Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band.
Author: Pfeiffer, Ida
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band." ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



images generously made available by Bayerische
Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)



[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= : ~fett~ ]



  Reise
  nach dem
  skandinavischen Norden
  und der
  Insel Island
  im Jahre 1845.

  Von
  Ida Pfeiffer,
  geborne Reyer,
  Verfasserin der »Reise einer Wienerin in das heilige Land«.

  Zweite Auflage.

  Zweiter Band.

  Pest, 1855.

  Verlag von Gustav Heckenast.


  Pest, 1855. Gedruckt bei Landerer und Heckenast.



Inhalt des zweiten Bandes.


                                                          Seite

  Reise nach dem Geiser, Hekla u. s. w.                       1

  Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner         64

  Abreise von Island. -- Fahrt nach Kopenhagen               79

  Abreise von Kopenhagen. -- Christiania                     97

  Aufenthalt zu Christiania                                 107

  Reise nach Delemarken                                     115

  Reise von Christiania nach Stockholm                      142

  Aufenthalt in Stockholm                                   170

  Fahrt nach dem alten königl. Schlosse Gripsholm in
        Mälarsee                                            182

  Reise von Stockholm nach Upsala und den Eisenbergwerken
        von Danemora                                        188

  Von Stockholm nach Travemünde und Hamburg                 208

  Von Hamburg nach Berlin                                   220

  Aufenthalt in Berlin. -- Rückkehr nach Wien               227

  Charlottenburg                                            236

  Potsdam                                                   238

  Jahresgehalte der kön. dänischen Beamten auf Island       252

  Verzeichniß der auf Island gesammelten wirbellosen
        Thiere                                              256

  Uebersicht der isländischen Pflanzen                      259



Reise nach dem Geiser, Hekla, u. s. w.


Das Wetter hatte sich bald wieder aufgeheitert, und ich trat schon am
24. Juni meine Reise nach dem _Geiser_ und _Hekla_ an. -- Der erste Tag,
an dem wir nach Thingvalla ritten, bot an Gegenden zwar nichts Neues, aber
dafür eine äußerst schöne atmosphärische Erscheinung.

Als wir nämlich in die Nähe des See's kamen, senkten sich einige zarte
Nebelwolken über den See und auch zur Erde, daß es den Anschein hatte, als
ob es regnen würde. -- Ein Theil des Himmels erglänzte im schönen Hellblau,
während der andere mit dichten Wolken bedeckt war, aus denen gerade die
Sonne hervor brach. Einige ihrer Strahlen erreichten nun die Nebelwolken,
und beleuchteten den Dunstkreis auf eine wunderbare Art. Der zarteste
Farbenschmelz war über diese Stellen gehaucht; da schien ein Regenbogen
aufgelöst; seine glühendsten Farben waren da verschmolzen, und traten doch
wieder einzeln aus dem Ganzen. Dieses Farbenspiel blieb so über eine halbe
Stunde, dann ward es immer schwächer und schwächer, bis es ganz verschwand,
und die gewöhnliche Atmosphäre an seine Stelle trat. -- Es war dieß eine
der reitzendsten Erscheinungen, die ich je gesehen.


  25. Juni.

Eine viertel Meile hinter dem Oertchen Thingvalla trennen sich die Wege;
links reitet man nach Reikholt, rechts nach dem Geiser. -- Wir hatten
noch lange den See zur Seite, und fanden am Ende des Thales eine ähnliche
schauerliche Felsenkluft, wie jene von Almannagiau, die wir auf einem
gräßlichen Wege passiren mußten.

Das daran stoßende Thal glich viel jenem von Thingvalla; dagegen sah das
dritte wieder schrecklich aus. Da war die Lava niedrig, und ganz mit jenem
weißlichen Moose überwuchert, das sich wunderschön ausnimmt, wenn es nur
die untern Theile der Lava bedeckt, und wenn schwarze Massen und Figuren
darüber hinaus ragen, so aber einen höchst einförmigen und öden Anblick
gewährt.

Wir kamen auch an zwei Grotten vorüber, die sich zu unsern Füßen öffneten.
Am Eingange der einen stand ein Felsenpfeiler, als Stütze einer ungeheuern
Lavaplatte, welche ein schauerliches Portale bildete. Leider hatte ich von
diesen beiden Höhlen nichts gewußt, und daher auch keine Vorbereitungen
getroffen, sie besuchen zu können. -- Wenigstens hätte ich Fackeln dazu
benöthiget. So viel ich aber später erfuhr, sollen sie gar nicht tief
reichen, und nichts Interessantes bieten.

Im Verlaufe dieses Tages kamen wir durch Thäler, wie ich deren in ganz
Island noch keine gesehen hatte. Schöne Wiesenteppiche, und zwar ohne
jene zahllosen Erhöhungen, bedeckten oft mehrere meilenlange Strecken.
-- Natürlich waren diese futterreichen Thäler auch ziemlich bewohnt; wir
ritten häufig an 3-4 beisammen stehenden Kothen vorüber, und sahen Pferde,
Kühe und Schafe in ziemlicher Anzahl auf den Wiesen weiden.

Die Berge, die diese Thäler auf der linken Seite begränzten, erschienen
mir sehr merkwürdig; -- sie waren zwar auch braun, schwarz oder dunkelblau,
allein die Massen, aus welchen sie bestanden, hielt ich, meinen geringen
mineralogischen Kenntnissen zu Folge, für feine Lehmschichten. Einige
dieser Berge hatten auch Aufsätze von großen, einzeln stehenden Lavafelsen,
wirklichen Kolossen, von denen es mir unbegreiflich war, wie sie sich auf
diesen weichen Schichten halten konnten.

In einem dieser Thäler lag auch ein ziemlich bedeutender See, an und um
welchen einige Dampfwolken empor wirbelten, die von unbedeutenden heißen
Quellen aufstiegen.

Nun aber, nachdem wir schon bei 5-6 Meilen zurückgelegt hatten, kam das
Merkwürdigste das mir noch je vorgekommen ist; -- es war dieß ein Strom mit
einem ganz eigenthümlichen Flußbette.

Dieses Flußbett ist breit und etwas abschüssig; es besteht aus
Lavaschichten und ist in der _Mitte_ der _Länge_ nach durch eine 18-20 Fuß
tiefe, und 15-18 Fuß breite Schlucht getheilt, der sich das Wasser brausend
und schäumend zudrängt, so daß man schon von weitem das Rauschen desselben
hört. -- Ueber diese Kluft führt ein hölzernes Brückchen, das in der Mitte
des Flusses steht, und stets von den hochaufspringenden Wogen bespühlt
wird. -- Wer nun nicht näher unterrichtet ist, kann sich schwerlich diesen
Anblick, so wie das Tosen und Brausen des Stromes enträthseln. -- Das
Stückchen Brücke mitten im Flusse würde man für den Rest einer eben
zerstörten Brücke halten, und die Kluft sieht man vom Ufer aus nicht,
weil sie von den aufschäumenden Wellen überragt ist. -- Gewiß, von einer
unbeschreiblichen Bangigkeit wird man erfaßt, sieht man den verwegenen
Führer in den ungestümen Fluß hineinreiten, und muß ihm dann ohne Gnade und
Barmherzigkeit folgen.

Der Priester zu Thingvalla hatte mich auf diese Scene schon vorbereitet,
und mir gerathen, über diese Brücke zu _gehen_. Da aber der Wasserstand
in dieser Jahreszeit so groß war, daß die Wogen von allen Seiten bei 2
Fuß hoch über die Brücke schlugen, konnte ich nicht absteigen, und mußte
hinüber reiten.

Die ganze Passage durch den Strom war so eigen, daß man sie sehen muß, aber
schwer beschreiben kann. Mit furchtbarer Gewalt tobt und ras't das Wasser
von allen Seiten; es stürzt mit heftigem Ungestüm in die Kluft, bildet von
beiden Seiten Fälle, und zerschellt beinah an den emporragenden Klippen.
-- Unweit der Brücke endet die Kluft, und der Strom stürzt dann in seiner
ganzen Breite über 30 bis 40 Fuß hohe Felsen. Je mehr wir der Mitte
zukamen, desto wüthender, tiefer und reißender wurde der Strom, desto
betäubender das Getöse. Die Pferde wurden ängstlich und scheu, und als wir
über die Brücke reiten wollten, fingen sie an zu zittern, sträubten sich,
wandten sich nach allen Seiten, nur nicht nach der rechten, und versagten
uns durchaus den Gehorsam. Mit unendlich vieler Mühe gelang es uns endlich,
sie über diese gefahrdrohende Stelle zu bringen.

Das Thal, welches von diesem originellen Flußbette durchschnitten wird, ist
enge, und ganz von Lava-Bergen und Hügeln umfaßt; die erstorbene, lautlose
Natur vollkommen geschaffen, dem Wanderer diese grausige Scene für immer
in's Gedächtniß zu prägen.

Dieser merkwürdige Strom war das letzte Hinderniß gewesen, und nun ging
es ruhig und gefahrlos in einem schönen Thale fort, bis zu dem Geiser, den
jedoch ein vorliegender Hügel meinem spähenden Auge noch lange verbarg. --
Endlich war auch dieser Hügel umritten, und ich sah den Geiser mit seinen
Umgebungen, mit den mächtigen Dampfsäulen, mit den zahllosen Wolken und
Wölkchen. -- Von diesem Hügel hatten wir noch eine kleine halbe Meile
an den Geiser, und die ihn umgebenden heißen Quellen. Da kochten und
sprudelten sie rings um ihn herum, und mitten durch führte der Weg zu
seinem Becken. -- Achtzig Schritte vor diesem wurde Halt gemacht.

Und nun stand ich da -- vor einem Hauptziele meiner Reise; ich sah es, --
es lag so nahe vor mir, und doch wagte ich keinen Schritt weiter. -- Ich
wußte nicht, ob und wie weit man sich dem Becken nähern dürfe. -- Da
kam ein Bauer, der uns aus einer der nahen Kothen gefolgt war, und meine
Begierde und Furcht errathen haben mochte; der nahm mich bei der Hand und
machte meinen Cicerone. Leider hatte er aber, da es gerade Sonntag war, der
Brandweinflasche etwas zu tapfer zugesprochen, so daß er mehr taumelte
als ging, -- und diesem Menschen nun, von dem ich nicht wußte, ob er noch
Verstand genug besäße, unterscheiden zu können, wie weit man sich überall
wagen dürfe, sollte ich mich anvertrauen? -- Zwar versicherte mich mein
Führer, der mich von Reikjavik hierher begleitet hatte, daß ich ihm dessen
ungeachtet trauen dürfe, und daß er selbst mitgehen werde, um mir sein
isländisches Kauderwelsch in das Dänische zu übersetzen, aber dennoch
folgte ich ihm nicht ohne einige Furcht.

Er führte mich also bis an den Rand des Beckens des Geisers, der auf einer
sanften Erhöhung von höchstens 10 Fuß liegt und in sich das Becken und
den Kessel faßt. Der Durchmesser des Beckens mag 30 Fuß betragen, der des
Kessels 6-7 Fuß. Beide waren bis an den Rand gefüllt, das Wasser war rein
wie Crystall, kochte und brauste aber nur sehr wenig. Bald verließen wir
diese Stelle; denn, ist Becken und Kessel mit Wasser ganz angefüllt, so ist
es höchst gefährlich sich ihm zu nähern, da er sich alle Augenblick durch
einen Ausbruch entleeren kann. Wir gingen also die andern Quellen zu
besichtigen.

Mein begeisterter Führer bezeichnete mir jene, denen ich ungescheut nahen
dürfe, und warnte mich vor den andern. Dann kehrten wir wieder in die Nähe
des Geisers, wo er mir noch einige Verhaltungsregeln für den Fall eines
statthabenden Ausbruches gab, und mich dann verließ, um Anstalt zu meinem
Aufenthalte zu treffen. -- Ich will hier in Kurzem die Regeln meinen Lesern
mittheilen.

»Die Wassersäule steigt immer senkrecht in die Höhe, und das überströmende
Wasser hat seine Hauptabzüge stets auf einer und derselben Seite; von
dieser muß man sich daher entfernt halten. An den andern Seiten läuft
zwar auch Wasser ab, aber nur in sehr geringer Menge, und in unförmlichen
Rinnen, denen man leicht ausweichen kann. -- Man kann sich daher von diesen
Seiten selbst bei den stärksten Ausbrüchen bis auf vierzig Schritte nahen.
Der Ausbruch selbst kündigt sich durch ein dumpfes Gebrüll an. Wie man nun
dieß vernimmt, muß man sich gleich auf die bezeichnete Stelle begeben,
da der Ausbruch sehr schnell darauf folgt. Das Wasser steigt jedoch nicht
jedesmal in die Höhe, oder oft auch nur unbedeutend, so daß man, um eine
schöne Explosion zu sehen, manchmal mehrere Tage verweilen muß.«

Für das Unterkommen der Reisenden sorgte wahrhaft edelmüthig der
französische Gelehrte, Herr _P. Geimard_, der vor einigen Jahren ganz
Island bereiste. Er ließ nämlich zwei große Zelte zurück, und zwar das
eine hier, und das andere in Thingvalla. Das hiesige ist besonders
zweckdienlich, da man, wie gesagt, oft mehrere Tage auf einen schönen
Ausbruch warten muß. -- Gewiß wird jeder Reisende, wenigstens in Gedanken,
ihm Dank für diese Annehmlichkeit zollen. -- Ein Bauer, derselbe, der die
Reisenden an den Quellen herum führt, hat es zu bewahren, und muß es gegen
ein Trinkgeld von 1 bis 2 fl. Jedermann aufschlagen.

Als ich mit meinem Zelte in Ordnung kam, war es bereits 11 Uhr Nachts. Da
empfahlen sich Alle, und ich blieb _allein_ zurück.

Man pflegt immer die Nacht zu durchwachen, um keinen Ausbruch zu versäumen.
Für _mehrere_ Reisende ist nun zwar ein abwechselndes Wachen keine sehr
schwere Sache, für mich allein war es aber doch eine arge Last; -- und
einem isländischen Bauer ist nicht zu trauen; den könnte oft kaum ein
Ausbruch des Hekla erwecken.

Ich saß bald vor, bald in dem Zelte und horchte mit gespannter Erwartung
der Dinge, die da kommen sollten; endlich -- nach Mitternacht -- der
Geisterstunde -- vernahm ich einige dumpfe Töne, als würde in weiter
Ferne eine Kanone gelöst, und deren echoähnlicher Schall durch den Luftzug
herüber getragen. -- Ich stürzte aus dem Zelte, und erwartete nun in
Folge der Beschreibungen, welche ich gelesen hatte, unterirdisches Getöse,
heftiges Krachen und Erzittern der Erde, als Vorläufer des eigentlichen
Ausbruches. -- Kaum konnte ich mich einer Anwandlung von Furcht erwehren.
Um Mitternacht bei einer solchen Scene sich allein zu wissen, ist denn doch
keine kleine Sache.

Manche meiner Freunde und Freundinen werden sich vielleicht erinnern, wie
ich ihnen schon bei meiner Abreise sagte, daß ich mir vorstelle, auf
den Reisen in Island vorzüglich in den Nächten am Geiser der meisten
Herzhaftigkeit zu benöthigen.

Diese dumpfen Laute ließen sich nur in sehr kurzen Zwischenräumen 13 Mal
vernehmen; nach einem jedesmaligen Laute überlief das Becken, und entleerte
sich immer bedeutender Portionen Wassers. Die Töne selbst schienen
nicht von einem unterirdischen Tosen, sondern von den starken, heftigen
Aufwallungen des Wassers herzurühren. -- Nach anderthalb Minuten war
Alles vorüber; das Wasser floß nicht mehr über, Kessel und Becken blieben
ziemlich gefüllt, und -- in jeder Hinsicht getäuscht kehrte ich wieder
in mein Zelt zurück. -- Diese Erscheinungen wiederholten sich alle 2½,
spätestens alle 3½ Stunden. Ich sah und hörte die ganze Nacht nichts
anderes, so wie auch am folgenden Tage und in der zweiten Nacht. Vergebens
sah ich einem Ausbruche entgegen.

Nachdem ich mit dieser periodischen Beschaffenheit meines Nachbars vertraut
geworden war, überließ ich mich in den Zwischenräumen entweder einem leisen
Schlummer, oder ich besuchte die andern Quellen und ging auf Entdeckungen
aus -- nach den kochenden Brodem, und nach den verschiedenen farbigen
Quellen, welche hier gesehen zu haben manche Reisebeschreiber behaupten.

Alle heißen Quellen sind in einem Umkreise von 800 bis 900 Schritte
vereint; mehrere derselben sind merkwürdig, die meisten aber unbedeutend.

Sie liegen in einem Winkel eines ungeheueren Thales am Fuße eines Hügels,
hinter welchem sich eine Gebirgskette erhebt. Das Thal ist ganz mit Gras
bewachsen, und die Vegetation ist nur unmittelbar in der Nähe der Quellen
etwas geringer. -- Auch liegen überall Kothen, ja die nächsten an den
Quellen mögen kaum 7-800 Schritte davon entfernt sein.

Größere Becken und Kessel mit kochenden und springenden Quellen zählte ich
zwölf; -- kleinere noch mehr.

Unter den Springquellen zeichnet sich besonders der _Strokker_ aus. Er
kocht und wallt mit ganz außerordentlicher Heftigkeit in einer Tiefe von
ungefähr 20 Fuß, schießt dann plötzlich auf, und wirft seine Strahlen in
die Höhe. Ein solcher Ausbruch soll oft über eine halbe Stunde währen,
und die Strahlen sollen oft bei 40 Fuß hoch gehen. Ich sah mehrere seiner
Ausbrüche, aber leider nie einen in dieser vollen Herrlichkeit. Der
stärkste Strahl, den ich sah, mochte höchstens 30 Fuß hoch gehen, und das
Aufsteigen währte nie über eine Viertelstunde. -- Der Strokker ist außer
dem Gaiser die einzige Quelle, der man sich vorsichtig nahen muß. Die
Ausbrüche folgen oft auf einander, setzen aber oft auch viele Stunden aus,
und kündigen sich nicht an. -- Eine andere Quelle springt beständig, aber
nie über 3-4 Fuß. -- Wieder eine andere liegt ungefähr 4-5 Fuß tief in
einem ziemlich weiten Kessel, und wirft kaum einige zarte Bläschen auf.
Diese Ruhe ist aber nur scheinbar; sie dauert oft nicht ½ Minute, höchst
selten 2 bis 3 Minuten. Dann fängt die Quelle an zu brausen, zu wallen und
zu kochen, und wirft 2 bis 3 Fuß hohe Strahlen, die jedoch nie die Höhe des
Kessels erreichen. -- In einigen Kesseln hörte ich wieder ein Kochen und
Brausen, wie ein leises Brüllen, sah aber kein Wasser, oft nicht einmal
viel Dampf aufsteigen.

Zwei der allermerkwürdigsten Quellen aber, wie man sie vielleicht in der
ganzen Welt nicht sehen kann, liegen gleich oberhalb des Geisers, in zwei
Oeffnungen, die durch eine kaum fußbreite Felswand geschieden sind. Diese
Scheidewand erhebt sich aber nicht über die Oberfläche des Erdbodens,
sondern geht nur in die Tiefe hinab; das Wasser kocht sehr schwach, und hat
einen gleichmäßig langsamen Abfluß. Die außerordentliche Schönheit dieser
Quellen besteht in ihrer merkwürdigen Durchsichtigkeit und Klarheit. All
die manigfaltigen Formen und Höhlen, die vorspringenden Zacken und Ecken
der Felsen sieht man weit hinab, bis sich der Blick in den Tiefen der
Finsterniß verliert. -- Noch schöner aber und wie dem Feenreiche entnommen
wird diese Quelle durch eine herrliche Beleuchtung, die sich an den Felsen
bildet. Es ist das zarteste, durchsichtigste, blaßgrün und blau spielende
Licht, und gleicht dem Wiederscheine eines griechischen Feuers. -- Das
Merkwürdigste aber ist, daß dieses Farbenspiel von den Felsen auszugehen
scheint, indem es sich nur 8 bis 10 Zoll weit davon erstreckt, und das
übrige Wasser wieder farblos, wie das gewöhnliche, nur durchsichtiger und
reiner ist.

Ich konnte das nicht glauben, und dachte, die Sonne müße doch auch mit im
Spiele sein; ich ging daher zu den verschiedensten Zeiten an diese Quellen,
theils wenn die Sonne hell leuchtete, theils wenn sie von Wolken ganz
umhüllt war, ja selbst nach ihrem Untergange: -- die Beleuchtung blieb
immer dieselbe, immer das gleiche, überirdisch schöne Farbenspiel.

Man kann sich dem Rande dieser Quellen ungescheut nahen. Die Decke, welche
sich unmittelbar an die Quellen schließt, und unter die man nach allen
Seiten sehen kann, ist zwar nur eine dünne Felsplatte, aber doch stark
genug, um jeden Einbruch zu verhüten. -- Das Schöne und Ergreifende
liegt, wie bereits gesagt, in der magischen Beleuchtung und in der
Durchsichtigkeit, vermöge welcher alle Höhlen und Grotten bis zur größten
Tiefe dem Auge sichtbar sind.

Unwillkührlich fiel mir Schillers Taucher ein. Ich meinte den Becher an
den Spitzen und Zacken der Felsen hangen, -- die Ungeheuer aus den Tiefen
auftauchen zu sehen. -- -- An dieser Stelle das herrliche Gedicht zu lesen,
müßte von ganz eigener Wirkung sein.

Kessel, in welchen Brodem oder farbige Wasser kochten, fand ich beinahe gar
keine. Das Einzige, was ich der Art sah, war ein kleines Becken, in welchem
eine braunrothe Substanz kochte, die etwas dichter war als Wasser. Ein noch
kleineres Quellchen mit schmutzig braunem Wasser würde ich ganz übersehen
haben, hätte ich nicht so emsig nach derlei Merkwürdigkeiten gesucht.

Endlich nach langem Harren und Warten, am zweiten Tage meines Aufenthalts
am Geiser, am 27-ten Juni um halb 9 Uhr Morgens, war es mir vergönnt, einen
Ausbruch des Geisers in seiner vollsten Pracht zu sehen. -- Der Bauer,
der täglich Früh und Abends kam, sich zu erkundigen, ob ich schon einen
Ausbruch gesehen habe, war gerade bei mir, als sich die dumpfen Töne,
welche denselben ankündigen, wieder hören ließen. -- Wir eilten hinaus, und
ich verlor abermals die Hoffnung etwas zu sehen; das Wasser überwallte
nur, wie gewöhnlich, und das Getöse ließ schon nach. -- Da aber begann auf
einmal, als kaum die letzten Töne verstummt waren, die Explosion. --
Diese zu schildern, weiß ich wirklich keine Worte zu finden. So etwas
Großartigem, so ergreifend Schönem kann man nur einmal im Leben begegnen.

Alle meine Erwartungen und Vorstellungen wurden weit übertroffen. -- Die
Strahlen schoßen mit unbeschreiblicher Kraft, Heftigkeit und Wasserfülle
empor; eine Säule stieg höher als die andere, eine schien die andere
überbieten zu wollen. -- Als ich nur einigermaßen mich von der
Ueberraschung erholt hatte, und meiner Besinnung wieder mächtig war,
sah ich auf das neben an stehende Zelt. -- Wie klein, wie winzig klein,
erschien es gegen die Höhen dieser Wassersäulen! Und doch hatte es bei 20
Fuß Höhe. Freilich lag es ungefähr 10 Fuß niedriger, als das Becken des
Geisers; -- hätte man aber Zelt auf Zelt gestellt, so konnten diese 10
Fuß doch nur das erstemal abgezogen werden, und ich berechnete nach meiner
Ansicht, die wohl nicht die richtigste sein mag, daß man fünf und sechs
Zelte auf einander hätte stellen können, um die gleiche Höhe zu erreichen.
-- Ohne Uebertreibung glaube ich behaupten zu können, daß der stärkste
Strahl gewiß über 100 Fuß hoch stieg, und 3 bis 4 Fuß im Durchmesser hatte.

Glücklicher Weise hatte ich schon beim Beginn der dumpfen Töne, der
Vorläufer des Ausbruches, auf die Uhr gesehen; während des Ausbruches
selbst würde ich wohl darauf vergessen haben. -- Das Ganze währte bei
vier Minuten, von denen die größere Hälfte auf die eigentliche Eruption zu
rechnen ist.

Als diese wunderbare Scene geendet hatte, geleitete mich der Bauer an
das Becken. Wir konnten uns nun sowohl diesem, als dem Kessel ohne Gefahr
nähern, und beide nach Gefallen betrachten und umgehen. -- Zu besorgen
war nichts mehr. Das Wasser war spurlos aus dem Becken verschwunden; wir
stiegen hinein und naheten uns unmittelbar dem Kessel, in welchem das
Wasser ebenfalls 7 bis 8 Fuß tief gesunken war, wo es heftig kochte und
wallte.

Ich löste mittelst eines Hammers einige Krusten sowohl von dem Innern des
Beckens, als auch des Kessels; die ersteren waren weiß, letztere braun.
Auch das Wasser kostete ich; es hatte keinen unangenehmen Geschmack, und
kann nur wenig Schwefeltheile enthalten, da auch der Dampf nicht darnach
riecht.

Ich ging nun jede halbe Stunde zu dem Becken des Geisers, um zu beobachten,
wie viel Zeit zur Füllung des Kessels und Beckens nöthig sei. -- Nach der
ersten Stunde konnte ich noch in das Becken steigen; als ich aber nach
einer halben Stunde später kam, war der Kessel bereits gefüllt, und fing
gerade an überzulaufen. So lange das Wasser nur den Kessel füllte, kochte
es heftig auf, je mehr es aber in das Becken überfloß, desto weniger kochte
es, und hörte beinahe ganz auf, nachdem das Becken angefüllt war; es warf
nur hie und da kleine Bläschen.

Nach dem Verlaufe von ferneren zwei Stunden -- es war gerade 12 Uhr Mittags
-- war das Becken beinah bis an den Rand gefüllt, und während ich noch an
selbem stand, fing das Wasser wieder an, sich heftig aufzuwerfen, und die
dumpfen Töne von sich zu geben. Ich hatte kaum Zeit zurück zu springen,
denn allsogleich erhoben sich die Strahlen. Sie stiegen dießmal während
des Brüllens empor, und waren noch wasserreicher, als jene der ersten
Explosion, was wohl daher kommen mochte, weil sie nicht so hoch sprangen,
und daher dichter beisammen blieben. -- Ihre Höhe mochte bei 40 und 50 Fuß
betragen. Kessel und Becken blieben dießmal nach dem Ausbruche beinahe eben
so gefüllt, wie vorher.

Somit hatte ich nun zwei Explosionen des Geisers gesehen, und fühlte mich
bereits reichlich entschädigt für meine unermüdete Geduld und Wachsamkeit.
Aber ich sollte noch glücklicher sein, und seine Ausbrüche in allen Formen
und Gestalten kennen lernen; -- er sprang abermals um 7 Uhr Abends, stieg
höher als Mittags, und führte dießmal einige Steine mit, die in der weiß
schäumenden Wassersäule gerade wie schwarze Flecken und Punkte aussahen. --
Und wieder ein anderes Schauspiel gewährte er in der dritten Nacht. --
Da erhob sich das Wasser in furchtbaren, schnell auf einander folgenden
Wallungen, ohne Strahlen zu werfen; das Becken floß stark über, und es
erzeugte sich eine solche Masse von Dampf, wie ich noch nie gesehen.
Zufällig trieb ihn der Wind gerade der Gegend zu, wo ich stand, und da
hüllte er mich so dicht ein, daß ich kaum einige Fuß weit sehen konnte. Ich
fühlte jedoch weder einen Geruch, noch eine Beängstigung, sondern nur einen
geringen Grad von Wärme.


  28. Juni.

Da ich nun den Geiser schon so oft und auch so schön hatte spielen gesehen,
bestellte ich meine Pferde auf heute 9 Uhr Früh zur Weiterreise. Ich eilte
um so mehr aus der Nähe des Geisers, da ein holländischer Prinz erwartet
wurde, der erst kürzlich mit großem Gefolge in einer schönen Kriegsfregatte
zu Reikjavik angekommen war.

Noch hatte ich das Glück, vor meiner Abreise, um halb neun Uhr, abermals
einen Ausbruch zu sehen, und zwar einen beinah eben so schönen, als der
erste war. -- Auch dießmal war das Becken ganz und der Kessel bis auf eine
Tiefe von 6 bis 7 Fuß geleert. Ich konnte daher nochmals in das Becken
treten, und dem Geiser unmittelbar am Kessel selbst »Lebewohl« sagen, was
ich natürlich auch that.

Ich war nun drei Nächte und zwei Tage beständig in unmittelbarer Nähe des
Geisers gewesen, und hatte im Ganzen fünf Ausbrüche erlebt, von welchen
zwei zu den bedeutendsten gehörten; doch kann ich auf mein Wort versichern,
nicht Alles so gefunden zu haben, wie ich es mir nach den vernommenen
Erzählungen und Beschreibungen vorstellte. -- Ich hörte nie ein größeres
Geräusch, als ich es bereits anfänglich beschrieb, und fühlte von einem
Erzittern der Erde nie das Geringste, obwohl ich stets mit gespanntester
Aufmerksamkeit auf Alles achtete und mein Ohr sogar während einer Explosion
an den Boden hielt.

Es ist wirklich merkwürdig, wie manche Leute Alles nachreden, was sie von
Andern hören, und wie Andere wieder in ihrer erhitzten Fantasie selbst
Sachen zu sehen, zu hören und zu empfinden sich einbilden, die gar
nicht vorhanden sind, -- -- und wie endlich noch Andere geradezu die
unverschämtesten Lügen erzählen. -- So traf ich z. B. in Reikjavik im Hause
des Apothekers Möller einen Marine-Offizier von der französischen Fregatte,
welcher behauptete, »er sei bis unmittelbar an den Krater des Vesuv's
geritten.« -- Er dachte wohl nicht in Reikjavik mit Jemanden zusammen zu
treffen, der ebenfalls am Krater des Vesuv's gewesen war. -- Nichts ärgert
mich mehr als dergleichen Lügen und Prahlereien. Ich konnte mich daher
nicht enthalten zu fragen, wie er das angestellt habe; -- ich sei auch
dort gewesen, scheue gewiß so wenig eine Gefahr wie er, und hätte mich doch
bequemen müssen, am Kogel des Vesuv's von dem Esel zu steigen, und mich von
meinen Füßen hinauf tragen zu lassen. -- Er schien nun freilich ein wenig
verlegen und meinte, »er habe sich versprochen, er habe nur sagen wollen,
bis beinahe an den Krater«; -- doch wette ich darauf daß er diese Lüge noch
oft erzählen, und sie endlich selbst glauben wird.

Bevor ich den Geiser verlasse, kann ich nicht umhin, meinen Lesern einige
Kleinigkeiten zu erzählen, die mir da wiederfuhren. Ich hoffe ihre
Geduld nicht allzusehr zu ermüden. -- Von einem so wenig bekannten Lande
interessirt oft das Geringste, und aus unbedeutenden Vorfällen kann man oft
am Besten auf die eigenthümlichen Eigenschaften der Bewohner schließen.

Von meinem betrunkenen Cicerone habe ich bereits erzählt; und heute noch
ist es mir ein Räthsel, wie er mich in einem solchem Zustande so sicher
umherführen konnte; -- wäre er nicht der einzige zu haben gewesen, ich
hätte mich ihm gewiß nicht anvertraut.

Als er das Zelt errichtet hatte, ließ ich mir einen Kotzen und einen
Polster bringen, um der Feuchtigkeit des Bodens weniger ausgesetzt zu sein,
-- prosit die Mahlzeit -- -- es sollte mir noch schlimmer ergehen. -- Aus
dem Polster kroch ein ganz kleines Würmchen, in welchem ich Anfangs eine
Bereicherung meiner Sammlung gefunden zu haben vermeinte, welches ich aber
bei genauerer Besichtigung zu meinem Entsetzen für eine Made erkannte. --
Mehrere dieser lieblichen Thierchen folgten noch nach. -- Natürlich warf
ich Polster und Kotzen allsogleich wieder zum Zelte hinaus.

Reinlichkeit ist bei den Isländern durchaus nicht zu finden; Alle sind im
höchsten Grade ekelhaft. So zog z. B. ein zwölfjähriges Mädchen, das mir
immer Schmetten (Obers) und frisches Wasser brachte, in meiner Gegenwart
den Stöpsel aus der Flasche, um das daran klebende Obers mit der Zunge
abzulecken, und wollte solchen dann wieder auf die Flasche thun.

Oft saß sie halbe Stunden lang an meiner Seite; da geschah es denn
mitunter, daß sie vom Ungeziefer auf dem Kopfe belästiget wurde; sie suchte
und fing es, sah es ganz phlegmatisch an, und wollte es gleich nebenan auf
den Boden werfen. -- Da ziehe ich in diesem Punkte noch die Grönländer
vor, die speisen es doch sogleich auf, und man ist wenigstens vor einer
Erbschaft gesichert. -- Ueberhaupt haben die Isländer durchaus keinen
Begriff und kein Gefühl des Schicklichen. Wollte ich alle Ekelhaftigkeiten,
die ich sah, erzählen, ich könnte noch manche Seite damit füllen.

Nie werde ich begreifen können, daß dieses Volk einst durch Wohlhabenheit,
durch Tapferkeit und Bildung ausgezeichnet war. -- Ich setze z. B. im
Schicklichkeits-Gefühle die Isländer den Beduinen und Arabern weit nach.

Meine heutige Reise ging nur sechs Meilen weit, nach _Skalholt_.

Die erste Meile gingen wir denselben Weg zurück, den wir gekommen waren;
dann wendeten wir uns links und durchwanderten das ganze schöne und lange
Thal, in welchem der Geiser liegt. -- Meilenweit sahen wir von dieser Seite
noch seine Dampfsäulen aufsteigen. -- Die Wege waren nur gut, wo sie
sich an den Seiten der Hügel und Berge fortzogen; in den Ebenen waren sie
meistens sumpfig und voll Wasser. Wir verloren oft jede Spur des Weges, und
ritten nur der Gegend zu, dabei mußten wir bei jedem Schritte befürchten
einzusinken, so weich und nachgiebig war der Boden.

Ich fand die Trägheit der isländischen Bauern wirklich unverzeihlich.
Alle Thäler, die wir durchzogen, waren eigentlich große, reich mit Gras
bewachsene Sümpfe. Träten nun die einzelnen Gemeinden zusammen, um Gräben
zu ziehen und sie trocken zu legen, so würden sie die schönsten Wiesen
erhalten. Dieß beweisen die vielen Abhänge, wo das Wasser abläuft; -- da
herrscht üppiger Graswuchs, da gedeihen schöne Wiesenblumen und Kräuter, ja
selbst wilder Klee. -- Meist stehen auf diesen Abhängen auch einige Kothen.

Bevor wir noch das Oertchen _Thorfastädir_ erreichten, erblickten wir schon
den _Hekla_, umgeben von schönen Jokuln.

In Thorfastädir kam ich gerade zu einem Begräbnisse. Als ich in die Kirche
trat, waren die Leidtragenden eben beschäftigt, sich gegenseitig mit
Brandwein Muth und Trost einzutrinken. Freilich lautet das Gesetz, daß dieß
nicht in der Kirche geschehen soll; -- doch hielten sich alle Leute an das
Gesetz, zu was wären die Richter? -- Gewiß denken die Isländer so; sonst
würden sie diesen Unfug unterlassen.

Endlich kam der Priester. -- Nun wurde ein Psalm oder ein Gebet -- ich
verstand nichts davon, da es isländisch war -- unter Anleitung eines
Vorbeters von dem Priester und von mehreren Auserwählten -- Bauern --
derart herab geschrieen, daß die guten Leute ganz erhitzt wurden, und
völlig außer Athem kamen. -- Hierauf stellte sich der Priester an den Sarg,
der aus Mangel an Raum auf die Lehnen der Bänke gestellt worden war, und
las da mit lauter Stimme ein Gebet ab, das über eine halbe Stunde dauerte.
Die Funktionen im Innern der Kirche waren hiemit beendet, und die Leiche
wurde nun in Begleitung des Priesters und der Anwesenden um die Kirche
herum dem Grabe zu getragen. Letzteres war von einer Tiefe, wie ich noch
nirgends gesehen. -- Als die Leiche hineingesenkt worden war, warf der
Priester dreimal Erde darauf; von den Leidtragenden that aber dieß Niemand.
-- Unter der herausgegrabenen Erde befanden sich vier Todtenschädel,
mehrere Gebeine, und ein Stück Brett von einem einstigen Sarg. Alles
wurde dem so eben eingesenkten nachgeworfen, und das Grab im Beisein des
Priesters und des Volkes zugeschaufelt. Ein Mann trat dabei die Erde fest;
dann wurde ein Leichenhügel aufgerichtet, und mit Rasenstücken, die schon
bereit lagen, überdeckt. Die ganze Arbeit ging mit beispielloser Raschheit
von Statten.

Das Oertchen _Skalholt_, meine heutige Nachtstation, war in religiöser
Beziehung einst so berühmt, wie Thingvalla in politischer. -- Hier ward,
bald nach Einführung der christlichen Religion, das erste Bisthum im Jahre
1098 gegründet; auch soll die hiesige Kirche eine der größten und reichsten
gewesen sein. -- Jetzt ist Skalholt ein erbärmliches Nest; es besteht aus
einer mittelgroßen hölzernen Kirche -- die vielleicht 100 Personen fassen
mag -- und 3-4 Kothen, und hat nicht einmal seinen eigenen Geistlichen,
sondern gehört nach Thorfastädir.

Das Erste, als ich ankam, war, die noch vorhandenen Reste der Vergangenheit
zu besehen. -- Man zeigte mir vor Allem ein Bildniß in Oehl gemalt, das
in der Kirche hängt und den ersten Bischof von Skalholt, _Thorlakur_,
darstellen soll, der wegen seines strengen und frommen Lebenswandels
beinahe als Heiliger verehrt wurde.

Hierauf wurden Anstalten gemacht, am Altar die großen Stufen, und mehrere
Bretter vom Fußboden wegzuräumen. -- Erwartungsvoll stand ich daneben und
dachte an nichts anderes, als nun in eine Gruft steigen zu müssen, und
darin den einbalsamirten Körper des Bischofes zu finden. -- Ich muß
gestehen, daß mir diese Aussicht gerade nicht sehr angenehm erschien, wenn
ich an die herannahende Nacht dachte, die ich in dieser Kirche, vielleicht
gerade ober dem Todten-Gerippe, zubringen mußte. -- Ich hatte an dem
heutigen Tage ohnehin schon zu viel mit Verstorbenen zu thun gehabt, und
konnte den garstigen Leichengeruch, den ich in Thorfastädir einsog, gar
nicht mehr aus meinen Kleidern und aus meiner Nase bannen.[1] -- Wie
erfreut war ich daher, statt der gefürchteten Gruft und Mumie, nur eine
große Marmorplatte zu Gesichte zu bekommen, auf der die üblichen Anzeigen
der Geburt, des Todes u. s. w. dieses Bischofes standen.

  [1]: In Island herrscht so wie in Dänemark der Gebrauch, daß man die
  Verstorbenen erst nach acht Tagen bestattet. Man denke sich nun einen
  todten Körper, der acht Tage, und noch dazu im Sommer, mitten unter den
  Lebendigen in einem warmen dumpfigen Loche gelegen hatte, und man
  wird mir gerne glauben, daß viel Ueberwindung dazu gehörte, mit einer
  nicht-isländischen Nase einem solchen Leichenbegräbnisse vom Anfange
  bis zu Ende beizuwohnen. Doch will ich nicht läugnen, daß der mir
  bleibende Leichengeruch auch Einbildung gewesen sein mag.

Noch zeigte man mir ein altes gesticktes Meßkleid, und einen einfachen
goldenen Kelch, die beide aus jenen Zeiten herstammen sollen.

Dann stiegen wir in die sogenannte Rumpelkammer, die nur durch Bretter von
dem untern Theile der Kirche geschieden ist, und sich bis gegen den Altar
zu zieht. Hier befinden sich die Glocken und die Orgel wenn nämlich
die Kirche etwas derart besitzt, die Lebensvorräthe, und eine Menge
Geräthschaften verschiedener Art u. s. w. -- Man öffnete da eine ungeheure
Kiste, die große Stücke Talg, der in Form von Käsen gegossen war, enthielt,
hob diese heraus, und kam auf die Bibliothek, in welcher ich einen sehr
interessanten Fund machte. Ich fand nämlich unter mehreren sehr alten
Büchern in isländischer Sprache, drei dicke Folianten, die ich ganz bequem
lesen konnte; -- sie waren deutsch, und enthielten Luthers Lehren, Briefe,
Episteln u. s. w.

Jetzt hatte ich aber auch Alles gesehen. -- Ich konnte nun auch auf
meine leiblichen Bedürfnisse denken, und mir etwas heißes Wasser zum
Kaffeeaufgusse bringen lassen u. s. w. Abermals pflanzten sich sämmtliche
Einwohner des Oertchens vor und in der Kirche auf, vermuthlich um an mir
das Studium ihrer Menschenkenntniß zu bereichern. Doch bald sperrte ich die
Thür zu, und bereitete mir ein prächtiges Lager. Schon bei meinem ersten
Eintritte in die Kirche hatte ich an einer der Wände einen langen Verschlag
bemerkt, der ganz mit Schafwolle angefüllt war; auf diese warf ich meinen
Polster, und da lag ich so warm und so weich, wie in dem besten Bette. --
Des Morgens krauste ich die Wolle wieder sorgfältig auf, und kein Mensch
hätte nun errathen können, wo ich eigentlich die Nacht zugebracht habe.

Nichts kam mir bei meinen derartigen Nachtquartieren komischer vor, als
die Neugierde der Leute, die stets, nachdem ich des Morgens die Thür
aufgeschlossen hatte, herein stürmten. Das erste, was sie zu einander
sagten, war: »=Kvar hefur hún sovid=« (wo hat sie denn geschlafen?) Die
guten Leute konnten durchaus nicht begreifen, wie es mir möglich sei, die
ganze Nacht _allein_ in einer Kirche mitten auf dem Friedhofe zuzubringen;
sie hielten mich vielleicht für einen halben Geist oder wohl gar für eine
Zauberin, und hätten gar zu gerne gewußt, wo denn dieses Geschöpf gehaust
habe. -- Wenn ich dann ihre verblüften Gesichter gesehen hatte, mußte ich
mich immer umwenden, um nicht laut aufzulachen.


