Menschheit gar nichts gewonnen. Wir
müssen ihn vor allem vollständig isolieren. Der Verbrecher wird künftig
wie ein Aussätziger behandelt werden; kein Mensch wird aber fernerhin
daran denken, wegen Diebstahls oder Mordes Strafen zu verhängen, so wie
wir ja auch auf Wahnsinn und Pocken keine Strafen ausgesetzt haben. Und
gerade dadurch wird die Allgemeinheit viel wirksamer vor Verbrechen
geschützt sein, als es jetzt der Fall ist. Die Unwissenheit des
Barbarentums verleitet uns noch immer dazu, Menschen wegen irdischer
Vergehen einzukerkern, die zu begehen sie direkt gezwungen waren, da der
ganze Impuls ihrer Seele sie zum Verbrechen trieb. Das zu tun, ist
ebenso unklug, wie wenn wir einen Aussätzigen absperren, sobald sich das
erste Anzeichen seiner Krankheit zeigt, um ihn dann aber wieder
freizulassen und ihm Gelegenheit zu geben, sich unter die Menge zu
mischen und andere anzustecken, worauf wir ihn abermals einsperren und
wieder in Freiheit setzen, und ihn dadurch immer wieder befähigen, die
Krankheit in immer weitere Kreise zu tragen.

[Fußnote 1: Der Ausdruck: das »tausendjährige Reich« entstammt dem
Glauben der Chiliasten an ein 1000 jähriges Reich der Frommen nach der
sichtbaren Wiederkunft des Messias. Dieses Reich soll das bevorstehende
Zeitalter des Geistes werden. Hudson Maxim macht sich diese Idee
zunutze, um uns das 1000 jährige Reich unserer fortgeschrittenen
Entwicklung zu zeigen.]

Das Allheilmittel gegen die Verbrecher wird künftig in der Schaffung
einer großen Reservation für die Aufnahme und Absonderung des Abschaums
der menschlichen Gesellschaft bestehen. Diese Institution wird eine
nationale Einrichtung werden. Sie wird nicht irgend einem der uns jetzt
bekannten Gefängnisse gleichen, weil Güte und Mitleid ihre milden
Wärterinnen sein werden. Ein großes Stück fruchtbaren Landes wird
abgesteckt werden. Daraus wird ein ungeheurer Garten oder Park
geschaffen werden, in welchem Hunderte von kleinen Farmen und Häuschen
verteilt sein werden. Auch Städte mit schönen Wohnhäusern, mit Schulen
und Bildungsanstalten, mit Klubs, Büchereien und Kunstgalerien wird es
hier geben -- kurz: jeder Fortschritt, der dem Kulturvolke jener
kommenden Zeit gegeben wird, wird auch den Einwohnern der großen Kolonie
psychischer Kranken zugute kommen. Nur eine einzige Einschränkung aber
wird es geben, die nämlich, daß das Leben all derer, die in diesen
großen Garten einziehen werden, keine Nachfolge finden wird. Keine
Töchter und keine Söhne werden vorhanden sein, um das Eigentum des
dahingegangenen Fabrikanten, Haus- oder Grundbesitzers zu erben; denn
alles Eigentum wird dem Gemeinwesen gehören, und bei dem Tode eines
Insassen wird das Besitztum, welches er inne hatte, an das Gemeinwesen
zurückfallen, um anderen Sündern, die aus der Außenwelt angelangt sind,
zugewiesen zu werden. Sündern, denen auch nur erlaubt sein wird, ihr
Dasein in Ruhe zu vollenden, deren Geschlecht aber untergehen und nicht
wie bisher, das sich forterbende Stigma verbrecherischer Neigungen mit
sich einhertragen wird.

                   *       *       *       *       *

Der Mensch ist ein kriegerisches Geschöpf. Das erste Dämmern der Sonne
unserer Kultur brach durch eine Kriegswolke hindurch, und alles Licht,
das sie bisher auf die Menschheit herniedergeschickt hat, gelangte nur
durch einige wenige Risse in diesen Kriegeswolken zu uns. Die Geschichte
aller Nationen ist die Geschichte von Kriegen; aber während sich Armeen
von Männern gegenseitig bekämpften und mit der Axt niederschlugen, gab
es in den Reihen der Kämpfenden selbst viel tödlichere Feinde, als ihre
Schwerter und Waffen es waren.


                     Der Kampf mit der Krankheit.

In jedem Kriege kommen auf jeden einzelnen in der Schlacht Gefallenen
Dutzende anderer, die Krankheit und Pestilenz dahingerafft haben. In den
Kriegeswolken, die den Kampf mit den Krankheitskeimen aufnehmen, gibt es
eben keine Risse. Da herrscht ein beständiger blutiger, immer weiter um
sich greifender Krieg. Die schöne, reizende Tochter, in deren Gesicht
Gesundheit und Glück lächeln, küßt einen Spielgefährten, an dessen
Lippen die Bazillen der Tuberkulose haften, und fällt der schrecklichen
Krankheit zum Opfer, und bei Diphtheritis, bei Scharlachfieber, Typhus
und jeder anderen unserer zahlreichen ansteckenden Krankheiten droht ihr
die Gefahr, selbst krank zu werden, ebenso oder noch mehr.

Wir haben noch keine Waffen, mit denen wir diesen Feind angreifen
könnten. Wir müssen noch immer als hilflose Zuschauer zusehen, wie
unsere Lieben von den mikroskopisch-kleinen Gegnern des Lebens
unerbittlich dem Sensenmann überantwortet werden. Allerdings haben wir
ein paar Gegenmittel gefunden; einige neue Behandlungsmethoden sind da
und das Messer des Chirurgen. Die helfen aber leider nur wenig. Aus
diesem Grunde haben wir eine immerwirkende Heilkraft auf das dringendste
nötig. Eine Heilkraft, die alles zerstört, was unser Leben gefährdet,
und alles erhält, was unserem Leben notwendig ist.

Mit anderen Worten: wir bedürfen der Entdeckung eines elektrochemischen
Prozesses, durch welchen die Krankheitskeime im Gewebe, in der Lymphe
und im Blute getötet werden, ohne den Zellen des lebendigen Körpers
Schaden zu tun. Und daß dieses Problem wirklich gelöst werde, gehört zu
den aussichtsreichsten Verheißungen der allernächsten Zukunft. Dann wird
jedes Opfer jeder wie immer gearteten Krankheit in einem einzigen Tage
wieder hergestellt werden können, und jede Krankheit wird mit einem
Schlage verschwinden. Der aber, der dieses Problem endgültig lösen wird,
wird der größte Wohltäter des Menschengeschlechts werden, größer als die
Weltgeschichte jemals einen gehabt hat oder je wieder haben wird. Für
einen anderen neben ihm ist kein zweiter Platz mehr vorhanden.

Chemiker, Elektriker und Physiker sollten dieser Aufgabe die ernsteste
Beachtung schenken und tun es wohl auch, und ich möchte ihnen da gleich
folgenden Wink geben, der ihnen möglicherweise von Nutzen sein könnte:

Seit geraumer Zeit ist es bekannt, daß, wenn man ein Diaphragma in einen
Elektrolyten bringt und einen elektrischen Strom von ausreichenden Volts
hindurchschickt, der Inhalt der einen Elektrodenkammer solange durch das
Diaphragma hindurch in die andere eingepreßt wird, bis sich ein gewisser
Druckunterschied zwischen den Lösungen der beiden Kammern eingestellt
hat. Diesen Vorgang nennt man Elektro-Osmose oder Kataphorese. Gerber
verwenden Elektro-Osmose beim Gerben von Häuten, indem sie eine
Gerblösung auf das Fell einwirken lassen; sie sparen auf diese Weise
viel Zeit und viel Geld.

Meine Anregung geht nun dahin, den ganzen menschlichen Körper als einen
Teil des Diaphragmas in der Elektro-Osmose oder Kataphorese zu verwenden
und so heilkräftige bezw. Krankheitskeime zerstörende Chemikalien in und
durch das Hautgewebe, die Lymphe und das Blut zu pressen. Könnte nicht
zum Beispiel, wenn der menschliche Körper einen Teil einer solchen
Scheidewand darstellen müßte, eine Chlorlösung in die eine der Kammern
gegossen und ein derartig starker elektrischer Strom hindurch geschickt
werden, daß das Chlor in und durch das menschliche Zellengewebe, die
Lymphe und das Blut gepreßt würde, wodurch alle Krankheitskeime zerstört
werden müßten, ohne daß dadurch die Gewebe und die flüssigen Stoffe des
Körpers auch nur im geringsten in Mitleidenschaft gezogen würden?

Chlor ist nämlich eines der stärksten und wundervollsten
Desinfektionsmittel, das unsere Wissenschaft kennt; von ihm genügt eine
weit schwächere Lösung als von den meisten anderen, unsere
Krankheitskeime zerstörenden Chemikalien, wie zum Beispiel Karbolsäure
(Phenol), Aetzsublimat und übermangansaures Kali. Wenn die Bandagen
einer frischen Wunde sofort mit einer schwachen Chlorlösung, die ein
wenig mit gewöhnlichem Kochsalz gemengt ist, angefeuchtet und feucht
gehalten werden, so vernarbt die Wunde fast immer ohne jede Eiterung und
hinterläßt keinerlei Schmerzhaftigkeit an der betreffenden Stelle. Das
ist doch ein augenscheinlicher Beweis dafür, daß eine ausreichend starke
Chlorlösung angewendet werden darf, um infizierende Krankheitskeime zu
töten, ohne die Zellengewebe des menschlichen Körpers in Mitleidenschaft
zu ziehen.

Der menschliche Organismus ist gleichsam eine komplizierte Maschine. Er
ist eine Art elektrischer Generator. Sein Blut ist alkalisch, während
die Lymphe oder der Körpersaft seines Fleisches sauer ist; beide sind
durch eine undurchdringliche Membran von einander getrennt, so daß ein
Mensch wohl an einer Erkrankung des Blutes leiden kann, ohne dabei
kranke Lymphgefäße haben zu müssen. Umgekehrt können wieder seine
Lymphgefäße erkrankt sein, wie dies beispielsweise bei der Tuberkulose
der Lymphgefäße, die wir unter den Namen Skrofulose kennen, der Fall
ist, ohne daß er an Tuberkulose des Blutes erkrankt zu sein braucht. Um
daher jeden Krankheitskeim in der Lymphe und im Blut, in den Knochen und
in den Muskeln sicher zu zerstören, wäre es notwendig, den ganzen Körper
einheitlich mit einem Desinfektionsmittel zu durchdringen.

Und das zu erreichen, das muß das Ziel der desinfizierenden
Elektro-Osmose sein. Ein Ziel, dem wir -- ich wiederhole es -- heute
schon nahe sind.


                       Die Eroberung der Luft.

Die Eroberung der Luft, die zu verwirklichen wir jetzt schon beginnen,
ist eine der großen Errungenschaften, die dem »tausendjährigen Reich«
ganz besonders zu statten kommen werden. Alles, was uns das Reisen, den
Verkehr und Transport zu erleichtern geschaffen ist, verringert für uns
die Entfernungen, bringt uns das bisher Ferne näher und näher und macht
uns den Fremden und Ausländern förmlich zum Landsmann, zum Nachbar und
Freunde.

Der Mechaniker _Fulton_[2] lehrte uns, wie wir dem Orkan trotzen und den
Ozean zu unserem Fahrwasser machen können. _Morse_ machte die
Elektrizität zu unserem Sendboten, bei dem Zeit und Raum bei der
Beförderung von Nachrichten keine Rolle mehr spielen, und _Alexander
Graham Bell_ stellt uns den Fernhörer auf unseren Schreibtisch, so daß
wir damit der Kunde aus aller Welt lauschen können. Jetzt, durch das
Erscheinen der Flugmaschine, werden wir bald die irdische Landstraße
verlassen und uns auf der unbegrenzten Himmelsbahn ergehen können. Bald
werden wir unsere Luftautomobile haben und damit den sibirischen Himmel
und die arktische Wüste durchkreuzen, und wir werden der ^Fata Morgana^
über die dürre Wüste hin nachjagen, wie wenn wir jetzt eine alltägliche
Reise in ein benachbartes Land oder Städtchen machen.


                          Neue Kraftquellen.

Es gibt ein Problem, welches der Mensch bald zu lösen genötigt sein
wird; denn von dessen Lösung hängt die Möglichkeit eines andauernden
menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden Zivilisation
vollständig ab. Wir müssen einen Vorrat von Wärme und Kraft haben, der
sowohl unerschöpflich in der Quantität, als auch billig in der Gewinnung
ist. Ist erst diese Aufgabe gelöst, dann ist der menschliche Emporstieg
sehr leicht.

[Fußnote 2: Der Erfinder des Dampfschiffes.]

Hätten wir eine Maschine, mittels welcher wir die in der Kohle
schlummernden Kräfte ebenso vollständig ausnützen könnten, wie die
Seemöwe den Kohlenstoff ausnutzt, den sie aus ihren Nährstoffen zieht,
so würden wir aus unserem Feuerungsmaterial das Zehnfache der Kraft
herausholen können, die wir jetzt brauchen, um die Räder unserer
Maschinen zu drehen. Aber selbst wenn wir imstande wären, eine solche
Maschine zu erfinden, so würde uns das doch noch lange nicht genügen, um
unseren Bedarf auch für die Zukunft zu decken; denn die großen
Kohlenlager der Erde könnten ja doch nur noch ein paar Jahrhunderte
vorhalten. Bei dem jetzigen Stande des Kohlenverbrauchs werden alle jene
großen Kohlenlager, welche die Sonne in der Kohlenzeit für uns angelegt
hat, binnen wenigen Generationen aufgebraucht sein.

Aber nicht die Gefahr des Kohlenmangels allein droht uns, wir werden
auch, wie es Lord Kelvin prophezeit hat, unsere Luft dabei völlig
verbrannt haben; denn jede Tonne Kohle, die von uns verbraucht wird,
macht 12 Tonnen Luft zum Atmen untauglich, so daß, wenn wir selbst
hinreichend Kohle auf ganz unbegrenzte Zeit hätten, wir doch nicht genug
Sauerstoff in der Luft vorrätig fänden, um sie zu verbrennen; denn die
Luft würde schon bis zum Ersticken mit Kohlensäure angefüllt sein.

Möglicherweise erfinden wir eine Art Motor, der die Wärme nutzbar machen
kann, die von den Sonnenstrahlen ausgeht. Man schätzt den Totalwert der
Energie, welche die Erde von der Sonne empfängt, als gleichwertig mit
der, die von einem Wasserfalle entwickelt werden würde, der, wenn er dem
Niagarafall an Mächtigkeit gliche, 75000 englische Meilen breit sein
müßte, breit genug also, um die Erde dreimal damit zu umspannen. Die
ungeheuere Kraft verteilt sich aber auf eine riesige Ausdehnung, daß die
Schwierigkeit nur darin liegt, sie zu konzentrieren. Freilich ist die
Wasserkraft selbst nichts anderes als eine indirekte Ausnutzung der
Sonnenwärme. Aber würden wir auch wirklich jeden Strom, jeden Wasserfall
und jeden Wasserlauf bis zu seiner höchsten Möglichkeit ausnutzen, so
würde die also gewonnene Kraft doch nicht mehr ausreichen, den
menschlichen Bedürfnissen zu genügen.

Die Entdeckung der strahlenden Materie hat uns eine ganz neue
Perspektive und so wunderbare Möglichkeiten eröffnet, daß wir mit
unserem gegenwärtigen Wissen kaum wagen können, an deren doch so
zweifellose Verwirklichung auch nur zu glauben. Wir haben gefunden, daß
die der Materie innewohnenden Molekularkräfte so über jeden irdischen
Begriff hinausgehen, daß, wenn es uns jemals gelingen sollte, sie dem
menschlichen Gebrauch dienstbar zu machen, wir bis in alle Ewigkeit
hinein die Welt damit erleuchten, erwärmen und befahren könnten.

Jedes Molekül der Materie ist aus einer großen Anzahl kleiner
Partikelchen zusammengesetzt, die wir Atome nennen; diese Atome aber
bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 100000 englischen Meilen in
der Sekunde -- d. i. mit mehr als der Hälfte der Geschwindigkeit des
Lichts. Ins gewandte Technische übersetzt, heißt das aber nichts
anderes, als daß in jedem Pfund wägbarer Substanz eine Kraftmenge
vorhanden ist, die genügen würde, ein einpfündiges Projektil mit einer
Geschwindigkeit von 100000 englischen Meilen in der Sekunde
hinausschleudern zu können!


                           Zukunftsträume.

Die Erfüllung jedes menschlichen Erfordernisses hängt lediglich mit
Wärme und Kraft zusammen, und wenn Wärme und Kraft so billig zu haben
sein werden, dann wird die Erde nichts als ein Spielplatz sein und jedes
Land und jedes Meer wird unter der Hand des Menschen und der Führung des
menschlichen Hirns pulsieren und vibrieren. Wenn jener Tag einst kommen
wird, dann werden alle unsere Felder mit Hilfe der auf elektrischem Wege
direkt aus dem Stickstoff der Luft gewonnenen Stickstoffdüngung
fruchtbar gemacht werden können, und die Landwirtschaft wird zu einem
bloßen Zeitvertreib werden. Es wird elektrisch geheizte Treibhäuser
geben, die Tausende von Aeckern bedecken, und selbst die Landgüter unter
nördlichem Klima werden ihre Sommer- und Winter ernten haben. Man wird
neue Methoden erfinden, das Wachstum der Pflanzen durch elektrische
Wärme und elektrisches Licht zu beschleunigen. In Gärten, die in dieser
Weise eingerichtet sein werden, wird es Johannisbeeren geben, so groß
wie die Damascenerpflaumen, Damascenerpflaumen in der Größe von Aepfeln,
Aepfel, so groß wie Melonen, Erdbeeren, so groß wie Orangen und alle
werden in Form und Wohlgeschmack die besten von heut übertreffen, so daß
sie selbst dem wählerischesten Geschmack eines Gourmets entsprechen
werden.

Das drahtlose Telephon wird zu jener Zeit die ganze Welt umfassen, und
es wird dann ebenso leicht sein, mit unseren Antipoden Zwiegespräche zu
halten, wie wir jetzt zwischen Newyork und Boston, London und Paris,
Berlin und Budapest sprechen.

Einsame Bauernhäuser wird es keine mehr geben; das Volk wird sich
vielmehr zu kleinen Städten mit hauptstädtischen Erholungs- und
Vergnügungsplätzen zusammenfinden. Obgleich auch die kleinste Ortschaft
ihr Theater haben wird, werden doch die Schauspieler nur in Newyork,
London, Paris oder Wien leben und auch nur dort spielen. Die Bühne solch
einer Kleinstadt wird ein einfacher Vorhang sein, und der »Hamlet«, der
in. London gespielt wird, wird mittelst Fernseher, Fernsprecher und
Fernharmonium auf dem Schirm, der die Bühne in Chautauqua ersetzt,
reproduziert werden. Die Patti jener Zeit wird nicht nötig haben, erst
weite Konzertreisen zu machen, denn jedes Theater der ganzen Welt wird
sich das Weltrepertoire gleichzeitig zu eigen machen: Gestern abend
Londoner Schauspiel, heute abend Pariser Premiere, morgen abend
Newyorker Posse, Petersburger Oper, Wiener Hofoper und Mailänder
Ballett, und selbst der Polarreisende wird sich dieses Repertoire auf
dem ewigen Eise der Arktis oder Antarktis zu leisten vermögen.

Neuerliche Versuche haben die Hoffnung der Alchimisten erneuert, daß wir
denn doch noch dazu kommen werden, gemeine Metalle in Gold umzuwandeln,
und wenn wir damit wirklich Erfolg haben, dann wird das Gold eine neue
ausgedehnte Anwendung finden. In schwacher Legierung würde Gold ganz
genielle Gewehrkugeln abgeben; denn es könnte so hergestellt werden, daß
es die erforderliche Härte besitzt, während seine Dichtigkeit den
Geschossen eine ungeheuere Tragweite und Durchschlagsfähigkeit geben
würde. Eine solche Kugel müßte selbst von jedem Friedensfreunde auf das
wärmste empfohlen werden, denn wer würde nicht lieber eine goldene Kugel
in seinem Fleische verheilen lassen, als eine von gewöhnlichem Blei!

Der Erfinder des ersten Maschinengewehres versah dieses mit _einem_ Lauf
für runde und mit einem zweiten für eckige Geschosse, und zwar waren
erstere für Christen und letztere für die Türken bestimmt. Nun ist es
keineswegs leicht, Kugeln von angenehmer Wirkung herzustellen, in jedem
Falle aber würde die runde, _goldene_ Kugel doch die mildtätigste und
menschlichste sein.

Die Kriegsführung der Zukunft wird einem Schachturnier gleichen. Jede
Bewegung wird dem Auge der ganzen Welt sichtbar sein, und Verstecke und
Scheinmanöver werden unmöglich sein. Die Zeitungen werden ihre
Luftkorrespondenten haben die über allen Schlachtfeldern, über allen
Lagerplätzen und allen Flotten schweben und jede Bewegung der Seeschiffe
und Landheere wird man in jedem Hause verfolgen und jeder seine Kritik
üben können.

Im Jahre 1896 leitete ich in Faradays Haus in London einige Experimente
mit elektrischer Heizung, und da gelang es mir bekanntlich zuerst, auf
galvanischem Wege mikroskopisch kleine Diamanten herzustellen. Damals
nahm ich mir vor, diese Arbeit später wieder aufzunehmen. Ich bin fest
überzeugt und neuere Experimente geben mir Recht, daß es sehr bald
gelingen wird, Diamanten jeder beliebigen Größe so billig und zahlreich
herzustellen wie man nur will.

In jedem Falle aber werden sie nicht kostspieliger sein, als alle
anderen elektro-chemischen Produkte. Diamanten in Erbsengröße wird man
zweifellos bei einer Mark noch mit Gewinn verkaufen, und Diamanten, so
groß wie der Kohinoor, werden nicht mehr als einen Taler kosten.


                        Die Stadt der Zukunft.

Der Fremde, der Newyork besucht, wird bei dem Anblick der gen Himmel
strebenden Geschäftsgebäude von Staunen ergriffen; könnte er aber wie
Rip Van Winkle schlafen gehen und erst nach einem Jahrhundert wieder
erwachen, dann würde er den größten Teil der jetzigen Stadt dem Boden
gleichgemacht und von neuem aufgebaut finden. An Stelle der alten Häuser
würden sich Monumentalbauwerke erheben, mit denen verglichen ihm die
mächtigsten Gebäude der Jetztzeit wie kleine Hütten vorkommen würden.

Die Stadt der Zukunft wird nicht mehr aus einzelnen getrennten Gebäuden
bestehen, die eine verschiedenartige Architektur haben, nein, sie wird
ein einziges weit ausgedehntes Gebäude sein.

Die Straßen von jetzt werden nur die Zugangsstraßen zu dem untersten
Stockwerk bilden, sofern wir nicht gar, was sehr wahrscheinlich ist,
auch in die Tiefe der Erde unsere Häuser hineinbauen werden, die
eigentlichen Geschäftsstraßen aber werden sich hoch oben in der Höhe der
verschiedenen Stockwerke ziehen. Riesige Brücken und Bogen, mächtige
Durchgänge, wundervolle Gärten und Spielplätze werden sich immer einer
über dem anderen hoch und höher erheben, so hoch, daß das Auge kaum bis
hinauf wird reichen können, und der ganze luftig schöne Häuserkomplex
wird durch mächtige turmähnliche Bauten gestützt und gehalten werden,
die zweitausend Fuß hoch und noch höher emporragen werden, und deren
jeder eine Basis haben wird, die zehn, zwölf oder mehr Häuservierteln
von jetzt entsprechen wird. Jedes Gebäude wird natürlich so eingerichtet
sein, daß es bequem mehrere hunderttausend. Leute beherbergen kann. Die
höchsten Wohnungen werden in Gärten liegen, die gleichsam im Himmel
hängen, oder in großen Parkanlagen hoch oben in der klaren, kühlen,
reinen Luft, und die Leute werden Expreß-Elevatoren nehmen, um nach
mühevollem Tagewerk ihr Heim zu erreichen, das wirklich im luftigen,
schönen Traumland der Lerchen und Nachtigallen liegen wird, dort wo die
Wolken vorüberziehen und noch lange im Abendsonnenschein glühen werden,
während das Dunkel der Nacht die niedrigen Stockwerke längst wird
umfangen haben.

Wenn man solch eine Stadt aus der Ferne betrachten wird, dann wird sie
wie aus durchgebrochenem Netzwerk von Stahl und von Eisen erscheinen,
durch welches Licht und Luft einen weit freieren Zutritt zur Erde finden
werden, als dies jetzt, innerhalb der Mauern unserer jetzigen Städte der
Fall ist.

Und nachts, wenn Millionen von Lichtern den Himmel erhellen, und durch
ihr vereintes Feuer weit in das Dunkel umher eindringen werden, dann
wird die Stadt einer ungeheueren Fackel gleichen, um die schnell
vorwärtsstrebende Flugmaschinen, riesigen Motten gleich, vorbeihuschen
und verschwinden werden.

Der Nachthimmel der Landbewohner aber wird in der kommenden
»tausendjährigen Zeit« der Maschine durch hellstrahlende, hoch in der
Luft verankerte Fahrzeuge erleuchtet werden, deren Schein die Sterne
verdunkeln und den bleichen, neidischen Mond sicher beschämen wird.



                            Robert Sloss.
                      Das drahtlose Jahrhundert.


                      Das drahtlose Jahrhundert.
                          Von Robert Sloss.

Der »Sturmvogel« war seit länger als achtundvierzig Stunden ruhig und
sicher über die Eisfelder geflogen, als ein plötzliches Stillstehen des
Motors den Kapitän aus seinem tiefsten Schlummer weckte.

»He, Kettner, was ist denn los?« rief er, aus der Kajüte auf Deck
tretend, dem Leutnant zu.

»Die Kraft ist ausgeblieben«, kam die Antwort. »Ich habe aber die
Ersatzbatterien sofort angeschlossen und 's hat nichts weiter zu sagen.
Sie sehen ja selbst, es geht ganz gut auch so.«

Und tatsächlich flog der »Sturmvogel« ganz wundervoll seinen Kurs
weiter.

»Keine Meldung vom Schiff?« fragte der Kapitän, sich ans Steuer
begebend, und gerade, als er fragte, kam ein zuckendes, blitzartiges
Aufleuchten und ein metallisches Knistern von dem Telephonapparat zu
seinen Füßen. Er nahm den kombinierten Reciver und Transmitter sofort
auf und befestigt ihn an seinem Kopfe.

»Das Schiff spricht mit uns«, sagte er. »Der Dynamo ist nicht in
Ordnung.«

»Wie lange kann der Schaden denn dauern?« fragte der Leutnant, dem man's
wohl ansah, wie schwer ihm das Mißgeschick des Flugschiffs zu Herzen
ging.

»Sie können's nicht sagen«, war die Antwort des Kapitäns, der noch immer
am Telephon lauschte, »in jedem Fall aber können sie uns in absehbarer
Zeit keine Kraft mehr abgeben.«

»Dann ist es wohl besser, wir landen«, meinte der Leutnant, »und sparen
uns unsere Batterien für alle Fälle auf.«

Und da der Kapitän zustimmend nickte, so lenkte er sofort den Aeroplan
gegen eine etwa eine Meile weit ab südlich liegende Eisfläche zu. Hier
wurde die Maschine glatt zum Landen gebracht und von den beiden Männern
fest vertaut und verankert.

»Ja, ja«, sagte der Kapitän, durch den Zwischenfall sichtlich sehr
deprimiert. »Das ist's, was ich gefürchtet habe. Steinmetz hat den von
Cook entdeckten Nordpol 1918 nur deshalb durchforscht, weil es ihm
möglich gewesen ist, in Spitzbergen seine Dynamos aufstellen zu können.
Wir aber müssen uns mit einem einzigen begnügen und haben _den_ noch auf
einem Schiffe. Ich weiß, ich weiß, Kettner, was Sie sagen wollen. Ich
weiß, daß der Südpol so unglücklich liegt, daß ihm kein Festland nahe
genug liegt, um mit Sicherheit operieren zu können. Gerade darin aber
liegt unser Nachteil, denn Steinmetz konnte immer von einem oder dem
anderen seiner Dynamos Kraft genug von dem kolossalen Energiestrom
abbekommen, den die Kraftanlagen am Niagarafall durch den Aether
entsandten. Wir aber . . .«

»Wir werden uns durch diesen Zwischenfall auch nicht entmutigen lassen,
Kapitän«, sagte der Leutnant. »Denken Sie nur daran, wie sehr wir
heutzutage Richtung und Kraft des Stromes in unserer Gewalt haben, und
wie viel drahtlose Kraft zur Zeit Steinmetz verloren ging. Nein, nein,
ein Pech ist es freilich, daß wir nur einen Dynamo haben, aber daß wir
von unserem Schiff von Melbourne aus ebenso viel Kraft erhalten, wie er
damals vom Niagara, das ist gewiß.«

»Sie können recht haben«, sagte der Kapitän, »aber eine verdammte
Geschichte bleibt es doch. Im übrigen können wir wenigstens feststellen,
wo wir uns befinden, und Sie, Kettner, sehen Sie mal zu, daß Sie ein
bißchen Feuer hinter den Leuten machen, sie sollen sich mal sputen,
denn, hol' mich der Teufel, wenn ich diesmal die Fahrt unterbreche und
_nicht_ bis zum Pol komme.«

Und während sich Leutnant Kettner den Hörer anschnallte, ging der
Kapitän in seine Kabine zurück. Noch aber hatte der Leutnant keine
Verbindung erhalten, als der Kapitän, den Sextanten in Händen, atemlos
auf ihn zustürzte.

»Kettner! Freund! Mensch! Wissen Sie, wo wir sind? Weit näher dem Pole,
als Steinmetz damals dem Nordpol war, als er sein letztes Lager bezog,
von dem aus er dann seinen glücklichen Flug unternahm. Und wissen Sie,
was das heißt? . . . Daß wir in drei Stunden unser Ziel erreichen
können. Daß wir den Südpol erreichen _werden_, selbst wenn uns das
Schiff im Stich läßt, denn unsere Batterien müssen genügen.«

»Darf ich dem Schiff davon Nachricht geben?« fragte der Leutnant, der
den Enthusiasmus seines Vorgesetzten selbstverständlich teilte.

»Ja, lieber Kettner, tun Sie das.«

Auf dem Schiffe erregte die Nachricht natürlich lauten Jubel.

»Sie sind außer Rand und Band«, sagte der Leutnant. »Sie lassen Ihnen
Glück wünschen zu dem grandiosen Erfolge. Sie fragen an, ob sie die
Nachricht weiter geben können. Sie versichern, daß sie alles daran
setzen werden, um die Maschine wieder in Gang zu bringen.« Und plötzlich
schmunzelte er, »Conners vom Internationalen Nachrichten-Bureau will die
Nachricht noch rechtzeitig für die Londoner Morgen- und die Newyorker
Abendblätter geben. Er möchte aber gern ein Interview mit Ihnen selbst
haben. Geht's?«

Der Kapitän lachte. »Das ist ein unternehmender Bursche«, sagte er.
»Sagen Sie, ich stehe ihm später gern zur Verfügung. Gibt's sonst noch
was? Hat meine Frau nicht angefragt?«

Kettner gab die Frage an das Schiff, das hart an den Eisbarrieren des
Mont Erebus lag, die Antwort weiter.

»Nein. Sobald sie aber anrufen wird, wird man Sie davon verständigen.«

»Gut. Dann wollen wir also vor allem etwas essen, und es uns dann bequem
machen und schlafen. Wir werden unsere Kräfte noch brauchen.«

Und mit diesen Worten begab sich der Kapitän auch schon in die
asbestausgelegte, feuersichere Kabine, und bald waren beide Forscher
emsig damit beschäftigt, sich über den elektrischen Kocher ihr Mahl zu
bereiten, und als der Kaffee dampfte und die Pfeifen gestopft und in
Brand gesteckt waren, da kam jene behagliche Stimmung über die beiden,
in der man wenig spricht und sich im Schweigen doch so unendlich viel
sagt.

Plötzlich aber legte der Kapitän die Pfeife beiseite. »Kettner«, sagte
er, »ich habe eine Idee. Wie wär's, wenn wir mal alle unsere Batterien
in Gang brächten und den Versuch machten, uns mit Umgehung der
drahtlosen Station mit der Welt telephonisch in Verbindung zu setzen.
Das wäre mal wieder was, wovon die Welt sprechen könnte. Hier, nicht
hundert Meilen vom Südpol und . . . ja, wir wollen versuchen. Wie spät
ist es jetzt?'«

»Zehn Uhr siebenundzwanzig Ortszeit.«

»Gut. Wir sind nahezu am 180. Meridian. Dann ist's in London ungefähr
halb elf Uhr abends und in Bermuda halb sieben. Da ist sie zu Haus.
Bitte, Kettner, verbinden Sie mich mit meiner Frau.«


                        Große Oper am Südpol.

Kettner verband das Halbdutzend leichter, aber ungemein kraftvoller
Batteriezellen mit einander, machte die nötigen Handgriffe, drückte den
Knopf nieder und das allgemeine Anrufsignal ging hinaus in den Aether.
Der Leutnant lauschte und lauschte, aber keine Antwort kam; plötzlich
aber lächelte er: »So, jetzt habe ich sie; die Bermuda-Station hat sich
gemeldet. Ja . . . mit Frau Kapitän Kingsley . . . jawohl.«

Ein Blitz zuckte auf und ein eigentümliches Summen wurde gehört.

»Die Kälte hat den Ton ein bißchen beeinflußt«, sagte er, »der Apparat
ist verschnupft. So . . . das werden wir gleich beheben . . . ja . . .
jawohl . . . bitte, Kapitän, Ihre Frau ist am Apparat.«

Sofort legte sich der Kapitän den Hör- und Sprechapparat um und
schaltete den Fernseher mit ein, so daß er mit seiner Frau nicht nur
sprechen konnte, sondern sie in dem an den Apparat aufgeschraubten,
feingeschliffenen Metallspiegel auch sah und jede ihrer Bewegungen und
den Ausdruck ihres Gesichtes beobachten konnte. Eine Viertelstunde lang
und noch länger dauerte das Gespräch, denn was hatte man sich nicht
alles zu sagen. Er gab einen ganz genauen Bericht von seiner Fahrt über
das ewige Eis und seinem Zwischenfall, der ihn verhinderte, jetzt schon
am Südpol zu sein. Sie war natürlich stolz auf den unsterblichen Triumph
ihres Mannes, und ehe sie das Gespräch abbrach, ließ sie noch des
Kapitäns Töchterchen, seinen Liebling, an das Telephon kommen.

»Großartig, Kettner«, sagte der Kapitän. »Wenn uns _das_ gelungen ist,
dann können wir auch versuchen, uns mit Newyork zu verbinden. Da ist's
gerade um die Theaterzeit. Wie wär's, wenn wir uns auch ein klein wenig
Musik gönnten und uns die Oper ein Stündchen anhörten? -- Wollen wir?«

Statt jeder Antwort gab Kettner wieder das Anrufsignal. Wieder sprühten,
zuckten und flammten die knisternden Blitze. »In fünf Minuten haben wir
die Musik. Soll ich den Megaphonreciver anschließen?«

»Selbstverständlich. Wissen Sie schon, was gegeben wird?«

»Jawohl. »Der Held der Lüfte«.«

»O,« rief der Kapitän. »Von Redfers, dem Wagner unserer Zeit? Das trifft
sich famos.« Und nun saßen die beiden Männer und lauschten -- hier im
ewigen Eise der Polarregion den Klängen und Stimmen der Newyorker Oper.

Mitten in der Aufregung aber kam ein anderer Ton. Ein Anruf. Ein wahrer
Sprühregen von Blitzen prasselte nieder.

»Nanu, was ist denn los? Hurra!« rief er aber plötzlich aus. »Der Dynamo
auf dem Schiff ist wieder im Stand. Wir haben wieder die Kraft. Herr
Leutnant, der Platz am Steuer gebührt jetzt mir.«

Und fünf Minuten später erhob sich das zierliche Luftschiff auf seinen
Schwingen hoch in die Luft und glitt über die Eisfelder hin -- _dem Pole
entgegen_.


                   Wunder, denen wir entgegengehen.

Ich könnte in diesem Stile fortfahren, Gott weiß wie lange, und Wunder
über Wunder erzählen, ohne meine Phantasie auch nur im geringsten
anzustrengen, denn alles, was in dem bisherigen Gang der »Erzählung« so
wunderbar sich angehört hat, sind Probleme, die heut schon gelöst sind
und die keineswegs mehr in das Gebiet der frommen Wünsche oder der
überspannten Hoffnungen und Erwartungen gehören. Nein, es sind
Tatsachen, die nur darauf warten, in unser praktisches Leben eingeführt
zu werden, gerade so, wie Telegraph und Telephon und Phonograph sich
darin eingeführt haben.

Der Berliner _Graf Arco_ und der Amerikaner _De Forest_ und der Däne
_Paulsen_ haben den Nachweis geliefert, daß eine Entfernung von 4 bis
500 englischen Meilen kein ernstes Hindernis für ein drahtloses
Telephongespräch ist, und daß man Musik und Gesang ebenso drahtlos
übertragen kann, wie jede andere menschliche oder andere Stimme. Und was
das »Sehen« der Person betrifft, mit der man spricht, so ist das Problem
auch schon gelöst, wenn auch noch nicht jene Vollkommenheit erreicht
ist, auf die wir aber keineswegs mehr zehn, geschweige denn hundert
Jahre warten müssen. Und was das Treiben eines Aeromobils durch diese
erstaunliche Kraft, die wir die »Drahtlose« nennen, anbelangt, weshalb
nicht? Gerade im letzten Jahre haben wir das Problem auch dieser
Kraftanwendung gelöst, und ein schwerer Treidelzug wurde auf
»drahtlosem« Wege in Bewegung gesetzt. Was aber die Geschwindigkeit der
Luftschiffe und Flugmaschinen anbelangt, so haben wir selbst gesehen,
daß man jetzt schon Geschwindigkeiten von 90 Kilometern in der Stunde
erreicht, und auf dem letzten »Fliegerkongreß« wurde die gar nicht
sanguinische Ansicht vertreten, daß wir »jeden Tag« diese
Geschwindigkeit auf 500 Kilometer werden erhöhen können.

Alles was wir jetzt durch den Draht senden und erreichen können, können
wir auch auf drahtlosem Wege senden und erreichen. Das ist die Wahrheit,
die gegenwärtig alle Ansichten und Methoden unserer wissenschaftlichen
und maschinellen Welt revolutioniert, und wir können uns dieser Tatsache
freuen, wenn auch die Kupfermagnaten kein allzu freundliches Gesicht
dazu machen und das drahtlose Jahrhundert, das nicht nur kommen muß,
sondern schon im Kommen ist, zu allen Teufeln wünschen.

Das Prinzip, auf welchem die drahtlose Kraftübertragung aufgebaut ist,
ist eines der einfachsten, das die Wissenschaft kennt, und wird und kann
nie eine Aenderung erfahren, es sei denn, die Welt und der Weltenbau
selber ändern sich.

Wir wissen alle, daß uns das Sehen nur dadurch möglich gemacht ist,
daß das Licht in Wellen zu uns gelangt, die bis zu unseren
lichtempfindlichen Sehnerven dringen. Ebenso geht jeder Ton in Wellen
durch die Luftatmosphäre und dringt an unser Trommelfell, das unter
ihrem Einflusse vibriert, und uns das Hören ermöglicht. In ganz gleicher
Weise geht ein elektrischer Impuls, von wo er immer auch ausgeht, in
Wellen durch den Aether, der jedes Molekül jeder Materie umgibt und die
elektrischen Vibrationen durch die Luft, durch das Wasser, durch die
Erde und durch Wälle und Mauern führt. Und es ist möglich, diese
Vibrationen überall aufzufangen, vorausgesetzt, daß man den richtigen,
auf die richtige Wellenlänge abgestimmten Reciver (oder Empfänger) zur
Verfügung hat.

Sobald die Erwartungen der Sachverständigen auf drahtlosem Gebiet
erfüllt sein werden, wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben,
durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei,
wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, ob in seinem Zimmer,
oder auf dem dahinsausenden Eisenbahnzuge, dem dahinfahrenden Schiffe,
dem durch die Luft gleitenden Aeroplan, oder dem in der Tiefe der See
dahinfahrenden Unterseeboot. Ueberall wird er mit der übrigen Welt
verbunden sein, mit ihr sprechen und sich mit ihr verständigen können,
und er wird sie sehen, wenn er sie sehen will, und sei er auch tausend
Fuß tief unter der Erde oder unter dem Spiegel des Ozeans, und wird
gesehen werden in jeder, auch in der kleinsten seiner Bewegungen.


                  Das Telephon in der Westentasche.

Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem »Empfänger«
herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht und auf eine
der Myriaden von Vibriationen eingestellt sein wird, mit der er gerade
Verbindung sucht. Einerlei, wo er auch sein wird, er wird bloß den
»Stimm-Zeiger« auf die betreffende Nummer einzustellen brauchen, die er
zu sprechen wünscht, und der Gerufene wird sofort seinen Hörer vibrieren
oder das Signal geben können, wobei es in seinem Belieben stehen wird,
ob er hören oder die Verbindung abbrechen will.

Solange er die bewohnten und zivilisierten Gegenden nicht verlassen
wird, wird er es nicht nötig haben, auch einen »Sendapparat« bei sich zu
führen, denn solche »Sendstationen« wird es auf jeder Straße, in jedem
Omnibus, auf jedem Schiffe, jedem Luftschiffe und jedem Eisenbahnzug
geben, und natürlich wird der Apparat auch in keinem öffentlichen Lokale
und in keiner Wohnung fehlen. Man wird also da nie in Verlegenheit
kommen.

Und in dem Bestreben, alle Apparate auf möglichste Raumeinschränkung hin
zu vervollkommnen, wird auch der »Empfänger« trotz seiner
Kompliziertheit ein Wunder der Kleinmechanik sein.

Dieses System des Abgestimmtseins für ganz bestimmte Schwingungen kann
durch die jedem bekannte Tatsache verständlich gemacht werden, daß, wenn
man in der Nähe eines offenstehenden Klaviers, oder einer Violine einen
bestimmten Ton singt, die entsprechende Saite des Instrumentes sofort
mitzuvibrieren und mitzuklingen beginnt. Und gerade so wie ein tiefer
Ton in langen und ein hoher Ton in kurzen Wellen schwingt, so kann auch
in der drahtlosen Telegraphie und Telephonie durch einen eigenen Apparat
die Länge der entsandten Vibrationen genau kontrolliert werden.

Der drahtlose Telephonapparat, der jetzt allerdings noch in seiner
Kindheit steckt, ist ziemlich schwerfällig und groß. Aber das Ballsche
Telephon erforderte Anfangs auch eine eigene und noch dazu ziemlich
geräumige Zelle, während man heute schon Taschentelephone hat, mit denen
man sich auf fünf, sechs Kilometer Entfernung ganz gut verständigen
kann, und schon jetzt gibt es Forscher auf drahtlosem Gebiete, die,
möglichst in regnerischen Nächten, mit einem gewöhnlichen Regenschirm,
der ihnen die nötigen Antennen liefert, Nachrichten aus dem Aether mit
einem Reciver auffangen, der nicht größer als eine Pillenschachtel ist.
Wenn aber dieser Apparat erst so vervollkommnet sein wird, daß auch der
gewöhnliche Sterbliche sich seiner wird bedienen können, dann werden
dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch weit mehr beeinflußt werden, als
sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen
Telephones geworden sind.

Auf seinem Wege von und ins Geschäft wird er seine Augen nicht mehr
durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, denn er wird sich in der
Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad'
fährt, und wenn er geht, auch auf der Straße, nur mit der »gesprochenen
Zeitung« in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle
Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren,
nach denen er verlangt.[3]

Und ist ihm damit nicht gedient, sondern steht sein Sinn nach Höherem,
so wird er sich mit jedem Theater, jeder Kirche, jedem Vortrags- und
jedem Konzertsaal verbinden und an der Vorstellung, an der Predigt oder
den Sinfonieaufführungen teilnehmen können, ja, die Kunstgenüsse der
ganzen Welt werden ihm offen stehen, denn die Zentrale der Telharmonie
wird ihn mit Paris, Wien, London und Berlin ebenso verbinden können, wie
mit der eigenen Stadt. Diese Errungenschaft des drahtlosen Zeitalters
werden wir übrigens auch über kurz oder lang schon erreicht haben; denn
jetzt schon sind die Vorbereitungen im Gange, um Groß-Newyork mit einer
solchen drahtlosen Telephonverbindung zu versorgen, da gefunden wurde,
daß dieses Telephon Ton und Klang weit klarer wiedergibt, als unser
bisher gebrauchtes Telephon mit Drahtleitung. Das einzige, noch in weite
Ferne gerückte Problem ist das, unsere Empfangsapparate so empfindlich
zu gestalten, daß sie alle Vibrationen aufnehmen können, und daß wir den
Sendungsimpuls so in unserer Gewalt haben, daß er direkt zu dem ihm
entsprechenden Reciver geht, ohne sich in alle Richtungen hin
auszudehnen und zu zerstreuen, wie die Wellen, die nach allen Richtungen
hin sich verbreiten, wenn man einen Stein ins Wasser wirft.


                 Verbrecherjagd auf drahtlosem Wege.

In jüngster Zeit wurde die fabelhafte Kunst der drahtlosen
Bildertransmission so außerordentlich vervollkommnet, daß sie kein
Spielzeug mehr ist, sondern zweifellos berufen ist, in der Ausgestaltung
unserer zukünftigen Lebensverhältnisse eine sehr große Rolle zu spielen.
Und wenn diese Erfindung auf die Höhe der Vollkommenheit gehoben sein
wird, dann werden wir eine neue Reihe von täglichen Wundern zu
verzeichnen haben. Hier ist beispielsweise eine Szene, die sich in
hundert oder weniger Jahren alltäglich abspielen wird.

[Fußnote 3: Eine solche »gesprochene Zeitung«, allerdings noch nicht auf
»drahtlosem Wege«, gibt es jetzt schon u. a. auch in Budapest.]

Der erste Leutnant des Elektroturbinenschiffs »Vorwärts« stürzt in die
Kajüte seines Kapitäns. »Kapitän«, sagt er, »wir erhalten soeben die
drahtlose Nachricht von der Newyorker Polizeidirektion, daß Präsident
Kramington von der Newyorker Stadtbank eine Million Dollars
unterschlagen und die Flucht ergriffen hat. Es wird vermutet, daß er
sich auf dem Wege nach Europa befindet.« Der Kapitän liest die im
Steckbrief enthaltene Beschreibung und lächelt sarkastisch.

»Bis auf den weißen Bart und das weiße Haar ist nichts da, was den Dieb
von anderen Sterblichen unterscheiden würde und da er wahrscheinlich
sein Haar gefärbt und seinen Bart abrasiert hat, so werden wir ihn wohl
kaum finden können, wenn die liebe Polizei sich nicht dazu bequemt, uns
wenigstens sein Bild zu schicken.«

Im selben Augenblick kommt der zweite Leutnant und übergibt im Auftrage
des Telegraphenbeamten die auf drahtlosem Wege übersandte Photographie,
die die Newyorker Polizei sofort dem Steckbrief nachgesandt hat.

»Donnerwetter«, sagt der Kapitän, »das ist ja der Mensch da in der
Luxuskabine. Der war mir längst schon verdächtig. Er gibt sich für einen
alten Missionar aus, der nach Afrika zurück will, und behauptet, daß er
am Fieber erkrankt ist. Trotz der Veränderung, die der Kerl mit sich
vorgenommen hat, ist die Aehnlichkeit unverkennbar. Der Ausdruck in den
Augen und die Art seiner Kopfhaltung sind derart, daß ich mich absolut
nicht täuschen kann. Teilen Sie nach Newyork mit, daß wir den Burschen
haben.«

Und um zu begreifen, daß es künftighin nicht einem Verbrecher mehr
möglich sein wird, über das Meer zu kommen, ohne der Gerechtigkeit in
die Hände zu fallen, brauchen wir uns nur vorzustellen, daß künftighin
sämtliche Schiffe, und nicht nur die wenigen großen Ozeandampfer, von
jetzt an mit Apparaten drahtloser Telegraphie versehen sein werden. Daß
diese Zeit nicht nur kommen wird, sondern sogar in nicht allzu weiter
Ferne steht, ist sicher. Auf diese Art würde dann auch sehr häufig die
lästige Auslieferungsformalität vermieden werden. Der deutsche
Verbrecher, der Amerika auf einem deutschen Dampfer wird erreichen
wollen, wird auf die eben geschilderte Art, auf hoher See erkannt und
gleichzeitig mit der Meldung an die Berliner Zentralbehörde wird eine
andere Meldung an irgend ein in der Nähe befindliches deutsches
Kriegsschiff gehen, den Verbrecher einfach auf hoher See in Empfang zu
nehmen. Oft wird auch durch den schnellen Vorgang eine Panik an der
Börse oder eine Verstimmung derselben umgangen werden; denn häufig wird
der Dieb noch eher in den Händen der Gerechtigkeit sein, als sein
Diebstahl den Blättern, und durch die Blätter dem großen Publikum
bekannt geworden sein wird.

Das Senden von Bildern und Photographien an in Bewegung befindliche
Schiffe, Züge, Autos und Luftschiffe wird einfach durch die Anwendung
der beiden, jetzt »drahtlich« in Gebrauch befindlichen Methoden nunmehr
»drahtlos« vonstatten gehen.

Die Methode des Herrn Professors Korn, der bisher in München gewesen ist
und nun in Berlin weilt, basiert auf der Eigenschaft des Selens, eine
größere oder geringere Menge von Elektrizität mit sich zu führen, die in
einem ganz bestimmten Verhältnis zu dem Lichte steht, das auf dieses
Metall fällt. So werden die verschiedenen Intensitäten von Licht und
Schatten, die sich auf einem Negativbild zeigen, auf dem elektrischen
Drahte in die Ferne versandt, und dort übertragen sie sich auf einen
gewöhnlichen photographischen Film, der in der üblichen Art dann
entwickelt wird. Die etwas zerrissene Art der dadurch erhaltenen Bilder,
die namentlich bei Landschaften und Bildern mit feineren Details
unangenehm auffällt und sehr störend wirkt, wird durch die Methode
Edouard _Belins_ in Paris vermieden. Da wird erst eine dicke
Kohlenzeichnung von der zu sendenden Photographie gemacht, und über
diese Kohlenzeichnung fährt, vermittels eines rotierenden Zylinders, die
feine Saphirspitze eines Stiftes, der über die ganze Fläche des Bildes
in Spirallinien zieht, die nur ein Zwanzigstel eines Millimeters von
einander abstehen. Der Höhenunterschied an der Oberfläche der Zeichnung,
der für das Auge ebensowenig wie für das Gefühl bemerkbar ist, genügt,
um auf den Hebel übertragen zu werden, der den Stift hält, und diese
Bewegung überträgt sich wieder auf den Reciver der Empfangsstation, wo
man sie auf eine Lichtspitze wirken läßt, die durch ihre größere oder
geringere Intensität, ebenso wie bei dem Kornschen System, auf einen
Film einwirkt, der dann einfach entwickelt wird. Ein anderes Wunder
unserer Zeit ist der Graysche Telautograph, der ein geschriebenes
Manuskript durch den drahtlosen Aether zu senden vermag. Man male sich
nur aus, welche große Rolle diese Möglichkeit künftighin in den Stücken
unserer Sensations-Komödienschreiber spielen wird.

Szene: Ein Zuchthaus, weiß der Himmel wo. Zeit: Eine Stunde vor der
Hinrichtung eines unschuldig Verurteilten. Die Mutter und die Braut des
Verurteilten bitten um Gotteswillen die Hinrichtung zu verschieben, weil
ein neues Gnadengesuch an den Kaiser abgegangen ist. Aber kein Aufschub
ist möglich. Die Hinrichtung muß pünktlich zur festgesetzten Zeit
stattfinden, und der Kaiser ist weit, weit auf einer seiner Nordlands-
oder Mittelmeerreisen. »Ohne des Kaisers Unterschrift«, lautet die
Antwort, »ist kein Aufschub möglich«. Der Henker ist bereit, der Henker
wird seines Amtes walten. Alle Hoffnung ist somit verloren. Aber nein.
Die Heldin des Stückes eilt zu einer drahtlosen Station. Sie kennt die
Nummer des Kaisers, die sonst nur seine Vertrautesten kennen. Sie ruft
ihn an und spricht mit ihm, der Gott weiß wo auf der Jagd oder mit
Staatsgeschäften beschäftigt ist. Und plötzlich ein Leuchten, ein
Knistern und auf dem sich langsam abrollenden Papier erscheinen die
Schriftzüge des Kaisers. Die Begnadigung ist von ihm unterschrieben. Sie
eilt zurück und kommt gerade zur rechten Minute, um die Hinrichtung noch
zu verhindern.

Wenn wir so einem Stück auf der Bühne begegnen werden, so werden wir uns
bald über diese »Unwahrscheinlichkeit« nicht mehr wundern, denn schon
jetzt ist das Problem der Uebertragung der Handschrift vollständig
gelöst, wenn es auch der Allgemeinheit noch nicht zugänglich gemacht
worden ist. Der Graysche Telautograph überträgt mit Hilfe zweier
Seidenfäden die zitternde Bewegung, die ein Stift verursacht, mit dem
man auf einer sich schnell abhaspelnden Rolle Papier schreibt, die über
diese zwei Seidenfäden läuft. Diese Bewegung übernimmt der Reciver an
der Empfangsstation und sie verursacht die entsprechende Bewegung einer
ganz dünnen, offenen Tintentube, die infolgedessen auf dem sich ebenso
gleichmäßig abrollenden Papier dieselben Schriftzeichen wiedergibt, die
auf der Empfangsstation verursacht wurden. Man kann auf diese Art
selbstverständlich nicht nur Handschriften, sondern auch jede andere
Zeichnung und alle Zeichen übertragen. Was der Telautograph in
Verbindung mit der drahtlosen Bilderübertragung auf dem Gebiete der
Identifizierung bei weiten Distanzen alles wird leisten können, das
entzieht sich gerade unserer Beurteilung, denn dies würde uns auf
Gebiete führen, die uns heute noch ganz phantastisch erscheinen müssen,
obwohl sie zweifellos nichts als die Wahrheit sind. Allerdings die
Wahrheit der Zukunft. Kein Bankbetrug wird mehr möglich sein, es wird
keine falschen Anweisungen und keine gefälschten Schecks mehr geben.
Jeder Mensch wird jeder Bank sozusagen persönlich bekannt sein; denn
wenn sie mit ihm in Verbindung steht, wird sie ihn sehen, wird seine
Schrift kennen, wird ihn selbst seine Unterschrift leisten sehen, und
das auch dann, wenn die Bank in Berlin ist und der Auftraggeber in
Mexiko. Das drahtlose Jahrhundert wird also sehr vielen, wenn auch nicht
allen Verbrechen ein Ende machen. Es wird ein Jahrhundert der Moralität
sein, denn bekanntlich sind Moralität und Furcht ein und dasselbe.


                     Das Ende von Raum und Zeit.

Monarchen, Kanzler, Diplomaten, Bankiers, Beamte und Direktoren werden
ihre Geschäfte erledigen und ihre Unterschriften geben können, wo immer
sie sind. Direktoren einer und derselben Gesellschaft werden ganz ruhig
eine legale Versammlung abhalten können, wenn der Eine auf der Spitze
des Himalaya ist, und der Andere in einer Oase der afrikanischen Wüste,
der Dritte in irgend einem Badeort und der Vierte sich gerade auf einer
Luftreise befindet. Sie werden sich sehen, miteinander sprechen, werden
ihre Akten austauschen und werden sie unterschreiben, gleichsam, als
wären sie zusammen an einem Orte. Nirgends, wo man auch ist, ist man
allein. Ueberall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann
jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten, mit jedem Whist,
Skat und Poker, mit jedem Schach und Dame spielen und wäre der
Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes
Vergnügen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gönnen
kann, auch mitmachen. Er kann die Tänzerinnen des Königs von Siam
ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie er während der
Fahrt im Bahncoupé einer Vorstellung der großen Oper von Monte Carlo
beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag. Er
kann die Berühmtheiten seiner Zeit alle mit Augen sehen, er kann, wenn
sie sich darauf einlassen, mit ihnen sprechen. Ja, vielleicht wird auch
noch der Apparat erfunden, durch den man ihnen die Hand drücken und
ihren Händedruck empfinden kann.

Auch das Reisen wird im drahtlosen Jahrhundert eine fabelhafte
Umgestaltung erfahren. Es wird mit einer riesigen Schnelligkeit auch
eine großartige Sicherheit verbinden. Schon jetzt haben die »drahtlosen
Techniker« den Aerophor nicht nur erfunden, sondern auch derart
vervollkommnet, daß ein automatischer Signalapparat dem Lokomotivführer
selbsttätig anzeigt, wenn ein anderer Zug auf demselben Schienenstrang
läuft und sich in einer Entfernung von nur zwei englischen Meilen
befindet. Natürlich gibt der Apparat auch die Richtung an, in der dieser
Zug sich bewegt. Dadurch sind die Lokomotivführer der beiderseitigen
Züge imstande, die Fahrt zu verlangsamen oder zu halten oder eventuell
auf ein anderes Gleise zu führen. In jedem Falle aber ist ein
Zusammenstoß ganz unmöglich. Derselbe Apparat warnt den Seemann bei
schwerem Nebel und kündigt ihm die Nähe eines andern, seinen Kurs
kreuzenden, oder in seinem Kurs auf ihn zufahrenden Schiffes an.
Und jedes andere, in einer gewissen Entfernung befindliche
Schiffahrtshindernis, wird ihm ebenso sicher durch den Apparat
signalisiert, und er wird ihm auch die genaue Entfernung angeben können,
in der es sich befindet. Ja, man hat den Apparat sogar derart
konstruiert, daß er beim Signalisieren der Gefahr sofort im
Maschinenraum nicht nur das Haltesignal gibt, sondern auch die Maschinen
selber automatisch zum Stillstand bringt.

Man wird künftig ganz wundervoll reisen, sei es _auf_ dem Meer, oder
_unter_ dem Meer, sei es _auf_ der Erde oder _unter_ der Erde oder über
der Erde in unserem neuen eroberten Reiche der Luft. Wer aber trotz
alledem nicht wird reisen wollen, der wird, wie gesagt, ganz bequem in
seinem eigenen Zimmer die ganze Welt bereisen können. Es wird keine Zeit
und keine Entfernung mehr geben, und einer Katastrophe, wie der jüngsten
von Messina und Kalabrien werden wir alle beiwohnen können, sicher in
unserem Hause sitzend, wo immer dieses auch steht. Wir werden einfach
auf drahtlosem Wege uns mit der Unglücksstätte verbinden lassen, und wer
an dem Anblick allein nicht genug hat, sondern die Sensation
furchtbarster Art ganz wird auskosten wollen, der wird, wenn er will,
auch das Angstgewimmer der Leute, das Verröcheln der Sterbenden und die
Schreie der Hungrigen und die Flüche der Irrsinnigen hören. Jedes
Ereignis werden wir so mitmachen können. Die ganze Erde wird nur ein
einziger Ort sein, in dem wir wohnen. Kein Raum wird uns mehr trennen,
wir werden überall sein, nur dadurch schon, daß wir überhaupt da sind.
-- Auch dieses Bild, das ich eben ausgemalt habe, ist keineswegs eines,
das wir erst in hundert Jahren erreichen werden. Nein. Der Apparat, der
das vermag, ist auch schon erfunden und wurde erst im vergangenen
Dezember einem jungen New Yorker Erfinder, Rothschild, patentiert. Und
im Grunde ist es eigentlich nichts weiter, als die geniale Kombination
von Kinematograph, Telautograph, Telephon und wie die großartigen
Vorläufer-Erfindungen desselben alle heißen.

Auch im politischen Leben wird die drahtlose Telegraphie eine
außerordentliche Rolle spielen. Der Wahlvorgang zum Beispiel wird
vollständig zentralisiert werden können, und Wahlen werden einfach bloß
noch in den Reichshauptstädten vorgenommen werden. Jeder wird imstande
sein, seine Stimme von dort abzugeben, wo er sich grade befindet und
jeder Wähler wird einfach durch Vergleichen mit den Wahllisten
identifiziert werden, die nicht nur den Namen und Stand des Wählers
enthalten werden, sondern auch dessen Photographie. Von den höchsten
Gletschern, von den Feldern und Sümpfen der Marschen aus wird man seine
Stimme abgeben können, und das Staatsoberhaupt wird Gelegenheit haben,
sich, wenn er will und auf welche Weise immer er dies zu tun
beabsichtigt, von der Stimmung im Volke ein wahrheitsgetreues Bild zu
schaffen, denn kein Kaiser und kein Präsident wird mehr auf den Bericht
irgend eines Schranzen angewiesen sein, sondern wird selbst, in seinem
Schlosse sitzend, jeder Volksversammlung, jeder Volksdemonstration
beiwohnen können und wird sich mit jedem in Verbindung zu setzen
vermögen, von dem er wahrheitsgetreuen Aufschluß zu erhalten glaubt. Die
Stimme der Wahrheit wird bis in die abgeschlossensten Paläste
hineindringen und dort nicht mehr ungehört verhallen können.

Auch im Gerichtssaale wird die drahtlose Telegraphie eine gewaltige
Rolle spielen. Zeugen werden nicht mehr von weit her herbeigeschafft
werden müssen, sondern sie werden einfach vor Gericht erscheinen,
während sie ruhig zu Hause bleiben oder ihren Geschäften nachgehen. Die
Kosten des Gerichtsverfahrens werden dadurch wesentlich billiger werden;
die Zeitverschwendung wird nicht mehr ins Gewicht fallen wie jetzt, und
niemand wird im Gerichtsgebäude stundenlang warten müssen. Ein Anruf
wird genügen, und jeder Zeuge, und sei er selbst am Nordpol, wird im
Augenblick zur Stelle sein. Konfrontationen werden auf dieselbe Weise
zustande kommen. Der Mörder in Chikago wird auf drahtlosem Wege dem
Kronzeugen, der sich vielleicht in Sibirien befindet, gegenüber gestellt
werden. Beide Zeugen werden einander Aug in Auge gegenüber stehen, und
hier wie dort wird man der ganzen Gerichtsverhandlung folgen und an ihr
teilnehmen können. Das einzig störende wird eben der Zeitunterschied
sein, so daß einige Zeugen mitten in der Nacht werden aussagen müssen,
wenn sie an einer Verhandlung teilnehmen, in der der lokale
Zeitunterschied ein so bedeutender ist.


                Das drahtlose Zeitalter und die Mode.

