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Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 1
Author: Hauff, Wilhelm
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 1" ***

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WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN



ERSTER TEIL.

EINLEITUNG.


  Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
  Cielo, di ferro scendi, e d'orror cinto.
               Tasso, befr. Jerusalem, V. 44.



ERSTES KAPITEL

Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.


Wer, wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger
Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war
und in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird
gewiß diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.

Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine
Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort
gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,
einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und
dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges
Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
den andern kannte oder seine nähere Verhältnisse zu wissen wünschte,
nie für möglich gehalten hätte.

Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft
beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Manne zuschreiben
zu müssen.

Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten
bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben; denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anständig, freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite
liegen, wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man
einander die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
Saladière darzubieten habe, wußte jeder, „aber das Genie, ich meine,
der Geist" wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher
aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
dem Hotel hinab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen
überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über
das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft
schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock, noch
hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier
Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt
hätte.

„Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,"
dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen
stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.

„Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.

„So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat
in die Halle.

„Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.

„Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, „wer war
denn--"

„Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefällige und trat bald
darauf in mein Zimmer.

„Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; „ein schwerer Wagen
mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."

„Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, „ganz sonderbar,
ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
Engländer von Profession, haben alle etwas Apartes."

„Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich
schickte.

„Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete
jener; „haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"

Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ
mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen
allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir
vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
mich hintrat, mir solche präsentierend.

„v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. „Hat er noch keine
Bedienung?" fragte ich.

„Nein," war die Antwort, „er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
aber weder aus= noch ankleiden dürfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr
von Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.

Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von
glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen
oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.
War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb
schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu
dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm
der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man
einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch
eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.

Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Körperform passen und
sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es
Sinnestäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form,
wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere
Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,
wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,
schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem
Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,
drückte sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme
Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich
hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu
machen, ohne dem interessanten _vis-à-vis_ durch neugieriges
Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch
mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der
Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender
Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen
höchstens mit bloßem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen
Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er
kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine
Münzensammlung und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr.
Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen
und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden
aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor
gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die
herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in
seinen Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald
bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern
rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der
Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.

Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu
verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern
oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die gröbere oder
geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen
wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der
Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die
Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des
Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche
Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch
über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach
näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte wie; denn der
Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle
ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille
gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse
gehört oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten
einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie
unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Maître de
plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche
Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen
gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
führte.

Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte
jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf
leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,
mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,
schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in
so fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als
daß man sich göttlich amüsiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend
einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte
das Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste
Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften
Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von
dem tiefsten Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune
streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,
wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das
Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte,
geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,
reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das
üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unserer schönen
Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht
widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich
hin, sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen
Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

*       *       *       *       *



ZWEITES KAPITEL

Der schauerliche Abend.


So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und
Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren
ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die
Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir
morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
den Fuß geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr
von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner
entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor
Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar
da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese
Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel
zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht
aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern
Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so
abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich
mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich
nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke
hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens
fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein
bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es
sei eine und dieselbe Person.

Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden
Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,
der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine
Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter
einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen
zu haben.

„Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,
die nicht weit von mir saß, „Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer
„vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich
hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose
zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.

„Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge
halten," brach er endlich los, „wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte
ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz
absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
da der Gedanke in mir aufblitzen: ‚Den hast du schon gesehen, wo war
es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück,
wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte."

„So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle
verwundert.

„Hm! he, hm!" lachte der Professor. „Jetzt fällt es mir aber von den
Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor
zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

„Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau
von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den
sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: „Es
mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft an
der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das
Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit
die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit
in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
über seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen
machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die
dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die
Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut
geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden
habe und sah--"

„Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--„denselben, der uns seit
einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts
Übernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr
Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
unterbrach: ‚Meine Herren,' sagte der Höfliche, ‚bereiten Sie sich auf
eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;
der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
ein.'"

„Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ‚Gerade dem
Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem
großen öden Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer
anständigen Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.'

„‚Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
Gewohnheiten, wie z.B., daß er sich selbst oft große Gesellschaft
gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Kuverts aus dem
Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der
andere unserer Markörs hat die Ehre zu servieren. Man denkt
vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz,
liegen auf den Stühlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er
unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen,
und das Ding soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen
Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper
war, geht nicht mehr in das öde Haus.

„‚Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört
Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag
nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den
andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

„Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.

„‚Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt.

„Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ‚Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"

„Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit
unserem Natas zusammen?"

„Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,
„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer
beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre.
‚Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er
dann, reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und
schreit: ‚Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'

Natürlich antwortete niemand, er aber sagt dann: ‚Der Alte würde es mir
nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,
schließt sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."

„Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, „waren sehr
erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich
auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem
Oberjustizrat vorhabe.

„Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
belagerten die Fenster. Eine alte, baufällige Chaise wurde von zwei
alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem
Wirtshaus; ‚das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tönte es von
aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich
unser, als wir das Männlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen
Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so
gelangte er ins Speisezimmer.

„Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
damals; denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,
gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im
Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi
verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch
die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
sehen.

„Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und
unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren
geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.

‚Ein hübsches Haus da drüben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer
in der dritten Stellung hinter ihm stand. ‚Wem gehört es?'--‚Dem
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'

„‚Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er
aus. ‚Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
Anwesenheit kund täte.' Er riß das Fenster auf: ‚Hasentreffer--
Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer
beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir
wohlverschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich
öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der
Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen
Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade
so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen
des bleichen Gesichts war der gegenüber der nämliche wie der, der bei
uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit
derselben heiseren Stimme über die Straße herüberrief: ‚Was will man,
wen ruft man? he!'

„‚Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer
Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
am Fenster hielt.

„‚Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
Kopfe; ‚steht etwas zu Befehl?'

„‚Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmütig, ‚wie ist
denn dies möglich?'

„‚Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herüber. ‚Sie sind der
Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß
ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

„‚Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,
und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust
herauf. ‚In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--
vergnügten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit
einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.

„‚Was war das?' fragten wir uns. ‚Sind wir alle wahnsinnig?'--

„Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,
während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die
Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus
der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu--
riegelte die schwere, knarrende Haustür auf und trat ein.

„Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück; man sah, wie er
dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.

„Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und
zitterten. ‚Meine Herren,' sagte jener, ‚Gott sei dem armen
Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir
lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Scherz
von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
Haus gehen können außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln den
Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an
der Tafel gesessen; wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
Maske anziehen können, auch vorausgesetzt, er hätte sich das fremde
Haus zu öffnen gewußt? Die beiden seien aber einander so greulich
ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht
hätte unterscheiden können. ‚Aber um Gottes willen, meine Herren, hören
Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?'

„Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tönten aus
dem öden Hause herüber; einige Male war es uns, als sähen wir unsern
alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.

„Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag
hinüberzugehen! Alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die
große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich
niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der
Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren
verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.

„Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
jemals eine Spur gesehen."

*       *       *       *       *



DRITTES KAPITEL.

Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)


Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile
still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich;
ich wollte das Gespräch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn
bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen,
zuvorkam.

„Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzählige Male für
einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte
anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen
platten, alltäglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden,
eigentlich interessanten vorkommt."

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen;
aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
Natas. „Jeder von uns gesteht," sagte er, „daß er dem Gedanken Raum
gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein
gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf
ewig sich ins Gedächtnis zu prägen."

„Sie mögen so unrecht nicht haben," entgegnete Flaßhof, ein
preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei
Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison
zurückzukehren. „Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle
aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für
Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata
gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei
dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit in
Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte
ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und
Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange
Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen.
Selten gingen sie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata
sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet
mich an: ‚Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata
begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den
ich wohl kannte. ‚Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gruß, indem er
vorüberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele
d'Agata."

Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden
Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt
hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort; man stritt sich um das
Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu
haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und
auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
betrachten.

„Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, „ich habe sie jetzt
soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten
in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus
hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."

Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. „Noch
nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen
bemerkt," sagte ich; „aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre
kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie
sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...."

„Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine
Brust anfassend, „harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flüsterte er
leiser, „daß alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O,
ich kenne meine Leute!"

„Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"

„Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, „daß der gebildete
Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm
fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern
nacht noch fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den
abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und
schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte wieder an den Fremden
verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt,
wie er den Ökonomierat gekörnt hat?"

„Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, „daß der Ökonomierat, sonst
so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich
habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben."

„Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder
Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet,
einen großen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben
sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn
dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht
wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll
seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt,
genießen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein
benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorene Sohn."

„Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
und dem Leben wieder geschenkt--"

„Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, „der alte Sünder
könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem
nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich
habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
zusehends."

Der Eifer des Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der
Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.--

„Und unsere Damen," fuhr er fort, „die sind nun rein toll. Mich dauert
der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er
hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört,
daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen
Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen
einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!"--

„Wie? die schöne bleiche Frau dort!" rief ich aus.--

„Die nämliche bleiche," antwortete er, „vor vier Tagen war sie noch
schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf
der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie _Rouge fin_
kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt
Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen
Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den
nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade
dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hörte ich sie mit ihrer süßen
Stimme den rauhhaarigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das
Weiß nicht noch etwas ä t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----!
hat man je so etwas gehört?"

Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so
suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon
etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es
aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich
selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte
ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand,
hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung
daraus zu erläutern.

Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. „Himmel,"
seufzte er, „und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden
Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß
geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
Formen der schwellenden--"

„Herr Professor!" rief ich, erschrocken über seine Extase, und
schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. „Sie geraten außer sich,
Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"

„Er hat sie auch," fuhr er zähneknirschend fort. „Haben Sie nicht
bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte?
Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um
eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der
literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen--
Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir der
Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn
vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...."

„Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, „gestehen Sie mir
lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
gebracht hat."

„Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lächelnd, „das
ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er
brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe
Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf
schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und
Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in
seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."

Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr
damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie
Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu
richten.

Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht
ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber
er ließ mich nicht zum Worte kommen.

„Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,"
rief er, „um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar
in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
feinere als du."

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen
schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er
sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die
Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit
war, ward die Türe aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen
Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die
Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden
sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen
forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber,
neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der
Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor
nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen
Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am
Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
des Ökonomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wußte, daß sie
einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer
Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen
auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.

„Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch--meiner Seel'--
aller Ehre wert," brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch
seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor
dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er
an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
Mauer, neben seine Schöne. Doch diese schien nur Ohren für Natas zu
haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
„übermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
sehr zerstreut, meinte sie „1 fl. 30 kr. die Elle."

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der
nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder
gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der
Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder
Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik
zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken
zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer
schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel
ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu
entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher
Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig
so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu
färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit
einem Male; als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des
Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf
und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man
lachte, und jauchzte und wußte nicht über was. Man kicherte und neckte
sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit
Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder,
das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte wirklich, es war
Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit
welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres
Gelächter ausbrach.

„Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem
Professor heraus, „Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser
verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon
begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand
sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige
Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!"

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer
Verlegenheit. „Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles
schwieg, „von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen
gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von
Natas aufgeführt."

Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder
alles.

„Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, „ich
behauptete, daß mir ganz unheimlich in dero Nähe sei, und erzählte,
wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie
noch, gnädiger Herr?"

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer
umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner
Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
älterer, unheimlicher Mensch.

„Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, „dort läuft er als
Barighi umher."

„Barighi?" entgegnete Frau von Trübenau. „Bleiben Sie doch mit Ihrem
Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da
hereingekommen ist."

„Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau," unterbrach sie
der Oberforstmeister, „es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war."

„Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann," sprach Frau von Thingen,
den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, „es
ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die
Gitarre beibringt."

„Warum nicht gar!" brummte der alte Ökonomierat, „es ist der lustige
Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n
verschafft."

„Ach! Papa!" kicherte sein Töchterlein, „jener war ja schwarz, und
dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?"

„Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preußische
Hauptmann, „das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
Auf= und Abgehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
„Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, „ich hab's gefunden, ich
hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!"

*       *       *       *       *



VIERTES KAPITEL.

Das Manuskript


So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend
noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich
auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen
Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und
fragte, indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der
Kaffee gefällig sei?

Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.

Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das
müsse ich besser wissen als er.

„Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, „nach der Abendtafel...."

„Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwätzige. „Sie
haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."

„Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
auf?"

„Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?" fragte der
Kellner.

„Kein Wort!" versicherte ich staunend.

„Er läßt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T.
bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."

„Aha, ich weiß schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil
des gestern Erlebten ein. „Wann ist er denn abgereist?"

„Gleich in der Frühe," antwortete jener, „noch vor dem Ökonomierat und
dem Herrn Oberforstmeister."

„Wie? so sind auch diese weggereist?"

„Ei ja!" rief der staunende Kellner. „So wissen Sie auch das nicht?
Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau--"

„Sie sind auch nicht mehr hier?"

„Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,"
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.

„Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.

„Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen."

„Wieso?"

„Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber auch
dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen
verstünde?"

„Zur Ader lassen? Herr von Natas?"

„Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und
haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."

Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: „Es mochte kaum elf Uhr
gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--"

„Was für eine Geschichte mit der Polizei?"

„Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein
ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weitergingen.
Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau
herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich
denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf
und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet
uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hört kaum, wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui,
und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der
Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang.
Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch
versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."

„Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.

„Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
neuem los. Aus Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in
Kassel. Des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle
bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben; denn er
sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten
nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem
Kammermädchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muß er haben
wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort
gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."

„Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?"

„Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."

„Armer Professor!" dachte ich, „dein hübsches Röschen mit ihren
sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
Pflaster ans das pochende Herz pappend."

„Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die
Geschichte?" fragte ich, um über die Sache ins Klare zu kommen.

„Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten
Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.

So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte
ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war;
was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.

Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht
nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in
meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und
ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.

Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:

„Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner
Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal
besuchen wollten.                                 v. Natas."

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner
gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein
unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und
den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.

Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir,
daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.

Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.

Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
alle, sogar der morose Ökonomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber
riefen seine Geschäfte den Rhein hinab.

Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken
Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen
helfen zu können.

Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas
hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier
gefesselt.

„Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, während wir
den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.

„Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich
ihm. „Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald
genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff
daher einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder
Nationen fürs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten
Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu
übersetzen? „Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine
leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde
und das Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist."

Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu
lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und
überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die
Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren
aufgestörten Hügelchen; aber er gab mir den Schlüssel seiner
Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine
Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die
er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre
schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.

Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen
Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu
übergeben befohlen; ich riß ihn auf--

„Verehrter, Wertgeschätzter!

„Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle des
brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl,
weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle
befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß unser schönes Zusammenleben so
schauerlich enden mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie
es klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
war!

„Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke über die Schulter und
liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen
Ökonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne
Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz.
Gott gebe, daß er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und
halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen
Ideen bespickte Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich
fortkomme.

„Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr."

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der
Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels
Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.

Wer stand mir aber dafür, daß diese Schriftzüge mir nicht durch die
Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte
ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten
des Satans machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?

Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April
geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.

In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript
Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine
Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren
und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
an mir bemerkt.

Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der
Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu
geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann
soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe,
hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar
langer Zeit wieder geheiratet.

*       *       *       *       *



DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERÜHMTEN UNIVERSITÄT ......EN.

  „Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht
  echt! der echte Ring vermutlich ging verloren."
                           Lessing, Nathan. III. 7.



FÜNFTES KAPITEL.

Einleitende Bemerkungen.


Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es
könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf
der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um
den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen
Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben,
die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.

Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,
wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette
gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, daß sie auf
Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um
sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren
für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die
Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen
Maßstab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es
sind die Memoiren.

Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der
Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern
glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,
haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es
Männern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren
ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf der
Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die
Kulissen; Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre
lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund
als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,
würdig des unsterblichen Talma.

_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich
ab, denselben auch ein solches Gericht „Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein: „Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,
der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."

Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,
Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme
anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört
haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch
für einen _homo literatus_ zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt
sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
vom Gewerbe &c. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,
wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des
Lagers, die unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,
keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so
glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich
bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus
meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß
aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor
den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich übel
wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings
selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart
mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das
Sprichwort _„clericus clericum non decimat" _ füglich auch auf
mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das
ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort
werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_
soviel als _acerbe recensere_, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik
habe, den Schluß von selbst ziehen können.

Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art
nicht fehlen könne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.
Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben
auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber
reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn
oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er
berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge
vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt
zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum
als Schriftsteller aufzutreten. [Fußnote: Was der Satan hier ernsthaft
und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat
der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt! Anm. des
Herausgebers.]

Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende
Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen
sein könnte, habe ich in dem Abschnitt „Besuch bei Goethe"
ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.

Fleißige Leser, d. s. solche, die Bogen für Bogen in einer
Viertelstunde überfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht
überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber
nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
langweilen.


       *       *       *       *       *


Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat
der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
scheint ihm nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur
angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem
Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene
enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens
mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste
ist. Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe
jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und
fand, daß er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit
angehören, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von
zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute
Schule gehabt haben muß.

Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel
wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel
vorausgesetzt. D e r  H e r a u s g e b e r.

       *       *       *       *       *



SECHSTES KAPITEL.

Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er
dort macht.


Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man
glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen
philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir
nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom
gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn
dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch
immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und
Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand
in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde
gehört: „_Anathema sit_, e r  g l a u b t  a n  k e i n e n
T e u f e l."

Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den
vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester
zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein
guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas
Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen
Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht.
Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden
Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n  d u m m e r  T e u f
e l,  e i n  a r m e r  T e u f e l,  e i n  u n w i s s e n d e r
T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche
Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu
studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß
ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen
Erfolg versprach. Ich wählte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819
daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen
Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n  B a r b e, meine
Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel
mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als
Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte
schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf
Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe;
wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und „Hol' mich der
Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn „Auf Ehre" und
„Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole
als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;
wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an
Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz
verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über
Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht
klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half
mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter
war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin
legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich
befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig
Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode
zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,
solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das
Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart
wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen
hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; die
Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, das
Auge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken mit
einer Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre.

Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn,
konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der
Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr
Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig
einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,
ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das
Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,
auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben
Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich
eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel
die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut
versehen sein müsse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen
sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und
dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form
eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst
gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie
wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken
wollte.

Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder
gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher
sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es
ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten
Stunde auffallend vor dem „Philister und dem Florbesen," auf deutsch,
einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige
Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon
einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ------en
einfuhren, hatte er mir versprochen, eine „fixe Kneipe," das heißt
eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute
zu bringen.

Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu
folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die
ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen
bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier
versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des
Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Würger, der alte, „längst bemooste" Bursche, hatte sich schon
unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für
„Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern
herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: „Was kommt dort von
der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch
der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein
furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:

„Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß
zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf
deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß
zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. „Würger! Du
altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe
herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen
wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.
Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
Angekommenen.

Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und
angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem
Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste
Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und
ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in -----en als Student eingeführt, und ich gestehe,
es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein
offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der
Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,
man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation
zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (_termini
technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben
habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft „Sau", was Glück, mit
„Pech", was Unglück bedeutet, wie auch „holzen", mit einem Stock
schlagen, mit „pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von
Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel
man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,
von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir
aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die
Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:
„Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit".

Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s
m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach
langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen
zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte,
mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder,
daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte
diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten
zu leiten und zu erziehen und sie „für die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn
ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem
Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren
schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand,
ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im
Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu
lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt,
anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in
die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht
unterdrücken.

Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige
Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche
Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.
Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,
musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn
die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die
Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in
der Kirche seine Zuhörer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner
Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der
einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien;
aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,
und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein;
aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als
je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar
eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die
Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre „Altvordern" auch durch
Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen
verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von
Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel;
ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in
seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:

„Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem
schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der
jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die
Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--
gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht
über die Grenze geht."

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle
meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was
konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in
die schwarzgerauchte Kneipe, „verschlammten" sich recht tüchtig in dem
„barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
meine älteren Zöglinge bald überholt.

      *       *        *       *        *



SIEBENTES KAPITEL.

Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.


Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und
Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und
Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von
ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r  K e r l  h a t  d e n  T e u
f e l  i m  L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem
Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel
ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32
in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
wollte ich mich doch bedankt haben!

Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er
aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan,
versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte
hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen
Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich--
nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr
verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die
Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und
die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei
vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so
bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo
man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein
Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
auf eine große, schwarze Tafel und sagte: „So ist sie, meine Herren!"
Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
der Zirbeldrüse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm,
vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins
Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich
gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her,
indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
als die Worte: „Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine
Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm
her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein
Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen
umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um
die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der
Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem
Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein
gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen
Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der
Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.

„Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, „der Küster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!"

„Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, „das habe
ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum
Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
Doktor Paulus weidlich schlagen muß."

Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen
übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber
stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr
sichtbar war.

„Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrückend. „Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. „Ein schöner Anfang in der
Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren
sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und
kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die
jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich _ad notam_ zu nehmen. „O Platon und Sokrates!" dachte ich,
„hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie
majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
mancher Bibliothek ausnehmen!"--

Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:

„Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten).

„Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).

„Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
aus Regenwolken.

Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte.
Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. „Der Teufel", sagte er,
„überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das
ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von
Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie
die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht
alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der
U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die
tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein
dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

„Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollständiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend
ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten
Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie
seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen
Dogmatikers herkommen?

So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
auszuführen.

*       *       *       *       *



ACHTES KAPITEL

Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.


Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.
Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen
Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: „Pfui Teufel, wie
riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
Äußerung: „ Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den „Herrn im
Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich
hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der „Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der
Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die
über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine
ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick
war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle,
einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen
verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch
gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners
zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. „Der Satan in einem
solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!"

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der
Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den „Schläger" vorantragen
zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrien: „Los!" und unsere Schläger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
„Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.

Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich,
selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe,
und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.

Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten
mit feierlicher Stimme: „E s  i s t  m e h r a l s  e i n  Z o l l,
k l a f f t  u n d  b l u t e t,  a l s o  A n s c h--ß." Das hieß
soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit
des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle,
die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit
ihm.

„Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, „daß Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie
haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen hätte.

Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die
meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten
Bühnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
eröffneten.

Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der
Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres
Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine
großmütigen Sentiments Tränen vergoß.

Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, „f ü r
d e n  g u t e n  G e r u c h  i h r e r  A n a t o m i e  g e s c h l
a g e n  h a b e" .

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

*       *       *       *       *



NEUNTES KAPITEL.

Satans Rache an Doktor Schnatterer.


Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik,
namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene
berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur
hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer,
ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu
vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
sind.

Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die
Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige
theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich
notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können,
und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt.

Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.

Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet
und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse
Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise
des Wirtes zur Stadt bringen ließen.

Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.

So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die
Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: „Siehe,
er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."

Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob
ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in
seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.

Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste
Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.

Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
„Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der
Stadt zu.

„Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. „Hat man
d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"

„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf
öffentlicher Promenade--!"

„Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, „er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."

So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und „Doktor Schnatterer" und „schön Luisel" war das
Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden
Tag.

An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
Neuigkeit ganz warm auftischten.

Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten
folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen
Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die
fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend,
als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen
ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.

Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: „Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"

Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie
träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu
Hause gewesen.

Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus' gewesen?" lallte er. „Nicht
mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
Ihnen, Wertester?"

„Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
lächelnd zur Antwort. „Mit mir auf keinen Fall!"

„Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau,
„was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der
schönen Luisel hat er scharmuziert!"

„Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; „der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker."

„Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß
ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
„Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er."

Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen
hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r  T e u f e l  e i n
E i  i n  d i e  W i r t s c h a f t  g e l e g t.

       *       *       *       *       *



ZEHNTES KAPITEL.

Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die
Universität.


Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien,
man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und
böses Gewissen vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch
nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen
------en spukte es in manchen Köpfen seltsam.

Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele
unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem
nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran
fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister
mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf
Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium
des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu
sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein
geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden
konnte.

Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da
sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche
sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von--
doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt
zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen
ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich
gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.

Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des
Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in
den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel
Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches
Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von
der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander
geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
hätte.

Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer
traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte
Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die
nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht.
Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß
nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt; denn
dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu
gebrauchen.

Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich
durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines
Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm
mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär
folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
verstehen, daß ich als D e m a g o g e verhaftet sei.

Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte
eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
wurde ich in den Saal geführt, um über meine p o l i t i s c h e n
V e r b r e c h e n vernommen zu werden.

Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner,
und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in
feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten
mir unwillkürlich ein Lächeln ab.

Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
ab.

Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll
zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure
Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtig und mit
Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und
präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem
abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu
Boden fallen.

„Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung
beiseite setzend.

„O Jerum," ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg; denn er
hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.

„Bitte untertänigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.

Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.

Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der
Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper
hinüber, sprach: „Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts
mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein
werden, glaube ich, dafür stimmen zu müssen, daß frischer _ad
locum_ gebracht werde."

Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher
erfuhr, die halbe Universität versammelt; denn meine Verhaftung war
schnell bekannt geworden, und alles drängte sich hinzu, um das Nähere
zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als
man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn
fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde,
und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends
drei Lot Schnupftabak holen müsse.

Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige,
anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick
voll Hoheit und begann:

„Es ist uns von einer höchstpreislichen Zentral=
Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit
einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir
sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber
einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht
haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier
herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr
von Barbe?"

„Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
verdächtig machen."

„Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. „Sie verlangen Beweise?
Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst
den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist."

„Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der
Juristen, „Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n
a l l e  W e g e  v e r l a n g e n, daß ihm die Gründe des Verdachtes
genannt werden."

Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man
sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin= und
herwälzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit
der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die
Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude
zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen
laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.

Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete
von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus,
„und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
allerhand verdächtige Bewegungen machten".

„Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. „Aber der
Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme
seine Maßregeln;--daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle
fatalen Händel bringen muß!--_Domine Collega,_ Herr Doktor
Pfeffer, was stimmen Sie?"

„Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
entlassen und ihm--"

„Richtig, gut," rief der Rektor, „Sie können abtreten, wertgeschätzter
junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie
glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
kein solches Aufsehen mehr erregt--weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich
höre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden können."

Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in
Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten
Lehnstuhls.

„Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.
„Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich
unter diese himmelstürmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine
Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte
Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."

„Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; „es
sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut
Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."

Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen
für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel
bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch
Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in
geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr
_„Ça ira, ça ira," _ nämlich: „Die Burschenfreiheit lebe" und das
erhabene „Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"

Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten
Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren
Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn
rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie
müßte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die
Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde „mein wertgeschätzter
Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: „Wir können das Verhör
weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!"

So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine
Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.

Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit
großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. „Demagog kommt her von
_demos_ und _agein_. Das eine heißt Volk, das andere führen
oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie?
Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum
Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher
verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die
sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein
Demagog."--

Mit triumphierendem Lächeln wandte er sieh zu seinen Kollegen: „Habe
ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?"
„Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.

„Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort.
„Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der
körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks
und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in
Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben
Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre übrigen Künste als
einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr
Doktor Schrag?"

„Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.

„Demagogen," fuhr er fort, „Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete
Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr
Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er läuft in
allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu
frequentieren oder g a r  n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er
hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht. Ich füge gleich den
vierten Grund bei. Man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von
geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich
locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage würdiger gemacht als
Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"

„Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen
_unisono_ und ließen die Dose herumgehen.

Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: „Wir glauben hinlänglich
bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem
Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne
den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen; darum verteidigen Sie
sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu
Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche
gesegnete Mahlzeit, meine Herren."

So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem
Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache
gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im
Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude
sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck,
der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiter zu
gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines
Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb
daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am
nächsten lag: _De rebus diabolicis_, ließ sie drucken und
verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser
beigelegt [Fußnote: Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es
müßte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der
Herausgeber.].

_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte,
gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein
wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder
mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte
der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches
Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen
weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten
Freund, den Satan.

*       *       *       *       *



UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN.


  „Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf
  à la Mode_ der früheren dummen Gesichter."
                                 Welt und Zeit.



ELFTES KAPITEL.

Wen der Teufel im Tiergarten traf.


Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend
im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich
betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes
Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als
zu der frommen Zeit anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar
und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig
ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und
Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang
nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch
wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie
früher zog durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie
vor Zeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen mit
ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants
und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markte
brachten, die wohlgenährten Räte, mit einem guten Griff der
Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und
Handwerksburschen, anständige und unanständige Gesellschaft--sie alle
um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, m e i n zu werden!
In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer
zufriedener und heiterer.

Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein paar Männer
an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner
fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom
Rücken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an
seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war
ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand,
während die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in
den Sand schrieb; er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und
schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte
sprang endlich auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen,
schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor
sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte
dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser
Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der
Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den
Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen
guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es
war der e w i g e  J u d e.

„_Bon soir_, Brüderchen," sagte ich zu ihm, „es ist doch schnackisch,
daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so
achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?"

Er sah mich fragend an. „So, du bist's?" preßte er endlich heraus.
„Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

„Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; „wir
haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter
warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um
dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du,
glaube ich, ein Pietist geworden."

Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine
verwitterten Züge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß
er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

„Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.

„Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er.

„So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien
behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
ihm nicht als sein eigener Doppelgänger über die Schultern geschaut,
als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war
Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb'.--So, so, der war's? Und
was wollte er von dir, Ewiger?"

„Daß du verkrümmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie
ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den
Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, „so geht er umher, um sich
die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten
oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud
mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."

„So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?"

„Recta aus China!" antwortete Ahasverus. „Ein langweiliges Nest, es
sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
dort war."

„In China warst du?" fragte ich lachend. „Wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?"

„Laß das," entgegnete jener, „du weißt ja, wie mich die Unruhe durch
die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu
Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
himmlischen Reiches gestoßen, wie ein alter Aries, als daß der dort
oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen."

Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider
wollten sich schließen; aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis
er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--„Satan," fragte er
mit zitternder Stimme, „wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"

„Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort.

„O Mitternacht!" stöhnte er, „wann endlich kommen deine kühlen
Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du,
Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum wird für den E i n e n, der
dann ruhen darf?"

„Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost über die
weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. „Wie magst du nur solch
ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir
gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat
es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man
hat doch hier immer noch seinen Spaß; denn die Menschen sorgen dafür,
daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. _Ma foi_,
Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die
galanten Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach
Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich,
um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums
überpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten,
die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dich
versichern, es sieht gar närrisch aus; denn die Tapete ist überall zu
kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das
Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
auslöschen kann und das, so oft man es weiß anstreicht, immer noch mit
der alten b u n t e n Farbe durchschlägt!"

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. „Du bist,
wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schüttelte mir die
Hand, „weißt jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams
Schoß käme!"

„Warum," fuhr ich fort, „warum hältst du dich nicht länger und öfter
hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
Possierlicheres sehen als diese Duodezländer! Da ist alles so--doch
stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte
leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als
unruhige Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu
kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"

„Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. „Ich bin hier,
um einen Dichter zu besuchen."

„Du einen Dichter?" rief ich verwundert. „Wie kommst du auf diesen
Einfall?"

„Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle,
worin ich die Hauptrolle spielte. Es führte zwar den dummen Titel:
D e r  e w i g e  J u d e, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung,
die mir wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und
sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."

„Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. „Und wie
heißt er denn?"

„Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße
genannt; aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man
Mondschein gießt!"

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem
Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. „Höre,
Alter," sagte ich zu ihm, „wir haben von jeher auf gutem Fuß
miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen
gegen mich ändern wirst. Sonst--"

„Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan," antwortete er, „denn
du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
hinlänglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
angenehm und recht. Warum fragst du denn?"

„Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du
nicht?"

„Ich sehe zwar nicht ein, was für ein Interesse du dabei haben
kannst," antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. „Du könntest
irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen
Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir
übrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, daß
der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du
mitgehen."

„Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich
wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der
Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
selbst, was mich zu ihm zieht. Übrigens in diesem Kostüm kannst du
hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"

Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten
Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins
Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Hütchen
aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte
sich vor mich hin und fragte:

„Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie
der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich
keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase,
meine Haare stehen nicht in die Höhe _à la_ Wahnsinn. Ich habe
meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine
schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfuß
Ursache haben mag--"

„Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher," antwortete ich dem
alten Juden. „Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon
keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf
diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie
wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
ästhetischen Tee einführte!"

„Ästhetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
aber ästhetischer Tee war nie dabei."

„_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurück in der
Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über
Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und
den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben
dazu, und man amüsiert sich dort trefflich."

„Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen," versicherte
der Jude, „und was kostet es, wenn man's sehen darf ?"

„Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand
küßt, und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben,
hier und da ein ‚wundervoll' oder ‚göttlich' schlüpfen läßt."

„Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen
Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in
dieser Sandwüste gewaltige Langeweile."

Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis
dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und
schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar
nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines
Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten
mußte. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel
nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in
Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig;
denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
einen solchen Ansatz von Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu
werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann von
mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor
Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit halb auf die
schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die
umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen
Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen
Gast hätte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gespräch auf die
Sage vom ewigen Juden überhaupt und daß sie ihm auf jene Weise
aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in
der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste
unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über
getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt
habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich
täuschte.

Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich
zu empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie
wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
schieden.

       *       *       *       *       *



ZWÖLFTES KAPITEL.

Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.


Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in
seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er
brummte einmal über das andere über die „naseweise Jugend" (obgleich
der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und
brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen
Tee zu führen.

Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfümiert,
in die feinste, zierlich gefältelte Leinwand gekleidet, die
Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die
Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet,
wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus
M o r e a.

Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet
hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen
Anstand.

„Du darfst," sagte ich ihm, „in einem ästhetischen Tee eher zerstreut
und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz
unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch
etwas _in petto_, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre.
Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst
nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber
Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z.B. von einem Roman
reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz
natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt
dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und
antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch
drauf zu: ‚Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen
Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier
und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.'

„Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."

„Dein Gewäsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mürrisch.
„Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß zu
machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr,
Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--"

„Da sieht man es wieder," wandte ich ein, „wer wird denn in einer
honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um
heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens
trinken--aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich
zusammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahasvere!"

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah
es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt
kamen, desto bänger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn
Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig
in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke
anstieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung,
in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher
Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen
mochte, wie sie hierher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in
dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der
feierliche Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die,
wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen
Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt
ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen,
interessanten Schmerz zehren; [Fußnote: Ganz in der Eile nimmt sich
der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß der Boudoirs dieser
protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im
Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen
Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die
Eigentümerin höchstens „_O Sanctissima_"  darauf spielen kann.
Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor verhängtes Bild des V e r
s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem
Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand
ein Spiegel.] das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,
naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme.
Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche
ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie
und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders
zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen
Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige
Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein [Fußnote:
Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu
unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter
letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde
übrigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend.
Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso
frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir
selber näher kennen lernen.

Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem
bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der
halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, saß im Kreise die
Gesellschaft.

Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den
Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne, zarte
Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen
Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte
ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht
darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die
nämliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbückte,
gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom
Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Die
gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der
Anstand ließ sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen.
Wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen
begann, und sie sah sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen.
Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches
Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne
glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so daß
doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige
Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die
Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf
wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut
zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu
sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil
ahnte, das er bewirkt hatte.

Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen
stechenden Handkuß zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch
auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne
Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die
prachtvollen Lüsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche
und Tapeten, die künstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen,
endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm schwarz und weiß
gemischt war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schließen.

Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau
bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter
Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht
vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den
Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört
habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein Furore in Deutschland
machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekränzte
junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in
unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die
er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören
bekommen.

Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame
ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:

„_Voyez-là_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glücklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
glänzende Stil--"

„Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame
des Hauses, „darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von
Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich
Glück."

„Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau,
„unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem
Ziel der Menschheit [Fußnote: Frau von Wollau will wahrscheinlich
sagen: „nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie
zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt."

„Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Fräulein N a
t a l i e, die ältere Tochter des Hauses. „Ach! wer doch auch so
glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen
Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre
Tasche nicht genug bewundern."

„Schön--wunderschön--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die
elegante Form!" hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen,
und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz
vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht
erbeten hätte. „Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief
die Wollau „Wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders
der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"

„Herrlich--schön--ein vortrefflicher Einfall--" ertönte es wieder, und
unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen
wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch
dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman
gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das
Zeichen, und die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus
dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht
irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen
der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar
nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergießungen
zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit
genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten,
und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren
alles hören konnten. Die eine der beiden war die jüngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren
hatte.