  29. Juni.

Früh, zeitlich des Morgens setzte ich meine Reise wieder fort. Unweit
Skalholt kamen wir an den Fluß _Thiorsa_, der ziemlich tief und sehr
reißend ist. Wir wurden in einem Boote übergesetzt; die Pferde mußten
durchschwimmen. Es braucht oft viel Mühe diese Thiere in solche Ströme zu
bringen; sie entdecken gleich, daß sie da schwimmen müssen. -- Führer und
Bootsmann dürfen sich nicht eher vom Ufer entfernen, als bis sie vom Strome
erfaßt sind, und selbst dann noch müssen sie ihnen Steine nachwerfen, mit
der Peitsche drohen, und sie durch Lärmen und Geschrei erschrecken, damit
sie nicht wieder umkehren.

Nachdem wir ungefähr drei Meilen auf größtentheils sumpfigen Wegen
zurückgelegt hatten, kamen wir zu einem schönen Wasserfalle des _Huitha_.
-- Dieser Fall war nicht so sehr durch seine Höhe -- die betrug kaum 15 bis
20 Fuß, -- als vielmehr durch seine Breite und Wasserfülle ausgezeichnet.
-- Einige schöne Felsentrümmer sind an der Kante des Sturzes derart
gelagert, daß sie ihn auf Augenblicke in drei Theile theilen; doch unter
ihnen vereinigt sich der Sturz gleich wieder. -- Das Bett dieses Flußes
besteht, so wie auch seine Ufer, aus Lava.

Merkwürdig ist an diesem Flusse die Farbe des Wassers; sie spielt so sehr
in's Milchweiße, daß wenn die Sonne darauf scheint, wirklich keine starke
Einbildungskraft dazu gehört, die ganze Flüssigkeit für Milch zu halten.

Eine kleine ¼ Meile oberhalb des Wasserfalles muß man den Huitha, der einer
der bedeutendsten Flüsse Island's ist, in einem Boote übersetzen. -- Dann
zieht sich der Weg durch Wiesen, die jedoch weniger versumpft sind, als
ihre Vorgängerinen, bis zu einem großen Lavastrome, durch den man an die
Nähe des fürchterlichen Feuerspeiers _Hekla_ erinnert wird.

Noch waren mir in Island keine so großen Strecken, wie vom Thale des
Geisers bis hierher, vorgekommen, die ich hätte durchziehen können, ohne
auf Lavaströme zu stoßen. -- Und selbst dieser hier schien für die schönen
Wiesen einiges Mitleid zu empfinden; er theilte sich an mehreren Stellen
in zwei Arme, und umschloß so die lachende Flur. Doch auf lange hatte er
wahrscheinlich den nachstürmenden Massen nicht widerstehen können; er ward
mit fortgerissen, um überall hin Tod und Vernichtung zu tragen. --
Flächen, die mit dunklem Sande überdeckt waren, und steile Hügel, die sich
dazwischen lagerten, machten den Weg etwas mühevoll und beschwerlich.

So ging es fort bis zu dem Oertchen _Struvellir_, wo wir anhielten und
unsere Pferde einige Stunden ruhen ließen. Wir trafen hier eine große
Versammlung von Menschen und Thieren.[2] Es war gerade Sonntag, und noch
dazu ein recht warmer, sonnenklarer, und da wurde in der hübschen Kirche
großer Gottesdienst gehalten. -- Nach Beendigung desselben sah ich eine
recht artige, ländliche Scene. Die Leute strömten alle aus der Kirche --
ich zählte 96 Personen -- eine unerhörte Versammlung für Island -- theilten
sich in verschiedene Gruppen, und schwatzten und schäckerten, wobei sie
jedoch nicht vergaßen, ihre Kehlen mit Brandwein zu befeuchten, von dem sie
bedeutende Quantitäten zur Vorsorge mitgenommen hatten. Dann zäumten sie
ihre Pferde, und schickten sich zu ihrer Abreise an. Nun regnete es Küsse
von allen Seiten und das Abschiednehmen hatte kein Ende, -- die Armen
wissen ja nie, ob und wann sie sich wieder zusammen finden.

  [2]: In Island reitet Alles.

In ganz Island besteht Willkomm und Abschied in einem derben Kusse, -- ein
Gebrauch der für den Nicht-Isländer sehr ekelhaft ist, wenn er einen Blick
auf die häßlichen, schmutzigen Gesichter, auf die tabaktriefenden Nasen
der Alten und auf die ....... der Kinder wirft. Jedoch für den Isländer
hat dieß nichts auf sich. Alle küßten den Priester und er wieder sie, dann
küßten sie sich untereinander, und so ging es fort und fort. Es herrscht
hierbei nicht einmal Rangunterschied, und ich war nicht wenig erstaunt
zu sehen, wie mein Führer, ein ganz gewöhnlicher Bauersknecht, ein halb
Dutzend Töchter eines Sysselmanns küßte, oder die Frau und die Kinder
irgend eines Pastors, oder den Sysselmann, den Pastor oder Probst selbst,
und wie diese seine Küsse eben so herzlich erwiederten. -- Ländlich,
sittlich.

Die Ceremonieen in der Kirche fangen gewöhnlich erst gegen Mittag an und
dauern zwei auch drei Stunden. -- Die Lebhaftigkeit vor der Kirche ist
deßhalb so groß, weil es nirgend eine Gaststube gibt, in der man sich
versammeln, oder einen Stall, in den man die Pferde sperren könnte. Alles
muß unter freiem Himmel bleiben.

Als der Gottesdienst beendet war, besuchte ich den Priester, Herrn
_Horfuson_; er war so gütig, mir seine Begleitung nach dem zwei Meilen
entfernten Oertchen _Sälsun_ anzutragen, hauptsächlich um dort für mich mit
einem Führer nach dem Hekla zu unterhandeln.

Ich war doppelt froh, diesen guten Mann an meiner Seite zu haben, da wir
einen sehr gefährlichen Strom zu passiren hatten, der sehr reißend und so
tief war, daß er den Pferden bis an die Brust reichte. Trotz dem, daß
wir die Füße so viel als möglich hinauf zogen, wurden wir dennoch tüchtig
durchnäßt. -- Eine derlei Partie gehört zu den unangenehmsten, die ich
kenne. -- Das Pferd schwimmt mehr als es geht, und dieß erzeugt eine höchst
widerliche Empfindung. Man weiß gar nicht, wohin man sehen soll; sieht man
in den Strom, so wird man sehr leicht vom Schwindel erfaßt, und sieht man
nach dem Ufer, so ist es auch nicht viel besser, denn dieses scheint sich
ordentlich zu bewegen und davon zu gleiten, was natürlich daher rührt, weil
das Pferd, von der Strömung erfaßt, ein Stück abwärts gerissen wird. --
Zu meiner großen Beruhigung ritt der Priester an meiner Seite, um mich zu
erfassen, wenn ich mich auf dem Pferde nicht mehr sollte erhalten können.
-- Glücklich überstand ich auch diese Feuer- -- nein -- Wasserprobe,
und als wir das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte mich Herr H.
aufmerksam, wie weit wir von der Strömung waren mitgerissen worden.

Das Thal, in welchem _Sälsun_ und der _Hekla_ liegen, ist eben wieder eines
derjenigen, die man nur in Island finden kann. -- Es umfaßt die größten
Contraste. Da sind wunderliebliche Fluren, wie mit einem prächtigen
sammtgrünen Teppiche überzogen, dort wieder Hügel von schwarzer, glänzender
Lava; -- ja die Wiesen selbst sind durchschnitten von Lavaströmen und
Sandflächen. Bekanntlich hat der Hekla die schwärzeste Lava und den
schwärzesten Sand; hier ist nun Alles von ihm, Hügel und Berg, Lava und
Sand; und man kann sich denken, wie das aussieht. Ein einziger Berg an
der linken Seite des Hekla ist rothbraun, und mit Sand und Gerölle von
derselben Farbe ganz bedeckt. In der Mitte ist er stark eingesunken, und
scheint einen großen Krater zu bilden. -- Der Hekla selbst schließt sich
unmittelbar an die rund um ihn her aufgethürmten Lavaberge, und erscheint
von hier gesehen auf ihnen, wie ein höherer Aufsatz. Er ist von mehreren
Gletschern umgeben, deren glänzende Schneefelder sich tief herab neigen,
und deren Flächen wohl nie von einem menschlichen Fuße betreten wurden.
Mehrere seiner Seitenwände waren ebenfalls mit Schnee bedeckt. Links im
Thale bei Sälsun, und am Fuße eines Lavahügels liegt ein lieblicher See, an
dessen Ufer eine bedeutende Schafheerde gelagert war. -- Unweit davon
steht ein schöner Berg, so vereinzelt und abgesondert, als ob er von seinen
Nachbarn verstoßen und hierher gewiesen worden wäre. -- Ueberhaupt ist
die Ansicht dieser ganzen Landschaft so echt isländisch, so eigen und
merkwürdig, daß sie gewiß für immer meinem Gedächtnisse eingeprägt bleiben
wird.

Das Oertchen _Sälsun_ liegt am Fuße des Vorgebirges Hekla; man sieht es
aber erst, wenn man es schon beinahe erreicht hat.

Als wir zu _Sälsun_ angelangt waren, war das Erste, einen Führer zu suchen,
und Alles zur Besteigung des Hekla vorzubereiten und auszuhandeln. Der
Führer hatte für mich ein Pferd zu schaffen, und mich nebst meinem frühem
Führer bis auf die Spitze des Hekla zu geleiten. -- Er begehrte 5 Thaler
und 2 Mark, nach unserem Gelde 5 fl. 20 kr. CM., eine unverschämte
Forderung, -- für das Pferd rechnete er nur 20 kr., für sich selbst 5 fl.,
-- eine Summe, mit der er gewiß einen ganzen Monat leben konnte. -- Doch
was war zu machen? Ein anderer Führer war nicht zu finden, das wußte
er wohl, und so mußte ich in Gottes Namen einwilligen. -- Nachdem Alles
geordnet war, empfahl sich mein gütiger Beschützer, mir viel Glück zur
morgigen beschwerlichen Reise wünschend.

Ich sah mich nun nach einer Stelle um, wo ich die Nacht zubringen konnte;
-- ach, ein ekelhaftes Loch ward mir zu Theil. Man stellte mir eine
Truhe hinein, die etwas kürzer war als meine Person, die sollte mir
zur Schlafstelle dienen; neben ihr hing ein mehr als ellenlanger halb
verfaulter Fisch, der bereits das ganze Gemach mit seinem Gestank verpestet
hatte. Ich konnte kaum Athem holen, und mußte, da keine andere Oeffnung
vorhanden war, die Thüre offen lassen, und derart die zahlreichen Besuche
der liebenswürdigen Einwohner empfangen. -- Wahrhaftig eine schöne Erholung
und Stärkung für die morgende Reise!

Am Fuße des Hekla, und besonders in dieser Gegend, scheint Alles unterhöhlt
zu sein. -- Solch dumpfe dröhnende Töne, wie sie hier den schweren
Fußtritten der Bauern nachhallten, hörte ich weder auf dem Vesuv, noch
sonst wo. -- Diese Töne machten einen besonders schauerlichen Eindruck
auf mich, da ich in der Nacht so ganz allein in diesem finstern Loche
eingeschlossen war.

Mein Hekla-Führer -- ich nenne ihn so zum Unterschiede meines andern --
meinte, daß wir Morgens um zwei Uhr aufbrechen sollten. Ich war vollkommen
damit einverstanden, wußte aber schon voraus, daß wir um fünf Uhr auch noch
nicht zu Pferde sitzen würden.

Wie gedacht, so geschehen. Erst um halb sechs Uhr waren wir vollkommen
ausgerüstet, und zum Aufbruche bereit. Außerdem, daß wir Brod und Käse,
eine Flasche Wasser für mich und eine Flasche Brandwein für meine Führer
mitnahmen, hatten wir uns auch mit langen Stöcken, die unten in eisernen
Spitzen ausgingen, versehen, um damit den Schnee sondiren, und uns auf sie
stützen zu können.

Der schönste, wärmste Morgen begünstigte uns, und guten Muthes galoppirten
wir über die Wiesen, und die daran stoßenden Sandflächen. Mein Führer nahm
dieß schöne Wetter für eine besonders glückliche Vorbedeutung; er sagte
mir, daß Herr _Geimard_ -- der bereits erwähnte französische Gelehrte und
Naturforscher -- drei Tage auf schönes Wetter habe warten müssen. -- Dieß
sei nun schon neun Jahre, und seitdem habe Niemand den Hekla erstiegen. Ein
Prinz von Dänemark, der vor einigen Jahren ganz Island bereiste, sei zwar
auch da gewesen, aber unverrichteter Sache wieder weiter gezogen.

Der Weg führte anfänglich, wie gesagt, über eine schöne Wiese, und dann
über Flächen von schwarzem Sande, die von allen Seiten von Strömen, Hügeln
und Bergen aufgethürmter Lava umfangen sind. Immer mehr und mehr rücken
diese furchtbaren Massen zusammen, und gewähren oft kaum den Ausweg durch
eine enge Schlucht; da muß man über Lava-Blöcke klettern, Hügel und Berge
erklimmen, und findet kaum ein Plätzchen, den Fuß fest zu stellen. Lava
rollte neben und hinter uns, und wir mußten sehr auf der Hut sein, nicht
selbst zu rollen, oder von der rollenden Lava getroffen zu werden. Das
Gefährlichste waren aber die mit Schnee ausgefüllten Schluchten, über
die wir setzen mußten; der Schnee war, durch die Wärme der vorgerückten
Jahreszeit, doch schon erweicht worden, und so sanken wir beinahe bei jedem
Schritte ein, oder was noch schlimmer war, glitten oft mehr zurück als wir
vorwärts kamen. Ich glaube kaum, daß es einen zweiten Berg geben kann, bei
dessen Ersteigung man mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Nachdem wir nach vierthalbstündiger Mühe den letzten Höhen des Berges nahe
kamen, mußten wir auch die Pferde zurück lassen. -- Ich hätte dieß zwar
schon lange gethan, da mich die armen Thiere erbarmten, wie sie über die
Abhänge, man könnte beinahe sagen, über diese rollenden Berge, mehr fielen
als kletterten, aber mein Hekla-Führer ließ es nicht zu. Theilweise kamen
doch Stellen, wo wir sie benützen konnten, und dann behauptete er, müsse
ich so weit als möglich reiten, um den nachfolgenden Beschwerden gewachsen
zu sein. -- Und er hatte recht; -- ich glaube kaum, daß ich es ausgehalten
hätte, all diese Strecken zu Fuß zurück zu legen; denn wenn man schon
glaubt den letzten Höhen des Berges ganz nahe zu sein, lagern sich
abermals Hügel und Ströme von Lava dazwischen, und man sieht sich vom Ziele
entfernter als zuvor.

Mein Führer sagte mir, daß er noch nie Jemanden zu Pferde so weit geführt
habe, wie mich. -- Ich glaube es gerne, -- schon das Gehen war schrecklich,
das Reiten aber wahrhaft fürchterlich!

Auf jeder erkämpften Höhe entrollten sich neue Bilder der ödesten,
traurigsten Gegend. Alles war starr und todt, überall ausgebrannte schwarze
Lava. -- Es war ein schmerzliches Gefühl, so weit zu sehen, und doch nichts
zu erschauen, als eine steinige Wüste, ein unermeßliches Chaos.

Noch hatten wir zwei Höhen zu erklimmen, -- es waren die letzten, aber
auch die schrecklichsten. Da ging es steil über Lavamassen, die ordentlich
stachelig waren, und die ganze Spitze des Berges bedeckten. -- Wie oft
ich da fiel, und wie oft ich mir die Hände an den feinen Zacken der Lava
aufritzte, kann ich gar nicht sagen. Ach! es war eine gräßliche Partie.

Die blendende Weiße des Schnees wirkte beinahe blind machend gegen die
glänzend schwarze Lava daneben. Wenn ich Schneefelder ersteigen mußte, sah
ich nach der Lava gar nicht hinüber; ich hatte es einigemal versucht,
und hätte darauf bald meinen Weg nicht mehr gesehen, ich wäre schneeblind
geworden.

Endlich nach abermaligem zweistündigem Klettern war die Spitze des Berges
erstiegen. -- Ich stand nun auf dem _Hekla_, und suchte vor Allem den
Krater auf der schneelosen Spitze, und -- fand ihn nicht. Ich war um so
mehr erstaunt auf dem Hekla keinen Krater zu finden, da ich in einigen
Reisebeschreibungen ganz ausführliche Berichte davon gelesen hatte.

Ich umging die ganze Spitze des Berges, ich kletterte bis zu dem
anstoßenden Jokul -- nirgends bemerkte ich eine Oeffnung, einen Riß, eine
eingedrückte Wand, oder sonst irgend ein Anzeichen eines Kraters. Nur an
den etwas tiefer gelegenen Seiten des Berges, aber durchaus nicht an dem
eigentlichen Kogel, sah ich weite Risse und Schlünde, aus welchen sich
wahrscheinlich die Lavaströme ergossen haben werden.

Die Höhe des Berges soll 4300 Fuß betragen.

Schon während der letzten Stunde unseres Hinaufklimmens hatte sich die
Sonne verdunkelt. Nebelwolken stürmten von den nahen Gletschern herüber,
verbargen die Ferne, und hüllten bald auch uns dermaßen ein, daß wir kaum
zehn Schritte weit sehen konnten. Endlich lösten sie sich auf, -- aber
glücklicher Weise nicht in Regen, sondern in Schnee, der in reichlicher
Menge die schwarze krause Lava mit großen Flocken überstreute. -- Der
Schnee blieb liegen, und der Thermometer wies 1 Grad Kälte.

Nach und nach erschien der Himmel wieder in seinem unnachahmlichen zarten
Blau, und auch die Sonne säumte nicht länger uns zu erfreuen. Ich blieb
oben auf der Spitze des Berges, bis die Wolken auch in der Ferne sich
theilten und mir eine willkommene Rundansicht gestatteten.

Solch ein Bild, wie ich es hier sah, meinen Lesern zu versinnlichen, ihnen
die Zerstörung, Ausdehnung und Anhäufung dieser Lavamassen zu beschreiben,
ist leider meine Feder viel zu schwach. -- Ich meinte in einem Krater zu
stehen, das Ganze schien mir ein ausgebrannter Feuerherd. -- Hier waren
Lavamassen übereinander gethürmt zu steilen unersteigbaren Bergen, -- dort
füllten versteinerte Ströme, deren Breite und Länge ich gar nicht ersehen
konnte, unermeßliche Thäler. -- Alles war über- und durcheinander geworfen,
und doch unterschied man wieder deutlich die Bahn der letzteren Ausbrüche.

Man ist in der Mitte der gräßlichsten Schluchten, Höhlen, Ströme, Thäler
und Berge; man faßt es kaum, wie es möglich gewesen sei, bis hierher zu
dringen, und wird von Angst und Entsetzen ergriffen bei dem unwillkührlich
sich aufdringenden Gedanken, vielleicht nimmer wieder aus diesem gräßlichen
Labyrinthe hinaus finden zu können.

Hier, von der Spitze des Hekla konnte ich weit hinein in das unbewohnte
Land sehen -- das Bild einer erstarrten Schöpfung, todt und regungslos, und
doch dabei so einzig großartig, -- ein Bild, das, nur einmal gesehen, nie
mehr dem Gedächtnisse entschwindet, und dessen Erinnerung allein schon für
alle ausgestandenen Beschwerden und Gefahren reichlich entschädiget! Eine
ganze Welt von Gletschern, Lavamassen, Schnee- und Eisfeldern, Flüßen
und kleinen Seen liegt da aufgeschlossen, nie hat es ein menschlicher Fuß
gewagt, ihr Inneres zu betreten. -- Wie muß es da gewüthet und gearbeitet
haben, bis solche Gestaltungen geschaffen wurden? -- Und wird es nun genug
damit sein? -- Hat das Element ausgetobt, oder ruht es nur, gleich der
hundertköpfigen Hydra, um mit verdoppelter Kraft wieder hervor zu brechen,
und auch noch jene Gegenden zu verwüsten, die ohnehin schon, so weit dem
Meere zugedrängt, sich nur als bescheidener Kranz um das Innere des Landes
winden. -- Ich danke Gott, daß er mich dies Chaos seiner Schöpfung schauen
ließ; aber doppelt danke ich ihm, daß er mich in Gefilden leben läßt, wo
die Sonne mehr zu thun hat, als nur den Tag zu schaffen; wo sie wirkend und
wärmend Pflanzen und Thiere belebt, und das Herz des Menschen zur Freude
und zum Dank gegen den Schöpfer stimmt.[3]

  [3]: Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit eines sonderbaren
  Zufalls zu erwähnen. Als ich im Jahre 1842 am Fuße des Aetna war, fand
  ich sein feuerspeiendes Element besänftiget. -- Erst einige Monate nach
  meiner Abreise flammte es mit erneuerten Kräften auf. Als ich nun auf
  meiner Rückreise vom Hekla nach Reikjavik kam, äußerte ich scherzweise,
  daß es doch höchst sonderbar wäre, wenn nun dieser »Aetna des Nordens«
  auch zum Ausbruche käme. -- Und kaum war ich fünf Wochen von Island
  entfernt, geschah dieß wirklich, und er flammte stärker als je. --
  Um so merkwürdiger ist dieser Zufall, da der Hekla nun achtzig Jahre
  geschwiegen hatte, und bereits für einen ausgebrannten Krater angesehen
  wurde. -- Käme ich jetzt wieder nach Island, so würde man mich als
  »böse Prophetin« betrachten, und ich wäre wahrscheinlich kaum meines
  Lebens sicher.

Die Westmanns-Inseln, die man vom Hekla aus erblicken soll, konnte ich
nicht finden, wahrscheinlich waren sie von Wolken verdeckt.

Schon während der Besteigung des Hekla hatte ich häufig die Lava berührt,
theils unfreiwillig, wenn ich fiel, theils freiwillig, um eine heiße oder
wenigstens warme Stelle zu finden. -- Ich war so unglücklich auf lauter
kalte zu treffen. Nichts konnte mir daher erwünschter kommen, als der so
eben gefallene Schnee. Ueberall sah ich begierig herum, ein Plätzchen zu
entdecken, wo ihn die unterirdische Hitze nicht dulden würde. -- Dahin wäre
ich dann geeilt, und das Gesuchte wäre gefunden gewesen. -- Leider
blieb der Schnee an allen Orten liegen. Auch Rauchwolken sah ich nirgend
aufsteigen, obwohl ich stundenlang meine Augen nicht von dem Berge wendete,
den ich hier auch von allen Seiten bis tief hinab ganz überschauen konnte.

Als wir hinab stiegen, fanden wir in einer Tiefe von 5-600 Fuß den Schnee
im Schmelzen; noch tiefer rauchte der ganze Berg, eine Erscheinung, die
ich für eine Folge der plötzlich eingetretenen Sonnenwärme hielt; mein
Thermometer zeigte nämlich jetzt neun Grade Wärme. Ich beobachtete sie
häufig auch an Bergen, die nicht zu den Feuerspeiern gehörten. -- Die
Stellen, wo der Rauch aufstieg, waren ebenfalls kalt.

Die eigentliche glatte, kohlschwarze, glänzende und durchaus nicht poröse
Lava findet man nur auf dem Hekla selbst und in seinen nähern Umgebungen.
Doch ist nicht alle Lava so; man sieht auch zackige, glasige und poröse;
jede ist aber schwarz, so wie ebenfalls der Sand, welcher eine Seite des
Hekla überdeckt. Je weiter Lava und Sand von diesem Berge entfernt
sind, desto mehr verlieren sie jene Schwärze, und ihre Farbe geht ins
eisenfarbige, ja sogar ins lichtgraue über; manche Lava behält jedoch,
selbst bei dieser lichten Farbe, den Glanz und die Glätte der schwarzen
bei.

Nach dem mühevollsten Herabsteigen, und nachdem wir zur ganzen Partie über
zwölf Stunden verwendet hatten, erreichten wir glücklich wieder Sälsun,
und ich wollte mich eben, etwas niedergeschlagen, in meine frühere Wohnung
begeben, schaudernd bei dem Gedanken, hier abermals eine Nacht zubringen zu
müssen, -- da überraschte mich mein Führer sehr angenehm durch die Frage,
ob ich nicht vielleicht heute noch nach Struvellir wolle? Die Pferde seien
hinlänglich ausgeruht, und dort könnte ich doch im Hause des Priesters ein
gutes Zimmer bekommen. -- Rasch war Alles zusammen gepackt und im Kurzen
saß ich wieder zu Pferde. -- Als ich jetzt zum zweiten Male in die tiefe
Rangaa kam, durchritt ich sie schon furchtlos, und bedurfte keines Schutzes
mehr an der Seite. -- So ist der Mensch; nur das erstemal schreckt ihn die
Gefahr; hat er sie glücklich überwunden, denkt er das künftige Mal kaum
mehr daran, und begreift gar nicht, wie er da so große Furcht haben konnte.

In der Nähe dieses Stromes sah ich eine Merkwürdigkeit, -- fünf kleine
Bäumchen, die auf einer Wiese standen. Ihre Stämme waren zwar schief und
knotig, aber dennoch 6-7 Fuß hoch, und mochten 4-5 Zoll im Durchmesser
haben.

Wie mein Führer behauptet hatte, fand ich wirklich in dem Hause des
Priesters ein niedliches Zimmerchen sammt einem guten Bette. Herr
_Horfuson_ ist einer der besten Menschen, die mir im Leben vorgekommen
sind. -- Mit größter Freude ergriff er jede Gelegenheit mir ein
Vergnügen zu machen; ich habe ihm auch mehrere schöne Mineralien, und ein
isländisches Buch vom Jahre 1601 zu verdanken. -- Gott lohne ihm seine Güte
und Herzlichkeit.


  1. Juli.

Nun ging die Reise abermal bis zum Fluße _Huitha_, wo wir uns überführen
ließen, dann schlugen wir eine andere Richtung ein. -- Da ging es durch
lauter schöne Thäler, die größtentheils mit Gras bewachsen waren; leider
wuchs aber darunter so viel Moos, daß diese großen Flächen doch keine guten
Weiden abgaben, und nur den Reisenden eine Annehmlichkeit gewährten, indem
sie hübsch aussahen und durchaus trocken waren.

Das Thal, in welchem _Hjalmholm_, unsere heutige Nachtstation lag, durchzog
ein großer Lavastrom, der jedoch so bescheiden war, nicht das ganze Thal
auszufüllen, sondern auch dem schönen Wasserstrome _Elvas_ und einigen
Wiesen und Anhöhen Raum gab, auf deren letzterer überall Kothen standen.
Dieses Thal war eines der bevölkertsten, die ich bisher sah.

_Hjalmholm_ liegt auch auf einem Hügel. Hier wohnt der Sysselmann des
Rangaarsyssels, und zwar in einem so schönen und großen Hause, wie ich
deren nur in Reikjavik einige sah. -- Ich wurde von seinen Töchtern -- er
selbst befand sich als Mitglied des Alldings in Islands Hauptstadt -- sehr
herzlich und freundlich aufgenommen.

Wir plauderten und schwatzten viel; ich suchte meine dänische
Sprachkenntniß in voller Pracht und Herrlichkeit zu entfalten, und mußte
dabei manchmal gar komische Phrasen hervorgebracht haben, denn die Mädchen
konnten sich oft des Lachens nicht enthalten. Das hinderte mich jedoch
nicht; ich lachte mit, nahm mein Wörterbuch, das ich stets mit mir
führte, zu Hilfe, und schwatzte wieder weiter. -- Von der Schönheit meiner
Landsmänninen mußten sie durch meine Person eben auch keinen hohen Begriff
bekommen haben, wofür ich Letztere pflichtschuldigst um Entschuldigung
bitte, und sie dabei auf meine Ehre versichere, daß ich es selbst am
meisten bedauerte. Allein die gute Mutter Natur verfährt gegen Leute in
meinem Alter stets sehr unerbittlich, und gibt der Jugend, bezüglich
der Aufmerksamkeit die man dem Alter erzeigen soll, ein sehr schlechtes
Beispiel. -- Statt uns zu ehren, und uns den Vorzug zu geben, hält sie sich
lieber an das junge Volk, und jedes sechzehnjährige Mädchen schlägt uns
würdigen Matronen ein gar gewaltiges Schnippchen. Dazu kam noch, daß
die schrecklich scharfe Luft und die rauhen Stürme, denen ich beständig
ausgesetzt war, mein Gesicht sehr entstellt hatten. -- Sie hatten mich
mehr angegriffen, als selbst die glühende Hitze im Oriente; -- ich sah sehr
braun aus, meine Lippen waren aufgesprungen, und meine Nase -- ach Gott!
-- die fing gar an sich gegen ihre garstige Farbe aufzulehnen; sie wollte
wahrscheinlich eine neue, blendendweiße zarte Haut besitzen, und da schob
sie die alte in kleinen Stückchen von sich.

Das Einzige, was mich in der Meinung der guten Mädchen noch rettete, war,
daß ich zufälliger Weise meine Haare mehr als gewöhnlich aus der Stirne
streifte, und daß dadurch eine weiße Stelle zum Vorscheine kam. -- Wie aus
einem Munde schrien alle Mädchen, ganz überrascht und verwundert: »=Hún er
quit=« (sie ist weiß). Ich mußte darüber lachen, und streifte den Aermel
hinauf, um ihnen zu beweisen, daß ich nicht zu dem Stamme der Araber
gehöre.

Aber auch mir stand in diesem Hause eine große Ueberraschung bevor; -- ich
stöberte nämlich in dem Bücherkasten des Sysselmannes herum, und fand da
-- Rottecks Weltgeschichte, ein deutsches Lexikon, und mehrere Gedichte und
andere Schriften von deutschen Dichtern.


  2. Juli.

So wie der Weg von Kalmannstunga nach Thingvalla über lauter Lava führte,
so führte der heutige durch lauter Sümpfe. Kaum hatten wir einen im Rücken,
lag schon wieder ein anderer vor uns. Doch schien auch hier der Grund aus
Lava zu bestehen; denn an vielen Orten erhoben sich kleine Flecken dieses
Gesteins, die wie Inseln aus den Sümpfen ragten.

Die Gegend wurde nun schon immer freier; die Gletscher verloren sich nach
und nach ganz. Die hohen Gebirge auf der linken Seite erschienen, ihrer
großen Entfernung wegen, wie Hügel, und die näheren waren es wirklich. --
Nach einem ungefähr zwei Meilen langen Ritte mußten wir in einem Boote
über den ziemlich bedeutenden Fluß _Elvas_ setzen, und hierauf über einen
schmalen, sehr langen Damm balanciren, der über eine Wiese führte, die ganz
unter Wasser stand. Wären wir auf diesem Damme einem Reisenden begegnet,
wüßte ich wahrlich nicht, was wir angefangen hätten; das Umkehren wäre so
gefährlich gewesen, wie das Hinabsteigen in den Sumpf. Glücklicher Weise
begegnet man in Island Niemanden.

Hat man den Damm überschritten, so führt der Weg einige Meilen längs der
Berge und Hügel, die alle aus Lava bestehen, und von sehr dunkler, beinahe
schwarzer Farbe sind. Das Gestein auf dieser Höhe war sehr lose; in der
Wiese unten lagen viele Kolosse, die herabgestürzt sein mußten, und eine
Menge andere sahen dem Sturze jeden Augenblick entgegen. -- Wir bekamen
diese gefährliche Passage glücklich im Rücken, ohne Augenzeuge eines
solchen Schauspieles sein zu müssen.

In diesen Gebirgen hörte ich sehr oft ein dumpfes Getöse; ich hielt
es anfangs für fernes Rollen des Donners, und suchte am Horizonte das
herannahende Gewitter zu entdecken. Als ich aber weder Wolken noch Blitze
sah, sondern nur den blauen Himmel, der sich heiter und rein über die
unermeßlichen Thäler wölbte, da gewahrte ich erst, daß diese dumpfen Laute
in meiner Nähe zu suchen waren, und aus den Bergen kamen.

Die höhern Gebirge links verliert man nun immer mehr und mehr aus dem
Gesichte; dagegen breitet sich der Fluß Elvas der Art aus, und theilt sich
in so viele Arme, daß man ihn für einen großen See mit vielen Inseln halten
könnte. Er ergießt sich in das nahe Meer, dessen ausgedehnte Fläche man
erblickt, nachdem man noch einige unbedeutende Hügel überstiegen hat.

Das Thal _Reikum_, in welches wir nun kamen, ist eben so wie jenes von
Reikholt, reichhaltig an heißen Quellen, die rechts theils in der Ebene,
theils auf Anhöhen oder hinter solchen, in dem Umkreise einer halben Meile
beisammen liegen.

Als wir das Oertchen _Reikum_ erreicht hatten, ließ ich gleich meine
wenigen Effekten in das Kirchlein schaffen, nahm einen Führer, und begab
mich zu diesen kochenden Quellen. -- Ich fand ihrer sehr viele, aber
merkwürdige nur zweie; die gehören aber auch wieder zu dem Merkwürdigsten,
was man in dieser Art sehen kann. Die Eine heißt: _der kleine Geiser_, die
Andere: _der Bogensprung_.

Der kleine Geiser hat einen Kessel von ungefähr drei Fuß im Durchmesser.
Das Wasser kocht heftig in einer Tiefe von zwei bis drei Fuß, und bleibt
ziemlich in diesen Schranken, bis es anfängt zu springen, wo es dann einen
schönen wasserreichen Strahl von 20 bis 40 Fuß in die Höhe wirft.

Schon um halb neun Uhr Abends hatte ich das Glück, einen dieser schönen
Ausbrüche zu sehen, und durfte also nicht, wie beim großen Geiser, Tag
und Nacht seine Quelle belagern. Der Ausbruch dauerte sehr lange, und war
ziemlich gleichmäßig, nur auf Augenblicke sank der Strahl etwas zurück, um
dann mit erneuerter Gewalt auf die frühere Höhe wieder empor zu schießen;
erst nach vierzig Minuten sank er ganz in den Kessel zurück. -- Steine, die
wir hinein warfen, führte er entweder gleich, oder nach einigen Secunden in
zersplitterten Stücken bis zu einer Höhe von ungefähr 12-15 Fuß mit sich.
-- Seine Dicke mochte 1 bis 1½ Fuß im Durchmesser betragen. -- Mein Führer
versicherte mich, daß diese Quelle in 24 Stunden höchstens drei Mal,
gewöhnlich aber nur zwei Mal springe; -- also nicht wie ich irgendwo
gelesen, alle sechs Minuten. -- Ich selbst blieb bis Mitternacht in seiner
Nähe, sah aber keinen Ausbruch mehr.

Man könnte diese Quelle füglich mit dem _Strukker_ am Geiser vergleichen,
und dürfte nur den einzigen Unterschied finden, daß bei Letzterem das
Wasser im Kessel viel tiefer sinkt.

Die zweite der beiden merkwürdigen Quellen, _der Bogensprung_, liegt unweit
vom kleinen Geiser, am Abhange eines Hügels, den man übersteigen muß.
-- Bei keiner Springquelle hatte ich noch eine so sonderbare Bildung des
Bettes gefunden. -- Sie besitzt gar keinen Kessel, sondern liegt halb offen
vor den Füßen, wie in einer kleinen Grotte, die in verschiedene Höhlungen
und Löcher getheilt, und halb kreisförmig von einer Felswand umgeben ist,
die sich in einer Höhe von ungefähr zwei Fuß sanft über sie neigt, und dann
noch 10 bis 12 Fuß gerade aufsteigt. -- Diese Quelle bleibt höchstens eine
Minute in ruhigem Zustande; sie fängt dann an schnell zu steigen und
zu kochen, und wirft einen wasserreichen Strahl auf, der an die sich
überneigende Felswand anprallt, durch sie breitgedrückt, und gleich einem
bogenartigen Fächer in die Höhe steigt. Die Höhe dieses so wunderbar
ausgebreiteten Strahles mag bei 12 Fuß, der Bogen, den er beschreibt, 15
bis 20 Fuß, und seine Breite 3 bis 8 Fuß betragen. Die Zeit des Ausbruches
währt oft länger als jene der Ruhe. Nach dem Ausbruche sinkt das Wasser
immer einige Fuß in die Höhle zurück, und gewährt auf 15 oder 20 Secunden
einen Blick in diese wunderbare Grotte. -- Doch gleich fängt es wieder
an zu steigen, füllt bald sowohl die Grotte als auch das Becken, das
eigentlich nur eine etwas erhöhte Fortsetzung der Grotte ist, und springt
von Neuem.

Ich verweilte bei diesem wundervollen Naturspiele gewiß über eine
Stunde, und konnte mich von dem Anblicke dieser bogenförmig aufsteigenden
Wasserstrahlen gar nicht trennen. Mir gefiel diese Quelle, die gewiß einzig
in ihrer Art ist, bei weitem besser, als jene des kleinen Geiser.

Noch ist eine Quelle da, der sogenannte _brüllende Geiser_; es ist dieß
aber nichts, als ein unförmliches Loch, in welchem man das Wasser kochen
hört, aber nicht sieht. Das Geräusch ist unbedeutend.


  3. Juli.

Nahe an Reikum setzten wir über ein Bächlein, das all diese heißen Quellen
aufnimmt, und da einen artigen Fall bildet. Wir stiegen hierauf den daran
stoßenden Berg hinan, und ritten dann gute zwei Stunden in einer Hochebene
fort. Die Hochebene selbst bot, da sie nur mit Lavagerölle und Moos bedeckt
war, einen sehr einförmigen Anblick, -- dagegen war aber die Aussicht
desto abwechselnder und schöner. Thal und Meer lagen ausgebreitet vor den
Blicken, und ich sah, was mir auf dem Hekla die Wolken neidisch
verborgen hatten, -- in weiter Ferne eine schöne Gebirgskette, die
_Westmanns-Inseln_. Zu meinen Füßen lagen einige Häuschen, der Hafenort
_Eierbach_, und unweit davon strömen die Wasser der Elvas in jene des
Meeres.

Am Ende dieser Hochebene lag ein Thal, das zwar auch nur wieder mit Lava
ausgefüllt war, aber mit jener schwarzen, zackigen, die einen so überaus
schönen Anblick gewährt. Mächtige Ströme dieser Lavaart durchzogen es von
allen Seiten, so daß es beinahe einem schwarzen See glich, der durch eine
Reihe ebenfalls schwarzer Berge von dem Meere abgedämmt war.

Ueber Lava-Trümmer und Schneeflächen mußten wir uns in dieses finstere Thal
hinab den Weg bahnen, und dann ging es fort durch Thäler und Schluchten,
über Lavafelder und Wiesenflächen, an dunkeln Bergen und Hügeln vorüber,
bis zur Hauptstation meiner isländischen Reisen, -- bis nach Reikjavik.

Das ganze Land zwischen Reikum und Reikjavik ist größtentheils unbewohnt.
(Eine Strecke von 10 Meilen). Nur hie und da sieht man in den Lavafeldern
kleine Pyramiden von Lavasteinen aufgeschichtet, die als Wegweiser dienen,
und an zwei Stellen sind Häuschen errichtet für jene Reisende, die da im
Winter durchmüssen. -- Wir trafen aber dennoch sehr viel Leben auf den
Straßen, und überholten häufig Caravanen von 15-20 Pferden. -- Es war
nämlich jetzt Anfangs Juli, die Zeit des Verkehres und Handels in Island.
Da ziehen die Landleute 20 und noch mehrere Meilen weit nach Reikjavik,
um ihre Erzeugnisse und Produkte theils gegen Geld, theils gegen andere
Bedürfnisse umzusetzen. -- Die Kaufleute und Faktoren haben dann nicht
Hände genug, die Waaren umzutauschen, oder die Rechnungen zu schließen, die
der Bauer für das oft schon während des Jahres Genommene berichtigen will.

Um diese Zeit herrscht in und um Reikjavik eine Lebendigkeit sonder
gleichen. Ueberall sieht man zahlreiche Gruppen von Menschen und Pferden.
Hier werden Waaren auf- oder abgeladen, dort begrüßen sich Freunde, die
sich schon ein ganzes Jahr, oder noch länger nicht gesehen haben. Da nehmen
Andere von einander Abschied; hier sieht man einzige Zelte[4] errichtet,
vor welchen sich Kinder herum tummeln, dort sieht man Betrunkene taumeln,
oder wohl gar zu Pferde heran sprengen, daß Einem angst und bange wird, und
man jeden Augenblick fürchtet sie stürzen zu sehen u. s. w.

  [4]: Jeder nur etwas wohlhabende Bauer, der sich mehrere Tage von
  seinem Hause entfernt, führt ein kleines Zelt bei sich, das er überall
  aufschlagen kann. Diese Zelte sind höchstens 3 Fuß hoch, 5 bis 6 Fuß
  lang und 3 Fuß breit.

Leider währt diese Lebhaftigkeit höchstens 6-8 Tage. Für den Bauer ist
die Heuernte vor der Thüre, und der Kaufmann muß eilen seine eingelösten
Produkte und Waaren zu ordnen, und seine Schiffe damit zu befrachten, um
absegeln zu können, und noch vor den Stürmen des herbstlichen Aequinoctiums
seinen Hafen zu erreichen.

  Von Reikjavik bis Thingvalla          10 Meilen.
  Von Thingvalla bis an den Geiser       8    "
  Vom Geiser nach Skalholt               6    "
  Von Skalholt bis Sälsun                8    "
  Von Sälsun bis Struvellir              2    "
  Von Struvellir bis Hjalmholm           6    "
  Von Hjalmholm bis Reikum               7    "
  Von Reikum bis Reikjavik              10    "
                                      -------------
                                        57 Meilen.



Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner.