Szene: Ein elegantes Boudoir in der 5. Avenue in New York. Eine Braut,
die Tochter eines Multimilliardärs, ist ganz außer sich und schwimmt in
Tränen. Ein furchtbares Unglück ist geschehen. Ihre Brauttoilette ist
ruiniert worden; ein Loch wurde durch eine Zigarette eingebrannt. So
kann sie unmöglich am nächsten Sonnabend zur Hochzeit gehen, lieber gar
nicht heiraten. Und den Schaden durch eine Spitze etwa zu verdecken,
nicht um die Welt. Entweder ist das Kleid tadellos oder sie zieht es
nicht an. Ein heimischer Schneider? Fällt ihr gar nicht ein. Das Kleid
muß von Paquin sein. Von jener weltberühmten, über hundertjährigen
Firma, die schon 1908 tonangebend in ihrem Geschmack war. »Aber Kind«,
ruft der Bräutigam, »das ist doch ganz einfach. Wir lassen uns
telautophonisch mit Paquin verbinden, suchen uns eine Brauttoilette aus,
geben Dein Maß an und lassen uns das Kleid durch drahtlosen Luftmotor
hierherkommen.« Wie weggeflogen ist in diesem Augenblick der Schmerz der
jungen Braut. Sie jubelt laut auf, klatscht in die Hände und gibt sofort
Befehl, ihren Apparat hereinzubringen. Fünf Minuten später wandeln schon
die Pariser Modelle mit den ausgesuchtesten Brauttoiletten an ihr
vorüber. Die Maße werden genau genommen und angegeben, und sechs Stunden
später hat die jetzt wieder glückliche Braut ihr Kleid, das zehnmal so
schön ist, wie das, was ihr Bräutigam verdorben hat. Ueberhaupt wird das
Einkaufen zu jener Zeit ein noch größeres Vergnügen sein, als jetzt. Man
wird einfach von seinem Zimmer aus alle Warenhäuser durchwandern können
und in jeder Abteilung Halt machen, die man eingehender zu besichtigen
oder wo man etwas auszuwählen wünscht. Die Kommis werden die Waren in
den Warenhäusern ausbreiten, so wie jetzt; die Kundinnen werden nicht in
den Warenhäusern selbst sein, sondern da, wo sie grad' weilen. Bei sich
zu Haus, oder in einer Gesellschaft oder irgendwo anders. Und sie werden
wählen und an ihrer Wahl alle ihre Freundinnen teilnehmen lassen können,
und alles wird leibhaftig vor ihren Augen erscheinen; denn natürlich
werden alle die Bilder in ihren natürlichen Farben zu sehen sein.

Auch auf Ehe und Liebe wird der Einfluß der drahtlosen Telegraphie ein
außerordentlicher sein. Liebespaare und Ehepaare werden nie von einander
getrennt sein, selbst wenn sie Hunderte und Tausende Meilen von einander
entfernt sind. Sie werden sich immer sehen, immer sprechen, kurzum, es
wird die Glückszeit der Liebe angebrochen sein und die des
Strohwitwertums vernichtet; denn künftighin wird sich die leibliche
Gattin stets davon überzeugen können, was ihr Herr Gemahl treibt; aber
auch der Herr Gemahl wird ganz genau wissen, wie und ob seine Gattin nur
an ihn denkt.

Auch der Krieg wird wesentlich durch das drahtlose Zeitalter
modifiziert. Das Durchschneiden der Kabel und das Zerstören der
telegraphischen Leitungen wird in den Bewegungen der Heere keine
Verzögerungen herbeiführen. Es wird keine falsch verstandenen Befehle
mehr geben, und der Oberbefehlshaber wird nicht erst darauf warten
müssen, daß man ihm berichtet, wo der Gang der Schlacht ist, sondern er
wird das ganze Schlachtfeld selber übersehen, und nicht das eine
Schlachtfeld allein, sondern das ganze Land, in welchem die
kriegerischen Operationen vor sich gehen. Er wird sogar imstande sein,
nach seinem Willen nicht nur die große Armeekolonne in Bewegung zu
setzen, sondern auch die kleinen Abteilungen. Sein Feldherrnblick allein
wird entscheiden; denn er in seinem Zimmer oder in seiner Baracke wird
alles sehen, die Bewegungen seiner Armeen, sowie die der feindlichen
Heereshaufen. Die Berichterstattung wird natürlich auf außerordentlicher
Höhe stehen; denn jedes, selbst das allerkleinste Blättchen, ja jeder
Abonnent desselben wird sich den Luxus erlauben können, von seinem
Zimmer aus den Kriegsereignissen beizuwohnen und alle Details derselben
zu sehen. Kurz, alle diese Wunder der drahtlosen Telegraphie werden das
kommende Zeitalter zu einem großartigen, unglaublichen machen.

Unglaublich? Nicht doch. Wir haben ja ebenso große Wunder auch schon
erlebt. Noch vor dreißig Jahren gab es kein elektrisches Licht, kein
Telephon, kein Grammophon und keinen Phonographen. Die großen Wunder
haben wir jetzt geschaffen, und was ich geschildert habe, ist nichts als
die allgemeine Nutzanwendung derselben; das ist nur das, was ganz
bestimmt kommen wird und zum Teil schon da ist. Doch es liegen noch ganz
andere Möglichkeiten vor. Es ist möglich, daß der Landmann sechs- bis
zehnfach so große Früchte züchten wird, als jetzt. Es ist
wahrscheinlich, daß er statt einer und zweier Ernten sechs- bis zehnmal
im Jahre die Früchte nach Hause bringen wird. Es ist möglich, daß ein
Arzt eine ganze, von einer Seuche heimgesuchte Stadt auf einmal dadurch
heilen wird, daß er eine elektrische Zyklonwelle drahtloser Energie über
sie wird fluten lassen. Der Wetterprophet wird nicht mehr das Wetter
ansagen, sondern das Wetter machen. Sonnenschein und Regen wird nur von
dem Willen der Menschen abhängen. Ueberall auf Erden wird man den Winter
und jeden Sturm durch elektrische Wärmewellen vertreiben, die den ewigen
Frühling über das Land breiten werden. Und ein neuer Marconi wird
vielleicht mit den Bewohnern des Mars sich verbinden und wird die
Geheimnisse der fremden Welten dadurch offenbaren.



                      Professor Cesare Lombroso.
             Verbrechen und Wahnsinn im XXI. Jahrhundert.


             Verbrechen und Wahnsinn im XXI. Jahrhundert.
                    Von Professor Cesare Lombroso.

Es ist heutzutage nicht so leicht wie früher, als Prophet aufzutreten,
noch schwerer aber ist es, wenn man prophezeiht, die Leser oder Zuhörer
zum Glauben zu zwingen. Trotz alledem gibt es Voraussagungen, die nicht
auf die mehr oder weniger glaubwürdigen und unglaubwürdigen Eingebungen
gestützt sind oder gar aus Geistermunde verkündet werden, sondern die
nichts weiter sind, als die logischen Folgerungen, die man aus den
bestehenden Prämissen zieht und die daher zweifellos Anspruch auf
Beachtung und Glaubwürdigkeit haben.

Wenn wir zum Beispiel die Behauptung aufstellen wollten, daß es im
nächsten Jahrhundert im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer fünfmal mehr
Wahnsinnige geben wird, als jetzt, so ist das nichts als eine
statistische Deduktion aus den Zahlen, die uns die zivilisierten Völker
aller Länder heutzutage bieten.

Jacobi weist nach, daß die Zahl der Irrsinnigen in Frankreich in 33
Jahren um 53 Proz. stieg, während im gleichen Zeitraum die
Bevölkerungsziffer nur um 11 Proz. gestiegen ist.

In Italien gab es im Jahre 1880 17471 Irrsinnige und 27 Jahre später
zählte man in dem italienischen Königreiche nicht weniger als 45000.

In England kamen im Jahre 1889 auf je 10000 Einwohner 18 Irre. Im Jahre
1893 war diese Zahl schon auf 29 gestiegen, und bis zum heutigen Tage
hat diese Steigerung noch immer bedeutend zugenommen.

In den Vereinigten Staaten wuchs die Bevölkerungsziffer in 30 Jahren um
das Doppelte an, die Zahl der Irrsinnigen aber um mehr als das
sechsfache; denn sie stieg von 15610 auf 95998.

Diese erschreckenden Zahlen sind leider nur allzu verständlich; denn die
Gründe, die den Irrsinn zur Folge haben, werden immer stärker und
häufiger und mannigfacher.

Der Orient überschwemmt uns mit seinem Opium und seinem Haschisch; der
Norden Europas gibt dem Süden ungeheure Mengen seines Mutterkornes ab,
und der Süden schickt als Revanche dem Norden seinen verdorbenen Mais,
die alle in sich das tödliche Gift für unsern Geist und unser Hirn
tragen.

So wie seit Jahrhunderten der Wein unsere Psyche vergiftet hat und wie
es in noch ärgerem Maße das Bier, der Schnaps, der Absinth und der
Wermut tun und getan haben, so wirkt jetzt auch noch zum Ueberfluß der
Aether, das Morphium und Codein tödlich auf unsern Geist ein, und man
hat gut gegen diese Gifte, insbesondere aber gegen den Alkoholgenuß zu
predigen und zu reden, es wird doch immer weiter getrunken werden, teils
um sich zu betäuben, teils um dem immer trüber dahinfließenden Strome
des Lebens doch wenigstens eine Stunde des Glücks und des Vergessens zu
entreißen. Und man wird weiter trinken, um lustig zu sein und immer
lustiger, bis eine weisere, aufgeklärtere, gescheiter gewordene
Menschheit dem immer genußdurstigen, menschlichen Hirn andere harmlose,
aber ebenso mächtige, ebenso energische Genüsse verschafft haben wird,
wie sie ihm heute das Trinken tatsächlich schafft.

Vom Tee und Kaffee spreche ich hier gar nicht, die zwar auch
Erregungsmittel des Geistes sind, aber doch nicht kräftig genug, um auf
die Phantasie und die Sinne derart zu wirken, daß sie als Ersatzmittel
derselben gelten könnten. So lange die Welt so bleibt, wie sie ist, wird
man mit den Verheerungen rechnen müssen, die der Alkohol anrichtet. Nun
füge man noch den höllischen Wirbel hinzu, in den der Mensch jetzt durch
das Hasten des Lebens gerissen wird, und der ihn arbeiten und arbeiten
und immer arbeiten läßt, bis auch die stärkste Energie aufgebraucht und
die widerstandsfähigsten Kräfte gebrochen werden; und man nehme das
Ruhelose dieses Lebens hinzu, das die Ruhe nur findet, wenn sie längst
schon zu spät kommt, und denke an all' die horrenden Arbeitsmengen, die
jeder schaffen muß und die, wie Beard sagt, jeden Amerikaner schon in
einen Neurastheniker verwandelt haben und auch jeden gebildeten Europäer
dazu machen, von welch letzterem schon Kräpelin sagt, daß er viel zu
viel Nerven und viel zu wenig Nerv hat! Vielleicht ist auf diese
Erschöpfung, die sich in der Degenerationsvererbung zeigt,
zurückzuführen, daß wir in den letzten Jahren das Kolorit des Wahnsinns
sich merkwürdig verändern sehen, und daß wir diese Veränderung im
nächsten Jahrhundert zweifellos noch prononzierter sehen werden. Es
verschwinden nämlich allmählich jene eigentümlichen Fälle von Paranoia,
Melancholie und Halluzinationen, die früher so häufig waren und unsere
Irrenanstalten mit so viel Fürsten, so viel Genies, so viel
Erfindern und so viel eingebildeten Opfern von Jesuiten- und
Freimaurer-Verfolgungen übervölkern. Jetzt treten dafür immer mehr jene
verschwommenen Formen auf, die wir geistige Zerstreutheiten und
Störungen nennen, oder jene frühen Wahnsinnsformen, die im Jugendalter
auftreten und eine Mischform der eben genannten Zerstreutheitsstörungen
mit den alten Formen der Monomanie und Melancholie bilden, durch welche
die Grenzlinien dieser vollständig verwischt werden. Die Entdeckung
_dieser_ Form verdanken wir dem großen Deutschen _Kräpelin_, obwohl sie
schon _vor_ ihrer Entdeckung, d. h. vor ihrer Erkennung Opfer über Opfer
gefordert hat.

Dieser frühzeitige Irrsinn, die alkoholischen Wahnsinnsformen und die
allgemeinen progressiven Paralysen, sowie die anormalen Formen der
Epilepsie werden dann die Insassen für unsere Irrenanstalten abgeben,
dagegen wird die Zahl der Idioten, vor allem aber die der Kretins ganz
außerordentlich abnehmen. Ebenso wird die vornehmlich bei uns in Italien
herrschende, durch den Maisgenuß hervorgerufene Pellagra kein Opfer mehr
fordern. Das Verschwinden dieser Formen wird nur eine Folge unserer
zunehmenden Kultur und unseres nicht zu leugnenden, zunehmenden
Wohlstandes sein.


                           Das Verbrechen.

Im Gegensatz zum Wahnsinn wird das Verbrechen sowohl an Zahl wie an
Größe und Intensität immer mehr abnehmen. Wer die Verbrecherstatistik
von Mitteleuropa studiert, würde auf den ersten Blick allerdings diese
rosige Voraussetzung nicht verstehen; denn die ganz schweren Verbrechen,
d. h. Mord und Totschlag, haben zwar ein klein wenig abgenommen, aber
Diebstahl, Betrug und Fälschungen haben im ganzen so außerordentlich
zugenommen, daß sie in den letzten 25 Jahren auf beinahe das Doppelte
stiegen. Der Zahl nach sind also die Verbrechen jetzt noch immer in der
Zunahme begriffen. Wer aber genauer hinsieht, wird trotzdem zu dem von
mir angegebenen günstigen Resultate der Zukunft gelangen, weil er die
Verminderung der kapitalen Verbrechen in Australien mit in Rechnung
ziehen wird und nicht nur der Kapitalverbrechen, sondern der Verbrechen
überhaupt. Auch wird er nicht übersehen können, daß in Nordamerika der
Verbrechenszuwachs eigentlich nur zu Lasten der nach Amerika
eingewanderten, sowie der farbigen Bevölkerung fällt. Und ebensowenig
wird er es unterlassen, seine günstigen Schlüsse aus der Abnahme des
Verbrechens sowohl in London als in Genf zu ziehen, wo man mit allen
Mitteln versucht hat, dem Verbrechen energisch zu Leibe zu gehen und ihm
möglichst den Garaus zu machen, ein Versuch, der, trotzdem es sich um
große Zentren des Verbrechens handelt, dennoch einen günstigen Erfolg zu
haben scheint. Und wer nun das alles in Rechnung zieht, der wird ohne
viel Mühe prophezeien können, daß im nächsten Jahrhundert die Zahl der
Verbrechen ganz außerordentlich abgenommen haben muß, wobei allerdings
nicht zu übersehen ist, daß sehr viele Verbrecher infolge unserer weit
ausgedehnteren Kenntnisse des Wahnsinns und der psychischen Erkrankungen
ihr ganzes Leben lang in Irrenhäusern oder in Irrenreservationen
eingeschlossen sein werden. Diese Art, die Verbrecher unschädlich zu
machen, wird der Menschheit aber zum größten Nutzen gereichen, da eine
weitere Vererbung des Uebels dadurch unmöglich gemacht werden wird.

Die momentane Verschlechterung in bezug auf die Zahl der Verbrecher, die
namentlich auffallend in der großen Zahl Rückfälliger[4] und
Minderjähriger, namentlich in Europa, zum Ausdruck kommt, findet ihre
Erklärung in dem doppeltabnormen Zustande unserer Gesetzgebung und
unseres Gefängniswesens, die sich beide, wenn auch erst ganz schüchtern
und zaghaft, einerseits den Theorien jener so sehr angefeindeten Schule
nicht mehr verschließen können, die das Verbrechen als ein
Krankheitssymptom auffaßt, die aber andererseits noch in den alten,
alteingewurzelten Ideen fußen, die auf der freien Willensäußerung
basieren. So vereint unsere Zeit in blindem Unverstande alle Schäden der
beiden Anschauungen, ohne daß die Allgemeinheit irgendwelche Vorteile
aus deren Vorzügen zieht. Es ist dies ein Zustand, der etwa dem zu
vergleichen wäre, wenn ein Irrenarzt, der mit den alten Ideen so sehr
verwachsen ist, daß er die Wahnsinnigen gleich Verbrechern behandelt und
sie in Ketten legt, schlägt und mißhandelt, nun plötzlich von den Ideen
der modernen Erkenntnis angehaucht würde und plötzlich anfinge, seine
Pfleglinge gleichzeitig sowohl als Verbrecher wie als Kranke zu
behandeln.

[Fußnote 4: Rückfällige waren im Jahre 1880 20 Prozent aller Verbrecher
und im Jahre 1900 40 Prozent. Ganz genau dasselbe Verhältnis zeigte sich
auch in Belgien. In Italien wuchs die Zahl der minderjährigen
Verbrecher, die zu längeren oder kürzeren Strafen verurteilt wurden, von
30118 im Jahre 1890 67944 im Jahre 1905.]

Tatsächlich bricht sich, was das Verbrechen anbelangt, immer mehr
_unsere_ Anschauung Bahn, daß auch dieses als eine organische
Erscheinung, nicht aber als eine menschliche Willensäußerung aufzufassen
ist. Daß wir uns daher wohl vor ihm schützen müssen, nicht aber in
Unmenschlichkeiten gegen den Verbrecher ausarten dürfen. Mit dieser
Erkenntnis nun stehen unsere starren, eisernen Gesetze noch völlig im
Widerspruche, und die »mildere Auffassung« derselben schadet weit mehr
als sie nützt, denn sie geben der Menschheit den Verbrecher immer
wieder, und geben ihm so die Gelegenheit, den Keim des Verbrechertums
immer weiter und weiter zu verbreiten.

Im kommenden Jahrhundert aber werden alle Hindernisse, die sich heute
noch einer vernunftgemäßen Behandlung von Verbrechen und Verbrechern
entgegenstellen, längst beseitigt sein. Die Anfänge dazu sind ja schon
da, und die Erfolge zeigen sich überall, wo man den Mut hatte, die
Neuerungen einzuführen. In London sowohl wie in Nordamerika, wo man
jetzt mit aller Energie daran geht, die Verbrecher im Sinne der modernen
Wissenschaft für die Menschheit ungefährlicher zu machen. An die Stelle
unserer Zuchthäuser werden große Verbrecherkrankenhäuser treten, in
denen der rückfällige Verbrecher auf Lebenszeit interniert werden wird,
ohne an der Behandlung körperlich, geistig oder seelisch zu leiden.
Große humane Arbeitsanstalten werden errichtet werden; riesige Farmen
werden dem Verbrechernachwuchs zum Aufenthalt dienen, aber auch denen,
die Neigung zum Alkoholismus verraten, und sich darin als
unverbesserlich erweisen; und an die Stelle unserer furchtbaren
Zuchthaus- und Gefängnisstrafen werden Geldstrafen, Arbeitsstrafen,
Duschen, Feldarbeiten und Hausarrest treten. Natürlich werden _diese_
Strafen nur die Gelegenheitsverbrecher treffen und die jugendlichen
Verbrecher, die ja die Mehrheit unserer Verbrecherwelt bilden und die
erst _durch_ unsere Gefängnisse in ihren Verbrecherinstinkten bestärkt
werden. Keiner wird dann mehr die »Strafe« als solche empfinden, sondern
nur einen Versuch darin sehen, den psychischen Krankheitskeim in ihm zu
stören, ihn wieder »gesund« zu machen, und ihn als gesundes Mitglied der
Menschheit wiederzugeben. Schulen, Bibliotheken, Vorträge und der
Verkehr mit geistig hervorragenden und charakterfesten Menschen, die
wahre Aerzte der Seele sein werden, werden das ihrige dazu beitragen,
diesen Heilungsprozeß zu ermöglichen und zu beschleunigen.

Damit ist noch immer nicht gesagt, daß im kommenden Jahrhundert das
Verbrechen vollständig verschwinden wird. Gerade weil das Verbrechen
teils von unserem Organismus, teils von unserem sozialen Verhältnis
abhängt, wird das Verbrechen zwar abnehmen und andere Formen annehmen,
aber niemals vollständig verschwinden. In jedem Falle werden, wie man
jetzt schon statistisch nachweisen kann, in den nächsten Jahrzehnten in
den zivilisierten Ländern die durch Frauen begangenen Verbrechen aller
Voraussicht nach ganz außerordentlich an Zahl zunehmen. Gegenwärtig ist
das Verhältnis der Verbrecherin zum Verbrecher ein geradezu minimales;
aber der große Zahlenunterschied verwischt sich immer mehr, und auch in
bezug auf die Schwere der Verbrechen werden die Frauen ihren männlichen
Kollegen bald ebenbürtig werden, wenn sie sie nicht überflügeln werden.
Haben wir nicht jüngst erst eine _Madame Humbert_ gesehen, die sich
jahrelang die finanziellen Kombinationen und Geldoperationen in so
außerordentlich raffinierter und schlauer Weise zunutze machte, wie es
kein Mann imstande gewesen wäre. Wir haben die _Gouransee_ gesehen, die
sich den Annoncenteil der Blätter und die unglaublichsten Kenntnisse auf
dem Gebiete der Toxikologie zunutze machte, um unter dem Vorwande einer
reichen Heirat Personen anzulocken und sie zu vergiften und im eigenen
Garten zu begraben. Und eine _Grete Beier_, die in Deutschland die
juridischen Kenntnisse, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet hatte,
dazu benutzte, um ein falsches Testament aufzusetzen, die Handschriften
fälscht, die Gift braucht und überdies zur Feuerwaffe greift, um einen
Verliebten zu töten und seine Erbin zu werden. Diese Kompliziertheit der
Verbrechen wird man auch bei den Missetaten der Männer bald in
verhältnismäßig zunehmender Zahl finden, wenn auch die Gesamtsumme der
Verbrechen selber abnehmen wird. Denn keiner macht sich die technischen,
ökonomischen und sozialen Errungenschaften so schnell und so sicher
zunutze wie der Verbrecher. Wir haben schon in diesem Jahrhundert ganz
neue Arten von Verbrechen auftauchen sehen, bei denen das Zweirad, das
Motorrad und das Automobil eine große Rolle gespielt haben. Und in
Amerika, wo alles, selbst das Verbrechen einen großartigen Zug hat,
werden auch Eisenbahnzüge und Dampfmaschinen dazu benutzt. So brach der
berüchtigte _Trassy_ aus dem Zuchthaus von Oregon, sprang auf eine
Schnellzugs-Lokomotive und raste mit ihr davon, so daß er nur dadurch
festgenommen werden konnte, daß eine noch schnellere Maschine ihm
nachraste und ganze Züge von Polizeisoldaten ihm entgegen fuhren. In
unserer Zeit der Genossenschaften und Vereinigungen ist
es selbstverständlich kein Wunder, daß wir auch auf große
Verbrechergenossenschaften stoßen. In Nord-Amerika, in Rußland, in
Deutschland und in England hat man geradezu Aktiengesellschaften von
Dieben, Einbrechern und Falschspielern entdeckt. Aktiengesellschaften,
die eigene luxuriös eingerichtete Bureaus hielten, über jedes Verbrechen
Buch führten und es im Einnahmen- und Ausgabenkonto verzeichneten. In
Moskau hob man eine, aus dreißig Aristokraten bestehende Verbrecherbande
auf, die mit enormem Kapital arbeitete, das in die Millionen ging.
Dieser Bande standen in den verschiedensten Städten prachtvolle
Wohnungen, Paläste und glänzend ausgestattete Villen, sowie ein Heer von
Dienern, Automobilen und Equipagen zur Verfügung, und sie hatten überall
ihre Komplizen. In New York gibt es Hunderte von Assekuranzschwindlern,
die sich zu einer Spezialität ausgebildet haben. Vor zwei Jahren wurden
acht Versicherungsgesellschaften von einer Verbrecherbande von Fälschern
um fünf Millionen Dollars, das ist über zwanzig Millionen Mark,
beschwindelt; sie versicherten alte, sterbenskranke Menschen auf hohe
Summen, statt der Kranken aber wurden bei der Untersuchung vollständig
gesunde Personen für die zu versichernden ausgegeben; überdies wurden
von ihnen Hunderte von Ausweispapieren und Totenscheinen gefälscht, und
sie gingen in ihrer Frechheit so weit, selbst ein Begräbnis zu
inszenieren und eine Wachspuppe in pomphaftem Leichenzuge zur letzten
Ruhestätte geleiten zu lassen, während derjenige, den die Wachspuppe
vorstellte, sich den Spaß machte, mit unter den Leidtragenden mitzugehen
und seinem eigenen Begräbnisse zuzusehen!

Der berühmte Giftmischer _Holmes_ könnte als der vollendetste Typus des
Verbrechers der Zukunft gelten. Er versicherte das Leben seiner Opfer
auf hohe Summen, brachte ihnen dann Gift bei und strich zuletzt das Geld
ein. Als hypermoderner Mensch, der er war, spielte bei allen seinen
Verbrechen der Anzeigenteil der Journale, der Telegraph, das Telephon
und sogar die drahtlose Telegraphie eine ganz bedeutende Rolle. Er war
der Virtuose des modernen Verbrechertums und führte jedes Verbrechen so
künstlerisch, d. h. so kompliziert wie nur möglich aus, um nicht nur den
Nutzen, sondern auch seine Freude daran zu haben.

Aber wenn sich die Verbrecher von einst auch all der Erfindungen ihrer
Zeit noch ausgiebiger werden bedienen können, wie es die Gauner unserer
Zeit jetzt schon in oft ganz verblüffender Weise tun, so werden doch
damit auch gleichzeitig die großen Erfindungen Hand in Hand gehen, die
den Verbrechern das Handwerk legen werden. Es wird immer schwerer und
schwerer werden, ein Verbrechen auszuführen, ohne geradezu im selben
Momente auch schon entdeckt zu werden. Und auch darin wird ein guter
Teil des Grundes liegen, warum die Verbrechen werden abnehmen müssen.
Allerdings werden gerade die Gefahren manchen verlocken, die
Ueberlegenheit seines Geistes zu zeigen, die ihn befähigt, _dennoch_ ein
Verbrecher zu sein, aber das werden nur wenige Enthusiasten sein, die
man immer noch findet und die es auch heute schon gibt.



                     Regierungsrat Rudolf Martin.
                       Der Krieg in 100 Jahren.


                       Der Krieg in 100 Jahren.
                   Von Regierungsrat Rudolf Martin.

Die Kriegführung in hundert Jahren wird sich von der Kriegführung der
Gegenwart weit mehr unterscheiden, als diese von der Kriegführung vor
der Erfindung des Schießpulvers. Und doch hat die Erfindung des
Schießpulvers die gewaltigsten Veränderungen zustande gebracht. Das
gesamte Kriegswesen wurde durch das Aufkommen des Schießpulvers um die
Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa umgestaltet. Das Rittertum
verschwand. An die Stelle des Lehnsaufgebots trat das stehende Heer. Der
Lehnsstaat hörte auf. Die Macht des unbeschränkten Königtums kam in den
meisten Ländern zur Geltung.

Daneben zeigten sich Wirkungen des europäischen Schießpulvers, durch das
mit dem Jahre 1492 einsetzende Zeitalter der Entdeckungen. In Amerika
und in Ostindien unterlag die Kultur der Eingeborenen den Schießwaffen
der europäischen Entdecker. Aber das Schießpulver war nur ein Teil der
Ueberlegenheit der Europäer. Im übrigen verdankten sie ihre Erfolge
ihrer Seetüchtigkeit. Das Aufkommen des Kompasses seit ungefähr dem
Jahre 1310 hatte die Sicherheit der Schiffahrt vermehrt und die
Entdeckungsfahrten ermöglicht. Die Fortschritte der Astronomie, der
Geographie und die Zunahme der Bildung im Zeitalter der Reformation
ermöglichten die Herstellung brauchbarer Seekarten. Selbst die Erfindung
der Buchdruckerkunst um das Jahr 1462 hat an den Erfolgen und Siegen der
Seefahrer und Entdecker einen großen Anteil.

Von größter Bedeutung aber war das Aufkommen reiner Segelschiffe, die
nicht mehr auf Ruder eingerichtet waren. Der Transport des Proviants und
des Trinkwassers für die vielen Ruderknechte hatte bis zum Jahre 1300
jede größere Entdeckungsfahrt unmöglich gemacht. Indem im Laufe der
Jahrhunderte die Segelschiffe immer größer wurden, konnten weitere
Reisen unternommen und eine größere Zahl von Soldaten transportiert
werden. Wäre aber in der Zeit von 1300 bis 1500 die Kunst des Lavierens
nicht aufgekommen, so würden die europäischen Seeschiffe an größeren
Unternehmungen verhindert worden sein.

Diese umgestaltende Wirkung der Technik auf die Kriegsführung wird sich
in verstärktem Maße in den kommenden hundert Jahren vollziehen. Die
Technik der Motorluftschiffahrt, der Unterseeboote, der drahtlosen
Telephonie und Telegraphie und wahrscheinlich auch der drahtlosen
Uebertragung von Starkstrom wird neben der Fortbildung der Sprengmittel,
der Artillerie und der Schutzvorkehrungen den Krieg vollkommen
umgestalten und eine weitgehende Einwirkung auf die Politik ausüben.

Besonders aber wird die Motorluftschiffahrt die gesamte Kriegführung
umgestalten. Die Motorluftschiffahrt verstärkt die Macht der
industriellen, kapitalreichen Großmächte mit dichter, geistig hoch
entwickelter Bevölkerung und mit großen Landheeren gegenüber den
agrarischen, armen Großmächten mit dünner, geistig rückständiger
Bevölkerung oder mit kleinen Landheeren.

Begünstigt kann die militärische Stärke einer Großmacht im Zeitalter der
Motorluftschiffahrt auch durch die geographischen Verhältnisse werden.
Deutschland, welches im Zentrum des Kontinents von Europa gelegen ist,
kann vermittels seiner Motorluftschiffahrt Einfluß nach allen Seiten und
auf alle anderen europäischen Großmächte ausüben.

Auch in hundert Jahren dürfte die Lage Deutschlands sich besser für die
Motorluftschiffahrt eignen als die Lage Englands. Der Verkehr über den
Atlantischen Ozean wird wesentlich schwächer sein, als der Verkehr auf
dem Kontinent von Europa. Von jedem Punkt Europas oder Asiens oder
Afrikas kann man aufsteigen, um irgend einen Punkt in Deutschland auf
dem Motorluftfahrzeug zu erreichen. Man kann aber nicht von einem
einzigen Punkte in dem Atlantischen Ozean aufsteigen, um auf dem
Motorluftfahrzeuge England zu erreichen. Dabei soll nicht in Abrede
gestellt werden, daß auch die Dampfer auf dem Meere in hundert Jahren
einen Verkehr durch Drachenflieger mit dem Festlande unterhalten.

Für die Seeschiffahrt war England als Insel besonders günstig veranlagt.
Für die Motorluftschiffahrt ist England als Insel besonders ungünstig
veranlagt. Denn auf dieser Insel herrschen heftige Stürme, und lagert
häufig ein dichter, gefährlicher Nebel. Ueberdies aber ist der Verkehr
über den Ozean weit seltener als der Verkehr über Land. Deutschland aber
erfreut sich nicht nur des größten Landverkehrs durch die Luft, sondern
auch wahrscheinlich des größten Seeverkehrs durch die Luft. In jedem
Falle ist Deutschland für den transatlantischen Verkehr durch die Luft
ebenso geeignet wie Großbritannien. Da aber auf den britischen Inseln
heute nur 42 Millionen Einwohner wohnen, gegenüber 62 Millionen
Köpfen in Deutschland, so ist anzunehmen, daß die stärkere
Bevölkerungsvermehrung, durch welche sich Deutschland schon heute
auszeichnet, in hundert Jahren eine gewaltige Ueberlegenheit an Zahl der
Bevölkerung geschaffen hat. Auf Grund einer weit stärkeren Bevölkerung,
welche die englische um etwa 50 Millionen überragen dürfte, wird
Deutschland auch einen viel größeren Verkehr an Personen und leichten
Gütern durch die Luft mit Amerika unterhalten.

Da die Bevölkerung Frankreichs schon seit Jahrzehnten stagniert, während
die Bevölkerung Deutschlands jährlich um 860000 Köpfe zunimmt, so wird
Deutschland in hundert Jahren mehr als die doppelte Einwohnerschaft von
Frankreich haben. Schon aus diesem Grunde ist die aeronautische
Ueberlegenheit Deutschlands über Frankreich eine gewaltige. Verstärkt
wird diese Ueberlegenheit durch die zentrale Lage Deutschlands im Herzen
von Europa. Da Rußland an Industrie, Kapital und geistiger Bildung
Deutschland in hundert Jahren noch längst nicht erreicht haben wird, so
wird auch Rußland auf dem Gebiete der Motorluftschiffahrt weit hinter
Deutschland zurückstehen. Die großen internationalen Luftlinien von
Berlin bis Peking oder von Berlin über Südrußland nach Teheran und
Indien werden nicht im Eigentume russischer sondern deutscher Firmen
stehen.

Je mehr Motorluftfahrzeuge eine Großmacht im Kriege besitzt, um so
stärker ist sie. Die Masse der Motorluftfahrzeuge kann eine Großmacht in
hundert Jahren während des Krieges aber nur aus dem Verkehr entnehmen.
Die Großmächte können nicht für die Heeresverwaltung und die
Marineverwaltung für 10 oder gar 20 Milliarden Mark Motorluftfahrzeuge
im Frieden für den Kriegsfall beschaffen. Dasselbe gilt von den
Luftschiffhäfen. Wie das Deutsche Reich sich heute im Kriegsfalle der
bestehenden und dem Verkehre dienenden Eisenbahnen bemächtigt, so wird
es in hundert Jahren bei Ausbruch eines Krieges seine Hand nicht nur auf
die Verkehrsluftlinien und Luftschiffhäfen, sondern auch auf die im
Besitze der Sportsleute befindlichen Drachenflieger und Motorballons
legen. Nur wenn man diese Veränderungen des Verkehrs und des
Stärkeverhältnisses der Mächte im Auge behält, kann man sich ein Bild
von der Art der Kriegführung in hundert Jahren machen. Der Charakter des
künftigen Krieges wird schon durch die Tatsache ein verändertes Aussehen
haben, daß die sich feindlich gegenüberstehenden Kriegsmächte andere
geworden sind, als wir es aus der Geschichte der letzten tausend Jahre
gewohnt sind. Zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und
England oder Deutschland und Oesterreich-Ungarn ist ein Krieg in hundert
Jahren vollkommen ausgeschlossen. Sämtliche europäischen Staaten, keinen
ausgenommen, bilden in hundert Jahren eine Staatengemeinschaft, welche
den gegenseitigen Krieg ebenso ausschließt, wie heute etwa ein Krieg
zwischen dem Königreich Bayern und dem Königreich Preußen oder dem
Deutschen Reiche unmöglich ist. Der zunehmende Luftverkehr hat eine
solche Menge gemeinsamer Bedürfnisse und Interessen geschaffen, daß in
hundert Jahren sämtliche europäischen Staaten als Staatengemeinschaft
ein gemeinsames europäisches Parlament und eine gemeinsame europäische
Gesetzgebung haben. Durch die gemeinsame Gesetzgebung und durch die
Verfassung der europäischen Staatengemeinschaft ist aber ein Krieg
zwischen europäischen Staaten nicht nur ausdrücklich untersagt, sondern
auch tatsächlich zur Unmöglichkeit geworden.

Solange ein märkischer Raubritter einen benachbarten Raubritter
bekriegen konnte, bewegte sich die Kriegführung in den entsprechenden
primitiven Formen. Sie wurde großartiger in dem Zeitalter der
Entdeckungen und des Schießpulvers. In hundert Jahren können die
vereinigten Staaten Europas Kriege nur führen mit der gelben Rasse, also
mit China, Japan und Siam oder mit den Vereinigten Staaten Amerikas. Im
übrigen hat das europäische Militär nur die Aufgabe der Niederwerfung
von Aufständen. Volkserhebungen in Europa sind undenkbar, da die
europäische Gesamtverfassung und die Regierung aller Einzelstaaten eine
sehr freiheitliche und dem Volkswillen entsprechende ist. Nicht selten
aber finden sich gewaltige Erhebungen der Neger und anderer Stämme in
Afrika, der Indier und der Bewohner Vorderasiens.

Nur durch die massenhafte Anwendung der Motorluftfahrzeuge kann Afrika,
welches unter die verschiedenen europäischen Großmächte aufgeteilt ist,
niedergehalten werden. Auch die Herrschaft über die 400 Millionen
Einwohner Indiens würde den Engländern längst dauernd entwichen sein,
wenn nicht die gesamten europäischen Staaten die riesenhafte Menge ihrer
Motorluftfahrzeuge und Luftschiffertruppen gemäß den Verpflichtungen der
Gesamtverfassung bei jeder indischen Revolution den Engländern sofort
zur Verfügung gestellt hätten.

Zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika, welche den gesamten
Kontinent von Nordamerika und Südamerika umfassen, und den Vereinigten
Staaten von Europa bestehen die denkbar besten politischen Beziehungen.
Allerdings sind die europäischen Generalstäbe ebenso wie die
amerikanischen Generalstäbe auf die Möglichkeit eines Krieges
vorbereitet. Aber es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß ein
solcher Krieg jemals ausbrechen wird.

Der einzige wirklich bedeutende Weltkrieg, der in hundert Jahren
stattfindet, ist ein Krieg der Vereinigten Staaten Europas gegen das
verbündete China und Japan. Während dieses viermonatlichen ungewöhnlich
blutigen Krieges haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika
vollkommen neutral gehalten. Tatsächlich haben sie aber zur schnellen
Niederwerfung der gelben Rasse einen bedeutsamen Beitrag geliefert,
indem sie die Ausfuhr von allem Kriegsmaterial nach Ostasien
verhinderten.

In diesem Weltkriege ist aber die fortgeschrittene Kriegstechnik, wie
sie in dem ersten Jahrhundert der Motorluftschiffahrt sich ausgebildet
hat, voll und ganz zur Geltung gekommen. Der Hauptangriff Europas gegen
China wie gegen Japan erfolgte von der Landseite, also vom Westen aus.
Unterstützt wurde diese Aktion durch einen Angriff der vereinigten
europäischen Flotten in dem Stillen Ozean.

Die Ursache des Krieges ist nicht ohne Zusammenhang mit der Strategie
und Taktik des Feldzuges. China und Japan hatten beide beschlossen, die
Motorluftschiffahrt zu verstaatlichen und den europäischen
Verkehrsluftlinien die Erlaubnis zu entziehen, eigene Luftschiffhäfen in
China und Japan zu besitzen und den Transport von Personen und Waren
durch die Luft zu betreiben. Die europäische Staatengemeinschaft hatte
einstimmig von vornherein diese Verletzung der althergebrachten Rechte
der europäischen Verkehrsluftlinien abgelehnt. Am 1. Juni des Jahres
2008 setzten China wie Japan das wenige Tage zuvor von ihnen erlassene
Gesetz in die Wirklichkeit um, indem die staatlichen Behörden sämtliche
Luftschiffhäfen Chinas und Japans mit Beschlag belegten und die
europäischen Motorluftfahrzeuge auswiesen. Da sich die deutschen,
russischen, englischen und französischen Beamten der Luftschiffhäfen und
der Motorluftfahrzeuge diesen Anordnungen der chinesischen Behörden
vielfach widersetzten, und in einer Reihe chinesischer Städte schwere
Ausschreitungen des Pöbels gegen die Europäer vorkamen, an denen auch
nachweisbar chinesische Beamte und Soldaten nicht unbeteiligt waren,
beschloß die Gesamtvertretung der europäischen Regierungen die sofortige
Kriegserklärung.

Durch drahtlose Telegraphie wurden alle Motorluftfahrzeuge europäischer
Gesellschaften aus China und Japan zurückberufen und ihnen der Auftrag
gegeben, nach Möglichkeit die europäische Bevölkerung nach Europa oder
Indien oder Sibirien zurückzuführen.

Sofort begann die Mobilisierung der europäischen Luftflotte. Siam bat
die europäischen Regierungen neutral bleiben zu dürfen, versprach aber
der Rüstung europäischer Motorluftflotten in Siam nicht entgegentreten
zu wollen.

Innerhalb von wenig Stunden wurden alle Luftschiffhäfen rings um das
chinesische Reich von Wladiwostock bis Samarkand in Zentralasien und
weiter bis nach Lee 3434 Meter hoch in den Bergen des Himalaya-Gebirges,
in Kalkutta, Siam und Tonking in Kriegszustand gesetzt. Mehr als tausend
Motorballons waren von Sibirien, Indien und Tonking schon in den ersten
drei Stunden nach der Kriegserklärung in das Innere von China unterwegs,
um den Europäern behilflich zu sein, auf den Motorluftfahrzeugen zu
entkommen und um an Benzin oder Gas notleidende europäische
Motorluftfahrzeuge auf ihrer Heimreise zu unterstützen. Von zahlreichen
Luftschiffhäfen und in der Luft fahrenden Motorluftfahrzeugen treffen in
Sibirien, in Anam, Indien und russisch Turkestan drahtlose Depeschen mit
Nachrichten über den Stand der Dinge ein. Da eine Reihe von
Luftschiffhäfen in China sich gegen die chinesischen Behörden und den
Pöbel verteidigen, so muß ihnen von den ersten verfügbaren Streitkräften
der Luftflotten zunächst Hilfe gebracht werden. Die ersten großen
Luftgeschwader, welche Wladiwostok, Hanoi in Anam, Kalkutta verlassen,
dringen gleich tief in das Innere von China ein. In Erwartung der
kommenden Ereignisse hatte die englische Regierung ebenso wie die
internationalen Luftlinien Vorsorge getroffen, daß eine ungewöhnlich
starke Luftmacht in Lasar, der Hauptstadt Tibets, konzentriert war.
Insonderheit waren auch die Luftschiffhäfen an der Nordgrenze Tibets mit
gut ausgerüsteten Riesenluftschiffen versehen.

Die Entscheidung in einem solchen Kriege liegt nicht bei den
Aluminiumluftschiffen oder Ballonetluftschiffen. Sie liegt auch nicht
bei den Drachenfliegern. Die Schlachtluftflotte der Zukunft besteht aus
den riesenhaften Vakuumluftschiffen, die nicht von Gas getragen werden,
sondern auf Grund der Leere des Raumes aufsteigen. Die alte Idee des
Jesuitenpaters Franzesko Lana aus dem Jahre 1670 war bereits am 9.
September 1908 in einem Leitartikel des hervorragenden deutschen
Gelehrten G. J. Derb in den Illustrierten aeronautischen Mitteilungen
wieder aufgenommen worden. Seitdem ist sie nicht mehr zur Ruhe gekommen.
Im Jahre 2008 verfügen die europaischen Luftlinien zusammen über mehr
als 10000 Vakuumluftschiffe, während die Heeresverwaltungen und
Marineverwaltungen der europäischen Staaten etwa 5000 Vakuumluftschiffe
besitzen. Keines dieser Vakuumluftschiffe hat einen geringeren Umfang
als 300000 Kubikmeter. Die Wände sind aus feinem Nickelstahl
hergestellt, welcher fester ist als im Jahre 1908 die Panzerplatten.
Eine genaue Beschreibung dieses wichtigsten Motorluftfahrzeuges der
Zukunft habe ich in meinem soeben erschienenen Buch »Von Ikarus bis
Zeppelin« (Brandussche Verlagsbuchhandlung, Berlin) Seite 144 gegeben.
Ein solches Luftschiff wird vor der Fahrt durch große Luftpumpen
vollkommen von Luft entleert. Solche Pumpen sind in allen
Luftschiffhäfen vorrätig. Auch führt das Luftschiff selbst eine durch
einen Motor in Gang gehaltene Luftpumpe mit sich. Das Vakuumluftschiff
hat den großen Vorzug, daß es allen Gefahren des Wasserstoffgases
überhoben ist.

Das Vakuumluftschiff kann nicht explodieren oder verbrennen.
Ueberdies kostet das Wasserstoffgas der Aluminiumluftschiffe und
Ballonetluftschiffe viel Geld und muß immer wieder ergänzt werden. Das
Vakuumluftschiff kann sich solange in der Höhe halten, wie die
Luftpumpen ordnungsgemäß arbeiten, also Monate lang und unter Umständen
Jahre lang.

Auf Grund ihres riesenhaften Umfanges haben die Vakuumluftschiffe eine
ungeheure Tragfähigkeit. Allerdings wiegt die schwere Stahlumhüllung
eines Vakuumluftschiffes von 300000 cbm bereits 200000 kg. Aber der noch
verfügbare freie Auftrieb von 100000 kg oder 100 Tonnen gestattet den
Transport von 1000 Personen auf eine kürzere und 600 Personen auf eine
weitere Entfernung.

Ein Teil der Vakuumluftschiffe in Sibirien, Zentralasien und Indien
wurde mit Militär beladen, ein anderer Teil mit Dynamittorpedos.
Insgesamt gingen gleichzeitig 200 Vakuumluftschiffe von allen Seiten in
das Innere von China vor. Dies alles geschah in den ersten drei Stunden
nach der Kriegserklärung. Gleichzeitig wurden zunächst alle
Vakuumluftschiffe in Deutschland, Frankreich, England aus dem Verkehr
genommen und auf dem kürzesten Wege zu den Luftschiffhäfen an den
Grenzen des Reiches der Mitte gesandt. Auch allen Vakuumluftschiffen,
die zwischen Berlin und Ostasien oder zwischen Berlin und Kalkutta
verkehrten, wurde durch drahtlose Telegraphie die Anweisung gegeben,
sofort in dem nächsten Luftschiffhafen die Passagiere wie die Waren auf
Aluminiumluftschiffe oder Drachenflieger zu verladen und selbst
unverzüglich nach bestimmt angegebenen Luftschiffhäfen an der
chinesischen Grenze zu fahren. Innerhalb 24 Stunden waren nicht weniger
als 1000 Vakuumluftschiffe längs der chinesischen Grenze zum Ersatz und
zur Verstärkung der schon vorhandenen Vakuumluftflotte zusammengezogen.
Innerhalb drei Tagen waren insgesamt 12000 Vakuumluftschiffe auf dem
Kriegsschauplatz.

Der größte Unterschied, abgesehen von der Motorluftschiffahrt selbst,
zwischen der heutigen Kriegführung und der Kriegführung im Jahre 2009
ist vielleicht darin zu finden, daß der Krieg nicht an den Grenzen des
feindlichen Landes beginnt, sondern sofort tief in das Innere
hineingetragen wird.

Sobald die Gesandtschaften Peking verlassen haben würden, sollte das
Bombardement Pekings und insbesondere der militärischen Gebäude sowie
des Kaiserpalastes beginnen. Von Hongkong, Anam und Wladiwostok waren
sofort nach der Kriegserklärung insgesamt 20 Aluminiumluftschiffe nach
dem Gesandtschaftsviertel in Peking beordert, um das ordnungsmäßige
Aufsteigen der Gesandtschaften in ihren Aluminiumluftschiffen sicher zu
stellen und diese Luftfahrzeuge gegen die Angriffe der chinesischen
Luftflotte zu beschützen.

Die Luftmacht des chinesischen Reiches bestand aus etwa 300
Aluminiumluftschiffen und 600 Ballonetluftschiffen. Die chinesische
Regierung besaß im Jahre 2009 noch nicht ein einziges Vakuumluftschiff.
Der geringe Umfang der chinesischen Luftflotte hatte seinen Grund in der
Ausdehnung der europäischen Verkehrsluftlinien über das ganze
chinesische Reich. Gerade um zu einer großen, selbständigen Luftmacht
für den Kriegsfall zu gelangen, wollten China und Japan das unbequeme
Joch der europäischen Verkehrsluftlinien von sich abschütteln.

Ganz ausgezeichnet war aber die japanische Luftflotte. Sie hatte einen
großen Rückhalt an den japanischen Luftlinien, die von Tokio bis
Wladiwostok, Peking und selbst bis Schanghai reichten. Japaner pflegten
nach Rußland wie China aus Patriotismus regelmäßig nur auf japanischen
Luftschiffen zu fahren. Den inneren Verkehr Japans haben von Anfang an
nur japanische Luftlinien versorgt. Natürlich war die japanische
Luftmacht noch nicht ein Viertel so groß wie die englische und noch
nicht einmal ein Zehntel so groß wie die deutsche. Auch qualitativ stand
sie nicht unerheblich hinter der deutschen zurück. Ein welterfahrenes,
mit den Eigentümlichkeiten aller Länder vertrautes Luftschifferkorps
kann eine Kriegsmacht nur auf Grund internationaler Verkehrsluftlinien
heranbilden.

Die japanische Luftmacht war wenig größer als die chinesische, aber
qualitativ besser. Zusammen bildeten die Luftflotten Chinas und Japans
eine recht ansehnliche Macht, die einer einzelnen weit vorgeschobenen
Luftflotte der vereinigten europäischen Kriegsmächte leicht gefährlich
werden konnte.

Es ist für unsere Zeitgenossen wirklich nicht leicht, sich eine Schlacht
im Jahre 2009 auszumalen. Das Wesen einer jeden Schlacht zu Lande wie zu
Wasser besteht in dem Luftangriff. Nur wer das Zeppelinsche
Aluminiumluftschiff in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1908 oder den
Parsevalschen Motorballon am 23. Oktober 1908 in einer Höhe von 1500
Metern jenseits der Wolken hervorschießen und sich hinter den Wolken
wieder verbergen sah, wird einen Begriff von dem Wesen des künftigen
Schlachtgetümmels haben.

Ein Sieg rein auf dem Lande oder rein auf dem Wasser in Abwesenheit der
Luftflotten ist ohne jeden strategischen Wert. Nur durch eine seltene
Verkettung von Zufällen könnte sich ein reiner Landsieg ohne Luftsieg
denken lassen. Was würde es einer Armee von sechs Armeekorps nützen,
wenn sie in einer gewaltigen Feldschlacht eine andere vielleicht gleich
starke Armee zurückgeschlagen hätte und nun plötzlich in das Feuer einer
Luftmacht von 3000 Motorluftfahrzeugen käme? Es ist nichts leichter, als
mit Truppen gefüllte Ortschaften oder Biwaks aus der Luft vollständig zu
zerstören oder marschierende Kolonnen auf der Landstraße zu beschießen.
Wenn eine Luftflotte auf der Landstraße marschierende Truppen
überraschen will, so fahren die Luftschiffe zu Vieren nebeneinander und
vielleicht in hundert Reihen oder Gliedern hintereinander. Wenn ein auf
der Landstraße marschierendes Infanterieregiment plötzlich bei bewölktem
Himmel von einer Luftflotte von 400 Luftschiffen, die sich
hintereinander über das marschierende Regiment begeben, beschossen wird,
so ist das Regiment vernichtet. Innerhalb einer Stunde kann aber
dieselbe Luftflotte eine Reihe von Regimentern vernichten, solange eben
der Vorrat an Dynamittorpedos reicht.

Ein einziges Vakuumluftschiff normaler Größe trägt neben der Besatzung
von etwa 500 Mann auf kürzere Entfernungen 950 schwere Dynamittorpedos à
75 kg oder 4750 leichte Dynamittorpedos à 15 kg. Welches Bataillon
könnte wohl einen Hagel von 4750 Dynamittorpedos aushalten? Wenn nun
aber 20 solcher Vakuumluftschiffe hintereinander fahren, so können sie
aus der sicheren Höhe von 1500 Metern die marschierende Infanterie
einfach wegrasieren. Breite Streuapparate, die sechsmal so breit sind
als eine Landstraße, lassen gleichzeitig die Dynamittorpedos fallen, so
daß ein Zielen nicht nötig und ein Nichttreffen ausgeschlossen ist. Der
Transport ganzer Armeekorps und Armeen auf den Hauptstraßen eines Landes
ist in der Nähe feindlicher Luftschiffe überhaupt nicht mehr möglich.

Wenn die Fachleute der Aeronautik und die Generalstäbe im Jahre 1908
noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen waren, so liegt dies lediglich,
daran, daß sie immer nur an ein Exemplar oder höchstens drei Exemplare
des Zeppelinschen Aluminiumluftschiffes denken. Mit der Möglichkeit, daß
man 1000 oder gar 10000 Motorluftschiffe verschiedener Art herstellen
könne, haben sie überhaupt nicht gerechnet. Die deutsche Nation allein
hatte im Jahre 1909 ein Nationalvermögen von etwa 225 Milliarden Mark
und im Jahre 2009 ein Nationalvermögen von 450 Milliarden Mark, welches
zum großen Teil in Afrika und Vorderasien angelegt wird. Nach einer
genauen Aufstellung aus dem Jahre 2009 sind etwa 10 Milliarden Mark des
deutschen Nationalvermögens in Motorluftfahrzeugen und Luftschiffhäfen
angelegt. Unter diesen Umständen ist die ausschlaggebende Rolle der
Luftflotten im Kriege nicht zu verwundern.

In dem Weltkriege des Jahres 2009 haben die Kriegsflotten der
europäischen Mächte nur insoweit eine Rolle gespielt, als sie bereits im
Beginn des Krieges in den ostasiatischen Gewässern zusammengezogen
waren. Ihre Hauptrolle haben sie aber nicht als Seeschiffe gespielt,
sondern gewissermaßen als Flösse oder Stationen zum Absenden von
Motorluftfahrzeugen gegen das feindliche Land.

Gleich bei Beginn des Krieges in den ersten 24 Stunden ließen die
Spezialschiffe für Motorballons und Drachenflieger der vereinigten
europäischen Luftflotten 100 Drachenflieger und 50 Motorballons in der
Nähe von Tonking aufsteigen. Diese vom Meere kommende Luftflotte
vereinigte sich über Peking mit den ersten von der Landseite
eingetroffenen Luftflotten und griff die chinesische Luftflotte direkt
über der Hauptstadt an. Wenn die europäischen Luftschiffe nicht
wiederholt während des ersten Tages nach der Kriegserklärung zur neuen
Aufnahme von Munition nach den vor Taku liegenden Spezialschiffen
zurückkehren konnten, so würden sie sich total verausgabt haben. Der
stete Ersatz der Munition an Dynamittorpedos, sowie des Benzins
ermöglichte aber die Niederkämpfung des bei Peking zusammengezogenen
Hauptteils der chinesischen Luftmacht an einem Tage.

Die lange Dauer des Krieges von vier vollen Monaten beruht nur in dem
Widerstande der japanischen Luftmacht und in der Größe des chinesischen
Reiches, wo fast jede einzelne Stadt bis zur Zahlung von staatlichen
Kontributionen und Bestrafung der schuldigen Beamten bombardiert wurde.

Erst im Jahre 2009 ist die gelbe Rasse zu der Erkenntnis gekommen, daß
infolge der aeronautischen Ueberlegenheit der weißen Rasse jeder
Widerstand künftig vergeblich sei. Die Marine, die Infanterie und
Artillerie verloren seitdem mehr und mehr ihre Bedeutung für den Krieg,
nachdem die Kavallerie schon um das Jahr 1950 fast ganz verschwunden
war. Im Jahre 2009 genügte es, ein guter Aeronaut zu sein, um als ein
tüchtiger Soldat mit Erfolg kämpfen zu können. Die Kinder in Deutschland
wie in China verwechselten bereits vollständig den Begriff des Soldaten
mit dem des Luftschiffers. Meist begriffen sie nicht, daß nicht jeder
Soldat ein Luftschiffer sei. Und in der Tat, die Zahl der reinen
Infanteristen und Artilleristen war schon enorm zusammengeschrumpft. Die
Menge der Infanteristen und Artilleristen ging auf Drachenfliegern in
das Gefecht. Das Rückgrat der ganzen Kriegsmacht Deutschlands aber
bildete die Mannschaft der Vakuumluftschiffe.



                         Bertha von Suttner.
                      Der Frieden in 100 Jahren.


                      Der Frieden in 100 Jahren.
                       Von Bertha von Suttner.

In der »Sorbonne von Europa« war für den 1. März 2009 ein Vortrag des
berühmten brasilianischen Geschichtsprofessors, Dr. Pedro Diaz,
angesagt. Allwöchentlich las an dieser Universität ein Gelehrter aus
einer anderen Metropole des Globus. Nicht nur die Vortragenden, auch die
Zuhörer rekrutierten sich aus allen Weltgegenden. Wie man hundert Jahre
früher von allen Ländern zu den Bayreuther Festspielen pilgerte, so kam
man jetzt aus den übrigen Kontinenten nach der auf einem Schweizer
Hochplateau als Prachtbau errichteten Sorbonnen geflogen, um den
Zelebritäten zu lauschen, die dort dozierten.

Das für jenen 1. März angesetzte Thema hieß:

»_Die moderne Friedensherrschaft und ihre historische Entwicklung_.«

Wie das die Geschichtsprofessoren stets zu tun pflegen, so holte auch
Pedro Diaz bei der entrücktesten Vorzeit aus und es dauerte etwa
anderthalb Stunden, ehe er von den Pfahlbauern bis zum zwanzigsten
Jahrhundert vorgedrungen war. Beim Jahre 1908 angelangt, sagte er:

»Dies ist das denkwürdige Jahr, in welchem die Menschheit den Luftozean
erobert hat; damit hebt eine neue Epoche -- unsere Epoche -- an, und da
wollen wir in unserem Rückblick ein paar Minuten aussetzen.«

Nach kurzer Erholungspause fuhr der Professor also fort: »Der
Rüstungswahnsinn war um diese Zeit schon zum Paroxismus gestiegen. Jedes
Land war ein bewaffnetes Lager; was immer der menschliche Genius auf
technischem Gebiete erfand, wurde in den Dienst der Massentötung
gestellt; die Lasten der Heeres- und Flottenbudgets und der daraus
entspringenden Steuern- und Schuldenerhöhungen waren so drückend
geworden, daß man schon an der Grenze des Unerträglichen stand, und doch
war die Losung immer nur: Weiterrüsten. Die Erde war mit Festungen
gespickt, mit Minen untergraben, die Meere auf und unter den Wogen mit
Todesfahrzeugen gefüllt, und kaum waren die ersten Versuche, sich der
Luft zu bemächtigen, gelungen, als sich schon die Heeresleitungen
anschickten, auch dieses Element mit Sprengstoff-Schleuderern zu
bevölkern. Wirklich ein hoffnungsreicher Zustand unserer lieben
Gotteserde! Diese ist zwar auch nicht immer menschenfreundlich; das
bewies sie wieder in jenem Jahre 1908, wo sie mit einem ungeduldigen
Ruck einen ganzen Landstrich und dessen 200000 Einwohner vernichtete;
aber diese Katastrophe war doch nur ein Spiel gegen jene, welche die
zivilisierte Menschheit sich selber vorzubereiten eifrig bestrebt war.

Wenn man, von unserer Zeitdistanz aus, das bis an die Zähne bewaffnete
und nach »immer mehr, immer mehr Waffen« rufende Europa ins Auge faßt,
so muß dem Unwissenden scheinen, als wäre damals von der
Friedensherrschaft, deren wir uns heute erfreuen, noch kein Schimmer am
Horizont aufgegangen, und als ob eine gewaltige und plötzliche
Revolution -- etwa die der Lufteroberung -- nötig gewesen sei, um so
gänzlich veränderte Zustände herbeizuführen. Das ist aber nicht der
Fall. Dem gewissenhaften Historiker offenbart sich die Erkenntnis, daß
damals unsere heutige kriegslose Weltordnung schon in Bildung begriffen
war, daß alle ihre moralischen und materiellen Voraussetzungen bereits
gegeben waren, von vielen erkannt, von der Masse unbemerkt; und daß
tausend Kräfte -- selbst die scheinbar in der entgegengesetzten Richtung
tätigen -- sich in der Entwicklungslinie bewegten, die zur modernen
Friedensherrschaft geführt hat.

Es gab ja damals auch schon, wie ich in meinen früheren Ausführungen
erwähnte, eine direkte Friedensbewegung, die sichtbare und wirksame
Ergebnisse gezeitigt hatte: das Zarenreskript, die Union, die
zahlreichen Schiedsgerichtsverträge, die Friedensvereine und -Kongresse,
eine ganze pazifistische Literatur, eine pan-amerikanische Konvention,
ein von Andrew Carnegie gestiftetes Friedens-Palais im Haag usw.; aber
diese Erscheinungen wurden vielfach ignoriert und gering geschätzt. Sie
hatten ihr Endziel nicht erreicht, neben ihnen wuchsen und gediehen die
militärischen Einrichtungen, stiegen Kriegsgefahren auf, kamen auch
Kriege zum Ausbruch -- also hatte man leichtes Spiel, sie als leere
Träume zu behandeln. Aber die Kräfte, die ich meine, die unsichtbaren,
die indirekten, die arbeiteten unablässig an der Organisierung der Welt,
d. h. an ihrem Zusammenschluß und an Ihrem Aufstieg zu einer höheren
Kulturstufe. Immer enger knüpfte sich das Netz der Internationalen
Interessen. Die Mächte schlossen Ententen, um die zwischen Ihnen
schwebenden Streitfragen aus der Welt zu schaffen; solche
Freundschaftsbündnisse, mit der Spitze gegen niemand -- dehnten sich von
einem Land zum anderen und von einem Kontinent zum anderen:
Frankreich--England; Deutschland--Amerika; Amerika--Japan; und besonders
was Europa betrifft, so wuchs aus all den verschiedenen
Freundschaftsbündnissen langsam ein verbündetes Europa heraus. Noch hieß
es nicht so, aber gebärdete sich schon als solches. In moralischer
Hinsicht: bei dem Unglück in Sizilien schlug _ein_ europäisches Herz in
Mitgefühl und diktierte vereinte Hilfsaktion; in politischer Hinsicht:
bei all den Balkan-Kriegsgefahren arbeiteten die Mächte mit Eifer daran,
den Krieg abzuwehren; der Fall von Casablanca wurde dem Haager
Schiedsgericht zugewiesen; über die Marokko-Frage schlossen die
langjährigen Gegner, Frankreich und Deutschland, ein Abkommen. Der
Widerwille vor den Massenschlächtereien, der Respekt vor dem
Friedensideal nahmen zu. Die mächtigsten Kriegsherren rechneten es sich
zur Ehre, als Friedensfürst gepriesen zu werden, -- kurz, der Uebergang
von der Gewaltepoche zur Rechtsepoche hat sich schon vor hundert Jahren
deutlich vollzogen und hätte -- auch ohne Eroberung der Luft -- zu
unserem heutigen Zustande geführt.«

Der Professor blickte auf seine Uhr. »Wir haben nicht mehr Zeit, die
Ereignisse des letzten Jahrhunderts, sofern sie sich auf unser Thema
beziehen, Revue passieren zu lassen; ich will nur die Grundlagen und
Prinzipien erörtern, auf welchen die gegenwärtige Friedensherrschaft
ruht.

Leider kann ich nicht, indem ich von unserem Zeitalter spreche, es als
ein goldenes schildern. Wir schreiben 2009 -- sind also noch dem
mittelalterlichen Barbarentum bedenklich nahe. Die Menschheit ist --
wenn man bedenkt, daß noch hunderttausend, vielleicht millionen Jahre
vor ihr liegen -- noch immer in ihrer Kindheit; jedenfalls hat sie noch
mehr von der Tierähnlichkeit, die ihrem Ursprung entspricht, als von der
Gottähnlichkeit an sich, die ihr Ziel ist. Erwägt man, daß vor hundert
Jahren der Mensch noch des Menschen Wolf war, daß ihm von nirgend her
mehr Gefahren des Zerrissen- und Zerfleischtwerdens drohten als von
seinem eigenen Geschlecht, dazu das tiefe Elend und die krasse
Unwissenheit von neun Zehnteln ihrer Masse, so kann man nicht verlangen,
daß sie nach so kurzer Frist auf dem Gipfel der Zivilisation angelangt
sei, und daß jenes Maß von Kultur, das sie besitzt, schon in alle Winkel
und alle Niederungen hätte dringen können. Nein, wir haben noch gegen
vieles Leid und viele Gefahren zu kämpfen, und hinterlassen auch noch
unseren Kindern ein großes Kampfeserbe.

