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Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
Author: Hauff, Wilhelm
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mitteilungen aus den Memoiren des Satan" ***

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WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN



ERSTER TEIL.

EINLEITUNG.


  Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
  Cielo, di ferro scendi, e d'orror cinto.
               Tasso, befr. Jerusalem, V. 44.



ERSTES KAPITEL

Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.


Wer, wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger
Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war
und in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird
gewiß diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.

Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine
Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort
gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,
einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und
dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges
Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
den andern kannte oder seine nähere Verhältnisse zu wissen wünschte,
nie für möglich gehalten hätte.

Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft
beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Manne zuschreiben
zu müssen.

Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten
bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben; denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anständig, freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite
liegen, wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man
einander die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
Saladière darzubieten habe, wußte jeder, „aber das Genie, ich meine,
der Geist" wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher
aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
dem Hotel hinab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen
überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über
das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft
schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock, noch
hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier
Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt
hätte.

„Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,"
dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen
stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.

„Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.

„So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat
in die Halle.

„Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.

„Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, „wer war
denn--"

„Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefällige und trat bald
darauf in mein Zimmer.

„Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; „ein schwerer Wagen
mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."

„Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, „ganz sonderbar,
ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
Engländer von Profession, haben alle etwas Apartes."

„Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich
schickte.

„Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete
jener; „haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"

Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ
mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen
allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir
vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
mich hintrat, mir solche präsentierend.

„v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. „Hat er noch keine
Bedienung?" fragte ich.

„Nein," war die Antwort, „er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
aber weder aus= noch ankleiden dürfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr
von Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.

Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von
glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen
oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.
War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb
schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu
dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm
der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man
einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch
eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.

Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Körperform passen und
sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es
Sinnestäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form,
wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere
Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,
wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,
schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem
Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,
drückte sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme
Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich
hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu
machen, ohne dem interessanten _vis-à-vis_ durch neugieriges
Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch
mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der
Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender
Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen
höchstens mit bloßem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen
Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er
kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine
Münzensammlung und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr.
Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen
und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden
aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor
gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die
herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in
seinen Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald
bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern
rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der
Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.

Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu
verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern
oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die gröbere oder
geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen
wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der
Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die
Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des
Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche
Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch
über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach
näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte wie; denn der
Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle
ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille
gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse
gehört oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten
einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie
unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Maître de
plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche
Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen
gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
führte.

Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte
jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf
leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,
mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,
schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in
so fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als
daß man sich göttlich amüsiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend
einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte
das Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste
Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften
Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von
dem tiefsten Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune
streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,
wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das
Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte,
geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,
reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das
üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unserer schönen
Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht
widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich
hin, sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen
Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

*       *       *       *       *



ZWEITES KAPITEL

Der schauerliche Abend.


So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und
Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren
ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die
Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir
morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
den Fuß geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr
von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner
entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor
Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar
da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese
Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel
zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht
aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern
Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so
abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich
mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich
nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke
hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens
fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein
bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es
sei eine und dieselbe Person.

Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden
Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,
der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine
Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter
einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen
zu haben.

„Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,
die nicht weit von mir saß, „Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer
„vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich
hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose
zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.

„Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge
halten," brach er endlich los, „wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte
ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz
absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
da der Gedanke in mir aufblitzen: ‚Den hast du schon gesehen, wo war
es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück,
wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte."

„So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle
verwundert.

„Hm! he, hm!" lachte der Professor. „Jetzt fällt es mir aber von den
Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor
zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

„Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau
von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den
sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: „Es
mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft an
der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das
Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit
die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit
in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
über seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen
machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die
dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die
Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut
geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden
habe und sah--"

„Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--„denselben, der uns seit
einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts
Übernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr
Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
unterbrach: ‚Meine Herren,' sagte der Höfliche, ‚bereiten Sie sich auf
eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;
der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
ein.'"

„Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ‚Gerade dem
Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem
großen öden Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer
anständigen Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.'

„‚Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
Gewohnheiten, wie z.B., daß er sich selbst oft große Gesellschaft
gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Kuverts aus dem
Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der
andere unserer Markörs hat die Ehre zu servieren. Man denkt
vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz,
liegen auf den Stühlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er
unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen,
und das Ding soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen
Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper
war, geht nicht mehr in das öde Haus.

„‚Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört
Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag
nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den
andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

„Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.

„‚Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt.

„Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ‚Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"

„Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit
unserem Natas zusammen?"

„Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,
„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer
beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre.
‚Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er
dann, reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und
schreit: ‚Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'

Natürlich antwortete niemand, er aber sagt dann: ‚Der Alte würde es mir
nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,
schließt sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."

„Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, „waren sehr
erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich
auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem
Oberjustizrat vorhabe.

„Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
belagerten die Fenster. Eine alte, baufällige Chaise wurde von zwei
alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem
Wirtshaus; ‚das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tönte es von
aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich
unser, als wir das Männlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen
Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so
gelangte er ins Speisezimmer.

„Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
damals; denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,
gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im
Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi
verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch
die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
sehen.

„Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und
unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren
geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.

‚Ein hübsches Haus da drüben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer
in der dritten Stellung hinter ihm stand. ‚Wem gehört es?'--‚Dem
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'

„‚Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er
aus. ‚Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
Anwesenheit kund täte.' Er riß das Fenster auf: ‚Hasentreffer--
Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer
beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir
wohlverschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich
öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der
Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen
Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade
so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen
des bleichen Gesichts war der gegenüber der nämliche wie der, der bei
uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit
derselben heiseren Stimme über die Straße herüberrief: ‚Was will man,
wen ruft man? he!'

„‚Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer
Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
am Fenster hielt.

„‚Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
Kopfe; ‚steht etwas zu Befehl?'

„‚Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmütig, ‚wie ist
denn dies möglich?'

„‚Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herüber. ‚Sie sind der
Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß
ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

„‚Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,
und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust
herauf. ‚In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--
vergnügten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit
einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.

„‚Was war das?' fragten wir uns. ‚Sind wir alle wahnsinnig?'--

„Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,
während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die
Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus
der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu--
riegelte die schwere, knarrende Haustür auf und trat ein.

„Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück; man sah, wie er
dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.

„Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und
zitterten. ‚Meine Herren,' sagte jener, ‚Gott sei dem armen
Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir
lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Scherz
von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
Haus gehen können außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln den
Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an
der Tafel gesessen; wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
Maske anziehen können, auch vorausgesetzt, er hätte sich das fremde
Haus zu öffnen gewußt? Die beiden seien aber einander so greulich
ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht
hätte unterscheiden können. ‚Aber um Gottes willen, meine Herren, hören
Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?'

„Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tönten aus
dem öden Hause herüber; einige Male war es uns, als sähen wir unsern
alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.

„Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag
hinüberzugehen! Alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die
große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich
niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der
Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren
verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.

„Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
jemals eine Spur gesehen."

*       *       *       *       *



DRITTES KAPITEL.

Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)


Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile
still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich;
ich wollte das Gespräch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn
bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen,
zuvorkam.

„Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzählige Male für
einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte
anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen
platten, alltäglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden,
eigentlich interessanten vorkommt."

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen;
aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
Natas. „Jeder von uns gesteht," sagte er, „daß er dem Gedanken Raum
gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein
gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf
ewig sich ins Gedächtnis zu prägen."

„Sie mögen so unrecht nicht haben," entgegnete Flaßhof, ein
preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei
Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison
zurückzukehren. „Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle
aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für
Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata
gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei
dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit in
Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte
ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und
Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange
Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen.
Selten gingen sie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata
sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet
mich an: ‚Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata
begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den
ich wohl kannte. ‚Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gruß, indem er
vorüberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele
d'Agata."

Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden
Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt
hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort; man stritt sich um das
Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu
haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und
auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
betrachten.

„Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, „ich habe sie jetzt
soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten
in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus
hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."

Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. „Noch
nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen
bemerkt," sagte ich; „aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre
kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie
sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...."

„Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine
Brust anfassend, „harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flüsterte er
leiser, „daß alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O,
ich kenne meine Leute!"

„Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"

„Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, „daß der gebildete
Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm
fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern
nacht noch fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den
abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und
schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte wieder an den Fremden
verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt,
wie er den Ökonomierat gekörnt hat?"

„Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, „daß der Ökonomierat, sonst
so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich
habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben."

„Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder
Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet,
einen großen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben
sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn
dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht
wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll
seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt,
genießen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein
benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorene Sohn."

„Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
und dem Leben wieder geschenkt--"

„Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, „der alte Sünder
könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem
nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich
habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
zusehends."

Der Eifer des Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der
Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.--

„Und unsere Damen," fuhr er fort, „die sind nun rein toll. Mich dauert
der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er
hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört,
daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen
Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen
einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!"--

„Wie? die schöne bleiche Frau dort!" rief ich aus.--

„Die nämliche bleiche," antwortete er, „vor vier Tagen war sie noch
schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf
der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie _Rouge fin_
kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt
Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen
Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den
nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade
dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hörte ich sie mit ihrer süßen
Stimme den rauhhaarigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das
Weiß nicht noch etwas ä t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----!
hat man je so etwas gehört?"

Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so
suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon
etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es
aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich
selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte
ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand,
hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung
daraus zu erläutern.

Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. „Himmel,"
seufzte er, „und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden
Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß
geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
Formen der schwellenden--"

„Herr Professor!" rief ich, erschrocken über seine Extase, und
schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. „Sie geraten außer sich,
Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"

„Er hat sie auch," fuhr er zähneknirschend fort. „Haben Sie nicht
bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte?
Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um
eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der
literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen--
Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir der
Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn
vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...."

„Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, „gestehen Sie mir
lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
gebracht hat."

„Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lächelnd, „das
ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er
brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe
Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf
schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und
Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in
seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."

Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr
damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie
Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu
richten.

Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht
ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber
er ließ mich nicht zum Worte kommen.

„Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,"
rief er, „um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar
in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
feinere als du."

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen
schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er
sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die
Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit
war, ward die Türe aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen
Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die
Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden
sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen
forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber,
neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der
Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor
nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen
Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am
Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
des Ökonomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wußte, daß sie
einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer
Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen
auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.

„Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch--meiner Seel'--
aller Ehre wert," brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch
seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor
dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er
an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
Mauer, neben seine Schöne. Doch diese schien nur Ohren für Natas zu
haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
„übermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
sehr zerstreut, meinte sie „1 fl. 30 kr. die Elle."

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der
nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder
gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der
Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder
Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik
zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken
zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer
schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel
ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu
entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher
Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig
so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu
färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit
einem Male; als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des
Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf
und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man
lachte, und jauchzte und wußte nicht über was. Man kicherte und neckte
sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit
Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder,
das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte wirklich, es war
Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit
welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres
Gelächter ausbrach.

„Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem
Professor heraus, „Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser
verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon
begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand
sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige
Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!"

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer
Verlegenheit. „Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles
schwieg, „von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen
gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von
Natas aufgeführt."

Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder
alles.

„Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, „ich
behauptete, daß mir ganz unheimlich in dero Nähe sei, und erzählte,
wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie
noch, gnädiger Herr?"

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer
umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner
Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
älterer, unheimlicher Mensch.

„Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, „dort läuft er als
Barighi umher."

„Barighi?" entgegnete Frau von Trübenau. „Bleiben Sie doch mit Ihrem
Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da
hereingekommen ist."

„Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau," unterbrach sie
der Oberforstmeister, „es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war."

„Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann," sprach Frau von Thingen,
den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, „es
ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die
Gitarre beibringt."

„Warum nicht gar!" brummte der alte Ökonomierat, „es ist der lustige
Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n
verschafft."

„Ach! Papa!" kicherte sein Töchterlein, „jener war ja schwarz, und
dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?"

„Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preußische
Hauptmann, „das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
Auf= und Abgehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
„Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, „ich hab's gefunden, ich
hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!"

*       *       *       *       *



VIERTES KAPITEL.

Das Manuskript


So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend
noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich
auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen
Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und
fragte, indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der
Kaffee gefällig sei?

Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.

Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das
müsse ich besser wissen als er.

„Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, „nach der Abendtafel...."

„Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwätzige. „Sie
haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."

„Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
auf?"

„Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?" fragte der
Kellner.

„Kein Wort!" versicherte ich staunend.

„Er läßt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T.
bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."

„Aha, ich weiß schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil
des gestern Erlebten ein. „Wann ist er denn abgereist?"

„Gleich in der Frühe," antwortete jener, „noch vor dem Ökonomierat und
dem Herrn Oberforstmeister."

„Wie? so sind auch diese weggereist?"

„Ei ja!" rief der staunende Kellner. „So wissen Sie auch das nicht?
Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau--"

„Sie sind auch nicht mehr hier?"

„Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,"
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.

„Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.

„Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen."

„Wieso?"

„Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber auch
dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen
verstünde?"

„Zur Ader lassen? Herr von Natas?"

„Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und
haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."

Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: „Es mochte kaum elf Uhr
gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--"

„Was für eine Geschichte mit der Polizei?"

„Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein
ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weitergingen.
Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau
herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich
denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf
und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet
uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hört kaum, wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui,
und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der
Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang.
Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch
versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."

„Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.

„Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
neuem los. Aus Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in
Kassel. Des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle
bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben; denn er
sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten
nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem
Kammermädchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muß er haben
wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort
gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."

„Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?"

„Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."

„Armer Professor!" dachte ich, „dein hübsches Röschen mit ihren
sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
Pflaster ans das pochende Herz pappend."

„Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die
Geschichte?" fragte ich, um über die Sache ins Klare zu kommen.

„Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten
Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.

So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte
ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war;
was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.

Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht
nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in
meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und
ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.

Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:

„Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner
Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal
besuchen wollten.                                 v. Natas."

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner
gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein
unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und
den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.

Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir,
daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.

Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.

Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
alle, sogar der morose Ökonomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber
riefen seine Geschäfte den Rhein hinab.

Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken
Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen
helfen zu können.

Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas
hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier
gefesselt.

„Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, während wir
den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.

„Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich
ihm. „Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald
genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff
daher einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder
Nationen fürs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten
Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu
übersetzen? „Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine
leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde
und das Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist."

Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu
lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und
überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die
Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren
aufgestörten Hügelchen; aber er gab mir den Schlüssel seiner
Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine
Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die
er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre
schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.

Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen
Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu
übergeben befohlen; ich riß ihn auf--

„Verehrter, Wertgeschätzter!

„Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle des
brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl,
weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle
befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß unser schönes Zusammenleben so
schauerlich enden mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie
es klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
war!

„Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke über die Schulter und
liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen
Ökonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne
Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz.
Gott gebe, daß er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und
halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen
Ideen bespickte Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich
fortkomme.

„Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr."

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der
Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels
Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.

Wer stand mir aber dafür, daß diese Schriftzüge mir nicht durch die
Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte
ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten
des Satans machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?

Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April
geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.

In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript
Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine
Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren
und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
an mir bemerkt.

Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der
Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu
geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann
soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe,
hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar
langer Zeit wieder geheiratet.

*       *       *       *       *



DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERÜHMTEN UNIVERSITÄT ......EN.

  „Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht
  echt! der echte Ring vermutlich ging verloren."
                           Lessing, Nathan. III. 7.



FÜNFTES KAPITEL.

Einleitende Bemerkungen.


Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es
könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf
der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um
den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen
Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben,
die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.

Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,
wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette
gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, daß sie auf
Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um
sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren
für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die
Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen
Maßstab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es
sind die Memoiren.

Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der
Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern
glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,
haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es
Männern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren
ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf der
Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die
Kulissen; Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre
lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund
als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,
würdig des unsterblichen Talma.

_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich
ab, denselben auch ein solches Gericht „Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein: „Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,
der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."

Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,
Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme
anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört
haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch
für einen _homo literatus_ zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt
sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
vom Gewerbe &c. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,
wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des
Lagers, die unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,
keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so
glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich
bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus
meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß
aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor
den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich übel
wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings
selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart
mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das
Sprichwort _„clericus clericum non decimat" _ füglich auch auf
mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das
ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort
werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_
soviel als _acerbe recensere_, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik
habe, den Schluß von selbst ziehen können.

Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art
nicht fehlen könne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.
Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben
auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber
reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn
oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er
berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge
vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt
zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum
als Schriftsteller aufzutreten. [Fußnote: Was der Satan hier ernsthaft
und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat
der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt! Anm. des
Herausgebers.]

Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende
Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen
sein könnte, habe ich in dem Abschnitt „Besuch bei Goethe"
ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.

Fleißige Leser, d. s. solche, die Bogen für Bogen in einer
Viertelstunde überfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht
überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber
nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
langweilen.


       *       *       *       *       *


Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat
der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
scheint ihm nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur
angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem
Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene
enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens
mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste
ist. Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe
jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und
fand, daß er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit
angehören, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von
zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute
Schule gehabt haben muß.

Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel
wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel
vorausgesetzt. D e r  H e r a u s g e b e r.

       *       *       *       *       *



SECHSTES KAPITEL.

Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er
dort macht.


Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man
glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen
philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir
nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom
gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn
dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch
immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und
Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand
in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde
gehört: „_Anathema sit_, e r  g l a u b t  a n  k e i n e n
T e u f e l."

Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den
vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester
zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein
guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas
Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen
Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht.
Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden
Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n  d u m m e r  T e u f
e l,  e i n  a r m e r  T e u f e l,  e i n  u n w i s s e n d e r
T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche
Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu
studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß
ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen
Erfolg versprach. Ich wählte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819
daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen
Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n  B a r b e, meine
Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel
mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als
Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte
schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf
Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe;
wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und „Hol' mich der
Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn „Auf Ehre" und
„Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole
als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;
wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an
Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz
verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über
Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht
klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half
mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter
war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin
legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich
befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig
Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode
zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,
solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das
Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart
wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen
hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; die
Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, das
Auge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken mit
einer Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre.

Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn,
konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der
Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr
Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig
einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,
ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das
Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,
auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben
Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich
eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel
die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut
versehen sein müsse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen
sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und
dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form
eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst
gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie
wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken
wollte.

Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder
gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher
sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es
ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten
Stunde auffallend vor dem „Philister und dem Florbesen," auf deutsch,
einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige
Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon
einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ------en
einfuhren, hatte er mir versprochen, eine „fixe Kneipe," das heißt
eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute
zu bringen.

Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu
folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die
ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen
bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier
versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des
Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Würger, der alte, „längst bemooste" Bursche, hatte sich schon
unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für
„Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern
herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: „Was kommt dort von
der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch
der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein
furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:

„Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß
zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf
deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß
zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. „Würger! Du
altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe
herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen
wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.
Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
Angekommenen.

Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und
angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem
Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste
Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und
ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in -----en als Student eingeführt, und ich gestehe,
es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein
offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der
Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,
man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation
zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (_termini
technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben
habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft „Sau", was Glück, mit
„Pech", was Unglück bedeutet, wie auch „holzen", mit einem Stock
schlagen, mit „pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von
Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel
man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,
von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir
aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die
Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:
„Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit".

Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s
m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach
langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen
zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte,
mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder,
daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte
diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten
zu leiten und zu erziehen und sie „für die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn
ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem
Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren
schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand,
ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im
Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu
lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt,
anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in
die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht
unterdrücken.

Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige
Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche
Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.
Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,
musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn
die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die
Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in
der Kirche seine Zuhörer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner
Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der
einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien;
aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,
und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein;
aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als
je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar
eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die
Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre „Altvordern" auch durch
Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen
verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von
Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel;
ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in
seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:

„Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem
schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der
jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die
Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--
gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht
über die Grenze geht."

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle
meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was
konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in
die schwarzgerauchte Kneipe, „verschlammten" sich recht tüchtig in dem
„barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
meine älteren Zöglinge bald überholt.

      *       *        *       *        *



SIEBENTES KAPITEL.

Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.


Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und
Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und
Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von
ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r  K e r l  h a t  d e n  T e u
f e l  i m  L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem
Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel
ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32
in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
wollte ich mich doch bedankt haben!

Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er
aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan,
versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte
hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen
Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich--
nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr
verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die
Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und
die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei
vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so
bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo
man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein
Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
auf eine große, schwarze Tafel und sagte: „So ist sie, meine Herren!"
Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
der Zirbeldrüse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm,
vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins
Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich
gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her,
indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
als die Worte: „Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine
Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm
her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein
Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen
umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um
die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der
Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem
Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein
gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen
Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der
Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.

„Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, „der Küster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!"

„Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, „das habe
ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum
Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
Doktor Paulus weidlich schlagen muß."

Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen
übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber
stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr
sichtbar war.

„Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrückend. „Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. „Ein schöner Anfang in der
Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren
sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und
kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die
jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich _ad notam_ zu nehmen. „O Platon und Sokrates!" dachte ich,
„hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie
majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
mancher Bibliothek ausnehmen!"--

Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:

„Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten).

„Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).

„Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
aus Regenwolken.

Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte.
Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. „Der Teufel", sagte er,
„überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das
ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von
Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie
die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht
alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der
U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die
tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein
dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

„Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollständiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend
ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten
Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie
seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen
Dogmatikers herkommen?

So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
auszuführen.

*       *       *       *       *



ACHTES KAPITEL

Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.


Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.
Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen
Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: „Pfui Teufel, wie
riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
Äußerung: „ Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den „Herrn im
Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich
hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der „Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der
Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die
über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine
ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick
war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle,
einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen
verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch
gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners
zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. „Der Satan in einem
solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!"

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der
Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den „Schläger" vorantragen
zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrien: „Los!" und unsere Schläger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
„Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.

Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich,
selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe,
und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.

Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten
mit feierlicher Stimme: „E s  i s t  m e h r a l s  e i n  Z o l l,
k l a f f t  u n d  b l u t e t,  a l s o  A n s c h--ß." Das hieß
soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit
des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle,
die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit
ihm.

„Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, „daß Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie
haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen hätte.

Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die
meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten
Bühnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
eröffneten.

Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der
Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres
Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine
großmütigen Sentiments Tränen vergoß.

Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, „f ü r
d e n  g u t e n  G e r u c h  i h r e r  A n a t o m i e  g e s c h l
a g e n  h a b e" .

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

*       *       *       *       *



NEUNTES KAPITEL.

Satans Rache an Doktor Schnatterer.


Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik,
namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene
berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur
hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer,
ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu
vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
sind.

Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die
Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige
theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich
notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können,
und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt.

Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.

Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet
und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse
Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise
des Wirtes zur Stadt bringen ließen.

Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.

So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die
Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: „Siehe,
er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."

Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob
ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in
seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.

Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste
Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.

Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
„Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der
Stadt zu.

„Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. „Hat man
d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"

„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf
öffentlicher Promenade--!"

„Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, „er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."

So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und „Doktor Schnatterer" und „schön Luisel" war das
Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden
Tag.

An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
Neuigkeit ganz warm auftischten.

Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten
folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen
Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die
fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend,
als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen
ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.

Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: „Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"

Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie
träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu
Hause gewesen.

Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus' gewesen?" lallte er. „Nicht
mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
Ihnen, Wertester?"

„Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
lächelnd zur Antwort. „Mit mir auf keinen Fall!"

„Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau,
„was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der
schönen Luisel hat er scharmuziert!"

„Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; „der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker."

„Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß
ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
„Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er."

Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen
hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r  T e u f e l  e i n
E i  i n  d i e  W i r t s c h a f t  g e l e g t.

       *       *       *       *       *



ZEHNTES KAPITEL.

Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die
Universität.


Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien,
man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und
böses Gewissen vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch
nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen
------en spukte es in manchen Köpfen seltsam.

Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele
unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem
nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran
fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister
mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf
Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium
des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu
sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein
geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden
konnte.

Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da
sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche
sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von--
doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt
zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen
ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich
gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.

Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des
Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in
den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel
Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches
Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von
der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander
geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
hätte.

Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer
traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte
Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die
nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht.
Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß
nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt; denn
dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu
gebrauchen.

Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich
durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines
Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm
mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär
folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
verstehen, daß ich als D e m a g o g e verhaftet sei.

Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte
eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
wurde ich in den Saal geführt, um über meine p o l i t i s c h e n
V e r b r e c h e n vernommen zu werden.

Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner,
und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in
feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten
mir unwillkürlich ein Lächeln ab.

Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
ab.

Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll
zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure
Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtig und mit
Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und
präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem
abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu
Boden fallen.

„Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung
beiseite setzend.

„O Jerum," ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg; denn er
hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.

„Bitte untertänigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.

Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.

Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der
Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper
hinüber, sprach: „Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts
mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein
werden, glaube ich, dafür stimmen zu müssen, daß frischer _ad
locum_ gebracht werde."

Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher
erfuhr, die halbe Universität versammelt; denn meine Verhaftung war
schnell bekannt geworden, und alles drängte sich hinzu, um das Nähere
zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als
man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn
fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde,
und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends
drei Lot Schnupftabak holen müsse.

Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige,
anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick
voll Hoheit und begann:

„Es ist uns von einer höchstpreislichen Zentral=
Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit
einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir
sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber
einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht
haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier
herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr
von Barbe?"

„Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
verdächtig machen."

„Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. „Sie verlangen Beweise?
Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst
den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist."

„Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der
Juristen, „Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n
a l l e  W e g e  v e r l a n g e n, daß ihm die Gründe des Verdachtes
genannt werden."

Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man
sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin= und
herwälzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit
der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die
Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude
zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen
laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.

Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete
von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus,
„und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
allerhand verdächtige Bewegungen machten".

„Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. „Aber der
Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme
seine Maßregeln;--daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle
fatalen Händel bringen muß!--_Domine Collega,_ Herr Doktor
Pfeffer, was stimmen Sie?"

„Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
entlassen und ihm--"

„Richtig, gut," rief der Rektor, „Sie können abtreten, wertgeschätzter
junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie
glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
kein solches Aufsehen mehr erregt--weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich
höre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden können."

Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in
Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten
Lehnstuhls.

„Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.
„Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich
unter diese himmelstürmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine
Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte
Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."

„Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; „es
sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut
Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."

Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen
für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel
bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch
Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in
geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr
_„Ça ira, ça ira," _ nämlich: „Die Burschenfreiheit lebe" und das
erhabene „Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"

Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten
Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren
Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn
rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie
müßte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die
Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde „mein wertgeschätzter
Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: „Wir können das Verhör
weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!"

So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine
Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.

Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit
großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. „Demagog kommt her von
_demos_ und _agein_. Das eine heißt Volk, das andere führen
oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie?
Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum
Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher
verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die
sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein
Demagog."--

Mit triumphierendem Lächeln wandte er sieh zu seinen Kollegen: „Habe
ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?"
„Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.

„Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort.
„Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der
körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks
und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in
Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben
Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre übrigen Künste als
einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr
Doktor Schrag?"

„Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.

„Demagogen," fuhr er fort, „Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete
Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr
Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er läuft in
allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu
frequentieren oder g a r  n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er
hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht. Ich füge gleich den
vierten Grund bei. Man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von
geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich
locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage würdiger gemacht als
Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"

„Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen
_unisono_ und ließen die Dose herumgehen.

Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: „Wir glauben hinlänglich
bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem
Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne
den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen; darum verteidigen Sie
sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu
Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche
gesegnete Mahlzeit, meine Herren."

So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem
Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache
gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im
Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude
sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck,
der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiter zu
gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines
Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb
daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am
nächsten lag: _De rebus diabolicis_, ließ sie drucken und
verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser
beigelegt [Fußnote: Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es
müßte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der
Herausgeber.].

_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte,
gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein
wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder
mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte
der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches
Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen
weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten
Freund, den Satan.

*       *       *       *       *



UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN.


  „Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf
  à la Mode_ der früheren dummen Gesichter."
                                 Welt und Zeit.



ELFTES KAPITEL.

Wen der Teufel im Tiergarten traf.


Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend
im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich
betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes
Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als
zu der frommen Zeit anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar
und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig
ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und
Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang
nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch
wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie
früher zog durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie
vor Zeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen mit
ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants
und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markte
brachten, die wohlgenährten Räte, mit einem guten Griff der
Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und
Handwerksburschen, anständige und unanständige Gesellschaft--sie alle
um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, m e i n zu werden!
In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer
zufriedener und heiterer.

Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein paar Männer
an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner
fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom
Rücken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an
seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war
ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand,
während die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in
den Sand schrieb; er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und
schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte
sprang endlich auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen,
schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor
sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte
dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser
Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der
Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den
Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen
guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es
war der e w i g e  J u d e.

„_Bon soir_, Brüderchen," sagte ich zu ihm, „es ist doch schnackisch,
daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so
achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?"

Er sah mich fragend an. „So, du bist's?" preßte er endlich heraus.
„Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

„Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; „wir
haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter
warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um
dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du,
glaube ich, ein Pietist geworden."

Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine
verwitterten Züge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß
er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

„Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.

„Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er.

„So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien
behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
ihm nicht als sein eigener Doppelgänger über die Schultern geschaut,
als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war
Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb'.--So, so, der war's? Und
was wollte er von dir, Ewiger?"

„Daß du verkrümmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie
ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den
Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, „so geht er umher, um sich
die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten
oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud
mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."

„So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?"

„Recta aus China!" antwortete Ahasverus. „Ein langweiliges Nest, es
sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
dort war."

„In China warst du?" fragte ich lachend. „Wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?"

„Laß das," entgegnete jener, „du weißt ja, wie mich die Unruhe durch
die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu
Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
himmlischen Reiches gestoßen, wie ein alter Aries, als daß der dort
oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen."

Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider
wollten sich schließen; aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis
er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--„Satan," fragte er
mit zitternder Stimme, „wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"

„Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort.

„O Mitternacht!" stöhnte er, „wann endlich kommen deine kühlen
Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du,
Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum wird für den E i n e n, der
dann ruhen darf?"

„Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost über die
weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. „Wie magst du nur solch
ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir
gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat
es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man
hat doch hier immer noch seinen Spaß; denn die Menschen sorgen dafür,
daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. _Ma foi_,
Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die
galanten Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach
Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich,
um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums
überpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten,
die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dich
versichern, es sieht gar närrisch aus; denn die Tapete ist überall zu
kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das
Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
auslöschen kann und das, so oft man es weiß anstreicht, immer noch mit
der alten b u n t e n Farbe durchschlägt!"

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. „Du bist,
wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schüttelte mir die
Hand, „weißt jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams
Schoß käme!"

„Warum," fuhr ich fort, „warum hältst du dich nicht länger und öfter
hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
Possierlicheres sehen als diese Duodezländer! Da ist alles so--doch
stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte
leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als
unruhige Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu
kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"

„Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. „Ich bin hier,
um einen Dichter zu besuchen."

„Du einen Dichter?" rief ich verwundert. „Wie kommst du auf diesen
Einfall?"

„Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle,
worin ich die Hauptrolle spielte. Es führte zwar den dummen Titel:
D e r  e w i g e  J u d e, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung,
die mir wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und
sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."

„Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. „Und wie
heißt er denn?"

„Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße
genannt; aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man
Mondschein gießt!"

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem
Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. „Höre,
Alter," sagte ich zu ihm, „wir haben von jeher auf gutem Fuß
miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen
gegen mich ändern wirst. Sonst--"

„Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan," antwortete er, „denn
du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
hinlänglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
angenehm und recht. Warum fragst du denn?"

„Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du
nicht?"

„Ich sehe zwar nicht ein, was für ein Interesse du dabei haben
kannst," antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. „Du könntest
irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen
Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir
übrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, daß
der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du
mitgehen."

„Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich
wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der
Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
selbst, was mich zu ihm zieht. Übrigens in diesem Kostüm kannst du
hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"

Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten
Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins
Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Hütchen
aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte
sich vor mich hin und fragte:

„Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie
der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich
keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase,
meine Haare stehen nicht in die Höhe _à la_ Wahnsinn. Ich habe
meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine
schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfuß
Ursache haben mag--"

„Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher," antwortete ich dem
alten Juden. „Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon
keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf
diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie
wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
ästhetischen Tee einführte!"

„Ästhetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
aber ästhetischer Tee war nie dabei."

„_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurück in der
Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über
Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und
den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben
dazu, und man amüsiert sich dort trefflich."

„Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen," versicherte
der Jude, „und was kostet es, wenn man's sehen darf ?"

„Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand
küßt, und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben,
hier und da ein ‚wundervoll' oder ‚göttlich' schlüpfen läßt."

„Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen
Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in
dieser Sandwüste gewaltige Langeweile."

Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis
dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und
schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar
nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines
Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten
mußte. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel
nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in
Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig;
denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
einen solchen Ansatz von Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu
werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann von
mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor
Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit halb auf die
schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die
umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen
Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen
Gast hätte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gespräch auf die
Sage vom ewigen Juden überhaupt und daß sie ihm auf jene Weise
aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in
der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste
unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über
getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt
habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich
täuschte.

Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich
zu empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie
wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
schieden.

       *       *       *       *       *



ZWÖLFTES KAPITEL.

Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.


Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in
seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er
brummte einmal über das andere über die „naseweise Jugend" (obgleich
der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und
brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen
Tee zu führen.

Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfümiert,
in die feinste, zierlich gefältelte Leinwand gekleidet, die
Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die
Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet,
wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus
M o r e a.

Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet
hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen
Anstand.

„Du darfst," sagte ich ihm, „in einem ästhetischen Tee eher zerstreut
und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz
unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch
etwas _in petto_, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre.
Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst
nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber
Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z.B. von einem Roman
reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz
natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt
dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und
antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch
drauf zu: ‚Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen
Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier
und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.'

„Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."

„Dein Gewäsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mürrisch.
„Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß zu
machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr,
Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--"

„Da sieht man es wieder," wandte ich ein, „wer wird denn in einer
honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um
heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens
trinken--aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich
zusammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahasvere!"

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah
es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt
kamen, desto bänger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn
Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig
in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke
anstieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung,
in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher
Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen
mochte, wie sie hierher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in
dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der
feierliche Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die,
wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen
Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt
ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen,
interessanten Schmerz zehren; [Fußnote: Ganz in der Eile nimmt sich
der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß der Boudoirs dieser
protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im
Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen
Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die
Eigentümerin höchstens „_O Sanctissima_"  darauf spielen kann.
Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor verhängtes Bild des V e r
s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem
Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand
ein Spiegel.] das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,
naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme.
Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche
ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie
und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders
zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen
Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige
Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein [Fußnote:
Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu
unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter
letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde
übrigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend.
Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso
frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir
selber näher kennen lernen.

Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem
bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der
halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, saß im Kreise die
Gesellschaft.

Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den
Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne, zarte
Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen
Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte
ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht
darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die
nämliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbückte,
gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom
Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Die
gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der
Anstand ließ sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen.
Wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen
begann, und sie sah sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen.
Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches
Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne
glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so daß
doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige
Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die
Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf
wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut
zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu
sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil
ahnte, das er bewirkt hatte.

Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen
stechenden Handkuß zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch
auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne
Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die
prachtvollen Lüsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche
und Tapeten, die künstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen,
endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm schwarz und weiß
gemischt war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schließen.

Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau
bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter
Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht
vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den
Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört
habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein Furore in Deutschland
machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekränzte
junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in
unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die
er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören
bekommen.

Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame
ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:

„_Voyez-là_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glücklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
glänzende Stil--"

„Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame
des Hauses, „darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von
Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich
Glück."

„Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau,
„unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem
Ziel der Menschheit [Fußnote: Frau von Wollau will wahrscheinlich
sagen: „nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie
zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt."

„Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Fräulein N a
t a l i e, die ältere Tochter des Hauses. „Ach! wer doch auch so
glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen
Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre
Tasche nicht genug bewundern."

„Schön--wunderschön--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die
elegante Form!" hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen,
und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz
vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht
erbeten hätte. „Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief
die Wollau „Wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders
der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"

„Herrlich--schön--ein vortrefflicher Einfall--" ertönte es wieder, und
unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen
wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch
dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman
gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das
Zeichen, und die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus
dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht
irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen
der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar
nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergießungen
zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit
genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten,
und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren
alles hören konnten. Die eine der beiden war die jüngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren
hatte.

„Und denke dir," flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, „heute in aller
Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
müssen."

„Du Glückliche!" antwortete das andere Fräulein, „und hat Mama nichts
gemerkt?"

„So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit
dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich mich
dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht
undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich
mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser
Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der
Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte
mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß jener
vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurückkam. Er äußerte
gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
verstehen."

„Ach, wie glücklich du bist," entgegnete wehmütig die Nachbarin, „aber
ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
wird es mir ergehen!"

„Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
so schnell kam?"

„Ach!" antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im
Auge,--„ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im
Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des
Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden,
er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst.
Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben,
er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert
dies nicht tun, und darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar
nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an
meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen
Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!"

„Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues?
Daß sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?"

„Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?"

„Höre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes,
tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir
neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh,
die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen
weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel
schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das
weiß aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz
gewiß. Auch an den Beinkleidern geschehen Veränderungen--Eduard muß
aussehen wie ein Engel--siehe bisher...."

Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der
Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah
ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes
Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
glänzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e  L i e b e
in ihnen spiegelt.

         *       *       *       *       *



DREIZEHNTES KAPITEL.

Angststunden des ewigen Juden.


Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen
Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch
der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle
Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie
nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren
sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die
eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte
sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie
allen bereitet habe.

Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach, allen Seiten
hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht
undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf
das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise
Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden
ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts
aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare
Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als
traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach
meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu
verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so
greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die
Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,
und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von
Wollau, die ihm gegenüber saß, ihren Einfluß auf die Dichterin
mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten
Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte.

Wer jemals das Glück gehabt, einem eleganten Tee in höchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten
alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine
unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt
zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.

„Ich hoffe, gnädige Frau," sagte er, „Sie werden mein allerdings
unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu
rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine
Ideenassoziation Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon
manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lächerlicher Gedanke
aufgestoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn
zu verhalten und zurückdrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf
einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie würden
mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt
sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
„Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer
berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in
manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus
meinem eigenen Leben.

„Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen
Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne
Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte
die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen
gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen
Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.

„Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem
Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche
Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt
nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu
erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt;
denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre
Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen
vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:

„‚Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich
diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?'

„‚Ja,' antwortete die andere Dame, ‚heute früh nach dem Kaffee habe
ich sie umgebracht.'

„Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich
näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,
schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen
sollte, und hörte weiter:

„‚Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch
Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona,
mit dem Deckbette erstickt?'

„‚Keines von beiden,' entgegnete jene, ‚aber recht hart ward mir
dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon
zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr
anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ
sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen
Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von
Elisen nichts mehr gesehen.'

„‚Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf
die eine oder andere Art umgebracht?' „Nun, das wird bald abgezählt
sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten
Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
mit mir konkurrierten.

„Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte
diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk
an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel
aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?

„Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden
und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn
die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir
erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch
die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen;
aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen
die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der
Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und
eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion
der Polizei.

„Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze
Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von
den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
gewisse P a u l i n e  D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der
mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen
Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer,
schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und
fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein
werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da
er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen
womöglich vermeide.

„Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen
habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und
fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des
ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände
öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als
die Verbrecherin an.

„Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem
Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.
Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten
Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen
Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah
sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden;
sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer
mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?

„Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den
Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste
zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen
zu entlocken: ‚Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis
angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb
durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!'

„‚Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'
antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
Lächeln überzugehen schien.

„‚Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie
zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der
Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte.
‚Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten
kann?'

„‚Nicht doch!' entgegnete die Dame. ‚Die Geschichte ist ja
weltbekannt.'--‚Weltbekannt?' rief jener. ‚Bin ich nicht schon seit
zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne
mir entgehen?'

„‚Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die
Belege herbeibringe?'

„‚Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf
jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--
zugestoßen!'

„Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

„‚Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte
sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.

„‚Taschenbuch für 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch
aufschlug und durchblätterte. ‚Was, Teufel, gedruckt und zu lesen
steht hier: P a u l i n e  D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die
Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst
Schriftstellerin?'

„‚So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
sprachlos, auf mich deutete.

„‚Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den
Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des
Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

„‚Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,
‚und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--

„Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war
der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte,
interessante Th. v. H. Die Erzählung ‚Pauline Dupuis' ist noch heute
zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes
Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht.
Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große
Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige
Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in
einem Klub abgehalten hatte."--

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von
Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges
Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt
hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus
seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie
sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn
öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich
über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die
Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars und an den
fröhlich grünenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,
herrlichen Lieder aus dem Munde eines „luschtiga Büebles" oder eines
rüstigen, hochaufgeschürzten „Mädles" belauschten, ein Gegenstand
hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten
Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen
Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften
Hügeln, von klaren, blauen Strömen, von blühenden, duftenden
Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten
sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der
Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken
verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes
Deutsch sprächen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen
Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und
im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten
begangen, die allgemein unter dem Namen „Schwabenstreiche" bekannt
seien.

Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu
fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so
aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug die
gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
schnell wieder verlieren sollte.

„Ob die Berliner," sagte er, „mehr innere Bildung, mehr Eleganz der
äußeren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder
vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu
untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man
dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge
hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen,
welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist."