Durch meine Reisen in diesem Lande hatte ich natürlich Gelegenheit, seine
Bewohner, und deren Thun und Treiben kennen zu lernen. Ich muß gestehen,
daß ich von dem Bauernstande einen höhern Begriff gehabt hatte. Wenn man in
der Geschichte ihres Landes liest, daß die ersten Bewohner dieser Insel von
aufgeklärten Staaten ausgewandert waren, daß sie Gesittung und Kenntnisse
mitgebracht hatten; wenn man in den Schilderungen früherer Reisenden stets
von dem einfach gemüthlichen Volke, von seiner wahrhaft patriarchalischen
Lebensweise sprechen hört; wenn man endlich weiß, daß fast jeder Bauer
Island's lesen und schreiben kann, daß man in der ärmsten Hütte wenigstens
die Bibel, und noch andere Bücher religiösen Inhaltes findet; so ist man ja
freilich geneigt, dieß Volk für das beste und gebildetste von ganz Europa
zu halten. -- Die Gesittung desselben dachte ich mir auch hinlänglich
verwahrt und gesichert durch den wenigen Verkehr mit Fremden, durch das
vereinzelte Leben, und durch die Armuth des Landes. Da gibt keine große
Stadt Gelegenheit zu Putz und Unterhaltung, zur Erzeugung geringerer oder
größerer Laster. -- Nur selten betritt ein Fremdling die Insel, deren große
Entfernung, deren rauhes Clima, Unwirthlichkeit und Armuth zu abschreckend
sind. -- Was allein sie interessant macht, Großartigkeit und Seltsamkeit
der Natur, genügt dem großen Haufen nicht.

Ich hielt daher Island, in Bezug seiner Bewohner, für ein wahres
Arkadien, und freute mich innig ein solch idyllisches Leben doch zum Theil
verwirklicht zu sehen. -- Ich fühlte mich so glücklich, als ich dieses Land
betrat, -- ich hätte alle Menschen an mein Herz drücken können, -- -- --
Aber bald ward ich eines Andern belehrt.

Oft schon zürnte ich dem Mangel an Begeisterung, der bei mir sehr arg sein
muß, da ich leider immer Alles viel prosaischer sehe, als andere Reisende.
Ich bin auch weit entfernt zu behaupten, daß ich _recht_ sehe, -- höchstens
habe ich die gute Eigenschaft, das Gesehene so darzustellen, wie ich es
sah, und nicht Andern nachzuplaudern.

Die Unhöflichkeit und Herzlosigkeit der sogenannten »gebildeten Klasse«
habe ich bereits geschildert. Von dieser verlor ich sehr bald die
vorgefaßte gute Meinung. Nun kam die Reihe an die Arbeitsleute in der Nähe
Reikjavik's. -- Wie das Sprichwort von den Schweizern sagt: »Kein Geld,
kein Schweizer«, -- so kann man von diesen sagen: »Kein Geld, kein
Isländer.« -- Hier nur einige Beispiele:

Kaum erfuhren sie, daß ich, eine Fremde, angelangt sei, so kamen sie auch
schon häufig und alle Augenblicke zu mir, und brachten mir Gegenstände ganz
gewöhnlicher Art, wie man sie in Island überall findet; die sollte ich nun
theuer bezahlen. Anfangs kaufte ich Manches aus Mitleid, oder um nur Ruhe
zu haben, und warf es gewöhnlich wieder weg; bald aber mußte ich damit
aufhören, ich wäre sonst den ganzen Tag von Groß und Klein umlagert
gewesen. Die Sucht sich auf leichte Art etwas zu verdienen, nahm ich ihnen
dabei noch weniger übel, als die Unverschämtheit, mit der sie die Preise
machen und den Fremdling zu prellen suchen. -- Für einen Käfer, den man
unter jedem Steine finden konnte, begehrten sie 5 kr. C. M., für eine
Schnecke, von deren Art Tausende an der Küste lagen, eben so viel, und für
ein Vogelei, ganz gewöhnlicher Art 10 bis 20 kr. Zwar ließen sie dann,
wenn ich nichts kaufen wollte, oft zwei Drittheile der Forderung nach;
sicherlich war dieß aber keine Folge ihrer Redlichkeit. Ein anderes
Beispiel des Eigennutzes dieser Leute, erlebte der Bäcker, bei dem ich
wohnte. -- Er hatte einen armen Taglöhner aufgenommen, um sein Haus mit
Theer bestreichen zu lassen. Mitten in dieser Arbeit begriffen, kam dem
Manne ein anderer Verdienst vor. Da fand er es nicht einmal der Mühe werth,
den Bäcker zu fragen, ob er einige Tage bei ihm aussetzen dürfe; er ging
fort, und kam erst nach acht Tagen wieder, um die unterbrochene Arbeit
fortzusetzen. Um so schändlicher war dieß Benehmen von ihm, da seine Kinder
vom Bäcker wöchentlich zweimal Brod, und auch noch Butter dazu bekamen.

Auch ich war so glücklich, Aehnliches zu erfahren. Herr Knudson hatte für
mich einen Führer gedungen, und in einigen Tagen schon sollte die Reise
angetreten werden. Da wollte zufälliger Weise auch der Stiftsamtmann einen
Ausflug machen, und schickte um meinen Führer. Dieser hoffte da mehr zu
verdienen, und sagte zu, kam aber nicht zu mir, um sich zu entschuldigen,
sondern ließ mir blos am Vorabend der Reise sagen, daß er krank geworden
sei, und folglich nicht mit mir gehen könne. -- Und solche Beispiele, die
dem Isländer gerade nicht zum Lobe gereichen, könnte ich noch gar viele
aufzählen.

Ich tröstete mich, Einfalt und Redlichkeit in den entfernteren Gegenden zu
finden, und freute mich deßhalb doppelt auf meine Reisen in das Innere
des Landes. -- Da fand ich wohl manches Gute, doch leider auch so viele
Schattenseiten, daß ich weit entfernt bin, die isländischen Bauern als
Muster aufzustellen.

Die vorzüglichste ihrer guten Eigenschaften ist die Ehrlichkeit. -- Ich
konnte meine Sachen überall liegen lassen, und stundenlang davon entfernt
bleiben, -- nie mangelte mir das geringste, ja sie erlaubten sogar weder
sich noch ihren Kindern auch nur etwas davon in die Hände zu nehmen. In
diesem Punkte sind sie so gewissenhaft, daß wenn z. B. ein Bauer aus einem
entfernteren Orte kömmt, und in eine Kothe treten will, er gewiß nicht
unterläßt, vorher an die Thüre zu klopfen, selbst wenn sie offen steht.
Sagt Niemand »herein«, so betritt er sie nicht. -- Man könnte ohne Furcht
und Sorge bei unverschlossener Thüre schlafen.

Ueberhaupt sind Verbrechen hier so selten, daß das Gefängnißgebäude zu
Reikjavik schon seit vielen Jahren in das Wohnhaus für den Stiftsamtmann
umgewandelt wurde. -- Kleine Vergehungen werden gleich bestraft, entweder
in Reikjavik selbst, oder an dem Orte, wo der Sysselmann seinen Sitz hat.
-- Große Verbrecher werden nach Kopenhagen geschickt und dort verurtheilt
und bestraft.

Mein Hausherr zu Reikjavik, der Bäckermeister Bernhöft, erzählte mir,
daß seit den 13 Jahren, die er in Island ansässig ist, nur ein großes
Verbrechen begangen worden sei. -- Ein verheiratheter Bauer hatte mit
seiner Magd ein Kind gezeugt, und es gleich nach der Geburt verbrannt. --
Die kleineren Verbrechen bestehen meistens aus Vieh-Diebstählen.

Was die Kenntnisse der Isländer anbelangt, so sah ich wirklich mit
Erstaunen, daß fast Alle lesen und schreiben konnten; Letzteres war unter
dem weiblichen Geschlechte etwas seltener. Jünglinge und Männer aber hatten
oft recht gute und feste Schriften. -- Bücher fand ich in jeder Hütte,
wenigstens die Bibel, oft aber auch Gedichte und Erzählungen, manchmal
sogar in dänischer Sprache.

Ihr Begriffsvermögen ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich in ihrer Gegenwart
meine Landkarte aufschlug, verstanden sie so ziemlich, was sie vorstellte,
und begriffen schnell und leicht deren Gebrauch und Nutzen. -- Diese
Bildung ist doppelt überraschend, wenn man bedenkt, daß jeder Familienvater
seine Kinder, und allenfalls auch die nachbarlichen Waisen selbst
unterrichtet. -- Zwar geschieht dieß nur im Winter, doch der dauert acht
Monate, und ist folglich dazu lange genug.

Schule besteht im ganzen Lande eine einzige, in Bessestadt -- vom Jahre
1846 an in Reikjavik. -- In dieser Schule werden nur Jünglinge aufgenommen
die bereits lesen und schreiben können. -- Sie können hier entweder zu
Priestern gebildet werden, oder auch die Vorkenntnisse zu den juridischen
Studien erhalten. -- Jene, die sich dem Priesterstande widmen, können
allda ihre ganzen Studien beendigen; Jene aber, die Aerzte, Apotheker oder
Sysselmänner werden wollen, müssen nach Kopenhagen gehen.

Außer den theologischen Wissenschaften werden auf der Schule zu Reikjavik
auch Geometrie, Geographie und Geschichte gelehrt, so wie mehrere Sprachen,
als: lateinisch, dänisch und vom Jahre 1846 auch deutsch und französisch.

Die Hauptbeschäftigung der isländischen Bauern besteht im Fischfange,
welcher am stärksten in den Monaten Februar, März und April betrieben wird.

Da kommen die Bewohner der innern Gegenden des Landes in die Hafenorte,
verdingen sich den Strandbewohnern, den eigentlichen Fischern, als
Gehilfen, und nehmen dafür einen Antheil an den Fischen. Außer dieser
Zeit wird der Fischfang wohl auch betrieben, aber mehr nur von den
Strandbewohnern. -- In den Monaten Juli und August gehen wieder Viele von
diesen in das Innere des Landes, und helfen da bei der Heuernte, wofür sie
Butter, Schafwolle und gesalzenes Lammfleisch erhalten. -- Andere besteigen
die Gebirge, und sammeln das isländische Moos. Von diesem machen sie
entweder einen Absud, der dann mit Milch gemischt, getrunken wird, oder sie
zerreiben es zu Mehl und backen flache Kuchen daraus, die ihnen statt des
Brodes dienen.

Die Arbeit des weiblichen Geschlechtes besteht in der Zurichtung der Fische
zum Trocknen, Räuchern oder Einsalzen, in Abwartung des Viehes, im Stricken
und wohl auch in Moossammeln. -- Im Winter weben und stricken beide
Geschlechter.

Was die Gastfreundschaft der Isländer betrifft, so glaube ich nicht, daß
man sie ihnen zu einem sehr großen Verdienste anrechnen darf. Es ist wahr,
Priester und Bauern nehmen jeden europäischen Reisenden gerne auf, und
bewirthen ihn mit Allem was in ihren Kräften steht, -- aber Beide wissen,
daß _der_ Reisende, der _ihr_ Land besucht, gewiß weder ein Abentheurer
noch ein Bettler ist, und ihnen daher auch erkenntlich sein wird. -- Mir
kam kein Priester und kein Bauer vor, der nicht die gebotene Gabe ohne die
geringste Widerrede angenommen hätte. -- Von den Priestern muß ich jedoch
zu ihrem besondern Lobe bemerken, daß sie überall sehr dienstfertig und
gefällig, und mit jeder Gabe zufrieden waren. Auch ihre Forderungen,
wenn ich Pferde zu meinen Excursionen nahm, waren immer sehr bescheiden
gestellt. -- Den Bauer hingegen fand ich nur in jenen Gegenden weniger
eigennützig, wo beinah nie ein Reisender hinkam. An Orten aber die schon
mehr besucht werden, waren seine Forderungen oft unverschämt.

Für Ueberfahrten über Flüsse z. B. mußte ich 20 bis 30 kr. zahlen, und da
wurden ich und mein Führer in einem Kahn übergeschifft, die Pferde mußten
schwimmen. -- Der Führer, welcher mich auf den Hekla begleitete, forderte
gar 5 fl. 20 kr. CM. und ließ sich ordentlich noch dazu bitten. Er wußte,
daß ich gezwungen war, ihn zu nehmen, denn Auswahl an Führern hat man
nicht, und unverrichteter Sache will man auch nicht zurückkehren.

Aus diesem Benehmen aber sieht man, daß der Charakter der Isländer gerade
nicht zu den trefflichsten gehört, und daß sie ihren Vortheil von den
Reisenden so gut zu ziehen wissen, wie die Wirthe und Lohnbedienten auf dem
Continente.

Eine große Leidenschaft der Isländer ist das Trinken. Ihre Armuth wäre
gewiß nicht so groß, wenn sie weniger dem Brandweine zusprächen, und dafür
fleißiger arbeiten würden. Aber so ist es heillos zu sehen welch tiefe
Wurzel dieses Laster hier gefaßt hat. -- Nicht nur an Sonntagen, auch an
Wochentagen begegnete ich Bauern, die so berauscht waren, daß es mir noch
heute ein Räthsel ist, wie sie sich auf den Pferden erhalten konnten. --
Vom weiblichen Geschlecht kam mir, Gott sei es gedankt, nie ein Exemplar in
diesem Zustande vor.

Eine zweite ihrer Haupt-Leidenschaften ist das Tabakschnupfen. -- Sie kauen
und schnupfen den Tabak mit derselben Lust, mit der man ihn bei uns rauchen
sieht. Ihre Art aber, wie sie den Tabak zu sich nehmen, ist so eigen, daß
ich sie unmöglich übergehen kann. Die meisten Bauern, ja selbst viele
der Priester haben keine eigentliche Dose, sondern eine Büchse aus Bein
gedrechselt, in Gestalt eines kleinen Pulverhornes. -- Wenn sie nun
schnupfen wollen, so neigen sie den Kopf zurück, stecken die Spitze dieses
Hornes in die Nase und schütteln eine Dosis Tabak hinein. -- Und so
gar nicht ekel sind diese liebenswürdigen Naturmenschen, daß sie dieß
Tabak-Horn ihrem Nachbar reichen, dieser wieder dem seinigen und so fort
-- -- von Nase zu Nase, -- ohne es je zu reinigen oder abzuwischen.

Ueberhaupt glaube ich, daß, was Unreinlichkeit anbelangt, die Isländer
den Grönländern, Eskimos oder Lappländern nicht viel nachstehen werden. --
Wollte ich beschreiben, was ich in der Art alles sah, meine guten Leserinen
würden mitten auf dem festen Lande seekrank werden, oder doch wenigstens
mich sehr arger Uebertreibungen beschuldigen. Ich sage daher nur: Man denke
sich von Unreinlichkeiten, von ekelhaften Handlungen so viel die kräftigste
Fantasie zu erfinden vermag, ich unterschreibe es unbedingt als bei den
Isländern zu Hause.

Neben diesen gar nicht rühmlichen Eigenschaften besitzen sie auch eine
große Trägheit. Etwas entfernt von den Küsten liegen unübersehbare
Wiesenthäler, die aber alle so versumpft sind, daß man sie stets mit Furcht
durchreiten muß. Die Ursache hiervon liegt weniger am Boden als an den
Menschen. -- Man dürfte nur Gräben ziehen, und die Wiesen auf diese Art
trocken legen, um das herrlichste Gras zu erhalten; denn daß dieses in
Island gedeiht, beweisen die vielen kleinen Anhöhen, die in solchen Thälern
aus den Sümpfen ragen, und mit Gras, Futterkräutern und wildem Klee üppig
bewachsen waren. -- Eben so kam ich über große Stellen, die schöne Erde
hatten, und über andere, auf denen Erde mit Sand gemischt lag.

Ich sprach öfter mit einem Herrn Boge, der bereits vierzig Jahre in Island
ansässig ist und nicht geringe landwirthschaftliche Kenntnisse besitzt, ob
es denn nicht möglich wäre, durch Fleiß und Arbeit da bedeutende Feld- und
Wiesenkultur zu erzielen? Herr Boge gab dieß zu, und meinte selbst, daß
nebst schönen Wiesen auch wohl ergiebige Kartoffelfelder erzweckt werden
könnten, wenn nur das Volk nicht so träge wäre und lieber Hunger litte, und
allen Bedürfnissen der Reinlichkeit und Annehmlichkeit entsagte, ehe es zur
Arbeit greift. Was ihm die Natur freiwillig bietet, ist ihm genug; --
ihr etwas abzuringen, fällt ihm gar nicht ein. -- Ich wünschte nur einige
deutsche Bauern hierher versetzt zu sehen, wie manche Stelle würde bald
ganz anders aussehen!

Der beste Boden Island's soll auf dem Norderlande sein. Da sieht man sogar
einige Kartoffel-Aeker und auch Bäumchen, die ohne Hilfe und Pflege eine
Höhe von 7-8 Fuß erreichen. Herr Boge, welcher bei dreißig Jahre dort
etablirt war, hatte einige Vogelbeer- und Birken-Bäumchen gepflanzt, die
bis zu 16 Fuß empor gewachsen waren.

Im Norderlande, so wie überhaupt etwas entfernter von der Küste, leben die
Leute von der Viehzucht. Mancher Bauer besitzt da 2-400 Schafe, 10-15 Kühe
und 10-12 Pferde; freilich gibt es so reiche nicht viele, aber jedenfalls
sind sie besser daran, als die armen Küstenbewohner. -- Die haben meist
schlechten Grund und Boden und sind daher größtentheils auf den Fischfang
angewiesen.

       *       *       *       *       *

Noch muß ich, bevor ich Island verlasse, einer Sage erwähnen, die mir von
vielen Seiten erzählt wurde, und die nicht nur von Bauern, sondern auch von
Leuten der sogenannten »bessern Klasse« für Wahrheit gehalten wird.

Man behauptet nämlich, daß das innere unwirthbare Land ebenfalls bevölkert
sei. Es sei von einer ganz eigenen Menschenklasse bewohnt, der allein die
Pfade in diesen Wüsteneien bekannt wären. Diese Wilden hätten aber während
des Jahres gar keinen Verkehr mit ihren Landsleuten, und kämen nur Anfangs
Juli, höchstens auf einen Tag an einen der Hafenorte, um verschiedene
Lebensbedürfnisse zu erhandeln, die sie alsogleich mit baarem Gelde
auszahlen. Hierauf verschwinden sie plötzlich, ohne daß man weiß, wohin sie
ihren Weg genommen haben. -- Niemand kennt sie, nie bringen sie Frauen oder
Kinder mit, und nie beantworten sie die Frage, woher sie kämen? -- Auch
ihre Sprache soll etwas schwerer zu verstehen sein, als jene der bekannten
Einwohner Island's.

Ein Herr -- den ich aus Achtung nicht nennen will -- äußerte mehrmals den
Wunsch, 20 oder 25 gut bewaffnete Soldaten zu haben, und mit ihnen diese
wilden Menschen aufzusuchen.

Die Leute, welche jene Naturmenschen gesehen haben wollen, behaupten: daß
sie größer und stärker seien als die andern Isländer, daß ihre Pferde,
statt mit eisernen Hufen -- mit Hufen aus Horn beschlagen wären, und daß
man sehr viel Geld bei ihnen sähe, welches sie wohl nur durch Raub erlangen
könnten. Als ich aber frug, _wer_ von den _rechtlichen Bewohnern_ Islands,
_wann_ und in _welchen_ Gegenden er von dieser wilden Menschenrace beraubt
worden wäre, wußte mir Niemand eine andere Antwort zu geben als: _das
wisse man nicht_. -- Ich glaube aber kaum, daß in Island eine Person, viel
weniger ein ganzer Stamm vom Raube leben könnte.



Abreise von Island; -- Fahrt nach Kopenhagen.


Ich hatte jetzt alles Merkwürdige in Island gesehen, alle meine Reisen in
diesem Lande glücklich beendet, und erwartete nun mit unaussprechlicher
Sehnsucht das Absegeln eines Fahrzeuges, das mich meiner theuern Heimat
wieder etwas näher bringen sollte. Ach, ich mußte noch 4 ewig lange Wochen
in Reikjavik bleiben, täglich meine Geduld auf die Probe stellen, und
selbst dann, nach so langem Harren, mit der ersten besten Gelegenheit
vorlieb nehmen.

Freilich segelten auch unter dieser Zeit einige Schiffe ab, und auch Herr
Knudson, mit dem ich die Herüberfahrt von Kopenhagen gemacht hatte, lud
mich ein, Theil an seiner Rückreise zu nehmen, -- aber da ging Alles
nach England oder Spanien, und diese Wege wollte ich nun einmal nicht
einschlagen. -- Ich wünschte eine Gelegenheit nach Scandinavien, um auf
diese pittoresken Länder wenigstens einige Blicke werfen zu können.

Endlich fanden sich zwei Schaluppen, die gegen Ende Juli in die See zu
stechen gedachten. Die Eine davon, die bessere, ging nach Altona, und die
andere nach Kopenhagen. Ich wollte mit der Ersteren gehen, allein da hatte
schon ein Kaufmann von Reikjavik den einzigen Platz -- mehr gibt es auf
so kleinen Fahrzeugen selten -- gemiethet, und so mußte ich mich noch
glücklich schicken, auf der zweiten einen Platz zu erhalten. Herr
Bernhöft meinte freilich, das Schiff könnte zu erbärmlich sein, um eine so
bedeutende Reise darauf zu machen, und er wollte es doch wenigstens vorher
in Augenschein nehmen und mir einen Bericht darüber erstatten. Allein da
ich _fest_ entschlossen war, nach Dänemark zu gehen, so bat ich ihn, die
Untersuchung zu unterlassen und mit dem Kapitain auf dem _Lande_ für meine
Ueberfahrt zu unterhandeln. -- Würde er, wie ich gleich voraus vermuthete,
das Fahrzeug gar zu schlecht gefunden haben, so hätten seine Warnungen
vielleicht meinen Vorsatz erschüttern können, und das wollte ich vermeiden.

Zuletzt erfuhren wir noch, daß auch eine Dänin, die hier im Dienste stand,
sich auf diesem Fahrzeuge einzuschiffen wünsche. -- Sie war so vom Heimweh'
erfaßt worden, daß sie um jeden Preis ihr geliebtes Vaterland wieder sehen
wollte. Nun, dachte ich mir, ist bei diesem Mädchen das _Heimweh_ stark
genug, sie gegen Gefahr gleichgiltig zu machen, so wird dieß bei mir die
_Sehnsucht_ thun, und ich werde ihr nicht zurück stehen.

Unsere Schaluppe führte den beruhigenden Namen »Haabet« (die Hoffnung) und
gehörte dem Kaufmanne Fromm in Kopenhagen.

Die Abfahrt war für den 26. Juli bestimmt. -- Von diesem Tage an durfte
ich mich kaum vom Hause entfernen, und mußte jeden Augenblick die Botschaft
erwarten gleich an Bord zu kommen. -- Leider verhinderten heftige Stürme
unser Auslaufen, und ich wurde erst am 29. Juli an Bord geholt. -- Nun hieß
es Abschied nehmen.

Von dem Lande that ich es leicht. -- Hatte ich gleich wirklich viel
Wunderbares, Neues und Interessantes gesehen, -- ich sehnte mich doch
wieder nach den heimatlichen Fluren, in denen man zwar nicht so großartige,
ergreifende, aber desto heitrere, lieblichere Bilder findet. -- Schwerer
ward mir die Trennung von Herrn Knudson, und von der Familie Bernhöft.
Alles Gute, das mir in diesem Lande erwiesen wurde, jede Anleitung und
Erleichterung meiner Reisen habe ich nur ihnen zu verdanken. -- Nie wird
aber auch mein Dank, mein Andenken an diese guten Menschen in meiner Brust
ersterben.

Um Mittag also befand ich mich bereits auf der Schaluppe, und konnte mit
Muße all' die schönen Flaggen und Fähnlein betrachten, mit welchen die
französische Fregatte, die hier vor Anker lag, geschmückt war, um das
Andenken der Juli-Revolution zu feiern.

Ich suchte meine Aufmerksamkeit so viel als möglich von meinem Schiffe
abzulenken, denn nach Allem, was ich bereits unwillkührlich davon gesehen
hatte, ließ es sehr viel zu wünschen übrig. -- Auch die Kajüte nahm ich
mir vor, nicht eher zu betreten, als bis wir in offner See wären, und die
Lootsen unsere Schaluppe verlassen hätten, damit mir dann jede Möglichkeit
einer Rückkehr abgeschnitten sei.

Unsere Mannschaft bestand aus dem Kapitain, dem Steuermann, zwei Matrosen
und einem Schiffsjungen, der den Titel eines Koches hatte; wir fügten ihm
auch noch den eines Kammerdieners bei, da er zu unserer Bedienung bestimmt
war.

Als uns die Lootsen »Lebewohl« gesagt hatten, suchte ich den Eingang der
Kajüte, des einzigen, und daher gemeinschaftlichen Gemaches. -- Er bestand
aus einem ungefähr 2 Fuß breiten Loche, das sich gähnend zu meinen Füßen
öffnete, und in welches eine Leiter von fünf Sprossen senkrecht hinab
führte. -- Ich stand lange sinnend davor, und überlegte, auf welche Art
am Besten da hinab zu kommen sei. -- Endlich wußte ich mir nicht anders zu
helfen, als daß ich beschloß unsern Hausherrn, den Schiffskapitain,
darum zu fragen. -- Er zeigte es mir gleich, indem er sich an den Eingang
niedersetzte und die Füße hinab ließ. -- Man denke sich nun eine solche
Expedition mit unsern langen Kleidern, und noch dazu bei schlechtem Wetter,
wenn das Schiff von Stürmen tüchtig herum geworfen wird! -- Aber der
Gedanke, daß es viele Menschen noch viel schlechter treffen, und dennoch
fortkommen, war bei dergleichen Unannehmlichkeiten immer der Ankerstab des
Trostes, an dem ich mich festhielt. Ich stellte mir gleich vor, daß ich ja
aus demselben Teige gemacht sei, wie meine Nebenmenschen, nur verzärtelter,
verwöhnter, und daß ich dasselbe ertragen könne, wie sie. In Folge dieser
Vorstellungen setzte ich mich augenblicklich nieder, versuchte die neue
Rutschbahn und langte glücklich in der Tiefe an.

Vor allem andern mußte ich meine Augen an das hier herrschende Halbdunkel
gewöhnen, denn die Lucken (Schiffsfensterchen) ließen die Tageshelle nur
gar zu spärlich ein. -- Leider sah ich aber bald nur zu viel. -- Diese
trostlose Erbärmlichkeit, dieser Schmutz, diese Unordnung, die ich da
fand! -- -- Doch ich will Alles nach der Ordnung, und zwar noch dazu recht
ausführlich beschreiben, denn ich schmeichle mir, daß manche meiner lieben
Landsmänninen im Buche diese Reise mit mir machen wird, und da Viele unter
ihnen wahrscheinlich noch nie Gelegenheit gehabt hatten, ein Seefahrzeug
zu sehen, so dürfte eine solche ausführlichere Beschreibung hier nicht
überflüßig sein. -- Daß ich der Wahrheit getreu bleiben werde, mögen ihnen
alle Jene bezeugen, die mit dem Seewesen vertraut sind. -- Kehren wir also
wieder zu meiner geliebten Schaluppe zurück. -- An Alter wetteiferte
sie mit mir, -- wir Beide stammten aus dem vorigen Jahrhundert.
Unglücklicherweise wurde damals bei Schiffsbauten wenig Rücksicht auf die
Bequemlichkeit der Menschen genommen, und aller Raum nur für die Fracht
bemessen; -- eine Sache, über die man sich eben nicht wundern darf, da
des Schiffers eigentliches Leben nur auf dem Deck ist, und das Schiff für
Reisende nicht gebaut wurde. -- Die ganze Länge der Kajüte maß von einer
Koje zur andern 10 Fuß, die Breite 6 Fuß. Letztere ward noch überdieß auf
der einen Seite durch einen Kasten, auf der andern durch ein Tischchen
und zwei Bänkchen dermaßen eingeengt, daß gerade nur so viel Raum blieb,
durchgehen zu können.

Beim Diner oder Souper saßen wir Damen -- die Dänin und ich -- auf dem
Bänkchen, wo wir so eingepreßt waren, daß wir uns kaum rühren konnten; --
die beiden Cavaliere -- der Kapitain und der Steuermann -- mußten aber vor
dem Tischchen stehen, und in dieser Stellung ihr Mahl einnehmen. -- Das
Tischchen war so klein, daß sie ihre Teller in den Händen halten mußten.
Kurz man sah aus Allem, daß die Größe der Kajüte blos auf den Schiffsstand,
nicht aber auf Passagiere berechnet war.

Die Luft in diesem Gemache war auch nicht die allerbeste, denn außerdem,
daß es unsern Speise-, Schlaf- und Empfangssalon bildete, ward es noch als
Vorrathskammer verwendet, und in den Seitenschränken lagen Lebensmittel
aller Art, Oelfarben, und eine Menge anderer Sachen. -- Ich zog es vor, auf
dem Verdecke zu sitzen, und lieber Sturm und Kälte zu ertragen, oder mich
von einer Woge überschütten zu lassen, als da unten halb zu ersticken.
Manchmal mußte ich aber doch hinab, theils wenn es gar zu sehr regnete und
stürmte, theils wenn das Schiff von Gegenwinden erfaßt, und von den hohen
Wellen derart herumgeworfen oder geschlungen[5] wurde, daß man auf dem
Verdecke nicht sicher war. -- Das Rollen und Werfen des Schiffes war oft
so arg, daß wir -- die Dänin und ich -- nicht einmal sitzen, viel weniger
stehen konnten, und manchen langen Tag in der erbärmlichen Koje liegen
bleiben mußten. -- Ich beneidete da meine Gefährtin, die konnte Tag und
Nacht in einem fort schlafen. -- Mir ging es nicht so gut, -- ich wachte
immer, und empfand dabei viel Langeweile und Unbehagen, denn die Lucken,
der Eingang, Alles war bei Regenwetter verschlossen, und in dem Gemache
herrschte nebst einer athembehemmenden Luft auch noch eine wahrhaft
egyptische Finsterniß.

  [5]: »Schlingen«, nennen die Schiffer, wenn die Segel schlaff hängen,
  der Wind stoßweise kömmt, und so das Fahrzeug von den plötzlich
  angeschwellten Segeln fürchterlich herumgeworfen wird.

Was die Kost betraf, so speiste Alles, Passagiere, Kapitain, Steuermann und
Matrosen aus einem und demselben Topfe. -- Den Anfang machte des Morgens
ein erbärmlicher Thee, oder besser gesagt, ein übelschmeckendes Wasser,
das eine Theefarbe hatte. Die Matrosen tranken es ohne Zucker, der Kapitain
aber und der Steuermann nahmen dazu ein kleines Stückchen Kandiszucker --
dieser Zucker zerfließt weniger schnell als der raffinirte -- in den
Mund, schlürften eine Tasse Thee nach der andern, und aßen dazwischen
Schiffszwieback mit Butter.

Die Mittagskost wechselte von einem Tage zum andern. Den ersten Tag bekamen
wir gesalzenes Fleisch, das schon immer den Abend vorher in Seewasser
geweicht, und am folgenden Tag in Seewasser gekocht wurde. Es war so
übersalzen, hart und zähe, daß wohl nur ein Matrosen-Gaumen daran Behagen
finden konnte; als Suppe, Gemüse und Mehlspeis kam dazu Gerstengrütze,
die ganz einfach, ohne Salz und Butter in Wasser gekocht, und Mittags bei
Tische mit Syrup und Essig gemischt wurde. -- Alle fanden dieses Gericht
sehr leckerhaft, und konnten sich, als ich es für ungenießbar erklärte,
nicht genug über meinen verdorbenen Geschmack wundern.

Der zweite Tag brachte uns ein in Seewasser gekochtes Stück Speck, und dazu
abermals die Gerstengrütze. -- Der dritte Stockfische mit Erbsen. Letztere
waren zwar etwas hart gekocht und ohne Butter, doch fand ich sie unter
allen Gerichten noch am genießbarsten. -- Am vierten Tage bekamen wir
wieder die Speisen des ersten, und so ging es regelmäßig fort; -- den
Schluß jedes Diner's machte schwarzer Kaffee. -- Der Abend bot die
Morgenkost, Theewasser, Schiffszwieback und Butter.

Ich hätte mich gerne in Reikjavik mit einigen Hühnern, Eiern und Kartoffeln
versehen, allein ich konnte keinen dieser Artikel bekommen. Hühner werden
nur wenig gehalten, höchstens von den Beamten oder Kaufleuten; -- Eier
bekömmt man zwar ziemlich häufig von Eidergänsen und andern Vögeln, aber es
werden nur so viele gesammelt, als man zum täglichen Gebrauche benöthiget,
und das nur im Frühjahre zur Brütezeit dieser Thiere; -- für die Kartoffeln
war es noch zu früh an der Zeit. -- Man denke sich nun das üppige Leben,
daß ich auf diesem Schiffe führte. -- Hätte ich das Glück gehabt auf ein
besseres Fahrzeug zu kommen, wo man doch bequemer wohnt, und schmackhaftere
Speisen erhält, würde mir die Seekrankheit dießmal gewiß nichts angehabt
haben; -- so aber in Folge der dunstigen Kajüten-Luft und der schlechten
Nahrung litt ich doch den ersten Tag daran. Aber schon am zweiten Tage ward
ich gesund, der Hunger stellte sich wieder ein, und ich speiste ein Stück
Salzfleisch, Speck und Erbsen u. s. w. so gut wie ein Matrose; nur den
Stockfisch, die Grütze, den Kaffee und Thee ließ ich unberührt.

Ein echter Schiffsmann trinkt nie Wasser. Ich machte diese Bemerkung auch
an unserm Kapitain und Steuermann; in Ermangelung des Weines oder Bieres
tranken sie stets Thee, und zwar außer den Mahlzeiten meistens kalten Thee.

Sonntag Abends war großes Souper, da ließ der Kapitain für uns vier
Personen acht Stück Eier kochen, die er noch von Dänemark mit sich führte.
Die Mannschaft bekam in den Thee einige Gläschen Punsch-Essenz.

Da ich nun meine lieben Leserinen mit dem kostbaren Speisenwechsel auf
solch einem Schiffe bekannt gemacht habe, muß ich auch noch sagen, wie die
Tischwäsche und das Reinigen derselben beschaffen war. -- Erstere bestand
blos aus einem Stücke altem Segeltuche, das über den Tisch gebreitet wurde,
und so beschmutzt und unrein aussah, daß ich mir dachte, es wäre gewiß
besser und appetitlicher den Tisch gar nicht zu decken -- _appetitlicher_?
Ja! aber _besser_?? Nein! -- Doch so geht es den naseweisen Leuten, die
immer klüger sein wollen, als Andere; -- bald sollt' ich erfahren, wie
wichtig dieses Tuch sei. -- Ich sah nämlich eines Tages unsern Kammerdiener
ein Stück Segeltuch gar mörderisch bearbeiten; er hatte es auf dem Boden
ausgebreitet, stand mit den Füßen darauf, und fegte es von allen Seiten mit
dem Schiffsbesen rein. -- Nur bald erkannte ich an den manigfaltigen Fett-
und Schmutzflecken unser Tischtuch, -- und richtig fand ich Abends den
Tisch ungedeckt. Nun sah ich aber auch die Folgen davon. Kaum hatte der
Junge die Theekanne auf den Tisch gestellt, als sie schon in demselben
Augenblick zu gleiten anfing. Glücklicherweise erfaßte sie der gewandte
Kapitain noch am Henkel, sonst wäre sie zu Boden gestürzt, und hätte unsere
Füße mit ihrem Inhalte überschüttet. -- Und so ging es mit Allem; man
konnte nichts auf dem glatten Tische stehen lassen und ich bedauerte den
Kapitain recht sehr daß er kein zweites hatte.

Alles bisher Gerügte wäre, wie jeder meiner Leser einsehen wird, gewiß
schon hinreichend gewesen, den Aufenthalt auf diesem Schiffe sehr
unangenehm zu machen; nun kam aber noch ein Umstand dazu, durch welchen
er sogar beunruhigend ward. Ich entdeckte nämlich nach mehreren Tagen, daß
unser Schifflein fortwährend eine tüchtige Portion Wasser einließ, die alle
6-8 Stunden ausgepumpt werden mußte. Der Kapitain suchte mich zu beruhigen,
indem er behauptete, daß jedes Schiff Wasser einließe, und das unsere nur
etwas mehr, weil es schon alt sei. Ich mußte mich damit zufrieden geben;
denn es zu ändern wäre ich doch nicht im Stande gewesen. -- Glücklicher
Weise bekamen wir keinen bedeutenden Sturm, und liefen daher weniger
Gefahr.

Unsere Reise dauerte 20 Tage; 12 Tage sahen wir kein Land; der Wind
trieb uns zu viel östlich und so bekamen wir weder die Farroäer noch die
Schettlands-Inseln zu Gesichte. -- Daraus würde ich mir nun eben nicht viel
gemacht haben, hätte ich dafür einige Seeungeheuer, schäckernde Wallfische,
bescheidene Haie oder so etwas dergleichen gesehen. -- So aber sah ich von
allen diesen Merkwürdigkeiten nur sehr wenig. Von einem Wallfische nahm ich
nur die Strahlen des Wassers wahr, die er aus seinen Nasenöffnungen in die
Höhe warf, und die vollkommen den Strahlen eines Springbrunnens glichen.
Das Thier selbst war leider von unserm Schiffe zu weit entfernt, als daß
man das Geringste von seinem Körper hätte sehen können. -- Da war ein Hai
schon etwas galanter; der schwamm doch wenigstens einige Minuten hindurch
so nahe an unserm Fahrzeuge, daß man ihn vollkommen gut betrachten konnte;
er mochte gewiß 16 bis 18 Fuß lang sein.

Eine schöne Vorstellung gaben uns während zwei Abenden die sogenannten
Springer oder fliegenden Fische. Die See war so ruhig, als sie es nur sein
konnte, die Abende mild und vom Mondlichte glänzend erleuchtet, und so
blieben wir lange auf dem Decke und sahen dem heitern Spiele dieser Thiere
zu. -- So weit wir sehen konnten, war die Wasserfläche von ihnen bedeckt.
Die jüngeren Fische erkannte man gleich an ihren höheren Sprüngen; sie
mochten 3-4 Fuß lang sein und erhoben sich 5-6 Fuß über die Meeresfläche.
Das Springen selbst sah aus wie ein Versuch des Fliegens, wobei ihnen
jedoch ihre Flossen schlechte Dienste erwiesen, und sie augenblicklich
wieder zurückfallen ließen. -- Die Alten schienen nicht mehr die
Schwungkraft zu besitzen, sie beschrieben nur ähnliche Bogen wie die
Delphine, und erhoben sich nur so viel über das Wasser, daß man den
Mitteltheil ihres Körpers sehen konnte.

Diese Springer werden nicht gefangen, sie haben wenig Thran und schmecken
sehr schlecht.

Am dreizehnten Tage erblickten wir endlich wieder Land. Wir waren in
das _Skaggerakk_ gekommen, und sahen die Halbinsel _Jüttland_ nebst dem
Städtchen _Skaggen_. Die Halbinsel sieht von dieser Seite sehr öde aus; sie
ist flach und mit viel Sand bedeckt.

Am sechzehnten Tage liefen wir in das _Kattegat_ ein. -- Wir hatten in
letzterer Zeit fast immer entweder Windstille oder Gegenwinde, und trieben
uns in Skaggerakk, Kattegat und Sund beinah 8 Tage herum. Manchen Tag
kamen wir kaum 15 bis 20 Seemeilen vorwärts. -- An solch windstillen Tagen
vertrieb ich mir manche Stunde mit dem Fischfange, allein die guten
Fische, obwohl man sie dumm schilt, waren doch so verzweifelt klug, an
der Lockspeise meiner Angel nicht anzubeißen. Ich hoffte täglich auf eine
Mahlzeit von Makarelen und fing im Ganzen -- eine einzige.

Größere Unterhaltung gewährte mir der Anblick der vielen Schiffe, die von
allen Seiten in das Kattegat segelten; ich zählte ihrer über 70. Je
näher wir der Einfahrt des Sundes kamen, desto imposanter wurde dieses
Schauspiel, desto näher drängten sich die Schiffe an einander. --
Glücklicherweise begünstigte uns eine prachtvolle Mondnacht; -- in
einer finstern Gewitternacht wäre wohl mit der größten Vorsicht und
Geschicklichkeit ein Zusammenstoßen nicht zu vermeiden gewesen.

Von der außerordentlichen Klarheit und dem Schimmer einer nordischen
Mondnacht haben wir südlich Gelegenen keinen Begriff; es ist gerade als ob
ein Theil des Sonnenlichtes sich mit dem nächtlichen Gestirne vereinte. Ich
habe herrliche Nächte an den asiatischen Küsten, auf dem mittelländischen
Meere erlebt, -- ich fand sie aber hier an den Gestaden Skandinaviens
heller und schimmernder.

Die ganze Nacht blieb ich auf dem Verdecke. Eine solche Masse von Schiffen
zu sehen, die sich hier zusammen drängten, und gleichzeitig die Einfahrt
in den Sund erstürmen wollten, war für mich ein seltenes Schauspiel. Ich
konnte mir nun einen deutlichen Begriff von einer Flotte machen, denn
ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese Masse von Schiffen mit einer
Kauffarthei-Flotte vergleiche.

Am zwanzigsten Tage unserer Reise um drei Uhr Morgens liefen wir in den
Hafen von _Helsingör_ ein. Man muß hier den Sund-Zoll entrichten, oder wie
der Schiffer es nennt: »das Schiff klar machen.« -- Es ist dieß eine
sehr lästige Unterbrechung, und das Anhalten und wieder Weiterfahren des
Schiffes macht sehr viele Umstände. Da müssen die Segel eingeräfft, die
Anker ausgeworfen, die Jolle ausgesetzt und der Kapitain an das Ufer
gerudert werden. Meist vergehen viele Stunden bis er abgefertigt ist. --
Kehrt er endlich an das Schiff zurück, muß die Jolle wieder aufgewunden,
müssen die Anker wieder gelichtet, die Segel entfaltet werden. -- Oft
hat unterdessen der Wind umgeschlagen, und man verdankt es nur diesen
Plackereien, daß man den Hafen von Kopenhagen viel später erreicht, als man
gehofft hat.

Ist man erst so unglücklich, in einer finstern Nacht in die Nähe von
_Helsingör_ zu kommen, so darf man, um mit andern Schiffen nicht zusammen
zu stoßen, gar nicht einlaufen; man muß im Kattegat vor Anker gehen, und
somit zwei Unterbrechungen erleiden. -- Kömmt man in der Nacht vor vier
Uhr nach Helsingör, so muß man warten, da erst um diese Zeit das Zollamt
eröffnet wird.