Immerhin, gegen unsere Vorfahren, die vor hundert Jahren lebten, sind
wir glücklich zu preisen. Vor allem haben wir, was sie gar nicht
kannten, wofür sie nur einen Namen, aber niemals das Wesen hatten -- wir
haben den Frieden. Was bei ihnen so hieß, waren die Pausen zwischen den
Kriegen; zu seiner Sicherheit hatte man nichts Besseres erfunden als die
durch Drohung eingeflößte Furcht; der Krieg war -- akut oder latent --
der herrschende Zustand; von dem Kriege der Zukunft wurde täglich als
von etwas Selbstverständlichem gesprochen und gedruckt. Den »ewigen
Frieden« haben wir ja heute auch noch nicht, denn immer noch können
Ueberfälle minder vorgeschrittener Völkerschaften gewärtigt werden, aber
dann erscheint dies als etwas Außerlegales, als ein von seiten des
Angreifers verübtes Verbrechen. Wir besitzen immer noch zu Lande, zur
See und zur Luft disziplinierte bewaffnete Heere, Schutztruppen im
höchsten Sinne des Wortes, weil sie -- wie die Gendarmerie und Polizei
unserer Vorfahren, niemals zu Offensiv- und Eroberungs-, Haß- und
Rachezwecken dienen, sondern zur Aufrechterhaltung der Ruhe und der
Gesetze im Innern, zur Hilfeleistung und Rettung überall dort, wo ein
Volk in Not ist. Durch diese hehre Sendung wird unserem Militärstande
noch immer, wie einst, der Rang des »ersten Standes« zuerkannt.

Auf welchen Grundlagen ruht unser Friedensregime?

Einmal auf der einfachen Unmöglichkeit, Kriege zu führen. Wir sind im
Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, daß jeder von zwei
Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre. Wenn man mit einem
Druck auf einen Knopf, auf jede beliebige Distanz hin, jede beliebige
Menschen- oder Häusermasse pulverisieren kann, so weiß ich nicht, nach
welchen taktischen und strategischen Regeln man mit solchen Mitteln noch
ein Völkerduell austragen könnte.

Einmal entschuldigte sich ein Bürgermeister beim Empfang seines
Landesherrn, daß er keine Kanonenschüsse abfeuern ließ. »Ich hätte
siebzehn Gründe,« sagte er, »erstens besitzen wir keine Kanonen -- --«
»Dann erlasse ich Ihnen die sechzehn übrigen Gründe,« unterbrach der
Landesherr.

Ebenso könnten Sie mir sagen, es sei überflüssig, noch andere Grundlagen
für den Bestand des Friedens anzugeben, wenn schon die Unmöglichkeit des
Krieges erwiesen ist. Aber ich will den Schein nicht aufkommen lassen,
als ob wir bloß darum nicht mehr Krieg führten, weil wir nicht mehr
können. Unser Verzicht auf das Recht gegenseitigen Todschlags hat höhere
Motive und sicherere Garantien:

Alle Interessen der kultivierten Menschheit sind als solidarisch erkannt
worden. Jahrtausende lang hat man seine Ansichten und seine Taten auf
das Recht des Stärkeren gegründet und sich dabei -- als man
Naturwissenschaft studiert hatte -- auf den »Kampf ums Dasein« berufen,
und alle Entwicklung durch das Auffressen der Kleinen durch die Großen
erklärt. Erst später ist man zu der Erkenntnis gekommen -- und unter
diesem Einfluß leben wir heute -- daß der eigentliche Faktor in Natur
und Gesellschaft, der zu höheren Formen führt, _die gegenseitige Hilfe
ist_.

Zu den Grundlagen unseres Friedens gehören auch die Religionen. Das
Christentum hat sich auf seinen tiefsten Sinn besonnen; das Judentum
erinnert sich des mosaischen Gebotes »Du sollst nicht töten«; der
Buddhismus folgt seinem, die ganze Schöpfung umfassenden, liebevollen
^tat wam asi^; die Anhänger des Confuzius haben seither den Krieg
verachtet, und die Bekenner der kosmischen Religion, d. i. jener
Religion, die aus allen übrigen Glaubenslehren nur die Ahnung des
Göttlichen in die Offenbarungen der Wissenschaft hinübergerettet hat,
die verabscheuen den Krieg als die Negation des Gottes in ihrer Brust.

Vor hundert Jahren haben die an Wunder grenzenden Errungenschaften der
Technik, des Verkehrs, der gemeisterten Naturkräfte ganz neue
Lebensbedingungen geschaffen, aber die moralische Wandlung hielt mit der
physischen nicht gleichen Schritt. Man hielt trotz der verwandelten
Umstände die alten Zustände, die alten Denkweisen eine Zeitlang fest.
Man war mit einem Worte dem Milieu nicht angepaßt. Aber was nicht
sterben will, muß sich anpassen, und da kam nun für die Menschheit eine
Epoche, wo sie auf dem Gebiete der geistigen und moralischen Kräfte
ebensoviel Neues und Umwälzendes schuf, wie ihr dies auf dem physischen
Gebiete gelungen war. Seelenkräfte, die früher zwar auch schon vorhanden
waren, wie die Naturkräfte auch, wurden sozusagen erst entdeckt, oder
vielmehr -- sie wurden nutzbar gemacht, in den Dienst der Lebensführung
gestellt, in die Regeln des politischen Verkehrs eingefügt, aus dem sie
bisher verbannt waren, z. B. _die Güte, die Ehrlichkeit, das Vertrauen_.
Damit ward eine andere Atmosphäre geschaffen, in der wir heute atmen und
in der der Krieg -- dessen Luft aus Haß- und Verdachtsstoff besteht --
einfach ersticken mußte.

Was aber unserem Friedensregime die sicherste, gegen Rückfälle und
Zufälle gefeite Basis verleiht, ist dies: Wir wissen, daß es nichts
Starres, nichts Ewiggleichbleibendes gibt. Unsere Vorfahren wußten das
zwar auch, aber sie bauten darum nicht minder ihre Staaten und ihre
staatlichen Einrichtungen auf der Voraussetzung auf, daß an ihren
Grenzen nicht gerückt, an ihren Institutionen nicht einmal gemäkelt
werden dürfe. Hier führten sie unbeugsame Starrheit ein. Da aber Grenzen
sich auch verschieben, Regierungsformen sich auch verändern müssen, so
blieb dieser, Notwendigkeit keine andere Möglichkeit sich durchzusetzen,
als die Anwendung der Gewalt. Und so stellten sich immer zur rechten
Zeit Kriege und Revolutionen ein. Wir hingegen lassen das _Prinzip der
Elastizität_ walten. Wir wissen, Bevölkerungen nehmen ab oder nehmen zu
und müssen sich im letzteren Fall über die Grenzen ergießen; wir wissen,
Nationen und Rassen entstehen und vergehen; wir wissen, es finden neue
Zusammenschlüsse und neue Trennungen statt; wir wissen, die Bedürfnisse
nach Verwaltungsformen wechseln und streben überhaupt immer größerer
Freiheit zu, und unser Leben hat sich dieser Naturnotwendigkeit
angepaßt; wir widersetzen uns ihr nicht -- und auch damit ist die
häufige Ursache für Krieg und Bürgerkrieg behoben. Die durch den
Luftverkehr aufgezwungene Handelsfreiheit -- denn wo wollte man da oben
Zollschranken anbringen -- hat die Zollkriege aus der Welt geschafft --
überall findet jede Handelsmacht die »offene Tür« -- kurz, für
Wettkämpfe auf industriellem und geistigem Gebiet liegt vor uns die Welt
noch offen -- für Waffenkämpfe ist sie verschlossen.

Von den beim Anbruch der krieglosen Zeit freigewordenen, materiellen
Reichtümern und geistigen Kräften, welche jetzt, statt für
Vernichtungszwecke, im Sinne der »gegenseitigen Hilfe« verwendet werden
und ungeahnten Wohlstand und Hochstand verbreitet haben, will ich nicht
reden, sondern als unsern herrlichsten Gewinn hervorheben, daß wir, über
alle Längen- und Breitengrade hinaus, unsere Mitmenschen lieben und
achten dürfen, daß nicht mehr den Grenznachbarn gegenüber Mißtrauen und
Mißgunst, Bosheit und Gehässigkeit unsere Seelen trüben. Daß wir nicht
mehr, wie einst die Verteidiger der Kriegsinstitution es taten, deren
Ewigkeit durch die Ewigkeit unserer bösen Instinkte beweisen müssen,
sondern daß wir mit dem Philosophen, von dem ich Ihnen als einem der
Vorkämpfer und Vordenker des Friedens erzählen konnte -- mit Immanuel
Kant sagen dürfen: »Der Mensch kann nie zu hoch vom Menschen denken«.



                      Frederick Walworth Brown.
                     Die Schlacht von Lowestoft.


                     Die Schlacht von Lowestoft.
                    Von Frederick Walworth Brown.

Schlacht? Nein, es ist keine Schlacht, die ich schildern will. Es ist
etwas anderes. Es ist die Vernichtung einer Flotte und deren
Konsequenzen. Es ist . . . doch _was_ es ist, werden die Leser ja sehen,
und sie werden Schlußfolgerungen selber zu ziehen vermögen. Die
Schlußfolgerungen, die sich ganz von selber ergeben und die darin
gipfeln, daß ein Krieg der Zukunft schon deshalb unmöglich sein wird,
weil er entschieden sein dürfte, noch ehe er beginnt. Ob allerdings
meine Schilderungen erst _in hundert Jahren_ zutreffen wird oder nicht
schon viel, viel früher, das will ich nicht direkt entscheiden. Mir
kommt es vor, als wäre es eine Sache von Morgen, dem unser Heute mit
Riesenschritten entgegengeht.

                   *       *       *       *       *

Als die Tür aufging, sah der Admiral der Luftflotte auf. »Ah, Sie sinds,
Hellborn!« fragte er den vor seinem obersten Vorgesetzten
strammstehenden jungen Offizier. »Bitte, setzen Sie sich.«

Einen Augenblick lang suchte der Admiral in einigen Akten herum, dann
sah er plötzlich wieder auf den jungen Offizier hin, und es war, als
wolle er mit seinem Blicke förmlich das Innerste dieses Mannes
durchdringen. _Der_ aber hielt den Blick mit der unbefangensten Miene
von der Welt aus. »Hellborn,« sagte der Admiral, »ich habe Sie für eine
Aufgabe ausersehen, die Sie mit Stolz erfüllen dürfte; Sie wissen wohl,
daß uns der Krieg droht und zwar ein Krieg, der dem Lande ganz ungeheure
Opfer auferlegen würde, und dessen Ausgang zum mindesten sehr
zweifelhaft ist. Es gilt nun, und ich verlasse mich auf Sie, daß Sie mit
niemandem davon sprechen, diesen Krieg unmöglich zu machen.« »Wie?« rief
der junge Offizier, als hätte er nicht recht gehört. »Das kann doch Ihr
Ernst nicht sein, Exzellenz? Wir brennen doch gerade darauf, endlich zu
zeigen, was wir vermögen; welch eine mächtige, allen überlegene Waffe
wir sind, und wollen doch endlich der Seeflotte den Beweis auch
erbringen, daß _sie_ das Spielzeug ist, nicht aber _wir_, die wir noch
immer dafür gehalten werden.« »Das sollen Sie ja auch, lieber Hellborn,«
sagte der Admiral, »und darum rief ich Sie her. Der »Albatros« ist ja
flugfertig, machen Sie sich bereit, heute mit Anbruch der Nacht, sagen
wir um 1/2 9, loszufahren, und richten Sie sich auf eine Fahrt von 6 bis
8 Tagen ein.« »Und wohin soll es gehen?« »Das kann und darf ich Ihnen
nicht sagen. Sie erhalten an Bord des »Albatros« Ihre versiegelten
Ordres. So, und jetzt gehen Sie, und Glück auf die Fahrt. _Viel_ Glück,
denn vergessen Sie nicht, daß in Ihre Hand Krieg und Frieden, in Ihre
Hand die ganze Zukunft des Landes gegeben ist.«

                   *       *       *       *       *

Leutnant Hellborn war mit der Aufgabe, die seiner harrte, nicht sehr
zufrieden. Es wollte ihm nicht recht in den Sinn, daß er, der sich auf
den Krieg gefreut hatte, wie sich nur ein Mensch zu freuen vermag, der
Soldat in jedem seiner Muskeln, jedem seiner Nerven ist, daß er nun --
den Friedensvermittler spielen sollte. Wie, das wußte er ja selbst
nicht, aber die Aufgabe paßte ihm nicht. Absolut nicht. Und nun kam ihm
noch Leutnant Ester von der Seeflotte in den Weg. »Na, schon gehört?
endlich scheint's loszugehen. Freu' mich schon riesig. 's ist wieder mal
Zeit, daß wir die Glieder recken. Na, sollst einmal sehen, wie wir die
Kerls zusammenschießen. Ihr fliegt wohl auch aus. Ja, ich hörte sogar,
wie Admiral Willems von Euch sprach. Ihr sollt ihm den Aufklärungsdienst
leisten.« »So? weiter nichts?« sagte Hellborn, der über die
nebensächliche Rolle, die man der Luftschiff-Flotte wieder zuweisen
wollte, empört war. »Na, wenn Ihr Euch nur nicht irrt.«

»Wieso irrt? Was anderes könnt Ihr ja doch nicht machen, und nehmt Euch
mal vor den Zenithkanonen in acht. _Eine_ Kugel daraus und Ihr habt
genug . . .« »Nur keine Angst um uns. Sieh' Du Dich lieber vor den
Lenktorpedos und den Unterseebooten vor. Adieu.«

Und in keineswegs gehobener Stimmung setzte er seinen Weg zur
Luftschiffstation fort. Es war sieben Uhr, als er beim »Albatros«
anlangte. Der kommandierende Offizier war von der Mission Hellborns
schon verständigt. »Was ist denn los?« fragte er diesen.

»Weiß nicht. Hab' keine Ahnung. Ich erwarte meine Orders erst hier.«

»Ist der Krieg schon erklärt?« »Ich glaube nein.« »Und wann macht Ihr
klar?« »In anderthalb Stunden.«

Hellborn machte sich sofort daran, »sein« Schiff zu inspizieren. Es war
das erste Mal, daß er ein selbständiges Kommando führte, und er fühlte
einen berechtigten Stolz darüber, daß der Admiral gerade _ihn_ dazu
ausersehen hatte, das Schiff zu führen. Uebrigens wuchs seine
Bewunderung für seinen Chef mit jedem Schritte, den er auf dem
Luftkreuzer machte, denn das sah er sofort, daß die Expedition, die er
heute so plötzlich unternehmen mußte, von langer Hand vorbereitet war,
und daß sie einen sehr, aber sehr ernsten Zweck hatte. -- In weniger als
einer Stunde war die Inspektion beendet und Hellborn hatte sich
überzeugt, daß nichts fehlte, und alles, jedes kleinste
Maschinenteilchen, tadellos funktionierte. Fünf Minuten vor halb neun
kündigte er dem Admiral auf drahtlosem Wege seine Abfahrt an, dann
befahl er seinem Operator, den Apparat auszuschalten, »denn ich will
keine Befehle und keine Contreorders erhalten«. Fünfzehn Minuten später
begannen die Motore die Arbeit, durch den Schiffsleib ging erst ein
leises, bebendes Zittern, dann schoß der »Albatros«, gleich als suche er
seinen Namen Ehre zu machen, empor in die Luft, in das Reich, in welchem
er herrschte. An Bord befanden sich außer Hellborn noch zwei andere
Offiziere, Leutnant Schmidt, Leutnant Ester und zehn Mann. Geschützt war
der Kreuzer durch doppelte Stahl- und Kautschuckpanzerplatten, während
seine fünfzig Falltorpedos eine furchtbare Angriffswaffe waren, deren
Explosion wohl zweifellos nichts stand zu halten vermochte. Das
Luftschiff, auf dessen Leibe alle Lichter gelöscht waren, durchschnitt
die Luft mit einer Geschwindigkeit von 92 Kilometern und hatte Kurs NNO.
genommen. Leutnant Hellborn aber zog sich in seine Kabine zurück und
öffnete -- -- seine versiegelten Orders. Was er las, war folgendes: »Der
Krieg ist heute abend 9 Uhr erklärt worden. Es gilt, die feindliche
Flotte, die sich in Lowestoft konzentriert hat, noch in der Nacht zu
erreichen, sie zu überrumpeln und kampfunfähig zu machen. In Lowestoft
liegen feindliche Schlachtschiffe vor Anker. Sie müssen zerstört sein,
ehe sie morgen bei Tagesanbruch klar zur Fahrt machen können. Bei
gehöriger Ausnützung der Munition kann das unschwer erreicht werden.« --
Ein kleiner Aerostat zeigt siebzehn Schlachtschiffe! Wahrhaftig, das war
ein Befehl, der seines Gleichen nicht kannte. Während aber Hellborn ihn
wieder und wieder las, erhellte sich sein Gesicht immer mehr in
strahlender Freude. Herrlich! herrlich! O, wenn ihm das gelang! Nie,
nie, würde er's dem Admiral vergessen, daß er ihn, gerade ihn zu diesem
Heldenstück ausersehen. Denn ein Heldenstück war es, selbst wenn es ihm
gelang, ungesehen an die nichtsahnende feindliche Flotte heranzukommen.
Eine Stunde lang saß er über seinen Karten, dann suchte er den
Maschinenraum auf. »Nun, wieviel machen wir?« fragte er.
»Zweiundneunzig, aber wir könnten gern unsere dreißig mehr machen.«
»Dann vorwärts mit ganzer Kraft. Der Kurz bleibt NNO.« Bis dahin hatte
Hellborn in der ruhigen, gemessenen Sprache des Kommandanten gesprochen.
Jetzt aber packte er Schmidt plötzlich an beiden Schultern und »weißt
Du, Junge, wo's hingeht? Weißt Du, Fritz, was der alte Herr uns für eine
Aufgabe gegeben? Paß einmal auf. In Lowestoft die Flotte in Grund
bohren, weiter nichts.« »Donnerwetter, ist das wahr? und wie viele
sinds?« »Siebzehn.« »Und wir ganz allein, wir sollen . . .?« »Jawohl,
mein Junge, wir ganz allein.« »Hurra, hurra!« rief der Leutnant. »Das
ist mal was! Da werden die Seehasen Augen machen. Ich allein nehm die
siebzehn auf mich. Wie viel Treffer hatten wir immer beim Schulschießen?
Sieben von zehn, was? Da bohren wir mit unseren Torpedos nicht siebzehn,
sondern zwei mal siebzehn in Grund.« »Ganz recht. Und nun wollen wir's
ihnen mal zeigen, wer mehr wert ist, _ein_ Luftschiff oder 'ne ganze
Flotte ihrer modernen Schlachtschiffe, die man so bequem treffen kann.«
Natürlich wurde auch Leutnant Ester und die Mannschaft über Zweck und
Ziel der Fahrt aufgeklärt und die Nachricht erregte allgemeinen Jubel.
»Wir schaffens! Wir schaffens!« Darüber waren sich alle klar. Und
Hellborn stand und rechnete. Wenn's in _dieser_ Geschwindigkeit weiter
ging, dann konnte Lowestoft zwischen der zweiten und dritten
Morgenstunde erreicht werden, zu einer Zeit also, wo noch die absolute
Dunkelheit herrschte, da der Admiral wohlweislich eine Neumondnacht zu
der Ausführung seines genialen Planes gewählt hatte.

Der »Albatros« machte jetzt nämlich, auf die höchste Geschwindigkeit
gebracht, 118 Knoten in der Stunde, und mit jeder Minute wuchs die
Erregung der kleinen Bemannung, denn jede brachte sie ja dem Ziel, der
Entscheidung entgegen. Und nun . . . nun schimmerten unten, tief, tief
unter ihnen, Lichter. Das war Lowestoft. Dort blitzte ein besonders
helles Licht auf, das in regelmäßigen Zwischenräumen kam und verschwand.
Das war das gelbe Licht des Leuchtturms von Lowestoft, und vor diesem
lagen kleine Lichtpünktchen, die Signallichter der vor Anker liegenden
Flotte. Hellborn legte einen Augenblick lang die Hand aufs Herz, als
wolle er dessen Pochen eindämmen; dann atmete er hoch auf und stellte
den Indikator auf 1000 Fuß. Sofort senkte das Luftschiff sich auf diese
Höhe. Die Motore waren abgestellt, damit ihr surrendes Geräusch unten um
Gotteswillen nicht gehört werde, und der »Albatros« glitt nun lautlos
durch die Luft und hing über den unten verankerten Schiffen. Diese lagen
in weitem Halbkreise regungslos da, und es war leicht, sie alle siebzehn
zu zählen und zu übersehen. Die einzige Frage war die, wo sollte der
Angriff beginnen? Die beiden Leutnants waren zur Torpedokammer
kommandiert, ein Glockenton schrillte durch den Raum, sie gaben das
Signal zurück »fertig«. Der Plan war der, lautlos über das der
Zerstörung geweihte Schiff zu fliegen, sich bis zu einer Höhe von 300
Fuß über dieses herabzulassen und ein Falltorpedo auf das Schiff
herabsausen zu lassen. Ging der Schuß fehl, dann sollte Ester seinen
Torpedo lancieren, sonst aber auf ein zweites Angriffsobjekt, an dem es
ihm nicht fehlen sollte, warten.

In demselben Moment stellte Hellborn den Indikator auf 300. Wieder
senkte das Luftschiff seinen Bug und glitt auf die angegebene Tiefe
hinab. Ganz, ganz leise arbeiteten jetzt die Motore. Im Maschinenraum
wie in der Torpedokammer sah man wie in einer ^Camera obscura^ ganz
deutlich in ganz, ganz kleinem Maßstabe die Schiffe, über die man
langsam hinwegglitt. Jetzt war man genau über der Brücke des einen,
jetzt war es Zeit, jetzt konnte das Ziel nicht verfehlt werden, ein
Druck auf den Knopf, und der Tod und Vernichtung bringende Torpedo fiel
durch die Luke hinab. Gerade zwischen den zwei mächtigen Schloten des
Schlachtschiffes fiel er auf, und in demselben Augenblicke zuckte ein
grünlicher Lichtschein auf und erhellte den Hafen, dann warfen die Hügel
den dumpfen Schall der Explosion donnernd und rollend zurück, und das
getroffene Schiff sank, mittschiffs auseinandergerissen, und wurde von
dem Wirbel des Meeres verschlungen. Hoch oben in den Lüften aber fuhr
der »Albatros« nach dem linken Flügel der Schlachtlinie und bereitete
sich vor, sein so glänzend geglücktes Manöver von vorhin zu wiederholen.
Unten war alles in maßloser Verwirrung. Die Scheinwerfer flammten auf
und fuhren grell leuchtend über die Schiffsleiber hin, als suchten sie
sie alle gegenseitig ab. Wie leuchtende Schwerter durchschnitten die
grellen, weithintragenden Strahlen das Dunkel, empor in die Lüfte aber
fuhr keiner, denn an die von dorther drohende Gefahr wurde nicht
gedacht. Alles, was man unten wußte, war nur, daß eine furchtbare
Explosion eines der stolzen, herrlichen Schiffe zerstört hatte. Niemand
aber schrieb diese einem feindlichen Angriff zu. Es war aber ein
unerklärliches Unglück und alles eilte den in den Wellen mit dem Tode
Ringenden zu Hilfe. Oben im »Albatros« -- der im Momente der Explosion
wieder in größere Höhen emporgeschnellt war -- schrillte wieder das
Zeichen. Wieder senkte sich das Luftschiff auf 300 Fuß Höhe herab und
schwebte jetzt dicht über dem die Spitze des linken Flügels haltenden
Schiffe. An Bord war alles in wilder Bewegung. Das Deck wimmelte von
Menschen. Die Boote wurden klar gemacht, oben auf der Kommandobrücke
aber brüllte ein Mann seine Befehle durch das Megaphon. Und der
»Albatros« flog, einem Nachtvogel gleich, über das Schiff hin. Wieder
war es bei dieser Distanz ganz unmöglich, daß der Schuß fehlging. Wieder
zuckte der furchtbare grüne Schein auf, wieder rollte der Schall der
Explosion als Donner über das Meer hin, und wieder sank eines der
stolzen Schiffe hinab zum Grunde des Meeres. Im selben Augenblicke aber
hatte der »Albatros« die kurze Distanz vom linken Flügel zur Spitze des
rechten überflogen und nun fiel das Falltorpedo, das Leutnant Ester
abschoß, auf das dort verankerte Schiff. Das furchtbare Geschoß fiel
gerade hinter dem Achterturm des mächtigen Panzerschiffes nieder, das
sich aufbäumte gleich einem wild gewordenen Pferde und dann bugaufwärts
mit dem Hintersteven zu sinken begann. Die Panik auf all den anderen
Schiffen war ganz entsetzlich, das Schauspiel der schwimmenden Trümmer
und Menschen und Toten ganz furchtbar, aber das Grauen des Geheimnisses
war mit einem Male gewichen, ein Strahl eines Scheinwerfers hatte gerade
vom sinkenden Schiffe aus durch Zufall das Luftschiff getroffen, und
dieses ward so entdeckt. _Ein_ Schrei der Wut erhob sich von den noch
unversehrt gebliebenen Schiffen, aber auch _ein_ Schrei des Schreckens.
Alle Scheinwerfer spielten jetzt mit ihren Strahlen nach oben und
suchten den Himmel ab, während von zwei Schiffen aus der »Albatros« hell
beleuchtet wird, auf seiner Fahrt von dem grellen Lichte verfolgt.
Hellborn war mit seinem Witz nicht zu Ende, er schoß mit seinem
Luftschiff in eine Höhe von 5000 Fuß, bis wohin ihm das Licht nicht zu
folgen vermochte, dann beschrieb er hoch oben einen großen Kreis und
stürzte in eine Tiefe von nur 40 Fuß ab, so daß die den Himmel
absuchenden Strahlen über den »Albatros« weg glitten, diesen völlig im
Dunkeln lassend, ihm aber förmlich selber den Weg weisend. Und nun hob
sich der »Albatros« plötzlich und erschien so unerwartet über dem einen
Schiffe, daß keine Zeit mehr war, die Kanonen zu richten, denn in
demselben Augenblick war auch schon das Torpedo gefallen und das
Schicksal auch dieses Schiffes besiegelt. Hoch schnellte der »Albatros«
wieder empor; aber nun half ihm sein Trick nicht mehr, alle Scheinwerfer
warfen Hunderte von Strahlenbündeln nach allen Richtungen hin, sich
förmlich zu einem Strahlenmeer vereinend, das kein Fleckchen rundum,
nicht in der Luft und nicht auf dem Meere, unbeleuchtet ließ. Diese
Fülle von Licht hatte das Unangenehme, ein Ueberrumpeln der noch übrigen
Schiffe unmöglich zu machen. Trotzdem mußte Hellborn es darauf ankommen
lassen, und so senkte er denn sein Schiff wieder tiefer hinab; in dem
Augenblick aber, wo er auf 500 Fuß niedergesunken war, wurde sein Leib
von einer Kugel aus einem der großen Zenith-Geschütze getroffen, während
ein Hagel von Geschossen aus der Zenith-Schnellfeuerkanone folgte.
Glücklicherweise war der Schaden, dank der Panzerbekleidung des
Luftschiffes, nicht groß, trotzdem wurde ein Mann der Besatzung
verwundet, und Hellborn dachte an die furchtbare Gefahr, wenn ein
Geschoß den Stapelraum der Torpedos traf. Dann war alles zu Ende, und er
hatte die Hoffnungen getäuscht, die sein Admiral in ihn gesetzt hatte.
Er mußte sich also in einer Höhe halten, in der ihm die Geschosse nicht
mehr viel anhaben konnten und wo die Zielsicherheit gewissermaßen
aufhörte. Er erhob sich also auf 1200 Fuß und lavierte hier in dem
Luftmeer. Von dieser Höhe aus sah es natürlich auch für ihn mit der
Zielsicherheit böse aus, aber immerhin hatte man bei den Schießversuchen
auch aus solchen Höhen noch unter zehn Schüssen zwei Treffer erzielt,
warum sollte man im Ernstfalle weniger glücklich sein! So -- jetzt war
der Moment -- Leutnant Schmidt drückte auf den Knopf, der Torpedo
durchschnitt sausend die Luft und -- fiel ins Wasser, wo er ohne Schaden
zu tun dennoch durch die Wucht des Falles explodierte und nur eine hohe
Wassersäule emporwarf, im selben Augenblick aber hatte Leutnant Ester
seinen Vorteil ersehen. Auch er schoß sein Torpedo ab, der das
Vorderdeck des Admiralschiffes traf und seinen Vordersteven bis zur
Kommandobrücke fortriß. Einen Augenblick später sausten zwei weitere
Torpedos hinab auf das Feld der Verwüstung und Verwirrung, aber ohne
weiteren Schaden zu tun, als nur die Panik zu erhöhen. Vergebens
spielten alle Kanonen, man konnte dem Feinde, dem man machtlos
preisgegeben war, nicht bei. Noch ein Schiff sank und noch eins, und da
-- da hißten die übrigen Schiffe eins nach dem anderen die weiße Flagge.
Sie gaben den ungleichen Kampf, der kein Kampf, sondern ein
Vernichtetwerden war, auf und ergaben sich. Nichts aber hätte Hellborn
in größere Verlegenheit setzen können, als gerade dieses völlig
unerwartete Ereignis. »Teufel,« sagte er zu den beiden Leutnants, die er
sofort zum Beratschlagen rufen ließ, »was können wir tun? Wir können
doch nicht elf Schlachtschiffe mit unseren zehn Mann wegnehmen? Das geht
doch nicht an.« »Hm,« sagte Schmidt, »wir könnten unseren »Drahtlosen«
wieder in Stand setzen und unserer Flotte drahten, sie soll die Schiffe
in Empfang nehmen.« »Können wir nicht,« sagte Hellborn, »ist ganz
unmöglich, die braucht acht Tage, ehe sie hier ist, und solange können
wir uns nicht halten. Wir _müssen_ sie in den Grund bohren, ob wir
wollen oder nicht.« Und -- so sehr es ihr Soldatenherz auch bedrückte,
die schönen Schiffe, die sich ihnen ergaben, zu zerstören, so mußte es
doch sein. Langsam senkte sich das Luftschiff, stets einer Verräterei
gewärtig, bis auf 200 Fuß Höhe hinab, beide Offiziere mit dem Finger auf
dem Drücker, um die todbringenden. Torpedos im Bedarfsfalle zu
schleudern. Dicht über dem einen der Schiffe hielt sich das Luftschiff,
und nun griff Hellborn nach seinem Megaphon. »Ich gebe Ihren Schiffen
bis 2 Uhr nachmittag Zeit, die Bemannung zu landen, dann werden die
Schiffe unerbittlich mit allem, was drauf ist, zerstört . . .« Und
wieder erhob sich der Aerostat in die Luft, und die Sonne ging auf und
beschien ihn und die Flotte, um die es von Booten wimmelte, in denen die
Besatzung die Schiffe verließ. Um zehn Uhr war kein Mann mehr an Bord,
nur der Kapitän _eines_ Schiffes hatte sich geweigert, das Schiff zu
verlassen, er, der darauf gelebt, wollte auch mit ihm gleichzeitig
sterben. Um 2 Uhr senkte sich der »Albatros« langsam über die Schiffe
hinab. Drüben am Hafendamm stand in atemloser Spannung die angstvolle
Menge und nun, nun sauste _ein_ Torpedo hinab, und wo früher ein Schiff
stand, trieben jetzt nur die Trümmer. Neun mal noch wiederholte sich
dieses Schauspiel, und in dumpfem Schmerz sah ein Volk seinen Stolz und
seine Hoffnung zertrümmert. In stiller, grausamer, erbarmungsloser Weise
verrichtete das furchtbare Luftschiff sein Werk. Ein einziges Schiff
noch war da, »Inflexible«, der Unbeugsame, stand auf seinem Steven zu
lesen, und auf seiner Kommandobrücke stand _ein_ Mann, stumm, mit
gekreuzten Armen und sah seinem Schicksal entgegen. Wie ein Vogel aber
senkte sich das Luftschiff ganz nahe auf Deck. »Lassen Sie uns einen
Helden retten,« sagte Hellborn durch sein Sprachrohr, »kommen Sie zu uns
an Bord.« Der Kapitän aber lachte laut auf. »Zur Hölle ich und Ihr,«
rief er und drückte auf einen Knopf. Im selben Augenblicke bäumte der
Schiffsleib sich auf, das Schiff barst auseinander und hoch empor wurden
die Schiffsteile geschleudert. Der »Albatros« aber schwebte, da Hellborn
die Bedeutung der Worte des alten Kapitäns sofort erkannt, und sein
Schiff in unendliche Höhen gerissen hatte, lautlos über den Wolken und
flog der Heimat zu, die glaubte, vor einem Kriege zu stehen, der lange
schon beendet war. Beendet durch die neue Waffe -- die Waffe der Luft.

Das oder so ungefähr denke ich mir die Zukunft der Kriege. Mit Land- und
Seemacht ist nichts mehr zu wollen. Die Zukunft liegt in der Luft.
Hoffentlich aber eine Zukunft des Friedens, denn dem Himmel noch näher
soll man die Kriege nicht bringen.



                             Karl Peters.
                     Die Kolonien in 100 Jahren.


                     Die Kolonien in 100 Jahren.
                           Von Karl Peters.

Gustav Havermann stand in Morgenkleidung auf der Veranda seines netten
Hauses und machte seinen Tee. Die Sonne war gerade im Aufgehen, und im
Norden zeigten sich die Umrisse der Gebäude von Windhoek. Seine Frau war
noch nicht erschienen. Sie liebte es, bis in den vollen Tag hinein in
ihrem Schlafballon, 500 Meter über der Farm, zu ruhen. Havermanns hatten
nur ihre Schlafeinrichtungen in höheren Lufträumen; die reicheren
Familien, über ganz Afrika hin, wohnten Tag und Nacht 1000 bis 2000
Meter hoch in verankerten Lufthäusern, wo sie frei waren von den
Unbequemlichkeiten der tropischen und subtropischen Sonne. Ueber dem
Kongo und in den Tropengebieten von Amerika stieg man mit seinen
Wohnungseinrichtungen bis zu 3000 Meter und darüber empor.

»Dieser südafrikanische Tee«, sagte Havermann, »wird immer noch nichts
Rechtes. Wir wollen doch wieder zum Ceylon-Tee zurückgehen, der
Geschmack und Aroma hat. Hallo!« fuhr er fort, als er seinen Freund
Agatz schnell auf sein Wohnhaus zuschreiten sah, »was bringt Dich so
früh her?«

»Hast Du Deinen telegraphischen Empfangsapparat denn noch nicht
eingesehen?« antwortete Agatz.

Zeitungen, muß bemerkt werden, gab es 2009 nicht mehr. Der gesamte
Nachrichtendienst auf der Erde, und auch vom Mars herüber wurde durch
ein weitangelegtes System drahtloser Telegraphie vermittelt, an welches
jedes private Haus von irgendwie bemittelten Besitzern angeschlossen
war.

»Was ist denn los?« fragte Havermann.

»Die Bundesversammlung in Durban hat vorige Nacht beschlossen, daß das
Dreisprachensystem, welches bislang noch in unserem Parlament zu Recht
besteht, aufgegeben werden solle; Englisch und Holländisch seien
genügend für die südafrikanischen Staaten.«

»Nun, das braucht uns kaum aufzuregen; seit einem Menschenalter wird
deutsch kaum noch im Parlament von Windhoek gesprochen, und im Kongreß
zu Prätoria ist englisch schon seit einem halben Jahrhundert
obligatorisch. Sind wir doch alle nur Glieder der großen
angelsächsischen Konföderation.«

»Viel wesentlicher für unser Wohl und Wehe«, fuhr er fort, »scheint mir
die Entdeckung des Professors Buterreck in Berlin, der es endlich fertig
gebracht hat, stickstoffhaltige Nahrung aus der Atmosphäre herzustellen,
um dadurch die Produktion von Fleisch, Eiern, Milch usw. überflüssig zu
machen. Wir Südwestafrikaner sind so wohlhabend geworden durch unsere
Rindvieh- und Schafzucht, seit es gelungen war, alle die bösen
Viehkrankheiten durch Impfungsverfahren aus der Welt zu schaffen.«

»Was nützt uns unsere Mühe nun, wenn Fleisch und Milch nichts mehr
gelten werden am Markt?«

»Uns bleiben Häute und Wolle.«

»Und Obst und Gemüse; das ist wahr, und unser herrliches Klima. Ich war
vorgestern mit dem Schnell-Luftschiff »Möwe« in London; aber ich kann
Dir sagen, ich freute mich, heute morgen in Südwestafrika zurück zu
sein.«

In diesem Augenblick näherte sich eine große, stattliche Erscheinung dem
Hause.

»Was will denn Eggers so früh hier?« sagte Havermann.

»Ich komme«, sagte Eggers, nachdem er die beiden Männer begrüßt hatte,
»um Ihnen, Herr Havermann, mitzuteilen, daß wir Ihre Felder heute erst
gegen 10 Uhr berieseln können. Etwas an dem Pumpwerk in Swakopmund ist
nicht in Ordnung. Es tut mir sehr leid; aber ich erhalte soeben die
Funkennachricht.« Eggers war der Direktor der südwestafrikanischen
Elektro-Berieselungs-Werke. Schon seit mehr als einem Menschenalter war
das Problem gelöst, die Kraft der Meeresfluten in elektrische Kraft
umzusetzen, und seit einem halben Jahrhundert verstanden es die
Menschen, das Seewasser durch einen sehr einfachen chemischen Prozeß in
Süßwasser umzuwandeln. Das hatte einen enormen Fortschritt, besonders
auch in der wirtschaftlichen Entwicklung des trockenen Südwestafrika
bedeutet. Trinkwasser freilich hatte man längst aus der Atmosphäre
abzuschlagen verstanden. Aber für die Ausbeutung der weiten Gelände von
Damaraland war die von der Natur versagte Bewässerung aus dem
Atlantischen Ozean nötig gewesen. Die enorme elektrische Kraft, welche
die See selbst lieferte, hatte es möglich gemacht, das befruchtende
Element, welches die Wolken versagten, über die Felder zu ergießen; und
dies hatte zu einer neuen Epoche in der Geschichte des Landes geführt,
ähnlich wie in Kapland und Rhodesia. Eine Konkurrenz zu der
»Oceano-Elektrischen Gesellschaft mit beschränkter Haftung« war übrigens
die »^Kalahari-Sunlight and Electrical Co. Ltd.^«, welche durch
gewaltiges Konzentrationsverfahren, das auf die Kalahari-Wüste
herabströmende Sonnenlicht in Motorkraft und Erleuchtung umwandelte.
Indes versorgte diese mehr den Osten und Süden des Erdteiles. Sie
arbeitete nach dem Vorbild der großen Sahara-Gesellschaften, welche
schon seit einem Vierteljahrhundert Heizung und Fortbewegungskraft,
sowie Erleuchtung für Europa lieferten. Seit dem Niedergang der
Kohlenproduktion hatte die Menschheit sich mehr und mehr diesem Ersatz
zugewendet.

»Haben Sie übrigens bereits die letzten Nachrichten aus Ostafrika
vernommen, welche mein Apparat gerade eben mitteilte?« fragte Eggers die
beiden Herren.

»Was ist es?«

»Die >Republik der steigenden Sonne< hat gestern beschlossen, die
Deutschen wieder in ihrem Lande zuzulassen; und für den Kilimandjaro
haben sich sofort drei Familien von Uganda angemeldet.«

»Wie geht es eigentlich zu, daß Deutsche dort überhaupt ausgeschlossen
waren?« fragte Havermann.

»Wissen Sie das nicht?« sagte Agatz. »Das ist doch die Folge der großen
Negerrevolution von 1953, als sich dieses »>Haiti< des Indischen Ozeans«
konstituierte. Ostafrika, gegenüber Zanzibar, ist früher einmal unter
deutscher Flagge gewesen. Aber bereits vor einem Jahrhundert setzte in
Berlin eine sentimentale Verbrüderungspolitik an, welche sehr schnell zu
Emanzipationsgelüsten der schwarzen Bevölkerung führte. Das war ein Teil
der sogenannten äthiopischen Bewegung. Die Reise eines Berliner
Kolonialministers, dessen Name nicht weiter überliefert ist, in die
sogenannte Deutsch-Ostafrikanische Kolonie, führte zunächst zur
Aufsässigkeit der schwarzen Arbeiter gegen ihre weißen Herren!«

»Wie war denn das möglich?«

»Es wurde den Negern von Regierungs wegen allerhand von Rechten gegen
die Arbeitsgeber erzählt, wovon sie bis dahin keine Ahnung hatten, und
natürlich wirkte das wie ein Funken im Pulverfaß.«

»Natürlich, der Schwarze mußte das als direkte Aufforderung zum Aufstand
auffassen.«

»Anstatt die Entwicklung ihren natürlichen Gesetzen zu überlassen und
wesentlich die Vorschläge der deutschen Kolonisten selbst abzuwarten,
operierte man vom grünen Tisch in Berlin. Man »taperte« hinein. Die
Folge waren Unlust unter den Weißen und Rebellionsgelüste unter den
Schwarzen. Das führte zu wiederholten Aufstandsversuchen, und
schließlich, 1953, zur allgemeinen Erhebung der Eingeborenen, welcher
fast alle Deutschen, Männer, Frauen und Kinder, zum Opfer fielen.
Darauf, unter Garantie der Vereinigten Staaten und Großbritanniens,
schritten die Rebellen zur Begründung ihrer eigenen glorreichen
Republik, und begannen damit, zunächst einmal allen deutschen
Reichsbürgern Asyl- und Freizügigkeitsrecht zu nehmen. Schließlich
erkannten es auch die alten Weiber in Berlin, die am meisten mit
geschrien hatten, »wie so gar herrlich weit wir es gebracht hatten«. Die
Kolonie war weg, und dafür bestand eine uns Deutschen direkt feindliche
Republik.«

»Aber wie ist es zugegangen, daß das benachbarte Britisch-Ostafrika
nicht in diesen Mahlstrom hineingezogen wurde?«

»Die Briten hatten ihre ostafrikanischen Besitzungen, denen sie noch die
italienischen anschlossen, bereits seit 1910 zu Dependanzen des
Ostindischen Reiches gemacht. Die Hochplateaus von Naicobi und Naiwasha,
das Tanatal und das Hinterland von Guardafui und Berbera wurden
systematisch mit auswandernden Hindus besiedelt, denen die britische
Regierung in Südostafrika, Australien und Tasmanien, sowie in Neuseeland
keinen Ellenbogenraum mehr bieten konnte. Dies hielt die schwarze
Gesellschaft in Schach, und erlaubte daher der London Stock Exchange die
ungestörte kapitalistische Ausbeutung, worauf es doch im Grunde ankam.
Genau, wie in den voreinst deutschen Besitzungen in Neu-Guinea, den
Karolinen usw., welche heute friedlich und genügsam zum
austral-asiatischen Common wealth gehören, wie Kiautschou seit 90 Jahren
unter die Flagge des »gelben Drachen« zurückgekehrt ist. Ja, die
Deutschen haben Staat gemacht mit ihrer Kolonialpolitik am Ausgang des
19. Jahrhunderts. Ich las vor kurzem ein Buch aus dieser Zeit. Es konnte
gar nicht anders kommen, wenn man den Neid, Haß, die Verleumdung und das
Geschimpf betrachtet, mit denen sie ins Feld zogen. Einer gegen den
andern, und Gnade Gott dem, welcher gegen den Fremden wirklich etwas
leistete!«

»Nun, in Europa ist es ihnen kaum besser gegangen, als über See; die
Welt ist wesentlich englisch geworden.«

»Allemal, damit gehört sie immerhin einer vornehmen Rasse an.«

In diesem Augenblick sah Heinrich Agatz nach seiner Uhr. Die Uhren
wurden durchweg durch drahtlose Telegraphie von der nächsten Sternwarte
aus getrieben und zeigten demnach absolute Universalzeit. »Ich erwarte
meinen Bruder Ernst heute morgen mit dem Falken von Kapstadt; wir wollen
nach Nyangwe am Ober-Kongo, wo wir um 11 Uhr Termin in einem Minenprozeß
haben. Wir bearbeiten dort Kupferminen mit Ozeankraft-Tiefdruck, und
finden in den letzten Wochen, daß die Pression über 50000 Meter Tiefe
sehr unregelmäßig ist. Unser Rechtsanwalt, der die Sache hat sorgfältig
untersuchen lassen, meint, daß die »Ozean-Elektrische Gesellschaft m. b.
H.« schuld an dem schlappen Betrieb ist.«

»Ich will heute mittag nach Kairo«, sagte Havermann, »und morgen mit
meiner Frau nach Wien, wo unser Neffe getauft werden soll.«

»Da kommt endlich meine Frau von oben.«

Frau Havermann kam aus ihrem Schlafballon mit Hilfe eines Lifts, der an
dem mittleren Ankertau des Luftfahrzeuges angebracht war. Diese
Fahrzeuge waren lange Zeit durch die bei Nacht entstehenden
unregelmäßigen Windströmungen in ihrer Lage bedroht gewesen. Seit die
Menschheit es jedoch fertig gebracht hatte, die Luftzonen bis in Höhen
von 10000 Metern mit meteorologischen Stationen zu überziehen, seit
insbesondere auch die Polargegenden völlig der Beobachtung geöffnet
waren, hatte man eine solche Kontrolle über die verschiedenen
Witterungs-Faktoren erzielt, da man die Wetter-Prognosen bis auf halbe
Monate voraus mit voller Genauigkeit stellen und demgemäß jede
erforderlichen Maßnahmen zur rechten Zeit treffen konnte. Automatische
Wind- und Temperaturnachrichten von allen Teilen unseres Planeten liefen
auf allen Stationen ein, und es hatte keinerlei Schwierigkeiten, zu
bestimmen, welche Höhe die Wohneinrichtungen einzunehmen hatten, und
nach welcher Seite sie besonders stark zu verankern waren. Der Verkehr
von oben nach unten war früher durch kleine Luftboote vermittelt; aber
bereits seit einem halben Jahrhundert hatte man elektrisch betriebene
Fahrstühle, als billiger und bequemer, vorgezogen. Die Erde war jetzt in
allen Zonen bewohnt; auch an den Polen, wo man in die Tiefen stieg. Die
unbegrenzte Masse elektrischer Kraft, über welche man verfügte, überwand
jedes Beleuchtungs- und Erwärmungs-Problem. Natürlich hielt sich um den
Nord- und Südpol für gewöhnlich nur auf, wer da zu tun hatte.
Insbesondere fand um den Nordpol ein außerordentlich starker Betrieb von
Gold- und Platina-Produktion statt.

Eine überplanetarische Verbindung war bislang nur mit dem Mars erzielt
worden; und gerade von den drahtlosen Stationen der Pole aus. Jedoch
hatte man von dort wirkliche Kunde immer noch nicht erzielt. Elektrische
Stöße, welche von der Erde hinübergetrieben wurden, waren beantwortet.
Man hatte eine Art von Codebuch, die Sonnenvorgänge und andere
astronomische Vorgänge betreffend, zusammengestellt, und war
augenscheinlich von der anderen Seite verstanden. Astronomische
Beobachtungen konnte man sich jetzt ganz gut mitteilen. Aber sobald es
sich um Kunde von Geschichte, Sitte und Völkerleben handelte, versagte
der Vermittlungsapparat durchaus. Augenscheinlich lebte und dachte und
plante auf dem Mars ein ganz anderes Lebewesen als hier. Selbst die
einfachsten irdischen Begriffe versagten dort. Dazu kam, daß die beiden
Planeten dauernd sich so fern blieben; 5 Millionen englische Meilen,
selbst bei ihrer größten Annäherung. Praktische Vorteile aus den
Mars-Mitteilungen -- so enorme Kraftleistungen sie erfordert hatten --
hatten sich nicht ergeben; und jeder Versuch, mit dem Mond in
Beziehungen zu treten, war gescheitert. Augenscheinlich gibt es drüben
keine intellektuelle Resonanz mehr.

»Nun, Anna«, sagte Havermann, als seine sehr niedliche Frau aus ihrem
Fahrstuhl heraustrat, »welche Pläne hast Du denn für heute?«

»Ach, ich möchte in Kamerun, in Buëa frühstücken; meine Schwester
erwartet mich, und dann mit ihr den Tee in Togo einnehmen; das sind
unsere einzigen beiden deutschen Kolonien, wo Deutsche noch Geld machen.
Mein Vater in Stettin hat stets gewünscht, daß ich dort einmal mich
niederlassen sollte. Aber Du, Böser, schleppst mich hierher in Euer
Britisch-Südafrika.«

»Nun, gefällt es Dir denn bei uns nicht?«

»Well, das Klima ist hier gut genug; aber, wer kümmert sich heute noch
um das Klima, wo Malaria, Dysenterie, Moskitos und Fliegen von der Erde
vertrieben sind und wir in den »höheren Regionen« wohnen. Wo bleiben
denn aber unsere Schnellboote?«

In diesem Augenblick näherte sich mit der Geschwindigkeit von 1000
Kilometern per Stunde der »Falke«, welcher Agatz nach Nyangwe bringen
sollte. Er hielt 3000 Meter über Havermanns Farm, und dieser lieh ihm
seinen Steigballon, um hinein zu klettern. »Auf Wiedersehen, morgen!«
hieß es. Bald darauf erschien das große Expreßluftschiff für den Westen
Afrikas, das Frau Havermann gewählt hatte, der »Habicht«. Sie trank
schnell ihre Tasse Tee und ging hinauf. Man beklagte sich in diesen
afrikanischen Kolonien über die Langsamkeit des Luftbetriebes; von
Südwestafrika nach Kairo dauerte es an 18 Stunden, während Bahnen und
Dampfschiffe nur noch den Frachtverkehr vermittelten. -- »Sagen Sie
einmal, Eggers«, fragte Havermann, »weshalb haben wir Deutschen hier in
Afrika, und überhaupt in der Welt, eigentlich so gar nichts fertig
gebracht?«

»Das will ich Ihnen sagen«, antwortete Eggers, »unsere Landsleute haben
den Witz der Sache eigentlich überhaupt nicht kapiert. In den achtziger
und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ulkten sie über
Kamerun und Zanzibar. Dann erfand man die Kolonialskandale! Eine Fülle
schmutziger Verleumdungen und gemeiner Denunziationen gegen einzelne
Pioniere zierten den nationalen Rekord! Das war erst recht etwas für den
Berliner. Das war etwas für das Metropol-Theater! Dazu der Neid und die
Gemeinheit der Konkurrenten von Leuten, welche wirklich etwas geschaffen
hatten, die Streberei und Speichelleckerei der Lumpen, welche sich an
die Kolonialpolitik drängten, die Ordenskriecherei, die am Anfang des
20. Jahrhunderts deren eigentliches Charakteristikum auszumachen schien!
Was Wunder, wenn der Kram in Deutschland verächtlich ward und die
Engländer anfingen, mit Hohn auf diesen »Mitbewerb« herabzublicken!
Diese erhielten schließlich die eigentlichen Assets, und das ist für die
Entwicklung der Menschheit sicherlich auch gut gewesen. Die Leute in
Deutschland, wie z. B. Carl Peters, welche unser Volk zu einer Weltmacht
umzuschmelzen gedachten, blieben im Grunde stets Träumer. Wenn Du ein
»Herrenvolk« finden willst, kannst Du eher zu Mashonas und Buschmännern
gehen, als zu den Leuten in Zentral-Europa.«



                              Ellen Key.
                     Die Frau in hundert Jahren.


                     Die Frau in hundert Jahren.
                            Von Ellen Key.

In hundert Jahren sind alle großen Erfindungen der Neuzeit
vervollkommnet, und ihre beiden großen Bewegungen -- die Frauen- und die
Arbeiterbewegung -- haben ihre Ziele erreicht. Luftschiffe, mit größerem
Komfort als dem der Gegenwart ausgestattet, Luftjachten,
führen die Alpinisten zu Bergbesteigungen auf den Mond. Alle
modernen Sommerfrischen sind submarine Villenstädte, denn die
Landschaftsschönheiten der Erde sind alle zerstört, teils durch ihre
Verwertung für die Industrie, durch Gebäude, Kabel und dergleichen mehr,
teils durch die noch bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in
Luftballons geführten Kriege. Die »Landwirtschaft« wird jetzt in
chemischen Fabriken betrieben, und in diesen vollzieht sich die Arbeit,
wie überall, durch Drücken auf Serien elektrischer Knöpfe. In gleicher
Weise werden die Säuglinge in den kommenden Kinderheimen, an die sie --
eine Stunde nach der Geburt -- abgegeben werden, ernährt und gekleidet.
Die Kinder werden in der Weise produziert, daß sich Freiwillige -- aus
sozialem Eifer -- für diese Arbeit melden. Unter ihnen wird durch ein
ärztliches Komitee die nötige Anzahl ausgewählt. Und von dieser Anzahl
werden wieder die für einander Geeignetsten zusammengeführt. Das große
Problem der Naturwissenschaft ist die Entdeckung des Mittels, die
Menschheit ohne Elternschaft fortzupflanzen, dieses der Menschen
unwürdigen Mittels, das die Natur in der Eile zusammengepfuscht hat,
aber das die fortschreitende Kultur entbehrlich machen muß. In den
ersten Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts wurde die Welt durch
die -- leider verfrühte -- Botschaft erfreut, daß ein Laboratorium
wirklich die Methode gefunden habe, und daß so die einzige noch übrige
Frauenbefreiungsfrage aus der Welt verschwunden sei. Aber obgleich immer
wieder enttäuscht, lebte die Hoffnung auf den endlichen Sieg doch
weiter, und dies um so mehr, als man im Jahre 2006 endlich ein beinahe
ebenso kompliziertes Problem löste: man fand das Serum, durch welches
die entsetzliche Krankheit, gegen die die Gesellschaft trotz zahlloser
hygienischer Verhaltungsmaßregeln vergebens angekämpft hat -- -- die
Individualitäts- und Originalitätssucht --, ganz erlöschen wird. Die
Paragraphen 123, 456, 789 des hygienischen Gesetzes, das 2008 erlassen
wurde, verfügten eine allgemeine Zwangsimpfung mit diesem Serum, so daß
die Gesellschaft für alle Zeiten gegen die Verheerungen der Krankheit
geschützt sein wird.

Alle Männer und Frauen haben den Tag in vier gleiche Arbeitspensa
eingeteilt: sechs Stunden Schlaf, sechs Stunden Arbeit bei den
elektrischen Drückern, sechs Stunden im Parlament und sechs Stunden
Gesellschaftsleben. Die Parlamente tagen ständig. Soziale Vorträge
ersetzen bei den Sonntagssitzungen die ehemaligen Gottesdienste. Und bei
den Alltagssessionen wird alles bestimmt: von der Größe der
Stecknadelköpfe und der Zusammensetzung der Eßpillen bis zu der
Kinderquantität, die die Bedürfnisse der Gesellschaft im folgenden Jahre
erfordern, und der Ideenqualität, die im Interesse des Gemeinwohls für
den genannten Zeitraum zulässig erscheint. Nach beendetem
schulpflichtigen Alter treten alle ins Parlament ein, auch die Idioten,
als eine unbestreitbare Folge der Humanität und der Menschenrechte. Nur
verurteilte Verbrecher haben nicht Sitz im Parlament, aber diese
irdische Begrenzung beraubt sie keineswegs ihrer Menschenrechte. Sie
werden nämlich auf den Planeten Mars deportiert, die neueroberte Kolonie
der Erde. Und dort können sie frei die ihnen aus vergangenen
Jahrhunderten wohlbekannte Kolonialpolitik treiben.

In der ersten Klasse der Schule lernen die Kinder -- nach neuen
Methoden -- Zähne zu bekommen, zu gehen und zu sprechen. Die
Unterrichtsanstalten, die alle nach demselben Lehrplan arbeiten,
behalten die Schüler zwölf Stunden im Tag bis zum Alter von dreißig
Jahren.

Die Universitätsstudien mit ihren gefährlichen Freiheitsbestrebungen
sind hingegen abgeschafft. Nach Schluß der Schule rührt keiner mehr ein
Buch an, falls er (oder sie) nicht Spezialist in irgend einem Zweige der
Wissenschaft sein sollte. Darum findet man öffentliche Lesesäle ohne
Bücher. Hingegen laden die Elevatoren dreimal im Tage die jetzt im
Taschenbibelformat gedruckten Zeitungen ab, mit ihren illustrierten
Annoncenbeilagen, wo den Künstlern, allerdings innerhalb strenger
Grenzen, noch eine gewisse Freiheit der Phantasie gestattet ist. Alle
öffentlichen Gebäude -- mit anderen Worten alle Gebäude -- sind hingegen
mit Kunstwerken geschmückt, welche von einem zwölfgliedrigen Komitee
ausgeführt werden.

Das Wort »Heim« hat eine bedeutungsvolle Umwandlung durchgemacht und ist
jetzt ein Synonym des Wortes Schlafstelle.

Das Gesellschaftsleben ist eine Gesellschaftspflicht, und der Einsame
wird als anarchistischer Attentäter betrachtet. Man trifft sich in
Sport- und Diskussionsklubs zu einem Verkehr, welcher keine materiellen
Genüsse verlangt. Seine Eßpillen nimmt jeder aus seiner Schachtel ein.
Nur sehr alte Leute, die sich aus dem zwanzigsten Jahrhundert noch die
Lust an den alkoholfreien Weinen, an den nikotinfreien Zigarren und dem
coffeinfreien Kaffee bewahrt haben -- die einzige Form, in der
Genußmittel noch zu finden sind -- schleichen zu dem einen oder andern
geheimen Automaten, um dort die niedrigen Bedürfnisse zu befriedigen,
die die jüngere Generation verachtet. Wenn diese masculinfreien Männer
und femininfreien Frauen zusammentreffen, dann ist der einzige Stimulus
der Austausch sozial-allgemeinmenschlicher Gedanken. Der männliche und
der weibliche Typus sind in so hohem Grade verschmolzen, daß der Blick
nur durch gewisse, aus Zweckmäßigkeitsgründen noch beibehaltene
Verschiedenheiten in der Kleidung die Geschlechter unterscheiden kann.

Was die öffentlichen Vergnügungen betrifft, so hat das soziale
Verantwortlichkeitsgefühl Konzerte ohne Musiker und Theater ohne
Schauspieler geschaffen. Denn seit die Pianolas, die Phonographen und
die Marionetten so phänomenal vervollkommnet worden sind, braucht man
nur elektrische Knöpfe, damit der Kunstgenuß in Gang gesetzt wird. Aber
man hat eine sehr notwendige Vermehrung der Lehrjahre beantragt. Denn
die Schulen kommen kaum dazu, ihren Zöglingen die fünfundfünfzig
Uebungsgegenstände und die einhundertelf intellektuellen Gegenstände
beizubringen, die jetzt von einem gebildeten Menschen verlangt werden,
und in denen alle drei Monate ein Examen abzulegen ist.

Mitten in dieser allgemeinen Glückseligkeit trifft jedoch die
unerhörteste Katastrophe der Weltgeschichte ein. Am Neujahrstage 2009,
-- gerade in dem Jahre, wo die obenerwähnte Zwangsimpfung die Erde von
allen weiteren Heimsuchungen ihrer letzten und gefährlichsten Pest
definitiv befreien sollte, bricht eine über den ganzen Planeten
verzweigte Verschwörung der Schuljugend zwischen zwanzig und dreißig
Jahren aus. Die erste Gewalttat der Revolution ist, in gewaltigen
Emigranten-Zeppelins alle Journalisten auf den Mars zu verschicken; die
zweite, alle Parlamente zu verbieten; die dritte, alle Schulen zu
sperren; die vierte, alle Mütter zusammen mit ihren Kindern
einzuschließen; die fünfte . . . aber warum alle diese Greuel aufzählen?
Genug, diese gewaltigste aller Umsturzbewegungen stellt schließlich auf
Erden jenen barbarischen Zustand wieder her, wo das Leben noch
gewaltsam, mühevoll, tragisch, reich, berauschend war. Was dann
geschieht, ist leicht vorauszusehen. Eine ebenso heftige Reaktion tritt
ein. Erst gegen das Jahr 2100 befindet sich endlich die Menschheit
wieder im Gleichgewicht. Sie hat dann vermutlich einen großen Teil
dessen wieder erlangt, was für vergangene Geschlechter das Leben
_lebenswert_ gemacht. Aber sie hat zugleich viele von diesen
Geschlechtern ungeahnte Dinge errungen, die das Leben in höherem Grade
denn je _liebenswert_ machen.



                              Dora Dyx.
                       Die Frau und die Liebe.


                       Die Frau und die Liebe.
                            Von Dora Dyx.