„_Quelle sottise!_" hörte ich Frau von Wollau schnauben, „welche
abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er
sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten;
ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt
hätte, fuhr er fort: „Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser
verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt, wie alles so naiv, so
lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden
Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie
liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
verschämt wegwenden und flüstern: ‚Ach ganget Se mer weg, moinet Se
denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch
auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je
der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das
zornblitzende Auge einer Dame versöhnt, so begehest du den großen
Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben
und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren
ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter
zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,
die älteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und
auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu
einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen
klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit
zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter
nobel und edel aussehen möchten--wozu heutzutage, außer dem Gefühl der
Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört--welche die immer
wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende
Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die
Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen
des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und
ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?

_Jamais!_ Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über
das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über
Schneegefilde herabglänzte: „Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr
Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven
Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"
fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt
hatte, wandte, „ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr
zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unseren Damen
seine robusten Naturen und jene Naivetät vermissen, die er sich so
ganz zu eigen gemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten
Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen
Sachtüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine
Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
lange Raum, bis sie den Doktor hinlänglich gestraft glaubte. Beleidigt
durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen
so eigentümlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren
Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft
die längst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine
Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen
Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,
richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur
vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte
jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verrät, der das Leben und Treiben der großen und
kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des
ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte
sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein
Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein
gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen
haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende
Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
nicht aufwiegen.

       *       *       *       *       *



VIERZEHNTES KAPITEL.

DER FLUCH.

(Eine Novelle.)


„Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante," sprach der junge
Mann mit voller, wohltönender Stimme, „eine artige Novelle oder eine
leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu finden. Doch, um
nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen
gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
Wahrheit für sich hat."

Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren
Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand
ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der
Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine
Begebnisse recht gespannt sein dürfe.

Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:

„Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,
welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,
war Frau von Wollau mit davon--vor den schönen Römerinnen, vor ihren
feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
dankbar an, noch kräftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen
holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen
Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten
mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie
sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.

Der s----sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;
mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen
hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich,
hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
ich einen Klagegesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst
lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit
solcher Ritualien überzeugen können; selbst in dem ehrwürdigen Kölner
Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
Lichtes, die mächtigen, vollen Töne der Orgel manchen anderen ernster
stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
Sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache--alte, ausgediente,
schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher
Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstür. Der Glanz der Kerzen
blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
dunkeln Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der
Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was
Rom an Fremden beherbergte.

Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge
Engländer von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nähe. Sie
zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem
Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,
es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich
mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr
ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke, hohe
Gestalt, dem Anschein nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier
bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen
Teil des Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in
Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten
Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte
eben--da begann der Klagegesang, und meine Schöne schien so eifrig
darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig
lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papst und
seine Lamentationen verwünschend.

Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der
menschlichen Brust, Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,
eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein
Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der
Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf
übrigen Kerzen verlöschen müßten, bis ich ans Ende denken könne. Die
Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen gesunden
Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer
Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei
Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.

Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis
ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung
bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum
erstenmal meinen Augen.

Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen.
Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren
Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen
waren verlöscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,
herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,
immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich
damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als
wäre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine
fürchterliche Nacht.

Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße, klagende Stimmen. Was
jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor
diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der
Weinenden, vom Chore herüber Töne, wie von gerichteten Engeln
gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit
unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge
ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch
zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer
auf den Knien niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.

‚Signora,' sprach ich, ‚die Tore werden geschlossen, wir sind die
letzten in der Kapelle.'

Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,
sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
vorgerückt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich
mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann
mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner
Hilfe die Dame aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der
halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glänzendbraune Locken
hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und
umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine
durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen
versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,
konnte Schmerz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
auf, dessen eigner, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich
einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich
auf und stand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte
Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses.
Sie schaute verwundert in der Kirche umher und ließ dann ihre Blicke
zu mir herübergleiten.

‚Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar
meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie
schien verwundert über mein Schweigen.

‚Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
unterstützt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spät.'

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.
Sie drückte zärtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
möglich--das Mädchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war
offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so
ohne Arg.--Ich wagte es--ich übernahm die Rolle eines verstimmten
Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollte ich
wählen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm
allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.

‚Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ‚Otto,
wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.'

O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen
beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in
Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es
aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch
immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge
sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß
erwarteten.

‚Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,
daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast
recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der
Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'
weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels
tauchte. ‚Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht hätte, mein
Otto!--'

Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im
Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen
noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ‚Wie könnte
ich dir zürnen?'

Sie schaute freundlich dankbar auf--‚Du bist wieder gut? Und o! wie
siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme
klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen
ganzen langen Tag auf dich warten.'

Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
Glocke zog. ‚Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, ‚wie gerne
setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl
schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen
heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna
in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich
wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war
doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen,
der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine
vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken.
Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
kostete.

Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner
Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine
rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich
sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,
dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und
behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen
zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine
Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen
schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das
leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die
beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor
dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch,
mir suchen zu helfen.

Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um
die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir
endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die
Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank
an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging
auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit
entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse,
die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus
einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die
Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten
uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein
Ebenbild ließen sich sehen.

Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen
Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des
Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme
flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt?
Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die
Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,
die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte
ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert
habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder
verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die
Gesuchten wären?

--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein
prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern
eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich
gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten
aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen
Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre
Neugierde nicht zur Genüge befriedige.

Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta
del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil
es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es
festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem
Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes
Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und
verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und
winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten
drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein
herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die
alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.
Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den
Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man
konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade
hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den
Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der
Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes
unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,
diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern
können.

Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,
weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone
musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich
fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ‚So einsam?' tönte in
der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich
um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter
mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich
damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot
ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ‚Du böser Otto,'
flüsterte sie, ‚den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie
mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'

Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es
von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für
mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske
abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem
Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch
höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte."

„Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein
Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann
plötzlich: ‚Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in
der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn
deiner Luise noch nicht?'

„Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die
Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und
ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um
nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch
etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
Neugierde Frevel?

„Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher
sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein
konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich
schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei,
da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen
konnte."

‚Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, ‚du selbst hast
mich ja heraufgeführt.'

‚Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
vorhin sagte. ‚Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben
noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: ‚Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das
Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, ‚und wenn Sie sich in Rätsel
vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf
und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des
Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die
überraschendste Ähnlichkeit--"

       *       *       *       *       *



FÜNFZEHNTES KAPITEL.

Das Intermezzo.--Der Trinker.


Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude
lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee,
Trümmer seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz
zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung
war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge
von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
rühren, und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach
einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein
Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, daß
wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der
gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein,
sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines
Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen.
Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte
mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, daß
mich dieses Lachen ungemein ärgerte.

Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu
Ende gehört; wie viel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem
gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst
nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen findet, wo
er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die
Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des
alten Menschen verdorben; ich hätte ihn würgen können, als wir im
Wagen saßen.

„War es nicht genug," sagte ich, „daß du mit deinem scharfen Judenbart
die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch
noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?
Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m ä d e l an,
daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du
denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt
hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige
Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal
und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener
würdige jüdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und
eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad,
wie fingst du es nur an?"

„In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen
unsereinen," antwortete er verdrießlich. „Ihr wißt, daß Euch keine
Gewalt über meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren
kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis-Geschichte
betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem
man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern
Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten
Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an
einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich ließ
für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem
Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich
ihn auf, zu erzählen.

Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte,
begann er:

„Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich,
sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich
werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.

„Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu
vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein
Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von
einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs
Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen
eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt
in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht
abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein
so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging.
In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem
Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit
Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.

„Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die
Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die
Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf
den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause
meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen
zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet,
schwenke ihn in einem kühnen Bogen und--o Unglück--er entwischt meiner
Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur
noch die Spitze hervorsieht.

„Wie schön sagt Schiller:

  ‚Einen Blick
  Nach dem Grabe
  Seiner Habe
  Sendet noch der Mensch zurück.'

„So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in
zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber
dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig
_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen
oder dem Tollhaus entsprungen?

„Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem
gegenüberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute
brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ‚Hussa, Sultan, such'
verloren!' tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den
verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
präsentiert mir das triefende _corpus delicti_.

„Was ich dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Bester, war das
Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst
die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch
bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich, einen
zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das
battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
keinen Spaß, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich
ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
dünn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und
Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein
Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.

„Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich
nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
das Kaffeehaus bestellt, um meine tägliche Fensterparade zu
bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem
Glas, trank und fuhr dann fort:

„Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher,
besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel
auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der
vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird.
Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette
Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern
und sie verschütten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht
mir der Angstschweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden
Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach
und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf
dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, daß alles im
schönsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas
umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne dem Schoßhund auf
den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die größten
Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so faßt mich
irgend ein Unheil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe wie
heute."

„Nun," fragte ich, „und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"

„Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar
Pfaffen habe singen hören und wie er einem hübschen Mädchen
nachgelaufen sei--was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu
sein--da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel
ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts
in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich
mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich
lag--"

„Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; „aber wie kann
man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
mit dem Stuhle schaukeln."

„Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
Geschichte; ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles.
_Bibamus, diabole!_"  sagte der alte Mensch, indem er selbst mit
tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote
Glas wies: „Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter
Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt
auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist
noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt
nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber
desto weniger Wein getrunken wird."

„Du könntest recht haben, Jude!"

„Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, „wie stattlich nahmen sich
sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den
dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche--so
traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach
ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem ‚Wohl bekomm's' die
Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn
fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte
wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den
guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen,
so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen
sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den
Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Lustiges, unstetes Gesindel
fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu
sitzen kömmt, und das heißen die Leute K o s m o p o l i t i s m u s.
Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten
Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"

„Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, „du Prediger in der Wüste, dort
sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem
braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche
hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen
und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und
hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt,
um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?"

„Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, „ich bin
jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; laß
uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"

Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das
nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige
Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er
wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren
Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten
Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden
freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann
gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen
sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten
Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie
geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

„Wer seines Leibes Alter zählet
    Nach Nächten, die er froh durchwacht,
  Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
    Sich um den Groschen lustig macht,
  Der findet in uns seine Leute,
    Der sei uns brüderlich gegrüßt,
  Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
    In seine sanften Arme schließt.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
    Von Flötentönen süß berauscht,
  Fein Liebchen sich im Arme schmieget
    Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
  Da haben wir im Flug genossen,
    Und schnell den Augenblick erhascht,
  Und Herz am Herzen festgeschlossen
    Der Lippen süßen Gruß genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
    Doch ist sein Feuer bald verraucht,
  Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
    In seine Geisterglut dich taucht;
  Uns, die wir seine Hymnen singen,
    Uns leuchtet seine Flamme vor,
  Und auf der Töne freien Schwingen
    Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
    Zum würdigen Gesang erhebt,
  Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
    Daß ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf--sie schweben nieder,
    Im Vollton rauschet der Gesang,
  Und lieblich hallt in unsre Lieder
    Der vollen Gläser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten
    Und bleiben fürder auch dabei,
  Und mag die Welt um uns veralten,
    Wir bleiben ewig jung und neu:
  Denn wird einmal der Geist uns trübe,
    Wir haben ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
sagen, doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei;
die zwei alten Weingeister waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie
drückten dem a l t e n  M e n s c h e n die Hand und gebärdeten sich,
als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.

Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf. Der ewige Jude sah
mich an und brach auf; ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen
uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre
heiseren Stimmen in wunderlichen Tönen singen:

  „Und wird einmal der Geist uns trübe,
    Wir baden ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

       *       *       *       *       *



SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE

nebst

einigen einleitenden Bemerkungen
über das Diabolische in der deutschen Literatur.

  „Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
                                       Goethe.



SECHZEHNTES KAPITEL.

Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.


„Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen
und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an
gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das
Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,
überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn
ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über
die I d e e  e i n e s  T e u f e l s  mich breit machen müßte.

In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die
gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg
zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so
dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
z  g e h e u e r  u m  s i e  h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman
oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das
„_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht,
mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu
machen?

In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
hierüber folgendes: „§ 8.  D i e  I d e e,  d a s  m o r a l i s c h e
V e r d e r b e n  i n  e i n e r  P e r s o n  d a r z u s t e l l e n,
m u ß t e  s i c h  d a h e r  d e n  D i c h t e r n  h a l b
a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über
Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde
ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und
von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander
ausweichen.

Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet
waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde
herzuleiern!

Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte
verführen lassen."

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier
aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder
gerecht sein. „Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
Dissertation fort, „und wie sich in jenen Poeten das moralische
Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock
wieder bei weitem anders aussieht.

„Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die
Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig
ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und
darum unanständig jammert."

So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über
das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es
entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.

Der G o e t h e s c h e  M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes.
Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die
Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter
dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man
wird mir einwenden: „Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß
er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken,
seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
Volkspoesie knüpft."--„Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in
diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche
Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in
seine Sonnenhöhe tragen?"

„Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, „du vergissest, daß
unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht
in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder
zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm
hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und
schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strömt."

„Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, „und zugleich eine Sottise.
Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
die Erde spazieren lassen?

„Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über
seine Schenke schreiben: ‚Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?"

Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß
er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er
wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
werden ausrufen: „Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich
sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der
Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.

„Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, „erkennst du nicht
die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
liegt?"

Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube
beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu
beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der
beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:

  „Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere,
  Verbietet mir ein kleines Hindernis,
  Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;"

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

  „Bedarf ich eines Rattenzahns;"

daher befiehlt

  „Der Herr der Ratten und der Mäuse,
  Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal „Herein!" ruft. In andere
Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich
ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren
Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

  „Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört,
  Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter.

Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der
Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
mache ich eine unanständige Gebärde:

  „Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
  Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

  „Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
  Ich wünschte mir den allerderbsten Bock."

Auch hier

  „Zeichnet mich kein Knieband aus,
  Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus."

Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich
mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
durch Gedankenstriche

      „Der, hatt' ein-----
  So--es war, gefiel mir's doch"

anzudeuten wagt.

Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle,
der

       „--------kalt und frech
  Ihn vor sich selbst erniedrigt."--

Ich bin ohne Zweifel von häßlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

  „Der Mensch, den du da bei dir hast,
  Ist mir in tiefer innrer Seel' verhaßt.
  Es hat mir in meinem Leben
  So nichts einen Stich ins Herz gegeben
  Als des Menschen widrig Gesicht.--
  Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
  Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.--
  --Kommt er einmal zur Tür herein,
  Sieht er immer so spöttisch drein
  Und halb ergrimmt.--
  Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
  Daß er nicht mag eine Seele lieben" &c.

Daher sage ich auch naher:

  „Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
  In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiß nicht wie;
  Mein M ä s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn,
  Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
   Vielleicht wohl gar der Teufel bin."

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines
Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich
macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der
schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk
scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein
Gesicht, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:

  „--Wo er nur mag zu uns treten,
  Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."--

Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde,
nach den gewöhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt.

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem
genialen Retsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen
Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden
das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens,
Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr; welche
Würde noch in dem gefallenen Göttersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.

Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedorrte Gesicht,
die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel--
hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat. [Fußnote:
Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so
ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm
fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen
verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften
Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird um so
wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit
in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich übrigens durch den
übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße,
die ihm nicht hätte beigehen sollen.].

Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende
Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l
würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
gefallenen M e n s c h e n. Die Sünde hat seinen Körper häßlich,
mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften
gewühlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprüht die
grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch
wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat
und jetzt aus Übersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist
es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen
schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
könne nun einmal nicht anders aussehen, er k ö n n e sein Gesicht,
seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese:

  „Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
  Hat auf den Teufel sich erstreckt;
  Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
  Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?

  Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
  Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere."

Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein „Mäskchen"
nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln;
aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das n o r d i s c h e
P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur daß er mich von „H ö r n e r
n, S c h w e i f  u n d  K l a u e n" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf
jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt,
darf er durch einen gewöhnlichen „Bruder Liederlich", als welchen
sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--muß nicht d i e s e
Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun?

Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und
meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
„Söhnchen! Diabole! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes
Publikum haben und um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als
möglich sein muß."

       *       *       *       *       *



SIEBZEHNTES KAPITEL.

Der Besuch.


Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e
einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht
wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann
einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen
können; ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand
ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles
nächtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die
Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an
mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine
schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloß mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel
auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es
ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein
ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,
so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: „Wann
kann man den Löwen sehen, Bursche?" „Mein Herr," antwortet der
Gefragte, „die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der
Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters
Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch
Europa dem berühmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig
Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir
sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten?
Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas
unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit
mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage
beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten.

Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. „Sie werden wahrscheinlich
nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie
angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen
ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den
guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_
nach Weimar und gehe von da wieder heim. Übrigens hatte er richtig
prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und
Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
Treppe führt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem
Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das
Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger
Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das S t ü b c h e n  d e s  D i c h t e
r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen
von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte
hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet, durch welche der
Gefeierte eintreten mußte.

Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die
höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Laufe
der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe
alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft--Goethe hat sich seine
eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch
keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch k a n n, was er
will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
Höheren geführt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben „Werther" in dem
lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen
Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war
Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur
daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem
ersten Ton, den er angab, mußten Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen
in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt
dieses große schöpferische Geheimnis? A l l e s  z u r  r e c h t e n
Z e i t. Der „Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie für
allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht,
da kommt Goethe--

Die Türe ging auf,--er kam.

Dreimal bückten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu
blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie
die eines Jünglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und
Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus
seiner Brust glänzte ein schöner Stern.--Doch er ließ uns nicht lange
Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
zum Sitzen ein.

Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske
zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele
Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm
zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er
sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für
einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi
ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein
Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von
Louisiana über ihn und seinen „Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So
wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer
Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er
müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,
wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die
der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln
werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann
ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein
umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Sätteln
gerecht ist--wie interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung
werden! Wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
genügen!

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,
wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Fußnote: Jean Pauls
Flegeljahre], ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein
schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und
vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll auf die Lippen des
Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kandidat auf den
strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflückte
einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein
mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm
herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er
sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über
das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen
Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er
uns, daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war
nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,
Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und
Übersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine
Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was
ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne! Ich glaube,
wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte
sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle
Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer
Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren müsse.

Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das
Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen
seiner Beredsamkeit öffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen
Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen und
pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es
war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche
Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,
daß man sich angewöhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h
ö r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,
daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.

Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das
Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen
und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der
gute Mann ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig
wünschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und
werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe
seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei
Bücklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er
schien höchst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir
das eine und stieß an auf das Wohl jenes großen Dichters.

„Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, „zu finden, so
hocherhabene Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange
vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei
dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange.
Und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,
welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er
schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters
Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem
Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
leichter, flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen
Körpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie
leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen
glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so
ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,
bei ihm gewesen zu sein, denn

„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

       *       *       *       *       *



DER FESTTAG IM FEGEFEUER.

Eine Skizze.

„Das größte Glück der Geschichtschreiber
ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten
protestieren können."
                         Welt und Zeit. I.



ACHTZEHNTES KAPITEL.

Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.


Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges
Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift: „D e r  F e s t t a g
i m  F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem
Titel. Es ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten
Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.
Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube
wiedergegeben wird, haben die Küster im Lande schwere Arbeit; denn man
läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein
Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese
Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstage werden
mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die
Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch
wenigstens in den Landstädtchen _bière dansante_. Kurz, alles
lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.

Um nun meiner guten G r o ß m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt
ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie
sich gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine
Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den
sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre
Sitten. Was von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten
schicken (_in pleno_ können sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige
Hofmarschälle, Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen
es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, zu
arrangieren usw.

Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal
fühlt sich _chère Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese
Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten
Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser
einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die
Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck
einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges „Vivat der Herr
Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesväterliches
Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist als ein
H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr,
wenn sie n i c h t schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;
Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
finden sich, wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich
einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein
hübsches Licht werfen würden.

Einst trat ich in einen Saal des _Café de Londres_ (denn,
nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf großem Fuß und höchst
elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber
durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu
versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm
eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.
Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine
ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte
das Kinn. Ein schöner Kopf!

Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von
hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und
spitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm
gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles
Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein
feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt,
ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendend
weißes Leinenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. Ich sah
in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er
winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine
brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten
sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen
Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein
Deutscher.

Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr
hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und
das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,
welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland
bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier
der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als
dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante
Negligé, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem
kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel _à la Duc de Berry_
zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit
drei Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als
modisch zu gelten, an den Spitzen nach der großen Zehe sich hinneigen
und ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage, bis auf jene
Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,
einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und
unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den
neuesten Geschmack für den Morgen angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die
Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke
des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu
sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,
als zu hören.

Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an
dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,
ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die
Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

„Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein
Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier
habe.

„Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft
schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den
ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig
auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste
Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Züge
Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er
erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen
Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,

  „Der Zähne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,
eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber
genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,
was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n  j u n g e n  M a n n
zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende
Haare, an die etwas niedere Stirn schloß sich ein allerliebstes
Stumpfnäschen, über den Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden
hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem
grobschattierten Holzschnitt, keinen übeln Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war
polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften und formierte
die Taille so schlank, als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte
ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren
solche nur aus dünnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde
mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste
Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit
jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte
selbst in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung
mehr Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer
ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen
möchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,
daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig
abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. „Mein Gott,
Herr von Garnmacher," sagte er „ich möchte verzweifeln; der englische
Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu
wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu
führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
andern versteht?"

„Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem
Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; „man kann sich zur Not
denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe
nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern
können."

„_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig
neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

„Ist's möglich, Mylord?" rief der Franzose vergnügt, „das ist sehr
gut, daß wir uns verstehen können! Markör, bringen Sie mir
Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch
schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie
dieser hier."

„Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; „aber
wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne
Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von
allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich
hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an
diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück
hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster
Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen."

„Gott soll mich behüten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er
nach der Uhr sah; „jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne
Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _détestable
purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die
Promenade gehen sollte?"

„Nun, nun," antwortete der Stutzer, „ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer
im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn
es Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib
vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

„Mein Gott," entgegnete der Incroyable; „ist dies nicht ein so
anständiges Café als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
Salon besser wünschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack
in solchen Dingen, das muß man ihm lassen."

„_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem
Franzosen Beifall zu. „_Et ce salon confortable_!"

„Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, „nun, die wird auch da
sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine
Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig
etwas aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne
interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele
erlebt als Mylord?"

„_Goddam_! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr," sagte
der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die
Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil
zurecht setzte; „noch ein Glas Rum, Markör!"

„Ich stimme bei," rief der Deutsche, „und mache Ihnen über Ihren
glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche
Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzählen?"

„Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord
Fotherhill, „Und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen."

„Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;
„machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
Zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,
und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
er das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen
hinüberdeutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: „Geben Sie einmal
acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit über ihn
erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit
großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte
in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann.

       *       *       *       *       *



NEUNZEHNTES KAPITEL.

Geschichte des deutschen Stutzers.


„Als mein Großvater, der Kaiserlich-Königlich--"

„Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, „verschonen
Sie uns mit dem Großpapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was
war er?"

„Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich hätte mich gerne bei
dem Glanze unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in
Dresden auf einem ziemlich großen Fuß--"

„Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit."

„Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, „war
Kleiderfabrikant _en gros_--"

„Wie," fragte der Lord, „was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

„Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig
und stieß das Glas auf den Tisch. „Das ist nicht die Art, wie man
seine Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von
kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus
am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche
Kleider für die Leute machten!"

„_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein
Schneider?"

„Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte
die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und
die ersten Bürger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser
guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was,
kurz, es war ein ganz anständiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den _garçon tailleur_
so perorieren hörte, doch ich faßte mich, um den Markör nicht aus der
Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und
wollte sich ausschütten vor Lachen; der Engländer sah den Stutzer
forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden
konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

„Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem
schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit
Vergnügen, Sie zu unterhalten!"

„_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die
Tränen aus dem Auge. „Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns
Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder
_tailleur_ war, Erzählen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu
hübsch."

„Ich genoß eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus
zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der
eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten
_typto_, in meinem zwölften _pakat_ eingebläut. Sie können sich
denken, daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar
angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt;
das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah
die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden,
als daß ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des
künftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann,
Schröder, und wie die Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit
harten Köpfen wie böse Geister erscheinen, abmarterte.

Ich hatte überdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte;
es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu
schönen Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß
wie unter den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn
ich dann das kleine Schiebefenster öffnete, um den Kopf ein wenig in
die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf
den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort
unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein
Töchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide
Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock,
frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die
Zaunlücke bei der Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete
sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem
elften Jahre den größten Teil der Ritter= und Räuberromane meines
Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern
Ländern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß
sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie
viel höher stehen diese Bücher alle als jene Ritter= und
Räuberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst
hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große
Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch
aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ‚M i t t e r n a c h t,
d u m p f e s  G r a u s e n  d e r  N a t u r, R ü d e n g e b e l l,
R i t t e r  U r i a n  t r i t t  a u f.'

Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn
er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie
fühlte ich da das ‚G r a u s e n  d e r  N a t u r!' Und wenn der
Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen,
daß sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte Türe
hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als ‚R i t t e r  U r i a n
t r e t e  a u f!'

Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch
mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde
umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg
hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkürlich in Amalien.

Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche
entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
waren, daß sie mich ordentlich a n g l ä n z t e n. Das sind so die
echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein
‚R i n a l d o R i n a l d i n i', ein ‚D o m s c h ü t z', ein
‚a l t e r Ü b e r a l l  u n d  N i r g e n d s' oder sonst einer
unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn
Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des
Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den
fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn
zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn über
einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere
Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn
Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen
Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.

Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war
übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der
schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu
geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze
in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.

Das einzige Unglück meiner Liebe war, daß wir eigentlich gar kein
Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen
dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem
Kaufmann), wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten
hinübergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es
kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen
Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ
(weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuche des
Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für
unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer
zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war
mein hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und
von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber
belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich,
daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er habe gewiß
unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige
Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber
wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die
unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f ü r bekam
ich Schläge.

So war ich fünfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
ungetrübt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da
ereigneten sich mit einem Male zwei Unglücksfälle, wovon schon einer
für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen
herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ."

„Was ist das, Fouquésche Romane?" fragte der Lord.

„Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese
Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué
ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist,
mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken
reitet und kämpft wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein
wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere
heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und
um fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker
gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als
der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer
bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind
hauptsächlich f r o m m und k r e u z g l ä u b i g.

Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
steifen Kragen angetan und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben
ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche
Getiere."

„_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der
Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.

„O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei
uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt,
nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi
passati_--so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer
auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das
Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über
Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten; da trat
jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten,
und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den
französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke
aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
Leinwand setzen, und ‚Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort,
_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

„_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen,"
unterbrach ihn der Engländer; „vor acht Jahren machte ich die große
Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich
mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese
und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten
wunderbare Mützen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie
Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf
Rücken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite,
zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um den
Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer. In
sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren.
Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen
auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und
Uniform wäre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese
vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler aus
Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den
fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn
und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen
Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen
Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit
sich aus; denn als mein Kahn über den See hingleitete, erhoben sie
einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen,
ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat,
welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte."

„Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, „so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquésche
Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine
Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der ‚wunnigen Maid', mit
einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte übrigens
der ‚Z a u b e r r i n g', die ‚F a h r t e n  T h i o d o l f s' &c.
nicht den gewünschten Eindruck; sie verlachte die sittigen,
lichtbraunen, blauäugigen Damen, besonders die B e r t h a  v o n
L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein,
schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
hatte.

Ich war zu sehr erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging,
als daß ich ihr Gehör gegeben hätte; aber der lüsterne Brennstoff
jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr
Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und
kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen
altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den
Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und
dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur so
viel ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen
nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische
Bibel und die griechischen Unregelmäßigen vor mir liegen und auf ihnen
meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint und
durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und
höchstens der unglückliche O t t o  v o n  T r a u t w a n g e n, als
er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine
Höhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie ‚aus
entwölkter Höhe' mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz
gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n  w i r  f ü r
d e n  g r ö ß t e n  M a n n  D e u t s c h l a n d s  h a l t e n.
Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und wider
angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen
harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider
gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige oder schlechte
Arbeiten geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich
fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer
meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen
Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können.

Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für
mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen
Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich?
Und wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand
nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines
Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im
reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a  S p a d a?
Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die
Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark
dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem
fürtrefflichen Charakter. A d o l p h  d e r  K ü h n e, R a u g r a f
v o n  D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem großen Mann. Wie
schrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie
nach Rom wandeln und Buße tun müßte; aber dies schwächt doch sein
majestätisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n
glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte
ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Größte gewesen
zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen
ist, jeden Zauber überwand.

Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser
reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein
Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der
größte Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor.
Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach,
wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein
wenig auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war; wie
großmütig verschmäht er alle Belohnung; ja, er schlägt einen
Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm
ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie
schön beschrieb ich das alles; ja, es mußte das Herz des alten Rektors
rühren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze
zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick
nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe
schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ‚Kann man
etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die
Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bête; konnte
ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin
den Preis, der dir gebührt.'

So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den
d e u t s c h e n  A l c i b i a d e s und nächst ihm H e r m a n n
v o n  N o r d e n s c h i l d für die größten Männer halte. Man könne
ihnen den R i t t e r  E u r o s, welcher nachher als D o m s c h ü t z
m i t  s e i n e n  G e s e l l e n so großes Aufsehen gemacht habe,
was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch
stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe
ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ‚Er wird ein schönes
Geschmier haben, Garnmacher!'

‚Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und
verließ ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde über
den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer gelehrten,
mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of
Wakefield dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt
würden, und Sie priesen die n e u e  H e l o i s e, würde man Sie
nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich
begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte,
erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich da mit
Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter
Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer
trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im Äußeren des Preises nicht unwürdig, welcher mir
heute zuteil werben sollte.

Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure
Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen,
Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer
kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft
mit rosenfarbener Überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte
laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem
triumphierenden Lächeln verziehen wollte; aber ich gab mir Mühe,
bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: ‚Und nun komme
ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem
Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung
niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß
gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h
ü t z e n noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo!
_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden
Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ‚Es
wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre.
Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus
naturae_, hieher zu mir!'

Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich
vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und
einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt
über mich herab, von der ich nur so viel verstand, daß ich eine Bête
wäre und nicht wüßte, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen, blumigen
Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem
man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte
Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der
man herabstürzte, ist mit all ihren Blütengärten verschwunden, ach,
sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger
Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte,
verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
aus, ich stand wie Mucius Scävola.

Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem Vater
ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen
Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag vier
Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die mir
Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer
Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich
mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor
beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche
mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und
den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen
Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs
erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog.
Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese
tapfern, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht
geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir
herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell,
Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute--alles, alles
dahin, alles nichts als eine löschpapierne Geschichte, im Hirn eines
Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe
Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten, vergoldet vom Abendrot,
über dem Dunstmeer.

So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
jene Türme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:

_O fortes, pejoraque passi
  Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
  Cras ingens iterabimus aequor._

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte
ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--"

       *       *       *       *       *


Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den
Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des
letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet
sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese
bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil.

       *       *       *       *       *



ZWEITER TEIL.


VORSPIEL.


Worin von Prozessen, Justizräten die Rede; nebst einer
stillschweigenden Abhandlung: „Was von Träumen zu halten sei?"

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem
Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am
angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine
gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan, die
nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Übersetzer
erwünscht sein muß.

Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen
Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des
Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen
Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in
welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er
diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt
und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen
begleitet worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war
eine

W a r n u n g  v o r  B e t r u g

„Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan
sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch
seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als
Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich, falsch und unecht,
was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."

Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von
niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das
Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,
nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen
Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger
über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen
und besagte Memoiren für unecht erklären?

Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die
Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, daß ich einer
Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und
zwar--vom Teufel selbst, der gegenwärtig als Geheimer Hofrat in
persischen Diensten lebe. Er behauptete nämlich, ich habe seinen Namen
Satan mißbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie
geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm
benützt, um diesem schlechten Büchlein einen schnellen und
einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, daß
ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm
Schadenersatz zu geben, „dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff
entzogen worden".

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher
schon den Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann
sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute
ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein
Kämmerlein, um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein
Zweifel, daß es hier drei Fälle geben könne. Entweder hatte mir der
Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht
zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein böser
Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript
in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als
erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom
Teufel, und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich
in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor.
Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich
keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten
Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden
Anzahl von Büchern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf
das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben
worden seien, einiges nachlesen.

Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang. Es
wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, so viel darüber
geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten
kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde sogar
auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt;
über der Türe stand mit großen Buchstaben: „Acta in Sachen des
persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend
die Memoiren des Satan."

Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel
nicht „Memoiren des Teufels", sondern „des Satan" gesagt hatte. Die
Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name T e u f e l in
Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens
diesen nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein
angenommener, willkürlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt,
zwei Namen zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere
Hoffnungen zu schöpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere
Erfahrung machen, was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das
Referat in Sachen des _et cetera_ war nämlich dem berühmten
Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen, einem Manne, der schon bei
Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte
und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher
berühmter Jurist meine Sache nur als eine _cause célèbre_ ansehen
und sie also handhaben werde, daß sie, gleichviel wem von beiden
Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und
Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen,
sich an höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger
Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich
Armer?

Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf mich
gewälzt; ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins
Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes
gegen mich in Anwendung gebracht:

E n t s c h e i d u n g s = G r ü n d e

zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember
1825 gefällten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den
_Dr_. .....f w e g e n  B e t r u g e s.

1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, daß er keine
Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen Memoiren
des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwärtig als
Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrühren. Ferner hat der
Angeschuldigte .....f zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern
darüber enthaltene Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus die
Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß „die
Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament
bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel
geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines
Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus
impermissen Kommodum für sich oder Schaden anderer gerichteten
unrechtlichen Täuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen
mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns näher
auszudrücken, da hier die Sprache v o n  e i n e r  W a r e  u n d
g e d r u c k t e m  B u c h ist--einer F ä l s c h u n g schuldig
gemacht; denn durch den Titel „Memoiren des Satan" und die Anpreisung
des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, daß das Buch
ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen
Geheimen Hofrat Teufel verfaßt sei, was beim Verkauf des Werkes
verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging, als
wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn .....f, so dem Publiko noch
gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so es
kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in
Händen zu haben, schnöde betrogen wurden.

4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen
einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei,
worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anspruch zu
machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr
richtig, daß sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens
bekanntermaßen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht
beschränkt, sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt,
namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel oder
Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch
denen Gelehrten durch frühere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels
_et cetera_ rühmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls
niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.

5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das in Frage
stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige,
eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger
Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift
selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher
für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für--eine Satire
auf dieselben erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht
einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus
kein günstiger Umstand für .....f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der
etwas E c h t e s, vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte, erst nach dem
Kauf entdecken konnte, daß er betrogen sei.

6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt,
Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation
auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder
Firma mißbraucht worden, nämlich und spezialiter gegen den Geheimen
Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als
von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften sehr dabei
interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch arglos
herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierüber zu kennen, daß
ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten
geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig und haben nicht darauf
Rücksicht zu nehmen; denn Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man
englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bücher
schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und
kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die
Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls
nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen
Wert mit den übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir
Klein=Justheimer übrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist),
weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden
Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein
tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

(Gez.) Präsident und Räte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner
gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach
jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem
Männlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und
probiert, ob es nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im
Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht
vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, daß
er vor= und rückwärts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du
wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein
unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm
die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den Rücken
herabschaute oder vorwärts; er lächelte so dumm wie zuvor; denn er
hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch
dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen
Händen der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir
die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig,
oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein
Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie
sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch
aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen,
nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme
verschränkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als würde
dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener
Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, der Bänder verschluckte und sie
herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen,
Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man
will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums? Wer hat denn darüber
geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen
selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese
rechtswidrige Täuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch
zurück hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen
kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und
gehören durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun für
mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das
Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes
abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken
sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen
allerart herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die
den großen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er
seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwünsche, um
verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt,
als einem Invaliden, beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens
ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich
riß ihn auf und las:

„Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!

Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche
gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem großen Ärger
die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet
Euch nicht ein, daß sie von mir herrühren. Mit großem Vergnügen denke
ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu
Mainz, und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen
Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche
Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach,
versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
habt und daß das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse. Der
Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so
unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter
Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil
ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte und die ästhetischen
Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies
nicht kümmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im
Notfall könnet Ihr gegenwärtige Schreiben jedermann lesen lassen,
namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht
kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für g u t e  P r i s e
erklären, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln
und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können, wo er ihnen am
meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was war bei Euch von
beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und
Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen
Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen,
und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen Geheimen Hofrat
betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit
ein Wort mit ihm sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in
den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im
ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es
im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei
freundschaftlich meiner erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft bald
zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund, d e r  S a t a n."

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich
lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt
hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu
wollen an ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: „Lieber, sie wohnen zusammen in e i
n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe höher steigen
wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist
einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen
lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."

So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch--was half
es? Sie stimmten ab, erklärten den persischen für den echten,
alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,
und der Prozeß ging auch in der Beletage verloren.

Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den
Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte.

Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die
Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein,
mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen.

Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten,
Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Ärger bereitete,
verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor
bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit
Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so
erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich
selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer
Schöppen.

Ich lächelte über mich selbst. Wie pries ich mich glücklich, in einem
Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht
vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd
sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund für gute
Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos
hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des
Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu würdigen
weiß, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats,
noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen
Prozeßtraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es
war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn
im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief
verheißen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und
immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und
seinen „Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu
lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in
einer Hütte von Malojaroßlawez zubrachte und wie von jenen
Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im
Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte.
vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist
es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem andern
Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da
wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.

„Weißt du schon?" rief er. „Er hat ihn verloren."

„Wer? Was hat man verloren?"

„Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine
ich, wegen des M a n n e s  i m  M o n d e!"

„Wie? Ist es möglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. „Unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?"

„Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der
Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

„Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in
Klein=Justheim anhängig?"

„Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er
besorgt meine Hand ergriff. „Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo
gibt es denn einen solchen Ort?"

„Ach," sagte ich beschämt, „du hast recht; ich dachte an--meinen
Traum."

       *       *       *       *       *



MEIN BESUCH IN FRANKFURT.

1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HÔTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH.


Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man
meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie
feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im
Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf; denn sie fangen in
Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehn.

Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten,
das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: „Ob man am
Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W ä l d
c h e n gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu
fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall
gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger
als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: „Ob
die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"

Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen
Tagen mehr Seelen für sich gewinnt als das ganze Judenquartier in
einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten
Belletristen verwöhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen,
diene zur Nachricht, daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut
wohnte, an der großen _Table d'hôte_ in angenehmer Gesellschaft
trefflich speiste; den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem
Oberkellner ausbitten.

Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das
aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte
deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte, und
dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für
die Schule nicht mächtig ist.

Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte
ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?

„Nun," antwortete er, „das ist der stille Herr." „Der stille Herr?
Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß. Wer ist er denn?"

„Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den
Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."

„Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so
kläglich winselt?"

„Ja, das weiß ich nicht," erwiderte er, „aber seit dem zweiten Tag,
daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und
ein Uhr in der neuen Judenstraße auf= und abgeht, und dann kommt er zu
Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er
ganz stille und trinkt Kapwein."

„Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, „setzen Sie mich
doch heute mittag in seine Nähe." Der Kellner versprach es, und ich
lauschte wieder auf meinen Nachbar. „Den zwölften Mai," hörte ich ihn
stöhnen, „Metalliques 83 3/4, österreichische Staatsobligationen 87
3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und
gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka!
Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
im Himmel?"

So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu
sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols,
die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf
herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte
ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die
Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.

Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal
trat, auf einen Stuhl: „Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,"
flüsterte er, „zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich,
ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich täuschen kann! Ich
hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen
erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft,
etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der
Ourika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick wie
einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit
frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben
Augen beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen
weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht
paßte.

Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,
einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergeblich; er
antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem
halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl
die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen
scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf
seinen Teller.

Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem
Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon
etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes
Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase
deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, der er haben
mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast
mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete
ein ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die
zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine
sehr jugendliche und modische Kleidung.

Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er
seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen
Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der
abgestorbenen, knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und
süßlich dazu lächelte, die größte Ähnlichkeit mit einem rasierten
Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch
anzusehen war.

Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen maß,
konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars
düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das
Kaninchen an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen,
den Rücken auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen
nach uns herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: „Noch immer
so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf
meine Wenigkeit?"

An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr
auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen
zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen.
Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: „Eifersüchtig, Herr
Graf?--Auf S i e in keinem Fall."

Graf Rebs--so hörte ich ihn später nennen--faltete sein Mäulchen zu
einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf
komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes,
knöchernes Kinn und kicherte:

„Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend
noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und
schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes
Ragout bitten, mein Herr?"

„Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater
und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen
Blicken."

„Herr Oberkellner," lispelte der Graf, „Sie haben die Trüffeln
gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich
hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit
melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein
von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke
heute lieber roten Ingelheimer, ein Fläschchen--ja, wollte ich sagen--
das ist mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht
es, wenn man so viel zu denken hat."

Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des
Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch
abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als
daß er nicht weiter geforscht hätte. „Nun, auch Fräulein von
Rothschild hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaussah?" fragte er,
indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen
suchte; „freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--".

„Richtig, das war es," erwiderte Rebs, „das war es; ja, als ich auf
Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug
sie mich mit ihrem Jocofächer auf die Hand und nannte mich einen
Schalk."

Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich
noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich
noch durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in
die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem
grimmigen Blicke an. Er hatte nie so große Ähnlichkeit mit einem
angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf
dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.

Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r
noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: „Werter Monsieur
Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jocofächer keine argen
Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _façon de parler_ unter
Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange
man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog
und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
„zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen.
Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben
Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit
drei Tagen hier in Frankfurt ist?"

„Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend.

„O, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier,
einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes,
ich möchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter
uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte
es nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich
darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens
hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können, nein, es ist
wirklich auffallend, in drei Tagen ..."

„Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen
Sie denn sagen?"

Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblicke
anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die
Äuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts
nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie;
dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den
Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den
abgelebten Knöcheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch
einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben,
bis er endlich hervorbrachte: „Sie ist in mich verliebt! Sie staunen;
ich kann es Ihnen nicht übelnehmen; auch mir wollte es anfangs
sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren
Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."

„Sie Glücklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. „Wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese
Engländerin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide
Partie--"

„Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, „es
ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem
Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich
schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen dürfen
Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht
eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen--Sie verstehen mich schon--
das wird sich bald geben; ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich
geliebt hat."

„Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in
welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand
auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er
während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem
unglücklichen Seufzer.

       *       *       *       *       *



2. TROST FÜR LIEBENDE.


„Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen
Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. „Findet er wirklich bei
den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?"

„Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf
aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. „Ein alter
Junggeselle von fünfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber.
Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Äuglein
anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein--"

„Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der
Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?" „Ja,
wenn die Damen dächten, wie Sie, wertgeschätzter Herr! Aber so
lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so--
oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."

„Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den
Verzweifelnden hineinschob, „ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka--setzen Sie sich
doch gefälligst aufs Sofa--auf das Fräulein sollte er auch Eindruck
gemacht haben, dieser Gliedermann?"

„Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und
geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern
mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu
sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden; vielleicht,
wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen solidern Geschmack."

„Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?"

„Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von
Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."

„Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des
Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?"

„Ja," erwiderte er ärgerlich, „wenn nicht der Satan das Papierwesen
erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube ich
heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn
Simon zu treten und sagen zu können: ‚Herr, wir wollen ein kleines
Geschäft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus
Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube
ich nun so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente
höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."

„Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß S i e gewinnen?"

„Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm
anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das
Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst
ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus."

„Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?"

„Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,"
erwiderte er seufzend. „Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau
machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines
hat."

„Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld;
woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?"

„Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, „wir haben Geld, und so viel,
um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber
Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht; werter Herr! Ist von einem
angenehmen, liebenswürdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie
steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er
in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß."

„Und Rebekka denkt auch so?"

„Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
Judenstraße? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der
Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele
Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands
Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis=Effendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht wehr würdig, um sie zu
freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr
Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne,
daß die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern; bald
denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn
von Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Effendi soviel
Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!"

„Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?" fragte ich.

Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
seiner Brust. „Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er.
„Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was
Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine
kühn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe,
etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte
man solches Geschöpf nicht lieben?"

„Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"

„O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr
Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles
nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter
Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten
hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt: ‚Ißßt es möglich?' oder:
‚Es jinge wohl, aber es jeht nich.'"

Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem
Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten
Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die
Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade
gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf
Kirchweihen oder sonstigen Plätzen sich amüsieren. Reisen sie hernach,
so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin
der nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger
empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie
sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann
weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der
Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit
Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß
einer von sich sagte: „Kaufmann oder Bänderkrämer", sondern: „Ich
reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein", und fragt
man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie
ganz bescheiden antworten zu hören: „Knöpfe, Haften und Haken, Tabak,
Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie
nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so
darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre
sehr interessante Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim
Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen und
unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen usw. ein
Seidenpapier hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der
Geliebten enthält.

Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukömmt, mit
eingelegter Lanze _à la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit
zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid überdies meist
euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.

Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Kontorspekulationen,
Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien
nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte
ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von
Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H ö c h s t oder von
L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n
Nachrichten kommen zu

lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann,
warum sollte es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld
ebensogut ist als das des großen Makkabäers?

Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche
Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen. Doch die
Nuancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen.

„Ich bin," sagte ich zu ihm, „ich bin selbst einigermaßen
Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre
bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde."

„Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. „Als ich in Dessau war,
ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?"

„Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der
etwas wagen will, muß s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten."

„Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, „das kann ja jetzt
niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von
Metternich. Wie meinen Sie denn?"

„Über Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das
Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine
Krisis sich bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil können Sie
durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere
steigen?"

„Gewiß, gewiß," seufzte er. „Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--"

„Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
und dem g r o ß e n  P o r t i e r ein Stück Geld in die Hand gedrückt
hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und
fährt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?"

„Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!"

„Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu
sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--"

„Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
Rußland sei plötzlich--"

„Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute
glauben! Unwahrscheinliches, Überraschendes muß auf der Börse
wirken!"--

„Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden, habe dem Islam
geschworen?"

„Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die
Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige
Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so
kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
Papiere mit Gewinn ab."

„Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, „das
wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für
einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von
Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."

„Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß,
und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten
Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."

„Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das
Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele
Häuser können fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und
das wäre dann meine Schuld!"

„So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen
Seele. „So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was
man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie
nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben
Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende
nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie,
eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im Weißen Schwanen
wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem
Grafen Rebs, grollt?"

„Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, „ich weiß gar
nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme
erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?"

„Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir
Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine
Antwort. Übrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das
Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich
auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--"

„Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die
meine--"

„Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
Geist--"

„Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lächelnd meine Hand faßte
und verstohlen nach dem Spiegel blickte. „Es ist wahr, man hat mir
schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar
versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße
aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den König von
England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen."

„Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen,
so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem
mutigen Auge zu finden!"

„Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag
durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrücken und einen
Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"

       *       *       *       *       *



3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM.


Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die
Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen,
wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür
wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon
in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende
Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an
dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem
Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor
dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen
verstand.

Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein,
mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die
noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt
alle Stämme Israels versammelt habe.

Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war
jede Melancholie verschwunden, sein großer, runder Kopf steckte nicht
mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte
er sagen: „Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der
Börse, und, wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in
der neuen Judenstraße!"

Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die
zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter
Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien,
wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da
saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit
funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,
wie aus einer Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich
plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und
Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter
den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte
Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke
verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung
und das Geld!

Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen
Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen
mußten, wenn man ihnen zurief: „Jude, sei artig, mach' dein
Kompliment!" Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat
der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt
anzuschauen! Überladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die
Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die
spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen,
suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn
von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich
sonntäglich und schön angetan, ließen schwere, goldene Ketten über die
Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit
blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen
geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte
Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist
Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns?

„Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
Arm; „schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der
mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr
ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau
rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft
zu separieren nach und nach."

„Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--"

„Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir
bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
Ratgeber?"

„Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien," gab ich ihm zur
Antwort, „reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz."

„Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den
Hut gegriffen hatte, „Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß
Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu
machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar
tiefen Blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich
ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmäßiges in
dero Visage."

„Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
nützlich sein zu können."

Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor
dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote
Herzkirsche. Die Tante, „das neidische Gewölk", erhob sich, und nun
ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel.--Sie
hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen
konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur
Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.

Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten.
Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. „Haben da
ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein," bemerkte er
wohlgefällig lächelnd; „habe immer eine Inklination für die Diplomatik
gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter
oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand!
Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für
Geschäfte machen!"

„Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
Kopf umher."

Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
nehme ich es auch noch auf. „Zeviel?" sagte er. „Ich für meinen Teil
kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine
lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr
Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem
Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."

„Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"

„Gut, _très bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _à propos_,
wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir noch näher und wurde
verfänglicher.

„Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, „Sie wissen, es
gibt Fälle--"

„Wie?" rief er erschrocken. „Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
Herrn gewesen? Waas?"

„Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des
zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. „Doch kein Unglück?
Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"

„Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem
Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich
holter nicht recht verstanden."

Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den
erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.

„Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
Bejriff von!" lispelte sie. „Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen
Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden
und wären melancholisch jewesen?"

Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
Seufzers wurden feuriger, er zog, als „das Gewölke" ein wenig im
Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und
gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, daß nächstens die
Metalliques und die .... um drei Prozente steigen würden.

„Herr von Schmälzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
Wein zu sich genommen hatte, „Sie haben mir da einen Schreck in den
Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch
nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?"

„Es gibt Affären," fuhr ich fort, „wo der Diplomat schweigen muß. Über
das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen
wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten
Vertrauen--"

„Der Gott meiner Väter tue mir dies und das," rief er feierlich, „so
ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
Tochter das Geringste--"

„Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich
Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a
n z zu allernächst. F ü r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen,
doch Herr von Zwerner--"

„V o n Zwerner?"

„Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war
ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders
richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien
bekommen."

„Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer,
hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft.
Ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen
darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

„Ja."

„Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?"

„Mein Herr Simon, ich bitte--"

„O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus
Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

„Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen
Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei
und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu
beobachten."

„Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
machen ließe?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß
sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Das war der
Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab
dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm
seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

      *       *       *       *       *



4. DAS GEBILDETE JUDENFRÄULEIN.


Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich
honett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.

„Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem
Lächeln und vielsagendem Blick. „Es is so etwas Feines, Jewandtes in
ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de
Portugal_!"

„O gewiß, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen
sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?"

„Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis
sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen
hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie
müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen
das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun
solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute,
wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hôte_, jehen
auf die Promenade schön ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar
gewöhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen."

„Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er
wohl echt?"

„Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als
was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert
Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie,
dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring
zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von
den jutem Ton, wie unsereine."

„Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein
Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"

„Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lächelnd. „Ja, man hat mir
schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde
auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."

„Was lesen Sie, wenn man fragen darf?"

„Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abonniert bei
Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der Weißen Schlange, und der
verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."

„Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"

„Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in
Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was
Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
vor--"

„Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Möglichkeiten--"

„Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der
Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und
dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit
Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der
Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas
Herrliches!"

„Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie
wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte
meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr
melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor
wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet.
Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im
Grunde viele Hefen an, so 'brüsselt' er doch mit allerliebsten
tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."

„O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit
Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte,
jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie
es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein
wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und das
Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken,
man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins
Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm läßt es sich dabei
einschlafen!"

„Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen," rief
lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns
trat. „Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding
zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."

„Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe
Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören. Wie werden
sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab'
ich es erraten?"

„Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten
werden! Muß einen großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr
von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie
ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die
Rebeckchen."

Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen
Beinchen heran? Was lächelte schon von weitem so freundlich nach der
Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte,
freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.

Er schnaufte und ächzte, als er heran war, und doch konnte er auch in
dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein
liebliches süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet
neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit
zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den
matten, sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: „Habe die
Ehre, vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!"

„Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet
nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich
in die Tasche?"

So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen
mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug,
so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von
dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der
Vater wußte bessern Rat: „Da geht einer," rief er freudig, „da geht
ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der
trägt beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!"

Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebärden das _Eau de Cologne_= Fläschchen
abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer
beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen
wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte.
„Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, „für
die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast
als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich."

„Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas
mißfällig betrachtend.

„Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rücken
zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust
herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. „Mitnichten, habe
sonst eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
dicke Pfarrer...."

Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer,
wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich
boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und
kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit.

„Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. „Ich ein
Unruhstifter oder Säufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich
nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weißen Schwan mit meinem
Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: „Das
ist auch so ein S t e i n  d e s  A n s t o ß e s, auch so ein
Mystiker." „Herr Pfarrer," sagte ich, „guten Abend, aber ein Mystiker
bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten
öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." „Sie wollen keiner sein?"
antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und
das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und
mich heftig drückte. „Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht
mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im
Pariser, Weiden= und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein
gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es
ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, aber
nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte
Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber
er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg
und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten
Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu
haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen statt des
Frühstücks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der
Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab."

„Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. „Halten denn
die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
der Apostel?"

„In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, „in Frankfurt
ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und
Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekämpft; und so konnte
es leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in
die Hände fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt
dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem
Garten, sie steigen aus?" „Ah, sie hat mich bemerkt," rief das
Kaninchen sehr freundlich, „sie schaut schon herüber und wedelt, wenn
ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß
ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie
wissen selbst, bei solchen Affären--"

Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens
dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen; denn ihr
Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der
Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.

Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß
es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen
vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
das Glück, Rebeckchen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz
verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die Hand
gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz
fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.

       *       *       *       *       *



5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN.


Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche
und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen
der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter
guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des
vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir
viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben
und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen
seinen Anhängern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum
Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen
beiden Parteien, das heißt--nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst
man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im
Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener
Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
der geringste über Millionen gebietet.

Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir
einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen,
seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der
erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an
sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuß
kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher
im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit
einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den
geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern
weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.

Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und
daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
ist.

Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los,
sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn
straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art,
wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu
nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es
ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal ähnliches
versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich
also genieren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die
ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden,
gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir
Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit
Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage
geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue und
Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und
nicht ich war es, der sie verließ; sie hatten sich selbst verlassen.

Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer
anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit
psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermüden oder sogar
abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger
gelehrten Leute verführen, die behaupten, es liege zu wenig
psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
Memoiren, ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich
mich im Leipziger Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich
genug?

Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald man
vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im
Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.

Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über
das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das
sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerückt zu werden schien
und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von
Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r ä u m t und im S c h
l a f e  s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen,
als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der
schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine
eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten
Steigen der----auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung
herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der
Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, „das neidische Gewölk",
mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Hause
umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in
einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in
verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede
die zagenden Bundestruppen.

Der Seufzer war gänzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen
Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der
lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und
sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden
gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen
überschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flüsterte er ins
Ohr, daß er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau
Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der
Landkarte auszumitteln wäre.

Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die
Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main,
um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen
ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur
noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts
Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog
hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem
eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und
nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: „Dich kenne ich wohl,
Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen
einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind,
praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur
hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen."
Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner
Großmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der
Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend
fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem
Herzen trugen: „Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch
den dritten und vierten."

Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich
allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht
annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da
jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub
bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die
Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier;
die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um
zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straßenlärm. „Wo
kümmt Er här? Wo will Er hin?" riefen sie. „In Weißen Schwan," schrie
er, „ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weißen Schwan?" „Der Herr
is wohl ä Korrier?" „Freilich, nur schnell," rief er und zog einen
Brief mit großem Siegel aus der Tasche, „das kömmt von Wien und ist an
den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwan." „Da an der Ecke gehts
rechts, dann die Straße links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet
Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen
sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte
und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die
Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders
als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen
Postillons gekleidet.

       *       *       *       *       *



6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BÖRSENHALLE.


Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis=Effendi dem Herrn v.
Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht
habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe,
annehmen werde.

Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er
fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v.
R-------, dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der
unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er
selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere
aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so
leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und
prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. „Gott's Wunder!"
sprach er, bedächtlich riechend, „Gott's Wunder! das ist echtes
Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was
Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann
betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die
gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins
fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der
Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig.

Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein
kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie
der Löwe das Hündchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher
Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt
der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war,
machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von
der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche
Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er
annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche
Winke bezahle, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit
auf die Börsenhalle.

B ö r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde,
der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor,
wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen,
Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich
aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich
einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden
eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen
reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide
häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen
Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des
Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die
hier ihren Salat wäscht--sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr
mittags ein buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten
Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit
kühngebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und
unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und
spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurückgedrückt, umher
und fragen einander: „Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend
durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer,
wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du
begreifst zwar, daß du dich unter den Kindern Israels befindest; aber
zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem
Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein
Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben
deutlich zu lesen: „Börsenhalle." Also in der Börsenhalle der freien
Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares
Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit
Blicken als mit Worten fragend: „Ae Korrier aus Wien?" „Gott's
Wunder!" „Wer hat'n gekriecht?" „Ae Fremder, der Zwerner von Dessau."
„Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron,
nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?"

„Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"

„Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!"

„Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder
hat er nicht? Wie werden se stehen?"

„Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner
verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus
Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von
die neue Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der
Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, daß er hat nicht
angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"

„Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!"

„Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie
stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie
stehen se?"

„Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut
keiner, wer is Koch oder Keller? Aß ich nicht kann riechen, wie se
stehen, die Mettaliques!"

Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein
Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange
Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich
durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz
zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch
ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große
Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des
Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu
nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte
Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich
und gesetzt beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur
Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und
einer schneeweißen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene,
so daß sein Volk gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich
zugetragen haben.

Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen.
Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd
umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die
Finger in den Mund, sie fluchten ebräisch und syrisch auf den
Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher
den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur
Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles,
selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die
Börsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere
in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den
Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären! „Das Ultimatum ist
angenommen," scholl es durch den Hof, „der Reis=Effendi hat zugesagt,"
hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur
entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere Umstände
angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die
österreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von
welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr
viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und
ein halbes Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten,
fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur
seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Börsen=) Hause
zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden.

Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
Frankfurter Börsenhalle:

     Metalliques  87 5/8.
     Bethmännische 75 1/2.
     Rothschildische Lose 132.
     Preußische Staatsschuldscheine 84.

An den übrigen war nichts geändert worden.

       *       *       *       *       *



7. DIE VERLOBUNG.


Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers
aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge
Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang bei
Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild
Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten
vollkommen bestätigt werden, da drängte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.

Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik,
seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für
Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um
mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die
Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist
und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer
Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile,
aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer
Straße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht
wurden.

Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur
besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja,
er sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen
zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,
die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mußte;
denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder
verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.

Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die
ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte,
ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen
lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden
auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte
bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung
auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben
lassen und in dem „jöttlichen Frankfort" leben müsse.

Er ging darauf freudig ein und überließ mir dieses diplomatische
Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was ich
vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein
Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze
Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern
selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und
erinnerte sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im
Weißen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.

Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines
Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen,
daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf
sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend,
unternahm, verlor er erst einmal fünfzig= oder hunderttausend und zog
seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn
schon auf Erden an.

Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem
neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
„Gnädige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen
sich häufen würden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder, wie
Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann
willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das
Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich
gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende
Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die
hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach
Dessau ziehen muß in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp.,
wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur
ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,
wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und
unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!

Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da war
ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde
ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
verfertigen; ein Hammel wurde „geschächt", um köstliche Ragouts zu
bereiten.

Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause?
Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht
treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet,
nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und
christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?

Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das
brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als
zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in
zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch
ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch
durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall
umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf
einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete
ihn aber dergestalt zugrunde, daß er endlich elendiglich zusammensank
und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.

Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig; denn als er am
Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
„Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelöffelchen; kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklämmerchen ist uns abhanden gekommen!
Gott's Wunder!"

       *       *       *       *       *



DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.)

  Am Horizont in diesem Jahr
  Ist es geblieben, wie es war.
                 M. Claudius.


1. DER JUNGE GARNMACHER FÄHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN.


Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren
dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten
Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen
deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt
Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach
Berlin gehen und erzählt, was ihm unterwegs begegnete.

„Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, „als ich mich umsah,
stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher
Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein
Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich
verstand so viel von der Welt, daß ich einsah, es sei weniger
auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem älteren
Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache
meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr
zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher
in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ‚Euer Onkel ist ja schon
seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. ‚O du armer Junge, seit zwei
Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm
und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!'

Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken,
ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden;
nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ‚Erinnerst du
dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an,
besann mich, verneinte. ‚Ei, man hat mich doch in Dresden so viel,
gesehen,' fuhr er fort; ‚alle Alten und besonders die Jugend strömte
zu mir und meinem jungen Griechen.'

Jetzt fiel mir mit einemmal bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor
wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen
unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ
den jungen Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des
Griechen und der Überschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles
strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den
unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Manne meine
Verwunderung, daß er nicht mehr mit dem Griechen reise.

‚Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner
Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm
nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein
Grieche würdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er
gestand mir, daß der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei, den er
abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die
griechische Sucht hätten."

„Wie?" unterbrach ihn der Engländer. „Selbst in Deutschland nimmt man
Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich
ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen
untergehen läßt."

„Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von
Garnmacher, des Schneiders Sohn; „was einmal in einem anderen Lande
Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders.
Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher
die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies
erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher
darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar
Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen
Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch
Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: ‚Wohin?' so antworteten sie:
‚In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun
etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr
erfahren, eine nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach
Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute,
wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, wenn er
mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einschlug: ‚Der muß
wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach
Griechenland laufen muß.'"

„Ist's möglich?" rief der Marquis. „So teilnahmlos sprachen die
Deutschen von diesen Männern?"

„Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer
unterdrückten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu
erkämpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht
zu erlangen ist; aber alle barbierte man über einen Löffel, wie mein
Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landläufer."

„Mylord," sagte der Franzose, „es sind doch dumme Leute, diese
Deutschen!"

„O ja," entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen
das Licht hielt, „zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen
unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen."

Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: „Auf diese
Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft
muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen,
dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan,
für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war
ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas
Neues machen wollen?' oder sie sagen: ‚Gut, wir wollen erst einmal
sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.'
Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes
mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.'

Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar,
daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine
Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier
traktieren konnten.

Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte
nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein
Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden,
daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle
Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln in
dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war,
schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein
Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das
für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von
Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld."

„Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, „sagen Sie doch, in
Deutschland soll es viele gelehrten Männer geben, die sogar Griechisch
schreiben. Diese müssen es doch auch sprechen können; wie haben Sie
sich vor diesen durchbringen können?"

„Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen
größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut,
daß sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides hätten korrespondieren
können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten zu
Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen
wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine
herrliche Floskel bereit:------‚Mein Herr, das ist nicht griechisch.'
Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum
ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich
über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß sie es nie
wieder wagten, Griechisch zu sprechen.

So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze
Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und
hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit
einem Band im Knopfloch auf, der mir große Ähnlichkeit mit meinem
Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken
Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher
tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten,
ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle,
wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine
rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche
auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der
mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen
Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut
meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst
komisch vor.

Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir
Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich
eine neue Katastrophe."

       *       *       *       *       *



2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT.


„Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein
berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und
ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins Reine zu
schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist
denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete
mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann
brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über
welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
interessieren."

„Nein, nein!" rief der Lord. „Ich habe schon öfters von dieser
kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in
Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden,
höre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."

„Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare,
aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer
noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht
das, was leicht und gefällig, sondern was mit einem recht
schwerfälligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und
schön gilt, so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der
Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame
in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht
an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte--man glaubte darin
zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld
und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das
Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt."

„Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?"
unterbrach ihn der Lord. „Ich finde das recht hübsch. Man braucht
selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann
dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."

„Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So
aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt
irgend eine Partei und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in der
Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder
Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Yaner
gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und
sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem
oder jenem großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine
Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig
angefallen werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen,
es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser
tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht,
hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."

„Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik
und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. „Ich muß gestehen, in
Frankreich würde man ein solches Wesen verachten."

„Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens
sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die
eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen,
gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.
Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs
der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit
Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch
dürfen sie sich gerade nicht schämen; denn sie rezensieren anonym, und
nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem
Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."

„Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lächelnd.

„Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschläger,
denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der
höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er _Pacat
ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er
Matador! Denn er, der Hauptkämpfer ist es, der dem armen gehetzten und
gejagten Stier den Todesstoß gibt."

„Gestehen Sie, Sie übertreiben;--Sie haben gewiß einmal den
unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig
vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?"

Der junge Deutsche errötete. „Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,
doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, daß es
wäre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter
meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und
kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die
verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t
l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk,
lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn
fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem
Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich
gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge,
schriftstellerische Damen."

„Wie?" erwiderte der Lord. „Haben Sie deren so viele, daß man eine
eigene Klasse für sie macht?"

„Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig
jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene
Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr
Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite
Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die
Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die
Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist
glücklich, daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die
d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die
Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und
diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift
und über ihre Tendenz als über sie selbst, und gibt sich Mühe, in
recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefähr wie in den Salons,
wenn man über politische Verhältnisse spricht und sich doch mit keinem
Wort verraten will.

Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht
entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von
Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn
mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder
tief verwunden, oder doch lächerlich machen. Die f ü n f t e Klasse
ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an,
setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen
und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und
sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu
gefährlich ist, als daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese
Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas
Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und
Beben erfüllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l ä g e r
k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die
Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und
Barmherzigkeit, sie ist eine Säge= und Stampfmühle; denn der Müller
schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein und
zerfetzt, zersägt, zermalmt sie."

„Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen
Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.

„Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen
die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es
freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen
aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer
sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ‚Ein
Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in
der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden
an ihm beißen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den
Zirkus springt,

  Und zieht den Degen,
  Und fällt verwegen
  Zur Seite den wütenden Ochsen an--

da freut sich das liebe Publikum, und von ‚Bravo!' schallt die Gegend
wider!"

„Das ist köstlich!" rief der Engländer; doch war man ungewiß, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
„Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"

„Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet;
wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei
befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem
Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft
traf es sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand
erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines,
gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch
dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten
und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen
zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der
vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so großen
Holzstoß zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Huß,
und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen
Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis er ganz schwarz war."

„Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen über e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!"

„Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die
ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer
Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und
ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so hält er eine
Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem
ministeriellen Vorzimmer gelebt."

„Aber dann geht er förmlich über," bemerkte der Marquis; „aber Ihr
Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf
Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund."

„Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und
Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann,
„so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht
hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden
durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t
e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von
welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ‚Ich will
dir,' sagte er, ‚die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben.
Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Maß tun.
Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt
unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß
haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an
die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem
Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge.
Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten
Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr als
kaltes Blut.'

So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das
Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr
rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es
schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden
Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun
schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu
exequieren, so ließ er mir sagen: ‚Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5
und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen
tüchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung
bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die
Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der
Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter
zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und
unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale."

„_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?" rief der
Lord mit wahrem Grauen. „Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch
rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem
Vaterlande jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"

„Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jährlich
zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig
schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schöne und miserable
Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreißig Almanache,
fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in
Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig
Kriegsbücher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=,
Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung
guten Champagners aus Obst, zur Verlängerung der Gesundheit, die
Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben
könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterlande
annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; hat
einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem
sechzigsten Jahre nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine
Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der
Literatur, welches weite Feld für die Kritik!"

Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit
einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der
Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je
verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz
gesteigert zu werden.

„Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von
Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ," sagte der Marquis;
„aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir
unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte zu
lachen. Ihr seid sublime Leute, das muß man euch lassen."

„Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lächeln.
„Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist,
nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr
ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Ländchen. Der Weg
war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich
durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon
fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so
miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: ‚Was das Post=
und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren
verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch
Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. ‚Er
schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. ‚Wie? Briefverzeichnisse,
Postkarten?' ‚Ei, behüte!' sagte er, ‚Bücher, gelehrte Bücher.' ‚Über
das Postwesen?' fragten wir weiter. ‚Nein,' meinte er; ‚Verse macht
mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als
mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des
Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in
der Seele weh tat. ‚_Goddam_!' sagte mein Begleiter.

‚Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie
sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage
fördern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten
Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr.
Garnmacher, ein großer Kritiker."

„Ich weiß, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
Miene, „und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.
Übrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,
nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Lande möchte etwas dergleichen
auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in
die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein
Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er
nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines
Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne
romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich
ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die
Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen; wir üben
das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische
Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie
ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren
und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."

„Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, „ich
würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn
sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen
Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor,
wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein
andermal und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt
zu sehen!"

„Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestück zuwarf, „der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende
Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl
viele Bekannten aus der Stadt hier sind."

„ Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung. „Sie wollen
also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm
zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich
einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche
elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine
Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden."

„Sie können recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem
Lächeln; „aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht.
Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem
Vaterlande, die Sie uns zeigen können."

„Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der
Marquis lachend; „aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre
interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir."

„Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu
scheinen. „Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft
sehr angenehm; denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre,
sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu
können."

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte
schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren
Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu
tun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist möglich, daß
Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in
manchem hervorbringen; aber laßt nur eine Stunde lang Landsleute
zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,
wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So
kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu
tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
Leutchen nur e i n Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,
und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der
Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie
in....

Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller
Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen
aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis
Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit über ihre
Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: „Zu unserer
Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer
kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher
einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sängerin
sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!
Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit
verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.

       *       *       *       *       *



3. DAS THEATER IM FEGEFEUER.


Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich
ist es weder _Opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer= noch
Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und
Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so
gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von
Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch=
heroische Komödie aufführen,--wie würden sich Franzosen und Italiener
langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und
Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein
Lustspiel schreiben lassen, etwa die „Kleinstädter in der Hölle", wie
würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich
eine andere Einrichtung getroffen.

Mein Theater spielte große pantomimische Stücke, welche
wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum
Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben
liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine
einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen
zu dürfen. Denn was nützt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer
eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt
es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine
dringt--

  „Eine kalte weiße Hand.
  Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
  Die im Sterbekleide vor ihm stand."

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse
helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem
Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement
schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten
pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr?
Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit
glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es
dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer
bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit
krampfhaft gekrümmtem Finger an den Fässern anpocht, die er bestohlen?
Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der
Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer,
um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt?
Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher
fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre
eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu
l e b e n s l ä n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde,
„n o c h  s e c h s J a h r e  l ä n g e r" unterschrieb, weil er den
Mann haßte. Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel
verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen
suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel
getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte,--ich habe darin
so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies
die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben.
Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig mehr in den H ä u s e r
n, desto mehr aber in den K ö p f e n, spukt.

Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft zu
geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner
höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

  M i t  A l l e r h ö c h s t e r  B e w i l l i g u n g.

  Heute, als am Geburtstage der Großmutter, diabolischen Hoheit:

  E i n i g e  S z e n e n  a u s  d e m  J a h r e  1 8 2 6.

  Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.

  Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken
  zusammengesucht von Rossini.

  (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr
  viele allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird
  gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und
  Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie
  der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu
  überlassen.

  Die Direktion des infernal. Hof= und Nationaltheaters.

Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Hause. Ich bot mich
den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durchs
Gedränge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste,
der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten
eintreten dürfen, fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von
ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie
mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn sie
wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien
vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. „Nein, ist es
möglich?" rief er wiederholt aus. „Ist es möglich? Sehen Sie, Marquis,
jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten
Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in
Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem
unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe
ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswürdige, fromme
Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den
Ball--sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den
dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar
wollte man behaupten, sie sei in Töplitz an einem heimlichen
Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen,
wer konnte das glauben?"

„Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Marquis mit
Ekstase. „Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen
Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes
Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene
häßlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort--das sind berühmte
Missionäre, die uns glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir.
Dem Teufel sei es gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich
versammelt hat."

„O mein Herr," sagte ich, „da hätten Sie nicht nötig gehabt, bis ins
Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich
zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts
Erbärmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im
_Café de la Congrégation_ wimmelt es von diesen Herren, vom
Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie können manche heilige
Bekanntschaft dort machen."

„Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier," erwiderte Mylord, „sagen Sie
doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie
unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es
Engländer?"

„Verzeihen Sie," antwortete ich, „es sind Soldaten und Offiziere von
der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug
besprechen."

Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten
mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten
und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus.
Es war die herrliche Ouvertüre aus _il maestro ladro_, die
Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt
über die schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und
jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem
herrlich komponierten Stück. Ich halte auch außer der _Gazza
ladra_ den _Maestro ladro_ für sein Bestes, weil er darin
seine Tendenz und seine künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz
ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß
von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rührung einen
Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehängt hatte, und--der
Vorhang flog auf.

Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Ängstlich drängten sich
Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen
Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere.
Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in
sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt.
Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_
entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke
erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in
der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brüllen Verzweiflung aus. Man
sieht, seine Fonds sind erschöpft, seine Beutel leer, er muß seine
Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn
ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine
Gebärdensprache ist bezaubernd--es hilft nichts. Da rafft er sich
verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie
ein gefallener König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge
reichen zu einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller
fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie
das Chor der englischen, deutschen und französischen Häuser,
vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall
weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und fielen noch künstlicher,
besonders exzellierten hierbei einige Berliner Börsenkünstler, die
durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt
hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.

Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über.
Die herrliche Passage aus der „Italienerin in Algier": H e i l  d e m
g r o ß e n  K a i m a k a n! ertönte. Ein glänzender Zug von
Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend,
tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit
Brot in eine ausgehungerte Stadt kömmt. Man denkt nicht daran, daß der
spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner
Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren
Preisen losschlägt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den
Retter, als den schützenden Schild in der Not. So auch hier. Die
gefallenen Häuser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen
Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den Messias der Börse zu erwarten.
Er kam. Acht Finanzminister berühmter Könige und Kaiser trugen auf
ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente
Inschrift: „S e i d  u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug.
Ein Herr mit einer bekannten morgenländischen Physiognomie,
wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und
stellte den Triumphator vor.

Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der
Minister herab auf den Boden stieg. „Das ist Nothschild! Es lebe
Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief
bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, der
diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte, besonders, als er mit
dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen
Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Nothschild
gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den
Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte mit einem
brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem
allerhöchsten _cher cousin_ gemacht wurde.

Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über
diese Szene aus. „Es war zu erwarten," sagte er, „daß diese Menschen
bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden; aber daß auf der
Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826,
das ist unglaublich."

„Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, „unglaublich finde ich es
nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht
einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt
erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige
in seinen Sack stecken kann?"

„Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich.
„Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder
Pfeife tanzen müssen! Aber, _Goddam_! das englische Ministerium
mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist
schmerzlich!"

„Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr
ruhig. „Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender
Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Königs David."

„Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; „im Gegenteil, Sie
sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!"

„Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der
Deutsche. „Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n König,
jetzt aber haben alle Könige nur e i n e n Juden."

„Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine
Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich
oder Italien kommt ans Brett."

„Ich denke, Deutschland," erwiderte Garnmacher. „Ich wenigstens möchte
wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird.
Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar: Es roch in
meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft
fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die feinsten
diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen
geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Änderungen geben?"

„Es wird heißen: ‚Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war',"
antwortete ich dem guten Deutschen. „Um eine Lunte auszulöschen,
bedarf es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man
wird höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie
wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie
es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da müßte ich ja zuvor noch
fragen, was für ein Landsmann Sie sind."

„Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig.

„Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen,
da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen
zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen
Rezepten, braut. Sind Sie Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie
man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße und drückt Sie der
Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren; denn an dem
Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so
trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot; aber denken
Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in
der nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie,
daß Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine
schöne Taille bekommen---"

„Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. „Wollen Sie uns
alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie--"

„Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!" rief der
Marquis. „Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das
finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen
will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
Kammer?"

Die Glocken von Notre=Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang
und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange
Prozession, angeführt von den Missionären, betrat die Bühne. Da sah
man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter
Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen
des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die _à
la_ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die
niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum
staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die
Herzogin D--s, die Comtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer
Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee,
nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand
hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der
Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und
Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der
Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die
Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Akteurs
geschehen wäre, hätte man faule Äpfel oder Steine in der Nähe gehabt!
Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession
aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein
Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug.
Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt,
an welchem ihn zwei Missionäre wie ein Kalb führten. So oft er aus dem
ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte,
wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um
seine Zuchtmeister zu versöhnen: „_Vive le bon Dieu! vive la
croix!_" So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche.
Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

„Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. „Was ist
Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein
Frankreich, mein armes Frankreich!"

„Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen
die Hand drückte, „Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an
diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so
unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten
Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich
sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden
Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht
möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!"

„Das möchte doch nicht so sicher sein," sagte ich. „Das Vaterland des
Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen."

„Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der
Baron. „Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?"

„Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der
sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von
den Missionären bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen
Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn
wohl in der Kirche taufen."

„_Goddam_! Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der
Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird.
Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn
ich finde diese Pantomimen etwas langweilig."

„Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,"
antwortete ich. „Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt,
das der Reis=Effendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest
der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus
Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das
Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen
Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird
ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er
sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner
mohammedanischen Majestät eröffnet."

„Ei!" rief der Marquis. „Was, wollen wir diese Schande der Menschheit
sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und
dumm; aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen!
Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn
von Garnmacker hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
Diner betrachten."

Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und
verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem
derben Fluche zurück und rief: „Wahrlich, es steht schlimm mit der
Zukunft von 1826!"

       *       *       *       *       *



DER FLUCH.

(E i n e  N o v e l l e.)

(Fortsetzung.)


Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die h
e i l i g e  S t a d t hatte immer einen Überfluß von Leuten, die in
der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der g u t e n  L e
u t e (von andern Sünder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu
tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische
mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders in
Städten wie Rom unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t
e r  L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die
Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um
dreißig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen
haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein
in: Erste Klasse, mit dem Prädikat r e c h t  g u t, solche, die
geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c.
Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten
unter sich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale Männer, bei der
Menge für fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken
und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prädikat m i t t e l m ä ß i g
sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind
jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie nun
Ablaß verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen
einen Separatfrieden mit dem Himmel abschließen; der letzteren gibt es
übrigens in Rom wenige.

Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die
verschiedenen Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich
ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus
und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle
notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner
Memoiren von Interesse sein möchten.

Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche
spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm
durch die Missionäre in Frankreich und das Überhandnehmen der Jesuiten
drohte; da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
interessanten Beziehung zu mir gestanden haben mußte. Ich stand
stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker,
schöner junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram;
dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein
Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, daß ich ihn vor wenigen
Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem
ewigen Juden einen ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war
jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme
Persönlichkeit mir damals ein so große Interesse eingeflößt hatten. Er
war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzählt hatte,
das ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit
aufzuzeichnen.

Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes
und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so
drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich
beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jene interessante
Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst,
über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer
Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme
Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah, er
blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in
der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen, wallenden
Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte,
was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch konnte man
weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glänzten,
ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen
röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt den
Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes
Wesen heranschweben.

Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf
der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch
Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine
solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues,
Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes,
wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum
ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge
beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche
Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und
dieselbe sei.

Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte
den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine
freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe
des Mädchens sei er verstummt. Auch sie errötete, sie schlug die Augen
auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn,
hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm
angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.

Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er
langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
Ich ging ihm einige Straßen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus,
wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so
war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber bedeutungsvollen
Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein
glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war,
glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
haben.

Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes
machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge
Herr saß in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine
Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden;
aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem
Schluß dieses riesengroßen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen
von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.

„Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in
deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.

„Der bin ich," antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem
Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen
des Hauptes erwiderte.

„Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so
glücklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu
genießen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten
Mitteilungen mir unvergeßlich machen."

„Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend.

„Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige
männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere
mich, ich mußte etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir
leider entfallen."

„Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--"

„Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
Sottisen zu sagen und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?"

„So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich
bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon
lange hier bekannt?"

Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. „O ja, bin schon lange
hier bekannt," antwortete er düster. „Ich war früher in Geschäften
hier, jetzt zu--meiner Erholung."

„Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante;
mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie
erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit
einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch
seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon
zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein; ob Sie sich
mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schönen
Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhältnis
zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
sie passen."

Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es
schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventüre; er
blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.

„Ich erinnere mich," sagte er, „daß wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden,
und die Tanten behaupteten, Sie hätten etwas Eigenes, Anziehendes, das
man nicht recht bezeichnen könne, Sie hätten einen höchst pikanten
Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben;
wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"

Ich sah ihn staunend an. „Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
gesehen zu werden als an jenem Abend."

Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach
Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. „Was wollen Sie nur immer
wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. „Ich war seit jenem Abend
nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England.
Sehen Sie einmal in meinen Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser
Zeit gemacht habe!"

Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. „Verzeihen Sie,
Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. „Vergeben Sie,
ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante."--

„Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"

„Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich
meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub
verlassen habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie
wandten sich an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber
nichts Verdächtiges an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen.
Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut
sein, man werde einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine
Schritte--"

„Ist's möglich? Und warum denn dies alles?"

„Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich
nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den
Spion. Vergeben Sie mir doch?"

„Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, „einmal, daß Sie mir
erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu
sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für
Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir,
wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit."

„Den Schluß?" rief er und lachte bitter. „Den Schluß? Ich wünschte, es
schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch
kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen
um diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob
man, nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat."


       *       *       *       *       *


Ich folgte Otto v. S.--so hieß der junge Mann--unter die Arkaden. Er
legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf
und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut.

„Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt," hub er lächelnd
an. „Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht
und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es
ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien
Sie ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang
mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was
an den Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne
vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem
Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
immer das bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß
mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus führte, ich
fühle auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber."

„Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß
sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens,
wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht
der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen
gibt?"

„Möglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein
Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise
von Palden bekannt wurde--"

„Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum ersten Male. Sie
erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der
Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit
erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen
sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die
Stelle des Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten--"

„Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt.

„Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte
endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um
das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals. Sie
können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen
erging."

„Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, „mir selbst fiel die Ähnlichkeit
dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für
die große Ähnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man
Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Ähnlichkeit
war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte; der eine
starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.
[Fußnote: Die Möglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall,
der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen
zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen sich täuschend ähnlich. Der eine
tötete einen Mann und floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz
in einem österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mörder
wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ sich als
Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten jagen. Er diente
einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen
Zufall entdeckt wurde.]

Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich; die
letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde
ihr wohl mit einem Male klar, daß es schon an jenem Abend nicht ihr
Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der Herr
mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in
schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen.
Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen
zu müssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
verleitet habe. ‚Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und
seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ‚Sie selbst? Es ist ein
abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
ich will nicht stören.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so
süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit
aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie
ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tönen;
sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum
Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich
mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist
etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es
ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe,
das Zittern zärtlicher Angst und diese Tränen in den blauen Augen,
dieses Flüstern der süßesten Namen von den feinen Lippen und diese
Röte der Angst und der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein
Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt."

„Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form
wieder lieblicher schien, „ich kenne das; so was Heiliges, so was
Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches,
kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?"

„Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß sie
zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte sich
weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem
Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast
mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid mit
ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein
Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. ‚Mein Herr,' sagte
ich, ‚das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen,
daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' ‚Eines Mannes von
Ehre?' rief er, höhnisch lachend; ‚so kann sich jeder Tropf nennen.'
Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht
weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße
zu, in welcher ich wohnte, und verließ ihn.

Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als
ich zu Haus über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen,
daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber
mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei dem
Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen. In welch
ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen!

Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor
sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses
unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
Und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war ein
Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam
behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?

Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora
Maria Campoco, dem Überbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo
sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses
Namens, ich fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von
welcher ich nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser
Brief könnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich
entschloß mich, zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen
in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich
in eine kleine Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin
ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte.

Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener
aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen
des Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte,
erscholl das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich--aber nicht
meine Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat,
umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.

Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie
die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes
beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie
sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das
Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu
entschuldigen, gab mir eine Notlüge ein; ich fragte sie in so
miserablem Italienisch als mir nur möglich war, ob sie Französisch
oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und
gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der
italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine
Weile, sagte dann, ich könnte in  i h r e r  G e g e n w a r t mit
ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.

Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt
fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen,
der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische
Leibwache der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer
Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich
errötete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet
hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.

Sie kam; sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligé lieblicher
als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen.
‚Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
führt,' sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne
hörte; ‚Sie müssen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es,
daß die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es,
daß sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue
und schwieg.

Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich
erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus
Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz
daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen, da
wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder  e i n e r
Heimat nur  e i n e  große Familie sein sollten."

„Eine gefährliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner,
indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik freute. „Wie?
brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie in
Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein solches
Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren
und Knechte, Norden und Süden, ‚unsere Leute' nennen; aber
Deutschland? Bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt
ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im
Himmel oder in der Hölle treffen, so heißen sie nur Österreicher,
Preußen, Hechinger und fürstlich reußische Landeskinder!"

„Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. „Doch nötigte ihr meine
Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so
leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu
küssen. Doch ihre Blicke werden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur
zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, daß
dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge
füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für
den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und
vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber
gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte
dieses Mädchen s o von mir gesprochen!

Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war
betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei,
mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses
selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war
sie jetzt! Sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit
denen ihres Freundes, sie glaubte, große Ähnlichkeit zu finden, und
doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie
rief ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.

Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und
bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet
hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus
besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere
barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen,
ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch
ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig
ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu
erfahren,--der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem
unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten
zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie
gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade
der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum
Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das
Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ‚Er
will zwar hier nicht gekannt sein und so zurückgezogen als möglich
leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte
so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt------und wohnt------'."

So „etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann
den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm gerne
zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable
Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören; aber
interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein
ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen,
seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich
unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er
mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er
mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte
er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. „So muß
der Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!" rief er und wandte sich
unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn überall
haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.

„Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen," gab er mir zur
Antwort, „ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten."

Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte
ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah
wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein
hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon
längst als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat „g u t" auf
meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt mit
stolzer Würde; sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen
bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
reich nennen konnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die
Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und
kräftig. Über das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen
eines Ende er in malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das
andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend,
sein Diener, ebenfalls ein Mönch, ein dürres, bleiches Geschöpf,
dessen tückische Augen nach allen Seiten spähten, ob Seine Eminenz von
den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüßt würden.

Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren
der „ewigen Stadt".

„Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer," flüsterte der junge
Mann, mit den Zähnen knirschend. „Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum
Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen
erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß,
sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die
Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von
einem Türken beherrscht zu werden."

„Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann?
Was hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern
zusammen?" Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte; denn er schaute
mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte
Verwünschungen wie ein Zauberer.

„Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat
ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden
mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht
schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu; aber
trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!"

Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte
dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß
sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe
trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt.
„Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu
urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt
mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die
Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,
der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung
bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher
Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.

Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom,
sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich
war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufällig zugegen, und--stellen
Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere
Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe. Ich wandte
mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein
Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens
Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden
Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen,
unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.

Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten
zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine
Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom
lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie?
Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie
lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante
Wesen etwas zu hören.

Sie erzählte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch
ihr schönes Äußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die
ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Umso
auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich
zwischen einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter
des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner
schönen Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal
gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich
geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewußt,
das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war.
Man habe sich in ....th allgemein gefreut über die Art, wie sich
Fräulein von Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß
die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei,
sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt würden.
Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch
nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in
Luisens Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten.
Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber, und doch gab es einige
Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die
von einer Entführung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, daß
Herr ..., so hieß der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um
diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine
Römerin; das Fräulein entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung
der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.

So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug,
um ihr Verhältnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es
mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen;
oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht,
da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?

Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer
mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie
wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur
sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so
leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des
Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß
sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.
Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt."

Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach
zu meinem großen Ärger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit
ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht
entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging
mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen,
ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu
finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten
schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder
Interesse einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören.
Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes
Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche
Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm
ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so
anziehender dünkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene
Hülle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende
Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn
unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten
in einem ästhetischen Tee zurückführte.

Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war
die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich
hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war
gekommen, aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien
ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie
schien etwas zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer
mußte es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen
durch keine Silbe zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen,
aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte
er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie
über ihn ausüben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden
Bescheidenheit zurückzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an
ihrem Auge, in welchem eine Träne perlte, als sie weiter ging.

Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und
die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und
ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus,
sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf
die Resultate seiner Geschichte sieht: „Es wiederholt sich alles im
Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner
kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die alte
Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich mit
ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist, senkt
sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum möge es
keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren
niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich viel
Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen
Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.--

Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf
der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die
freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte,
wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül
und wirkte selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf die
Menschen, daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm
jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich
setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine
Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber
etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes
Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame
mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein
französisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit
Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an
welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.

Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine
Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede
entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon über
die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre
beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas
nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte,
zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht
verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen
Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte
waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des
Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein
Doppelgänger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von
Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne
dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden
wollte!

„Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?" hörte ich
die Dame sagen. „Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts
meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein
einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen,
morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?"

„Mein Sohn," sprach der Kardinal, „ich will nichts davon sagen, daß
Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige
Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der
diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan
spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen
Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen
Kreuz, den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget
mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche zur,
Verherrlichung Gottes."

Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes
Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im
Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er
blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an.
„Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, „mein
Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese
sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um
die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?"

„Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?
O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der
Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine
Rückkehr, kein Übertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens.
Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die
Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den
Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?"

„Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Überzeugung. Ich
müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen."

„O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der
Herr von Haller, auch geschämt? Schämen! Wie ein Heiliger würdet Ihr
dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der
treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu
verrichten? Es sei gegen Eure Überzeugung, saget Ihr? Da sieht man
wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen!
Zu was denn immer Überzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am
Glauben, daß er von selbst wirkt ohne Überzeugung. Gesetzt, Ihr wäret
krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
Christenheit. Ihr seid nicht überzeugt, daß er der alleinige wahre
Arzt ist; aber Ihr laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und
siehe, sie wirken auf Euren Körper ohne Überzeugung, gerade wie uns er
Glaube auf die Seele."

„Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, „teurer Otto! Siehe,
wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte,
ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu
lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und
dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und
bedenke die schöne Villa an der Tiber und das köstliche Haus neben dem
Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur
Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?"

„Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann
mit dem roten Hute fort, „nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man im
Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit
selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein
großes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre
zu tun, bietet sich Euch dar!"

„Wozu doch diese Öffentlichkeit?" fragte Otto. „Ich hasse dieses
Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer
Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und
offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es tötet sie, wenn sie es
hört!"

„Elender!" rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. „Sind das
deine Schwüre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert,
und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich
nieder in ihre Fesseln; aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze!
Über meine armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott
erbarmen!"

„Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter
Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure
Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will
einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr
nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur
immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken
wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem
strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
Sprache angenommen hat?"

„Welch einfältiges Märchen!" rief der junge Mann. „Was wollet Ihr auch
den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf,
dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal
betrog!"

„Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst
ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo
geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle
seine Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der
höllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen.
Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Geständnis
über ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin
Rücksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,"
fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete.
„Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller
derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer,
insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!"

Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er
denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche
bemerkte, welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des
heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der
Andacht.

„Nicht wahr," fuhr Rocco fort, „da stehen wohlklingende Namen?
Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich, diese Leute können nicht
so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht
auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im
H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure
barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich
erklären und seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen
tüchtigen Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in
Frankreich, selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht
erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns
zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name, wie der Eurige,
leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere
heiligen Tafeln verzeichnet wurde!"

„Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste
dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche
abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu
entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer
Heimlichkeit. Sie gelten von außen für echte Lutheraner, und was haben
sie davon, daß sie von innen römisch sind?"

„O Einfalt! Es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert
habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schöne
an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die alleinseligmachende; daß
sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hölle, eine
Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen
Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den Unserigen
lange im Fegefeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne
Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im Durchschnitt
hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und ebensoviele
im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer verfluchten
Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn
Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertzwanzig.

„O, wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!" sagte Ines mit
zauberischem Lächeln. „Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,
in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist
nicht möglich!"

„Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, „euer Erzketzer in
Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen
prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese
müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des
Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der
Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegefeuer
zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir
können ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken.
Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegefeuer hundertundzwanzig
Millionen faßt und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig
Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine
etwas liederliche Seele."

„Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet
mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz
kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife
nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja
Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab
öffentlich verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt _à la_
Mahomed; die Kerls würden sich schlagen wie der Teufel; denn sie
wüßten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im
Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste
werfen, sie ist mir tröstlicher; denn es stehen ganz vernünftige
Männer dort."

„O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht
hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische
Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch
sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in
diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns,
und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhandnehmen,
dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer,
Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172,
Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen
Dunkel, daß sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner
Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht.
Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn
ihr eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie
hättet--die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret
wenigstens schon lange wieder zurückgekehrt."

Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem
trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele
bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein
Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der
die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen
Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.
Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein
schönes Weib haben schon andere geangelt als diesen.

Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer
seinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines
Fürsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte,
während sie über das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die
Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen
strahlte und den Abend schwül zu machen schien. Sie reichte dem
geliebten Ketzer ihre schöne Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit
einem so bedeutungsvollen Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr
seine transmontanische Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte,
mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten
Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende
Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend,
erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es
kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehöriger Wirkung
drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und
seine Dame schlugen einen Fußpfad ein und gingen der Stadt zu.

„Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer.

„Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist
einer der besten Füße des Heiligen Stuhls! Alle Abende fährt er in
meiner Barke auf dem Fluß."

„Und die Dame?"

„Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. „Sie fährt
beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit
dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder
ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des
Teufels."

„So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?"

„Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da
würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist
ihr Geliebter."

„So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, „die Dame wohnt
nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht
niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!
Er ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man
hört sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann
flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna
weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die
Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd
aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden
Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie faßt ihn
unter der Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die
umherstehen. Sie zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn; und
dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem
losbricht."

„Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, „und hat er sie noch nie
totgestochen im Zorn?"

„Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. „Aber krank ist sie schon
oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,
vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch
gute Seelen, diese Deutschen!"

So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken
über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen
Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,
ein schönes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte
dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester
den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er
ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die
Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er
diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen
hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene
Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän
einflüsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich
sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen
konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner
wieder aufzusuchen.

Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich
mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut,
wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir
vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich
gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner
Geschichte zuvor desto ungestörter zu vernehmen.

„Von allem Unglück, das die Erde trägt," fuhr er zu erzählen fort,
„scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender als jener
stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen
zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und
dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken,
den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu
öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in
weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der häusliche
Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, jene
stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der
Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie drückend
wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein
verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der
Stunden, wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der
Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten
Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz
den Schlag der Glocke übertönt!

Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald
erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im
Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde
sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich
zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten
Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen
fremden Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es;
sei es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus
einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir
sprach, weil ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich
auffallend von allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung
huldigten. Sie lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--"

„Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene
Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?"

„Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich
gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich
gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte--"

„Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr
Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!"

Der Berliner stutzte. „Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. „Wer
hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?"

„Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich;
„sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?"

„Sie haben recht;--nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen auf
eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich
machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich
ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören
könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz
mit dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte;
sie gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän
seine Verhältnisse hierherriefen; sie gestand, daß er einen
Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache
entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar
führen werde.

Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines
Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft
versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in
Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle
Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von
Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.

‚Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?' fragte er, indem er mich mit
forschenden Blicken ansah.

‚Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur
Antwort.

‚Nun, so flüchtig muß es doch nicht sein,' entgegnete er mir, ‚da Sie
ein Duell mit ihm gehabt.'

Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich
gleichgültigen Sache; es sei aber alles gütlich beigelegt worden.
Dennoch war es mir auffällig, woher der Gesandte diesen Streit
erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem
Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte.

‚Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; ‚doch möchte ich
Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu
vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen,
besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem
fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.'

Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst,
sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame
sagte, ‚zweideutige Person'! Und doch saß gerade diese Person als
Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es
deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr
auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen
aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes
sehen ließ. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken; ich
bat ihn höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht
mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so
entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar
nicht reden, daß er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen
Ausdrücken von seinen Gästen spreche.

Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht
begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der
Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine
Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah,
daß hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von
Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. ‚Verzeihen Sie,'
rief er, ‚man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
Kapitäns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu
müssen.'

‚Und wenn dies nun dennoch wäre?' fragte ich. ‚Kennen Sie denn die
Geliebte des Kapitäns?'

‚Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. ‚Nein, ich glaube, er hat
schon selbst genug an seiner Spanierin.'

Ich staunte von neuem. ‚Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen
Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame
liebt!'

‚Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort;
‚wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu
denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und
ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für
nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber--jeder
Mann von Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.'

Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier
eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein
schreckliches Geheimnis und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens
Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte.

Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche,
die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er
schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel
schuldig zu sein. ‚Dieser Kapitän West ist ein Sachse,' erzählte er;
‚er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer
diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die
Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ältere Leute und aus guten Häusern
im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich
zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man
erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen
jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten
Engländer verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
Schloß und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.

Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam,
bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar
aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus
Ärger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt
noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers
mit ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen,
spurlos verschwunden; denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer
habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch
seine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen
und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.

Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den
Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten
und verhört werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als
er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber
aus, daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und
bekräftigte mit einem Eide, daß er von diesem Schritt der Donna nichts
wisse.

Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier
sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen
Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen
zusammenzutreffen.

Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage
an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und
ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls
hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses
Kapitäns West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem
Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit
annehmen lassen, daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von
Spanien aus sich an die päpstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man
wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr
zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die
nötigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, daß jener Verdacht
bestätigt sähen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren,
ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und
erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefaßte Antwort, man möchte
diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem
Engländer wahrscheinlich für ungültig erklärt werde.'

Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus
besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt
habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im
Karneval mit jenem ‚wegen einer Dame' gehabt habe.

Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner
Erzählung empfand, und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand
ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft
zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen; das Warum
versprach ich ihm ein andermal.

Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
übersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
Anblick! Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen
Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
blaues Auge glänzte, vielleicht von der Erwartung einer schönen
Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der
Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte
ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie
war es möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück;
denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die
süße Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer
wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen
Horizont schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter
verkündeten, hingen sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das
Unglück, das Luisen drohte?

Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei, ob
ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung.
Doch, war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte,
ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit
meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen,
ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur einen Ausweg glaubte ich
offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder
die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr
verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich zu
machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
Unglück zu mildern suchen."

„Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, über diese romantischen
Ideen unwillkürlich lächelnd, „wie konnten Sie glauben, Freund, daß
ein Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben
werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der
Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?'

„Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. „Ich dachte,
wie ich, muß jeder fühlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitäns West.
Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen
schönen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen
lehrte. Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu
begrüßen. ‚Ei, Papa,' rief der Kleine, ‚wie sieht dir dieser Herr so
ähnlich!'

Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem
Zimmer. ‚Wie,' sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von
diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?'

Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn
zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.

‚Er gehört wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf
ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse
Gewissen sich kundtut; er erblaßte, seine Augen glänzten wie die einer
Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um
das Fräulein nicht völlig unglücklich, zu machen.

Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
um Luise von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte ich
ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin
erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen
unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu
entfernen.

Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere
unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er
verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben.
Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
zu retten; er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe,
das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche
der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen zu
können. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort möge
entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden könnte.
Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und
Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch
gemangelt zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand
ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine
Ausdrücke waren gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreißen, so daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem
Dritten, während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand
schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prüfen, und
erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken.
Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer
gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil
diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprächen
von einem Dritten.

Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der
ersten Häuser der Stadt, für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem
Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis
ungerne. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf
seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des
Kapitäns war, was ihn zu einer Härte stimmte, welche die Liebe eines
Mädchens wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich
jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben,
wenn sie je mit dem Kapitän sich verbinde.

West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung
zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der
Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die
Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als
er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten
zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare
Vorschläge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können;
er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich
bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte
auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinwegzukommen. Er
erzählte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie
er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei
plötzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern
geflüchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie
heiraten.

Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von
dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten
und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte
sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte er
die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen
können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu
heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht hätte?

Er schilderte mir nur ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in
welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater
Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es werde ernstlich an
der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt
angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde.

‚Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; ‚dies alles
beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre
einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht
fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.'

Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem
Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen überstiegen; er
könne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt
tun.

‚Im Augenblicke heißt hier nie,' erwiderte ich ihm. ‚Sie werden sich
aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand
losmachen können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luise
nicht noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel
Ihrer Bestrebungen sein?'

Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch
er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es
sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede
Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte
Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu
mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.

Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß
gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von
Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der
schöne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte."

„Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte
ich; „jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?"

„Ja und nein," antwortete er trübe; „sie schien meine Liebe zu
übersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, daß sie
ängstlicher werde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre
Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit
oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er
hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in
Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten
arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben
wollte, man wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche
mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein,
wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht
für möglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der
schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr
alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir möglich, ihre himmlische
Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich
gewußt hätte?

Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war
bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und
sprechen konnte. ‚Jetzt ist alles aus,' rief er; ‚sie stirbt, sie muß
sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, daß Donna
Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten;
ihr schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal
hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein
gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann,
der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten
zurückzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist, ich erkannte,
daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von
diesem Tage wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän
in kalter Wut zur Türe hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf
und wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora
Campoco zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen
Kardinal sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater
Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich
setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf
ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln
die Türe vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich
ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch in
dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine
Aufträge, und bald hatte ich die heilige--unglückselige Stadt im
Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine
Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann
tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht
verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch
es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage
zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont
zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich
dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause
meiner Tante erzählt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene
Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn
in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an
jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner
Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und
ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner
ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend.
Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines,
intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon
viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir als Menschenkenner
etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden
Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie
sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach
moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Körper, welcher abwärts
gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei
Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; er
war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war
schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitän liebte er
wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht
lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre
vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger
geworden; ein zweiter wäre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer
entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen
lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein
dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne
Sächsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben
Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten
waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen
Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,
Luisens mit dem Berliner, werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten
Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines
heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend
vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeigte, so
machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich
beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen
zu hetzen.

Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von
S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß
das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine
Stimme heiterer. „Der Engel!" rief er aus. „Sie will mich dennoch
sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er,
indem er mir den Brief reichte; „müssen solche Zeilen nicht
beglücken?"

Ich las: „Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu
sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis
Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es
eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
wissen, wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der
Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach!
daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen
dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser Schmach, die ich
nicht ertragen kann. L. v. P.

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt
wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun
könnten."

„Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß,"
sagte ich; „doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das
Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg
kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich;
denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien
genau bekannt."

Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können.
„Das ist trefflich!" rief er. „Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben
zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die
Verhältnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

„In Berlin," erzählte er, „hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte
Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustande, der
beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der sächsische
Gesandte: Der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West
erklärt, man spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Übertritt
des Kapitäns zur römischen Kirche sein solle. In demselben Briefe
erwähnte er mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr
angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,
sehr gefährlich krank sei, die Ärzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß alles, was
ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge
haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte,
jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück,
und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert,
mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so
plötzlich wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es
mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit
einem der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu
verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wieder fand!
Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West
zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle.
Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre
Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter
einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr
zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis
ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde,--
oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute
geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist
zu allem fähig, und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen
zu denken ist."

„Aber der Fromme," fragte ich; „soll wohl der seine Bekehrung
übernehmen?"

„Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist ein
deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu
bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich
erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des
Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein
Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch,
auch dies kömmt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
kümmern mag!"

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden.
Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse
eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon
lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es,
als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur
eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt;
ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie
mußte dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die
Heilung des Kapitäns West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich
empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in
ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat
ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren
Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie
einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer.
Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten
Neigen des Hauptes und antwortete: „Gegrüßet seist du mit dem Gruße
des Friedens!"

Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute
sind eine wahre Augenweide für den Teufel, er weiß, wie es in ihrem
Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als
Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und
wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit
neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.
Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn
sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist
ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre
eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man
glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will.
Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen
kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, „Ja, ja, nein, nein". Auf
weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind
die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lärm für sich;
doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre
Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kömmt es,
daß sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen
ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen
jeder andere sein Auge beschämt wegwenden würde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie
gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien
von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert
worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen
näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle
kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen
mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1
und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im Äußern; denn sie sind
Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. „Ihr seid ein
Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gruß, „Ihr seid ein
Deutscher?"

„Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott," antwortete er; „aber
die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."

„Da habt Ihr recht," erwiderte ich, „besonders wenn sie in einer engen
Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser
gotteslästerlichen Stadt?"

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: „O welche Freude hat
mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist
der erste, der mir hier sagt, daß dies die Stadt der babylonischen H---,
der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne
von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen großen
Götzentempeln und nennen alles ‚heiliges Land', selbst wenn sie
Protestanten sind; aber diese sind oft die Ärgsten."

„Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere
Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer
Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme
Seelen sein."

„Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;
man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er so
etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch
ihn ist dieses Übel in die Welt gekommen. Zu was denn diese
Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie führen zum Unglauben. Die
Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h
gekommen ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie
erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der
gelehrteste Doktor."

„Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; „und ich war in meinem
Leben in der Seele nicht vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn
ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort
verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so
hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren
zerknirscht. Doch sage mir, wie kömmst du ins Haus dieser Gottlosen?"

„Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete
gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein
Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus
wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam
in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin
aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr
ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Sünder.
Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich
abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zähneklappern. Ich sprach ihr zu,
sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum
Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Manne, den der
Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat
mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in
mir wohnet. Und darum bin ich hier."

Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit
dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob ich
mit der Familie des Kapitäns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich
bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab
ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.

„Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun,
der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon
davon gesagt, und es kömmt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines
solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun."

„Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in
geistlichen Kämpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr
nützlich sein können."

„Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich
verdrehend, „es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich
will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf
zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich
fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brüder, lasset
uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!"

„Gehen wir!" sagte der Berliner. „Seien Sie versichert, Luise, daß
Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung
dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft;
die Zeit bringt Rosen."

Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem
wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich
in der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen.

Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist, vom
Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin und
verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der
Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und
ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen
Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte
nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu
entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich
ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung
und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige
Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am
besten erreichen zu können, besser vielleicht noch durch den Kapitän
West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn
noch von der Spanierin werde losmachen können.

Auf dem Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er
hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!
Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus
einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen
Likör enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn
kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer
Begeisterung sprechen.

Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner
stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste
getrieben, seinen Sermon.

Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und
sprach: „Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat
dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben
willst, daß du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der
Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie
heißt es Sirach am 9. im dritten Vers? He? ‚Fliehe die Buhlerin, daß
du nicht in ihre Stricke fallest.'"

„Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitän
gereizt. „Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer
Sottisen zu sagen."

„Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,
besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie
übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."

„Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe; denn--"

„Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme,"
schrie der Pietist. „Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm,
und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden
lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? Laß dich nicht bewegen
von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es
ein Ende nehmen wird.--Wisse, daß du unter den Stricken wandelst und
gehest auf eitel hohen Spitzen!"'

„Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht
selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"

„Nein! Aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit
einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem
Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."

„Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme
Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. „Auf,
ihr Brüder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied
singen, vielleicht hilft es." Er drückte die Augen zu und fing an, mit
näselnder, zitternder Stimme zu singen:

  „Herr, schütz' uns vor dem Antichrist,
    Und laß uns doch nicht fallen;
  Es streckt der Papst mit Hinterlist
    Nach uns die langen Krallen;
      Und laß dich erbitten,
      Vor den Jesuiten
      Und den argen Missionaren
  Wollest gnädig uns bewahren.

  Sie sind des Teufels Knechte all,
    Nur wir sind fromme Seelen;
  Wir kommen in des Himmels Stall,
    Uns kann es gar nicht fehlen;
      Denn nach kurzem Schlafe
      Ziehn wir frommen Schafe
      In den Pferch für uns bereitet,
      Wo der Hirt die Schäflein weidet;
  Dort scheidet er die Böcke aus--"

Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang;
aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben,
dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselte Scham und Zorn,
und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses
Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne
erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers
anhub, ging die Türe auf, und die hohe, majestätische, Gestalt des
Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen,
faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern
herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns mit
gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte
vielleicht den ehrerbietigen Kuß eines Gläubigen erwarten.

Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der
Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn
erzürnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu
sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S.
erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem
Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: „Das ist wohl der Teufel,
den du im Traume gesehen?"

Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen Leib
zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem
Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der fromme
Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder
erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfürsten;
doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu
dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer protestantisch=
mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heulenden
Predigerton auf italienisch an: „Siehe da, ein Sohn der babylonischen
H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und
Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!"

„Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er näher trat
und den Prediger ruhig und groß anschaute. „Piccolo, merke dir diesen
Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen."

Der Pietist geriet in Wut. „Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!"
schrie er. „Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kömmt der Geist
erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich
will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine
ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur
ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem
Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! Das sind die
eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt;
in Sack und Asche mußt du Buße tun."

Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,
seine Wangen glühten. „Jetzt sehe ich, Kapitän," rief er, „was Euch
solange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen
wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha! bei
der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekränkt."

„Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. „Ich bitte, uns
nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in
sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran
verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen;
denn Ew. Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die
Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle
Welt über schwemmt."

Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es,
sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen.
„Herr v. S.," sagte ich, „der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein
Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schließt
mich mein Bewußtsein von den ‚wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache
keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer
werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen
können--"

„Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. „Bruder, Mann
Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu
rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer; aber es wäre ihm besser,
ein Mühlstein hänge an seinem Hals, und er würde ertränket, wo es am
tiefsten ist."

„Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort,
und der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß die Beschämung,
vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die
Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kämpften.

„Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. „Diesen
Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er
will, denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber über
diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von
Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S.
besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen
wollen."

Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte
er ihn nur noch mehr auf; doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben,
und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. „Ja, ich habe
mich freilich höchlich geirrt," sagte er lächelnd, „und bitte um
Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse
Gegenstände; doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind,
was Sie herführt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän
wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen?
Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, ist ihm
gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano,
daß Sie sich von demselben Manne zurückführen lassen, der Sie so
geschickt aus dem Sattel hob!"

Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die
Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle
Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer
sich gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von
einem römischen Priester so verhöhnt zu werden. „Die Achtung, Signore
Rocco," sagte er, „die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt
mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer über mich gesagt
haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und
wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mühe geben
wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob,
werde ich folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner
Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht
in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott
noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein
andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate
ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im
Schoße der Kirche ist."

Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein
seidenes Gewand. „Geben Sie sich keine Mühe," entgegnete er, „mir zu
beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.
Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West
zu bekehren--"

„Wir kennen diese schönen Zwecke," rief der Berliner mit sehr
überflüssigem Protestantismus; „Ihre Pläne sind freilich nicht auf
einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie
möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was
noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber
Sie kommen hundert Jahre zu spät oder zu früh; noch gibt es, Gott sei
Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein
wollen, als den heiligen Stuhl anbeten."

„Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen.
„Ihnen, mein Herr v. S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns
an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der
Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann
Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England
über kurz über lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann
werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren.
Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Züge des
Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so
sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich
gut aus der Sache gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater
Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines
Talars und, mit Anstand und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus
dem Zimmer.

Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist
murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert; denn der
Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem
Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen,
der babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem
Paradiesgärtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.

Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.
Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem
Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen
sonnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen
würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der
Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein
Leichtsinn verleitet; denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn
daraus entstehen könnten,--er hätte sich von falscher Scham nicht so
blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser
Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens
Besitz nicht ausgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da
sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän
nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch
wissen wollte; ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt
worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühte;
und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das
Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.

„Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, „ich sehe ein, daß
ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir
Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu
erbitten?"

„Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt," antwortete
der junge Mann etwas verstimmt und finster; „ich glaube nicht, daß
nach diesen Vorgängen--"

„O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, „ich kenne Luisens gutes
Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben.
Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der
Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu
kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen
sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel
zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!"

„Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe
nach Fassung rang. „Soll ich Ihnen Antwort bringen?"

„Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr
als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber."


       *       *       *       *       *


Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das
Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse; seine Gestalt, sein Gesicht,
zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück;
es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen,
er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden
heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so
sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue,
den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem
armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen
Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen
Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!

Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß
sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie
hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu
begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne.

Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in
den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte? Ich
forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitän suche, und er
sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen
Schuldschein auf fünftausend Scudi zu überreichen habe, die jener
zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. „Wertester Frater Piccolo,"
erwiderte ich ihm, „das sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr
in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort
werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch." Er dankte und ging
weiter; daß er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna
Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu dürfen. „Fünftausend
Scudi, zwölf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. „Ich will doch
sehen, wie er sich heraushilft!"

Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu
fühlen, daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur
dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte, er fürchtete, Luise
werde nicht auf die Dauer glücklich werden. „Dieser West!" rief er.
„Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr
zurückführt! Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn
kommt, die Spanierin so unglücklich gemacht zu haben--wie leicht ist
es möglich, daß er auch Luise wieder verläßt!"

Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht
zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht
und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Künste
anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch
gemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und
ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der
gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!

Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora
Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm
unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause
des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere
Leitung, gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche
zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren
wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln
auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie
habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten
zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine
sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie
befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den Fluch
ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer
verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so
kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des
Geliebten dennoch nicht glücklich zu werden.

Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das
weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert. Er
lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco
empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß
sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger hören
könne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend,
mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht,
trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster,
ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
Schuld lesen, die er zu der alten gefügt.

Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing
ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,
und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefühlt, wie die
höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war
diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung
davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine
Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger
langweilen dürfte: „Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der
Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der
Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die
Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen
Krieg nicht." So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben,
aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen,
nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen.

Bei jener ganzen Szene ergötzte ich, mich mehr an der Erwartung als an
der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater
Piccolo durch die Bäume herbei käme, um seinen Wechsel honorieren zu
lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welch es
Staunen, welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei
dergleichen Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit
vielen Worten nichts sagten--da hörte ich auf einmal das Plätschern
von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um
welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre!--
Die Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher. Weder die
Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur
noch das Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans
Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte
Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten
auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der
Kardinal Rocco standen vor uns.

Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein
Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem
schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu
begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurück,
indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen
verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah
also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich
um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe
musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande,
die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.

„Schändlich!" hob Ines an. „So muß ich dich treffen? Bei deiner
deutschen Buhlerin verweilst du und vergißt, was du deinem Weibe
schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen,
durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen
Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in
den Armen einer andern?"

„Folget uns, Kapitän West!" sagte der Kardinal sehr strenge. „Es ist
Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke
wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische
Gesellschaft."

„Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen Arm
schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. „Schicke diese Leute
fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du
zauderst? Monsignore, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in
diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich, mit dieser Dame zu
entfernen."

„Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. „Diese
ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird
sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen."

„Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend,
Signora Campoco; „wie möget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten
ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"

„Nicht gezaudert, Kapitän!" rief der Kardinal. „Werfet den Satan
zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die
Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll ich,"
fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, „soll ich Euch etwa dies Papier
vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den
fünftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache
abholen lassen?"

„Fünftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. „Ich leiste
Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft"--

„Mitnichten!" antwortete er mit großer Ruhe. „Ihr seid ein Ketzer;
_haeretico non servanda fides_. Ihr könntet leicht ebenso denken
und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen
der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."

„Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Tränen
entstürzten. „Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz
übergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein
ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,
als Ihr fordert"--

„Meinst du, schlechtes Geschöpf," fiel ihr die Spanierin in die Rede,
„meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele
verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat, er hat
mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat
mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche
Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten
kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
Würmern, den Vater!"

„Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut
bewegt. „Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte
schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so
tief möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst,
ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir
gebrochen!"

„Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal;
„sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit
einem andern, der hier neben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere
nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt
nicht folgst, wirst du sehen, was es heißt, den heiligen Vater zu
verhöhnen!"

Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig
Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch mußte es zu
einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:
„Wie? Was ist das für ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt.
„Es wird doch kein Unglück geben?"

„Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. „O, weinet nur, ihr armen
Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich
gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein
Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!"

Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fräulein faßte
ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie
Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst
war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß
ausführen wolle, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den sie
einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem
Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und als
sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze
Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.

Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig
zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last
nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen; er wollte
vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte
heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen
Mannes, um den seinigen unterzuschieben.

Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene,
die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. „Fort mit dir!" rief er.
„Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du
hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken,
mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal
entreißen, Hinweg mit dir, du Ehrloser!"

„Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitän schäumend, es mochte in der
Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender
war. „Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan?
Erklären Sie sich deutlicher!"

„Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da
hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder
ich schlage dich nieder!"

„Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich
fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen
Mannes.--In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen
Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu
lassen, in die Knie.

„Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch," war mein Gedanke,
als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; „jetzt wird er sich
bergen im Schoße der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn
willenlos ließ, sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen,
und die Barke stieß vom Lande.


       *       *       *       *       *


Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an
welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle
Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch
nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben
und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also wenig
Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob
vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um
den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel
der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpf en, da ihre Seelen
doch einmal verloren seien.

An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders die
Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man
drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach dem
Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl
herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle
schlagen an die Brust und sprechen. „Wohl mir, daß ich nicht bin wie
dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz
besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen
Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer
ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser
Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß
es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er
Obrist, und wenn man am Donnerstag frühe ein schönes Kind auf der
Straße anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man
auf die Antwort rechnen: „Ei, wisset Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes
ein General der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird wie
ich und Ihr?"

Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach
der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen,
Bitten, Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er
einwilligte, besonders da er durch den Übertritt nicht nur Absolution
für seine Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch
Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der
Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein
Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.

Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an
mir vorüber kommen mußte. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mönchen,
Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kam heran. Ihre
halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie
zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Römer um
mich her aufmerksamer. „_Ecco, ecco lo_!" flüsterte es von allen
Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche
bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren
Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen
vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Sch ritten.

„Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hörte ich die
Weiber um mich her sagen. „Welch ein frommer Soldat!"

„Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele
entrissen wird!"--

„Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?"

„Vorher," antwortete ein schöne schwarzlockiges Mädchen, „vorher; denn
nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er ihn
ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."--

„Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, „der Papst kann alles,
was er will, so oder so."

„Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch lächelnd; „nicht
alles!"

„Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. „Er kann alles; was
sollte er denn nicht können?"

„Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der
Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.

„Was? Du versündigst dich, Mädchen?" schrie er. „Welche unheiligen
Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst
heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall."

Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen, und auch ich
folgte dorthin. Es ist eine lächerlich materielle Idee, wenn die
Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche
kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior,
Balthasar) über ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland
werden sich bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.

Ich drängte mich so weit als möglich vor, um die Zeremonien dieser
Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues
Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des
Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der
ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,
der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem
ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit
aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen
Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je,
und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte
dem Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und
einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ.

Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit
einer Hand an eine Säule, und ich glaubte, sie wäre ohne diese Hilfe
auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.
Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch
sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester
den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs
hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,
übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar
über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
hinwegführt.

Die Priester sangen. Jetzt fing der Täufling an, sein
Glaubensbekenntnis zu sprechen.

„Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; „er hat
auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!"

Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher
gelebt.

„Gib Frieden seiner Seele," flüsterte sie; „wir alle irren, so lange
wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß
ihn Frieden finden, o Herr!"

Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen
schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm
vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete
ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu.

„Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner
Seite, „daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich
werden!"

Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schloß die Taufe, und der
Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als
ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu
und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln
ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
führte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen
Stufen hinan und las die Messe.

Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles
sah; ihre Knie fingen an zu wanken. „Wer Ihr auch seid, mein Herr,"
flüsterte sie mir plötzlich zu, „seid so barmherzig und führt mich aus
der Kirche; ich fühle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und
die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet
vom Teufel.

Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr
den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen
Schleier zurück; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die
bleichen, schönen Züge Luisens. „Ich danke, Herr!" sagte sie. „Ihr
habt mir einen großen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der
meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den
Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich
habe sie--nie wieder gesehen.


       *       *       *       *       *


Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,
welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich
an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine
Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten
Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht
erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen
Alliierten seien. Von .... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich
war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich
verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant
geworden waren.

Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien,
Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als
Stobelberg zu ihm. „Lieber Bruder," sagte ich, „es scheint, du willst
Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?"

„Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan," war seine Antwort;
„und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal
anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume
unterweisen wollte."

Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die
Polizei hatte, ich weiß nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch
einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den
Pietisten gefragt, was es enthalte. „Geistliche Bücher," antwortete
er. Man glaubte aber nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes
Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges
einige Scudi von ihm nehmen.

„Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. „Eine fromme Seele sollte nach
nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als
nach dem Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit
dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt
es nicht: ‚Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem
allem fragen die Heiden?'"

„Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, „Bruder,
bei dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du
einem Mann von so felsenfestem Glauben, daß du mir solche Fragen
vorlegst. Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ‚Was werden wir
essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen
habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller
gefüllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es
geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir
eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth, ihr Brut des
Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen
Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen Dukaten und lasset
mir meine geistlichen Bücher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der
Geist komme über dich und stärke deinen Glauben!"

Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestärkt, daß
diese christlichen Pharisäer schlimmer sind als die Kinder der Welt.
Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straße begegnete
mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien
sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo
nicht die Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch
wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend,
seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief
auf dem Ohr.

„Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb
stehen. „Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir
uns nicht schon irgendwo gesehen?"

„O ja, und ich, hoffe noch öfters das Vergnügen zu haben; ich hatte
die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen."

„Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,
woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben
Paares."

Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die
spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und
Piccolo mußte ihn jetzt führen. „Ihr waret wohl recht vergnügt?"
fragte ich ihn. „Es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän
endlich doch noch überwunden hat?"

„Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz lächelnd. „Mein Werk ist
es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was
wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich hätte die Donna
gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom
befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt
worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was
zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von
seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich stände
alles noch wie zuvor."

„Es ist erstaunlich!"

„Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch
rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben soviel Ihr wollt, gegen
ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen
köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische,
reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr
Ehren und Würden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen
Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi
kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer
barbarischen Heimat große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben
dort großen Einfluß, geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?"

„Der Vorschlag ist nicht übel," erwiderte ich. „Ihr seid nobel in
Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst
katholisch machen?"

„_Anathema sit! anathema sit!_ Es wäre uns übrigens nicht
schwer," antwortete der Kardinal. „Wir können ihn von seinen
zweitausendjährigen Sünden absolvieren und dann taufen. Überdies ist
er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer
überlisten lassen!"

„Wisset Ihr das so gewiß?"

„Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er
mit einem Franziskaner gehabt?"

„Nein, ich bitte Euch, erzählet!"

„Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.
Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß
ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie _in majorem
dei gloriam_ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan
vor, sie wollten würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln
werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein
falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner
aus. Doch dieser ließ sich, nicht irre machen. Er nahm die Würfel und
warf--neunzehn. Und die Seele war sein."

„Herr, das ist erlogen," rief ich, „wie kann er mit drei Würfeln
neunzehn werfen?"

„Ei, wer fragt nach der Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann
den Unterricht beginnen."

Er gab mir den Segen und wankte weiter. „Nein, Freund Rocco!" dachte
ich. „Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan
nicht überlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners
zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen
Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor
Nacht nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute
noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich
befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für
sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit,
ihn heute noch zu sehen; denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu
finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit
jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt
durchstreifen.

Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn
dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde
nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trümmern
einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht der
Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen
Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die
gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen
Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle
Gestalten schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein
leiser Wind die Gesträuche bewegte und ihren Schatten hin und wieder
zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches
Volk, schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht
der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese
Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen
diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes
Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Stätte lebte.
Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk
der Cäsaren und--d i e s e r römische Hof und d i e s e Römer!

Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand
jetzt gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, daß
ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts
auf dem gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher hin,--es war
Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich
schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich
redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er
richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend sank er an meine
Brust.

„Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. „Sie sind
noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!"

Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem
armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?
„Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen," fuhr ich fort.
„Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich
so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen
Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus
dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie
werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf
diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
persönlich einführen!"

Er schwieg, er weinte stille.

„Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie
abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?"

„Sie ist tot!" antwortete der junge Mann.

„Ist's möglich! Höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?"

„Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben."

Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch
die Ruinen des Kolosseums.


       *       *       *       *       *





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mitteilungen aus den Memoiren des Satan" ***

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