Freilich steht es dem Schiffer frei, hier _nicht_ anzuhalten und gleich
nach Kopenhagen zu fahren, allein diese Freiheit kostet ihm 5 Thaler. --
Kann nun aber der Zoll auf diese Art auch in Kopenhagen entrichtet werden,
so ist dann die Forderung des Anhaltens bei Helsingör eigentlich nichts als
eine Finte, um dem Schiffer eine höhere Taxe zu entlocken, denn hat dieser
große Eile, oder einen gar zu herrlichen Wind, so läßt er in Gottesnamen
diese 5 Thaler fahren und segelt unaufgehalten bis Kopenhagen.

Unser guter Kapitain berücksichtigte weder Zeit noch Arbeit, er machte das
Schiff hier klar, und so begrüßten wir erst um 2 Uhr Nachmittag die liebe
Stadt Kopenhagen, die mir beinahe heimatlich vorkam, und so schön und
herrlich, als ob ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches gesehen
hätte. Man muß aber auch bedenken, woher ich kam, und wie lange ich an ein
Fahrzeug gebannt war, auf dem ich mich kaum bewegen konnte. -- Als ich
die Erde wieder betrat, ging es mir beinahe wie Columbus, ich wäre bald
niedergesunken und hätte sie geküßt.



Abreise von Kopenhagen. -- Christiania.


Am 19. August -- den folgenden Tag nach meiner Ankunft von Island -- um
zwei Uhr Nachmittag saß ich schon wieder zu Schiffe, und zwar auf
dem schönen königlichen norwegischen Dampfer »_Christiania_« von 170
Pferdekraft, um nach der 304 Seemeilen entfernten Stadt _Christiania_ zu
segeln. -- Bald hatten wir den Sund durchschnitten und gelangten glücklich
in das Kattegat, in welchem wir uns jetzt mehr rechts hielten, als auf
der Reise nach Island, denn dießmal war es uns nicht genug Schweden und
Norwegen nur von der Ferne zu sehen; wir wollten auch daselbst Anker
werfen, und zwar an der schwedischen Küste schon den folgenden Morgen.

Wir sahen vollkommen gut die schöne Gebirgskette, welche rechts das
Kattegat begrenzt, und deren äußerste Spitze, die _Kulm_, sich derart in
das Meer verläuft, daß sie eine lange Erdzunge bildet. -- Sowohl hier, als
an allen andern gefährlichen Stellen, deren es eine Menge gibt, sowohl an
der dänischen als schwedischen Küste, stehen Leuchtthürme, deren Lichter
uns Abends von allen Seiten entgegen schimmerten. Diese Lichter sind theils
beweglich, theils unbeweglich, um dem Schiffer in finsterer Nacht die
verschiedenen Stellen anzuzeigen, die er zu vermeiden hat.


  20. August.

Schlechtes Wetter gehört für den Reisenden gewiß zu den größten Plagen, und
ist um so unangenehmer, wenn man durch Gegenden kömmt, die sich durch ihre
Schönheit oder Originalität auszeichnen. -- Beides vereinte sich heute;
es regnete fast unaufhörlich, und dabei war die Fahrt an der schwedischen
Küste und in den kleinen _Fiord_ nach dem Hafen _Gothenburgs_ von ganz
eigenem Interesse. Das Meer glich hier mehr einem ausgebreiteten Strome,
der von schönen Klippenpartieen begränzt, und von einzelnen kleineren
und größeren Felsen und Klippenriffen durchwirkt war, an welchem sich die
Brandung wunderbar schön machte. -- Ganz nahe vor dem Hafen liegen theils
an, theils zwischen den Felsbergen einige Gebäude; -- es ist dieß das
berühmte königl. schwedische Eisenbergwerk, _das neue Werk_ genannt. Sogar
amerikanische Schiffe kamen in größerer Anzahl, um hier dieses Metall zu
holen.

Das Dampfboot bleibt in dem Hafen von _Gothenburg_ über vier Stunden
liegen, und man hat daher Zeit in die Stadt zu gehen, die eine kleine
halbe Meile entfernt ist, und deren Vorstädte sich bis an den Hafen ziehen.
Gleich beim Landungsplatze wohnt ein Kapitain, der stets zwei Pferde und
einen Wagen in Bereitschaft hat, um die Reisenden in die Stadt zu führen.
Es gibt auch Einspänner da, und selbst einen Omnibus. Erstere waren bereits
bestellt, und letzterer soll so langsam fahren, daß beinah die ganze Zeit
damit zugebracht wird. Ich miethete mit zweien meiner Reisegefährten die
Equipage des Herrn Kapitain zur Hin- und Rückfahrt. Der Regen strömte zwar
noch in dichten Massen auf unsere Häupter; doch beirrte uns dieß nur wenig.
Meine beiden Gefährten hatten Geschäfte zu besorgen, und mich lockte die
Neugierde. Ich wußte damals noch nicht, daß mich mein Weg nochmals hierher
führen werde, und fortzufahren ohne eine so niedliche Stadt zu besehen, das
ertrage wer will, -- ich nicht.

Die Vorstädte sind durchaus von Holz gebaut, und besitzen viele schöne
stockhohe Häuser, an die sich meist kleine Gärtchen schließen. Die Lage der
Vorstädte ist ganz sonderbar und eigen. Mitten zwischen den Häusern liegen
oft Felsenhügel, oder kleine Wiesen und Felder, ja die Felsen ziehen sich
hie und da bis an die Straße und mußten theilweise gesprengt werden um
den Durchgang zu gewinnen. Herrlich macht sich die Aussicht auf einer der
Höhen, über welche der Weg nach der Stadt führt. Man sieht zwischen zwei
gigantischen Felsen, welche einen schönen Ausschnitt bilden und in der See
stehen -- hindurch auf die ausgebreitete Nordsee.

Die Stadt hat zwei schöne Plätze. Auf dem kleinern steht die ansehnliche
Hauptkirche, auf dem größeren das Rathhaus, die Post und viele sehr hübsche
Häuser, an welchen es auch in den Gassen nicht fehlt. In der Stadt ist
Alles von Ziegeln erbaut. Der Fluß _Ham_ durchschneidet den großen Platz
und erhöht seine Lebhaftigkeit durch die vielen Schiffe und Barken, die von
der nahen See herein kommen, und Lebensmittel, vorzüglich aber Brennholz zu
Markte bringen. Mehrere Brücken führen über ihn. -- Interessant zu besuchen
ist auch der Fischmarkt; es sind da sehr viele, und darunter sehr große
Fische aufgestappelt.

Ich betrat hier zum ersten Male auf schwedischem Grund und Boden ein
Zimmer. Was mir alsogleich in die Augen fiel, war, daß ich den Fußboden mit
den feinen zarten Spitzen der Tannenzweige ganz bestreut fand; diese Nadeln
verbreiteten einen höchst angenehmen Geruch, der gewiß auch gesünder ist,
als jeder durch Kunst hervorgebrachte. -- Ich fand diesen Gebrauch in
ganz Schweden und Norwegen, aber leider nur in den Gasthöfen oder in den
Wohnungen ärmerer Leute.

Gegen 11 Uhr Morgens setzten wir unsere Reise fort. Wir schifften glücklich
durch die vielen Felsen und Klippen, und gelangten bald wieder in die
offene Nordsee. An der Küste, welcher wir immer ziemlich nahe blieben,
sahen wir auf einigen Felsen Telegraphen errichtet. Das Land links,
Dänemark, verloren wir bald aus dem Gesichte. -- Abends kamen wir zu
der Festung _Friedrichsver_, von der wir aber, der bereits eingetretenen
Dämmerung halber, nicht viel sehen konnten. Hier beginnen die sogenannten
_Scheren_, die sich über 60 Seemeilen weit erstrecken, und den
_Christianssund_ bilden. So viel uns die zunehmende Dunkelheit erkennen
ließ, war der Anblick dieses Sundes wunderschön. Zahllose Inselchen,
viele darunter aus einzelnen Felsmassen bestehend, andere wieder herrlich
bewachsen mit schönen schlanken Tannen, traten uns von allen Seiten
entgegen. Doch der Lootse den wir eingenommen hatten, verstand sein Amt
meisterhaft, und trotz der finstersten Nacht führte er uns sicher mitten
hindurch nach _Sandessund_. -- Hier warfen wir Anker, denn noch weiter zu
fahren, wäre doch zu gefährlich gewesen. Auch mußten wir hier mit dem von
_Bergen_ kommenden Dampfboote zusammentreffen, seine Passagiere übernehmen,
und ihm dafür einen Theil der unsrigen übergeben. Dieses Dampfboot ging
nämlich wieder nach _Bergen_ zurück, und nahm daher unsere dahin reisenden
Passagiere mit sich. -- Leider ging die See sehr hoch, und da war dieses
Uebersiedeln höchst schwer zu veranstalten. -- Keiner der beiden Dampfer
wollte ein Boot aussetzen; endlich nach Mitternacht that es der unsrige,
und nicht ohne Angst und Jammern wurden die Reisenden hinabgelassen. --
Mich erbarmten sie Alle recht von Herzen; doch -- Gott sei gedankt -- es
ging Alles ohne Unfall von statten.


  21. August.

Heute bei Tage konnte ich erst die Lage von _Sandessund_ besser betrachten.
-- Es besteht nur aus einigen Häusern. Die Wasserstraße ist hier von
schroffen Felswänden derart eingeengt, daß sie kaum die Breite eines
Stromes erreicht; doch bald erweitert sie sich wieder, und gewinnt nun mit
jedem Ruderschlage an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Man meint fast auf
einem herrlichen See zu fahren, denn die Inseln ziehen sich so nahe an
das im Hintergrunde liegende Gebirge, daß man sie für festes Land, und die
durch sie gebildeten Buchten für Mündungen von Strömen halten kann. Dann
scheint es wieder, als sähe man eine ganze Kette von Seen; da reiht sich
einer an den andern, und manchmal glaubt man gar, schon das Ende der Fahrt
erreicht zu haben, als sich plötzlich wieder durch die dicht an einander
gelegenen Inseln ein Ausweg eröffnet. Die Inseln selbst sind von der
mannigfaltigsten Verschiedenheit; -- bald bestehen sie aus kahlen Felsen,
und sind nur hie und da mit einzeln stehenden Tannen bewachsen, bald
wieder reich mit Wiesen und Wäldern bedeckt. -- Und zu allem diesem nun
der Anblick der Ufer! Ach da gibt es so viel des Schönen, daß ich wirklich
nicht wußte, wohin die Blicke zu wenden, um ja auch Alles zu sehen. -- Dort
liegen hohe Berge, die von unten bis hinauf mit finstern Tannenwaldungen
bewachsen sind, da wieder liebliche Hügel mit saftigen Wiesen, mit reichen
Feldern, mit niedlichen Bauerhäusern und Höfen, oder es öffnen sich die
Berge und bilden die schönste Perspective in Schluchten und Thäler. -- Oft
kann man den Lauf einer Bucht verfolgen, bis sie in unendlicher Ferne mit
den Wolken verschwimmt. -- Oft sieht man wieder die herrlichsten Thäler
geschmückt mit Ortschaften und kleinen Städten. -- Ach! wäre ich nur auch
im Stande, diese reiche, schöne Natur mit der Begeisterung zu schildern,
die ich fühlte, als ich sie erschaute. -- Leider sind meine Worte, wie
meine Kenntnisse, viel zu schwach dazu, und ich kann meine Gedanken und
Empfindungen nur andeuten, aber nicht beschreiben.

Bei dem Oertchen _Walloe_ fängt die Gegend an minder schön zu werden;
die Berge verwandeln sich in Hügel, und das Wasserbecken entbehrt der
Inselgruppen. Das Oertchen selbst ist größtentheils hinter kleinen Hügeln
verborgen. Doch daran stoßen eine Reihe hölzerner Hütten und Häuschen,
die alle zu einer Salzsiederei gehören. Das Salz wird hier aus Meerwasser
gewonnen.

Um zu dem Städtchen _Moß_ zu gelangen, macht man einen kleinen Abstecher in
eine der vielen Buchten, die sich von allen Seiten öffnen. Die Lage dieses
Städtchens ist wunderschön; es liegt amphitheatralisch an einem Hügel, der
sich an einen Berg lehnt. Am Meeresgestade steht ein artiges Haus, dessen
Porticus auf Säulen ruht, es ist eine Badeanstalt.

Nahe dem Oertchen _Horten_, das ebenfalls recht malerisch gelegen ist,
sieht man ein Schiffswerft, auf welchem Kriegsschiffe für Rechnung des
Staates gebaut werden. -- Viele müssen es aber denn doch nicht sein, denn
ich sah nur ein einziges vor Anker liegen, und kein zweites im Beginne.

Auf der Fahrt nach dem Städtchen _Dröbak_ kömmt man öfter an Ausschnitte
von Inseln, durch die der Blick auf das hohe Meer streifen kann.

Ungefähr acht Seemeilen hinter _Horten_ gewährt ein Berg ein wunderschönes
Bild. Er liegt mitten in der See, drängt sie an die nahen Gebirgsketten
und theilt sie derart in zwei Ströme, die sich erst hinter ihm wieder
vereinigen.

_Christiania_ erblickt man erst, wenn man kaum mehr zehn Seemeilen entfernt
ist. Die Stadt und die Vorstädte, das Festungsgebäude, das neu erbaute
königl. Schloß, die Freimaurerloge u. s. w. liegen an dem Hafen in einem
schönen Halbkreise, der von Feldern und Wiesen, Waldungen und Gebirgen
herrlich umfangen ist. Selbst die See kann sich von diesem zauberischen
Anblicke nicht losreißen, und windet sich durch Hügel und Felder in
schmalen Streifen bis weit hinter die Stadt.

Gegen eilf Uhr Morgens ungefähr erreichten wir Christianiens Hafen. Die
Strecke von Sandesund hatten wir in sieben Stunden zurückgelegt, und
während dieser Zeit viermal angehalten. Die Boote mit den Reisenden, mit
den Waaren und Briefen waren immer schon bereit, fuhren eilig heran; Alles
wurde umgetauscht und -- weiter gefahren.



Aufenthalt zu Christiania.


In dieser Stadt kaum angekommen, war mein Erstes, eine Landsmännin
aufzusuchen, die hier an einen Advocaten verheirathet ist. -- Man sieht,
daß die Wienerinen, denen man immer vorwirft »sie könnten ohne ihren
lieben Stephansthurm gar nicht leben,« diese Sage doch manchmal zu Schanden
machen. Nicht bald sah ich ein Pärchen, das glücklicher und zufriedener
lebt als dieses, und doch ist Christiania über 200 Meilen vom Stephansthurm
entfernt.

Schon während des Ganges vom Hafen in den Gasthof, und von da zu meiner
Freundin kam ich durch die ganze Stadt. Ich fand sie nicht sehr groß und
nicht sehr hübsch. Am besten macht sich noch der neuerbaute Theil; der hat
doch wenigstens breite, ziemlich lange Straßen, in welchen die Häuser von
Ziegeln und Steinen und mitunter recht ansehnlich sind. In den Nebengassen
findet man häufig hölzerne Baracken die den Einsturz drohen. -- Der Platz
ist groß, aber unregelmäßig, und, da auf ihm der Markt von allen möglichen
Artikeln abgehalten wird, auch sehr schmutzig.

Die Vorstädte sind meist von Holz erbaut. -- Oeffentliche Gebäude gibt es
mehrere ziemlich hübsche. Am schönsten machen sich das neue königl. Schloß
und die Festung. Beide sind auf kleinen Anhöhen herrlich gelegen, und
besitzen eine wahrhaft feenartige Aussicht. -- Das alte königl. Schloß
liegt in der Stadt, zeichnet sich aber durch nichts aus; es gleicht
vollkommen einem Privathause. -- Das Haus, in welchem der Storrthing
abgehalten wird, ist groß, sein Portale ruht auf Säulen; doch die Treppen
sind, wie in allen Steinhäusern in ganz Skandinavien, von Holz. -- Das
Theater fand ich von Außen für den Bedarf der Stadt groß genug, --
von Innen sah ich es nicht. -- Eines der schönern Gebäude ist die
Freimaurerloge; sie enthält zwei ausgezeichnet große und schöne Säle,
in welchen, nebst den Sitzungen der Freimaurer, auch jene von
Gelehrtengesellschaften oder Festlichkeiten anderer Art abgehalten werden.
-- Das Universitätsgebäude scheint mir in gar zu großem Style angelegt zu
sein; es ist noch nicht ganz beendet, wird aber so schön erbaut, daß es
den größten Residenzen zur Zierde dienen könnte. Recht artig ist auch das
Locale, in welchem sich die Fleischerbuden befinden. -- Es bildet einen
Halbkreis, und ist mit Bogengängen umgeben, in welchen die Käufer bei jeder
Witterung im Trocknen stehen. Das ganze Gebäude ist von Ziegeln gebaut, die
in ihrem natürlichen Zustande gelassen, weder mit Mörtel angeworfen, noch
mit Kalk übertüncht sind. -- Von sonstigen Pallästen oder Prachtgebäuden
ist nicht viel zu sehen; die meisten Häuser sind einstockig.

Eine große Erleichterung für Fremde, die man in allen Städten Skandinaviens
findet, ist das häufige Anschreiben der Namen der Straßen. Es mögen noch so
viele Straßen in eine oder die andere münden, an jeder Ecke sind ihre Namen
angeschrieben. -- Man mag daher kommen, von welcher Seite man will, so
weiß man gleich den Namen der Straße, in der man sich befindet, und braucht
nicht erst darum zu fragen.

Die Stadt hat offene Kanäle und, wie alle übrigen, bei angekündigtem
Mondschein keine Beleuchtung.

Um den Hafen ziehen sich hölzerne Quais, neben welchen mehrere große
Magazingebäude stehen, die ebenfalls aus Holz erbaut, aber, wie überhaupt
auch die meisten Häuser, mit Ziegeln gedeckt sind.

Die Einrichtungen und Auslagen der Gewölber sind einfach, die Waaren sehr
schön, jedoch nicht von eigener Erzeugung. Es bestehen noch sehr wenig
Fabriken, und Alles muß aus fremden Staaten bezogen werden.

Was mir sehr mißfiel, waren die schrecklich zerlumpt gekleideten Leute, die
man überall auf den Straßen traf. Besonders sahen die jungen Burschen sehr
liederlich aus. Sie bettelten zwar höchst selten; doch möchte ich ihnen bei
Leibe nicht in einem einsamen Gäßchen begegnet sein.

Ich war so glücklich, gerade zur Zeit nach Christiania zu kommen, als die
Sitzungen des _Storthings_ gehalten wurden. -- Es geschieht dieß alle
drei Jahre. Die Sitzungen fangen im Jänner oder Februar an, und dauern
gewöhnlich drei Monate. Dießmal hatten sich jedoch die Geschäfte derart
angehäuft, daß der König vorschlug, den Storthing zu verlängern. Diesem
glücklichen Zufalle hatte ich es zu verdanken, noch mehreren Sitzungen
beiwohnen zu können. -- Der König selbst wurde, um die Verhandlungen zu
schließen, erst im Monat September erwartet.

Der Sitzungssaal ist länglich und ziemlich groß. An der einen der längern
Wände stehen vier Reihen tapezierter Bänke, von denen eine Reihe die andere
überragt. -- Ueber achtzig Storthings-Männer haben da Raum zu sitzen. Den
Bänken gegenüber steht auf einer erhöhten Tribüne der Tisch, an welchem
der Präsident und der Secretär sitzen. Um die eine obere Hälfte des Saales
läuft eine Gallerie, zu welcher Jedermann Zutritt hat.

Obwohl ich von der norwegischen Sprache nur sehr wenig verstand, so ging
ich doch während meines kurzen Aufenthaltes in Christiania täglich auf
eine Stunde in die Sitzung. Ich konnte wenigstens entnehmen, ob flüssig
gesprochen, ob kurze oder lange Reden gehalten wurden u. s. w. Ich hatte
leider das Unglück, lauter solche Redner zu hören, die die wenigen Worte
die sie vortrugen, so abgesetzt und langsam herausstotterten, daß mir dabei
ordentlich angst wurde, sie schienen nicht die geringste Gabe des Vortrages
zu besitzen. Man sagte mir, daß es bei dem ganzen Storthing nur 3-4 gute
Redner gäbe, und daß diese während der Paar Tage meines Aufenthaltes gerade
nicht zu sprechen gehabt hätten.

Noch nirgends habe ich so verschiedenartige Fuhrwerke gesehen wie hier.
Die gewöhnlichsten, dabei aber unbequemsten, sind jene, die man _Carriol_
nennt. Solch eine _Carriol_ besteht aus einem sehr schmalen, länglichen und
offenen Kasten, der zwischen zwei ungeheuer hohen Rädern ruht und mit einem
winzigen Sitzchen versehen ist. Da hinein wird man gepreßt; man muß die
Füße der Länge nach ausstrecken, wird mit einem Leder bis an die Hüfte
zugeschnürt, und muß in derselben Stellung, ohne auch nur einen Fuß
bewegen zu können, vom Anfange bis zu Ende der Fahrt verbleiben. -- Für den
Kutscher ist hinter dem Kästchen ein Brett angebracht, auf welchem er, will
der Kastenbewohner nicht selbst die Pferde leiten, knieend oder stehend
dieß Geschäft verrichtet. Da es aber höchst unangenehm ist, auf der einen
Seite beständig das Schwirren des Leitseiles, und auf der andern das
Knallen der Peitsche zu hören, so kutschirt Alles selbst, die Frauen so
gut wie die Männer. Außer diesen Carriols gibt es auch noch Phaetons,
Droschken, Steierwägelchen u. s. w., nur keine gedeckten Wagen.

Ganz eigen construirt sind die Wagen, die zur Verführung des Biers
gebraucht werden; man muß vorerst wissen, daß in Christiania sehr viel
Bier getrunken wird, und daß man selbes nicht in Fässern, sondern gleich
in Flaschen verführt. Die Wagen bestehen nun aus geräumigen, höchstens
anderthalb Fuß hohen, gedeckten Kästen, die inwendig, gleich einem
Flaschenkorbe, in viele Fächer getheilt sind, in welche die Flaschen
gestellt werden.

Vielleicht nimmt man mir es nicht übel, wenn ich auch einer besonderen Art
von Körben erwähne, deren sich die Dienstleute bedienen, wenn sie Artikel,
die feucht oder schmutzig sind, wie z. B. Fische, Fleisch, Kartoffeln
u. s. w., einkaufen. Diese Körbe sind von feinem Weißblech, und mit einem
Henkel versehen. Die strohgeflochtenen Körbe gehören für Brot und andere
reine und trockene Eßwaaren.

Oeffentliche Gärten oder Versammlungsorte gibt es in Christiania eigentlich
keine, aber Spaziergänge desto mehr; denn jeder Weg, den man außer der
Stadt einschlägt, führt in die herrlichsten Gegenden, und jeder Hügel, den
man ersteigt, ja beinah jeder Punkt der von allen Seiten offenen Stadt,
bietet die wunderherrlichsten Aussichten.

_Ladegaardoen_ ist allenfalls der einzige Ort, den die Städter sehr
häufig sowohl zu Fuß als auch zu Wagen besuchen. Man hat hier viele und
prachtvolle Ansichten der See und deren Inseln, so wie der umliegenden
Gebirge, Thäler, Fichten- und Tannenwaldungen. Hier liegen auch sehr viele
Landhäuser. Die meisten sind klein, aber recht niedlich und von schönen
Obst- und Blumen-Gärten umgeben. -- Wenn ich da herumspazierte, glaubte ich
tief im Süden zu sein; -- so herrlich grünte und blühte Alles. -- Nur an
den Getreidefeldern erkannte ich den Norden. -- Nicht daß das Getreide
schlecht gestanden wäre, im Gegentheile, ich fand Waitzenähren, die sich
in höchster Fülle und Schwere zur Erde neigten, -- aber jetzt, gegen Ende
August, stand das meiste noch ungeschnitten auf dem Felde.

Schöne Wege führen durch einen Tannenwald, oft an Ausschnitten vorüber, die
so herrliche Prospecte gewähren, daß man stundenlang da verweilen könnte.
-- In diesem Walde stehen zwei Monumente, die jedoch beide nicht von
Bedeutung sind; das Eine gilt einem Kronprinzen von Schweden, _Christian
August_, das Andere dem Grafen _Hermann Wedel Jarlsberg_.



Reise nach Delemarken.


Alles was ich bisher von Norwegen gesehen, gefiel mir so außerordentlich,
daß ich der Begierde unmöglich widerstehen konnte, eine Reise nach den
wildromantischen Gegenden _Delemarkens_ zu machen. Man sagte mir freilich,
daß es für eine Frau _allein_, und noch dazu bei so geringer Kenntniß
der Sprache, ein etwas schwieriges Unternehmen sei, sich durch all das
Bauernvolk durchzuarbeiten. -- Nun fand sich aber in diesem Augenblicke
Niemand, der dieselbe Reise gemacht hätte, -- reisen wollte ich doch, und
so vertraute ich meinem Glücke und ging allein.

Nach den Erkundigungen, die ich in Betreff dieser Reise eingezogen hatte,
standen mir besonders dadurch viel Unannehmlichkeiten bevor, daß man
nirgends eine Anstalt trifft, die für das schnelle und bequeme Fortkommen
der Reisenden sorgt. Man ist gezwungen sich einen eigenen Wagen
anzuschaffen, und von Station zu Station Pferde zu miethen. Man bekommt
zwar wohl auch auf jeder Station ein Wägelchen, das aber nichts anders als
ein höchst elender Bauernkarren ist. Ich miethete daher zu Christiania
eine Carriol für die ganze Reise und ein Pferd bis nach dem 5 Meilen weit
entfernten Städtchen _Drammen_.

Am 25. August Nachmittags drei Uhr verließ ich Christiania, preßte mich in
meinen Wagen, und bemächtigte mich, dem Beispiele der norwegischen Frauen
folgend, allsogleich des Leitseiles. Ich fuhr so tapfer zu, als hätt' ich
dieß Geschäft schon seit meiner Kindheit betrieben, ich lenkte rechts und
links, und ließ mein Bräunchen laufen und springen, daß es eine Freude war.

Die Fahrt nach _Drammen_ ist das Herrlichste was man sehen kann. Hierher
soll jeder Maler kommen. -- Alle möglichen Naturschönheiten die er sich
nur denken kann, findet er hier in schönster Harmonie vereint. Man wird
gleichsam erdrückt von dieser Fülle und Reichhaltigkeit, -- und der
Maler könnte aus _einer_ Ansicht unzählige Bilder schaffen. -- Auch die
Vegetation ist hier viel kräftiger und üppiger, als ich sie so hoch im
Norden zu finden hoffte. Jeder Hügel, ja beinahe jeder Fels und Stein
ist von Tannen überschattet; das Grüne der Wiesen war von unnachahmlicher
Frische, das Gras mit Kräutern und Blumen durchwirkt, und die Felder
strotzten von üppiger Aehrenfülle.

Ich habe viele Länder, viele herrliche Gegenden gesehen, ich war in
Italien, in der Schweiz, in Tyrol und Salzburg gewesen; aber nirgends fand
ich so eigenthümliche Ansichten wie hier. -- Da war das Meer, das sich
überall hereindrängte und uns bis _Drammen_ folgte. Da bildete es bald
einen lieblichen See, auf dem sich einzelne Boote schaukelten, bald wieder
einen Strom, der sich durch Hügel und Felder die Bahn brach, bald war
es wieder die herrliche, weit ausgedehnte Wasserfläche, von ziemlichen
Dreimastern, gleich riesigen Schwänen, durchzogen und mit zahllosen Inseln
übersäet. Letztere bestehen oft nur aus einigen Felstrümmern, manche jedoch
bilden niedliche Eilande, auf welchen, halb verborgen von Feldern und
Bäumen, einzelne Hütten stehen. -- Durch üppige Thäler, durch herrliche
Waldungen dahin fahrend, stets begleitet von den schönsten Ansichten und
Bildern, erreichte ich nach fünf Stunden die Stadt _Drammen_, die sich an
den Ufern der See und des Flußes _Storri Elf_ ausbreitet, und deren Nähe
ich schon, bevor ich sie noch sah, an den umliegenden Landhäusern erkannt
hatte.

Ueber den Fluß führt eine lange, schön gebaute hölzerne Brücke, die mit
herrlichen eisernen Geländern versehen ist. Das Städtchen _Drammen_ hat
hübsche Gassen und Häuser, und über 6000 Einwohner. Das Gasthaus, in
welchem ich abstieg, war sehr nett und rein. Man wies mir zum Schlafgemache
einen Salon an, der gewiß auch den vornehmsten Städter in jeder Hinsicht
zufrieden gestellt hätte. -- Lächeln mußte ich dagegen, als man mir mein
frugales Abendmahl brachte, das aus einigen weichgekochten Eiern bestand.
Ich bekam dazu weder Salz noch Brot, noch ein Löffelchen, sondern nichts
als ein Messer und eine Gabel. -- Ich möchte doch wissen, wie es diese
Leute hier anstellen, weich gekochte Eier mittelst Messer und Gabel zu
verspeisen.


  25. August.

Ich miethete hier ein frisches Pferd, mit welchem ich bis _Kongsberg_, vier
Meilen weit, fuhr. Die ersten anderthalb Meilen boten eine Fortsetzung der
gestrigen romantischen Gegend; nur die See blieb zurück. Dafür hatte ich
lange den schönen Fluß zum Gefährten, bis ich eine kleine Anhöhe erklimmen
mußte, von der ich ein großes, und wie es schien, auch ziemlich bevölkertes
Thal übersah; denn überall lagen theils Gruppen von Häusern, theils
einzelne Höfe. -- Sonderbar ist es, daß man in ganz Norwegen selten große
Ortschaften findet; jeder Bauer baut sein Haus inmitten seiner Grundstücke.

Von dieser Anhöhe an wird und bleibt die Gegend etwas einförmig; am meisten
verliert sie durch den Mangel des Meeres. Die Gebirge werden niedriger,
das Thal verengt sich, und man ist allerseits von Wald- und Felspartieen
umschlossen. Was die norwegischen Felsenregionen ganz eigen für sich haben,
ist ihre Nässe. Von allen Seiten sickert das Wasser hervor, aber gerade nur
so viel, um die Steinflächen wie mit einem Schleier zu überdecken. Scheint
dann die Sonne auf solch eine benäßte Felsenplatte, deren es zwischen und
ober den Waldpartieen sehr viele und mitunter auch große gibt, so erglänzen
sie wie Glas- oder Spiegel-Wände.

Dieser Theil von Norwegen, nämlich _Delemarken_, scheint noch ziemlich
bevölkert zu sein. -- Selbst hier in diesen ausgedehnten, finstern
Waldungen traf ich häufig einzeln stehende Bauernhütten, die in die
einförmige Landschaft doch einiges Leben brachten. -- Der Fleiß des
norwegischen Bauers ist groß, denn jedes Fleckchen Erde, oft an den
steilsten Abhängen, war mit Kartoffeln, Gerste oder Hafer bebaut; auch ihre
Häuschen sehen recht freundlich aus und waren meist mit ziegelrother Farbe
übertüncht.

Die Straßen fand ich sehr gut. Besonders war es jene von Christiania
bis Drammen; auch an der von Drammen nach Kongsberg fand ich nur wenig
auszustellen. -- Man hat in Norwegen einen solchen Ueberfluß von Holz, daß
die Straßen von beiden Seiten mit hölzernen Zäunen besetzt sind; ja jede
Wiese, jedes Feld ist gegen das Eindringen des Viehes durch einen derlei
Zaun geschützt, und die schlechten Wege im Walde werden sogar mit runden
Baumstämmen überlegt.

Das Bauernvolk hat in diesen Gegenden keine eigene oder bemerkenswerthe
Tracht; nur die Kopfbedeckung der Weiber läßt komisch. Sie tragen nämlich
einen vollkommenen Damenhut, der, freilich nach einer Mode des vorigen
Jahrhunderts, rückwärts mit einem kleinen Bunde geziert, und vorne mit
einem großen Schirme versehen ist. Diese Hüte sind von allen Stoffen, meist
aus den Resten alter Kleidungsstücke zusammen gemacht, und nur an Sonntagen
sieht man schönere, manchmal sogar seidene.

In der Gegend von Kongsberg hört dieser Kopfputz auf; da tragen sie kleine
Häubchen, nach Art der schwäbischen Bäuerinen; Röcke, die beinah bis an die
Schultern reichen, und ganz kurze Spenser, eine Tracht, die sehr häßlich
läßt, da der ganze Wuchs durch den kurzen Leib verunstaltet wird.

Das Städtchen Kongsberg ist ziemlich ausgebreitet, und liegt über alle
Beschreibung schön auf einer kleinen Anhöhe in der Mitte eines großen
herrlichen Waldthales. Das ganze Städtchen ist zwar nur, wie alle Städte
Norwegens, Christiania ausgenommen, von Holz erbaut, doch hat es viele
schöne, nette Häuser und einige breite Gassen. Besonders hübsch nimmt sich
die Kirche aus, die auf der Spitze der Anhöhe steht, und hoch über alle
Gebäude empor ragt.

An der Stadt fließt der Strom _Storri Elf_, der gerade unterhalb der Brücke
über Felsentrümmer stürzt und einen, zwar kleinen, aber recht artigen
Fall bildet. Am besten gefiel mir dabei die Farbe des an den Felsen
aufspringenden Wassers. -- Es war gegen Mittag als ich über die Brücke
fuhr, die Sonne beleuchtete den Strom und die ganze Gegend, und die an den
Felsen zerschellenden, und wieder aufsteigenden Wogen erschienen, vermöge
der Beleuchtung, in schöner blaßgelber Farbe, so daß sie großen Massen des
herrlichsten, durchsichtigsten Bernsteines glichen.

In der Nähe von Kongsberg befinden sich zwei bedeutende Merkwürdigkeiten,
ein reichhaltiges Silber-Bergwerk, und ein herrlicher Wasserfall, der
_Labrafoß_. -- Da aber meine Zeit karg bemessen war, und ich nur einige
Stunden in Kongsberg verweilen konnte, zog ich es vor, den Wasserfall zu
besuchen, und mir von dem Silberbergwerke blos erzählen zu lassen, daß sich
der tiefste Schacht 800 Fuß unter der Erde befinde, und daß es da höchst
beschwerlich sei herum zu gehen, indem Kälte, Rauch und Pulverdampf eine
gar unangenehme Wirkung auf den an Licht und Luft gewohnten Reisenden
machen.

Ich miethete also ein Pferd und fuhr zu dem Falle, der ungefähr eine kleine
Meile von Kongsberg entfernt in einem engen Waldthale liegt. -- Der Strom
bildet eine kleine Strecke vor dem Falle ein stilles ruhiges Wasserbecken,
und stürzt dann mit jähem Falle dem Abgrunde zu. Sowohl die bedeutende
Tiefe des Falles, als auch die Fülle des Wassers bilden einen wahrhaft
imposanten Anblick. Dieser wird noch gesteigert durch einen ungeheuren
Felskoloß, der gleich einer Wand im untern Becken aufgepflanzt ist, und
sich dem eilig dahin brausenden Elemente entgegen stemmt. An ihm prallt der
größte Theil des Wassers zurück, erhebt sich dann in mächtigen Massen, und
stürzt hinüber, auf seinem ferneren Laufe noch einige kleine Fälle bildend.

Ich stand auf einem hohen Fels, ward aber doch von dem Staubregen erreicht,
und oft derart überschüttet, daß ich kaum die Augen öffnen konnte. Der
Führer leitete mich dann hinab in die Tiefe, um auch von da den Fall, und
zwar von verschiedenen Seiten betrachten zu können; -- überall erschien er
anders und herrlicher. Ich sah auch hier an den Wasserstrahlen, die sich
an dem Felsen brachen, und von der Sonne erleuchtet waren, jene gelbe,
durchsichtige Farbe, die mir bereits an dem Falle bei Kongsberg aufgefallen
war. Meines Erachtens rührt sie, nebst der Beleuchtung, von den Felsen her,
die in der ganzen Gegend häufig als braun-röthliches Gestein vorkommen,
denn das Wasser selbst war klar und rein.

Um 4 Uhr Nachmittag verließ ich Kongsberg, und fuhr nach dem vier Meilen
entfernten Oertchen _Bolkesoe_. Die Fahrt gehörte eben nicht zu den schönen
oder angenehmen. Der Weg war meistentheils sehr schlecht, und führte
fortwährend durch Schluchten und Thäler, durch Waldungen und über steile
Berge, und dazu überraschte uns eine finstere, mondlose Nacht. -- Oft kam
mir der Gedanke wie leicht es meinem Führer, der knapp hinter mir auf dem
Wagen saß, wäre, mich durch einen sanften Schlag aus der Welt zu expediren,
um sich dann meiner Habseligkeiten zu bemächtigen. Doch ich vertraute dem
biedern Charakter der Norweger, fuhr ruhig meines Weges, und schenkte meine
ganze Aufmerksamkeit der Lenkung meines Rößleins, das ich über Berg und
Thal, über Löcher und Steine und neben Abgründen mit sicherer Hand leiten
mußte. Ich hörte keinen andern Laut, als das Brausen eines Waldstromes,
der oft knapp an unserer Seite über Felsen dahin stürmte, und oft wieder in
weiter Ferne zu verrauschen schien.

Erst gegen 10 Uhr Nachts erreichten wir das Oertchen _Bolkesoe_. -- Eine
kleine Angst befiel mich, als wir an einem unansehnlichen Bauernhause
anhielten; -- die isländischen Nachtlager waren mir noch ganz frisch
im Andenken, und ich dachte es hier nicht viel besser zu finden. -- Wie
angenehm war ich daher überrascht, als mich die Bäuerin über eine bequeme
Treppe in ein großes, nettes Zimmer führte, das nebst einigen guten Betten
auch mit Bänken, einem Tische, Kasten, und sogar mit einem eisernen Ofen
versehen war. -- Eben so fand ich es auch auf den ferneren Stationen.

In Norwegen gibt es auf den weniger befahrenen Straßen eigentlich keine
Gast- und Posthäuser. Beide Geschäfte werden von den wohlhabenderen
Bauern versehen. Es ist jedoch jedem Reisenden zu rathen, Brot und andere
Lebensartikel selbst mitzuführen, indem er von diesen »Bauern-Wirthen«
selten etwas bekömmt. -- Ihre Kühe haben sie während des Sommers stets auf
den Höhen der Gebirge, oder auf den Alpen, -- Hühner sind für sie ein zu
großer Luxus-Artikel, und das Brot, das sie backen, ist kaum zu genießen.
Es besteht aus großen runden Kuchen, die höchstens einen halben Zoll dick
und sehr hart sind, oder aus eben so großen Kuchen, die kaum Messerrücken
dick, und ganz ausgetrocknet sind. -- Das Einzige, was ich manchmal fand,
waren Fische und Kartoffeln, und hatte ich Zeit einige Stunden irgendwo zu
bleiben, so brachte man mir auch gute Milch von der Alpe herab.

Noch schlechter steht es mit der Weiterbeförderung; doch werde ich dieß
Kapitel erst später berühren, wenn ich noch größere Erfahrungen gemacht
haben werde.


  26. August.

Erst heute bei Tage konnte ich die Lage des Oertchens Bolkesoe besehen;
gestern war sie mir durch das Dunkel der Nacht verborgen. Es liegt in einem
niedlichen Waldthale, auf einem kleinen Hügel, zu dessen Füssen sich ein
artiger See gleichen Namens ausbreitet.

Von hier bis _Tindosoe_, 3½ Meile ist der Weg nicht mehr fahrbar, man muß
seine Zuflucht zum reiten nehmen; ich ließ also mein Carriol zurück und
stieg zu Pferde. -- Die Gegend wird nun immer unbewohnter und stiller, und
die Thäler werden zu förmlichen Schluchten. Um so überraschender ist der
Anblick zweier Seen, die in ziemlicher Ausdehnung zwischen den Bergen
liegen. Der größere davon, der Foelsoe, hat eine ziemlich regelmäßige Form,
mag eine halbe Meile im Durchmesser haben, und ist von schönen Gebirgen
kreisförmig umgeben. Besondern Effect machen die düstern Schatten, die die
nadelbewachsenen Spitzen der Berge auf seine spiegelglatte Fläche werfen.
Ich ritt über eine Stunde an seinen Ufern, und hatte überhaupt während
dieser ganzen Partie Zeit genug, Alles genau zu besehen und zu betrachten,
denn das Reiten geht hier zu Lande höchst langsam von statten. Der
Begleiter hat kein Pferd, und geht nebenher zu Fuß, und zwar meist auf
etwas schläfrige Weise; das Pferd kennt durch mehrjährige Erfahrung die
Eigenschaft seines Herrn, und ist nur zu bereitwillig, ihn dabei durch
einen ebenfalls langsamen, schwerfälligen Gang zu unterstützen. -- Ich ritt
über 5 Stunden bis nach dem Oertchen Tindosoe. -- Von hier muß man, um nach
dem berühmten Wasserfalle des _Rykanfoß_ -- meinem dießmaligen Ziele -- zu
gelangen, über einen großen See schiffen. -- Obwohl der Regen bereits seit
der letzten Meile mein unzertrennlicher Begleiter gewesen war, und der
Himmel von allen Seiten höchst melancholisch auf mich herab blickte,
miethete ich doch augenblicklich ein Boot mit zwei Ruderern, um meine Reise
alsogleich fortzusetzen. Ich befürchtete nämlich einen Sturm, und würde
dann keinen Schiffer gefunden haben, der es gewagt hätte, die 4 oder 5
Stunden lange Fahrt auf diesem gefährlichen See zu unternehmen. -- Nach
zwei Stunden war schon Alles in Ordnung, und unter heftigem Regen fuhr
ich ab. -- Ich mußte mich noch glücklich schätzen, doch wenigstens keine
starken Nebel zu Begleitern zu haben, denn dadurch wären mir die großen
Schönheiten der mich umgebenden Natur verborgen geblieben. -- Der See ist
bei 4 Meilen lang, jedoch nur an manchen Stellen eine halbe Meile breit. Er
ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die zum Theil sich terassenförmig
erheben, und auch nicht den kleinsten Ausschnitt zu einer Fernsicht bilden.
In Folge dieser Gebirge, die größtentheils mit finstern Tannenwaldungen
bedeckt sind und vermöge der nicht sehr bedeutenden Breite des See's ihn
ganz überschatten, sieht sein Wasser vollkommen dunkel, ja beinahe schwarz
aus. -- Dieser See ist sehr gefährlich zu befahren wegen der vielen
Felswände, die senkrecht aus dem Wasser steigen. Ueberfiele den Fahrenden
in ihrer Nähe ein Sturm, so würde sein Boot an ihnen zerschmettert, und er
in der Tiefe des See's sein Grab finden. -- Wir hatten zwar auch ziemlichen
Wind, er war uns aber günstig, und trieb uns rasch unserm Ziele zu. -- An
einer dieser Felswände bildet sich ein starkes Echo.