In den wenigsten Fällen, in denen wir heutzutage von Liebe sprechen, ist
Liebe, Liebe. Wir haben, so paradox dies auch klingen mag, und so
lebhaften Protest ich mit meiner Behauptung bei all denen, die zu lieben
wähnen, auch wecken mag, den Begriff der Liebe verloren. Sie hat sich
unter unseren Händen so verwandelt, daß sie, von einzelnen Fällen
abgesehen, keine Liebe mehr ist. Nicht nur die materielle Basis, auf
welche unser Jahrhundert gestellt ist, ist zum Grabe jener feinen und
feinsten Regungen geworden, aus denen die Liebe besteht, sondern noch
mehr haben unsere Moralbegriffe dazu beigetragen, sie so zur
Unkenntlichkeit zu verwandeln, daß man gerade von dem als Liebe spricht,
was absolut mit ihr nichts zu tun hat, und von dem was Liebe ist,
entweder gar nicht, oder nur mit Entsetzen gesprochen werden kann. Es
muß zugegeben werden, daß der aktive Eintritt der Frau in den Kampf ums
Dasein viel dazu beigetragen hat, das Liebesbedürfnis der Frau
herabzumindern. Die körperliche Ermüdung und Uebermüdung ist ebenso
wenig wie die geistige Erschlaffung ein Erregungsmittel der Liebe, und
wir sehen, daß unter dem als leichtfertig verschrienen Volk der Artisten
die Turnerinnen und Akrobatinnen geradezu als unnahbar gelten können,
insofern bei ihnen nicht auch die »Liebe« Mittel zum Zweck, d. h.
Berechnung ist. Andererseits hat die durch die Berufstätigkeit der Frau
nahezu aufgehobene Trennung der Geschlechter viel dazu beigetragen,
jenen Nimbus des Geheimnisvollen zu zerstören, der bisher die jungen
Männer und die Mädchen wechselseitig umgab. Und damit ist _ein_
Hauptreiz zum Fortfall gekommen, denn gerade das Geheimnisvolle, das
sozusagen Verbotene wirkte auf die Phantasie der Sinne. Die Liebe ist
aber, wie wir jetzt wissen, nichts weiter als Seelenphantasie, und daß
diese von der Sinnesphantasie ganz gewaltig beeinflußt wird, ist
selbstverständlich. Bei uns gibt es drei Hauptformen von dem, was wir
»Liebe« nennen. Die Ehe, die Prostitution und die freie Liebe, zu
welcher auch die zwischen Ehe und Prostitution liegenden vorübergehenden
Verhältnisse gerechnet werden können. Daß die Ehe nur in den seltensten
Fällen ein wirkliches Liebesband schlingt, wissen wir alle. Die Ehe ist
vor allem zur Versorgung geworden und alle Bedenken »ich liebe ihn
nicht« werden durch den selbstlügnerischen Trost niedergeschlagen: »Die
Liebe kommt schon in der Ehe«. In den meisten Fällen aber kommt sie
nicht, und im Punkte der Liebe herrschen darum nur noch Entsagung oder
Betrug, die zu den bekannten Erschütterungen führen, welche bei uns den
dramatischen Stoff -- und nicht fürs Theater nur -- liefern. Hie und da
allerdings werden solche »Vernunftehen«, wie man sie nennt, auch ganz
»glücklich«. Man lebt sich ineinander ein, keiner verlangt etwas oder
viel von dem andern und ist überrascht, wenn er mehr findet, als er
erwartet. Meist sind es auch resignierte Naturen, deren Seele keine
Ansprüche stellt, so maßlos oft auch die anderen, ans Leben gestellten
Ansprüche sein mögen. Die meisten Ehen aber -- wenn schon nicht alle --
sind unglücklich, und in jedes, auch des glücklichsten Menschen Leben,
werden Augenblicke vorkommen, in denen er sich dies eingesteht. Dabei
darf nicht verschwiegen werden, daß auch die »Liebesehen« unglücklich
werden und gerade deshalb noch viel unglücklicher, weil die Ehe mit
Illusionen begonnen wurde, auf welche die dürre Ernüchterung folgen muß;
Und so wandelt sich auch in _diesen_ Ehen die Liebe in Gleichgültigkeit
und diese in Haß. Der große Philosoph hat recht, der zuerst das Wort
sprach: »Die Ehe ist das Grab der Liebe«. Die Liebe ist ja das freieste
Gefühl, das unserer Seele gegeben, und jeder Zwang -- und als solcher
ist die Ehe vom Standpunkt der Liebe nur aufzufassen -- muß diese
Freiheit lähmen, einengen und bedrücken. Von der Prostitution rede ich
nicht. Sie ist das schmachvolle Kainszeichen, das unsere Zeit sich
selber aufgedrückt hat. Bleibt -- die freie Liebe. Aber auch hier, wo
wir eigentlich den Inbegriff der heißen, schrankenlosen Liebesglut
finden müßten, ist davon wenig zu merken. Selten ist es wirklich die
Liebe, die »_zwei Menschen die müssen_« zueinander treibt. Meist sind es
der Leichtsinn, die Laune, die Eitelkeit und die Vergnügungssucht, die
ihr gewichtiges Wort mitsprechen.

In jedem Falle ist die Liebe heutzutage ein Opfer, das die Frauen
bringen. Unsere ganzen verkehrten Anschauungen haben die Liebe dazu
gemacht und wenn es in diesem Schritt weiterginge, so würde man bald
überhaupt nicht mehr wissen, was Liebe ist. Unsere Seelen scheinen für
die Schwingungen der Liebe eben nicht mehr empfänglich zu sein; die
Seele hat die Sensibilität dafür verloren, und unser Seelenapparat muß
erst wieder darauf gestimmt werden. Und auch _diese_ Zeit wird kommen.
Mit eilendem Schritte gehen wir der Zeit entgegen, wo für den Menschen
die Arbeit nicht Arbeit, sondern nur Lust, Zerstreuung und Erholung sein
wird. Die Lebensbedingungen werden sich so gewaltig verändern, daß uns
um unsere »Versorgung« nicht mehr bange sein wird; die Herzensfragen
werden daher keine Magenfragen mehr sein, und die Schwingungen der Liebe
werden wieder gefühlt, gesehen und verstanden werden. Die Liebe ist ja
weiter nichts als das Resultat einer Anziehungskraft und infolgedessen
auch denselben Gesetzen unterworfen wie diese. So wie der Mond durch die
nähere Erde mehr angezogen wird, als durch die entferntere mächtige
Sonne, so wird ein Mann durch ein in seiner Nähe weilendes liebliches
Geschöpf natürlich mehr angezogen, als durch ein anderes Wesen, dem er
und das ihm ferner bleibt, von dem er sich aber unter anderen
Verhältnissen weit stürmischer angezogen fühlen würde, als durch das
erste. Den Gesetzen der Anziehungskraft zufolge kann nun das Herz
gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen angezogen werden. Es gibt
keinen Himmelskörper, der nicht zu kleinen Abweichungen von der ihm
zugewiesenen Bahn gezwungen würde, die man Störungen nennt. Bei uns im
menschlichen Leben werden diese Störungen Sünde genannt, Verrat und
Betrug. Die Flammen der Liebe gehen dann in die Flammen der Eifersucht
und des Hasses über, und bald suchen die einen, den geliebten Gegenstand
wieder zu umfassen und zu umhüllen, bald lodern sie zuckend zurück, weg
von dem Gegenstand des Hasses und Abscheus! In jener kommenden Zeit aber
-- wird es keine Eifersucht mehr geben und daher auch keine
Liebestragödien.

Man wird die Radioaktivität der Seele und ihre Wechselwirkung
aufeinander sehen und messen können. Man wird die »Flammen der Liebe«,
von denen unsere Dichter so lange schon geträumt und gesungen haben,
einander in heißer Sympathie entgegenschlagen sehen und wird genau _den_
Grad der Sympathie und der Liebe aus dem stürmischen einander
Entgegenlodern der Flammen oder dem ruhigen in einander Uebergehen
derselben erkennen können, und niemand wird _mehr_ Liebe verlangen, als
des anderen Herz für ihn zu empfinden und als des anderen Herz ihm
selber zu geben vermag. Der Fall ist ja nun allerdings denkbar, daß die
Flammen des Herzens einem und demselben »Gegenstande« von zwei Seiten
zulodern, daß sie selber aber nur nach einer Seite hin sich gezogen
fühlen. Dann wird sich der, dessen Flammen unerwidert nach des andern
Gluten reichen, ruhig bescheiden, denn allmählich legen sich ja auch die
heißesten Flammen, und des Dichters Wort bleibt auch für die Zukunft
bestehen: »es ist die Zeit das Oel, das all die wilden Wogen unseres
Herzens glättet«. Natürlich werden und müssen sich bei dieser
Erkennbarkeit oder Sichtbarkeit der Liebe auch alle unsere Anschauungen
über diese ändern. Ein Vortäuschen und Vorspiegeln von Liebe wird es
nicht mehr geben können. Treue in unserem Sinne des Wortes wird man
weder mehr verlangen noch wollen, aber ebensowenig wird der Betrug
möglich sein. Man wird einander gehören, solange die Sympathie da ist,
und wird sich trennen, sobald sie im Erlöschen ist; trennen in guter
Freundschaft, in freudigem Erinnern an das, was man sich gewesen ist. An
die Stelle der Ehe wird die Gemeinschaft getreten sein, die so lange
dauern wird wie die Seelengemeinschaft besteht. Denn ein einander
Angehören _ohne_ das Fortbestehen dieser Gemeinschaft der Seele ist
Prostitution, und Prostitution wird es _dann_ nicht mehr geben. In gar
keiner Hinsicht. Man wird aber andererseits auch seine Liebe nicht
verbergen. Vor niemandem schon aus _dem_ Grunde nicht, weil man sie
nicht wird verbergen können. Man wird aber nicht wie jetzt laut
ankündigen: »ich will mich in nächster Zeit oder in einem oder in zwei
Jahren mit dem oder jenem vereinen«, und wird noch weniger allen guten
Freunden und Bekannten und Verwandten feierlichst Nachricht geben, ich
werde heute oder an dem und dem festgesetzten Tage mich dem von mir
Auserwählten hingeben, sondern man wird es nicht für möglich halten, daß
in einem Zeitalter, das sich für gesittet hielt, so etwas Brauch sein
konnte; ebenso wie wir den Kopf darüber schütteln, daß im Mittelalter
sogar das Beilager als Krönung der Hochzeitsfestlichkeiten öffentlich
stattfinden durfte. In solch einer Sittenroheit, die die feinsten,
heißesten Seelenregungen öffentlich preisgibt, wird das Jahrhundert der
Zukunft nicht mehr befangen sein. Niemand wird wissen, wann und wo sich
ein Paar angehört hat, das zu einander gehört, und er wird einfach die
Tatsache vermerken, daß zwei eine Gemeinschaft geschlossen haben, die
auf der Harmonie der Seelenschwingungen beruht. Denn, wie gesagt, einen
anderen Grund wird es nicht mehr geben und nicht geben können, und die
niedrigen, materiellen Gründe von heute werden nicht bestimmend sein
können, weil ihnen der Boden der Notwendigkeit fehlen wird.

Ein anderes wichtiges Moment aber wird schwer in die Wagschale fallen:
Die _Kinder_. Heutzutage gilt es häufig noch als anstößig, Mädchen
wissen zu lassen, daß der Zweck der Ehe die Kinder sind, obwohl Gott sei
Dank die sexuelle Aufklärung sich in unserer Erziehung immer mehr Bahn
bricht; die ganz aufgeklärten, hypermodernen Braut- und Eheleute
schwören dagegen auf Kinderlosigkeit und suchen späterhin den
Kindersegen auch wirklich tunlichst einzuschränken. Auch das hat seine
Begründung in unseren heillosen ökonomischen Verhältnissen, in denen die
Existenz nur weniger so gesichert ist, daß sie den Kindersegen nicht als
direkte Schädigung ihrer Vermögenslage auffassen müssen. Andererseits
aber hat sich auch in jenen Kreisen, denen es nicht gerade darauf
ankommt, die Ansicht befestigt, daß es nicht zum guten Ton gehört, mehr
als zwei Kinder zu haben. In Newyork wird aus den Kreisen der oberen
Zehntausend die geradezu köstliche Geschichte kolportiert, daß Mrs.
Astor sich über Mrs. Gould (beide bekannte Milliardärinnen) mißbilligend
geäußert habe: »Etwas direkt Böses kann man ihr ja nicht nachsagen, aber
unanständig ist es doch, daß sie so viel -- Kinder hat«. -- In den
kommenden Zeiten, den Zeiten, da die Liebe sich auf sich selbst und
somit auch auf ihren Zweck besinnen wird, wird eine solche, sei es
selbst erfundene, Anekdote nicht gut möglich sein. Denn da werden nicht
nur die Mädchen, nicht nur die Frauen, sondern vor allem die _Mütter_ in
hohem Ansehen stehen. Die Mütter werden eine besondere Ehrenstellung in
der Gemeinschaft der Menschen einnehmen. Natürlich wird es dann die
große Ambition der Mädchen sein, Mütter zu werden, und die der Frauen,
gesunde, schöne und begabte Kinder zu gebären. Und es wird auch ein
Nachwuchs erstehen, der an Kraft, Schönheit und Geist weitaus alles
übertreffen wird, was wir heute als solche bewundern. Denn unser
Geschlecht ist, namentlich nach der Seite der Seele und des Geistes hin,
ganz gewaltig im Erstarken begriffen. Ein gesundes Geschlecht bereitet
sich vor, und da dieses Geschlecht nur Kinder der Liebe erzeugen wird,
nicht auch wie wir Kinder der Pflicht, so werden in erhöhtem,
verfeinertem, vergeistigtem Maße alle die Eigenschaften des Vaters und
der Mutter auch auf sie übergehen und in potenzierter Kraft in ihnen zum
Ausdruck gelangen. Das aber kann, wie gesagt, mit Sicherheit nur
geschehen, wo die Liebe den Bund geflochten hat. Die Natur selbst
verlangt, daß die Rechnung stimme und die Anziehung eine gegenseitige
sei, weil nur so der Zweck erreicht werden kann, den sie sich mit der
Liebe gesteckt hat. Der Geschlechtstrieb hat allerdings die Aufgabe, das
menschliche Geschlecht zu erhalten, die Liebe aber hat die Aufgabe, es
zu veredeln. Die Liebe ist die Zuchtwahl in edlerem Sinne und nur in
diesem veredelndem Sinne wird die Liebe künftig geübt werden. Wir in
unseren, von Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit regierten Verhältnissen
sind davon weit entfernt und sind im Gegenteil in dem Begriffe der Liebe
derart verroht, daß uns sogar das Urteil über das Vernünftige im
Haushalte der Natur abgegangen ist, und daß -- was viel, viel schlimmer
ist -- unsere Zeit Lüstlinge und Wüstlinge herangebildet hat, deren
Opfer zu Tausenden und Abertausenden ihrem Dasein fluchen.

Auch mit unseren Begriffen von Schande und Ehre stehen wir derart im
Banne starrer, längst als falsch und verächtlich erkannter, trotzdem
aber noch immer zu Recht bestehender gesellschaftlicher Dogmen, daß wir
ein Mädchen fallen lassen, weil es Mutter geworden ist, und das Kind
zugrunde gehen lassen, weil es die unglaubliche Frechheit hatte, sich
erzeugen zu lassen!! Und keiner denkt daran, welche Menschenwerte in
diesen Kindern verloren gehen. Denn -- ich erwähnte es früher schon
flüchtig -- gerade die sogenannten Kinder der Liebe, bei deren Entstehen
vielleicht wirklich die Liebe, in den meisten Fällen aber zumindest das
Liebesbedürfnis und das Temperament mitgewirkt haben, die geistig
veranlagtesten sind, gerade so wie bei unseren Ehen das erstgeborene
Kind meistens das gewecktere ist. Und das erinnert mich an ein
chinesisches Sprichwort. Dieses Sprichwort lautet: »Das erste der
Arbeit, das zweite der Schönheit, das dritte dem Geist«. Das erste,
zweite und dritte Kind nämlich. Das würde nun allerdings dem, was ich
früher gesagt habe, widersprechen, aber -- in China und überhaupt im
Osten ist das mit der Ehe und Liebe ganz anders als bei uns. Ein Chinese
selber setzte mir in Frisko den Unterschied einer europäischen und
asiatischen Ehe in folgender drastischen Weise auseinander. »_Ihr_ füllt
den Teekessel, zu dem ihr euch hinsetzt, gleich mit heißem, glühendem
Wasser, und immer mehr und mehr kühlt der Tee sich darin ab, bis er ganz
kalt wird und ihr keine Freude daran haben könnt, wir aber setzen das
Wasser kalt auf und zünden dann erst das Flämmchen an, das das Teewasser
allmählich durchwärmt, bis er schließlich den Grad von Wärme erreicht,
der es zu einem uns angenehmen, anregenden und durchwärmenden Getränk
macht.« Und der Mann hat mit seinem Vergleiche, so wie die Dinge heute
stehen, leider, von seinem Standpunkt aus, recht, aber -- sie werden
anders werden, ganz anders. Bei uns ebenso wie dort. Bei uns natürlich
zuerst. Die Kinder, die die Liebe gezeugt hat, werden nicht mehr die
Parias der Welt sein, denn es wird keine anderen mehr geben, und eine
einzige große Liebe wird alle diese Kinder umfassen, die Liebe der
Menschheit. Keines der Kinder aber wird um dessentwillen, weil es auf
die Welt kam, seelisch, moralisch und physisch verkommen müssen, sie
alle werden sich sonnen in dem Glück ihrer Kindheit, und es wird keinen
Vorzug der Geburt mehr geben, weil es keinen Makel einer solchen mehr
geben wird. Es wird das Reich der Liebe sein, der großen, unendlichen,
allumfassenden Liebe, und man wird über unser Jahrhundert als das
Jahrhundert der Lieblosigkeit, Grausamkeit und Härte stillschweigend
hinweggehen.



                         Baronin von Hutten.
                        Die Mutter von einst.


                        Die Mutter von einst.
                       Von Baronin von Hutten.

Es gab eine Zeit, in der man Mütter nur aus dem einzigen Grunde
verachtete, weil sie Mütter geworden waren. Doch man verachtete nicht
alle. Aber einige davon und gerade die, die der Stimme der Natur allein
gehorchend und sich nicht um die banalen Gesetze der Gesellschaft
kümmernd, die den höchsten Beruf erreicht hatten, den ein Weib überhaupt
zu erreichen vermag. Diese wurden verurteilt, verfemt und geächtet;
diese wurden aus der Gesellschaft als unwürdig ausgeschlossen, diese
wurden womöglich hinausgestoßen in Verzweiflung, in Elend und Schande,
denn sie hatten _einen_ Makel an sich:

                    _Den Makel der Mutterschaft_,

und schleppten ihn das ganze Leben lang mit sich fort. Es gab solch eine
Zeit, und es war eine sittlich erbärmliche, verkommene Zeit, die der
Heuchelei voll war. Denn in dieser Zeit galt die Liebe nichts, galten
die Impulse der Natur nichts, die alle eingezwängt waren in den
schnürenden Panzer wahnwitziger gesellschaftlicher Lügen und Vorurteile,
die man zum Gesetz erhoben hatte. Und nicht nur die Mutter wurden
verfemt, auch auf den Kindern -- merkt wohl auf -- lastete zeitlebens
der _Makel ihrer Geburt_, und sie hatten unter ihm zu leiden schwer,
schwerer noch als der Galeerensklave unter der Kettenkugel des Bagno.
Ja, es gab diese Zeit, und das war eine böse, grausame Zeit, die der
Ungerechtigkeit und Unvernunft voll war. Aber diese so häßliche Zeit
kannte doch _auch_ die Achtung vor Müttern. Sie neigte sich tief vor
_den_ Müttern, die mit _dem_ Manne, mit dem sie nicht im Herzen eins,
wohl aber im Range und der »Geburt« eins waren, und dem sie sich nicht
aus Liebe, sondern nur aus kühlster Berechnung, vielleicht sogar mit dem
Ekel des Herzens hingegeben hatten, um Mütter zu werden, vor _diesen_
Müttern neigte sie sich und pries sie und lobte sie, vorausgesetzt, daß
sie -- nicht zu oft Mutter wurden. Ja, es gab solch eine Zeit, und es
war eine verwerfliche Zeit, eine Zeit, auf die wir zurückblicken als auf
eine Zeit, die uns unbegreiflich, unfaßbar ist, und vor der uns graut
und ekelt. Denn wir schreiben ja jetzt das Jahr 2010, und diese Zeit, in
der das Höchste im Weibe so erniedrigt und so in den Staub gezerrt
wurde, liegt hundert Jahre zurück. _Nur_ hundert Jahre, ja, nicht einmal
so viele. Viel, viel weniger noch. Und in diesem kurzen Zeitraum, welch
ein wundervoller Wandel, der _unsere_ Zeit förmlich

                      _zum Zeitalter der Mutter_

gemacht hat.

Mutter! Kein herrlicheres Wort hat bisher noch die Sprache geschaffen.
Keinen herrlicheren Begriff hat ein Wort jemals gedeckt. Kein größeres
Mysterium hat die Natur jemals hervorgebracht. Neigt Euch, Ihr Frauen
und Männer, neigt Euch, ihr Jungfrauen, die Ihr Euch nach der
Mutterschaft sehnt, vor dem Weibe, das schon Mutter geworden. Drängt
Euch, Ihr Kinder, um sie, denn nur sie kann Euch verstehen, nur sie, die
in dem Stolze einhergeht, ein Wesen wie Euch geschaffen zu haben, ein
Wesen, bestimmt, die Menschheit emporzuführen bis zu dem weit, weitab
liegenden Ziele der Vollkommenheit.

Auch damals schon, in jener häßlichen Zeit, von der ich früher
gesprochen,[5] nährte man den Keim, die Ahnung der Mutterschaft in dem
Kinde. Man gab ihm in richtiger Erkenntnis seines künftigen großen
Berufes Puppen in die Hand und ließ es Kind und Mutter damit spielen,
ja, man ging sogar schon so weit, eigene Schulen zu errichten, in denen
man das Kind, in dem man die künftige Mutter schon sah, ahnte oder sehen
wollte, in denen man dieses Kind unterwies, seine Puppen als wirkliche
Kinder zu behandeln, zu behüten und zu betreuen, und in denen man
künstlich für die Puppen alle jene »Lebens«lagen schuf, in die ein Kind
später vielleicht kommen konnte, so z. B. Krankheiten, Unfälle und
allerlei Ereignisse, die eben das Leben ausmachen, und in die sich das
Kind so hineinzufinden und hineinzuleben erlernte.[6] Dann aber -- wenn
die Ahnungen wirklicher Mutterschaft in dem zur Jungfrau heranblühenden
Kinde erwachten, zerstörte man wieder die Saat, die man vorher gestreut,
zerstörte den Keim, der sich aus dieser entwickelte und zerstörte damit
alles, was man geschaffen, eine Verwirrung in dem Gefühlsleben des
Kindes hervorrufend, die die größten Sinnes- und Gewissenskämpfe zur
Folge hatten. Die Natur wurde unterdrückt, ihr Geschrei durfte kein Echo
in dem Herzen der heranwachsenden und herangewachsenen Mädchen mehr
finden, die ehernen Gesetze der Konvention, die Gesetze der
»Gesellschaft« hatten die Forderungen und Gesetze der Natur zu
Verbrechen und Vergehen gestempelt. _Das_ war die Kultur jener Zeit, die
Kultur, die wir heute nicht mehr begreifen.

[Fußnote 5: Gemeint ist das Jahr 1909, das soll nochmals ausdrücklich
betont werden.]

[Fußnote 6: Solche Puppenspielschulen wurden in London errichtet und in
vielen englischen Städten jetzt nachgeahmt.]

Mutet es uns nicht unfaßbar an, daß in jener Zeit die zartesten Regungen
des Herzens und des Temperaments geradezu mit Stolz an die
Oeffentlichkeit gezerrt wurden? Daß es »Verlobungen« gab, durch welche
aller Welt mitgeteilt wurde, ich, das bisher keusche Mädchen, habe
beschlossen, mich diesem und diesem Manne hinzugeben? Aber nicht heute,
nicht wenn die Natur, wenn die heiße Liebe mich dazu drängt, mich dem
Geliebten selig und beseligend in die Arme zu werfen, sondern in einigen
Monaten, in _einem_ Jahre, an dem und dem Tage und zu der und der
Stunde? Erinnert das nicht an jene barbarischen, schamlosen Zeitalter,
in denen das erste Beilager sogar öffentlich und mit gewissem Prunke
gefeiert wurde? Und weitab war man in jenen seltsamen Zeiten, die nur
hundert Jahre fernab von uns liegen, auch tatsächlich nicht, denn auch
_der_ Tag, der festgesetzt war für »das Opfer, das die keusche Scham der
Liebe bringt«, wurde prunkvoll begangen, und der heilige Bund wurde in
heimlicher Stille, unbemerkt und unbelauscht von jedermann, geschlossen,
nein, man wies selbst durch allerlei prunkvolle Zeremonien darauf hin,
und forderte niedrige Menschen dadurch heraus, schamlosen, unreinen
Gedanken hämischen Ausdruck zu geben. Wie ganz anders heut! Sich selber
unbewußt, sinken die Liebenden, von heißer Sehnsucht übermannt, sich in
die Arme, und im Kusse der Liebe wird der heilige Bund wortlos und
zeugenlos geschlossen. Im übrigen wurde auch damals mehr als _ein_ Bund
auf diese Art geschlossen. Wer's aber tat, der war für immer gerichtet,
der hatte sein Recht auf die Gesellschaft für immer verloren! Außerdem
war der Bund, der »nach den Gesetzen«, also unfrei, geschlossen wurde,
sehr schwer nur lösbar. Die Liebe wurde also förmlich für's ganze Leben
durch Unfreiheit bezahlt. Das freieste aller Gefühle wurde in Fesseln
geschlagen und zu einem Zwang umgewertet. Was Wunder, daß man an andere
Münze dachte, die Liebe, die man brauchte, zu bezahlen, und daß die
größte Schmach, die je die Welt gekannt hat, daß die Prostitution
geschaffen, gestärkt und großgezogen wurde. Was Wunder, daß der Zwang
die Liebe gar oft in ihr Gegenteil verkehrte, und die liebeleer
gewordenen Herzen, die sich nach einer Liebe sehnten, diese suchten und
sich ihr ergaben. Damit aber . . . damit hatten sie sich abermals gegen
die Gesetze der Gesellschaft vergangen und verfielen wieder dem Spott
und der Mißachtung. Freilich nicht immer. Denn da die Menschen damals
nicht gleich in allen ihren Rechten waren, half der »Rang« auch über
diese »Mißachtung« hinweg.

Was Wunder, daß in einer solchen Zeit die Mütter nicht jene Achtung,
nicht jene große, berechtigte Vorzugsstellung genossen, wie heute, wo
wir glücklicherweise dem Jahre 1909 um hundert Jahre voraus sind. Damals
gab es mehr Kinder, heutzutage gibt es mehr Mütter. Dieser scheinbare
Widerspruch findet in den veränderten Verhältnissen seine Erklärung.
Damals war seltsamerweise nicht für jeden Menschen gesorgt. Damals hatte
wohl jeder die _Pflicht zu leben_, nicht aber das Recht. Damals mußte,
um sich lieben zu »dürfen«, ein eigener Hausstand gegründet werden, was
von Jahr zu Jahr _teurer_ wurde, so unerschwinglich teuer, daß die
Frauen und Mädchen, die sich keinen Mann _kaufen_ konnten (durch ihre
Mitgift, ihren Erwerb, ihre Stellung), auch keinen oder nur sehr schwer
einen fanden. Viele von diesen hielt die Scham zurück, sich einem Manne
hinzugeben, selbst wenn man ihn liebte. Dadurch entstand ein seiner ihm
von der Natur gegebenen Bestimmung entzogenes Wesen, das man »die alte
Jungfer« nannte, und das merkwürdigerweise deshalb, weil es sich den
Gesetzen der Gesellschaft fügte, den leisen oder lauten Spott dieser
selben Gesellschaft erfuhr!! Hunderttausenden von Frauen[7] wurde es so
unmöglich gemacht, zu Müttern zu werden. Dafür trugen die staatlich und
gesellschaftlich anerkannten »Ehen« viel dazu bei, den Kinderreichtum zu
vermehren, denn durch das gezwungene Zusammenbleiben wurde die Liebe
eine Sache der Gewohnheit, und die Gemeinschaft bestand ruhig auch
zwischen _nicht_ harmonierenden, einander gleichgiltigen, ja sich
hassenden und verachtenden Eheleuten aufrecht. Heutzutage haben unsere
Frauen den richtigen Instinkt. Sie fürchten den Umgang mit Männern,
denen sie schon ein Kind geschenkt haben, während die Mädchen gerade den
bewährten, reiferen Männern den Vorzug geben, ein Prinzip, das damals
schon für richtig anerkannt wurde, aber nur -- in der Aufzucht der
Tiere. Die Aufzucht der Menschen aber, das hat _unser_ Jahrhundert, das
einundzwanzigste, glücklich erkannt, die Aufzucht der Menschen ist doch
ein gut Teil wichtiger noch. Und da es heutzutage _nicht_ als eine
Schmach gilt, Mutter zu werden, sondern als der größte Stolz, es zu
sein, besteht selbstverständlich die größte Ambition unserer Frauen
darin, ein gesundes, schönes und begabtes Kind zu gebären. Daher
schwärmen unsere Mädchen weit häufiger für Männer, welche das dreißigste
Jahr überschritten haben, als für jüngere Elemente. Es war nun damals
schon erwiesen, daß Kinder der Liebe im allgemeinen weit geweckter,
stärker, kräftiger und gesunder waren, als jene Kinder der Pflicht, die
eine Folge jener seltsamen Eheverhältnisse waren. Bei uns nun sind alle
Kinder Kinder der Liebe, selbst wenn -- was nur vereinzelt vorkommt --
_einem_ Paare mehr als _ein_ Kind entstammt. Denn welche Frau würde ihr
Leben (und das tut sie bei jeder Geburt) für einen Mann aufs Spiel
setzen, den sie nicht liebt? Keine. Aber nicht eine. Und darum sind
unsere Kinder so geweckt, so kräftig, so durch und durch nur gesund, und
darum vervollkommnet sich unser Geschlecht von Tag zu Tag, ich möchte
sagen von Stunde zu Stunde. Freilich nicht darum allein. Auch die
Wissenschaft hat uns neue, wunderbare Kräfte erschlossen, die auch
beigetragen haben, das Menschengeschlecht zu veredeln. Die Hauptsache
aber sind doch immer die Eltern. Vor allem die Mutter. Von _dem_
Augenblick an nun, da sie Mutter geworden, hört sie auf, als solche
Pflichten zu haben und genießt nur deren Rechte. Da nämlich jedes Kind
das gleiche Anrecht hat, nach allen Errungenschaften der Wissenschaft
aufgezogen zu werden, es aber unmöglich ist, diese Errungenschaften
jedem individuell zukommen zu lassen, so werden die Kinder der Mutter
abgenommen und mit Kinderwartung und Kinderpflege vertrauten Müttern
übergeben, die den entsprechenden, wundervoll eingerichteten
Kinderanstalten vorstehen, in denen die Entwicklung eines
Krankheitskeimes geradezu ausgeschlossen ist. Kinderkrankheiten,
Epidemien also, die in früheren Jahrhunderten und Jahrzehnten die Kinder
zu Millionen dahingerafft haben, sind ausgeschlossen, ebenso wie es
ausgeschlossen ist, daß Kinder darben und an Nahrungslosigkeit oder
schlechter Nahrung zugrunde gehen. Es ist aber für jedes Kind
gleicherweise gesorgt. Wohl aber ist es den Müttern erlaubt, ihre Kinder
zu bestimmten Stunden des Tages und zwar viermal täglich selber zu
nähren. Dadurch wird den Kinder die ihnen von der Natur zugedachte
Nahrung zugeführt, gleichzeitig aber verhindert, daß die Kinder schlecht
gewöhnt oder überernährt werden, was in früheren Zeiten sehr häufig der
Fall war, da auch jedes Schreien der Kinder durch die Muttermilch
»gestillt« wurde. Solch eine verständnislose Ernährung hat aber nicht
wenig dazu beigetragen, die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer der
Kinder zu erhöhen, oder aber die Erziehungsfähigkeit der Kinder zu
vermindern. Denn bei uns beginnt die Erziehung mit dem ersten Tag.
Dadurch nun, daß die Erziehung nicht den Müttern überlassen bleibt, sind
auch die Gefahren vermieden, die in der mütterlichen Erziehung früher
oft lagen. Und diese Gefahren waren keine geringen, denn wenn _eine_
Liebe blind ist, so war es und ist es zum Teil noch heute die
mütterliche gewiß. Wie jeder Mensch, jeder Künstler _das_ Werk, das er
selber geschaffen, für das beste hält, so hält zweifellos jede Mutter
ihr Kind für das beste und liebste und schönste, und die Schwachheit der
Mutter gegen dieses ihr Werk hat mehr Schaden geschaffen als Nutzen.
Sehr viele Knaben sowohl wie Mädchen haben sich jenem »Kampf ums
Dasein«, von dem wir heute glücklicherweise nur vom Hörensagen noch
wissen, der aber in den früheren Zeiten die Individuen förmlich
zerrieben hat, nicht gewachsen gezeigt, weil sie von ihren Müttern zu
»Muttersöhnchen« erzogen, in ihrem Charakter nicht gefestigt und in
ihrer Widerstandsfähigkeit lahmgelegt waren. Das ist ja nun anders. Der
Kampf ums Dasein hat dank der sozialen Einrichtungen, die unser
herrliches neues Jahrhundert eingeführt und getroffen hat, aufgehört zu
bestehen. Jeder, der lebt, hat als Teil der Gesamtheit auch Teil an der
Gesamtheit. Die Arbeit ist nicht zur bitteren Lebensnotwendigkeit,
sondern zur Lust und zur Freude geworden, und die Mütter nehmen an
dieser Freude teil, wie sie früher am Spiel ihrer Kinder teilgenommen
haben. Denn die Arbeit ist Spiel. Sie wird von Anfang an als Spiel nur
gelehrt, als Spiel nur geübt, und es gibt daher keine Unlust zur Arbeit,
zumal jedes Kind nur das arbeitet oder spielt, was es arbeiten will. Die
Haupterziehung richtet sich nun danach, des Kindes Wollen auf das nur zu
richten, was es auch erreichen kann, und was ihm durchzuführen möglich
ist. Dem Geiste des Kindes diese Richtung zu geben, ist nun vornehmlich
die Sache der Mütter, da sie ja durch die angeborene Intuition der
Mutter am ehesten imstande sind, die geheimsten Seelenregungen des
Kindes zu erkennen und seine Neigungen und Wünsche kennen zu lernen. Der
Hauptstolz der Mutter wird es nun sein, um _ihrem_ Kinde im Wettstreit
des Arbeitsspiels die Palme zuerkannt zu sehen, die Geistesrichtung
ihres Kindes zu erforschen und es auf dem eingeschlagenen Wege zu leiten
und zu bestärken. Die Mutter wird die vornehmste Beraterin, der Vater
der beste Freund seiner Kinder werden. Nicht nur seiner freilich,
sondern aller, hauptsächlich aber doch der eigenen. Und die Liebe der
Kinder wird sich allen Müttern, allen Vätern, vor allem aber natürlich
den eigenen zuwenden. Diese Liebe wird aufgebaut sein auf dem großen
Gefühle der großen, echten, grenzenlosen Dankbarkeit. Der Dankbarkeit
für das größte Geschenk, das einem zuteil werden kann, der Dankbarkeit
für _das Leben_. Denn das Leben ist, was es heute ist, nichts als eine
Kette edelster Freuden, und es ist uns unfaßbar, daß es in früheren
Zeiten für die Menschen ein Kampf, für alle ein Fluch war. Die
Geschichte von jenem großen, unglücklichen Mann, der nach schwerer,
grausamer Jugend, in einem Augenblick unerwarteten Glücks, von dem
ungeahnten Wonnegefühl übermannt, seiner Mutter um den Hals fiel und ihr
schluchzend und jubelnd zurief: »Mutter, Mutter! ich verzeihe Dir, daß
Du mir dieses Leben gabst«, erschüttert uns wie alles für uns
unbegreifliche uns erschüttert. Heutzutage aber ist das eine
Unmöglichkeit. Heute ist es das überströmende Dankgefühl, das uns
unseren Müttern gegenüber niemals verläßt. Und aus diesem Dankgefühl
wächst die große Verehrung hervor, die sich fast zu einer Religion
verklärt hat, zur _Religion der Mutter_. In der Mutter hat die Natur ihr
höchstes Wunder vollbracht, und das Gefäß dieses Wunders ist für uns
geheiligt. Natürlich fällt ein Abglanz von diesem Strahle auch auf die
Liebe, die nicht mehr in den Staub und Kot getreten wird, wie dies noch
im vergangenen Jahrhundert der Fall war, sondern die als die einzige von
der Natur gewollte, von der Natur geheiligte Wandlung zum hehren Berufe
der Frau, zum Berufe der Mutter aufgefaßt wird. Nie wagt sich daher
mehr, so wie einst, schmähliche Nachrede an ein Paar, das sich liebt,
nie heftet sich an dessen Sohlen Spott, Niedertracht und Verachtung,
denn jeder weiß, daß echte Liebe jederzeit rein ist, und daß die Natur
sie will und verlangt. In unserem Jahrhundert gilt nur das, was die
Natur von uns fordert. Nur ihren Satzungen folgt man, denn die Natur ist
zum Gesetze der Menschheit geworden. Eine Zeit des Lichts ist
angebrochen in allem und jedem, eine Zeit glänzenden alles überflutenden
Lichts, in welchem am hellsten _eines_ erstrahlt, das Licht der
Mutterschaft und der Liebe.

[Fußnote 7: Das Mädchen gibt es zurzeit nach einem bestimmten Alter
nicht mehr.]



                   Alexander von Gleichen-Rußwurm.
                   Gedanken über die Geselligkeit.


                   Gedanken über die Geselligkeit.
                 Von Alexander von Gleichen-Rußwurm.

Die meisten Träumer und Verfasser utopischer Weltbilder verirrten sich
in einem Wald politischer Ideale und vertraten den Standpunkt, daß
Staatsverfassungen, Gesetze, öffentliche Einrichtungen, den Kern des
Lebens ausmachten. Alle diese Dinge umgeben uns wie die Landschaft,
wirken wohl ab und zu auf die Stimmung, bilden einen Gesprächsstoff,
greifen aber in das eigentliche intime Dasein nur in außergewöhnlichen
Fällen ein und dann meist auf unangenehme, störende Weise. Vielleicht
trägt gerade das störende Element dieser Eingriffe die Schuld, daß bei
allen Zukunftsträumereien eine durchdringende Veränderung der
öffentlichen Verhältnisse hauptsächlich ins Auge gefaßt war. Von Plato
bis Bellamy und Laßwitz, der die Erdbewohner mit den Marsleuten in
Verbindung brachte, haben die Autoren soziale Märchen erzählt und die
Frage ausgeschaltet oder höchstens gestreift, ob sich seine anmutige
Geselligkeit in den neuen Zustand der Dinge einfügen könne.

Die »große« und die »schöne« Welt, wie nach französischem Beispiel die
Kreise genannt werden, in denen man sich unterhält oder wenigstens
unterhalten soll, haben noch jeden Umsturz überdauert und tauchten immer
aus der Unordnung gewaltsamer Katastrophen empor, sobald nur ein wenig
Ruhe eintrat und ein bißchen Ordnung Platz schaffte. Es ist merkwürdig,
wie gering die Einwirkung großer, historischer Ereignisse auf das
tägliche Leben und seine Sitten ist. Nur langsam ändern sie sich infolge
bahnbrechender Erfindungen, indem sich die Gesellschaft die Arbeit der
Gelehrten zunutze macht, sobald sich die Industrie ihrer bemächtigen
konnte. Die Leichtigkeit, mit der wir uns fortbewegen, die
Schnelligkeit, mit der fremde Genüsse eingeführt werden, die Billigkeit
angenehmer Dinge tragen viel bei zum Wechsel der moralischen
Anschauungen, unter denen die Geselligkeit seit alters steht.

Der harmlose Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern ist der
Angelpunkt jeglicher Geselligkeit. Ob anmutiges Gespräch und sinnig
heiteres Spiel, ob der Tanz oder die Karten, ob schließlich ein Sport
diesen Verkehr beherrscht, entscheidet vorübergehende Mode. Der
Charakter unserer Entwicklung, der auf starker Individualisierung
beruht, läßt dahin schließen, daß in einem Jahrhundert -- je nach
Geschmack der einzelnen Kreise -- die verschiedensten Unterhaltungen
nebeneinander ihr Recht behaupten und daß die strengen Gesetze, die
heute eine sogenannte herrschende »Koterie« vorschreibt, bei steigender
Kultur an Bedeutung verlieren. Anmutig feine Geselligkeit, die aus
Memoiren und Briefen noch einen Abglanz auf spätere Zeiten wirft, war
immer selten und auf wenig Auserlesene beschränkt. Daß die Zahl dieser
Auserlesenen sich vermehrt, ist wünschenswert und wahrscheinlich, denn
ein Rundblick über Literatur, Kunst und Kunstgewerbe zeigt eine
Sehnsucht nach heiter ausgefüllter Muße, wie sie nur vornehm froher
Verkehr im Salon gewähren kann.

Aber unser allgemein anerkanntes Nützlichkeitsprinzip -- höre ich sagen
-- widerspricht solch rosafarbenem Optimismus, der im Jahrhundert der
Arbeit einen Triumph der großen und der schönen Welt prophezeit. Und ein
gelehrter Freund erzählt mir von Madachs berühmter »Tragödie des
Menschen«, deren Zukunftsbilder zu meiner leichten Plauderei in
schärfstem Widerspruch stehen. In dieser tiefen Dichtung ist ein Staat
entworfen, der das Prinzip absoluter, nüchterner Nützlichkeit endgültig
zum Sieg brachte. Alles ist durchaus sachlich und praktisch geordnet,
Phantasie, die gute Fee, die einst zu Spiel und Vergnügen geleitete, hat
den Menschen verlassen und alles, was einst den Schönheitsdurst stillte,
gehört zum vergessenen Plunder. Es ist mit Etiketten versehen, in einem
Museum gesammelt und wird den Kindern gezeigt. Alle Ueberflüssigkeiten
des Lebens sind darin, die Erinnerungen an harmlosen Verkehr, auch die
letzte Rose, denn die ausgenutzte Erde hat keinen Platz mehr für solches
Zeug. Diesem düstern Bild halte ich aber die schöne Wirklichkeit
entgegen, in der die Blumen mehr Platz einnehmen denn je, und in der
vornehmer, geselliger Verkehr endlich bewußt von den Gebildeten als
Kulturträger anerkannt wird. Diese Anerkennung verbindet den modernen
Wunsch, die Gegenwart schön und die Zukunft noch schöner zu gestalten
mit dem praktischen Gesichtspunkt, die Dinge in ihrem Gebrauchswert
entsprechend zu behandeln. Die Wichtigkeit des geselligen Lebens als
Bildungsmittel für Geist und Gemüt, als anregende Ruhezeit nach den
Stunden des Erwerbs steht allgemein fest. Aber seine Bedeutung in einer
Zeit, in der alle Anschauungen naturgemäß freier werden, wird meiner
Ansicht nach in einem Jahrhundert noch besser geschätzt sein als heute.
Denn nur der freiwillige Zwang, den edler Verkehr den Gebildeten
auferlegt, mildert die Sitten und schafft ein hohes Kulturbild, wie es
als Ideal den heutigen Aestheten vor Augen schwebt. Ideale werden aber
-- wenigstens zum Teil -- Selbstverständlichkeiten der Zukunft. So ist
es mit der Gedankenfreiheit, mit der politischen Selbstbestimmung, mit
dem gleichen Recht für alle gegangen. So wird es auch sein mit den
Träumereien von einem »schönen« Leben, zu denen vor allem anmutige
Geselligkeit zur Feierstunde gehört.

Der kultursuchenden Gegenwart schweben die »^mondainen^« Verhältnisse
Englands als Beispiel vor Augen. Wir verehren darin die absolute
Sicherheit, mit der die klassische Mahlzeit, der richtige Anzug, die
bestimmte Art des Vergnügens, Ort und Zeit entsprechend gewählt werden.
In hundert Jahren hat wohl die ganze gebildete Welt jene Fehlgriffe
überwunden, die heute den eingefleischten Provinzler, den Parvenü, den
Snob bei großstädtischen Gelegenheiten so possierlich erscheinen lassen.
Man wird in den Regeln des Anstands und der feinen Sitte auch in Kreisen
Bescheid wissen, denen heute die geistige Bildung nicht mangelt, sondern
nur die gute Kinderstube. »Also Uniformierung, keine Originalität mehr,
stilgerecht durchgeführte Langeweile!« wirft mir eine lebhafte Gegnerin
ein. -- Wenn langweilige Menschen im Salon sind, gewiß, aber ich glaube,
daß es weniger langweilige Menschen geben wird, denn sie werden weniger
abgespannt, weniger müde, weniger nervös zusammenkommen und die
ausreichende Freiheit, die beiden Geschlechtern eine neue Weltanschauung
gewährt in bezug auf Moral, Berufswahl und vielleicht Familienleben,
läßt sie den äußeren Zwang eines wohlgeregelten Salons um so angenehmer
empfinden. Die Geselligkeit wird blühen, weil dann gute Manieren so
selbstverständlich sind wie frische Wäsche und alle, die unter Menschen
gehen, sich geistig wie körperlich ein Festgewand anlegen.

Ob dieses Festgewand dem unseren gleicht? -- Wer zurückblättert in den
dicken Bänden der Kulturgeschichte wird eine verneinende Antwort
herauslesen. Mit den äußeren Lebensbedingungen ändert sich der Witz und
das Gebiet, das den Unterhaltungsstoff liefert. Wer nicht durch
historische Studien belastet ist, lacht kaum über die Witze unserer
Vorfahren und würde schwerlich mit Vergnügen an ihren Gesprächen
teilnehmen. Wir können es ebensowenig von den Nachkommen für unsere
Bonmots und Interessen verlangen. Mit der geistigen Toilette ändert sich
aber auch die Tracht. Nach den Bestrebungen der Gegenwart zu schließen,
wird sie immer bunter und prächtiger für die Frau und dürfte auch für
den Mann geschmeidiger und farbiger werden. Da sich unter veränderten
Verhältnissen die Geselligkeit nicht mehr auf die Welt der Müßiggänger
vorzugsweise beschränkt und deshalb auf die Abendstunden fallen wird,
kann sich der künftige Gesellschaftsanzug Farben und Stoffe erlauben,
wie sie ganz moderne Menschen heute vielleicht in kühnen Augenblicken
träumen.

In einer Zeit, in der sich die Verkehrsbedingungen von Jahr zu Jahr
bedeutend verbessern, in der sich aber die Grundlagen eines eigenen
eleganten Haushalts jährlich verschlechtern, tauchen neue Fragen auf für
die Zukunft der Geselligkeit. Der Kommunismus, dessen rohe,
kulturzerstörende Elemente ängstlichen Gemütern meist allein bewußt
sind, hat auch seine reiche, elegante Seite. Leute, die sich zu
unterhalten wissen, lieben es nicht, sich außerhalb ihres Berufs oder
sonstigen Interessenkreises zu plagen. Da nun allem Anschein nach nicht
nur der Mann sondern auch die Frau außerhalb des Haushalts in steigendem
Maße beschäftigt sind, und da fremde Leute, das heißt hauptsächlich
Dienstboten, sich immer weniger zuverlässig erweisen, wächst das
Bestreben, die Bürde der eigenen Wirtschaft abzuwerfen und im frohen,
komfortablen Kommunismus des vornehmen Hotels aufzugehen.

Die offiziellen Feste der großen Welt werden ihren Charakter auch in
hundert Jahren wenig geändert haben. Vertreter der unteren
Volksschichten erscheinen vielleicht zahlreicher als heute, aber ihre
Gegenwart wird noch weniger auffallen, da sie durch die steigende,
verallgemeinerte Kultur gelernt haben werden, sich den feinen Sitten
geselligen Verkehrs einzufügen, aber die kleinen, gemütlichen
Veranstaltungen der schönen Welt, in denen sich immer der lieblichste
Zauber menschlicher Zusammengehörigkeit zeigte, sind in hundert Jahren
wohl hauptsächlich in jenen lichtdurchfluteten, geschmackvoll
eingerichteten Hotelräumen zu finden, in denen der neueste Komfort, die
eleganteste Mode, der Schein des größten Reichtums zu den
Selbstverständlichkeiten gehören. Da knarrt kein Rädchen einer schlecht
geölten Haushaltungsmaschine und stört das Gespräch mit seinem Geräusch,
da schaut die Dame des Hauses nicht mehr ängstlich auf die Diener, ob
sie nichts vergessen und nichts zerbrechen. Die ganze Mühe ist auf
Bestellen und auf Zahlen beschränkt. Ein Privathaus -- es sei denn, daß
ihm vielfache Millionen den Glanz eines Fürstenhofs verleihen -- wird
kaum in der Lage sein, den Anforderungen künftiger verwöhnter
Generationen zu genügen. Wenn ein Teil der Gäste im Luftschiff
heransaust und am Dachstuhl landet, ein anderer durch unterirdische
Bahnen herangeführt aus dem Keller emporsteigt und einige altmodische
Leute vielleicht noch im Auto am Straßentor anfahren, muß überall für
Empfang gesorgt sein. Mit den Erfindungen, die man gebrauchen und
genießen möchte, aber beschränkter Mittel wegen sich nicht dienstbar
machen kann, wächst auch für den geselligen Kulturmenschen der Wunsch
nach Zusammenschluß. So wird der große soziale Gedanke, der im
neunzehnten Jahrhundert gefahrdrohend auftauchte, auch der feinen Kultur
unterworfen, im geselligen Leben unserer Enkel und Urenkel gute Früchte
tragen.

Prophezeien ist zwar eine mißliche Sache, weil man die Grundbedingungen
des gegenwärtigen Zustands nicht verlassen kann und über die Grenzen des
menschlichen Geistes gar nicht Bescheid weiß, aber ein gesunder
Rückblick auf die Vergangenheit ermöglicht, die allgemeine Richtung
festzustellen. Ein kleines Buch »^l'an deux mille^«, das anonym im
achtzehnten Jahrhundert erschien, enthält manche ganz richtige Meinung,
indem es die großartige Entwicklung voraussah, die entdeckte und
bezähmte Naturkräfte später hervorriefen. Damals herrschte das Vertrauen
auf eine allein seligmachende Wissenschaft. Heute hat der Wunsch nach
höchster Kultur sich mit der Sehnsucht vermählt, durch Abwerfen falscher
Zivilisation mit der Natur wieder in innigere Verbindung zu kommen.
Diese erstrebte Harmonie öffnet günstigen Ausblick auf das künftige
Weltbild.

So können wir hoffen, daß schönere und gesündere Menschen im Salon der
Zukunft heiterer Muße pflegen. Doch spätere Zeiten gleichen für uns
einem Spiegel, in dem nichts anderes erscheint, als die Erfüllung der
eigenen Wünsche.



                       Jehan van der Straaten.
               Unterricht und Erziehung in 100 Jahren.


               Unterricht und Erziehung in 100 Jahren.
                     Von Jehan van der Straaten.

Es war einmal ein alter, weiser Mann, der war fast so alt wie die
Spitzen der Berge und noch älter. Und er war so weise und hatte eine
solche Macht, daß ihm alle Feen, Gnomen, Elfen auf einen Wink
gehorchten, so verschieden sie auch in ihrer Art voneinander waren.

Aber mein Gott! Er war schon zu alt, daß er keines jener Wesen mehr
verstand; kein Faun und kein Gnom konnte ihm mehr ein Lächeln abzwingen,
kein Kobold konnte ihn durch seine Streiche ergötzen, keine Fee, so
herrlich und schön sie auch war, konnte ihm noch gefallen, er war schon
zu alt, und das war sehr schlimm, um so schlimmer, als er sich manchmal
doch wünschte, er könne diese Wesen wieder verstehen. Und so dachte er
sich, er würde das Verständnis für sie wieder finden, wenn er sie durch
die Augen des Kindes betrachten würde, und er sagte zu einem der Kinder:
»O, Du liebes, junges Kind, laß mich doch durch Deine Augen sehen.« Und
das liebe, junge Kind sagte: »Warum nicht?« Und da versuchte der alte
weise Mann durch die Augen des lieben, jungen Kindes zu sehen, aber er
vermochte es nicht, denn ihm fehlte das Verständnis für die Seele des
Kindes, durch das dieses mehr sieht als durch sein leibliches Auge. Und
er verstand die Späße der Kobolde und Gnomen und die Schönheit der Fee
und all der phantastischen Gestalten weniger als je, und da wurde er
totbleich und seine Lippen zitterten und seine Hände auch und er sagte:
»Meine Zeit ist um, jetzt bist Du an der Reihe!« Und das liebe, junge
Kind war glücklich und selig, als wäre ihm ein Stein vom Herzen
gefallen.

                   *       *       *       *       *

Es war nicht leicht möglich, besser und eindringlicher als dies _James
Arthur Colton_ in den wenigen Zeilen tat, die ich meinen Ausführungen
voranschickte, die unglaubliche Verständnislosigkeit zu schildern, mit
der unsere Lehrer -- nein, unsere Unterrichts- und Erziehungsmethoden,
den Kindern gegenüberstehen, die sie zu Männern zu machen berufen sind.
In der Zwangsjacke der sogenannten Erziehung verkümmert heutzutage jede
Bewegungsfreudigkeit des kindlichen Geistes, die Phantasie, die das
herrliche Prärogativ der Jugend ist, wird unterbunden, und sie darf um
Gotteswillen ihre Flügel nicht regen, der Gedanke, der hinausschweifen
möchte, Gott weiß in die Ferne und alles erfassen, was ihn wie ein
Mysterium umgibt, wird an die kalten, starren Buchstaben gefesselt, in
dessen Geiste die ganze Erziehung vor sich geht. Statt daß der Lehrer
die Kinder versteht, verlangt man, die Kinder sollen den Lehrer
verstehen, und das allein charakterisiert das ganze Absurde unserer
Unterrichtsmethoden und unseres Erziehungssystems. Es ist kein Zufall,
daß gerade die größten Männer meistens die schlechtesten Schüler waren,
d. h. _die_ Schüler, die sich durch ihren geringeren Fleiß, ihre größere
Unruhe und Lebhaftigkeit, also durch ihr schlechtes Betragen und ihre
Unaufmerksamkeit ausgezeichnet haben, wobei allerdings die Lehrer stets
die gleichzeitig sich zeigende schnelle Denkfähigkeit und das rasche
Erfassen übersehen haben. Gerade alle die gerügten Mängel aber sind oft
-- natürlich nicht immer -- aus dieser großen geistigen Regsamkeit der
Kinder zu erklären. Es ist nicht Sache des lebendigen Geistes, über
einem Buche zu hocken; nicht Sache des Temperaments (und Temperament und
Geist sind im Kinde fast ein und dasselbe) stundenlang auf einem Flecke
zu hocken; es ist nicht seine Sache, immer nur auf die eine Seite des
einen Buches die Blicke zu heften, wo sie hinaus schweifen können,
hinaus, wo es des Schönen und Rätselhaften und Wissenswerten so viel
gibt, nein, nein, das Kind will und muß aus sich selbst heraus, es muß
aufatmen können nach Herzenslust und will mit der eigenen Lunge atmen,
und sich nicht die Luft einblasen lassen, die es einatmen will und
einatmen darf, damit es nur ja nicht Schaden nehme an Leib und an Seele.
Glücklicherweise bricht sich die Erkenntnis von der Verkehrtheit unserer
Erziehungsmaximen immer mehr Bahn, und die Zeit ist wohl nicht mehr
fern, in der das ganze Jammergebäude, das wir »_Schule_« nennen, in sich
zusammenstürzt und auf dessen Trümmern der Tempel der Vernunft glorreich
ersteht. Es wird dazu keiner Revolution bedürfen, sondern die Sache wird
sich ganz von selber ergeben.

Wir Menschen werden nämlich allmählich beginnen, uns daran zu erinnern,
daß uns selber Kräfte innewohnen, die in den meisten von uns völlig
latent liegen blieben, und von deren Vorhandensein wir gar keine Ahnung
haben, ja, deren Bestehen wir bei anderen heut noch als etwas nahezu
Uebernatürliches empfinden. Außerdem werden sich in uns selber jene
Wunder vollziehen, die wir tagtäglich in der Wissenschaft vor sich gehen
sehen. So wie es ganz zweifellos ist, daß wir die Welt und deren Farben
heutzutage ganz anders sehen als die Menschen vor tausenden,
zehntausenden und hunderttausend Jahren sie gesehen haben, so wie unser
Auge erst vor Jahrzehnten vorerst in der Kunst und darauf in der Natur
die violetten Strahlen für sich entdeckt hat, so ist es gar kein
Zweifel, daß über kurz oder lang auch die X- und anderen Strahlen für
uns sichtbar sein werden, und es uns gegeben sein wird, mit unseren
Blicken auch die Materie zu durchdringen. Möglich, daß wir uns dazu noch
besonderer optischer Vorrichtungen werden bedienen müssen, wie wir ja
auch jetzt unser schlechtes oder falsches Sehen mit Brillen korrigieren;
möglich, oder vielmehr sehr wahrscheinlich, daß unser Auge allein die
neuen Fähigkeiten sich aneignen wird. Aber nicht nur unser physisches
Auge wird sich in der angedeuteten Richtung wesentlich schärfen und
vervollkommnen, sondern unser geistiges auch. Es ist ein alter tiefer
Bauernglaube, daß bei der Geburt die Kinder alles Wissen dieser Welt
besitzen. Bevor sie aber so gut sprechen gelernt haben, daß sie's uns
mitteilen könnten, haben sie's auch wieder vergessen. So naiv diese
Ansicht ist, so ist doch eine tiefe Wahrheit darin verborgen. Wir lernen
das verhältnismäßig Geringe, um das Große, Gewaltige, uns Innewohnende
zu -- vergessen. Wir lernen und werden erzogen, um eingeschränkt zu
werden in unseren Kräften. Unsere Sinne verlieren ihre Schärfe, ja
selbst unsere Gliedmaßen lernen wir nur einseitig gebrauchen. Der
hervorragende Spürsinn, mit dem der Mensch begabt ist, geht in der
Kultur vollständig unter, die »Witterung« geht uns verloren, der gesunde
Blick schwindet, Kurzsichtigkeit nimmt überhand, der Tastsinn, dessen
Feinfühligkeit die Blinden wiedergewinnen, ist abgestumpft, das Gehör
ist durch das Eindringen von tausenderlei von Geräuschen, für die feinen
Schwingungen nicht mehr empfänglich. Und ist dies alles mit unseren
groben Sinnen der Fall, die förmlich gewaltsam zum Verkümmern gebracht
werden, so tritt das bei unseren feinen und feinsten Sinnen erst recht
in die Erscheinung, so zwar, -- daß ihr Bestehen geradezu geleugnet
wird. Gerade im Kinde sind aber die Schwingungen der Seele ganz
außerordentliche, und wehe dem Kinde, dessen Schwingungen keine Resonanz
finden. Nun ist aber das Trostlose an der Sache, daß diese Resonanz sehr
schwer zu finden ist. So schwer, daß man dreist behaupten kann, daß
unter den Millionen von Kindern nicht eines das richtige Verständnis
findet, nicht eines _den_ Anschluß an »das Leben«, den es in seiner
Seele sucht. Das Kind fühlt sich infolgedessen jenes trostlosen Gefühles
voll, das im Unverstandenwerden liegt und rückt -- wenn es es selbst
bleibt --, auch immer mehr vom Verstehen der anderen ab. Andere wieder,
und es ist dies die gewaltige Masse der Kinder, tauchen in der
verdammten Alltäglichkeit unter, in der auch die meisten von uns leben
und über die sie sich nicht mehr erheben können. Diese Alltäglichkeit
wurde dadurch zur Norm. Unter der Norm sind alle die Wesen, die -- durch
Vererbung, Krankheit, Entbehrung, Mißhandlung idiotisch sind oder
werden. Ueber der Norm, d. h. also ganz ebenso anormal sind die Genies
oder -- die Narren. Und kein Mensch weiß oder ahnt es, daß gerade der
allumfassende, schaffende und schöpfende Geist, daß gerade das Genie das
Normale ist. _Jedes Kind kommt_ (von krankhafter Degeneration abgesehen)
_als Genie auf die Welt_. Es gilt nicht einmal, den Genius zu erwecken;
er ist wach; er strebt mit allen Kräften danach, sich zu offenbaren und
wird -- getötet. Das Kind wird zum Menschen (!) erzogen. Zum
Alltagsmenschen ohne Schwung, ohne Energie, ohne eigene Initiative.
Schon unsere Erziehung im Hause legt das Fundament dazu, und die Schule
gibt dem Genie dann den Gnadenstoß. . . . Nehmen wir, um den Vorgang zu
illustrieren, Zuflucht zu einem Bilde aus unserer genialsten, modernsten
Wissenschaft. Drahtlose Telegraphie. Vom Transmitter geht, von den
Herzschen Wellen getragen, eine Botschaft aus und sucht den auf ihn, auf
seine Schwingungen gestimmten Reciver. Findet sie ihn, so wird die
Botschaft gehört, sie hat ihren Zweck erfüllt, und neue Botschaft geht
herüber und hinüber.

Der Verkehr ist angebahnt, das Verständnis ist geschaffen. Nehmen wir
aber an, der Reciver arbeitet nicht; die Botschaft umkreist, umflutet,
umzittert und umschwingt die ganze Welt; nirgends aber wird sie gehört,
nirgends erfaßt, und immer neue und neue Kunde entzittert dem gebenden
Apparat, der nach dem Widerhall sucht. Vergebens. Endlich erlahmt die
Lust, die Kraft, das Mühen und Suchen. Resigniert wird der Apparat
abgebrochen, oder er verrostet und versagt, es sei denn, man habe ihn
auf ein anderes Schwingungsniveau gestellt und habe, den eigenen
Schwingungen entsagend, ihn auf _die_ Schwingungen eingestellt, für die
die Reciver massenhaft da sind. Das Bild ist klar. Und es ist gut. Denn
unsere Seele ist im Grunde nichts als der feinste, auf die feinsten
Schwingungen eingestellte Apparat. Und es kommt die Zeit, das ist ganz
unzweifelhaft, in der wir für die Feinfühligkeit dieses Apparates wieder
das Verständnis erhalten. Wo uns die Feinmechanik der Seele kein
verschlossenes Rätsel mehr sein wird, sondern auf die volle Entfaltung
der Seele und somit des Geistes das Hauptgewicht gelegt werden wird. Wir
stehen heute noch vor dem Gedankenlesen als vor etwas Fremdem. Und doch
waren wir in unserer Kindheit alle Gedankenleser. Wer hat jemals ein
Kind oder besser noch eine Reihe von Kindern beim Märchenerzählen
betrachtet! Wie hängen sie an den Lippen des Erzählers, wie lesen sie
förmlich von seinen Lippen die Worte ab. Wie leben sie auf in der
Gedankenwelt, die sich ihnen da eröffnet und die sie als die ihre
erkennen. Denn -- das Reich der Phantasie ist die Domäne, in der das
Kind unumschränkt herrscht. Die Grenzen dieser Phantasie kennen zu
lernen, wird das erste Ziel der zukünftigen Erziehung sein, nicht aber
ihr Grenzen zu stecken. Denn je größer die Phantasie, desto größer die
damit Hand in Hand gehende Aufnahmefähigkeit des Geistes. Die Phantasie
allein vermag die Eindrücke, die der Geist aufnimmt, selbständig zu
verarbeiten und sie zu neuen Formen umzugestalten. Der Lehrer wird also
in den Geist der Kinder eindringen müssen, er wird ihre Seelenregungen
und Seelenschwingungen alle erfassen müssen und wird erkennen müssen,
wieviel »Eindrücke«, d. h. wieviel Wissen, Kenntnisse und Erkenntnisse
er _dieser_ Seele zur Nahrung geben darf. Wie viele und welche. Denn wie
nicht jedem Magen dieselbe Nahrung zuträglich ist, so um so weniger
jedem Geiste. Die Erziehung wird also weit früher beginnen müssen als
jetzt. Sozusagen vom ersten Lebenstage an, und der Lehrer wird kein
solcher, sondern ein Lernender sein. Er wird _das_ ihm anvertraute Kind
und wird _von_ diesem lernen müssen. Er wird jede seiner
Seelenvibrationen erfahren müssen und wird erkennen müssen, welchem
anderen Lehrer die einzelnen Kinder zur geistigen Weiterentwicklung am
passendsten überantwortet werden müssen, um den Schatz von
Geistesenergie, der in dem Kinde liegt, nutzbar zu verwerten. Denn nicht
jeder Lehrer wird für alle Schwingungen gleich empfänglich sein, und es
wird Abstufungen geben, die den Seelenabstufungen der zu Entwickelnden
entsprechen werden. Auf diesem Seelenverständnis allein wird das ganze
Wesen des Unterrichts und der Erziehung beruhen. Das Wissen des Lehrers
wird einfach auf das Kind übergehen und diesem nie _mehr_ zugemutet
werden können, als es zu erfassen, zu verarbeiten und sich als dauernden
geistigen Besitz zu erwerben vermag. Er werden Gespräche sein, ein
Gedankenaustausch, weiter nichts, und es wird sehr oft die Frage sein,
wer der Lernende sein wird, ob der Lehrer oder -- das Kind. In
weitestgehender Weise wird den verschiedenen Geistes- und
Seelenrichtungen Folge gegeben werden. Jede Veranlagung wird als solche
erkannt, keiner Gewalt angetan werden; der Unterricht wird _ein Werk der
Befreiung_ sein, der Befreiung von allen Fesseln des Geistes, in die er
jetzt gleich einem Fronsklaven geschlagen wird. Dadurch aber wird die
_eine_ große Energie zur ungeahnten Erstarkung gelangen: der _Wille_ und
dieser Wille wird Wunder vollbringen. Wunder, die aufhören werden,
Wunder zu sein, denn sie werden zu Selbstverständlichkeiten geworden
sein. Keinem, der _so_ erzogen, so unterrichtet worden ist, wird auch
nur _ein_ Gedanke, der in seinem Fähigkeitsradius liegt, fremd sein. Und
jeder andere Gedanke wird -- in diesem von seiner eigenen Psyche
abgegrenzten Kreise -- klar und offen wie ein Buch vor ihm liegen. Es
wird kein Mißverstehen mehr geben und darum keine Zweifel und Kämpfe der
Seele. Das bedrückende Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit wird
aufgehört haben und alle die Genies, die heute zugrunde gehen oder auf
ihrer Seele fremden Gebieten Mittelmäßigkeiten werden und geworden sind,
werden das Große, das Aufbauende leisten können, das zu schaffen sie von
ihrer Neigung und von ihren Fähigkeiten gedrängt werden. Von überall her
wird der Geist neue Nahrung aufsaugen; kein Eindruck wird verloren
gehen, denn er wird sich einprägen mit der suggestiven Gewalt des
freiwillig Gewollten. Und wir wissen es alle: nur was man gern lernt,
ist wirklich gelernt. Nur das trägt dauernde Frucht und prägt sich uns
ein. Das eiserne Muß, das in unsern Schulen herrscht, hat aber zur
traurigen Folge, daß wir das, was wir in der Schule lernen, im großen
und ganzen nur lernen, um es zu vergessen, nicht um es zu wissen.
Angeblich -- und ein deutscher Gelehrter hat es bestätigt -- wird ein
Dutzend Kinder jetzt schon -- und seit Jahrhunderten schon so erzogen,
wie ich es oben in kurzen Zügen angedeutet habe: die Kinder, aus denen
der Dalai-Lama hervorgeht und die hohen Priester des Badhisatra und in
denen sich die Seele dieser immer wieder regeneriert. Und tatsächlich
ist es ja die eigene Seele der Lehrer, die mit auf die unberührte der
Kinder überströmt mit all ihrem Wissen, all ihrem Empfinden, all ihrem
Vermögen und die die Schätze der eigenen Erfahrung auf sie ebenso mit
überträgt, wie das auf sie selbst übergegangene ihrer eigenen Vorgänger.
Und so ist es denn gar nicht unglaubhaft, wenn der oben erwähnte
Gelehrte -- Prof. Dr. Rosenfeld -- erklärt: »im Angesichte des Dalai
Lama« (der damals, als er ihn sah, ein kränklich aussehender Knabe von
dreizehn Jahren war) falle jede Verkleidung der Seele, jede Verhüllung
der Gedanken von selber und diesem »Kind« gegenüber seien alle Worte
vergebens, denn ehe sie sich noch geformt, gebe _er_ schon Antwort auf
jenen Gedanken, dem sie bestimmt waren, Ausdruck zu geben. Es ist eben
die höchste Konzentration der Seele und des Geistes vorhanden und beide
sind für alle Schwingungen empfänglich, die auf sie zuströmen. Daß wir
ein ähnliches Resultat durch all die in uns verborgen liegenden aber zum
Durchbruch drängenden, jahrtausendelang gewaltsam in uns
zurückgedrängten Kräfte erreichen müssen, ist klar, und daß die
Schulmauern fallen werden und statt der Zwingburgen des Geistes freie
blumige Auen erstehen werden, auf der sich an der Hand und der Seite des
Lehrers die Seele des Kindes ergehen und den Kraft- und Schönheitstrank
der Natur in sich einziehen wird, das ist gewiß. Und sehr, sehr fraglich
ist es, ob es noch hundert Jahre dauern wird, ehe wir es erreichen, denn
auf den Aetherwellen, die uns umströmen, zieht es einher, das neue
tausendjährige Reich, das Reich des Kindes, der Menschheit.