„Und denke dir," flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, „heute in aller
Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
müssen."

„Du Glückliche!" antwortete das andere Fräulein, „und hat Mama nichts
gemerkt?"

„So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit
dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich mich
dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht
undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich
mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser
Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der
Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte
mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß jener
vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurückkam. Er äußerte
gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
verstehen."

„Ach, wie glücklich du bist," entgegnete wehmütig die Nachbarin, „aber
ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
wird es mir ergehen!"

„Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
so schnell kam?"

„Ach!" antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im
Auge,--„ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im
Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des
Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden,
er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst.
Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben,
er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert
dies nicht tun, und darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar
nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an
meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen
Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!"

„Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues?
Daß sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?"

„Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?"

„Höre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes,
tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir
neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh,
die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen
weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel
schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das
weiß aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz
gewiß. Auch an den Beinkleidern geschehen Veränderungen--Eduard muß
aussehen wie ein Engel--siehe bisher...."

Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der
Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah
ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes
Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
glänzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e  L i e b e
in ihnen spiegelt.

         *       *       *       *       *



DREIZEHNTES KAPITEL.

Angststunden des ewigen Juden.


Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen
Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch
der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle
Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie
nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren
sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die
eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte
sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie
allen bereitet habe.

Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach, allen Seiten
hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht
undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf
das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise
Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden
ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts
aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare
Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als
traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach
meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu
verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so
greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die
Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,
und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von
Wollau, die ihm gegenüber saß, ihren Einfluß auf die Dichterin
mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten
Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte.

Wer jemals das Glück gehabt, einem eleganten Tee in höchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten
alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine
unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt
zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.

„Ich hoffe, gnädige Frau," sagte er, „Sie werden mein allerdings
unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu
rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine
Ideenassoziation Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon
manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lächerlicher Gedanke
aufgestoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn
zu verhalten und zurückdrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf
einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie würden
mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt
sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
„Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer
berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in
manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus
meinem eigenen Leben.

„Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen
Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne
Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte
die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen
gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen
Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.

„Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem
Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche
Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt
nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu
erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt;
denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre
Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen
vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:

„‚Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich
diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?'

„‚Ja,' antwortete die andere Dame, ‚heute früh nach dem Kaffee habe
ich sie umgebracht.'

„Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich
näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,
schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen
sollte, und hörte weiter:

„‚Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch
Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona,
mit dem Deckbette erstickt?'

„‚Keines von beiden,' entgegnete jene, ‚aber recht hart ward mir
dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon
zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr
anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ
sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen
Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von
Elisen nichts mehr gesehen.'

„‚Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf
die eine oder andere Art umgebracht?' „Nun, das wird bald abgezählt
sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten
Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
mit mir konkurrierten.

„Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte
diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk
an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel
aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?

„Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden
und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn
die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir
erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch
die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen;
aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen
die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der
Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und
eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion
der Polizei.

„Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze
Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von
den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
gewisse P a u l i n e  D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der
mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen
Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer,
schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und
fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein
werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da
er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen
womöglich vermeide.

„Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen
habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und
fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des
ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände
öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als
die Verbrecherin an.

„Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem
Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.
Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten
Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen
Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah
sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden;
sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer
mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?

„Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den
Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste
zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen
zu entlocken: ‚Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis
angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb
durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!'

„‚Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'
antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
Lächeln überzugehen schien.

„‚Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie
zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der
Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte.
‚Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten
kann?'

„‚Nicht doch!' entgegnete die Dame. ‚Die Geschichte ist ja
weltbekannt.'--‚Weltbekannt?' rief jener. ‚Bin ich nicht schon seit
zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne
mir entgehen?'

„‚Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die
Belege herbeibringe?'

„‚Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf
jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--
zugestoßen!'

„Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

„‚Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte
sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.

„‚Taschenbuch für 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch
aufschlug und durchblätterte. ‚Was, Teufel, gedruckt und zu lesen
steht hier: P a u l i n e  D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die
Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst
Schriftstellerin?'

„‚So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
sprachlos, auf mich deutete.

„‚Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den
Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des
Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

„‚Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,
‚und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--

„Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war
der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte,
interessante Th. v. H. Die Erzählung ‚Pauline Dupuis' ist noch heute
zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes
Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht.
Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große
Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige
Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in
einem Klub abgehalten hatte."--

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von
Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges
Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt
hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus
seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie
sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn
öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich
über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die
Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars und an den
fröhlich grünenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,
herrlichen Lieder aus dem Munde eines „luschtiga Büebles" oder eines
rüstigen, hochaufgeschürzten „Mädles" belauschten, ein Gegenstand
hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten
Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen
Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften
Hügeln, von klaren, blauen Strömen, von blühenden, duftenden
Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten
sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der
Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken
verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes
Deutsch sprächen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen
Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und
im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten
begangen, die allgemein unter dem Namen „Schwabenstreiche" bekannt
seien.

Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu
fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so
aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug die
gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
schnell wieder verlieren sollte.

„Ob die Berliner," sagte er, „mehr innere Bildung, mehr Eleganz der
äußeren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder
vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu
untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man
dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge
hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen,
welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist."

„_Quelle sottise!_" hörte ich Frau von Wollau schnauben, „welche
abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er
sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten;
ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt
hätte, fuhr er fort: „Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser
verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt, wie alles so naiv, so
lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden
Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie
liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
verschämt wegwenden und flüstern: ‚Ach ganget Se mer weg, moinet Se
denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch
auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je
der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das
zornblitzende Auge einer Dame versöhnt, so begehest du den großen
Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben
und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren
ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter
zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,
die älteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und
auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu
einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen
klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit
zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter
nobel und edel aussehen möchten--wozu heutzutage, außer dem Gefühl der
Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört--welche die immer
wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende
Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die
Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen
des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und
ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?

_Jamais!_ Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über
das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über
Schneegefilde herabglänzte: „Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr
Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven
Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"
fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt
hatte, wandte, „ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr
zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unseren Damen
seine robusten Naturen und jene Naivetät vermissen, die er sich so
ganz zu eigen gemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten
Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen
Sachtüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine
Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
lange Raum, bis sie den Doktor hinlänglich gestraft glaubte. Beleidigt
durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen
so eigentümlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren
Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft
die längst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine
Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen
Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,
richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur
vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte
jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verrät, der das Leben und Treiben der großen und
kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des
ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte
sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein
Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein
gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen
haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende
Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
nicht aufwiegen.

       *       *       *       *       *



VIERZEHNTES KAPITEL.

DER FLUCH.

(Eine Novelle.)


„Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante," sprach der junge
Mann mit voller, wohltönender Stimme, „eine artige Novelle oder eine
leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu finden. Doch, um
nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen
gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
Wahrheit für sich hat."

Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren
Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand
ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der
Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine
Begebnisse recht gespannt sein dürfe.

Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:

„Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,
welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,
war Frau von Wollau mit davon--vor den schönen Römerinnen, vor ihren
feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
dankbar an, noch kräftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen
holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen
Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten
mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie
sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.

Der s----sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;
mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen
hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich,
hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
ich einen Klagegesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst
lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit
solcher Ritualien überzeugen können; selbst in dem ehrwürdigen Kölner
Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
Lichtes, die mächtigen, vollen Töne der Orgel manchen anderen ernster
stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
Sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache--alte, ausgediente,
schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher
Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstür. Der Glanz der Kerzen
blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
dunkeln Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der
Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was
Rom an Fremden beherbergte.

Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge
Engländer von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nähe. Sie
zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem
Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,
es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich
mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr
ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke, hohe
Gestalt, dem Anschein nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier
bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen
Teil des Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in
Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten
Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte
eben--da begann der Klagegesang, und meine Schöne schien so eifrig
darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig
lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papst und
seine Lamentationen verwünschend.

Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der
menschlichen Brust, Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,
eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein
Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der
Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf
übrigen Kerzen verlöschen müßten, bis ich ans Ende denken könne. Die
Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen gesunden
Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer
Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei
Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.

Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis
ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung
bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum
erstenmal meinen Augen.

Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen.
Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren
Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen
waren verlöscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,
herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,
immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich
damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als
wäre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine
fürchterliche Nacht.

Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße, klagende Stimmen. Was
jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor
diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der
Weinenden, vom Chore herüber Töne, wie von gerichteten Engeln
gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit
unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge
ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch
zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer
auf den Knien niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.

‚Signora,' sprach ich, ‚die Tore werden geschlossen, wir sind die
letzten in der Kapelle.'

Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,
sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
vorgerückt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich
mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann
mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner
Hilfe die Dame aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der
halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glänzendbraune Locken
hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und
umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine
durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen
versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,
konnte Schmerz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
auf, dessen eigner, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich
einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich
auf und stand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte
Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses.
Sie schaute verwundert in der Kirche umher und ließ dann ihre Blicke
zu mir herübergleiten.

‚Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar
meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie
schien verwundert über mein Schweigen.

‚Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
unterstützt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spät.'

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.
Sie drückte zärtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
möglich--das Mädchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war
offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so
ohne Arg.--Ich wagte es--ich übernahm die Rolle eines verstimmten
Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollte ich
wählen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm
allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.