Dieser See hat eine Insel, an der man gleich nach der ersten Meile vorüber
kömmt; sie ist höchstens eine viertel Meile lang, und scheidet ihn in
zwei ganz gleiche Theile. -- Nunmehr gestalten sich die Gebirge ganz
eigenthümlich. Ein Berg scheint dem andern vortreten zu wollen, und schiebt
seinen Fuß tiefer in den See hinein; es bilden sich dadurch viele liebliche
kleine Buchten, deren Mehrzahl aber weder zum Landen noch zum Einfahren
geeignet ist, da überall gefährliche Klippen und Felsen aus dem Wasser
hervorragen.

Wunderbar nehmen sich die kleinen Fleckchen Wiesen oder Felder aus, die wie
an den Wänden zu schweben scheinen, so wie die bescheidenen Häuschen der
Bauern, die oft an den gefährlichsten Abhängen stehen, und über die sich
Felsmassen und Trümmer zu Bergen thürmen. Die fürchterlichsten Blöcke
hängen hie und da darüber, und drohen den baldigen Einsturz, der freilich
Hütte und Felder mit in den See reißen würde. Man weiß da wahrlich nicht,
ob man die Wahl solcher gefährlicher Wohnplätze mehr der Tollkühnheit oder
der Dummheit der Bauern zuschreiben soll.

Von den Bergen stürzen sich viele Flüsse in den See, die wunderschöne,
wasserreiche Fälle bilden. Freilich mag dieß auch nur jetzt der Fall
gewesen sein, weil es unaufhörlich regnete, so daß von allen Seiten
Wasser herabrieselte, und die Berge und Felsen wie mit zarten Silberfäden
durchwirkt erschienen. Es war ein schöner Anblick; ich würde ihm aber gerne
entsagt, und dafür lieber die Sonne gesehen haben. Sich einem so heftigen
Gebirgsregen von Früh bis Abends Preis zu geben, ist denn doch keine
Kleinigkeit. -- Ich war durch und durch naß, und hatte keine Aussicht auf
besseres Wetter, da der Himmel auf allen Seiten finster, und mit Wolken
bedeckt war. Bald wäre sogar meine Beharrlichkeit erschüttert worden, und
ich war schon deßhalb im Begriffe umzukehren, und dem Ziele meiner Reise,
dem Anblicke des höchsten norwegischen Wasserfalles zu entsagen; -- --
da fiel mir ein, daß dieses schlechte Wetter meinem Zwecke gerade günstig
wäre, daß mit jedem Tropfen die Schönheit des Wasserfalles gesteigert
würde, -- und ich ließ vorwärts rudern.

Nach vierthalb Stunden erreichten wir _Haukaneß am See_, an welchem Orte
man gewöhnlich über Nacht zu bleiben pflegt, da man hier einen recht netten
»Hof« findet, und die Entfernung des Falles doch noch bedeutend ist.


  27. August.

Mein erster Blick war des Morgens nach dem Wetter, -- ach! es war so wie
gestern, und die erfahrnen Bauersleute prophezeiten mir, daß es auch so
bleiben würde. Umkehren, oder hier einige Tage auf besseres Wetter warten
wollte ich nicht, und so blieb mir nichts anders übrig, als mein Boot
wieder zu besteigen, meinen ganz durchnäßten Mantel umzuhängen, und muthig
weiter zu schiffen.

Schon das Schlußbild des See's, das sich uns bald zeigte, entschädigte mich
zum Theil für meine bewiesene Ausdauer. -- Ein hoher Berg stellt sich
der Breite nach dem See entgegen, der sich beiderseits an seinen Abhängen
verläuft, und zwei überaus reizende Buchten bildet. Wir lenkten in die
linkseitige, und landeten bei dem Oertchen _Mael_, das an der Mündung des
Flusses Rykaneß liegt. Die Entfernung von Haukaneß bis hieher beträgt eine
halbe Meile.

Ich mußte nun ein Pferd besteigen, um zu dem noch 2½ Meilen entfernten
Wasserfalle zu gelangen. Der Weg führt durch ein schmales Thal, das immer
enger und enger wird, und bald blos dem Strome Raum gibt, so daß man die
Höhen ersteigen, und sich an den Abhängen der Berge fortwinden muß. Man
sieht dann unten im Thale nur den Schaum der Wellen, die sich an den
Klippen und Felsen brechen; -- gleich einem Silberfaden erglänzt ihr Band
in der finstern Tiefe. Oft führt der Weg so hoch an den Bergen, daß man
weder den Strom selbst sieht, noch sein Rauschen vernimmt. -- Die letzte
halbe Meile muß man zu Fuß machen. Da gelangt man an Stellen, die wirklich
gefährlich zu passiren sind; zahlreiche Wasserfälle, die man auf Stegen von
zusammen gelegten Baumstämmen umgehen muß, stürzen von den Bergen und kaum
fußbreite Wege führen an schwindelnden Alpenwänden vorüber. -- Doch
kann man sich furchtlos auf den Arm des Führers stützen, der noch Jeden
glücklich an das ersehnte Ziel geleitete.

Diese Partie von Haukaneß bis an den Wasserfall müßte an einem
freundlichen, sonnenhellen Tage das schönste sein, was man sich wünschen
könnte; denn selbst trotz dem beständigen Regen trotz meinen von
Nässe triefenden Kleidern, ward ich begeistert von der mich umgebenden
wildromantischen Natur, und hätte um keinen Preis meinem vorgesteckten
Ziele entsagt. Leider nahm das Unwetter immer mehr zu, und dichte Nebel
wälzten sich von allen Seiten dem Thale zu. Das Wasser rieselte überall von
den Bergen herab, und verwandelte unsern Gehsteig oft in einen förmlichen
Bach, dessen Wasser uns hoch über die Knöchel ging. -- Endlich gelangten
wir an die Stelle, von welcher der Fall am besten übersehen werden konnte.
Noch war er nebelfrei, und es war mir vergönnt, die außerordentliche
Schönheit seines Sturzes und seines Wasserreichthumes zu bewundern. Ich sah
den ungeheuern Felsberg, der das Thal schließt, die ungeheure Wassersäule,
die über ihn rollt, und in der Mitte des Falles an den vorragenden Felsen
anprallend, und das ganze Thal mit Schaumwolken erfüllend, kaum die
Tiefe erkennen läßt, in die sie hinabstürzt. -- Ach! ich sah eines der
seltensten, eines der herrlichsten Naturwunder, aber ich sah es nur -- auf
einen Augenblick; ich hatte nicht einmal Zeit, mich von der Ueberraschung
des ersten Anblicks zu erholen. Es war mir nicht vergönnt die einzelnen
Großartigkeiten des Falles oder seiner Umgebung anzustaunen, -- ich mußte
mit _einem_ Bilde, mit _einem_ Blicke zufrieden sein. Undurchdringliche
Nebel senkten sich von allen Seiten in die wilde Schlucht herein, und
hüllten Alles in völlige Nacht. Ich setzte mich auf einen Felsblock,
und starrte zwei Stunden lang auf den Ort hin, wo der Fall kaum in den
schwächsten Umrissen durch den Nebel zu erkennen war; oft aber gingen sogar
diese verloren, und dann erkannte ich seine Nähe nur an dem fürchterlichen
Tosen des Sturzes, und an dem Erzittern der Felsen unter meinen Füssen.

Nachdem ich so lange geschaut und gehofft, und meinen Blick vergebens, nur
um einen einzigen Sonnenstrahl flehend, zum Himmel erhoben hatte, mußte
ich mich endlich doch zur Rückkehr entschließen. Beinah mit Thränen im Auge
verließ ich meinen Standpunkt, und hatte im Vorwärtsschreiten den Kopf
mehr rück- als vorwärts gewendet. Hätte sich der Nebel nur etwas zerstreut,
gleich würde ich wieder umgekehrt sein.

Leider entfernte ich mich immer mehr und mehr davon, bis zu dem Oertchen
_Mael_, wo ich betrübt mein Boot wieder bestieg, und ohne Unterbrechung
nach dem Oertchen Tindosoe fuhr. -- Erst gegen 10 Uhr Abends kam ich da
an. -- Die schreckliche Nässe, die Kälte, der gänzliche Mangel an
Nahrungsmitteln, und vor allem Andern meine durch die getäuschte Hoffnung
etwas getrübte Gemüthsstimmung hatten mich so angegriffen, daß ich mich mit
leichten Fieberanfällen zu Bette legte, und schon glaubte, meine Reise
des andern Tages nicht fortsetzen zu können. -- Doch meine kräftige Natur
besiegte Alles, und um 5 Uhr Morgens war ich schon wieder bereit meine
Reise zu Pferd nach Bolkesoe anzutreten.

Ich mußte so eilen, um die Abfahrt des Dampfschiffes von Christiania
nicht zu versäumen. -- Man hatte mir die Reise nach Delemarken viel kürzer
angegeben, als ich sie in der Wirklichkeit fand; auch nimmt das ewige
Warten auf Pferde, Boote, Führer u. s. w. sehr viele Zeit in Anspruch.


  28. August.

Ich hatte mir in Tindosoe schon Abends vorher das Pferd zur Weiterreise auf
heute Morgens 5 Uhr bestellt; trotz dem mußte ich bis 7 Uhr warten.

Obwohl ich nur eine kleine Reise in das Innere des Landes machte, hatte ich
doch volle Gelegenheit, all die Prellereien und Unannehmlichkeiten kennen
zu lernen, welchen der Fremde in Norwegen ausgesetzt ist. -- Ich
glaube, daß es in ganz Europa kein Land geben mag, das hinsichtlich der
Reiseverbindungen noch so in der Kindheit liegt wie dieses. Man bekömmt
zwar überall Pferde, Wagen, Boote u. s. w., das Gesetz hat auch die
Gebühren dafür festgestellt; leider ist aber Alles in den Händen der Bauern
oder der Wirthe, und diese wissen den Fremdling durch ihr Zaudern, und
durch ihre absichtliche Langsamkeit so zu quälen, daß er, um nur etwas
schneller fort zu kommen, gezwungen ist, das Doppelte und Dreifache zu
bezahlen. Die Stationen sind sehr klein, höchstens 1 oder 1¼ Meile lang;
man muß daher alle Augenblicke Pferde wechseln. Kömmt man nun auf die
Station, so ist entweder wirklich kein Pferd vorhanden, oder es wird nur
so vorgegeben. -- Dem Fremden wird dann gesagt, daß man das Pferd erst vom
Berge holen müsse, daß er aber in 1½ bis 2 Stunden befördert werde. -- Man
fährt also eine Stunde um dann zweie warten zu können. Es ist auch höchst
nöthig ein ganzes Register zu führen; denn jede Kleinigkeit, der Wagen, der
Sattel, das Pferdegeschirr, das Holen des Pferdes, das Boot u. s. w., Alles
muß bezahlt werden. Weiß man nun nicht die dafür bestimmten Taxen, so wird
man auch hierin tüchtig betrogen. Auf jeder Station liegt zwar ein Buch, in
welchem sie angegeben sind; es ist aber nur in der Landessprache, und also
für den Fremden so gut als gar nicht vorhanden. Man kann in dieses Buch,
das alle Monate dem nächsten Gerichte vorgelegt werden muß, auch seine
Klagen gegen Bauer oder Wirth einzeichnen; jedoch scheinen Beide nur wenig
Furcht davor zu haben, denn der Führer z. B. der mich nach dem Rykanfosser
Falle begleitete, suchte mich zweimal auf die unverschämteste Weise zu
prellen, indem er für den Gebrauch des Sattels das Achtfache, und für das
Holen des Pferdes das Sechsfache begehrte. Als ich ihm mit dem Strafbuche
drohte, kehrte er sich wenig daran, und bestand derart auf seiner
Forderung, daß ich ihn wirklich bezahlen mußte. Bei meiner Rückkehr nach
Mael hielt jedoch auch ich Wort, forderte das Buch, und zeichnete in
Gegenwart aller Bauern, obwohl ich mich ganz allein unter ihnen befand,
meine Klage ein -- Es war nicht der Geldbetrag, was mich dazu bewogen,
sondern nur die niederträchtige Prellerei. Ich bin der Meinung, daß jeder
Mensch sich stets beschweren soll, wenn ihm Unrecht geschieht; wird auch
ihm selbst nichts vergütet, so macht er es vielleicht doch für seinen
Nachfolger leichter.

Zum Lobe der Bauern muß ich sagen, daß, als ich ihnen die Betrügereien
ihres Landsmannes erklärte, sie sehr ungehalten über ihn waren, und
durchaus keinen Versuch machten, mich von der Klage abzuhalten.

Um nun noch zum Schlusse meiner Reise zu kommen, so bemerke ich nur, daß
der Regen zwar aufgehört hatte, der Himmel jedoch noch immer mit Wolken
bedeckt, und die Gegend in Nebel gehüllt war. Ich nahm deßhalb den frühern
kürzern Weg nach Christiania zurück, obwohl ich dadurch um eine schöne
Partie kam, wo ich, wie man mir sagte, eine der herrlichsten Gegenden,
und besonders der schönsten Fernsichten Norwegens gesehen hätte. Man kann
nämlich von Kongsberg über Kroxleben nach Christiania gehen. Bei Kroxleben
ist diese herrliche Gegend.

Doch meine Zeit war zu kurz, um diesen Umweg machen zu können, und ich ging
über Drammen zurück. Eine Meile hinter Kongsberg, in dem Oertchen _Muni_,
wo ich gegen 7 Uhr Abends ankam, wollte mich der liebenswürdige Wirth
abermals zwei Stunden auf ein Pferd warten lassen. Da mir dasselbe
wahrscheinlich auf jeder Station geschehen wäre, so war ich gezwungen
ein Pferd gleich auf die ganze noch übrige Strecke von 6 Meilen, bis
Christiania, um den dreifachen Betrag zu miethen, legte mich dann auf
einige Stunden zur Ruhe, fuhr in der Nacht um 1 Uhr ab, und erreichte
Christiania glücklich gegen 2 Uhr Nachmittag.

Ich fand auf dieser Reise alle jene Leute sehr gut und gefällig, die mit
mir in keine Geldverbindung kamen, aber die Wirthe, Bootführer, Fuhrmänner,
Führer u. s. w. waren eben so eigennützig und habsüchtig, wie in allen
andern Ländern. -- Ich glaube, daß man bei diesen Leuten Biederkeit und
Treuherzigkeit nur dort fände, wo man das Glück hätte _der erste Reisende_
zu sein.

Diese kleine Reise kam mich ziemlich theuer, und dennoch getraute ich mich
auch dieses bekannt theure Land ziemlich billig zu durchreisen. Ich würde
mit dem Dampfschiffe die Küstenreise bis Hammerfast machen, dort mir ein
gutes Pferd und ein Wägelchen kaufen, und dann die Reise mitten durch das
Land recht angenehm und ohne Aerger fortsetzen. Einer Familie aber, die in
einem gedeckten bequemen Wagen fahren wollte, käme diese Reise über alle
Maßen hoch, und wäre wohl an manchen Stellen, der schlechten Wege halber,
gar nicht ausführbar.

Das norwegische Landvolk ist kräftig und stark, ihre Gesichtszüge gehören
aber gerade auch nicht zu den hübschen und anmuthigen; -- auch schienen
sie mir weder wohlhabend noch Reinlichkeit liebend zu sein. Sie waren
meistentheils sehr ärmlich gekleidet, und gingen barfuß. Ihre Hütten, von
Holz erbaut, und häufig mit Ziegeln gedeckt, sind zwar geräumiger als
jene der Isländer, aber nichts desto weniger schmutzig und armselig. Eine
Schwäche der Norweger scheint der Kaffee zu sein. Sie trinken ihn schwarz
und ohne Zucker. -- Die alten Weiber rauchen so gut wie die Männer des
Abends und des Morgen ihr Pfeifchen.

  Von Christiania bis Kongsberg                     9 deutsche M.
  Von Kongsberg bis an den Wasserfall Labrafoß      1    "     "
  Von Kongsberg nach Bolkesoe                       3    "     "
  Von Bolkesoe bis Tindosoe                         3½   "     "
  Von Tindosoe über den See nach Maelen             3½   "     "
  Von Maelen bis an den Wasserfall Rykanfoß         2½   "     "
                                                   --------------
                                                   22½ Meilen.



Reise von Christiania nach Stockholm.


  30. August.

Von den Segenswünschen meiner lieben Landsmännin und ihrem Gemahl, Herrn
Procurator M.... begleitet, verließ ich um 7 Uhr Morgens Christiania, und
fuhr auf demselben Dampfschiffe, das mich vor zehn Tagen hieher gebracht
hatte, nach Gothenburg zurück. -- Ich habe von dieser Fahrt nur noch die
herrliche Ansicht eines Theiles des Christians-Sundes -- auch _Fiord_
genannt -- nachzutragen, die mir bei der Herreise durch die Dunkelheit
entzogen wurde. -- Wir kamen da Nachmittags vorüber. -- Die Lage des
Städtchens _Lauervig_ gehört zu den ausgezeichnetsten. Es breitet sich
auf einer erhöhten Naturterasse aus, und ist im Hintergrunde von schönen
Gebirgen umgeben. Vorne liegt die Festung _Friedrichsver_ auf einem
Fels, der von vielen Klippen und Felsen umgeben ist, auf welchen einzelne
Wachhäuschen stehen. Links sieht man das weite Meer.

Bei _Friedrichsver_ hatten wir uns über eine Stunde verhalten. Es
wird nämlich, wie auf der Hinreise von Kopenhagen nach Christiania bei
Sandessund, so auf der Rückreise bei Friedrichsver angehalten, um die nach
_Bergen_ abgehenden Reisenden dem bereits vor Anker liegenden Dampfschiffe
zu übergeben.

Dieß Bild machte den Schlußstein des _Fiordes_, folglich auch des Schönen,
denn nun ging es hinaus in die offene See, und schon nach einigen Stunden
war alles Land unserem Blicke entschwunden. Wir sahen nun nichts als Himmel
und Wasser, bis wir am folgenden Morgen an die _Scherren_ kamen und nach
_Gothenburg_ einlenkten.


  31. August.

Wir hatten die ganze Nacht _hohe See_ gehabt, und trafen deßhalb in
_Gothenburg_ um drei Stunden später als gewöhnlich ein. Wunderbar machte
sich bei diesem Stande der bewegten See die schäumende Brandung an den
vielen Klippen und Inseln in der Nähe _Gothenburgs_.

Die wenigen Reisenden, die sich auf den Füßen erhalten konnten, die nicht
der Seekrankheit erlagen, und auf dem Decke geblieben waren, sprachen
viel von dem gegenwärtigen gefährlichen Sturm. -- Ich hatte mich oft schon
verwundert, jeden Menschen, und wenn er auch nur eine ganz kleine Fahrt
von 40-60 Seemeilen über irgend einen Kanal gemacht hatte, von den
schrecklichen Stürmen erzählen zuhören, die er auf seiner Reise erlebte. --
Nun konnte ich mir die Sache erklären, da die Reisenden neben mir den
etwas scharfen Wind, der nichts als ein -- wie die Seeleute es nennen
-- Hochgehen des Meeres bewirkte, bereits für einen Sturm erklärten, und
wahrscheinlich zu Hause viel von den überstandenen Gefahren erzählten.
Die Stürme sind, Gott sei Dank, nicht gar so häufig. Ich selbst habe schon
viele tausend Seemeilen, und gar manche stürmische Ueberfahrt -- besonders
jene von Kopenhagen nach Island -- gemacht, und dennoch erlebte ich
eigentlich nur _einen_ Sturm, aber einen desto bedeutenderen und wirklich
gefährlichen, im Monat April 1842, als ich über das schwarze Meer nach
Constantinopel fuhr.

Wir langten im Hafen von _Gothenburg_, wie bereits gesagt, um drei Stunden
später -- statt um sechs Uhr, erst um neun Uhr des Morgens an. -- Ich
ließ mich gleich in die Stadt rudern, um mit dem nächsten Stockholmer
Dampfschiffe die berühmte Schleußenfahrt über die Wasserfälle bei
_Trollhätta_ zu machen. -- Durch die Verbindung des Flußes _Götha_ mit
einigen Binnenseen durchschneidet dieses große Werk das ganze Land und
verbindet die Nordsee mit der Ostsee.

Ich fand dießmal die Stadt _Gothenburg_ ganz außerordentlich belebt. Der
König von Schweden befand sich hier auf der Durchreise nach Christiania,
wohin er ging, um den Storthing zu schließen. Es war eben Sonntag, und
der König mit seinem Sohne gerade in der Kirche. Die Straßen wogten von
Menschen, die sich alle dem Platze zudrängten, um die Majestät bei ihrem
Austritte aus dem Dome zu sehen. Natürlich hatte auch ich nichts Eiligeres
zu thun, als mich unter die Menge zu mischen, und glücklich sah ich Vater
und Sohn aus der Kirche treten, den Wagen besteigen und knapp an mir
vorüberfahren. Beide waren schöne, freundliche Erscheinungen. Das Volk
stürmte dem Wagen nach, und haschte begierig nach den herzlichen Grüßen des
geistvollen Vaters, wie des hoffnungsvollen Jünglings; es begleitete sie
bis an die Wohnung, stellte sich vor derselben auf, und sah mit Sehnsucht
dem Augenblicke entgegen, in welchem sie sich am Fenster zeigen würden.

Ich hätte fürwahr an keinem günstigeren Tage hier eintreffen können, denn
heute sah ich Alles geschmückt und geputzt; Militär, Geistlichkeit, Beamte,
Bürger und Volk waren dem Könige zu Ehren im vollsten Staate.

Unter dem herbei geströmten Landvolke bemerkte ich zwei Bäuerinen, die
etwas eigens gekleidet waren. Sie trugen schwarze Röcke, die bis an die
halbe Wade reichten, rothe Strümpfe, rothe Leibchen und weiße Hemden mit
langen weiten Aermeln. Die Köpfe hatten sie mit Tüchern verhüllt. -- Einige
Bürgerinen trugen kleine Häubchen nach Art der schwäbischen, und darüber
einen kleinen, schwarzen, gestickten Schleier, der jedoch das Gesicht frei
ließ.

Auch hier sah ich, so wie zu Kopenhagen, unter den Trommelschlägern und in
den Musikbanden des Militärs 10-12jährige Knaben.

Der König blieb noch diesen und den folgenden Tag in _Gothenburg_, und
setzte erst Dienstags seine Reise fort. An den beiden Abenden seiner
Anwesenheit waren allerorts die Fenster mit Guirlanden von frischen Blumen
geschmückt, zwischen welchen Lichter brannten. -- An manchen Häusern waren
sogar Transparente sichtbar, die jedoch dem Erfindungsgeiste der guten
Gothenburger gar keine große Ehre machten. Alle waren gleich, jedes zeigte
ein ungeheures »~O~« (Oskar), über welchem die königliche Krone angebracht
war.

Ich mußte vier ganze Tage in Gothenburg bleiben; auch in Schweden scheint
bei den Eintheilungen der Fahrten wenig Rücksicht auf die schnellere
Beförderung der Reisenden genommen zu werden. An demselben Tage als ich mit
dem Dampfschiffe von Christiania kam, ging jenes nach Stockholm ab, aber
leider schon um fünf Uhr Morgens. -- Da nun im Monate September nur
mehr zwei Dampfboote wöchentlich nach Stockholm abgehen, mußte ich bis
Donnerstag warten. -- Ich empfand bis dahin ziemlich Langeweile, denn
die Stadt selbst so wie die herrliche Aussicht auf dem Hügel zwischen den
Vorstädten hatte ich bereits während meiner frühern Anwesenheit gesehen,
und die übrige Umgebung der Stadt bestand nur aus kahlen Felsen und
Klippen, die nichts Sehenswerthes boten.


  4. September.

Der Zudrang der Reisenden war dießmal so groß gewesen, daß man schon zwei
Tage vor der Abfahrt keinen andern Platz mehr als auf dem Decke bekommen
konnte; mehrere Frauen und Herren, die die nächste Gelegenheit nicht
abwarten wollten, mußten sich damit begnügen. Auch mich traf dieß
Schicksal; denn ich dachte nicht an die Möglichkeit einer solchen
Ueberfüllung, und nahm erst zwei Tage vor der Abreise einen Platz. --
Während der Fahrt bekamen wir auf den verschiedenen Stationen auch noch
Passagiere, und da kann man sich nun den Jammer der armen, jeder Beschwerde
ungewohnten Städter denken. -- Da suchte nur jedes ein Plätzchen für
die Nacht. Einige Glückliche erhielten die winzig kleinen Gemächer des
Maschinisten und des Steuermannes, und die andern kauerten sich in den
Gängen und an den Stufen der zu den Kajüten führenden Treppen nieder. --
Auch mir bot man ein Plätzchen in der kleinen auf eine Person berechneten
Kajüte des Maschinisten; da waren aber bereits 3-4 Personen hineingepreßt,
und ich zog es daher vor, lieber Tag und Nacht auf dem Decke zu
bivouakiren. Einer der Herren war so gütig mir einen tüchtigen Mantel zu
borgen, in welchen ich mich einhüllen konnte, und so schlief ich
unter Gottes freiem Himmel viel besser, als meine Gefährten in ihrer
Schwitzkammer.

Die Einrichtung auf den Schiffen die den Göthakanal befahren, ist auch
nicht die beste. Der erste Platz ist zwar sehr bequem, und sein Kajütenraum
ist in artige, lichte Kabinete für zwei und zwei Personen eingetheilt; aber
desto schlechter steht es mit dem zweiten Platz; da wurden des Nachts
nur Hängematten aufgezogen; über Tag diente er zum gemeinschaftlichen
Speisesaale. -- Noch schlechter ist für das Gepäck gesorgt. Die Schiffe,
die den Kanal befahren, haben einen etwas beschränkten Kielraum, und da
werden die Koffer, Kisten, Felleisen u. s. w. auf dem Decke aufgespeichert,
gar nicht befestiget, und nur höchst nothdürftig gegen den Regen geschützt.
Daß aber diese Nachlässigkeit bei einer Fahrt von 5-6 Tagen gar zu groß
ist, bewies die Folge. -- Der Regen und die aufschlagenden Wogen der
Binnenseen setzten den Raum des zweiten Deckplatzes oft 2-3 Zoll hoch unter
Wasser, und das Gepäck wurde von allen Seiten durchnäßt. Noch ärger war
es während des Sturmes auf dem Wennersee; der warf das Schiff etwas
derb herum, wodurch mancher Koffer sein Gleichgewicht verlor, und den
Vorübergehenden auf den Kopf zu stürzen drohte. Dagegen sind die Preise
sehr billig; eine Sache, die mir doppelt auffiel, da doch die vielen
Schleußen bedeutende Kosten verursachen müssen.

Nun zur Reise selbst.

Um fünf Uhr Morgens wurde abgefahren, und bald befanden wir uns im
Götha-Fluß, dessen Ufer Anfangs sehr flach und öde sind. Das Thal selbst
ist von kahlen, felsigen Hügelketten begrenzt. -- Nach ungefähr zwei
Meilen[6] kamen wir zu dem Städtchen _Kongelf_, das 1000 Einwohner haben
soll. Es liegt an und hinter Felsen, und bleibt dadurch dem Auge theilweise
verborgen. Dem Städtchen gegenüber, auf einem Fels, steht die Ruine
der einstmaligen Festung _Bogus_. Von hier fängt die Gegend an etwas
mannigfaltiger zu werden. Waldpartieen wechseln mit den kahlen Felsen ab;
an beiden Seiten öffnen sich kleine Thäler, und der Fluß selbst, hier
durch eine Insel getheilt, breitet sich später oft bedeutend aus. -- Die
Bauerhäuser sahen größer und netter aus, als jene in Norwegen; sie sind
meist ziegelroth angestrichen, und stehen oft auch in größern Gruppen
beisammen.

  [6]: Auf dieser Fahrt wird nach Landmeilen gerechnet.

Bei _Lilla Edet_ kömmt man an die ersten Schleußen, deren hier fünfe sind.
Während das Schiff sie passirt, hat man Zeit den gleich daneben liegenden
zwar niedern, aber wasserreichen und breiten Fall der Götha zu betrachten.

Diese erste Strecke der Schleußen und des Kanals zieht sich noch ziemlich
weit hinter dem Falle fort, und ist theils in die Felsen gesprengt, theils
mit Quadersteinen ausgemauert. -- Bei _Äkestron_ fährt man wie in einem
schönen Naturparke; das Thal wird durch reizende Hügel eingeengt und
gibt nur dem Strome und einigen niedlichen Pfaden Raum, die sich durch
Nadelgehölz, das sich bis an die Ufer zieht, winden.

Nachmittags kamen wir an die berühmten Schleußen bei _Trollhätta_. Sie
bilden ein Riesenwerk, das man nur in den größten Staaten vermuthen würde,
nicht aber in einem Lande, das weder an Macht noch an Größe zu den ersten
gehört. Im Ganzen sind 11 Schleußen, die bei einer Länge von 3500 Fuß
die Höhe von 112 Fuß erreichen. Sie sind breit, tief und in die Felsen
gesprengt und mit schönen Quadersteinen ausgelegt; sie gleichen den
einzelnen Stufen einer Riesentreppe, unter welchem Namen man dieses Werk
auch füglich den sieben Weltwundern beizählen könnte. Eine Schleuße erhebt
sich über der andern, mächtige Thore schließen sie, und wunderbar schwebt
das große Fahrzeug der Höhe zu. Die Umgebung ist wildromantisch.

Kaum bei den Schleußen angelangt, wird man gleich von einer Menge Knaben
umschwärmt, die sich den Fremden als Wegweiser zu den nahen Wasserfällen
bei dem Oertchen _Trollhätta_ anbieten. An Zeit zu diesem Ausfluge gebricht
es nicht; das Schiff braucht um die Höhe zu erreichen 3-4 Stunden, und in
der halben Zeit ist die Excursion abgethan. Früher unterlasse man aber
ja nicht, den Fels zu ersteigen, zu dem sich die Schleußen erheben. Ein
Pavillon ziert seine Spitze, und von hier übersieht man die Schleußen in
die Tiefe hinab.

Nach _Trollhätta_ führen artige, durch den Wald gehauene Wege. Dieses
Oertchen hat eine überaus reizende Lage; es liegt in einem lieblichen
Thale, das von Waldungen und Hügeln umgeben ist, an den Ufern des Stromes,
dessen weiß schäumende Wogen grell von dem dunkeln Waldsaume abstechen. --
Man sieht von hier aus nur den Saum des Kanals, der einen weiten Bogen vom
Hauptstrome beschreibt, die letzten Schleußen aber liegen hinter kleinen
Felspartieen ganz verborgen; wir konnten weder das Aufziehen der Thore noch
das Steigen des Wassers in ihnen bemerken, und waren daher sehr überrascht,
als wir plötzlich erst die Masten, dann das Schiff selbst aus den Tiefen
steigen sahen. Es schien, als ob es von unsichtbaren Händen zwischen
Felsenmassen empor gehoben würde.

Die Fälle des Stromes zeichnen sich weniger durch ihre Höhe, als durch ihre
Mannigfaltigkeit und Wasserfülle aus. Der Hauptstrom wird an der äußersten
Spitze seines Sturzes durch eine kleine Felsinsel in zwei beinahe gleich
mächtige Fälle getheilt. Auf dieß Inselchen führt ein langer, schmaler
Kettensteg, der gerade über dem Falle schwebt, und so zart und schwach
gebaut ist, daß nur immer eine Person hinüber schreiten darf. Der
Eigenthümer dieses gefährlichen Steges hält ihn stets versperrt, und öffnet
ihn nur gegen ein Entgeld von 10 kr. CM.

Ein eigenes schauerliches Gefühl beengt die Brust während des
Hinüberschreitens. Man sieht den Strom wüthend daher tosen, man sieht ihn
sich an den hoch emporragenden Felsen brechen und schäumend in die Tiefe
stürzen, man sieht unter seinen Füßen die brandenden Wogen; -- dabei
erzittert das Brückchen bei jedem Tritte, -- ängstlich eilt man das
Inselchen zu erreichen. Hier erst, auf festem Grund und Boden, wagt man es,
sich mit Muße umzusehen. Ein fester Fels neigt sich etwas über die Fälle
hinaus, und auf ihm kann man mit Sicherheit seinen Standpunkt wählen. Man
steht da nicht nur zwischen zwei schönen Fällen sondern übersieht auch noch
4-5 andere, welche der Strom ober- und unterhalb bildet. -- Kaum glaubt man
sich von diesen zauberischen Bildern trennen zu können.

Hinter _Trollhätta_ breitet sich der Strom beinahe zu einem See aus, indem
er von mehreren Inseln in viele Arme getheilt wird. Seine Ufer verlieren
jedoch bedeutend an Schönheit, indem sie flach und unansehnlich werden.

Den herrlichen Wenner-See, 10-12 Meilen lang und mehrere Meilen breit,
erreichten wir leider erst gegen Abend, als es schon zu sehr dunkelte, um
von der Umgebung noch etwas unterscheiden zu können. -- Wir hielten hier
bei dem unbedeutenden Städtchen _Wennersborg_ einige Stunden an.

Diesen Tag über waren uns gewiß sechs oder sieben Dampfschiffe begegnet,
die Alle schwedischen oder norwegischen Kaufleuten gehörten. Es gewährte
einen eigenen interessanten Anblick, diese Schiffe in den hohen Schleußen
auf und ab steigen zu sehen.


  5. September.

Als wir noch gestern spät in der Nacht Wennersborg verließen, und uns
auf dem See herumtrieben, erhob sich ein widriger Wind, oder vielmehr ein
kleiner Sturm, der zwar für ein gutes Fahrzeug nichts zu bedeuten gehabt
hätte, dem aber das unsrige doch nicht gewachsen war. Vergebens mühte sich
der arme Kapitain die ganze Nacht hindurch ab, das Fahrzeug über den See
zu bringen, -- er mußte seinem Versuche entsagen, wieder zurückkehren, und
irgend an einer Stelle Anker werfen. -- Wir verloren bei dieser Gelegenheit
unser Hilfsboot; eine mächtige Welle schlug über das Schiff und riß es
mit sich fort; wahrscheinlich war es so gut befestiget gewesen, als unsere
Kisten und Koffer.

Obwohl es erst neun Uhr Morgens war, erklärte der Kapitain dennoch, während
des Tages nicht weiter fahren zu können; nur wenn es gut ginge, wäre er im
Stande die Reise gegen Mitternacht fortzusetzen. -- Glücklicherweise wagte
sich ein Fischerboot heran, und einige von uns ließen sich ans Land setzen.
Auch ich that dieß und benützte diesen Zufall, einige Bauernhütten zu
besuchen, die unfern des Sees am Saume eines Waldes lagen. Ich fand sie
zwar auch ärmlich, aber doch aus zwei Gemächern bestehend, die einige
Betten und andere Geräthschaften enthielten; auch die Leute waren etwas
besser gekleidet als jene in Norwegen. Selbst die Kost der Leute war nicht
so übel; sie kochten aus grobem schwarzen Mehle ein dickes Muß, das dann
mit süßer Milch verspeiset wurde.


  6. September.

Erst des Morgens ein Uhr lichteten wir die Anker -- Nach ungefähr fünf
Stunden kamen wir an die kleine Insel _Eken_, die aus lauter Felsen
besteht, und von einer Menge noch kleinerer Inseln und Klippen umgeben
ist. Es ist hier einer der bedeutenderen Landungsplätze des See's. -- Ein
ziemlich großes hölzernes Magazin steht nahe am Ufer, und in dieses werden
die verschiedenen Artikeln von der Umgebung geschafft und an Bord gebracht,
und so umgekehrt. Man sieht hier immer einige Schiffe vor Anker liegen.

Nun mußten wir uns durch ein Heer von Inseln durchwinden, bis wir wieder
den großen See erreichten der außer seiner Größe nicht viel Sehenswerthes
bietet. -- Seine Ufer sind größtentheils kahl und einförmig, und nur hie
und da mit Waldungen oder niederen Hügeln umgeben; selbst der Hintergrund
zeichnet sich durch nichts aus. -- Zu den schönsten Ansichten gehört noch
das ziemlich bedeutende Schloß _Leko_, das auf einem Fels liegt und von
dichten Waldungen umgeben ist. -- Weiterhin erhebt sich der Berg, oder
besser gesagt, Hügel _Kinnekulle_[7], auf welchen jeder Reisende aufmerksam
gemacht wird. Er soll nämlich eine ausgedehnte Aussicht, sowohl auf den
See, als auch tief hinein in das Land gewähren, da sich dem Auge nirgends
ein hoher Punkt störend dazwischen stellt. -- In dem Innern dieses Berges
soll sich eine sehr merkwürdige Grotte befinden. -- Leider kann man, seit
man auf Dampfschiffen fährt, all diese Merkwürdigkeiten nicht mehr besehen.
Man fliegt überall schnell vorüber, und wird bald die größte Reise mit
einigen Worten beschreiben können.

  [7]: _Kulle_ heißt in der schwedischen Sprache, der Hügel.

Zu _Bromoe_ befindet sich eine bedeutende Glasfabrik, die ausschließend
Fensterscheiben verfertiget. Wir hielten kurze Zeit an, und nahmen eine
tüchtige Ladung dieses Artikels ein.

Die Fabriksgebäude liegen, nebst einigen andern Häuschen, recht artig auf
kleinen Höhen zwischen reizenden Waldpartieen.

Bei _Sjotorp_ tritt man wieder durch mehrere Schleußen aus dem See in den
Fluß. -- Die Fahrt über den Wennersee rechnet man gewöhnlich auf zehn bis
eilf Stunden.

Der Fluß schlängelt sich anfänglich häufig durch Waldungen, und man kann,
während sich das Schiff mühsam in den Schleußen fortarbeitet, einen Theil
des Weges recht angenehm im Schatten zu Fuße machen. Später öffnen sich
weite Thäler, die jedoch durchaus keine schönen Bilder gewähren.


  7. September.

Zeitlich des Morgens durchschifften wir den niedlichen _Bikensoe_, der
sich, wie überhaupt alle schwedischen Seen, durch seinen Reichthum an
Inselchen, Felsen und Klippen auszeichnet. Häufig sind diese Inselchen mit
Bäumen überwachsen, was sich dann um so herrlicher macht.

Dieser See liegt 306 Fuß höher als die Nordsee; hier hat man den höchsten
Punkt erreicht, und nun beginnen die Schleußen in die Tiefe zu führen. --
Die Zahl aller Schleußen, durch welche man sowohl hinauf als hinab getragen
wird, beträgt 72.

Ein kurzer Kanal führt in den _Bottensee_, welcher anfänglich einen weniger
durch Inseln unterbrochenen Wasserspiegel zeigt. Die Fahrt durch diesen
kleinen See ist überaus lieblich; die Ufer bieten schöne Hügelreihen,
wechselnd mit Wäldern, Wiesen und Feldern. -- Ihm folgt der bedeutend
größere _Wettersee_, dessen Eingang durch die schöne Festung _Karlsborg_
leicht vertheidigt werden kann. -- Dieser See hat zwei ganz besondere
Eigenheiten: die eine besteht in der außerordentlichen Reinheit und
Klarheit des Wassers, die andere darin, daß sehr viele Stürme auf demselben
herrschen. Man sagt, daß es da manchmal woge und brause, selbst, wenn es in
der Umgegend heiter und windstill sei. Oft soll der Sturm den Schiffer mit
solcher Eile und Heftigkeit überfallen, daß ihm das Entrinnen unmöglich
wird. Gar viel Sagen und Märchen erzählt man sich von den tückischen
Unthaten dieses Sees.

Wir blieben, Gottlob, verschont, und durchschnitten seine Flächen
unter Scherz und Freude. -- An den Ufern dieses See's liegt das schöne
Fräuleinstift _Wadstenä_ und der berühmte Berg _Omberg_, an dessen Fuße
eine Schlacht statt hatte.

Der nun folgende Kanal ist sehr kurz und leitet durch liebliche Waldungen
in den kleinen See _Norrbyson_. Man legt diese Strecke gewöhnlich zu Fuß
zurück, um das einfache Grabmal des Grafen _Platen_ zu besuchen, der die
Plane zu den Schleußen und Kanälen, zu diesem ewig dauernden Riesenwerke
geliefert hat. -- Das Grabmal ist mit einem Eisengitter umfaßt; die Gruft
deckt eine schöne Marmorplatte, auf welcher eine einfache Inschrift in
schwedischer Sprache angebracht ist, die seinen Namen, Todestag u. s. w.
anzeigt. Dem Monumente beinahe gegenüber, auf der andern Seite des Kanals,
liegt das Städtchen _Motala_, mit großen Eisenwaaren-Fabriken, in
deren schönen Gebäuden sich besonders die ungeheuren großen Arbeitssäle
auszeichnen.

Von dem _Norrbysee_ in den _Roxersee_ führen 15 Schleußen, durch welche das
Schiff 116 Fuß hinabgelassen wird. -- Dieser Kanal schlängelt sich recht
angenehm durch Waldungen, Wiesen und Felder, die von hübschen Landstraßen
durchzogen, mit niedlichen Häuschen und größeren Gebäuden besetzt sind.
-- Einige Kirchthürme verrathen die Nähe des Oertchens _Norrby_, das, halb
versteckt hinter kleinen Waldpartieen, den Blicken des Vorübereilenden
bald erscheint, bald wieder entschwindet. Wenn die Sonne auf das Wasser in
diesem Kanale schimmert, hat es eine so schöne, durchsichtige, erbsengrüne
Farbe, wie der reinste Chrisolith.

Einen überraschenden Anblick genießt man von der Höhe, welche sich beinahe
unmittelbar vor dem See _Roxen_ erhebt. Plötzlich erschließt sich da ein
mächtig großes Thal, das von den herrlichsten Wald- und Felspartieen und
anmuthigen Hügeln durchwirkt ist, und -- zu den Füßen der See, der sich
sehr ausdehnt und dessen Arme weit in die Waldungen hinein greifen. -- Die
Abendsonne warf ihre letzten Strahlen auf ein Städtchen, das am See liegt,
und glänzend leuchteten die neuüberfirnißten Ziegeldachungen zu uns herauf.