                           Björn Björnson.
                     Die Religion in 100 Jahren.


                     Die Religion in 100 Jahren.
                         Von Björn Björnson.

Seine Religion hat jeder, auch der, der sie leugnet. Denn die Religion
ist das Ideal und jedes Ideal kann zur Religion werden. Also auch ihr
Leugnen. Und wir sehen tatsächlich, daß dem Atheismus Propheten
entstehen, und daß Jünger sich um sie scharen, die nachbeten, was diese
verkünden, und daß diese verkünden, was sie wissen und auch das, was sie
nicht wissen so, als wüßten sie es. Denn im Grunde ist der Quell aller
Religion nur unser Nicht-Wissen. Denn wüßten wir, brauchten wir nicht zu
glauben. Wer aber grübelt über das, was er nicht begreift, nur um nicht
glauben zu müssen, sondern um endlich zu _wissen_, der schafft sich
selbst eine Religion, selbst wenn er nur darum grübelt, um sie zu
zerstören. Er denkt eben dem Weltwunder nach und kommt zu dem Punkt, wo
er nicht mehr weiß. Nicht wissen kann.

Und an diesem Punkte beginnt -- die Religion.

Für ihn.

Und er baut sich um diesen Punkt eine Welt auf und zieht andere mit in
diese hinein, und ist diese Welt, die er sich erbaut hat, nicht auf
totem Wissensvorrat allein aufgebaut, und hat nicht bloß der Verstand
sondern auch der Geist, das Herz, das Verständnis mitgebaut an diesem
Baue, so daß auch andere, daß Viele, daß eine Menge sich daran erfreuen
und sich darin wohl fühlen können, dann wird er der Schöpfer einer
Religion, die um so mehr Jünger zählen wird, je mehr sie auf _den_ Ton
gestimmt ist, der den Hoffnungen, der Sehnsucht ihrer Seele entspricht.
Denn das große Sehnen liegt ja in jedem. Das Sehnen nach dem, was einem
hier nicht geboten.

Nicht hier?

Also wo?

Und diese Frage, auf die man sich Antwort gibt oder geben läßt, ist der
Kern aller Religionen.

Wie einem Kinde, das die Mühsal der Arbeit erträgt und spielend
bewältigt, weil ihm nach ihr eine Freude versprochen ist, so muß dem
Menschen ein Lohn, eine Freude versprochen werden, soll er das Leben
ertragen. Denn jedes Leben muß einen Zweck haben. Es hat ihn, aber man
muß ihn auch erkennen. Und da man ihn häufig beim besten Willen nicht zu
erkennen vermag, so muß man sich selber einen schaffen.

Einen Zweck für sich.

Den Zweck, der erklärt: warum arbeite ich, warum schufte ich, warum
leide ich? Und der die Erklärung gibt, daß ein _großer_ Preis winkt, der
_dieses_ Lebens und noch größerer Drangsale und Qualen wert ist.

Ein Preis, der uns für alles belohnt.

Wann?

Und in diesem »Wann« liegt der Wesenszweck aller Religionen. Durch die
Antwort darauf werden sie -- einerlei wie sie auch heißen -- zum großen
Troste der Menschheit. Und zum vollen Menschentume gehört solch ein
Trost, der nicht alle Hoffnung, nicht alle Poesie, nicht alle Initiative
vernichtet.

Die Poesie! Die ist es. _Die_ braucht man.

Man braucht nicht die nackten Wände des Lebens. Sie müssen auch ein
klein wenig geschmückt sein. Und _die_ Religion, die durch solchen
Schmuck, durch solches Beiwerk am meisten erfreut, zu der werden auch
die meisten sich drängen. Die Phantasie, auf der ja alle Religionen mit
aufgebaut sind, will auch ihr Recht haben. Sie will angeregt sein,
belebt, befruchtet.

Märchen?! mag sein.

Aber nehmt einmal einem Kind seine Märchen und ihr zerstört eine ganze
Welt in ihm. Und erzählt _ihr_ ihm keine, dann schafft es sie sich ja
selber.

Dem Soldaten aus totem Blei haucht es mit dem Hauche seiner Phantasie
das Leben ein.

Der Schuß, der aus dem kleinen Kanönchen abgefeuert wird, knallt,
blitzt, donnert und streckt ganze Kolonnen von Soldaten nieder, die oft
nur aus _einem_ Bleisoldaten bestehen.

_Sagt_ das dem Kinde, und ihr nehmt sein alles. Sagt es der Menschheit,
daß es keinen _Gott_, keine Religion, keinen Lohn nach dem Tode mehr
gibt, und ihr nehmt ihr ihr alles.

Ihr glaubt nicht daran? Ihr wollt den wunderbaren, den Wunderglauben
zerstören? Warum? Weil es doch keine Wunder gibt?

Wirklich?

Ein Samenkorn, das zu einem riesigen, mächtigen Baume wird, ist das kein
Wunder? Ein Ei, das zu einem laufenden, krähenden Hahne wird, ist das
kein größeres Wunder als in dem Märchen des Kindes der Bär, der zu einem
Prinzen, und die Gans, die zu einer Prinzessin geworden?

Gebt dem Kind _dieses Märchen_ oder seine, das ist einerlei, aber gebt
es ihm so, wie ihm das Märchen gegeben wird, so, daß es in dem toten Ei
schon den lebendigen Hahn zu sehen vermag.

Das Wunder -- das ist das Leben.

Das Wunder -- das ist die Religion.

Nehmt dem Menschen das Wunder, und ihr treibt ihn dem Tod, der
Verzweiflung, dem Wahnsinn entgegen.

Nun sind gar viele Religionen geschaffen und auf das Wunder aufgebaut.
Luftig, hell, voll Sonne und Licht. Dann aber kamen die, die dieses
Gebäude verschließen wollten. Abschließen vor allen denen, die in einem
anderen Hause wohnten, einem Hause, das anders geartet war als das ihre,
obwohl es auf denselben Wundern aufgebaut war und demselben Zwecke
diente: _denen_ Zuflucht zu gewähren, die Zuflucht brauchten. Und sie
bauten Mauern um das luftige Gebäude göttlicher Phantasie; starre,
einengende, zwingende Mauern, und nahmen also dem Glauben die Freiheit.
Aber -- sie schmückten wenigstens die Mauern mit Flittern und Bildern
und bauten Nieschen hinein, in denen sich jeder noch _das_ Bild
hineinstellen konnte, das seinem Herzen am nächsten war und zündeten
Kerzen und brennende Lampen an, die ein mystisches Dunkel ganz schwach
nur erhellten, und füllten den Raum mit Myrrhendüften und Weihrauch, mit
heiligem Singen und heiligem Klingen, und suchten so auf die Seelen und
die Gemüter zu wirken und ihnen die Empfindung zu nehmen, als seien sie
in diesem herrlich erhebenden Raume nicht frei.

Doch da waren andere, die fühlten die Mauern trotz alledem und fühlten
den Zwang und wollten die Mauern durchbrechen. Und andere, denen die
Mauern die Hauptsache waren, und die den Schmuck von den Wänden rissen,
den Schmuck und die Bilder, und die dann hingingen, sich selber ein Haus
zu bauen, das nach ihrem Sinn war, ganz ohne Schmuck und ganz ohne
Nieschen, nur aus kahlen Wänden bestehend. Und andere, die sich sagten:
was brauche ich ein Haus? Ich trage mein Elend auch ohne.

Keiner aber wollte des andern Haus gelten lassen, und hielt es für ein
Pechhaus. _Und war doch auf demselben Boden des Wunders aufgebaut wie
das seine_ . . . .

Wird es so bleiben?

Nein.

Stein auf Stein werden die starren, die Freiheit des Glaubens beengenden
Mauern auch wieder fallen. Sie verwittern und zerbröckeln für den, der
zu sehen weiß, ja schon jetzt, und in luftiger Schöne wird jedes
Wundergebein wieder erstehen. Vom selben Himmel umwölkt, von derselben
Sonne erhellt, vom selben Lichte erfüllt, von derselben Luft in all
ihrer Reinheit durchhaucht. Und die Linien der Häuser werden ineinander
verschwimmen, so wie bei der ^fata morgana^ _ein_ Haus in das andere
verschwimmt, so daß man nicht weiß, wo das eine aufhört und das andere
beginnt, und man wird auch hier nicht mehr wissen, welches ist _dieses_
und welches ist jenes. _Ein_ Haus wird es sein, das alle umfaßt, und in
ihm wird jeder sein Winkelchen finden, wie es seiner Seele behagt,
seinen Winkel oder seinen großen unendlichen Raum, ganz wie er's
braucht. _Er_, und jene, die so fühlen wie er. Und nicht einer wird
verlangen: fühle, denke, glaube so wie ich, denn eines wird ihren
Glauben ja dennoch vereinen, wird diesen Glauben zu einem einzigen
machen: Das Wunder! und in Jedes Glauben wird man dieses Wunder erkennen
und es wird das große, mächtige, unzerreißbare Band sein, das alle
umschlingt. Das wird die Religion sein; die Religion der Zukunft.



                            Ed. Bernstein.
                   Das soziale Leben in 100 Jahren.
      Was können wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?


                   Das soziale Leben in 100 Jahren.
      Was können wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?
                            Ed. Bernstein.


              1. Wovon die soziale Entwicklung abhängt.

Was wir soziales Leben nennen, ist eine Summe gegenseitiger Beziehungen
und Verhaltungsarten der Menschen eines bestimmten Kulturkreises. Diese
Beziehungen selbst sind das Resultat einer Summe verschiedenartiger
Kräfte materieller und geistiger Natur, die teils fördernd und teils
hemmend auf einander einwirken und sich so stärker oder schwächer
gegenseitig beeinflussen. Die Entwicklung der wenigsten dieser Kräfte
läßt sich mit annähernder Sicherheit vorausbestimmen. Bei jeder, ob es
die Technik, diese Grundlage aller hervorbringenden und formgebenden
Arbeit, oder auch nur ein einzelner Zweig der menschlichen Arbeit, ob es
die wirtschaftliche Gliederung oder die politische Verfassung, ob es das
geschriebene Recht oder die ungeschriebene Sitte, ob es das ästhetische
Empfinden oder was immer sonst sei, stets wird die Linie, die wir
spekulativ vorausschauend in die Zukunft hinaus zu ziehen versuchen,
selbst für den sachkundigsten Fachmann mit der zunehmenden Entfernung
immer unsicherer. Wo zuerst _Wahrscheinlichkeiten_ formuliert werden
konnten, reicht das wissenschaftliche Voraussehen später nur noch für
die »_Möglichkeiten_« aus, um noch später sich mit bloßen
»_Denkbarkeiten_« begnügen zu müssen, und schließlich kommt stets ein
Punkt, wo es, mit unseres großen Dichters Wort über die Größe der Welt,
selbst für die menschlichen Dinge auf dieser kleinen Erde heißt:

   »Kühne Seglerin, Phantasie,
   Wirf ein mutloses Anker hie.«

Immerhin ist der Fachmann eines Spezialgebiets in dieser Hinsicht besser
daran, als der Vertreter des zusammenfassenden Wissensgebiets, das wir
_Gesellschaftslehre_ -- fremdsprachlich Soziologie -- nennen. Weil auf
das gesellschaftliche Leben _alle_ Kräfte der Umwelt und Innenwelt des
Menschen einwirken, wird das Resultat, sobald die einzelnen Faktoren
unsicherer werden, in bedeutend höherem Grade unsicher. Wenn von zwei
Kräften jede auch nur _einer_ Abweichung fähig ist, sind schon vier
verschiedene Kombinationen aus ihnen möglich, tritt eine dritte Kraft
gleicher Art, d. h. ebenfalls mit einer Abweichungsmöglichkeit begabt,
hinzu, so werden es acht verschiedene Kombinationen, und wenn jede der
drei Kräfte zwei Abweichungsmöglichkeiten hat, werden es 27,
und so wächst mit jeder weiteren Kraft und den weiteren
Abweichungsmöglichkeiten, die in Betracht kommen, die Zahl der denkbaren
Verbindungen in immer schnellerer Steigerung zu schwindelerregender Höhe
empor. Wie soll da die Schilderung der sozialen Welt in hundert Jahren
mehr sein, als ein von der Geistesrichtung des Schriftstellers
bestimmtes, also mehr oder weniger _willkürliches_ »Raten«?

In der Tat wird denn auch die Sozialwissenschaft immer vorsichtiger in
ihren Zukunftsbetrachtungen. Solange die Technik nur langsam
Fortschritte machte, waren die Menschen viel mehr geneigt, soziale
Zukunftsbilder zu verfassen, als heute. Als dann zu Beginn des
Zeitalters der großen Erfindungen die Menschheit sich vor unabsehbaren
Veränderungen ihrer Lebensbedingungen erblickte, stieg zunächst die Lust
an Spekulationen über die kommenden Gesellschaftsformen, und es entstand
die kühnste aller Zukunftstheorien, des genialen Franzosen Charles
_Fourier_ Werk von den »vier Bewegungen«. Aber von da ab weicht die
soziale Spekulation schrittweise zurück, das gesellschaftliche
Zukunftsbild gerät als »Utopie« in Mißkredit, an ihre Stelle tritt die
nach Entwicklungs_gesetzen_ forschende Sozialwissenschaft und die
Auffassung von der Gesellschaft als eines in seiner Entwicklung aller
Willkür spottenden _organischen_ Wesens. Zwar ist unter anderen das von
Karl _Marx_ aufgestellte Lehrgebäude ein Beispiel dafür, daß die
organische Gesellschaftslehre auch revolutionär aufgefaßt werden kann.
Aber den Zukunftsprojektionen gegenüber, welche die spekulative
Phantasie zu entwerfen imstande ist, erscheint sie doch selbst in dieser
Form noch als »konservativ«.

Und ebenso der technologischen Spekulation gegenüber, wie sie uns heute
in allerhand Zukunftsgemälden phantasiebegabter Schriftsteller
entgegentritt, die sich mehr oder weniger mit den technischen
Wissenschaften beschäftigt haben. Diese Wissenschaften, deren Grundlage
rein _physikalische_ Beziehungen sind, bieten der Phantasie auch ein
dankbares Feld, denn für sie kommen nur die Gesetze der _Mechanik_ in
Betracht, die uns verhältnismäßig einfache Aufgaben stellen, für sie
handelt es sich um die Hantierung mit _toter Materie_. Die _soziale_
Betrachtung aber hat neben den Gesetzen der Mechanik die Gesetze der
_Lebensbedingungen_ und _Lebensformen_ zu beachten, von den einfachsten
Bedingungen und Wirkungen _pflanzlichen_ und tierischen Lebens bis zu
den materiellen und geistigen Bedürfnissen des höchstentwickelten
Lebewesens unseres Planeten, als das wir den _Menschen_ erkannt haben.
Der Mensch ist allen Lebewesen überlegen, weil die höheren Organe bei
ihm zum vielseitigsten Gebrauch entwickelt sind. Diese Vielseitigkeit
macht ihn zum freiesten Wesen in der Natur, aber sie befreit ihn nicht
von der Natur, weder von der Gebundenheit an die ihn umgebende Welt,
noch von den Gesetzen seiner eigenen Natur, wie sie in einer nach
Hunderttausenden von Jahren rechnenden Entwicklung sich herausgebildet
hat. Seine Intelligenz, seine Fähigkeit, sich Obdach, Bedeckung und
Nahrung in der ihm passendsten Form zuzubereiten und die dazu nötigen
Pflanzen und Tiere selbst zu züchten, machen ihn anpassungsfähiger, als
es selbst die anpassungsfähigsten Tiere sind, aber sie können seinen
Organismus nicht grundsätzlich verändern.

Dies pflegen aber unsere von der Technologie ausgehenden
Zukunftsschilderer bei ihren Spekulationen leicht zu übersehen. Es
klingt z. B. wunderschön, was sie uns von dem Reichtum an
Nahrungsmitteln erzählen, mit denen die Chemie uns einst beschenken
werde. Aber der menschliche Körper ist keine Retorte, bei der es nur
darauf ankommt, daß man ihr eine Anzahl chemischer Grundstoffe in einem
gewissen Mengenverhältnis zuführt, um ein bestimmtes Resultat zu
erzielen. Für seine Ernährung spielen noch andere Eigenschaften der
Nahrungsmittel eine entscheidende Rolle, als ihr Gehalt an Stickstoff,
Kohlenstoff und so weiter; seine Verdauungsorgane sind für die
Verarbeitung _pflanzlicher_ und _tierischer_ Stoffe geschaffen. Sie
würden ohne solche verkümmern und mit ihnen der Mensch selbst. Nun ist
es vorläufig noch recht zweifelhaft, ob jemals die Chemie es dahin
bringen wird, aus Holz oder gar Stein direkt Nahrungsmittel
herzustellen. Sie ist bis jetzt nicht weiter gekommen, als ziemlich
untergeordnete organische Verbindungen künstlich herzustellen. Die
Herstellung von pflanzlichem oder tierischem Eiweiß auf chemischem Wege
liegt dagegen in noch sehr weitem Felde. Und nicht viel anders steht es
mit den Wunderdingen, die uns auf Grund von Experimenten auf kleinem
Raum hinsichtlich der Verwendung der Elektrizität in der Landwirtschaft
versprochen werden. Diese Experimente beweisen zwar, daß die
Elektrizität als Erreger von Atombewegungen imstande ist, gewisse
organische Prozesse zu beschleunigen, es wird sich aber auch hier
fragen, wie weit sie das kann, ohne daß die pflanzliche Natur des zu
erzielenden Produkts Schaden leidet. Man weiß, wie sehr Uebermaß im
Düngen Gemüse und Früchte ungenießbar zu machen vermag. Das ist auch
hier möglich, und ferner erhebt sich die Frage, ob die _Kosten_ der
Beschaffung der erforderten Elektrizität, da es sich bei Pflanzen doch
immer nur um Beschleunigung eines _organischen_ Prozesses handeln kann,
der auf jeden Fall Zeit braucht, und nicht um seine Verwandlung in einen
rein mechanischen Prozeß, im _Verhältnis_ stehen zu dem _Nutzen_, den
sie zu erwirken vermag. Unsere technologischen Zukunftsverkünder
verstehen sich vortrefflich auf die Mathematik, mit der _Oekonomie_
dagegen pflegen sie sich nicht gern abzugeben. Sie interessieren sich
für alle möglichen Punkte, nur den _Kostenpunkt_ behandeln sie gern ^en
bagatelle^. Er ist aber leider für das _soziale Leben_ keine Bagatelle.


             2. Nimmt die menschliche Arbeit ab oder zu?

Und damit sind wir beim dritten Fundament alles sozialen Lebens
angelangt: zu den _Naturbedingungen_ und der _Technik_ tritt die
_menschliche Arbeit_ als bestimmende Kraft. Die Technik mit all ihren
großartigen Leistungen hat die menschliche Arbeit nicht nur _nicht
überflüssig_ gemacht, sie hat sie nicht einmal in merklichem Grade
_verringert_. Gewiß braucht für eine bestimmt abgegrenzte Leistung in
Produktion und Verkehr heute ein geringeres Quantum menschlicher Arbeit
aufgewendet zu werden, als ehedem, aber es wird auch dafür heute
unendlich mehr an Leistungen gebraucht. Man kann sich dies an der
_Zunahme der Arbeiter_ der sogenannten _extraktiven Industrien_
veranschaulichen, die das heute für die Industrie erfoderte
_Rohmaterial_ aus der Erde herausholen. Im jetzigen Gebiet des Deutschen
Reiches wurden im Jahre 1852 kaum 6 Millionen Tonnen Steinkohlen
produziert, 1882 waren es schon 52 Millionen, 1906 gar 137 Millionen
Tonnen, d. h. _einundzwanzig Mal_ mehr, als in der Mitte des 19.
Jahrhunderts. Nun ist zwar auch seitdem die Förderung pro Kopf des
beschäftigten Arbeiters infolge der großen Verbesserungen in den
Gewinnungsmethoden gestiegen, indes ist diese Zunahme doch nur eine
langsame, da immer tiefere Läger in Angriff genommen werden müssen. Und
so ist denn die Arbeiterschaft des deutschen Bergbaus zu einem
gewaltigen vielhunderttausendköpfigen Heer angewachsen. In Preußen
allein vermehrten sich in den zwölf Jahren von 1895 auf 1907 die
Erwerbstätigen im Kohlenbergbau von 286000 auf 547000, und im ganzen
Berg- und Hüttenwesen des Deutschen Reiches stieg die Zahl der
Beschäftigten in dieser Zeit von 568000 auf 963000, wenig unter einer
Million. Nahezu _eine Million Menschen_ im deutschen Berg- und
Hüttenbetrieb, und davon (Preußen mit Sachsen und Bayern) gut
sechsmalhunderttausend Menschen im Kohlenbergbau -- daran denken nur
wenige, wenn sie von dem »Wunderknopf« der Techniker hören, der das
Tischlein deck' Dich aus dem Märchen zur Wahrheit mache. Er macht es
heute nur für eine bevorzugte Minderheit dazu, und wird es aller
Voraussicht nach nie für alle verwirklichen. Je tiefere Gruben in
Angriff genommen werden, um so aufreibender wird auch die Arbeit in
ihnen, und um so höher die Gestehungskosten des Produkts, der Kohle. Wir
stehen schon jetzt steigenden Preisen gegenüber. So sehr die Preise mit
der Marktlage wechseln, ist die Grundtendenz doch eine Bewegung nach
oben. Im Jahre 1892 kostete die Tonne fetter westfälischer Förderkohle
ab Werk 7,3 Mk., sieben Jahre später -- 1899 -- 9 Mk., und weitere
sieben Jahre darauf -- 1906 -- 10 Mk. Im entsprechenden Grade sind die
anderen Kohlensorten und die meisten anderen Produkte der
Montanindustrie im Preis gestiegen. Dabei ist an Ersatz der Kohle als
_Quelle von Wärme_ und -- durch diese -- von _bewegender Kraft_
vorläufig nicht zu denken.

Alle Versuche, die Sonnenwärme mittels entsprechender Apparate zu
technischer Verwertung bezw. Aufspeicherung aufzufangen, sind bisher
fehlgeschlagen, und dasselbe gilt von den vielen Versuchen, die
ungeheuere Kraftleistung von Ebbe und Flut für technische Zwecke nutzbar
zu machen. Jene Versuche hatten zwar insofern Erfolg, als es gelang,
hier Sonnenwärme und dort Meereskraft so einzufangen, daß eine
Uebertragung möglich war -- rein technisch war die Lösbarkeit der
Aufgabe dargetan. Aber zugleich zeigte sich jedesmal, daß die _Kosten_
der Anlagen, des Betriebs und der Apparate den möglichen Nutzeffekt ganz
bedeutend überstiegen. Von einer _wirtschaftlichen Lösung_ des Problems,
die auf das soziale Leben zurückwirken könnte, scheinen wir noch ebenso
weit entfernt, wie vor fünfzig und hundert Jahren.

Inzwischen aber verbraucht die Menschheit von Jahr zu Jahr mehr
Steinkohle. Im Jahrfünft 1876/1880 wurden in Deutschland jährlich 850
Kilogramm Kohle pro Kopf der Bevölkerung verbraucht, 25 Jahre später, im
Jahrfünft 1901/05 waren es 1787 Kilogramm. Bei gleicher Steigerung
müßten es zu Anfang des 21. Jahrhunderts über 7000 Kilogramm pro Kopf
sein, und da man alsdann noch viel, viel tiefer würde graben müssen, als
heute, würden inzwischen die Kosten der Kohlen vielleicht auf eine Höhe
gestiegen sein, daß dann die Einfangung der Sonnenwärme und Meereskraft,
um es, in heutiger Sprache auszudrücken, doch »rentabel« erschiene. Aber
das Leben wäre dann eben _entsprechend teurer geworden_.

Wir treiben heute Raubbau mit den Schätzen der Erde. Wenn sich der
Verbrauch von _Kohle_ in einem Vierteljahrhundert in Deutschland
_verdoppelt_ hat, so hat sich in der gleichen Zeit der von _Eisen
verdreifacht_, der von _Kupfer versiebenfacht_. Es ist undenkbar, daß
nicht eines Tages darin wiederum eine _Verlangsamung_ oder sonst ein
_Stillstand_ einsetzen wird. Denn während gegenüber früheren Zeitaltern
die Produktivität der Arbeit in der Gewinnung und Ausnutzung der Erze
ungemein gestiegen ist, hat sie nunmehr einen Grad erreicht, der von der
Zukunft gleich große Fortschritte nicht erhoffen läßt. Wir müssen
vielmehr auch mit einer Verteuerung der Metalle rechnen. Ungeachtet der
großen technischen Umwälzungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
war in Deutschland im Jahrzehnt 1898/1907 der Preis des Doppelzentners
Roheisen, der 1851 5,58, 1861 6,18 war, 6,82 Mk. Und ähnlich -- meist
sogar noch schlimmer -- steht es mit den anderen Rohmaterialien, und
voraussichtlich auch mit einem Teil der Lebensmittel.

Alles das zeigt an, daß wir keinem Schlaraffenland entgegengehen. Die
Technik wird auch weiterhin dazu beitragen, das Leben reichhaltiger,
wechselvoller zu gestalten, das, was man den Stil des Lebens nennt, zu
erhöhen, aber gerade, _weil_ sie dies tut, ist es ziemlich zweifelhaft,
ob sie das Leben wesentlich _billiger_ machen, d. h. die Summe der zu
verrichtenden _Arbeit sehr verringern wird_.

Jedenfalls hat sie es bisher _nicht_ getan. Noch hat das melancholische
Wort John Stuart Mills in der Formulierung, die Karl Marx ihm gegeben
hat, wenig an Wahrheit verloren, daß es »zweifelhaft ist, ob die
Maschine die Arbeitskraft irgend eines jener Menschen verringert hat,
die nicht von der Arbeit anderer leben.« Die Maschine als Inbegriff der
Technik hat im Gegenteil die Klasse derer, die um Lohn arbeiten, sehr
_vermehrt_. Diese Klasse nimmt der Zahl nach stärker zu, als irgend eine
andere Klasse der Gesellschaft. Von 1895 auf 1907 vermehrte sich im
Deutschen Reich in _Industrie, Gewerbe und Bergbau_ die Zahl der
_Lohnarbeiter_ von rund 6 Millionen auf rund 8600000 oder _um über_ 44
_Prozent_, während die Bevölkerung sich nur um 19 Prozent vermehrte.
Noch stärker wuchs in der Abteilung _Handel und Verkehr_ die Klasse
derjenigen Angestellten, welche die offizielle Reichsstatistik als
_Arbeiter_ bezeichnet, weil ihre Bezahlung und soziale Stellung sich
nicht wesentlich von der der gewerblichen Arbeiter unterscheidet. Sie
vermehrte sich von 1233000 auf 1960000 oder um 58,9 Prozent. Insgesamt
bildeten diese beiden Schichten nahezu drei Viertel aller Erwerbstätigen
in Industrie, Bergbau, Handel und Verkehr zusammengenommen. Das sind
aber gerade diejenigen Erwerbszweige, denen sich in der Gegenwart die
übergroße Mehrheit der Erwerbsuchenden zuwenden. Zwischen 1895 und 1907
vermehrte sich das Deutsche Reich um gegen 10 Millionen Menschen, und
von diesem Zuwachs entfielen auf die vier bezeichneten Erwerbsgruppen
nahezu 3 1/2 Millionen, nämlich etwas über 4 Millionen Erwerbstätige mit
ihren Angehörigen.

Und das ist keine Ausnahme. Von Zählungsjahr zu Zählungsjahr zeigt sich
uns dasselbe Bild. Seit 1882 geht in Deutschland die landwirtschaftliche
Bevölkerung schrittweise zurück. Sie umfaßte in jenem Jahr etwa 19 1/4
Millionen Seelen, 1895 18 1/4 Millionen Seelen und 1907 nur noch 17 2/3
Millionen Seelen. Der große Bevölkerungszuwachs vom ersteren bis zum
letzteren Jahre, der zusammen über 16 1/2 Millionen Seelen betrug, ist,
bildlich gesprochen, über die Landwirtschaft hinweggerauscht, ohne ihr
auch nur eine Seele abzugeben, sondern hat vielmehr noch über anderthalb
Millionen von ihr mit sich hinweggenommen. Wo ist der ganze Zuwachs mit
den Ueberlaufern aus der Landwirtschaft geblieben? Eine kleine
Untersuchung dieser Frage wird uns einen Fingerzeig geben, in welcher
Richtungslinie sich das _soziale Leben_ bewegt, und wie wir uns daher
seine Zukunft vorzustellen haben.


                 3. Das Wachstum der Arbeiterklasse.

Fünf große Berufsabteilungen unterscheidet die deutsche Reichsstatistik:
1. die _Landwirtschaft_ mit Gärtnerei, Forstwirtschaft, Fischerei; 2.
die _Industrie_ mit Bergbau und Baugewerbe; 3. den _Handel_
mit den Verkehrsgewerben; 4. die _häuslichen Dienste_ und
Gelegenheitslohnarbeit; 5. den _öffentlichen Dienst_ mit den »freien«
Berufsarten. Als Gruppe Nr. 6 kommt dann noch die der sogenannten
_Berufslosen_ (Rentner, Pensions- und Almosenempfänger, Schüler usw.)
hinzu. Von diesen sechs Abteilungen hat die fünfte -- öffentlicher
Dienst usw. -- fast im gleichen Verhältnis wie die Gesamtbevölkerung an
Köpfen zugenommen, die vierte -- häuslicher Dienst usw. -- ist im
Prozentsatz der Köpfe zurückgegangen, das Gleiche ist, wie wir gesehen
haben, bei Nr. 1, der _Landwirtschaft_, der Fall. Dagegen haben die
Abteilungen 2, 3 und 6 -- _Industrie_, _Handel_ und _Berufslose_ -- im
Verhältnis stärker zugenommen als die Bevölkerung. Nehmen wir das
gleiche Vierteljahrhundert von 1882 auf 1907, so vermehrten sich in
dieser Zeit in der Abteilung Industrie usw. die Erwerbstätigen von 6 2/5
auf 11 1/3 Millionen und die Berufsangehörigen (die Erwerbstätigen mit
ihren Angehörigen) von 16 auf 26 2/5 Millionen. In der Abteilung
_Handel_ und _Verkehr_ war der Zuwachs: Erwerbstätige von 1,6 auf 3,5
Millionen, Berufszugehörige von 4 1/2 auf 8 3/10 Millionen, und in der
Abteilung der »_Berufslosen_«: Erwerbstätige, d. h. Zins-, Renten- usw.
Empfänger, von 1,3 auf 3,4 Millionen und Berufszugehörige von 2,2 auf
5,2 Millionen.

Was geht aus diesen Zahlen hervor? Daß von den 16 1/2 Millionen
Menschen, um die sich das Deutsche Reich von 1882 bis auf 1907
vermehrte, _mehr als zwei Drittel_ der Industrie zugefallen sind. Ja, da
unter den »Berufslosen« ein großer Teil Rentiers sind, deren Vermögen
hauptsächlich in Aktien und Obligationen von Industrieunternehmen
besteht, sowie eine noch größere Zahl von Invaliden- und Altersrentnern
der Industrie, ist tatsächlich der Prozentsatz unseres Volkes, der aus
der Industrie sein Einkommen zieht, noch wesentlich größer. Und in der
Industrie wächst, wie wir gesehen haben, die Abteilung der Angestellten
und Lohnarbeiter unverhältnismäßig schneller als die Gesamtbevölkerung,
während die Zahl der selbständigen Unternehmer und Hausgewerbetreibenden
zurückgeht. 1882 kamen auf je 100 Lohnarbeiter noch gegen 45
Selbständige verschiedener Art, d. h. große, mittlere, kleine und
Zwerg-Unternehmer, 1895 waren es nur noch etwa 30, 1907 aber nur noch
20.

So nimmt mit dem Wachstum der Industrie die industrielle
Lohnarbeiterschaft einen immer größeren Raum in der Bevölkerung ein. Mit
ihren Angehörigen, sowie der ihr gleichgestellten und gleichartig
fühlenden Lohnarbeiterschaft in Handel und Verkehr samt Angehörigen
umfaßte sie 1907 gegen 23 Millionen Seelen. Diese Volksschichten machen
die große Mehrheit der städtischen Bevölkerung des Reiches aus, die sich
1905 auf gegen 35 Millionen Seelen belief. In den Städten, wo das
öffentliche Leben des Landes am lebhaftesten pulsiert, wo die großen
Fragen der Zeit am schärfsten erfaßt und erörtert werden, die Geister am
lebhaftesten auf einander platzen, hier tritt die Klasse der um Lohn
Arbeitenden immer stärker in den Vordergrund. Sie entfaltet sich in
wirtschaftlichen Kämpfen, die an Ausdehnung zunehmen, sie macht sich
durch die Wucht der Zahl im politischen Leben geltend, sie fällt auch
als Konsumentin immer stärker ins Gewicht. So schafft sie allmählich
eine _ganz neue öffentliche Meinung_. Je geschlossener sie auftritt, je
eindrucksvoller sie ihr Klassenempfinden offenbart, um so mehr spielt
das Gravitationsprinzip des sozialen Lebens zu ihren Gunsten, und von
den sozialen Schichten, die keine feste Klasse der Gesellschaft mit
bestimmten gesellschaftlichen Ideen und Interessen bilden, fühlen sich
immer mehr Elemente zu ihr hingezogen, stimmen sie bei Wahlen mit ihr
und sprechen sie ihre Sprache.

Alles das kann man heute fast mit Händen greifen. Eine ganze Fülle von
Erscheinungen im politischen und geschäftlichen Leben und Treiben, in
Literatur und Kunst legen Zeugnis davon ab. Und wenn die wirtschaftliche
Entwicklung weiterhin die geschilderte Bahn innehält, so kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß die politischen, wirtschaftlichen und
rechtlichen Ideen der Arbeiterklasse, die sich aus ihrer Klassenlage
ergeben, die volle Herrschaft in der Gesellschaft erlangen. Schon heute
kann die Durchdringung des Gesellschaftskörpers durch diese Ideen nur
durch Festhalten von Ungleichheiten in den Wahlsystemen und ähnliche
politische Mittel zurückgedämmt oder verlangsamt werden. Aber die
Gesetze der sozialen Entwicklung haben sich noch immer auf die Dauer als
stärker erwiesen als die politischen Gesetze. Die Wirtschaftspolitik des
Deutschen Reiches ist mit Ausnahme der wenigen Jahre der Kanzlerschaft
des Grafen Caprivi seit Anfang der achtziger Jahre überwiegend agrarisch
gewesen, sie hat es aber mit allen Liebesgaben an die Landwirte nicht
einmal durchzusetzen vermocht, daß die Landbevölkerung auf ihrem alten
Kopfbestand erhalten blieb. Das durch die Ungleichheit der Wahlkreise
bewirkte politische Vorrecht des platten Landes hat dessen
Ueberflügelung durch Industrie und Handel nicht verhindern können. Es
wird, wenn die Bedingungen des sozialen Lebens, welche diese Entwicklung
bewirkt haben, andauern, auch seine Beseitigung durch jene nicht
verhindern können.

Heute steht die Industrie und Handel verkörpernde Bevölkerung zur
landwirtschaftlichen Bevölkerung im Verhältnis von 2:1. Bei gleicher
Entwicklung würde in weiteren 25 Jahren das Verhältnis sich auf 4 1/2:1
stellen. Man braucht diese Zahl nur niederzuschreiben, um sich auch klar
zu werden, daß bei solcher Proportion das Privilegium der Landwirtschaft
eine Unmöglichkeit sein würde. Wenn auch nur durch das bloße Gewicht
ihrer Zahl würden Industrie und Handel sich ihr Recht erzwungen haben.
Der Sieg von Industrie und Handel aber würde, da alsdann das Verhältnis
der Klasse der Lohnarbeiter zur Klasse der Unternehmer sich auf über
10:1 stellen würde, gar nichts anderes heißen können, als der _Sieg der
sozialen Ideen der Arbeiterklasse_.


            4. Gegenkräfte der Verstadtlichungstendenzen.

Soweit kann die Soziologie mit einiger Sicherheit sprechen. Aber es ist
zunächst nur eine soziale Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn ob es nun
genau dahin kommen wird, hängt von vielen mitwirkenden Faktoren ab, die
sich nicht mit mathematischer Sicherheit vorausbestimmen lassen. Greifen
wir einen davon heraus: die Gestaltung der Dinge in der
_Landwirtschaft_. Heute deckt die Landwirtschaft nur einen Teil des
Nahrungsbedarfs des deutschen Volkes. Der Mehrwert der Einfuhr solcher
landwirtschaftlichen Produkte, für welche die heimische Landwirtschaft
in Betracht kommt, über den Wert ihrer Ausfuhr belief sich im Jahrfünft
1903/1907 im Deutschen Reich auf weit über eine Milliarde Mark. Bei der
Bevölkerungszunahme, wie sie hier vorausgesetzt ist, müßte er in den
nächsten fünfundzwanzig Jahren eine solche Steigerung erfahren, daß es
als zweifelhaft betrachtet werden muß, ob das Ausland die Lieferung all
der in Frage kommenden Produkte ohne sehr erhebliche Preissteigerungen
wird fortsetzen wollen oder auch nur können. Denn andere Länder machen
eine ähnliche Entwicklung durch. In den Vereinigten Staaten von Amerika,
bis jetzt noch das Hauptgetreideland der Welt, nimmt die industrielle
Bevölkerung erheblich rascher zu, als die landwirtschaftliche
Bevölkerung, so daß die Getreideausfuhr schon jetzt im Abnehmen
begriffen ist und die Oekonomen die Zeit schon voraussehen, wo dieses
gewaltige Staatswesen Getreide, statt auszuführen, selbst einführen
wird. Die Ersatzgebiete der Getreideproduktion aber -- Kanada,
Argentinien usw. -- entwickeln sich nicht so schnell, wie man einst
annahm, und für alle diese Länder kommt die Zeit, wo der Boden nicht
mehr so willig Ernten hergibt, wie in den ersten Epochen der
Urbarmachung. Kurz, es ist ziemlich wahrscheinlich geworden, daß wir
einer Zeit höherer Weltmarktpreise für Getreide und ebenso für Vieh und
Viehprodukte entgegengehen. Je nachdem dies nun früher oder später
eintritt, ist eine starke Rückwirkung auf die deutsche Landwirtschaft zu
gewärtigen. Sie wird noch intensiver als bisher betrieben werden und
mehr Arbeitskräfte in Anspruch nehmen, teils als Landarbeiter, teils
aber auch als selbständig wirtschaftende Bauern. Eine Rückwanderung aufs
Land wäre damit nicht aus dem Bereich der Möglichkeit gerückt, und
jedenfalls würde die Abwanderung vom Land einen Stillstand erleiden.

Eine zweite Möglichkeit, die wir in Betracht zu ziehen haben, ist die
Verlangsamung des Bevölkerungszuwachses.

Zurzeit kann in Deutschland zwar von einer solchen noch nicht gesprochen
werden, die Bevölkerung des Deutschen Reiches nimmt nicht in allen
Jahren gleichmäßig zu, aber auf Jahre, die ein Nachlassen des Zuwachses
zeigen, sind andere mit einer erheblichen Steigerung der Zunahme
gefolgt. Unzweifelhaft ist jedoch die Abnahme der Geburtenziffer. Sie
ist von 4 Lebendgeborenen auf jedes 100 der Bevölkerung im Durchschnitt
der Jahre 1872/74 in fast ununterbrochenem Abstieg auf 3,31 vom Hundert
im Jahre 1906 zurückgegangen. Einstweilen wird dieser Rückgang durch die
_Abnahme der Sterblichkeitsziffer_ und die Zunahme der Einwanderung
ausgeglichen. Aber die Einwanderung steigt und fällt mit der
Beschäftigungsmöglichkeit, und die Abnahme der Sterblichkeitsziffer
allein kann, wie Frankreich und jetzt auch England zeigen, von einem
gewissen Punkt ab für die Abnahme der Geburten keinen Ersatz mehr
bieten. Nun ist es eine überall beobachtete Tatsache, daß die moderne
Großstadt auf diesen Punkt hintreibt. Für Berlin hat A. _Böckh_, der
verstorbene Direktor des städtischen statistischen Amts, wiederholt
nachgewiesen, daß seine Geburtenzahl _nicht einmal ausreicht, die
Bevölkerung auf ihrem Höhestand zu erhalten_, so daß, wenn kein Zuzug
von außerhalb stattfände, die Bevölkerung Berlins tatsächlich
zurückgehen würde. Die ganzen Lebensbedingungen der heutigen Großstädte,
vor allem die Wohnungsweise in den großen Etagenhäusern, wirken
der natürlichen, d. h. eben der durch Geburten bewirkten
Bevölkerungszunahme, im höchsten Grade entgegen. Je mehr also die
»Verstadtlichung« zunimmt, je dichter sich die Bevölkerung in großen
Städten zusammendrängt, um so mehr wird sich der Bevölkerungszuwachs
verlangsamen. Vom technischen Standpunkt aus mag die Zukunftsstadt »aus
Stein und Eisen« mit turmhohen Häusern und brückenartigen Galerien statt
der Straßen etwas Großartiges sein, für die Bevölkerungsentwicklung
bedeutete sie ein _Grab_: in die »Wolkenkratzer« gehören keine Kinder.
Man brauchte das Einführen von Kindern nicht erst zu verbieten, die
Bewohner würden ohnehin darauf verzichten.

Einstweilen aber haben wir die Tatsache der Abnahme der Geburten, und
auch sie wird, wenn sie andauert, die Wirkung haben, daß es zu dem rein
rechnerisch gefundenen fünffachen Ueberwiegen der Stadt über das Land
sobald nicht kommt. Dann wirken aber noch andere Kräfte gegen diese
Zuspitzung: Dezentralisations-Bewegungen aus hygienischen und
ästhetischen Rücksichten, bodenreformerische Maßregeln und dergleichen.
Sie sind heute erst in Ansätzen vorhanden, können aber bei Fortgang der
jetzigen Entwicklung größere Wirkungskraft erlangen.

Wenn indes die Zuspitzung in der extremen Form vermieden werden kann, so
ist sie doch insoweit als größte Wahrscheinlichkeit zu betrachten, als
sie erforderlich ist, um den Ideen der Arbeiterklasse steigenden Einfluß
zu verbürgen. Ein zunehmendes Ueberwiegen der Industrie und des großen
Betriebes in Industrie, Handel und Verkehr ist in unseren alten
Kulturländern unvermeidlich, sollen sie nicht vor den aufkommenden
Ländern die Segel streichen. Und damit ist auch das Ueberwiegen der
Arbeiterklasse verbunden, das zu einem stärkeren Durchdringen ihrer
Ideen im sozialen Leben führen muß.

Damit ist aber noch nicht gesagt, daß nun alles genau so kommen oder
genau die Form annehmen muß, die sich der eine oder andere heute als die
Verwirklichung der Ideen der Arbeiterklasse vorstellt. In der Anwendung
mag sich da vieles anders gestalten, als im Begriff, weil das Leben noch
andere Kräfte erzeugt, die Berücksichtigung verlangen und im Notfall
sich erzwingen.


                 5. Das wahrscheinliche Zukunftsbild.

Die Idee der Arbeiterklasse ist die _Demokratie_, die Demokratie in
Staat, Gemeinde und Wirtschaft. Je nach den Umständen, unter denen sie
zum Durchbruch kommt, werden sich ihre ersten Wirkungen gestalten:
unorganisch oder organisch, das heißt mehr zerstörerisch oder mehr
aufbauend. Ob aber das eine oder das andere stattfindet, das Ende wird
immer sein, daß das Bedürfnis der Wirtschaft und die Anforderungen der
zweckmäßigsten Art, zu wirtschaften, über alle doktrinären Ideen den
Sieg davontragen werden. Es wird daher voraussichtlich im Verstaatlichen
und Kommunalisieren Maß gehalten, der privaten wirtschaftlichen
Betätigung, sei es von Genossenschaften, sei es sogar von Einzelnen,
erheblicher Spielraum gelassen werden. Daher wird es zum Beispiel auch
innerhalb bestimmter Grenzen wahrscheinlich noch Profit, d. h.
Ungleichheit der Einkommen, bezw. Möglichkeiten der Vermögensbildung
geben. Aber die _großen heutigen Vermögensunterschiede werden unbedingt
verschwinden_, weil die vielen Quellen arbeitslosen Erwerbs, die heute
die Bildung der Riesenvermögen ermöglichen, aufhören werden, in die
Reservoirs von Privaten zu fließen. Das _Bodeneigentum_ und die
_Bodenschätze_ werden dem Privateigentum teils ganz entzogen, teils nur
unter solchen Bedingungen für Wirtschaftszwecke überlassen werden, die
die Bodenrente in allen ihren Formen _der Gemeinschaft sichern_. Neun
Zehntel der Riesenvermögen, die wir heute in den Händen der Millionäre
und Multimillionäre sehen, stammen aber aus offenen oder versteckten
Bodenmonopolen.

Zugleich werden von anderer Seite her die _unentgeltlichen Leistungen_
von Staat und Gemeinden wachsen und dazu beitragen, das zu schaffen, was
man in England das »_soziale Minimum_« getauft hat: ein Mindesteinkommen
aller, das den Verkauf der Arbeit zu Hungerlöhnen unmöglich macht. Denn
Arbeit gegen Lohn wird es voraussichtlich auch dann noch geben. Das
große Verkehrsleben der Neuzeit, auf das die Menschen schwerlich
verzichten werden, macht das _Geld_ und damit auch den _Geldlohn_
unentbehrlich, gleichviel ob in öffentlichen oder in Privatbetrieben
gearbeitet wird. Was dagegen anders sein wird, ist das System der
_Lohnbestimmung_. Die Bestimmung der Löhne wird in hohem Grade
_öffentlichen Charakter_ tragen. Oeffentliche Lohnämter, zusammengesetzt
aus Vertretern der Allgemeinheit und der Berufsgruppen, werden
Mindestlöhne festsetzen, und Lohntarifen, die ebenfalls als Mindestsätze
zu gelten haben, gesetzliche Kraft geben. In gleicher Weise werden
Bestimmungen über die _Länge des Arbeitstages_ in öffentlichen und
Privatunternehmungen getroffen werden.

Alles das kann man mit großer Sicherheit als Folge des Sieges der
Arbeiterdemokratie voraussagen, weil es in Ansätzen schon heute
vorhanden ist und Schritt für Schritt weiter entwickelt wird. Das
Angefangene wird nur allgemeiner und mit _größerer Entschiedenheit und
Konsequenz_ durchgeführt werden. Wie aber wird es wirken? Wird nicht
zugleich eine Abnahme und Verteuerung der Produktion die Folge sein? Und
wird nicht die politische Herrschaft der Arbeiterklasse alle Disziplin
in den Betrieben aufheben?

Auf diese Fragen kann man nur antworten, daß die Arbeiter in ihrer
Allgemeinheit genau dasselbe Interesse daran haben, daß viel und billig
produziert wird, wie irgend eine andere Klasse der Gesellschaft. Es
werden daher früher oder später Einrichtungen geschaffen werden, um das,
was heute der Hunger als Einpeitscher und der Geldbeutel als Treiber im
Wirtschaftsleben verrichten, soweit auf demokratischem Wege zu sichern,
als das Bedürfnis der Produktion es erheischt. Die öffentlichen
Arbeitsämter können ganz gut dazu ausgebaut werden, als Instanzen für
Uebergriffe von hüben oder drüben sich zu betätigen. Auch dafür liegen
schon Ansätze vor. Je mehr Macht die Arbeiterorganisationen erringen, um
so mehr entwickelt sich auch bei ihnen das Gefühl der _Verantwortung_
für den Fortgang der Produktion und desto mehr _Erfahrung_ sammeln sie
für die Sicherstellung der Bedürfnisse der Produktion. Im übrigen wird
schon der _Fortfall des »Herrenbewußtseins«_ die Wirkung haben, daß die
Privatunternehmung selbst dort, wo sie nicht schon der Form nach
Genossenschaft ist, genossenschaftliche Charakterzüge erhalten wird.

Eine Verringerung der _Arbeit_ für den einzelnen wird aber schon dadurch
möglich, daß sehr viel _Arbeitsvergeudung_, die heute getrieben wird,
gegenstandslos werden oder als für schädlich erkannt, in Wegfall kommen
wird. Dahin gehören auf der einen Seite viele der heutigen falschen
Kosten der Volkswirtschaft und auf der anderen der allmählich bis zum
Wahnsinn getriebene Aufwand des wachsenden Heeres der Millionäre und
Milliardäre. Es werden genügend Arbeitskräfte frei werden, um die
Arbeitszeit für alle ermäßigen zu können, ohne daß darum die Produktion
auf das bloß Notwendige beschränkt zu werden braucht.

Auf der Stufe der Durchführung einer solchen Demokratie können
Deutschland und andere Länder der vorgeschrittenen Kulturwelt in einem
Vierteljahrhundert angelangt sein. Unzweifelhaft werden sich die Dinge
aber nicht sofort völlig glatt machen. Es sind Mißgriffe möglich und
sogar zeitweilige Rückfälle nicht ausgeschlossen. Aber eine Wiederholung
der Zerrüttungen, an denen die alte Kulturwelt zugrunde ging, ist heute
mehr als unwahrscheinlich. Es fehlen die Barbaren, die unserer Kultur
ein ähnliches Schicksal bereiten könnten, wie einst die nordischen
Barbaren dem römischen Weltreich. Wenn manche Erscheinungen unserer
heutigen Epoche zu Vergleichen mit den Zuständen in Rom unter den
Kaisern herausfordern, so fehlte jenem Rom doch die große, an Zahl,
Intelligenz, Organisation und Tatkraft beständig zunehmende
Arbeiterklasse, über welche die moderne Kultur verfügt. Sie, die das
Erzeugnis dieser Kultur ist, verspricht auch, ihr Schützer und
Fortsetzer in den kommenden Kämpfen der Menschheit zu sein. »Die
Barbaren, die in Roms Heeren gedient hatten, eroberten Rom«, schrieb
Rodbertus einst im Hinblick auf die Arbeiterbewegung der Gegenwart. Aber
jene Rom erobernden und zugleich zerstörenden Barbaren waren Nomaden,
denen der Krieg das Höchste war. Den Arbeitern der Gegenwart dagegen ist
der Krieg verhaßt, während die _schaffenden Werke des Friedens_ ihnen
_Lebensgewohnheit_ und _Lebensbedingung_ sind. Sie werden daher stets
selbst wieder herstellen, was vom Erhaltenswerten unserer Kultur in den
Kämpfen zeitweise geschädigt werden sollte.

So gehen wir einem Zeitalter entgegen, in dem eine weit durchgeführte
Demokratie dem sozialen Leben einen starken _genossenschaftlichen
Charakter_ verleihen wird. Fourier, hierin ein wirklicher Seher, nannte
es in seiner Weltentwicklungstafel _Garantismus_, was man mit dem
schwerfälligen Wort Gewährschaftssystem übersetzt hat. Neuere haben
dafür den Ausdruck Solidarismus geprägt. Wir können aber ruhig
Sozialismus sagen. Sozialismus jedoch nicht als Uniformierung des ganzen
Lebens. Daß es zu dieser kommt, schließt das hochentwickelte
Verkehrsleben der Neuzeit aus, auf das die Menschen nicht werden
verzichten wollen. Sozialismus vielmehr als maßgebende _Rechtsgrundlage_
des ganzen sozialen Lebens, der Bestimmung der Rechte und Pflichten der
Gesellschaft gegen ihre Glieder und dieser gegen die Gesellschaft und
untereinander.

Wieviel Zeit es erfordern wird, bis das Prinzip allseitig durchgeführt
sein und ohne Störungen funktionieren wird, ob es fünfzig oder hundert
Jahre kosten wird, wer kann es voraussagen? Und wer es unternehmen,
Einzelheiten zu beschreiben? Gerade, weil sich mit Sicherheit
voraussehen läßt, daß die Menschen sich keine Uniform anziehen, sondern
der freien Initiative Spielraum lassen werden, ist alle
Einzelschilderung verfehlt. Da die Menschen in ihrem Bau und ihren
natürlichen Trieben und Anlagen keine anderen Wesen sein werden als
heute, wird auch vieles in ihren Einrichtungen sich nicht so diametral
von denen der Gegenwart unterscheiden, als manche anzunehmen geneigt
sind. Die Menschen werden auch in Zukunft keine reinen Rechenexempel
sein, auch in Zukunft neben der Oekonomie den seelischen Bedürfnissen
ihr Recht sichern. Und so können wir auch einer kraftvollen
Gegenströmung gegen Tendenzen übertriebener Kasernierung des Lebens
sicher sein.

Noch einmal, die Menschheit geht keinem Schlaraffenleben entgegen, und
es wäre ihr nicht einmal zu wünschen. Dagegen wird die Armut als soziale
Erscheinung verschwinden, wie die heutige Art der Reichtumsansammlung
und die ihr entsprechenden sozialen Auffassungen und Luxustendenzen
verschwinden werden, ohne daß die _Pflege des Schönen_ darunter leiden
wird. Sie wird einen _öffentlichen Charakter_ erhalten, mehr als je auf
die Veredelung und Vervollkommnung dessen gerichtet sein, was allen
gehört, allen zugute kommt. Die Verallgemeinerung der Arbeit wird die
pflichtigen Arbeitsleistungen so zu verdrängen erlauben, daß jedem neben
ihnen noch genügende Zeit und Frische zur Betätigung individueller
Anlagen und Neigungen verbleibt. Die Technik, die heute einseitig darauf
gerichtet ist, _Arbeitskosten_ zu ersparen, wird, ohne dies zu
vernachlässigen, doch immer stärker das Ziel im Auge haben,
_Menschenkosten_ zu ersparen, die Arbeit erträglicher und zuträglicher
zu machen. Und immer mehr wird das höchste Kulturgut zur Allgemeinen
Errungenschaft werden und alle Beziehungen des öffentlichen Lebens
durchdringen und veredeln: die Schätzung des Menschen als _freie, keinem
Nebenmenschen unterworfene Persönlichkeit_.

Das liegt im Wesen der demokratischen Gleichheit begründet, wie sie der
heutigen Arbeiterbewegung zugrunde liegt. Und weil diese die größte
soziale Triebkraft der Neuzeit ist, ist es auch nicht undenkbar, daß es
_in spätestens hundert Jahren der Kompaß des ganzen sozialen Lebens_
sein wird. Nicht undenkbar, nicht unmöglich, sondern vielmehr _in hohem
Grade wahrscheinlich_.



                            Hermann Bahr.
                     Die Literatur in 100 Jahren.


                     Die Literatur in 100 Jahren.
                          Von Hermann Bahr.

Man muß kein Prophet sein, um sagen zu können, daß das, was heute
Literatur genannt wird, ja, vielleicht alles, was heute Kunst heißt,
wofern die Menschheit in ihrer wirtschaftlichen und geistigen
Entwicklung das Tempo beibehält, das sie seit der großen Revolution hat,
in hundert Jahren unnötig geworden und nur noch als Erinnerung, mit
dankbarem Erstaunen gehegt, vorhanden sein wird.

Das Kennzeichen der Literatur in hundert Jahren wird es sein, daß es
keine Literaten mehr geben wird, nämlich keinen besonderen Stand, der
das Privileg hat, für die anderen das Wort zu besorgen, wie der Bäcker
das Brot und der Metzger das Fleisch.

Wie Wagner an eine Zeit geglaubt hat, in der jeder sein eigener Künstler
sein wird, so wird jeder dann sein eigener Dichter sein und keinen
Dolmetsch seines Herzens mehr brauchen.

Alle Kunst ist ursprünglich zunächst immer nur ein Versuch des Menschen,
seine großen inneren Momente bei sich aufzubewahren und irgendwie den
schönen Augenblick so zu verewigen, daß er ihn, so oft er will, wieder
herbeirufen kann. Kunst ist zunächst nichts als ein Mittel zur eigenen
Erinnerung. Lust von ungemeiner Art oder auch ein besonderes Leid, das
ja dem Menschen ebenso, wenn es über das gewöhnliche Maß geht, zur
unentbehrlichen Erregung werden kann, soll, um ihm immer bei der Hand zu
sein, in ein Zeichen eingefangen, in ein Gefäß verschlossen werden. Lust
oder Leid, jedes Gefühl überhaupt, setzt sich in einen körperlichen
Rhythmus um, der dann in Tönen, Gebärden oder Worten verlautet und
erscheint. Dieser körperliche Rhythmus kann nicht festgehalten, nicht
der Erinnerung anvertraut und also nicht willkürlich reproduziert
werden, aber seine Erscheinungen, seine Laute können erhalten werden und
rufen dann, reproduziert, denselben körperlichen Rhythmus wieder hervor.
Die Kunst dient zunächst dem einzelnen Menschen wie seinem ganzen Volke
dazu, sein ganzes Leben, soweit es bisher abgelaufen ist, jederzeit
wieder um sich versammeln und sich so jederzeit mit seinen sämtlichen
Zuständen umgeben zu können. Und so dient sie dann dem Menschen auch
dazu, den anderen von seiner Eigenheit ein Zeichen zu geben, um sich mit
ihnen über sein Wesen zu verständigen.

Als nun aber später alle zur Erhaltung des menschlichen Lebens
notwendigen Verrichtungen, die bisher jeder selbst für sich besorgt
hatte, den einzelnen abgenommen und der Reihe nach an besondere Gewerbe
verteilt wurden, als, bei der Auflösung der primitiven Wirtschaft, die
alles im eigenen Hause bestellt hatte, einer für alle das Backen, ein
anderer das Schneidern, der dritte das Schlachten übernahm, geschah es,
daß auch eine so höchst persönliche Verrichtung, wie die Kunst als die
Aufbewahrung des eigenen Lebens in Zeichen, aus denen es jederzeit
wieder herbeigeholt werden kann, nun einer besonderen Innung zugewiesen
wurde. Ein eigenes Geschäft entstand, das es übernahm, gegen Bezahlung
jedem einzelnen nach Wunsch den Ausdruck seines Lebens oder doch der ihm
wichtigsten Empfindungen anzufertigen. Die Literatur entstand.
Eigentlich ist sie kein geringeres Wunder, als wenn damals, bei der
Teilung der Arbeit, etwa auch die Fortpflanzung der Menschheit einer
besonderen Zunft zugesprochen worden wäre. Es ist ein Wunder, das der
natürliche Menschenverstand, wenn er sich's recht überlegt, eigentlich
gar niemals begreifen kann. Man versuche nur, sich einmal klar zu
machen, worauf die jetzige Literatur beruht. Eine Reihe von Menschen
lebt davon, daß ihre Gedichte gekauft werden. Ein Gedicht ist der
Zustand irgend eines Menschen, in Worte verschlossen.