‚Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ‚Otto,
wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.'

O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen
beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in
Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es
aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch
immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge
sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß
erwarteten.

‚Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,
daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast
recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der
Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'
weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels
tauchte. ‚Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht hätte, mein
Otto!--'

Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im
Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen
noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ‚Wie könnte
ich dir zürnen?'

Sie schaute freundlich dankbar auf--‚Du bist wieder gut? Und o! wie
siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme
klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen
ganzen langen Tag auf dich warten.'

Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
Glocke zog. ‚Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, ‚wie gerne
setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl
schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen
heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna
in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich
wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war
doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen,
der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine
vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken.
Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
kostete.

Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner
Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine
rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich
sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,
dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und
behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen
zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine
Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen
schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das
leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die
beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor
dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch,
mir suchen zu helfen.

Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um
die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir
endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die
Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank
an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging
auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit
entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse,
die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus
einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die
Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten
uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein
Ebenbild ließen sich sehen.

Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen
Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des
Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme
flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt?
Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die
Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,
die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte
ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert
habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder
verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die
Gesuchten wären?

--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein
prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern
eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich
gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten
aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen
Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre
Neugierde nicht zur Genüge befriedige.

Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta
del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil
es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es
festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem
Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes
Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und
verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und
winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten
drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein
herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die
alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.
Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den
Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man
konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade
hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den
Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der
Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes
unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,
diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern
können.

Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,
weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone
musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich
fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ‚So einsam?' tönte in
der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich
um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter
mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich
damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot
ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ‚Du böser Otto,'
flüsterte sie, ‚den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie
mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'

Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es
von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für
mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske
abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem
Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch
höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte."

„Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein
Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann
plötzlich: ‚Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in
der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn
deiner Luise noch nicht?'

„Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die
Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und
ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um
nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch
etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
Neugierde Frevel?

„Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher
sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein
konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich
schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei,
da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen
konnte."

‚Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, ‚du selbst hast
mich ja heraufgeführt.'

‚Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
vorhin sagte. ‚Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben
noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: ‚Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das
Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, ‚und wenn Sie sich in Rätsel
vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf
und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des
Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die
überraschendste Ähnlichkeit--"

       *       *       *       *       *



FÜNFZEHNTES KAPITEL.

Das Intermezzo.--Der Trinker.


Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude
lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee,
Trümmer seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz
zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung
war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge
von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
rühren, und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach
einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein
Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, daß
wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der
gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein,
sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines
Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen.
Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte
mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, daß
mich dieses Lachen ungemein ärgerte.

Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu
Ende gehört; wie viel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem
gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst
nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen findet, wo
er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die
Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des
alten Menschen verdorben; ich hätte ihn würgen können, als wir im
Wagen saßen.

„War es nicht genug," sagte ich, „daß du mit deinem scharfen Judenbart
die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch
noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?
Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m ä d e l an,
daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du
denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt
hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige
Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal
und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener
würdige jüdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und
eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad,
wie fingst du es nur an?"

„In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen
unsereinen," antwortete er verdrießlich. „Ihr wißt, daß Euch keine
Gewalt über meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren
kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis-Geschichte
betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem
man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern
Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten
Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an
einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich ließ
für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem
Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich
ihn auf, zu erzählen.

Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte,
begann er:

„Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich,
sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich
werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.

„Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu
vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein
Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von
einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs
Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen
eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt
in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht
abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein
so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging.
In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem
Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit
Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.

„Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die
Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die
Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf
den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause
meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen
zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet,
schwenke ihn in einem kühnen Bogen und--o Unglück--er entwischt meiner
Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur
noch die Spitze hervorsieht.

„Wie schön sagt Schiller:

  ‚Einen Blick
  Nach dem Grabe
  Seiner Habe
  Sendet noch der Mensch zurück.'

„So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in
zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber
dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig
_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen
oder dem Tollhaus entsprungen?

„Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem
gegenüberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute
brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ‚Hussa, Sultan, such'
verloren!' tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den
verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
präsentiert mir das triefende _corpus delicti_.

„Was ich dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Bester, war das
Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst
die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch
bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich, einen
zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das
battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
keinen Spaß, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich
ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
dünn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und
Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein
Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.

„Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich
nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
das Kaffeehaus bestellt, um meine tägliche Fensterparade zu
bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem
Glas, trank und fuhr dann fort:

„Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher,
besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel
auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der
vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird.
Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette
Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern
und sie verschütten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht
mir der Angstschweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden
Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach
und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf
dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, daß alles im
schönsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas
umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne dem Schoßhund auf
den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die größten
Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so faßt mich
irgend ein Unheil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe wie
heute."

„Nun," fragte ich, „und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"

„Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar
Pfaffen habe singen hören und wie er einem hübschen Mädchen
nachgelaufen sei--was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu
sein--da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel
ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts
in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich
mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich
lag--"

„Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; „aber wie kann
man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
mit dem Stuhle schaukeln."

„Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
Geschichte; ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles.
_Bibamus, diabole!_"  sagte der alte Mensch, indem er selbst mit
tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote
Glas wies: „Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter
Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt
auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist
noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt
nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber
desto weniger Wein getrunken wird."

„Du könntest recht haben, Jude!"

„Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, „wie stattlich nahmen sich
sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den
dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche--so
traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach
ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem ‚Wohl bekomm's' die
Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn
fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte
wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den
guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen,
so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen
sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den
Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Lustiges, unstetes Gesindel
fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu
sitzen kömmt, und das heißen die Leute K o s m o p o l i t i s m u s.
Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten
Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"

„Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, „du Prediger in der Wüste, dort
sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem
braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche
hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen
und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und
hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt,
um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?"

„Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, „ich bin
jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; laß
uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"

Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das
nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige
Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er
wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren
Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten
Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden
freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann
gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen
sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten
Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie
geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

„Wer seines Leibes Alter zählet
    Nach Nächten, die er froh durchwacht,
  Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
    Sich um den Groschen lustig macht,
  Der findet in uns seine Leute,
    Der sei uns brüderlich gegrüßt,
  Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
    In seine sanften Arme schließt.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
    Von Flötentönen süß berauscht,
  Fein Liebchen sich im Arme schmieget
    Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
  Da haben wir im Flug genossen,
    Und schnell den Augenblick erhascht,
  Und Herz am Herzen festgeschlossen
    Der Lippen süßen Gruß genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
    Doch ist sein Feuer bald verraucht,
  Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
    In seine Geisterglut dich taucht;
  Uns, die wir seine Hymnen singen,
    Uns leuchtet seine Flamme vor,
  Und auf der Töne freien Schwingen
    Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
    Zum würdigen Gesang erhebt,
  Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
    Daß ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf--sie schweben nieder,
    Im Vollton rauschet der Gesang,
  Und lieblich hallt in unsre Lieder
    Der vollen Gläser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten
    Und bleiben fürder auch dabei,
  Und mag die Welt um uns veralten,
    Wir bleiben ewig jung und neu:
  Denn wird einmal der Geist uns trübe,
    Wir haben ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
sagen, doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei;
die zwei alten Weingeister waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie
drückten dem a l t e n  M e n s c h e n die Hand und gebärdeten sich,
als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.

Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf. Der ewige Jude sah
mich an und brach auf; ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen
uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre
heiseren Stimmen in wunderlichen Tönen singen:

  „Und wird einmal der Geist uns trübe,
    Wir baden ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

       *       *       *       *       *



SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE

nebst

einigen einleitenden Bemerkungen
über das Diabolische in der deutschen Literatur.

  „Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
                                       Goethe.



SECHZEHNTES KAPITEL.

Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.


„Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen
und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an
gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das
Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,
überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn
ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über
die I d e e  e i n e s  T e u f e l s  mich breit machen müßte.

In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die
gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg
zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so
dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
z  g e h e u e r  u m  s i e  h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman
oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das
„_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht,
mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu
machen?

In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
hierüber folgendes: „§ 8.  D i e  I d e e,  d a s  m o r a l i s c h e
V e r d e r b e n  i n  e i n e r  P e r s o n  d a r z u s t e l l e n,
m u ß t e  s i c h  d a h e r  d e n  D i c h t e r n  h a l b
a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über
Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde
ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und
von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander
ausweichen.

Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet
waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde
herzuleiern!

Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte
verführen lassen."

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier
aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder
gerecht sein. „Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
Dissertation fort, „und wie sich in jenen Poeten das moralische
Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock
wieder bei weitem anders aussieht.

„Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die
Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig
ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und
darum unanständig jammert."

So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über
das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es
entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.

Der G o e t h e s c h e  M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes.
Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die
Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter
dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man
wird mir einwenden: „Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß
er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken,
seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
Volkspoesie knüpft."--„Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in
diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche
Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in
seine Sonnenhöhe tragen?"

„Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, „du vergissest, daß
unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht
in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder
zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm
hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und
schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strömt."

„Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, „und zugleich eine Sottise.
Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
die Erde spazieren lassen?

„Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über
seine Schenke schreiben: ‚Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?"

Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß
er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er
wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
werden ausrufen: „Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich
sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der
Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.

„Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, „erkennst du nicht
die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
liegt?"

Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube
beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu
beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der
beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:

  „Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere,
  Verbietet mir ein kleines Hindernis,
  Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;"

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

  „Bedarf ich eines Rattenzahns;"

daher befiehlt

  „Der Herr der Ratten und der Mäuse,
  Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal „Herein!" ruft. In andere
Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich
ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren
Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

  „Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört,
  Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter.

Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der
Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
mache ich eine unanständige Gebärde:

  „Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
  Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

  „Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
  Ich wünschte mir den allerderbsten Bock."

Auch hier

  „Zeichnet mich kein Knieband aus,
  Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus."

Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich
mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
durch Gedankenstriche

      „Der, hatt' ein-----
  So--es war, gefiel mir's doch"

anzudeuten wagt.

Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle,
der

       „--------kalt und frech
  Ihn vor sich selbst erniedrigt."--

Ich bin ohne Zweifel von häßlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

  „Der Mensch, den du da bei dir hast,
  Ist mir in tiefer innrer Seel' verhaßt.
  Es hat mir in meinem Leben
  So nichts einen Stich ins Herz gegeben
  Als des Menschen widrig Gesicht.--
  Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
  Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.--
  --Kommt er einmal zur Tür herein,
  Sieht er immer so spöttisch drein
  Und halb ergrimmt.--
  Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
  Daß er nicht mag eine Seele lieben" &c.

Daher sage ich auch naher:

  „Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
  In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiß nicht wie;
  Mein M ä s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn,
  Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
   Vielleicht wohl gar der Teufel bin."

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines
Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich
macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der
schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk
scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein
Gesicht, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:

  „--Wo er nur mag zu uns treten,
  Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."--

Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde,
nach den gewöhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt.

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem
genialen Retsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen
Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden
das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens,
Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr; welche
Würde noch in dem gefallenen Göttersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.

Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedorrte Gesicht,
die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel--
hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat. [Fußnote:
Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so
ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm
fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen
verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften
Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird um so
wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit
in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich übrigens durch den
übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße,
die ihm nicht hätte beigehen sollen.].

Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende
Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l
würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
gefallenen M e n s c h e n. Die Sünde hat seinen Körper häßlich,
mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften
gewühlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprüht die
grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch
wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat
und jetzt aus Übersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist
es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen
schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
könne nun einmal nicht anders aussehen, er k ö n n e sein Gesicht,
seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese:

  „Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
  Hat auf den Teufel sich erstreckt;
  Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
  Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?

  Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
  Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere."

Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein „Mäskchen"
nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln;
aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das n o r d i s c h e
P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur daß er mich von „H ö r n e r
n, S c h w e i f  u n d  K l a u e n" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf
jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt,
darf er durch einen gewöhnlichen „Bruder Liederlich", als welchen
sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--muß nicht d i e s e
Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun?

Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und
meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
„Söhnchen! Diabole! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes
Publikum haben und um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als
möglich sein muß."

       *       *       *       *       *



SIEBZEHNTES KAPITEL.

Der Besuch.


Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e
einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht
wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann
einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen
können; ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand
ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles
nächtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die
Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an
mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine
schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloß mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel
auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es
ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein
ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,
so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: „Wann
kann man den Löwen sehen, Bursche?" „Mein Herr," antwortet der
Gefragte, „die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der
Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters
Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch
Europa dem berühmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig
Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir
sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten?
Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas
unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit
mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage
beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten.

Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. „Sie werden wahrscheinlich
nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie
angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen
ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den
guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_
nach Weimar und gehe von da wieder heim. Übrigens hatte er richtig
prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und
Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
Treppe führt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem
Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das
Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger
Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das S t ü b c h e n  d e s  D i c h t e
r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen
von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte
hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet, durch welche der
Gefeierte eintreten mußte.

Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die
höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Laufe
der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe
alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft--Goethe hat sich seine
eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch
keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch k a n n, was er
will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
Höheren geführt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben „Werther" in dem
lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen
Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war
Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur
daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem
ersten Ton, den er angab, mußten Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen
in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt
dieses große schöpferische Geheimnis? A l l e s  z u r  r e c h t e n
Z e i t. Der „Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie für
allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht,
da kommt Goethe--

Die Türe ging auf,--er kam.

Dreimal bückten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu
blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie
die eines Jünglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und
Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus
seiner Brust glänzte ein schöner Stern.--Doch er ließ uns nicht lange
Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
zum Sitzen ein.

Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske
zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele
Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm
zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er
sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für
einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi
ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein
Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von
Louisiana über ihn und seinen „Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So
wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer
Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er
müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,
wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die
der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln
werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann
ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein
umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Sätteln
gerecht ist--wie interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung
werden! Wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
genügen!

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,
wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Fußnote: Jean Pauls
Flegeljahre], ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein
schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und
vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll auf die Lippen des
Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kandidat auf den
strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflückte
einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein
mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm
herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er
sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über
das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen
Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er
uns, daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war
nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,
Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und
Übersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine
Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was
ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne! Ich glaube,
wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte
sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle
Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer
Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren müsse.

Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das
Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen
seiner Beredsamkeit öffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen
Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen und
pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es
war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche
Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,
daß man sich angewöhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h
ö r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,
daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.

Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das
Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen
und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der
gute Mann ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig
wünschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und
werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe
seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei
Bücklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er
schien höchst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir
das eine und stieß an auf das Wohl jenes großen Dichters.

„Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, „zu finden, so
hocherhabene Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange
vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei
dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange.
Und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,
welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er
schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters
Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem
Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
leichter, flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen
Körpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie
leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen
glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so
ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,
bei ihm gewesen zu sein, denn

„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

       *       *       *       *       *



DER FESTTAG IM FEGEFEUER.

Eine Skizze.

„Das größte Glück der Geschichtschreiber
ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten
protestieren können."
                         Welt und Zeit. I.



ACHTZEHNTES KAPITEL.

Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.


Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges
Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift: „D e r  F e s t t a g
i m  F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem
Titel. Es ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten
Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.
Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube
wiedergegeben wird, haben die Küster im Lande schwere Arbeit; denn man
läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein
Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese
Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstage werden
mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die
Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch
wenigstens in den Landstädtchen _bière dansante_. Kurz, alles
lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.

Um nun meiner guten G r o ß m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt
ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie
sich gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine
Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den
sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre
Sitten. Was von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten
schicken (_in pleno_ können sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige
Hofmarschälle, Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen
es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, zu
arrangieren usw.

Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal
fühlt sich _chère Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese
Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten
Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser
einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die
Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck
einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges „Vivat der Herr
Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesväterliches
Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist als ein
H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr,
wenn sie n i c h t schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;
Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
finden sich, wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich
einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein
hübsches Licht werfen würden.

Einst trat ich in einen Saal des _Café de Londres_ (denn,
nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf großem Fuß und höchst
elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber
durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu
versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm
eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.
Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine
ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte
das Kinn. Ein schöner Kopf!

Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von
hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und
spitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm
gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles
Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein
feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt,
ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendend
weißes Leinenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. Ich sah
in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er
winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine
brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten
sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen
Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein
Deutscher.

Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr
hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und
das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,
welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland
bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier
der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als
dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante
Negligé, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem
kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel _à la Duc de Berry_
zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit
drei Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als
modisch zu gelten, an den Spitzen nach der großen Zehe sich hinneigen
und ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage, bis auf jene
Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,
einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und
unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den
neuesten Geschmack für den Morgen angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die
Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke
des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu
sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,
als zu hören.

Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an
dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,
ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die
Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

„Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein
Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier
habe.

„Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft
schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den
ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig
auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste
Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Züge
Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er
erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen
Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,

  „Der Zähne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,
eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber
genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,
was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n  j u n g e n  M a n n
zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende
Haare, an die etwas niedere Stirn schloß sich ein allerliebstes
Stumpfnäschen, über den Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden
hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem
grobschattierten Holzschnitt, keinen übeln Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war
polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften und formierte
die Taille so schlank, als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte
ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren
solche nur aus dünnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde
mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste
Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit
jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte
selbst in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung
mehr Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer
ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen
möchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,
daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig
abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. „Mein Gott,
Herr von Garnmacher," sagte er „ich möchte verzweifeln; der englische
Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu
wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu
führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
andern versteht?"

„Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem
Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; „man kann sich zur Not
denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe
nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern
können."

„_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig
neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

„Ist's möglich, Mylord?" rief der Franzose vergnügt, „das ist sehr
gut, daß wir uns verstehen können! Markör, bringen Sie mir
Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch
schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie
dieser hier."

„Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; „aber
wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne
Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von
allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich
hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an
diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück
hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster
Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen."

„Gott soll mich behüten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er
nach der Uhr sah; „jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne
Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _détestable
purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die
Promenade gehen sollte?"

„Nun, nun," antwortete der Stutzer, „ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer
im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn
es Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib
vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

„Mein Gott," entgegnete der Incroyable; „ist dies nicht ein so
anständiges Café als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
Salon besser wünschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack
in solchen Dingen, das muß man ihm lassen."