Während sich das Schiff durch die vielen Schleußen da hinabsenkte,
besuchten wir die nahe Kirche des Oertchens _Vretakloster_, die in äußerst
schön gearbeiteten, metallenen Särgen die Gerippe mehrerer Könige enthält.

Wir fuhren dann noch über den See, der gewiß eine Meile breit ist, und
blieben die Nacht über am Eingange des Kanals, der uns am nächsten Morgen
in einen Busen der Ostsee leiten sollte.


  8. September.

Dieser Kanal ist einer der längsten; seine Umgebungen sind ziemlich hübsch,
und das Thal, welches er durchschneidet, gehört zu den größeren. Das
Städtchen _Söderköping_ lehnt an hohen malerischen Felsgruppen, die sich
weit verzweigen.

Auch in Schweden sah ich jedes Thal, jedes Fleckchen Erde sorgfältig
angebaut und cultivirt. Das Volk war im Ganzen ziemlich wohl gekleidet, und
besaß zwar kleine, aber äußerst niedliche Häuschen, deren Fenster an den
obern Theilen sogar häufig mit neuen, weißen Vorhängen drapirt waren.
Ich besuchte mehrere solche Häuschen, denn, während das Schiff durch die
Schleußen ging, hatte man zu Spaziergängen und kleinen Ausflügen Zeit
genug. -- Ich glaube, daß man die ganze Reise von Gothenburg bis Stockholm
zu Fuß in derselben Zeit zurücklegen könnte, wie mit dem Dampfschiffe.
Täglich verliert man viele Stunden mit diesen Schleußen, und muß sogar
ihretwegen die Fahrt bei der Nacht einstellen. Man rechnet die Entfernung
auf 40-45 deutsche Meilen, und bringt gewöhnlich 5 Tage auf der Reise zu.

Erst des Nachmittags kamen wir in die Scheren der Ostsee, welche ganz den
Character jener der Nordsee an sich tragen. Man befindet sich in einem
Meere von Inseln und Inselchen, von Felsen und Klippen; man begreift hier
so wenig wie dort, wie es dem guten Steuermanne möglich ist, alle diese
hervorragenden Klippen zu vermeiden, und das Schiff so sicher mitten
durchzuführen. Ueberall theilt sich das Meer in Ströme und Buchten, in
kleine und große Seen, die sich zwischen den Inseln und Waldungen
bilden, und von schönen Hügeln ungesäumt sind. -- Nichts gleicht aber dem
überraschenden Anblicke des Schlosses _Storry Husby_, das in einer
Bucht auf einem hohen Berge liegt. Vor dem Fels breitet sich ein schöner
Wiesenteppich bis an die Ufer des Meeres aus, während er im Hintergrunde
von herrlichem Tannengehölze umgeben ist. Und unweit von diesem niedlichen
Bilde taucht aus einem bewaldeten Inselchen ein Thurm auf, als Rest der
großen Ruine _Stegeborg_. Es ist nicht leicht möglich etwas Romantischeres
zu sehen, als die Zusammenstellung dieser Gegend, und überhaupt die ganze
Fahrt in diesem Fiord, der in ewig wechselnden Gestaltungen dem Blicke
erscheint.

Doch nach und nach werden die Hügel niedriger, die Inseln seltner; das Meer
drängt Alles zurück, es scheint eifersüchtig zu sein, die Aufmerksamkeit
des Reisenden mit so vielen andern Gegenständen theilen zu müssen, es will
sie allein besitzen, und nimmt das Schiff in seine weiten Räume auf. Und
nun ist man bald in der offenen See, und sieht nur Himmel und Wasser, und
bald ist man wieder von Felsen und Klippen derart eingeengt, daß man ohne
Lootsen den Ausweg gar nicht finden könnte.


  9. September.

Heute verließen wir das Meer und schifften durch einen sehr kurzen Kanal
abermals in einen See, und zwar in den durch die Zahl seiner Inseln
berühmten _Mälar-See_. -- An seinem Eingange liegt das Städtchen _Sotulje_
reizend in einem engen Thale am Fuße eines ziemlich steilen Hügels.
-- Dieser See gleicht anfangs eigentlich mehr einem breiten Strome,
er erweitert sich jedoch bei jedem Ruderschlage, und erscheint bald in
ausgedehnter Größe. -- Die Fahrt auf dem Mälarsee dauert 4 Stunden, und ist
eine der reizendsten die man sich nur denken kann. -- Dieser See soll bei
1000 Inseln und Inselchen enthalten, man kann sich nun leicht vorstellen,
wie in ewig wechselnden Gestaltungen und Formen dieser schöne Wasserspiegel
erscheint und wie er, gleich seinem Vorgänger, dem herrlichen Fiord der
Ostsee, bald kleinere und größere Seen, bald Ströme und Buchten u. s. w.
bildet.

Auch die Ufer sind sehr abwechselnd und schön. Bald ziehen sich Hügel und
Berge bis knapp an den See, und steil abfallende Felsen bilden gefährliche
Wände, bald erscheinen wieder dunkle, finstere Tannen-Waldungen, oder es
öffnen sich freundliche Thäler mit Wiesen und Feldern, mit Dörfchen
und Höfen. -- Manche der Reisenden behaupten zwar, daß dieser See doch
eigentlich nur ein ewiges Einerlei biete; ich konnte jedoch ihre Meinung
nicht theilen, ich fand ihn so reizend, daß ich wohl unzählige Male darauf
fahren könnte, ohne dieses lieblichen Einerlei's überdrüßig zu werden. --
Er hat zwar nicht die majestätischen Umgebungen der Schweizerseen, aber
gerade seine Unzahl von Inselchen bilden eine Eigenthümlichkeit, die man
gewiß auf keinem andern See findet.

Auf der Spitze eines steilen Abhanges, wie deren mehrere den See umgeben,
ist eine hohe Stange errichtet, auf welcher der Hut des unglücklichen Eriks
befestiget ist. Die Geschichte erzählt von diesem Könige, daß er in einer
Schlacht vor dem Feinde geflohen, und hier von einem Soldaten ereilt
worden sei, der ihm darüber Vorwürfe gemacht haben soll. Aus Scham und
Verzweiflung gab er seinem Pferde die Sporen, und stürzte sich mit ihm
in die fürchterliche Tiefe. Bei diesem Sturze soll ihm der Hut vom Kopfe
geflogen, und an dieser Stelle zurück geblieben sein.

Unweit dieses Punktes erblickt man nun endlich auch einen Theil der
Vorstädte Stockholms, die sich um einen breiten Arm des See's lagern. --
Mit steigender Begierde aber sieht man nach der Stadt, von der sich immer
mehr und mehr entfaltet. -- Man sieht schon viele der artigen Landhäuser,
die in kleinen Thälern, oder auf Abhängen und Hügeln als Vorläufer der
Stadt liegen, und die Vorstädte, die sich amphitheatralisch an den steilen
Felsufern fortziehen. Die Stadt selbst macht den Schluß, sie nimmt das
ganze obere Ende des See's ein, und reiht sich zu beiden Seiten an die
Vorstädte. Schon von weitem sieht und bewundert man die Ritterholmer
Kirche, mit ihren gußeisernen, durchbrochenen Thürmen, und das wahrhaft
grandiose königliche Schloß, das ganz im italienischen Style erbaut ist.

Kaum hatten wir im Hafen Stockholms Anker geworfen, so erschienen schon
mehrere herkulische Weiber, und boten uns, gleich Trägern, ihre Dienste an.
Es waren Darlekarlerinen[8]; sie kommen häufig nach Stockholm, um daselbst
als Last- und Wasserträgerinen, als Kahnführerinen, u. s. w. ihren
Lebensunterhalt zu gewinnen. Man nimmt sie gerne in Dienst, weil sie zwei
treffliche Eigenschaften besitzen; sie sollen nämlich höchst redlich und
arbeitsam sein, und dabei Kraft und Ausdauer gleich Männern besitzen.

  [8]: Darlekarlien ist eine schwedische Provinz, 20 Meilen nördlich von
  Stockholm entlegen.

Ihre Tracht besteht in schwarzen Röcken, die bis an die halbe Wade reichen,
rothen Leibchen, weißen Hemden mit langen Aermeln, kurzen schmalen Schürzen
von zwei Farben, rothen Strümpfen und Schuhen mit zollhohen hölzernen
Sohlen. Um den Kopf schlagen sie entweder ein Tuch, oder sie setzen
ein ganz kleines, anliegendes, schwarzes Häubchen auf, das nur auf dem
Hinterkopfe sitzt.

Man findet in Stockholm häufig sowohl ganze eingerichtete Wohnungen, als
auch einzelne Zimmer, die, so wie im Gasthause, tagweise vermiethet werden.
Sie kommen bedeutend billiger, und haben daher sehr vielen Zuspruch.
Auch ich miethete mir gleich ein solches Zimmerchen, das recht nett und
freundlich war, und für welches ich, den Morgenkaffee mit eingeschlossen,
täglich nur 1 Reichsthaler, d. i. nach unserm Gelde 32 kr. bezahlte.



Aufenthalt in Stockholm.


Da meine Reise eigentlich nur Island gegolten hatte, und ich diesen kleinen
Theil Skandinaviens nur im Durchfluge besah, wird man es mir verzeihen,
wenn ich mich darüber kurz fasse. Auch sind diese Länder bereits von andern
Reisenden so trefflich geschildert, daß dagegen meine Beschreibung von zu
geringem Belange wäre.

Ich blieb sechs Tage in Stockholm, und benützte diese Zeit so gut als
möglich. -- Die Stadt liegt an den Gestaden der Ostsee und des Mälarsee's.
Beide Wasserflächen sind durch einen kurzen Kanal verbunden, an welchem die
schönsten Gebäude stehen.

Ich besuchte vor Allem die herrliche Ritterholm-Kirche, die eigentlich mehr
die Dienste einer Gruft und eines Waffensaales, als einer Kirche
vertritt. -- Die untern Räume bilden die Königsgruft; -- die Monumente der
verstorbenen Könige stehen in den Seitenkapellen. Im Schiffe der Kirche
sind an beiden Seiten gewappnete Ritter zu Pferde aufgestellt, deren
Rüstungen von einigen Königen von Schweden herrühren. -- Die Wände und
Ecken der höhern Räume der Kirche und Seitenkapellen sind reich mit Fahnen
und Standarten geschmückt, deren Anzahl sich auf 5000 belaufen soll.
Ueberdieß hängen noch an den Wänden der Seitenkapellen die Schlüssel der
eroberten Festungen und Städte, und auf dem Boden liegen Trommeln und
Pauken aufgeschichtet. Alle diese Gegenstände wurden den verschiedenen
Nationen abgerungen, mit welchen Schweden Krieg führte.

Nebst all diesen Merkwürdigkeiten sieht man auch noch in den Seitenkapellen
mehrere Rüstungen oder Anzüge von schwedischen Regenten hinter Glaskästen
bewahrt. -- Am meisten interessirte mich jener Anzug darunter, den
Karl XII. an seinem Todestage trug, und der Hut durch welchen die Kugel
durchging; -- seine Reiterstiefel stehen daneben auf dem Boden. -- Nicht
minder interessant ist, schon auch des grellen Gegensatzes wegen,
der modische Anzug, und der mit Gold und Federn geschmückte Hut des
letztverstorbenen Königs, des Gründers der neuen Dynastie.

An derselben Seite des Kanals steht auch die Nikolaus-Kirche, welche unter
den protestantischen Kirchen eine der schönern ist, die ich bisher gesehen
habe; man sieht gleich, daß sie noch aus den katholischen Zeiten stammt,
und daß man ihr die frühere Ausschmückung größtentheils gelassen hat. Sie
besitzt mehrere große und kleine Oelgemälde, viele Monumente älterer und
neuerer Zeit, und einen großen Reichthum an Vergoldungen. -- Die Orgel
ist groß und schön. Am Eingange der Kirche stehen schöne Reliefs in Stein
gehauen, und in der Höhe sieht man auf einer Brücke stehend, eine aus Holz
geschnitzte, mehr als lebensgroße Statue des heil. Erzengels Michael, wie
er zu Pferde sitzend den Drachen erlegt.

Unweit dieser Kirche liegt der königliche Palast, zu dessen Beschreibung
eine geschicktere Feder gehörte als die meine ist, und über welchen
man lange Abhandlungen schreiben müßte, wollte man alle Schätze,
Merkwürdigkeiten und Schönheiten sowohl seines Baues, als seiner innern
Einrichtung erwähnen. Ich kann nur sagen, daß ich, außer den königlichen
Palästen zu Neapel -- Caserta mitgerechnet -- nie etwas Aehnliches sah!
-- Doppelt fällt ein solcher Bau hier im hohen Norden auf, und in einem
Reiche, das eben auch nie mit Ueberfluß überschüttet war.

Die Schifferholm-Kirche zeichnet sich mehr durch ihre Lage und tempelartige
Form, als durch sonst etwas aus; sie steht frei auf einem Fels, dem
königlichen Schlosse beinahe gegenüber, an der jenseitigen Seite einer
Bucht der Ostsee, welche hier hereinschneidet. -- Eine lange Schiffbrücke
führt hinüber.

Die Katharinen-Kirche ist groß und schön. Man zeigt hier außerhalb der
Kirche an einer Ecke derselben den Stein, auf welchem einer der Brüder
_Sturre_ geköpft wurde.[9]

  [9]: Die Familie _Sturre_ war eine der ausgezeichnetsten in Schweden.
  _Sten Sturre_ führte die Buchdruckerei in Schweden ein, stiftete die
  Universität Upsala, und zog viele gelehrte Männer nach Schweden. In
  einer Schlacht gegen die Dänen wurde Sten Sturre tödtlich verwundet und
  starb 1520.

  Seine beiden Nachfolger, als Reichsvorsteher, _Suante_, _Nilson
  Sturre_ und dessen Sohn, _Sten Sturre_, der Jüngere, leben auch noch
  im dankbaren Andenken bei den Schweden, wegen ihrer patriotischen
  Großthaten.

Am Ritterplatz steht das »Ritterhaus«, eines der schönsten Schlösser -- das
alte königl. Schloß, und unweit davon noch andere theils königl., theils
Privat-Schlösser; aber bei weitem nicht in der Anzahl und Pracht wie zu
Kopenhagen. Auch die Straßen und Plätze dürfen sich mit jenen in Kopenhagen
nicht messen.

Auf einem in einer der Vorstädte gelegenen Hügel, _Groß-Mosbecken_, hat
man die schönste Ansicht von Stockholm; man übersieht das Meer und den
Mälarsee, die Stadt und die Vorstädte, die sich bis an die Spitzen der
Felshügel ziehen, die lieblichen Landhäuser, die auf allen Seiten an den
Ufern der beiden Seen liegen. Kleine Felspartieen und Inselchen liegen
so zwischen den Häusern und den Vorstädten, daß man sie auch noch zum
Stadtgebiet rechnen muß, und gerade dieß Alles zusammen gibt der Stadt
Stockholm ein so bizarres Ansehen, daß man wohl sagen kann, die Lage
Stockholms läßt sich mit keiner Lage irgend einer andern Stadt vergleichen.
Waldbedeckte Hügel, und nackte Felsengebirge schließen sich daran, deren
Ketten man bis in die unendliche Ferne verfolgen kann. Wiesen und Felder
nehmen wohl nur einen geringen Raum ein in dieser großen herrlichen Natur.

Wenn man von diesem Hügel herab steigt, unterlasse man ja nicht, nach
_Södermalm_ zu gehen, und die ungeheuren Eisenniederlagen zu besehen. Auf
zwei großen freien Plätzen ist das Eisen in zahllosen Stangen aufgehäuft.
-- Der Kornmarkt ist unbedeutend. -- Als größere und theilweise auch
hübsche Gebäude sind zu bemerken: die Bank, die Münze, die Hauptwache, der
Palast des Kronprinzen, das Theater u. a. m. Das Letztere ist schon darum
interessant, weil König Gustav der III. daselbst bei einem Feste erschossen
wurde. Der Platz wo er fiel, befindet sich auf dem Podium. Es war nämlich
ein großer Maskenball gegeben worden, und das ganze Theater war in einen
Saal umgestaltet. Der König bekam den Schuß von einer Maske, und verschied
einige Stunden darauf.

Denselben Abend als ich das Theater besuchen konnte -- täglich wird nicht
gespielt -- fand in dem Saale der Antiken eine große Feierlichkeit statt.
Der geschätzte Künstler _Vogelberg_, ein geborner Schwede, hatte aus
schönem Marmor die drei heidnischen Gottheiten: _Thor_, _Balder_ und _Odin_
in kolossaler Größe kunstvoll geschaffen, und von Rom hieher gebracht. Die
Statuen waren erst kürzlich aufgestellt worden, und heute war, dem Künstler
zu Ehren, der Saal erleuchtet, und eine große Gesellschaft geladen. Bei dem
Enthüllen der Statuen sollten feierliche Hymnen gesungen werden. Ich hatte
das Glück zu diesem Feste geladen zu sein, das gleich nach 7 Uhr seinen
Anfang nehmen sollte. Vorher ging ich noch in's Theater, welches, wie man
mir sagte, um 6½ Uhr beginnen würde. Ich dachte da eine halbe Stunde zu
bleiben, und dann nach dem königl. Palaste zu gehen, wo mich meine Freunde
erwarteten, um mit mir das Fest zu besuchen. Schon um 6 Uhr saß ich im
Theater, und wartete eine halbe Stunde sehnsuchtsvoll auf das Beginnen der
Ouverture; -- es war schon 6½ Uhr und noch immer wurden keine Anstalten
dazu gemacht. -- Nun sah ich genauer nach dem Zettel, und entdeckte zu
meinem Schrecken, daß die Oper erst um 7 Uhr beginne. Ich wollte aber nicht
weichen, ohne das Podium gesehen zu haben, und vertrieb mir indessen die
Zeit damit, das Theater von allen Seiten zu betrachten. Es ist ziemlich
groß, und besteht aus 5 Stöcken, ist aber weder mit Pracht noch Luxus
ausgestattet. Am meisten wunderte ich mich über die hohen Preise, und
noch mehr über die Mannigfaltigkeit der Plätze. -- Ich zählte deren 26; es
scheint, daß jede Bank ihren eigenen Preis hat, sonst wüßte ich wirklich
nicht, wie man eine solche Menge heraus brächte.

Endlich begann die Ouvertüre; ich hörte sie, sah den Vorhang aufrollen,
betrachtete den verhängnißvollen Platz, und ging nach der ersten Arie fort.
-- Der Billeteur eilte mir nach, faßte mich am Arme, und wollte mir ein
Retour-Billet geben. Als ich ihm sagte, daß ich keines brauche, indem ich
nicht mehr zu kommen gedächte, meinte er, es habe ja erst angefangen, ich
sollte doch bleiben, sonst hätte ich das viele Geld umsonst ausgegeben. --
Leider besaß ich zu wenig Kenntniß der schwedischen Sprache, um ihm alle
die Ursachen auseinander zu setzen, die mich zum Fortgehen veranlaßt
hatten; gab ihm keine Antwort, und ging meiner Wege. Da hörte ich noch, wie
er zu Jemanden sagte: »Das ist mir noch nicht vorgekommen. Bleibt die Frau
eine halbe Stunde vor dem Vorhange sitzen, und geht fort, nachdem man ihn
aufgezogen hat.« Als ich mich umsah, deutete er gerade mit dem Finger auf
die Stirne, und schüttelte dazu bedenklich den Kopf. -- Ich konnte mich des
Lächelns nicht enthalten, und nahm diese Verurtheilung als zweiten Akt des
»stummen Gastes« aus Mozarts Don Juan.

Ich holte meine Freunde im königl. Schlosse ab, und brachte dann den Abend
recht angenehm in den effektreich beleuchteten Sälen der Antiken und der
Bildergallerie zu. Ich hatte daselbst auch das Vergnügen Herrn Vogelberg
persönlich kennen zu lernen. Schon sein bescheidenes, anspruchloses
Benehmen mußte Jedermann mit Achtung erfüllen, die um so höher steigt, wenn
man weiß, welch ausgezeichnetes Talent man in ihm begrüßt.

Zu den näheren Umgebungen von Stockholm gehört vor Allem der königl.
Thiergarten. In dieser Art wird man nicht leicht etwas Schöneres sehen
können. Es ist dieß ein sehr großer, prachtvoller Naturpark, mit einer
endlosen Folge von Waldungen, Wiesen, Hügeln und Felsen. Dazwischen liegen
allerliebste Landhäuser mit duftenden Blumengärten, und geschmackvolle
Kaffee- und Gasthäuser, die an schönen Sonntagen von Städtern überfüllt
sind. -- Treffliche Fahrstraßen ziehen sich durch und um den Park, und
bequeme Gehsteige führen auf allen Seiten zu den herrlichsten Aussichten
über See und Land.

An einem freundlichen Plätzchen steht eine Büste des bekannten und
beliebten Dichters _Bellmann_, dem zu Ehren da alljährlich ein fröhliches
Fest abgehalten wird.

Tiefer im Thiergarten liegt das sogenannte _Rosenthal_, ein wahres kleines
Eden. -- Der letzt verstorbene König hatte dieß Plätzchen so lieb, daß er
manche Stunde in dem Lustschlößchen zugebracht haben soll, das hier ganz
einsam inmitten von Blumenbeeten und Waldungen liegt. Vor dem Schlößchen
steht ein herrliches Becken, das aus _einem_ Stück Porphyr gearbeitet
ist. Man wollte behaupten, daß es das größte in Europa sei, doch halte ich
jenes, welches man im Museum zu Neapel sieht, für bei weitem größer.

In diesem Garten brachte ich noch die letzten angenehmen Stunden mit der
aus Finnland stammenden, höchst liebenswürdigen Familie _Boje_ zu, welche
ich auf der Reise von Gothenburg nach Stockholm kennen gelernt hatte.
Doppelt unvergeßlich wird mir daher dieser schöne Park bleiben.

Einen zweiten recht angenehmen Ausflug machte ich nach dem
königl. Schlößchen _Haga_, nach dem großen _Friedhofe_ und dem
Militär-Erziehungshause _Karlberg_.

Das königl. Schlößchen _Haga_ ist von einem großartigen Park umgeben, an
welchem die Kunst wenig nachzuhelfen hatte; er besteht aus den schönsten
Wald- und Wiesenpartieen, aus majestätischen Alleen und niedlichen Hügeln;
überall durchkreuzen sich prächtige Fahr- und Gehwege. -- Das Schlößchen
selbst ist so außerordentlich klein, daß man die Genügsamkeit der
Herrscherfamilie nicht genug bewundern kann. Es soll aber auch ihr
kleinster Sommersitz sein.

Diesem Parke beinah gegenüber liegt der große Friedhof; er besteht erst
seit 17 Jahren und ist daher eine noch etwas junge Anlage. Bei Friedhöfen
anderer Länder würde dieß zwar nicht viel zu sagen haben, allein in
Schweden dienen sie zugleich zu Spaziergängen, und sind mit Alleen
durchschnitten, mit Bosketten geziert, und mit Bänken zum Ausruhen
versehen. Dieser Friedhof ist von einem düstern Tannenwald umgeben, und
scheint dadurch wirklich so ganz von der Außenwelt abgeschlossen zu sein.
Er ist der einzige außer der Stadt; alle übrigen liegen an den Kirchen
zwischen den Häusern, deren Fronten oft unmittelbar ihre Wände bilden. --
Und noch gegenwärtig haben da Begräbnisse statt; -- das heiße ich doch,
sich mit dem Gedanken des Todes befreunden.

Von dem großen Friedhofe führt eine schöne Fahrstraße durch den Wald
nach dem nahen _Karlberg_; hier ist die Erziehungsschule der Land- und
Seekadeten. Die zu dieser Anstalt gehörigen ausgedehnten Gebäude liegen
auf einem Felsberg, der auf einer Seite von einem kleinen Arm des See's
umspühlt wird, auf der andern von schönen Park-Anlagen umgeben ist.

       *       *       *       *       *

Ehe ich Stockholm verließ, ward mir noch die Ehre zu Theil, Ihrer Majestät,
der regierenden Königin vorgestellt zu werden. Ihre Majestät hörten von
meinen Reisen, und nahmen ein ganz besonderes Interesse an jener von
Palästina. -- Ich erhielt auch in Folge dieser Auszeichnung die besondere
Erlaubniß, das Innere des ganzen Palastes besehen zu dürfen. Obwohl
er schon bewohnt war, führte man mich doch, nicht nur in alle
Gesellschaftssääle, sondern auch in die Wohnzimmer des ganzen Hofes. --
Von der hier herrschenden Pracht, von den Kunstschätzen jeder Art, von der
überreichen Einrichtung und von dem in Allem ausgesprochenen Geschmack
wäre so viel zu erzählen, daß ich gar nicht wüßte, wo anzufangen und wo
aufzuhören. Ich war ganz bezaubert von all den gesehenen Schätzen und
Herrlichkeiten, noch mehr aber von der wahren Herzlichkeit und dem
Antheile, mit welchem sich Ihre Majestät mit mir über Palästina
unterhielten. Ewig werden mir diese Augenblicke, als schöne Lichtpunkte
meiner nordischen Reise im Gedächtnisse fortleben.



Fahrt nach dem alten königlichen Schlosse Gripsholm in Mälarsee.


Alle Sonntage Morgens 8 Uhr geht von Stockholm ein kleines Dampfboot
nach diesem Schlosse ab; die Entfernung beträgt bei 8 Meilen, welche in 4
Stunden zurück gelegt werden; es bleibt daselbst 4 Stunden, und kehrt
dann Abends wieder nach Stockholm zurück. -- Dieser Ausflug ist höchst
interessant, obwohl man den größten Theil derselben Strecke über den See
fährt, welchen man schon auf der Fahrt von Gothenburg gemacht hat. Nur die
letzte Meile biegt man ab in eine schöne Bucht, an deren Ende das schöne
Schloß _Gripsholm_ liegt. Dieses Schloß zeichnet sich sowohl durch seine
Größe, als auch durch seine Bauart, und seine kolossalen Erkerthürme aus.
Leider ist es aber auch mit der überhaupt in ganz Schweden so beliebten
ziegelrothen Farbe angestrichen.

Im Vorhofe stehen zwei ungeheure große prächtig gearbeitete Kanonen, welche
die Schweden einst in einem Kriege den Russen abgenommen haben.

Die Gemächer des Schlosses, die alle noch in gutem Stande erhalten werden,
bieten an innerer Einrichtung weder Pracht noch Verschwendung, ja man
könnte beinahe sagen, das Gegentheil davon dar. Nur das überaus niedliche
Theater macht hiervon eine Ausnahme; in diesem sind die Seitenwände von
oben bis unten mit Spiegeln eingelegt, die Zwischenpfeiler vergoldet, und
die königliche Loge mit kostbarem rothen Sammte ausgeschlagen. -- Seit
Gustav dem III. wurde hier nicht mehr gespielt.

Besonders merkwürdig sind an diesem Schlosse die ungeheuer massiven Mauern;
in den untern Erdgeschoßen messen sie gewiß drei Ellen in der Dicke.

Die obern Gemächer sind alle groß und hoch, und man genießt von den meisten
Fenstern eine herrliche Aussicht auf den See. -- Seufzend wendet man
aber den Blick von diesen schönen Bildern, denkt man an die traurigen
Begebenheiten, welche in diesem Schlosse einst statt hatten.

König Johann der III. und König Erich der XIV., Letzterer mit vier Räthen,
die dann enthauptet wurden, saßen Jahre lang als Gefangene hier.

Das Gefängniß Johann des III. wäre gerade nicht so schlecht zu nennen
gewesen, in so ferne man ein _Gefängniß_ gut nennen kann. -- Der König
war auf einen großen, herrlichen Saal angewiesen, welchen er aber nicht
überschreiten durfte und welchem er daher gewiß jede Bauernhütte mit dem
Rechte der Freiheit vorgezogen haben würde. -- Seine Gemahlin bewohnte zwei
kleine Gemächer an der Seite des Saales; -- sie wurde nicht als Gefangene
betrachtet, und konnte ihre Wohnung nach Gefallen verlassen. -- Hier wurde
ihm sein Sohn Sigismund, im Jahre 1566 geboren; man zeigt noch das Zimmer
und das Bett seiner Geburt.

Lange nicht so gut erging es Erich dem XIV. Dieser König wurde in enger und
finsterer Haft gehalten. Ein kleines ganz schmuckloses Gemach, mit schmalen
und ganz vergitterten Fensterchen in einem der runden Thürme diente ihm zum
Gefängnisse. Der Eingang war mit einer festen, eichenen Thüre geschlossen,
in welcher eine kleine Oeffnung angebracht war, durch welche man ihm
die Nahrung reichte. Zu noch größerer Sicherheit schloß sich über diese
hölzerne Thüre noch eine eiserne. -- Außen um das Gemach lief rund herum
ein schmaler Gang, in welchem die Wachen ihren Posten hatten, und stets
durch die vergitterten Fenster auf den Gefangenen sehen konnten. Man
zeigt noch an einem der kleinen Fenster die Stelle, an welchem der König
stundenlang gestanden haben soll, den Kopf auf die Hand gestützt, und
in das Freie sehend. -- Mit welchen Empfindungen mag er da hinauf zu dem
schönen Himmel, auf das üppige Grün, und auf den herrlichen See gestarrt
haben! Wie viele Seufzer des Unglücklichen mögen da verhallt sein, -- wie
viele schlaflose Nächte mag er vertrauert, -- wie viele Stunden -- in
den zwei langen Jahren -- in banger Erwartung der Zukunft dahin gebracht
haben!! --

Der Mann, der uns da herum führte, behauptete, der Fußboden sei an diesem
Orte mehr ausgetreten, als in jedem andern, und auch der Ziegelstein am
Fenster sei von dem aufgestützten Elbogen ausgewetzt; -- ich bemerkte
jedoch nichts von Beidem.

Der König war hier zwei Jahre eingeschlossen und wurde dann in ein anderes
Gefängniß gebracht.

In diesem Schlosse befindet sich eine ziemlich bedeutende Bildergallerie.
Sie enthält meistens Bildnisse von Regenten, nicht nur des schwedischen,
sondern auch anderer Reiche, vom Mittelalter angefangen bis auf die jüngste
Zeit. -- Auch die Bildnisse berühmter Räthe, Generäle, Maler, Poeten,
Gelehrten, dann jene ausgezeichneter Schwedinen, die sich um ihr Vaterland
verdient gemacht haben, -- und vorzüglicher Schönheiten der Frauenwelt
haben hier Platz gefunden. -- Auf jedem Bilde steht der Name und das
Geburtsjahr des Dargestellten, und man kann sich daher seine Lieblinge
aussuchen, ohne eines Cataloges, oder der langweiligen Erläuterung eines
Cicerone zu bedürfen. -- Was die Richtigkeit der Zeichnung, und die
Schönheit des Colorits betrifft, bliebe freilich wohl bei den meisten viel
zu wünschen übrig, doch wollen wir glauben, daß vielleicht die Aehnlichkeit
dafür entschädige.

Auf der Rückfahrt waren mehrere Herren so gütig, mich auf einige
interessante Punkte des See's aufmerksam zu machen. Dazu gehört _Kakeholm_,
wo er seine größte Breite erreicht, die Felsinsel _Esmoi_, auf welcher eine
Schwedin eine Schlacht gewann, _Norsberg_, ebenfalls durch eine Schlacht
berühmt, und _Sturrehof_, die schöne Besitzung einer großen schwedischen
Familie. -- Bei _Bjarkesoe_ sieht man ein einfaches Kreuz. Hier soll das
Christenthum in Schweden zuerst eingeführt worden sein. -- Ueberhaupt hat
der _Mälarsee_ außer dem Reize seiner ewig wechselnden Naturschönheiten
auch noch so viele geschichtliche Erinnerungen, daß er dadurch einer der
interessantesten Seen, nicht nur von Schweden, sondern von ganz Europa
wird.



Reise von Stockholm nach Upsala und den Eisen-Bergwerken von Danemora.


  12. September.

Zwischen _Stockholm_ und _Upsala_ besteht ein sehr großer Verkehr. Täglich,
nur die Sonntage ausgenommen, geht von beiden genannten Orten ein kleines
Dampfschiff über den Mälarsee, welches die Entfernung von neun deutschen
Meilen in sechs Stunden zurücklegt.

Durch diese bequeme Gelegenheit angezogen, so leicht und schnell nach der
berühmten Stadt _Upsala_ zu kommen, und von der ungemein schönen Witterung
angelockt, nahm ich eines Abends einen Platz zu dieser Fahrt, und war am
darauf folgenden Morgen höchst unangenehm überrascht, als der Regen sich
in Strömen ergoß. -- Doch wollte man sich durch dergleichen Zufälligkeiten
abhalten lassen, würde man nicht weit kommen. -- Ich schiffte mich also um
halb acht Uhr Morgens getrost ein, und kam zwar glücklich in _Upsala_ an,
war aber dießmal so recht wie eine verpackte Waare gereist. -- Ich mußte
beständig im Saale sitzen bleiben, und konnte nicht einmal die spärliche
Aussicht durch die Kajüten-Fensterchen genießen; denn von außen schlug der
Regen heftig an sie an, und von innen waren sie wegen der übergroßen Hitze
ganz angelaufen. Ich begab mich dießmal ganz gegen meine Gewohnheit gar
nicht auf das Deck, ich hoffte bei der Rückkehr wohl besseres Wetter zu
treffen, und dann das Versäumte nachholen zu können.

Gegen drei Uhr endlich, als ich schon über eine Stunde in _Upsala_ saß,
heiterte sich das Wetter auf, und ich ging nun aus, um die Merkwürdigkeiten
dieser Stadt zu besehen.

Vor Allem andern besuchte ich den schönen Dom. -- Mit Bewunderung blieb
ich am Haupteingange stehen, und betrachtete die hohe Decke, die auf zwei
Reihen von Säulen ruht, und sich über die ganze Kirche spannt. -- Keine
Kuppel macht eine Unterbrechung; Alles läuft in einer geraden schönen Linie
fort. -- Das Innere der Kirche ist schmucklos, nur hinter dem Hauptaltare
befindet sich eine schöne Kapelle, deren Wölbung himmelblau gemalt und mit
goldenen Sternen durchwirkt ist. In dieser Kapelle ruht Gustav I. in Mitte
seiner beiden Gemahlinen. Das Monument, welches die Gruft deckt, ist
zwar groß und von Marmor, aber kunst- und geschmacklos. Es stellt einen
Sarcophag vor, auf welchem die drei Körper in Lebensgröße ruhen. Ein
Baldachin, ebenfalls von Marmor, wölbt sich darüber. -- An den Wänden der
Kapelle sind in hübschen Fresko-Gemälden, die wichtigsten Momente aus dem
Leben dieses Monarchen dargestellt. -- Unter diesen zeichnen sich besonders
zwei aus -- der eine, wie er als Bauer gekleidet gerade in demselben
Augenblick in die Hütte eines Bauers tritt, als man sich _vor_ derselben
eifrig nach ihm erkundigt, -- der andere, wie er ebenfalls als Bauer
gekleidet auf einer Tonne steht, und eine Anrede an sein Volk hält. -- Zwei
große Tafeln, in breite Goldrahmen gefaßt, und ebenfalls als Fresko gemalt,
enthalten in _schwedischer_ Sprache -- und nicht in lateinischer, wie es
leider bei dergleichen Inschriften so häufig der Fall ist -- die Erklärung
der Gemälde. -- Jeder Eingeborne kann sich daraus leicht mit der Geschichte
dieses Königs bekannt machen.

In den verschiedenen Seitenkapellen stehen noch mehrere Monumente: das der
_Katharina Magelone_, _Johann's_ III., _Gustav Erichson's_, welcher geköpft
wurde, und das der beiden Brüder _Sturre_, welche ermordet wurden. -- Das
Monument des Erzbischofes _Menander_ von weißem Marmor ist eine geschmack-
und kunstvolle Arbeit neuerer Zeit. In dieser Kirche ruht auch unter einer
einfachen Steinplatte der große _Linnée_. Sein Monument steht jedoch nicht
über dem Grabe, sondern in einer der Nebenkapellen, und besteht aus einer
wunderschönen, dunkelbraunen Porphyr-Platte, an welcher sein Bildniß =en
relief= angebracht ist.

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die prachtvolle Orgel, welche
beinahe bis an die Decke der Kirche reicht.

In der Schatzkammer, die eben nicht große Reichthümer besitzt, sind
hinter einem Glaskasten die mit Blut befleckten und mit Dolchstichen
durchlöcherten Kleidungsstücke der unglücklichen Brüder _Sturre_
aufbewahrt. -- Auch steht hier eine aus Holz geschnitzte Bildsäule des
Heidengottes Thor. Dieses hölzerne Machwerk scheint ursprünglich ein =Ecce
Homo= gewesen zu sein, der vielleicht einstens irgend eine Dorfkapelle
schmückte, dann von einem Ungläubigen geraubt, und noch mehr verstümmelt
wurde, als es bereits der Schöpfer, der durchaus kein Jünger der Kunst
gewesen sein konnte, gethan hatte. Jetzt glich es vollkommen einer
abscheulichen Vogelscheuche.

Der Kirchhof, welcher unweit der Kirche ist, zeichnet sich durch seine
Größe und Schönheit ganz vorzüglich aus. Er ist von einer zwei Fuß hohen
Steinmauer umgeben, auf welcher ein ebenfalls zwei Fuß hohes eisernes
Geländer, durch niedere Steinpfeiler unterbrochen, fort läuft. Von mehreren
Seiten führen Stufen über diese vier Fuß hohe Einfassung in den Friedhof.
-- Auch in diesem Friedhofe, wie in jenem von Stockholm, glaubt man sich in
einem lieblichen Garten mit großen Alleen, Lauben, Wiesenteppichen u. s. w.
versetzt zu sehen, nur schöner und herrlicher wie dort, weil die Anlagen
hier schon viele Jahre zählen mögen. Die Grabeshügel liegen hier von den
Lauben halb verborgen. Viele waren mit Blumen und Blumenkränzen geziert,
oder mit Rosenhecken umgeben. Wenn man diesen Friedhof oder vielmehr diesen
Garten sieht, sollte man beinahe denken, er sei eben so für die Lebendigen
zum Lustwandeln, wie für die Todten zur Ruhe bestimmt.

Die Monumente zeichnen sich durch nichts aus. Nur zwei darunter sind
merkwürdig; sie bestehen aus ungeheuren Felsplatten in rohem Zustande, die
aufrecht auf den Grabeshügeln stehen. Der eine dieser Hügel gleicht noch
überdieß vollkommen einem Berge; er deckt die Asche eines Generals, und
wäre wahrlich groß genug, auch noch seine ganze Mannschaft zu beherbergen.
-- Vermuthlich haben seine Verwandten die Grabeshügel von Troja zu
Vorbildern genommen. -- Auch die Zeichen auf dieser colossalen Felsentafel
waren ganz ungewöhnlicher Art, und, so viel mir schien, waren es Runenzüge.
-- Die guten Leute vereinten also hier zwei Sachen des höchsten Alterthums
ganz entgegengesetzter Reiche.

Das Universitäts- oder Bibliotheks-Gebäude in Upsala ist groß und schön;
es liegt auf einem kleinen Hügel, und bildet gegen die Stadt eine schöne
Fronte. Im Hintergrunde schließt sich ein Park daran, der jedoch noch etwas
jugendlich ist.

Unweit von diesem Gebäude auf demselben Hügel steht ein königl. Schloß,
welches durch seine ziegelrothe Farbe besonders auffällt. -- Es ist sehr
groß, und an seinen beiden vordern Eckseiten sind massive, runde Thürme
angebaut.

An der Rückseite des Schlosses, in der Mitte des Vorplatzes, steht eine
mehr als lebensgroße Büste Gustav des Ersten. Einige Schritte davon
entfernt sind zwei künstliche Hügel gleich Bastionen errichtet, auf welchen
einige Kanonen aufgepflanzt sind. Von hier, als den höchsten Standpunkten
in der ganzen Umgebung, hat man die beste Uebersicht über Stadt und Gegend.

Das Städtchen selbst ist halb von Holz, halb von Stein erbaut, und sieht
allerliebst aus; es ist von breiten schönen Straßen durchzogen, und mit
vielen artigen Gartenanlagen geziert. Nur Eines mißfiel mir -- die dunkle
braunrothe Farbe der Häuser, die bei scheidendem Sonnenlichte einen
eigenthümlich düstern Anblick gewährte.

Die Umgebung besteht aus einer weithin ausgedehnten Ebene, die zum Theil
sehr fruchtbar ist. Zwischen die hellgrünen Wiesen und die gelbschimmernden
Stoppelfelder lagern sich häufig dunkle Waldstreifen, und schon aus weiter
Ferne sieht man den Silberfaden des Flußes _Fyris_, der sich dem See
zuschlängelt. Den Hintergrund bilden dunkle Wälder, in deren Schatten sich
der Blick verliert. -- Dörfer sah ich wenige, es müßte nur sein, daß sie
von Bäumen verdeckt waren.

Viele schöne Fahrstraßen durchschneiden und durchkreuzen diese Ebene.

Bevor ich meinen Standpunkt auf den Bastionen vor dem königlichen Schloß
verließ, warf ich noch einen Blick auf den Schloßgarten, welcher unten am
Hügel zu meinen Füßen aufgedeckt lag, und durch eine Straße vom Schloße
getrennt ist; er scheint nicht sehr groß, aber recht hübsch zu sein.

Gerne hätte ich auch noch den botanischen Garten besucht, der unweit
der Stadt liegt und Linnée's Lieblingsaufenthalt war, -- doch die Sonne
verschwand hinter den Bergen, und ich begab mich in mein Stübchen, mich
auf die morgige Reise nach _Danemora_ zu bereiten. -- -- Eine
herrlichgearbeitete Büste Linnées soll die Hauptzierde jenes Gartens sein.


  13. September.

Um vier Uhr Morgens verließ ich _Upsala_, um nach dem weltberühmten
Eisenbergwerke _Danemora_ zu fahren, welches 7 Meilen von hier entfernt
ist. Ich fuhr so zeitlich aus, um ja gewiß vor 12 Uhr Mittags einzutreffen,
da um diese Stunde in den Gruben gesprengt wird, und selbe dann geschlossen
werden. -- Man sagte mir schon, wie langsam das Reisen auch in diesem
Lande von statten gehe, wie lange man überall durch das Wechseln der
Pferde aufgehalten werde, und so mußte ich _viel_ Zeit vor mir haben, um zu
_rechter_ Zeit an Ort und Stelle gelangen zu können.