Es ist nun durchaus nicht einzusehen, warum ein anderer Mensch es sich
etwas kosten lassen soll, diesen ihm fremden und gleichgültigen Zustand
kennen zu lernen. Der Zauber eines Gedichts besteht eigentlich nur in
seiner Macht, ein entschwundenes Stück Leben dem, der es erlebt hat,
jederzeit in Erinnerung zu bringen, Entschwundenes zurückzuholen.
Welches Interesse es aber für irgend einen Menschen haben könnte, an
etwas erinnert zu werden, woran er gar nicht erinnert werden kann, weil
ihm doch jede Vorbedingung des Erinnerns fehlt, denn der Inhalt des
Gedichts ist ja nur von seinem Dichter, keineswegs aber vom Käufer des
Gedichts erlebt worden, dies läßt sich durchaus nicht ersinnen. Und es
ist auch nur durch eine gelinde Täuschung irgendwelcher Art möglich; der
Käufer kann auf seine Kosten nur kommen, wenn das Gefühl, das der
Dichter ins Gedicht gefaßt hat, seinem eigenen zum Verwechseln ähnlich
sieht. Die Täuschung, diese Verwechslung, auf der der heutige
literarische Betrieb durch Innungen beruht, kann also nur geschehen,
wenn entweder der Inhalt des Gedichts, das Erlebnis des Dichters ganz
persönlich ist oder das Persönliche, das es etwa hat, durch die Form
abgeschwächt und aufgelöst wird, oder aber hinwieder das Erlebnis des
Käufers, an das ihn das Gedicht erinnern soll, sei es von Anfang an ganz
undeutlich gewesen, sei es schon so verblaßt, ist so, daß er sich jedes
andere dafür einreden läßt. Je stärker ein Dichter erlebt, je reiner er
sein Erlebnis ausdrückt, desto weniger wird dieser Ausdruck fähig sein,
mit dem Ausdruck anderer Erlebnisse verwechselt zu werden und den Zweck
des literarischen Handels zu erfüllen, daß er nämlich im Käufer ein
Erlebnis des Käufers zurückrufen soll. Und je stärker der Käufer erlebt,
desto geringer wird seine Neigung sein, sich an einem Ausdruck, der ihn
nur ungefähr von weitem daran erinnert, genügen zu lassen. Alle
Persönlichkeit des Erlebens, beim Dichter wie beim Käufer, möglichst
auszuräuchern, bis am Ende nur ein allgemeiner Dunst davon übrig bleibt,
worin jede Farbe verschwimmt, muß also die größte Sorge des
literarischen Betriebs sein, und es läßt sich nicht leugnen, daß dies
heute mit einer ganz wunderbaren Hingebung geschieht. Wie sich die
Dichter schon im Aeußeren immer mehr dem Vulgären assimilieren und mit
Erfolg beflissen sind, das Aussehen und Auftreten von Bankiers
anzunehmen, so gelingt es ihnen auch im Geistigen immer besser, ihr
Gesicht zu verwischen. Und ebenso sind auf ihrer Seite die Käufer
bemüht, sich in ganz unpersönlichen Erlebnissen aufzuhalten, die dann
freilich an jeden vorübergleitenden Schatten angehängt werden können.

Das wird nun so bleiben müssen, solange die Welt ein Warenhaus und der
Mensch ein Händler bleibt. Es sind Anzeichen da, die jedoch vermuten
lassen, daß in hundert Jahren die menschliche Wirtschaft anders geworden
sein werde. So hätte auch dieser literarische Betrieb keinen Sinn mehr;
und es könnte dann keine Literaten mehr geben, keine Menschen mehr, die
davon leben, daß sie ihr eigenes Leben verunstalten, um seinen Ausdruck
für den Ausdruck fremden Erlebens ausgeben und dafür Geld einnehmen zu
können.

Die Literatur in hundert Jahren wird sich dann von der heutigen vor
allem durch das Motiv unterscheiden. Das Motiv des heutigen Literaten,
eingestanden oder nicht, ist der Lohn. Er dichtet, um die Miete, den
Haushalt und das Zubehör bezahlen zu können. Er ist darum verhalten,
kaufkräftig zu dichten. Er muß das dichten, was verlangt wird; und
verlangt wird, was sich jedem anpaßt, was von jedem getragen werden
kann, was sich nach jedem Geschmack dehnen läßt; und allenfalls auch,
schlägt die Mode um, leicht wieder umfalten und auffärben.

Dieses Motiv fällt dann weg. Es muß dann niemand mehr dichten, bloß um
nicht zu verhungern, weil jedem ein anständiger Erwerb zugesichert sein
wird, und das Dichten trägt dann nicht mehr dazu bei, das Einkommen zu
vermehren. Ist dann also das bewegende Grundmotiv der heutigen Literatur
ausgeschaltet, so wird es zunächst fraglich, ob nicht alle Literatur
überhaupt stillstehen und vielleicht für einige hundert Jahre sistiert
sein wird, solange nämlich, bis es etwa geschehen mag, daß einer einmal
aus einem ganz anderen, heute durchaus unbekannten Motiv das Wort nimmt,
also z. B. vielleicht, weil er etwas zu sagen hat, oder auch einfach
deshalb, weil er, geheimnisvoll getrieben, eben muß. Dies alles kommt
uns heute freilich höchst phantastisch vor, aber seit wir es erlebt
haben, daß der Mensch das Fliegen erlernt hat, sind wir geneigt, allen
Ausschweifungen der Phantasie zu trauen.

Allerdings würde das Dichten dann aus seiner öffentlichen Bedeutung
verdrängt. Es würde nicht mehr genossenschaftlich betrieben und jene
Organisationen, durch die heute den Dichtern die Verbindung mit dem
Markt hergestellt und der Absatz gesichert wird, also die verschiedenen
Schulen und Richtungen, wie wir sagen, hätten aufgehört. Das Dichten
hätte keinen Zweck mehr, sondern nur noch einen Grund, nämlich im
eigenen Trieb; es wäre nur noch ein Dichten vor sich hin und für sich
hin, nicht mehr auf die anderen los. Seinen heutigen Sinn hätte es
allerdings damit ganz verloren, aber es ließen sich immerhin Menschen
denken, denen auch ein solches sinnloses und zweckloses Dichten, ein
Dichten an und für sich, Freude machen könnte, so wenig wir jetzt
eigentlich in der Lage sind, uns einen solchen Menschenschlag recht
vorzustellen. Jedenfalls würde das dann auch nur ganz im Geheimen
geschehen, als eine vollkommen intime Verrichtung, als ein geistiges
Müllern sozusagen, wodurch es denn, ohne sich freilich mit der großen
öffentlichen Bedeutung unserer heutigen Literatur, die ja ihren Platz
unter den wichtigsten Industrien hat, irgendwie messen zu dürfen,
immerhin noch einen gewissen hygienischen Wert ansprechen könnte.

Zu bemerken ist noch, daß jedenfalls der Uebergang zu dieser neuen Zeit,
in der jeder sein eigener Dichter sein wird, sehr große Schwierigkeiten
haben muß. Denn es wird vor allem dann die Frage zu lösen sein, was mit
den außer Betrieb gesetzten Dichtern geschehen soll, und es ist zu
befürchten, daß für sie durchaus nicht so leicht eine auch nur halbwegs
passende Verwendung zu finden sein wird. Seien wir froh, daß uns diese
Sorgen unserer Enkel erspart bleiben!



                          Dr. Max Burckhard.
                      Das Theater in 100 Jahren.


                      Das Theater in 100 Jahren.
                        Von Dr. Max Burckhard.

»Also«, sagte ich, indem ich noch einmal den länglichen Metallkasten
aufmerksam betrachtete, der auf vier niederen Rädern vor mir stand,
»also, es ist alles in Ordnung.«

»Alles«, erwiderte mein Neffe, der mit ernster Miene neben mir stand.

»Und wir haben hoffentlich nichts vergessen . . .«

»Nichts.«

»Den Stiftbrief habe ich heute morgen selbst noch einmal genau
durchstudiert; ich glaube wirklich, es ist keine Möglichkeit übersehen,
mit der man überhaupt rechnen kann.«

»Teufel, Teufel!« Mein Neffe kratzte sich nachdenklich am Kopf. »In dem
Stiftbrief steckt meine einzige Sorge. Wenn am Ende doch der ganze
Staat, während des Urlaubs, den Du Dir da nimmst, zusammenkracht . . .«

»Na, dann kommt eben ein anderer Staat nach ihm!«

»Ist das so ausgemacht? Und wer weiß, ob der sich um Stiftungen und
derlei Dinge kümmert!«

»Das wird schließlich jeder Staat.«

»Und das hältst Du wirklich für ganz ausgeschlossen, es könnte auf
einmal das ganze Stiftungsvermögen flöten gehen? Und ist kein Geld mehr
da, so kümmert sich natürlich kein Mensch mehr um Deine irdischen
Reste.«

»Na, die Jahre, die Du selber lebst, doch natürlich Du . . .«

»Ich natürlich -- aber die paar Jahre!«

»Dann ist das Interesse der Wissenschaft da an meinem Experiment.«

»Weißt Du, das Interesse für das Geld ist doch viel sicherer.«

»Nun und auch daran kann es nie fehlen. Darum habe ich außer allen
möglichen Wertpapieren und hypothtekarischen Sicherstellungen in den
drei größten Banken Gold erlegt.«

»Gerade das Gold ist aber völlig wertlos, sobald der nächste
hergelaufene Kerl unter besonderen Druck- und Temperatur-Verhältnissen,
eventuell mit Zuhilfenahme irgend einer Emanation das Gold aus ein Paar
billigen Elementen zusammensetzt.«

»Mit solchen außerordentlichen Denkbarkeiten muß man sich schließlich
bei allem im vorhinein abfinden. Es könnte ja auch der Mond oder irgend
ein anderes kosmisches Gebilde auf einmal in die Erde hineinfallen.«

»Dann ist eben alles aus.«

»Gewiß, aber in Deinem Falle ist es bei mir noch lange nicht aus.«

»Ich meine doch. Denn wenn Deine Stiftung erlischt oder sonstwie die
Summen entfallen, aus denen diese Anlagen erhalten und betreut, Kurator
und Personale bezahlt werden . . . .«

»Dann wird eben keine Kohlensäure mehr nachgefüllt, in meiner Kühlkammer
wird es immer wärmer und wärmer und die künstliche Erstarrung, die wir
durch die Kälte hervorrufen werden, hört dann ebenso langsam auf, wie
sie heute eintreten wird. Die Blutzirkulation beginnt von neuem, ich
schlage die Augen auf, und der Unterschied ist nur . . . .«

»Daß Du allein in dem unheimlichen Raum wach wirst, in dem Dich, wenn Du
Deine hundert Jahre Erstarrung glücklich durchgemacht hättest, das ganze
Stiftungspersonal und vielleicht Kaiser und Papst oder doch Vertreter
aller Hochschulen freundlich lächend begrüßen würden . . .«

»Lauter Kerle, die ich nicht kenne.«

». . . und daß Du«, fuhr unbeirrt mein Neffe fort, »wenn Dein Geld beim
Teufel ist, eben ohne einen Knopf Geld dasitzest oder zunächst
daliegst.«

»Die Hauptsache ist, daß ich einen zweiten Schlüssel im Sack habe und
hinauskann. Ich werde halt dann arbeiten und mir mein Geld verdienen.«

»Das wird dann wohl nicht so leicht sein. Denn zunächst wirst Du all die
neuen Dinge zu lernen haben, die man wird wissen und können müssen, um
überhaupt ein nützliches, ja ein mögliches Glied der Gesellschaft zu
sein.«

»Ich lasse mich, wenn alle Stricke reißen, einfach ums Geld anschauen.
Einen Impresario wird es doch geben, der mich per Luftballon, oder wenn
dieses Verkehrsmittel schon wieder veraltet ist, sonstwie in den X
Weltteilen und den umliegenden Ortschaften herumführt. Das muß ja allein
ein Heidengeld tragen, einen Menschen herzuzeigen, der sich vor hundert
Jahren hat einschläfern lassen, um den Rest seines Lebens in Raten
abzudienen, und der nun als lebendiger Berichterstatter einer
entschwundenen Zeit herumgeht.«

»Bist Du sicher, daß Dir das nicht andere schon werden nachgemacht
haben?«

»Wenn sie nicht die von mir ersonnenen Maßregeln getroffen haben,
platzen ihnen schon beim Erstarren ein Paar Gefäße und sie werden dann
höchstens wach, damit sie sofort der Schlag trifft, der sie eigentlich
schon damals vor hundert Jahren hätte treffen sollen.«

»Auf alle diese Dinge, die Du ja gewiß sehr sinnreich ausgedacht hast,
kann im Laufe der Zeit auch ein anderer kommen.«

»Soll er. Aber ich habe noch als Student Richard Wagner einmal am
Bahnhofe empfangen, kann von meinen Begegnungen mit Ibsen erzählen, habe
mit Arthur Schnitzler eine Zeitlang in einem Hause gewohnt und . . .«

»Nun, mir kann es ja recht sein. Mich geht ja das eigentlich alles gar
nichts an, und wir haben es auch zum Ueberfluß schon oft genug
durchgesprochen. Für mich als Arzt ist die Hauptsache, daß die
Kühlkammer in Ordnung ist und das »Medizinische« der Sache tadellos
funktionieren wird -- soweit es eben eine menschliche Berechnung gibt.
Hoffen wir, daß es in Deinem Gebiet, mit dem »Juristischen«, ebenso gut
bestellt ist. Nur darauf habe ich noch einmal hinweisen wollen. Aber da
Du meinst, es stimme auch da alles . . .«

»Gewiß, natürlich auch hier, soweit es eben eine menschliche Berechnung
gibt.«

». . . und allem Anscheine nach fest entschlossen bist . . .«

»Steif und fest.«

»Offen gesagt, ich habe eigentlich doch immer geglaubt und, ich darf
wohl hinzufügen, gehofft, Du wirst es Dir im letzten Augenblick, wenn es
nämlich drum und daran ist, noch anderes überlegen. Ich mag mir zehnmal
sagen, daß Du mich ja fast um ein Jahrhundert überleben wirst --
eigentlich stirbst Du in dem Augenblick doch für mich, wo Du Dich in den
Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich zugleich narkotisiert
und in die Kühlkammer hineinrollen läßt. Und zum Ueberfluß müßte ich
daher eigentlich hinterher auch noch die Empfindung haben, daß ich Dich
umgebracht habe.«

»Da Du doch praktischer Arzt bist, wird Dir ja diese Art Empfindung
nicht so neuartig sein.«

»Verzeihe, ich übe die Chirurgie aus, und nicht die interne Medizin
. . .«

»Deine Empfindung übrigens ist mir ganz interessant. Mir geht es
nämlich, offen gestanden, momentan ganz ähnlich. Auch mir ist es in dem
Augenblicke, seit ich den Gedanken gefaßt habe, mir den Rest meines
Lebens für später aufzuhalten, nun zum ersten Male völlig klar, daß ich
eigentlich doch jetzt sterbe, indem ich von allen Menschen, die ich
kenne, aus dieser ganzen Welt, mit der ich vertraut bin, scheide, um
dereinst unter unbekannten Umständen und völlig fremden Leuten wieder zu
erwachen.«

»Weißt Du was? Gib wenigstens noch einige Tage zu.«

»Nein, nein. Ich muß mit meinem künftigen Leben sparsam sein. Jeder von
den Tagen, die meine Lebenskraft bei vernünftiger Lebensführung noch
währt, fehlt mir, falls ich die Maschine jetzt weiterlaufen lasse, dann
dereinst, wenn ich wieder zu leben beginne. Und diese plötzliche
Stimmung beruht ja doch nur auf einer falschen Sentimentalität. Ich bin
eben ein Auswanderer, der für immer seiner Heimat und allen Freunden
Lebewohl sagt, indem er das Schiff besteigt, das ihn nach fernem Eiland
bringen soll.«

»Rein gedankenmäßig stimmt es ja. Und doch . . .«

»Und was gewinne ich nicht dafür! Ich werde wieder leben, werde leben
und ferne Zukunften miterschauen als Zeuge der menschlichen Entwicklung,
während Ihr alle längst werdet aufgehört haben zu sein.«

»Und woher weißt Du, daß wir aufhören werden zu sein? Daß nicht jedes
Leben nur die Fortsetzung früherer Leben ist? Daß nicht ich und einer,
der vor mir war, und einer, der nach mir sein wird, nur verschiedene
Formen, nur Fortsetzungen ein und desselben Wesens sind?«

»Und Du und ich auch dasselbe Wesen! Nein, nein, lieber Freund, in
transzendentale Erörterungen lasse ich mich so kurz vor dem Einschlafen
nicht mehr ein, ich, der ich erst in einer Zeit wieder erwache, wo man
Bücher über Philosophie mit genau derselben Schätzung betrachten wird,
wie wir etwa heute Werke über Astrologie ansehen. Rasch, rasch! Mich
erfaßt jetzt eine plötzliche Ungeduld -- eine stürmische Sehnsucht --
Was soll ich noch hier! Jeder Augenblick, den ich noch lebe, ist
verloren. Fort, fort! Lebe wohl. Grüße mir noch alle. Und tausend Dank
für all Deine Freundschaft, Hilfe, Mühe, Teilnahme . . .« -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Es war ein ganz eigentümliches Gefühl, das mich allmählich zu erfassen
begann. Mich? Nein, irgend einen Menschen, der dalag. Es ging etwas vor.
Aber ich wußte nicht nur nicht, was vorging, auch nicht, mit wem es
vorging, vor allem nicht, daß es mit mir vorging. So mag wohl einem
trockenen Fels zu Mute sein, wenn in seinen Spalten auf einmal Wasser zu
sickern, zu rieseln, zu fließen beginnt. Oder einer Buche, wenn im
Frühjahr die Säfte wieder emporsteigen, sich, dem Auge noch unsichtbar,
zartes Grün unter der harten Außenrinde bildet, und es an den Spitzen
und in den Winkeln und allenthalben längs der Achsen zu schwellen
beginnt. Und dann war ein Geräusch. Irgendwo. Oder eigentlich nirgends.
Es war nur. Aber ohne Vorstellung von Nähe oder Ferne. Und dann war auf
einmal etwas anderes. Zuerst wie ein kaltes, stechendes Gefühl, und dann
wie etwas Weiches, Warmes, Wonniges. Und jetzt wußte ich es, das war ja
Licht. Und ich sah. Sah die Wände eines kleinen Raumes, sah mich, sah
mir zur Seite, leicht über mich gebeugt, eine Gestalt stehen, die zu mir
sprach. Aber die Gestalt konnte ich noch nicht erfassen, ihre Worte, die
ich wohl zuerst als das ferne Geräusch vernommen, nicht verstehen.

Und nun mit einem Schlage wußte ich alles. Das war die Kammer, die ich
mir als Ruhestätte für ein Jahrhundert erwählt, und das Jahrhundert war
nun um, und ich erwachte zu neuem Leben. Wer wohl da vor mir jener erste
Mann war, der mich von den Spätgeborenen begrüßte? -- -- -- Aber nein!
Das war ja nicht möglich! Da mußte etwas geschehen sein. Ich konnte wohl
nur viel kürzere Zeit hier gelegen haben. Der Mann, der da vor mir stand
und so gespannt auf mich blickte, war ja -- mein Neffe!

»Was ist's?« fuhr ich auf -- »warum weckst Du mich schon?«

»Schon? Das gibst Du gut«, sagte er mit herzlichem Lachen. »Aber nur
ruhig -- keine zu heftigen Bewegungen im Anfang -- Deine Muskeln und
Gefäße müssen doch erst ein klein bißchen Zeit haben, sich an die neue
Tätigkeit zu gewöhnen.«

»Ja, wie lange schlafe ich denn dann?«

»Nun, genau hundert Jahre. Wie Du angeordnet hast.«

»Mach' keine dummen Witze. Wie kämest Du dann her?«

»Das werde ich Dir gleich erklären, schauen wir nur, daß wir aus dieser
Gruft hier herauskommen, die Luft ist trotz aller Vorkehrungen doch
nicht die allerbeste hier herinnen, und draußen findest Du herrlichen
Frühling.«

»Ich mache keinen Schritt heraus, bevor Du mir nicht aufklärst, was da
vorgeht und warum ich erweckt worden bin. Ich will wissen, wie viel Uhr,
das heißt, welches Jahr es ist.«

»Nun 2009 ist es, das ist doch sehr einfach. -- Komme nur. Deine Kleider
riechen wirklich etwas muffig. Ich habe Dir oben einen Anzug nach der
neuesten Mode hergerichtet. Du wirst staunen . . .«

»Nun, wenn er so verrückt aussieht wie Deiner . . .«

»Aber hygienisch, Freund -- hygienisch! -- Doch komm' nur. Siehst Du,
jetzt sind wir schon in Deinem Schlafzimmer. Etwas wurmstichig halt das
Ganze! Und die Stoffe arg verschossen. Ich habe hier absichtlich nichts
richten lassen.«

»Jetzt wirst Du mir aber gleich erklären . . .«

»Nein, daß Du noch nicht selbst darauf gekommen bist! Es ist doch
eigentlich so einfach und naheliegend. Ich habe Deine Idee, je länger
ich darüber nachdachte, um so herrlicher gefunden, meine Zeitgenossen
sind mir immer ekelhafter geworden, vorbereitet war alles auf das
genaueste, Platz war auch für zwei dort unten, ein zweiter Kasten war
bald gemacht, und so brauchte ich nur statt meiner einen anderen Kurator
zu bestellen und mich unter seiner Assistenz in die Kühlkammer schieben
zu lassen.«

»Ja, wer hat Dich denn dann aufgeweckt?«

»Nun der Kurator, der im Jahre 2008 diese Würde bekleidete und die mit
ihr verbundenen Bezüge genoß.«

»2008?«

»Natürlich. Ich ließ mir es nämlich mit achtundneunzig Jahren genug
sein, und da ich genau ein Jahr nach Dir zu Kasten ging, ließ ich mich
auch ein Jahr vor Dir wieder zum Aufstehen veranlassen, damit Dich
wenigstens ein bekanntes Gesicht begrüßt.«

»Das ist aber wirklich sehr lieb von Dir gewesen . . .«

»Weißt Du, das war wirklich ekelhaft, dieses Erwachen. Diese Schar von
Gaffern -- und dieser blöde Kerl, den sie da zum Kurator bestellt
hatten! Den dümmsten vom ganzen Kuratelsgericht. Weil er der Schwager
eines Ministers ist!«

»Mir scheint, es hat sich nicht viel geändert auf der Erde.«

»O doch, doch! Du wirst schon sehen. In gewissen Dingen freilich . . .
Aber ich will den Geschichtsstudien, die Du neu anzustellen haben wirst,
nicht vorgreifen. Für heute nur, daß es auf der ganzen Welt nur mehr
einen einzigen Staat gibt. Einer hat alle aufgefressen.«

»Deutschland? Oder England?«

»Nein. Monaco. Weil er das meiste Geld hatte. Aber das ist ja doch
schließlich ganz gleichgültig. Schau lieber zum Fenster hinaus. Ist er
nicht herrlich der See?«

»Ja, natürlich ist es schön. Aber das war er doch immer. Doch etwas
kleiner kommt er mir vor.«

»Und da ist jetzt der Wasserstand noch besonders hoch. Ja, die Seen sind
halt alle in den achtundneunzig Jahren ziemlich zurückgegangen.«

»Hundert bitte!«

»Bei mir achtundneunzig! Du entschuldigst schon, daß ich nach meiner
Zeitrechnung gerechnet habe.«

»Bitte, bitte. -- Jetzt muß es Nachmittag sein. Denn an einem Nachmittag
habe ich mich ja niedergelegt.«

»Ganz richtig.«

»Also wie beginne ich das neue Leben? Denn heute nacht werden wir wohl
noch hier bleiben müssen!«

»Was würdest Du zu einer Theatervorstellung sagen?«

»Aber, lieber Freund, dafür habe ich mir mein Leben nicht aufgespart, um
mir dann in St. Gilgen eine Theatervorstellung anzusehen.«

»Wer spricht denn von St. Gilgen!«

»Wir sind ja doch in St. Gilgen! Oder gibt es etwa einen Luftexpreß, der
uns bis zu Beginn der Vorstellung noch nach Wien oder München bringt?«

»Du bist eben noch sehr weit zurück in Deiner Bildung. Ins Theater gehen
wir jetzt nur mehr zu Premieren.«

»Eine Premiere habe ich noch weniger Lust mir anzusehen. Das könnte ein
feiner Dichter sein, der hier die »überhaupt ersten Aufführungen« seiner
Stücke veranstalten läßt.«

»Lieber Onkel, habe keine Sorgen. Du wirst ein gutes älteres Stück hören
und sehen in ausgezeichneter Besetzung und Darstellung. Eine
Mustervorstellung, gespielt von den allerbesten Schauspielern.«

»Also wo wirst Du mich hinführen?«

»In Dein Studierzimmer. Dort habe ich alles mit modernstem Komfort
für Dich einrichten lassen. Du brauchst Dich nur in Deinem
Schreibtischfauteuil zu setzen -- es ist noch der alte nach Kolo Mosers
Zeichnung, den Dir der Bahr geschenkt hat, -- und kannst dort ruhig
warten, bis die Vorstellung beginnt.«

»Also wohl eine telephonische Verbindung mit dem Burgtheater? Oder gar
mit Berlin?«

»Wo Du willst. Aber so einfach, wie Du Dir das vorstellst, ist die Sache
nicht. Auch handelt es sich nicht nur um das Hören. Du wirst auch alles
sehen, genau, als säßest Du in einem wirklichen Theater.«

»Hat man es richtig so weit gebracht, daß man auch die Lichtbilder mit
Hilfe des elektrischen Drahtes in jeder Entfernung sehen kann?«

»Das ist heute ganz einfach.«

»Und da sieht man auch das ganze Theater?«

»Das ganze Haus.«

»Wenn aber alle es so machen wie ich, ist ja kein Mensch darinnen. Das
ist dann eigentlich doch ziemlich öde.«

»Freilich ist kein Mensch darinnen. Aber Du siehst doch das volle Haus.
Das Bild von jedem, der sich die Vorstellung anschaut, wird nämlich von
demselben Draht, der ihm zum Sehen hilft, auf den Sitz projiziert, den
er bestellt (und natürlich bezahlt), und so siehst Du nicht nur die
Schauspieler, sondern auch alle Zuhörer und Zuseher per Distance so, als
säßen sie im Kreise um Dich. Und dasselbe sieht jeder andere auch, so
daß ich Dir empfehle, Dich noch umzukleiden, wenn Du mit Deinem
altmodischen Röckchen nicht ringsum unliebsames Aufsehen erwecken
willst. Dafür wirst Du Deine Nachbarin, wenn Du eine bekommst, gewiß
auch in eleganter Toilette erblicken.«

»Was nützt mir die schönste Nachbarin, wenn sie nicht wirklich neben mir
sitzt!«

»Ja, soweit haben wir es freilich noch nicht gebracht. Aber schließlich,
die Schauspieler stehen ja auch nicht in Wirklichkeit auf der Bühne.«

»Was? Keine Schauspieler? Am Ende Puppen?«

»Gott bewahre. Stimmplatten und wunderbar gemachte kinematographische
Aufnahmen. Also genaueste Reproduktion des gesprochenen Wortes und des
sich gleichsam abrollenden Bühnenbildes.«

»Da gibt es somit von jedem Stück eigentlich nur eine einzige
Aufführung, und die wird mit Apparaten aufgenommen und schnurrt dann
optisch und akustisch alles herunter.«

»So ähnlich ungefähr.«

»Da kann ja einer noch weiterspielen, wenn er schon längst tot ist?«

»Natürlich. Eine Menge Rollen in alten Stücken spielt heute im
Burgtheater noch der Kainz. Ein Schauspieler wird erst abgesetzt, wenn
man einen hat, der besser ist als er.«

»Wie weiß man denn das?«

»Da wird eben immer probiert.«

»Und wer entscheidet?«

»Das Publikum natürlich.«

»Wenn keines da ist!«

»Man sieht Dich doch applaudieren und hört Dich applaudieren und
zischen, genau so, als wärest Du da.«

»Aber zum Teufel, ich werde mich doch nicht hinsetzten, um über einen
Schauspieler, der vielleicht elend ist, zu urteilen, wenn ich einen
hören kann, von dem ich weiß, daß er glänzend ist.«

»Und wie oft hat das nicht auch das Publikum im alten Theater tun
müssen? Erinnere Dich nur aus Deinen eigenen Zeiten, was für Gäste Du
oft dem Publikum vorgeführt hast.«

»Das habe ich doch tun müssen, weil ja viele meiner Mitglieder alt und
alle von ihnen sterblich waren. Aber heute, wo die Sache so liegt
. . .«

»Eine Abwechselung muß es immer geben, und darum gibt es auch Films mit
Doppelbesetzungen und sogar mit Teilen, die man auswechseln kann. Und
die Möglichkeit einer fortschreitenden Entwicklung muß auch vorhanden
sein. Diesem Zwecke dient eben die Institution der Probeaufnahmen, die
zunächst bei jedem Versuche gemacht werden und auf Grund deren dann erst
die Hauptfilms revidiert und eventuell neu zusammengestellt oder neu
angefertigt werden.«

»Da geht man also gar nicht mehr ins Theater, sondern macht alles bei
Telephon und Teloskop oder wie Ihr das Ding nennt, zu Hause ab.«

»In das Theater gehen wir schon auch noch. Aber nur mehr zu den
Premieren.«

»Mich wundert nur, daß Ihr nicht die auch noch zu Hause absolviert.«

»Ja, lieber Onkel, das geht freilich nicht. Da kämen wir ja um das
Hauptvergnügen, das eine Premiere gewährt.«

»Ihr genießt doch das Stück des Dichters und die Darstellung des
Künstlers in Eurem eigenen Fauteuil auch sonst genau so wie auf dem
Theatersitz. Und Zischen und Applaudieren könnt Ihr ja zu Hause auch
ganz vernehmlich.«

»Ja, aber nach den Premieren wird sehr oft gerauft, und so weit sind wir
doch noch nicht, daß man auch die Prügeleien in absentia auf
elektrischem Wege vornehmen kann.«

»Also, da muß ich Dir gleich sagen, um das Raufen ist es mir nicht, aber
ich will zu einer Premiere gehen. Ich will wirkliche Menschen im Theater
haben. Auf der Bühne und im Zuschauerraum auch. Wie lange braucht man
nach Wien? Für heute ist es natürlich schon zu spät.«

»Zu spät vielleicht noch nicht, denn man reist jetzt wirklich
außerordentlich schnell in den pneumatischen Caissons -- aber, obwohl
heute Premierentag wäre, ist doch heute keine Premiere. In Wien nicht,
in Berlin nicht, in München nicht.«

»Warum denn nicht? Ist etwas geschehen?«

»Ein großer Fackelzug aller Schauspieler ist heute, weil die
Volksvertretung in die erste Lesung des Theatergesetzentwurfes über die
»Rechte der Schauspieler« eingetreten ist, den Ihr seinerzeit
ausgearbeitet habt . . .«

                   *       *       *       *       *

»Nun, wie steht es?« fragte draußen teilnahmsvoll die Typewriterin den
Arzt, der eben aus dem Zimmer heraustrat.

»Aussichtslos«, sagte dieser. »Er bildet sich ein, er habe hundert Jahre
in einer Kühlkammer in künstlicher Erstarrung gelegen, wir schrieben
jetzt 2009 und er sei eben erwacht. Mich hält er für seinen Neffen, und
jetzt will er sich von seinem Schreibzimmer aus eine Theatervorstellung
ansehen. Verrückt. Total verrückt.«

»Er hat seit Wochen nichts getan als gelesen. Alle Stücke, die im Laufe
des letzten Jahres erschienen sind . . .«

»Ja, das hält freilich kein Mensch aus. Da muß einer wahnsinnig werden.
Mich wundert da nur, daß er nicht geradezu tobsüchtig geworden ist.«



                         Dr. Wilhelm Kienzl.
                       Die Musik in 100 Jahren.
                    Eine überflüssige Betrachtung.


                     Die Musik in hundert Jahren.
        Eine überflüssige Betrachtung von Dr. Wilhelm Kienzl.

Mein Lebtag war ich ein sehr mäßiger Trinker: täglich abends ein halbes
Liter Bier, ab und zu beim Mittagessen ein bescheidenes Gläschen Wein
und bei seltenen feierlichen Anlässen ein paar Glas Sekt, das ist alles,
was ich trinke. Niemand darf mich daher als einen Alkoholiker
bezeichnen. Beleidigt aber würde ich mich fühlen, wenn man mich einen
Antialkoholiker nennen würde; denn ich halte es mit meiner Menschenwürde
für unvereinbar, einer Sekte anzugehören, in der mein freier Wille
geknebelt und mir die Möglichkeit genommen wird, heute oder morgen, wenn
ich mich dazu gerade in Stimmung fühle, ein Gläschen mehr zu trinken als
gewöhnlich; weiß ich doch selbst am besten, wann ich genug habe und was
mir bekommt oder schadet. Allen Gottesgaben soll man zugänglich sein,
sich jedoch auch durch Mäßigkeit als ihres Genusses würdig erweisen. Mit
dieser schönen Einleitung will ich nur andeuten, daß ich auch hier und
da in eine Kneipe gehe, und zwar am liebsten mit Künstlern, weil es da
anregende Kontroversen, kleine geistige Schlachten gibt, die an
Temperament gewinnen, wenn sie mit einem guten Tropfen begossen werden.
Am wohlsten fühle ich mich in Gesellschaft von Vertretern anderer
Künste, also mit Dichtern, Malern, Bildhauern. Der Bogen des Gespräches
ist da naturgemäß ein weiter gespannter, der Unterhaltungsstoff ein
allgemeinerer. Es gibt Anlaß zu Vergleichen, und man kann auch was
lernen. Vor allem ist jede Fachsimpelei ausgeschlossen. Immer einmal
kommt es aber doch vor, daß ich mit Musikern beisammensitze. Und ein bei
solcher Gelegenheit geführtes Gespräch möchte ich hier gern dem Leser
aus der Erinnerung wiedergeben.

Ein kühnes Sensationswerk neuesten Datums war natürlich der
Ausgangspunkt der Unterhaltung. Die Meinungen krachten aneinander: ^tot
capita, tot sensus^. »Wenn das so weiter geht, wohin kommen wir da?«
Diese triviale, heute von jedem fortschrittsfeindlichen Banausen
gebrauchte rethorische Frage entschlüpfte dem Organisten Zunftmaier, und
der Komponist Schusterfleck, ein großer Anhänger des eben Genannten,
fiel nach der ersten Silbe des vierten Wortes wie bei einem Kanon im
Einklang mit derselben Frage ein; nur veränderte er, um einigermaßen
selbständig zu erscheinen, die letzten Worte in »Wohin soll das führen?«
--

»Wohin das führen soll?« schrie Musikdirektor Futurius den Organisten
an; dabei färbte sich das Gesicht des zu Kongestionen geneigten,
ungemein lebhaften Mannes blutrot bis über die Stirne, und sein überaus
reiches, aber dünnes Haar sträubte sich Ibsen-artig in die Höhe. »Wohin
das führen soll? -- Dorthin, wo eigentlich erst die Musik anfängt!
Beethoven, Wagner sind ja nur Vorbereiter für den Messias, der uns noch
kommen wird, und der Erste, der es unternimmt, die Musik aus den
unwürdigen Fesseln des durchgeführten Rhythmus und der Melodie zu
befreien, ist der Schöpfer der »Salome« und »Elektra«. Aber auch in
diesen Werken erblicke ich nur die ersten schüchternen Versuche, die bis
nun in spanische Stiefel eingeschnürte Tonkunst in das uferlose
Fahrwasser zu lotsen, in dem der Phantasie eines großen Tonsetzers
keinerlei Hemmung mehr bereitet wird.«

»Hackt davon erst die Regeln auf!« warf mit taschenspielerartiger
Behendigkeit der sich auf seine fortschrittliche musikalische Gesinnung
viel zu gute tuende, als Komponist instruktiver Sonatinen beliebte
Musiklehrer, Professor Quintus Octavius ein. Futurius, der ihm erst
wegen der kecken Unterbrechung seines Redestromes einen wütenden Blick
zugeworfen hatte, lächelte ihm nun verständnisvoll beistimmend zu, um
sich sogleich wieder zu neuen Gedankenblitzen zu sammeln, die er mit
prophetischer Miene in die kleine Musikantengesellschaft schleuderte:
»Wißt Ihr, wie es mit unserer Kunst in hundert Jahren aussehen wird?
Nun, wenn nicht, so will ich Euch eine kurze Skizze davon entwerfen;
denn ich schmeichle mir, Weitblick zu haben und aus dem heutigen
Entwicklungsstadium und seinen Triebkräften sichere Syllogismen bilden
zu können, die den Zustand unserer Kunst zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts mit photographischer Treue darstellen. Also merkt auf!«

Alle räusperten sich. Der Gesanglehrer Brüllhofer, der sich bis dahin
ganz passiv verhalten hatte, ließ sich, um die Ausführungen des
Musikdirektors nicht zu unterbrechen, rasch eine Flasche Traminer geben,
welchem Beispiele Zunftmaier und aus treuer Anhänglichkeit gegen diesen
auch Schusterfleck sogleich folgten, während die übrigen mit »Stoff«
noch reichlich versorgt waren.

»In hundert Jahren« -- setzte Futurius mit feierlicher Miene ein --
»wird man von unseren großen Klassikern und Romantikern der Musik kaum
mehr etwas kennen. Nur in der Musikgeschichte werden die Schüler der
Mittelschulen -- denn in ihnen wird dieses Fach längst als obligat
eingeführt sein -- über das Leben und Schaffen eines Bach, Händel,
Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert und Schumann
unterrichtet werden, ohne daß sie eine lebendige Vorstellung von deren
Werken empfangen, da bis dahin _unser Tonsystem auf eine völlig
veränderte Grundlage gestellt sein wird_, so daß man eine Musik, die
sich im Gebiete des temperierten Tonsystems bewegt, ganz und gar fremd
und unverständlich finden wird. Die gesamte musikalische Literatur
unserer Tage wird, weil hierdurch wertlos geworden, vernichtet, die
großartigen Gesamtausgaben des Breitkopf & Härtelschen Weltverlags,
diese bewundernswerten Zeugnisse deutschen Fleißes und Idealismus werden
aus dem Handel gezogen sein, da natürlich niemand eine unverständlich
gewordene Musik mehr kaufen würde. Nur in den wissenschaftlichen
Bibliotheken wird man einzelne Exemplare der vormals vielbewunderten
Meisterwerke aufbewahren, und Privatgelehrte werden von anderen um den
Besitz solcher wertvoller, weil selten gewordener Drucke beneidet
werden. Die Musikforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden die
Tonwerke der genannten Großmeister mit vielem Fleiße zu entziffern
versuchen, etwa wie heute jene Gelehrten, die sich mit der Entzifferung
ägyptischer Hieroglyphen, Runen und griechischer Tonzeichen plagen, und
werden die berühmtesten unter ihnen vergeblich in die Tonsprache und
Klangwelt ihrer Gegenwart zu übertragen sich bemühen, wie dies in
unserer Zeit mit Pindars Apollo-Hymne, der Melodie zu Homers
Demeter-Hymne und den Hymnen des Dionysios und Mesomedes mit höchst
zweifelhaftem Erfolge geschehen ist. In den Schulen wird man daher auch
im Fache der Musikgeschichte den Studierenden nichts anderes als eine
Anhäufung und stete nutzlose Vermehrung trockenen Wissensstoffes von
Namen und Zahlen (ähnlich wie heute in der Weltgeschichte und
Geographie) zumuten, die lediglich den Zweck haben wird, das Gehirn zu
quälen, in dem die Herrlichkeiten unserer heutigen Musik keine anderen
Spuren hinterlassen werden, als die Namen, Geburts- und Sterbedaten der
großen Tonmeister vergangener Jahrhunderte und die Titel, Opuszahlen und
unverständlich gewordenen Benennungen der »alten« Tonarten ihrer Werke,
deren schön gestochene Exemplare in Käsehandlungen ein unwürdiges Dasein
fristen werden. An den Denkmälern der Meister aber werden mit stumpfen,
gleichgültigen Blicken die »gebildeten« Menschen vorübergehen, die einst
gezwungen waren, die Namen der in ihnen dargestellten Originale
auswendig zu lernen.«

»Soweit wird es nie kommen. Das ist unmöglich!« warf Zunftmaier mit
Entrüstung ein, und aus Schusterflecks Munde hallte es sekundierend wie
ein dumpfes Echo: »Unmöglich!«

Brüllhofer aber, der immer sehr leise spricht (daher sein Name) wendete
mit unverständlicher Bescheidenheit, wie sie sonst nur subalternen
Individuen eigen ist, ein: »Wieso, Herr Musikdirektor? Wie wollen Sie
die Vorhersage einer so unendlich traurigen Umwälzung motivieren?«

»Ganz einfach!« fuhr Futurius in der ihm eigenen Ekstase fort, »Richard
Laufvogel hat in einer seiner Opern wiederholt zwei nicht verwandte
Tonarten gleichzeitig erklingen lassen, in einer anderen Oper sogar
drei. Ein jüngerer hochangesehener lebender Meister mit dem
kabbalistischen Namen, der von vorn ausgesprochen ebenso klingt wie von
rückwärts, welches Phänomen bornierte Menschen auch als auf seine Musik
anwendbar erklären (»^nomen est omen^«) verachtet in einigen seiner
Werke, beispielsweise in einer Violinsonate, die auf dem Titelblatt ohne
jede äußere Veranlassung die Bezeichnung »in C-Dur« mit sich führt, die
Tonalität in so auffälliger Weise, daß er ohne Unterlaß moduliert, was
die Themen schon bei ihrem ersten Auftreten mitmachen, so daß es
Reaktionäre als durchaus nicht verwunderlich bezeichnen, wenn Spieler
und Zuhörer während des Vortrages von dem ruhelosen Geschaukel seekrank
würden. Derselbe Meister hat einstimmige »Gesänge« geschrieben (die sich
nur deshalb so nennen, weil sie heute niemand singen kann), in denen
jeder Ton der Singstimme von einer nur ihm allein zugehörigen Harmonie
begleitet wird, so daß es einem vor den Augen flimmert, wenn man in die
Noten zu gucken so unvorsichtig ist, weil vor jeder Note ein
Versetzungszeichen steht. In einem Städtchen Deutschlands lebt verkannt
der Schöpfer der »Myriomorphoskopfuge« und in Wien erfreut sich der
Komponist Schiechthaler einer großen Anhängerschaft, weil er es
versteht, vier Stimmen eines Quartettes von einander derart zu
emanzipieren, daß sich jüngst ein Mäcen veranlaßt sah, einen hohen Preis
für denjenigen auszusetzen, dem es gelänge, auch nur eine einzige
Konsonanz in einem seiner Werke nachzuweisen.[8] Bei einem der letzten
Tonkünstlerfeste wurde ein umfangreiches Werk von dem Komponisten
Delirius aufgeführt, in dem nicht nur der Melodie und dem
architektonischen Rhythmus offenkundig der Krieg erklärt, sondern auch
die Zerstörung aller Vorurteile der bisherigen Tonsetzkunst besorgt
wird, um alles dem fessellosen Fluge der Phantasie zu opfern, die hier
lediglich dem Koloristischen zustrebt. Und in Frankreich unternimmt es
ein gewisser Rebusy mit viel Erfolg, die natürlichen Urgesetze der
Musik, die bisher allem aus der Natur Entsprossenen, also auch der
Kunst, zur unentbehrlichen Grundlage gedient haben, aufzuheben, indem er
die Gegenbewegung perhorresziert und die gerade Bewegung der Stimme zum
Prinzip seiner Musik macht, offenbar dazu ermutigt von dem italienischen
Komponisten Butzemann (»didum, didum, bidi, bidi, bum, der Kaiser
schlägt die Trumm«), dessen Lieblingsausdrucksmittel nackte
Quinten-Parallelen sind, die er in seinen Opern vor, bei und nach
Hinrichtungen, zu denen er jetzt einzig noch Musik macht, anwendet (was
ihn jedoch nicht hindert, sie auch bei heiteren Boulevardszenen zu
verwenden), welches Mittel man übrigens als recht bescheiden bezeichnen
darf, wenn es auch nicht nach jedermanns Geschmack ist.« Octavius
Quintus macht hier eine zustimmende Kopfbewegung. »Ihr seht also, daß
wir, nach den Proben, die ich hier gegeben habe, innerhalb der Grenzen
des temperierten Tonsystems kaum mehr auf noch nicht ausgenützte
Ausdrucksmöglichkeiten rechnen können. Ihr seht, daß unsere Weisheit zu
Ende ist, daß wir also auf eine völlige Umgestaltung des Bestehenden
bedacht sein müssen, wenn wir das Schaffen nicht für immerwährende
Zeiten unterbinden wollen. So wie einst die Diatonik nicht mehr
ausreichte, und man sich endlich der Chromatik bedingungslos ergeben
hat, so erkennen wir heute, daß auch diese längst für unsere unendlich
verfeinerten Nerven zu roh geworden ist, so daß uns selbst alle
Trugkünste der Enharmonik nichts mehr frommen können. Da wir aber in
unserem temperierten Halb- und Ganztonsystem keine Zwischentöne haben,
so müssen wir Vierteltöne einfügen, das heißt aber so viel, wie mit dem
Bestehenden brechen.«

[Fußnote 8: Der Verleger des jüngsten Quartetts Schiechthalers
annonciert, daß die Stimmen auch einzeln abgegeben werden.]

Der Wein tat in den Köpfen der nervösen Musikmenschen bereits seine
Schuldigkeit, und das Feuer, mit dem Futurius seiner Ueberzeugung
Ausdruck gab, entzündete den Weingeist in diesen Gehirnen, so daß es wie
ein Schuß klang, als alle, außer mir, einstimmig das letzte Wort des
Musikdirektors nachbrüllten, obwohl sie durchaus nicht alle seiner
Meinung waren. »Brechen!« schallte es wie der präzise Fortissimo-Einsatz
eines mächtigen Männerchors, und selbst der kanonische Schusterfleck
fiel diesmal gleichzeitig mit den anderen ein.

»Siegfrieds Schwert muß erst ganz in Späne zerfeilt werden, bevor es in
neue Form gegossen wird,« fuhr Futurius mit Begeisterung fort. »Damit
uns der Ruhm der Reform unserer Kunst zuteil wird, mache ich Euch den
Vorschlag, gleich heute darüber _abzustimmen_, ob das _griechische
Tonsystem_ -- denn nur dieses hat die Eignung, unseren Komponisten die
erforderliche Anzahl von Tönen in der Oktave zu bieten -- schon von
heute ab wieder eingeführt werden solle oder nicht.«

Bei diesen Worten entfuhr dem lobesamen Zunftmaier, der von der
griechischen Musik so wenig wußte, wie ein Eichkätzchen von Logarithmen,
und der schon lange auf den Moment gewartet hatte, in dem er, der brave
Hüter uralter Tradition auf der Orgel, seinen Groll gegen den ebenso
hochgebildeten als ungestümen Modernisten Futurius loslassen konnte, das
Wort »Reaktionär«. -- »Doch dem war kaum das Wort entfahren, möcht' er's
im Busen gern bewahren.« Zu spät: Futurius maß ihn so lange mit einem
durchbohrenden Blicke, als es sein unruhiges Temperament aushielt.
Zunftmaier blickte verlegen in sein Glas, doch Futurius würdigte ihn
keines Wortes, zuckte nur verächtlich mit den Achseln und, sprach
unbeirrt weiter: »Die Griechen hatten bekanntlich keine Harmonie. Da
Pythagoras und Aristoxenus die Terz und Sext, unsere wohlklingendsten
Intervalle, nach ihren physikalischen Berechnungen für Dissonanzen
erklärt hatten, konnte bei den Griechen keine Harmonie in unserem Sinne
entstehen. Diese war erst dem temperierten System vorbehalten. Heute
aber, wo man der ewigen Konsonanz müde geworden, so daß man es sogar
möglichst vermeidet, Dissonanzen aufzulösen, steht es anders. Wir können
nun unbedenklich das reichere und feinere Tonsystem der Griechen uns
aneignen und es mit unserer vielgestaltigen modernen Harmonik
_vereinigen_, so daß endlich die Dissonanz und die einen erschöpfenden
Ausdruck unseres Innenlebens erst ermöglichende Kakophonie zu ihrem
vollen Rechte kommen kann. Durch diese radikale Umwälzung erreichen wir
erst das ideale Ziel, _daß schließlich eine Auflösung der Dissonanz
überhaupt unmöglich gemacht wird_. Indem ich mir vorbehalte, Euch ein
andermal die aus dieser Neuerung noch weiter sich ergebenden
grenzenlosen Möglichkeiten, wie es beispielsweise die riesenhafte
Vermehrung »harmonischer« Kombinationen, die ins Unendliche gesteigerte
Emanzipation kontrapunktierender Stimmen von einander und die
Abschaffung des heute schon veralteten Melodiebegriffes sind, zu
demonstrieren, erhebe ich mein Glas auf den Triumph der in Zukunft
_allein gültigen Dissonanz_. Sie lebe hoch!«

Keiner wagte es, sich dieser unverkennbaren Aufforderung, in das Lob der
alleinseligmachenden Dissonanz einzustimmen, direkt zu widersetzen, und
so erhob denn jeder mehr oder minder hoch sein Glas, um sich für den
Fall, daß Futurius mit seiner kühnen Vorhersage etwa doch Recht behalten
sollte, nicht das Stigma einer unsterblichen Blamage aufzudrücken. Nur
ich entzog mich der peinlichen Situation, indem ich mich im
entscheidenden Augenblick unter den Tisch verkroch, als wenn ich meinen
mir entfallenen Klemmer rasch aufheben wollte, damit nicht etwa seine
Gläser zertreten würden. Als es aber wirklich zu der von Futurius in
Vorschlag gebrachten Abstimmung kam, die Zunftmaier wohlweislich
»geheim« verlangte, blieb der Antragsteller in der Minorität. Direktor
Futurius setzte sich jedoch mit einer nicht mißzuverstehenden
selbstbewußten Miene über das klägliche Abstimmungsergebnis hinweg und
brummte unwillig in seinen Bart hinein: »Und sie bewegt sich doch!«

Octavius Quintus, der Fortschrittler, war nun begierig zu erfahren, was
für sonstige Umwälzungen und Entwicklungen die Musik nach hundert Jahren
erfahren haben werde und drang in Futurius, doch auch noch diese bisher
unterdrückten Weissagungen zum besten zu geben. Dieser, geschmeichelt
durch das ihm entgegengebrachte Interesse, schickte sich sogleich an,
seine Darlegungen zu ergänzen. Er sprach:

»Hand in Hand mit der Vermehrung der Töne wird natürlich auch eine
solche der Orchestermittel gehen. Man wird einst auf unsere heutigen
Partituren, z. B. auf die von Richard Laufvogel, mit Lächeln blicken,
weil sie so wenig Stimmen enthalten, aber auch mit Verwunderung, daß der
genannte Tonsetzer mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln -- wie man
liest -- so gewaltige äußere Wirkungen zu erzielen verstanden hat. Mit
noch größerem Staunen aber wird der Musikhistoriker in unseren heutigen
Zeitschriften lesen, daß man diesen Komponisten eine nur geringe
Vermehrung der Instrumente und die Forderung von lumpigen 117
Orchestermusikern als Unmäßigkeit, Uebermut und Anmaßung ausgelegt hat;
denn im Jahre 2009 wird das Orchester nicht aus 100, sondern aus
300--500 Musikern bestehen, und eine Partitur wird statt 40--50 etwa
80--100 obligate Stimmen enthalten, so daß die Höhe einer Partiturseite
nicht mehr, wie heute, 35--40, sondern 70--80 Zentimeter messen wird.«

Octavius Quintus wendete ein: »Wie soll denn ein Dirigent so viel
überblicken können? Eine solche Vermehrung der Musiker würde ja auch die
Erfindung vieler neuer Instrumente, die Vergrößerung der Orchesterräume
und -Podien und damit auch der Theater- und Konzertsäle ins Monströse,
aber auch das entsprechende Anwachsen der Veranstaltungskosten und somit
auch der Eintrittspreise hervorrufen. Das alles kann ich mir gar nicht
vorstellen.« Aehnliches wendete auch Brüllhofer ein, aber so leise, daß
es Futurius kaum hören konnte. Dieser aber entgegnete dem Einwurfe des
Professors Quintus wie folgt: »Wissen Sie denn nicht, daß man schon im
grauesten Altertum Orchester von ganz anderer Größe hatte? Bei der
Einweihung des Salomonischen Tempels spielten nach der Bibel (2.
Chronica 5, 12--13) sämtliche levitische Musiker, Assaph, Heman und
Jedithum, mit ihren Söhnen und Brüdern auf Kastagnetten, Harfen und
Zithern, und 120 Priester bliesen gleichzeitig auf Trompeten, Meziloth
und Sangwerkzeuge« »Dank und Lob dem Ewigen«. Und in Josephus'
»Jüdischer Historie« (2. Kap., 8. Buch) heißt es: »Der Trompeten und
Posaunen, wie sie Moses zu machen befohlen hatte, waren 200000. Für die
Leviten, die geistliche Lieder singen sollten, ließ er 20000 Röcke von
der kostbarsten Seide fertigen. Er ließ auch 40000 Saiteninstrumente,
wie Harfen und Psalter, aus köstlichem Kupfer machen.« Wie armselig
nehmen sich dagegen doch die 8 Hörner, 5 Trompeten, 3 Posaunen und 2
Tuben im »Heldenleben« aus! Warum sollte eine solche Zeit nicht
wiederkommen? Sind wir doch auf dem besten Wege dazu. Auch neue
Instrumente wird man erfinden, von denen jedes einzelne den Tonumfang
der ganzen Gattung aufweist, so daß kein Zweifel in der Tonfarbe, wie er
beispielsweise zwischen Fagott und Oboë besteht, mehr möglich ist. Man
wird Baßflöten und Diskantfagotte, 12saitige Universal-Geigen und
Sopran-Pauken konstruieren und verwenden, von den ins Ungeheuerliche
gesteigerten Detonationen und hypercharakteristischen Geräuschen der
Schlag- und Lärminstrumente gar nicht zu reden, deren heute schon
hochentwickelte Vielfältigkeit u. a. noch durch Kanonen,
Dynamit-Explosions- und Erdbeben-Einsturz-Maschinen erhöht werden wird.«

»Halten Sie ein, Herr Direktor, mir schwindelt,« schrie Zunftmaier
plötzlich laut auf. »Mir wird übel!« fügte Schusterfleck sogleich bei.
Und Brüllhofer richtete im zartesten Pianissimo die schüchterne Frage,
die für seine singenden Nachfolger nichts weniger als eine Existenzfrage
bedeutet: »Und wie werden sich denn mit Verlaub die Sänger hörbar
machen, die zu solch einem Monsterorchester zu singen verurteilt sind?«

»Sehr einfach,« erwiderte Futurius; »es wird kein Solo mehr von einem
einzigen Sänger gesungen werden wie heute, sondern im Unisono von
12--20, nötigenfalls auch von 50--100 Sängern der gleichen
Stimmgattung.«

Brüllhofer atmete beruhigt auf, tat einen langen Zug aus seinem
Glase, dachte aber bei sich im Stillen: Damit wäre ja jede
Sänger-Individualität vernichtet. Es auszusprechen, hatte er angesichts
der außerordentlichen Erregung, die sich des prophetischen
Musikdirektors bemächtigt hatte, durchaus nicht gewagt.

»Begreift Ihr nun,« sagte Futurius, »daß angesichts so ungemeiner
Umwälzungen unsere gesamte musikalische Literatur von heute eingestampft
werden muß?«

Selbst Zunftmaier und Schusterfleck, die sich am skeptischsten verhalten
hatten, waren von den mit hinreißender Beredtsamkeit vorgebrachten
Darlegungen des Direktors überzeugt worden, und das um so inniger, je
stattlicher sich die Batterie der geleerten Flaschen auf dem
Eichentische, um den herum wir saßen, ausnahm.

Nur ich unterlag seiner Suada nicht; ich war nicht ganz wohl gewesen und
hatte daher fast nichts getrunken. So war ich nüchtern geblieben. Ganz
gegen meine Gewohnheit ließ ich an diesem Abend alle Reden an meinem Ohr
vorübergleiten, ohne auch nur ein Sterbenswörtlein zu reden. Um so
williger gönnte man mir das Wort, als ich um 2 Uhr nachts mich endlich
dazu meldete. Hatten sich die Fünf vorher über mein ungewöhnliches
Stillschweigen baß gewundert, so waren sie jetzt um so gespannter auf
das, was ich vorbringen würde.

»Darf ich nun auch _meine_ bescheidene Meinung darüber sagen, was für
ein Gesicht unsere geliebte Tonkunst in hundert Jahren haben wird?«

»Gewiß, gewiß!« klang es von den Lippen meiner Kollegen.

»Nun denn« -- hub ich an -- »ich glaube, daß wir derzeit bereits auf
jenem Punkte angelangt, über den hinaus man nicht mehr gehen kann.
Unsere Ausdrucksmittel sind schon aufs äußerste gesteigert, so daß das,
was unsere Tonsetzer zu sagen haben, in einem starken Mißverhältnisse zu
dem großsprecherischen Tone steht, den anzuschlagen sie durch die
Anwendung dieser Mittel unwillkürlich gezwungen sind. Unendlich viele
Ausdrucksmöglichkeiten, wenig ernstliches Ausdrucksbedürfnis, viel
Technik und Witz, wenig Naivität und Herz offenbart sich heute in
unserer Kunst. Glänzende Aeußerlichkeiten haben die Aufgabe, über den
Mangel an Innerlichkeit hinwegzutäuschen. Und das Publikum läßt sich
dadurch täuschen (»^mundus vult decipi^«). In unserem temperierten
Tonsystem wäre sicherlich noch so viel zu sagen, daß wir je weder ein
ganz altes noch ein ganz neues brauchen werden. Mit Anstrengung all
meiner Phantasie hätte ich vor hundert Jahren keinen extravaganteren
Zustand der Musik vorauszusagen vermocht, als er heute besteht. Da ich
aber als Idealist an dem guten Genius der Menschheit nicht verzweifeln
kann, so glaube ich fest an die Wiederkehr eines goldenen Zeitalters der
Musik. Je tiefer wir heute sinken, desto höher werden wir uns dann
erheben. Mit gesteigerter Sittlichkeit wird auch unser Bedürfnis nach
echter Kunst Schritt halten: »Der Menschheit Würde ist in eure Hand
gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich
heben!« Möchten doch alle Künstler dieses an sie gerichtete Wort
Schillers innig beherzigen! Nicht mit dem Kopfe werden sie dann
schaffen, nicht mit und aus Spekulation, sondern mit der Seele wie
ehedem. Dann wird die Musik wieder einfach werden wie die aller unserer
Großen von Palestrina bis Wagner. Und so ersehe ich denn die Musik am
Beginne des 21. Jahrhunderts also: Unser Tonsystem bleibt erhalten; denn
wahre _Individualitäten_ werden in seinem Bezirke immer Neues und
Eigenes zu sagen wissen, und _Berufene_ haben es nicht nötig, neue
Systeme künstlich zu konstruieren. Die Tonsetzer werden wieder
_Erfinder_ sein. Sie werden nicht mit ihren Künsten den Verstand
fesseln, sondern mit ihrer Kunst das Herz ergreifen. Mit der
wiederkehrenden Einfachheit wird das Volkslied eine neue reiche Blüte
erleben. Auf die Unsterblichkeit unserer Kunst erhebe ich mein Glas!«

Ich wollte anstoßen mit Zunftmaier, Quintus, Schusterfleck, Brüllhofer,
doch siehe: alle waren sie während meiner kurzen Rede -- eingeschlafen.
Futurius aber hatte bei meinen ersten Worten den Hut genommen und war
entrüstet davongeeilt. Den Mantel hatte er im Eifer zurückgelassen, und
draußen war es kalter Winter! -- -- -- -- -- --

Seit jenem Abende war ich nicht mehr in der Kneipe gewesen. Es sind fünf
Jahre seither verstrichen. Herr Direktor Futurius aber, der mir
wiederholt begegnet, grüßt mich nicht mehr. Ich tröste mich darüber;
denn vorläufig sind noch keine Anzeichen dafür vorhanden, daß seine
Prognose sich je bestätigen werde.



                         Dr. Everard Hustler.
                     Das Jahrhundert des Radiums.


                     Das Jahrhundert des Radiums.
                  Von Professor Dr. Everard Hustler.

Als die Entdecker des Radiums, Herr und Madame Curie in Paris, zum
ersten Male das nach seinem Strahlenvermögen _Radium_ genannte Element
aus Pechblende gewannen, da dachten sie wohl nicht daran, daß in dem
kleinen Glasröhrchen vor ihnen die zerstörendste Kraft lag, die jemals
in eines Menschen Hände gelegt worden war. Die verschiedensten
Experimente, die zurzeit natürlich noch lange nicht abgeschlossen sind,
zeigen aber jetzt schon, welch außerordentliche Bedeutung dieses eine
neue Wunderkraft darstellende Element für die zukünftige Ausgestaltung
des Menschenlebens und des Menschengeschlechts haben wird. Ein Krieg zum
Beispiel wird nicht mehr in den Bereich der Möglichkeiten gehören. Wenn
auch die Menschheit an sich nicht so weit sein wird, alle Kriege und
jedwedes Blutvergießen für ihrer unwürdig zu halten und sie als den
Rückstand einer unfaßbaren Barbarei zu betrachten, so wird doch die
Wissenschaft soweit sein, sie zu dieser Weltanschauung zu zwingen und zu
bekehren. Der Krieg ist nämlich nur so lange möglich, bis unsere Mittel
dazu nicht ausreichende sind. Das heißt, so lange uns keine Waffe zu
Gebote steht, gegen die es keine Gegenwehr gibt und deren alles
zerstörender Wirkung wir verteidigungslos ausgesetzt sind. Alle unsere
technisch noch so vollendeten Kriegsschiffe geben nun noch immer eine
Angriffsmöglichkeit, und diese allein verschuldet jetzt noch die
Möglichkeit der Kriege. Im Radium nun hat man endlich die Waffe
gefunden, die mit all diesen Möglichkeiten aufräumt und dafür die
Unmöglichkeit der Verteidigung setzt. Es wurde gefunden, daß die Kraft
jedes Partikelchens dieses Wunderelements so konzentriert werden kann,
daß alles, was in ihren Bereich kommt, unrettbar zerstört ist. Nun läßt
sich diese Kraft, wie ebenfalls experimentell nachgewiesen ist, nach
jeder beliebigen Richtung, wie auch auf jeden beliebigen Gegenstand
hinlenken, der damit natürlich der unentrinnbaren Vernichtung
anheimgegeben ist. Professor Thomson der Cambridge-Universität hat
ausgerechnet, daß das Radium eine um das Millionenfache größere Energie
entwickelt, als die gleichen Gewichtsteile von Sauerstoff und Stickstoff
das tun, und daß es mit dieser Kraft Heliumatome von sich schleudert,
die sich mit einem Zehntel der Geschwindigkeit des Lichts, d. h. mit
ungefähr 18000 englischen Meilen in der Sekunde, bewegen.