„_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem
Franzosen Beifall zu. „_Et ce salon confortable_!"

„Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, „nun, die wird auch da
sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine
Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig
etwas aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne
interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele
erlebt als Mylord?"

„_Goddam_! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr," sagte
der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die
Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil
zurecht setzte; „noch ein Glas Rum, Markör!"

„Ich stimme bei," rief der Deutsche, „und mache Ihnen über Ihren
glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche
Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzählen?"

„Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord
Fotherhill, „Und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen."

„Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;
„machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
Zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,
und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
er das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen
hinüberdeutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: „Geben Sie einmal
acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit über ihn
erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit
großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte
in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann.

       *       *       *       *       *



NEUNZEHNTES KAPITEL.

Geschichte des deutschen Stutzers.


„Als mein Großvater, der Kaiserlich-Königlich--"

„Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, „verschonen
Sie uns mit dem Großpapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was
war er?"

„Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich hätte mich gerne bei
dem Glanze unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in
Dresden auf einem ziemlich großen Fuß--"

„Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit."

„Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, „war
Kleiderfabrikant _en gros_--"

„Wie," fragte der Lord, „was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

„Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig
und stieß das Glas auf den Tisch. „Das ist nicht die Art, wie man
seine Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von
kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus
am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche
Kleider für die Leute machten!"

„_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein
Schneider?"

„Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte
die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und
die ersten Bürger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser
guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was,
kurz, es war ein ganz anständiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den _garçon tailleur_
so perorieren hörte, doch ich faßte mich, um den Markör nicht aus der
Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und
wollte sich ausschütten vor Lachen; der Engländer sah den Stutzer
forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden
konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

„Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem
schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit
Vergnügen, Sie zu unterhalten!"

„_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die
Tränen aus dem Auge. „Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns
Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder
_tailleur_ war, Erzählen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu
hübsch."

„Ich genoß eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus
zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der
eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten
_typto_, in meinem zwölften _pakat_ eingebläut. Sie können sich
denken, daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar
angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt;
das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah
die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden,
als daß ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des
künftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann,
Schröder, und wie die Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit
harten Köpfen wie böse Geister erscheinen, abmarterte.

Ich hatte überdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte;
es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu
schönen Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß
wie unter den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn
ich dann das kleine Schiebefenster öffnete, um den Kopf ein wenig in
die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf
den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort
unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein
Töchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide
Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock,
frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die
Zaunlücke bei der Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete
sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem
elften Jahre den größten Teil der Ritter= und Räuberromane meines
Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern
Ländern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß
sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie
viel höher stehen diese Bücher alle als jene Ritter= und
Räuberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst
hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große
Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch
aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ‚M i t t e r n a c h t,
d u m p f e s  G r a u s e n  d e r  N a t u r, R ü d e n g e b e l l,
R i t t e r  U r i a n  t r i t t  a u f.'

Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn
er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie
fühlte ich da das ‚G r a u s e n  d e r  N a t u r!' Und wenn der
Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen,
daß sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte Türe
hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als ‚R i t t e r  U r i a n
t r e t e  a u f!'

Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch
mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde
umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg
hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkürlich in Amalien.

Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche
entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
waren, daß sie mich ordentlich a n g l ä n z t e n. Das sind so die
echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein
‚R i n a l d o R i n a l d i n i', ein ‚D o m s c h ü t z', ein
‚a l t e r Ü b e r a l l  u n d  N i r g e n d s' oder sonst einer
unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn
Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des
Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den
fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn
zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn über
einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere
Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn
Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen
Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.

Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war
übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der
schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu
geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze
in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.

Das einzige Unglück meiner Liebe war, daß wir eigentlich gar kein
Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen
dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem
Kaufmann), wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten
hinübergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es
kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen
Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ
(weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuche des
Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für
unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer
zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war
mein hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und
von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber
belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich,
daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er habe gewiß
unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige
Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber
wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die
unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f ü r bekam
ich Schläge.

So war ich fünfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
ungetrübt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da
ereigneten sich mit einem Male zwei Unglücksfälle, wovon schon einer
für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen
herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ."

„Was ist das, Fouquésche Romane?" fragte der Lord.

„Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese
Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué
ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist,
mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken
reitet und kämpft wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein
wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere
heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und
um fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker
gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als
der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer
bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind
hauptsächlich f r o m m und k r e u z g l ä u b i g.

Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
steifen Kragen angetan und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben
ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche
Getiere."

„_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der
Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.

„O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei
uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt,
nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi
passati_--so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer
auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das
Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über
Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten; da trat
jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten,
und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den
französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke
aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
Leinwand setzen, und ‚Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort,
_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

„_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen,"
unterbrach ihn der Engländer; „vor acht Jahren machte ich die große
Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich
mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese
und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten
wunderbare Mützen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie
Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf
Rücken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite,
zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um den
Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer. In
sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren.
Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen
auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und
Uniform wäre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese
vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler aus
Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den
fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn
und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen
Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen
Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit
sich aus; denn als mein Kahn über den See hingleitete, erhoben sie
einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen,
ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat,
welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte."

„Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, „so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquésche
Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine
Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der ‚wunnigen Maid', mit
einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte übrigens
der ‚Z a u b e r r i n g', die ‚F a h r t e n  T h i o d o l f s' &c.
nicht den gewünschten Eindruck; sie verlachte die sittigen,
lichtbraunen, blauäugigen Damen, besonders die B e r t h a  v o n
L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein,
schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
hatte.

Ich war zu sehr erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging,
als daß ich ihr Gehör gegeben hätte; aber der lüsterne Brennstoff
jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr
Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und
kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen
altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den
Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und
dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur so
viel ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen
nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische
Bibel und die griechischen Unregelmäßigen vor mir liegen und auf ihnen
meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint und
durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und
höchstens der unglückliche O t t o  v o n  T r a u t w a n g e n, als
er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine
Höhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie ‚aus
entwölkter Höhe' mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz
gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n  w i r  f ü r
d e n  g r ö ß t e n  M a n n  D e u t s c h l a n d s  h a l t e n.
Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und wider
angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen
harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider
gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige oder schlechte
Arbeiten geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich
fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer
meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen
Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können.

Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für
mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen
Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich?
Und wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand
nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines
Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im
reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a  S p a d a?
Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die
Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark
dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem
fürtrefflichen Charakter. A d o l p h  d e r  K ü h n e, R a u g r a f
v o n  D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem großen Mann. Wie
schrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie
nach Rom wandeln und Buße tun müßte; aber dies schwächt doch sein
majestätisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n
glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte
ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Größte gewesen
zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen
ist, jeden Zauber überwand.

Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser
reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein
Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der
größte Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor.
Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach,
wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein
wenig auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war; wie
großmütig verschmäht er alle Belohnung; ja, er schlägt einen
Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm
ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie
schön beschrieb ich das alles; ja, es mußte das Herz des alten Rektors
rühren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze
zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick
nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe
schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ‚Kann man
etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die
Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bête; konnte
ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin
den Preis, der dir gebührt.'

So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den
d e u t s c h e n  A l c i b i a d e s und nächst ihm H e r m a n n
v o n  N o r d e n s c h i l d für die größten Männer halte. Man könne
ihnen den R i t t e r  E u r o s, welcher nachher als D o m s c h ü t z
m i t  s e i n e n  G e s e l l e n so großes Aufsehen gemacht habe,
was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch
stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe
ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ‚Er wird ein schönes
Geschmier haben, Garnmacher!'

‚Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und
verließ ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde über
den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer gelehrten,
mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of
Wakefield dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt
würden, und Sie priesen die n e u e  H e l o i s e, würde man Sie
nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich
begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte,
erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich da mit
Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter
Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer
trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im Äußeren des Preises nicht unwürdig, welcher mir
heute zuteil werben sollte.

Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure
Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen,
Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer
kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft
mit rosenfarbener Überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte
laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem
triumphierenden Lächeln verziehen wollte; aber ich gab mir Mühe,
bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: ‚Und nun komme
ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem
Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung
niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß
gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h
ü t z e n noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo!
_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden
Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ‚Es
wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre.
Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus
naturae_, hieher zu mir!'

Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich
vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und
einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt
über mich herab, von der ich nur so viel verstand, daß ich eine Bête
wäre und nicht wüßte, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen, blumigen
Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem
man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte
Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der
man herabstürzte, ist mit all ihren Blütengärten verschwunden, ach,
sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger
Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte,
verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
aus, ich stand wie Mucius Scävola.

Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem Vater
ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen
Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag vier
Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die mir
Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer
Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich
mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor
beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche
mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und
den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen
Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs
erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog.
Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese
tapfern, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht
geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir
herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell,
Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute--alles, alles
dahin, alles nichts als eine löschpapierne Geschichte, im Hirn eines
Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe
Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten, vergoldet vom Abendrot,
über dem Dunstmeer.

So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
jene Türme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:

_O fortes, pejoraque passi
  Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
  Cras ingens iterabimus aequor._

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte
ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--"

       *       *       *       *       *


Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den
Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des
letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet
sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese
bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil.

       *       *       *       *       *





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 1" ***

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