Ungefähr eine halbe Meile hinter Upsala liegt _Alt-Upsala_ (Gamla-Upsala).
Ich sah nur im Vorüberfahren die alte Kirche und die Grabeshügel, von
welchen drei ganz besonders groß, die andern kleiner sind. Man vermuthet,
daß diese Hügel die Leichname schwedischer Könige bergen. -- Ich sah
ähnliche Hügel -- Tumuli -- auf meiner Reise in Griechenland, und zwar an
der Stelle wo Troja gestanden sein soll. -- Die Kirche wird nicht als Ruine
geehrt; sie muß noch immer Dienste leisten, und ich sah mit Wehmuth an
diesem altersgrauen Gebäude manche Stelle untermauert, und mit frischem
Kalk übertüncht.

Auf dem halben Wege zwischen Upsala und Danemora liegt ein großes Schloß,
das sich aber weder durch eine besondere Bauart, noch durch eine reizende
Lage oder sonst irgend etwas auszeichnet. -- Endlich sieht man den Fluß
_Fyris_ und den bedeutend langen See _Danemora_. Beide sind ganz mit Schilf
und Gras überwachsen, und haben flache, einförmige Ufer. Ueberhaupt bietet
die ganze Reise sehr wenig Abwechslung; man bleibt fortwährend in einer
Ebene, und sieht nur Felder, Waldungen und Felsblöcke. Letztere sind noch
das Interessanteste, weil man nicht begreifen kann, wie sie eigentlich
hierher kamen. Berge und Hügel sind nämlich weit entfernt, und die Ebene
selbst hat durchaus keinen felsigen Boden.

Das Oertchen _Danemora_ liegt mitten im Walde, und besteht nur aus einer
kleinen Kirche und einigen größern und kleinern zerstreut liegenden
Häusern. Bevor man noch das Oertchen erreicht, ahnt man schon die Nähe der
Gruben. Große, mächtige Anschichtungen von Steinen, welche fortwährend
aus den Gruben geschafft werden, decken bedeutende Räume. Pferde sind
beschäftiget, große Räder zu treiben, und Maschinen, Schleifen, Seile
u. dgl. mehr sieht man überall gezogen.

Ich war glücklich zu rechter Zeit gekommen, und konnte den Sprengungen noch
beiwohnen. -- Am interessantesten sind sie in der _großen_ Grube, deren
obere Oeffnung so außerordentlich groß ist, daß man, um die Menschen in
der Tiefe arbeiten und schaffen zu sehen, gar nicht nöthig hat hinab zu
steigen; -- man sieht Alles von oben. Es ist dieß ein unbeschreiblich
schöner, einziger Anblick. -- Wie ein Bild der Unterwelt erscheint der
480 Fuß tiefe Schlund. Man sieht colossale Thore und Eingänge, die in die
Stollen führen, so wie Felsenbrücken, Vorsprünge, Bogen und Höhlen, die
sich an den Wänden bilden, und bis an die Oberwelt reichen. -- Die Menschen
erscheinen da unten gleich beweglichen Püppchen; -- man ist kaum im Stande
ihren Bewegungen zu folgen, und muß erst das Auge an die Tiefe und an die
unten herrschende Dämmerung gewöhnen. -- Letztere ist jedoch nicht sehr
bedeutend, ich konnte sogar mehrere Leitern unterscheiden, die mir wie
Kinderspielzeug vorkamen.

Es war schon nahe an 12 Uhr, und die Arbeitsleute verließen die Gruben, nur
jene blieben zurück, die mit den Minen zu thun hatten. -- Das Heraufziehen
geschieht hier mittelst kleiner Tonnen, die an Stricken hängen, und durch
eine Winde gehoben werden. Es sieht wirklich schauerlich aus, die Menschen
auf einem so kleinen Fahrzeuge herauf schweben zu sehen, besonders da oft
zwei bis drei Arbeiter in einer Tonne beisammen sind, von welchen der
Eine in der Mitte steht, während die beiden Andern auf den Rändern reitend
sitzen.

Ich hätte mich gerne in die große Grube hinabgelassen, allein für heute war
es schon zu spät, und bis an den andern Tag wollte ich nicht warten. Das
Hinablassen hätte ich nicht gefürchtet, indem ich mit derlei Fahrten schon
von frühern Zeiten her vertraut war. Ich hatte nämlich vor mehreren Jahren
die berühmten Salzbergwerke von Wieliczka und Bochnia in Galizien besucht,
und mich in beide an einfachen Seilen, also auf eine gefährliche Art, als
solches hier mit der Tonne geschieht, hinabgelassen.

Mit Schlag 12 Uhr wurden an vier Minen in der großen Grube Lunten gelegt.
Der Mann, der dieß that, lief hierauf mit größter Eile davon, und verbarg
sich hinter einer Steinwand. -- Nach einigen Minuten sah man das Pulver
aufblitzen, und einige Steine in die Höhe fliegen, dann hörte man von allen
Seiten ein fürchterliches Gekrache, und zum Schlusse das Rollen und Fallen
der gesprengten Massen. Mehrfache kräftige Wiederholungen des Echo's
verkündeten die schreckliche Explosion im Innern des Bergwerkes. Der
Eindruck, den dieß Alles hervorbrachte, war ein wahrhaft schauerlicher. --
Kaum daß noch die erste Mine ausgetobt hatte, fing schon die zweite, dritte
u. s. w. an. -- Dergleichen Minen werden täglich in verschiedenen Gruben
gelegt.

Die andern Gruben sind noch tiefer, die tiefste hat 600 Fuß; aber ihre
Oeffnungen sind kleiner und gehen auch nicht immer senkrecht hinab, wodurch
sich der Blick dann in der Finsterniß verliert, was einen gar unheimlichen
Eindruck macht. Mit beklommener Brust starrt man in diese dunkeln Räume
und sucht vergebens etwas unterscheiden zu können. -- Ich möchte um keinen
Preis ein Bergmann sein; abgeschieden von dem Tage, von der Sonne, könnte
ich das Leben kaum ertragen. -- Ich wandte meinen Blick ab von den finstern
Gruben, und warf ihn freudig auf die liebliche Landschaft, die im hellen
Sonnenlichte erglänzte.

Noch denselben Tag kehrte ich nach _Upsala_ zurück.

Ich hatte diese kleine Reise mit der Post versucht, werde aber meinen
Lesern nur die Facta erzählen. Eine umfassende Meinung über das gute oder
schlechte Fortkommen in diesem Lande kann ich unmöglich abgeben, da diese
kleine Tour mehr einer Spazierfahrt als einer Reise glich.

Da ich keinen eigenen Wagen gemiethet hatte, mußte ich auf jeder Station
ein anderes Fuhrwerk besteigen. Diese Fuhrwerke bestanden aus zweirädrigen
ganz ordinären hölzernen Karren. Der Sitz wurde aus Heu gemacht, und mit
dem Kotzen des Pferdes bedeckt. -- Wären die Wege nicht so ausgezeichnet
gut, würde man auf diesen Wagen wohl fürchterlich durchgeschüttelt werden.
So aber muß ich sagen, daß ich mit ihnen besser fuhr, als mit jenen, zwar
lakirten Kariolen der Norweger, in welchen ich ausgestreckt und eingepreßt
fortwährend in derselben Stellung verbleiben mußte.

Die Stationen sind ungleich, bald länger bald kürzer. Die Postpferde
werden hier wie in Norwegen von wohlhabenden Bauern besorgt, die man
hier _Dschusbauern_ nennt. Jeden Abend muß ein solcher Dschusbauer eine
bestimmte Zahl Pferde zusammenbringen, um am folgenden Tag die Reisenden
weiter befördern zu können. -- Kömmt der Reisende, so findet er auf jeder
Station ein Buch, aus welchem er ersehen kann, wie viele Pferde der Bauer
hat, wie viele Fremde bereits expedirt wurden, und wie viele Pferde noch
im Stalle stehen. Auch er muß seinen Namen, die Stunde der Abfahrt, und
die Zahl der Pferde einzeichnen, deren er bedurfte. Auf diese Art ist
den Betrügereien doch ziemlich Einhalt gethan; man kann sich von Allem
überzeugen, und seine Forderungen darnach einrichten.

Geduld muß man aber auch hier haben, obwohl bei weitem nicht so viel, wie
in Norwegen. Bis der Wagen in Stand gesetzt war, bis das Pferdegeschirr und
endlich das Pferd selbst herbeigeschafft wurde, vergingen zwar immer 15-20
Minuten, aber auch nie mehr, und ich muß diesen schwedischen Postmeistern
nachsagen, daß sie sich, so viel ihnen möglich war, beeilten, und nie ein
doppeltes Fahrgeld verlangten, obwohl sie, besonders auf meiner Hinreise,
wissen mochten, daß ich Eile hatte. -- Das schnelle oder langsame Fahren
hängt natürlich von der Güte des Pferdes, und von dem Willen des Kutschers
ab. -- In keinem Lande aber ist mir ein solches Schonen der Pferde
vorgekommen, wie hier. Es ist wirklich lächerlich zu sehen, welch kleine
Last zu Wagen, die mit Getreide, Ziegeln, Holz u. s. w. beladen sind, zwei
Pferden aufgebürdet, und wie langsam und schläfrig gefahren wird.

Eine schreckliche Plage für Fahrende sind die unzähligen hölzernen Gitter,
welche die Straßen in so viele Theile theilen, als Gemeinde-Gründe an
derselben liegen. -- Der Kutscher muß oft in einer Stunde mehr als 6-8 Mal
absteigen, um diese Gitter zu öffnen und zu schließen. -- Selbst auf der
großen Poststraße sollen diese angenehmen Gitter nicht fehlen, und nur
nicht gar so häufig vorkommen, wie auf den Nebenstraßen.

Der Holzreichthum muß hier so groß sein, wie in Norwegen; Alles ist
eingezäunt, ja selbst Gründe, die so schlecht aussehen, daß sie gewiß des
Zaunes und der Arbeit nicht werth sind.

Die Dörfchen, die ich theils berührte, theils seitwärts liegen sah, waren
mitunter recht niedlich und freundlich. Auch die Hütten, deren manche
ich während des Pferdewechsels besuchte, fand ich meist ziemlich nett und
wohnlich eingerichtet.

Die Bauern haben in dieser Gegend eine sehr sonderbare Tracht. Die Männer,
auch oft sogar die Knaben, tragen lange, dunkelblaue, tüchene Ueberröcke,
und auf dem Kopfe tüchene Käppchen, so daß sie von ferne gesehen, beinahe
Herren im Reiseanzuge gleichen. Komisch läßt es nun, so viel vermeinte
Herren hinter den Pflügen gehen, oder Gras hauen zu sehen. -- In der Nähe
hat das Ding freilich ein ganz anderes Aussehen; da bemerkt man die meist
abgerissenen und schmutzigen Kleider -- und sieht, daß sie unter diesen
Röcken auch noch lederne Schurzfelle tragen, wie bei uns die Zimmerleute.
An der Tracht der Weiber fand ich nichts Eigenthümliches, als daß sie
ebenfalls ärmlich und abgerissen war. -- Was Kleidung und Fußbedeckung
betrifft, stehen sowohl die Schweden, als auch die Norweger hinter den
Isländern, -- während Betreffs der Wohnungen Jene voraus sind.


  14. September.

Heute machte ich die Fahrt auf dem Mälarsee zurück nach Stockholm. Das
Wetter begünstigte mich mehr, als auf der Herreise, und ich konnte die
ganze Zeit auf dem Decke bleiben. -- Nun erst bemerkte ich, daß wir eine
ganze Meile auf dem Fluße _Fyris_ fuhren, dessen flaches Bett sich durch
Waldungen und Wiesen dem See zuschlängelt.

Die große Ebene, auf welcher Neu- und Alt-Upsala liegen, verliert man bald
aus dem Gesichte, und nachdem man zwei Brücken passirt hat, gelangt man
unmittelbar in den Mälarsee, der sich anfangs als große Wasserfläche
ausbreitet, und keine Insel zeigt. Seine Ufer sind mit niedrigen,
bewaldeten Hügeln umfaßt. Doch bald kömmt man wieder in die Regionen der
Inseln; die Wasserfahrt gewährt nun größeres Interesse, besonders da sich
auch auf den Ufern immer schönen Bilder entfalten. Eines der ersten ist
das nette Gütchen _Krusenberg_, dessen Schlößchen recht idyllisch auf einem
reizenden Hügel liegt. Noch schöner aber und wahrhaft überraschend ist das
herrliche Schloß _Skukloster_, ein großes, schönes und höchst regelmäßiges
Gebäude, das mit vier mächtigen, runden Eckthürmen geziert, knapp am See
liegt, und von prächtigen Gartenanlagen umgeben ist.

Von diesem Punkte an sind die Partieen des Mälarsee's voll Schönheit und
Abwechslung. Jeder Augenblick bietet etwas anderes, etwas herrlicheres.
Die Wasser breiten sich bald aus, bald werden sie wieder von den Inseln und
Felsen eingeengt und in förmliche Kanäle gedämmt. -- Vorzüglich gefielen
mir jene Stellen, um welche die Inseln so beisammen liegen, daß man gar
keinen Ausweg sieht. Plötzlich öffnete er sich dann zwischen ihnen, und
man sah wieder eine neue Abtheilung des Sees. An den Ufern werden die
Hügel immer höher, die Vorsprünge derselben immer bedeutender, und
schöne Inselgruppen schließen sich derart an, daß man sie von ferne
für vorgeschobene Theile des Landes hält, und erst in der Nähe ihre
Selbstständigkeit erkennt.

Höchst malerisch nimmt sich das Städtchen _Sixtunä_ aus, das in einem
reizenden kleinen Thale liegt, in welchem auf allen Seiten Ruinen,
besonders solche von runden Thürmen hervorragen. Diese Ruinen sollen
noch Reste der alten Römerstadt _Sixtum_ sein. Die neue Stadt behielt,
wahrscheinlich zur Erinnerung, den Namen ihrer Vorgängerin bei.

Die hierauf folgende Partie bietet dem Auge Klippen und Felswände, die sich
in die Tiefe des Sees senken, und deren Nähe bei einem Sturme nicht sehr
erfreulich wäre. -- Vom Schloße _Rouse_ sieht man nur drei schöne Kuppeln
aus dem Walde ragen; ein neidischer kahler Hügel verbirgt dem spähenden
Auge das Uebrige. -- Noch sieht man ein Schloß, Besitzthum eines
Privaten, das durch seine Größe sehr in die Augen fällt, sonst aber nichts
Ausgezeichnetes an sich hat. -- Die letzte der Merkwürdigkeiten ist die
_Nokeby-Brücke_, welche eine der längsten in Schweden sein soll. Sie
verbindet das feste Land mit der Insel, auf welcher das königliche Schloß
_Drottingholm_ steht. -- Von dieser Stelle erblickt man alsobald die Stadt
Stockholm, und lenkt auch in den Theil des Mälarsees ein, an welchem sie
liegt. -- Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir glücklich wieder die
Hauptstadt Schwedens.



Von Stockholm nach Travemünde und Hamburg.


Am 18. September sagte ich Stockholm »Lebewohl« und schiffte mich Mittags
12 Uhr auf dem Dampfboote _Svithiold_, mit 100 Pferdekraft, ein, um nach
Travemünde zu fahren.

Ich glaube, daß nicht leicht eine Ueberfahrt theurer ist, wie diese. Die
Entfernung beträgt bei 500 Seemeilen, die man gewöhnlich in dritthalb bis
drei Tagen zurücklegt; dafür bezahlt man auf dem zweiten Platze ohne Kost
43 Bankthaler, oder nach unserm Gelde 35 fl. CM. Die Kost ist ebenfalls
unendlich theuer, und noch dazu spielt der Kapitain auch die Rolle des
Gastwirthes; man kann sich daher bei einer vorkommenden Prellerei oder
Unzufriedenheit an Niemanden wenden, und muß Alles geduldig ertragen.

Nichts that mir so wehe, als da ich sah, wie sich einer der ärmeren
Reisenden, der sehr an der Seekrankheit litt, an den Kellner wandte um eine
Suppe zu bekommen, und wie dieser ihn an den gutmüthigen Kapitain wies, der
dann rund heraus erklärte: er werde keine Ausnahme machen, und man müsse
für eine Tasse Suppe so viel bezahlen, wie für die ganze Mittagskost.
-- Der Arme -- er mußte also entweder der für ihn so wohlthuenden Suppe
entsagen, oder jeden Kreuzer zusammen suchen, um täglich einige Bankthaler
ausgeben zu können. -- Glücklicherweise befanden sich einige wohlthätige
Menschen auf dem Schiffe, welche für ihn die Mittagskost bezahlten. --
Einige der Herren führten ein paar Flaschen Wein mit sich, dafür mußten sie
beinah so viel Taxe zahlen, als der Wein werth war.

Zu all diesen Annehmlichkeiten kömmt auf einem schwedischen Dampfschiffe
auch noch jene, daß man bei nur etwas ungünstigem Wetter gar nicht vom
Flecke kömmt. -- Vermuthlich sind die Maschinen zu schwach; wenigstens
behaupteten dieß Viele der Reisenden. -- Wir hatten nur etwas Gegenwinde
und hohes Meer, aber bei weitem keinen Sturm, und doch verspäteten wir uns
schon auf der ersten Hälfte des Weges, auf der Fahrt von _Stockholm_ nach
_Calmar_, um 24 Stunden. In _Calmar_ warfen wir Anker und warteten auf
bessern Wind. -- Ein paar Herren, deren Geschäfte zu Lübeck sehr dringend
waren, verließen hier das Dampfboot und setzten ihre Reise zu Lande fort.

Anfänglich hat die Ostsee den Charakter des Mälarsee's. Inseln, Klippen,
Felsen, große und kleine Wasserbecken u. s. w. erscheinen immer wechselnd
und schön. Rechts sieht man im Hintergrunde die unendlich lange hölzerne
Brücke _Lindenbrog_, die eine Insel mit dem Festlande verbindet.

An dem Ende eines der Becken, in die man einlenkt, liegt das Städtchen
_Wachsholm_, und diesem gegenüber auf einer kleinen felsigen Insel ein
herrliches Festungswerk mit einem kolossalen runden Thurme. -- Nach der
Zahl der Kanonen, welche auf den Wällen aufgepflanzt sind, zu urtheilen,
muß diese Festung zu einer der wichtigsten gehören. -- An ein ähnliches
Festungswerk, _Friedrichsborg_, kamen wir einige Stunden später; es steht
jedoch nicht so frei wie das erstere, sondern ist zum Theil von Waldungen
umgeben. Wir fuhren in ziemlicher Entfernung vorbei, und konnten nicht
viel davon sehen, so wie auch von einem auf der entgegengesetzten Seite
gelegenen Schlosse, das ebenfalls von Waldungen umgeben ist und sehr
großartig zu sein scheint.

Die See wird nun auf der rechten Seite auf Augenblicke unübersehbar; --
doch bald kömmt man wieder auf eine schauerliche Partie nackter Felsen,
an deren äußersten Enden die schöne Festung _Dolero_ liegt. Unweit davon
hängen an nackten, in die See ragenden Felsen gruppenweise viele Häuser,
die einen sehr ausgebreiteten großen Ort bilden.


  19. September.

Wir befanden uns heute auf offener, etwas stürmischer See. Erst gegen
Mittag kamen wir in den _Calmarsund_, der links von dem flachen,
einförmigen Ufer der 15 Meilen langen Insel _Öland_, rechts von dem
Festlande _Schmoland_ gebildet wird. Vor uns thürmte sich der Inselberg,
_die Jungfrau_, auf, auf welchen Wunderberg jeder Schwede mit Stolz
hinweist. Seine Höhe fällt jedoch nur auf, weil Alles rund umher flach und
eben ist. -- Gegen die stolze, riesige _Jungfrau_ in der Schweiz dürfte er
wohl nur als Hügelchen erscheinen.


  20. September.

Gestern Abend wurde, des widrigen Windes wegen, Anker geworfen, und erst
heute Morgens die Fahrt nach dem Städtchen _Calmar_ fortgesetzt, welches
wir gegen 10 Uhr Vormittags erreichten. Das Städtchen liegt auf einer
unübersehbaren Ebene, und bietet nicht viel Interessantes. Höchstens
könnten die ausgezeichnet schöne Kirche und das sehr alterthümliche Schloß
den Wunsch erregen, da einige Stunden verweilen zu dürfen. Uns wurde
dieser Wunsch nur zu sehr gewährt. Wind und Wogen schienen sich gegen uns
verschworen zu haben, und der Kapitain kündigte uns daher eine ungewisse
Frist des Bleibens an. -- Man wollte uns anfangs nicht an das Land setzen,
da die Wogen zu hoch gingen. Endlich wagte sich doch eines der größeren
Boote heran, und die Neugierigsten unter uns wagten es, das schwankende
Fahrzeug zu besteigen, und an das Land zu schiffen.

Die Kirche würde man dem äußern Bau nach für ein schönes, aus vergangenen
Zeiten stammendes Schloß halten. Vier schöne Eckthürme geben ihr dieses
Ansehen, das noch dadurch vermehrt wird, daß die Kuppel das Gebäude
nur wenig überragt, und die übrigen Thürme, die hie und da als Zierde
angebracht sind, kaum bemerkbar werden. Das Innere der Kirche zeichnet
sich durch Größe, Höhe und durch ein besonders schönes Echo aus. Einen
ergreifenden Eindruck sollen die Töne der Orgel hervor bringen. -- Wir
sandten um den Organisten, der aber leider nirgend zu finden war, und wir
mußten uns mit dem Echo unserer Stimmen begnügen. -- Von da wanderten wir
in das kaum zehn Minuten weit entfernte alte königliche Schloß, welches
unter der Königin Margaretha im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Im Innern
ist dieses Schloß so gänzlich verfallen, daß ein längeres Verweilen in den
obern Sälen beinahe nicht rathsam wäre. Die untern Gemächer des
Schlosses wurden ausgebessert und dienen als Gefängnisse; aus vielen der
eisenvergitterten Fenster ragten Arme hervor und flehende Stimmen baten uns
Vorübergehende um eine kleine Gabe. -- Es sollen sich gegenwärtig über 140
Gefangene hier befinden.

Gegen 3 Uhr Nachmittag ließ der Wind etwas nach, und wir setzten die Reise
fort. -- Die Fahrt in dem Calmars-Sunde ist höchst einförmig, da man nichts
als flache öde Ufer an den Seiten hat; ein Wäldchen gehört schon zu den
Seltenheiten.


  21. September.

Als ich heute auf das Deck kam, hatten wir den Sund schon lange hinter uns;
links umgab uns die offene See, und rechts wechselte das öde _Schmoland_
mit dem noch öderen _Schonen_ ab, das zum Theil so nackt erschien, daß man
zwischen den niedrigen kahlen Hügeln kaum ein ärmliches Fischerdörfchen
gewahrte.

Um 9 Uhr Morgens warfen wir im Hafen zu _Ystadt_ Anker. Das Städtchen ist
ziemlich artig, und besitzt einen geräumigen Platz, welchen das Haus des
Gouverneurs, das Theatergebäude und das Rathhaus zieren. Die Gassen sind
breit, die Häuser theils von Holz, theils von Stein. Das Interessanteste
ist die alterthümliche Kirche, und in ihr ein hölzernes, zum Theil schon
sehr beschädigtes Altarblatt, welches in der Sakristei aufbewahrt wird.
Wenn auch die Figuren daran etwas plump und unrichtig gearbeitet sind, so
muß man doch die Composition und das angebrachte Schnitzwerk bewundern.
Nicht zu übersehen sind auch die Reliefs an der Kanzel, und ein schönes
Monument, welches rechts vom Hochaltare steht. Alle diese Arbeiten sind in
Holz geschnitzt.

Des Nachmittags kamen wir an der dänischen Insel _Malmö_ vorüber.

Endlich, nachdem wir statt 2½ Tagen beinahe 4 Tage auf der See zugebracht
hatten, erreichten wir am 22. September Morgens 2 Uhr glücklich den Hafen
von _Travemünde_. Und nun waren meine Seereisen beendet. -- Mit Wehmuth
schied ich von der See. Die Wasser so ausgebreitet vor sich zu sehen,
und auf ihrer spiegelglatten Fläche dahin zu schiffen, ist doch gar zu
herrlich. Immer bietet die See ein schönes Bild, selbst wenn sie stürmt und
wüthet, wenn sich Wellen auf Wellen thürmen, sich an dem Fahrzeuge brechen
und es zu verschlingen drohen, oder wenn das Schiff bald auf ihren Spitzen
tanzt, bald in den Abgrund schießt. Ich kauerte oft stundenlang in irgend
einem Winkel, klammerte mich an die Schiffswand, und ließ Sturm und Welle
über mich ergehen. Ich war durch das viele Reisen auf der See von der
unleidlichen Seekrankheit nicht mehr bedroht, und konnte daher ungetrübt
diese fürchterlich schönen Naturscenen bewundern und Gott in seinen
erhabenen Werken preisen.

Kaum hatten wir im Hafen Anker geworfen, empfing uns ein ganzes Heer von
Kutschern, um uns zu Land über Lübeck nach Hamburg zu expediren, -- eine
Reise von acht Meilen, die man gewöhnlich in neun Stunden zurücklegt.

_Travemünde_ ist ein nettes Oertchen, das eigentlich nur aus einer Gasse
besteht, deren Häuser meist Gasthöfe sind. Die Fahrt von hier bis Lübeck
-- zwei Meilen -- ist überaus artig. Eine herrliche Straße, auf welcher die
Wagen wirklich nur dahin rollen, führt durch einen anmuthigen Wald an einem
Friedhofe vorüber, der an Schönheit selbst jenen von Upsala übertrifft;
man würde ihn, sähe man nicht die Monumente, für den kunstvollsten,
herrlichsten Park oder Garten halten.

Nichts bedauerte ich so sehr, als nicht _einen_ Tag dem Aufenthalte zu
Lübeck widmen zu können. Diese alte Hanseestadt, mit ihren pyramidal
erbauten Häusern, mit dem ehrwürdigen Dome und den andern schönen Kirchen,
mit dem geräumigen und reinlichen Platze u. s. w. zog mich gar sehr an;
aber so mußte ich weiter, und konnte nur in eiliger Durchfahrt Manches
bewundern und anstaunen. -- Das Pflaster für die Fahrenden und das Trottoir
daneben ist so schön und eben, wie in keiner andern nordischen Stadt. Auf
den Straßen vor den Häusern stehen häufig hölzerne Kanapee's, auf welchen
wahrscheinlich die Inwohner die schönen Abende zubringen. Hier sah ich auch
zum ersten Male die funkelnden Hamburger Spiegelscheiben wieder. -- Die
_Trave_, über welche man zwischen Travemünde und Lübeck auf einem Schiffe
übersetzt, umgibt auf einer Seite die Stadt.

In der Nähe von _Oldeslo_ sind Salzsiedereien mit schönen Gebäuden
und unendlich hohen Dampfrauchsäulen; bei _Arensburg_ liegt ein altes
romantisches Schlößchen, das ganz mit Wasser umgeben ist.

Nun aber wird die Gegend ziemlich einförmig, und bleibt so bis Hamburg;
sie scheint jedoch sehr fruchtbar zu sein, da man überall schöne Felder und
Wiesen sieht.

Diese kleine Reise von Lübeck bis Hamburg kömmt ziemlich hoch zu stehen; es
ist aber auch unglaublich, wie viel Taxen und Zahlungen der arme Kutscher
auf dieser kurzen Strecke zu entrichten hat. Erst mußte er für 1 fl.
16 kr. einen Erlaubnißschein lösen, um von dem Lübecker Gebiet in jenes
von Hamburg fahren zu dürfen, dann bezahlt er in Lübeck ein doppeltes
Thorsperrgeld, jedes von 24 kr., weil wir vor fünf Uhr früh kamen, und uns
sowohl bei der Einfahrt, als auch bei der Ausfahrt die Thore, die erst um
5 Uhr geöffnet werden, aufsperren ließen, und außerdem mußte er fast auf
jeder Meile an den Schlagbäumen 5 bis 6 kr. entrichten.

Diese fatale Plackerei des ewigen Anhaltens an den Schlagbäumen kennt man
weder in Norwegen noch Schweden. Dort zahlt man für jedes Pferd des Jahres
eine gewisse Taxe, und kann dann ungehindert im ganzen Lande herum fahren,
nirgends sind solche -- -- -- -- errichtet.

Die Bauernhäuser sind hier sehr groß und ausgedehnt; dieß kömmt aber daher,
weil Stall, Scheuer, Schoppen -- Alles unter _einem_ Dache ist. Die Wände
oder eigentlich Gerippe dieser Häuser sind von Holz, und mit Ziegeln
ausgefüllt.

Gleich hinter _Arensburg_ sieht man schon die Thürme von _Wandsbeck_ und
_Hamburg_, welche beide Städte nur _eine_ zu bilden scheinen, da sie blos
durch artige Landhäuser getrennt sind. Wandsbeck ist jedoch im Vergleiche
zu Hamburg nicht als Stadt, sondern als Dorf zu betrachten.

Gegen 2 Uhr Nachmittag traf ich glücklich bei meinen lieben Verwandten ein,
die über meine Ankunft so erstaunt waren, daß sie mich beinahe für einen
Geist hielten. -- Bald wurde mir ihr Erstaunen begreiflich.

Als ich nämlich von Island abfuhr, ging, wie ich bereits bemerkte, zu
gleicher Zeit eine Gelegenheit nach Altona, mit welcher ich ein Kistchen
Mineralien u. dergl. an meinen Vetter nach Hamburg sandte. Der Schiffer
nun, welcher das Kistchen übergab, machte ihm eine so arge Schilderung
von dem schrecklich schlechten Fahrzeuge, in welchem ich nach Kopenhagen
übergefahren wäre, daß er, nachdem ich über zwei Monate keine Nachricht von
mir gegeben hatte, dachte, ich sei mit dem Schiffe zu Grunde gegangen. --
Wohl hatte ich ihm bei meiner Ankunft zu Kopenhagen geschrieben, aber der
Brief mußte verloren gegangen sein, und daher seine Vermuthung, und dann
sein Erstaunen.



Von Hamburg nach Berlin.


Meine Zeit war karg bemessen, und ich konnte mich dießmal leider nur einige
Tage bei meinen lieben Verwandten aufhalten. Schon am 26. September ging
ich mit einem kleinen Dampfboote auf der Elbe nach _Haarburg_, das man in
dreiviertel Stunden erreicht. Hier wechselte ich die Schiffsgelegenheit mit
dem Eilwagen und fuhr nach _Celle_ (14 Meilen).

Von der Gegend ist nur wenig zu sagen; sie besteht größtentheils aus
Ebenen, die theilweise zu Haiden und Sümpfen werden, -- doch gibt es
dazwischen auch fruchtbare Stellen mit Feldern und Wiesen.


  27. September.

In der Nacht trafen wir in Celle ein. Von hier bis _Lehrte_ (1½ Meile) muß
man eine Privatgelegenheit miethen. In Lehrte besteigt man die Eisenbahn,
und fährt nun ununterbrochen bis Berlin. -- Man berührt auf dieser Fahrt
viele Städte und größere oder kleinere Orte, kann aber nur wenig von ihnen
sehen, da die Bahnhöfe überall ziemlich entfernt liegen, und man nur einige
Augenblicke anhält.

Die erste Stadt, an der wir vorüber kamen, war _Braunschweig_. Gleich
außerhalb der Stadt sieht man das artige herzogliche Schloß, das
im gothischen Style erbaut ist und in einem schönen Parke liegt. --
_Wolfenbüttel_ scheint, nach der Menge der Häuser und Kirchthürme zu
urtheilen, eine ziemlich bedeutende Stadt zu sein. -- Eine schöne hölzerne
Brücke mit elegant gearbeitetem eisernem Geländer führt hier über die
Ocker. Vor der Stadt leitet eine reizende Promenade zu einem sanften Hügel,
auf dessen Plateau ein wunderliebliches Gebäude, »ein Kaffeehaus« steht.

Sobald man das Gebiet von Hannover im Rücken hat, wird die Gegend zwar
nicht reicher an seltenen Naturmerkwürdigkeiten, aber doch verlieren sich
wenigstens die Sümpfe und Haiden, und ein fleißig cultivirtes Land ersetzt
deren Stelle. -- Viele Dörfer liegen zerstreut umher, und manch reizendes
Städtchen erregt den Wunsch, die Gegenden nicht gar so eilig durchfliegen
zu müssen.

Man kömmt nun an _Schepenstadt_, _Jersheim_ und _Wegersleben_ vorüber,
welch letztere Stadt bereits zu Preußen gehört. -- In _Aschersleben_ werden
die Wagen gewechselt, eben so in Magdeburg. -- Bei dem Städtchen _Salze_
sieht man schöne Gebäude, die zu den ausgedehnten hier befindlichen
Salzsiedereien gehören. -- Zu _Jernaudau_ ist der Sitz einer Herrnhuter
Gesellschaft. -- Gerne hätte ich die Stadt _Köthen_ besucht; man kann sich
nichts Reizenderes denken, als die Lage dieses Städtchens inmitten von
duftenden Gärten. Leider hielten wir nur kurze Augenblicke an. -- Auch das
Städtchen _Dessau_ ist mit artigen Anlagen umgeben. Mehrere Brücken führen
hier über einzelne Arme der Elbe; die über den Hauptstrom führende ruht auf
mächtigen Steinpfeilern. -- Von dem Städtchen _Wittenberg_ sieht man nur
Häusermassen und Kirchthürme; eben so auch von dem Städtchen _Jüterbog_,
das so neu aussieht, als ob es erst kürzlich entstanden wäre. -- Bei
_Lukewalde_ fängt die Sandregion an, in die nur eine bei _Trebbin_
erscheinende kleine Kette bewaldeter Hügel einige Abwechslung bringt.
Doch auch diese nimmt bald ihr Ende, und man fährt nun bis Berlin in einer
traurigen, einförmigen Sandfläche.

Ich war heute von 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends auf dem Wege, und hatte 46
Meilen zurückgelegt. -- Häufig waren auf dieser Reise die Wagen gewechselt
worden. -- Ueberall hatte, der Leipziger Messe wegen, ein unendlicher
Zudrang von Menschen statt gefunden; -- oft zählte der Zug 35 bis 40
Wagen, 3 Locomotive und gewiß 7-800 Reisende, -- dennoch war immer Alles
in größter Ordnung geblieben. Eine große Bequemlichkeit ist es, daß man den
Platz von Lehrte bis Berlin, obwohl man so vielerlei Staaten zu passiren
hat, auf einmal berichtigen kann, und sich daher während der ganzen Reise,
weder um sein Gepäck noch um sonst etwas mehr zu bekümmern hat. -- Die
bei den Eisenbahnen angestellten Leute fand ich alle sehr höflich. Wenn
an einer Station angehalten wurde, verkündeten gleich die Conducteure mit
lauter Stimme die Zeit des Aufenthaltes, 2-3 Minuten, ¼ Stunde u. s. w.
Jeder Mitfahrende konnte sich darnach richten, in ein nahes Gasthaus oder
Zelt treten und sich etwas reichen lassen. Die Wagen sind höchst bequem zum
Ein- und Aussteigen eingerichtet, und zwar dadurch, daß die Räder an
den Stations-Stellen in tiefen Geleisen laufen, und so der Wagen mit
dem Erdboden in gleicher Höhe ist; man braucht gar keinen Wagentritt zu
besteigen, sondern setzt den Fuß gleich auf die Erde. Die Wagen sind wie
in breite Kutschen getheilt. Zwei Bänke stehen der Breite nach, einander
gegenüber, und an jeder Seite befindet sich eine geräumige Wagenthür, bei
welcher man bequem hinaus und herein kömmt. Auf der ersten und der zweiten
Klasse sitzen in jeder solchen Wagenabtheilung 8 Personen, auf der dritten
Klasse 10 Personen. -- Die Wagen sind Alle numerirt und Jedermann findet
leicht seinen Platz. -- Eingesperrt ist Niemand.

Durch diese einfachen Einrichtungen ist es möglich, daß man selbst, wenn
der Zug nur zwei Minuten anhält, aussteigen und Bewegung machen, oder sich
mit Lebensmitteln versehen kann, ohne daß ein Gedränge oder eine Verwirrung
statt hat.

Alles dieß fällt bei jenen Eisenbahnwagen weg, welche die unnatürliche
Länge eines Hauses haben, und in deren jeden 60 oder gar 70 Personen
eingepackt, mitunter sogar _eingesperrt_ sind, wo die Thüren von den
Conducteuren geöffnet werden, und dieser nur den Namen der Station
hineinschreit, ohne die Zeit des Aufenthaltes bekannt zu machen. -- Da ist
es wohl keinem Reisenden zu rathen, seinen Posten zu verlassen; denn bis er
sich von einem Ende des Wagens bis an das andere drängt, bis er durch das
enge Pförtchen schlüpft und endlich über die hohen Stufen hinabklettert,
erschallt schon wieder das Horn, und in demselben Augenblicke setzt sich
der Zug in Bewegung, es ist also selbst dieß Blasen kein Zeichen für
die Reisenden, um sich darnach richten zu können; es gehört nur für den
Locomotivführer.

Eben so hat man in diesen Staaten, welche ich heute durchreiset hatte,
nicht die geringste Plackerei mit dem Paßwesen, und mit den noch
unausstehlichern Passirscheinen. Kein lästiger Polizei-Soldat kömmt in den
Wagen und läßt den Reisenden erst aussteigen, nachdem er ihm von A bis Z
Auskunft ertheilt hat. -- Ich möchte wissen, wie viele Tage man auf dieser
Reise zubringen würde, wenn man, wie in andern Staaten, die Pässe so oft
abgeben müßte, die nicht einmal gleich an Ort und Stelle expedirt, sondern
erst auf das Amt getragen werden.

Und solch störende Einrichtungen, man sollte es nicht glauben, haben oft im
Innern eines und desselben Staates statt. -- Man braucht gar nicht erst
vom Auslande zu kommen; -- man muß all diese Scherereien erfahren, wenn man
auch nur von einer Provinz-Hauptstadt in die andere fährt.

In allen Ländern, durch welche ich bisher kam, hatte ich mich nirgends über
dergleichen Sachen zu beklagen; man forderte mir den Paß nur im Gasthofe
der Hauptstadt des Landes ab, wenn ich mehrere Tage daselbst zu verweilen
gedachte. -- Blos in Stockholm fand ich eine etwas sonderbare Einrichtung;
da muß jeder Fremde, und wenn er nur 24 Stunden verweilt einen schwedischen
Paß lösen, und dafür 1 fl. 20 kr. zahlen. Dieß ist, bei Licht betrachtet,
doch nur eine Einführung, um dem Fremden auf eine anständige Art 1 fl.
20 kr. abzunehmen; wahrscheinlich scheut man sich, für das einfache Visiren
der Pässe eine so hohe Bezahlung zu verlangen.



Aufenthalt in Berlin. -- Rückkehr nach Wien.


Ich sah noch nie eine schöner und regelmäßiger gebaute Stadt als Berlin
-- die eigentliche Stadt Berlin; -- höchstens können die vorzüglichsten
Straßen, Plätze und Paläste Kopenhagens einen Vergleich mit ihr aushalten.

Ich konnte mich nur einige Tage da aufhalten, und hatte daher kaum Zeit,
das Merkwürdigste und Interessanteste zu besehen.

In einem ziemlich nahen Umkreise liegen die herrliche königl. Residenz,
die ausgedehnten Gebäude der Bildergallerie und der Museen, der große Dom
u. s. w.

Die _Domkirche_ ist groß und regelmäßig; an jeder Seite des Einganges steht
eine Kapelle, die mit eisernen Gittern umgeben ist. Einige Könige liegen
hier begraben, und alterthümliche Sarkophage decken die Grüfte, die unter
dem Namen der _Königsgräber_ bekannt sind. Unweit davon sieht man ein
schönes, in Erz gegossenes Monument, unter welchem ein Graf Brandenburg
ruht.

Die _katholische Kirche_ ist im Style der Rotonde zu Rom gebaut, nur erhält
sie nicht wie diese das Licht von oben, sondern durch Fenster, die rund
herum im Kreise angebracht sind. Schöne Statuen, und ein einfacher aber
geschmackvoller Altar sind die einzigen Zierden der Kirche. An dem Porticus
sieht man kunstvolle Reliefs.

Die _Werderische Kirche_ stammt aus neuerer Zeit, ist aber ganz im
gothischen Style gehalten. Die Thürme schmücken schöne Bronce-Relief's. Die
Wände im Innern der Kirche sind mit Holztafeln ausgelegt, die bis an die
Gallerien reichen, und färbig eingelegt sind. Sie endigen in gothisches
Schnitzwerk. Die Orgel hat einen klaren, starken Ton. Die Brüstung vor
derselben enthält ein Gemälde, das man auf den ersten Blick eher für eine
Fantasie aus der Göttergeschichte, als für ein Heiligenbild halten würde.
Eine Menge Amoretten schweben zwischen Blumengewinden, und umgeben drei
schöne weibliche Figuren.

Ganz nahe an dieser Kirche stehen das _Münzgebäude_ und die _Bauakademie_.
Ersteres ist mit schönen Bildhauerarbeiten geschmückt, Letzteres ist
von viereckiger Form, mit ziegelrother Farbe angestrichen, ohne alle
Architectur, und gleicht ganz einem ausgezeichnet großen Privat-Gebäude.
Das untere Geschoß ist zu glänzenden Kaufmannsladen verwendet.

In der Nähe der Residenz liegt der Opernplatz, auf welchem außer dem
berühmten Opernhause, auch noch das Zeughaus, die Universität, die
Bibliothek, die Akademie, das Wachthaus, und einige königl. Paläste,
u. s. w. stehen. -- Der Platz selbst ist mit drei Statuen der Generäle:
Graf _Bülov_, Graf _Scharnhorst_ und Fürst _Blücher_ geziert. Alle drei
sind sehr schön gearbeitet; nur gefällt mir ihr Costume nicht, welches aus
ganz gewöhnlichen Tuchmänteln besteht, die, vorne auseinander geschlagen,
einen Theil ihrer Pracht-Uniform erblicken lassen.