Die Lage eines gewöhnlichen Schiffes, das von einem Dutzend der größten
und modernsten Schlachtschiffe umzingelt und beschossen wird, würde
weniger verzweifelt sein, als die eines Atoms ist, das dieser Batterie
der Radiumstrahlenpartikelchen ausgesetzt ist. Das seltsamste dabei ist,
daß diese Aktivität des Radiums eine unaufhörliche ist, dabei aber die
Radiummasse nur um einen absolut kaum meßbaren Teil verringert wird, der
aber allein schon genügt, eine so furchtbare zerstörende Kraft zu
entwickeln. Als man diese Eigenschaften der Radiumstrahlen entdeckt
hatte, galt es, die Möglichkeit zu erforschen, sie auf irgend einen
bestimmten Gegenstand nach irgend einer bestimmten Richtung hin zu
lenken und zu leiten. Die Experimente des Professors Leo Bon in Paris
haben nun auch diese Möglichkeit ergeben, und der einzige
Hinderungsgrund, vorläufig schon weltzerstörende Maschinen zu bauen,
liegt einzig und allein in den Herstellungsschwierigkeiten des Radiums
und den unglaublichen Kosten, die diese erfordern. Sobald aber neue
Radiumquellen entdeckt und neue billige Gewinnungsmethoden erfunden sein
werden, wird dieses Hindernis nicht mehr bestehen, und die Versuche, die
bisher nur im kleinen vorgenommen wurden, können dann im großen
durchgeführt werden und die Menschheit damit die mächtigste Waffe
erhalten, die jemals bestanden hat.

»In fünfzig Jahren«, sagte Leo Bon, »wird der Krieg zu den
Unmöglichkeiten gehören. Ich habe mit Dr. Branly eine ganze Reihe von
Experimenten gemacht, bei denen ich die Herzschen Wellen (die
bekanntlich die Träger der drahtlosen Telegraphie sind) sowohl wie die
Radiumemanationen verwandte, und diese Experimente haben uns darüber
volle Gewißheit gebracht. Wir stellten diese Versuche an, um die
Durchdringbarkeit verschiedener Körper zu prüfen und fanden, daß die
Wellen beispielsweise fähig waren, durch mehr als drei Fuß dicke Mauern
zu dringen, die Radiumstrahlen sie aber nicht nur durchdrangen, sondern
völlig zerstörten. Ein Blättchen Staniol, nicht dicker als ein dünnes
Zigarettenpapier, genügte allerdings, die Wellen aufzuhalten und die
Emanationen unschädlich zu machen, dafür aber reichte wieder ein Krehl
oder Ritz im Zinnpapier, der nicht größer war als 1/100 Millimeter, hin,
um die Strahlen sofort wieder durch- und ihre unglaublich zerstörende
Wirkung ausüben zu lassen. So gut es nun gelungen ist, die Herzschen
Wellen, die das Bestreben haben, sich kreisförmig nach allen Richtungen
hin auszubreiten, in _eine_ bestimmte Richtung zu zwingen, ist diese
Möglichkeit auch bei den Radiumstrahlen erreicht worden. Dadurch nun,
daß wir auch polarisierte Wellen in die von uns gewünschte Richtung zu
leiten vermögen, ist es uns auch ermöglicht, eine ganze Reihe paralleler
Strahlen nach dem gewünschten Punkt zu entsenden, und treffen diese
Strahlen nun auf irgend einen Gegenstand, z. B. ein Kriegsschiff, ein
Pulvermagazin usw., so würde sofort alles, was daran von Metall ist,
sich elektrisch laden, furchtbare Entladungen würden dann stattfinden,
und das ganze Netzwerk von Drähten, an welchen unsere Schiffe so reich
sind, würde nur so sprühen von elektrischen Funken, die Geschosse aber
würden explodieren und die Munitionskammern in die Luft fliegen. Die in
parallelen Wellen entsendeten Radiationen würden die Mauern unserer
Arsenale durchdringen, die Wälle und Kasematten unserer Festungen, die
Mauern unserer Pulvermagazine. Alles würde auffliegen oder in sich
zusammenstürzen, nichts würde gegen den direkten Ansturm all der
Millionen von Partikelchen standhalten, die gegen jedes einzelne Atom
der Gesamtmaterie jenes Gegenstandes gerichtet wären, gegen den die
Strahlen gelenkt sind. Alle diese Versuche wurden im kleinen angestellt,
und es ist, wie gesagt, nur eine Frage der Zeit, sie auch ins große zu
übertragen. Vorläufig fehlen uns nur die nötigen Radiummengen und die
notwendigen Apparate. Denn um diese Radiationen zu reflektieren oder in
eine bestimmte Richtung zu zwingen (Radiationen, deren Länge zwischen
300 Metern und 1500 schwankt), müßten wir parabolische Spiegel von etwa
8000 Meter Höhe haben oder es müßten uns Kondensatoren von einer
Kraftentwicklung zur Verfügung stehen, die wir bisher noch nicht
herzustellen vermögen. Doch könnten wir uns auch mit Radiationen von
geringerer Länge begnügen, dann wäre aber die Entfernung, auf die wir
sie mit Sicherheit werfen könnten, eine ganz wesentlich beschränktere.
In jedem Falle aber _wird_ es gelingen, die nötigen Apparate
herzustellen. Der Physiker oder Mechaniker aber, dem dies gelingen wird,
dem wird es eine Kleinigkeit sein, seine Energie methodisch auf die
einzelnen Kriegshäfen zu richten, in denen stets die Mehrzahl der zu
einer Flotte gehörenden Schiffe beisammen ist, z. B. erst auf den Hafen
von San Francisco, in welchem der größte Teil der amerikanischen, dann
auf den Hafen von Spithead, wo der größte Teil der englischen, und
hierauf auf den Hafen von Kiel, wo der größte Teil der deutschen Flotte
beisammen ist. Jede dieser Flotten wäre in demselben Augenblicke
vernichtet. Millionen wären zerstört, Tausende von Menschenleben wären
geopfert, aber der großen Sache des Friedens wäre ein ungeheurer Dienst
mit _einem_ Schlage geleistet. Denn, was mit den Schiffen geschehen
kann, kann mit den Festungen, kann mit ganzen Städten und Landstrichen
geschehen, und von einem einzigen Aeroplan aus wäre ein einziger Mensch
imstande, das zu vollbringen. _Und das ist keine Utopie mehr, sondern
eine verbürgte wissenschaftliche Tatsache_, deren Nutzanwendung den
kommenden Geschlechtern gewiß, vielleicht auch dem unseren schon,
vorbehalten ist.«

So weit Le Bon, der, ich wiederhole es, alles eher als ein Phantast,
sondern vielmehr eine ganz anerkannte wissenschaftliche Autorität ist.

Aber -- wie ich schon sagte -- die Kraft der Radiumemanationen, dieses
ewig währende Bombardement kleinster Partikelchen, kann nicht nur zu
Werken der Zerstörung verwendet werden, sondern sie kann auch sonst noch
in den Dienst der Menschheit gezwängt werden. Beispielsweise wird es in
hundert Jahren gewiß in keiner Stadt mehr elektrische, geschweige denn
eine Gasbeleuchtung mehr geben. Es wird

                    das Radium das Licht der Welt

geworden sein. Die von dem Radium abgestoßenen Partikelchen sind an sich
allerdings keineswegs leuchtend. Sie werden es erst nach dem
Zusammentreffen mit einer anderen Substanz. Zum Beispiel ist es nicht
das Licht des Radiums selber, das es uns ermöglicht, durch Holz und
Stein und andere Substanzen hindurch photographische Aufnahmen zu
machen, sondern die Menge aller der mikroskopisch kleinen »Electrons«,
die hindurchfliegen, aufleuchten und das Bild erzeugen. Sie sind wie
kleine Lämpchen, die sich plötzlich an dem Radiumstrom entzünden. Nun
denn, sagt die Wissenschaft, wenn dem so ist, so kann man sich das ja
zunutze machen. Wir werden allen unseren Bauten einen Ueberzug, oder
sagen wir einen Anstrich von Pechblende geben. Diesen Anstrich werden
wir mit einer Substanz übertünchen, die die elektrische Wirkung
unterstützt, durch welche die zwischenliegenden Partikelchen zum
Leuchten gebracht werden, und die diesen gleichzeitig ein Schutz ist.
Dadurch wird ein konstantes, mildes, weißes Licht erzeugt werden, das
niemals einer Erneuerung bedürfen wird; Jede weitere Straßenbeleuchtung
wird dadurch unnötig werden, denn das Bombardement der Atome ist ein
unaufhörliches und der Energieverlust ein so geringer, daß man ihn erst
nach Jahrhunderten gewahr werden würde. Radium ist nämlich die einzige
bisher bekannte Substanz, deren Energie eine immerwährende, ewige ist,
und die trotz einer Aktivität, die auf der Welt ihresgleichen nicht hat,
nie oder, wie gesagt, für uns ganz unmeßbar abzunehmen scheint. Die
Singer-Building in Newyork, der Stefansturm in Wien, der Rathausturm in
Berlin würden mit diesem Anstrich, sobald das Dämmerlicht eintritt, ganz
leicht zu leuchten beginnen, und mit zunehmender Dunkelheit würden sie
in immer hellerem Lichte erstrahlen, das endlich so intensiv werden
würde, daß es weithin alles mit seinem milden Glanz übergießen müßte.
Die geringe Qantität Radium, die dazu nötig wäre, würde jede Gefahr für
das Leben und die Gesundheit der in diesem Licht lebenden Menschen
ausschließen. Ja, im Gegenteil, die Emanationen dieses Lichtes würden
genau jene wohltätige Heilwirkung ausüben, die man in Deutschland und
England längst den radioaktiven Bädern zuschreibt, und die auch die
berühmtesten Heilquellen nur der Radioaktivität ihrer Wässer verdanken.
Doch nicht davon will ich jetzt reden, sondern vorher noch auf mein
altes Thema zurückkehrend, mitteilen, was Professor Dr. _Wilson
Hartwell_, der berühmte Lehrer an der Oxford-Universität, gestützt auf
die neuen Ergebnisse der Wissenschaft von der zerstörenden Wirkung des
Radiums sagt und welches Bild er davon entwirft.

Man stelle sich die amerikanische Riesenstadt vor, ahnungslos und in
stolzer Sicherheit auf ihrer Insel hingebettet. Es ist Nacht und ein
milder Schimmer von Licht hüllt die Stadt vollständig ein. Ein Licht,
das von dem selbsttätigen Leuchten ihrer zahllosen Türme und
Wolkenkratzer herrührt, und in welchem die viel tausendköpfige Menge
sich im mächtigen Strome pulsierenden Lebens ergeht. Da erscheint hoch
über der Stadt ein lenkbares Luftschiff oder ein großer Aeroplan. Er
schwebt über der Stadt, beschreibt seine Kreise, und plötzlich schießt
ein dicker blendender Strahl weißen Lichtes förmlich aus ihm hervor.
Dieser Strahl, der einem schneidenden Schwerte gleich das Dunkel des
Himmels durchschneidet, kommt aus seinem Radiumkondensor und ist gegen
den Metropolitainturm gerichtet. Das ganze Rahmenwerk und die Gondel des
Luftschiffes scheinen in einem elektrischen Feuerwerk wirr
dahinschießender glitzernder Strahlen zu leuchten und bieten einen ganz
wundervollen Anblick, der das Staunen und die Aufmerksamkeit der Leute
in allen Straßen und auf allen Plätzen erregt und lebhafte Bewunderung
findet. Das Schwert des mächtigen Strahles aber senkt sich immer mehr
gegen den Turm herab und trifft ihn, und in demselben Augenblick
schießen aus ihm überall dort flammende, blendende Blitze hervor, wo der
Strahl den Turm berührt hat, und gleichzeitig kracht der mächtige Bau in
allen seinen Fugen, wankt, zittert, bebt und stürzt, alles unter seinen
Steinmassen begrabend und in dem vernichtenden Sturze mit sich reißend,
nieder. Das verderbenbringende Luftschiff da oben aber gleitet ruhig
durch die Luft weiter und überall, wohin der Strahl fällt, führt er sein
zerstörendes Werk der Vernichtung zu Ende. In wenigen Stunden ist
Newyork nichts als ein Haufen Millionen von Toten begrabender Trümmer,
und es ist sehr die Frage, ob die radiumaktive Substanz, die seine
Häuser bedeckt hat, nicht mit dazu beigetragen hat, das Zerstörungswerk
zu erleichtern. Was nun in Newyork geschieht, das kann jeder anderen
Stadt auch so geschehen, und nichts kann, wenn eine wahnsinnige Hand
solch ein Unheilschiff lenkt, die Metropolen der Welt, Berlin, Paris und
den Riesenleib Londons vor gleicher Vernichtung beschützen.«

Diese Schilderung entwirft der englische Gelehrte als ein Bild der
nahesten Möglichkeit, und Professor Le Bon erklärt, daß es nicht etwa
nur die Möglichkeit für sich hat, sondern sogar die Wahrscheinlichkeit.
--

Wenn die Entdeckung der zerstörenden Eigenschaften des Radiums also so
seltsame sind, so sind die neuesten Erfolge der wissenschaftlichen Welt
auf dem Gebiete der Radiumforschung noch viel verblüffendere.

Der Einfluß des Radiums auf die gesamte Lebenstätigkeit ist danach ein
ganz außerordentlicher, und die Anwendung der bisher gemachten
Entdeckungen dürfte vieles von dem, was bisher als Evangelium der
Wissenschaft galt, ebenso über den Haufen werfen, wie die Radiumstrahlen
die stolzesten Bauten unserer Städte über den Haufen zu werfen vermögen.
Hier möge nur eine ganz kleine Auslese der neuesten und unglaublichsten
Radiumentdeckungen stehen:

Es wurde herausgefunden, daß das Radium in _einem_ Falle das Wachstum
der seinen Strahlen ausgesetzten Pflanzen um das dreifache beschleunigen
kann und auch um das dreifache erhöhen. In anderen Fällen aber wird es
ebenso die Entwicklung entweder vollständig hemmen oder teilweise, je
nach dem Wunsch und dem Willen des Experimentators, zurückhalten.

Die Wurzeln der Pflanzen drehen sich dem in ihrer Nähe vergrabenen
Radium eben so zu, wie die Blätter und Blüten der Sonne. Das Radium wird
Bakterien töten oder aber, je nachdem, wie man will, auch deren Menge in
unheimlichster Weise erhöhen. Schmetterlingspuppen konnten in ihrer
Entwicklung monatelang unter dem Einflusse der Radiumstrahlen
zurückgehalten werden, entwickelten sich dann aber, wenn sie dem Einfluß
des Radiums entzogen wurden, wieder völlig normal.

Durch den Kontakt von Radiumsalzen mit sterilisierter Bouillon schuf Dr.
Burke, ein englischer Bakteriologe, eine Unzahl neuer lebender
Organismen. Andererseits wieder, so barock es auch klingt, wurde Milch,
die den Emanationen des Radiums ausgesetzt wurde, durch diese
vollständig sterilisiert!

Hochinteressante Experimente, die der deutsche Gelehrte _Körnicke_ und
die Franzosen _Guilleminot_ und _Abbè_ an Pflanzen und Pflanzensamen
machten, die den Ausstrahlungen von Radium ausgesetzt waren, ergaben
übereinstimmend die Tatsache, daß auch hier die Strahlen eine
entwicklungshemmende Wirkung ausübten. Beispielsweise blieben
Haferkörner, die man unter dem Einflusse von Radiumemanationen zum
Keimen brachte, in ihrer Keimentwicklung um das Dreifache gegen nicht
mit Radium behandelte Körner derselben Qualität zurück, und bei der
heranwachsenden Pflanze zeigte sich sowohl die Wurzel- als die
Halmentwicklung gleicherweise zurückgehalten. Andere Versuche mit
anderen Samenarten ergaben dasselbe Resultat, so daß man schon zu dem
abschließenden Urteil kommen wollte: _Radiumstrahlen üben auf das
Pflanzenwachstum eine hemmende Wirkung aus_, als plötzlich diese eben
erst entdeckte, »wissenschaftliche Wahrheit« durch das ganz
entgegengesetzte Verhalten von Lupinensamen mit einem Male umgestoßen
wurde. Die Samen weißer Lupinen, die nämlich auch einmal zufällig zu
Radiumversuchen verwendet wurden, zeigten nach ihrer »Behandlung« eine
um das Doppelte beschleunigte Keimtätigkeit, eine um ebensoviel
gesteigerte Entwicklungsfähigkeit; das heißt also die unter dem
Einflusse von Radiumstrahlen stehenden Pflanzen wuchsen doppelt so
schnell, und wurden doppelt so stark wie die auf normalem Wege zum
Wachstum gebrachten. Aus diesem, so ganz entgegengesetzten Verhalten kam
man dann zu den richtigen Erkenntnis, daß jede Pflanze nur ein gewisses
Maß von Radiumstrahlen für ihre Entwicklung benötige oder vertrage; daß
die Radiumemanationen, in richtigem Maße angewendet, _Wecker und
Förderer der Lebensenergie sind_, im Uebermaße aber diese Energie lahm
legen. Auf dieser doppelten _Leben schaffenden und Leben tötenden
Wirkung des Radiums_ beruhten auch die ganz fabelhaften Erfolge, die man
bei Anwendung des Radiums in der Therapie mit diesem erzielte.

In Paris machte vor nicht langer Zeit Professor Dr. Roux den Versuch,
eine schwer an Magenkrebs erkrankte Frau durch Radium zu heilen, und
dieser Versuch, der allerdings bisher noch viel zu teuer ist, um
verallgemeinert zu werden, gelang vollständig.

»Ich nahm ein ganz kleines Glasröhrchen«, schreibt der berühmte Gelehrte
darüber, »tat in dieses ein ganz winziges Partikelchen Radium, öffnete
den Magen und nähte nun das Röhrchen, ganz nahe dem bösartigen
Neugebilde, an die Magenwand an. Die Wirkung war eine beinahe
augenblickliche. Keine Entzündung und keine neuen Störungen traten ein.
Innerhalb dreier Monate war der Krebs beinahe vollständig verschwunden,
und die vollkommene Heilung war nur eine Frage ganz kurzer Zeit. Die
Radiumstrahlen haben auf das bösartige Gewächs denselben Einfluß, den
sie auf gewisse Bazillenkolonien ausüben, indem sie sie entweder töten
oder vollständig lähmen. Mit einem Wort: die Wirkung auf das
Krebsgebilde ist folgende:

Einige Teile werden einfach zerstört und abgestoßen, und an ihre Stelle
tritt gesundes Gewebe. Andere Teile werden zwar nicht zerstört, aber
dafür vollständig unschädlich gemacht. Ihre ganze bösartige
Wirkungsfähigkeit wird paralisiert und mit der Zeit gänzlich aufgehoben.
Es ist ein ganz einfacher Prozeß, der sich da abspielt, die Krankheit
kann sich nicht weiter ausdehnen, und die Keime werden fortwährend durch
die Radiumemanationen vernichtet und abgestoßen. Wir können daher mit
aller Sicherheit sagen, daß wir im _Radium ein unfehlbares Mittel gegen
Krebs haben_ könnten, wenn es leichter zu beschaffen wäre.«

Sir Frederick Treves, der berühmte englische Arzt, sagt: »Radium sendet
dreierlei Strahlen aus, die in der Wissenschaft die Namen Alpha, Betha
und Gamma erhalten haben. Die Alphastrahlen bestehen aus kleinen
Körperpartikelchen, die von der Grundmasse des Radiums mit einer
Geschwindigkeit von etwa 20000 Meilen[9] in der Sekunde abgestoßen
werden. Um sich von dieser Geschwindigkeit und der damit verbundenen
Kraft einen Begriff zu machen, genügt es, wenn man sich vor Augen hält,
daß eine Gewehrkugel, die eine Geschwindigkeit von nur einer halben
Meile in der Sekunde aufweist, schon ganz Tüchtiges geleistet hat. Diese
Alphastrahlen des Radiums sind mit positiver Elektrizität geladen. Die
Betastrahlen dagegen sind negativ elektrisch und bilden eine
Sonderklasse für sich. Jedes der Betapartikelchen, die alle kleiner als
die Alphaatome sind, bewegt sich mit einer fünffach so großen
Geschwindigkeit wie ihre Alphakollegen und halten zweifellos den
Geschwindigkeitsrekord in der Welt, denn selbst die am schnellsten sich
im Weltenraum bewegenden Sterne bewegen sich mit höchstens 1/300 der an
den Betastrahlen festgestellten Geschwindigkeit. Die Gammastrahlen
unterscheiden sich von den beiden erstgenannten Strahlenarten
vornehmlich dadurch, daß sie keinerlei Elektrizitätladung haben. Sie
scheinen mit den Röntgenschen X-Strahlen identisch zu sein. Ihre Natur
ist aber mit Sicherheit noch nicht erkannt. Einige dieser Strahlen sind
schädlich, andere üben eine wohltätige Wirkung aus und ihre
Anwendbarkeit hängt ganz davon ab, wie sie gemischt sind. In jedem Falle
ist die Kraft und die Wirkung der Radiumstrahlen eine grenzenlose nach
jeder Richtung hin, und es kann nahezu mit Sicherheit behauptet werden,
daß man im Radium den Wunderstein gefunden hat, durch welchen selbst die
Unmöglichkeiten möglich gemacht werden. Die Wirkung des Radiums auf
chronische Ausschläge ist zum Beispiel eine geradezu außerordentliche.
Oft sind die Ausschläge wie weggeblasen. Fressende Geschwüre und
fressende Flechten können durch Radium mit Sicherheit geheilt werden.
Ein Fall liegt vor, bei welchem die Krankheitsdauer schon jahrelang
gewährt, und bei welcher die Zerstörung bereits solche Fortschritte
gemacht hatte, daß der Zerstörungsprozeß schon bis auf die Knochen
gegangen war. Dieser Fall wurde vorher sowohl mit X-Strahlen als mit den
ultravioletten Strahlen des Finsenlichtes vergeblich behandelt. Eine
zweistündige, auf zwei Tage verteilte Behandlung mit Radiumstrahlen
genügte, um eine vollständige Heilung hervorzubringen. Damit ist aber
der Beweis erbracht, daß die Heilwirkung der Radiumstrahlen keineswegs
in ihren Gammastrahlen allein zu suchen ist, sondern daß eine
kombinierte Wirkung sämtlicher Strahlen vorliegt. Wenn wir uns nun
fragen, ob diese Heilresultate dauernde sind, so kann die Antwort schon
deshalb nicht gegeben werden, weil wir das Radium viel zu kurze Zeit
kennen. Es besteht aber gar kein Zweifel darüber, daß wir zu der Annahme
berechtigt sind, die Zukunft werde dem Radium

              ein Zeitalter völliger Krankheitslosigkeit

danken. Noch seltsamer als alle diese Wunderkuren muß uns die sichere
Aussicht erscheinen, daß auch das Alter künftighin seinen Einfluß auf
unseren Organismus verlieren, und daß es kein Altern mehr geben wird.
Die kommenden Geschlechter werden ewig junge Menschen hervorbringen,
Menschen voll physischer Kraft und voll Schönheit, Menschen, die vom
Kranksein nichts wissen und alle Berichte über Krankheiten und Seuchen
als seltsame Märchen aus einer fernen, fernen, vergessenen Welt
betrachten werden.

[Fußnote 9: Gemeint sind natürlich englische Meilen.]

In Molokai, der »traurigen Insel« Ozeaniens, nach welcher alle
Aussätzigen des Sandwicharchipels verschickt werden, wurde auch die
Einwirkung der Radiumstrahlen auf die Lepra studiert, und aller
Wahrscheinlichkeit nach wird man im Radium bald auch das Heilmittel für
diese entsetzlichste aller Krankheiten gefunden haben. Ja, wenn man
nicht fehlgeht, dürften die Radium_emanationen_ oder das Radium _selber_
bald zum Heilmittel gegen den Millionenwürger werden, den wir unter dem
Namen Tuberkulose kennen. Professor _Lieber_ hat nämlich als erster
entdeckt, daß der Atem von Kaninchen, die Radiumstrahlen ausgesetzt und
einer Radiumbehandlung unterzogen worden, selbst radioaktiv wurde und
eine lebhafte Wirkung auf das Elektroskop ausübte. Damit aber war der
Beweis erbracht, daß das Radium eine direkte Wirkung auf die Lungen
ausübt. Nimmt man die nachgewiesene bazillentötende Wirkung dazu, so ist
kein Grund vorhanden, nicht an die Heilwirkung dieses Wundermittels zu
glauben, und die Prophezeihung, daß es

                in der Zukunft keine Tuberkulose mehr

geben wird, ist eine leichte, umsomehr, als auch die an Menschen
gemachten Versuche, die anfangs keineswegs sehr ermutigende Resultate
gaben, jetzt mehr als zufriedenstellend verlaufen. Es wird nämlich nicht
nur zur Injektionsmethode gegriffen, sondern auch radioaktive Luft
inhaliert, so wie wir bisher gewissen Kranken Sauerstoff zum Einatmen
gegeben haben. Diese Behandlung hat schon positive, günstige Resultate
ergeben, ist aber, wie gesagt, noch sehr entwicklungsbedürftig.

Daß man durch Radium auch Blinde sehend machen kann, das entdeckt zu
haben, ist das Verdienst des Professors _London_ in Petersburg. Er hat
es tatsächlich dazu gebracht, einen Knaben, der blind von Geburt war,
fähig zu machen, Buchstaben zu lesen und Zeichen zu sehen. D. h. von
einem wirklichen Sehen ist natürlich nicht die Rede, wohl aber gelingt
es, Lichtempfindungen bei den Blinden hervorzurufen und sie Licht und
Schatten erkennen zu lassen. Das ist aber ein geradezu fabelhafter
Fortschritt und hebt die Blindheit tatsächlich auf!

Der Knabe, an dem Prof. London seine Versuche angestellt hat, und der,
wie gesagt, _von Geburt blind_ war, wurde in den Operationsraum geführt.
Mit Radium, das in einem Röhrchen enthalten war, beschrieb Dr. London
einige Linien hinter einem hölzernen Wandschirm. »Was ist das?« fragte
der Professor. Und mit zitternder Hand malte _der Blinde das Gesehene_
(!) nach, ein großes A. Das war genau der Buchstabe, den der Professor
hingemalt hatte. Und so übertrug der geniale Forscher in das blinde
Auge, nein, direkt in die empfänglichen Hirnzellen Lichteindrücke, die
sich in den seltsamsten Kurven und Linien bewegten, und die der Knabe
mit wachsender Sicherheit wiedergab.

                        »Das ist das Wunder!«

sagte Professor London. Und er hatte recht. Aber es ist nicht das
einzige Wunder, das das Radium vollbringt.

Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß es Professor Burke in
einwandfreier Weise gelungen ist, aus keimfreier Bouillon neue kleinste
Lebewesen zu schaffen. Der Vorgang war folgender: Völlig sterilisierte
Bouillon, die nicht die geringsten Spuren irgend welcher auch nur
allerkleinster Lebewesen entdecken ließ, und die auf solche geprüft und
überprüft und wieder geprüft wurde, tat der Experimentator in ein an
seinen beiden Enden fest geschlossenes Glasröhrchen. In dessen Mitte
befand sich oben eine Oeffnung, in welche ein anderes kleines Röhrchen
eingepaßt werden konnte, welches das Radium enthielt. Auch hier waren
alle Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um das Eindringen von Bakterien
völlig auszuschließen. Durch eine sinnreiche Konstruktion war es nun
möglich, die sterilisierte Bouillon mit dem Radium in _direkte
Verbindung_ zu bringen. Einige Tage lang wurde die sterilisierte Masse
den Einwirkungen des Radiums ausgesetzt, und bei der darauffolgenden
mikroskopischen Untersuchung war die so behandelte Bouillon von neuen
kleinsten Lebewesen durchsetzt. Es erwies sich somit

                     das Radium als Lebenswecker.

Selbstverständlich zeigte alle Bouillon, die man gleichzeitig derselben
Prozedur unterworfen hatte, ohne jedoch das Radium in direkten Kontakt
mit ihr zu bringen, keinerlei Veränderung und keine Spur von Lebewesen.
_Der Einfluß des Radiums war also der Schöpfer des Lebens._

In überraschender Weise wurde diese Erkenntnis durch Versuche bestätigt,
die Professor Holstermann an der Genfer Universität mit unbefruchteten
Eiern des Seeigels machte. Durch den bloßen Einfluß des Radiums konnte
das Leben in diesen Eiern entwickelt werden. Sie wurden durch das Radium
befruchtet, und zwar gelang dieses Experiment durchschnittlich viermal
unter zehn.

Aus all diesen und den früher geschilderten Versuchen, die einander zum
Teil ergänzen, zum Teil einander widerstreiten, erhellt eines mit
apodyktischer Klarheit: d. i. daß _Radium auf das engste mit den
Grundphänomenen des Lebens verknüpft ist_. Hierauf basierte man, baute
man eine Theorie auf, die im ersten Momente unglaublich erscheint, die
aber selbst vor der skeptischsten Auffassung standhält und heute so gut
wie erwiesen ist.

Einer der hervorragendsten deutschen Radiumforscher sagt diesbezüglich:

»Es ist außerordentlich wahrscheinlich, daß wir im Radium endlich das
langgesuchte Mittel gefunden haben, durch welches es uns gelingen wird,
_das menschliche Leben um das dreifache, vielleicht auch das zehnfache
verlängern_ und wieder

                        _das biblische Alter_

zu erreichen. Es ist uns jetzt schon gelungen, dem Kräfteverfall in so
überraschender Weise durch direkte Radiumeinwirkung entgegenzutreten,
daß alles darauf hinweist, daß wir in dem neuen Elemente eine Kraft
gewonnen haben, die alle Garantien für eine künftige, ganz
außerordentliche Verlängerung unseres Lebens bietet.

Solange das Gleichgewicht der Lebenskraft in uns erhalten bleibt, sind
alle »Alterserscheinungen«, denen die Menschheit jetzt so frühzeitig
ausgesetzt ist, vollkommen ausgeschlossen. Nur wenn unsere Lebenskräfte
sich allmählich oder auch plötzlich erschöpfen, wird sich die
Altersschwäche bei uns einfinden, oder werden die nötigen, mit, dem
»Alter« verbundenen Erscheinungen sich zeigen, die unser Leben bedrohen
und unsere Lebensdauer verkürzen. Durch eine vielleicht dauernde, zur
rechten Zeit einsetzende Radiumbehandlung wird man es nun ganz
entschieden dahin bringen, alle Alterssymptome durch die
Wiederherstellung des durch diese gestörten Gleichgewichts zu
beseitigen, die »Mikroben des Alters« zu zerstören und den ganzen Körper
einen Verjüngungsprozeß durchmachen zu lassen, der ein »Altern«
unmöglich macht.

In ähnlich zuversichtlicher Weise äußert sich Professor Metschnikoff in
Paris, der von jeher das große Problem von der Lebensverlängerung und
Lebenskräftigung des Menschen zum Gebiete seiner Studien gemacht hat,
und der den Versuchen seines Kollegen Roux vom Pasteurinstitute das
größte Interesse entgegenbringt. Auch er spricht vom _Zeitalter ewiger
Jugend_, das für uns hereinbrechen wird und schon an unsere Tür klopft.

Ja aber -- woher das viele Radium nehmen, das zur Verallgemeinerung all
der Kuren und Wunder nötig ist, und wie die Herstellungskosten
verringern, die ja ein unüberbrückbares Hindernis für diese
Verallgemeinerung sind, wenn dieses Wundermittel nicht wieder nur ein
Lebenselixier für jene Kreise allein werden soll, die in Reichtümern
schwelgen?

Diese beiden Fragen drängen sich einem natürlich vor allem auf, und
glücklicherweise kann man in erfreulichstem Sinne darauf Antwort geben.

Das Vorkommen des Radiums ist wahrlich nicht so selten, wie man glaubt.
Im Gegenteil. Jüngst erst hat Professor Lodge diese Frage in folgendem
Satze, der, wie alles, was Radium angeht, etwas Ueberraschendes hat,
erledigt.

Er hat nämlich buchstäblich gesagt, »die Schwierigkeit sei nicht _die_,
radioaktive Körper zu finden, sondern Körper, _die nicht radioaktiv_
sind.« Alles nämlich, was lebt und scheinbar unbelebt ist -- denn auch
am Steine wurde ja jetzt das »Leben« schon nachgewiesen -- ist
radioaktiv. Es muß es sein, denn das Radium ist ja die Lebenskraft
selber. Es ist die Quintessenz aller Kraft, die alles, was ist, aufbaut
und alles zerstört, um in der Vernichtung neues zu schaffen. Sie ist die
Schöpferkraft, die wir nun endlich in Händen halten, und mit der der
Prometheustraum der Menschheit erfüllt ist.

Tatsächlich ist nicht nur die ganze Erde von Radium und seinen
Emanationen erfüllt, sondern wahrscheinlich auch das ganze All. Die Erde
aber gewiß, und zwar dürfte der Kern der Erde aus reinem Radium
bestehen, wenn wir von der merkbar zunehmenden Radiummenge in größeren
Tiefen des Erdinnern progressiv schließen dürfen. Beim Durchstich des
Simplontunnels sowohl wie bei dem des Gotthardtunnels wurden die
entsprechenden Messungen vorgenommen und gefunden, daß in letzterem bei
einer Tiefe von 2500 Fuß die Radioaktivität der geförderten Felsmassen 3
3/10 Billionstel Gramm auf ein Gramm Gestein betrug, während beim
Simplontunnel, der 17 Kilometer lang ist und 5600 Fuß unter der
Erdoberfläche liegt, der Radiumgehalt auf 1 1/10 Billionstel Teil stieg.
Ein ähnliches Verhältnis fand man auch bei den artesischen Brunnen, die
man 1000 bis 1500 Fuß tief gegraben hat. Je tiefer man nun in die Erde
eindringt, desto höher steigt bekanntlich die Temperatur, und zwar nimmt
sie ungefähr bei je 100 Fuß um 1 Grad Celsius zu. Bei einer Tiefe von 40
Kilometern würde man also schon das Quecksilber im Thermometer zum
Sieden bringen und Eisen würde in einen flüssigen Glutstrom geschmolzen
sein. Diese Wärme nun ist auch weiter nichts als eine Folge der
Ausstrahlungen des Radiums im innersten Innern der Erde. Die
unglaubliche Schnelligkeit, mit welcher die Radiumteilchen von diesem
fortgeschleudert werden, und die furchtbare Reibung, die dadurch
entsteht, entwickelt die Wärme, die in ihrer Intensität alles
übertrifft, was wir uns an Glut und Hitze vorzustellen vermögen. Und
wenn das Radium diese Feuerglut zu schaffen vermag, dann muß es aber
auch in Quantitäten da sein, die wir, weil wir auf der Oberfläche der
Erde nur leben, uns nicht einmal träumen lassen. Es braucht uns also,
die wir dieses größte aller Lebenselemente erst seit kurzer Zeit kennen,
um die Quantitäten desselben nicht bange zu sein.

Bleibt die Frage der Herstellung, die begreiflicherweise die Frage des
Kostenpunkts ist.

Nun denn, auch diese kann in befriedigendster Weise beantwortet werden.
Man kann nämlich aus der Pechblende -- aus der wir vorläufig beinahe
ausschließlich das Radium uns herstellen -- verschiedene Formen der
Radiumsubstanz gewinnen. Und während nun das Radium, das Professor
_Curie_ und seine Frau als erste gewannen, etwa 400000 Mark pro Gramm
kostet, kostet das Tho-rad-x, mit welchem Dr. Bailey, Dr. Roux und
Koernicke vorzugsweise experimentieren, in derselben Quantität nur 6000
Mark. Aber auch das ist noch teuer, so wesentlich die Verbilligung auch
schon ist. Aber wir werden bei ihr auch nicht stehen bleiben, und die
Zeit wird kommen, und sie ist gar nicht so fern, wo die Radiumgewinnung
im Großen wird betrieben werden können. Der menschliche Geist weiß ja
alle Hindernisse zu überbrücken, und es wird ihm zweifellos auch
gelingen, bis zu den großen Radiumlagern der Erde zu gelangen, so
unmöglich das auf den ersten Blick auch noch scheint. In jedem Falle
sind auch jetzt schon Radiumformen entdeckt, die selbst den Preis der
Tho-rad-x weit hinter sich lassen und dieselbe außerordentliche Wirkung
auf den menschlichen Organismus haben, die ich eben besprochen habe. Die
Versuche sind natürlich zu jung, um als abgeschlossen zu gelten,
trotzdem aber kann man sagen, daß _auch jetzt schon_ durch ein
Radiummittel, das allen zugänglich ist, das Alter verjüngt und alle
Alterserscheinungen erfolgreich bekämpft werden können. Gicht und
Zipperlein werden nicht nur in der Zukunft, sondern auch jetzt schon
unbekannt sein; die Arteriosklerose wird verhindert werden, sich an den
Wandungen unserer Blutgefäße festzusetzen und ihre Knochenherde zu
bilden; die Möglichkeit der Schlaganfälle wird wesentlich verringert,
wenn nicht ganz aufgehoben sein, und der Mensch wird sich, so alt und so
hinfällig er auch sein mag, wieder gekräftigt fühlen, und seine
Lebenskräfte werden aufs neue geweckt werden. Bei der heranwachsenden
Generation aber wird die Radiumkombination schon anfangen,
ihre altervertreibende Wirkung zu beginnen, ehe die ersten
Alterserscheinungen sich zeigen, und ein ewig junges, ewig kraftvolles
Geschlecht, dessen Lebensdauer sich ins Fabelhafte wird gesteigert
haben, wird _das Geschlecht der Zukunft_ sein.

Ich wies schon darauf hin, daß unsere Heilquellen ihre Heilwirkung zum
allergrößten Teile den Radiumemanationen verdanken, nicht dem wirklichen
Radiumgehalte, der bei fast keiner vorhanden ist. Darin aber liegt der
Umstand, daß all diese Quellen beim Versand leiden und ihre Wirkung
verlieren. Während Radium geradezu ewig ist, schwindet der Einfluß der
Emanationen sofort, da ja die Atome in fortwährender ungeheurer Bewegung
fortgeschleudert werden. Jeder weiß, wie wundervoll die Sprudel wirken,
und wie gering die Wirkung der gewonnenen Sprudelsalze ist. Man wird
also und hat zu Mitteln gegriffen, in denen Radium selber enthalten ist.
Das Radium, das im Körper selber seine an das Fabelhafte grenzende
Emanationskraft entwickelt. Das »Bombardement der Atome«, von dem ich
eingangs gesprochen, geht dann im menschlichen Leibe vor sich und übt
seine zerstörende Wirkung auf alle krank gewordenen Körperatome, während
es auf die gesunden Gewebe seine entgegengesetzte, fördernde,
waschstumunterstützende Wirkung übt. Darauf basiert der große Erfolg.
Ein sich Ablagern und Festsetzen krankhafter Ausscheidung ist dadurch
unmöglich und jeder Krankheitsprozeß wird schon im Keime erstickt. Das
Jahrhundert der Gesundheit bricht an, das Jahrhundert der großen
geistigen, körperlichen und seelischen Gesundung der Menschheit, und wir
fühlen schon den Flügelschlag dieser großen, wunderbaren Zeit, einer
Zeit, in welcher die Menschheit emporgehoben wird zu den Höhen der
Vollendung, und die letzte Brücke abgebrochen wird, die uns jetzt noch
mit den niederen Geschöpfen der Welt, der Erde verbindet.



                         Professor C. Lustig.
                      Die Medizin in 100 Jahren.


                      Die Medizin in 100 Jahren.
                       Von Professor C. Lustig.

Die Hauptaufgaben der Medizin sollten nicht im Heilen der Krankheiten
bestehen, sondern im Verhüten. Dieser Aufgabe kann die Medizin heute nur
in sehr geringem Grade gerecht werden. Denn so stolz wir auch auf neuere
Erfolge auf hygienischem Gebiete sein mögen, so ist das bisher Erreichte
doch nur der Anfang vom Anfang. Die Medizin ist eben ohnmächtig, solange
nicht auch andere Faktoren mitwirken, die auf sozialem und
gesetzgeberischem Gebiete liegen. Bei einem Kranken kann von einem
Verhüten der Krankheit keine Rede mehr sein, sondern nur von einem
Bekämpfen. Wir _sind_ aber mehr oder minder alle krank, und von einem
gesunden Geschlecht kann selbst beim besten Willen wohl von niemandem
gesprochen werden.

Solange die Natur nun von ihrem grausamen Gesetze nicht abläßt, wonach
sie die Sünden der Väter heimsucht bis in das vierte und fünfte Glied,
so ist ein gesundes Geschlecht ganz undenkbar. Solange es Not und Elend
und Entbehrung gibt, auch. Solange Arbeit und Erholung sich nicht die
Wage halten, ebenfalls.

Hierdurch allein ist schon die Richtschnur für die Zukunft gegeben.

Daß wir die Gesetze der Natur nicht ändern können, ist klar. Wir müssen
daher dort, wo diese Gesetze schädigend wirken, die Natur hindern, sie
uns gegenüber in Anwendung zu bringen.

Gift bleibt, solange es Gift ist, immer giftig. Wer es in den
entsprechenden Dosen nimmt, vergiftet sich. Daran läßt sich nichts
ändern, aber -- man braucht das Gift nicht zu nehmen, und vergiftet sich
dann eben nicht.

Das ist doch klar.

Das ist eine Weisheit, die jeder kennt. Aber wir wenden sie nicht an.
Wir kennen das Gift ganz genau; wir kennen seine schädigende Wirkung auf
uns und unser Geschlecht, aber wir denken nicht daran, uns darum zu
kümmern. Wir vermischen damit doch unser Blut, wir impfen es unseren
Kindern und Kindeskindern nach wie vor ein, und die, denen -- wenn _uns_
die Vernunft dazu fehlt -- nicht nur das Recht zustehen würde, uns daran
zu verhindern, sondern geradezu die Pflicht erwächst, es zu tun, kümmern
sich auch nicht darum und verbieten das Weitervergiften der Menschheit
nicht nur _nicht_, sondern unterstützen es noch.

Gesunde Kinder können bekanntlich nur von gesunden Eltern kommen. Der
Staat _will_ gesunde Kinder. Er braucht sie. Aber er sorgt nicht dafür,
daß die Eltern gesund sind und gesund sein können.

Bei den Eheschließungen werden Braut und Bräutigam nach allem Möglichen
gefragt, nur nach dem Nötigsten nicht: _ob sie gesund sind_. Ob nicht
der Keim einer sich vererbenden Krankheit in ihnen steckt. Sie werden
daraufhin nicht untersucht. Ja, sie dürfen heiraten, selbst wenn der
eine oder beide schon an vorgeschrittener Schwindsucht leiden; sie
dürfen heiraten, wenn dem einen auch das Stigma der Lues auf der Stirne
eingebrannt steht. Sie dürfen heiraten, wenn der eine auch in
epileptischen Krämpfen zusammenstürzt und sich unter ihnen windet und
krümmt. Sie dürfen alle heiraten und Kinder in die Welt setzen und
dürfen ihnen ihre Krankheiten mit auf den Lebensweg geben.

Für die Aerzte ist das ganz gut. Für die Menschheit nicht. Aber
schließlich ist doch die Menschheit nicht für die Aerzte da, sondern
umgekehrt. Und allmählich wird es ja doch dazu kommen, daß -- wie in
einigen Staaten der amerikanischen Union -- schon jetzt überall von all
denen, die einen Ehebund eingehen wollen, diese Hauptbedingung, die
Gesundheit, gefordert wird.

Natürlich wird auch dafür gesorgt werden müssen, daß, wenn ein neues
gesundes Geschlecht auf die Welt kommt, dieses auch die Möglichkeit hat,
gesund zu bleiben. Vor allem wird die Mutter in die Lage versetzt werden
müssen, ihr Kind zu nähren. In die materielle Lage. Ist das der Fall,
dann wird der Tod nicht mehr drohend an jeder Wiege stehen, so wie
jetzt, wo die Kindersterblichkeit Ziffern aufweist, die ein flammendes
Dokument für den Tiefstand unserer Menschlichkeit sind.

Wird dann noch dafür gesorgt sein -- und es _wird_ zweifellos -- daß
jeder, der lebt, auch sein Recht auf das Leben wird geltend machen
können, dann werden die Vorbedingungen erfüllt sein, auf denen die
Medizin der Zukunft wird fußen können. Dann wird durch sie die
Gesundheit in Permanenz erklärt werden, und keine Krankheit wird mehr
den Nährboden finden können, auf dem sie gedeiht.

Die Mittel dazu wären jetzt schon vorhanden, nur die Prämissen fehlen.
Die Prämisse eines gesunden Geschlechts.

Die Möglichkeit aber, den Körper in seinen feinsten Gewebeteilen --
nicht etwa durch Impfung, die selbstverständlich in der Zukunft
verworfen wird -- gegen alle möglichen Krankheitskeime immun zu machen,
besteht schon jetzt.

Die Möglichkeit, dem Körper die Lebensenergie zuzuführen, die jeden
Altersprozeß hemmt, haben wir durch die Radium enthaltenden Mittel jetzt
auch.

Damit aber sind Perspektiven für die Zukunft geschaffen, die an das
Wunderbare grenzen und den Traum von dem Hinausschieben der Lebensgrenze
bis weit über das biblische Alter in Erfüllung bringen werden.

Die geänderten Lebensverhältnisse werden natürlich wesentlich dazu
beitragen, das zu unterstützen. Das »fliegende Geschlecht« wird sich die
Luft auch in hygienischer Hinsicht zunutze machen. Es wird tagtäglich
die Höhen aufsuchen, die wir heute nur in unseren Höhenkurorten oder auf
sportlichen Touren aufzusuchen gewohnt sind. Es wird seine Lungen weiten
und die köstliche Luft einatmen, die nebstbei von keinem Millionen von
Schloten entqualmenden Rauch mehr verpestet sein wird, so daß auch in
den Städten die Luft schon eine andere sein wird, als heute. Statt des
Rauches aber wird ihr zweifellos auf künstlichem Wege noch Ozon
zugeführt werden, und die Radiumbeleuchtung, die die ganze Erde mit
einem Dunstkreis matten, wohltuenden Lichts umhüllen wird, wird durch
die konstant ausstrahlenden Emanationen auch belebend, kräftigend,
verjüngend wirken. Die Medizin in unserem Sinne wird also als solche
aufhören müssen zu sein; man wird sie nicht mehr brauchen.

Anders stellt es sich, wenn wir, wie dies noch vielfach geschieht, die
völlig selbständige Disziplin der Chirurgie mit dazu rechnen. Diese wird
bleiben müssen. Unfälle wird es immer noch geben. Armbrüche, Beinbrüche,
Schädelbrüche, Genickbrüche, Verstauchungen, Verwundungen,
Darmverschlingungen, Schwergeburten und wie die Fälle alle heißen, die
einen chirurgischen Eingriff erfordern, und die Chirurgie, die in
unserer Zeit auch an Wunder grenzende Fortschritte gemacht hat, wird vor
keiner Unglaublichkeit mehr zurückschrecken. Sowie wir heute schon
Herzwunden vernähen können, sowie wir aus unseren Schlagadern Stücke
ausschneiden und neue einsetzen können, sowie wir gewisse Organe heute
schon aus unserem Körper entfernen und durch fremde ersetzen können,
sowie wir sogar gewisse Hirnteile entfernen können, ohne Schaden zu
verursachen oder gar den Tod herbeizuführen, sowie wir heute schon
fremde Knochenstücke mit neuen »vernieten« und sie zu unseren machen
können, sowie wir unserem Magen eine neue Magenhaut einnähen können, so
wird man später nahezu alle Organe und alle Gliedmaßen umtauschen und
durch andere zu ersetzen vermögen. Und dabei wird die kraftvolle Natur
des neuen »gesunden« Geschlechts dazu beitragen, alle Operationen in
verblüffend kurzer Zeit zur Heilung zu bringen, so daß die köstliche
Figur des Bluntschen Kapitän Duddle, »der kein größeres Vergnügen kennt,
als sich ein Bein abnehmen zu lassen«, beinahe aufhören könnte, bloße
Fiktion zu sein, und ein _Doyen_ und ein _Bailey_ recht bekommen
dürften, die erklärten, »die Chirurgie wird künftighin nicht nur eine
grandiose Wissenschaft sein, sondern auch _ein Sport_«.



                          Cesare del Lotto.
                       Die Kunst in 100 Jahren.


                       Die Kunst in 100 Jahren.
                        Von Cesare del Lotto.

Prophezeiungen haben nur dann Sinn und Zweck, wenn sie Schlußfolgerungen
aus schon Vorhandenem und dessen bisherigem Entwicklungsgange sind. Nun
ist aber nichts schwerer, als aus dem Entwicklungsgange unserer
bildenden Künste irgend welche Schlüsse ziehen zu wollen, von denen man
annehmen könnte, daß sie dem tatsächlich zu Erwartenden in Wirklichkeit
auch nur annähernd entsprächen, denn nichts ist unberechenbarer als
gerade die Kunst. Sie hat ihre Launen, und ihre ganze Wirkung beruht nur
auf diesen. Bernhard Shaw, der große Spötter mit dem tiefen Wissen hat
darum nicht Unrecht, wenn er die Kunst mit einem Weibe vergleicht, das
stets neue Toiletten macht, in deren jeder sie anders aussieht, während
sie selbst doch stets ein und dieselbe bleibt. Diese Toiletten sind oft
schlicht und einfach, oft schreiend und bizarr, oft vornehm, oft wieder
gemein, oft nonnenhaft puritanisch, oft dirnenhaft frech, und die
Uebergänge von einer zur andern sind häufig ganz unmittelbar von einem
Extrem ins andere gehend, während sie andererseits ineinanderfließen, um
unvermerkt eine Kunstrichtung und Kunstoffenbarung zu schaffen. Es ist
wie das Meer. Jeder Hauch setzt es in Bewegung und schafft neue,
wechselnde Bilder. Bald liegt es glatt da wie ein Spiegel, bald ist es
leicht nur gekräuselt, bald tief aufgewühlt, und die Wellen türmen sich
hoch empor zu gigantischer Höhe, um sich dann wieder zu glätten und
jeder Spur gewaltiger Größe zu entraten. In der Kunst nennen wir das
Epochen, und wir suchen sie -- freilich vergebens -- mit den Zeitepochen
in Einklang zu bringen, und zwar deshalb vergebens, weil die Kunst als
solche mit ihrer Zeit nichts zu tun hat, ganz ebenso wie der Traum
nichts mit der Wirklichkeit, wenn auch diese ihre Fäden mit in jenen
hineinverwebt. Wir können also einen Zusammenhang zwischen Zeit und
Kunst nur konstruieren, wenn wir den Einfluß betrachten, den die Kunst
auf die Zeit, auf die Menschen und das Leben geübt hat. Auch da können
wir Strömungen, Rückströmungen und sogar ein Stagnieren der Kunst
beobachten, Wechselströmungen, die in einem größeren oder geringeren
Kunstbedürfnisse der Menschheit zum Ausdrucke kommen. Gerade jetzt
wieder hat eine Art Kunstdurst die Menschheit erfaßt, und ein gewisser
Schönheitsdrang ist uns bewußt oder unbewußt überkommen, was wir aber
vorläufig haben, ist nur das unsichere Tasten nach einem neuen
Schönheits-, einem neuen Kunstideal, auf dessen Offenbarung wir mit
Macht hindrängen, und zu welchem wir auf verschiedenen Wegen zu gelangen
trachten, ohne daß wir eigentlich wissen, welches das Ziel ist, das wir
zu erreichen streben. Es ist ja sehr leicht möglich, daß die kommende
Kunst etwas ganz anderes, ganz neues sein wird, als was sie jetzt ist.
»Die Kunst ist nie das, was sie ist, sondern das, als was sie gesehen
wird«, sagt schon Ruskin. Die Art zu sehen ist aber nicht nur eine
individuelle, sondern sie ändert sich von Tag zu Tag auch physiologisch.
Unser Auge hat die Fähigkeit gewonnen, die Lichtstrahlen in weit mehr
Farben und Farbennuancen zu zerlegen als früher. Dadurch sehen wir die
Welt anders; die Natur ist für uns eine andere geworden, also auch die
Kunst, denn die Kunst ist das Vorahnen der Natur, und wir, die wir
vorläufig nur mit den Strahlen des Lichtes sehen, und die nur Augen
haben, die scheinbar nur für diese empfänglich sind, werden vielleicht
später einmal auch mit jenen Strahlen direkt zu sehen lernen, mit denen
wir jetzt schon hören, sprechen und mit Zuhilfenahme von Apparaten auch
wirklich schon sehen können. Die Wahrscheinlichkeit spricht in jedem
Falle dafür, und namentlich eines nimmt merkwürdig überhand, das Sehen
jener magnetischen Strahlen, die dem menschlichen und tierischen Körper
entströmen. Diese Strahlen wird auch die Kunst sehen müssen, die sie
heute noch verleugnet, um nicht noch mehr Mißtrauen zu begegnen, als sie
heute schon in ihren verschiedenen Richtungen zu überwinden hat. Und
wenn Mosso behauptet, unser Auge würde sich allmählich auch zum
Röntgenapparate entwickeln, so wird die Kunst auch auf dieses alles
durchdringende Sehen Rücksicht nehmen und ihre Kunstwerke demgemäß
ausgestalten oder diese Art zu sehen geflissentlich ausschalten müssen.
Der mystische Zug, der aber jetzt schon durch einen Teil unserer Kunst
geht, deutet darauf hin, daß das heute noch Mystische, das in der
Zukunft möglicherweise zum Alltäglichen geworden sein wird, der nächsten
Zukunftskunst seine Signatur aufdrücken wird. »Sobald wir alles Irdische
kennen werden, wird uns das Streben nach dem Ueberirdischen erfassen.«
Dieser Zeit, die der Dichter da vorausahnt, sind wir näher, als wir
glauben. Der Erde entrückt werden wir ja in gewissem Sinne schon jetzt
durch das Fliegen. Und während wir den Einfluß der Postkutsche, des
Zweirads, der Eisenbahn und des Automobils auf die Kunst gewiß niemals
bemerkten -- von einigen Bildern, die keine Kunst machen, natürlich
abgesehen -- wird das Fliegen zweifellos eine Umwälzung hervorbringen.
Wir werden die Dinge von einer anderen Perspektive aus sehen, als wir
sie jetzt sehen, und das wird in den Werken der Kunst auch zum Ausdruck
kommen. Wir werden in den Höhen, in denen unser Flug sich bewegen wird,
unsere Eindrücke in ganz anderen Luftschichten, unter ganz anderen
Brechungsverhältnissen des Lichtes empfangen, und werden diese Eindrücke
auf unseren Bildern festhalten müssen, und es werden sich ebenso große
Unterschiede daraus ergeben, wie sie Atelierbild und Freilichtbild heute
schon aufweisen, und die so groß sind, daß sie als ganz besondere
Richtungen aufgefaßt werden. Wir werden aber infolge der veränderten
Lichtbrechungseffekte auch andere Farbentöne entdecken, und diese werden
eine besondere Wesenheit der künftigen Werke unserer Malerei sein. Noch
bedeutender aber dürfte die Umwälzung auf dem Gebiete der Plastik
werden, und namentlich die Reliefkunst dürfte zu ungeahnter Bedeutung
gelangen. Heutzutage wird ein Kunststück so geschaffen und so
aufgestellt, daß es für den Beschauer auf die bequemste Weise zur besten
Geltung kommt und dadurch auf ihn die vom Künstler beabsichtigte Wirkung
ausübt. Alle Größenverhältnisse, jede Proportion, jede Gestalt, jede
Verkürzung sind aus dieser Absicht hervorgegangen. Eine Figur, die ich
auf einen hohen Sockel stelle, muß anders gedacht, anders empfunden und
anders ausgeführt sein als eine, die ich aus demselben Niveau mit mir
betrachte. Unsere Monumente nun sind alle derart berechnet, daß sie auf
den Fußgänger ihre Wirkung üben. Die Wucht unserer Denkmäler wirkt also
nach unten, und wie sehr das der Fall ist, sehen wir am besten daran,
wenn wir an solch einem Denkmal auf dem Verdecke eines Omnibusses
vorüberfahren, oder wenn wir es ganz von oben betrachten. Es verliert
dann vollständig seine Wirkung. Es hört auf, Kunstwerk zu sein. Wird der
Verkehr nun -- und er wird es -- künftighin weniger durch die Straßen
als durch die Lüfte gehen, wird sich also ein oberirdischer Verkehr
entwickeln, um nicht ein »überirdischer« zu sagen, dann werden die
Monumente der Zukunft, wenn sie ihren Zweck erfüllen sollen, darauf
bedacht nehmen müssen. Sie werden also derartig geschaffen sein, daß sie
ihre volle künstlerische Wirkung sowohl von unten aus -- denn gehen wird
man ja trotzdem noch immer -- als auch von oben aus üben. Es werden also
Momente sein, die nicht mehr eine Figur auf den Sockel stellen, sondern
große architektonische Aufbaue mit Reliefgestalten, deren vortretende
Linien von oben herab die Harmonie des Kunstwerkes nicht stören, welches
auch _oben_ nur aus einem großen machtvollen Relief wird bestehen
können. Und da die Entfernungen, von denen aus die Ueberfliegenden das
Monument sehen werden, weit größere sein werden als die sind, die
gegenwärtig den Abstand zwischen Kunstwerk und Beschauer bilden, so
werden auch die Monumente dementsprechende gewaltige Dimensionen
annehmen müssen; Dimensionen, die zum mindesten der Basis der
ägyptischen Pyramiden entsprechen müßten, wenn sich die Werke der
monumentalen Plastik künftig noch Geltung verschaffen wollen. In bezug
auf _diese_ Kunst ist also das Vorhersagen leicht, weil _mit_ dieser
Kunst ein ganz bestimmter Zweck verbunden ist; ein Zweck, den die
Malerei nicht hat und nicht haben kann, denn Museen mit horizontal
gelegten, von oben herab zu betrachtenden Bildern wird es niemals geben,
es sei denn, tolle übersprudelnde Künstlerlaune schaffe sie als
Karikatur einer anderen, kommenden Zeit. Wohl aber wird die Malerei in
einer ihrer jetzt noch dem Handwerk nahenden Zweige auf diese Art des
Malens ernsthafter bedacht sein müssen. Ich meine die Plakatmalerei.
Hier würden dem schaffenden Geist der Künstler nach oben gehende
Wirkungen erstehen müssen, und so eröffnet sich ihnen dann für die
Zukunft ein neues großes Feld, und im Geiste sehe ich schon die Dünen
der holländischen Küste, die Gletscherfirne der Alpen, die endlosen
Sandstrecken der afrikanischen und asiatischen Wüsten, die riesigen
Steppen Amerikas, die Dschungelfelder von Indien und die Eisfelder der
Polargegenden mit bunten, gen Himmel schreienden Plakaten bedeckt, und
ich freue mich, daß ich jene Zeit nicht mehr erlebe.



                         Charles Dona Edward.
                       Der Sport in 100 Jahren.


                       Der Sport in 100 Jahren.
                       Von Charles Dona Edward.

Dem Sport erwachsen schon jetzt für seine Zukunft ungeahnte
Möglichkeiten. Es gehört daher wenig Phantasie dazu, ein Zukunftsbild zu
entwerfen, so lange man sich auf dem Gebiete der Sachlichkeit bewegen
und sich nicht in haltlosen Utopien ergehen will, die allerdings auch zu
den Möglichkeiten, vorläufig aber noch nicht zu den Wahrscheinlichkeiten
gehören. So dürfte es sich erübrigen, von dem »Maulwurfssport« und dem
»Salamandersport« zu sprechen, von welchem einige unserer Romanciers
vorahnend zu schwärmen wissen. Beide dieser Sportarten sind schon
hinreichend durch die ihnen beigelegten Namen charakterisiert. Der eine
ist der Feuersport, der andere der unterirdische Sport, der sich durch
die Erde gräbt, ähnlich wie man sich etwa, um ins Schlaraffenland zu
gelangen, durch den Hirsebreiberg hindurchgraben muß, während der andere
der Feuersport ist, der ja allerdings in unseren Feueressern und in der
Feuerschaukel der indischen Fakire seine Vorläufer hat. Solchen Sport
aber zum Sport zu rechnen, hieße das Wesen des Sports vollkommen
verkennen. Wasser, Luft und Erde müssen uns als Felder der
Sportbetätigung genügen. Der Sport der Zukunft wird der Sport der
rasenden, sich überbietenden Geschwindigkeiten sein; er wird der Sport
mehr des Intellekts, als der physischen Kraft sein, denn trotz aller
Körperkultur wird das menschliche Geschlecht allmählich »schwächer
werden, um stark zu sein«. Es wird eine Ausbildung der Sinne nötig
werden, die zweifellos auf Kosten des Körpers gehen wird. Fordert schon
der jetzige Sport Blitzesschnelle der Gedanken, größte Geistesgegenwart,
Anschauung, Kaltblütigkeit, Selbstbeherrschung und Selbstzucht in hohem
Maße, hervorragende Charaktereigenschaften also, und ebensolche des
Geistes, so wird das in Zukunft noch weit mehr der Fall sein. Mit der
Erhöhung der Geschwindigkeit wachsen die Gefahren des Sports, und auch
solche gibt es in arithmetischer Progression. Schon jetzt haben wir
Geschwindigkeiten erreicht, die an das Fabelhafte grenzen, und die doch
ein Nichts gegen die sind, die wir noch erreichen können, denn die
Geschwindigkeit kennt keine Grenzen. Wenn heutzutage schon Motore gebaut
werden, mit denen wir -- falls wir uns eine asphaltierte Straße rund um
die Erde gelegt denken -- bequem in vierundzwanzig Stunden und noch
weniger die ganze Welt umrunden könnten, so haben wir damit noch immer
nicht das denkbar Mögliche geleistet, sondern stehen nach wie vor an den
Anfängen einer Industrie, die noch so gut wie in den Kinderschuhen
steckt. Ganz andere Kräfte, die wir jetzt erst zu kennen beginnen,
werden uns dann zur Verfügung stehen und die Menschen werden stets
kleiner und leichter werden, so daß Lewell wohl recht haben mag, wenn er
sagt, wir werden künftig im Gehäuse einer Uhr mehr Kraft mit herumtragen
können, als jetzt unsere Riesenschnellzugsmaschinen entwickeln. Damit
ist aber die Richtschnur für unseren kommenden Sport auch gegeben, der
sich aller Wahrscheinlichkeit nach hauptsächlich im Wasser, unter Wasser
und in der Luft abspielen wird, während neuere gegenwärtige Sportarten,
die auf der Erdoberfläche getrieben werden, ganz zweifellos als solche
verschwinden werden. Mit den Geschwindigkeiten werden nämlich die für
neueren Sport notwendigen Distanzen sich zu ungeheuren erweitern. Der
Modesport wird uns nicht mehr befriedigen können, und so wie man
heutzutage schon Schach zwischen zwei Ländern und über den Ozean weg
spielen kann, ohne daß die Partie länger dauert als eine in ein und
demselben Klubzimmer gespielte, so wird man auch unsere edleren
Ballspiele per Distanz spielen können. Heute schon tauchen, allerdings
als Spielzeug, kleine Motorbälle auf, die man sich gegenseitig auf
sechs- bis siebenhundert Meter zuwerfen kann; heute schon läßt man
Aeroplanspielzeuge über die Teiche fliegen, an deren jenseitigem Ufer
sie aufgefangen und zurückgesandt werden, und bald wird es einerlei
sein, ob dieser Teich klein oder groß ist, ob er ein See oder ein Meer
ist. Die Hilfsmittel der Wissenschaft sind heute soweit gediehen, daß
man nicht nur annehmen, sondern schon bestimmt voraussagen kann, daß man
jeden Mitspieler, sei er noch so weit, beim Spiele wird sehen, hören und
sprechen können. -- Luftballonwettfahrten und Flugwettfahrten haben wir
schon jetzt, wir selbst aber werden noch Höhen- und Distanzflüge
erleben, die den Flug des Adlers und der Schwalbe überbieten werden, ja,
die Kraft unserer Motore wird hinreichen, um uns ohne weitere
kostspielige und schwerfällige Apparate in die Luft zu erheben, so daß
Flammarion recht behalten dürfte, der für die Zukunft nicht nur
Luftflieger, sondern Luftschwimmer prophezeit. So wie die Erde durch
Millionen von Jahren das Element der Menschen gewesen, so wird es jetzt
eben die Luft werden, und auch unser Körper wird sich den neuen
Lebensverhältnissen anpassen. Das Wasser dagegen wird niemals zum
Element der Menschheit werden. Nur der Reiz, auch dieses zu meistern und
die Widerstände zu überwinden, macht es zum Sportfeld, das es auch
bleiben wird. Der mit einem kleinen Handmotor bewaffnete Schwimmer wird
aber nicht mehr im Schwimmtempo die Wellen durchschneiden, sondern mit
der Geschwindigkeit eines Torpedobootes, und das Ueberschwimmen des
Aermelkanals, das heute noch der unbefriedigte Ehrgeiz der größten
Heroen der Schwimmkunst ist, wird eine Leistung sein, die jedes Kind
wird vollbringen können. Wenn Wells meint, wir würden dann den Fisch im
Meer jagen, so wie man heute das Wild jagt, so kann er recht haben, denn
wie heute der Skiläufer mit dem schnellsten Renntier Schritt zu halten
vermag, so werden wir in Zukunft den schnellsten Fisch in seinem Element
überholen können. Selbst oder in unseren Tauchbooten, die wahre Wunder
an Schnelligkeit, Tauch- und Lenkbarkeit sein werden. Auch die
Möglichkeit von Tauch- und Flugkombinationen ist nicht ausgeschlossen.
Bekanntlich hat die Natur schon alles geschaffen, was der Mensch später
erfindet. Es ist fast, als wolle die schöpferische Kraft der Natur
spottend die Winzigkeit unseres Könnens demonstrieren. Und sie schuf
neben den Wesen, die gehen und fliegen können, auch solche, die fliegen
und tauchen können. Wenn diese Kombination aber in der Natur schon
gegeben ist, dann wird sie die Kunst der Menschen auch noch vollbringen,
und der Sport wird sich -- ich weiß natürlich nicht, ob in hundert,
fünfhundert oder tausend Jahren -- auch diese Möglichkeit nutzbar machen
und Konkurrenzen veranstalten, die nicht nur rund um die Erde, nicht nur
in die Höhen des Chimborasso und des Mount Everest gehen, sondern aus
diesen Höhen auch in die Tiefen des Meeres, und wieder in die
Aetherhöhen empor führen werden. Der Sport wird also unbeschränkt in den
Geschwindigkeiten, unbeschränkt in den Entfernungen und unbeschränkt in
den Richtungen werden. So unbeschränkt, daß viele ja sogar davon
träumen, weit über die Grenzen der Atmosphäre hinaus dringen und von
Welt zu Welten wandern zu können. Daß das aber ein Traum der Zukunft
ist, den die nahe und nächste Zukunft _nicht_ erfüllen wird, das ist
gewiß, und auf Jahrtausende hin soll _Ich_ ja nicht prophezeien.