Das _Zeughaus_ ist eines der prachtvollsten Gebäude Berlin's; es bildet ein
schönes Viereck. -- Da zu der Zeit, als ich mich in dieser Stadt befand,
einige kleine Ausbesserungen im Zeughause statt fanden, so war es für
den Fremden geschlossen. Ich begnügte mich daher durch die Fenster im
Erdgeschoße zu sehen, wo ich ungeheure Säle erblickte, in welchen ganze
Reihen großer Kanonen aufgepflanzt waren.

Das _Wachthaus_ ist gleich daneben, und gleicht mit seinem Säulenporticus
einem artigen Tempel.

Des _Opernhaus_ bildet ein längliches Viereck, es steht von allen Seiten
frei. Es würde sich ungemein besser ausnehmen, wenn die Eingänge nicht
so jämmerlich aussähen. Jener an der Hauptfaçade gleicht einer engen,
ärmlichen Kirchthüre, er ist schmal, und von dunkler Farbe. Die untern
Eingänge sind noch niedriger, und man vermuthet durchaus nicht, durch
sie in solch ein Pracht-Lokale zu gelangen. -- Die innere Einrichtung des
Theaters ist über alle Beschreibung luxuriös und bequem. Im Parterre
reihen sich höchst bequeme, herrlichst gepolsterte Stühle, die mit breiten,
ebenfalls gepolsterten Lehnen versehen sind, an einander; sie werden
nicht gesperrt, sondern offen gelassen; jeder Stuhl ist mit einer Nummer
bezeichnet. Die Logen sind durch kaum fußhohe Wände geschieden; man sieht
da die elegante Welt wie auf Tribunen sitzen. Die Stühle im Parterre, so
wie die Logen des ersten und des zweiten Ranges, sind mit dunkelrothem
Seidendamast überdeckt. Die königliche Loge ist ein herrlicher Salon,
dessen Boden die feinsten Teppiche bedecken. -- Den Plafond des Theaters
schmücken schöne Oelgemälde, die in zierlich goldenen Rahmen gefaßt sind.
Das größte Meisterwerk aber ist der ungeheure Luster. Er sieht so massiv in
Bronce gearbeitet aus, daß einem ordentlich bangt, diese schwere Masse so
frei in der Luft über den Köpfen der Zuseher schweben zu sehen. Das Ganze
ist aber nur Täuschung, denn er soll aus Pappe zusammengesetzt, und blos
broncirt sein. Eine Unzahl Gasflammen verbreiten das heiterste Licht. --
Nur Eines geht mir bei so schönen und neu erbauten Theatern ab, -- daß
nirgends eine Uhr angebracht ist, -- eine Sache, die man fast in jedem
italienischen Theater findet.

Die übrigen Gebäude und Paläste auf dem Opernplatz zeichnen sich sowohl
durch ihre Größe, als auch durch ihre schöne Bauart aus.

Eine ganz außerordentlich breite, steinerne Brücke mit künstlich
gearbeitetem ehernem Geländer führt über einen kleinen Arm der Spree, und
verbindet den Opernplatz mit jenem, auf welchem die Residenz steht.

Das _königliche Museum_ gehört auch unter die vorzüglichsten Bauten; --
schöne Fresken zieren den hohen Porticus. -- Die _Bildergallerie_ enthält
manches Meisterwerk; und sehr bedauerte ich, für diese Schätze, so wie auch
für die _Antiken_ nicht mehr Zeit gehabt zu haben, -- ich durchflog Beide
in drei Stunden.

An die Akademie schließt sich eine ungemein breite und lange Straße, in
welcher Reihen von Linden stehen, die ihr den Namen _unter den Linden_
gegeben haben. Diese Alleen bilden den freundlichsten Spaziergang nach dem
schönen Brandenburger Thor, vor welchem der Thiergarten liegt. -- Unter
den Straßen, welche in den _Linden_ auslaufen, sind die längsten und
hübschesten die _Friedrichs-_ und _Wilhelmsstraße_. Die _Leipzigerstraße_,
welche zwar nicht hier ausmündet, gehört auch noch unter die
vorzüglichsten.

Auf dem _Gensd'arme-Platz_ zeichnen sich die französische und deutsche
Kirche, jedoch nur durch ihre herrliche Außenseite, durch ihre schönen
hohen Kuppeln, Säulen und Porticus aus; die Kirchen selbst sind klein und
unbedeutend. Auf diesem Platze steht auch das _königliche Schauspielhaus_,
ein geschmackvolles, ausgezeichnet schönes Gebäude, das mit vielem
Säulenwerk, den Musen und andern Statuen geziert ist.

Den Thurm, auf welchem sich der Telegraph befindet, bestieg ich der
Aussicht halber, die man da über die Stadt und deren einförmige, flache
Gegend hat. -- Ein recht höflicher Beamter war so gütig, mir die Zeichen
des Telegraphen zu erklären und erlaubte mir auch, durch die Fernröhre auf
die entfernten Telegraphen zu sehen.

In der Königsstadt, die unweit der königl. Residenz am jenseitigen Ufer der
Spree liegt, ist nicht viel zu sehen. Die Hauptstraße _Königsstraße_, ist
zwar lang, aber schmal und etwas schmutzig. Ueberhaupt herrscht hier ein
mächtiger Abstand gegen die eigentliche Stadt Berlin; die Gassen sind enge,
kurz und mitunter auch winklicht. Die merkwürdigsten Gebäude sind die Post
und ein Theater.

Der Luxus in den Auslagen der Waaren ist hier an einigen Plätzen und
Straßen bedeutend. Manche Spiegelwand und manches Spiegelfenster erinnerte
mich an Hamburgs Pracht, doch steht sie dort noch auf ungleich höherer
Stufe als in Berlin.

An Ausflügen besitzt Berlin nicht viel, da die Umgebung größtentheils flach
und einförmig ist. -- Die einigen interessanten sind der _Thiergarten_,
_Charlottenburg_, und jetzt, seit die Eisenbahnen Alles nahe bringen, auch
_Potsdam_.

Der _Thiergarten_ liegt gleich außerhalb des Brandenburger Thores; er ist
in mehrere Partieen getheilt, deren eine mich ganz an unsern beliebten
Prater erinnerte. -- Schöne Alleen waren voll von Wagen, Reitern und
Fußgängern; zierliche Kaffeehäuser belebten die freundlichen Waldpartieen
und auf den grünen Plätzen schäckerten fröhliche Kinder. -- Ich fand mich
so sehr in meinen lieben Prater versetzt, daß ich mich nur wunderte, keine
bekannten Gesichter zu sehen, keinen herzlichen Gruß zu empfangen. -- Auf
dieser Seite des Thiergartens steht auch das _Krollische Casino_; auch
_Wintergarten_ genannt. -- Ich weiß nicht, wie ich dieß Gebäude nennen
soll; -- es ist ein wahrer Feenpalast. Alles was man sich Kostbares an
Einrichtung, Vergoldung, Malereien, Drapirungen u. s. w. zu denken vermag,
findet sich hier in herrlichen Säälen, Salon's, Tempeln, Galerien, Logen,
u. s. w. vereint. Der Hauptsaal, welcher für 1800 Couverts Raum hat,
erhält sein Licht nicht nur durch große Fenster, sondern auch durch eine
Glasdecke, die sich als Dach darüber wölbt. Ganze Reihen von Säulen stützen
hier Gallerien oder scheiden die kleinern Sääle vom Hauptsaale. In den
Fensternischen, in den Ecken, um die Säulen, überall stehen duftende Blumen
und Gewächse in zierlichen Töpfen und Vasen, welche dieses Lokale im Winter
in einen wahren Zaubergarten umschaffen mögen. Alle Sonntage finden
hier Conzerte und Reunionen statt, zu welchen der Zudrang des Publikums
außerordentlich ist -- trotz dem, daß _nicht geraucht_ werden darf. --
Dieses Lokale soll Raum für 5000 Menschen haben.

Die Seite des Thiergartens, welche sich gegen das Potsdamer Thor zieht,
gleicht mit den beschnittenen Alleen, Blumenbeeten und Terassen, Inseln,
Goldfischteichen u. s. w. einem vollkommenen Ziergarten. Hier besuche man
die Luiseinsel, auf welcher ein schönes Denkmal der Königin Luise zu
sehen ist. -- Auf der Seite des Ziergartens ist das Kaffeehaus _Odeon_ das
vorzüglichste, es kann sich aber in keiner Art mit dem Krollischen Casino
messen. -- Hier stehen auch ganze Reihen der elegantesten Landhäuser,
worunter die meisten im italienischen Style gebaut sind.



Charlottenburg


ist eine halbe Stunde vom Brandenburger Thor entfernt, vor welchem die
Omnibus stehen, die alle Augenblicke dahin abgehen. Der Weg führt durch den
Thiergarten, an dessen Ende ein niedlich Dörfchen, und gleich an demselben
das königl. Lustschloß _Charlottenburg_ liegt. -- Das Schloß besteht aus
zwei Stöcken, wovon der obere ganz nieder ist, und nur für die Dienerschaft
zu gehören scheint. Das Schloß ist mehr breit als tief, das Dach
terassenförmig, und in der Mitte desselben erhebt sich eine zierliche
Kuppel.

Der Garten ist einfach, nicht sehr groß, besitzt aber eine bedeutende
Orangerie. -- In einem düstern Boskett steht ein kleines Gebäude, das
Mausoleum, in welchem das Bildniß der Königin Luise in Marmor, von dem
geschätzten Künstler _Rauch_, herrlich dargestellt ist. -- Hier ruhen auch
die irdischen Ueberreste des verstorbenen Königs. -- Ferner ist hier eine
Insel mit Statuetten, und endlich ein großer Teich, auf welchem einige
Schwäne herum stolzieren. -- Es ist wahrlich schade, daß an diesen
weißgefiederten Thierchen kein Schmutz kleben bleibt, sonst würde man sie
bald für eine der größten Merkwürdigkeiten, nämlich für _schwarze Schwäne_
halten; denn der Teich oder Fluß, der sich um die Insel zieht, gleicht der
schmutzigsten Pfütze, die ich noch je gesehen habe.

Bereits ermüdet dürfte man diesen Park nicht besuchen, denn Bänke findet
man nur sehr wenige; dafür gibt es aber desto mehr Mücken.



Potsdam.


Die Entfernung Potsdam's von Berlin beträgt kaum 4 Meilen, die man auf
der Eisenbahn in ¾ Stunden zurücklegt. -- Diese Bahn ist sehr bequem
eingerichtet; die einzelnen Wagen sind nämlich mit den Namen der Stationen
bezeichnet, und der Reisende steigt daher in den Wagen jener Station,
wohin er zu fahren gedenkt. Auf diese Art wird man nie durch das Ein- und
Aussteigen der Ankommenden und Abgehenden belästiget, indem Alle, die in
einen Wagen sitzen, zu gleicher Zeit aussteigen.

Die Fahrt selbst bietet nichts Interessantes, desto mehr aber Potsdam, so
daß kaum ein Tag hinreicht, Alles besehen zu können.

Unmittelbar vor der Stadt fließt die _Havel_, über welche eine lange,
wunderschöne Brücke führt, deren Pfeiler von Stein, und das Sparrwerk nebst
dem Geländer von Eisen ist. Gleich am jenseitigen Ufer liegt das große
königliche Schloß von Potsdam, dessen rückwärtige Seite von Gartenanlagen
umgeben ist. Der Garten ist nicht sehr ausgedehnt, für einen Park in der
Stadt aber immer groß genug; -- er ist dem Publikum geöffnet. -- Das Schloß
ist in einem sehr großen Style gebaut. Leider ist es ganz unnütz geworden,
da der Hof in der Nähe von Potsdam zu schöne Sommerpaläste besitzt, und den
Winter in Berlin zubringt.

Der Platz vor dem Schloße gehört nicht zu den schönsten; er ist weder
regelmäßig noch groß, und nicht einmal eben. Hier steht auch die
Hauptkirche, die zwar noch nicht vollendet ist, aber ein schönes Gebäude
zu werden verspricht. Die Stadt ist ziemlich groß, und besitzt eine Menge
schöner Häuser. Die Straßen -- darunter vorzüglich die _Nauner_ -- sind
breit und lang, aber sehr schlecht gepflastert; die Steine sind alle mit
den Spitzen nach oben gekehrt; für die Fußgeher ist nur immer auf einer
Seite der Häuser durch ein zwei Fuß breites, aus Steinplatten bestehendes
Trottoir gesorgt. -- Ein schöner Platz am _Kanal_, von einem Kanal
durchschnitten, und mit mehreren Alleen geziert, bildet die Promenade der
Städter.

Von den königl. Sommerlustschlössern besuchte ich zuerst jenes von _Sans
souci_, das von einem artigen Parke umgeben ist. Das Schloß selbst liegt
auf einer Anhöhe, die in 6 Terassen abgetheilt ist. Auf jeder derselben
stehen bedeutende Treibhäuser, und vor diesen ganze Alleen von Orangen- und
Citronen-Bäumen.

Das Schloß besteht nur aus einem Erdgeschoße, und ist derart mit Lauben,
Bäumen und Rebengewinden umgeben, daß nur wenig davon zu sehen ist. --
In das Innere des Schlosses konnte ich nicht, weil es von der königlichen
Familie bewohnt war.

Ein kleiner Seitenweg führt nach dem _Ruinenberge_, auf welchem durch die
Hand der Kunst Reste eines kleinern und eines größeren Tempels zu sehen
sind. Ein weites, ausgedehntes Wasserbecken nimmt zum Theil die Höhe des
Hügels ein. Man übersieht von hier aus die rückwärtige Seite des Schlosses
Sanssouci, und den sogenannten _neuen Palast_, welcher von ersterem nur
durch den Park getrennt und kaum eine Viertelstunde entfernt ist.

Der _neue Palast_ oder das _neue Schloß_, von Friedrich dem Großen
erbaut, ist so prachtvoll, als man es sich nur denken kann. Es bildet ein
längliches Viereck mit Arabesken und flachen Säulen geziert, und mit einem
terassenartigen Dache überdeckt, das mit einem Steingeländer umgeben, und
durch Figuren verschönert ist.

Die Säle und Gemächer sind hoch und groß, und über alle Maßen herrlich
gemalt, austapeziert und eingerichtet. Viele Oelgemälde, darunter manche
Meisterstücke, zieren die Wände. -- Im Erdgeschoße ist ein Salon ganz mit
den schönsten Muscheln ausgelegt. -- Beinahe könnte man ein Buch füllen mit
der Beschreibung der zahllosen Wunder dieses Feenschlosses. -- Leider wird
es nicht bewohnt.

An der Rückseite dieses Palastes, und nur durch einen großen Vorplatz von
ihm getrennt, liegen zwei wunderniedliche Schlößchen, die mit einander
durch eine halbmondförmige Säulenhalle verbunden sind, und herrliche
Steintreppen führen auf Terassen, die sich um die ersten Stöcke dieser
Gebäude ziehen. Beide Schlößchen dienen zu Casernen, und sind als solche
die schönsten, die ich je gesehen habe.

Von hier führte mich ein recht lieblicher Weg nach dem allerliebsten
Schlößchen _Charlottenhof_. -- Da ich gerade vom großen _neuen Palaste_
kam, konnte ich mir dieß Schlößchen als Wohnung, wenn auch nur für den
Kronprinzen, nicht denken. Ich hätte es für einen prachtvollen, des _neuen
Schlosses_ würdigen Pavillon gehalten, nach welchem die königliche
Familie manchmal einen Spaziergang machte, um daselbst etwa ein kleines
Erfrischungsmahl einzunehmen. -- Erst nachdem ich etwas heimischer
geworden, und all die herzigen Zimmerchen gesehen hatte, die mit dem
geschmackvollsten Luxus eingerichtet sind, erst da begriff ich, daß der
Kronprinz nicht leicht eine bessere Wahl hätte treffen können.

Auf den Terrassen, die von einer Seite den obern Stock umgeben, spielen
herrliche Wasserkünste. -- Die Wände der Corridore und Vorsäle sind mit
herrlichen Fresken bemalt, nach Art derjenigen, die man in Pompeji bei
Neapel sieht. Die Zimmer selbst sind mit vortrefflichen Kupferstichen,
Oelgemälden und andern Kunstschätzen geschmückt. Ueberall herrscht die
größte Pracht und Herrlichkeit.

Unweit von diesem Schlößchen steht ein schöner chinesischer Chiosk, mit
kunstvoll gearbeiteten Figuren, die aber leider größtentheils verstümmelt
und arg beschädiget sind.

Alle diese drei königlichen Schlösser liegen in schönen Parken, die aber
derart zusammenhängen, daß man sie für _einen_ halten könnte. Diese Parke
bestehen aus schönen Wald- und Wiesen-Partieen, durch welche sich die
schattenreichsten Fahr- und Gehwege schlängeln; -- an Blumenpartieen kömmt
man nur selten vorüber.

Nachdem ich Alles mit Muße betrachtet hatte, kehrte ich wieder zu dem
Schlosse Sanssouci zurück, um da die berühmten Wasserkünste spielen zu
sehen. Sie spielen wöchentlich zweimal, Dienstag und Freitag, von Mittag
bis Abend. -- Die Strahlen, welche den beiden vor dem Schlosse liegenden
Wasserbecken entsteigen, sind so mächtig, und steigen mit solcher Kraft in
die Höhe, daß man staunend das wunderbare Kunstwerk betrachtet. Es ist
ein wahres Vergnügen, in der Nähe dieser Becken zu sein, wenn die Sonne in
ihrer vollen Pracht leuchtet, und in den Staubregen der halb aufgelösten
Wasserstrahlen die schönsten Regenbogen bildet. -- Einen zweiten schönen
Anblick gewährt eine hohe Vase, die mit schönen Kränzen lebendiger
Blumen umwunden ist; das Wasser ergießt sich über selbe, und bildet einen
mächtigen beweglichen Sturz, der durchsichtig und rein wie der schönste
Krystall ist. Ein schöner Aufsatz, von zwei Blumenkränzen umwunden, reicht
noch über den Sturz hinaus. -- Unbedeutend ist eine Neptunsgrotte, von
deren Höhe sich aus einer Urne das Wasser ergießt und einige kleine Fälle
über Muschelbecken bildet.

Gerade blieb mir noch Zeit, auch den Marmorpallast zu besuchen, der auf
einer andern Seite Potsdams liegt, und von diesen Schlössern gewiß eine
halbe Stunde entfernt ist.

Wenn man den Park dieses Schlosses betritt, sieht man an der linken Seite
desselben eine Reihe niedlicher Bauerhäuser, die alle gleich gebaut, und
nur durch Obst-, Blumen- und Gemüse-Gärten getrennt sind. -- Der Pallast
selbst liegt so ziemlich am Ende des Parkes, an einem niedlichen See, den
der Fluß _Havel_ bildet. -- Er trägt den Namen _Marmorpallast_ zwar nicht
ganz mit Unrecht, aber doch mit etwas Anmaßung, wenn man ihn mit den
Marmorpallästen zu Venedig oder mit den Marmor-Moscheen zu Constantinopel
vergleicht.

Die Wände des Gebäudes sind von Ziegeln aufgeführt, welche in ihrer
Naturfarbe gelassen wurden. Die untere und obere Einfassung derselben
besteht aus Marmorplatten, ebenso die Fenstergesimse und die breiten
Portale. Theilweise läuft um das Schloß eine Gallerie, welche auf
Marmorsäulen ruht. -- Die Treppen sind von schönem weißen Marmor, und
manche der Gemächer sind mit dieser Steinart ausgelegt. -- Im Innern ist
der Luxus nicht so bedeutend, wie in den andern Potsdamer Schlössern.

Dieser Pallast machte den Schluß alles Schönen und Merkwürdigen, was ich
in Potsdam und überhaupt in der Umgebung Berlins gesehen; denn schon am
folgenden Tage setzte ich meine Rückreise nach Wien fort.

Schließlich muß ich noch einer in Berlin bestehenden Einrichtung erwähnen,
welche besonders für die Fremden sehr zweckmäßig ist -- -- die Taxe für die
Droschkenfahrten. Man darf nicht erst handeln, sondern setzt sich in den
Wagen, gibt dem Kutscher den Ort an, wohin man zu fahren wünscht, und zahlt
dafür 5 Groschen. Dieser mäßige Preis gilt für die Stadt, die wirklich sehr
ausgedehnt ist. -- Auch an den Eisenbahnen findet man stets eine Unzahl
solcher Droschken, die einen um diese _kleine_ Bezahlung nach jedem
Gasthofe, wenn er auch noch so weit vom Bahnhofe entfernt liegt, fahren. --
Wären doch die Wiener Fiaker auch so leicht zu befriedigen!! --


  1. Oktober.

Ich fuhr auf der Eisenbahn über Leipzig nach Dresden, bestieg noch
denselben Tag Abends 8 Uhr den Eilwagen, der in 18 Stunden Prag erreichte.

Von den reizenden Partieen und Aussichten des Nollendorfer Berges genossen
wir nichts, da es noch Nacht war, als wir ihn passirten. -- Des Morgens
sahen wir zwei schöne Denkmäler, deren eines, eine 54 Fuß hohe Pyramide,
dem Andenken des Feldzeugmeisters Grafen _Kolloredo_, das andere dem
Andenken der russischen Truppen errichtet wurde. Beide entstanden nach den
napoleonischen Kriegen.

Nun ging es fort durch reizende Gegenden nach dem berühmten Badeorte
_Teplitz_, das außer seinen heißen Gesundheitsquellen noch die großartigste
Umgebung besitzt, und so ausgerüstet gewiß mit jedem Badeorte in die
Schranken treten darf.

Auf der fortgesetzten Route sieht man einen isolirt stehenden Basaltfelsen,
_Boren_, der die Aufmerksamkeit des Fremden schon von ferne auf sich
zieht, und gewiß nicht nur als Naturschönheit, sondern auch als
Naturmerkwürdigkeit der Mühe werth wäre, genauer besehen zu werden. -- Wir
konnten dieß nicht, wir eilten fort nach Prag, um noch vor 6 Uhr Abends
einzutreffen, und den Eisenbahn-Train, der um diese Stunde nach Wien
abgeht, nicht zu versäumen.

Wer malt sich unsern Schrecken, als wir an die Stadtthore Prags kamen, uns
da die Pässe abgenommen und nicht wieder zurückgegeben wurden. -- Vergebens
wiesen wir auf das Visa von _Peterswalde_ -- dem Grenzorte -- hin;
vergebens bedeuteten wir unsere Eile. -- Man war so höflich uns ganz kurz
mit den Worten zu expediren: »Das geht uns nichts an, morgen können Sie
Ihre Papiere auf der Polizei-Direction holen lassen.« -- Hiermit waren wir
abgefertiget und verloren 24 Stunden.

Ich muß doch eines kleinen Scherzes erwähnen der mir auf dieser Fahrt von
Dresden nach Prag begegnete. -- In dem Eilwagen saßen außer mir noch eine
Frau und zwei Herren. Die Frau hatte zufälliger Weise mein Reisetagebuch
nach Palästina gelesen, und fragte mich, als sie meinen Namen erfuhr, ob
ich jene gereiste Frau sei. Nachdem ich mich dazu bekannt hatte, drehte
sich unser Gespräch viel sowohl um jene, als auch um meine jetzige Reise.
Einer der beiden Herren, Herr _Katze_, war sehr gebildet, und wußte
trefflich über Länder, Völkerkunde und andere wissenschaftliche Gegenstände
zu sprechen. Auch dem andern Herrn mochte es nicht an vollkommener Bildung
fehlen, nur machte er wenig Gebrauch davon. -- Herr K. blieb in Teplitz
zurück, und der Ungenannte fuhr mit mir bis nach Wien. Da fragte er mich
einst: »Nicht wahr, Herr K. hat Sie ersucht, seiner in Ihrem künftigen
Reisejournal mit Namen zu gedenken? Wenn Sie mir versprechen dasselbe zu
thun, so sage ich Ihnen auch meinen Namen.« -- Ich konnte mich des Lächelns
kaum enthalten, und versicherte ihn, daß Herrn K. so etwas gewiß nie in
den Sinn gekommen wäre, -- auch bäte ich ihn, damit er sehe, daß wir arme
Frauen mit Unrecht als neugierig gescholten werden, mir seinen Namen zu
verschweigen. -- Der gute Mann konnte es aber nicht, und ehe wir schieden,
nannte er sich mir: Nikolaus B.... -- Ich will aber doch lieber seinen
Namen verschweigen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil ich ihm nicht
versprochen habe, ihn zu nennen, und zweitens, weil ich gewiß nicht glaube,
ihm dadurch eine Artigkeit erweisen zu können.

Die Eisenbahn von Prag nach Wien geht über Olmütz, und macht einen so
bedeutenden Umweg, daß die Entfernung jetzt 66 Meilen beträgt. -- Die
Einrichtung der Eisenbahn selbst läßt noch Manches zu wünschen übrig.

Als ich fuhr, war noch nirgends ein Gasthof errichtet, und man mußte sich
während der ganzen Reise mit Obst, Bier, Butterbrod u. dgl. begnügen. Und
selbst diese Gegenstände waren schwer zu bekommen, da man es nicht wagen
konnte aus dem Wagen zu steigen. Der Conducteur rief auf jeder Station: »es
gehe gleich weiter,« obwohl der Zug oft eine halbe Stunde und noch länger
stehen blieb. Mit Gewißheit wußte man es doch nicht, und so mußte man mit
Geduld in dem Wagen ausharren. -- Die Conducteure waren auch nicht von dem
sanftesten Charakter -- eine Sache, die ich beinahe dem Clima zuschreiben
möchte; denn schon als wir von der sächsischen Grenze an die Grenze des
österreichischen Staates zu _Peterswalde_ kamen, empfing uns der Herr
Controllor eben nicht am freundlichsten. Wir boten ihm zweimal einen
guten Abend; er schien es zu überhören und forderte in ziemlich lautem und
barschem Tone unsere Papiere; wahrscheinlich hielt _er uns_ so wie _wir
ihn_ für taub. -- Auch zu _Gänserndorf_, 6 Meilen von Wien, nahm man unsere
Papiere auf sehr unfreundliche, wenig zuvorkommende Art in Empfang.

Am 4. October 1845, nach einer Abwesenheit von sechs Monaten, begrüßte ich
endlich wieder -- wie viele meiner Landsmänninen sagen würden -- meinen
lieben Stephansthurm.

Viel hatte ich ausgestanden und gelitten; doch wären alle Gefahren und
Beschwerden auch noch viel ärger gewesen, meine Reiselust würde sich doch
nicht gemindert haben, mein Muth wäre nicht gesunken. -- Ich ward für Alles
reichlich entschädigt. -- Ich sah Dinge, wie sie im gewöhnlichen Leben wohl
nie vorkommen; -- ich sah Menschen -- in ihrer Natürlichkeit -- wie man
sie auch nur selten trifft. -- Und vor Allem brachte ich die Erinnerung des
Geschehenen mit, welche mir ewig bleiben wird, und in welcher noch Jahre
lang die gehabten Genüsse sich wiederholen werden.

Nun nehme ich Abschied von meinen lieben Lesern und Leserinen, und bitte,
vorlieb zu nehmen mit meinen einfachen Worten und meinen vielleicht
wenig ergötzlichen, aber gewiß wahren Schilderungen. -- Haben sie ihnen
vielleicht doch wider mein Vermuthen einiges Vergnügen gemacht, so mögen
sie dafür in ihrer Erinnerung ihrer Landsmännin ein kleines Plätzchen
gönnen.

Zum Schluße sei es mir erlaubt, meinem Werkchen noch einen kleinen Anhang
beizufügen, der vielleicht für manche meiner Leser nicht uninteressant sein
dürfte, und zwar:

1. Ein Document, welches ich mir in Reikjavik verschaffte, und aus welchem
man die Besoldungen der königl. dänischen Beamten, so wie auch verschiedene
andere Taxen und Gebühren ersehen kann.

2. Ein Verzeichniß der isländischen Insekten, Schmetterlinge, Blumen und
Kräuter, die ich sammelte und mit in meine Vaterstadt brachte.



Jahresgehalte

der königlichen dänischen Beamten auf Island, welche sie von der
isländischen Grundbuchs-Cassa beziehen:


  Der Stiftsamtmann über Island                2000 fl. CM.
      Bureau-Spesen                             600  "   "

  Der Amtmann über das westliche Amt           1586  "   "
      Bureau-Spesen                             400  "   "
      Hausmiethe                                200  "   "

  Der Amtmann über das Nord- und Ostland       1286  "   "
      Bureau-Spesen                             400  "   "

  Der Bischof über Island, der seinen
      Gehalt aus der Schul-Cassa
      erhält, bezieht noch aus der
      Grundbuchs-Cassa                          800  "   "


        Die Mitglieder des Landesobergerichtes:

  Ein Justiziarius                             1184 fl. CM.

  Erster Assessor                               890  "   "

  Zweiter Assessor                              740  "   "


  Der Landvogt auf Island                       600 fl. CM.
      Bureau-Spesen                             200  "   "
      Hausmiethe                                150  "   "

  Stadtvogt in Reikjavik                        300  "   "

  Erster Polizeidiener in Reikjavik, der
      zugleich Profoß ist, und deßhalb
      um 50 fl. mehr hat, als
      der zweite Polizeidiener                  200  "   "

  Zweiter Polizeidiener                         150  "   "

  Der Probst zu Reikjavik bezieht aus
      dieser Casse nur die Hausmiethe mit       150  "   "

  Sysselmann auf den Westmanns-Inseln           296  "   "

  Die andern Sysselmänner jeder                 230  "   "


        _Medicinal-Einrichtung und Hebammen-Wesen._

  Landphysikus                                  900 fl. CM.
      Hausmiethe                                150  "   "

  Apotheker zu Reikjavik                        185  "   "
      Hausmiethe                                150  "   "

  Der zweite Apotheker zu Sikkisholm             90  "   "

  Die sechs Chirurgen im Lande, jeder           300  "   "
      Hausmiethe die Einen                       30  "   "
           "     die Andern                      25  "   "

  Ein practizirender Arzt auf dem
      Nordlande                                 100  "   "

  Reikjavik hat zwei Hebammen, jede
      erhält                                     50  "   "

  Die andern Hebammen im Lande,
      deren Zahl sich auf dreißig
      beläuft, erhält jede                      100  "   "

  Diese Hebammen werden von dem Landphysikus unterrichtet und examinirt,
  und dieser hat jährlich die Gelder unter sie zu vertheilen.


  Organist zu Reikjavik                         100 fl. CM.


        Aus der Casse der Hochschule erhält:

  Der Bischof                                  1200 fl. CM.

        Die Lehrer an der Hochschule:

  Der Lector der Theologie                      800  "   "

  Der erste Adjunct, nebst der Wohnung,
      Gehalt                                    500  "   "

  Der zweite Adjunct                            500  "   "
      Hausmiethe                                 50  "   "

  Der dritte Adjunct                            500  "   "
      Hausmiethe                                 50  "   "

  Der Oeconom an der Schule                     117  "   "



Verzeichniß

der auf Island gesammelten wirbellosen Thiere

(=Animalia evertebrata Cuv.=).


=I. Crustacea.= Krebse.

  =Pagurus Bernhardus. Linné.=


=II. Insecta.= Insecten.

  ~=a) Coleoptera.=~ Käfer.

    =Nebria rubripes. Dejean.= Rothfüßiger Damm-Käfer.

    =Patrobus hyperboreus.= Polar-Lauf-Käfer.

    =Calathus melanocephalus. Fabr.= Schwarzköpfiger Kreisel-Käfer.

    =Notiophilus aquaticus.= Wasser-Sumpf-Käfer.

    =Amara vulgaris.= Duftsihm. Gemeiner Bitter-Käfer.

    =Ptinus fur. Linn.= Räuberischer Bohrholz-Käfer.

    =Aphodius Lapponum. Schh.= Lappländischer Koth-Käfer.

    =Otiorhynchus laevigatus. Dhl.= Glatter Holz-Rüssel-Käfer.

    =Ot..... Pinastri Fabr.= Fichten-Holz-Rüssel-Käfer.

    =Ot..... ovatus Fabr.= Eiförmiger    "        "

    =Staphylinus maxillosus.= Gezähnter Kurz-Käfer.

    =Byrrhus pillula.= Pillenartiger Fugen-Käfer.


  ~=b) Neuroptera.=~ Netzflügler.

    =Limnophilus Lineola, Schrank.= Gestreifte Thau-Fliege.


  ~=c) Hymenoptera.=~ Aderflügler.

    =Pimpla instigator.= Gravh. Nördliche Schlupf-Wespe.

    =Bombus subterraneus. Linn.= Unterirdische Hummel.


  ~=d) Lepidoptera.=~ Falter.

    =Geometra russata. Hüb.= Bräunlicher Sponner.

    =Geom. alchemillata.= Frauenmantel-Sponner.

    =Geom. spec. nov.= Unbestimmte neue Sponner-Art.


  ~=e) Diptera.=~ Zweiflügler.

    =Tipula lunata. Meig.= Wollige Schnacke.

    =Scatophaga stercoraria.= Gemeine Dung-Fliege.

    =Musca vomitoria.= Brech-Fliege.

    =Musca mortuorum.= Leichen-Fliege.

    =Helomyza serrata.= Gesägte Helomize.

    =Lecogaster islandicus Scheff.=[10]

    =Anthomyia decolor Fallin.= Zweifärbige Anthomye.


=III. Mollusea.= Weichthiere.

  =Littorina (Turbo Linn.) obtusata Ferus.= Stumpfe Uferschnecke.


  [10]: Herr J. Scheffer in Mödling nächst Wien entwirft von diesem
  neuen Zweiflügler, welcher zur Familie der Muscidae gehört und mit der
  Gattung Borborus zunächst verwandt ist, folgenden Charakter:

  =_Antennae_ deflexae, breves, triarticulatae, articulo ultimo phaerico;
        seda nuda.=
  =_Hypoctoma_ subprominulum, fronte lata, setosa.=
  =_Oculi_ rotundi, remoti.=
  =_Abdomen_ quinque annulatum, dorso nudo=.
  =_Tarsi_, simplices.=
  =_Alae_, incumbentes, abdomine longiores, nervo primo simplici.=

    =_Lecogaster islandicus._=

  =Niger, abdomine nitido, antennis pedibusque rufopiceis.=



Uebersicht

von isländischen Pflanzen, gesammelt von Frau Ida Pfeiffer im Sommer des
Jahres 1845.


=Felices.=

  =Cystopteris fragilis.= Bernh. Zerbrechlicher Blasenfarren.


=Equisetaceae.=

  =Equisetum Teltamega.= Ehr. Weißer Schachtelnhalm.


=Gramineae.=

  =Festuca uniglumis.= B. Einspelziger Schwingel.


=Cyperaceae.=

  =Carex filiformis.= B. Fadenförmiges Riedgras.

  =  "   caespitosa.= B. Rasenförmiges Riedgras.

  =Eriophorum caespitosum.= B.


=Juncaceae.=

  =Luzula spicata.= D. C. Aehrenartige Binse.

  =  "    campestris.= D. C. Feld-Binse.


=Salicineae.=

  =Salix polaris.= Wahl. Polar-Weide.


=Polygoneae.=

  =Rumex arifolius.= Ehr. Arumblättriger Sauerampfer.

  =Oxyria reniformes.= R. Br. Alpen-Oxyrie.


=Plumbagineae.=

  =Armeria alpina.= W. Alpengras-Nelke. (In den inneren höheren
  Gegenden.)


=Compositae.=

  =Chrysanthemum maritimum.= S. Seestrands-Gänseblümchen. (Am
  Meeresstrande, häufig auch auf feuchten Wiesen.)

  =Hieracium alpinum.= B. Alpenhabichtskraut. (Auf grasichten
  Niederungen.)

  =Taraxacum alpinum.= D. C. Alpen-Löwenzahn.

  =Erigeron uniflorum.= B. Einblüthiges Berufungskraut. (Westlich von
  Havenfiord auf Felsen.)


=Rubiaceae.=

  =Gallium pusillum.= Smith. Niederes Laabkraut.

  =   "    verum.= L. Wahres Laabkraut.


=Labiatae.=

  =Thymus serpyllum.= S. Gemeines Quendelkraut.


=Asperifoliae.=

  =Myosotis Alpestris.= Sch. Alpen-Vergißmeinnicht.

  =Myosotis scorpioides.= B. Gemeines Vergißmeinnicht.


=Scrophularineae.=

  =Bartsia alpina.= S. Alpen-Barthie. (In den inneren nordwestlichen
  Thälern.)

  =Rhinanthus alpestris.= Waldst. Alpen-Hahnenkamm.


=Utricularieae.=

  =Pinguicula alpina.= B. Alpen-Fettkraut.

  =    "      vulgaris.= Gemeines Fettkraut.


=Umbelliferae.=

=Archangelica officinalis.= B. Aechte Engelwurz. (Havenfiord.)


=Saxifrageae.=

  =Saxifraga caespitosa.= B. Rasen-Steinbrech (Die ächt Linnéische
  Pflanze. Um den Hekla auf Felsen.)


=Ranunculaceae.=

  =Ranunculus auricomus.= B. Gold-Ranunkel.

  =     "     nivalis.= B. Schnee-Ranunkel.

  =Thalictrum alpinum.= B. (Um Reikjavik zwischen Lavastücken wachsend.)

  =Caltha palustris.= B. Sumpf-Dotterblume.


=Cruciferae.=

  =Draba verna.= B. Gewöhnliches Hungerblümchen.

  =Cardamine pratensis.= B. Wiesen-Schaumkraut.


=Violariceae.=

  =Viola hirta.= B. Rauhes Veilchen.


=Caryophylleae.=

  =Sagina stricta.= Fries. Steifes Mostkraut.

  =Cerastium semidecandrum.= B. Fünffädiges Hornkraut.

  =Lepigonum rubrum.= Fries. Rothes Sandkraut.

  =Silene maritima.= L. Seestrands-Silene.

  =Lychnis alpina.= L. Alpen-Pechnelke. (Auf Bergwiesen um Reikjavik.)


=Empetreae.=

  =Empetrum nigrum.= B. Schwarze Rauschbeere.


=Geraniaceae.=

  =Geranium sylvaticum.= Waldstorchschnabel. (Am See Thingvalla in
  Gruben.)


=Troseraceae.=

  =Parnassia palustris.= S. Sumpf-Parnaßie.


=Oenothereae.=

  =Epilobium latifolium.= B. Breitblättriger Schattenweiderich. (Am Fuße
  des Hekla in Felsenspalten.)

  =Epilobium alpinum.= Alpen-Schottenweiderich. (Westlich von Havenfiord
  im Reikerthal.)


=Rosaceae.=

  =Rubus arcticus.= L. Arktische Himbeere.

  =Potentilla anserina.= B. Gänse-Fünffingerkraut.

  =Potentilla grönlandica.= B. Grönländisches Fünffingerkraut. (Um
  Kalmannstunga und Kollismola auf Felsen.)

  =Alchemilla montana.= B. Berg-Frauenmantel.

  =Sanguisorba officinalis.= B. Gemeiner Wiesenknopf.

  =Geum rivale.= Quellen-Bergwurz.

  =Dryas octopetala.= B. Achtblättrige Dryade. (Um Havenfiord.)


=Papilionaceae.=

  =Trifolium repens.= B. Kriechender Klee.



[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen:

  der Halbtitel wurde entfernt;

  das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Textbeginn verschoben;

  "Ui" als Umlaut wurde generell in "Ue" geändert;

  im Inhaltsverzeichnis:
  "dänichen" geändert in "dänischen"
  (Jahresgehalte der kön. dänischen Beamten auf Island)

  Seite 13:
  "uud" geändert in "und"
  (30 Fuß hoch gehen, und das Aufsteigen währte nie)

  Seite 36:
  "hauptächlich" geändert in "hauptsächlich"
  (hauptsächlich um dort für mich mit einem Führer nach dem Hekla)

  Seite 39:
  "." eingefügt
  (mir viel Glück zur morgigen beschwerlichen Reise wünschend.)

  Seite 63:
  "." eingefügt
  (seinen Hafen zu erreichen.)

  Seite 84:
  "." eingefügt
  (und langte glücklich in der Tiefe an.)

  Seite 112:
  "ordentllich" geändert in "ordentlich"
  (daß mir dabei ordentlich angst wurde)

  Seite 122:
  "Elb" "Elf"
  (An der Stadt fließt der Strom _Storri Elf_)

  Seite 155:
  "," eingefügt
  (Den herrlichen Wenner-See, 10-12 Meilen lang)

  Seite 162:
  "." eingefügt
  (vor dem See _Roxen_ erhebt. Plötzlich erschließt sich)

  Seite 176:
  "nm" geändert in "um"
  (Schon um 6 Uhr saß ich im Theater)

  Seite 180:
  "Daß" geändert in "Das"
  (Das Schlößchen selbst ist so außerordentlich klein)

  Seite 196:
  "Upsula" geändert in "Upsala"
  (Ungefähr eine halbe Meile hinter Upsala liegt)

  Seite 205:
  "Alt-Upsula" geändert in "Alt-Upsala"
  (Die große Ebene, auf welcher Neu- und Alt-Upsala liegen)

  Seite 207:
  "." eingefügt
  (in den Theil des Mälarsees ein, an welchem sie liegt.)

  Seite 208:
  "ertrageu" geändert in "ertragen"
  (an Niemanden wenden, und muß Alles geduldig ertragen.)

  Seite 209:
  "Mittagkost" geändert in "Mittagskost"
  (so viel bezahlen, wie für die ganze Mittagskost)

  Seite 210:
  "Städchen" geändert in "Städtchen"
  (liegt das Städtchen _Wachsholm_, und diesem gegenüber)

  Seite 217:
  "Trottroir" geändert in "Trottoir"
  (das Trottoir daneben ist so schön und eben)

  Seite 219:
  "Banernhäuser" geändert in "Bauernhäuser"
  (Die Bauernhäuser sind hier sehr groß und ausgedehnt)

  Seite 239:
  "nocht" geändert in "noch"
  (die Hauptkirche, die zwar noch nicht vollendet ist)

  Seite 240:
  "Slosses" geändert in "Schlosses"
  (In das Innere des Schlosses konnte ich nicht)

  Seite 243:
  "Blummenpartieen" geändert in "Blumenpartieen"
  (an Blumenpartieen kömmt man nur selten vorüber)

  Seite 256:
  "Bohholz-Käfer" geändert in "Bohrholz-Käfer"
  (Räuberischer Bohrholz-Käfer)]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band." ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home