                  Frl. Professor E. Renaudot, Paris.
                       Die Welt und der Komet.


                       Die Welt und der Komet.
                Von Frl. Professor E. Renaudot, Paris.

Im tiefen Schweigen des Alls bewegt sich lautlos, in schnellem,
rasenden, den Weltraum durchziehenden Laufe, aus der Leere heraus, ein
zwanzig und mehr Millionen Meilen langer, kalter, giftiger Dunst der
Sonne und ihren Planeten entgegen.

Diesem dahinrasenden Strom von Gasen folgt, von ihm mitgerissen, ein
Haufe von losem Gestein, das teils nicht größer ist als irgend ein
Feldstein, teils aber größer als der größte unserer Berge; und all diese
Steine und Felsen und Massen folgen nicht nur der seltsamen, alles mit
sich reißenden Dunstform, sondern sie drehen sich auch in tollem, ewigem
Lauf um sich selber. Trümmer von Welten sind es, die andere Welten mit
ihrer Zerstörung bedrohen.

Kein Mensch weiß, seit wieviel Aeonen der tödliche Weltenraumwanderer
die Erdbahn schon kreuzt; kein Mensch weiß, wieviel andere
seinesgleichen noch da sind, die in unsere Bahn, uns bedrohend, geraten.
Zweifellos aber steht es fest, daß wir schon zahllose Male mit den
seltsamen Himmelsgebilden, die wir Kometen nennen, zusammengestoßen
sind, und daß wir noch unzählige Male mit ihnen zusammenstoßen werden.
Und nicht nur wir, sondern alle andern Planeten genau so. Und man kann
die Spuren dieser Katastrophen immer noch sehen.

Wenn nun die Erde mit einem Kometen zusammenstieße, was würde dann wohl
geschehen?

Unser Trabant, der Mond, gibt uns die, wenn auch stumme, so doch
beredteste Antwort auf diese Frage. Die Astronomen unserer Zeit kommen
nämlich immer mehr dazu, die meisten, wenn nicht alle, sogenannten
»Krater« der Mondgebirge nicht mehr als solche, sondern als Eindrücke
von, mit großer Gewalt auf die Oberfläche des Mondes aus dem Weltenraume
gestürzten Körpermassen zu betrachten. Die »Krater« wären also nichts
als die Narben eines zu einer Zeit mit dem Monde erfolgten
Zusammenstoßes, als die Mondkruste gerade zu erkalten begann. Wir können
diese Kraterformationen ganz genau nachbilden und uns eine förmliche
Reliefkarte einer Mondlandschaft anfertigen, wenn wir Steine
verschiedener Größe mit großer Kraft auf eine noch nicht ganz erstarrte
Lehmmasse werfen.

Selbstverständlich wurde durch jenen, für den Mond so unheilvollen
Zusammenstoß auch die Erde getroffen, und sie mußte ganz dasselbe
Bombardement aushalten, da eben die Erde größer und ihre Oberfläche zu
jener Zeit noch viel heißer war, so verschwanden die Spuren der
Eindrücke, und die glühenden Massen der Erde schlossen sich über den
fremden Eindringlingen aus dem Himmelsraum.

Aber auch späterhin, als die Erde schon abgekühlter war, muß sie
zweifellos mehr als einmal schon mit einem oder dem andern Kometen
zusammengestoßen sein. Da aber war der Schild von Wasser, der sie zum
größten Teile auch jetzt noch umgibt, ihr großer, sie vielfach vor der
Zerstörung, gewiß aber vor tiefen Wunden behütender Schutz.

Sollte es nun noch einmal geschehen, daß wieder ein Komet mit unserem
Planeten zusammenstößt, dann wird eine Lawine von Sternen und Meteoren
über den unglücklichen Teil der Erde niedergehen, der gerade dem Kometen
zugewandt ist.

Vielleicht trifft der Kern des Kometen gerade auf einen der Pole. Dann
würde der aus dem Himmel stürzende Felshagel niemanden direkt verletzen,
aber das durch die furchtbare Hitze schmelzende Eis würde eine
Sturzwelle bilden, die, einer neuen Sintflut gleich, unsere Kontinente
überfluten würde, und unsere Atmosphäre wäre mit Dünsten und Gasen und
Nebeln erfüllt, so daß das Klima aller unserer Länder auf Jahrzehnte und
Jahrhunderte hinaus vollständig verändert würde.

Der Komet von 1907, der eine so große Weltuntergangsangst hervorgerufen
hatte, bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 107500 Meilen in der
Stunde auf unser Sonnensystem zu, und der eben jetzt am Himmel stehende
zeigt keine gerade wesentlich kleinere Bewegungsschnelligkeit. Würde nun
die Erde mit dem Kern solch eines Kometen zusammenstoßen, so würde keine
Stadt der Welt ihm Widerstand zu leisten vermögen, und ein Paris,
London, Newyork oder Berlin wäre nicht nur in wenigen Sekunden ein
glühender, rauchender, brennender Trümmerhaufen, sondern die Hitze würde
auch hunderte von Meilen weit in der Runde alles Leben zerstören.

Die Menschheit aber würde deshalb doch nicht zugrunde gehen, und die
Erde würde sich auch von diesem Schlage erholen.

Es ist auch nicht der Kern, den wir bei den Kometen am meisten zu
fürchten haben.

Der Kern ist ein so verschwindend kleiner Teil eines Kometen, daß unsere
Erde durch hunderte von Kometen hindurchziehen könnte, ohne bei einem
einzigen mit diesem festeren Kern zusammenzustoßen. Dieser Kern würde,
wie gesagt, den Teil der Erde, mit dem er zusammentrifft, zermalmen und
verbrennen, der übrige Teil der Erde würde aber nicht sonderlich durch
ihn getroffen werden. Aber der große »Schweif« des Kometen der aus
Millionen und Abermillionen von Kubikmeilen giftiger Gase besteht, würde
unsere Atmosphäre umhüllen, die Gase würden sich mit ihr vermengen und
sie von _einem_ Pol bis zum andern vergiften.

Sollte der Kern eines Kometen irgend eine Stadt treffen, so würden die
Astronomen in der Lage sein, sie vielleicht noch rechtzeitig zu warnen
und mehrere Stunden vor dem wirklichen Zusammenstoß würden die
entsetzten, schreckgelähmten Bewohner die »Geschosse« ihres Feindes am
Horizont emporsteigen und größer und größer werden sehen. Bei Tage
würden sie schwarz aussehen wie Kohle, und sie würden von einer
Dunsthülle umgeben sein, die in demselben Augenblicke, wo sie mit
unserer Atmosphäre zusammentrifft, in Flammen aufgehen würde.

Bei Nacht würden die _großen_, den Kometen begleitenden Massen auf der
der Sonne zugekehrten Seite gleich poliertem Silber erglänzen, während
man den unbeleuchteten Teil nur eben so schwach sehen würde, wie man
beim zu- und abnehmenden Mond den unbeleuchteten Teil dieses unseres
Trabanten zu sehen vermag. Ein geisterhaft phosphoreszierendes Licht
würde alle diese Körper umhüllen und sie zu einem schauerlich schönen,
unheimlich hypnotisierenden Anblick machen.

Sollten wir bei solch einem Zusammenstoße dem Kerne entgehen und dann
nur mit der Dunstmasse des Schweifes zusammentreffen, so wäre der Effekt
_für das Auge_ kein so außerordentlich großer, sonst aber würde er sich
weit fühlbarer machen.

Ohne jede vorherige Warnung würden wir plötzlich in die Dunstmasse des
Kometen hineingeraten. Vielleicht würde ein mächtiger Sternschnuppenfall
eintreten, vielleicht würden Meteore niederfallen und unsere Erde
erreichen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlich würden wir nichts
besonderes sehen und nichts besonderes merken, bis wir plötzlich mitten
drin wären in der Katastrophe. An jenem Tage würden die Vögel leblos aus
der Luft stürzen; ein Regen aller, ihrer Lebenskraft beraubten
fliegenden Insekten würde auf die Erde niedergehen; der Eisbär würde
taumelnd neben seiner Beute niedersinken, der Eskimo würde von
plötzlicher Angst und Beklemmung getrieben aus seiner Hütte stürzen und
bewußtlos vor deren Eingang zusammenfallen. Jedes Wesen, das atmet,
würde nach Atem ringen und, sein Bewußtsein verlierend, zusammensinken.
Mit Ausnahme der Fische im Wasser und der Würmer unter der Erde würde
nichts sich auf Erden bewegen, als die vorher schon von Menschenhand in
Bewegung gesetzten Maschinen.

Kämen die Gase nachts, wenn die Menschheit noch schläft, dann würde der
Schlaf wie ein Alb auf ihr lasten. Auftaumelnd würden die Schläfer zu
den Fenstern hinstürzen, um sie aufzureißen und Luft! Luft! in die Räume
zu lassen, aber die Luft wäre das Gift, und unter seiner Wirkung würde
alles dem Tode verfallen. Dem Tode oder dem todesähnlichen Betäubtsein.

Wäre es Tag oder würde die Katastrophe sich abends zur Zeit der
gesteigerten Lebensfreude ereignen, dann wäre das Ereignis noch krasser.
Frauen und Männer, Pferde, Hunde und Vögel würden auf den Straßen wirr
durcheinanderfallen. Die Wagenführer würden von ihren Wagen, die
Lokomotivführer von ihren Lokomotiven fallen, und die Wagen und Züge
würden über die Leichen von Menschen und Tieren dahingehen und durch
diese aus den Geleisen geraten. Die Elevatoren würden in ausgestorbenen
Häusern auf- und niedergehen. Die Maschinen würden arbeiten, solange die
Kraft da ist, aber niemand wäre da, sie auszunutzen oder zu bedienen.
Die Feuer würden erlöschen oder wie rasend um sich greifen. Somit würde
die Stille des Todes auf der ganzen Welt herrschen. Einige Stunden lang
würde die atmosphärische Hülle unserer Erde so mit Kometengasen
durchsetzt werden, die aus Kohlen- und Wasserstoff bestehen. Wären diese
Gase sehr dicht, so würde es ein Erwachen überhaupt nicht mehr geben,
und dann würden selbst die Fische im Wasser und selbst die Würmer den
Gifttod erleiden. Wäre aber die Mischung nicht allzu stark, dann würde
die Menschheit krank, matt und abgeschlagen, mit benommenem Kopfe und
mit schmerzenden Gliedern erwachen und nach Atem ringen, aber nur eine
sauerstoffarme Atmosphäre finden, die so schwer auf ihr lasten würde,
daß sie so recht zur Besinnung nicht kommen würde. Diese »wache
Betäubung« würde in ihrem furchtbaren Eindruck durch den Anblick der
Katastrophe nur noch erhöht werden; eine dumpfe, starre Verzweiflung
würde die Menschheit packen; hier und da würde diese Verzweiflung
vielleicht bei Menschen gewaltiger Energie zu einem wilden Ausbruche
führen, den meisten aber würde die Kraft dazu fehlen; sie würden wie in
dumpfer, fassungsloser Verblödung auf das Unbegreifliche, Entsetzliche
hinsehen. Dann aber würde die Reaktion eintreten. Ein Teil des
Stickstoffs und Kohlenstoffs würde allmählich absorbiert werden und der
Sauerstoff sich wieder erneuern. Der Alb würde weichen, die Erkenntnis
des Geschehenen würde allmählich sich Bahn brechen, in wilder
Verzweiflung würde jeder nach den Seinigen suchen. Der Mann nach der
Frau, die Mutter nach den Kindern! Erschütternde Szenen würden sich
abspielen, Szenen des Wahnsinns und Szenen der Liebe, aber immer mehr
und mehr würde das Bild sich ändern. Eine immer wachsende Heiterkeit
würde mit einem Male alles erfassen. Eine tolle, ausgelassene Freude,
Leben! Vergessen wäre alles, mit einem einzigen Schlage, man würde
lachen, lachen und springen und einander umfassen und tanzen, und eine
wilde Orgie würde sich entwickeln, wie sie die Welt noch nicht gesehen.
Die Orgie der Menschheit. Das Blut in meinen Adern würde unter dem
Einfluß des überhandnehmenden Sauerstoffgehaltes der Luft brennen wie
Feuer, meine Lungen würden sich in wahren Gluten verzehren, ein Taumel
wilden, jauchzenden Wahnsinns würde die Menschheit, erfassen und in
diesem Taumel würde man zusammenstürzen und enden.

Der flammende Mantel des Kometen wäre zum Sterbekleide der Menschheit
geworden.

So -- könnte es werden. In zehn, in hundert, in tausend oder
hunderttausend Jahren.

Die Prophezeiung ist keine schöne, und ich gebe zu, daß sie in ihren
Schilderungen extrem ist. Ich stehe aber keineswegs an, zu betonen, daß
nicht jeder Zusammenstoß mit einem Kometen diese katastrophalen Folgen
unbedingt haben muß; aber, er _kann_ sie haben. Das ist wissenschaftlich
erhärtet. Und nur das habe ich zu schildern; sonst nichts. Immer wieder
und wieder kehren alte Kometen zurück, immer wieder und wieder werden
neue entdeckt, und es mag hunderte und tausende geben, die wir noch
nicht kennen, die wir nicht sehen und die _doch_ da sind und unsere Erde
mit unbekannten Gefahren bedrohen? Wer schickt sie?

Sie sind mit den Spionen einer Armee vergleichbar, die sich ungesehen in
das feindliche Lager schleichen. Sie stehen mit dem Hauptquartier wohl
in engstem Zusammenhang, aber sie gehören zu keinem Truppenteil. Sie
nehmen keinen Rang ein. Sie kommen und gehen, wie es ihnen gutdünkt und
umgeben sich mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, die oft wie eitel
Demut aussieht. Und doch kann die ganze Basis der Operationen und deren
Erfolg und Mißerfolg von der Tätigkeit dieser Spione abhängen.

Es ist keineswegs ein besonders hinkender Vergleich, den wir da
anstellen. Die Kometen gleichen solchen Spionen wahrhaftig. Sie umgeben
sich nicht nur mit Geheimnis, sie sind selbst noch Geheimnis. Das
Geheimnisvolle liegt in ihrem ureigensten Wesen. Sie bilden eine eigene
Klasse. Woher kommen sie? Selbst die Astronomen, die sich mit ihnen
beschäftigen und sie zu ihrem Spezialstudium machen, haben noch keine
Antwort darauf. Sie treten plötzlich in den Kreis ein, kommen wie sie
wollen, vom Osten, Westen, Norden, Süden, gehorchen keinem der Gesetze,
dem andere Weltkörper sich unterordnen mußten, sondern scheinen einem
besonderen Zentralgesetze zu folgen. Sie entziehen sich fast jeder
Berechnung, denn sie trennen sich, spalten sich, verschwinden. Oft
kommen sie zur berechneten Zeit wieder, oft verzögern sie ihr Erscheinen
um Jahre.

Die Zukunft der Kometen ist somit noch ein großes, unerklärtes Rätsel.

Gehören sie mit zu unserem oder einem anderen Sonnensystem? Waren sie
und sind sie zum Teil vom Sonnensystem unabhängig geblieben? Das sind
Fragen, die eine endgültige Antwort noch nicht gefunden haben, obwohl
man der Lösung des Problems immer näher rückt. Gegenwärtig besteht die
Tendenz, sie als den Gesetzen unserer Sonne untertänig zu betrachten.
Die alte Idee, als hätten wir es mit Weltenbummlern zu tun, die von
Stern zu Stern und von einem Planetensystem zum anderen wandern, ist so
gut wie aufgegeben. Wohl ist die Bahn vieler so gestaltet, daß man an
eine Wiederkehr der betreffenden Kometen kaum glauben kann, man nimmt
aber trotzdem an, daß sie sich der Kontrolle unserer Sonne nie ganz
entziehen. Freilich biegen sie oft auch von ihrem Wege ab und machen
einen Abstecher in die verbotenen Gebiete nördlich und südlich der Ebene
unserer Sonnenumgebung, eine Extravaganz, die sich andere Sterne nicht
leisten. Oft bleiben sie weit hinter uns zurück, oft überholen sie uns
in unserer unaufhaltsamen Bewegung, dem Herkules, dem Drachen und der
Leier zu. Es ist, als wollten sie sehen, ob der Weg frei ist, und sich
dann überzeugen, ob auch noch alle Planeten hübsch beisammen sind und in
der alten Ordnung marschieren, und als ob einer oder der andere dann
davonschießt, um irgend einer unbekannten Kraft Bericht zu erstatten.

Welcher Kraft? Welchem Wesen?

Das wissen wir nicht, und es ist auch keine Wahrscheinlichkeit da, daß
unsere Kinder und Kindeskinder es in hundert Jahren wissen werden.



                    Professor Garrett P. Serviss.
                          Der Weltuntergang.


                          Der Weltuntergang.
                   Von Professor Garrett P. Serviss


                   1. Eine verblüffende Situation.

Mit der tausendfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges eilt die Erde
durch das All den Sternenbildern des Herkules und der Leier zu. Die
Sonne und die andern Planeten sind in diesen tollen Lauf alle mit
hineingezogen. Den Astronomen ist diese Bewegung unserer Welt längst
bekannt; erst in der letzten Zeit aber haben sie vermocht, genauen
Aufschluß über die Geschwindigkeit und die Richtung derselben zu geben.
Ihre Ursache aber ist bis auf den heutigen Tag noch ein ungelöstes
Geheimnis geblieben. Alles, was wir mit Sicherheit darüber wissen, ist,
daß die Geschwindigkeit, mit der wir durch das Weltall ziehen oder
gezogen werden, zwölf englische Meilen, das sind 18,3 km in der Sekunde
beträgt, und daß die Bahn unseres Weges nahezu eine gerade Linie zu sein
scheint.

Diese Bewegung scheint absolut nichts mit der jedermann bekannten
Bewegung der Erde um die Sonne zu tun zu haben. Im Gegenteil, sie findet
in einer grade entgegengesetzten Richtung statt, und sie umfaßt, wie
gesagt, das ganze Sonnensystem, und die Sonne, die alle andern
Bewegungen ihrer Planeten so sorgsam reguliert, ist dieser Flucht durch
das All gegenüber vollständig machtlos und wird mitgerissen, ob sie will
oder nicht.

Es ist, als ob irgend eine unsichtbare, gigantische Kraft unser
Sonnensystem erfaßt hätte und es im rasenden Laufe hinüber zöge, von
einer Seite der Milchstraße zur andern.

Nichts kann diesem rasenden Laufe Einhalt tun, sagen die Astronomen, und
die Kraft, die da wirkt, ist unsichtbar, unfaßbar und unerklärlich. Es
scheint, als handle es sich um einen großen Mahlstrom im Weltenäther.
Merkwürdigerweise aber zeigen alle Berechnungen, daß die gesamte
Entziehungskraft des ganzen uns bisher bekannt gewordenen Weltalls
zusammen genommen unfähig war, sowohl eine solche Bewegung hervorzurufen
und zu begründen, als ihr auf irgend eine Weise auch nur im geringsten
Einhalt zu tun.

Es ist eine übermächtige Aetherströmung, in welcher Sonnen und Planeten
ebenso machtlos sind, wie es eine Nußschale wäre, die man in den Strudel
der Niagarrafälle werfen würde. Und nicht nur unsere eigene Sonne und
unser eigenes Sonnensystem wird von dem tollen Strome erfaßt, sondern
auch viele andere große Sterne und Sternensysteme, die mit den unsern
demselben, geheimnisvollen Schicksal entgegengehen.

Die Kraft nämlich, die diese Bewegung hervorruft, erstreckt sich über
Millionen von Meilen nach beiden Seiten von uns. Tatsächlich scheint ja
das ganze Weltall in Bewegung zu sein. Die große Mehrheit der entfernten
Sterne aber scheint sich langsamer zu bewegen, gleichsam als wären sie
an den Ausläufern, oder wenn wir so sagen wollen, an den Ufergrenzen der
Strömung gelegen. Ja, man hat sogar geglaubt, daß es eine Art Ur- oder
Unterströmung gebe, die bewirkt, daß einige von den Sternen in der einen
Richtung, die andern in der entgegengesetzten dahineilen. In jedem Falle
handelt es sich um die ungeheuerlichste Kraftäußerung, die sich kein
menschlicher Geist in ihrer Größe auszumalen vermag; denn sie umfaßt
alles, was wir in dem Begriff der Möglichkeit zu glauben bewußt sind.

Vor der Entdeckung dieser Sonnen- und Planetenflucht durch den
Weltenraum hielt man das Sonnensystem für so außerordentlich reguliert,
wie das Uhrwerk eines fehlerlosen Chronometers. Sogar Astronomen
sprachen von der Unzerstörbarkeit des Systems und bewunderten all das
Ineinandergreifen des göttlichen Räderwerkes der Natur. Das alles aber
hat sich mit einem Schlag geändert. Es kann ja sein, daß auch dieses
wilde Rennen durch das Weltall ein Teil eines Systems ist, das nicht zum
Untergang führen mag; aber es sieht denn doch nicht ganz danach aus.
Stellen wir uns einmal, um ein Bild im Kleinen zu geben, eine Flotte
vor, die mitten auf dem Ozean schwimmt, und die plötzlich von einer
gewaltigen Strömung, trotz aller Arbeit der Maschinen, trotz aller Kraft
des Steuers und trotz aller Energie der Mannschaft, dem Pole entgegen
getrieben wird. Wird sich dann nicht all derer, die auf den Schiffen
sind, ein furchtbarer Schrecken bemächtigen? Ganz zweifellos. Wir, hier
auf der Erde, befinden uns in einer ähnlichen Lage; aber dieser Lage
sind sich nur die Astronomen bewußt, und die übrige Menschheit kennt,
merkt und glaubt dies nicht. Und einigen gibt es den Trost, daß weder
wir, noch unsere Kinder und Kindeskinder den Schlußakt dieser Komödie,
der wir entgegen gehen, mit erleben werden, sondern daß der Vorhang
fallen wird, wenn wir alle längst nicht mehr sind.

Wir befinden uns gegenwärtig ungefähr in der Mitte jenes gewaltigen
Raumes, den der als Milchstraße bekannte Sternen- und Weltengürtel
umfaßt. Billionen von Meilen südlich von unserer gegenwärtigen Stellung
liegt eine reiche Sternenregion der Milchstraße, aus der wir gekommen zu
sein scheinen, und jenseits davon liegt in ungefähr gleicher Entfernung
ein wundervolles Sternenmeer, welchem wir uns unaufhaltsam mit der
Geschwindigkeit von 365000000 Meilen im Jahr nähern. In dieser Richtung
aber liegt ein großer Riesenstern, die Vena oder Alphalyra, der
tausendmal größer ist als unsere eigene Sonne. Und dieser ungeheure
Weltenkörper scheint sich uns mit einer noch größeren Geschwindigkeit zu
nähern, als wir uns ihm. In unserer allernächsten Umgebung scheint der
Weltenraum verhältnismäßig leer zu sein; es gibt keine anderen Sterne in
unserer Nähe, wenigstens keine sichtbaren.

Die moderne Astronomie hat aber die beunruhigende Entdeckung gemacht,
daß keineswegs alle Sterne am Himmel sichtbar sind, und wir kennen
viele, die wir niemals gesehen haben, und die wir nur berechnen können,
weil sie große Weltkörper sind und als solche auf die übrigen wirken;
und es ist sehr möglich, daß solcher dunklen Sterne viele auf dem
unbekannten Wege liegen, den wir jetzt durch das große unendliche All in
schwindelndem Laufe zurücklegen.


                 2. Der Zusammenstoß mit einem Stern.

Das, was wir oben von unsichtbaren Sternen gesagt haben, lenkt unsere
Aufmerksamkeit sofort auf die Möglichkeit irgend einer uns drohenden
Gefahr, die durch unseren rasenden Lauf durch das Weltall für uns
heraufbeschworen werden kann.

Es ist, was diese Körper anbelangt, ein wirklich blindes Hineinrennen in
das undurchdringliche Dunkel; denn wir könnten ihre Nähe nur aus der auf
uns geübten Anziehungskraft erkennen, und das wäre viel zu spät, um
einem Zusammenstoß auszuweichen; falls dies überhaupt im Bereiche des
Möglichkeit stände. Ebenso sprechen wir von diesen dunklen Weltkörpern
als von »toten Sternen«; denn es wird angenommen, daß es früher
leuchtende Sonnen waren, die ihr Leben ausgelebt haben und völlig
erkaltet sind. Ein einziger dieser drohenden Körper würde, wenn er
unsere Bahn kreuzte, genügen, unser ganzes Sonnensystem zu
zerschmettern. Und die Möglichkeit einer solchen Katastrophe besteht
zweifellos, wenn sie auch in weiter, weiter, unübersehbarer Ferne liegen
mag.

Könnte nun eine solche weltzerstörende Katastrophe vorhergesehen werden?
Gewiß. Die Wirkungen der Anziehungskraft würden den Schlüssel dazu
bieten auf das Vorhandensein eines unsere Bahnen störenden Körpers; und
wir könnten aus ihnen auch die Geschwindigkeit berechnen, mit der wir
uns dem Tod, Zerstörung und Verderben bringenden fremden Weltkörper
nähern. Würde es sich um einen massiven Körper handeln, wie
beispielsweise die Sonne, so würden wir mit unseren modernen
Hilfsmitteln schon Jahre vorher herausfinden, wann uns der Zusammenstoß
im Weltenraume bevorsteht. Und man kann sich auch denken -- obwohl der
gegenwärtige Stand der Wissenschaft noch nicht so weit ist --, daß wir
von der Gegenwart des unsichtbaren Körpers auch durch das Spektrum der
unsichtbaren Strahlen, die von jedem Körper auszugehen scheinen,
Kenntnis bekommen könnten. Das würde in gewisser Hinsicht eine Anwendung
der X-Strahlen, zur Entdeckung von außerhalb unseres Raumes, für uns
sonst verborgenen Körpern sein. Und so würde nicht Licht, sondern
»sichtbare Finsternis« in den Dienst der Wissenschaft gestellt werden,
und dadurch würden Dinge entdeckt werden, an die jetzt zu denken für uns
unmöglich ist. All die auf eine oder die andere Weise erhaltenen
Berechnungen und die sichtbarste Gewißheit eines bevorstehenden
Zusammenstoßes könnten die Katastrophe nicht verhindern. Es sei denn,
daß die Wissenschaft soweit fortschreitet, daß sie den Menschen fähig
macht, die Erde in ihrem Lauf zu lenken. Das ist aber nicht nur an sich
und für sich ganz undenkbar, sondern würde auch durch die schon erwähnte
Tatsache geradezu hoffnungslos unmöglich gemacht werden, daß an dieser
Bewegung der Erde das ganze Sonnensystem teilnimmt, und es müßte dann
nicht die Erde allein aus ihrem Lauf gelenkt werden, sondern es wäre vor
allem nötig, die Sonne selbst auf andere Bahnen zu lenken.

Es ist also der ganzen Sachlage nach zweifellos unmöglich, einem
Zusammenstoß zu entgehen, wenn irgend einer jener großen, toten
Weltkörper in unserer Bahn oder in der Bahn unserer Sonne liegt, und wir
werden den Folgen eines solchen Zusammenstoßes hilflos überantwortet.

Kann nun die Wissenschaft uns sagen, worin die Folgen bestehen würden?
Ganz gewiß kann sie das, und nichts ist leichter, als dies in
allgemeinen Zügen vorauszusagen. Wenn wir an irgend einem Tage unsere
Zeitung nehmen und darin ein Telegramm irgend eines großen
Observatoriums lesen würden, in welchem stände, daß in der
vorangegangenen Nacht sich eine unverkennbare Beschleunigung in der
Bewegung der Erde gegen den Herkules zu gezeigt habe, so würde kein
Astronom der Welt sich über die Ursache dieser beschleunigten Bewegung
im Unklaren sein, und er würde sich entsetzt sagen, daß irgend ein
bisher unbekannter Körper von unglaublicher Kraft mit im Spiele sei und
seine Anziehungskraft auf die Erde ausübe.

Wie gesagt, würde sich das schon Jahre vorher erkennen lassen; aber man
würde nicht gleich mit Sicherheit auf die Art des Zusammenstoßes
schließen können. Das zu können, wäre erst den letzten Monaten vor der
Katastrophe vorbehalten. Dann aber könnte man jedes Stadium der
furchtbaren Welttragödie vorhersagen. Die Observatorien würden plötzlich
der Mittelpunkt alles Nachrichtenwesens der Erde werden; denn keine
andere Frage, als nur die eine würde die Welt noch interessieren. Der
Wahnsinn der Furcht würde die ganze Menschheit erfassen, und es ist
fraglich, ob viele Menschen den Mut fänden, der Katastrophe ins Auge zu
sehen, und sich nicht schon vorher vernichten würden.

Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die Sonne von unserem
Sonnensystem die erste wäre, die den Zusammenstoß mit dem fremden
Weltkörper erhalten müßte. Das kommt daher, daß das ganze System nicht
staffelweise, sondern flach durch den Raum eilt; und infolgedessen würde
sein Zentrum als der förmliche Brennpunkt der gesamten Anziehungskraft
zuerst dem selbst mitangezogenen fremden Körper entgegengeschleudert
werden. Dieser Körper würde, soweit wir die toten Sterne bisher
berechnen können, die Sonne an Massigkeit weit überragen oder ihr zum
mindesten gleich sein. Wenn sie nun mit einer Geschwindigkeit von vielen
hundert Meilen in der Sekunde aufeinander zustürzen würden, dann würde
er in der furchtbaren Hitze, die sich dadurch allein schon entwickeln
würde, schmelzen wie Wachs. Wir selbst und all die anderen Planeten
würden in ein Feuerbad gestürzt werden, das eine Temperatur von einer
Million Grade haben würde. Einen Augenblick, bevor diese Hitzewelle uns
treffen würde, würden unsere Städte, unsere Hügel und Berge gegen den
Himmel emporragen, und einen Augenblick später werden sie nichts anderes
als ein Meer von Dunst und Dampf sein.

Jenem furchtbaren Hitzbad aber würde _die Sonne selbst_ auf dem Fuße
folgen und die Vernichtung vollenden; denn der Sonnenball würde sich mit
der Geschwindigkeit des Lichtes nach allen Seiten hin ausdehnen und
seine feurigen Massen würden nach allen Seiten hin überfluten und würden
alles vernichten und verzehren, gleichsam als wolle er die riesige
Ausdehnung wiedergewinnen, die er zum Anfang der Zeiten hatte, als er
noch eine bloß nach Verdichtung strebende Nebelmasse war, und die
Planeten noch nicht aus ihm heraus geboren waren. Lange aber, ehe dieser
Zustand wirklich erreicht werden würde, müßte unser ganzes Sonnensystem
in wilde Unordnung durch die große Anziehungskraft seitens der störend
in seine Bahnen tretenden Weltkörper geraten. Die Planeten hätten längst
ihre Bahnen verlassen und würden im Weltraum hin- und herrennen, gleich
einer Herde von Schafen, in deren Mitte ein Wolf gerade eingebrochen
wäre. Die Herrschaft der Sonne, der wir die große Weltordnung verdanken,
wäre gebrochen, und die verlassenen Planeten würden sich gegenseitig in
das Verderben rennen, und diejenigen, die in verhältnismäßig
unmittelbarer Nähe zueinander stehen, würden zweifellos mit
weltzerstörender Kraft aneinander prallen. Wahrscheinlich würde der Mars
es sein, der mit der Erde zusammenstößt, oder aber die Venus. In jedem
Falle wäre der Zusammenstoß die völlige Vernichtung der kollidierenden
Welten, und der alte Prophet mit seiner Vision von den sich öffnenden
Himmeln und der in glühenden Flammen schmelzenden Erde gäbe ein
wundervolles Zukunftsbild von dem, was die moderne Wissenschaft als das
Schicksal der Erde erklärt hat, und das durch die große Flucht des
Sonnensystems durch den Weltraum der Erde bevorsteht. Der alte Glaube,
daß der Allmächtige, wenn die Zeit vollendet sein wird, in seinem Zorn
Feuer auf die Erde wird regnen lassen, kann aber vor der Wissenschaft
nicht bestehen; denn wenn ein solches Ende der Erde wirklich beschieden
sein sollte, so wird das Schauspiel ein anderes sein.

Die Zerstörung der Erde muß an sich selbst schon auch die vieler anderer
Weltkörper nach sich ziehen, die ebenso groß, oder noch größer sind als
die Erde. Selbst der Mond würde genügen, uns, wenn die Weltordnung ihr
Ende findet, vollständig zu zerschmettern. Der Mond wiegt nämlich
75000000000000000000 Tonnen. Würde diese Masse auf die Erde stürzen, so
würde das mit einer Geschwindigkeit von sechs Meilen in der Sekunde
geschehen. Welche unglaubliche Hitze allein durch diesen Zusammenstoß
schon entstehen würde, das entzieht sich geradezu jeder menschlichen
Berechnung. In jedem Falle aber würde der Zusammenstoß allein sowohl
unseren Erdball als auch den Mond zersplittern und zerschellen, als
wären beide nur Glaskügelchen, die durch einen Schrotschuß zertrümmert
werden. Die bloße Annäherung an einen toten Stern würde genügen, den
Mond aus seiner Bahn herauszureißen, und wenn die Richtung dieser
Bewegung der Erde zuginge, dann wären die Folgen die, die ich eben
beschrieben habe. Wenn nun die Erde wirklich bestimmt ist, ein so
gewaltiges, tragisches Ende zu nehmen, dann sind die Vorbedingungen zu
solcher Katastrophe ganz zweifellos durch die seltsame und unerklärliche
Flucht unserer Sonnensysteme durch das Weltall gegeben.

Wenn die mit uns zusammenstoßende Masse im Vergleich zur Erde ungemein
dicht wäre, wie beispielsweise der Planet Merkur, so würde kurz vor dem
wirklichen Zusammenstoß ein ganz merkwürdiges Ereignis sich zeigen. Die
Anziehungskraft des sich uns nähernden Planeten würde auf die Luft, das
Wasser und alle frei beweglichen Gegenstände weitaus größer sein, als
die Kraft der Erde, diese festzuhalten, und sie würden sofort von der
Erde fortfliegen, gleich als wollten sie ihrem Schicksal vorgreifen und
dem Tode noch eher entgegen gehen. Furchtbare, nach oben gehende
Wirbelwinde würden alles mit sich fortreißen und der Vernichtung
entgegenziehen. Die Erde würde klaffen und riesige Wassersäulen würden
gen Himmel steigen und in das Weltall verschwinden; und ebenso würden
mächtige Flammen und glühende Ströme aus dem Erdinnern hervorbrechen,
und der Flammenregen würde nicht auf die Erde hinab, sondern von dieser
gen Himmel gehen. Und Menschen und Tiere würden selbstverständlich
diesem riesigen Aufsaugeprozeß folgen und von den Wirbeln und Wassern
und Flammensäulen mitgerissen werden in das All, in das Nichts.

Und das Heulen der Winde, das Krachen der sich losreißenden und im Fluge
zusammenstürzenden Dinge und das Brüllen der Wasser und das Bersten der
Erde würden sich zu einer grandiosen Sinfonie der Vernichtung vereinen,
wie sie die Welt bisher noch nicht gehört. Alles Bewußtsein wäre
geschwunden, alles Fühlen und Denken hätte längst aufgehört, und man
würde von der Katastrophe wie von einem Dilirium erfaßt werden, das den
Tod seiner Schrecken berauben würde. Und auf alle denkenden und
fühlenden Wesen sowohl wie auf alle leblosen Materien würde die alles in
Dunst und Nebel auflösende Hitze fallen, ohne daß ein einziger Schrei
dadurch den Opfern entrissen würde. Nun wird ganz natürlich gefragt
werden können, ob es denn im Weltall schon jemals ein Beispiel solcher
Weltenzerstörung gegeben habe? Diese Frage kann durch neuere
Beobachtungen nur in bejahendem Sinne beantwortet werden. Der
rätselhafte »neue Stern«, der im Jahre 1900 im Sternbild des Perseus
erschien, war ein Beispiel dafür. Die natürliche und allgemein
angenommene Erklärung für das plötzliche Erscheinen dieses Sternes war
einzig und allein die, daß er das Resultat eines Zusammenstoßes war, wie
der eben geschilderte, und die Wahrscheinlichkeit, daß diese Ansicht der
Astronomen eine richtige ist, wurde dadurch erst recht bekräftigt, daß
dieser Stern sich in einen Nebel auflöste. Dieses eine Beispiel ist aber
keineswegs das einzige, das die Astronomie ins Treffen führen kann.

Im übrigen ist noch eine andere Möglichkeit da, die sich bei einem
Zusammenstoß unseres Sonnensystems mit einem toten Stern ereignen
könnte. Diese ist keineswegs so furchtbar, wie die früher geschilderte.
Eine der neuesten Entdeckungen der Astronomie war die der Existenz einer
großen Anzahl von Sternen, die unsichtbare Begleiter haben, welche in
einzelnen Fällen ebenso massiv sind wie die Sterne, die sie begleiten.
Es kann nun keineswegs angenommen werden, daß diese »toten Sterne«, die
sich einem »lebendigen« so eng angeschlossen haben, aus derselben
Originalmasse entstanden sein sollten wie dieser; denn in diesem Falle
hätten sie unmöglich so lange vorher verlöschen können. Es ist vielmehr
anzunehmen, daß die beiden Weltenkörper infolge ihrer Bewegung durch den
Weltenraum zusammengekommen sind. Kein Zusammenstoß fand dabei statt;
aber die gegenseitige Anziehungskraft hat sie seitdem zu nahen und
untrennbaren Begleitern gemacht. Dasselbe könnte auch unserer Sonne
geschehen, wenn sie in ihrem Lauf nahe genug an einen solchen »toten
Stern« gelangen würde. Dann könnte sie ihn sehr leicht als Begleiter mit
sich ziehen oder von ihm mitgezogen werden, und dann hätte unser
Sonnensystem zwei Sonnen, eine lebendige, strahlende, und eine
lichtlose, tote. Aber auch dieser günstige Fall wäre keineswegs ein sehr
angenehmer; denn die Planeten würden trotzdem aus ihrer gegenwärtigen
Bahn gerissen und viele von ihnen würden dabei zugrunde gehen. Da einige
aber dennoch der Zerstörung entgehen könnten, so wäre dieser Fall immer
noch weit günstiger.


             3. Werden wir einen Sternennebel erreichen?

Ich habe schon gesagt, daß nahezu in gerader Linie mit der Richtung, in
der unser Sonnensystem durch den Weltenraum fliegt, ein Nebel von großen
Sternen liegt. Dadurch wird eine andere Frage in uns angeregt. Sind wir
am Ende gar vom Schicksal bestimmt, diese wundervolle Massenansammlung
von Sternen zu erreichen? Eine solche Möglichkeit liegt völlig in der
Art unseres großen Fluges und hat weit mehr Wahrscheinlichkeit, als die
weit tragischere, die ich früher beschrieben habe. Dieser Sternennebel,
gegen den wir unaufhaltsam fliegen, ist eines der größten Wunder des
gesamten Alls. Den Astronomen ist er unter der Bezeichnung »der Nebel
des Herkules« bekannt. Man hat ausgerechnet, daß er aus ungefähr zwölf
bis vierzehn Tausend Sternen besteht, die so dicht aneinander stehen,
daß ihr Licht im Fernrohr förmlich als ein einziger Lichtnebel
erscheint. Namentlich in dem Zentrum dieses Lichtscheines ist es ganz
unmöglich, die einzelnen Sterne voneinander zu trennen. An der
Peripherie des Nebels jedoch ist es uns durch unsere großartigen
Instrumente gelungen, die hier offenbar auch weiter auseinander
stehenden Sterne als getrennte Körper zu erkennen. Und der Anblick
dieser unendlichen Sternenmenge ist ungefähr dem gleich, den wir etwa
von einem Ballon aus auf eine von elektrischen Lichtern hell erleuchtete
Stadt haben. Gegen diese wundervolle Licht- und Sternenmetropole fliegen
wir, wie gesagt, mit der Geschwindigkeit von zwölf Meilen in der
Sekunde. Im Verlaufe eines Menschenalters kommen wir daher diesen
Sternenmengen um mehr als 200000000000 Meilen näher. Die Entfernung ist
eine so unglaublich große, daß unsere Annäherung trotzdem eine kaum
merkbare ist. Eine ganz geringe Ablenkung von unserer Bahn würde uns
mitten in das Herz dieses Sternennebels bringen. Und wenn wir allen
Gefahren, die uns auf diesem unendlichen Wege bedrohen, entgehen, und
wir wirklich unser Ziel im Herkulesbilde ereichen würden, was würde dann
wohl geschehen?

Entweder würde ein Zusammenstoß erfolgen oder nicht. Das würde ganz
davon abhängen, welche Richtung unsere Bewegung in dem Augenblicke hat,
in dem wir in die große Gesellschaft von Sternen eintreten. Angesichts
der großen Menge gleichzeitig von so vielen Sternen wirkender
Anziehungskräfte würde die Möglichkeit da sein, daß kein Zusammenstoß
stattfindet, sondern daß unsere Sonne sich mit allen ihren Planeten
einfach dem Sternennebel anschließt und ein gleichberechtigtes Glied
dieser Sternengesellschaft wird. Die Entfernung, die uns von dem
Herkulesnebel trennt, ist aller Berechnung nach nicht geringer als
Tausend und Abertausende von Millionen Meilen, und es würde, was für uns
Lebende ganz zweifellos ein Trost ist, falls wir immer in derselben
Geschwindigkeit unserem Ziele zueilen, mindestens noch drei Millionen
Jahre dauern, ehe es zu dem geschilderten Ereignisse kommt.

Unsere Erde war weit über drei Millionen Jahre lang unbewohnt, und erst
später sind die Lebewesen entstanden und haben sich bis zur Höhe des
Menschen entwickelt. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß in drei
Millionen Jahren diese Erde ebenfalls noch bevölkert sein wird, und zwar
von geistig zu einer kolossalen Höhe angewachsenen Wesen oder Menschen.
Diese werden, wenn jenes große Ereignis geschieht, eines der
herrlichsten Schauspiele haben, das man sich denken kann. Wir sehen
gegenwärtig mit dem nackten Auge in einer sternenhellen Nacht ungefähr
dreitausend Sterne verschiedener Größe. Sobald aber die Erde dem Nebel
des Herkules nahe und näher gekommen sein wird, dann wird das halbe
Firmament in hellem, wunderbarem Lichte erstrahlen. Und man wird zwölf-
bis vierzehntausend Sterne sehen, von denen jeder einzelne weit größer
erscheinen und weit heller erstrahlen wird, als zehn oder zwölf Sterne
erster Größe, die wir jetzt am Himmel sehen, und ihr vereinigtes Licht
würde auf die Erde einen silbernen Schein werfen, der allein schon
heller wäre, als jetzt das hellste Vollmondslicht ist. Das wäre der
Anfang des Schauspieles, die Ouverture. Und je mehr wir uns dem Nebel,
der nun kein Nebel mehr wäre, sondern sich, wie gesagt, in ein Meer von
Sternen aufgelöst hätte, nähern würden, um so herrlicher wäre das
Schauspiel. Bald wären die Sterne keine Sterne mehr, sondern Sonnen. Ihr
Licht würde uns blenden, und unsere Sonne würde bald zu dem einen, bald
zu dem andern wanken, gleich als würde sie von jedem zu sich hingezogen,
und würde förmlich wie ein Spielball herumgewirbelt werden von einem zum
andern; dieser würde sie suchen und jener sie wieder von sich stoßen,
und die Erde würde der Sonne auf diesem Wankelweg fortwährend folgen, in
jedes ihrer Abenteuer unaufhaltsam mit hineingerissen.

Es kann mathematisch nachgewiesen werden, daß in der Mitte dieses Nebels
ewiges Tageslicht herrscht, und es wäre ganz gleichgültig, ob die Erde
auch weiterhin noch so wie jetzt sich um ihre Achse drehen würde, so daß
die Sonne für sie scheinbar aufgeht und sinkt; denn es würde doch auf
allen Seiten der Erde das Licht der andern Tausende von Sternen
erstrahlen, so daß wir das Sonnenlicht nicht brauchen. Natürlich würden
unter diesem Einflusse von Licht und Wärme alle Lebensbedingungen andere
werden. Alles wäre in Bewegung. Immerfort würde sich der Wechsel in der
Lage der vielen Sonnen uns gegenüber bemerkbar machen. Unsere eigene
Sonne würde in eine Bahn von unglaublicher Kompliziertheit gedrängt
werden, und die Erde würde immer hinter ihr her oder vielmehr um sie
herum jagen. Bald würde sie sich dem Mittelpunkt des Nebels nähern, bald
wieder an der Peripherie desselben hinausgehen, und immerwährend würde
sich der Anblick des Himmels, der Intensität des Lichtes und die
Intensität der Wärme ändern. Der Himmel wäre wie ein Kaleidoskop, das in
immerwährender Drehung befindlich ist, und immer neue und wunderbare
Kombinationen strahlender Lichteffekte bieten würde. Es ist aber auch
möglich, daß unter dem Widerstreit so vieler verschiedener
Anziehungskräfte unsere Erde der Kontrolle ihrer Sonne einfach entzogen
und unter die Herrschaft einer anderen kommen würde. Und das kann immer
und immer wieder geschehen, so daß im Laufe der Zeit unser Planet der
Gravitationssklave der verschiedenen Sonnen werden könnte, und mit jedem
Wechsel der Herrschaft würde auch ein Wechsel der auf unsere Erde
wirkenden Sonneneinflüsse stattfinden, und damit würden sich immer aufs
neue wieder alle Lebensbedingungen und Lebensverhältnisse ändern. Jede
andere Sonne in dem Sternenbild des Herkules mag ihre besonderen
Strahlungseigentümlichkeiten haben, und die lebenden Wesen auf unserer
Erde würden ihnen immerfort ausgesetzt sein. Der Magnetismus der einen
Sonne dürfte ein anderer sein, als der der zweiten und dritten, die
Lichtart und Wärme stets eine andere, und die Erde müßte sich, wenn sie
von einer Sonne zur andern geht, in immer neue Verhältnisse finden;
ungefähr so, wie wenn eine Frau der Reihe nach Männer von anderem
Charakter und anderem Temperament nähme; der eine heiß, glühend und
leidenschaftlich, der andere kalt, ernst und gleichgültig, ein anderer
reizbar und nervös, ein vierter launenhaft und abstoßend. Und die Erde
würde all das auch in ihrem Wesen und ihrer Erscheinung wiederspiegeln;
denn so wie das Weib das ist, wozu der Mann es erst gemacht, so ist auch
ein Planet nur das, wozu die Sonne ihn macht.

»Wenn ich jemals mir einen Gott schaffen würde,« sagte Napoleon, »so
würde ich mir die Sonne dazu machen, die der Quell alles Lebens ist und
aller Kraft.«

In der Mitte des Herkulesnebels würde Napoleon nicht einen einzigen
Gott, sondern viele Götter gehabt haben.


                  4. Der Weg durch die Milchstraße.

Es ist schon erwähnt worden, daß der Weg der Erde und der Sonne von
einer Seite der Milchstraße zur andern geht. Gegenwärtig geht die
Richtung nicht ganz gerade jenem Teil der Milchstraße entgegen, der über
uns liegt. Aber auch diese Richtung kann sich noch hinreichend ändern,
um uns statt in den Nebel des Herkules, direkt in die Milchstraße
hineinzuführen. Ja, wir könnten möglicherweise mitten durch sie hindurch
gehen. In diesem scheinbaren Sternenwall gibt es nämlich breite
Oeffnungen, durch die wir in die Unendlichkeit des Weltenraumes
scheinbar hineinsehen können, in diese dunkle Nacht, die die sichtbaren
Sternensysteme umgibt, und in diese dunkle Nacht hinein könnten wir in
unserem Fluge entführt werden, wenn unser Sonnensystem durch eine dieser
Oeffnungen hindurch kann. An einigen Stellen ist die Milchstraße
förmlich mit solchen Oeffnungen durchsetzt, wie ein mit Sternen besäter
Vorhang, durch den man mit einem Maschinengewehr geschossen hat.
Photographien dieser Oeffnungen zeigen uns die Sterne in funkelnder
Menge, rund um sie her glimmernd und glitzernd, während durch die
Oeffnung hindurch nicht ein einziger Stern zu sehen ist. Und der Blick
geht durch sie hindurch, wie durch ein Fenster, durch welches nicht der
geringste Lichtfleck hineinfällt. Es ist, als blicke man aus einem
hellen Raum durch eine offene Tür in die vollkommen schwarze, dunkle,
sternen- und mondlose Nacht. Es ist der furchtbare, bodenlose Abgrund
des Nichts, der unser Sternensystem umgibt, und in diesen Abgrund
hinein, würden wir stürzen. Gesetzt den Fall, daß unser Sonnensystem
wirklich durch einen dieser mächtigen Zwischenräume zwischen den Sternen
der Milchstraße hindurchgeht, so könnten die Folgen dieses Ereignisses
zweierlei sein. Wenn wirklich dieser kosmische Abgrund endlos und
bodenlos ist, und wirklich jenseits nichts anderes liegt, als das Nichts
selber, dann könnte möglicherweise die vereinte Anziehungskraft der
ganzen Gesamtheit der Sterne genügen, um uns zurückzuhalten und
zurückzubringen, so daß wir wieder mit unserer Sonne ein Teil jenes
Systems würden, das wir zu verlassen versucht hatten. Wenn aber, wie von
den meisten wohl angenommen wird, jenseits der großen Leere und des
großen Nichts andere, für uns der großen Entfernung wegen unsichtbare
Weltenalls liegen, dann würden wir zweifellos die Anziehungskraft jener
Welten fühlen und ihnen Folge leisten müssen, und dann würde jene Welt
die unsere werden.

Wenn die Materie unzerstörbar und unvergänglich ist, und wenn die Zeit
ohne Grenzen ist, dann kann dies alles geschehen. Die neuesten
Forschungen über die Struktur der Atome hat die Erwägung wachgerufen, ob
nicht auch das gesamte All nichts anderes ist, als ein Riesenatom, von
welchem die Sonne und alle Planeten nichts anderes, als ganz kleine
Teilchen sind und gerade so, wie die Atome des Radiums ihre Teilchen
abstoßen, so müssen auch die Sterne, die das Weltall bilden, diesem
entfliehen, wenn ihre Bewegung schnell genug dazu geworden ist, um
andere Weltenalls aufzusuchen und sich mit ihnen zu anderen Weltkörpern
zu verbinden. In all dem ist nichts Merkwürdiges, nichts, was wir nicht
in unserem Mikrokosmos des Lebens analog finden könnten. Die Atome, die
unseren Körper bilden, gehen ja auch Millionen von Veränderungen ein.
Jetzt sind sie ein Teil unseres Ichs, dann ein Teil eines Pflänzchens
oder eines Baumes; dann vielleicht Atome irgend eines Felsengesteines.
Wind und Wasser anvertraut, können sie von Hemisphäre zu Hemisphäre
vertragen werden und können rund um die Erde ziehen und in tausend
Urformen und anderen Formen erscheinen; denn die Materie ist in ihrer
Wesenheit ewig und unzerstörbar, wenn auch ihre Gestalt eine viel
tausendfach veränderliche ist. Ganz auf dieselbe Weise können die das
Weltall bildenden Sterne nicht nur ihren Platz, sondern auch ihre Form,
ihre Gestalt und ihre Wesenheit ändern und aus den Splittern und
Trümmern einer Welt kann eine oder können mehrere andere entstehen. Und
das könnte auch eine Erklärung für die Bedeutung jenes mysteriösen
Fluges sein, auf dem sich unser System gegenwärtig befindet. Die
Entdeckung dieser Bewegung wäre dann nur der Anfang ihrer Erkenntnis.


                   5. Wenn die Erde stehen bleibt.

Im Alten Testament finden wir die Ueberlieferung des Josua, der der
Sonne befahl, stehen zu bleiben, und sie stand still.

Die moderne Wissenschaft sagt natürlich, daß das nur figürlich gemeint
sein kann, denn die Sonne könnte nicht stehen bleiben, ohne durch diesen
Stillstand im Augenblicke zerstört zu werden und aufzuhören zu
existieren. Dasselbe gilt auch von der Erde, wenn die Erde plötzlich in
irgend einer ihrer Bewegungen gehemmt wird. Wenn sie in der Drehung um
ihre eigene Achse oder in der Bewegung rund um die Sonne oder in ihrem
Fluge durch den Weltenraum mit dem Sonnensystem zusammen gehemmt wird,
würden die Folgen gleich katastrophaler Natur sein. Würde sie in ihrer
Achse zum Stillstand gebracht werden, dann würde die Erde entweder in
Stücke fliegen oder schmelzen wie ein Geschoß, das plötzlich durch eine
Panzerplatte in seinem Fluge aufgehalten wird.

In ihrer Bewegung rund um die Sonne aufgehalten, würden die Folgen
dieselben sein, nur noch gewaltiger, krasser, weil ja die Bewegung eine
schnellere ist. In ihrer Achsenbewegung bewegt sich die Oberfläche der
Erde am Aequator 17 Meilen in der Sekunde; in ihrer Bewegung rund um die
Sonne ist die Geschwindigkeit der ganzen Erde mehr als 17 Meilen in der
Sekunde. Der Flug durch den Raum geht nicht ganz so schnell vor sich, da
die Geschwindigkeit, wie schon wiederholt gesagt, zwölf oder höchstens
fünfzehn Meilen in der Sekunde beträgt.

Nehmen wir an, daß die Erde plötzlich um ihre Achse still stehen würde,
dann würde ein so furchtbarer Wind sich erheben, wie er bisher auf Erden
noch nie gewesen war. Ganze Wälder würden entwurzelt werden und über die
Berge hin fliegen, selbst das Gras auf den Wiesen und die Halme auf den
Feldern würden ausgerissen und in die Luft entführt werden. Jede Stadt
würde in sich zusammenstürzen, als wären es Kartenhäuser, und ein Schlag
würde die ganze Erde durchzittern, so gewaltig, wie Millionen von
Erdbeben zu einem einzigen vereint. Die Hitze aber, die sich durch den
plötzlichen Stillstand entwickeln würde, müßte hinreichen, um den Ozean
zum Sieden zu bringen und alles Leben auf dieser Erde zu vernichten.

Nimmt man aber andererseits an, daß die Bewegungen durch den Raum
plötzlich aufhören würden, dann würden die Folgen noch einschneidender
sein. In diesem Falle würde die durch den Stillstand entwickelte Hitze
so kolossal sein, daß die Erde nicht nur im Augenblick schmelzen,
sondern direkt in einen gasförmigen Nebel verwandelt würde, in runden
Ziffern ausgedrückt 300000000000000000000 Kalorien betragen. Eine
Kalorie ist aber, wie man weiß, die Hitzemenge, die nötig ist, um die
Temperatur von einem Kilogramm Wasser um ein Grad Celsius zu erhöhen.
Die eben erwähnte Hitzemenge, auf die ganze Erde verteilt, würde also in
jedem Teil der Erde eine Temperatur von hundert Millionen Grad Celsius
entwickeln; aber noch ehe die Hitze diesen Grad erreicht haben würde,
wäre alles, was wir heute Erde nennen, in Dunst, Nebel und Dampf
aufgegangen. Das sind einige der Folgen und Möglichkeiten, die in der
Bewegung der Erde und der anderen Weltkörper liegen, von denen sie
umgeben ist. Die zuletzt entdeckte Bewegung durch den Weltenraum ist nur
deshalb so wunderbar, weil sie so groß angelegt ist, daß unser Denken
ihr kaum zu folgen vermag. Auf ihr aber beruht, wie gesagt, die Existenz
unserer Erde und die unserer Sonne und der anderen Planeten; denn so wie
bei uns auf Erden, so ist auch im Weltenraum die Bewegung alles. In dem
Atom, das wir die Welt nennen, sowohl, wie in dem millionenfach
kleineren Atömchen, das wir Mensch nennen, ist die Bewegung allein die
Grundbedingung des Lebens, jenes Lebens, das unendlich ist, weil es
fortwährend von einer Form in die andere übergeht.



                         Inhalts-Verzeichnis.


                                                                 Seite
   Vorwort                                                           3
   Hudson Maxim, Das 1000 jährige Reich der Maschinen                5
   Robert Sloss, Das drahtlose Jahrhundert                          27
   Professor Cesare Lombroso, Verbrechen und Wahnsinn im XXI.       51
      Jahrhundert
   Rudolf Martin, Der Krieg in 100 Jahren                           63
   Bertha von Suttner, Der Frieden in 100 Jahren                    79
   Frederick Walworth Brown, Die Schlacht von Lowestoft             91
   Karl Peters, Die Kolonien in 100 Jahren                         105
   Ellen Key, Die Frau in 100 Jahren                               117
   Dora Dyx, Die Frau und die Liebe                                125
   Baronin von Hutten, Die Mutter von Einst                        137
   Alexander von Gleichen-Rußwurm, Gedanken über die               151
      Geselligkeit
   Jehan van der Straaten, Unterricht und Erziehung in 100         161
      Jahren
   Björn Björnson, Die Religion in 100 Jahren                      173
   Ed. Bernstein, Das soziale Leben in 100 Jahren. Was können      179
      wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?
   Hermann Bahr, Die Literatur in 100 Jahren                       203
   Dr. Max Burckhard. Das Theater in 100 Jahren.                   211
   Dr. Wilhelm Kienzl, Die Musik in 100 Jahren. Eine               227
      überflüssige Betrachtung
   Dr. Everard Hustler, Das Jahrhundert des Radiums                245
   Professor C. Lustig, Die Medizin in 100 Jahren                  269
   Cesare del Lotto, Die Kunst in 100 Jahren                       275
   Charles Dona Edward, Der Sport in 100 Jahren                    283
   Frl. Professor E. Renaudot, Die Welt und der Komet              289
   Professor Garrett P. Serviss, Der Weltuntergang                 299



Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibung der Autorennamen wurde vereinheitlicht und mit externen
Quellen abgeglichen.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Einfache Anführungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden
       Zivilsation vollständig ...
   ... menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden
       Zivilisation vollständig ...

   [S. 37]:
   ... ihnen die nötigen Antennen liefert, Nachriten aus dem Aether
       mit ...
   ... ihnen die nötigen Antennen liefert, Nachrichten aus dem
       Aether mit ...

   [S. 40]:
   ... man sie auf eine Lichtspitze wirken läßt, die durch ihre
       größere oder geringerer ...
   ... man sie auf eine Lichtspitze wirken läßt, die durch ihre
       größere oder geringere ...

   [S. 79]:
   ... Bayreuther Festspielen pilgerte, so kann man jetzt aus den
       übrigen Kontinenten ...
   ... Bayreuther Festspielen pilgerte, so kam man jetzt aus den
       übrigen Kontinenten ...

   [S. 87]:
   ... Ihnen als einen der Vorkämpfer und Vordenker des Friedens
       erzählen ...
   ... Ihnen als einem der Vorkämpfer und Vordenker des Friedens
       erzählen ...

   [S. 96]:
   ... ganz deutlch in ganz, ganz kleinem Maßstabe die Schiffe, über
       die man ...
   ... ganz deutlich in ganz, ganz kleinem Maßstabe die Schiffe,
       über die man ...

   [S. 180]:
   ... Faktoren unsicherer werden, in bedeutend heöherem Grade
       unsicher. Wenn ...
   ... Faktoren unsicherer werden, in bedeutend höherem Grade
       unsicher. Wenn ...

   [S. 198]:
   ... Die Menschen werden auch in Zunkunft keine reinen
       Rechenexempel sein, ...
   ... Die Menschen werden auch in Zukunft keine reinen
       Rechenexempel sein, ...

   [S. 214]:
   ... in den Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich
       zugleich narkositiert ...
   ... in den Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich
       zugleich narkotisiert ...

   [S. 251]:
   ... unauhförliches und der Energieverlust ein so geringer, daß
       man ihn erst ...
   ... unaufhörliches und der Energieverlust ein so geringer, daß
       man ihn erst ...

   [S. 252]:
   ... des Luftschiffes scheinen in einem elektrischten Feuerwerk
       wirr dahinschießender ...
   ... des Luftschiffes scheinen in einem elektrischen Feuerwerk
       wirr dahinschießender ...

   [S. 255]:
   ... so schnell, und wurden dopelt so stark wie die auf normalem
       Wege zum ...
   ... so schnell, und wurden doppelt so stark wie die auf normalem
       Wege zum ...





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